Publizierungen von: Georg Pelzer

Richtiger Film

“If the camera is turned into a pen, the filmmaker into an auteur, and the intervening harassments of power, capital, and the means of production are all eliminated, or at least radically compromised, are we not then at the threshold of a whole new technological change in the very essence of cinema as a public media?”
(Samira Makhmalbaf)

Ist Aufgeben die Lösung? In ihrer Antwort auf das viel herumgereichte Plädoyer von Dominik Graf in der ZEIT schreibt Julia von Heinz über die Starrheit der deutschen Filmbranche: „Es ist ein System, an dem wir nicht vorbeikommen, wenn wir von unserem Beruf leben wollen.“ Diese Ohnmachtshaltung ist erschreckend, denn wenn unsere jungen RegisseurInnen wirklich so denken, wird sich so schnell nichts ändern. Aber das muss es. Wir brauchen Leute mit Visionen, Leute die fest daran glauben, dass es auch anders geht. Denn während die Branche sich vorwiegend mit sich und ihrem Selbsterhalt beschäftigt, übersieht sie, dass es dem Film noch nie so gut ging wie heute. Weiterlesen

Um Lösungsansätze bemüht, liefert der Schnitt in seiner aktuellen Ausgabe unter dem Titel „Filmemachen 2.0“ einen Blick auf konkrete Entwicklungen. Doch auch der ist leider in weiten Strecken eine herbe Enttäuschung (die Vorstellung neuer Vertriebsstrukturen einmal ausgenommen). Hier werden zum x-ten Mal die Erfolgszahlen des Web 2.0 runtergebetet, der Film zugunsten non-linearer, interaktiver Erzählmodelle für tot erklärt und die stets zitierte Handvoll an erfolgreichen Crowdfunding-Projekten darf natürlich auch nicht fehlen. Nicht, dass das alles schlechte Ideen wären. Aber irgendwie fehlt der Kern des Ganzen. Oder ein Blick auf den Nachwuchs.

Der große Irrtum ist zu glauben, dass sich der Film in einer Krise befindet. Die Branche darf nicht ihre eigene Krise als Krise des Mediums missverstehen. Daher gehen auch Rufe nach neuen Erzählformen schlichtweg an der Problematik vorbei. Cross-Media-Formate und interaktives Erzählen á la Korsakov-System sind sicher interessante und wichtige Erweiterungen, doch wir dürfen, trotz ein paar offensichtlicher Gemeinsamkeiten, nicht Kommunikation mit Kunst gleichsetzen – auch, wenn plötzlich beides filmisch geschieht. Anstatt künstlerische Entscheidungen dem Konzept oder den Zuschauern zu überlassen, müssen wir Farbe bekennen. Wir brauchen Menschen die sagen: Hier, das bin ich. Und ich sehe das so und so. Wir brauchen Haltung, statt Zufallswiedergabe. Wer glaubt, allein mit „neuen Formaten“ die Filmbranche zu retten, hat die digitale Revolution nicht verstanden.

Die wichtigste Errungenschaft der letzten zwanzig Jahre ist die Tatsache, dass die finanziellen, politischen und technischen Hürden für das Filmemachen wegbrechen. Dank immer bezahlbarer werdenden Digitalkameras, Computern und dem Internet, sind wir nicht mehr von Produktionsfirmen, Studios oder Förderungen abhängig. Regierungen können unliebsame Bilder nicht länger aufhalten, wie die Welle von Handyvideos im Internet während des arabischen Frühlings eindrucksvoll beweist. Filmen ohne Scheinwerfer, sogar nachts, und radikal geschrumpfte Crews (manchmal komplett in Personalunion) sind keine Seltenheit mehr. Und so werden immer öfter bisher ungehörte Themen, Menschen und Geschichten vom Rand in die Mitte der Aufmerksamkeit gespült.

Diese Demokratisierung „bedroht“ natürlich die Branche in ihrer bisherigen Form. Die daraus resultierende und auch nachvollziehbare Existenzangst führt zu verschiedensten Reaktionen, auf einer Skala zwischen spöttischem Kommentar („das sind doch keine richtigen Kameras“), besagter Flucht in „neue Formate“ und ernsthafter Lobbyarbeit (Wieso gibt es eine überfällige Organisation wie den BFFS eigentlich erst jetzt?). Auch künstlerisch wird sich abgegrenzt, wie durch das unnötige Hochhalten stilistischer „Maßstäbe“ (oft trotz offensichtlicher Künstlichkeit), z. Bsp. der Dreipunkt-Ausleuchtung. So macht man das halt „richtig“.

Aber wann ist denn ein Film ein „richtiger“ Film? Wenn er mit einer RED gedreht wurde? Oder muss es gar noch Celluloid sein? Wenn ausschließlich mit „echten“ Schauspielern gearbeitet wurde? Wenn mit AVID statt mit einer raubkopierten Premiere-Version geschnitten wurde? Wenn die Filmstiftung NRW ein paar tausend Euro beigesteuert hat? Wenn alle Beteiligten angemessen bezahlt werden? Wenn überhaupt Geld da ist? Wenn er im Kino läuft? Wenn Kritiker über ihn schreiben?

Es gibt nur einen „richtigen“ Film, einen Film, dessen Autoren frei sind von finanziellen, politischen und technischen Zwängen. Und er ist da. Es gibt keine Ausreden mehr. Und auch kein Aufhalten. Den frisch heranwachsenden Youtube-Kids ist es schlichtweg egal, ob sie mit der Verbreitung ihrer eigenen Geschichten die Arbeitsplätze tausender Schauspieler und Filmschaffender zerstören. Bei immer kleineren, besseren und billigeren Kameras wird es nicht mehr lange dauern, bis einen Film zu machen nicht viel aufwendiger ist, als ein Buch zu schreiben. Klar, man kann auch nach wie vor Millionen für eine Produktion ausgeben. Aber man muss es eben nicht mehr.

Film wird in Zukunft von Autoren(-filmern) und Vertreibern bestimmt. Letztere haben das bereits (oder sollte man sagen: endlich) begriffen. Beste Beispiele sind die jetzt schon gigantischen Marketing-Budgets Hollywoods und der Zuwachs an VoD-Angeboten (auch im Arthouse-Bereich, wie die Filmgalerie 451 On-Demand). Die Filmbranche wandelt sich zur Verlagsbranche und wird so vielleicht weniger Menschen ernähren können als bisher. Auch ich wünsche mir, eines Tages einmal vom Filmemachen leben zu können. Aber selbst, wenn mir das tatsächlich gelingt, kann ich daraus keine Berechtigung ableiten, dass meine Arbeiten „mehr“ Film sind als die von Anderen.

Es ist ein Fehler sich nach unten abzugrenzen, wir brauchen mehr Durchlässigkeit. Der Film ist nicht krank, geschweige denn tot. Er ist gesünder als je zuvor. Statt verzweifelt zu versuchen, einen laufenden Motor zu reparieren, sollten wir die Geburtsstunde des wahren Autorenkinos feiern. Und uns fragen: Wo sind sie denn, die Autoren?

Das Zitat der iranischen Filmemacherin Samira Makhmalbaf stammt aus einer Rede bei den Filmfestspielen in Cannes im Jahr 2000. Unbedingt nachlesen!

Lena Thiele‘s Essay „Im Aufbruch: Filmemachen unter neuen Vorzeichen“ aus besagter Schnitt-Ausgabe findet sich hier.

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