Continuity: Zwei Augen mehr

Axel Schill ist seit Februar als Vorstandsmitglied für die Belange von Script-Continuitys zuständig. Er hat das Gewerk in Los Angeles gelernt und unterrichtet jetzt selbst. | Foto © privat

Herr Schill, der Bundesverband Regie (BVR) hat im Februar seinen Vorstand erweitert. Nun vertreten Sie dort die Script-Continuitys. In den letzten Jahren hat sich der Verband überwiegend zum Urheberrecht geäußert, was Ihre Abteilung nun gar nicht betrifft. Zu den Tarifverhandlungen andererseits hatte man im vorigen Jahr nichts gehört.

Tatsächlich waren deshalb auch viele meiner Kollegen frustriert, auch wenn die Mehrheit der Mitglieder Regisseure sind. Wir haben nun seit Sommer einen Koordinator für die Belange von Script-Continuitys, Regie-Assistenten und Synchron-Regisseuren. Dies ist eine neue Position innerhalb des BVR, und mit einem ebenfalls neuen Sitz im Vorstand sind nun zwei weitere Personen im Verband vorhanden, die sich um unsere Belange kümmern. Das hat viele Außenstehende überzeugt. Die Zahl der Mitglieder aus unserem Feld konnten wir mit der personellen Erweiterung innerhalb des BVR verdoppeln.

Zudem ist anzumerken: Den Tarifvertrag für Film- und Fernsehschaffende, dem auch Script-Continuitys unterfallen, wird von Verdi verhandelt, der BVR ist bisher eher ein Zaungast. Wir hoffen, dass sich das zur nächsten Tarifrunde 2018 ändern lässt.

Wie haben Sie denn diesen Zulauf geschafft? Die meisten Verbände klagen eher, dass zu viele Filmschaffende sich nicht organisieren wollen.

Wir haben vor allem mit der Aussicht geworben, dass sich dadurch Script-Continuitys mehr Gehör im großen Verband verschaffen können. Und der Zulauf lag an den Argumenten: Wir haben mit den Leuten geredet. Wenn ich in Hamburg gedreht habe, habe ich dort die Kollegen darauf angesprochen. In München und Berlin genauso.

Dass die Filmszene in Deutschland so zerstreut ist, ist ein Problem. Die Leute wissen zu wenig voneinander, können den Wert ihrer Arbeit nicht untereinander vergleichen. Das wird immer wieder benutzt, um sich von der Produktionsseite übervorteilen zu lassen. Und wer nach einigen Drehwochen wieder zu Hause ist, will auch mal seine Ruhe haben. Überdurchschnittlich lange Drehtage über mehrere Wochen machen die Leute nicht kommunikativer. Auf der anderen Seite will man doch von dem Beruf richtig leben und eine Familie ernähren können. Das ist immer noch für viele eine Unmöglichkeit.

Viele Filmschaffende scheinen aber zu bezweifeln, dass Berufsverbände da helfen. Schnell überschlagen, ist gerade mal jeder Fünfte in einem Verband oder der Gewerkschaft.

Ich bin seit neun Jahren im BVR, und das hat mir viel gebracht. Die Rechtsberatung war mir immer ein guter Rückhalt bei Gagen- oder Vertragsverhandlungen. Man strahlt von vornherein mehr Selbstbewusstsein aus, denn man kennt seine Spielräume. Das hinterlässt schon am Anfang einen professionellen Eindruck und macht sich auch bei der Gage bemerkbar. Kein Filmschaffender möchte sich wirklich mit seinem Arbeitgeber gerichtlich auseinandersetzen. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass ein Großteil der Filmschaffenden gerne und mit viel Leidenschaft in dieser Branche arbeitet, und mit Sicherheit bereit ist jedem Produzenten innerhalb eines machbaren Kompromisses entgegenzukommen. Doch es gibt auch Grenzen und Spielregeln. Und eine Mitgliedschaft im BVR beinhaltet immer die Option, sich professionell gegen ein unfaires Verhalten zu wehren.

Haben es andere Länder besser?

Ich habe das Gefühl, in Frankreich und Großbritannien haben die Filmschaffenden in Gesellschaft und Politik einen besseren Stand.

Wie viele Filmschaffende leben denn hier von dem Beruf Script-Continuity?

Nach unserer Schätzung etwa 100 bis 120 in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Knapp 60 davon sind im BVR.

Der Regie-Guide auf der Website zeigt nur 25 an.

Das liegt an den neuen Mitgliedern, die sich noch nicht selber registriert haben. Ein weiteres kleines Beispiel dafür, wie mühsam es ist, Menschen in einem Berufsverband auf einen Nenner zu bringen.

Bei dem Zulauf hätten Sie auch gleich einen eigenen Verband gründen können, in dem Ihre Belange im Mittelpunkt stehen.

In Nordrhein-Westfalen hatten wir tatsächlich mal versucht, etwas Eigenes aufzubauen. Bald waren so 80 Leute in ganz Deutschland zusammengekommen. Aber einen Verband aufzubauen, erfordert viel Arbeit und Erfahrung. Es ist filmpolitisch effizienter, das im BVR zu machen. Der Zugang zu brancheninternen Informationen und das filmpolitische Know-how und Netzwerk müsste man sich über Jahre erarbeiten. Ehrenamtlich ist so etwas gar nicht denkbar. Wir sind alle im Beruf. Wer soll das machen?

Und wir gehören doch zur Regie. Zugleich hat der Verband auch gemerkt, dass sich bei den Script-Continuitys in Deutschland etwas tut. Das hat natürlich auch zu einem Nachdenken geführt, und: Das muss man wirklich anerkennen – der BVR hat sich bewegt!

Sie und die Regieassistenten stellen nun je einen Vorstand, die anderen neun sind Regisseure. Was gibt Ihnen das für einen Spielraum?

Und von den anderen neun steht einer für die Dokumentarfilm- und einer für die Synchronregisseure. Dass wir dabei sind, ist schon mal ein Erfolg und lässt uns selbstbewusster auftreten. Bislang hat sich, grob formuliert, um unsere Belange gekümmert, wer gerade mal Zeit hatte. Jetzt gibt es einen festen Ansprechpartner. Zuerst einmal wollen wir ein regelmäßiges Kommunizieren über Stammtische aktivieren. Und zwar in ganz Deutschland. In Hamburg, in Köln, in München und in Berlin. Soziales brennt den Leuten mehr und mehr auf den Nägeln. Und wir wollen Workshop-Reihen im Bereich Arbeitsrecht und Fortbildung anstoßen, und mit diesen Veranstaltungen mehr auf die Mitglieder zugehen, im wörtlichen Sinne, indem wir konkret in diese Städte kommen.

Abgesehen von den branchenüblichen Problemen – haben Script-Continuitys noch andere Themen, die zu bearbeiten sind?

Wir wollen auf jeden Fall mehr Aufmerksamkeit darauf richten, was wir da tun. Eine Fragebogenumfrage unter Kollegen hat ergeben, dass es immer noch zu viele Produktionsleiter, Herstellungsleiter und Produzenten gibt, die unseren Job nicht wirklich voll verstehen – und entsprechend nicht voll respektieren. Genauso müssen wir uns in den Tarifrunden gegenüber Verdi und der Produzentenallianz mehr Gehör verschaffen. Ich vermute mal, dass es in den letzten 25 Jahren keinen Script-Continuity gegeben hat der in einer Tarifrunde für seinen Berufsstand gesprochen hat. Entsprechend sind wir bei den Gagentarif-Verhandlungen, die federführend Verdi mit der Prodzentenallianz führt, schlecht weg gekommen, wenn ich mir zum Beispiel unser Gehalt gegenüber einem DIT oder einem 1. Kameraassistenten anschaue. Bei Script-Continuitys wie bei Regieassistenten wäre eine Strukturanpassungs-Erhöhung aufgrund einer Aktualisierung des Berufsbildes überfällig. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Wir haben nichts gegen die aktuelle Gage dieser beiden zuvor genannten Berufe, aber unsere Profession ist in den letzten Jahren zunehmend bedeutsamer geworden, weil mit weiteren, neuen Aufgaben versehen. Und das sollte entsprechend anerkannt werden.

Damit einhergehend haben wir uns auch an eine Überarbeitung des Berufsbildes gemacht. Dabei geht es nicht nur um eine Angleichung an die Anforderungen, die durch die Digitalisierung des Filmemachens entstanden sind, sondern wir wollen einmal klare Grenzen um diesen Beruf ziehen, damit von außen keine falschen Erwartungshaltungen an uns gestellt werden.

Da scheint Ihre Branche selbst ihre eigene Vorstellung zu haben. Ganz früher hieß Ihr Beruf mal „Ateliersekretärin“. Und wenn im Film Drehteams gezeigt werden, ist das Script Girl meist ein gewissenhaftes Mauerblümchen, das auch noch den Kaffee holen muss, wenn sie Pech hat…

Tja, und irgendwann hat man hierzulande auch noch beide Berufe zusammengelegt, aber das Gehalt wurde dadurch nicht höher. Da hätten wir wieder das Thema. Ich würde die Position aufgrund des neuen Berufsbildes auch sofort in „Script Supervisor“ umbenennen. International anerkannt, und dort auch entsprechend respektiert. So können wir uns langfristig realistischer und besser positionieren.

Klingt auf jeden Fall toll.

Ich habe den Beruf in den USA erlernt und finde, der Begriff beschreibt die Aufgaben passender. Ein Script Supervisor ist ein zusätzliches Paar Augen für alle Gewerke am Set: Er übernimmt buchhalterische Aufgaben, achtet, ob die Produktion noch im Plan ist, und muss technisches Verständnis haben – mit darauf achten, dass bei den Anschlüssen mit den Schauspielern wie in der Szene alles stimmt, ob die Kamera­achse richtig ist und so weiter… Das ist eine komplexe Aufgabe.

Gibt es da Unterschiede in der Verantwortung?

Wenn ich mit sehr erfahrenen und sehr guten Regisseuren und Kameramännern arbeite, gibt es wenig anzumerken, da geht es häufig um Kleinigkeiten. Die verstehen ihr Handwerk. Bei Berufsanfängern, die gerade von der Filmhochschule kommen, kann das schon mal ganz anders sein. Da sind wir dann viel mehr gefragt und müssen viel mehr beraten, und haben somit auch viel mehr Verantwortung.

Wenigstens Ihr Verband zollt Ihnen auch öffentlich Respekt: Der Regiepreis „Metropolis“, der alljährlich an BVR-Mitglieder vergeben wird, sei auch „für einige der wichtigsten Mitstreiter der Regie“ gedacht, heißt es nun. Aufgelistet werden aber wieder nur die Regisseure. Es wird nicht einmal erwähnt, welche Berufsfelder diese „wichtigsten Mitstreiter“ stellen.

Das hängt vom jeweiligen Regisseur ab, wie er oder sie das Team präsentiert. Aber ich wüsste auch gar nicht, wie man die anderen Beiträge bewerten wollte. Ich kenne nur im englischsprachigen Raum einen Preis für Script Supervisor in England, aber der wurde. glaube ich, für das Lebenswerk verliehen [2005 erhielt Angela Allen von der Britischen Film- und Fernsehakademie (BAFTA) den „Preis für außerordentliche britische Beiträge zum Kino“; 2007 vergab die Guild of British Camera Technicians einen Preis fürs Lebenswerk an June Randall, und Libbie Barr wurde von der BAFTA Schottland ausgezeichnet. Red.]. Im Übrigen: Der Preis für den, wie Sie sagen, „wichtigsten Mitstreiter“ der Regie ist im letzten Jahr der Kamera und in diesem Jahr dem Schnitt gewidmet. Es ist ein revolvierender Preis.

Sie plädieren, dass sich Filmschaffende organisieren sollen, und fühlen Ihre Berufsgruppe im größeren Regieverband besser vertreten als im Alleingang. Wäre es da nicht folgerichtig, der BVR würde sich wieder der Bundesvereinigung der Filmschaffenden-Verbände anschließen, die er vor einigen Jahren verlassen hat? Zumal dort doch gerade die Themen diskutiert werden, die Script-Continuitys betreffen.

Ich kann den Austritt verstehen. Wir kennen Kollegen aus dem BVR, die einmal versucht haben, über den Dachverband Die Filmschaffenden Gehaltsforderungen gegen eine große Produktionsfirma durchzusetzen. Die Filmschaffenden sind eingeknickt wie die Papiertiger. Das Ergebnis war nicht zufriedenstellend – ganz im Gegenteil: Erreicht wurde nichts.

Und dann ist da noch die Frage der Parität, wenn jeder Verband dieselbe Stimmenzahl hat. Egal, ob es 600 Regisseure plus 200 Regieassistenten und Script-Continuitys sind oder 40 Requisiteure. Das ist dann doch eine etwas schiefe Wichtung. Zumal diese Wichtung ja in den Mitgliedsbeiträgen vorgenommen wird. Leider ließen sich die BVR-Vorschläge nach einem gewichteten Stimmrecht im Filmschaffenden-Verband nicht umsetzen. Das hat dann dazu geführt, dass auch der [Kameraverband] BVK ausgeschert ist und der [Schauspielerverband] BFFS lange Zeit nicht den Zugang gefunden hatte. Die größten Verbände der Branche waren beziehungsweise sind damit außen vor. Das sollte man nicht nur diesen Verbänden anlasten.

Wenn’s um Arbeitsverträge geht, wird es ja auch schwierig…

Eine Kollegin wurde in diesem Jahr drei Tage vor Drehbeginn rausgeschmissen, weil sie einen arbeitsrechtlich bedenklichen Arbeitsvertrag nicht unterschreiben wollte. Wir haben das auf einer internen Mailing-Liste unter allen uns Bekannten Kollegen publik gemacht. 90 Leute in der Gruppe, die alle untereinander reden – so was wirkt schon von ganz alleine. Und zwar nicht nur unter allen Script-Continuitys, sondern auch auf der anderen Seite. Ich glaube der betreffende Produktionsleiter hat den Gegenwind gespürt. Aber letztlich wollen wir keine Einzelkämpfer bleiben. Wenn wir uns als Gruppe in einem Berufsverband aufstellen, ist der Einzelne in dieser Gruppe mit seinem Anliegen erfolgreicher, wenn er kompetente vertrags-, arbeits- und sozialrechtliche Unterstützung hat. Und das bietet der BVR.

 

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