Publizierungen von: Christoph Brandl

Im Dienste des Dokfilms? Eine fragwürdige Offensive

Toll! „Spiegel TV“ macht Kino im Web – „legal und gratis”. Nur die Urheber wundern sich.

Tolle Sache das, denkt man: Das Angebot von „Spiegel TV“ wird mit Dokumentarfilmen ausgebaut, wie kürzlich in einer Pressemitteilung zu lesen war. Ab sofort kann man dort auch Produktionen des NDR-Fernsehens auf zwei Kanälen schauen: Weltreisen und 45 Min sind seit drei Wochen auf Sendung. „Spiegel TV“ betrachtet das Zusatzangebot als Ergänzung zum bestehenden Programm, das bereits jetzt schon neben eigenen Produktionen auch Dokumentationen der britischen BBC und des internationalen Medienhauses VICE beinhaltet. Mehr als 2.000 Reportagen, Magazin-Beiträge und Dokumentationen sind im Laufe der Jahre zusammengekommen, die im Spiegel-eigenen Web-TV kostenlos zur Verfügung stehen.
Bei einer Erhebung unter den Nutzern von „Spiegel TV“ stellte sich heraus, dass längere Dokumentationen populärer sind als kürzere. Darauf reagieren die Macher der Plattform nun mit den genannten neuen Kanälen. Alle der dort gezeigten Filme haben eine Länge zwischen 25 und 45 Minuten und kommen vom NDR sowie von der ARD.
„Investigativ, emotional und immer klar”, so lautet der Anspruch der NDR-Redaktion, die für die 45 Minuten langen Dokumentationen verantwortlich ist. In den Filmen erfahren die Zuschauer Hintergründe zu alltäglichen Themen. Zum Start des Kanals auf „Spiegel TV“ waren sechs Folgen des Formats online zu sehen. Den Auftakt machten Dokumentationen zu Themen wie Mülltrennung, Aspirin und Hula-Tänzerinnen und Netzfischer auf Hawaii. Wie für das gesamte Angebot von „Spiegel TV“ gilt im Fall der beiden neuen Kanäle: Dank der Apps sind alle Filme auch auf Smartphones und Tablets zu sehen.
Die Frage ist, wie die Verwertung dieser Filme rechtlich einzuordnen ist. Der Berliner Dokumentarfilmer Reinhard Schneider nahm die Pressemitteilung auf „Spiegel TV“ zum Anlass, eine Anfrage an den Sender zu stellen. Weiterlesen

Schneider schrieb: „Grundsätzlich begrüße ich jede Erweiterung von Abspielkanälen, welche Dokumentationen betreffen, und schätze auch einige Dokumentationen von ,Spiegel TV‘. Über etwas Grundsätzlicheres bin ich allerdings befremdet. Auf welcher Rechtsbasis stellt denn der durch Gebühren finanzierte öffentlich-rechtliche Sender NDR dem kommerziellen Unternehmen ,Spiegel TV‘ die Dokumentationen zur Verfügung? Die weitere Frage wäre, wieviel Geld von ,Spiegel TV‘ für die Zusatzverwertung der Dokumentationen an den NDR fliessen – denn davon gehe ich einfach mal aus. Daraus ergibt sich wiederum die Frage an den NDR, wie viel von diesen Zahlungen an die Urheber oder Produzenten der Dokumentationen gehen? Falls außerdem keine Zahlungen von ,Spiegel TV‘ erfolgen, stellen sich weitere grundsätzliche Fragen. Aber vielleicht können Sie mir ja bis zu diesem Punkt zumindest eine Erörterung zukommen lassen.”
Schneider erklärt zu seinem Schreiben: „Was hinter meiner Anfrage steckt, empfinde ich als Politikum. Wie kommt der öffentlich rechtliche NDR dazu, dem kommerziellen Unternehmen ,Spiegel TV‘ Sendungen zur Verfügung zu stellen?” Schneider erklärt weiter, dass er diese wahrscheinliche Quersubventionierung allgemein und auch innerhalb des Dokumentarfilmverbandes AG Dok (Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm) für diskussionswürdig halte. Zumindest findet er es wissenswert, ob sich für Dokumentarfilmer bei den gegenwärtigen miserablen Produktionsbedingungen und schlechten Zweit- und Drittverwertungsmöglichkeiten möglicherweise ein neues Geschäftsfeld entwickelt.
Schneider: „Das Ganze muss man vor dem Hintergrund betrachten, dass ,Spiegel TV‘ seit Jahren durch Produktionen seinen Einfluss auf die öffentlich-rechtlichen Sender immer weiter ausbaut – das tut die Plattform aber nicht nur als Hersteller von Dokumentationen, sondern auch gleichzeitig mit einer Lizenz zum Senden. Kurz: hier findet für mich eine fragwürdige Vermischung statt.”
Vor zwei Wochen gab „Spiegel TV“ bekannt, dass es auch Spielfilme anbieten wird. Ebenfalls kostenlos, wie ein Unternehmenssprecher mitteilte: „Ab sofort stellen wir an jedem Wochenende von Freitag, 16 Uhr, bis Montag, 10 Uhr, einen deutschen Kinofilm im Stream bereit. Wir starten das neue Angebot mit dem Film ,Gegen die Wand‘ (Deutschland 2004) von Fatih Akin. Akin inszeniert darin furios die hochemotionale Suche zweier Deutschtürken nach Identität.” Der Film war der letzte deutsche Gewinner der Berlinale und gewann zahllose Preise im In- und Ausland. Man darf gespannt sein, ob auch die Spielfilmproduzenten gegen diese Art der Verwertung etwas einzuwenden haben. Bisher war keine Reaktion von ihnen zu bekommen, wie sie das neue Angebot von „Spiegel TV“ bewerten. Und Reinhard Schneider wartet übrigens immer noch auf die Beantwortung seiner Anfrage.

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Abschied vom Traumberuf

Alice Agneskirchner, Regisseurin und Zweite Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok), hatte im Laufe des vergangenen Jahres bei Gesprächen mit Kollegen festgestellt, daß es darin zunehmend weniger um Form und Inhalte von Filmprojekten ging. Themen waren vielmehr klaffende Finanzierungslücken, schlechte Produktionsbedingungen und mangelnde Aufträge, um Projekte überhaupt umsetzen zu können. „Viele meiner Freunde klagten heftig über ihre Situation, in der sie zum Beispiel wegen Sparmaßnahmen bei den Sendern überhaupt nicht mehr zum Arbeiten kamen“, sagt Agneskirchner. „Ich habe mich dann gefragt, ob die alle auf hohem Niveau jammern, oder ob wirklich etwas dran ist an der Misere.“

Mit einer Beratungsfirma richtete sich Agneskirchner im Auftrag der AG Dok mit einer empirischen Befragung an alle 870 Verbandsmitglieder. Der Fragebogen zielte auf die berufliche und wirtschaftliche Situation der Autoren und Regisseure, die dokumentarische Fernsehformate in Deutschland realisieren. Sie bestand aus zwei Teilen: Der erste Teil befasste sich mit der allgemeinen beruflichen Situation der Befragten, der zweite hinterfragte die Herstellungsbedingungen einzelner Produktionen. Alle Fragen bezogen sich auf die Produktions- und Einkommenssituation der Jahre 2008 bis 2010. Das Ergebnis dieser repräsentativen Studie liegt nun vor – und belegt einmal mehr die verheerende wirtschaftliche Situation der Dokumentarfilmer: Weiterlesen

Ganze 85 Prozent der Befragten geben nämlich an, nicht von ihrem Beruf als Autor oder Regisseur leben zu können. Viele von ihnen müssen teilweise in berufsfremden Jobs Geld hinzuverdienen, andere werden von ihren Angehörigen finanziell unterstützt. Freiberufliche Dokumentarfilm-Autoren und Regisseure arbeiten im Schnitt 82 Tage im Jahr ohne Bezahlung. Legt man eine Fünf-Tage-Woche zugrunde, sind das knapp viereinhalb Monate, die sie mit unbezahlter Recherche und Projektentwicklungsmaßnahmen verbringen. Selbst wenn ein auf diese Weise entwickeltes Projekt in die Produktion geht, werden die Kosten der Entwicklung in der Regel gar nicht oder nur teilweise erstattet. Hinzu kommt eine wachsende Belastung durch Aufgaben, die nichts mit der Regietätigkeit zu tun haben – zum Beispiel das Organisieren von Drehgenehmigungen, die Rechteabklärung mit den Protagonisten oder sogar Verhandlungen über die Nutzungsrechte der von ihnen verwendeten Filmarchivaufnahmen.

Agneskirchner zeigte sich vom Resultat dieser Studie betroffen: Sie habe mit allem gerechnet, nur nicht mit diesem verheerenden Ergebnis, sagte sie. Doch die Studie, die von Jörg Langer wissenschaftlich begleitet und ausgewertet wurde, fördert noch weitere erschreckende Erkenntnisse zutage. Unter Einbeziehung der besonders arbeitsintensiven, programmfüllenden 90-Minuten-Filme ergibt sich im Durchschnitt aller untersuchten Projekte eine Tagesgage von 99 Euro, oder, bei Berücksichtigung der branchenüblichen Arbeitszeit, ein Stundensatz von 9,91 Euro. Brutto!

Schon als reine Arbeitszeitvergütung wäre das ein Dumping-Lohn, doch Sendeanstalten erwarten von den Dokfilmern zudem, daß die Vergütungen für die Nutzung von Urheberrechten in solche Beträgen bereits hineingerechnet sind. Auch bei der separaten Betrachtung reiner Fernseh-Projekte von 30 oder 45 Minuten Länge kommt man auf Tagesgagen, die deutlich unter denen der Kameraleute, Cutter und Produktionsleiter liegen. „Es sollte eigentlich selbstverständlich sein, dass die Regisseure, die ja die Gesamtverantwortung für die inhaltliche Richtigkeit, sowie für die termingerechte Fertigstellung eines Films verantworten, nicht weniger verdienen als alle anderen Beteiligten an der Produktion“, sagt Agneskirchner. Solange diese Schieflage nicht beseitigt sei, könne von den im Rundfunkstaatsvertrag geforderten „fairen Vertragsbedingungen“ und von einer „angemessenen Vergütung“ der Dokumentarfilm-Urheber keine Rede sein.

„Bei solchen Zahlen versteht man, warum rund 70 Prozent unserer Kollegen ihre berufliche Perspektive „negativ“ oder sogar „sehr negativ“ betrachten“, faßt Agneskirchner die Resultate der Studie zusammen und nimmt gleichzeitig Filmverwerter und Fernsehsender in die Verantwortung. Sie findet es nämlich „fahrlässig, daß die Film- und Fernsehbranche den Absolventen der vielen Filmhochschulen keine Perspektive bietet, die dem Aufwand und den Kosten dieser Ausbildung angemessen ist.“

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