Abschied vom Traumberuf

Alice Agneskirchner, Regisseurin und Zweite Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok), hatte im Laufe des vergangenen Jahres bei Gesprächen mit Kollegen festgestellt, daß es darin zunehmend weniger um Form und Inhalte von Filmprojekten ging. Themen waren vielmehr klaffende Finanzierungslücken, schlechte Produktionsbedingungen und mangelnde Aufträge, um Projekte überhaupt umsetzen zu können. „Viele meiner Freunde klagten heftig über ihre Situation, in der sie zum Beispiel wegen Sparmaßnahmen bei den Sendern überhaupt nicht mehr zum Arbeiten kamen“, sagt Agneskirchner. „Ich habe mich dann gefragt, ob die alle auf hohem Niveau jammern, oder ob wirklich etwas dran ist an der Misere.“

Mit einer Beratungsfirma richtete sich Agneskirchner im Auftrag der AG Dok mit einer empirischen Befragung an alle 870 Verbandsmitglieder. Der Fragebogen zielte auf die berufliche und wirtschaftliche Situation der Autoren und Regisseure, die dokumentarische Fernsehformate in Deutschland realisieren. Sie bestand aus zwei Teilen: Der erste Teil befasste sich mit der allgemeinen beruflichen Situation der Befragten, der zweite hinterfragte die Herstellungsbedingungen einzelner Produktionen. Alle Fragen bezogen sich auf die Produktions- und Einkommenssituation der Jahre 2008 bis 2010. Das Ergebnis dieser repräsentativen Studie liegt nun vor – und belegt einmal mehr die verheerende wirtschaftliche Situation der Dokumentarfilmer: Ganze 85 Prozent der Befragten geben nämlich an, nicht von ihrem Beruf als Autor oder Regisseur leben zu können. Viele von ihnen müssen teilweise in berufsfremden Jobs Geld hinzuverdienen, andere werden von ihren Angehörigen finanziell unterstützt. Freiberufliche Dokumentarfilm-Autoren und Regisseure arbeiten im Schnitt 82 Tage im Jahr ohne Bezahlung. Legt man eine Fünf-Tage-Woche zugrunde, sind das knapp viereinhalb Monate, die sie mit unbezahlter Recherche und Projektentwicklungsmaßnahmen verbringen. Selbst wenn ein auf diese Weise entwickeltes Projekt in die Produktion geht, werden die Kosten der Entwicklung in der Regel gar nicht oder nur teilweise erstattet. Hinzu kommt eine wachsende Belastung durch Aufgaben, die nichts mit der Regietätigkeit zu tun haben – zum Beispiel das Organisieren von Drehgenehmigungen, die Rechteabklärung mit den Protagonisten oder sogar Verhandlungen über die Nutzungsrechte der von ihnen verwendeten Filmarchivaufnahmen.

Agneskirchner zeigte sich vom Resultat dieser Studie betroffen: Sie habe mit allem gerechnet, nur nicht mit diesem verheerenden Ergebnis, sagte sie. Doch die Studie, die von Jörg Langer wissenschaftlich begleitet und ausgewertet wurde, fördert noch weitere erschreckende Erkenntnisse zutage. Unter Einbeziehung der besonders arbeitsintensiven, programmfüllenden 90-Minuten-Filme ergibt sich im Durchschnitt aller untersuchten Projekte eine Tagesgage von 99 Euro, oder, bei Berücksichtigung der branchenüblichen Arbeitszeit, ein Stundensatz von 9,91 Euro. Brutto!

Schon als reine Arbeitszeitvergütung wäre das ein Dumping-Lohn, doch Sendeanstalten erwarten von den Dokfilmern zudem, daß die Vergütungen für die Nutzung von Urheberrechten in solche Beträgen bereits hineingerechnet sind. Auch bei der separaten Betrachtung reiner Fernseh-Projekte von 30 oder 45 Minuten Länge kommt man auf Tagesgagen, die deutlich unter denen der Kameraleute, Cutter und Produktionsleiter liegen. „Es sollte eigentlich selbstverständlich sein, dass die Regisseure, die ja die Gesamtverantwortung für die inhaltliche Richtigkeit, sowie für die termingerechte Fertigstellung eines Films verantworten, nicht weniger verdienen als alle anderen Beteiligten an der Produktion“, sagt Agneskirchner. Solange diese Schieflage nicht beseitigt sei, könne von den im Rundfunkstaatsvertrag geforderten „fairen Vertragsbedingungen“ und von einer „angemessenen Vergütung“ der Dokumentarfilm-Urheber keine Rede sein.

„Bei solchen Zahlen versteht man, warum rund 70 Prozent unserer Kollegen ihre berufliche Perspektive „negativ“ oder sogar „sehr negativ“ betrachten“, faßt Agneskirchner die Resultate der Studie zusammen und nimmt gleichzeitig Filmverwerter und Fernsehsender in die Verantwortung. Sie findet es nämlich „fahrlässig, daß die Film- und Fernsehbranche den Absolventen der vielen Filmhochschulen keine Perspektive bietet, die dem Aufwand und den Kosten dieser Ausbildung angemessen ist.“

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Eine Antwort auf Abschied vom Traumberuf

  1. Es ist erschreckend, das Autoren und Regisseure so wenig verdienen. Der normale Lohn liegt bei etwa 10 EUR die Stunde, wenn man alles umrechnet. Dabei hat ein Regisseur nicht nur sehr hohe Verantwortung, sondern er muß auch dafür sorgen, dass alles läuft. Da der Verdienst so schlecht ist, arbeiten viele auch noch in artfremden Berufen. Denn 85 Prozent können allein von diesem Beruf nicht existieren. Hinzu kommen die Kosten für die ganzen Genehmigungen und Rechten. Entweder man bleibt als Autor oder Regisseur darauf sitzen, oder bekommt diese zum Teil erstattet.

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