Milchmädchen-Fakten

Bis zu 15.000 Euro am Tag verdiene Maria Furtwängler als Schauspielerin, weiß das Nachrichtenmagazin ihres Ehemanns und lässt daraus einen tollen Jahresverdienst vermuten. Weil sie natürlich 365 Tage im Jahr vor der Kamera steht … | Foto © NDR, Christine Schröder

Deutschlands Boulevardzeitschriften wussten vorletzte Woche mal wieder Bescheid: „So viel verdienen deutsche TV-Stars wirklich“, enthüllte das Faktenmagazin Focus und berief sich dabei auf Informationen der „Bild“-Zeitung: „12.000 bis 15.000 Euro am Tag“ erhielte etwa Maria Furtwängler – ein Spitzeneinkommen, das auch Götz George und Mario Adorf erzielen, dicht gefolgt von Veronica Ferres, Hannelore Elsner und Iris Berben mit „angeblich 8.000 bis 12.000 Euro.“ Zwar sei auf diese Tagesgagen „laut ,Bild‘-Recherchen kein Verlass“, räumt der „Focus“ ein, druckt die Zahlen aber trotzdem ab. Denn zwar könnten schlechte Einschaltquoten einen Schauspieler jederzeit wieder ans Ende der Honorarliste katapultieren (was heißt: „wirklich“ verdienen auch TV-Stars nicht so viel). Doch auch am Ende der Honorarliste ließe es sich noch prima leben, rechnet der „Focus” nach Milchmädchen-Art vor: Schließlich würden schon für einmalige Gastauftritte in manchen Fernsehserien 1.000 bis 3.000 Euro locker gemacht. „Somit bekommen selbst vergleichsweise schlecht verdienende Schauspieler an einem Tag noch mehr, als manch Bundesbürger im Monat.“

Das klingt ja auch nach einem ganz schönen Batzen – vor allem wenn man das Ganze reflexartig gleich mal 30 nimmt oder meint, „Fantastisch! Nur zwei Tage arbeiten und den Rest des Monats frei …“ Das schreibt der „Focus“ natürlich nicht, verführt aber zu dem Gedanken.

Wahrscheinlich hatte das Nachrichtenmagazin ein Sommerloch zu füllen, sonst ist kaum zu erklären, warum man da mit Zahlen jonglierte, die die „Bild“ selbst schon im vorigen November veröffentlicht hatte, also vor einem dreiviertel Jahr. Ebenfalls mit reißerischer Überschrift, aber doch mit einem anderen Text: Schon zum Einstieg erwähnte die „Bild“ die Studie der Universität Münster, nach der 68 Prozent der deutschen Schauspieler weniger als 30.000 Euro im Jahr verdienen – brutto, bei gleichen laufenden Kosten „wie Normalos“ (Bild). Und schloss ihren Artikel mit der Anmerkung, dass solche Einkommen nicht repräsentativ für eine ganze Branche seien. Was sie aber nicht davon abhielt, dazwischen die nicht-repräsentativen Sensationsgagen aufzulisten.

Zwischen Bildern von großen Stars und noch größeren Zahlen gehen so kleinere Anmerkungen aus der Wirklichkeit leicht unter. Andere Zeitschriften hatten um die gleiche Zeit die Ergebnisse der Studie etwas weniger glamourös vorgestellt – darunter auch die Fernsehzeitschrift „TV Spielfilm“, die im selben Verlag erscheint wie der „Focus“ und sonst dem Starkult auch nicht abgeneigt ist. Und wenn man schon nicht liest, was die eigenen Kollegen so schreiben, hätten die „Focus“-Rechercheure einfach nur mal mit den Stichwörtern „Schauspieler“ und „Gagen“ googlen müssen. Eine exklusive Neuigkeit wäre das freilich nicht gewesen.

Zum Glück scheinen die „Focus“-Leser nicht ganz so doof zu sein, wie sich das die „Focus“-Redakteure so vorstellen. Aber ärgerlich ist es doch, weil so ein Unsinn im Netz gleich dutzendweise abkopiert wird. Und fatal ist es auch, wenn zur gleichen Zeit Hubert Burda, Verleger des „Focus“ (und nebenbei Ehemann der Spitzenverdienerin Maria Furtwängler) öffentlich vom Qualitätsjournalismus schwärmt und behauptet „als Hort der Glaubwürdigkeit sind Printmedien unersetzlich“. Ist zwar schon ein Jahr her, aber ich möchte annehmen, er glaubt das immer noch.

Der Bundesverband der Film- und Fernsehschauspieler (BFFS) jedenfalls mahnte auf den „Focus“-Artikel hin eine „seriöse Berichterstattung über Schauspieleinkommen“ an. Die Studie der Uni Münster, vom BFFS in Auftrag gegeben, zeige, dass die tatsächlichen Verdienstverhältnisse der Schauspieler pro Jahr um 6.600 unter dem Bundesdurchschnitt lägen: „Lediglich 4,7 Prozent der Schauspieler erzielen durch ihre Arbeit Einkommen über 100.000 Euro pro Jahr“, sagt Hans-Werner Meyer, Vorstandsmitglied des BFFS – das ist einer von 20. Berechne man zudem Vorbereitung, Gagenabzüge bei mehreren Drehtagen, Steuern und Agenturprovision, bleiben auch von Traumgagen „maximal 37 Prozent übrig“. Doch „in Zeiten der ständig sinkenden Budgets werden häufig nur noch sogenannte ,Sondergagen‘ gezahlt, die mit der nominellen Drehtagsgage längst nichts mehr zu tun haben“, führt Meyer weiter aus.

Filmschaffende wissen das natürlich. Andere Freiberufler können zumindest richtig rechnen. Nur festangestellte Redakteure scheinen da ein wenig Schwierigkeiten zu haben wollen, wenn’s der Aufmerksamkeit dient.

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Eine Antwort auf Milchmädchen-Fakten

  1. Dass so ein Bericht ausgerechnet im FOCUS erscheint, verwundert mich nicht. Das erschreckende ist vielmehr, wieviele immer noch glauben, dieses populistische Blatt wäre ein seriöses Nachrichenmagazin.

    Bereits vor 2 Jahren gab es eine Studie an der Universität Eichstätt, welche sich mit der einseitigen Berichterstattung zum Thema Guttenberg in den Medien beschäftigt hat. Ergebnis war: Von allen Medien Deutschlands berichtete wieder mal der FOCUS an oberflächlichsten und einseitigsten über den Poltiker (sogar noch vor der BILD-Zeitung, und das will was heißen).

    Die Studie ist zwar nicht online verfügbar, aber ein kurzer Bericht darüber in der TAZ (andere Medien in Deutschland haben leider nichts darüber berichtet): http://www.taz.de/!66448/

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