Publizierungen von: Jens Prausnitz

Das Schweigen der Schwarzen Listen

Düstere Aussichten: Der BR fand das Filmprojekt unseres Autors nicht so toll. Andere schon. Weil er sich aber zwischendurch kritisch über die Behandlung äußerte, steht er plötzlich überall vor verschlossenen Türen – selbst da, wo er schon im Zimmer stand. | Foto © Jens Prausnitz

Es gibt in der zweiten Folge von „Lerchenberg“ eine Szene, in der Sascha Hehn sich auf der „Schwarzen Liste“ des ZDF entdeckt, einer fiktiven Auflistung all jener Personen, die als „schwierig“ gelten. Ob solche Listen bei den öffentlich-rechtlichen Sendern tatsächlich geführt werden, wissen wohl außer der NSA nur wenige Insider, und man könnte geneigt sein, das für einen gelungenen Scherz zu halten.
Manche erinnern sich vielleicht an meinen Artikel hier vor ziemlich genau einem Jahr, in dem ich unverblümt meinen Frust über die Unmöglichkeit, in Deutschland Filme zu machen zum Ausdruck gebracht habe. Viel positives Feedback hat mich erreicht, hauptsächlich via E-Mail, und mir wurde bestätigt, was ich schon vorher ahnte – das es mir tatsächlich nicht alleine so geht. Dann geschah, was ich schon für unmöglich gehalten hatte – über meinen Videopitch auf screen-pitch.com zeigten mehrere Produzenten Interesse, und dann stand ich gleich vor der ungewohnten Wahl, mit wem ich den Optionsvertrag für „Einheimsch’n“ unterzeichne – mit der jungen Filmschaft in München oder doch lieber dem Riesen Wiedemann & Berg? Meine Wahl fiel auf die jungen, engagierten Kollegen, obwohl das auch bedeutete, den Regiestuhl zu räumen. Allerdings ließ ich mir ein Mitspracherecht vertraglich zusichern, und mir fallen viele Kollegen ein, in deren Händen mein Buch gut aufgehoben wäre.
Die folgenden Monate waren traumhaft. Intensive gemeinsame Arbeit am Buch, das dabei immer besser wurde, der Titel änderte sich in „Nirwana“ beziehungsweise „Come as You Are“, und ich fühlte mich sicher mit Produzenten, die hinter mir und meinem Projekt standen. Man liest und hört viel zu selten von denen, die ihre Sache gut machen. Torben Maas und Christian Füllmich gehören dazu, und bekamen wie zur Bestätigung beim „Bayrischen Filmpreis 2013“ die Auszeichnung als Nachwuchsproduzenten des Jahres verliehen – für ihren Erstling wohlgemerkt, nicht unser Projekt. Kurze Zeit später kam das First Movie Program mit ins Boot, deren Leiterin Astrid Kahmke ebenfalls sehr von unserem Film angetan war, sich lange mit mir unterhielt, tolle Fragen stellte, und ich mich wieder einen Schritt näher am Ziel wähnte. Weiterlesen

Meine Produzenten ruhten sich nicht darauf aus, sondern setzten noch einen oben drauf und schickten mich und mein Buch zu einer erfahrenen Autorin und Dramaturgin in Klausur: Karin Michalke. Die Begegnung war für sich genommen schon filmreif, wurde nur leider nicht von einem Filmteam begleitet. Das war mehr als Drehbucharbeit, eher eine eingehende Psychoanalyse aller Figuren, für die ich stellvertretend auf der Couch lag – alle nacheinander, während ich mitstenographierte. Das alles im Expresstempo, gnadenlos, erschöpfend, fantastisch. Dabei flog mir sogar ein neues Ende zu; eines, das mir das Problem löste, das ich sechs Jahre lang für unlösbar gehalten hatte: Ein Happy End, das realistisch ist und trotzdem den Figuren treu bleibt. Wieder war ein neuer Titel fällig: „Neuland“.
Während des diesjährigen Münchner Filmfests im Juli war es dann so weit: Ich hielt als einer von zehn ausgewählten Autoren einen dreiminütigen Pitch vor Branchenvertretern, live, auf einer Europalette stehend, mit Mikrofon in der Hand. Wie eine sehr billige Variante von „Deutschland sucht den Superstar“ oder einer beliebigen anderen Casting-Show, und man war gezwungen, bestenfalls wie ein erfahrener Stand-up-Comedian an einem schlechten Tag zu wirken, egal, ob man das Talent dazu hat oder nicht. Besser unfreiwillig komisch als gar nicht – eine Horrorvorstellung für viele Autoren, die in der Regel nicht für ihre Extrovertiertheit bekannt sind. Es waren auch Redakteure vom BR anwesend, Frau Dr. Claudia Gladziejewski, deren Ablehnungsschreiben ich auf meinem Blog im Vorjahr publiziert hatte, war zwar namentlich eingeladen, aber leider nicht persönlich vor Ort. Dies wäre die Gelegenheit gewesen, reinen Tisch zu machen und den langen Anlauf zu vergessen. Ein Wort hätte genügt, alle Anstrengung und der unglückliche Start wären Schnee von gestern gewesen. Viele Kollegen hatten mir ja erzählt, wie umgänglich sie sei, und wer weiß, vielleicht hatten sie und ihre Redaktion voriges Jahr mit ihrer (von mir veröffentlichten) Beurteilung ja Recht gehabt. Ob ich später damit Partner gefunden habe oder nicht – jetzt waren wir da, die Karten neu gemischt, Ende gut, alles gut.
Der erste, der nach dem Pitch auf uns zu kam, war dann aber Jörg Schneider von der Redaktion des Kleinen Fernsehspiels des ZDF – wie ich später erfuhr, redeten die Kollegen vom BR währenddessen mit einem meiner Produzenten. Dies war meine erste Begegnung mit der im Vorfeld so gefürchteten Spezies „Redakteur“, und was soll ich sagen: Selten hat jemand auf mich einen derart positiven ersten Eindruck gemacht. Ist das ein Wunder, wenn jemand fragt, warum ich bei diesem persönlichen Projekt eigentlich nicht selbst Regie führen wolle? Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Er hatte noch weitere schlaue Fragen und ich fühlte mich angenehm gefordert und erzählte (zum Entsetzen meines anderen Produzenten – weil wir uns in dem Punkt noch gar nicht einig waren) frei heraus was für ein tolles Ende ich nun für die Geschichte hätte. Man wollte in Kontakt bleiben, Visitenkarten wurden ausgetauscht, es folgten Gespräche mit einem Weltvertrieb, Lisa Giehl vom FFF Bayern, die einen Termin im August mit mir ausmachen wollte, sowie einer Künstleragentur. Ich konnte mein Glück kaum fassen, glaubte wohl zu träumen, unterhielt mich mit den Kollegen, knüpfte neue Kontakte, und tauschte mich mit Astrid Kahmke über unsere bisherigen Highlights des Münchner Filmfest aus: Ihr Favorit zu der Zeit war „Ich fühl mich Disco“, meiner „Eltern“ von Robert Thalheim. „Finsterworld“ sollte ich erst am folgenden Tag sehen, und kein anderer Film hätte vom Titel besser zu dem passen können, was mich erwartete.
Am nächsten Tag erreichte mich der Anruf meiner unter Schock stehenden Produzenten, dass man mich aus dem First Movie Program geworfen habe, der BR sich von dem Projekt distanziere, ebenso der FFF, und dass sie nach dem Filmfest persönlich bei Frau Dr. Gladziejewsk vorstellig werden müssten. Bitte was? Ein schlechter Scherz? Leider nein. In mein Gedächtnis hat sich eingebrannt, wo ich zum Moment des Telefonats stand: im Hugendubel am Marienplatz, dritter Stock. Alles was vorher war, nur geträumt? Das kommt mir tatsächlich so vor, denn seit dem Pitch habe ich niemanden mehr persönlich gesprochen. Meine Produzenten noch telefonisch, aber sonst habe ich seit dem Ereignis keinem der Beteiligten mehr persönlich gegenüber gestanden (diese Zeilen schreibe ich fünf Monate später nieder). Welche Klasse meine Produzenten haben, bewiesen sie am Abend jenes Tages, weil sie nicht wollten, dass ich ihn allein verbringe. In der Zwischenzeit hatte ich noch „Finsterworld“ gesehen und war innerlich so am Boden wie lange nicht. Den SMS-Verkehr habe ich noch immer auf dem Telefon – sie hatten sich tatsächlich Sorgen gemacht. Wäre ich nicht mit Freunden zum Grillen verabredet gewesen, hätte ich ihr Angebot bestimmt dankend angenommen. An dem Abend wollte ich wirklich alles andere als allein sein.
Für das bevorstehende Meeting meiner Produzenten mit dem BR habe ich ihnen vor meiner Abreise ein paar Vorschläge mit auf den Weg gegeben: Dass der BR den Film unter Pseudonym, unentgeltlich oder ganz ohne mich haben könne – Hauptsache, er wird gemacht. Eine Bitte um eine Trennung von Urheber und Inhalt also; man nehme bitte die Geschichte und schicke nur mich in die Wüste. Wie das Gespräch mit Frau Dr. Gladziejewsk verlaufen ist, kann ich nicht aus erster Hand sagen, schließlich war ich ja wieder nicht dabei. Schlimmer noch, ausgerechnet jenen drohten jetzt möglicherweise Repressionen, die an das Potenzial meiner Geschichte glaubten, und denen ich diese als „Erziehungsberechtigte“ überlassen hatte. Was in dem Gespräch dort vom Tisch gewischt wurde, war unsere gemeinsame Arbeit, ohne die neue Fassung überhaupt eines Blickes zu würdigen. Man berief sich knapp auf die „Beurteilung des Stoffs“ aus dem Vorjahr, und würde jetzt wieder identisch entscheiden. Zur Erinnerung: Meine auf wahren Begebenheiten beruhende, in Niederbayern spielende, großteils auf Bayrisch geschrieben Geschichte passte damals „inhaltlich und formal“ nicht zum Sendegebiet des BR. Gerne hätte ich meinen Stoff mal persönlich verteidigt, schließlich hat bislang ohne Ausnahme jeder Feuer gefangen, der sich auf eine Begegnung mit mir eingelassen hat. So sitze ich nur wieder wie Erwin Schrödinger vor der Black Box des BR und frage mich, ob meine Katze darin tot, lebendig oder irgendwie beides gleichzeitig ist.
Fakt ist, dass seit dem Pitch niemand mehr mit mir kommuniziert, der dem BR nahe steht oder mit ihm verknüpft ist. Weder die dortige Redaktion, noch das First Movie Program oder der FFF. Alles was ich an Belegen dafür habe, ist das abrupte Ausbleiben an Reaktionen, die unbeantworteten E-Mails an Astrid Kahmke, die telefonische Unerreichbarkeit. Gäbe es nicht die Möglichkeit, mir von neun Kollegen bestätigen zu lassen, dass ich tatsächlich da war, könnte man ins Zweifeln kommen. Und noch sprachen meine Produzenten ja mit mir. Also blieb uns noch eine Chance. Denn mit dem Zweiten sieht man besser.
Noch ehe er aus seinem Urlaub zurück war, meldete ich mich mit einer E-Mail bei Jörg Schneider und schilderte ihm die Vorgänge in München. Anfang August telefonierte ich kurz mit ihm. Er bezeichnete meine Ausführungen als „mysteriös“ und versprach, sich zu melden. Die Antwort blieb aus, von Paranoia getrieben, rief ich wiederholt an, aber kam nicht mehr durch, scheiterte an der freundlichen Assistentin, die mir riet, noch einmal eine E-Mail zu schreiben, was ich dann auch tat. Eine Antwort erwartete ich aber schon nicht mehr. Ohnehin war das Kleine Fernsehspiel die falsche Adresse für mein Projekt, zu klein deren Spielraum, um ein Projekt wie dieses zu stemmen. Doch Herr Schneider wollte uns weiter helfen. Das Wunder geschah: Er meldete sich, bat um ein Treatment und eine Kalkulation, dann würde er sehen, was sich machen ließe.
Das Treatment schickte ich ihm sofort, und bat meine Produzenten, dass sie sich bei ihm mit einer Kalkulation melden – und dann kam es, wie es kommen musste: Der weitere Umgang mit mir und meinem Projekt wurde ihnen zu heiß, und sie lösten den Optionsvertrag, unter dem sie auf den Tag genau heute vor einem Jahr ihre Tinte gesetzt hatten. Das kann ich nachvollziehen, weil ich sehe, wo sie ihren Firmensitz haben und von wessen Wohlwollen sie abhängig sind. Und so trennten sich unsere Wege, freundschaftlich, bitter, nach konstruktiver Zusammenarbeit.
Ohne Produzenten hilft mir aber auch ein Redakteur nicht weiter. Also wärmte ich den Kontakt zu Peter Fröhlich bei Wiedemann & Berg wieder auf, und schickte ihm das Drehbuch. Preisfrage: An wen wird er sich mit diesem urbayrischen Projekt als TV-Kooperationspartner wenden? Mit dem BR und Claudia Gladziejewski haben sie bereits „Das Leben der Anderen“ produziert, also ist meine stille Hoffnung, dass das gleiche Projekt bereits zum dritten Mal auf dem gleichen Schreibtisch landet. Vielleicht irre ich mich, und auch Frau Dr. Claudia Gladziejewski ist unschuldig, auch wenn der gegenteilige Eindruck entstanden sein dürfte – ihr Name ist der Einzige, der wiederkehrt, auf Dokumenten, Einladungen und in Gesprächen. Trotzdem gilt die Unschuldsvermutung, schriftlich gibt es nichts Belastendes, und persönlich war sie für mich nie zu sprechen.

Inzwischen ist mein Optionsvertrag in München auch offiziell ausgelaufen, und ich stehe wieder genau da, wo ich schon vor einem Jahr war, und wieder teile ich mit euch diese Geschichte. Warum erzähle ich das alles? Noch dazu so detailliert, mit Namen? Immerhin begehe ich damit beruflichen Selbstmord. Ich erzähle das, weil es uns Urhebern, und damit meine ich nicht nur die Autoren, täglich so ergeht, wenn wir unsere Projekte verkaufen müssen, an denen wir zum Teil seit Jahren arbeiten (wie ich an diesem seit sieben), und damit wieder und wieder vor die unsichtbaren Wände laufen. Auf der anderen Seite sehen wir die Zuschauer, die sich längst von deutschen Produktionen abgewendet haben, die beharrlich keine Gelegenheit auslassen, zu wiederholen, dass es keine Kreativität mehr in Deutschland gebe, und auch für die Suche nach den wenigen vorhandenen Lichtblicken keine Geduld mehr aufbringen. Trotzdem müssen sie selbst in dieses System einzahlen. Dabei würde man ihnen gerne beweisen, dass wir es anders können, und rennen weiter jeder für sich allein gegen diese Wände, bis wir frustriert zusammenbrechen. Warum allein? Weil unsere Verbände nicht in der Lage sind, eine gemeinsame Stimme zu finden, und wir damit keine Lobby haben, die unsere Interessen vertritt. Moment … Wir haben keine Lobby?
Ganz im Gegenteil, ich behaupte jetzt mal, dass wir die größte Lobby überhaupt haben: Die Zuschauer, das Publikum, die Fans. Nur machen wir unseren Einfluss nicht geltend. Vielleicht nur deshalb, weil uns niemand gesagt hat, dass wir es können. Also erzählen wir ihnen diese Geschichte. Darum erzähle ich meine. Und ich möchte, dass ihr sie weitererzählt, und zwar den Sendern. Also nicht meine vergeblichen Versuche, diesen Film zu machen, sondern den Film. Denn genau von so einer stillen Revolution erzählt er: vom Finden der Freiheit, Ost wie West, im September 1989. Wer sich dafür einsetzt, ist Teil jener Generation 89. Ich fordere zum zivilen Zuschauerungehorsam auf! Nehmt mein Exposé (alles Nötige dazu ist hier verlinkt, oder schreibt euer eigenes nach der Lektüre des Treatments, und schickt es – ganz wichtig – unter einem neuen Titel an jede Produktionsfirma, jeden Produzenten, jeden Sender in diesem Land. Ihr kommt damit durch, denn auf den Listen in den Köpfen stehen nur mein Name und meine Filmtitel, mit dem Inhalt hat sich niemand auseinandergesetzt – außer Autorenkollegen, und die bescheinigten schon letztes Jahr meinem abgelehnten Drehbuch große Klasse.
Es ist unglaublich: Diejenigen, die tagtäglich darüber entscheiden, was produziert wird oder nicht, lesen nichts mehr, ehe man es ihnen nicht als Stand-up-Comedian erfolgreich vorgespielt hat. Gute Autoren sind selten beides, und ich habe wohl noch mal Schwein gehabt. Und so bleiben am Ende die übrig, deren verkrampft lächelnde Gesichter man bereits von den Sektempfängen bei Festivals kennt, und nicht die besten Geschichten.

So bleibt alles unter sich – die Handvoll „Tatort“-Autoren, der Prosecco-Club und unsere Gebühren. Höchste Zeit also, dass sich etwas ändert, und sich die Urheber mit dem Publikum zusammentun. Wenn es wahr ist, dass Redakteure nur das in Auftrag geben und produzieren lassen, was sie schon kennen oder ihnen bekannt vorkommt, dann müssen wir sie eben an neue Stoffe gewöhnen. Wir konfrontieren sie so lange mit der gleichen Idee, bis sie ihnen bekannt vorkommt. Wir geben euch unsere Geschichten, dann hauen wir sie den Sendern gemeinsam um die Ohren – und erst dann, nur dann haben wir eine Chance. Wenn sie mein Buch aus eurer Hand nehmen, machen wir Halbe-Halbe. Ehrenwort eines Autoren. „Einmal drauf, kommt man nicht so leicht wieder runter, ” sagt die Sekretärin in der eingangs erwähnten „Lerchenberg“-Folge. Soll uns recht sein, Hauptsache Autoren und Publikum finden irgendwo wieder zueinander, und wenn es auf den Schwarzen Listen ist.

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“Einer für alle, alle gegen einen!” – über das Filmemachen in Deutschland – ein Erfahrungsbericht

 

Wenn ich mich recht erinnere, dann bin ich 2009 online auf einen Artikel gestoßen, in dem es hieß, dass es in Deutschland durchschnittlich sieben Jahre von der Idee bis zum fertigen Film dauert. In den Köpfen der meisten Zuschauern dauert es jedoch vom Drehbeginn bis zur Kinoauswertung gerade mal ein bis zwei Jahre. Die Ideenfindung, Recherche, Stoffentwicklung und Ausarbeitung kommt medial einfach kaum, auf jeden Fall aber zu wenig vor. Wenn wir Autoren etwas an der Art und Weise wie Filme bei uns entstehen und wahrgenommen werden ändern wollen, müssen wir hier ansetzen. Zuerst müssen wir das Publikum finden, nicht den Produzenten. Weiterlesen

Zu dieser Einsicht bin ich mit meinem Wunsch-Debütfilm gekommen, für den ich 2007 mit der Recherche begonnen und dieses Jahr die dritte Drehbuchfassung geschrieben habe – ohne einen Produzenten zu haben. Für eine Herzensangelegenheit nichts ungewöhnliches. Der Film spielt im September 1989, als die Flüchtlingswelle der DDR-Bürger über Ungarn und Österreich nach Deutschland in die Aufnahmelager in Bayern schwappte – in Vilshofen war eins davon, und ich war damals dort am Gymnasium. Verdichtet auf wenige Tage erzähle ich dort die unglückliche Liebesgeschichte einer Flüchtlingstochter mit einem Einheimischen, und kehre die Verhältnisse um: die DDR-Bürger bringen die Freiheit nach Niederbayern, und dort lösen sie für kurze Zeit einen realexistierenden Sozialismus in der Bevölkerung aus. Ein Film über die Tücken der Wiedervereinigung, in dem die Mauer noch steht. Mehr zu dem Filminhalt erfährt man auf dem Produktionstagebuch, Links dorthin folgen weiter unten. Ein kleiner Film, ohne Stars, in der Provinz.

2009 habe ich das Exposé an Produktionsfirmen verschickt, wie “man es eben so macht”, mich brav an die Regeln haltend. Keine Antwort. Nein, einmal kam immerhin der Hinweis Jimi Hendrix schreibe sich nicht „Jimmy“. Dennoch passiert eben nur das Übliche: Die klopfen das Exposé in vorauseilendem Gehorsam auf seine Fernsehtauglichkeit ab. Ist es kein Krimi, keine seicht-romantische Komödie oder ein sich anbiedernder Problemfilm, kann man einpacken. Alles muss zielgruppenorientiert sein – aber wehe man schreibt dort mal spaßeshalber „Generation Ü60” hin, ist es vorbei, auch wenn es dem demographischen Durchschnittsalter der Fernsehzuschauer entspricht. Und für wen schreibe ich? Na, wie wir alle für ein buntes, filminteressiertes Publikum, wie man ihm manchmal auf Festivals begegnet, wo es spontanen Szenenapplaus gibt, und man gemeinsam mit Fremden an ähnlichen Stelle lacht oder weint. Nichts überbrückt die Generationen und Interessen besser, als Kino – das gilt umso mehr für die vermeintliche Ausnahme des Kinderfilms! In Schubladen denken wohl nur die Holzköpfe in der Fördertopfverwaltung. Daran muss zwangsläufig jede Idee zu Bruch gegen. Aber selbst mit einem Produzenten an der Seite muss man sich um die Finanzierung kümmern, und mit jedem Topf, den man anzapft kommt ein neuer Fernsehredakteur ins Boot und quatscht einem jahrelang(!) ins Drehbuch und die Besetzung, bis man vergessen hat, warum man den Film mal machen wollte. Ein Trauerspiel. Kennt man niemanden, ist man niemand, existiert man nicht. Schafft man es, wider erwarten das System bis zum Ende zu durchlaufen, hat man einen Film gemacht in dem mindestens zwei der üblichen Verdächtigen mitspielen, die wie üblich viel zu viel reden und dabei doch das Falsche sagen, wo alles zu hell ausgeleuchtet ist, weder in Cinemascope noch auf Film gedreht wurde, jede Sekunde Stille mit Musik übertönt ist und irgendwo eine bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte Idee herum liegt, denn ohne irgendwas leichenartiges geht es nicht. Natürlich geschieht das immer im „Namen der Zuschauer”, des Publikums. Komisch nur, dass die davon nie etwas mitbekommen, oder gefragt werden. Es sprechen Redakteure, die nie vom Zuschauer in ihre Position gewählt wurden. Warum eigentlich?

Höchste Zeit also, sich mal nicht mehr an die Regeln zu halten und den Prozess der Filmproduktion in Deutschland transparenter zu machen, als Akt der aktiven Selbstverteidigung unserer Ideen. Wir Filmemacher, Autoren, Regisseure, Kameramänner, Cutter, Tonmeister, Schauspieler, Komponisten, Kostümbildner bis hin zum Kabelträger und Produktionsassistenten sitzen schließlich in ein und demselben Boot, so dass wir uns nicht von anderen versenken lassen sollten. Wir könnten eine funktionierende Filmindustrie haben, anstelle des zu Tode geförderten, am Fernsehen orientierten Schwachsinns in Serie. Unsere Verbände sind zusammengenommen nicht annähernd so mächtig, wie in Übersee, wo zuletzt der Autorenstreik 2008 massive Auswirkungen hatte, und in Produktion befindliche Staffeln abbrachen, etc. Man stelle sich das einmal bei uns vor – Sonntags mal kein TATORT… das käme einer Revolution gleich. Für den Anfang genügt uns aber Solidarität und der Schulterschluss mit dem Publikum. Daher müssen wir mit ihm reden, zuallererst die Autoren, Regisseure und Produzenten. Die Zukunft liegt hier klar im Crowdfunding, aber so lange sich auf Plattformen wie Kickstarter in erster Linie Nerds bewegen, beschränken sich die Produktionen auf Genre- und Nischenfilme wie meinetwegen IRON SKY. Was macht man aber, wenn man einen kleinen Arthousefilm machen möchte, dessen Publikum – freundlich formuliert – schon „zu reif” ist um ausreichend internetaffin zu sein? Oder tatsächlich mal eine ganze Serie produzieren? Oder wenigstens eine Pilotfolge?

Das brachte mich auf die Idee das Crowdfunding mal offline zu probieren, und habe mich damit an den Stadtrat der Kleinstadt gewendet, in dem mein auf wahren Begebenheiten beruhender Film spielt: Vilshofen an der Donau, Niederbayern. Dazu habe ich unter der Adresse generation89.de ein Blog eingerichtet, wo man detailliert alle meine Schritte nachlesen kann. Auf der zugehörigen facebook-Seite schreibe ich aus der Sicht meiner 18-jährigen Hauptfigur Daniel über das Jahr 1989 (vor Internet / Handy) für die heutige Generation, auf dem google+ Profil sammele und kommentiere ich Artikel und Links rund um die Filmpolitik.

Zu meiner eigenen Überraschung war es geradezu erfrischend, mit den CSU-Politikern vor Ort ins Gespräch zu kommen. Im Vergleich zu Redakteuren und Lektoren bei Produktionsfirmen war das der reinste Spaziergang! Mit Erstaunen hörte man dort von der gängigen Praxis, dass man nur Filmzusammenfassungen (Exposé) von Drehbüchern einreichen soll, die man noch gar nicht geschrieben haben „darf”. Es leuchtete ein, dass es mir schwer fällt etwas zusammen zu fassen, ohne es vorher geschrieben zu haben. Es mag Autoren geben, denen das gelingt. Mir geht es so, dass mir oft die besten Sachen erst beim Schreiben einfallen, und dann wird umgeschrieben, umgebaut, verworfen. Erst danach bin ich in der Lage eine sinnvolle Zusammenfassung zu schreiben (ganz außer Acht lassend, dass das eine eigenständige Textform ist, die nicht jedem liegt – nicht in jedem Autor steckt auch ein Copywriter).

Mein Vorschlag ein von der Stadt öffentlich geführtes Treuhandkonto für den Film einzurichten stieß auf Zustimmung. In der Stadtverwaltung hätten Gutscheine für DVDs, Downloads, Plakate, Statistenrollen, etc. erstanden werden können, und die Stadt hätte sicherstellen sollen, dass die eingezahlten Beträge garantiert nur in der Region ausgegeben werden. Das brachte mir die Aufmerksam regionaler Medien. Ich gab Interviews für Zeitungen und im Regionalfernsehen. Ich sprach im Stadtrat über das Projekt, und nach einer rechtlichen Prüfung wurde der Antrag abgelehnt, gleichzeitig aber der Wille bekräftigt, das Projekt „im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten” zu unterstützen – im Augenblick erschöpft sich diese in der Schirmherrschaft des Films. Aus der Bevölkerung erreichte mich Zustimmung, Unterstützung und vor allem Jobgesuche und die Frage nach dem ersten Casting-Termin vor Ort. Kurz, ich habe die Region und Kernpublikum hinter mich gebracht und war bereit für Phase 2.

Doch ohne Senderbeteiligung kriegt man in Deutschland einfach keinen abendfüllenden Spielfilm auf die Leinwand. Traurig, aber wahr. In meinem Fall heißt das Bayrischer Rundfunk und Filmförderfonds Bayern. Normalerweise schreibt man aber nicht die Sender an – kann man auch gar nicht, denn die entsprechenden Redaktionsanschriften zu finden gleicht einer Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. An jede Furzsendung kann man sich problemlos via E-Mail wenden; nicht so bei der Redaktion Kurzfilm/Debüt oder Spiel/Film/Serie. Dennoch ist es mir gelungen ein paar Adressen aufzutreiben und anzuschreiben. Natürlich passierte rein gar nichts. Daher habe ich mich in einem Aufruf an die Leser meines Blogs, die Regionalpolitiker und Presse gewandt, meine Sache zu unterstützen. Keine 24 Stunden später meldete sich der Pressesprecher des BR höchstpersönlich bei mir, Christian Nitsche, mit einer Steilvorlage. Ein klassisches Absageschreiben, wie es jeder Filmemacher schon mehrfach in seiner Korrespondenz hat. Wir kennen das ja schon, aber mir schaut eine ganze Region über die Schulter, und bis dato hörte sich einiges aus meinem Munde für sie eher wie eine Verschwörungstheorie an. Also antwortete ich öffentlich, und keine Woche später durfte ich mein Drehbuch(!) einreichen, allerdings mit der Bitte, dies nicht öffentlich zu machen.

Vor nicht ganz einem Monat kam dann das nächste klassische Absageschreiben, ohne nur annähernd auf das Drehbuch einzugehen. All das habe ich online kommentiert, nahe liegende Fragen gestellt und Kompromissvorschläge unterbreitet. Aber der BR verhält sich seitdem stumm und versucht das „Problem” schlicht auszusitzen. Was sonst? Ich habe ihnen das Drehbuch inzwischen auch unter CreativeCommons Lizenz angeboten, Regisseure vorgeschlagen, und überlegt einen Dokumentarfilm über die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in der Redaktion zu drehen, in dem man sieht, wie man sich mit den angeblichen Bergen an Stoffvorschlägen abmüht. Immerhin hat man zeitnah ein paar von mir zitierte Aussagen von einer Seite entfernt, in denen betont wurde, wie sehr man beim BR an einer „engeren Zusammenarbeit” mit Filmemachern interessiert sei. Glücklicherweise habe ich sie wieder auferstehen lassen können.

Das ist immer noch der aktuelle Stand.

Daran wird sich auch nichts mehr ändern. Kein Hauch von „Zusammenarbeit”. Was haben wir stattdessen? Einen Millionensumpf, in dem „Heinzes” unter Pseudonym den eigenen Schrott an sich selbst verkaufen, und dann um die Urteilsverkündung herum auf der PR-Welle noch ein Buch zu veröffentlichen – einen Krimi natürlich. Ich möchte mal einen Redakteur kennen lernen, der seine Entscheidungen mit empirischen Belegen(!) – nicht Behauptungen – unterfüttert, und nicht nach eigenem Gutdünken an Drehbüchern herum schraubt oder schrauben lässt, bis doch nur wieder der x-te Aufguss der gleichen geschmacklosen Soße über den Sender geht.

Bei Serien verhält es sich auch nicht besser. Im deutschen Fernsehen des 21. Jahrhunderts gibt es immer noch keinen Showrunner oder einen writer’s room wie in Übersee, die dort maßgeblich für den Erfolg von Serien verantwortlich sind. „Mad Men”, „Breaking Bad”, „The Wire” oder „Game of Thrones” aus Deutschland? Heute undenkbar, aber in den 70er Jahren hatten wir dort „Welt am Draht“, und Anfang der 80er „Berlin Alexanderplatz“ und „Heimat“. Oder der „Dekalog“ 1989 von Krzysztof Kieślowski im polnischen Fernsehen. „Geister“ von Lars von Trier in Dänemark Mitte der 90er, oder die jüngste Ausnahme „Im Angesicht des Verbrechens“. Wir müssen gar nicht so sehr in die USA schielen, es reicht uns mal an die eigene Nase zu fassen und in Europa zu bleiben. Auch hier ist es nicht die Frage der Budgets, sondern vor allem die des fehlenden Mutes, die ins Gewicht fällt. Wir können was, aber man lässt uns nicht, schafft keine Strukturen, die es regelmäßig ermöglichen würden. Keine Schreibzimmer in denen die Korkwände voll mit Ideen auf Karteikarten sind, keine Autoren, die sich monatelang zusammenraufen müssen / dürfen, um gemeinsam etwas großartiges zu schreiben. Dabei wäre nichts billiger, als das. Wie viel hat Gottschalk die ARD für die paar Folgen Vorabendprogramm gekostet? Was wäre das mal für ein Experiment einen Bruchteil dessen ein paar Autoren zur Verfügung zu stellen. Nach drei Monaten pitchen die dann ihre Ideen im Netz – was mehr als 50.000 Stimmen bekommt, kriegt eine Pilotfolge. Pilot-Season in Deutschland! Meinetwegen macht eine Fernsehshow draus! Eine Castingshow für Pilotsendungen! Fragt doch endlich mal euren Durchschnittszuschauer vorher, was er sehen will! Oder macht kurze Staffeln wie bei der BBC. Traumhaft… Stattdessen haben wir nur verstaubte Anträge in soundsovielfacher Ausführung, Formulare, und Verwaltung statt Kreativität. Zeit umzuschalten.

Versuche wie jetzt von der Ende des Monats online gehenden Plattform Screen-Pitch.com sind erste Ansätze in dieser Richtung, und ich bin dort mit dabei – aber das reicht eben noch lange nicht. Es ist ein Anfang.

Es liegt allein an uns, das Publikum von Anfang an mit ein zu beziehen und gemeinsam gegen die herrschende Senderpolitik zu protestieren. Ob als Generation89 oder crew-united ist nebensächlich, Hauptsache wir tun endlich was. Gegenwärtig werden wir nur gegeneinander ausgespielt, jeder kämpft für sich allein, und inzwischen gewöhnen sich immer mehr Zuschauer an das miese Niveau, immer mehr Kunden sind mit weniger zufrieden, alles wird billiger und zum konsumierbaren Wegwerfprodukt. Wir müssen weg vom Bild des Zuschauers. Wir wollen Unterstützer, die Sender nicht. Entweder wir raufen uns zusammen, damit es wieder richtig heißt: „Einer für alle, alle für einen!”, oder wir gehen unter, und sehen uns höchstens auf vimeo wieder. Also stellen wir uns zuerst dem Publikum, und nicht länger den Redaktionen. Die Gebührenzahler sollen selbst darüber entscheiden lernen was produziert wird, nicht die Gebühreneintreiber. Wir wollen uns auch nicht mit einem neuen Sendeplatz abspeisen lassen. Wir wollen alles. Oder schreibt euch den Schrott gerne unter Pseudonym selber, dreht, schneidet und vertont ihn auch selber, und dann guckt ihn euch auch alleine an.

Wir brauchen den Ideenwettbewerb, nicht bessere Beziehungen.

Neue Konzepte müssen gemeinsam entwickelt werden (können).

Wir brauchen Mindestlöhne, und das Verbot von Ausverkaufsklauseln.

Wir brauchen CreativeCommons.

Kapern wir die Urheberrechtsdebatte.

Soweit schön und gut, aber wie sieht dann für mich mein nächster Schritt aus? So: Am 3. Oktober stelle ich mein Drehbuch in voller Länge unter CreativeCommons-Lizenz online. Lieber gratis publizieren, als umsonst. Nur so kann ich den Beweis erbringen, dass der BR irrt, und wir nach Strich und Faden von den Sendern verarscht werden. Mögen es mir möglichst viele meiner Kollegen gleich tun, wir müssen an die Öffentlichkeit. Jetzt. Im Netz. In der MATRIX. In der WELT AM DRAHT. Wir stellen alles was wir haben online.

Dann ist nach uns das Publikum am Zug. Die Zuschauer kommen im System Fernsehen ebenso nur als Quote vor, sie werden genauso “verarscht” und nicht ernst genommen, wie wir – wenn sie das Programm loben, bekommen sie Antwort, wenn nicht, existieren sie nicht. Wenn wir uns nicht dem Publikum anvertrauen können, wem denn bitte dann? Für wen machen wir denn in erster Linie Filme? Ja, auch für uns selbst, denn im Grunde sind wir zuallererst unser eigenes Publikum, das sich staunend selbst bei der Arbeit zusieht.

Worauf warten wir noch?

PS: Sollte der eine oder die andere AutorIn Interesse an einem writer’s room Experiment haben, dann hätte ich da was: Eine geerdete Mystery-Thriller-Serie mit dem Arbeitstitel Wojpatinga, die in einem abgelegenen Dorf im tiefsten bayrischen Wald spielt. Eine bisschen wie bayrisches „Twin Peaks“, mit einer für eine Serie erfrischend neuen, spannenden Erzählstruktur. Wer Interesse hat möge sich bitte bei mir melden, um es gemeinsam zur “Serienreife” zu entwickeln ;)

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