Publizierungen von: Rüdiger Suchsland

»Die Frauen sind jetzt am Forderungsherd«

Heike-Melba Fendel (Foto: privat)

Heike-Melba Fendel, Autorin, Film­kri­ti­kerin und Agentin, über »Pro Quote Regie« und den soge­nannten weib­li­chen Blick

Eigent­lich wollten wir nur gemeinsam zu Mittag essen, und über Heike-Melba Fendels neuen Roman reden, »Zehn Tage im Februar«, der auch ein Buch über die Berlinale ist, und über das Kino. Doch dann wurde es ein Gespräch zur Lage der Frau und über die selbst­er­nannten Anwäl­tinnen der Frau­en­rechte im deutschen Film, »Pro Quote Regie«.
Ein offenes Gespräch mit einer unab­hän­gigen Autorin – die darauf besteht, keine Quote nötig zu haben.

Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland.

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Heike-Melba Fendel schreibt Essays, Storys und Kritiken für diverse Publi­ka­tionen und ist Kolum­nistin bei Zeit Online. Sie leitet die Künstler- und Veran­stal­tungs­agentur Barba­rella Enter­tain­ment. Außerdem ist sie Verfech­terin von selbst­ver­fassten Inter­views und versteht sich darin vor allem als Autorin, wie sie im Tages­spiegel offenbart. Das hier veröf­fent­lichte Interview wurde demgemäß von ihr »mitver­fasst«. Fendel mag es eben gerne, wenn sie die Kontrolle über die Dinge behält. [Anmerkung der Redaktion]

artechock: Mir scheint, dass öffent­liche Debatten in Deutsch­land gegen­wärtig sehr häufig von einer mehr­fa­chen Beflis­sen­heit regiert werden. Man traut sich Dinge nicht zu sagen: Aus Rücksicht und Scho­nungs­trieb gegenüber jenen, die es betrifft; aus Angst als Nest­be­schmutzer zu gelten, oder als Neid­hammel; aus Unlust, Spiel­ver­derber zu sein; aus Furcht vor Konse­quenzen. Darum traut sich kaum noch einer, etwas gegen »Pro Quote Regie« zu sagen, weil man dann – und frau erst recht – geradezu stali­nis­tisch abge­watscht und gebashed wird. Darum kriti­siert niemand die Förderer, ihre Entschei­dungen, ihre Richt­li­nien, die Besetzung der Kommis­sionen, weil man fürchtet, dass sich das beim nächsten Antrag rächt. Darum sagt kaum einer es öffent­lich, wenn er Toni Erdmann viel­leicht nicht für den besten deutschen Film des Jahres hält, weil man dann »ja nur neidisch« ist, und sich doch bitte auch mal freuen soll. So wie man immer für die deutsche Fußball­na­tio­nal­mann­schaft sein muss.
Kurzum: Es gibt keine Streit­kultur, keine Offenheit und Neugier auf kontro­verse Posi­tionen, keine Lust an der Debatte – nur die alles ersti­ckende Käseg­locke der political correct­ness.
Oder sind das alles Klischees? Soll man zum Beispiel öffent­lich auf die Lügen und Halb­wahr­heiten in den Pres­se­mit­tei­lungen der Film­för­derer reagieren und das zurech­trü­cken?

Heike-Melba Fendel: Natürlich…

artechock: Ellen Wietstock von der Black Box sagt das auch. Sie sagt, das Problem sei, dass sich keiner traut, offen über seine Erfah­rungen zu reden – es nutze aber niemandem, wenn er sich anpasst.

Fendel: Du weißt ja, mit wem du hier redest. Ich habe mir natürlich vor gut zwei Jahren überlegt, ob ich nochmal meine Kritik an »Pro Quote Regie« äußern soll. Ich mache in meinem Text im Tages­spiegel in gewisser Weise wieder, indem ich dieses Teppich­ge­döns bei der Berlinale »im Duktus einer sauer­töp­fi­schen Femi­nistin« geißele, wie man das dann gerne nennt, und ande­rer­seits zu kriti­sieren, dass »Pro Quote Regie« nur die »Pro Quote Regie«-Karte spielt – und so immer im Erwar­tungs­rahmen bleibt.
Muss ich also jetzt »schon wieder« so was machen? Ja, muss ich. Weil ich sonst schon Teil dessen werde, was man kriti­sieren muss:
Dass also überhaupt nicht mehr hinter­fragt wird, wieso eine Schau­spie­lerin auch für Arthouse-Filme unbe­setzbar ist, jeden­falls unbe­setzbar im Sinne der Förder­gre­mien, wenn sie dieses Spiel nicht mitspielt. Weiterlesen

Niemand würde einen teuren Film mit dem Theater- und Petzold-Star Nina Hoss besetzen, wenn Nina Hoss nicht ständig mit blondem Wallehaar und tief­de­kol­tierten Roben auf dem Roten Teppich auch die Glamour-Schiene bedienen würde? Das ist natürlich bescheuert: Denn sie macht das ja nicht für ihren Film, sondern für die Berlinale und die Berlinale-Sponsoren, damit die soge­nannte »Marken­bot­schaf­te­rinnen« für sich rekla­mieren können.

Wenn man denn einen femi­nis­ti­schen Stand­punkt hat, was ja die Pro-Quote-Frauen für sich in Anspruch nehmen, dann müssten sie meines Erachtens auch zu den Ritualen am Roten und das unter Gender-Aspekten.
Die FFA macht ja während der Berlinale eine Veran­stal­tung namens Unter der Gender-Lupe – die deutsche Film­branche. Da denke ich mir: Am Roten Teppich braucht ihr keine Lupe, da seht ihr lebens­groß, wie Künst­le­rinnen sich dem Primat der Spon­so­ren­in­ter­essen beugen und zu Produkten werden.
Es gibt eine insti­tu­tio­na­li­sierte Denk­ver­wei­ge­rung im Film­ge­schäft, ein Igno­rieren von Wider­sprüchen. Und ich denke, gerade Frauen, die sich besonders kämp­fe­risch in eigener Sache geben, müssen sich gefallen lassen, dass man ange­sichts dieser Ignoranz sagt: Mädels – nee!

artechock: Was wäre überhaupt das Ziel der Kampagne? Geht es um Gerech­tig­keit? Um die Förderung der Benach­tei­ligten? Oder geht es darum, dass man gar nicht mehr so genau hinschaut und gar nicht mehr den Unter­schied sieht zwischen den Geschlech­tern sieht?

Fendel: Ich inter­es­siere mich in erster Linie fürs Kino. Wenn mir mangelnde Soli­da­rität mit der Sache der Regis­seu­rinnen vorge­worfen wird, kann ich nur sagen, dass meine Soli­da­rität dem Kino gehört, denn das kommt in der Debatte zu kurz. Ich schreibe den ganzen Protest­kram nur, damit ich endlich in Ruhe Filme sehen kann, die mich wirklich inter­es­sieren.
Ich schreibe, um ein paar Struk­turen offen­zu­legen, die dazu führen, dass die deutschen Filme vielfach so schlecht sind. Wenn man auf der einen Seite ein unhin­ter­fragtes ausbeu­te­ri­sches Glamour-Ideal bedient und auf der anderen Seite ein rein ökono­mis­tisch geprägtes Gleich­stel­lungs-Gefordere ausstellt, dann ignoriert man beide Male den Kern dessen, was man als Filme­ma­cherin eigent­lich tun müsste: Nämlich Geschichten finden und eine Form, die ihnen standhält.

Es gibtaus meiner Sicht zu wenig Selbst­re­fle­xion in der deutschen Film­branche und eben auch bei den Filme­ma­che­rinnen und Schau­spie­le­rinnen. Wie kann man, wenn man so affir­mativ am Teppich ist – Teppich nehme ich jetzt mal stell­ver­tre­tend für das Prinzip Selbst­ver­mark­tung –, und zeit­gleich in der Pro-Quote-Blase so sozi­al­de­mo­kra­tisch-dogma­tisch – wie will man dann noch in der Lage sein, Geschichten zu erzählen, die heraus­for­dernd, eigen und divers sind.
Ich glaube, dass dieser Dogma­tismus der Frauen dann auch einen Dogma­tismus der Männer nach sich zieht. Egal, ob sie sich soli­da­risch oder feind­selig verhalten. Ich glaube, dass sich Geschlech­ter­kli­schees in eben dem Maße verfes­tigen, wie sie bekämpft werden. Der Kampf stellt sie nicht bloß, sondern aus.

artechock: Dein Roman handelt von der Welt, in der wir beide leben: Filme, Medien, Festivals und die Menschen, die sich darin aufhalten – aber er handelt auch von einer spezi­ellen Perspek­tive: der einer Frau auf der Berlinale.

Fendel: Eindeutig ist das Haupt­thema die Weltsicht einer Frau, die sehr, sehr, sehr intensiv glaubt, dass das richtig ist, was sie denkt und empfindet, die aber ständig was anderes denkt und empfindet – diese wetter­leuch­tende Sicht auf Welt hat mich total inter­es­siert.

Eigent­lich ist das auch die Chronik eines psychi­schen Ausnah­me­zu­stands, und wie eine Frau diesen Ausnah­me­zu­stand mithilfe des Kinos mal verstärkt und mal dämmt, weil Kino ja auch ein perma­nenter Ausnah­me­zu­stand ist. Insofern ist das eine Geschichte übers Kino, aber auch die Geschichte einer spezi­ellen Form von Irrsinn.
Diesen Irrsinn kann man auch als Liebes­kummer beschreiben. Aber genau nicht im Sinne des retar­die­renden Moments der Romcoms, bevor der »girl gets boy back«-Teil beginnt. Es gibt ja diesen Moment in Liebes­be­zie­hungen, wo eigent­lich klar ist: »das ist vorbei«, wo aber keiner von beiden diese Klarheit für sich zulässt.
Diese Verdrän­gung erzeugt seelische Ausnah­me­zu­stände, die meine Heldin sich ganz hart weigert zu erkennen.

artechock: Trotzdem hat das Buch ja etwas Univer­sales, das über den Liebes­kummer hinaus geht…

Fendel: Ja, ich glaube, dass man die Welt »in a nutshell« oder »in a nutperson«, das passt hier doppelt, erzählen kann. Mir geht es natürlich ganz klar um ein Frau­en­bild, das gras­sie­rende Frau­en­bilder konter­ka­riert.
Ich wollte eine Frau­en­figur entwerfen, die mit gängigen Bildern weder in ihrer Stärke noch in ihrer Schwäche zu greifen ist. Ich wollte bestimmte Bilder zertrüm­mern, anhand derer Frauen Identität konstru­ieren. Allen voran das der »Powerfrau«.

Denn es stimmt ja theo­re­tisch: toller Mann, toller Job, tolles Haus, glamourös, ange­kommen – das ist sie, also, an diesem Punkt, wo sowohl roman­ti­sche Komödien enden als auch die Träume von soge­nannten Karrie­re­frauen. Eigent­lich ist sie ja wie aus einem »Starke Frau«-Portrait in »Brigitte Woman« oder so, aber all das ist in ihrer Selbst­wahr­neh­mung total irrele­vant.

Deswegen sucht sie auch ständig Freun­dinnen. Das ist ja eine Frau auf der Suche nach Frauen, die ihr ein anderes Iden­ti­täts­mo­dell bieten können, als sie selbst in der Lage ist, für sich herzu­stellen. Deswegen hat sie diesen Wahn mit Jane Campion. Dass diese flusige Person sich so eine femi­nis­tisch konno­tierte Regis­seurin sich als Lebens­heldin und Takt­ge­berin ihres Daseins aussucht, finde ich lustig – deswegen muss sie aber auch enttäuscht werden. Weil an der Stelle der Femi­nismus versagt. Der Femi­nismus erkennt und erlöst nämlich sein eigenes Gegenüber nicht: die verwirrte Frau.

artechock: Woran liegt es eigent­lich, dass Jane Campion für sehr viele Frauen so ein beson­deres Role-Model ist?

Fendel: Naja zum einen die Eckdaten: eine Frau, die ihre Filme selber insze­niert, selber schreibt, und ein, zwei Welt­erfolge hatte und Jahr­zehnte im inter­na­tio­nalen Film­ge­schäft durch­ge­halten hat. So viele gibt es da ja nicht.
Zum zweiten, weil nahezu alle ihre Filme ja Frauen in den Mittel­punkt stellen und deren Erwe­ckungs­ge­schichten erzählen.
Das sind natürlich auch weibliche Entlas­tungs­phan­ta­sien, in denen, femi­nis­tisch umrahmt, sexuelle oder sonstige Erwe­ckungs­ge­schichten im geschützten Raum abge­ar­beitet werden können.

artechock: Findest du Das Piano auch Campions besten Film?

Fendel: Nee, ich finde In the Cut ihren besten Film. Sweetie war auch schon super. In the Cut ist natürlich ein verun­glückter Film, klar, aber ich finde ihn super. Der ist super in seiner Vers­tört­heit. Er passt auch gut zu meiner Haupt­figur – genauso balla­balla und von Flieh­kräften zerrissen. Das hat mich total inter­es­siert. Wenn man In the Cut gesehen hat, geht man mit einem Ener­gie­schub raus – das ist jetzt keine besonders film­kri­ti­sche Kategorie. Aber er ist halt nicht nicht weiner­lich.
Unin­ter­es­sant fand ich Bright Star. Ich fand ihn viel zu schön, viel zu alles. Sie viel zu kess, ihn zu elegisch, das Lila zu lila, die Geigen zu schluch­zend.
Das war ihrer nicht würdig. Das Piano muss man ein bisschen in seiner Zeit sehen. Wenn ich den jetzt sehe, denke ich auch: okay… Aber beim ersten Mal war er toll. Beim zweiten auch. Man sollte sich nicht rück­wir­kend um seine eigenen Seher­leb­nisse bringen.

artechock: Hast du eigent­lich mal Simone de Beauvoir gelesen?

Fendel: Ein bisschen.

artechock: Ich frage, weil Simone de Beauvoir auch als Iden­ti­fi­ka­ti­ons­figur taugt. Und weil sie die Themen berührt, die du berührst: Selbst­ver­ant­wor­tung von Frauen. Frauen könnten auch anders, wenn sie wollten und wenn sie nicht immer die Ausreden suchen würden…

Fendel: Die suchen Ausreden und sie vertrauen auf die Regel – das ist ja durchaus auch auto­ritäts­gläubig: Sie, also die Akti­vis­tinnen, wollen fünfzig Prozent von der Welt, die die Männer gebaut haben. »Fünfzig Prozent vom Himmel!« Was ist das denn, dieser Himmel? Und sie wollen diesen Himmel an Zahlen fest­ma­chen – wie die Männer alles an Zahlen fest­ma­chen.
Keine sagt, ja, ich will die Geschichten, die ich erzählen will, erzählen können zu dem Budget, das es für diese Geschichte braucht. Keine sagt: Ich will die optimale Bedingung für meinen Film haben, weil der wichtig ist.

artechock: Viele soge­nannte Femi­nis­tinnen argu­men­tieren gern so: »Es muss doch auch ohne Macht gehen. Es gibt doch weib­li­ches Filme­ma­chen. Wir wollen keine Stärke und Selbst­be­haup­tung, das ist doch blödes Gockel­ge­habe…«

Fendel: Ich schlaf jetzt schon ein, Rüdiger…

artechock: Ja, ok, aber für unsere Leser: Was ist denn an dieser Heran­ge­hens­weise falsch? Ist Macht etwa männlich?

Fendel: Mein Problem ist, dass ich es sowas von sinnlos und unin­ter­es­sant finde, »die Gender-Lupe« raus­zu­holen. Weil das so ein Neben­schau­platz ist. Wir leben in einer Welt – hier, jetzt, in Deutsch­land – wo jede Frau, die es auf die Kette kriegen will, es auch auf die Kette kriegen kann. Das mag zu flapsig klingen, aber ich finde es inter­es­santer zu schauen, was die Frauen, die sich durch­zu­setzen in der Lage wren, verbindet, als mich den Zahle­spielen zu widmen. Denn das ist weder politisch noch cine­as­tisch relevant und eins von beidem sollte es schon sein.
Ja: es gibt noch ein paar Probleme. Ja, es werden noch bestimmte Frauen für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt. Das ist falsch und das muss man ändern.
Aber das sind Auslauf­mo­delle struk­tu­reller Unge­rech­tig­keit. Da kann man jetzt dabei zugucken, wie sowas fällt. Das wird schon rein partei­po­li­tisch von niemandem mehr vertei­digt als viel­leicht von der AFD.
Und mich ärgert geradezu, dass das Gerech­tig­keits­thema, um das es im Kern ja hier geht, nicht mit weiteren Themen verknüpft wird. Das ist kein What-aboutism, sondern die plausible und notwen­dige Auswei­tung der Kampfzone.

Ich will von einer sich quoten­po­li­tisch äußernden Frau auch wissen, wie sie etwa zu der Frage der offenen Gesell­schaft und der offenen Grenzen steht, was sie vom Flücht­lings­deal mit der Türkei hält und von einer Deckelung von Manager-Gehältern und so weiter. Ich will wissen, wie sie sich mit einem »Wir« befasst, das uns alle meint. Das inter­es­siert mich viel mehr als die Frage, wie man jetzt den Pay-Gap schließen kann, denn der wird geschlossen.

Was mich daran ärgert: Frauen wurden lange Zeit struk­tu­rell klein­ge­halten und halten sich jetzt selbst struk­tu­rell klein, indem sie sich so schwung­voll die ganze Zeit mit ihrer Unter­drü­ckung und Benach­tei­li­gung und deren Über­win­dung befassen, ohne zu merken, dass damit eine neue Variante der Haus­frau­en­e­xis­tenz entsteht.

Im Haus der Gleich­be­rech­ti­gung stehen sie jetzt am Forde­rungs­herd. Sie köcheln sich ihre Forde­rungen, und sind damit schon wieder »von der Straße« weg, also dem Ort, wo ein weiter gefasstes und poli­ti­sches Weltbild geformt wird.

Vor allem aber erwarte ich von Filme­ma­che­rinnen, dass sie cine­as­ti­sche und ästhe­ti­sche Posi­tionen beziehen. Es müsste doch möglich sein, darüber zu reden, welche Filme sie auf welche Weise machen wollen, nicht darum, allein darüber zu reden, warum sie die Filme, die sie machen wollen (von denen wir leider gar nichts erfahren) jetzt nicht machen können oder erst werden machen können, wenn sie ihre fünfzig Prozent Förder­quote erzielt haben – das sind Neben­schau­plätze.

Versuch doch mal – ich pauscha­li­siere natürlich jetzt, aber denk das bitte einfach mit – versuch doch mal, mit Frauen ernsthaft, breit und fundiert über Kino, Film­ge­schichte oder Genre zu reden. Geh doch mal ins Film­mu­seum oder ins Arsenal in Film­reihen und Werk­schauen, wenn da jetzt nicht gerade eine Romantic Comedy läuft, und guck mal, wieviel Frauen da sitzen im Verhältnis zu den Männern? Geh doch mal in eine Festi­val­re­tro­spek­tive und guck dir alle zwanzig oder dreißig Filme an. Da gibt es immer etwa zwei Dutzend Männer, die da jeden Abend sitzen und sich alles ansehen – aber so gut wie keine Frau als Dauergast. Haben die auch alle, wie Dieter Kosslick, ein Heimkino?

Ich glaube, es gibt ein struk­tu­relles Dilemma, was Frauen und Kino betrifft, einen abwe­senden Diskurs. Es gibt ja auch relativ wenig Ton angebende Film­kri­ti­ke­rinnen, und es gibt auch wenig Regis­seu­rinnen, die sich öffent­lich auf fundierte Weise mit Kino ausein­an­der­setzen oder das als wichtig propa­gieren.

Von den Filme­ma­che­rinnen, die Pro-Quote-Forde­rungen in die Welt senden, möchte ich mal etwas über ästhe­ti­sche Maßstäbe und Film­ge­schichte hören. Natürlich nicht zur Legi­ti­ma­tion oder als Prüfung, aber um sie im Kontext ihrer Arbeit sprechen zu hören, nicht nur im Kontext der Arbeits­be­schaf­fungs­maß­nahme.

Es gab da für mich letztes Jahr eine exem­pla­ri­sche Podi­ums­dis­kus­sion in Köln an der KHM, also der Kunst­hoch­schule für Medien, die Anke Domscheit-Berg moderiert hat. Die ganze Zeit ging es um Geschlech­ter­gleich­heit bei IBM, bei BMW, also auf jeden Fall um Wirt­schafts­un­ter­nehmen. Und als dann die Regis­seurin Isabelle Suba und ich zwei Minuten lang über die Filme europäi­scher Regis­seu­rinnen geredet haben, hat die Mode­ra­torin das abge­blockt mit der Bemerkung: »Wir wollen das jetzt nicht vertiefen.«

Das war für mich beispiel­haft: Wenn zwei Frauen im Rahmen eines Gespräches über Regie­quote anfangen, inhalt­lich über Filme zu reden, über Kunst, dann werden sie von einer Frau abgewürgt. Weil wir ja über Prozente und Zugänge und Sicht­bar­keit reden sollen.

Natürlich sind reichlich inter­es­sante Filme­ma­che­rinnen unter den Akti­vis­tinnen, aber das, was sie inter­es­sant macht, nämlich ihre Arbeit, von der sprechen sie nicht.

Generell ist die Art und Weise, mit der deutsche Regis­seu­rinnen im dritten Jahr auf der Berlinale sichtbar werden – als Sticker vertei­lende, Prozent­punkte einkla­gende Akti­vis­tinnen im Frucht­bla­sen­zelt der »Pro Quote Akti­visten« identisch mit der Form, in der poli­ti­sche Partien für sich werben. Dass das die Form ist, mit der Frauen in Deutsch­land auf den Plan treten, wenn sie Fort­schritt meinen, erschreckt mich.

Wenn Dieter Kosslick wirklich cool wäre, würde er sagen: Lassen wir das mal mit den ganzen Pro-Quote-Zelten und Sonn­tags­reden – ich mache statt­dessen mal ein rein weib­li­ches Wett­be­werbs­pro­gramm. Schauen wir doch mal: Ein Jahr lang suchen und finden, und dann 20 Wett­be­werbs­filme nur von Frauen.

Das fände ich super. Würde mich total inter­es­sieren. Probieren wir es doch mal aus. Würde ich als Kampagne sofort unter­s­tützen. Steht aber auf keinem Aufkleber.

artechock: Vor allem würde man dann nicht jeden Film von einer Frau unter dem Gesichts­punkt betrachten, dass er von einer Frau ist…

Fendel: Genau, dann könnte man die mal auch wieder als Filme angucken. Das fände ich inter­es­sant. So, Dieter: 2019 ist dein letztes Jahr, mach doch mal.

artechock: Ist dieser ganze Diskurs über Frau­en­gleich­be­rech­ti­gung ein Ablen­kungs­dis­kurs?

Fendel: Nein es ist eher ein rein ökono­mi­scher Diskurs und als solcher in Ordnung. Es ist ja total okay, zu sagen, ich will mehr Geld verdienen. Es hat nur mit Kunst und Cine­philie nichts zu tun. Das wird aber unter­ge­hoben.

Wenn im Rahmen des Quoten­dis­kurses die Rede auf den soge­nannten »weib­li­chen Blick« kommt, dann wird es unsauber, anti-cine­as­tisch, ungenau. Wenn du da mal nach­bohrst, und fragst: Was meint ihr denn mit dem »weib­li­chen Blick« wird von größerer Diver­sität und dem Bestehen des langsam zu Tode zitierten »Bechdel-Tests« gespro­chen. Also von Frauen, die im Film über etwas anderes als Männer reden. Nun denke ich, dass man auch femi­nis­tisch-korrekt über Männer reden kann. (Ganz nebenbei glaube ich, dass auch Frau­en­gespräche im so genannten echten Leben eher selten den Bechdel-Test bestünden…)

Der erste Teil von Fifty Shades of Grey – von einer Frau geschrieben, von einer Frau insze­niert – war das kein weib­li­cher Blick? Oder der falsche?

Ist es denn wirklich so, dass Frauen andere Filme machen? Würde man bei einer Sichtung ohne Credits wirklich einen von einer Frau insze­nierten »Tatort« von dem eines Mannes unter­scheiden können?

Wir wollen mehr »Tatort«- oder »Groß­stadt­re­vier«-Regie­auf­träge bekommen, weil wir auch Geld verdienen wollen und müssen – das ist total okay. Aber wenn gesagt wird: Wir wollen mehr »Tatort« machen, damit der weibliche Blick zum tragen kommt, dann sage ich: Nee, lass stecken.

artechock: Ein ökono­mi­scher Diskurs, das wäre ja Politik. Da ginge es um Betei­li­gung an Pfründen, letztlich an Macht. Aber was ist demge­genüber der einge­klagte ästhe­ti­sche und cinephile Diskurs?

Da wir in diesen Tagen beide an einem Symposium des Filmbüro NRW zum Verhältnis von Film und Politik teil­nehmen, möchte ich mal fragen: Wo wird das Ästhe­ti­sche als Ästhe­ti­sches politisch? Beim Ökono­mi­schen ist das offen­sicht­lich, beim Ästhe­ti­schen nicht…

Fendel: Ich meine einen Diskurs, der zum einen das gewählte Medium aufgreift, also ganz einfach eine Ausein­an­der­set­zung mit dem, was Kino und Fernsehen für die Regis­seu­rinnen sind, was sie mögen, ablehnen, wie sie histo­ri­sche und aktuelle Arbeiten einordnen und bewerten. Wie sie die Arbeit der einzelnen Gewerke sehen, lesen und hören.

Zum anderen würde mich eine persön­liche Verortung inter­es­sieren, also welche Vorbilder und Prägungen die eigene Arbeit bestimmen. Ich denke, das sind ganz banale und nahe­lie­gende Dinge für jeden, der oder die Filme macht. Das wäre ja auch eine Macht, nicht umsonst spricht man ja von Deutungs­ho­heit, also das Führen von Diskursen und Besetzen film­kri­ti­scher Terrains. Ich habe aber tatsäch­lich in den vergan­genen zwei­ein­halb Jahren »Pro Quote Regie« keinen Satz zu cine­as­ti­schen Themen gehört oder gelesen.

Zum zweiten Teil deiner Frage: Wenn du nicht bloß abbildest oder Gelerntes repro­du­zierst – und wahr­schein­lich selbst dann – erzeugst du Welt. Diese Welter­zeu­gung bewusst zu voll­ziehen, ist für mich poli­ti­sches Handeln. Wann immer wir die Position des Konsu­menten verlassen und etwas hervor­bringen, das – auch – die Multi­pli­ka­tion zum Gegen­stand hat, indem es sich an Leser, Zuschauer usw. richtet, üben wir poten­tiell Macht aus.

Wenn wir Bilder entwerfen, Geschichten erzählen, Form wählen, produ­zieren wir Gegenwart. Ästhetik ist Einfluss­nahme.

artechock:Wie würdest du Godards berühmten Satz »Nicht poli­ti­sche Filme machen, sondern Filme politisch« ins gegen­wärtig Konkrete über­setzen?

Fendel: Im Kontext dessen, was ich grad gesagt habe, also sich der Wirkungs­macht jedes filmi­schen Gewerkes wie deren Summe jederzeit bewusst zu sein. So genannte kreative Entschei­dungen in Ursache und Wirkung zu reflek­tieren und idea­ler­weise auch diese Reflexion in der Arbeit spürbar werden zu lassen.

Inzwi­schen verstehen wir ja unter einem »poli­ti­schen« Film einen, der ein offiziell als politisch geltendes Thema hat. In dieser Logik posi­tio­niert sich ja die Berlinale als poli­ti­sches Filmfest, weil es Filme gibt, die inhalt­lich zu der Themen­aus­wahl der Tages­schau passen. Was Wirkungs­macht und Gegen­warts­ver­or­tung angeht, ist Fifty Shades of Grey aller­dings sicher poli­ti­scher als Fuoco­ammare.

artechock: Gibt es überhaupt Filme, die nicht-politisch sind? Wenn ja: Was ist dann dieses Nicht-Poli­ti­sche?

Fendel: Das Nicht-Poli­ti­sche wäre schlicht das Nicht-Wahr­nehmen des Poli­ti­schen. Das Unter­lau­fene.

artechock: Was heißt für dich poli­ti­sches Enga­ge­ment?

Fendel: Ganz einfach das Über­setzen meiner Über­zeu­gungen in Handeln. Konkret werden.

artechock: Und wie wäre eine (Film-)Kunst beschaffen, die sich engagiert, die aber das Poli­ti­sche nicht verrät?

Fendel: Hm, schwierig. Inter­es­sant, dass du engagiert und politisch sein in einen Wider­spruch stellst.
Viel­leicht indem sie den exakt anderen Weg geht als das persön­liche Enga­ge­ment. Indem sie sich der Konkre­tion verschließt. Georg Seeßlen hat in einer Kritik zu, ich glaube einem Western, mal sinngemäß gesagt, ein Filme­ma­cher müsse das Genre, das er gewählt hat, entweder bedienen oder tran­szen­dieren. Das Poli­ti­sche kann man wahr­schein­lich nur bedienen, indem man es tran­szen­diert, also von den Reflexen befreit bzw. Reflexe in Narration überführt.

artechock: Ich möchte noch mal meine Anfangs­frage sinngemäß wieder­holen: die fehlende Lust an der Debatte und der fehlende Mut zu streiten, die Unfähig­keit zur Streit­kultur. Man traut sich nicht, Dinge offen zu sagen… Auch aus falsch verstan­dener Gnade.
Was tun dagegen – gegen das gegen­sei­tige Belei­digt­sein und Persön­lich­nehmen und gegen die Feigheit der Massen vor der Macht?

Fendel: Das, Rüdiger, treibt mich um, wie wenig zweites. Und zwar als Autorin wie als Unter­neh­merin. Wo kämpfen, mit welcher Ausdauer und in welcher Härte. Jeder Tag ist eine Flos­kel­schwemme, sprach­lich sowieso, aber auch Verhal­tens­flos­keln – die Unter­wür­fig­keits-Exzesse sind da ganz weit vorn – nahezu alles, was wir sehen, erleben und konsu­mieren unter­wirft sich einer Normie­rung, die als »gelernt« firmiert. Also die Gebor­gen­heit im Ritual soge­nannter Erfolgs­ge­schichten. »Muss man das erstmal hinkriegen«, sagt man gerne, wenn irgendwas, das man selber nicht gut ist, großen Erfolg hat. Ob Til-Schweiger-Filme, Eckart-von-Hirsch­hausen-Bücher oder Helene-Fischer-Alben… Muss man alles erst mal hinkriegen.

Ah ja. Und dann findet man das alles doof und ist gleich Spaß­bremse. Oder unso­li­da­risch, wenn man etwa »als Frau« nicht auto­ma­tisch für Regie-Quoten ist. Oder, das aller­schlimmste: intel­lek­tuell. Ein intel­lek­tu­eller Politiker etwa ist längst ein Wider­spruch in sich. Wenigs­tens, solange er gewählt werden muss. Ein Norbert Lammert darf mit Geist prahlen, weil das politisch folgenlos ist, alle anderen befassen sich mit »den Menschen da draußen«. Draußen meint: vor der Tür des Geis­tes­ge­bäudes.

Tja und ich frage mich tatsäch­li­chen jeden Tag aufs Neue, in welche Arena steige ich rein: Wie oft sage ich meinen Mitar­bei­tern, dass ich das Wort »dürfen« nicht in Anschreiben lesen möchte, wie ehrlich sage ich »meinen« Künstlern, wie ich ihre Arbeit sehe und wie sehr wider­setze ich mich Kunden­vor­gaben.

Ich will nicht ständig zornig sein oder gar unglück­lich über diese »gelernten« Gewiss­heiten. Ich bin es aber. Ich fühle mich auch hilflos, wenn ich diesem Gelernten nur Unge­fähres entge­gen­halten kann: Such­be­we­gungen, Sehnsucht, Möglich­keiten, Aufbruch, Zwischen­töne, Schicksal, Verheißung.

Was also tun? Für mich kann es nur heißen, aus dieser Hilf­lo­sig­keit Wider­stand zu schmieden. Harten, schlag­kräf­tigen Wider­stand. Und vorher tief genug in die Trick­kiste der Macht­spiele zu greifen, damit die Menschen da draußen glauben, dass die Hand, die diese Schläge führt, einer mächtigen Frau gehört.

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Heike-Melba Fendel: »Zehn Tage im Februar«, Blumenbar Verlag, 18 Euro

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Cinema Moralia – Folge 150: Pro Quote Ästhetik!

Toni Erdmann: Ist nach der männlichen (!) Hauptfigur benannt. Ob er wohl ästhetischen Maßstäben gerecht wird?

Frauen vor Film­land­schaft – was der deutsche Film wirklich braucht; Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 150. Folge

Für mich ist jeder Tag Welt­frau­entag. Ich bin ein Feminist. Gleiche Rechte, gleiche Chancen, gleiche Bezahlung, das ist alles überhaupt nicht die Frage.
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Sehr wohl eine Frage ist aber die Perspek­tive. Worum geht es eigent­lich bei der ganzen Frauen-Quoten-Gleich­be­rech­ti­gungs-Political-Correct­ness-Debatte? Provo­kativ formu­liert: Nutzt es mir, wenn Frauke Petry genauso gut bezahlt wird, wie Björn Höcke?
Oder nutzt es mir mehr, wenn es einfach mehr gute Filme gibt? Egal, ob sie von Männern oder von Frauen kommen? Klar: Das war jetzt eine rheto­ri­sche Frage. Und eine pole­mi­sche.
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Frauen sollen auch das Recht haben, schlechte Filme zu machen – dies ist einer der dümmeren, dieser an klugen Sätze nicht sehr reichen Debatte.
Ich finde viele Argumente, die da aufge­bracht werden, irrele­vant, oft into­le­rant, gele­gent­lich stali­nis­tisch. Neulich hab ich zum Beispiel den Newspeak-Begriff »Cultural Appro­pria­tion« gelernt, »kultu­relle Aneignung«. Gemeint ist damit unter anderem, im Fasching als Indianer rumzu­laufen. Ist böse, weil man die Indianer nicht gefragt hat. Der Ausdruck wiederum ist bestimmt nicht gerechte Sprache. Nun inter­es­siert mich, ehrlich gesagt, gerechte Sprache nicht die Bohne. Schon deshalb, weil gerechte Sprache das Gegenteil von Gerech­tig­keit ist. Gerechte Sprache verfälscht die realen Verhält­nisse. Tarnt und maskiert und gibt den Spre­chenden noch ein gutes Gewissen. Gibt es weniger Rassismus, weil wir nicht mehr »Neger« sagen?
Es ist noch nichts auf der Welt besser geworden, weil wir unsere Sprache verändert haben. Was die Verhält­nisse besser macht, sind Verän­de­rungen der Macht­ver­hält­nisse.
Weil das die Linken nicht begreifen, gewinnen sie bei Wahlen nicht die Macht. Weiterlesen

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Keiner sollte das Recht haben, schlechte Filme zu drehen – weder Frauen noch Männer. »Recht« kann ja hier nichts Juris­ti­sches oder Mora­li­sches heißen, sondern »das ästhe­ti­sche Recht«. Natürlich gibt es keine Zensur, gut so: Jeder darf jeden möglichen Müll produ­zieren. Aber wem nutzt es?
Was wir brauchen ist nicht political correct­ness, sondern ästhe­ti­sche Maßstäbe. Es ist bezeich­nend für den Status Quo, dass noch nie die Frage nach dem Ästhe­ti­schen ernsthaft zum Thema wurde.

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Der deutsche Film, nein: Das Kino überhaupt braucht mehr Toleranz für Expe­ri­mente und mehr ästhe­ti­sche Strenge glei­cher­maßen.

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Worum geht es in diesen ganzen Debatten, diesen verqueren Debatten? In jedem Fall müssen Frauen Geld einfor­dern: ökono­mi­sche Gleich­be­rech­ti­gung.
Ansonsten sollte man darüber offen reden, dass Frauen in der Regel keine Frauen fördern. Wenn also viel weniger Frauen als Regis­seure Filme machen, dann liegt das auch daran, dass viele Frauen in den Förder­gre­mien und den Redak­ti­ons­stuben sitzen,
Wenn man Frauen nach ihren persön­li­chen, ganz konkreten Erfah­rungen fragt, kommt eigent­lich selten ein konkreter Beleg. Benach­tei­li­gung scheint diffus – was keines­wegs beweist, dass es sie nicht gibt.

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Viel zu wenig unter­schieden wird auch zwischen zwei anderen Möglich­keiten: Wollen die Frauen nun an die Fleisch­töpfe, also Betei­li­gung am System, oder wollen sie das System als solches verändern, also die Fleisch­töpfe auskippen und »weib­li­ches Filme­ma­chen« einführen?
Hier könnte man sich klarere Posi­tionen wünschen, derzeit wabert die Debatte zwischen beiden Polen hin und her. Das System im Prinzip ist überaus schrottig – aber zu revol­tieren traut sich dann doch keiner. Was sich ändern muss, so scheint es, ist doch nicht primär ein weib­li­ches oder männ­li­ches Verhalten, sondern vielmehr die Wahr­neh­mung und die Bewertung des Systems.

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Ein Gespräch mit einer hoch­ran­gigen ARD-Mitar­bei­terin über das Sparen in den Sendern. Gespart wird selbst­ver­s­tänd­lich an den falschen Stellen, nicht an Betriebs­renten, sondern am Archiv. Inzwi­schen sei es so weit, dass BR und NDR nicht einmal mehr das zurück­lie­gende Jahr anständig in die Archive einpflegen würden. »Ein Politikum«, sagte die Redak­teurin. Weil an der Doku­men­ta­tion gespart wird und am »Verschlag­worten« des Programms, ist seriöse Archi­v­re­cherche in manchen Sendern schon derzeit nicht mehr möglich.

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Gespräch mit einem Kino­be­treiber über die merk­wür­dige Politik der Verleiher: »Ich sympa­thi­siere mit Torsten Frehse« hatte ich gesagt. Der Satz provo­ziert offenbar: »Du sympa­thi­sierst mit Torsten Frehse?« Er kann es nicht fassen. »Der ist halt ein Zocker«. Und wir sprechen über die Vor- und Nachteile, die es hat, wenn Bruno Dumonts Die feine Gesell­schaft als Komödie vermarktet wird, in der Tradition jener fran­zö­si­schen Dödel­komö­dien, die in den letzten Jahren über dem deutschen Publikum ausge­gossen wurden. Und wenn zugleich fast alle Kopien in der deutschen Synchro­ni­sa­tion ins Kino kommen. Natürlich sei der Film lustig, aber doch ganz anders als etwa Monsieur Claude und seine Töchter. »Aber auf Deutsch ist es nicht komisch, wenn Juliette Binoche hyste­risch trällert… die, die den gesehen haben, finden ihn dann halt schlecht,.«
Allein in den letzten Wochen hat er sich oft geärgert: Farhadis The Salesman kam kaum mit Origi­nal­fas­sung ins Kino. Scorseses Silence außerhalb der Großs­tädte nur in OV oder synchro­ni­siert, »nie als OmU«. Schon Taran­tinos Django Unchained habe durch derartig dogma­ti­schen, unein­sich­tigen Umgang seiner­zeit viele Zuschauer verloren. »Aber wer versteht schon den Südstaa­ten­ak­zent von Leonardo Di Carpio?«
Da sieht man dann, wie dick der Sand im Getriebe des deutschen Kinos ist. Oben wird viel Geld hinein­ge­worfen, unten zerbrö­selt dann alles.

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Wie irre!! Jetzt muss der Mitar­beiter von »Price­wa­ter­house Coopers« (PwC) unter Poli­zei­schutz gestellt werden, weil er die Umschläge bei der Oscar-Verlei­hung falsch zuge­ordnet hat.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Artechock Berlinale-Tagebuch Folge 6: Die Berlinale zeigt heute weniger deutsche Filme als in den 90er Jahren

Die Perspektive »Neues deutsches Kino« auf der Berlinale: Ghetto fürs deutsche Kino? (Foto: Szene aus Mascha Schilinskis in der Perspektive laufenden Film Die Tochter)

Die Regis­seure werden immer älter, die Frauen nicht mehr und die Deutschen laufen im Ghetto – was tut Dieter Kosslicks Berlinale wirklich für den deutschen Film? Eine Münchner Studie liefert über­ra­schende Ergeb­nisse – Berlinale-Tagebuch, Folge 06

Die Berlinale ist das mit Abstand größte deutsche Film­fes­tival und auch eines der inter­na­tional bedeu­tendsten Film­fes­ti­vals der Welt. Dort laufen in über einem Dutzend Sektionen und Unter­sek­tionen Filme aus aller Welt, nicht zuletzt auch immer mehr Filme von Regis­seu­rinnen und immer mehr Filme aus Deutsch­land. Denn die Berlinale behauptet von sich, dass sie Frauen fördert und viel für das hiesige Kino tut, ein Schau­fenster für den deutschen Film ist.
»Wir haben 74 deutsche Filme in allen Programmen der Berlinale, das ist ja auch wichtig und drei im Wett­be­werb und mehrere deutsche Filme noch im ‘Berlinale-Spezial’.« Also sprach Berlinale Direktor Dieter Kosslick erst vor einer Woche, als er das dies­jäh­rige Programm vorstellte. Stimmt doch auch. Oder etwa nicht?
Es stimmt zumindest nicht ganz, muss man zugeben. Drei Wissen­schaftler der LMU, der Münchner Univer­sität und der HFF München, der Münchner Film­hoch­schule, Tanja C. Krainhöfer, Konrad Schreiber und Dr. Thomas Wiedemann,haben jetzt etwas genauer hinge­schaut, was wirklich an den voll­mun­digen Behaup­tungen und dem Selbstlob der Berlinale dran ist.
Das Ergebnis ist ernüch­ternd.
Die Wissen­schaftler haben 37 Jahre Berlinale-Programm gründlich unter die Lupe genommen und nach Herkunft, Alter und Geschlecht der Filme­ma­cher aufge­schlüs­selt. Weil im Gegensatz zu Cannes oder Venedig in Berlin die Leiter leicht die Amts­zeiten sowje­ti­scher Partei­funk­ti­onäre über­schreiten, werden damit genau­ge­nommen nur zwei Inten­danten mitein­ander vergli­chen: Der Schweizer Moritz de Hadeln, der 1980 die Leitung der Berlinale übernahm, und sein Nach­folger nach 21 Jahren,
Dieter Kosslick, der, wenn er im Jahr 2019 aufhört, auch 19 Jahre im Amt sein wird.
Was etwas trocken als »Unter­su­chung der Programm­di­ver­sität« – also der Programm­viel­falt – »der Inter­na­tio­nalen Film­fest­spiele Berlin« bezeichnet wird, ist
viel mehr nur eine enorme Fleiß­ar­beit – hinter allerlei Zahlen­ta­bellen und Diagrammen enthält der Text auch einigen kultur­po­li­ti­schen Spreng­stoff.
Das wich­tigste Ergebnis: Der Anstieg des deutschen Produk­ti­ons­auf­kom­mens spiegelt sich nicht in einer Erhöhung der program­mierten deutschen Produk­tionen wider. Gemessen am Gesamt­pro­gramm, das in den letzten Jahr­zehnten mehr als verdrei­facht wurde, hat der Anteil der deutschen Filme sogar abge­nommen. Weiterlesen

Die immer gern wieder­holte Selbst-Preisung des Direktors, er Dieter Kosslick habe auf seiner Berlinale so viel für die Präsenz des deutschen Films getan, ist auch in anderer Hinsicht einfach unwahr.

Denn abgesehen vom Wett­be­werb nimmt der Anteil der deutschen Filme in den wichtigen Sektionen »Panorama« und »Forum« sogar deutlich ab. Die relativ neue Sektion »Perspek­tive deutsches Kino« erweist sich als ein Ghetto für das deutsche Kino – in der Studie ist von einer »frag­wür­digen« »Abspal­tung« vom jungen inter­na­tio­nalen Programm die Rede.

Und noch mit einem weiteren Ergebnis übt die Studie deutliche Kritik: »Große Versäum­nisse sind … erkennbar, wenn es darum geht, die Vielfalt der deutschen Gesell­schaft im Programm wider­zu­spie­geln. Dies gilt einer­seits hinsicht­lich der Reprä­sen­tanz von Filme­ma­chern mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, ande­rer­seits aber auch im Hinblick auf den Anspruch auf Teilhabe von einzelnen Gruppen der deutschen Zuwan­de­rungs­ge­sell­schaft.«

Der multi­kul­tu­relle Alltag in Deutsch­land wird auf der Berlinale nicht sichtbar.

Auch in anderer Hinsicht genügt die Berlinale nicht ihren eigenen Ansprüchen bei genauerem Hinsehen nicht, jeden­falls nicht in Bezug auf das deutsche Kino: Die Gleich­stel­lung von Frauen.

O-Ton Dieter Kosslick auf der Pres­se­kon­fe­renz: »Das is’ ja heute wichtig: 124 Frauen sind im Programm der Berlinale vertreten, ja muss man sagen, die sind entweder mit Kamera, Produk­tion oder Regie vertreten. Wir sind auf gutem Wege«

Die Neben­be­mer­kung in Dieter Kosslicks Statement ist schon ein guter Hinweis. »Kamera und Produk­tion« – bei Männern würde der Berli­na­le­di­rektor das gar nicht erwähnen. Immerhin hat er Schau­spie­le­rinnen nicht auch noch mitge­zählt.

Was aber hinter den gut klin­genden 124 Frauen bei 370 Filmen nicht dazu gesagt wird: Die wenigsten sind Regis­seu­rinnen. Und wenn doch, dann kommen sie nicht aus Deutsch­land.

Aus der Münchner Studie wird Wider­sprüch­li­ches deutlich. Einer­seits steigt der Anteil der Regis­seu­rinnen konti­nu­ier­lich. Aber nur inter­na­tional. Deutsche Regis­seu­rinnen gibt es heute auf der Berlinale kaum häufiger, als vor 37 Jahren.

Und auch der allge­meine Anstieg ist vor allem ein statis­ti­scher Mittel­wert. Denn über die Jahre gibt es erheb­liche Schwan­kungen. Nur ein einziges Mal lag der Anteil von Regis­seu­rinnen im Programm höher als im aller­ersten Jahr 1980: 1999. Unter Dieter Kosslick lag er niemals so hoch wie unter seinem Vorgänger.

Mit solchen Fakten schütten die Münchner Wissen­schaftler etwas Wasser in den Wein des Festival-Marke­tings. Den Kater nach dem Berlinale-Rausch in ein paar Tagen wird das hoffent­lich mildern.

Das gesamte Berlinale-Tagebuch 2017 von Rüdige Suchsland finden Sie hier auf Artechock: http://www.artechock.de/film/text/special/2017/berlinale/index.htm

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Cinema Moralia – Folge 145: »Wenn ich keinen Verleih finde, gründe ich meinen eigenen«

Eine Ausstellung in der Pasinger Fabrik widmet sich Zur Sache, Schätzchen, dem Kultfilm der 68er. Infos über die Rahmenveranstaltungen gibt es unter www.schamoni.de (Foto: Archiv Schamoni Film)

»Wenn Sie heute schrieben: hier an dieser Stelle: den ‘Werther'; die Epigramme und Elegien; Prome­theus auf Italie­ni­scher Reise: Sie stünden längst vor Gericht! Als Defaitist; als Erotiker; wegen Gottes­läs­te­rung; Belei­di­gung poli­ti­scher Persön­lich­keiten!«– Arno Schmidt, »Goethe und Einer seiner Bewun­derer« (1957)
»Ich lese immer die Morgen­post, um das Lokale mitzu­be­kommen.« – »Ich lese die NZZ, um dem Lokalen zu entgehen.«– Dialog in einem Café

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Pop pur – wer Uschi Glas nur daher kennt, weil er sie in den Nuller-Jahren mal gesehen hat, wie sie in Leder­hosen in irgend­einem Wiesn-Zelt auf der Bühne tanzt (wie ich dies mal an einem unver­gess­li­chen Abend gemeinsam mit Richard Oehmann gesehen habe, WIRKLICH gesehen habe, nicht nur im Rausch der fünften Mass), der kennt auch Uschi Glass nicht.
In die Münchner, die baye­ri­sche und die deutsche Film­ge­schichte ist sie einge­gangen und wird dort bleiben, weil sie in Zur Sache, Schätz­chen gespielt hat. Dieser Film, 1967 in München gedreht, reprä­sen­tiert mehr als viele Werke den Kino-Aufbruch der späten 60er Jahre, und das Lebens­ge­fühl der kultu­rellen Revolte und überhaupt der west­deut­schen Locke­rungen jener Jahre.
Es ist darum nur folge­richtig, dass die Pasinger Fabrik, in gestern eine Ausstel­lung zum Film eröffnet wurde, den Film in den Zusam­men­hang eines weiter ange­legten Projekts zum »Lebens­ge­fühl der 68er« stellt, dem sich in nächster Zeit viele Insti­tu­tionen und Museen widmen werden. Die Ausstel­lung, die bis zum 29.01.2017 läuft (mit Begleit­ver­an­stal­tungen), soll danach 2017/18 auch auf Reisen gehen.
Produ­ziert wurde Zur Sache, Schätz­chen bekannt­lich vom Münchner Filme­ma­cher Peter Schamoni. Weiterlesen

In dessen hinter­las­senem Archiv befinden sich die Produk­ti­ons­un­ter­lagen, Dreh­bücher, ca. 1000 6×6 Negative von größ­ten­teils unver­öf­fent­lichten Fotos der Dreh­ar­beiten, die Original-ARRI-Aufnah­me­ka­mera, das NAGRA-Aufnah­me­gerät und die Tonbänder vom Dreh, und alles mögliche sonstige Material. Auch Regis­seurin May Spils und Haupt­dar­steller Werner Enke haben ihre persön­liche Sammlung zur Verfügung gestellt – mit anderen Worten: die Ausstel­lung ist eine tolle Wunder­tüte. In der »Welt« schrieb Rüdiger Dilloo zum Filmstart am 12. Januar 1968: »May Spils und Schamoni treffen sich in der Ansicht, der junge deutsche Film dürfe bei aller L’art-pour-l’art-Spielerei und höchst­per­sön­li­cher Gesell­schafts­grü­belei ruhig auch die Kinokasse fixieren. ‘Kommer­ziell’ ist ihnen nicht a priori ein Schimpf­wort. Ihr Film lebt von seinem Tempo; der köstliche Jargon-Dialog, die optischen Einfälle folgen einander geradezu unöko­no­misch schnell: Martin (Werner Enke), dabei, seinen Geburtstag zu verschlafen, wird von Henry (Henry van Lyck) aus dem Bett geschmissen, albert im Schwimmbad, später mit einem dort aufge­ga­belten Mädchen (Uschi Glas) im Tierpark herum, schläft unver­bind­lich ein bisschen mit ihr, weil sie so kuschelig ist, und hat dazwi­schen ein paarmal Ärger mit der Polizei, weil er als Zeuge eines Einbruchs nicht aussagen will. Dazwi­schen: Kneipen, Zocken, Tisch­fuß­ball; und jeden­falls Prin­zi­pi­en­treue: Bloß nicht Geld verdienen, bloß nicht Familie, bloß nicht Bürger­sinn, Verant­wor­tung, Anpassung, Normal­sein. Zur Sache, Schätz­chen ist kein Film, der zu irgend­wel­chen Bewusst­se­in­s­ufern hinführt. Er ist einfach unter­hal­tend, komisch, dabei intel­li­gent.«
Man muss den Film jetzt deshalb zwar nicht zum »deutschen ‘AUSSER ATEM« hoch­jazzen.
Aber von da an ging es nicht nur mit Uschi Glas bergab.

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»Berlin verkauft Pfle­ge­heime für 420 Euro. Und was machen sie damit? Sanieren die Stadt­au­to­bahnen.« Auch das schnappte ich gerade erst im Café auf.
Sehr gern würde ich hier Veran­stal­tungen auch vom Rest der Republik ankün­digen, aber entweder schlafen die Pres­se­stellen, oder Berlin und München sind wirklich die einzigen Orte, an dem filmmäßig etwas passiert. Wie immer Anfang Dezember geben sich in der Haupt­stadt gleich zwei Festivals die Klinke in die Hand: Die Fran­zö­si­sche Filmwoche mit einem insgesamt etwas dünnen und braven Programm, in dem aber immerhin mit Paul Verhoevens Elle einer der besten Filme des Film­jahres läuft. Und »In 14 Films around the world«, eine Art Inde­pen­dent-Gegen­ber­li­nale von Bernhard Karl, den man in München als Programmer des Filmfests kennt. Dort hat am Samstag der andere der zwei besten Filme im dies­jäh­rigen Cannes-Wett­be­werb seine Berlin-Premiere: Personal Shopper von Olivier Assayas.

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Am heutigen Donnerstag gibt es bei »14 films« wieder den »deutschen Abend« und die jährliche Diskus­sion »Quo vadis deutsches Kino?«
Ab 18 Uhr im Kino in der KulturBrauerei geht es – tref­fen­der­weise bei freiem Eintritt! – um den Zustand der deutschen Verleih­land­schaft. Mit der ersten Trägerin des neuen »Heinz-Badewitz-Preises« in Hof, Regis­seurin Tini Tüllmann, mit dem frisch zum Ritter geschla­genen Verleiher und Kriti­ker­kri­tiker Torsten Frehse (Neue Visionen Film­ver­leih), und mit dem geschätzten Kollegen Martin Schwarz (Zitty und TIP) darf ich über das vergan­gene Filmjahr debat­tieren.
Die Mode­ra­tion übernimmt Felix Neun­zer­ling, ZOOM Medi­en­fa­brik.

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Das Thema Verleih brennt auf den Nägeln: Gefühlt kommt jeden Monat ein neuer Film­ver­leih in Deutsch­land auf den Markt – und verschwindet genauso regel­mäßig wieder. Die etablierten Verleiher gehen immer weniger Risiken ein, immer öfter bringen die Produ­zenten ihre Filme selbst heraus. Der letzte Akt der Selbst­aus­beu­tung folgt für viele unab­hän­gige Produk­tionen.

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Die Bilanz des Film­jahres ist nicht besser: Ohne Berück­sich­ti­gung der Kinder­filme liegt das Durch­schnitts­alter der Arthouse-Kino­be­su­cher (lassen wir die Proble­matik des blöden »Arthouse«-Begriffs einmal beiseite. Unter den fällt viel ameri­ka­ni­sches und nicht­ame­ri­ka­ni­sches Main­stream­kino wie Still Alice, »Der Staat gegen Fritz Bauer und Die Frau in Gold) bei über 50 Jahren. Mehr Selbst­stän­dige, weniger Studenten als im Besu­cher­durch­schnitt, mehr Frauen. Filmkunst ist eine Domäne der Großs­tädte und der ganz kleinen Städte.

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Außer den ca. drei Pres­se­mit­tei­lungen, die die Kultur­staats­mi­nis­terin täglich direkt verschickt, bekommt man auch noch regel­mäßig Pres­se­infos von der Kultur­stif­tung des Bundes. Aus der neuesten erfährt man, dass die Kultur­stif­tung »unter Vorsitz der Kultur­staats­mi­nis­terin Monika Grütters« insgesamt 41,5 Mio. Euro »für neue Vorhaben« verab­schiedet hat. Kaum über­ra­schend kommt der Film hier wieder einmal im Vergleich mit allen anderen Kunst­formen auffal­lend schlecht weg.
Aufgabe der Kultur­stif­tung des Bundes ist übrigens die Förderung »kultu­reller Leucht­türme« – merk­wür­diges Deutsch. Gefördert werden »kultu­relle Spit­zen­ein­rich­tungen und Veran­stal­tungs­reihen verschie­dener Sparten, die zum inter­na­tio­nalen Renommee von Kultur­ver­an­stal­tungen in Deutsch­land beitragen.« Unter diesem Bla-bla-Begriff finden sich die Berlin (!) Biennale (3 Mio. Euro
jährlich), das (Berliner !) Thea­ter­treffen (1,9 Mio. Euro), die Donau­eschinger Musiktage (252.000 Euro), die (Berliner !) trans­me­diale (550.000 Euro), das Ensemble Modern (250.000 Euro). Der alle drei Jahre statt­fin­dende Tanz­kon­gress bekommt 960.000 Euro. Die Kasseler documenta erhält bis 2022 eine Förderung von insgesamt 4,5 Mio. Euro. Weitere 5,5 Millionen Euro gehen im Zeitraum 2017 bis 2021 an den Fonds Doppel­pass für Koope­ra­tionen von freien Gruppen und festen Tanz- und Thea­ter­häu­sern. Am Beet­ho­ven­jahr 2020 beteiligt man sich mit 1,5 Mio. Euro für die Einrich­tung von zwölf andert­halb­jäh­rigen Resi­denzen für inter­na­tio­nale Künstler/innen.
Einzige Film­ver­an­stal­tung auf der Liste ist der »World Cinema Fund«, der Film­för­der­fonds der Berlinale, der gerade mal 360.000 Euro erhält.

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Ein weiteres Projekt klingt erstmal noch am inter­es­san­testen: »2 Mio. Euro stellt die Kultur­stif­tung des Bundes bis 2020 für das Projekt Neue Auftrag­geber nach dem Vorbild der in Frank­reich erfolg­rei­chen Initia­tive Nouveaux Comman­ditaires zur Verfügung. Lokal orga­ni­sierte Bürge­rinnen und Bürger werden dabei unter­s­tützt, mit inter­na­tional renom­mierten Künst­le­rinnen und Künstlern in Kontakt zu treten, um ein eigen­s­tän­diges Werk gleich welcher Sparte speziell für ihren Herkunftsort in Auftrag zu geben. Jedermann kann zum Auftrag­geber bedeu­tender Kunst­werke werden – so lautet das Credo der Neuen Auftrag­geber. Die Kultur­stif­tung des Bundes unter­s­tützt die in Deutsch­land in Gründung befind­liche Gesell­schaft der Neuen Auftrag­geber darin, die Entwick­lung von erst einmal max. 20 Projekten zu erproben. Sie fördert diese Vorhaben bis zur Erar­bei­tung eines konkreten künst­le­ri­schen Entwurfs. Die Akquise zur Finan­zie­rung der Produk­tion der Werke soll dann durch die lokalen Neuen Auftrag­geber orga­ni­siert werden.«
Für Filme­ma­cher scheint das aber schwer umzu­setzen.

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In der antrags­ge­bun­denen »Allge­meinen Projekt­för­de­rung« werden 5,7 Mio. Euro an 37 Projekte ausge­schüttet, also durch­schnitt­lich 154.000 Euro, und zwar an: Instal­la­tionen inter­na­tio­naler, zeit­genös­si­scher Künstler/innen unter dem Motto »Targeted Inter­ven­tions« am Militär­his­to­ri­schen Museum der Bundes­wehr in Dresden; die Ausstel­lung FMP: The Living Music Haus der Kunst in München; das Lite­ra­tur­haus Rostock für das Projekt »Reading the Baltic«,
Thea­ter­ma­cher/innen im Rahmen des Festivals für inter­na­tio­nale Neue Dramatik der Berliner Schau­bühne; das Centrum für Natur­kunde der Univer­sität Hamburg mit einer Ausstel­lung zum Klima­wandel und dem Schwinden der Arten­viel­falt; das Kunstfest Weimar mit dem Projekt Große Erzäh­lungen: 100 Jahre Kommu­nismus; ein inter­na­tio­naler Kongresses im Lite­ra­tur­haus Stuttgart; Spiel­motor München; das inter­na­tio­nale Festival für zeit­genös­si­sche Musik Acht Brücken | Musik für Köln.
Eine echte Film­ver­an­stal­tung ist dagegen nicht dabei. Anläss­lich des 85. Geburts­tages von Alexander Kluge richtet das Essener Museum Folkwang immerhin eine umfas­sende Werkschau aus, deren Schwer­punkt auf dessen virtuosen filmi­schen Bild­col­lagen liegt. Und mit viel Wohl­wollen kann man zum Film auch rechnen, dass die im Iran aufge­wach­sene, in den USA lebende Künst­lerin Shirin Neshat im Fokus einer Werkschau der Kunst­halle Tübingen steht.

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Nur dass man mal weiß, wo das Geld sonst noch so hingeht: Medialeis­tungen im Wert von 80.000 Euro erhält die Münchner Games­firma United Soft Media Verlag GmbH für das »Location-based-Artillery Game« »Steam­pump­kins«.
Aus der Pres­se­mit­tei­lung des FFF Bayern: »Als Spiel­fläche fungiert die Erde, die Spieler visieren jeweils mit einem Device per Sensor-Steuerung reale Ziele an und bewerfen sie mit Kürbissen oder anderen Früchten. Gespielt werden kann mit Freunden oder Unbe­kannten auf der ganzen Welt, einzeln oder im Team.«
Und dann wundert man sich über Trump und die AfD?

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»Kino verbindet.« Mit dem Projekt »Kino verbindet« will die AG Kino-Gilde einen Beitrag zur kultu­rellen Inte­gra­tion von jungen geflüch­teten Erwach­senen leisten. Gefördert vom Bundes­bil­dungs­mi­nis­te­rium können Kinos gemeinsam mit Orga­ni­sa­tionen, die unmit­telbar mit der Ziel­gruppe der jungen geflüch­teten Erwach­senen zu
tun haben, Projekte einrei­chen und Förder­mittel bekommen. Möglich sind zum einen mode­rierte Film­vor­füh­rungen speziell für junge Geflüch­tete, die medi­en­päd­ago­gisch vorbe­reitet und begleitet werden. Zum anderen besteht die Möglich­keit, Geflüch­tete in normale Film­vor­füh­rungen einzu­laden und gemeinsam mit Mode­ra­toren und Pädagogen Begeg­nungen mit der lokalen Bevöl­ke­rung zu schaffen. Gefördert werden können unter anderem die Honorare für Pädagogen, Mode­ra­toren und Über­setzer, aber auch Fahrt­kosten, Film­mieten und Werbe­ma­te­rial. Pro Maßnahme stehen 1.235,00€ zur Verfügung. Ziel ist es, möglichst einmal im Monat eine solche Maßnahme anzu­bieten.
»Durch »Kino verbindet« werden Kinos unter­s­tützt, die einen wichtigen Beitrag zur kultu­rellen Inte­gra­tion von Geflüch­teten leisten«, so AG Kino-Gilde Geschäfts­führer Felix Bruder. Weitere Infor­ma­tionen in der Geschäfts­stelle der AG Kino-Gilde e.V. bei Claudia Nowak (Aktiviere Javascript, um die Email-Adresse zu sehen)

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 144: »Mangel an Urteilskraft… Ignoranz… Zynismus in Reinkultur«

Nachruf in Filmen: Menschen am Sonntag – im Double Feature mit High Noon

Die uner­le­digten Aufgaben der Film­mi­nis­terin Monika Grütters und ihres heim­li­chen Vorge­setzten Günter Winands, der Ritter­schlag für einen Kommu­nisten und ein Nachruf in Filmen – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 144. Folge

»Ich glaube schon, dass Kino ein stärkeres Medium als Literatur ist. Ich weiß nicht, ob die Jugend in der Literatur die Leit­fi­guren findet, die sie braucht. Eddie Constan­tine zum Beispiel hatte eine solche Komik und Gelas­sen­heit, dass man von ihm, wenn man ihn öfter gesehen hat, Gelas­sen­heit lernen konnte. Gelas­sen­heit ist sehr wichtig.«
Ilse Aichinger

Ilse Aichinger ist gestorben, was mich aus vielen Gründen traurig gemacht hat. Einer davon ist, dass sie so großartig über Kino geschrieben hat, wie kaum jemand sonst in deutscher Sprache. Für sie war Kino nicht irgendwas, nicht Beiwerk, sondern das Essen­ti­elle. Eine Elemen­ta­rer­fah­rung, ein Teil des Lebens und darum dem Tod verbunden. Auch dass sie fast zeit­gleich starb, wie Leonard Cohen hat mich berührt, aber das ist eine Geschichte, über die muss ich später mal ausführ­li­cher schreiben.
Aichinger starb zehn Tage nach ihrem 95. Geburtstag. Wer etwas von ihrer Beziehung zum Kino erfahren möchte, sollte »Film und Verhängnis« lesen, eine Art Auto­bio­gra­phie mit dem Kino. Film als Hoff­nungs­zei­chen wird dort beschrieben, wunder­bare Sätze skiz­zieren die Kino­land­schaft des Vorkriegs-Wien zwischen »Sascha-Palast«, »Schwar­zen­berg­kino« und »Fasan«-Kino, mitten im Krieg, ange­sichts der Verfol­gung, war Kino mehr als Eska­pismus oder billiger Trost. »Die Erlösung war das Kino«.
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Weil Aichinger bis ins höchste Alter gern ins Kino ging, wollte ihr das Film­mu­seum Austria eigent­lich zum 95. ein Geburts­tags­ge­schenk machen, das nun – könnte es passender sein! – zum Nachruf in Filmen geworden ist.
»Nach­mit­tags­kino« heißt die Reihe, die Filme von 1929 bis 1995 versam­melt, deren Auswahl alles sagt, und zum Beispiel neben  Liebelei und Before Sunrise auch den Western High Noon mit dem Weimarer Avant-Nouvelle-Vague-Film Menschen am Sonntag zum Double-Feature verknüpft. Warum wohl? Nicht wegen Godard, der beide Filme schätzte sondern wegen Fred Zinneman, der 1929 Regie­as­sis­tent war und bei den Menschen am Sonntag Regie führte. Do not forsake me, oh my darling…

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Flücht­linge, Gejagte, Außen­seiter – die stehen auch im Zentrum von »Haunted«, einem Film der Syrerin Liwaa Yazji, der am Freitag und am Montag im Berliner Kino Movie­mento aufge­führt wird.
Die Regis­seurin schreibt dazu: »Als die Bomben kamen, war das erste was wir taten, wegzu­laufen. Später erin­nerten wir uns daran, nicht zurück geschaut zu haben. Wir haben uns nicht verab­schieden können, von unserem Heim, unseren Erin­ne­rungen, unseren Fotos und dem Leben, das in ihnen wohnte. Unbehaust wie diese Räume sind wir geworden, mit unseren hastig gepackten Sachen, und den verges­senen Dingen, die uns nun heim­su­chen*c Der Flucht und Vertrei­bung aus Syrien folgt das ungewisse Dasein in einem physi­schen und mentalen Nirgendwo, einem Nicht-Raum zwischen gestern und morgen.«
Haunted erzählt vom Verlust von Heimat und Sicher­heit, von der realen und meta­pho­ri­schen Bedeutung, die ein Haus, ein Heim im Leben eines Menschen hat.
Hier ist der Trailer zum Film. Auf die Vorfüh­rung folgt ein Gespräch mit der Regis­seurin – am 25. November um 17 Uhr und am 28. November um 19 Uhr.

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Es erreichte uns heute einmal mehr eine Pres­se­mit­tei­lung der hoch­ge­schätzten Staats­mi­nis­terin für Kultur, Monika Grütters. Dem Wesen dieser Jubel-PR-Mittei­lung entspre­chend ist sie über­ti­telt mit »Aner­ken­nung für den Wert der Kultur – Haushalt steht für die Verant­wor­tung des Bundes«. Und darin liest man von der löblichen Stei­ge­rung des Gesamt­etats für Kultur und Medien im Jahr 2017 auf rund 1,63 Milli­arden Euro, also um rund 17 Prozent. Man liest wie die wackere Frau Grütters seit ihrem Amts­an­tritt 2013 den Etat um über 350 Millionen Euro, also 27,5 Prozent erhöht hat. Man liest Sätze von Frau Grütters über »das Bekenntnis zu freien, unab­hän­gigen Medien«, die »zu den Funda­menten unseres Selbst­ver­s­tänd­nisses« gehörten, über die Etat­er­höhung als »Ausdruck dieser Aner­ken­nung für die meinungs­bil­denden Milieus als tragende Säulen unserer Demo­kratie.« Über »das gesamt­ge­sell­schaft­liche Bewusst­sein für den Wert der Kultur als Modus unseres Zusam­men­le­bens«. Man erfährt: »Für eine gute Zukunft brauchen wir nicht nur die nüchterne Ratio­na­lität der Politik, sondern auch die orien­tie­rende, den Diskurs struk­tu­rie­rende Kraft der Medien und die schöp­fe­ri­sche Kraft der Kultur und Künste.«
Dann listet Grütters zum x-ten Mal ihre Lieb­lings­themen auf: »Neubau eines Museums für die Kunst des 20. Jahr­hun­derts«, »Stiftung Deutsches Zentrum Kultur­gut­ver­luste«, »Prove­ni­en­z­re­cherche und -forschung«, »NS-Raubkunst«, »Bauhaus­ju­biläum«, »Denk­mal­schutz«, »Humboldt Forum«, »Barenboim-Said-Akademie«, »Deutsche Buch­hand­lungs­preis«, »Thea­ter­preis«, usw, usf, man liest und liest. Die Millionen purzeln, hier über 70, da mehr als 76 Millionen Euro und sehr vieles davon findet übrigens in Berlin statt. Nur von einem liest man fast nichts, von der eigent­li­chen Haupt­zu­stän­dig­keit der Staats­mi­nis­terin, dem Kinofilm. Sie ist nämlich nicht Minis­terin für Denk­mal­schutz und Literatur, sondern für den Film.
Die Film­för­de­rung aber wird im Text nur ganz am Rande erwähnt, was Grütters Prio­ritäten recht gut kenn­zeichnet.

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»Das gesamte neue Film­för­de­rungs­ge­setz … ist kein großer Wurf, sondern im Grunde ein Flop.« – so kriti­siert auch einer der geschick­testen und mutigsten deutschen Verleiher, Torsten Frehse, der Gründer und Geschäfts­führer des Berliner Film­ver­leihs »Neue Visionen«. »Sehr schwach und letzten Endes nicht konse­quent zu Ende gedacht«, nennt Frehse im Interview mit Blick­punkt Film die neuen Film­för­der­re­ge­lungen, die von Grütters persön­lich und fast noch mehr von ihrem überaus einfluss­rei­chen, von der fach­li­chen Schwäche der Minis­terin profi­tie­renden Amtschef Günter Winandts  verant­wortet werden.
Frehse benennt viele wunde Punkte: »Manche Filme werden doch nur deshalb noch halb­herzig in die Kinos bugsiert, weil das aufgrund von Förder­re­gu­la­rien so sein muss. Ganz egal, wie klar allen Betei­ligten ist, dass diese Werke besten­falls die Leinwände verstopfen. Das ist doch völlig gaga! Nicht umsonst tritt die AG Verleih klar dafür ein, derartige gesetz­liche Start­ver­pflich­tungen abzu­schaffen.«
In seinem saftig zu lesenden, mutigen Rund­um­schlag kriti­siert Frehse neben der Filmflut auch Verleiher, die zu viel Ware in den Markt drücken und Kinos, die in ihrem Programm mehr auf Quantität denn Qualität setzen. »Ich denke, es würde nicht schaden, sich als Kino­ma­cher ein wenig genauer anzusehen, wer hinter einem Film steht, wer ihn heraus­bringt und was er dafür tut. Das könnte schon so manche Fehl­ent­schei­dung vermeiden helfen.«
Die Schlüs­sel­rolle spiele aber doch die Förderung. Am meiste kranke das neue FF-Gesetz daran, »dass am Status Quo nicht gerüttelt wird, dass es nicht gelungen ist, den einzelnen Betei­ligten mehr Verant­wor­tung abzu­ver­langen. Ich hätte ehrlich gesagt nicht gedacht, dass das FFG erneut mit derar­tigen Schwächen verlän­gert wird. Es gab zahl­reiche kluge Vorschläge – und dass sich davon kaum etwas im Gesetz findet, ist schon beinahe peinlich.«

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Passend zum 20. Firmen­ju­biläum erhält Frehse jetzt ausge­rechnet den »Ordre des Arts et des Lettres« der Fran­zö­si­schen Republik für sein Enga­ge­ment für die fran­zö­si­sche Film­kultur in Deutsch­land, und wird damit zum Ritter der Kunst und Literatur ernannt – »ausge­rechnet«, weil Frehse diese Gattung vor ein paar Jahren womöglich noch als »Junker« verspottet hätte. Denn der Verleiher war mal (oder ist noch?) beken­nender Kommunist, hat lesens­werte (leider vergrif­fene) Texte über das Arbei­ter­kino der Weimarer Republik geschrieben, und gehört auch zu den wenigen, die offen zu einer linken poli­ti­schen Position stehen: »Obwohl wir uns politisch ganz klar links posi­tio­nieren, wollen wir nicht rein dogma­tisch vorgehen. Natürlich ist unser Programm auch von ausdrück­lich poli­ti­schen und sozi­al­kri­ti­schen Filmen geprägt. Aber das Leben hat doch so viele Facetten…«

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Auf der nicht mehr ganz taufri­schen Website von »Neue Visionen« stehen viele Filme, auf die der Verleih stolz sein kann, manche, die heute applau­dieren, haben diese Anfänge vergessen: »großar­tige Filmkunst … Filme von Ken Loach und Jean-Luc Godard, … Filme auf der Höhe der Zeit … sowie ein starkes Reper­toire mit über 100 Film­klas­si­kern von Casablanca bis Tanz der Vampire, oder die Wieder­auf­füh­rung des surrea­lis­ti­schen Films Black Moon von Louis Malle.
»Keine teuren Empfänge, keine Börsen­kurse oder Output Deals, dafür Konti­nuität und gute Filme. Unsere Moti­va­tion, diese Filme erfolg­reich in die Kinos zu bringen, ist zudem die Grundlage unserer Ökonomie.«
»Wir finden es über unsere eigent­liche Verleih­ar­beit hinaus wichtig, uns film­po­li­tisch einzu­mi­schen. So sind wir zum Beispiel nicht nur Mitglied der AG Verleih unab­hän­giger Film­ver­leihe und des Verbandes der Film­ver­leiher, wir bestehen zudem darauf, in den Verbänden und bei anderen Möglich­keiten, wie Pres­se­ge­sprächen oder Podi­ums­dis­kus­sionen, unsere Posi­tionen zu vertreten.«
Zu denen gehört: »Immer noch gehen Millionen Kino­be­su­cher in die pein­lichsten Main­stream-Filme, und wir sind bereits stolz, dass wir mit einigen unserer Filme etwas mehr wahr­ge­nommen wurden als noch einige Jahre zuvor.«

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Schade nur, dass Torsten Frehse es in letzter Zeit nicht lassen kann, sich über die Film­kritik zu mokieren. Dass Kritiker seinen großen Kassen­er­folg Monsieur Claude und seine Töchter nicht so mochten, ist für ihn »ein Ausdruck von Engstir­nig­keit.« Und dann weiter »Ich glaube, dass etliche Kritiker gar nicht verstehen, wie viel Arbeit und Kunst­fer­tig­keit hinter einer guten Komödie stecken. Das sollte man ruhig auch einmal aner­kennen.« Das ist zu billig! Klar: Es gibt viele Kritiker, die von gar nichts irgendwas verstehen – aber unter diesen Trotteln gibt es auch viele, die Monsieur Claude und seine Töchter lobten. Ich könnte jetzt Namen nennen, aber die kennt Monsieur le Chevalier selber. Film­kritik spiegelt einfach den Stand der Film­kultur, also ist sie in Deutsch­land im Durch­schnitt so schlecht oder verbes­se­rungs­fähig, wie die Filme, die Film­po­litik, die Arbeit vieler Verleiher und vieler Kino­be­treiber.
Nein, auch Verleiher Frehse könnte »ruhig auch einmal aner­kennen« wie viel Arbeit und Kunst­fer­tig­keit hinter der Film­kritik steht. Gott spielen tun heute in der Film­branche nur noch wenige Produ­zenten und Verleiher. Und anderen gefühltes Aufmerk­sam­keits­de­fizit vorzu­halten steht gerade dem nicht unbedingt an, der wöchent­lich auf Podien sitzt, und sogar bei so einem Baller­bal­ler­ma­gazin wie »Blick­punkt Film« Gast­ko­lumnen schreibt. Nichts für ungut!

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Trotzdem lese ich auch immer wieder mal »Blick­punkt Film«, und zwar eigent­lich nur wegen der Gast­au­toren. So gab es nicht nur das schöne Frehse-Interview, sondern vor zwei Wochen auch einen exzel­lenten Text von Eberhard Junkers­dorf, einem der erfah­rensten Produ­zenten unseres Landes. Aus Anlass ihres 50. Jubiläums, dass die Murnau-Stiftung kommende Woche feiert, hält er der Kultur­staats­mi­nis­terin weitere ihrer uner­le­digten Aufgaben vor. Wir zitieren:
»Die Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung hat in den vergan­genen fünf Jahr­zehnten einen ganz entschei­denden Beitrag zum Erhalt und zur Veröf­fent­li­chung des deutschen Filmerbes geleistet. Durch ihre Arbeit sind uns Meis­ter­werke deutscher Filmkunst erhalten geblieben. Es sind Raritäten und Zeit­do­ku­mente von unschätz­barem kultu­rellem Wert, die noch viele Jahr­zehnte von zukünf­tigen Gene­ra­tionen gesehen und erlebt werden können.«
Bei so einer Erfolgs­story müsse man eigent­lich annehmen, dass der Tag ihres 50-jährigen Bestehens festlich begangen wird. »Das ist aber ganz und gar nicht so.«
Die deutsche Bundes­re­gie­rung kaufte einst etwa 6000 deutsche Filme (Stumm­filme, Tonfilme in Schwarz­weiß und Farbe, Kurzfilme, Anima­tions- und Werbe­filme) um sie vor US-ameri­ka­ni­schen Inter­es­senten zu retten, für den Spott­preis von 11,4 Mio. Mark!!! Das Geld wurde der frisch­ge­grün­deten Murnau-Stiftung »großzügig von der Bundes­re­gie­rung als Darlehen zur Verfügung gestellt«, das aus Einnahmen von Lizenz­ver­gaben zurück­ge­zahlt werden sollte – aller­dings hoch­ver­zinst
war. Die Folge: Die Stiftung zahlte nichts zurück, sondern häufte Schulden auf. Das Darlehen konnte dadurch erst 1996 nach 30 Jahren abgezahlt werden.

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Es macht großen Spaß zu lesen, mit welchem Biss Junkers­dorf den Skandal des Umgangs der Bundes­re­gie­rung mit der Murnau-Stiftung auf den Punkt bringt: Der Staat überträgt seine nationale Aufgabe an eine Stiftung, versieht diese Aufgabe mit unak­zep­ta­blen Kondi­tionen und zieht sich dann aus der Verant­wor­tung heraus, nämlich der Rettung des deutschen Filmerbes. Er gründet auch noch eine GmbH, die Transit-Film (Warum muss der Staat eine GmbH besitzen?), die sich um die Verkäufe der
Filme kümmern soll. Dafür darf sie ein Drittel des Verkaufs­preises behalten, muss sich aber nie an den Kosten der Instand­set­zung der Filme betei­ligen.
Die für die Kultur verant­wort­li­chen Politiker betonen zwar immer, dass Deutsch­land ein Kultur­staat ist, und das Filmerbe ein unver­zicht­barer Bestand­teil des natio­nalen Kultur­guts, wie Meis­ter­werke der Literatur, der Musik und der Malerei. Doch die Realität sieht leider ganz anders aus.
Auch Junkers­dorf drischt zu Recht auf den heim­li­chen Kultur­staats­mi­nister Günter Winands ein: »zunächst einmal kein Freund von aktuellen Filmen«, der blauäugig und unifor­miert Unsinn in die Welt setzt, wofür er von niemandem gemaß­re­gelt wird. Junkers­dorf: »Mangel an Urteils­kraft… Ignoranz… Zynismus in Rein­kultur«.
Neidisch erwähnt Junkers­dorf Frank­reich, das pro Jahr fast 70 Mio. Euro für den Erhalt seines Filmerbes zur Verfügung stellt, und folgert: »Deutsch­land ist ein reiches Land und ‘schafft’ es nicht, zehn Mio. Euro pro Jahr für sein Filmerbe zur Verfügung zu stellen und nimmt dafür in Kauf, dass immer mehr Filme irrepa­rabel verloren gehen?«
Der Murnau-Stiftung drohe die Insolvenz. Eberhard Junkers­dorf sieht offenbar keinen Ausweg, als zu flehen: »Der deutsche Film verkör­pert einen Teil unserer Identität, bildet Ausschnitte unseres Lebens ab und ist gleich­zeitig Spiegel und Schau­fenster von deutscher Realität. Ich appel­liere an unsere Kultur­staats­mi­nis­terin Monika Grütters: Machen Sie die Rettung der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung und des deutschen Filmerbes zur Chefsache! Verhin­dern Sie den Verfall von einem Teil
Deutscher Kultur! Deutsch­land ist ein Kultur­staat, und die Rettung des natio­nalen Filmerbes ist vorrangig eine staat­liche Aufgabe.«

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 143: Er will doch nur spielen!

King Kong und die weiße Frau (1933)

Wer hat Angst vor Donald Trump? Der neue US-Präsident und das Kino, die Medien und die Propa­ganda – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 143. Folge

»All you need in this life is igorance and confi­dence and then success is sure.«
Mark Twain
»Die wirkliche Welt ist in Wahrheit nur eine Karikatur unserer großen Romane.«
Arno Schmidt

Ganz ruhig bleiben, Leute! Es ist einfach nicht so wichtig, wer Amerika regiert. Das wird alles über­schätzt, gerade von den Amerika-hörigen Deutschen. In den 50er Jahren war der US-Präsident noch der »Führer der freien Welt«. Diese Zeiten sind glück­li­cher­weise vorbei. Politik ist kompli­zierter geworden, aber damit auch uname­ri­ka­ni­scher: Ameri­ka­ni­sche Verhält­nisse sind längst nicht mehr der Maßstab für die hiesige Demo­kratie. Das ist eine gute Nachricht.
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Viel­leicht geht es ja auch anderen so wie mir: Ich hätte viel dafür gegeben, heute Nacht Hillary Clintons Gesicht zu sehen, in dem Augen­blick, in dem ihr klar wird, dass sie die Wahl verloren hat. Ich geb’s zu: Ihr und den ihren geschieht es recht, da bin ich scha­den­froh.
Das ist wohl sowieso die entschei­dende Botschaft: Für Hollywood und das Kino ist die Wahl von Donald Trump eine gute Nachricht. Zwar haben die ganzen Star-Kampagnen gegen Trump nichts gebracht. Ich fand die der Avengers am besten, in denen Robert Downey Jr, Scarlett Johansson und viele andere ganz witzig gegen Trump agitieren. Aber es hat nichts geholfen. Dafür können die Leute jetzt Anti-Trump-Filme machen. Acht Jahre Obama waren acht Jahre ohne kritische Präsi­den­ten­filme. Weil Obama
irgendwie an Bambi erinnerte – da hatten alle Beiß­hem­mung. Aber jetzt. Wir warten auf Oliver Stones Reaktion, wir warten sogar auf Michael Moore. Was wird Eastwood machen, mit dem Mann, der sich vor dem Vietnam-Einsatz gedrückt hat (was uns Liberalen doch sympa­thisch sein könnte).
Wer könnte Trump spielen? Hillary wurde vor Jahren bereits von Merryl Streep verkör­pert, in Jonathan Demmes Remake von Fran­ken­hei­mers Manchu­rian Candidate.
Aber wer könnte Trump verkör­pern?
Natürlich erinnert Trump ein bisschen an King Kong, oder noch mehr an Godzilla – beide eher tolpat­schig als wirklich böse, verur­sa­chen sie doch Massen­panik. Mal sehen.
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Vor acht Jahren waren die Deutschen glücklich: Barak Obama hieß der neue Hoff­nungs­träger. Der erste schwarze Präsident der USA, das musste einfach ein Messias sein. Ein glän­zender Redner, versprach er mit Silber­zunge, dass alles anders werden würde: Guan­ta­namo geschlossen, das Klima gewandelt, der Kriegs­ein­satz im Nahen Osten und in Afgha­nistan beendet. Da war er: Der gute charis­ma­ti­sche Führer, von dem die Deutschen seit jeher träumen, ein Friedrich Barba­rossa mit dunkler
Haut.
Wenn man sich die Ergeb­nisse anschaut, ist aus den schönen Worten und Hoff­nungen so gar nichts geworden: Außer der Gesund­heits­re­form und der Norma­li­sie­rung der Bezie­hungen zu Kuba. Schluss, Aus! Dieser Präsident, der so hoch­ge­lobt und gefeiert worden ist, hat ansonsten nichts an realen Verbes­se­rungen gebracht: Ein Bluffer und leerer Schön­redner.
Jetzt gibt es wieder einen ameri­ka­ni­schen Politiker, der alle Phan­ta­sien der Deutschen bündelt: Er hat die rosig-weiße Haut des White Trash Amerikas und heißt Donald Trump. Trump ist nicht weniger wie Obama zu einem poli­ti­schen Körper geworden, bloß ist er aus europäi­scher Sicht der Anti-Hoff­nungs­träger, der Albtraum­träger. Weiterlesen

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Es ist unfassbar, was sich allein seit dem heutigen Mitt­woch­morgen für ein Medi­en­ge­witter an Angst. und Hysterie-Szenarien in Radio und Fernsehen über uns ergossen hat.
Was machen diese Medien bloß! Und mit welch’ exor­bi­tanter Einsei­tig­keit breiten sie Gefühle aus, anstatt zu analy­sieren, malen sie Affekt­ku­lissen anstatt aufzu­klären. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass sich die deutschen Qualitäts­me­dien in einer exis­ten­ti­ellen Krise befinden, dann ist es diese Reaktion.

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So wie alle bei Obama gewiss waren, dass er das Gute verkör­pert, wissen nun alle: Dieser Mann wird, wenn schon nicht den nächsten Weltkrieg entfes­seln, so doch uns alle ins Unglück stürzen. Aber diese Annahme ist so falsch, wie die vor acht Jahren. Die in Deutsch­land derzeit verbrei­tete reflex­hafte Ablehnung Trumps ist verkehrt. Es gibt nämlich gar keinen Grund für die Deutschen, Donald Trump zu fürchten. Dies aus drei zentralen Gründen:
– Zum einen »the human factor«. Trump ist ein analoger Politiker. Klar: Es ist anzu­nehmen, dass Trump seine Verspre­chungen nicht halten wird. Aber glaubt man ernsthaft, das wäre bei Clinton anders gewesen? Hat Obama seine Verspre­chungen gehalten? Guan­ta­namo ist weiterhin offen, US-Truppen stehen weiterhin in Afgha­nistan und im Irak, die Rassen­kon­flikte sind größer denn je seit den 60er Jahren, die Geset­zes­bre­cher aus dem Finanz­sektor, die 2008 die Banken­krise einge­leitet
haben, sind weiterhin auf freiem Fuß, die USA liegen am Boden.

Trumps Wähler, wie auch die Unter­s­tützer des unor­tho­doxen demo­kra­ti­schen Kandi­daten Bernie Sanders wollen keine weiteren vier Jahre dieses Status Quo, wie sie das Esta­blish­ment beider Parteien verspro­chen hat. Sie wollen Verän­de­rung um jeden Preis. Sie lehnen das etablierte Poli­tik­mo­dell grund­sätz­lich ab. Sie tole­rieren keine Halb­her­zig­keiten. Dagegen ist erst einmal überhaupt nichts zu sagen.

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Kleiner Exkurs am Rande: Was werden all die Demo­kraten fluchen, dass sie auf die abge­half­terte Hillary gesetzt haben, anstatt auf Bernie Sanders. Was wird auch Clinton selbst fluchen, dass sie nicht den Mut hatte, Sanders als Vize­prä­si­dent­schafts­kan­didat zu ernennen. Sanders hat nämlich, von denselben popu­lis­ti­schen Instinkten mal abgesehen, genau die Wähler ange­spro­chen, die jetzt den Ausschlag gegen Clinton gegeben haben: Weiße Prole­ta­rier.
Clintons Fall belegt, wie taktisch falsch es ist aus lauter Minder­heiten eine Mehrheit gegen die Mehrheit schmieden zu wollen. Wie stra­te­gisch falsch es von Clinton war, um die Stimmen von Frauen, Schwarzen, Latinos, Homo­se­xu­ellen zu werben, um damit weiße Männer zu besiegen. Post­mo­derne Theorie kann auch blind machen.
Sanders Anhänger hatten die Dele­gierten des demo­kra­ti­schen Nomi­nie­rungs­par­tei­tags bereits im Juni gewarnt: Wenn sie Hillary ernennen, wird der nächste Präsident Donald Trump heißen.
Jetzt ist das Motto der linken Demo­kraten wahr geworden: Bernie or bust!!!

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Donald Trump verspricht, den Algo­rithmen der Globa­li­sie­rung des Poli­ti­schen Paroli zu bieten. Er ist mensch­lich, kein von Marke­ting­stra­tegen und Poli­tik­be­ra­tern weich­ge­spültes Produkt, sondern die poli­ti­scher Körper gewordene Hoffnung der Wähler. Trump verspricht Ehrlich­keit. Die Wähler hassen die Political Correct­ness von all diesen sauber gestylten Promi-Kandi­da­ten­fa­mi­lien, den Clintons und den Bushs, vorge­führt zu bekommen. Sie haben es satt, das jede Kritik an ethni­schen Minder­heiten reflex­haft als rassis­tisch gebrand­markt, wird, dass Kritik an Frauen ebenso als vermeint­li­ches Machotum grund­sätz­lich unstatt­haft ist, dass man Partei­freunde nicht kriti­sieren darf, und die Medien natürlich auch nicht.
Vor allem dies: Trump wagt, was sich noch kein Politiker getraut hat: Er greift die Medien wegen ihrer Lügen an. Und die Medien sind dumm (pardon: ehrlich) genug, dies auch noch zu berichten. Trump greift auch das Esta­blish­ment an, vor allem Jeb Bush und Hillary Clinton. All das ist natürlich nur die eine Seite des jewei­ligen Themas, aber eben eine bisher öffent­lich margi­na­li­sierte. In Trump schlägt dieses Margi­na­li­sierte nun zurück.
Trump bietet einfache Antworten auf kompli­zierte Probleme. Das muss kein Fehler sein, und wie zu erkennen ist, schon gar kein Indiz für poli­ti­sche Erfolg­lo­sig­keit. Bei Reagan hat man auch gesagt: Was für ein Verein­fa­cher! Aber er hat sich als ein durchaus erfolg­rei­cher Präsident erwiesen. Und zudem ist Trump selbst­ver­s­tänd­lich viel raffi­nierter als er tut.
Aber Trump spricht die Emotionen an. Nichts scheint selbst­ver­s­tänd­li­cher, als die Aussage, dass Politik mit Emotionen zusam­men­hängt. Und doch mögen wir das nicht. Es bedeutet eine narziss­ti­sche Kränkung, weil über die Emotionen auch Unver­nunft in die Politik einzieht. Trump reduziert die Komple­xität der Politik auf einige wenige elemen­tare Posi­tionen. Er tut damit genau das, was jeder Marke­ting­be­rater, jeder Werbe­fach­mann raten würde. Nicht obwohl, sondern weil Trump als Stamm­tisch­po­li­tiker, also als »schreck­li­cher Verein­fa­cher« auftritt, wirkt er glaub­würdig und authen­tisch. Es ist ja nicht so, als würde nicht auch Obama gern »dem Isla­mi­schen Staat die Scheiße aus dem Leib bomben«. Nur sagt er es nicht so, dafür ist er sich zu fein.

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Zum zweiten vertritt Trump viele Posi­tionen, die auch die Mehrheit der Deutschen vertritt: Trump ist ganz klar gegen TTIP und andere Handels­ab­kommen, die Mehrheit der Deutschen ist auch dagegen. Wie die Deutschen ist Trump für Einhegung der Markt­kräfte und für Wirt­schafts­pro­tek­tio­nismus. In der Finanz­krise von 2008ff war Trump gegen einen »Bail-Out« des Staates für die Wall-Street. Er sah seiner­zeit die Wirt­schafts­krise als »Washing­tons Schuld« und forderte das Ende eines Systems, in dem die Reichen die Regeln machen. Trump ist für den Mindest­lohn und dafür die auf Steu­er­oasen geparkten Gewinne der Konzerne zurück­zu­holen.
Trump vertritt ein vergleichs­weise gemäßigtes, anti-inter­ven­tio­nis­ti­sches außen­po­li­ti­sches Programm: Trump ist das Gegenteil eines Kriegs­trei­bers. Er tritt dafür ein, die Militär­aus­gaben der USA zurück­zu­fahren. Er will die Ukraine eben nicht wie die derzei­tige Admi­nis­tra­tion in den Westen zwingen, in die NATO oder in die Europäi­sche Union, sondern favo­ri­siert eine neutrale Ukraine-Lösung unter Einbe­zie­hung der Russen. Auch ansonsten plädiert er für einen Ausgleich mit den Russen. Trump glaubt, dass Putin ein Politiker ist, mit dem man Deals machen kann, ob in der Ukraine oder in Syrien. Viele in Deutsch­land denken das auch. Trump war in der Vergan­gen­heit immer gegen den Irak-Krieg der USA, und Trump glaubt nicht an die offi­zi­elle Version von 9/11. Damit wäre er auch in Deutsch­land mehr­heits­fähig. Schließ­lich: Trump ist keine Mario­nette der Lobby­isten, sondern ökono­misch unab­hängig.

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Trump steht für einen Protest gegen das System als solches, für einen Protest, der seit Jahren in west­li­chen Ländern gärt, ob er nun Occupy Wall Street heißt oder Tea Party. Beide Gruppen stehen sich näher, als sie selbst und vor allem ihre Gegner in den großen Medi­en­häu­sern wahrhaben wollen: Sie sind Anti-Esta­blish­ment, sie sind Anti-Wall-Street, sie lehnen einen Staat ab, der Effi­zi­enz­pro­bleme hat und den Druck der Gruppe reprä­sen­tiert, einen Staat, der in den USA viel büro­kra­ti­scher, regu­lie­render, aggres­siver und pater­na­lis­ti­scher ist, als es die ganzen Fans des Kitsch von der großen Freiheit Amerikas zugeben möchten. Trumps Feind steht nicht rechts und nicht links, er steht oben: »corporate America«, die Verflech­tung von Wirt­schaft und Washington.

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Zum Dritten vertritt Trump viele Posi­tionen, die in der US-Gesell­schaft Mehr­heits­mei­nung sind. Er ist ein reprä­sen­ta­tives, unver­blümtes Abbild seines Landes. Darum bedeutet schon das Auftau­chen Trumps eine neue Ehrlich­keit. Vor allem im atlan­ti­schen Verhältnis. Mit Trump kann man sich nun über Amerika keine Illu­sionen mehr machen, mit einem Präsi­denten Trump muss man der Wahrheit Amerikas ins Auge sehen.
Ein Präsident Trump macht es den Amerika-Verste­hern in Deutsch­land in Zukunft schwerer, zu behaupten: »Amerika ist ganz anders«. Nein: Amerika ist genau so, jeden­falls auch so, wie Guan­ta­namo, Abu Ghraib, Ferguson, und vieles, was man hier auch noch nennen könnte.
Die schöne Maske Obama wird diesem Amerika jetzt herun­ter­ge­rissen, und es ist gut, das dahinter jetzt nicht »Hillary« zum Vorschein kommt, die dann als »die erste Frau im Weißen Haus« ein weiteres Symbol für unauf­halt­same Progres­si­vität, und Libe­ra­lität Amerikas geworden wäre, dafür »dass dort alles möglich ist« (Obwohl es stimmt, dort ist sehr vieles möglich. Auch Donald Trump!). Sondern mit Donald Trump wird die hässliche Fratze Amerikas sichtbar.

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Jetzt können wir Europäer uns nicht mehr so leicht schluch­zend an Mami-Amerikas Rock­zip­fel­chen klammern. Wir müssen selber handeln. Und für die Folgen gerade stehen.

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Warum hat Donald Trump diesen Erfolg? Zual­ler­erst: Er bietet eine gute Show. Er ist der Buffo der ameri­ka­ni­schen Politik. Ein Bariton, der fürs Komische zuständig ist. Trump ist manchmal wirklich lustig, er kann über sich selber lachen, und spielt in Talkshows auch bei Scherzen über sich selber mit.
Trump hat die poli­ti­sche Markt­lücke erkannt und sich posi­tio­niert. Die Markt­lücke des Klartext-Sprechers, des Selbst­be­wussten, dessen, der keine Angst hat, des Tabu­bre­chers, des Machers. Trump ist witzig, frech, volksnah.

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Zudem entlarvt er das Medien­system des Poli­ti­schen: Wer auffällt, über den wird berichtet. Wer lauter ist, als die Anderen, schriller, provo­kanter, der gewinnt die Aufmerk­sam­keit. Damit legt Trump die Finger in die Wunde unseres gegen­wär­tigen, auch unseres deutschen Polit-Betriebs. Es geht – siehe unten – nicht mehr wirklich um Inhalte, sondern um die Show.
Trump ist ein Populist und sein Erfolg steht auch für den gene­rellen Boom des poli­ti­schen Popu­lismus in den Demo­kra­tien des Westens. Er steht auch für den Bedeu­tungs­ver­lust von Wahlen, Verfahren und Posi­tionen – jeden­falls im Ansehen und in der Annahme immer breiterer Wähler­schichten.
Die Unter­s­tüt­zung für Trump belegt eine doppelte Angst der ameri­ka­ni­schen Gesell­schaft: Die Angst der weißen Männer, die ihre Stellung durch den sozialen Aufstieg der Latinos und Schwarzen bedroht sehen. Teile der weißen Bevöl­ke­rung fühlen sich fremd im eigenen Land – und genau das nutzt Trump aus. Und er verkör­pert die Angst breiter Gesell­schafts­kreise vor dem schlei­chenden Nieder­gang der ameri­ka­ni­schen Macht­po­si­tion. Trump verkör­pert das Verspre­chen der Restau­ra­tion der privi­le­gierten Stellung des weißen Amerika. Sein Erfolg ist eine Flucht vieler Wähler in das Phantasma der Wieder­her­stel­lung von Macht und Größe. Denn unüber­sehbar sind die USA in den letzten vier Jahr­zehnten innen­po­li­tisch und außen­po­li­tisch ein Land im Nieder­gang. Die alte Zeit der Welt­herr­schaft ist vorbei.
Donald Trump beant­wortet damit die zentrale Frage nach der ameri­ka­ni­schen Identität. Die Menschen der Welt wissen mit Donald Trump, was Amerika ist, und sie wissen damit nun zumindest auch, wer und was sie nicht sind.

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Trumps Wahl ist aus europäi­scher Sicht eine heilsame Schock-Therapie. Viel­leicht wird sie der Beginn einer Revo­lu­tion? Es ist in jedem Fall der Bruch mit der Konti­nuität, einer Konti­nuität, die von Bush zu Clinton zu Bush zu Obama die USA im letzten Vier­tel­jahr­hun­dert ins Unglück gestürzt hat. Trumps Gegen­kan­di­datin Hillary Clinton verkör­perte exakt diese Konti­nuität – das war der Grund, warum auch viele Anhänger der Demo­kraten zu ihr auf Distanz gingen. Clinton reprä­sen­tierte nicht nur – wie Trump – neureiche Verant­wor­tungs­lo­sig­keit, sie steht für schmut­zige Deals, für enge Nähe zur Wall Street, für außen­po­li­ti­sche Inkom­pe­tenz, sozi­al­po­li­ti­sches Miss­ma­nage­ment, ökono­mi­sche Fehl­ur­teile, für grund­sätz­liche Unehr­lich­keit.
Doch die Kommen­tar­kratie der Main­stream-Medien in Deutsch­land wie den USA hat entschieden, dass sie die Einzige ist, die die Welt noch vor dem bösen Trump retten konnte. Jetzt haben sie die Quittung.

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Til Schweiger kann bekannt­lich alles. Auch Restau­rant. Viel­leicht baut der ganz schön alt ausse­hende soge­nannte Star ja auch nur für die Zeit vor, in der ihn überhaupt keiner mehr sehen will. Sein neues Restau­rant belegt aber wieder mal, wie ober­pein­lich und zum Fremd­schämen Schweiger wirklich in nahezu jeder Hinsicht ist.
Die FAZ war jetzt bei der Eröffnung, und es muss echt ganz schön schlimm sein.

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Das Fernsehen der ARD, und das hat auch viel mehr mit Donalds Trump zu tun, als der ARD lieb sein kann, das Fernsehen der ARD ist, ob mit Plasbergs »Hart aber fair«, »Günther Jauch« oder »Anne Will« immer ganz vorne dabei, wenn es gilt, den Feinden der Demo­kratie ein Forum zu bieten, Posi­tionen hoffähig zu machen, die anti­de­mo­kra­tisch und den frei­heit­li­chen Werten des Westens entge­gen­ge­setzt sind. Jüngstes Beispiel: Der Auftritt einer voll­ver­schlei­erten Isla­mistin bei »Anne Will«. Aber schon länger wandeln sich die ARD-Talk-Shows zunehmend zum Krawall-Fernsehen und zum Popu­lismus, als dessen einziges Erfolgs­kri­te­rium die Fragen zählen: Wie ist die Quote? Reden alle darüber?

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Man traute seinen Augen nicht: Da saß ein Mensch, dessen Gesicht unkennt­lich gemacht wurde, wie sonst Miss­brauchsopfer oder Whist­leb­lower. Er redete ohne Mimik, ohne »Gesicht zu zeigen« – aus einer Black Box heraus.
Anne Will behaup­tete, es handle sich um die »Frau­en­be­auf­tragte« des »Isla­mi­schen Zentral­rats Schweiz«, Nora Illi. Ob sie da wirklich drinsaß, oder nicht vielmehr die Redak­ti­ons­prak­ti­kantin, die vorher ein paar Phrasen auswendig lernen musste, können wir
nur glauben, ebenso, ob da unter dem schwarzen Zelt überhaupt eine Frau saß, nicht ein Zwerg, oder der von Walter Benjamin beschrie­bene tückische »Schach­türke«, wir können nur hoffen, dass uns Anne Will nicht belogen hat.
Aber wenn ihre Aussagen zutreffen, ist nichts besser. Denn die Schlitz­trä­gerin wäre dann eine Vertre­terin den radikalen Isla­mismus. Es wurde die Stunde der Propa­ganda im NDR.

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Über fünf Millionen Zuschauer sahen zu, als die Isla­misten-Spre­cherin ihre Sicht auf die Welt erklärte. Kern ihrer Aussagen war die Verharm­lo­sung der ISIS und des Eintritts junger Europäer in die Terror­mi­lizen und den syrischen Bürger­krieg. »Die perfekte Propa­gan­distin eines nihi­lis­ti­schen Vernich­tungs­kults, weil sie die Unter­drü­ckung – insbe­son­dere die der Frauen – als Befreiung auszu­geben weiß.« (Michael Hanfeld, FAZ).
Über fünf Millionen Zuschauer sahen zu, wie sich die Frau unkri­ti­siert zum Opfer stili­sierte, gegen die angeb­liche Unter­drü­ckung von Muslimen in unserer Gesell­schaft redete und eine soge­nannte Werte­dis­kus­sion anzetteln wollte. Die Mode­ra­torin war ihrem Gast nicht gewachsen. Die im normalen Frage­duktus formu­lierte thera­peu­ti­sche Frage »Fühlen Sie sich unter­drückt?« ist eine naive Einladung für jemandem, der Unfrei­heit als Freiheit ausgibt.
Mode­ra­torin Anne Will betei­ligte sich auch ansonsten an der Rela­ti­vie­rung des Demo­kra­ti­schen und der Menschen­rechte, indem sie eine »Debatte über unser Werte­ver­s­tändnis« führen wollte, zu dem auch gehöre, »dass wir uns mit dem Werte­ver­s­tändnis anderer ausein­an­der­setzen.« Darin exakt liegt die Grat­wan­de­rung: In der Scheu, bestimmte Debatten und Infra­ge­stel­lungen auch einmal einfach nicht zuzu­lassen.
Es gab immerhin Gegen­reden: Imam Mohamed Taha Sabri, war eindeutig: Die ISIS sei Faschismus, nichts anderes, und begehe Verbre­chen gegen die Mensch­heit. Dass diese anderen, für sich genommen durchaus auch frag­wür­digen Talk-Gäste der Hass­pre­di­gerin entge­gen­traten, macht die Dinge nicht besser. Denn derartige Vertreter menschen­ver­ach­tender Ideo­lo­gien können auch diese Rolle als Opfer »der Anderen« für sich und poten­ti­elle Anhänger als Erfolg verbuchen.

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Erst nach der Sendung folgten die wirk­li­chen Fragen: Ist es nicht absurd, dass Voll­ver­schleie­rung auf diesem Weg hoffähig gemacht wird? Wieso muss man einer Bewegung, die Ressen­ti­ments und Hass schürt, Ausgren­zung und Mord propa­giert, das Wort erteilen? Warum sollte das öffent­lich-recht­liche Fernsehen einer Demo­kratie den Anti­de­mo­kraten und den Freunden und Sympa­thi­santen jener, die ihre Bürger in die Luft sprengen, überhaupt ein Forum bieten?
So war »Anne Will« vom Sonn­tag­abend ein Meilen­stein im Abstieg des öffent­lich-recht­li­chen Fern­se­hens, und in der Selbst­zer­stö­rung der demo­kra­ti­schen Verhält­nisse. Ein über­trie­benes Urteil?
Das wird erst die Zukunft zeigen. Klar ist aber schon jetzt, dass Talk-Shows als ein Edel­format des öffent­lich-recht­li­chen Fern­se­hens vor allem nach dem Prinzip der Aufmerk­sam­keit um jeden Preis und dem Quoten-Diktat funk­tio­nieren. Auch die Reak­tionen am Folgetag sind Teil eines zynischen Kalküls, das allein auf Aufmerk­sam­keit setzt. Nur in den seltensten Fällen geht es um jour­na­lis­ti­sche Qualität. Das zeigt schon die Tatsache, dass der »Isla­mi­sche Zentralrat der Schweiz«, dem die Nikab-Trägerin angehört, eine kleine und radikale Split­ter­gruppe mit 3.700 Mitglie­dern ist – weniger als ein Prozent der rund 400.000 Schweizer Muslime.

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Bereits der Auftritt der Pegida-Vertreter bei »Günther Jauch« im Januar 2015 war ein Tabubruch. Sichtlich stolz präsen­tierte Jauch die stam­melnde Wutbür­gerin Kathrin Oertel wie einen Ehrengast. Schnö­selig verband Jauch diese Präsen­ta­tion mit einer Kritik an den Demo­kraten: Deren Mut, mit Pegida-Vertre­tern zu disku­tieren, scheine ja begrenzt zu sein. Dabei war ein Präsi­di­ums­mit­glied der CDU und ein ehema­liger SPD- Bundes­tags­prä­si­dent zu Gast. Dabei könnte Jauch vor allem in den Sinn kommen, dass es bei der Frage einer Teilnahme nicht um Mutproben und öffent­liche Tapfer­keits­be­weise geht, sondern darum, klare Grenz­li­nien zu ziehen, darum, bestimmte poli­ti­sche Stand­punkte zu tabui­sieren. Dies wäre eigent­lich Aufgabe der öffent­lich-recht­li­chen Medien selbst. Gottes­läs­te­rung ist im Fernsehen verboten, Repu­blik­läs­te­rung und Demo­kra­tie­ver­ach­tung erlaubt.

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Dabei lohnt es sich, an alte Einsichten zu erinnern: Mit manchen Leuten spricht man nicht. Nicht alle Posi­tionen sind bloße Meinungen. Nicht jeder tenden­ziöse Kommentar ist ein Argument. Nicht jede Befind­lich­keitsäuße­rung ist eine berech­tigte Emotion, und muss zur »Sorge« oder »Wut« geadelt werden.
Nicht so der NDR: Immer wieder lud Jauch Pegi­disten und die Kryp­to­nazis der AfD in seine Sendung. Ein bisschen was von Zoo und Zirkus, von einer Freak-Show hatte das ganze auch. Und Jauch zele­brierte genüss­lich den eigenen Mut, genoß den Nerven­kitzel: Was werden die Rechts­aus­leger von sich geben? Werden sie sich provo­zieren lassen, irgend­wann beißen oder hand­greif­lich werden?

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Auch auf andere Weise machen öffent­lich-recht­liche Sender den Rechts­ra­di­ka­lismus hoffähig. Konse­quent sprechen sie im Zusam­men­hang mit der AfD und Pegida von »Recht­po­pu­lismus«, als wären die direkten Verbin­dungen und fließenden Übergänge zu Neuen Rechten und alten Nazis nicht längst Teil der Verfas­sungs­schutz­be­richte. Als wüsste man nicht, dass Popu­lismus ein Rela­ti­ons­be­griff ist, der in Gegen­satz­paaren arbeitet – Emotion gegen Vernunft, Volk gegen Elite, Wahrheit gegen Lüge –, aber program­ma­tisch und politisch substanzlos ist. Darum gibt es Rechts- wie Link­s­po­pu­lismus, darum gibt es demo­kra­ti­schen, wie auto­ritären Popu­lismus.
Im Zusam­men­hang mit der AfD müsste man aufgrund der Verbin­dung von Demo­kra­tie­kritik, Anti-Parla­men­ta­rismus, Auto­ri­ta­rismus und von ethno­zen­tri­schen, natio­na­lis­ti­schen und frem­den­feind­li­chen Posi­tionen und anderen Inhalten, aber auch von der Form ihrer medialen Auftritte, aber vor etwas anderem sprechen: Von Demagogie. Von Rechts­ra­di­ka­lismus, mit Ansätzen zum Rechts­ex­tre­mismus.
Die Arbeit an der Sprache ist die Arbeit am Gedanken. Die Kämpfe der Demo­kratie sind seman­ti­sche Kämpfe, keine substan­zi­ellen.
Nur ist schon das Wort »Radi­ka­lismus« verpönt. Das sagt man nicht. In der post­mo­dernen Demo­kratie ist Streit anstren­gend. Ablehnung und Feind­schaften sind verpönt. Statt­dessen herrscht univer­sale Toleranz und ein Plura­lismus der Meinungen, der längst auch Anti­re­pu­bli­ka­nismus, Demo­kra­tie­feind­schaft und Into­le­ranz toleriert.
Genau dies verbindet unseren öffent­li­chen, medialen Umgang mit Isla­mismus und Rechs­ra­di­ka­lismus.

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Natürlich kann man solche Diskus­sionen mit System­feinden, mit Rassisten oder reli­giösen Fana­ti­kern aushalten. Die Frage ist eher, warum man es tun sollte? Warum man nicht einfach sagt, dass einem bestimmte Themen zu blöd sind? Was spricht dagegen, bestimmte Debatten einfach zu verwei­gern? Man könnte zum Beispiel Vertre­tern der Todes­strafe gegenüber anstatt eine ARD-Themen­woche über das Für und Wider der Todes­strafe zu veran­stalten oder einen Thera­pietalk zur Frage »Warum wünschen junge Leute die Todes­strafe?« auch einfach mal sagen: Wir machen das so, und darüber gibt es keine Debatten. Und wem die Todes­strafe so wichtig ist, der kann ja in die USA auswan­dern.

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Ein weiterer Aspekt: Wozu gibt es überhaupt »Talk-Shows«? Das Fernsehen hätte lange Zeit geant­wortet (und manche Verant­wort­liche würden es immer noch tun): Zur Infor­ma­tion der mündigen Bürger, zur Aufklä­rung des Publikums, zum offenen Meinungs­aus­tausch. Heute müssen Talk-Shows Quote machen und unter­halten. Heute sind die Grenzen zwischen Infor­ma­tion und Unter­hal­tung fließend, gibt die Chimäre namens Info­tain­ment den Takt vor.
Das führt dann zu dem paradoxen Resultat, dass Satire-Sendungen wie die »Heute-Show« und »Neo-Magazin Royale« die einzigen echten Infor­ma­ti­ons­sen­dungen des deutschen Fern­se­hens sind, dass bei »Markus Lanz« oft kriti­scher nach­ge­fragt, schärfer kommen­tiert, und härter debat­tiert wird, als bei »Anne Will«, wo das Muster des Trash-TV und Krawall­fern­se­hens vorherrscht.
In unserer thera­peu­ti­schen Gesell­schaft dienen Talk-Shows aller­dings zunehmend nicht mehr der Aufklä­rung und Infor­ma­tion, sondern man will »die
Betrof­fenen« thera­pieren, man will »verstehen«, am besten »aus eigener Erfahrung«, »was Radi­ka­li­sie­rung bedeutet«. In diesem Fall, wieso Jugend­liche sich radi­ka­li­sieren, und gege­be­nen­falls für den »Isla­mi­schen Staat« nach Syrien in den Krieg ziehen.

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Mit dieser Haltung einer scheinbar für alles offenen Neugier, einer unstill­baren Toleranz graben sich die Medien ihre eigene Grube. Denn sie bieten jenen ein Forum, die einmal zur Macht gekommen, als erstes kritische Medien zum Schweigen bringen, Jour­na­listen drang­sa­lieren und verhaften werden. Deren Ziel ist die Gesell­schaft gleich­zu­schalten.
Das Ungarn Orbans, und die Türkei Erdogans machen es vor, Polen und eine FPÖ-Regierung in Öster­reich, eine Präsi­dentin Le Pen in Frank­reich werden es nach­ma­chen, wenn man ihnen dazu die Chance gibt.
Tatsäch­lich könnte man begreifen, dass Medien sich von der Gesell­schaft in der sie exis­tieren, nicht verab­schieden können – es sei denn, sie wollen diese Gesell­schaft verab­schieden.
Tatsäch­lich könnte man sagen, dass es die Aufgabe von Talkshows wie von allen Medien natürlich auch ist, einen gesell­schaft­li­chen Konsens und wünschens­wertes Verhalten zu formu­lieren, vorzu­leben und einzuüben.
Jeder
öffent­lich geför­derte Spielfilm würde daraufhin abgeprüft, ob die positiv gezeich­neten Figuren ein wünschens­wertes Verhalten vorleben. Wenn Film­fi­guren, die Menschen verachten, Menschen­rechte verletzen, morden und ander­weitig das Recht brechen, zu Helden stili­siert werden, würde man diesen Film als jugend­ge­fähr­dend einstufen und gege­be­nen­falls auf den Index setzen.
In Talk-Shows und poli­ti­scher Bericht­erstat­tung aber gibt man genau solchen Figuren eine Bühne.

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Die »Anne Will«-Talk-Show vom Sonn­tag­abend war deshalb ein Meilen­stein in der Selbst­zer­stö­rung der demo­kra­ti­schen Verhält­nisse, weil sie genau diesen Abschied von gesell­schaft­li­chen Werten prak­ti­zierte und das Kern­pro­blem vorführt: Die Unfähig­keit der Demo­kraten, die Demo­kratie selbst zu vertei­digen. Denn dazu bedürfte es Mittel, die selbst nicht mehr demo­kra­tisch sind. Die univer­sale Toleranz dagegen ist eine scharfe Waffe in der Hand der Feinde.
Auch der
vermeint­lich wackere Vertreter des demo­kra­ti­schen Konser­va­ti­vismus, der CDU-Talkshow-Beauf­tragte Wolfgang Bosbach stammelte ange­sichts des schwarzen Zelts nur: »Das ist ihre ganz persön­liche Entschei­dung, die habe ich nicht zu kommen­tieren, die habe ich nicht zu kriti­sieren.« Warum eigent­lich nicht? Könnte man nicht einmal sagen, dass man eine Entschei­dung für geschmacklos hält, für Schwach­sinn?

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Was lernen wir aus dieser Erfahrung? Man lädt solche Leute nicht in Talk-Shows ein. Denn sie werden ihre Thesen verkünden, sie werden eine Opfer­rolle spielen. Man redet nicht mit jedem. Wer mit den Feinden der offenen Gesell­schaft redet, und so tut, als sei ein freier, gleich­be­rech­tigter Diskurs möglich, der beteiligt sich an der Zers­tö­rung eben dieser offenen Gesell­schaft.

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»In der Über­fluß­ge­sell­schaft herrscht Diskus­sion im Überfluß, und im etablierten Rahmen ist sie weit­ge­hend tolerant. Alle Stand­punkte lassen sich vernehmen: der Kommunist und der Faschist, der Linke und der Rechte, der Weiße und der Neger, die Kreuz­zügler für Aufrüs­tung und die für Abrüstung. Ferner wird bei Debatten in den Massen­me­dien die dumme Meinung mit demselben Respekt behandelt wie die intel­li­gente, der Unun­ter­rich­tete darf ebenso lange reden wie der Unter­rich­tete, und Propa­ganda geht einher mit Erziehung, Wahrheit mit Falsch­heit. Diese reine Toleranz von Sinn und Unsinn wird durch das demo­kra­ti­sche Argument gerecht­fer­tigt, daß niemand, ob Gruppe oder Indi­vi­duum, im Besitz der Wahrheit und imstande wäre zu bestimmen, was Recht und Unrecht, Gut und Schlecht ist.«
Herbert Marcuse, »Kritik der reinen Toleranz«

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 140: Da da da oder: Coming out of age

»Gefühle runterbrechen…« – Netflix Serie THE GET DOWN

Die Rettung des deutschen Films durch Netflix – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 140. Folge

»Es hat ange­fangen ein neuer Akt der
gött­li­chen Komödie, und sein Leit­spruch
lautet: Die Menschen wissen, daß sie im
Himmel sind.«

Johannes Baader
»Wir leben unter einem mörde­ri­schen, absurden Regime, einer kanni­ba­li­schen Welt, die wir radikal ändern müssen.«
Jean Ziegler in dem Film »Jean Ziegler – l’optimisme de la volonté« von Nicolas Wadimoff
»Dada ist Netflix, Netflix ist Dada.«
Alte Bauern­regel

Wie erlangt man die ewige Seligkeit? Indem man Netflix sagt. Wie wird man berühmt? Indem man Netflix sagt. Mit edlem Gestus und mit feinem Anstand. Bis zum Irrsinn, bis zur Bewusst­lo­sig­keit. Wie kann man alles Aalige und Jour­na­lige, alles Nette und Adrette, alles Vermo­ra­li­sierte, Vertierte, Gezierte abtun? Indem man Netflix sagt. Netflix ist die Weltseele, Netflix ist der Clou, Netflix ist das beste nächste große Ding der Welt.
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Gespräch über ein Seri­en­pro­jekt. Natürlich für Netflix, wasnsonst. Es geht um ein Doku-Projekt zur Avant­garde nach der Jahr­hun­dert­wende: Dada. Im Raum: ein Regisseur, ein Autor, eine Produ­zentin, ein Produzent, zwei Producer.
Der Regisseur: gepflegter Bart, gepflegte Bräune, Ringel­so­cken: wurst­fin­ger­dicke blaue Streifen auf weiß, dazu ein Holz­fäl­ler­hemd und eine Fahr­rad­ku­rier­ta­sche, aber aus Leder, bestimmt 200 Euro, wahr­schein­lich mehr. Natürlich ein Apple Air Book.
Weiterlesen

Dada ist jung. Im Gespräch sagt der Regisseur darum immer »coming out of age«, er meint natürlich coming of age. Wenn’s nur das wäre. Aber er ist überhaupt ein großer Bluffer. Er hat schon alles gemacht, auch lange als Lektor gear­beitet, wow denke ich, Du bist ja ne Nummer. Darum versteht er auch Dreh­bücher sofort. Wichtig sind, sagt er, Ziele und Reflexion der Figuren. Er sagt andere, wichtige Dinge, denn er hat sie studiert:
»Auf einer akade­mi­schen Ebene ist Dada total inter­es­sant.« Damit meint er: Für Dada inter­es­siert sich heute keine Sau.
»Drama­turgie lebt von der Zukunft, von der Erwartung.« Will sagen: Wir können schon Dada machen, aber bitte ohne Vergan­gen­heit.
»Das ist halt das Gegenteil von einem Festi­val­film.« Will sagen: Halt Du Suchsland mal gleich die Klappe.
»Lachen, Weinen, Träumen und Mitfühlen, Empören auch.« Damit meint er: bloß nix denken. Fernsehen ist Gefühl.

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Irgend­wann hat der Regisseur eine origi­nelle, nein: eine richtig mutige Idee: »Künstler von heute und ihre Reflexion über Dada«.
Auf den Einwand, dass das ja schon mal jemand gemacht hätte, sagt der Regisseur: Ja, aber die fand ich alle doof, was die zum Dada zu sagen haben, ne Pups­nummer, alles Kacke.
Wir machen die Fenster auf.

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Der Produzent: schwarzer Anzug. Anthra­zi­t­hemd, bisschen zu glänzend. Der Produzent: Ein inter­na­tio­naler Film. Nur ein Gedanke und der Gedanke als Bewegung. Es ist einfach furchtbar. Wenn man eine Serie daraus macht, muss das bedeuten, man will Kompli­ka­tionen wegnehmen. Dada Psycho­logie, Dada Literatur, Dada Bour­geoisie und Du, lieber Autor, der Du immer mit den Worten…
Dada Revo­lu­tion – ja, möcht’ ich auch gern machen. Wirklich. Wirklich! Kauft nur keiner, sendet keiner. Leider. Echt.

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Der Produzent ist ein großer Naiver. Einer der wirklich glaubt, er hätte schon längst im Lotto gewonnen, wenn nur die Zahlen… er hatte ja die richtigen, aber dann… Eigent­lich ist eine Netflix-Serie ganz einfach erfahre ich. Man muss einfach »ein Gefühl, das jeder kennt«… Genau. Und dann: »runter­bre­chen«.

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Irgend­wann fragt der Produzent: »Könnte man nicht Dada ohne Dada machen?« – und freut sich einen Augen­blick über seine gute Idee.
Dann: Auf die Verbin­dung kommt es an, und dass sie vorher ein bisschen unter­bro­chen wird.

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Am Schluss dann: Es ist furchtbar einfach. Auf Wieder­sehen ein ander Mal! Ja, Sie haben Recht, so ist es. Jawohl, wirklich. Machen wir. Und so weiter.

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Vers­tänd­nis­frage: Geht es darum, etwas Origi­nelles (etwas Neues) zu machen, oder etwas Gutes zu machen?
Geht es darum die Autoren dazu zu bringen, dass sie etwas machen, was Erfolg hat (vermeint­lich, denn genau weiß man es erst, wenn es soweit ist), oder darum, die Autoren dazu zu bringen, dass sie machen, was sie machen wollen und den Autoren dazu zu verhelfen, dass sie das können?

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Alle reden von Netflix, aber keiner hat irgend­eine Ahnung. Dass das so ist, ist gut. Schon deshalb weil alle von Netflix reden, wird es nichts werden mit der Rettung des deutschen Films durch Netflix.
Der Spiegel übrigens redet nicht von Netflix. Die verkaufen denen nichts. Sie werden schon wissen warum.

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Der Produzent redet gern von Algo­rithmen, die angeblich wissen, was die Kunden sehen wollen. Die Algo­rithmen, sagen, dass sich die Netflix-Zuschauer für deutschen Geist nicht inter­es­sieren. Meint er wirklich Algo­rithmen?
Meine persön­li­chen Algo­rithmen sagen, dass Netflix deutsche Dokus aus den 70ern kauft, wie »Hitler – Eine Karriere« und die Helmut-Schmidt-Doku der ARD. Wenn die sowas senden, könnte man sich viel­leicht darauf einigen, dass eh keiner weiß, was Netflix will. Was die senden. Was Netflix-Zuschauer sehen wollen. Netflix ist daher der Ort eines großen Expe­ri­ments, einer Riesen­per­for­mance. Kein Ort der Checker, sondern ein Ort für Free­styler. Länger als fünf Jahre wird das nicht so gehen, aber jetzt geht es so. Den Erfolg bei Netflix kann man so sicher planen, wie einen Lotto­ge­winn.
Vergessen wir die Bescheid­wisser.
Vergessen wir nicht: Netflix ist Dada.

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»Jeder Student ist eine Chance, das System zu ändern.«. Dies ist der Titel der Abschrift einer Diskus­si­ons­ver­an­stal­tung bei den Kurz­film­tagen Ober­hausen zur Feier der ersten 50 Jahre dffb, die jetzt die Kollegen von critic.de veröf­fent­licht haben, und die die Ausein­an­der­set­zung lohnt.

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»Wir wollen über Frank­reich reden« sagen die 33. Fran­zö­si­schen Filmtage Tübingen (2. bis 9. November 2016) bei der Ankün­di­gung ihres dies­jäh­rigen Programms. »und über den Rest der Welt. … über gesell­schaft­liche Umbrüche, über Meinungs- und Pres­se­frei­heit. Die Welt ist nicht ruhiger geworden, im Gegenteil. Die Fragen und Unsi­cher­heiten gehen weiter: Warum ziehen Mädchen für den IS in den Dschihad? Wie können wir unsere Privat­sphäre im Zeitalter der NSA schützen? Wie können sich kleine Unter­nehmer gegen Groß­kon­zerne behaupten? Was dürfen und können die Medien? Was ist Familie? Das sind nur einige der poli­ti­schen, sozialen oder philo­so­phi­schen Fragen, die wir im Zusam­men­hang mit unseren Filmen disku­tieren wollen.«
Die Fragen sind groß, die Filme klein und ich bezweifle ob sie alle Fragen beant­worten können. Aber besser große Fragen, als gar keine. Und sie – die Filme wie die Fragen – machen Lust, endlich mal nach Tübingen zu fahren.
Zum Beispiel: La socio­logue et l*eourson von Étienne Chaillou und Mathias Théry.
»Irène Théry ist Sozio­login und Mitglied der Exper­ten­kom­mis­sion, die den Gesetz­ent­wurf für die Homoehe in Frank­reich erar­beitet hat. Ihr Sohn, der Filme­ma­cher Mathias Théry machte sich zusammen mit Étienne Chaillou daran, die Kontro­verse zu disku­tieren. Was ist hier eigent­lich los? Wer ist dafür, wer ist dagegen, und wieso? All das und noch viel mehr bespre­chen Irène und Mathias am Telefon. Mit Hilfe animierter Plüsch­tiere wird erklärt, dass das Vater-Mutter-Kind-Modell, das wir für die vermeint­lich „natür­liche*g Form der Familie halten, ein gesell­schaft­li­ches Konstrukt ist – noch dazu kein besonders altes. Der Begriff der Familie ist ein gesell­schaft­li­ches Konstrukt, das sich immer wieder verändert hat – und sich deshalb auch in Zukunft verändern kann. Ein origi­neller Doku­men­tar­film, der das erstaun­lich sensible Thema mit den Mitteln der „Sendung mit der Maus*g auf unge­wöhn­liche Weise, aber sehr diffe­ren­ziert zur Diskus­sion
stellt.«
Oder Nothing to hide von Marc Meil­las­soux und Mihaela Gladovic. »Haben Sie etwas zu verbergen? Nein? Schon nach wenigen Minuten fällt jedem ein, dass es Dinge gibt, die man nicht der ganzen Welt mitteilen möchte. Trotzdem geben wir unzählige Infor­ma­tionen über uns preis: Wir instal­lieren immer mehr Apps auf unserem Handy oder akzep­tieren Geschäfts­be­din­gungen, die Unter­nehmen Zugang zu unseren Daten geben. Aus Sicher­heits­gründen stellen wir unser Recht auf Privat­sphäre zurück. Dabei will niemand in einem Über­wa­chungs­staat leben, der einen die Freiheit raubt. Freiheit stirbt mit Sicher­heit, behaupten wir – und sind beruhigt, wenn möglichst viele Kameras uns beim Küssen in der U-Bahn-Station filmen. Haben wir überhaupt noch private Geheim­nisse? Was sagt es über uns und unsere Gesell­schaft aus, wenn wir uns an die Recht­fer­ti­gung klammern, dass wir nichts zu verbergen haben? „Nothing to hide*g widmet sich den gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Auswir­kungen dieser Über­wa­chungs­epi­demie. Der Doku­men­tar­film wurde von Kick­starter als Crowd­fun­ding-Projekt finan­ziert. …
Wir, die wir immer noch fest an die Welt­ver­bes­se­rungs­fähig­keit des Kinos glauben, freuen uns auf jede Menge zündenden Gesprächs­stoff, auf lebendige Ausein­an­der­set­zungen und neue Erkennt­nisse, auf Austausch und Kommu­ni­ka­tion und natürlich auf eine gute Zusam­men­ar­beit und eine großar­tige Medi­en­prä­senz, für die wir Ihnen schon jetzt herzlich danken. Für alle Rück­fragen, Bild­ma­te­rial, Inter­view­ter­mine und ausführ­li­cheren Infor­ma­tionen stehen wir Ihnen selbst­ver­s­tänd­lich gerne und jederzeit zur Verfügung.«

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 137: »Das geht doch nicht, da passiert ja gar nichts!«

Eine Welt im Ausnahmezustand zeigt Edward Zwick inThe Siege

Wir wollen ja nicht speku­lieren: Medien im Ausnah­me­zu­stand und die große Terror-Show der ARD – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 137. Folge

Immer weniger Menschen sterben an Terror­akten. Und doch lassen sich die Gesell­schaften des Westens, insbe­son­dere die deutsche, ins Bockshorn jagen. Wie das geht, hat uns das Kino schon lange erzählt.
Man könnte sich dazu Fritz Langs Mabuse-Filme ansehen, noch frap­pie­render ist aber der vor 9/11 entstan­dene The Siege (Ausnah­me­zu­stand) von Edward Zwick. Bruce Willis spielt darin einen Militär, der den realen Terror ausnutzt, um über den Ausnah­me­zu­stand eine faschis­toide Diktatur zu instal­lieren – New York sieht plötzlich aus wie Pinochets Chile. Und erschre­ckend aktuell sind die Inter­nie­rungs­lager und folternde Militärs.
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Weniger realis­tisch im Äußeren und der Form, dafür viel­leicht im Empfinden ist Roberto Rodriguez’ Planet Terror, gutes Schund­kino, das man in beide Rich­tungen lesen kann: Wenn Zombies abge­knallt werden und die Ekel­schwelle immer höher steigt, dann ist das ein Anti­ter­ror­kampf als Schlacht­platte. Aber viel­leicht ist der Film noch etwas cleverer: Viel­leicht macht er uns nur zu willen­losen Amok­schützen? »Sensa­tio­nell ist Rose McGowan, die ihr ampu­tiertes Bein mit einem Maschi­nen­ge­wehr ersetzt und damit zu unge­ahnter Effek­ti­vität und Attrak­ti­vität aufläuft«, schrieb Michael Althen zu dem Film vor neun Jahren in der FAZ, und weiter großartig: »Im Grunde befreit sich das Kino hier aus dem Abbil­dungs­t­error und schwingt sich zu abstrakter Kunst empor. Ein Fall für die Documenta.« Ja! Ein Fall für die Documenta – das könnte auch noch für so manches gelten, das sich in den letzten zwei Wochen ereignete.
Vorher soll aber erwähnt werden, dass Bruce Willis auch hier einen kleinen kurzen effek­tiven Auftritt hat. Weiterlesen

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»Uncertain States. Künst­le­ri­sches Handeln in Ausnah­me­zu­ständen« heißt passen­der­weise der Programm­schwer­punkt der Berliner Akademie der Künste in diesem Herbst. Thema ist die Fragi­lität des Status Quo, ausgelöst durch Kriege, Armut, Terro­rismus, Flucht und Zuwan­de­rung. Ein »Erfah­rungs­raum der Dinge« soll die Grund­struktur des drei­mo­na­tigen Programms bilden.
»Die Erfahrung von Ausnah­me­zu­ständen ist in die alltäg­liche Wirk­lich­keit Europas einge­kehrt. Mit ‘Uncertain States’ nehmen wir die aktuellen poli­ti­schen, gesell­schaft­li­chen und indi­vi­du­ellen Umbrüche und Unsi­cher­heiten in den künst­le­ri­schen Fokus und erinnern gleich­zeitig an die exis­ten­ti­ellen Notlagen, in die viele Kunst­schaf­fende nach 1933 gerieten. Ihr emotio­naler und ästhe­ti­scher Umgang mit Auswan­de­rung und Exil ist in den Archiven der Akademie der Künste beispiel­haft doku­men­tiert und wesent­li­cher Bezugs­punkt unserer Ausstel­lung«, sagt die Film­re­gis­seurin und Akademie-Präsi­dentin Jeanine Meerapfel.
Objekte und Dokumente stammen unter anderem auch von den im Film arbei­tenden Bertolt Brecht, Hanns Eisler, Valeska Gert, Lilian Harvey.

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Seit etwa 1988 sinkt der Terror in Europa. Mitte der 90er Jahre waren die Zahlen noch einmal höher – aber nur wenn man den Jugo­sla­wien-Krieg mitzählt. Die Zahlen der Todes­opfer 2015 und 2016 liegen nach einer aktuellen, u.a. über dpa verbrei­teten Statistik im Vergleich weit unter den Zahlen der 1970er- und 1980er-Jahre.
Der Grund dafür, dass zwischen der realen Gefahr und den tatsäch­li­chen Terror­op­fern in Europa einer­seits und der subjektiv empfun­denen Terror­ge­fahr in Deutsch­land eine signi­fi­kante Lücke klafft, ist reine Hysterie. Das belegt auch eine Umfrage des Pew Research Center: Die Menschen haben vergleichs­weise viel Angst vor Terror, vor Flücht­lingen und »dem Zuzug von Auslän­dern«. Sie haben auch Angst vor den Folgen von grie­chi­schen Schulden und Brexit für die Steu­er­zahler. Sie haben aber vergleichs­weise wenig Angst vor Krankheit oder davor im Alter ein Pfle­ge­fall zu werden – obwohl diese Aussicht die viel wahr­schein­li­chere ist.
Von den 4000 Verkehrs­toten reden wir jetzt mal gar nicht – oder herrscht viel­leicht Terror auf der Autobahn?

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Es war eine Kapi­tu­la­ti­ons­er­klä­rung erster Klasse, was da am vergan­genen Freitag im ARD-Fernsehen geschah. Da feilscht die ARD mit ihren Filme­ma­chern und Produ­zenten und Redak­tionen um jede Sende­mi­nute und dann wird einem – wie wir inzwi­schen wissen: rechts­ex­tremen – Quatsch­kopf eine Live-Sendezeit von über drei Stunden geboten! Was ist das für ein Signal an zukünf­tige Täter? Was für ein Signal an Sozi­al­ge­störte und Psycho­pa­then, denen die Warhol­schen »15 Minuten« nicht ausrei­chen, und die zum Stillen ihres Aufmerk­sam­keits­de­fi­zits einfach ein paar Menschen über den Haufen schießen müssen?
Jeder poten­ti­elle Mörder weiß nun, wie er es anstellen muss, um bei der ARD eine Live-Show zu bekommen.

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»Ein Fall für Zwei« im Ersten. Die längste »Tages­themen«-Sendung aller Zeiten, länger selbst als am 11.9.2001, von 21.15 Uhr bis 0.27 Uhr, länger als jedes Fußball-Cham­pi­ons­league-Spiel inklusive Verlän­ge­rung und Elfme­ter­schießen, und dann noch im Stehen, weil man ja im deutschen Fernsehen nicht mehr in sitzender Gelas­sen­heit, sondern nur noch hektisch auf dem Sprung die Nach­richten ablesen darf.
Als Terror-Show­master betä­tigten sich Thomas Roth und Georg Mascolo, einst »Spiegel«-Chef­re­dak­teur, jetzt soge­nannter »Terro­ris­mus­ex­perte« bei der ARD.
Der Eindruck drängte sich auf, dass man in manchen Redak­tionen heimlich darauf hoffte, es würde noch etwas passieren. Einem der dilet­tan­ti­schen ARD-Terror-Show­master entfuhr die Bemerkung: »Das geht doch nicht, da passiert ja gar nichts!« Und auch sonst, domi­nierte der Eindruck, als ob alle drauf gewartet und ein wenig gehofft hätten. Endlich! Hechel, hechel!! Immer wieder die rheto­ri­sche Geste des »Es musste ja so kommen« – und gleich­zeitig soo dilet­tan­tisch: Live­schal­tungen, die nicht funk­tio­nierten, wo aber keiner auf die Idee kam, den Leuten vor Ort – wenn es denn live sein muss – mal ein Mobil­te­lefon in die Hand zu drücken.
Oder jenen Moment, als sich die Terror-Show­master mit einem frisch servierten Handy-Video befassten, dass den Mörder zeigte, wie er sich mit einem Bewohner auf einem Parkdeck ein Wort­ge­fecht lieferte. Es war nicht unbedigt gewohnte ARD-Sprache, aber immerhin bereits beim ersten Mal deutlich vers­tänd­lich, was die Leute sich zubrüllten. Unter anderem rief der Mörder: »Scheiß-Ausländer«, »Ich bin Deutscher«, da hätte man schon vermuten können, dass der Mann Rechts­ex­tre­mist ist. Nur zwei Leute verstanden gar nichts: Roth und Mascolo. Und auch beim zweiten und beim dritten Anguck-Versuch brachen sie das Abspielen vorzeitig ab.
Da hatten sie über Stunden nur herum­ge­la­bert, nichts zu tun gehabt, geraten und gemutmaßt und Anekdoten erzählt, und endlich ein paar Fakten, die alle ihre Speku­la­tionen vom »Tages­themen«-Tisch wischten: keine Isis, keine Isla­misten, keine Flücht­linge, kein Ernstfall.
In der ganzen Zeit kein kriti­sches Wort zu der Panik, viel Speku­la­tionen über Gefahren, aber keine Speku­la­tion darüber, ob viel­leicht all das doch etwas über­trieben sein könnte.

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Deutsche Tote sind offenbar mehr wert als andere – wo war die Sonder­sen­dung für die 200 Toten bei Erdogans Ermäch­ti­gungs­putsch, äh, Reichs­tags­brand?

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Der ARD-Reporter brüstet sich noch damit, dass er an der Polizei vorbei hinter die Absper­rungen gegangen sei. Zu guter Letzt wird Angela Merkel dann noch vorge­worfen, dass sie sich erst infor­miert, sich nicht sofort das nächste Mikrophon schnappt – bloß weil der bescheu­erte US-Präsident sofort herum­get­wit­tert hat, als die Toten noch gar nicht gezählt waren.

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Das stellt dann immerhin gleich am nächsten Morgen Joachim Krause, Professor und Direktor des Instituts für Sicher­heits­po­litik an der Univer­sität Kiel im Deutsch­land­funk fest. »In erster Linie habe ich die Hysterie der Medien erlebt, und die, muss ich sagen, war nicht besonders gut. Gestern Abend habe ich den Eindruck gehabt, die Gelas­sen­heit fehlte, auch gerade bei den Medien. Ich hab mir drei Stunden ARD angetan und noch mal kurz ZDF, es war schlimm, muss ich sagen, weil es gab eigent­lich nichts zu berichten, und es wurde eigent­lich nur im Konjunktiv gespro­chen.« Krause traute sich auch den Einsatz der Polizei in München infrage zu stellen: »Das ist in dieser Größen­ord­nung etwas Neues, und ich weiß nicht, ob das tatsäch­lich gerecht­fer­tigt gewesen ist, aber… ich fand das schon ein bisschen sehr viel.«

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Das Ergebnis des Münchner Amok-Anschlags ist das Abbild einer infan­tilen, über­hys­te­ri­sierten Gesell­schaft, die zwischen Aufge­regt­heit und Schreck­haf­tig­keit changiert, und ihre Mitte immer noch nicht gefunden hat. Wir müssen lernen, Gelas­sen­heit zu entwi­ckeln, das haben wir hier in Deutsch­land überhaupt nicht.
Die Profi­teure warten schon: Die Medien machen mit alldem das Geschäft der Popu­listen der demo­kra­ti­schen Parteien und vor allem das Geschäft der Rechts­ex­tre­misten. Die wollen ein Angst­re­gime errichten. Sie nutzen den Terror, auch den rechts­ex­tremen, auch den nur vermeint­li­chen, für ihre Zwecke.

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Immerhin geht Thomas Roth im Herbst in den Ruhestand. Es wird höchste Zeit. Sein Nach­folger ist Ingo Zamperoni, ein Halbi­ta­liener und schon deswegen etwas cooler und mehr gewohnt.

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Werbung für einen Film: »Ein Film, der den Blutdruck senkt und das Gehirn entschleu­nigt. Dadurch wird der Kopf frei.«
Ja, dann geht doch alle ins Kloster!

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In der nach wie vor offenen Frage der CETA und TTIP Abkommen, die unter anderem die Künste und Medien schwer schädigen würden, will die EU-Kommis­sion nach dem Brexit-Reinfall jetzt offenbar mit dem Kopf durch die Wand. Ihr Plan: CETA und TTIP sollen im Eilver­fahren durch­ge­wunken werden, ohne dass die natio­nalen Parla­mente gefragt werden.
Das ginge nur, wenn es auf europäi­scher Ebene echte Demo­kratie gäbe.
CETA ist die Blaupause für TTIP, die Sonder­kla­ge­rechte für Konzerne und nied­ri­gere Umwelt- und Verbrau­cher­stan­dards bringen würde.
Die Bundes­kanz­lerin will offenbar mitspielen und den Bundestag lediglich »um eine Meinungs­bil­dung« bitten. Ob die EU-Kommis­sion mit ihren Plänen durch­kommt, die natio­nalen Parla­mente doch noch beteiligt werden oder CETA ganz gekippt wird – das entscheidet sich voraus­sicht­lich auf dem EU-Handels­gipfel in Bratis­lava am 22. und 23. September.
Wie sehr der Protest bereits wirkt, kann man dieser Tage bei der SPD bestaunen. Wirt­schafts­mi­nister Sigmar Gabriel (SPD), bisher TTIP- und CETA-Befür­worter, nennt Junckers Plan »unglaub­lich töricht.«
Mehr Infor­ma­tionen zu den über­par­tei­li­chen Initia­tiven hier:
www.campact.de/ttip-ebi
stop-ttip.org
www.volks­be­gehren.jetzt

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Und wäre Erdogan ein bildender Künstler, unser Beifall wäre ihm sicher. Und der der Documenta.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 129: Blau ist die kälteste Farbe…

Bücher als Bedrohung einer Ideologie in Fahrenheit 451

Poli­ti­sche Farben­lehre, Ausstel­lung für Bücher­freunde, der Kino­st­ar­be­trieb und der Kampf ums Filmerbe – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 129. Folge – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 129. Folge

»Wer von uns wacht hier und warnt uns, wenn die neuen Henker kommen? Haben sie wirklich ein anderes Gesicht als wir?«
aus »Nacht und Nebel« von Alain Resnais

Es ist zwar ein kaltes, helles, unfeines Blau, kein warmes, aber eben ein Blau, nicht Braun oder zumindest Grau, wie einst bei Franz Schön­hu­bers REPs, mit dem dem bei den Wahl­sen­dungen der öffent­lich-recht­li­chen Sender die Zahlen der rechts­ex­tremen AfD markiert werden. Warum eigent­lich? Warum nicht Braun oder Grau? Das Argument, die Partei hätte diese Farbe auf ihren Plakaten, zählt nicht, denn die CDU wird schließ­lich auch mit Schwarz markiert, obwohl ihre Plakat-Farbe Orange ist.
Man sollte solche Symbole nicht unter­schätzen, es zwar nur kleine Gesten, aber markante. Und es sind die vielen kleinen Gesten, mit denen man den Wolf im Schafs­pelz oder Bürger­pelz sichtbar macht. Oder eben nicht. Es ist auch bemer­kens­wert. wie oft die Bericht­erstatter von »Rechts­po­pu­listen« reden, nicht von »Rechts­ra­di­kalen«, »Rechts­ex­tre­misten« oder gar »post­fa­schis­tisch«. Wenn es dagegen um die LINKE geht, habe ich von den gleichen Leuten noch nie das Wort »Link­s­po­pu­listen« gehört. Die sind natürlich »am linken Rand«, oder »links­ra­dikal« oder »post­kom­mu­nis­tisch.«
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Die Frage wäre auch einmal zu stellen, ob Unab­hän­gig­keit der Medien überhaupt möglich ist. Man könnte argu­men­tieren, dass zumindest der öffent­lich-recht­liche Rundfunk (die privaten Print­me­dien viel­leicht nicht) eine Pflicht zur Partei­nahme pro Demo­kratie habe. Dass er die sehr wohl in Anspruch nimmt, wenn es um die NPD geht, oder um Putin oder Assad oder andere.
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Diese Thema­ti­sie­rung der AfD hat durchaus auch im engeren Sinn etwas mit Kino zu tun, denn die AfD, das sind auch die Kino­zu­schauer. Für die werden Filme gemacht, schon bisher. Viel­leicht sollte man endlich auch wieder Filme machen, um die Zuschauer zu erziehen und umzu­er­ziehen. Umer­zie­hung heißt auf Englisch Reedu­ca­tion, das war mal eine gute Sache. Und Politik lässt sich von Ästhetik sowieso nicht trennen.
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Bei einer Film­sich­tung habe ich einen Haufen Fern­seh­filme vor mir. Von ZDF und DEGETO so schlecht wie lange nicht. Das Resümee nach den ersten zwei Tagen: Felicitas Woll und Rosalie Thomas kämpfen gerade um die Nachfolge von Veronika Ferres als »starke Frau« des deutschen Fern­se­hens.
+ + + Weiterlesen

Ein anderes Medien­thema, ebenfalls schon erstaun­lich: Nicht Film­kri­tiker, sondern Kunst­kri­tiker oder Kunst­pro­fes­soren bespra­chen vergan­gene Woche zum Filmstart in vielen Zeitungen Alexander Sokourovs Fran­co­fonia. Erstmal ist dagegen nichts zu sagen: Inter­dis­zi­pli­na­rität ist etwas Tolles. Man muss sich das aller­dings einmal umgekehrt vorstellen: Da malt ein Maler einen Filmset, oder ein Kino­re­gis­seur oder Thomas Struth photo­gra­phiert das Gebäude eines Holly­wood­stu­dios, und dann wird das ganze nicht mehr als bildende Kunst beurteilt, sondern von einem Film­kri­tiker auf seinen Realis­mus­ge­halt als Film­re­por­tage abge­klopft.
So erlebt man einen Aufmarsch der Kunst­his­to­riker, die sich als Muse­ums­wächter gerieren. Was Swantje Karich und Walter Grasskamp dabei verbindet, ist, dass sie von Kino offenbar wenig verstehen. Sie möchte einen braven Doku­men­tar­film sehen, und den will ihnen Sokourov nicht servieren.

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»To learn how to find, one must first learn how to hide.«
Guy Montag (Oskar Werner) in Fahren­heit 451

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Über den Zusam­men­hang von Politik und Kino, genauer dem Kino­st­ar­be­trieb hat auch meine Freundin Heike-Melba Fendel geschrieben, in ihrer Kolumne im »Frauen-Blog«, der mal bei der FAZ war und derzeit von der Zeit gehostet wird.

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Fahren­heit 451 erzählt von den bildungs­feind­li­chen Feuern einer dysto­pi­schen Diktatur, die die Bücher als Bedrohung der eigenen Ideologie ansieht: Dieses Szenario, das an die Bücher­ver­bren­nungen der Nazis erinnert, entfaltet Ray Bradbury in seinem großen Science-Fiction-Roman »Fahren­heit 451«. 1966 hat ihn Francois Truffaut verfilmt. Dem Schre­ckens­sze­nario der Auslö­schung der Kultur stellt die Story die »Bücher­men­schen« entgegen: Sie retten die Texte, indem sie komplette Werke memo­rieren und sozusagen in ihrem Kopf in die Zukunft tragen. Mit dieser idea­lis­ti­schen Idee, dass Menschen selbst zum Medium der Bewahrung und Vermitt­lung von Kunst werden, arbeitet nun ein ambi­tio­niertes Ausstel­lungs­pro­jekt, das das Museum für Moderne Kunst (MMK) in Frankfurt veran­staltet. Zusammen mit dem Centre Pompidou und der Tate London zeigt man vom 24. März bis 4. September 2016 eine Auswahl von Haupt­werken der drei Museen, die Kunst von den 1920er-Jahren bis in die Gegenwart umfasst, und lädt die Besucher dazu ein, die ausge­stellten Werke nach dem Vorbild der »Bücher­men­schen« zu memo­rieren. Nach Ende der Laufzeit wird die Ausstel­lung noch einmal für ein Woche­n­ende (10./11.9) in leeren Räumen eröffnen; und die Besucher, die die verschwun­denen Werke »auswendig gelernt« haben, sollen als lebendige Stell­ver­treter an diese
erinnern.

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Der Kampf ums Filmerbe geht weiter. Die großar­tige Initia­tive »Filmerbe in Gefahr« meldet sich zu Wort. In einer lesens­werten Analyse zur Entwick­lung in der Frage der Digi­ta­li­sie­rung nimmt die Initia­tive Stellung zum PwC-Gutachten zur Ermitt­lung des Finanz­be­darfs, einem Posi­ti­ons­pa­pier des Kine­ma­theks­ver­bundes und der Antwort der Bundes­re­gie­rung auf eine parla­men­ta­ri­sche Anfrage der Grünen. Es besteht Diskus­si­ons­be­darf, und wir werden an diese Stelle bald mitdis­ku­tieren.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 127: Bravo, Frau Kulturstaatsministerin!

Fack ju Göthe 2 © 2016 Constantin Film

Im Winter unseres Miss­ver­nü­gens… – Monika Grütters bricht eine erste Lanze für die kultu­relle Film­för­de­rung, wider die Fürsten der herr­schenden Verhält­nisse, und sie könnte für die deutschen Film- und Fern­seh­bonzen noch zur eisernen Lady werden – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 127. Folge

»Es freut mich, dass wir gemeinsam Wege gefunden haben, um kreative und künst­le­ri­sche Aspekte bei der wirt­schaft­li­chen Film­för­de­rung noch stärker zu berück­sich­tigen. Denn ich bin überzeugt: Lang­fristig zahlt es sich aus, nicht immer allein die Maxi­mie­rung des Ertrags, sondern auch den Mut zum Expe­ri­ment, mehr neue, gute Ideen zu fördern.« – Monika Grütters, 11.2.16, Empfang der Produ­zen­ten­al­lianz

Der Tag war nicht blendend gesetzt. Oder gerade doch, denn viel­leicht haben wir alle Monika Grütters ein bisschen unter­schätzt.
Jeden­falls war mit der Pres­se­mit­tei­lung der Beauf­tragten für Kultur und Medien (BKM) klar, dass es in den Feuil­le­tons und Film­zeit­schriften der Republik erst einmal unter­gehen würde, dass erst recht die – über­ra­schenden – zustim­menden Reak­tionen und die gar nicht über­ra­schenden eiligen Ableh­nungs­be­scheide der soge­nannten »deutschen Film­branche« erst einmal ins Leere verpuffen würden.
Es war auch klar, dass mit ihr ein Gesprächs­thema für die Berlinale gesetzt war, ein Thema, das an den folgenden Tagen an vielen der kleinen runden Steh­ti­sche der Film­branche auftauchte und heiß disku­tiert wurde.

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Was war geschehen? Das BKM hatte ein paar »Eckpunkte« zur Kultu­rellen Film­för­de­rung und zur Stärkung des künst­le­risch und kulturell heraus­ra­genden deutschen Kinofilms veröf­fent­licht.
Als Ziel­set­zung benennt Grütters »ein unab­hän­gi­geres Arbeiten als bisher« und das Vermeiden künst­le­ri­scher Kompro­misse, die »so gering wie möglich« gehalten werden sollen.
Die für 2016 zusätz­lich zur Verfügung gestellten Mittel für Maßnahmen der kultu­rellen Film­för­de­rung (15 Mio. €) sollen haupt­säch­lich in die Produk­ti­ons­för­de­rung der BKM im Bereich des Langfilms (Spiel-, Doku­mentar-, Kinder­film) fließen. Darüber hinaus steht die gezielte Stärkung der unab­hän­gigen Stof­fent­wick­lung für Spiel- und Doku­men­tar­filme im Fokus, um früh­zeitig Kino­qua­lität zu fördern und zu sichern, sowie die Unter­s­tüt­zung des Abspiels zur
Sicht­bar­ma­chung dieser Filme.
Die Maßnahmen sehen eine »deutliche Aufsto­ckung der Mittel für die Produk­ti­ons­för­de­rung« ebenso vor, wie zukünftig getrennte Förder­töpfe für Spiel-, Doku­mentar- und Kinder­film, die Vervier­fa­chung der bishe­rigen Förder­höchst­summe auf bis zu 1 Mio. Euro, um »dem soge­nannten Förder­tou­rismus entgegen zu wirken.«
Auch die Dreh­buch­för­de­rung wird quan­ti­tativ und quali­tativ ausgebaut, völlig neu ist die Einfüh­rung einer Stof­fent­wick­lungs­för­de­rung »für Doku­men­tar­filme, die die ausführ­liche und fundierte Recherche für besonders kino­re­le­vante programm­fül­lende Doku­men­tar­filme von Auto­ren­fil­mern unter­s­tützt.«
Die Förder­praxis wird flexibler durch Erhöhung der Einreich­ter­mine und Einfüh­rung eigen­s­tän­diger unab­hän­giger Jurys und die Verklei­ne­rung der bishe­rigen Jurys.

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Zwei Probleme hat das Papier aus meiner Sicht: Vom Fernsehen ist gar nicht die Rede. Dabei muss vor allem die Stellung und Betei­li­gung der Sender an der Förderung verändert werden.
Das zweite ist die Aufsto­ckung der Verleih­för­de­rung. Gegen Aufsto­ckungen ist im Prinzip nichts zu sagen. Aber die Verleiher sind die einzigen, die überhaupt noch Geld im Kino verdienen. Wenn man sie fördern will, sollte man die Heraus­gabe bestimmter Filme fördern, von Filmen, deren Sicht­bar­keit gewünscht ist. Nicht die aller Filme.
Und wenn Grütters schreibt, die bishe­rigen Antrags­vor­aus­set­zungen für Verleih­för­de­rungen würden »gemeinsam mit der Branche überprüft und an die Markt­ent­wick­lungen der letzten Jahre (insb. im Hinblick auf die Digi­ta­li­sie­rung) angepasst«, dann ist das schön formu­liert. Gemeint ist: Die viel­ge­lobte Digi­ta­li­sie­rung schadet den kleinen Verlei­hern. Jetzt können alle Star Wars spielen.
Weiterlesen

Wenn Kino­pro­gramm­prei­sprä­mien aufge­stockt werden, sollte stärker darauf geachtet werden, wer mit seinem ach so schönen Programm auch tatsäch­lich Zuschauer ins Kino bringt. Und wo es nur hübsch auf dem Einreich­for­mular aussieht. Ich kenne zum Beispiel Filme­ma­cher, die geben ihre Filme ungern ins Hamburger »Abaton«, obwohl das als eines der besten Programm­kinos in Deutsch­land gilt. Ihre Begrün­dung: »Da gehen die Filme unter, weil sie ›nicht gepflegt‹ werden«, zwar gespielt, aber immer zu wech­selnden und absurden Zeiten, und kaum beworben.
Man merkt: Die Dinge sind nicht so einfach zu bewerten.

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Mit ihrer über­ra­schend klaren Aufwer­tung der kultu­rellen Film­för­de­rung wendet sich Grütters demons­trativ gegen deren zuletzt zuneh­mende Abschaf­fung. Die ist von den Groß­kop­ferten der Branche gewünscht.
Sie hat auch keine Rücksicht auf die Länder­för­derer genommen, die von Grütters’ »Eckpunkten« aus der Zeitung erfahren haben. Gut! Weiter so Frau Minis­terin!

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Ähnliches tut sich beim Bundes­film­preis. Dort wird die ausrich­tende und verge­bende Film­aka­demie darauf achten müssen, dass der Preis in Zukunft – notfalls gegen den begrenzten Geschmack der Mitglieder – wieder stärker der Kultur­preis wird, der er sein soll. Wie zu hören war, hat Grütters um ein Haar der Akademie den Preis aus der Hand geschlagen und wäre wieder zum Jury­system zurück­ge­kehrt.
Es gab einen Bera­tungs­termin mit drei Redak­teuren namhafter Medien, die zu Ende 2012 den Unter­zeich­nern eines akademie- und film­preis­ver­ga­be­kri­ti­schen Briefs gehörten.

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Grütters’ Erhöhung des Drucks führt auch zu spürbaren Reak­tionen bei den Betrof­fenen. Die Film­aka­demie etwa schließt sich jetzt den etwa vom Verband der deutschen Film­kritik schon länger formu­lierten Forde­rungen an, die Fern­seh­sender nicht mehr zu Türste­hern der Film­för­de­rung zu machen. Heute entscheiden Sender­be­tei­li­gungen de facto über die Chance auf Förderung. Das muss schleu­nigst abge­schafft werden.

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Thomas Frickel, Vorsit­zender und Geschäfts­führer der AG DOK begrüßte die »starken Impulse« des Papiers. Schon mit der Bereit­stel­lung weiterer 15 Millionen Euro habe die Staats­mi­nis­terin ja ein deut­li­ches Zeichen zugunsten der kultu­rellen Film­för­de­rung des Bundes gesetzt. »Die jetzt vorge­legten Grundzüge neuer Förder-Richt­li­nien verspre­chen neue Akzente in der Förder­po­litik, die hoffent­lich auch bald auf andere Förder­ein­rich­tungen ausstrahlen werden.«
Gewünscht wird, Low-Budget-Produk­tionen künftig von der Verpflich­tung zum Nachweis von Eigen­mit­teln zu befreien. Die Vorschrift zur Übernahme eigener Finan­zie­rungs­an­teile ist für die schlechte Eigen­ka­pi­tal­aus­stat­tung vieler deutscher Produk­ti­ons­firmen mitver­ant­wort­lich und wurde in den Förder­sys­temen fast aller europäi­scher Nach­bar­länder längst abge­schafft.

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Nicht weniger inter­es­sant war die Rede der Kultur­staats­mi­nis­terin beim Auftakt­emp­fang der Produ­zen­ten­al­lianz am 11. Februar. Grütters spricht da von »Neure­ge­lung zum Eigen­an­teil«.
Nicht ohne Süffisanz sagt sie der Allianz der Film­wurst­ver­käufer ins Gesicht: »Es freut mich, dass wir gemeinsam Wege gefunden haben, um kreative und künst­le­ri­sche Aspekte bei der wirt­schaft­li­chen Film­för­de­rung noch stärker zu berück­sich­tigen.«
Vor allem aber sagt sie: »Künstler, auch Film­künstler, sind jeden­falls dann am besten, wenn sie nicht zwangs­läufig gefallen müssen, wenn sie nicht vom Publi­kums­ge­schmack und vom Profit her planen müssen, sondern origi­nelle Ideen entfalten können. Wenn sie damit dann auch noch Publi­kums­er­folge feiern, umso besser! … Ziel ist, die künst­le­ri­sche Freiheit zu stärken: Wir wollen unab­hän­giges Filme­ma­chen ermög­li­chen, und zwar ohne künst­le­ri­sche Kompro­misse und ohne zwingende Regio­nal­ef­fekte. … Mutige Filme brauchen eben nicht nur mutige Filme­ma­cher, sondern auch mutige Film­för­derer und mutige Förde­r­ent­schei­dungen.«
Mit diesen mehr­fa­chen kleinen Ohrfeigen an die Betei­ligten und die Fürsten der herr­schenden Verhält­nisse hat sie auf den Punkt gebracht, worauf es zu allererst ankommt.
Die Branche ist im Zugzwang.

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Die Bonzen der Branche hatten zum gleichen Zeitpunkt wieder ein »Rekord­jahr« gefeiert. Wenn man das so liest – »mehr Zuschauer, mehr Umsatz, der höchste deutsche Markt­an­teil« – dann denkt man: Dem deutschen Film geht es super. Ökono­misch mag das zutreffen, aber kulturell und quali­tativ geht es dem deutschen Film so schlecht wie seit Jahren nicht. Und das ohne Aussicht auf Besserung.
Nun gut: Die Bundes­bürger sind 2014 im Schnitt etwa 1,7 mal ins Kino gegangen. Das ist einer der besten Werte seit Einfüh­rung der heutigen Film­för­de­rung. Zur Zeit des viel­ge­schmähten »Papas Kino« war das aber gar nichts: Im Rekord­jahr 1956 gingen die (West-)Deutschen im Schnitt über 14,5 mal pro Jahr ins Kino! Vor allem aber: In Frank­reich ist der heutige Wert fast dreimal so hoch, wie hier, in Dänemark sogar sechsmal so hoch. Die Kinos hatten mit gut 139 Millionen Besuchern so viele Besucher wie zuletzt vor sechs Jahren.
Ein Ticket kostet im Schnitt 8,39 Euro. Da sagt die Kino­branche: »So viel wie nie.« Mag sein. Aber da vergisst man, dass die Kino­preise im Vergleich zu anderen Kultur­gü­tern, aber auch Verg­nü­gungs­ein­rich­tungen extrem niedrig sind. Selbst der billigste Winter-Stehplatz in der Bundes­liga kostet 11 Euro. Ein Thea­ter­be­such 20 Euro, ein Buch 26, Konzerte wie Oper im Schnitt über 30, ein Musi­cal­be­such gar 60 Euro im Schnitt. Auch das muss man sehen, wenn man über diese Themen
redet.

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Der Markt­an­teil des deutschen Films lag 2015 bei 27,5 Prozent – auch dies ein Rekord. Aber zustande kam er vor allem mit einem einzigen Titel: Fack ju Göhte 2 sahen fast 7,7 Millionen Zuschauer. Damit kommt man nicht nach Cannes – und noch nicht mal ins normale Kino unserer Nach­bar­länder.
Kulturell wertvoll ist auch der zweit­s­tärkste deutsche Kinofilm nicht: Til Schwei­gers Honig im Kopf verklebte auch die Hirn­win­dungen des Publikums. Dass sich FFA-Chef Peter Dinges dann nicht zu schade ist, zu behaupten, Filme deutscher Regis­seure und Produ­zenten seien zu einer »Qualitäts­marke« bei den Kino­be­su­chern geworden, tut mir leid für ihn. Dinges ist viel zu klug für solche Sprüche, zu denen ihn auch keiner zwingt, er weiß es besser. Und darum tut er der deutschen Film­wirt­schaft einen schlechten Dienst, wenn er die Verhält­nisse derart schön­redet.

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Was die Öffent­lich­keit mehr als alles andere verlangen kann: Eine komplette Aufde­ckung aller Förder­zah­lungen und -rück­zah­lungen. Und deren Aufschlüs­se­lung nach Besuchern. Wer zahlt was zurück? Und welche Euros sind am effek­tivsten einge­setzt? Die Behaup­tung steht im Raum: Je größer die Firmen, um so weniger wird zurück­ge­zahlt. Die betrof­fenen Unter­nehmen könnten den Gegen­be­weis führen, indem sie frei­willig die Zahlen veröf­fent­lichten – wetten, dass sie das nicht tun?

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 126: 5,2 Millionen für Tschiller

Symptomatische Angst – Till Schweiger in Tschiller: Off Duty © 2016 Warner

Wie klein muss einer sein: Was Dieter Kosslick und Til Schweiger gemeinsam haben, 5,2 Millionen für Tschiller und natürlich die leider unbe­merkte Bank­rotter­klä­rung der deutschen Film­för­de­rung – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 126. Folge
Von Rüdiger Suchsland (Aktiviere Javascript, um die Email-Adresse zu sehen)

»Die gefor­derte neue Film­kritik kriti­siert die Gesell­schaft, aus der der Film hervor­geht.«
Enno Patalas und Wilfried Berghahn in der Zeit­schrift »Film­kritik«, 3/1961
»Germans do always try to copy American charac­ters; Greeks try not to show too much about Greek charac­ters.«
Hans W. Geißen­dörfer auf der Abschluß­ver­an­stal­tung des »Grie­chi­schen Filmfests« in Berlin.

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Stefanie Stap­pen­beck gehört zu den deutschen Schau­spie­le­rinnen, die ich schon immer ein bisschen unter­schätzt fand. In manchem schlechten Film ist sie der einzige Licht­blick. Und einiges Pech hat sie auch gehabt: Als sie 2009 endlich eine Serien-Haupt­rolle im ARD-Poli­zeiruf bekam, die überaus inter­es­sante und unge­wöhn­liche Figur des Hauptmann Ulrike Steiger, einer deutschen Generals Daughter, die in Uniform in der Bundes­wehr ermittelt, und dann, enttäuscht vor allem vom eigenen
Vater, die Bundes­wehr verlässt, aber mit dem ganzen über­holten Disziplin-Befehl&Gehorsams-Müll im Kopf, zur Münchner Polizei kommt – da hätte das mit der Stap­pen­beck das Zeug gehabt, eine würdige Edgar-Selge-Nachfolge-Polzeiruf-Reihe zu werden. Doch ihr Partner Jörg Hube starb nach der ersten Folge und anstatt dann etwas draus zu machen, das reale Leben als Chance der Fiktion zu sehen, stellte die ARD alles und damit auch die Stap­pen­beck-Figur ein.
Vier Jahre später dann spielte sie im neuen Hamburger Tatort, aber nur die Frau, noch dazu geschie­dene, des Ermitt­lers. Und ausge­rechnet an der Seite von Til Schweiger. OMG, die Arme dachte ich als Stap­pen­beck-Sympa­thi­sant, und dann, als sie, natürlich weil der doofe Dödel Nick Tschiller schuld hatte, kurz vor Sylvester erschossen wurde, war das ein tiefer Stich ins Herz. Der Trost kam dann ein paar Tage später, als klar wurde: Für sie ist der Tod als Schweiger-Frau ein Aufstieg. Denn im
Sommer spielt sie dann im ZDF wieder eine Ermitt­lerin.
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Gleich zu Anfang eine Ankün­di­gung in eigener Sache: Nächste Woche fängt ja nicht nur am, Donnerstag die Berlinale an, und einen Tag vorher etwa gleich­zeitig mit der nächsten regulären artechock-Ausgabe, sondern bereits ab Montag gibt’s ein artechock-Berlinale-Special mit täglich neuen Texten, und einigen Über­ra­schungen. Und das nicht nur hier, sondern auch auf Facebook, und viel­leicht noch in anderer Form. Es lohnt sich also, regel­mäßig nach­zu­schauen.
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Es wird die 66. Berlinale überhaupt und erst die 15. mit Dieter Kosslick – obwohl man den Eindruck haben könnte, der Mann sei schon ewig da. Immerhin wird er in paar Wochen länger im Amt sein, als Helmut Kohl Bundes­kanzler war, und im Gegensatz zum Pfälzer scheint den Berlinale-Chef die Macht eher jung zu halten. Wahr­schein­lich würde er selber sagen, dass das alles an Yoga und seinem Vege­ta­rismus liegt, aber wer Kosslick am Dienstag auf der dies­jäh­rigen Berlinale-Pres­se­kon­fe­renz beob­ach­tete, der merkte, wie schön es sein muss, wenn einem überhaupt niemand mehr wider­spricht. Diese Stufe hat Kosslick inzwi­schen erreicht. Die, die ihn blöd finden, haben es inzwi­schen aufge­geben, weil man sach­be­zo­gene Debatten mit dem Mann sowieso nicht führen kann. Und die, die ihn anhimmeln, himmeln ihn an.
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Es gibt auch innerhalb der Berlinale-Orga­ni­sa­tion natürlich gar nicht so wenige, die einem hinter vorge­hal­tener Hand erzählen (und natürlich auch weil sie wissen, dass ich es gern höre), wie furchtbar und autoritär der Mann im persön­li­chen Umgang sei, und dass sein Essens-Fana­tismus offenbar so weit geht, dass er Fleisch­ge­richte auch in seiner Umgebung nicht duldet, weil er den Geruch nicht erträgt. Aber all das wäre natürlich wurscht, wenn die Berlinale ein gutes Programm hätte. Das finden in diesem Jahr aber noch nicht mal die, auf die sich Kosslick bisher immer verlassen konnte, schon weil eine von ihnen im Auswahl­gre­mium sitzt: Die Kollegen von »deutsch­land­radio kultur«.

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Ein tref­fender Kommentar war dort jetzt von Patrick Wellinski zu hören. »Die gesell­schaft­lich rele­vanten Stoffe in allen Ehren, lange blieb in den letzten Jahren dabei die Filmkunst auf der Strecke.« sagt Wellinski. Und stellt fest: »Jenseits der Berlinale spielt deutsches Kino keine Rolle.«
Tatsäch­lich ist diesmal nur ein deutscher Film im Wett­be­werb vertreten – das ist an sich nicht schlimm und man glaubt ja sofort, dass es einfach nicht viel gute, wett­be­werbstaug­liche deutsche Filme gibt. Es ist auch gut zu wissen, dass damit im kommenden Jahr »die vielen deutschen Filme, die auf der Berlinale laufen« keine Ausrede mehr sein werden, für die vielen deutschen Filme die auf keinem inter­na­tio­nalen Festival laufen.
Nur: Was sagt uns das eigent­lich über ein Festival, dessen Leiter ange­treten ist mit der doppelten gewagten Behaup­tung, dass es viele tolle deutsche Filme gebe, und dass es, indem er die jetzt auch endlich zeigen werde, bald alle merken? Vor 15 Jahren, im ersten und recht guten Kosslick-Jahr, liefen vier deutsche Wett­be­werbs­bei­träge.
Seitdem ist offenbar nichts besser geworden, und vieles viel­leicht sogar schlechter.

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Diese jetzt noch offen­kun­diger gewordene Krea­tiv­krise des deutschen Kinos ist auch eine Bank­rotter­klä­rung der deutschen Film­för­de­rung. Und zwar auf allen Ebenen. Natürlich arbeiten da viele gute, sach­ver­s­tän­dige Menschen. Natürlich können die Förderer nichts für das, was einge­reicht wird. Schon eher muss man aber manchmal fragen, warum bestimmte Projekte nicht oder nur unzu­rei­chend gefördert werden, während man einem Film das Geld hinter­her­wirft, sobald ein Schau­spieler Regie führt oder als Dreh­buch­autor genannt wird. Nein, ich meine nicht Til Schweiger und Matthias Schweig­höfer. Die auch, ok. Aber eigent­lich dachte ich an Florian David Fitz. Oder, jüngstes Beispiel, an Karoline Herfurth. Warum müssen die überhaupt selber Filme machen? Und warum muss man es ihnen so viel leichter machen, wie den »ganz normalen Regis­seuren?
Ich behaupte mal, dass deren Filme die Krea­tiv­krise des deutschen Kinos auch nicht lösen.

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Es war eine Horror­kom­bi­na­tion am letzten Sonntag im »Doppel­pass«, dem »Sport 1«-Fußball­stamm­tisch. Da saß nicht nur Johann Baptist Kerner, was eigent­lich bei mir genügt, gleich abzu­schalten, sondern auch Til Schweiger, was mich dann doch wieder zugucken ließ, denn ich wollte schon wissen, was da jetzt kommt. Ich hätte ahnen müssen, dass Schweiger auch über Fußball nicht inter­es­santer redet, als über Film, aber meistens im Gegensatz dazu, wenn man ihn nach Film fragt, immerhin
achsel­zu­ckend zugab, er wisse es jetzt auch nicht.
Das Wort, was er am meisten benutzte, was »Scheiße«, das klang dann etwa so: »Was ist denn das für eine Scheiße mit dem Abseits – das müssen wir abschaffen. Dann wird das Spiel viel attrak­tiver. Ohne Abseits würd’ die Post abgehen!«

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Immerhin will Schweiger jetzt nicht auch noch Fußball­re­porter werden. Er will einfach – und schlimm genug, dass »Sport 1« da in dieser Form mitmacht – seinen neuen Film vermarkten.
Das tut er vor allem, indem er sich am Kinn kratzt, und wenn er gerade nicht selber redet, seinen Blick gedan­ken­ver­loren über die Sitz­reihen schweifen lässt, als ginge ihn das alles nichts an.

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Irgendwie passt es gut, dass jetzt in einer einzigen Woche erst Kosslick seine Jahres­pres­se­kon­fe­renz gibt, und dann auch noch Til Schwei­gers neuester Film, der »Tatort«-Ripp-Off Tschiller: Off Duty in die Kinos kommt. Das schreibe ich jetzt nicht, weil ich die Frage stellen will, warum Schwei­gers Film nicht im Wett­be­werb läuft. Da hab ich schon so meine Vermu­tungen.
Aber im Grunde haben Schweiger und Kosslick ja eine ganze Menge gemeinsam: Sie sind egoman, eitel, können weder mit Kritik umgehen, noch sie überhaupt vertragen. Und sie haben keinen Geschmack.
In alldem sind sie leider recht sympto­ma­tisch für das deutsche Kino, für den Weg, den es in den letzten 20 Jahren genommen hat: Ein Weg in die Bedeu­tungs­lo­sig­keit. Aber weil alle sich hier ja selbst ganz toll finden, redet man sich die Sache und sich selber schön. Wie das geht, kann man von Schweiger und Kosslick lernen.

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Sympto­ma­tisch ist die Angst. Vor allem bei Til Schweiger ist sie jederzeit spürbar, je auftrump­fender er auftritt, desto deut­li­cher. Typisch, dass er Kritiker nicht nur einfach doof oder belanglos findet, sondern es nötig hat, öffent­lich dauernd zu erklären, wie unwichtig sie seien.
Til Schweiger ist der einzige deutsche Regisseur, der zu feige ist, Filme in denen er mitspielt, der Presse zu zeigen. Statt­dessen gibt es »Friends & Familiy«-Vorstel­lungen, in denen dann natürlich doch ein paar Jour­na­listen sitzen dürfen. Aber nur solche, die Schweiger persön­lich selek­tiert hat, weil sie dem tollen Herrn offenbar gefällig genug formu­lieren. Wie klein muss einer sein!
Aller­dings muss man es bei der Gele­gen­heit auch sagen: Jeder Jour­na­list, der das faule Spiel mitspielt, hat alle Verach­tung verdient.

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Der berühmte »Tatort«-Vorspann, den Til Schweiger so verab­scheut, ist weg. Kein blau-weißes Faden­kreuz, kein Klaus Doldinger. Sondern Rap. Dass die ARD das mit sich machen lässt, ist aber ihre Sache. Aber schade natürlich schon, dass man dort offenbar glaubt, ein Schau­spieler sei wichtiger als die eigene Marke, obwohl die doch eines der wenigen Dinge sind, die der ARD noch geblieben ist, obwohl ohne Til Schweiger mehr Leute hingucken, als mit ihm.
So gibt man Schweiger die »Tatort« als Spielzeug, und wie kleine Kinder so sind, nimmt er sie erstmal in den Mund und lutscht daran, und dann ausein­ander, um zu gucken, was drin ist. Und dann haut er kräftig drauf. Schweiger ist respektlos. Wie gegenüber allem. Aber nicht aus Bosheit, sondern eher aus Naivität. Er will ja nur spielen.

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Denn das Problem der Til-Schweiger-Tatorte sind ja noch nie die Filme gewesen. Ob das noch irgendwie »Tatorte« sind, darüber kann man natürlich streiten. Aber es sind immer anstän­dige Polizei-Action-Filme gewesen. Ihr Regisseur Christian Alvart ist extrem begabt, einer der besten deutschen Regis­seure. Was aber leider niemand zugibt: Das größte Problem dieser Filme ist ihr Haupt­dar­steller. Schweiger bringt’s einfach nicht. Er spielt schlecht, und wie schlecht, zeigt gerade der Kontrast zu Fahri Yardim, dem Darsteller seines Kollegen. Man glaubt Schweiger kein Wort.

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Da wird es dann kurios, wenn Schweiger wie nach den schlechten Quoten für den letzten Doppel-Tatort geschehen, sein Publikum beschimpft.
Kurios ist auch, wenn Schweiger behauptet, dass zu viel Geld die Freiheit eines Filme­ma­chers gefährdet, und sich selbst »unab­hängig« nennt.
Denn wir alle finan­zieren aus Haus­halt­ge­bühren und Steu­er­gel­dern, dass Til Schweiger weiter dummes Zeug reden und Kritiker beschimpfen kann: Tschiller: Off Duty wurde von der FFA mit etwa einer Million Euro gefördert (556 000 Euro für Produk­tion, 250 000 Euro für den armen Verleih, 200 000 Euro für »Medialeis­tungen«, also dafür, dass Schweiger für sich Werbung machen
darf).
Außerdem hat das Medien­board Berlin Bran­den­burg in den Film 800.000 Euro gesteckt. Die Film­för­de­rung Hamburg Schleswig-Holstein – komplett steu­er­fi­nan­ziert – hat weitere 280.000 Euro dazu­ge­stopft. Und aus dem Deutsche Film­för­der­fonds der Kultur­staats­mi­nis­terin kommen weitere 1.116 Millionen Euro für Tschiller/Schweiger.
Komplett wird die Rechnung aber erst, wenn man die zwei Millionen Euro dazu zählt, die der NDR gezahlt hat – wie für jeden Schweiger-Tatort. Denn der »Star« genießt auch hier Sonder­be­hand­lung und Extra­wur­strechte: Norma­ler­weise darf ein »Tatort« nur 1,4 Millionen kosten.
Fazit: Gut 5,2 Millionen plus Sonder­rechte für Schweiger. Wir sind gespannt auf das Ergebnis.

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Fragen darf man, warum die öffent­li­chen Auftrag­geber ihren Auftrag­nehmer nicht einmal darauf verpflichten können, wie alle anderen Film­pro­duk­tionen auch, den Film vorab in Pres­se­vor­füh­rungen öffent­lich zu machen.
Fragen darf man auch, wie sich Geballer und Gekrache mit dem Kultur­auf­trag vertragen. Denn den haben die Förderer – ihr vieles Geld soll vor allem solche Produk­tionen fördern, die sonst keine Chance auf Finan­zie­rung hätten.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 125: Das Medium, in dem der Film Resonanz erzeugt…

‘Was für ein Schlamassel’ – The Hateful 8 © 2015 Weinstein

Unter­schei­dungs­ver­mögen, Leiden­schaft, Subjek­ti­vität: Der Film­kri­tiker als Zeit­ge­nosse – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 125. Folge

»Prak­ti­sche Antwort eines sowje­ti­schen Künstlers auf gerechte Kritik«
Titel der 5.Symphonie von Dimitri Shosta­ko­vitsch

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Eine Studentin, die eine Arbeit über Film­kritik im Wandel der Medien­land­schaft schreibt, und darin versucht, mit sozio­lo­gi­scher Genau­ig­keit durch Publi­kums­be­fra­gung neue »Nutzer­typen« zu erkennen, befragt mich und bittet um Charak­te­ri­sie­rung meiner Arbeit. Der Ansatz ihrer Arbeit ist wichtig, weil sie einmal das Publikum in den Blick nimmt. Das ist die erste Voraus­set­zung zu einer unbedingt nötigen Kritik des Publikums. Denn es stimmt nicht, dass das Publikum »immer recht« hätte und es ist ein Miss­ver­s­tändnis von Demo­kratie, alles Elitäre zu verachten und zu glauben, dass das »Volk« oder gar »die Mehrheit« immer recht habe. Viele User neuer Medien über­schätzen die neuen User­par­ti­zi­pa­ti­ons­mög­lich­keiten syste­ma­tisch, weil sie selbst User sind, also aus schlichter Selbstüber­schät­zung, die sehr mensch­lich ist.
Nehmen User durch Bewer­tungen und Kommen­tare eine immer bedeu­ten­derer Rolle ein? Nein. Denn auch User, die bloggen, sind Publikum, und die werden nur dann zu Film­kri­ti­kern, wenn sie Film­kri­tiken verfassen. Ansonsten sind sie Teil des Meinungs­schwarms. Und der mag denken, was er will. So wenig eine Quote im Fernsehen etwas über Sendungs­qua­lität aussagt, so wenig dieser Schwarm und seine Meinungen.
Über Kunst, ihren Gehalt, ihre Aussage, ihre Qualität und ihren Wert kann man nicht demo­kra­tisch abstimmen.
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Nicht alle Zuschauer sind klug. Das Miss­trauen, das manche etwa gegen Film­kri­tiker äußern, weil sie »bezahlt« seien ist genauso absurd unin­for­miert wie das Vertrauen in Schwar­min­tel­li­genz und Ratings (etwa imdb) naiv ist. So etwas kann man genauso indus­triell orga­ni­sieren, wie eine positive Kritik – und das passiert auch.
Mich erschüt­tert oft der Ernst, der in uns und unsere Texte hinein­pro­ji­ziert wird. Zu wenige erkennen das Spie­le­ri­sche einer Film­kritik, überhaupt eines Textes. Wir sind eben gerade keine Wissen­schaftler, wir produ­zieren keine objek­tiven Aussagen, sondern Subjek­ti­vität. Wir sind ein Medium, auf dem der Film Resonanz erzeugt. Film­kri­tiken sind emotio­nale, intel­lek­tu­elle und stilis­ti­sche Reso­nanzen eines Films. Der Film erzwingt eine bestimmte Kritik von mir – das sagt so viel über mich, wie über den Film.
Aber manchmal spiegelt mein Text auch eine Debatte, einen reinen Teil­as­pekt eines Films, der für mich zu kurz kam. Oder ich betone etwas über Gebühr, weil es bisher unter den Tisch fiel.
Leser scheinen dagegen oft eine Objek­ti­vität zu erwarten und auch zu verlangen, die ich gar nicht liefern will. Wenn sie dann mitunter auch noch behaupten zu wissen, was »guter« oder »schlechter« Jour­na­lismus sei, wird es lächer­lich, dann ist ihr Urteil oft dumm und dreist. Sie verkennen, dass Film­kritik so wenig Reportage ist, wie Wirt­schafts­teil Ergeb­nis­dienst. Es ist Feuil­leton, also spie­le­risch, lite­ra­risch, künst­le­risch. Weiterlesen

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Gefragt nach meiner Einschät­zung zur Macht der Film­kritik, antworte ich: Print mag aussterben, die Film­kritik nicht. Die Macht der Film­kritik liegt in ihrer Qualität, nicht in der Quantität der Auflage oder der Leser. Das heißt: Film­kritik spricht wichtige Leute an, nämlich die, die sich aktiv um Infos bemühen, und deswegen mit Aussagen der Film­kritik anders umgehen. Sie spricht nicht zuletzt Fachleute an, also Förderer, Kino­be­treiber, andere Redak­teure, die sich an ihr orien­tieren.Das, was man heute so Multi­pli­ka­toren nennt.

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Film­kritik ist wichtig und wird das auch bleiben, weil wir als Scharnier und Vermitt­lungs­in­stanz zwischen mehreren Bereichen fungieren: zwischen Publikum, Film­wis­sen­schaft und Film (bzw. Machern). Alle drei Gruppen versuchen, Film­kritik für eigene Inter­essen zu instru­men­ta­li­sieren. Das Publikum hat höchst wider­sprüch­liche Wünsche: Zwischen Empfeh­lungen die Consu­m­er­gui­de­cha­rakter haben, Infos zum Film selbst (mitunter aber bitte ohne Spoiler).
Daher ist die Zukunft der Film­kritik gesichert – sie wird immer irgendwo überleben, solange es Filme gibt. Ein Problem sind aber Ausdif­fe­ren­zie­rung und schlechte Spezia­li­sie­rung: Man unter­scheidet heute gern Kino­kritik, Fernseh-Kritik, Medi­en­kritik. Alle drei Typen können unter Umständen Film­kritik sein.
Auch Film­kri­tiker selbst haben Berüh­rungs­ängste: Das Kino wird heilig­ge­spro­chen, der Rest verachtet. Dabei müsste man heute von Film reden (weil die meisten Filme digital sind) und dann von Abspiel­me­dien. Kino ist das schönste und beste Abspiel­me­dium, aber nicht das einzige. Viele Filme sind gar nicht mehr ausschließ­lich fürs Kino gemacht. Umgekehrt fehlt dem Publikum und Teilen der Film­kritik oft der Sinn für das Spezi­fi­sche des Kinos. Für feine Unter­schiede, für Material und Form.
Meine eigene Erfahrung: Print hat die geringste Wirkung, aber Nach­hal­tig­keit, weil es dem Autor Renommee und Achtung gibt. Radio sollte auch Renommee haben, weil öffent­lich-rechtlich hat aber nur welche in Fach­kreisen, weniger beim breiten Publikum. Es wird aber am besten bezahlt. Internet hat die meiste Nach­hal­tig­keit, weil Texte auch nach Jahren gelesen und gefunden werden, es Reak­tionen auf sie gibt. Bisher aber am wenigsten Geld, daher kanni­ba­li­siert sich das Medium.
Auch Zuschauer schätzen Niveau, können Film­kritik und bloße Publi­kums­mei­nung unter­scheiden. Sie werden erst wirklich merken, was ihnen fehlt, wenn Profi­au­toren aus dem Netz verschwinden, da sie dort zu schlecht bezahlt werden.
Viel­leicht brauchen Film­kri­tiker aber heute auch Netz-Profis, die uns vermarkten, die als eine Art Netz-Agenten fungieren.

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Was ich von neuen Formaten und User­par­ti­zi­pa­ti­ons­mög­lich­keiten halte? »Filmblogs« können alles sein, tolle Film­kritik, und platteste Meinungs­äuße­rung – das kommt drauf an. »Neue Darstel­lungs­formen wie Youtube­kri­tiken (Trailer kombi­niert mit der Einschät­zung eines »Film­ex­perten«)« sind so neu nicht, denn im Fernsehen macht man das schon lang, im Radio nur mit Ton noch länger. Das Problem ist: Was macht die Experten zu Experten? Nicht jeder ist einer. »Waren­test­prin­zi­pien« sind keine Film­kritik. Denn Film als Ware gehört in den Wirt­schafts­teil. Wir schreiben über Film als Kunst. Und »IMDB« ist ein Algo­rithmus. Auch keine Film­kritik. Das alles sind ergän­zende, keine erset­zenden Formate.
Film­kritik distan­ziert sich immer von ihrer gerade klas­si­schen Form und findet neue. Am Ende geht es darum, dass einer ins Kino geht und möglichst inter­es­sant erzählt, was er gesehen hat, was der Film mit ihm macht.

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Wenn der Mensch unin­ter­es­sant ist, wird seine Kritik nicht inter­es­sant sein.

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Für wen schreibe ich? Außer für die, die mich bezahlen, für Menschen, die das Kino lieben, vorschnelle Urteile hassen, und darum auch in einem Film­kritik-Text lieber das Umtasten eines Films, dessen Entfal­tung in Textform schätzen, als das eindeu­tige Urteil. Dieses bleibt von guten Texten am wenigsten. Jeder gute Kritiker hat schon schlimm geirrt, was sein Urteil angeht.
Und wenn die Menschen wirklich nicht länger als sechs Minuten lesen wollen, ist das kein Argument, dass ein Text nicht zwölf Minuten brauchen darf. Denn woher weiß ich, dass jemand am Anfang anfängt, dass er den Text nicht über­fliegt?
Ein Text ist ein Angebot, nicht eine Aufgabe, die beflissen gelöst werden muss.

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Grund­sätz­lich gilt:
1. Jedes Publikum hat die Film­kritik, die es verdient.
2. Aber auch umgekehrt: Die Film­kritik hat das Publikum, das sie verdient.
3. Die so genannte »Krise der Film­kritik« ist keine. Sie ist eine Krise der tradi­tio­nellen Medien, hervor­ge­rufen durch die Medi­en­re­vo­lu­tion der Digi­ta­li­sie­rung aller Lebens­ver­hält­nisse.
4. Neue Medien werden eine neue Kunst­kritik erzeugen. Das Prinzip der Kritik werden sie nicht abschaffen. Denn es ist Teil des Mensch­li­chen.

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»Siebzig Milli­meter Ultra Pana­vi­sion! Eine Ansage durchs Format, die bedeuten soll: großes Kino. Zumindest die Erin­ne­rung daran. Ein Werk, das nicht aufs Smart­phone passt. Von einem Filme­ma­cher, der sich seine Visionen nicht schmälern lässt, einem, der mit einer Handvoll anderer, in Liebe zu ihren Erin­ne­rungen ein bisschen wahn­sinnig gewor­dener Kollegen eine Firma, nämlich Kodak, dazu bringt, Rollfilm in dieser Breite (und in einer Länge von 600 Metern für ausführ­liche,
unge­schnit­tene Szenen) herzu­stellen, und eine andere, nämlich Pana­vi­sion, in ihren Kellern graben zu lassen, um die entspre­chenden Objektive zu Tage zu fördern. Was für ein Aufwand! Und dann gibt es kaum mehr Kinos, in denen noch die entspre­chenden Projek­toren stehen. Manchmal ist, wenn die Projek­toren da sind (wie in den Film­mu­seen), die Leinwand zu klein. Was für ein Schla­massel!«
Verena Lueken, FAZ vom 27.01.2016

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»Was soll das Theater?« disku­tierte die »Akademie der Künste« in Berlin über die »Rolle der Bühnen in der Gesell­schaft«. Diese Diskus­sion ist fürs Kino und für uns Kritiker, Kuratoren, Künstler inter­es­sant, weil sie ein Abgrund trennt von der deutschen Filmszene. Sie wäre dort schlicht unmöglich. Und darum zeigt sie uns auf, was fehlt. Denn schon über die »Rolle des Films in der Gesell­schaft« würden wenige unserer Filmleute disku­tieren. Oder darüber was das Kino in Zeiten von Flucht­be­we­gungen und Rechts­ex­tre­mismus, von Terro­rismus und Sicher­heits­terror, von Popu­lismus und Medi­en­ver­sagen zu sagen und zu tun hat.

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Ulrich Matthes, Schau­spieler und Direktor der Sektion Darstel­lende Kunst der Akademie der Künste, bilan­zierte ernüch­ternd seinen eigenen Beruf. Dem Theater geht es noch schlechter als dem Kino: Immer mehr Menschen gehen gar nicht hin. Die Antwort ist »Arti­vismus«, ein künst­le­risch insze­nierter poli­ti­scher Akti­vismus. Das Theater ist ungleich mehr und vor allem viel höher, als das Kino öffent­lich subven­tio­niert. Das genügt aber kaum, um ihm Bedeutung und Legi­ti­ma­tion zu verleihen.
Oder hat staatlich subven­tio­nierte Kunst nicht gerade auch einen poli­ti­schen Auftrag? Das Theater als Hort des deutschen Bildungs­bür­ger­tums kann und muss eine Schicht akti­vieren. Die ganze Gesell­schaft spricht es gar nicht mehr an. Wie ist das mit dem Film? Bildet Film in Kino oder Fernsehen eine Gesell­schaft ab und formt Identität? Will es das? Soll es das?

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Wir sind noma­di­sche Gesell­schaften geworden. Nicht nur Flücht­linge wandern und sind obdachlos, sondern wir alle. Kulturell und geistig. Das ist ein Fort­schritt, aber was bedeutet das für den Ort Kino?

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Burkhard Kosminski, Intendant am Natio­nal­theater Mannheim, berich­tete über die Einbin­dung von Flücht­lings­gruppen in die Insze­nie­rungen seines Theaters. Warum wagt das Kino solche Expe­ri­mente nicht? Warum fühlt das deutsche Kino, die ganze Filmszene keinerlei poli­ti­sche Verpflich­tung, sondern schleift sich rund und puffert sich, aus Angst, anzuecken?
Dabei geht es nicht um große Thesen und Posi­tionen. Was Kunst und Kritik aber heute tun müssen, was ihre poli­ti­sche Funktion in diesem Moment ist, ist einfach, eine selbst­ver­s­tänd­liche, liberale, empa­thi­sche Haltung öffent­lich zu arti­ku­lieren, und damit auszu­drü­cken: Das ist die normale Haltung in dieser Welt.

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Wolfgang Engler, Direktor der Ernst-Busch-Schau­spiel­schule, erzählte von Studenten, die sich immer häufiger weigerten, bestimmte Texte zu sprechen, weil sie ihre poli­ti­schen Empfind­lich­keiten berührten. Seine These:
»Je weniger eine Insti­tu­tion wie das Theater die Kraft hat, gegen den Strom der Zeit zu schwimmen und sich als das Andere zur Wirk­lich­keit hin zu defi­nieren, in desto höherem Grade setzt es sich denselben Wahr­neh­mungen wie das wirkliche Leben aus. Dann wird das Theater unter dem Gesichts­punkt wahr­ge­nommen, ist das politisch in Ordnung – wie eine poli­ti­sche Äußerung. Ist das frau­en­feind­lich, ist das sexis­tisch, ist das so so so und so richtig? Und ich kann nur sagen: Das kotzt mich an.«
Können wir uns vorstellen, hier statt »Theater« das Wort »Kino« einzu­setzen?

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Ist es legitim einen Text aus poli­ti­schen Gründen abzu­lehnen? Ulrich Matthes gab sich zunächst noch selbst­iro­nisch: »Psycho­lo­gi­scher Realismus, boäh, gähn!« Dann aber schil­derte er seine Heran­ge­hens­weise an eine Figur: »Ich muss die Figur zunächst mal vertei­digen.« Aber was heißt das, wenn man im »Untergang« den Goebbels spielt? »Ich hatte irrsin­nige Skrupel, mich mit meinem Körper diesem Massen­mörder zur Verfügung zu stellen.«
Vers­tänd­lich.

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Immer wieder kommt es bei »Cinema Moralia« zu Einsei­tig­keiten. Das ist Programm. Mal geht es eine Weile um die Urhe­ber­rechts­de­batte, mal um die DFFB, und immer wieder sehr viel um Politik. Die 125. Ausgabe – danke liebe Leser für zahl­rei­ches Feedback, danke artechock dafür, dieses großzügige und tolerante Forum zu bieten – ist ein guter Anlass, ein paar Dinge zum Selbst­ver­s­tändnis ein mal wieder öffent­lich klar­zu­ma­chen. Dies nicht als Recht­fer­ti­gung, sondern als Erklärung und auch immer wieder mal fällige Selbst­ver­ge­wis­se­rung, was »Cinema Moralia« eigent­lich sein will. Ich glaube im Übrigen auch bestimmt nicht, dass jede Ausgabe in einem objek­tiven Sinn »gelingt«. Und Feedback aller Art, also auch kriti­sches – je konkreter, desto besser –, und andere Formen der Ausein­an­der­set­zung mit den Inhalten von »Cinema Moralia« sind will­kommen. So wie es manche Leser gibt, die mir zu mindes­tens jeder dritten, vierten Folge eine unter­schied­lich lange Mail schreiben, die ich auch brav beant­worte.

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Was »Cinema Moralia« natürlich schon immer war und von Anfang an auch sein sollte, ist zumindest dreierlei: Ein »Tagebuch«, also etwas sehr persön­li­ches, das diese Subjek­ti­vität in Reinform, unge­fil­tert, also auch in temporären Inter­essen, Ansichten, Einsei­tig­keiten spiegelt; sozusagen meinen geistigen und emotio­nalen Zustand abbildet.
Zweitens eine Reihe, die einen flanie­renden, also offenen, vom Zufall mitbe­stimmten Blick auf die Welt wirft, wie sie sich im und jenseits des Kinos zeigt. Die das Kino also in (s)einen Zusam­men­hang stellt.
Schließ­lich habe ich »Cinema Moralia«, wo es ja selten zu echter Film­kritik kommt, immer vor allem als Medi­en­re­fle­xion etwas allge­mei­nerer Art verstanden, die von Produk­tions- und Rezep­ti­ons­be­din­gungen der Filme (übrigens auch jenseits des Kinos) und von Kunst (also auch jenseits von Film) handelt. Dazu gehört für mich neben dem ästhe­ti­schen, dem ökono­mi­schen und dem film­po­li­ti­schen auch das gesell­schaft­liche Umfeld, in dem Kino statt­findet. Dass Kino politisch und
philo­so­phisch ist, und ich in »Cinema Moralia« immer wieder mit schwan­kendem Erfolg neu versuche, diesen Zusam­men­hang von Kino mit Politik und Philo­so­phie auszu­loten, versteht sich von selbst.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 124: Das Panik-Orchester

The Revenant starring Leonardo DiCaprio as explorer Hugh Glass who, after a brutal bear attack, is left for dead by his own party. – © 20th Century Fox

Die Medi­en­ma­schine des Terrors – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 124. Folge

»Dass es so bleibt, ist die Kata­strophe.« – Walter Benjamin

»Die Bezeich­nung ‘Isla­mo­phobie’ hätte ohne die oft schwach­sin­nige Kompli­zen­schaft der Medien nicht diesen aber­wit­zigen Erfolg. (…) Der Islam, den die Medien ihren Konsu­menten aufti­schen, kommt notwen­di­ger­weise radikal und voll­bärtig daher. Tatsäch­lich ist das, was die großen Medien als Infor­ma­tion über den Islam ausgeben, häufig eine Karikatur. (…) Kurz gesagt, der Jour­na­list trägt dazu bei, ein Problem aufzu­bau­schen, um dann anschließend so zu tun, als wundere er sich über die Existenz und das Fort­be­stehen dieses Problems.« – CHARB, »Brief an die Heuchler – und wie sie den Rassisten in die Hände spielen«, Paris 2015 (Stuttgart 2015)
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Fragen des Jahres: Wer ist eigent­lich »wir«? Was heißt »das«? Und was meint sie mit »schaffen«?
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»So grandios, dass dieje­nigen, die sie fertig sehen, uns für wahn­sinnig halten.« So schrieb Ferdinand III. von Kastilien im Jahr 1248 in seinem Beschluss zum Bau der Kathe­drale von Sevilla. So wurde die dritt­größte Kathe­drale nach dem Petersdom und St. Pauls in nur 70 Jahren gebaut.
So muss man heran­gehen, an Kunst, an Politik, an Film. Wahn­sinnig! Wir brauchen mehr Wahnsinn!
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»Geheim­dienst warnte vor Anschlag« – auch so eine Dumm­beu­tel­schlag­zeile, die heute wieder zu lesen war und die nach jedem Anschlag mittlerer Größe hoch­ploppt. So auch heute. Irgendein Geheim­dienst hat immer irgend­etwas vorher gewusst, zumindest nach Ansicht irgend­wel­cher Medien.
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Das einzig Gute an dem Attentat von Istanbul und am Tod David Bowies in dieser Woche war die Stille danach: Für einen halben Tag war mal Ruhe mit Köln, Sylvester und den Frauen. Dann schwoll das Rauschen wieder an. Der CDU-Gene­ral­se­kretär, dessen Namen man auch nach über zwei Jahren im Amt einfach nicht kennt und der es deswegen besonders nötig hat, forderte »tausend Abschie­bungen am Tag«.
Das Schlimme daran ist nicht, dass Peter Tauber das gesagt hat. Zumindest ich erwarte nach wie vor nichts Besseres von einem Gene­ral­se­kretär der CDU, als dass er den Rechts­po­pu­listen hinter­her­läuft. Das Schlimme ist, dass davon berichtet, es nach­druckt, gesendet und damit ernst genommen wird. Das Schlimme ist die Energie, die damit draufgeht, von Jour­na­listen und in den Redak­tionen, der Platz in Zeitungen, die Sende­mi­nuten in Radio und Fernsehen, die anderem fehlen, das es mehr verdient hätte. Das Schlimme ist die Verkom­men­heit und der Dilet­tan­tismus von Medien, die von der »Vierten Gewalt« zu Sound­ver­s­tär­kern verkommen sind.
»Tausend Abschie­bungen pro Tag« – wieviel Selbst­ver­ach­tung muss ein Politiker haben, bevor er so etwas öffent­lich von sich gibt? Aber wieviel Selbst­ver­ach­tung brauchen erst Jour­na­listen und ihre Medien, um den Stuss noch zu beachten? Weiterlesen

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»Das Zurück­wei­chen vor einer verschwin­dend geringen Minder­heit, die nur sich selbst vertritt, zeigt ihre Macht. Die Radikalen entmün­digen den Islam und jeder meint, sie hätten Recht. Der Islam besteht also nicht mehr aus Millionen von Gläubigen, die niemandem auf den Wecker gehen, ob sie nun ihre Religion prak­ti­zieren oder nicht, sondern er besteht aus einer Handvoll laut­starker Hetzer. Schuld daran sind nicht die Muslime, sondern die bürger­li­chen Dummköpfe, die sich verkrie­chen, weil ihnen die Vorstel­lung, die sie sich von den Muslimen machen, Angst einflößt.
(…) Bedeu­tende Intel­lek­tu­elle voller Angst, alte Moral­apostel und schwach­sin­nige Jour­na­listen fragen sich allen Ernstes, ob die Veröf­fent­li­chung der Kari­ka­turen Mohammeds ‘im gegen­wär­tigen Kontext’ ange­bracht war. (…) Die Selbst­zensur ist auf dem Weg, zu einer hohen Kunst zu werden.« – CHARB, »Brief an die Heuchler«

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Die Golden Globes sind die ersten großen Film­preise eines neuen Filmjahrs. Alljähr­lich im Januar vergibt die »Hollywood Foreign Press Asso­cia­tion«, also die Verei­ni­gung der in Hollywood ansäs­sigen Auslands­film­presse, seit 1944 diese Preise in nicht weniger als 26 Kate­go­rien. Die Golden Globes werden auch deshalb mit Spannung erwartet, weil sie immer auch als Oscar-Barometer gelten.
Das Sympa­thi­sche am Golden Globe ist, dass die Preise von einer über­schau­baren Gruppe von unab­hän­gigen Fach­leuten vergeben wird, von inter­na­tio­nalen Film­kri­tiker. Dass es Preise für Komödien gibt und welche fürs Fernsehen.

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Zum Wesen des wahren Aben­teuers gehört, dass es so ziemlich das Gegenteil eines Aben­teu­er­ur­laubs ist. Kein Thermomix, kein Schlaf­sack im »Black Canyon«- oder »Mumien«-Schnitt, auch kein Hage­but­tentee hilft hier der Haupt­figur des Films beim Überleben, noch nicht einmal jene Bären­tatzen, die in der Erin­ne­rung eines jeden Karl-May-Lesers in den Büchern des säch­si­schen Phan­tasten als Leib­ge­richt vom Sam Hawkins verklärt wurden, gibt es hier – jeden­falls nicht als
Abend­mahl­zeit, eher schon in die Fr… Es ist arschkalt und nahrungsarm im Herbst von South Dakota.

Das tiefere Thema von The Revenant, von dem hier die Rede ist, ist hinter­gründig sehr aktuell: Es gibt um einen Über­le­bens­kampf. Es geht darum, warum Menschen zu töten bereit sind, und wofür sie das Sterben riskieren. Es geht um die Frage, was eigent­lich war, bevor die Zivi­li­sa­tion kam. Und was ist eigent­lich, wenn sie ausein­an­der­fällt?
Iñárritus Antwort scheint klar: Es waren Rache, Hass und Gewalt, Furcht und Eigennutz. Der Film zeigt eine sinnlose Welt, eine Welt als barba­ri­sches Inferno aus Dreck und Amoral, menschen­feind­li­cher Natur und Menschen, die einander selbst zum wilden Tier werden. Warum sieht man sich das an?
Der Film macht sich wichtig damit, die primi­tiven Wurzeln der Ameri­kaner zu zeigen, und ein »kriti­scher Western« zu sein. Das kann man so sehen. Es stimmt zwar, dass sich Iñárritu mit seiner Geschichte auf das Terrain großer Klassiker begibt: Irgendwo zwischen John Fords The Searchers und Man in the Wilder­ness, zwischen Spiel mir das Lied vom Tod und Little Big Man liegt auch dieser Film. Und Western, das war schon immer und gerade auch in diesen Spät­wes­tern die Sehnsucht nach Vorges­tern, nach den Wonnen der Einfach­heit, des Barba­ri­schen, der klaren Regeln und einfachen Gefühle. Western ist Reduktion von Komple­xität.
Gut möglich also, dass The Revenant, der von der Rückkehr zu solchen einfachen Wahr­heiten handelt, von der Sehnsucht nach dem Archai­schem, nach Primi­ti­vität, nach der Natur und dem Sieg der Natur über die Zivi­li­sa­tion, vor allem ein Indiz dafür ist, dass unsere Epoche in ihrem Unter­be­wusst­sein diese Sehnsucht teilt.

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»Verkommen sind sie alle«, sagt der 70-jährige Herr mit den langen weißen Haaren am Neben­tisch, Axel Walter, Mitglied der Berliner Akademie der Künste. »Die Entpo­li­ti­sie­rung der Künste hat eine Dimension erreicht… Das rechte Zeug ist in der Mitte ange­kommen.« »Ich will sie hier nicht haben« sagt seine Gesprächs­part­nerin – während ich das hier schreibe.
Lügen­presse? Nein, das zwar nicht. Noch nicht. Aber Dumm­presse? Schon lange. Wie ernst soll man Medien eigent­lich nehmen, die so etwas ernst nehmen? Die es nicht entweder kalt igno­rieren, oder kühl konternd in einen Zusam­men­hang stellen. Also anmerken, dass diese Zahl ernst­ge­nommen auf 365.000 Abschie­bungen pro Jahr hinaus­liefe. 2014 wurden gerade 10.000 Menschen abge­schoben.

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Die erste Frage ist bereits die, ob man auf das Phänomen der Lügen­presse-Vorwürfe überhaupt reagieren muss? Eigent­lich nicht. Aber wohl schon, denn diese Vorwürfe gegen die Medien sind eines der belieb­testen Medien-Themen des vergan­genen Jahres.
So münzen die Medien das für sie ungüns­tige Phänomen des de facto schwin­denden Vertrauen großer Teile des klassisch-bürger­li­chen Publikums in die Bericht­erstat­tung der Qualitäts­me­dien.

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Über 200 Algerier wurden 1962 in Paris von der Polizei totge­schlagen und in die Seine gekippt. War das die europäi­sche Kultur? Oder die christ­liche?

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Wer wie ich seit bald 20 Jahren die Entwick­lung von Fernsehen, Print und Hörfunk beob­achtet und die Verän­de­rungen, die die Digi­ta­li­sie­rung mit sich bringt, der hat schon drei Medi­en­krisen erlebt. Die letzte, die 2008 begann, dauert noch an. Die Pres­se­kon­zen­tra­tion nimmt zu, die Meinungs­viel­falt nimmt ab. Man erlebt den Stel­len­abbau in den Redak­tionen bei gleich­zei­tiger Arbeits­ver­dich­tung. Statt Recherche gibt es einen Trend zum Herden­jour­na­lismus. Gerade jetzt
wieder sind extreme Einsei­tig­keiten und durch Vorur­teile beein­flusste, blind gewordene Bericht­erstat­tung zu konsta­tieren.

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»Wir haben in der Sozi­al­for­schung inter­es­sante Studien, gute Studien, die sagen: Diese Akade­miker, die zum Teil aus mittel­inken Eltern­häu­sern der 68er herkommen und jetzt plötzlich in Wohl­stands­be­rufe des wissen­schaft­li­chen, des kultu­rellen Sektors hinein­wachsen, wie zum Beispiel die Jour­na­listen. Die haben eine sehr starke, neue, besitz­bür­ger­liche, besitz­stands­wah­rende, aufstiegs­ori­en­tierte Menta­lität, eine große Verach­tung gegenüber allem was links, oder mittel­inks ist. Das langweilt die, das ödet die an. Und deswegen kann man sagen, dass syste­ma­tisch eigent­lich die mittel­inken Themen – Ungleich­heit, Wirt­schafts­macht, Ausge­grenzt­sein – aus den Medien raus ist, aus deren Weltbild. Nur ab und zu kommt so ein Hype – da gibt’s dann mal im Feuil­leton so eine Kapi­ta­lis­mus­de­batte, die bleibt aber kulturell. Aber im normalen Weltbild kommen eben Sozi­al­leis­tungen, worauf die Bürger einen Rechts­an­spruch haben, als soziale ‘Wohltaten’ in dieser Sprache rüber. Da wird eine bestimmte Sicht der Welt verbreitet, die eigent­lich sehr besitz­bür­ger­lich geprägt ist.« – Thomas Meyer, emeri­tierter Poli­tik­pro­fessor und Mitglied der Grund­wer­te­kom­mis­sion der SPD.

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Die Medien sagen dann, man dürfe den Leser nicht unter­schätzen. Echt? Die Deutschen kümmern sich um kalo­ri­en­armes Esssen, um korrekte Glüh­birnen, Müll­tren­nung und Rauch­verbot, aber nicht um Menschen­rechte außer den eigenen, und nicht um ihre Neonazis. Nur 5,3 Millionen Menschen in Deutsch­land bezeichnen sich als Vege­ta­rier oder als »Menschen, die wenig Fleisch essen«, etwa 2 Millionen davon leben in Berlin. Aber 47 % der ZEIT Leser behaupten (Ausgabe vom 17.12.15), man dürfe Tiere nicht essen. 37 % meinten auch, das Regen­würmer ein Bewusst­sein haben. Sogar 77 % der gleichen Gruppe behauptet allen Ernstes, das Mäuse ein Ich-Bewußt­sein hätten. Zugegeben: Es handelt sich um frei­wil­lige Teil­nehmer an einer ZEIT-online-Umfrage, also primär verren­tete Akade­miker mit viel zu viel Zeit.

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Die an der Realität vorbei­schram­menden neuen Trans­pa­renz­ge­setze der Sender und Medien sind auch nur ein weiteres Mittel der Selbst­ab­schaf­fung des Jour­na­lismus. Der Trans­pa­renz­wahn stärkt nicht die Unab­hän­gig­keit sondern die Abhän­gig­keit vom Sender oder Verlag und von der Gunst irgend­wel­cher Redak­teure.

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Geheime Träume für 2016: Dass die Engländer wirklich endlich aus der EU austreten. Dass Polen und Ungarn und Tschechen mitmachen. Dass Mossad oder Russen nicht nur Hamas-Führer, sondern vor allem den Moslem­bruder im Präsi­den­ten­pa­last von Ankara ausschalten.

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Vorsicht: Miss­trauen ist geboten, wenn ausge­rechnet der »Bund der deutschen Industrie« die Flücht­linge begrüßt. Ausbeuten und downsizen der Alten? Das ist hier die Frage.

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Das Blog-Projekt der FAZ über Flücht­linge heißt »Hier. Und jetzt?«

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Die FAZ, unter anderem Kader­schmiede für AfD-Politiker – Alexander Gauland, Konrad Adam, aber auch Karl Feldmeyer sind lang­jäh­rige FAZ-Autoren bzw. Redak­teure – hat neuer­dings pro Ausgabe hat die FAZ neuer­dings auch einen Pegida-Panik-Artikel im Blatt. Da heißt es dann zum Beispiel: »Dänemark macht die Grenze zu Deutsch­land dicht«, wenn die Dänen de facto nur Grenz­kon­trollen einge­führt haben. Derweil wird Erdogan das neue Vorbild für Europa, nach dem Motto: Wenn die Türken nicht der EU beitreten dürfen, dann tritt Europa halt der Türkei bei.

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Der FFF Bayern hat seine Richt­li­nien erneuert. Mit rund 32 Mio. unter­s­tützte der FFF neue Projekte. 16,7 Mio. Zuschauer sahen FFF-geför­derte Filme im Kino. Fünf geför­derte Filme wurden Besu­cher­mil­lionäre. Aber was für Filme: Fack ju Göhte 2 war mit 7,6 Mio. Besuchern sogar der erfolg­reichste deutsche Film des Jahr­zehnts. Die Komödie Der Nanny sahen 1,7 Mio., Ostwind 2 1,2 Mio. und Fünf Freunde 4 1,03 Mio. Besucher im Kino.
Neue europäi­sche Regu­la­rien haben eine Verän­de­rung der FFF-Förder­richt­li­nien notwendig gemacht. Gleich­zeitig wurden diese inhalt­lich fort­ent­wi­ckelt. Mit den am 1. Juli 2015 in Kraft getre­tenen neuen Richt­li­nien können beim FFF auch Produ­zenten Anträge auf Dreh­buch­för­de­rung einrei­chen und Treat­ments für doku­men­ta­ri­sche Kinofilme unter­s­tützt werden. Einge­führt wurden das Slate-Funding im Bereich Projekt­ent­wick­lungs­för­de­rung und die Unter­s­tüt­zung trans­me­dialer und inno­va­tiver digitaler Erzähl­formen. Die neue Höchst­för­der­summe für die Herstel­lung von Kino­filmen beträgt 2 Mio. Euro, für die Herstel­lung von Fern­seh­filmen 600.000 Euro, für das Slate-Funding 150.000 Euro, für die Entwick­lung von Dreh­büchern 30.000 Euro.

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»Es gibt keinen athe­is­ti­schen Terro­rismus im 21. Jahr­hun­dert. Atheisten werden fast überall in der Welt verfolgt, aber keiner zerstört die Kunst­werke, die Gläubige zu Ehren Gottes geschaffen haben. Mehr noch: Diese dummen Atheisten sind oft sogar die ersten, die den Schutz der reli­giösen Stätten vor frommen Barbaren verlangen. … Also los: Nur Mut! wagt es einfach über die zu lachen, die ihr für eure Feinde haltet.« – CHARB

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»Einfach weg aus Deutsch­land!« Das müsse man den jungen Leuten raten. Mittwoch Abend, in der S-Bahn zwischen Potsdam und Berlin. Vier ältere Herr­schaften, offen­sicht­lich gut vernetzte Wissen­schaftler unter­halten sich über Verfalls­er­schei­nungen an den Univer­sitäten. Jüngere Wissen­schaftler, so ist der Tenor, hätten keine Chance, überall sei es besser, als hier, man könne jüngeren Kollegen nur raten, ins Ausland zu gehen. »Und es war eine SPD-Minis­terin, die die Gesetze verändert hat.« Als ob die SPD noch trösten könnte.
Es geht darum, dass Univer­sitäts­leiter wie ein Kauf­haus­di­rektor agieren, dass an Univer­sitäten schon Vereine gegründet werden, um vernünf­tige Entschei­dungen durch­zu­setzen, wenn die Univer­sitäts­ver­wal­tung zu viel Ärger macht, und Leute einzu­stellen, wenn es gerade Einstel­lungs­stops gibt. »Es ist doch unwürdig, dass man so tricksen muss, dass man legale Wege finden muss, um das Gesetz zu umgehen.«
Klingt wie deutsche
Film­fi­nan­zie­rung. Es ist kein Trost, dass es in anderen Kultur­be­rei­chen nicht besser ist als beim Film.

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Eine lustige Web-Site heißt »Ist der BER schon fertig?«. Die ist nicht nur für Berliner und Tegel-Fans attraktiv, sie illus­triert auch trefflich einen neuen deutschen Trend: Das Scheitern der Ankün­di­gungen.

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»Lieber stehend sterben, als auf Knien leben!« – CHARB

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 113: Ist hier das Positive?

Der einzige deutsche Film in Locarno: Der Staat gegen Fritz Bauer mit Burghart Klaußner. Außer Konkurrenz – © Alamode Filmdistribution

Einfalt und Vielfalt der Film­för­de­rung, Schwar­ze­negger statt Depardieu, Verfas­sung­s­chützer als Verfas­sungs­feinde? – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 113. Folge

»Die Schere zwischen den Reichsten und den Ärmsten wird sich schließen – das haben wir in der Geschichte oft genug gesehen. Entweder durch Revo­lu­tion, oder durch höhere Steuern, oder durch Krieg.«
Paul Tudor Jones II, Hedge­fonds­ma­nager, US-Milli­ardär auf Rang 106 der reichsten Ameri­kaner (ca 3,6 Milli­arden Dollar)
»Durch­su­chungen und Beschlag­nahmen in einem Ermitt­lungs­ver­fahren gegen Pres­se­an­gehö­rige sind verfas­sungs­recht­lich unzu­lässig, wenn sie ausschließ­lich oder vorwie­gend dem Zweck dienen, die Person des Infor­manten zu ermitteln.
Die bloße Veröf­fent­li­chung eines Dienst­ge­heim­nisses im Sinne des § 353 b StGB durch einen Jour­na­listen reicht im Hinblick auf Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG nicht aus, um einen den straf­pro­zes­sualen Ermäch­ti­gungen zur Durch­su­chung und Beschlag­nahme genü­genden Verdacht der Beihilfe des Jour­na­listen zum Geheim­nis­verrat zu begründen. …
Die Pres­se­frei­heit umfasst auch den Schutz vor dem Eindringen des Staates in die Vertrau­lich­keit der Redak­ti­ons­ar­beit sowie in die Vertrau­ens­sphäre zwischen den Medien und ihren Infor­manten. …
Die Freiheit der Medien ist konsti­tu­ie­rend für die frei­heit­liche demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung. Eine freie Presse und ein freier Rundfunk sind daher von beson­derer Bedeutung für den frei­heit­li­chen Staat. … Geschützt sind nament­lich die Geheim­hal­tung der Infor­ma­ti­ons­quellen und das Vertrau­ens­ver­hältnis zwischen Presse bezie­hungs­weise Rundfunk und den Infor­manten. Dieser Schutz ist unent­behr­lich, weil die Presse auf private Mittei­lungen nicht verzichten kann, diese Infor­ma­ti­ons­quelle aber nur dann ergiebig fließt, wenn sich der Informant grund­sätz­lich auf die Wahrung des Redak­ti­ons­ge­heim­nisses verlassen kann.«
Bundes­ver­fas­sungs­ge­richt, Leitsätze zum Urteil des Ersten Senats vom 27. Februar 2007.
Wo bleibt das Positive? fragen wir mal wieder mit Tucholsky. Verdammt nochmal! Ich will wirklich nicht, dass diese Kolumne hier zur Mecke­r­ecke mutiert, und ich zum Mecker­fritzen. Aber es ist gar nicht so einfach, das in die Tat umzu­setzen.. Weiterlesen

Am Woche­n­ende saß ich mit Freunden zusammen, die sich alle für Kino und Fernsehen inter­es­sieren, darunter eine durchaus gut beschäf­tigte Schau­spie­lerin und eine Produ­zentin. Meine Frage in die Runde: Erzählt mir doch mal, was ihr alles am deutschen Kino gut findet?
Antwort erstmal Schweigen. Dann Kommen­tare, die mit »Also ich find’ schlecht, dass…« oder »Scheiße ist zum Beispiel…« oder »Gut? Ja, finde ich gut?« beginnen.
Dann redeten wir über Victoria von Sebastian Schipper. Den fanden wir wirklich alle gut.

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Anderen geht es offenbar genauso. Beim Film­fes­tival von Locarno, das heute Abend eröffnet wird – mit dem Film Ricki and the Flesh von Jonathan Demme, der vor 25 Jahren mit Das Schweigen der Lämmer welt­berühmt wurde. Meryl Streep spielt darin eine Rock­sän­gerin, die für ihre Showbiz-Karriere vieles aufge­geben hat, und jetzt nach Hause zurück­kehrt, und ihre Familie zurück­ge­winnen will. Bericht folgt – bei diesem Festival läuft wieder mal kein einziger deutscher Film im Wett­be­werb. Co-Produk­tionen mit mehr oder weniger cleverem deutschem Geld zählen hier nicht, die gehören nur in Pres­se­mit­tei­lungen der Funk­ti­onäre. Wir reden von Auto­ren­kino, also deutsche Regis­seure und viel­leicht noch Drehbuch, oder wenigs­tens deutsche Sprache, Stoffe und Mehr­heits­an­teile einer deutschen Produk­tion.
Immerhin auf der Piazza Grande, also außer Konkur­renz, kommt Der Staat gegen Fritz Bauer von Lars Kraume, in dem Burghart Klaußner den berühmten Nazi-Jäger spielt. Auf den bin ich sehr erwar­tungs­freudig gespannt, weil ich Kraumes Filme mag, und Burghart Klaußner toll finde.
Jenseits dessen aber gibt es nur ein paar Filme in den Neben­reihen.
Wer jetzt glaubt, die seien alle in Venedig, den muss man enttäu­schen. Während letztes Jahr immerhin drei deutsche Filme in Venedig liefen (ich weiß, ich hab hier besonders gut reden, den Von Caligari zu Hitler war einer davon), gibt es in diesem Jahr keinen einzigen! Und für San Sebastian sieht es nach allem was man hört nicht viel besser aus.

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Das ist ein Problem. Denn woran wir alle, unab­hängig von unserem Geschmä­ckern und Vorlieben und unserer persön­li­chen Vorstel­lung von deutschem Kino ja inter­es­siert sein sollten, ist doch, dass der deutsche Film inter­na­tional wahr­ge­nommen wird, dass er inter­na­tional in den Hirnen der Nicht­deut­schen statt­findet. Mit natio­nalem Dumpfsinn hat das nichts zu tun, noch nicht mal mit Patrio­tismus. Sondern mit Eigen­in­ter­esse. Die deutsche Gesell­schaft selbst braucht den Dialog mit anderen Film­kul­turen, und wenn man will, dass das Kino hier besser ist, muss raus aus dem Schre­ber­garten, auf Festivals in anderen Ländern. Wenn sich kein deutscher Filme­ma­cher dem Blick der anderen und der Konkur­renz mit auslän­di­schem Kino stellt, wird hier zuhause nichts besser.
Insofern haben wir ein Problem.

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Schon in den letzten Jahren sah es bei inter­na­tio­nalen Festivals zunehmend schlechter aus. Deutsches Kino findet nicht mehr in der ersten Reihe statt, sondern nur in der zweiten oder dritten. Sprich: Bei nach­ran­gigen Festivals oder besten­falls in Neben­s­ek­tionen.
Mal ein Wenders hier, mal ein Petzold da, aber selbst der Glanz der Altmeister und die inter­na­tio­nale Attrak­ti­vität der Berliner Schule verblassen spürbar.
Man sieht an dieser erschüt­ternd schwachen Bilanz auch, dass man die Teilnahme am Wett­be­werb eines A-Festivals als als ernst­haftes Kriterium für Refe­renz­för­de­rung vergessen kann. Das ist nicht mehr als eine Sonn­tags­reden-Floskel. ein Feigen­blatt für Nichtstun. Funkt­ki­onäre und Politiker sagen dann gern: »Je, wenn die Filme nicht über­zeugen, ist das schade, aber es ist eben so«, um dann im nächsten Absatz ihrer Rede auf »die Stärke des deutschen Kinos« hinzu­weisen.
Die entspre­chenden Refe­renz­gelder gibt es zur Zeit allein noch für Berlinale-Wett­be­werbs­filme, womit man nicht nur Dieter Kosslick eine Macht als Förder­fürst gibt, die ihm nicht zusteht, sondern ein System subtiler Selbst­be­die­nung und Kumpanei etabliert, dass allen Betei­ligten peinlich sein müsste.

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Nicht nur wir mögen Sebastian Schippers Victoria, auch Kirsten Niehuus, die Förder­in­ten­dantin des Medien­boards Berlin-Bran­den­burg. Der war nämlich ihr Lieb­lings­ge­gen­bei­spiel­bei­spiel – ich glaube auch, ihr einziges – in einem Gespräch mit der Sendung »Fazit« im Deutsch­land­radio Kultur, in dem es aus Anlass der Locarno-Eröffnung ebenfalls darum ging, warum eigent­lich kaum mehr ein Film in inter­na­tio­nalen Wett­be­werben läuft. Niehuus schlug sich den schlechten Umständen entspre­chend gut. Das Gespräch belegt vor allem, dass jetzt allmäh­lich die schwe­lende Debatte über eine Reform der Film­för­de­rung auch öffent­lich ins Rollen kommt.
Das Gespräch sollte man sich unbedingt anhören, unter diesem Link kann man es abrufen.

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Den Verweis auf die Berlinale finde ich aller­dings falsch. Denn wenn die vielen deutschen Filme im Berlinale-Wett­be­werb eine zurei­chende Erklärung für die Abwe­sen­heit deutscher Filme in anderen A-Wett­be­werben wären, dann dürfte es ja logi­scher­weise keine fran­zö­si­schen Filme jenseits von Cannes und keine italie­ni­schen jenseits von Venedig geben. Es gibt sie aber zuhauf – drei Italiener in Cannes zum Beispiel. Und sind argen­ti­ni­sche, japa­ni­sche, öster­rei­chi­sche und dänische Filme nur deshalb inter­na­tional so stark, weil es bei denen zuhause kein A-Festival gibt?
Nein, die Ursachen liegen viel tiefer. Sie liegen in einer falsch konstru­ierten, einseitig an ökono­mi­schen Erfolgs-Erwar­tungen (Erwar­tungen!!! Hoff­nungen und Speku­la­tionen) orien­tierten und fern­seh­ver­seuchten Film­land­schaft und am Fehlen einer echten Film­kultur, die diffe­ren­ziert, streit­lustig, dabei offen und neugierig ist.

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Einen wichtigen Punkt hat die Kultur­staats­mi­nis­terin Monika Grütters erkannt und glück­li­cher­weise offen ange­spro­chen: Den unseligen Förder­tou­rismus, und die Tatsache, dass Produ­zenten zu Entschei­dungen gezwungen sind, die die Filme teurer machen und künst­le­risch kontra­pro­duktiv sind. Die zentra­lis­ti­scheren, mehr an Kultur und den Wünschen der Filme­ma­cher orien­tierten Systeme in Frank­reich, Dänemark und Öster­reich zeigen, wie man erfolg­reiche Kino begründen kann.

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Eine der größten Fehl­leis­tungen des jetzigen Film­för­der­ge­setzes ist, dass es in der Refe­renz­för­de­rung keinen Unter­schied zwischen Großen und Kleinen macht – einen echten Mittel­stand gibt es in unserer Film­land­schaft ja leider gar nicht, sondern nur verschieden kleine Firmen neben den Großen, die man an einer Hand abzählen kann. Im Ergebnis bekommen dann wegen der unseligen »Schwellen« die Großen alles Geld, und die Kleinen nichts – denn wer schafft heute schon 50.000 Zuschauer?
Mit einer Belohnung von ökono­mi­schem Erfolg hat das gar nichts zu tun. Denn oft ist ein Film in Prozent­sätzen gerechnet sehr erfolg­reich, obwohl er wenige Zuschauer hat. Zudem gibt es in der Vergan­gen­heit einige Beispiele für Filme in A-Wett­be­werben, die trotzdem dann nicht die Schwelle für Refe­renz­gelder erreichen.
Hier ist das System grund­sätz­lich faul.

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Jeder hat es mitbe­kommen: Die zweite und die dritte Macht des Staates streiten sich um die vierte. Ein Bundes­an­walt betreibt selber Politik, wirft das aber anderen vor. Er fordert eine Trennung von Politik und Recht – als ob sie möglich wäre. Poli­ti­sche Justiz: Man möchte von solchen Leuten nicht regiert und nicht geschützt werden.
Einmal mehr erlebt man an den Reak­tionen in der Affaire um BfV und »netz­po­litik.org« die Folgen des traurigen Erbe des Rechts­po­si­ti­vismus und der Natur­rechts­ver­ach­tung in Deutsch­land. Und fast in Verges­sen­heit gerät das Offen­sicht­liche: Unsere Geheim­dienste sind weder geheim noch dienen sie. Besser gesagt: Sie geben sich geheim vor den Bürgen und dienen den Mächtigen, aber nicht ihren Auftrag­ge­bern.

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Natürlich hat diese Affaire sowieso mit uns zu tun, weil wir alle Bürger sind. Sie hat aber auch mit uns als Medium zu tun: Internet-Autoren und Blogger sind auch Jour­na­listen, auch wenn das einigen nicht gefällt. Und alle Ansätze, die es leider auch in der deutschen Politik gibt, nicht nur in de Türkei des Popu­listen und De-facto-Diktators Erdogan, dazu, der Presse zu erklären, was sie darf und was nicht, worüber sie schreiben darf und worüber nicht, muss man bekämpfen – im Eigen­in­ter­esse. Und im Interesse einer funk­tio­nie­renden Öffent­lich­keit, die mehr denn je Infor­manten, Whist­leb­lower und den tugend­haften Verrat, ja eine Kultur des Verrats braucht.
Die BfV-Affaire hat auch mit dem deutschen Kino zu tun: Wer sitzt jetzt an einem Polit­thriller, der die Verfas­sung­s­chützer als Verfas­sungs­feinde zeigt? Die Whist­leb­lower als Helden allein gegen alle? Wer traut sich, das zu fördern und mit Fern­seh­ge­büh­ren­geld zu finan­zieren?

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Eine typisch deutsche Lach­nummer ist die plötz­liche Aufregung um die Betei­li­gungs­ge­sell­schaften unserer Fern­seh­sender. Musste da wirklich erst die FAZ mit einem Medi­en­wis­sen­schaftler kommen, damit wir erfahren, dass Produk­ti­ons­firmen und Fern­seh­sender »auf irrsin­nige Weise mitein­ander verwoben« sind? Das hat jetzt Harald Rau einer stau­nenden deutschen Öffent­lich­keit offenbart. Dann teilen es alle schön unkom­men­tiert auf facebook. Als wüssten wir nicht längst, dass es ist wie es ist.
Hier kann man alles nachlesen.

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Auch die Ukraine amputiert gerade einen Teil ihrer eigenen Kultur und Geschichte. In dem ach so freien, west­li­chen, welt­of­fenen Land, das in fünf Jahren EU-Mitglied werden möchte, hat das Kultur­mi­nis­te­rium zwei Listen mit Namen auslän­di­scher Künstlern veröf­fent­licht. Auf einer »schwarzen Liste«, die inzwi­schen dem ukrai­ni­schen Geheim­dienst übergeben worden ist, stehen die Namen von 117 Künstlern, die nach Ansicht des Kultur­mi­nis­te­riums von Kiew »eine Gefahr für die Sicher­heit der Ukraine« darstellen.
Diese Künstler dürfen nicht mehr in der Ukraine auftreten. Das ukrai­ni­sche Fernsehen darf keine Filme mehr zeigen, an denen sie beteiligt waren – gleich welchen Inhalts. So sind in der Ukraine jetzt viele Klassiker des sowje­ti­schen Kinos verboten, aber auch Filme mit Gérard Depardieu. Denn der fran­zö­si­sche Schau­spieler mit russi­schem Pass ist der promi­nen­teste der in Ungnade gefal­lenen Künstler. Zur Krise in der Ukraine hat er seiner­zeit erklärt, er liebe die Ukraine, aber für ihn sei nicht mehr als ein Teil Russlands.
Eine soge­nannte »weiße Liste« nennt Personen, die in der Ukraine ausdrück­lich will­kommen sind. Unter ihnen Arnold Schwar­ze­negger.
Zusätz­lich wurden in der Ukraine bis jetzt fast 400 russische Filme und Fern­seh­se­rien verboten. Will­kommen im neuen Europa!

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 112: Wie lässt sich Qualität bei einem Film erkennen?

Ein Film, bei dem man die »Qualität« gleich erkennt: Gia Coppolas PALO ALTO – Bestandteil des diesjährigen heißen & tollen Kinosommers…

Fragen für die Sommer­fe­rien, ein verrä­te­ri­scher Kommentar auf »Blick­punkt Film«, eine Pres­se­mit­tei­lung der Grünen, »neue Gewich­tungen« beim BR und zukünf­tige »Sender ohne Intendanz« – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 112. Folge

»Ihr jungen Leute solltet nie feige sein! Wenn ihr was sagen wollt, sagt es. Wenn ihr was tun wollt, tut es. Wenn ihr weinen wollt, weint!«
Ein alter Fischer in »Still the Water« (Futatsume no mado) von Naomi Kawase
Was für ein Monat, dieser Juli! Was für ein Kino­sommer. Ein toller Film jagt den nächsten, und trotz heißen und heißesten Sommer­wet­ters und trotz großer Ferien müssen Sie, geschätzte artechock-Leser, einfach folgende Filme sehen, wenn Sie sich selbst etwas Gutes tun und weiterhin ohne rot zu werden, morgens in den Spiegel gucken wollen: It Follows, Tokyo Tribe, ab dieser Woche Still the Water und irgendwie auch Palo Alto.
Über Letzteren werde ich hier noch mehr schreiben, für heute nur so viel:
Palo Alto ist der erste Film von Gia Coppola, der Tochter von Francis Ford Coppolas ältestem Sohn Gian-Carlo, der 1986 bei einem Boots­un­fall ums Leben kam, als seine einzige Tochter noch nicht geboren war. Trotzdem, betont Gia Coppola, habe sie ihren ersten Film ganz ohne Unter­s­tüt­zung der Familie gemacht. Auch wenn der Name gewiss nicht geschadet hat, glaube man ihr das sofort – und wenn nicht, ist es auch egal: Ein Coppola-Film, nach Kurz­ge­schichten von James Franco, der bei den Film­fest­spielen von Venedig 2013 Premiere hatte, und derzeit exklusiv in wenigen deutschen Kinos läuft. Nahezu zeit­gleich ist Palo Alto, eine großar­tige, bewegende Suburbia-Geschichte mit James Franco, Emma Roberts und Jack Kilmer, aber bereits jetzt auf DVD und Blue Ray erschienen: beim Label »Capelight Pictures«.
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In einem höchst unfair und zudem irre­füh­rend formu­lierten, einfach frechen Text macht sich »Blick­punkt Film« ein weiteres Mal zum Sprach­rohr der dümmeren Hälfte des deutschen Films.
Weiterlesen

»Grüne blasen zum Sturm auf die Film­för­de­rung« heißt es da. Und dann werden der medi­en­po­li­ti­schen Spre­cherin von Bündnis 90/Die Grünen, Tabea Rößner, »eklatante Schwächen in der Argu­men­ta­tion« vorge­worfen. Der Grund: Rößner hat offenbar das Tabu gebrochen, dass man öffent­lich nicht erwähnen darf, dass die soge­nannte wirt­schaft­liche Film­för­de­rung gar nicht wirt­schaft­lich ist, sondern dass es sich um versteckte Subven­tionen handelt.
Denn tatsäch­lich hat ja selbst unter den geför­derten deutschen Besu­cher­mil­lionären nur jeder fünfte Film in den letzten zehn Jahren die FFA-Projekt­film­för­de­rung zurück­ge­zahlt. Zudem fordert Rößner, dass die Film­för­de­rungs­an­stalt endlich ihre Zahlen offenlegt. »Gerade vor der anste­henden Novelle des Film­för­de­rungs­ge­setzes muss die FFA von unab­hän­giger Seite unter­sucht werden.« Das gefällt der Söld­ner­truppe von Blick­punkt Film natürlich nicht.
Statt­dessen folgt dann ein Ablen­kungs­an­griff offen­sicht­li­cher, trotzdem übler Sorte, der vor allem das Niveau dieses Magazins offenbart: »Versandt wurde die Pres­se­mit­tei­lung von Tabea Rößner von ihrem wissen­schaft­li­chen Mitar­beiter Frédéric Jaeger, der gleich­zeitig als geschäfts­füh­render Vorstand des Verbands der deutschen Film­kritik fungiert. Jaeger hatte zuvor bereits in ähnlicher Form im Vorfeld der Verlei­hung des Deutschen Film­preises in der Berliner Zeitung unter der Über­schrift ‘Syste­ma­ti­scher Betrug am Kino’ gegen die Film­för­de­rung gewettert.«

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Immerhin wurde die Erklärung Rößners nament­lich gekenn­zeichnet, was man vom erwähnten Blick­punkt-Film-Kommentar nicht behaupten kann.
Aber bei »Blick­punkt Film« haben sie es offenbar bitter nötig. Nach ihren Troll-Attacken gegen die deutsche Film­för­de­rung, die sie dafür verant­wort­lich machen wollten, dass deutsche Filme nicht in Cannes laufen, stürzen sich die Zombies des soge­nannten »Bran­chen­ma­gazin«, das tatsäch­lich laut eigenen Media­daten nicht einmal mit 4000 Exem­plaren gedruckt wird, (geschweige denn gelesen), nun etwas aggrohaft auf alle Kritiker der herr­schenden Verhält­nisse – anschei­nend möchte man sich bei den Anzei­gen­kunden lieb Kind machen.

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Manchmal fragt man sich ja, ob es »Blick­punkt Film« überhaupt noch gibt. Und, dann, gleich als nächstes, warum eigent­lich? Nach dieser reflex­haften Reaktion weiß man wieder warum. Obwohl die BF-Redaktion offenbar nicht merkt, dass eine derartige plumpe Reaktion eher ein Ritter­schlag für die Pres­se­mit­tei­lung der GRÜNEN ist.
Da fragt man sich eher, ob Blick­punkt Film womöglich neben dem diversen indi­rekten Spon­so­ring auch direkte Förder­gelder bekommt? Weil sie doch so viel tun für den deutschen Film?
Zur Sache hat der famose Kommentar im Übrigen nichts beizu­tragen.
Denn das eigent­liche Thema der Film­för­de­rung liegt woanders. Sieht man einmal von der bekannten und schlecht gelösten Frage des Verhält­nisses zwischen kultu­reller und wirt­schaft­li­cher Förderung ab, vergisst man einmal für Augen­blicke, dass kaum Geld in die kultu­relle Förderung fließt und fast alles in die wirt­schaft­liche, dann bleibt die Frage, ob denn Wirt­schaft­lich­keit überhaupt derzeit ein Kriterium ist? De facto spielt Wirt­schaft­lich­keit bei der exis­tie­renden Förderung nur dort eine theo­re­ti­sche Rolle, wo es um hohe Summen geht und viel Geld. Bei kleineren Projekten geht es nicht darum. Förder­schwellen jeder Art sind unfair. Filme, die mehr als ihre Herstel­lungs­kosten einspielen, sind natürlich erfolg­reich, aber was ist mit Filmen, die immerhin 80, 90 oder 95% ihrer Herstel­lungs­kosten wieder einspielen? Sie sind doch zumindest relativ wirt­schaft­lich – die Förder­ge­setze berück­sich­tigen das aber an keiner Stelle.

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Davon abgesehen hier noch mein Ceterum Censeo: Wirt­schaft­lich­keit ist völlig nach­rangig und meinet­wegen sollte gar nix zurück­ge­zahlt werden, wenn nur mal richtig gute oder inter­es­sante Filme raus­kommen. Das ist unser Problem.

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Eine öffent­liche Debatte über die Qualität des deutschen Films wollen die Berliner »Akademie der Künste« (www.adk.de) und der »Verband der deutschen Film­kritik« führen. Hierzu veröf­fent­lichten beide jetzt einen Aufruf, über den wir in den nächsten Wochen nach­denken werden müssen: »»Nach welchen Kriterien wollen wir Filme bewerten?« heißt es da, »Nach welchen Kriterien entscheidet das Publikum? Hat die Kritik einen anderen Zugang zur siebten Kunst? Was verstehen Produzent*innen, Regisseur*innen, Autor*innen, Cutter*innen, Schau­spieler*innen, Kame­ra­leute unter einem guten Film? Wie lässt sich Qualität bei einem Film erkennen? Was macht die Qualität eines Filmes aus?« Weiter heißt es: »Bitte nehmen Sie sich die Zeit, diese Frage bis zum 10. September auf höchstens einer halben Seite aus ihrer Sicht zu beant­worten und schicken Sie sie an die Akademie der Künste, Ulrike Roesen: (Aktiviere Javascript, um die Email-Adresse zu sehen)
Auch wir von artechock freuen uns über Antworten, und sie dürfen auch länger sein. Auszüge, viel­leicht auch ganze Texte, veröf­fent­li­chen wir gern und leiten sie auch an die Zustän­digen der adk weiter.

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Viel­leicht sagt uns schon das hier etwas über den Stand der Dinge: »Sehr geehrte Damen und Herren, er ist Kino- und Opern­re­gis­seur, Schau­spieler, Dreh­buch­autor, Libret­tist, Produzent – und jetzt moderiert er auch noch die Verlei­hung der FIRST STEPS Awards: AXEL RANISCH!
Wir freuen uns sehr, dass der unver­gleich­liche Axel Ranisch die 16. Verlei­hung der FIRST STEPS Awards am 14. September 2015 in Berlin im Stage Theater am Potsdamer Platz mode­rieren wird. Der Regisseur, Schau­spieler und Dreh­buch­autor Axel Ranisch, dessen Tragi­komödie Alki Alki gerade auf dem Filmfest München seine Welt­pre­miere feierte, war 2012 mit seinem legen­därem Abschluss­film »Dicke Mädchen« für den FIRST STEPS Award nominiert.
Musi­ka­lisch begleitet wird Axel Ranisch bei seinem Mode­ra­ti­ons­debüt vom deutsch-fran­zö­si­schen Under­ground-Pop-Duo STEREO TOTAL, in deren Musik sich Berliner genialer Dilet­tan­tismus und fran­zö­si­sches »Je m’en fous“ spiegeln. Françoise Cactus und Brezel Göring treffen zwar nicht den Geschmack der Mehrheit, das aber seit 20 Jahren und auf allen fünf Konti­nenten.
»FIRST STEPS ist ne ganz schön große Nummer. Mein Herz bubbert vor Freude und Stolz, vor Neugier und Nervo­sität. Dass ich meine geliebte Oma Ruth Bickel­haupt neben mir auf der Bühne weiß, beruhigt mich. Und mit unglaub­li­chem Glück erfüllt mich, dass ich mit zwei Idolen meiner Kindheit (neben Beethoven und Rach­ma­ni­noff) durch den Abend führen darf: Françoise Cactus und Brezel Göring von Stereo Total!« (Axel Ranisch)
Axel Ranisch wurde 1983 als dickes Kind zweier Leis­tungs­sportler in Berlin-Lich­ten­berg geboren. Mit 18 Jahren erkrankte er unheilbar am Virus Film. 2011 beendete er sein Regie­stu­dium an der Hoch­schule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babels­berg mit dem No-Budget-Spielfilm Dicke Mädchen (geschätzte Produk­ti­ons­kosten: 517 Euro), der weltweit zahl­reiche Preise gewann und für den FIRST STEPS Award nominiert war. Weitere Spiel­filme folgten bald: Ich fühl mich Disco, ReuberAlki Alki. Axel Ranisch war Mitautor der Rosa-von-Praunheim-Hommage  Rosa­kinder und Mitbe­gründer der Produk­ti­ons­firma »Sehr gute Filme«. Seit 2013 insze­niert er außerdem Opern und verkör­pert in der Krimi­reihe »Zorn« den fleißigen Krimi­nal­kom­missar Schröder.«
Der Deutsche Nach­wuchs­preis FIRST STEPS wurde 1999 als private Initia­tive der Film­wirt­schaft von den Produ­zenten Bernd Eichinger und Nico Hofmann ins Leben gerufen. Er wird heute veran­staltet von der Deutschen Film­aka­demie e.V. mit Unter­s­tüt­zung der vier Grün­dungs­partner UFA FICTION, Mercedes-Benz, ProSie­benSat.1 TV Deutsch­land und Spiegel TV. Allen gemeinsam ist der Wunsch, den Film­nach­wuchs sinnvoll und effektiv zu fördern.
Bei Fragen oder Inter­view­wün­schen wenden Sie sich gerne an unsere betreu­ende Pres­se­agentur SCHMIDT SCHUMACHER.
Weitere Infor­ma­tionen finden Sie unter www.first­s­teps.de.

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Der Süddeut­schen tropfte fast der Speichel aus dem Mund vor Erregung: »Kurz vor seinem Tod« hechelte es, »plante Bernd Eichinger, Groß­träumer des deutschen Kinos, noch eine radikale Version des Nibe­lun­gen­lieds. Vier Seiten aus seinem unver­filmten Drehbuch »Zorn«.
Mein Gott! Erschüt­tert wischten wir die Brille ab und lasen weiter, dass Eichinger »schon in der Film­hoch­schule« das Skript »Der Morgen von Walhalla« verfasste. Mitte der Sieb­zi­ger­jahre gab er das Projekt zunächst auf und ließ es ruhen. Offenbar wusste er schon, dass ihn die Götter durch die Urgründe deutscher Geschichte, durch Unter­gänge und Baader-Meinhof-Morgen­röten führen würden, bevor sie ihn noch einmal schreiben ließen: »Erst 2010 setzte er sich wieder daran, berichtet seine Witwe Katja Eichinger« – die, gar nicht wissen kann, ob er nicht auch in den Jahren zwischen 1974 und 2009 auch schon mal dransaß – »und schrieb ein neues Drehbuch mit dem Titel »Zorn«, dessen erste vier Seiten wir hier abbilden – Faksimile einer unda­tierten, nicht finalen Arbeits­fas­sung aus dem Bestand der Deutschen Kine­ma­thek.« Unglaub­liche Enthül­lungen folgen: »Das schöne Gesicht einer Frau BRUNHILD, ca 35. Sie sieht uns aus magisch anmu­tenden tief­blauen Augen
DIREKT an. Ihr flachs­far­benes helles Haar ist zu dicken Zöpfen geflochten: »(Brunhild, bestimmt) Der Beginn birgt das Ende und das Ende den Beginn« So gehts los, das Drehbuch »Zorn«, das das Herz des SZ-Erzählers erobert hat, und ihn zu dem Satz motiviert: »Das ist Eichinger pur, direkt und schnör­kellos, schwel­ge­risch, feti­schis­tisch … Es geht um Radi­ka­lität, Maßlo­sig­keit, sehr viel Kampf und Tod…«
Man würde das Drehbuch gern lesen – es klingt eher wie Courths-Maler-Kitsch, ich kann nicht glauben, dass Eichinger solche Sätze verfilmt hätte.
Und ja, so soll das deutsche Kino sein: pur, direkt und schnör­kellos, schwel­ge­risch, feti­schis­tisch, radikal, maßlos. Aber wann wären das Eichin­gers Filme je gewesen?

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Ungleich gespannter erwarten wir am Freitag die Premiere der Nibe­lun­gen­fest­spiele in Worms, erstmals unter der Intendanz von Filme­ma­cher Nico Hofmann. Gegeben wird das Stück »Gemetzel«, das der Münchner Autor Albert Oster­maier schrieb, insze­niert wird es von Regisseur Thomas Schadt. Eine spannende Kombi­na­tion und Verschmel­zung von Film und Theater. Und bestimmt weniger schwülstig, als die magisch anmu­tenden tief­blauen Augen von Eichin­gers Brunhilde mit ihrem flachs­far­benen hellen…«

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Dem öffent­lich-recht­li­chen Rundfunk, also dem Radio geht es gut. Eigent­lich. Aber während die Media­daten gerade auch anspruchs­volle Radio­re­dak­tionen in ihrem Beharren auf Qualität uner­wartet stärken, wird bei einem bestimmten Sender abgebaut: dem Baye­ri­schen Rundfunk (BR). Bei BR-Mitar­bei­tern herrscht schon seit einiger Zeit Unruhe über die soge­nannte »Programm­re­form«, der eine Struk­tur­re­form um das Wort »Trime­dia­lität« herum beige­mischt wird. Denn das schöne alte Wort Reform, das einmal Aufbruch, Fort­schritt und Besserung verhieß, ist längst zum Codewort für das allge­meine Down­si­zing verkommen.
Beim BR sieht das mit der Reform dann so aus: Die in der Kino­branche hoch­an­ge­se­hene bisherige Fern­seh­di­rek­torin Bettina Reitz verließ über­ra­schend den Sender – nach nur fünf Jahren. Offenbar spielte es keine Rolle, dass sie viele Film-Preise nach München holte. Grund war nach allem was man hört, dass Wilhelm für sie nach der Struk­tur­re­form keinen Platz mehr hatte. Jetzt wird sie Präsi­dentin der Münchner Hoch­schule für Fernsehen und Film und kann beweisen, dass sie nicht, wie natürlich auch vom BR gestreut wird, »in allem geschei­tert« ist.

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Überall wird der Rotstift angesetzt. Die Redak­tionen müssen drei Prozent ihres Budgets einsparen, bei stei­genden Kosten und stei­genden Gebühren. Denn die sprudeln wie ein Fass beim Stark­bier­an­stich. 1,5 Milli­arden Euro Über­schuss werden aus der »Haus­halts­ab­gabe« genannten Rund­funk­ge­bühr bis Ende 2016 erwartet. Doch das Geld liegt derzeit nicht bei den Sendern, sondern auf einem Sonder­konto.
Das dient BR-Intendant Ulrich Wilhelm als – will­kom­mener? – Vorwand für eine radikale Umge­stal­tung des Senders. Gekürzt wird auch vom CSU-Mann Wilhelm einmal mehr bei der Kultur: Offiziell wird zwar von »neuen Gewich­tungen« gespro­chen, de facto aber geht es den letzten Lite­ra­tur­sen­dungen des Baye­ri­schen Fern­se­hens an den Kragen, »Lese­zei­chen« und »Lido« sollen zum Ende des Jahres einge­stellt werden.
Gegen die Abschaf­fung richtet sich jetzt eine Petition von Autoren, Kultur­jour­na­listen, Verlags­leuten, Buch­händ­lern und Lite­ra­tur­in­ter­es­sierten. Hier
kann man unter­schreiben
. Es muss schnell gehen, bereits an diesem Donnerstag, 30. Juli, soll im Rund­funkrat darüber entschieden werden.

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Eine weitere »neue Gewich­tung« betrifft den Kanal BR Klassik. Die Philo­so­phin und Jour­na­listin Carolin Emcke berich­tete in ihrer SZ-Kolumne vom Samstag darüber, dass es einen BR-Beschluss gibt, nachdem BR-Klassik seine KW-Frequenz zugunsten des BR-Jugend­pro­gramms »Puls« verlieren soll. Was irgendwie lustig ist, weil gerade die Kids doch angeblich alle Digi­tal­funk und Inter­ne­tradio hören, nicht Old-School-UKW.
Viel los ist aber offenbar nicht beim mit unglaub­lich viel Gebüh­ren­geld propa­gierten Digi­tal­funk. Bislang hören gerade mal 2, 1 Prozent der baye­ri­schen Bevöl­ke­rung digitales Radio.
Emcke fasst zudem alle Gründe zusammen, die klar machen, was für ein Wind beim BR weht, und wie der Sender seinen – nicht ökono­mi­schen, sondern kultu­rellen, sozialen und poli­ti­schen – Auftrag mit Füßen tritt. Treffend schreibt sie über das »kaum verhoh­lene ökono­mi­sche Kalkül, mit dem Jugend­kanal die soge­nannten werbe­re­le­vanten Ziel­gruppen anzu­spre­chen«, und dass dies kein rele­vantes Kriterium für eine öffent­lich-recht­liche Anstalt sein sollte. Sie schreibt über den »Fetisch der Quote (oder seine rheto­ri­sche Hülle: die Reich­weite)«.
»Quantität bezeugt an und für sich erst einmal nur Quantität. Sonst nichts. Es entspricht in Wirk­lich­keit auch nicht dem an die Gebüh­ren­fi­nan­zie­rung gekop­pelten Bildungs­auf­trag, das eigene grandiose Programm (und die Redak­teu­rinnen und Redak­teure, die es erstellen) absicht­lich in die kultu­relle und gesell­schaft­liche Bedeu­tungs­lo­sig­keit zu exilieren. Warum ein anspruchs­volles Programm nicht auch als ökono­mi­sche Strategie gedacht werden kann, wo es doch das ist, wofür die
Sender bezahlt werden, bleibt ein Rätsel.«

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Und schließ­lich kommt das Kern­ar­gu­ment, das über den BR hinaus gerade auch fürs Fernsehen gilt: Dass die Sender sich, offenbar ohne es zu merken, oder – schlimmer noch – sehenden Auges gerade selbst abschaffen. Denn Emcke schreibt auch, was passiert, wenn sich der Baye­ri­sche Rundfunk nicht noch einmal besinnt und sich der eigenen Stärken beraubt: »Ansonsten braucht es von 2018 an womöglich einfach einen Piraten-Sender für klas­si­sche Musik. Er könnte »Radio Freie Klassik« oder »Cool Classic Republic« oder »Sender ohne Intendanz« heißen und klas­si­sche Musik in all ihrer beglü­ckenden Schönheit, aber auch subver­siven Kraft zeigen. Ein kreativer, lebendig-anspruchs­voller Piraten-Sender für alle Gene­ra­tionen, der, wie Hans Blumen­berg es einmal in seinen »Begriffen in Gedanken« formu­liert hat, Bildung nicht als »Arsenal« begreift, sondern als »Horizont«.

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Nächste Woche in Locarno werden wir unseren Freund und Kollegen Ugo Brus­aporco wieder­sehen. Zuvor hat der italie­ni­sche Tausend­sassa aber auch noch sein eigenes Festival über die Bühne gebracht, das »San Giò Verona Video Festival«, dem er als »direttore e fondatore« vorsteht. Auch Verona meldet Ugo unter anderem folgende Preise: Beste Kurzfilm-Regie für Hinde Boujemaa und Et Romeo épousa Juliette (Tunisien/Belgien 2014), der offenbar ganz besonders nach Verona passt, »for the clever ironic game, between lightness and gravity, in portraying an intimate situation and social of great urgency.«
Bester Film wurde L’ultima voce, Guido Notari von Enrico Menduni (Italia, 2015). Begrün­dung: »Through the story of a »voice«, the film reveals the traces of conti­nuity between the Fascist Italy and that Repu­blican, inves­ti­ga­ting the rela­ti­onship between media and power, up to question the current tech­no­lo­gical revo­lu­tion.«
Und den Preis mit dem besonders hübschen Titel: »Premio SOAVE WAYS« (For the film that best expresses the sweetness of life) bekam Picking the musical von Gerard Veltre und Simon Green (Australia, 2014), »A delicate film that takes place in the vineyards of an Austra­lian farm and that is a hymn to the joys of life: love, music, wine, frien­dship, communion and the mixture of people.«

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 108: Seismographen der Gegenwart

Durch den Rost der Massenabstimmung gefallen: Geliebte Schwestern von Dominik Graf – © Senator Film Verleih

Lehren aus dem Filmpreis, das anste­hende Münchner Filmfest und wer entscheidet eigent­lich über den deutschen Film – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 108. Folge

»Es sind doch die Filme­ma­cher, die die Filme machen! Oder?« so fragt keck und leicht rheto­risch der Verband der deutschen Film­kritik (VDFK) und das ausge­rechnet noch auf dem Filmfest München, dem Festival mit der aller­meisten Bran­chen­nähe.
An diesem Samstag (27.06.) findet im Rahmen des 33. Filmfests München ein vom VDFK veran­stal­tetes Panel zur deutschen Film­pro­duk­tion statt, das unter der Leitfrage steht: »Wer entscheidet über den deutschen Film?« (Ab 11 Uhr, in der Black
Box im Gasteig (Rosen­heimer Str. 5, 81667 München), immerhin der Eintritt ist frei.)
Die Frage ist berech­tigt. Denn natürlich sollten die Filme­ma­cher entscheiden, also Regis­seure, Autoren und unter Umständen noch die Produ­zenten. Aber jeder weiß, dass in Deutsch­land viel mehr mitreden, wenn Filme gemacht werden. Viel­leicht sind es genau diese vielen Köche, die den Brei verderben, viel­leicht ist es das mangelnde Vertrauen, umgekehrt das gras­sie­rende Miss­trauen, dass noch eine
Dreh­buch­fas­sung, noch einen Erzähl­strang und doch noch einen Star verlangt, damit der Film auch »sicher« ein Erfolg wird, das verhin­dert, dass der deutsche Film je abhebt, und mehr Filme entstehen, wie Sebastian Schippers Victoria. Weiterlesen

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»In Deutsch­land hat man es nicht gern, wenn Freunde zusammen Filme machen«, sagt Franz Müller, der mit seinem neuen Film im Programm des Filmfest München vertreten ist, und an der Debatte teilnimmt. Gleich­zeitig kommt nächste Woche Müllers letztes Werk, die Film-im-Film-Komödie Worst Case Scenario ins Kino. Bereits diese Woche war Müller auf dem Festival des deutschen Films in Ludwigs­hafen. Zu den Produk­ti­ons­ver­hält­nissen im deutschen Film zog er beim dortigen Filmtalk zu seinem Film den Vergleich mit den USA: »Da machen Freunde mit Freunden Filme. Und nur unter Freund­schafts­be­din­gungen gibt es genug Vertrauen, um sich zu öffnen. Vertrauen kommt einem Film zugute.« Das habe man in Deutsch­land noch nicht begriffen, sagt Franz Müller: »Da bekommt man dann zu hören: ‘Du willst ja nur mit Deinen Freunden einen Film machen.’«
Als ob wir es nicht alle besser wüssten, nicht wüssten, dass Fort­schritte im Kino immer aus Gruppen und Zusam­men­hängen geboren wurden, aus persön­li­chen Bezie­hungen zwischen Regis­seuren, Dreh­buch­au­toren, Produ­zenten und Schau­spie­lern: Man denke an die »Hongkong New Wave«, an »New Hollywood«, an die »Nouvelle Vague«, an den italie­ni­schen »Neorea­lismus« oder in Deutsch­land an einen Film wie Menschen am Sonntag von 1929, für den gleich fünf Regis­seure verant­wort­lich waren.

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Eine Gruppe ist natürlich nicht mit einer diffusen Menge zu verwech­seln: Viel­leicht ist es also genau dieses dauernde Rein­ge­quat­sche und Mitges­abbel der Redak­tionen und Förder­gre­mien, die die deutschen Filme schlechter machen, als sie sein müssten.
Das VDFK-Panel jeden­falls fragt, ob die wahren Entscheider des deutschen Films nicht viel­leicht woanders sitzen, als unter den Filme­ma­chern, ob Produ­zenten und Regis­seure nicht Mario­netten sind, die von unsicht­baren Puppen­spie­lern in öffent­lich-rechtlich finan­zierten Büros gesteuert werden.
»Welche Einflüsse hat die Förderung, welche Rolle spielen Fern­seh­sender, wie wichtig sind Publikum und Film­kritik?« Sogar nach »Geschmack und Lust…, Bildung und Inter­essen« wird gefragt. »Wer entscheidet, dass es so sein soll, wie es ist?« Denn der VDFK zumindest glaubt: »Der deutsche Film kann noch viel besser sein.«
Hinter­grund von all dem bildet auch die anste­hende FFG-Novelle.
Unter der Mode­ra­tion des hoch­ge­schätzten Carlos Gers­ten­hauer von »BR Kino Kino« disku­tieren Cornelia Ackers, BR-Redak­teurin und eine der besten, inter­es­san­testen Fern­seh­ma­che­rinnen, Carl Bergen­gruen, der neue Geschäfts­führer der MFG Film­för­de­rung Baden-Würt­tem­berg (und Ex-SWR-Redakteur und Studio-Hamburg-Chef), Christoph Gröner vom Filmfest, Frédéric Jaeger, von critic.de und VDFK-Vorstand, sowie wie erwähnt Franz Müller, Regisseur, Dreh­buch­autor und Produzent in Perso­nal­union,
damit wenigs­tens einer von der kreativen Seite auch vertreten ist.

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Das alles ergibt dann im Zusam­men­spiel jene »Diktatur des Mittelmaß«, über die Lars Henrik Gass, Leider der Kurz­film­tage Ober­hausen in der FAZ vor einigen Wochen geschrieben hat. Unter dem Titel lief auch ein Radio-Streit­ge­spräch in der Reihe des SWR 2 »Forum«, bei dem ich das Vergnügen hatte, mit Klaus Schaefer, Leiter des FFF Bayern eine knappe Stunde live über die deutschen Film-Zustände zu streiten.
Ich muss da meinem Kontra­henten ein Kompli­ment machen: Schaefer war gut vorbe­reitet, und hat geschickt argu­men­tiert,
auch manchen Hügel gleich frei­ge­geben zugunsten einer Art Front­be­gra­di­gung. Für mich über­ra­schend war, dass Schaefer in den ersten Minuten schon die wirt­schaft­liche Film­för­de­rung quasi komplett über Bord warf, als ob das nicht gerade in Bayern eine Rolle spielen würde.
Für mich über­ra­schend war auch, wie kämp­fe­risch Schaefer war, wie oft er mich auch unter­brach – da hatte ich ihn zuge­ge­be­ner­maßen vorab für passiver, bequemer, und auch satu­rierter gehalten.

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Vergeben wird in München auch der »Siegfried Kracauer Preis für Film­kritik«. Man darf gespannt sein, ob die dies­jäh­rigen Preis­träger auch Kracauers Abspruch erfüllen können, dass gute Film­kritik wie ein Seis­mo­graf der Gegenwart funk­tio­nieren muss. Film­kritik sollte konkret sein und den Mut zu Aussagen haben, über die man streiten kann. Film­kritik ist keine Film­wis­sen­schaft und sollte auch nicht mit ihr verwech­selbar sein. Zumal die derzei­tige Film­wis­sen­schaft, jeden­falls in Deutsch­land, sich doch sehr in ihren eigenen Elfen­bein­turm zurück­ge­zogen hat, dort gern sitzen bleibt und, sowohl sprach­lich als auch in den Kate­go­rien, mit denen sie arbeitet, »Glas­per­len­spiele« betreibt.
An Kracauers Person kann man hingegen zeigen, wo genau heute das Manko liegt: Gute Film­kritik ist immer auch politisch und gesell­schaft­lich relevant. Wenn sie nur ästhe­tisch ist, dann wird sie ästhe­ti­zis­tisch. Natürlich kann man einen Film immer so angucken, als ob er jenseits poli­ti­scher, kultu­reller, sozialer und zeit­geist­li­cher Umstände gemacht wurde. Aber das ist eben nur die eine Seite eines Kunst­werkes. Insofern macht es sehr viel Sinn, dass der neue Preis, der erst seit Ende 2013 vom VDFK zusammen mit der MFG vergeben wird, Kracauer-Filmpreis heißt, und nicht irgendwie anders.

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Sechs Bundes­film­preise für Victoria, das geht natürlich voll in Ordnung. Hoffent­lich hilft es dem Film, der in der ersten Woche mit 25.000 Zuschauern beschä­mende Zahlen »gemacht« hatte. Beschä­mend jeden­falls ange­sichts der Qualität des sehr unge­wöhn­li­chen Film und seiner Werbe­kam­pagne.
Ande­rer­seits hat der Verleih diesen schwachen Start selbst zu verschulden:
Es war ein Fehler, dauernd über die »eine Einstel­lung« zu reden, den Film über seine Technik zu vermarkten, statt über Drama und die großar­tigen Schau­spieler. Wer geht schon in einen Film, weil er in einer Einstel­lung gedreht ist? Die Machart ist eher ein Thema für Seminare.
Falsch ist es auch, dass der Verleih den Film den Programm­kinos erst in der zweiten Start­woche gegeben hat, und Victoria zuerst im Cineplexx gespielt wurde. Nur ein Beweis, dass der Verleih seinen eigenen Film nicht verstanden hat. Immer wieder wundere ich mich über solche für noch schwer vers­tänd­liche Entschei­dungen. »Victoria« ist ein Film, der nicht von selber geht, der die Pflege durch gute Kinos braucht. Programm­kinos eben. Sebastian Schipper musste darunter leiden.

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Der Filmpreis war wieder im Palais am Funkturm, das war schon mal richtig. Weit weg von der City, aber ein guter Ort. Zurück ins alte West-Berlin, weg von den Touris in Mitte. Da gehört der deutsche Film eher hin, als zu den Go-go-Girls in den Fried­rich­stadt­pa­last.
Neben Victoria war wieder viel Quatsch nominiert. Filme, die keines­falls die Preise hätten bekommen dürfen. Das Haupt­pro­blem des Film­preises sind aber ja gar nicht die Nomi­nierten, sondern die, die bei der Massen­ab­stim­mung durch den Rost gefallen sind. Dass Die geliebten Schwes­tern von Dominik Graf und Phoenix von Christian Petzold schlechter sein sollen, als Wir sind jung. Wir sind stark., Jack und Zeit der Kanni­balen ist natürlich eine absurde Vorstel­lung.

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Die »Staats­mi­nis­terin für Kultur und Medien« Monika Grütters sagte bei der Verlei­hung dann ein paar inter­es­sante Dinge: »Großes Kino« defi­nierte sie geschickt als »Leiden­schaft. Mut. Sensi­bi­lität. Ausdrucks­stärke. Expe­ri­men­tier­freude.« Das seien »Qualitäten, die Filme zu Kunst­werken machen. Diese Qualitäten zeichnen wir mit dem Deutschen Filmpreis aus«. Der mit insgesamt 3 Millionen Euro höch stdo­tierte Kultur­preis des Landes werde an Ideen verliehen. Und dann: »Deshalb ist
es wichtig, dass nicht nur die Maxi­mie­rung des Ertrags, sondern auch der Mut zum Expe­ri­ment gefördert wird. Nicht zwangs­läufig gefallen zu müssen – das ist künst­le­ri­sche Freiheit, und darum geht es bei der kultu­rellen Film­för­de­rung, die für den deutschen Film nicht weniger wichtig ist als die wirt­schaft­liche.«

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Ob die deutschen Filme des Filmfest München dem gerecht werden? Mal abwarten. Auch dort wird nominiert. Die Jury ist in diesem Jahr die inter­es­sante Mischung aus dem Produ­zenten Peter Rommel (Feucht­ge­biete), der Schau­spie­lerin Johanna Wokalek (Die Päpstin) und Regisseur und Schau­spieler Sebastian Schipper (Victoria). In der Preis­an­kün­di­gung macht das Filmfest vor lauter Stolz gleich Jan-Ole Gerster gleich auch zum Gewinner obwohl Oh Boy ja gerade nicht als bester Film oder beste Regie gewann, sondern nur fürs Drehbuch.
Aber egal, so kleinlich wollen wir nicht sein. Schliess­lich geht’s um 70.000 Euro.

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Nachdem der unter­schied zwischen Fernsehen und Kino eh schon immer mehr aufge­weicht wird, gibt es nun auch »Tatort« im Kino: Unter dem Arbeits­titel Kino­tatort Hamburg drehen Til Schweiger und Christian Alvart einen Krimi für die große Leinwand. Andreas Dresen dreht jetzt endlich auch mit der Constantin. Der Kinder­buch­klas­siker »Timm Thaler« wird neu verfilmt.

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43 Prozent des Haupt­pro­gramms der ARD werden mit fiktio­nalen Programmen gefüllt. Jetzt nehmen die Prozent­zahlen noch zu – oder war »Günther Jauch« schon immer Fiktion? Jeden­falls trotz des behaup­teten Infor­ma­ti­ons­ge­halts keine doku­men­ta­ri­sche Sendung. Die sind mit weniger als zehn Prozent im Programm vertreten. Wenn Jauch jetzt verschwindet und »Anne Will«, die man im Gegensatz zu Jauch gern sieht, wieder an ihren Ursprungs­platz zurück­geht, wird der frei­ge­wor­dene
Mittwoch für noch mehr Fiktion verwendet. »Mit dieser Program­ment­schei­dung unter­gräbt die ARD ihre eigenen Bemühungen zur Außen­dar­stel­lung ihrer Doku­men­tar­film-Kompetenz.« findet Thomas Frickel, Vorsit­zender und Geschäfts­führer der »Arbeits­ge­mein­schaft Doku­men­tar­film«.
Die ARD habe eine Chance vertan, »die falschen Verspre­chungen wett­zu­ma­chen, mit denen sie bei Einfüh­rung der »Talkshow-Leiste« 2010 die Öffent­lich­keit täuschten: das Mengen­gerüst doku­men­ta­ri­scher
Sendungen, so hieß es damals, bleibe unver­än­dert.«
Die AG Dok nimmt das zum Anlass, die ARD und ihre Zuschauer mit Zahlen zu konfron­tieren. Daraus gehe hervor, so Frickel, »wie sich der öffent­lich-recht­liche Rundfunk schritt­weise von seinem Infor­ma­ti­ons­auf­trag verab­schiedet«.
Auf der Website der AG Dok (www.agdok.de) kann man die Zahlen nachlesen und belieb verwenden. Die Lang­fas­sung steht unter: http://agdok.de/de_DE/das-gebro­chene-wort

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 102: »Til, ich beneide Dich!!!«

Til Schweiger in Honig im Topf – © Warner Bros.

Die Guten ins (Honig-)Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen; aber besser kein Honig im Topf, als Nebel im Hirn: Die einsei­tige Erfolgs­hö­rig­keit des deutschen Films ist sein größter Fehler; und das Neueste von der dffb – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 102. Folge

»Ehrlich gesagt, Til, ich beneide dich darum, dass du weißt, wie es geht. Ich beobachte dich dabei und versuche zu lernen.« Also sprach Ralph Schwingel, erfolg­rei­cher deutscher Produzent, bei der Deutschen Film­aka­demie. Das Zitat ist vermut­lich schon ein paar Jahre her. Wir haben es ausge­graben, weil Schwingel diese Woche plötzlich und uner­wartet aus ganz anderen Gründen im Gespräch ist. Dazu weiter unten mehr.
Es erscheint uns aber inter­es­sant im Zusam­men­hang mit einem zweiten Statement.

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Das stammt von Medien­board-Chefin Kirsten Niehuus, und wurde uns von Studenten aus anderen Städten als Berlin (das muss man hier ja mal dazusagen) als Gedächtnis-Protokoll einer Rede über­mit­telt, die Niehuus am Studen­tentag während der letzten Berlinale gehalten hat, und über die sie als Menschen die den warm­her­zigen Berliner Ton nicht gewöhnt sind, doch etwas scho­ckiert waren. Zitate nicht ganz wort­wört­lich aber sinngemäß: »Wenn ihr Film­för­de­rung wollt, guckt doch mal, wo ihr zuhause seid und versprecht euch nicht zuviel von Berlin Bran­den­burg. … Ich guck ja eher so Formate wie ‘True Detective’ und ‘Big Bang Theory’, und ich will ja nicht so direkt dafür werben, dass alle nur noch Til-Schweiger-Filme schreiben, aber man muss sich schon fragen, warum der fünf Millionen Zuschauer hat, … es wäre schon gut, wenn man an sein Publikum denkt und auch fünf Millionen Zuschauer bekommt – und solche Stoffe möchte ich gerne auf meinem Schreib­tisch finden.
Über Genia­lität freuen sich die Eltern, nach der Ausbil­dung kommt harte Arbeit. …« Weiterlesen

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Allein über den letzten Satz, könnte man lange reden, und eine ganze Psycho­logie des deutschen Kunst­ver­hält­nisses und -vers­tänds­nisses entwi­ckeln. Genia­lität und Leich­tig­keit steht unter Verdacht, wenn es dagegen nach Männer­schweiß riecht, dann imponiert das offenbar. Dabei könnte sich doch auch eine Förder­chefin über geniale Stoffe freuen…

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Aber es geht uns um etwas anderes. Um dieses voll­kommen einsei­tige und – pardon! – verblö­dete Erfolgs­ver­s­tändnis der Film­branche. Was macht denn Til Schweiger richtig? Doch eigent­lich gar nicht so viel, außer dass er viele Zuschauer bekommt. Worüber man sich freuen kann, weil das den Kino­be­trei­bern hilft, worüber man nicht lamen­tieren muss, weil das ein Bestand­teil einer funk­tio­nie­renden Kino­kultur ist. Was man aber auch nicht anbeten muss.

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Schon klar, es heißt dann gern mal Kunst, Kunst, Kunst, Cannes, Cannes, Cannes. Aber am Ende des Tages zählen nur die Zuschauer. Oder große inter­na­tio­nale Auto­ren­fil­mer­namen.
Das aber ist das richtig schmer­zhafte grund­sät­z­liche Problem des deutschen Films: Dass alle so einseitig auf Zuschauer fixiert sind, (bzw. beim Fernsehen auf Quoten). Dass keiner fragt, womit die Quote gemacht wird, dass keiner wissen will, in welche Filme die Zuschauer gehen und warum, das ist die Armselige. Egal für was und womit, Haupt­sache, die Zahlen stimmen.

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Da schert sich dann auch niemand mehr darum, wozu Film­för­de­rung da ist. Folgt man nämlich den Gesetzen, dann geht es primär (!) nicht um Wirt­schaft­lich­keit, sondern um die – Film­för­de­rungs­ge­setz § 1(1) – »kreativ-küst­le­ri­sche Qualität des deutschen Films als Voraus­set­zung für seinen Erfolg im Inland und im Ausland«.

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Ich habe gar nicht so viel gegen Til Schweiger. Aber gegen diese Erfolgs­hö­rig­keit der anderen. Dass sie sich nicht schämen vor Schweiger so zu buckeln. Schweiger selbst dürfte so ein anbie­derndes Verhalten übrigens am meisten verachten. Und die Film­aka­demie will sich, soweit ich gehört habe, auch erst mal noch nicht in Til Schweiger-Akademie umbe­nennen.
Also habt doch bitte etwas mehr Rückgrat!
Natürlich ist Publikums-Erfolg ein Kriterium. Aber doch nicht das einzige! Und zudem muss dann zwischen kurz­fris­tigem Erfolg und lang­fris­tigem, nach­hal­tigem Erfolg diffe­ren­ziert werden, zwischen Filmen, die in fünf Jahren vergessen sind, und jenen die in zwanzig Jahren in Retro­spek­tiven laufen. Es muss auch zwischen inlän­di­schem und auslän­di­schem Erfolg diffe­ren­ziert werden, und zwischen Festi­val­er­folgen und Kassen­er­folgen. Es muss um Relevanz des Erfolges gehen, auch um Nach­hal­tig­keit.

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Aufge­schnappt von einer öffent­lich-recht­li­chen Redak­teurin: »Event­fern­sehen kann man ja nur mit Nico Hofman und mit Berben machen.« Na dann! Wenn man nur denen die Aufträge gibt, werden es die anderen auch nie lernen.

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»Film ist eine Operation, wo wir ganz viel Ungeduld für brauchen und ganz viel Geduld. Kein Mensch, der nicht leiden­schaft­lich ist, kann einen Film machen. Ich glaube trotzdem, man braucht auch das Stoische, man braucht auch das Genau-Hingucken. Und ich denke, es braucht in diesem Diskurs immer jemanden, der die Rolle spielt, sich zu fragen: Funk­tio­niert das auch?«
Auch das sagte Ralph Schwingel. Kann ich unter­schreiben. Aber bedeutet »funk­tio­nieren« nur: bei der Masse? Manche Filme funk­tio­nieren doch auch, wenn sie eine kleinere Gruppe erreichen – weil sie für diese Menschen gemacht sind. Und weil sie relativ wenig kosten.
Das wird nämlich immer übersehen: »Erfolg« ist relativ. Erfolg ist abhängig von Kosten für Produk­tion und Heraus­brin­gung. Zuschauer-Erfolg misst sich nie allein an der nackten Zahl der Kino­zu­schauer. Sondern am Verhältnis zur vom Verleih einge­set­zten Kopi­en­zahl und zur Menge der Vorstel­lungen und zum für Marketing und PR einge­set­zten Budget, sowie zum Produk­ti­ons­etat.

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Und: Hat die Masse denn immer recht? Kann das Publikum per se nicht irren? Kann man ein Publikum nicht bilden? Und hängen dessen Entschei­dungen nicht ab von Sehge­wohn­heiten und dem, was man früher mal Erziehung nannte. Frühere Gene­ra­tionen hätten beim Angucken eines Til-Schweiger-Films ein schlechtes Gewissen gehabt. Und dass sie sich heute nicht ganz andere Dinge mit gutem Gewissen rein­ziehen, ist nicht unbedingt ein Indiz für kultu­rellen Fort­schritt.

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Wie sich vergan­gene Woche schon ange­deutet hat, geht es jetzt tatsäch­lich an der dffb drunter und drüber. Man muss es hier für alle, die nicht so auf dem Laufenden sind, und das viel­leicht auch gar nicht sein möchten, nochmal knapp zusam­men­fassen: Ein neuer Direktor wird gesucht. Dafür gibt es ein Verfahren, das nicht zu dem von Berliner Politik und den im Hinter­grund agie­renden Funk­ti­onären der deutschen Film­branche gewünschten Ergebnis geführt hat. Zwei Kandi­daten, die man gern durch­ge­wunken hatte (um die unge­liebte Kandi­datin Sophie Maintigneux zu verhin­dern) wurden verschlissen, nicht zuletzt zu deren eigenem Schaden. Jetzt versucht man am Verfahren und der dffb vorbei einen dritten Kandi­daten, der sich bislang gar nicht beworben hatte, ins Amt zu hieven.
Das wirklich Bemer­kens­werte, Üble, und Unak­zep­table daran ist die Tatsache, dass die komplette (!) Studen­ten­schaft und die (zumindest offiziell) komplette Dozen­ten­schaft und die Studi­en­lei­tung der dffb alle an einem Strang ziehen, und dieses Verfahren nicht wollen, das ihnen von Außen aufge­zwungen wird – von einem Kura­to­rium, dem nicht ein einziger Regisseur angehört, aber zwei Fern­seh­re­dak­teu­rinnen (gegen die gar nichts zu sagen ist) und ein US-Main­stream­stu­dio­ver­leiher, Sony-Deutsch­land-Chef Martin Bachmann, der meines Wissen in seinem Leben noch keinen deutschen Studen­ten­film verliehen hat.

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Das war die Kurz­fas­sung. Letzte Woche hatten wir auf Björn Böhnings einseitig indus­trie­fi­xierte Rede aufmerksam gemacht. Heute wollen wir daran erinnern, dass der Mann eigent­lich die dffb-Findungs­kom­mis­sion führen sollte. Sein Verhalten in dieser Frage lässt einen mitunter an sinistre Verschwö­rungs­theo­rien glauben, dann wieder daran, dass der Mann schlicht über­for­dert ist.
Gefordert ist hier aller­dings sein Dienst­vor­ge­set­zter, der neue Berliner Regie­rende Bürger­meister Michael Müller. Der könnte Boehning zumindest mal darauf hinweisen, dass die dffb kein Spiel­platz zum Große-Politik-Üben ist.
Klar: Für Müller gibt es bestimmt wich­ti­gere Themen, als dieses hier. Aber ande­rer­seits hat es gerade die SPD nötig, kultur­po­li­tisch wieder einmal sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Flagge zu zeigen, und zu beweisen, dass man einen eigenen Kultur­be­griff besitzt, der mögli­cher­weise etwas mit sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Werten zu tun hat: Mit Frei­heit­lich­keit, Gerech­tig­keit, Demo­kra­ti­sie­rung, Trans­pa­renz. Durch­winken von oben herab ist nicht sozi­al­de­mo­kra­tisch, und Strip­pen­ziehen mit dem Kapital sollte es zumindest nicht sein.
Björn Boehning will natürlich in dert SPD noch Karriere machen, aber viel­leicht sollte man ihm mal zeigen, dass er das nicht tut, wenn er zum Toten­gräber der SPD-Gründung dffb und/oder ihrer Satzung wird.
Wo sind eigent­lich die Genos­sinnen und Genossen vom SPD-Kultur­forum?

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Und: Wo ist übrigens Pro-Quote-Regie bei dieser Debatte? »Frauen werden bei gleicher Quali­fi­ka­tion bevorzugt« heißt es in der dffb-Ausschrei­bung.

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Am Sonntag erreichte uns zunächst einmal eine Pres­se­mit­tei­lung der Studenten. Daran, wie knapp und kühl sie formu­liert war, war der Ernst der Lage erkennbar.
Die Studenten infor­mierten darin über Böhnings neuesten Schachzug: Ralph Schwingel, der zuvor nicht an der regulären Ausschrei­bung teil­ge­nommen hatte, sei der neue Wunsch­kan­didat. All das – intrans­pa­rente Verfahren, Wunsch­kan­di­daten par ordre de Mufti, Gemau­schel hinter den Kulissen, der Versuch mit laufenden Verfah­ren­sän­de­rungen die anderen Betei­ligten auszu­schalten, die Ignoranz gegenüber dem erklärten Willen der eigent­lich Betrof­fenen – ist keine Provin­z­posse mehr, es erinnert an eine Bana­nen­re­pu­blik.
Und es zeigt, dass Kino bei uns nichts zählt. Wäre all das die Besetzung eines Thea­ter­in­ten­danten oder Muse­ums­di­rek­toren, wäre Böhning längst angezählt. Wenn nicht zurück­ge­treten.

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Die Pres­se­er­klä­rung schließt dann so: »Wir, die Studen­ten­schaft der dffb, distan­zieren uns von diesem Versuch, unde­mo­kra­ti­sches Handeln zu legi­ti­mieren. Wir werden das Vorgehen Björn Böhnings unter dem Gesichts­punkt der Wett­be­werbs­verz­er­rung juris­tisch prüfen lassen.« Das kann ja noch lustig werden.

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Die gesamte dffb wollte bislang ein trans­pa­rentes und öffent­li­ches Bewer­bungs- und Beru­fungs­ver­fahren, in dem sich ein offener und öffent­li­cher Diskurs über die Kandi­daten sich hätte entwi­ckeln können. Mit dem Ziel, dass nur Kandi­daten mit einer breiten und sicheren Unter­s­tüt­zung seitens der dffb selbst vom Kura­to­rium hätten berufen werden können.

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Auch die dffb-Dozenten regen sich wieder, obwohl dort Furcht und Oppor­tu­nismus aus Karrie­re­denken heraus natur­gemäß weit verbreitet ist. Aus deren Kreisen wird nun mitge­teilt, dass sich Ralph Schwingel am Freitag, 6.3. jenseits aller Verfah­rens­re­geln auf Böhnings Einladung hin dem dffb-Kura­to­rium vorstellen wird. Am Ende der Sitzung soll noch keine Berufung statt­finden, sondern nur ein grund­sät­z­li­ches Ja oder Nein das Ergebnis sein.
Noch vor Ostern möchte sich Schwingel mit einer Art Antritts­vor­le­sung persön­lich an der dffb vorstellen. Danach soll es dann zu seiner Berufung kommen. Unter­s­tützt und empfohlen wurde Schwingel offenbar von einzelnen dffb-Dozenten – genannt werden von mehreren Personen (neben einer nicht nament­lich genannten »Person außerhalb der dffb«) der Produzent Peter Rommel und der Regisseur Andres Veiel.

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Diese letzte Mittei­lung konnte ich bisher nicht über­prüfen. Sie hat mich über­rascht, weil ich beide bis zum Beweis für demo­kra­tisch gesinnte Charak­tere halte, die nicht an Studenten und Dozenten vorbei Hinter­zim­mer­po­litik betreiben. Ich teile sie hier trotzdem mit, weil die Nachricht bereits teilöf­fent­lich ist, und ich fest davon überzeugt bin, dass gegen Intrans­pa­renz, Klatsch und Gerede (und das gibt es in der Causa viel) nur völlige Öffent­lich­keit hilft.

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Wenn das alles so stimmt, ist es ein Skandal – aber das wissen die Betei­ligten ja selber. Ob Ralph Schwingel aller­dings auch weiß, auf was er sich da einge­lassen hat? Ich will und kann es nicht glauben.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 101: Von der Rolle

Nackt-Protest von DFFB-Studenten auf dem Roten Teppich der Berlinale – © http://dffbjetzt.blogspot.de

Die Sozi­al­de­mo­kratie, die Kunst und ihr Tod: Die dffb, halb­ver­kauft, vor der Entschei­dung über ihr Selbst­ver­s­tändnis und die Berliner SPD im intel­lek­tu­ellen Koma – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 101. Folge

»Art is by so much the most exiting thing in the world.«
Philip Larkin, 15. Juni 1943
»A little mouse of thought appears in the room, and even the mightiest poten­tates are thrown into panic.«
Winston Churchill (»The Defence of Freedom and Peace (The Lights are Going Out)«)
»Warum muss die dffb gerettet werden?«, fragte Oskar Roehler, so wie es schon Erna Kiefer (NRW-Film­stif­tung) und Kathrin Stein­brenner (EFM-Presse) am Eingang gefragt hatten. Und als dann auch noch Stefan Arndt mich fragte: »Warum muss die dffb gerettet werden?«, da spätes­tens wusste ich, dass es die richtige Entschei­dung gewesen war, mir während der Berlinale den Sticker »SAVE dffb!« anzuste­cken.
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Die Studenten der dffb, der Berliner »Deutschen Akademie für Film und Fernsehen« proben seit einigen Wochen den Aufstand. Bisher hätte ich in dieser Formu­lie­rung unbedingt das Wort »Aufstand« betont, gerade möchte ich lieber von Probe sprechen. Denn im Augen­blick sieht es so aus, als ob die Studenten in Gefahr laufen, sich von den Macht­ha­bern der soge­nannten Berliner Film­kultur, die den Prozess aussitzen wollen, über den Tisch ziehen zu lassen, von den Funk­ti­onären und ihren Wasser­trä­gern, aus Naivität, mindes­tens, und vers­tänd­li­cher Furcht, und vieles von dem, was sie in den letzten Wochen aufgebaut und erreicht haben, krachern wieder zunichte werden zu lassen. Weiterlesen

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Wer bisher noch nicht verstanden hat, was die Studenten wollen oder Protest sowieso blöd findet, und meint, die sollen besser mal Filme machen, der hat zwar meiner Ansicht nach ganz prin­zi­piell ein paar Dinge nicht gelernt, aber zumindest das dffb-Kapitel kann er jetzt nachholen: Denn der vom Wowereit-Nach­folger frisch wieder in seinem Posten verlän­gerte Chef der Berliner Staats­kan­zlei, Björn Böhning, nominell Sozi­al­de­mo­krat, tatsäch­lich Lobbyist kultur­po­li­ti­schen Neoli­be­ra­lismus’ hat die Maske hinter seinem netter-Schwie­ger­sohn-Gesicht fallen lassen. In einer Rede auf dem »Deutschen Produ­z­en­tentag«, die an recht versteckter Stelle komplett nach­zu­lesen ist, formu­liert Böhning nichts Gerin­geres als eine Bank­rotter­klä­rung sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Kultur­po­litik.

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»Wandel als Chance« heißt die Rede, die Böhning am 5. Februar 2015 hielt – ein erschre­ckendes, und nicht nur, aber insbe­son­dere für Sozi­al­de­mo­kraten erschüt­terndes Dokument: In seiner Essenz begreift diese Rede Film als ausschließ­liche Wirt­schaftsgut. Die Bemer­kungen zur Kultur sind wenige Halbsätze, reine Lippen­be­kennt­nisse, formu­liert in abwie­gelnder Rhetorik: »Film und Fernsehen sind ein Kulturgut – das wissen wir.«
Direkt danach folgt das Entschei­dende:
»Wir müssen uns aber noch konse­quenter ange­wöhnen, Film und Fernsehen als Indus­trie­zweig zu betrachten.«
Zur »Zukunfts­fähig­keit als Indus­trie­standort« gehöre, behauptet Böhning, »eine ständige Evalu­ie­rung der Förderung nach wirt­schaft­li­chen Kriterien.« Film­för­de­rung müsse »Teil einer indus­trie­po­li­ti­schen Strategie« sein. »Das heißt: Die Förder­po­litik muss sich danach richten, dass die größt­mög­li­chen Wachstums- und Beschäf­ti­gungs­ef­fekte erzielt werden.

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Erschüt­ternd ist nicht dass Böhning »eine Indus­trie­po­litik für den Film« fordert – so etwas gehört seit 30 Jahren zum Stan­dar­dar­senal sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Rhetorik: »Indus­trie­po­litik« ist da ein Synonym für »staat­liche Steuerung der Wirt­schaft« und »Staats­an­teile in Schlüs­sel­in­dus­trien«.
Das Erschüt­ternde ist die Kultur­lo­sig­keit die in dieser Rede deutlich wird, die völlige Anwe­sen­heit irgend­wel­cher kultu­reller Ideen oder Vorstel­lungen, die etwas mit Kunst­för­de­rung oder auch nur Kulturö­ko­nomie zu tun haben.
Dieser Sozi­al­de­mo­krat hat offen­kundig überhaupt keine Vorstel­lung von Kunst und Kultur – noch nicht mal eine falsche. Er sieht in Kultur keinen Zweck, sondern nur ein Mittel für »Wachstum und Entwick­lung, zukunfts­fähige Arbeits­plätze, wirt­schaft­liche Zukunfts­chancen nicht nur für die Haupt­stadt­re­gion, sondern für das ganze Land« zu schaffen.
Das ist ein Armuts­z­eugnis. Es fällt auf den Mann selbst
und seine Partei zurück.

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Alles, was Böhning sagt, ist auch hoch­gradig naiv: Böhning fordert zwar recht forsch »ein neues Denken«. Man man müsse »Konzepte entwi­ckeln, um unsere Erfolgs­ge­schichte fort­zu­schreiben.« Mit neuem Denken hat so etwas aber in der Sache nichts zu tun, vielmehr ist es abge­stan­dene Suppe aus dem sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Vorrats­keller.
Schon vor über 60 Jahren, 1953, schrieb Gunter Groll, seinerzeit Film­kri­tiker der »Süddeut­schen Zeitung«, zu solchen Ideen in wenigen Sätzen,
warum die Alter­na­tive Kultur gegen Wirt­schaft erstens falsch gedacht und zweitens gar nicht das Problem ist: »Natürlich wird immer der künst­le­ri­sche Film die Ausnahme sein. Doch auch der Gebrauchs­film (…) unter­steht dem Gesetz der Gattung auf seine Weise, auch er kann, auf seine Weise, glanzvoll oder jammer­voll sein. Auch er kann originell sein, oder Schablone.«
Die Aufgabe selbst einer wirt­schaft­lich orien­tierten Kultur­po­litik müsste Qualitäts­si­che­rung oder -stei­ge­rung sein.

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Böhnings Ausfüh­rungen zeigen aber, wes Geistes Kind der Mann ist. Ausge­rechnet dieser Mann entscheidet auch – als Vorsitz­ender des Kura­to­riums – maßgeb­lich über die Neube­set­zung des Direk­to­ren­pos­tens der dffb. Sein falsches Vers­tändnis von Film­po­litik wirkt sich fatal auf den Entschei­dungs­prozess aus.
Diese Entschei­dung ist mitt­ler­weile zu einer Hänge­partie geworden. Es ist aus dem, was bisher bereits öffent­lich wurde, oder zu erfahren war, deutlich geworden, dass es im Kura­to­rium ein großes Interesse daran gibt, den Charakter der dffb massiv zu verändern. Eine Kunst­aka­demie mit beson­derer, einma­liger Geschichte soll zerstört und in ein zweites Ludwigs­burg verwan­delt werden. Nun ist Ludwigs­burg eine sehr gute Film­schule, aber eben ein völlig anderes Modell. Wozu muss man das kopieren und eine gewach­sene, überdies sehr erfolg­reiche Insti­tu­tion zerstören? Wer in Ludwigs­burg studieren möchte, kann sich dort bewerben.
Ganz offen­kundig setzten Böhning, aber auch andere an einer indus­trie­nahen Lösung inter­es­sierte Kura­to­ri­ums­mit­glieder, auf Zeit. Und auf die Trägheit des Publikums: Man hofft und setzt darauf, dass die Proteste der Studenten – die seit immerhin über zehn Wochen höchst pene­trante und dadurch erfolg­reiche Mahn­wa­chen vor Böhnings Büro im Roten Rathaus abhalten, abflauen. Und darauf, dass die Öffent­lich­keit es nicht merkt, wenn das Kura­to­rium in diesen Tagen eine Entschei­dung
fällen sollte.

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Was glauben Böhning und seine Verbün­deten eigent­lich? Sie haben es nicht geschafft, ihren Wunsch­kan­di­daten zu instal­lieren, einen eigens ange­fragten, bekannten, gut vernet­zten Herren aus dem Herz der deutschen Filmszene – aus Gründen, die wir hier nicht erörtern wollen, um dem betref­fenden Herrn nicht weiter zu schaden, wurde das nichts. Daraufhin wurde ein zweiter ebenfalls ange­fragter Kandidat zum Wunsch­kan­di­daten. Dessen Name Julian Pölsler wurde bekannt – kurz
darauf baten ihn die komplette dffb-Studen­ten­schaft und die Dozenten der dffb darum, seine Bewerbung zurück­zu­ziehen. Pölsler, ein vermut­lich ehren­werter und durchaus sympa­thi­scher Mann wurde von den Verant­wort­li­chen schlicht und einfach aufs Übelste verheizt, als Kano­nen­futter in einem Feldzug, in dem es erkennbar darum ging, die andere Kandi­datin, die Filme­ma­cherin Sophie Main­ti­gneux, Dozentin an der dffb und Kölner KHM, und Wunsch­kan­di­datin der Dozenten und Studenten der
dffb, nicht zum Zug kommen zu lassen.

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Kultur­po­li­tisch ist der ganze Vorgang, für den Böhning mass­geb­lich verant­wort­lich zeichnet, frag­würdig. Rechtlich als gemein­nüt­zige GmbH orga­ni­siert, ist die dffb ihrem von allen getra­genen Selbst­ver­s­tändnis nach eine Kunst­hoch­schule, deren Profil und Leitung eine kultur­po­li­ti­sche Ange­le­gen­heit ist. Derartige Kultur­po­li­ti­sche Entschei­dungen müssen auch öffent­lich debat­tiert und in trans­pa­rentem Verfahren getroffen werden. Bisher hat Björn Böhning keinerlei Konzept für die Zukunft der dffb erkennen lassen. Das Verhalten des Chefs der Senats­kan­zlei ist, das teilt die Studen­ten­schaft der dffb mit, »auf jeder Ebene unver­ant­wort­lich.«

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Davor, vor solchen Nicht-Verfahren und vor solchen Verant­wor­tungs­trä­gern muss die dffb gerettet werden.

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Einen einzigen bemer­kens­werten und viel­ver­spre­chenden Punkt enthält die erwähnte Böhning-Rede aller­dings auch noch: »Da sich das Geschäft immer mehr hin zu den digitalen Verbrei­tungs­wegen verlagert, ist ein logischer Schluss die Einfüh­rung neuer Abga­be­pflichten für Kabel­netz­be­treiber und Anbieter von Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­dienst­leis­tungen. Das ist eine Frage der Abga­ben­ge­rech­tig­keit.«
Inter­es­sant ist daran, dass endlich ein SPD-Vertreter die Forderung vertritt,
Netz­be­treiber zur Kasse zu bitten. Das ist über­fällig. Böhnings grober Denk­fehler liegt aber darin, dass er diese Abgaben in die Film­för­der­töpfe fließen lassen will. Das ist sach­li­cher Unsinn (denn im Netz wird ja nicht nur mit Filmen, und schon gar nicht nur mit geför­derten Filmen Geld verdient), es ist aber de facto auch eine neuer­liche Aushe­be­lung der Urheber.

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Tja, von Frank­reich kann man vieles lernen. Gerade als ich das wieder mal dachte, flattert die eine Pres­se­mit­tei­lung herein: Nicht nur, dass der frisch­ge­ba­ckene Oscar-Gewinner Ida oder Abder­rah­mane Sissakos Timbuktu in Frank­reich locker zehnmal so viele Kino-Zuschauer haben wie in Deutsch­land. Sondern sogar die Einspiel­ergeb­nisse von Christan Petzolds Phoenix über­steigen in Frank­reich schon nach zehn Tagen die an den deutschen Kino­kassen. Gratu­la­tion! Aber auch traurig.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 100: Jeder macht so, was er macht

Ein Film, der überfällig ist: Elser

Selbst­ver­schul­dete Unmün­dig­keit, deutsches Geld für deutsche Filme, fran­zö­si­sieren wir uns – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 100. Folge

»Der einzige Weg mit einer unfreien Welt umzugehen, besteht darin, absolut frei zu sein.« hat Albert Camus gesagt. Étienne de la Boétie (fran­zö­si­scher Hoher Richter von 1530 – 1563) drückt es noch etwas besser aus, wenn er sagt:
»Der Unter­drü­cker hat weiter nichts als die Macht, die ihr ihm zugesteht, um Euch zu unter­drü­cken.
Woher hat er genügend Augen, Euch auszu­kund­schaften, wenn Ihr sie ihm nicht selbst liefert?
Woher soll er die vielen Arme haben, Euch zu schlagen, wenn er sie sich nicht von Euch ausborgt?
Wo bekommt er die Füße her, Eure Städte nieder­zu­tram­peln, wenn es nicht Eure eigenen sind?
Wie kann er Gewalt über Euch haben, wenn nicht durch Euch selbst?
Wie könnte er es wagen, Euch zu über­fallen, wenn nicht durch Eure eigene Mitwir­kung?“
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Erstens, damit das auch einmal gesagt ist: Dieser Text und diese Kolumne sind nicht isla­mo­phob. Zweitens: Jeder hat das Recht, isla­mo­phobe Texte zu schreiben, soviel er will.
+ + + Weiterlesen

Ja, heute hätten wir eigent­lich die Nummer 100 dieser Kolumne mit einigen zeitlosen Einsichten feiern wollen. Aber das Wesen dieser Kolumne ist ja gerade seine Zeit­ge­bun­den­heit, und spätes­tens die Pariser Attentate hatten allen anderen Absichten den Schwung genommen.
Und dann noch der Hype um PEGIDA. PEGIDA – was heißt das eigent­lich nochmal? Provinz­deppen, Prozess­hansel, Egoisten, Eigen­brötler, Grantler, Islam­hasser, Idioten, Dumpf­ba­cken, Anti­se­miten, Auslän­der­feinde, Angst­hasen. Da wird man schnell zum Anti­deut­schen, ohne das wir das jetzt im Einzelnen ausführen wollen. Kann ja jeder mal den Begriff googlen.

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In unserer Aufrufs- und Erregungs- und Iden­ti­fi­zie­rungs­ge­sell­schaft (und über das Iden­ti­täts­be­kenntnis »Je suis Charlie Hebdo« lohnte sich das Nach­denken) war klar, dass es jetzt wieder etwas geben muss, wo jeder unter­schreiben darf. Auch das Selbst­ver­s­tänd­liche. Weil ich diesen Mani­fes­tismus zwar für Quatsch halte, in der Sache aber natürlich nicht dagegen bin, leite ich also den Aufruf hier pflicht­schul­digst weiter:
»Fanatiker haben in Paris zwölf Menschen, zumeist Jour­na­listen des Sati­re­ma­ga­zins ‘Charlie Hebdo’ ermordet. Wir fühlen mit den Angehö­rigen der Opfer. Diese blutige Tat wendet sich gegen Demo­kratie und Toleranz, sie zielt auf Meinungs- und Pres­se­frei­heit. Muslime auf der ganzen Welt verur­teilen die Morde. Doch gleichz­eitig versuchen die rechten Demagogen von Pegida die Tat zu instru­men­ta­li­sieren, um gegen Menschen isla­mi­schen Glaubens und Flücht­linge zu hetzen. Wer dies tut, befeuert die Spirale aus Hass – und spielt den Tätern in die Hände.
Kommenden Montag will Pegida in Dresden wieder demons­trieren und die Morde benutzen, um Hass und Frem­den­feind­lich­keit zu schüren. Die toten und verlet­zten Jour­na­listen können sich gegen diese Instru­men­ta­li­sie­rung nicht wehren. Daher müssen wir in Soli­da­rität mit den Opfern von Paris gegen die schreck­liche Gewalttat aufstehen. Und uns gleichz­eitig den rechten Demagogen von Pegida entge­gen­stellen. Wir Bürger/innen treten ein für ein fried­li­ches Zusam­men­leben aller Menschen
und Reli­gionen.
Deshalb starten wir heute unseren Bürger-Appell ‘Wir sind Charlie – wir sind nicht Pegida!’.
Hier kann man unterz­eichnen.

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Die inter­es­san­tere Frage aber ist für uns diese: Was hat PEGIDA eigent­lich mit dem deutschen Film zu tun? Oder anders: Ist es eigent­lich noch zeitgemäß, dass die Film­för­de­rung unaus­ge­spro­chen nach dem Blut&Boden-Prinzip funk­tio­niert, Motto: »Deutsches Geld für deutsche Filme«.
Eine neue Film­för­de­rung, die sowieso bald kommen wird, weil die alte gerade implo­diert, ist nur als europäi­sche denkbar. Da wird sich aber mancher hier umgucken.

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Im Zeichen der deutsch-fran­zö­si­schen Freund­schaft – erinnern wir uns: wie Merkel sich an Hollande lehnte. Das Bild wird bleiben, wie der Hand­schlag von Verdun – könnte man bei diesen beiden Ländern einen Anfang machen. Fran­zö­si­sieren wir uns!!

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Patrio­tismus, auch falsch­ver­stan­dener und deutscher Film sind jeden­falls ein dankbares Thema. Auch der Erfolg, den ein Film wie Monsieur Claude bei uns hat, wäre mal vor dem Hinter­grund der Dresdner Nazi-Demos zu betrachten. Da geht die selbst­ver­schul­dete Unmün­dig­keit auf die Straße und ist noch stolz drauf. Aber auch ein Film wie Monsieur Claude, obschon anders gemeint, bedient nur billigste und dümmste Ressen­ti­ments. Wie schon anderes vorher. Fuck you, Voltaire!

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Das sind die schönsten Preise: Die, wo den Film noch niemand gesehen hat. Die kann ja einfach niemand schlecht finden. Darum ist der Baye­ri­sche Filmpreis fast immer der schönste Filmpreis des Jahres. Denn fast immer gibt es mindes­tens einen Film, der viele Preise bekommt, obwohl ihn außer den Machern keiner gesehen hat. Zumindest dann, wenn man ihn überhaupt einen Filmpreis nennen will und nicht eine Spezi­al­ver­an­stal­tung jener typischen baye­ri­scher Machart, für die der Freistaat wirklich ein Allein­stel­lungs­merkmal hat, wenn die Restre­pu­blik sich auch noch so viel Mühe gibt.
Ach ja, die »Jury« gibt’s ja auch noch. Ganz unab­hängig von der Baye­ri­schen Staats­kan­zlei ausge­sucht. Wer ist da drin? Kann man irgendwo nachlesen. Inter­es­siert aber niemand. Weiß auch keiner.

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Schade, dass das einem Film wie Elser gleich schon mal ein Geschmäckle gibt. Elser, also Georg Elser, das ist nämlich, liebe Film­freunde, nicht der Vater von Hannelore Elsner, sondern der Mann, der um ein Haar Hitler umge­bracht hätte, beim Attentat 1938 im Münchner Bürger­bräu­keller. Nur durch im Wortsinn unwahr­schein­li­ches Glück (durch »die Macht der Vorsehung« meinte er) entging Hitler dem Attentat. Wäre er getötet worden… – ob dann alles besser gewesen wäre mit Göring oder Himmler an der Spitze, das ist keines­wegs sicher und daher eher eine akade­mi­sche Frage, so wie die, ob Hitler, hätte ihn die Reichs­wehr 1934 oder 1935 wegge­putscht, wohl als ein großer deutscher Politiker in die Geschichte einge­gangen wäre.
Aber dass über den jetzt endlich ein Film gemacht wird – wenn das der Führer wüsste! – ist über­fällig, denn im Fall von Elser gilt wie bei den Scholls und Stauf­fen­bergs. Nicht der Erfolg ist das Entschei­dende, sondern der Versuch.
Wenn nur auch Kino so funk­tio­nieren könnte!

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Schließ­lich: eine Zufalls­be­geg­nung und ein kurzes Gespräch in der Berliner U-Bahn mit einer bekannten deutschen Film­funk­ti­onärin (jetzt darf jeder raten). Wir reden über die leidige DFFB-Situation, wo man unfähig ist, einen kompe­tenten Nach­folger zu finden, weil aus den Wunschlö­sungen nichts wird, und jetzt die Angst regiert. Im Augen­blick passiert gar nichts – eine unmög­liche Situation! Auch meine Gesprächs­part­nerin freut sich nicht auf die Berlinale, auch sie sehnt den Tag herbei, an dem Dieter Kosslick nicht mehr Festi­val­leiter ist. Wir reden über mögliche Nach­folger und speku­lieren, obwohl Alfred Holighaus bessere Chancen hat, oder Forums-Leiter Christoph Terhechte, der am ehrgei­zigsten ist und am deut­lichsten darauf hinar­beitet.
Da werden wir noch ein paar Jahre speku­lieren müssen.

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Sie verab­schiedet sich auf dem Weg zu einer der vielen Gremien, in denen sie sitzt, mit dem schönen Satz, der natürlich nicht nur für sie gilt: Jeder macht so, was er macht.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 98: Gekrümmte Horizonte, Galaxien und schwarze Löcher

Blick in die Zukunft: Interstellar von Christopher Nolan

Jungs und Frauen: Die fröhliche Wissen­schaft des Sehens im Kinojahr 2014 – Ein etwas anderer Jahres­rück­blick in drei Teilen. Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 99. Folge

»Was wir Sinn nennen, wird verschwinden.«
Max Horkheimer, vor ziemlich genau 45 Jahren, im lesenswerten Spiegel-Interview am 5.1.1970
Fehlenden Mut zum Neuar­tigen und »eine fast depres­sive Grund­stim­mung« führe dazu, »dass Bauherren sich nicht trauen, eine mutige Archi­tektur zu machen, und Archi­tekten keine Aufträge für mutige Archi­tektur bekommen«, so klagte der Archi­tek­tur­wis­sen­schaftler Friedrich von Borries, der an der Hamburger Hoch­schule für bildende Künste lehrt. Durch einen konser­va­tiven Umschwung in den 1980er-Jahren sei das Vertrauen in die Archi­tektur als Zukunfts­motor verlo­ren­ge­gangen.
Die HfbK ist bekanntlich auch eine Filmhochschule, und das, was Borries sagt, könnte man genauso über das Kino sagen: seit den 80ern gibt es viel Spektakel, aber wenig Mut. Man redet dem breiten Volk nach dem Mund, will Beifall statt Irritation. Es gilt für die Kunst wie für die Politik, wie für unsere gesamten Lebensverhältnisse. Und dieser Befund belegt nur einmal mehr: Das Kino ist ein gesellschaftliches Phänomen.
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Eine Woche nach dem letzten »Wetten das…?« starb Udo Jürgens. Sagt uns das irgend­etwas? Der Tod der 70er Jahre viel­leicht?
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Jetzt ist sie schon fast wieder vorbei, die Zeit der Jahres­rück­blicke. Auch von mir kommt noch einer, klar. Weiter unten dann, ganz konven­tio­nell. Zuerst aber ein etwas anderer Blick zurück, einer, der aller­dings nicht weniger erzählt, als die dankens­werten und geschät­zten Listen mit den besten, inter­es­san­testen und schlimmsten Film­er­leb­nissen und den »Magischen Momenten«.
I.Teil: 604 Filme sind immer noch zu wenig
»Human kind cannot bear very much reality.«
T. S. Eliot: »Four Quartets: I. Burnt Norton«
604 Filme kamen 2014 in die deutschen Kinos. Krasse Zahl, kaum zu glauben. Die aller­meisten von ihnen hat niemand gesehen. Und vieles, was wir gesehen haben, ist schon wieder vergessen. Manchmal zu Unrecht, oft zu Recht, in beiden Fällen.
Wer erinnert sich zum Beispiel noch an The Zero Theorem, an The Green Prince, die erst vor einem Monat starteten ? Oder Weiterlesen

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Gut 50 neue Filmtitel sind es also pro Monat. Im Juni waren es WM-bedingt nur 36, im Februar – wohl wegen der Berlinale?! – gar nur 30, im August 32. Auch im Dezember wenig. Dafür brachten die Verleiher im Oktober 80 Filme heraus!!! Im November immer noch 64!
Beim Blick in die nackte Statistik kann man auch andere Zahlen nicht fassen: Jeweils 18 Filme starteten am 18. November und wieder nur zwei Wochen später am 2.Oktober. Darunter unter anderem: Schoß­ge­bete; Sin City 2: A Dame to Kill for; A World Not Ours; Der Anstän­dige; Wenn ich bleibe; Concerning Violence; Schö­ne­feld Boulevard; Gemma Bovery; Heli; Nowitzki. Der perfekte Wurf; War of the Worlds – Goliath; Istanbul United; Gone Girl – Das perfekte Opfer; Anderson; Hüter der Erin­ne­rung – The Giver; Land der Wunder; Pierrot Lunaire.
Alle diese Filme haben Publikum verdient, aber sie bekommen nicht das Publikum, dass sie verdienen.

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An einem ein und demselben Tag im letzten Januar starteten The Wolf of Wall Street von Martin Scorsese, 12 Years a Slave von Steve McQueen, Nebraska von
Alexander Payne, A Touch of Sin von Jia Zhang-Ke und Das radikal Böse von Stefan Ruzo­witzky, alles inter­es­sante, sehens­werte Filme, und egal wie man sie im einzelnen beur­teilen möchte, sicher nichts zum Vergessen. Daneben noch sieben andere, deren Titel wir uns wirklich nicht merken müssen.
Am 6. November starten Inter­stellar von Christopher Nolan, Mr. Turner – Meister des Lichts von Mike Leigh, Citiz­en­four von Laura Poitras, und die deutschen Filme Im Labyrinth des Schwei­gens von Giulio Ricciarelli, White Shadow von Noaz Deshe und Dragan Wende – West Berlin von Lena Müller, Dragan von Petrovic.
Warum müssen diese fünf Filme an einem einzigen Tag starten?
Gewiss gibt es bestimmt für jeden Einzelfall tolle marketingstrategisch ausgeklügelte Begründungen. Trotzdem kann mir keiner erzählen, dass man da nicht viele Filme besser rausbringen könnte: Das Ergebnis ist eindeutig und erschreckend: Immer mehr Filme haben immer weniger Zuschauer. Von vielen Filmen bekommen die Zuschauer gar nicht mit, dass sie starten.
Deutschland hat ein Verleiherproblem!

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Zugleich ist ein nicht weniger klarer Befund: Es gibt sehr viele Filme, immer mehr gute, die ihren Weg erst gar nicht ins deutsche Kino finden. Filme, die woanders Erfolg haben, und in Deutsch­land keinen Verleih bekommen. Nehmen wir nur Jonathan Glazers Under the Skin. Gefeiert im Wett­be­werb von Venedig 2013. Von vielen ameri­ka­ni­schen Film­kri­ti­kern unter ihre persön­liche Top Ten gewählt, gar nicht selten an erster Stelle. Ein Film mit Scarlett Johannson in der Haupt­rolle – und das auch noch nackt!
Aber Senator – zur Erinnerung für die die es vergessen haben: Das ist jener famose Verleih, der sogar in dem Jahr, in dem sie den Hit Ziemlich beste Freunde ins Kino brachten, noch einen Verlust machten! –, Senator dieses Aushängeschild der tollen deutschen, nur leider de facto völlig inexistenten Filmindustrie, setzte den angekündigten Filmstart ab und verkloppte den Film auf DVD. Aus Angst, ihre schon vergessene Kino-Bückware durch Kunst zu beschädigen. Dann kam der Film in einige tapfere unabhängige Kinos, die ihn kurzerhand auf DVD oder Blu-ray zeigten – vor oft ausverkauften Häusern
Es gibt viele andere Filme, die ein noch schlimmeres Schicksal teilen, weil sie oft noch nicht mal auf DVD in Deutschland zu sehen sind. Was ist etwa mit Naomi Kawase Still the Water, der in Cannes weit mehr bezauberte, als der vergleichsweise brave Palmen-Sieger Winter­schlaf? Was ist mit Jean-Luc Godards Adieu au Language, Godards wagemutiger 3D-Dekonstruktion? Was ist mit Lissando Alonsos Jauja, in dem immerhin Viggo Mortensen die Hauptrolle spielt? Auch Stars und große Namen helfen den Verleihern offenbar nicht mehr, über ihren Schatten zu springen, und den Hintern hoch zu kriegen. Nur für den Verleihförderungsantrag reicht es immer.
Was ist mit dem feministischen Psychothriller Algunas Chicas, in dem der argentinische Regisseur Santiago Palavicino Cesare Paveses Roman »Le Amiche« adaptiert, der bereits vor 60 Jahren Antonioni zu einem wundervollen Film inspiriert hat? Was ist mit Fabrice Du Welz Alleluia? Mit dem iranischen Fantasy-Noir-Serienkiller-Poem A Girl Walks Home Alone at Night von Ana Lily Amirpour? Mit Our Sunhi von Hong Sang-soo? Und mit Sono Sions Why Don’t You Play In Hell?
Deutschland hat ein Verleiherproblem. Und die die gute Verleiher fördern sollten, machen ihre Arbeit nicht.

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II.Teil: Die fröhliche Wissen­schaft

»Go, go, go, said the bird: human kind
Cannot bear very much reality.
Time past and time future
What might have been and what has been
Point to one end, which is always present.«
T. S. Eliot: »Four Quartets: I. Burnt Norton«

Eine jahre­lange Reise in die unend­li­chen Weiten unseres Sonnen­sys­tems irgend­wohin weit hinter den Ringen des Saturn. Eine Reise durch soge­nannte »Wormw­holes« und »schwarze Löcher«, über gekrümmte Horizonte und fünf Dimen­sionen, in andere Galaxien – voller Mut zum Utopi­schen, zum wilden Denken, ein laby­rin­thi­scher Film pro Wissen­schaft, pro Aufklä­rung, durch­zogen von frei­heit­li­chem Denken.
Christopher Nolans bahnbrechender Science-Fiction-Film Inter­stellar ist für mich persönlich der Film des Jahres: Durch seine großartige Bild-Ästhetik, seine nostalgische Lust am alten analogen Filmmaterial das zu erkennen, keinen Expertenblick erfordert. Weil ich so einen Film von Nolan nie und nimmer erwartet hätte, weil mich dieser Film von meinem prinzipiellen Nolan-Skeptizismus für erste jedenfalls kuriert hat. Weil er genau die richtige Dosis Kitsch in der richtigen Form präsentiert. Vielleicht ist es auch gar kein Kitsch, sondern nur eine bestimmte Form unschuldiger Emotion, die ich gern im Kino als allererster unter Verdacht stelle, die ich aber gleichzeitig gern sehe. Solche Paradoxien sind das täglich Brot eines Kinogängers.

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Ein bisschen war das ganze Jahr 2014 für einen leiden­schaft­li­chen Kino­be­su­cher wie ein Abenteuer aus den unend­li­chen Weiten des Weltalls. Die sage und schreibe 604 Filme sind ein unüber­schau­barer Regen unbe­kannter Flug­körper, die meist stern­schnup­pengleich nach kurzem Aufleuchten im Dunkel des Kinos verglühten. Wer soll das alles sehen? Wie soll man die wenigen Fixsterne erkennen, die bedeu­tenden Kometen aus der Masse heraus­fil­tern?

Zu den Erleb­nissen, an die man sich gewiss noch lange erinnern wird, gehört Boyhood: Richard Linkla­ters toll­kühnes Unter­fangen, 12 Jahre lang mit den gleichen Darstel­lern die Lebens­ge­schichte eines Jungen zu drehen, und die Szenen zu einem einzigen rasanten Fluß der Kindheit zusam­men­zufügen, lockte in Deutsch­land über 300.000 Zuschauer ins Kino – mit einem Bruchteil an Kopi­en­zahl und Werbeetat eine viel größere Unter­neh­mens­leis­tung als allen Hobbit- und Super­hel­den­filmen zusammen gelang. Boyhood, Boyhood, Boyhood – nein, so ist es nicht. Der Film muss nicht einmal auf meiner persön­li­chen Ten-Best-Liste auftau­chen. Ein schöner Film, den man auch zwei, dreimal sehenn kann, das ist es dann.
Ein zumindest ökonomischer Erfolg gelang dem Berliner Verleih »Neue Visionen« mit der französischen Klamotte Monsieur Claude und seine Töchter. Ein französischer Film, der Millionen in die Kassen spülte – das sollte der klagefreudigen Szene Mut machen, statt auf jeden durchschnittlichen Hollywoodfilm lieber auf europäisches Kino zu setzen. Zumal es mit den Superhelden weiter bergab geht: Prequelitis und Sequelitis klingen schon wie Krankheiten, immer höhere Kosten, immer geringere Einnahmen – der erste Misserfolg dürfte auf die Studios wirken wie ein Meteoriteneinschlag in Los Angeles.

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Das ist es dann aber auch, was man über Monsieur Claude und seine Töchter Positives sagen kann – das Negative wäre hier am falschen Platz. Tolle Erfolge feierten in Europa vor allem zwei Kinoländer: Aus Schweden kam am ersten des soeben begonnen Jahres der Gewinner des Goldenen Löwen Roy Anders­sons Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach und ein paar Wochen vorher Ruben Östlunds Höhere Gewalt – zwei Tragi­komö­dien über den Alltag in west­eu­ropäi­schen Wohl­fahrts­staaten. Und die Goldene Palme ging an die Türkei – ausge­rechnet im hundertsten Jahr des Türki­schen Kinos gewann Nuri Bilge Ceylans Winter­schlaf in Cannes, ein hoch­po­li­ti­sches Kammer­spiel, und ein künst­le­ri­scher Wider­stand gegen Erdogans Abbau demo­kra­ti­scher Frei­heiten.
Eine Galaxie für sich ist das französische Kino – ob der oben erwähnte erste 3D-Film des unverwüstlichen, unermüdlichen Jean-Luc Godard der sich in Adieu au Langage mal eben von der Sprache verabschiedete und aus einer fünften Dimension des Filmemachens allen dreidimensional beschränkten Kinodeppen eine lange Nase drehte.Oder der nicht minder kluge, witzige, originell verschachtelte Die Wolken von Sils Maria von Olivier Assayas – die Franzosen setzen die Masstäbe des Weltkinos à la Hollywood. Und in diesen beiden Filmen steht der Philosoph Friedrich Nietzsche Pate: Kino als eine fröhliche Wissenschaft des Sehens!

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Das deutsche Kino war hingegen bis auf Dominik Grafs Die geliebten Schwes­tern oft ein Schwarzes Loch: Statt Zukunft mehr Vergan­gen­heit denn je: Ob in Phoenix oder dem Im Labyrinth des Schwei­gens – zwei Filme, die mehr schlechte Fragen aufwerfen, als gute Antworten geben. Die neue Kultur­staats­mi­nis­terin Grütters kürzt die Gelder ausge­rechnet in dem Bereich, in dem sie gestalten könnte; nach Dieter Kosslick wird die Berlinale 2019 dann vermut­lich von seinem Klon geleitet, und in Berlin wickelt gerade die SPD aus Torheit die Film­schule DFFB ab.
Dabei stammen die besten originellsten deutschen Filme von Filmhochschulen und heißen: Das merk­wür­dige Kätzchen, Fräulein Else und Patong Girl. Sie stammen allerdings von einem Schweizer, einer Österreicherin und einer Finnin.
Aber ein zweiter Oh Boy ist nicht in Sicht, schon gar kein deutsches Boyhood. So bleibt dem Kinoliebhaber nur Inter­stellar. Dort lernt man auch, wie man per Wurmloch durch die Zeit reisen kann. In wenigen Tagen könnte man so 120 Jahre überbrücken. Und landet in der Zukunft.

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III.Teil: Listen, Listen, Listen

»Time present and time past
Are both perhaps present in time future,
And time future contained in time past.
If all time is eternally present
All time is unredeemable.
What might have been is an abstraction
Remaining a perpetual possibility
Only in a world of speculation.
What might have been and what has been
Point to one end, which is always present.
Footfalls echo in the memory
Down the passage which we did not take
Towards the door we never opened
Into the rose-garden. My words echo
Thus, in your mind.«
T. S. Eliot: »Four Quartets: I. Burnt Norton«

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1. Die 20 besten Filme 2014

1. Inter­stellar – USA, GB 2014. Regie: Chris­to­pher Nolan
2. Die Wolken von Sils Maria – F, CH, D 2014. Regie: Olivier Assayas
3. Die geliebten Schwes­tern – D 2013. Regie: Dominik Graf
4. The Drop – Bargeld – USA 2014. Regie: Michael R. Roskam
5. Verführt und verlassen – USA 2013. Regie: James Toback
6. Höhere Gewalt – S, DK, F, NO 2014. Regie: Ruben Östlund
7. Heli – MEX 2013. Regie: Amat Escalante
8. Das merk­wür­dige Kätzchen – D 2012. Regie: Ramon Zürcher
9. Like Father, Like Son – JP 2013. Regie: Hirokazu Koreeda
10. Fräulein Else – Ö, D, IND 2013. Regie: Anna Martinetz
11. Gone Girl – Das perfekte Opfer – Das perfekte Opfer – USA 2014. Regie: David Fincher
12 Grand Budapest Hotel – USA 2014. Regie: Wes Anderson
13. Belt­racchi – Die Kunst der Fälschung – D 2013. Regie: Arne Birkenstock
14. Feuerwerk am hell­lichten Tage – CN, HOK 2014. Regie: Diao Yinan
15. A Touch of Sin – JP, CN 2013. Regie: Jia Zhang-Ke
16. Die Frau des Poli­zisten – D 2013. Regie: Philip Gröning
17. Winter­schlaf – TR, F, D 2014. Regie: Nuri Bilge Ceylan
18. Sauacker – D 2014. Regie: Tobias Müller,
19. Patong Girl – TH, D 2014. Regie: Susanna Salonen
20. Dragan Wende – West Berlin – West Berlin – D 2013. Regie: Lena Müller, Dragan von Petrovic

2. Fünfzehn wunder­schöne guilty pleasures

The Equalizer – USA 2014. Regie: Antoine Fuqua
The Riot Club – GB 2014. Regie: Lone Scherfig
20.000 Days on Earth – GB 2014. Regie: Iain Forsyth, Jane Pollard
Arteholic – D 2014. Regie: Hermann Vaske
Deutsch­boden – D 2013. Regie: André Schäfer
Snow­piercer – ROK, USA, F 2013. Regie: Bong Joon-ho
Zulu – F 2013. Regie: Jérôme Salle
Das radikal Böse – D, Ö 2013. Regie: Stefan Ruzowitzky
Über-Ich und Du – D, CH, Ö 2014. Regie: Benjamin Heisenberg
Die Schöne und das Biest – F, D 2014. Regie: Christophe Gans
The Wolf of Wall Street – USA 2013. Regie: Martin Scorsese
Blut­glet­scher – Ö 2013. Regie: Marvin Kren
DeAD – D 2012. Regie: Sven Halfar
Der Samurai – D 2014. Regie: Till Kleinert
Wolfs­kinder – D 2013. Regie: Rick Ostermann

3. Unter­schätzt & inter­es­sant, aber nicht perfekt

Banklady – D 2013. Regie: Christian Alvart
Diplo­matie – F, D 2014. Regie: Volker Schlöndorff
Der Schmet­ter­lings­jäger – D, CH 2012. Regie: Harald Bergmann
Lifelong – Hayatboyu – TR, D, NL 2013. Regie: Asl? Özge
Freiland – D 2013. Regie: Moritz Laube
Kofelg­schroa – Frei. Sein. Wollen. – D 2014. Regie: Barbara Weber
Dieses schöne Scheiß­leben – D 2014. Regie: Doris Dörrie
Good Luck Finding Yourself – D, CN, PK, IND 2014. Regie: Severin Winzenburg
Zeit der Kanni­balen – D 2014. Regie: Johannes Naber
Staudamm – D 2013. Regie: Thomas Sieben
Oktober November – Ö 2013. Regie: Götz Spielmann
Boyhood – USA 2014. Regie: Richard Linklater
The Unknown Known – USA 2013. Regie: Errol Morris
Der blinde Fleck – D 2013. Regie: Daniel Harrich
Le passé – Das Vergan­gene – F 2013. Regie: Asghar Farhadi
Bethlehem – ISR, D, B 2013. Regie: Yuval Adler
Youth – ISR, D 2012. Regie: Tom Shoval
Stiller Sommer – D 2013. Regie: Nana Neul
Die uner­schüt­ter­liche Liebe der Suzanne – F 2013. Regie: Katell Quillévéré
Tao Jie – Ein einfaches Leben – HOK 2011. Regie: Ann Hui
Offene Türen, offene Fenster – AR, CH, NL 2011. Regie: Milagros Mumenthaler
Anderson – D 2014. Regie: Annekatrin Hendel
Finding Vivian Maier – USA 2013. Regie: John Maloof, Charlie Siskel
Das große Museum – Ö 2014. Regie: Johannes Holzhausen
Ruhet in Frieden – A Walk Among the Tombs­tones – USA 2014. Regie: Scott Frank
Exodus: Götter und Könige – GB, USA 2014. Regie: Ridley Scott
The Cut – D 2014. Regie: Fatih Akin
Die Erfindung der Liebe – D 2013. Regie: Lola Randl
Meine Schwes­tern – D 2013. Regie: Lars Kraume
Und morgen Mittag bin ich tot – D 2013. Regie: Frederik Steiner
Kreuzweg – D 2014. Regie: Dietrich Brüggemann
Amma & Appa – D 2014. Regie: Franziska Schönenberger, Jayakrishnan Subramanian
Jack – D 2014. Regie: Edward Berger
Einmal Hans mit scharfer Soße – D 2013. Regie: Buket Alakus
Der Brand – D 2011. Regie: Brigitte Bertele
5 Zimmer Küche Sarg – USA 2014. Regie: Jemaine Clement, Taika Waititi

4. So lala

Nympho­ma­niac 1 – F, B, DK, D 2013. Regie: Lars von Trier
Nympho­ma­niac 2 – DK, B, F, D, GB 2014. Regie: Lars von Trier
Her – USA 2013. Regie: Spike Jonze
The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro – USA 2014. Regie: Marc Webb
Lauf Junge lauf – F, D, PL 2014. Regie: Pepe Danquart
Yves Saint Laurent – F 2014. Regie: Jalil Lespert
Vergiss mein Ich – D 2014. Regie: Jan Schomburg
Wie der Wind sich hebt – JP 2013. Regie: Hayao Miyazaki
A Most Wanted Man – USA, GB, D 2013. Regie: Anton Corbijn
Maps to the Stars – CA, USA, F, D 2014. Regie: David Cronenberg
Phoenix – D 2014. Regie: Christian Petzold

5. völlig über­schätzte Filme

Monsieur Claude und seine Töchter – F 2014. Regie: Philippe de Chauveron
Das finstere Tal – Ö, D 2013. Regie: Andreas Prochaska
Love Steaks – D 2013. Regie: Jakob Lass
Ai Weiwei: The Fake Case – DK, CN, GB 2013. Regie: Andreas Johnsen
12 Years a Slave – USA 2013. Regie: Steve McQueen
Nebraska – USA 2013. Regie: Alexander Payne
Night Moves – USA 2013. Regie: Kelly Reichardt
Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste – D 2013. Regie: Isabell Suba
Jimmy’s Hall – GB 2014. Regie: Ken Loach
Zwei Tage, eine Nacht – B, F, IT 2014. Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
White Shadow – TZ 2013. Regie: Noaz Deshe
Mr. Turner – Meister des Lichts – GB 2014. Regie: Mike Leigh
Im Labyrinth des Schwei­gens – D 2014. Regie: Giulio Ricciarelli
Night­crawler – Jede Nacht hat ihren Preis – USA 2014. Regie: Dan Gilroy
Am Sonntag bist du tot – IRL, GB 2014. Regie: John Michael McDonagh
Hin und weg – D 2014. Regie: Christian Zübert

6. Nervig bis schrottig

Noah – USA 2014. Regie: Darren Aronofsky
Mandela – Der lange Weg zur Freiheit – USA 2013. Regie: Justin Chadwick
Kathe­dralen der Kultur – D 2014. Regie: Karim Aïnouz, Michael Glawogger …
Schoß­ge­bete – D 2013. Regie: Sönke Wortmann
Die Einsam­keit des Killers vor dem Schuss – D 2014. Regie: Florian Mischa Böder
The Homesman – USA 2014. Regie: Tommy Lee Jones
Serena – USA 2013. Regie: Susanne Bier
Im Keller – Ö 2014. Regie: Ulrich Seidl
Der Hobbit: Die Schlacht der fünf Heere – NZ, USA 2014. Regie: Peter Jackson
Zwischen Welten – D 2014. Regie: Feo Aladag
Grace of Monaco – F, B, USA, IT 2013. Regie: Olivier Dahan

7. Leider nicht gesehen

Godzilla – USA, JP 2014. Regie: Gareth Edwards
Ida – PL, DK 2013. Regie: Pawel Pawlikowski
American Hustle – USA 2013. Regie: David O. Russell
300: Rise of an Empire – USA 2013. Regie: Noam Murro
Watch­tower – TR, D 2012. Regie: Pelin Esmer
Gabrielle – (k)eine ganz normale Liebe – CA 2013. Regie: Louise Archambault
Trans­cen­dence – USA 2014. Regie: Wally Pfister
Zärt­lich­keit – F, B 2013. Regie: Marion Hänsel
Homefront – USA 2013. Regie: Gary Fleder
Die Karte meiner Träume – F, USA 2013. Regie: Jean-Pierre Jeunet
Hüter der Erin­ne­rung – The Giver – USA 2014. Regie: Phillip Noyce
Planet der Affen – Revo­lu­tion – USA 2014. Regie: Matt Reeves
Titos Brille – D 2014. Regie: Regina Schilling
Timbuktu – F 2014. Regie: Abderrahmane Sissako
Mary – Königin von Schott­land – CH, F 2013. Regie: Thomas Imbach
The Unfor­given – JP 2013. Regie: Lee Sang-il
Norte, The End of History – PH 2013. Regie: Lav Diaz

8. Hab ich mir vorsichts­halber erspart

Beste Chance – D 2014. Regie: Marcus H. Rosen­müller
Jersey Boys – USA 2014. Regie: Clint Eastwood
Stromberg – Der Film – D 2014. Regie: Arne Feldhusen
Der Hundert­jäh­rige, der aus dem Fenster stieg und verschwand – S 2013. Regie: Felix Herngren
Molière auf dem Fahrrad – F 2013. Regie: Philippe Le Guay
Wer ist Thomas Müller? – D 2013. Regie: Christian Heynen
Irre sind männlich – D 2014. Regie: Anno Saul
Bezie­hungs­weise New York – F 2013. Regie: Cédric Klapisch
Honig im Kopf – D 2014. Regie: Til Schweiger

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 96: Die gestörte Kultur des Ämterwechsels oder: Kosslick forever?

»Man muss natürlich immer gegen die Tyrannei kämpfen.« (Fritz Lang)

Man muss natürlich immer gegen die Tyrannei kämpfen und wie Bernd Neumann Monika Grütters’ einmal eine Chance gab, und sie diese ohne Not verspielte – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 95. Folge

Jean-Luc Godard: Sie heißen Fritz Lang und ich Jean-Luc Godard. Sie haben viel mehr Filme gedreht als ich… Wissen Sie, wieviele?
Fritz Lang: Nein.
Godard: Aber ich. Sie haben 42 Filme gedreht.
Lang: Mein Gott!
Dialog am Beginn eines langen Gesprächs, das Godard im November 1964 mit Fritz Lang führte, für die Fern­seh­serie »Cineastes de notre temps ». Godard war damals 34 Jahre alt, Lang 74 Jahre.

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Kurze Zeit später in diesem wunder­baren Gespräch zwischen Godard und Lang, das uns an eine Kino­kultur erinnert, die leider inzwi­schen fast verschwunden ist, weil weder Publikum, noch Kultur­po­litik an ihr auch nur halb im Ernst inter­es­siert wären, kurze Zeit später in diesem Gespräch sagt Fritz Lang den Satz »Wenn man älter wird, hat man Angst, den Kontakt zur Jugend zur verlieren, das ist in allen Berufs­sparten so. Ich jeden­falls hatte Angst davor.«
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Die Verlän­ge­rung von Dieter Kosslicks Vertrag als Berlinale-Chef, die vor einer Woche, da war ich gerade auf dem Weg zur IDFA in Amsterdam, vom BKM, dem Bundes­staats­mi­nis­te­rium für Kultur bekannt gegeben wurde, ist eine sehr schlechte Nachricht.
Es ist eine schlechte Nachricht für die Berlinale selbst, eine schlechte Nachricht für das deutsche Kino. Und eine schlechte Nachricht für die deutsche Kultur­szene.
Warum? Zur Berlinale und den Folgen des derz­ei­tigen Berlinale-Kurses für das deutsche Kino, und das Kino-Vers­tändnis des breiten Publikums haben wir bei anderer Gele­gen­heit schon oft geschrieben, und neue Gele­gen­heiten werden bis mindes­tens 2019 noch viel zu viele kommen. Konz­en­trieren wir uns also auf den letzten Punkt. Weiterlesen

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Was passiert eigent­lich, wenn der liebe Gott Kosslick 101 Jahre alt werden lässt, so alt wie Leni Riefen­stahl? Was wir ihm persön­lich wirklich von Herzen wünschen. Aber ist er dann, im Jahr 2049 immer noch Berlinale Chef? Das wünschen wir der Berlinale nämlich, und Dieter Kosslick nicht. Aber wie funk­tio­niert das überhaupt, ein Ämter­wechsel? Wenn Kosslick nicht von selber aufhören will?

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Dieter Kosslick ist seit dem Jahr 2002 Chef der Berlinale. Schon jetzt wird er mit der bevor­ste­henden Berlinale 2015 14 Festivals geleitet haben. Mit der Verlän­ge­rung bis 2019 werden es 18 Festivals gewesen sein. Dieter Kosslick hat bereits jetzt das Renten­alter über­schritten. 2019 wird er 71 Jahre alt sein. Gibt es in Deutsch­land denn nur einen, der die Berlinale leiten kann?
Oder will umgekehrt keiner diesen Job haben? Weil Kosslick die Berlinale margi­na­li­siert hat, weil er Quantität vor Qualität stellt, und dieses Festival Ausländer immer weniger inter­es­siert, und viele deutsche Profes­sio­nelle auch nicht?

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Kosslicks Beispiel belegt jeden­falls: Der Vertrag des Berlinale-Chefs ist wie der anderer vergleich­barer Kultur­posten, längst zum Auto­ma­tismus geronnen.
Mit der quasi auto­ma­ti­sierten,, in der Öffent­lich­keit weder debat­tierten, noch in den sozialen Insti­tu­tionen öffent­lich geprüften Vertrags­ver­län­ge­rung legt die neue Kultur­staats­mi­nis­terin Monika Grütters einen mindes­tens nach­läs­sigen Umgang mit ihrer poli­ti­schen Verant­wor­tung an den Tag. Sie nimmt die Verant­wor­tung tatsäch­lich gar nicht wahr. Sie prak­ti­ziert Politik nach Guts­her­renart, von oben herab, und straft alle ihre eigenen Sonn­tags­reden Lügen, nach denen sie in ihrem Handeln an Plura­lismus und Offenheit, an Vielfalt und kreativen Kontro­versen inter­es­siert sei.

Völlig unge­achtet von der Dauer einer Amtszeit und der Befähi­gung eines Kandi­daten sollten derartige Stellen – ein über­wie­gend öffent­lich finan­ziertes Kultur­er­eignis ersten Ranges – vor einer Verlän­ge­rung öffent­lich ausge­schrieben werden. Viel­leicht gäbe es noch andere Bewerber? Mit noch besseren Quali­fi­ka­tionen, besseren Ideen, besserer Eignung.

Viel­leicht würde eine Bewerbung mehrerer Kandi­daten den handelnden Kultur­po­li­ti­kern und der kriti­schen Öffent­lich­keit neue und diverse Perspek­tiven aufzeigen, Perspek­tiven, an die sie nicht mal im Traum gedacht gaben. Einer solchen Chance verschließt sich Grütters ohne Not, und sie verschließt eine solche Debatte auch der Öffent­lich­keit.

Aber um die Öffent­lich­keit – um »alle, die Bürger wie die Kultur wie die Berlinale-Besucher – geht es, nicht immer nur um die Person des Leiters.

Eine solche Debatte könnte ja zum Ergebnis haben, dass Kosslicks Vertrag verlän­gert wird. Sie würde dann aber auch Kosslick nützen. Er müsste sich erklären, er könnte sich nicht auf Routine und »Business as usual« zurück­ziehen, müsste sich anstrengen. Davon würde die Berlinale in jedem Fall profi­tieren, und um die muss es doch gehen, oder Frau Grütters?

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Die Berlinale ist weder Kosslicks Erbhof, noch der Privat­be­sitz von Frau Grütters, in dem sie ihren Verwalter nach Gutdünken bestellen darf, noch ein Konzern, der seine Vorstände hinter geschlossen Türen bestimmt, und keine demo­kra­ti­sche Rechen­schaft schuldig ist. Aber selbst die Aktionäre eines börsen­no­tierten Unter­neh­mens haben in Deutsch­land mehr Macht als alle, die etwas mit Kultur zu tun haben, als im Fall der Berlinale die Film­brache, die Verbände, die Beob­achter und das Publikum.

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Dies ist ein prin­zi­pi­elles Argument: Wie bestimmen wir die Posi­tionen, insbe­son­dere Leitungs­posten in derar­tigen Insti­tu­tionen? Wie wollen wir in Zukunft Vielfalt, Abwechs­lung und Inno­va­tion sichern?
Müssen die jewei­ligen Amts­in­haber erst frei­willig zurück­treten, oder arbeits­un­fähig werden, oder sterben, damit es einen Wechsel der Spitz­en­po­si­tionen überhaupt geben kann?
Was für eine gestörte Kultur, die den regel­mäßigen Wechsel nicht als etwas Selbst­ver­s­tänd­li­ches akzep­tieren kann? Und im konkreten Fall: was für eine Anstands­lo­sig­keit, für eine perverse Selbst­wahr­neh­mung Dieter Kosslicks, dass er selbst nicht merkt, dass es genug ist, oder schlimmer noch: dass es ihm egal ist.

Derart lange Amts­z­eiten tun niemandem gut. Nicht der Insti­tu­tion, nicht dem Amt, nicht der Person. Kosslick wird länger amtiert haben als der Berliner regie­rende Bürger­meister Klaus Wowereit und länger als Helmut Kohl als Bundes­kan­zler. Nun kann man die Belastung dieser Ämter bei allem Respekt vor Kosslicks Arbeits­ver­mögen zwar nicht mitein­ander verglei­chen. Aber es steht einer demo­kra­ti­schen Insti­tu­tion nicht gut an, wenn Amt und Person mitein­ander verschmelzen. Gerade im Bereich der Kultur sind Wechsel und Abwechs­lung eine Tugend, frischer Wind und Inno­va­ti­ons­kraft. Wie soll einer, der 14 Jahre den gleichen Beruf macht, sich und vor allem das Festival, um das es schließ­lich geht, immer neu erfinden können? Wie soll er Altes infrage stellen und für nicht, überholt, oder unzeit­gemäß erklären können, das er doch selbst geschaffen und mit warmen Worten als etwas Neues ins Leben gerufen hat.

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Unter Kosslick hat die Berlinale an inter­na­tio­naler Bedeutung verloren. Die Bericht­er­stat­tung ist auch inter­na­tional seit Jahren einhellig negativ. Die Filme, die dort laufen, sind größ­ten­teils irre­le­vant. Als Veran­stal­tung tritt sie auf der Stelle, es gibt bereits seit langer Zeit keine Inno­va­tion.

Hätte Monika Grütters sich für die Sache und die Person Dieter Kosslick inter­es­siert und nicht nur auf ihre offen­kundig inter­es­se­ge­lei­teten Berater gehört, oder sich selbst von schlechten, sach­fernen Inter­essen leiten lassen, hätte sie noch nicht einmal mit anderen Personen und Verbänden sprechen müssen, Sie hätte nicht mit bekannten Kritikern Kosslicks reden müssen, auch nicht auf Filme­ma­cher und Kino­be­treiber und Film­kri­tiker hören, die die Berlinale seit Jahren als
Teil­nehmer erleben.

Sie hätte einfach einmal bei lang­jäh­rigen Berlinale-Mitar­bei­tern vertrau­liche Gespräche führen können, und sich aus der Vielfalt dieser Stimmen ein runderes Bild machen können. Sie hätte danach Kosslick zum Beispiel fragen können, warum zu einem Film­fes­tival Edel-Köche von Los Angeles per First-Class-Flug einge­flogen werden, man einem Regisseur, der einen Film auf der Berlinale hat, aber das Bahn­ti­cket nicht bezahlen will. Dies nur als ein konkretes Beispiel, stell­ver­tre­tend für viele, die ich hier aufführen könnte.

Zusam­men­ge­fasst: Dieter Kosslick steht für das Gegenteil von Offenheit, Vielfalt und kreativen Kontro­versen. Er steht für nahezu alles, was am Gegen­warts­kino schlecht ist.

+ + +

Der vorherige Kultur­staats­mi­nister Bernd Neumann wusste, warum er Kosslicks letzten Vertrag nur bis 2015 verlän­gerte. Neumann zum Beispiel erklärte frei­willig und ohne Druck nach zwei Amts­pe­ri­oden, er wolle nicht weiter­ma­chen. Er wollte seiner Nach­fol­gerin die Chance geben, in Ruhe einen Neuanfang zu wagen und vorzu­be­reiten. Das war klug. Neumann verstand eben etwas vom Kino. Grütters hätte ein Jahr dafür Zeit gehabt. Jetzt hat sie diese Chance verspielt. Mit ihrem Verhalten
erweist Grütters weder der Berlinale noch dem deutschen Kino noch ihrem Amt einen Dienst.

+ + +

Godard: Ich denke da etwas anders. Meiner Meinung nach ist van Gogh bedeu­tender als der Schreiner, der die Staffelei herge­stellt hat, auf der van Gogh malte, selbst wenn es eine sehr schöne Staffelei war.
Lang: Sie haben natürlich recht, das ist ein extremes Beispiel. Viel­leicht habe ich nicht recht, mag sein…
Godard: Aber Sie betrachten sich lieber als Schreiner denn als…
Lang: …nein, nicht als Schreiner, aber als Arbeiter. Das Publikum glaubt, dass das, was man tut, einem zuge­flogen ist, dass das ein Vergnügen ist. Es weiß nicht, dass das harte Arbeit ist… Ich glaube, dass wir etwas gemeinsam haben. Ich glaube, dass Sie ein Roman­tiker sind, und ich bin es auch. Ich weiß nicht, ob es gut ist, heut­zu­tage ein Roman­tiker zu sein.
Godard: Heut­zu­tage ist das schlecht, glaube ich.
Gespräch zwischen Jean Luc Godard und Fritz Lang, November 1964; »Cineastes de notre temps«

+ + +

In den Reden von Monika Grütters wimmelt es von vielen schönen Metaphern, überhaupt vielen Metaphern. Buch­hand­lungen seien »Tank­stellen« und Verlage »Anker­punkte« haben ihr ihre Reden­schreiber formu­liert. Oder war’s umgekehrt?
Ein Film­fes­tival würde sie in dieser Diktion jeden­falls viel­leicht eine »Lade­sta­tion« nennen. Wenn wir in dieser Metapher bleiben wollen, dann ist Kosslicks Akku leer. Er hat fertig.

+ + +

Lang: Ich glaube, dass unser Metier, das Kino, nicht nur die Kunst unseres Jahr­hun­derts ist. Es ist auch die Kunst der jungen Leute.
Godard: Sie glauben, das ist die Kunst der Jugend? Ich glaube es auch. … Wenn das Kino die Kunst der Jugend ist, dann maßregelt man es viel­leicht wegen seiner Jugend. Man ist mit ihm strenger als mit anderen. Ich würde gerne von Ihnen erfahren, wie wir uns verhalten sollen gegenüber… sagen wir nicht Zensur, nennen wir es Tyrannei. Müssen wir, wie die Kinder, alles zerstören, alles kaputt machen, oder sollte man sie eher austricksen?
Lang: Ich verstehe nichts von Kindern.
Godard: Und von der Tyrannei?
Lang: Man muss natürlich immer gegen die Tyrannei kämpfen.
Gespräch zwischen Jean Luc Godard und Fritz Lang, November 1964; »Cineastes de notre temps«

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 93: Das Recht auf Selbstbestimmung

»Do what you want!« – das lernt auch Marieme in Bande De Filles, Celine Sciammas diesjährigem Cannes-Film über vier starke, schwarze Girls aus Paris.

Mitten im Leben, vom Tode umgeben: Warum ich Feminist bin und für das Recht auf einen freien Tod, und was das mitein­ander zu tun hat – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 93. Folge

»’Where should I go?’ said Alice.
‘That depends on where you want to end up.’ replied The Cheshire Cat.«
Alice in Wonder­land
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Es wäre sehr lustig, wenn es nicht so grotesk gewesen wäre und auch ein bisschen traurig: Pres­se­kon­fe­renz im Berliner Arsenal. Ich kam etwas zu spät, es hat gerade schon ange­fangen. Zehn Frauen sitzen vorne, wie die Hühner auf der Stange. Im Saal weitere 29, bis zum Ende der Veran­stal­tung kommen noch drei dazu. Dazwi­schen genau zwei Männer. Ich bin der dritte.
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Dienstag, 14.10., 11 Uhr vormit­tags. Vorge­stellt wird der Aufruf »Pro Quote Regie« in Form einer Pres­se­kon­fe­renz. Es läuft etwas falsch, scheint mir, wenn die Redak­tionen (darunter diverse Redak­teu­rinnen) zu so einem Termin dann nur die Frauen schicken. Redak­teu­rinnen waren übrigens gar nicht vertreten, sofern ich niemanden übersehen habe.
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Den Aufruf haben bislang rund 200 Regis­seu­rinnen unterz­eichnet, aus allen Gene­ra­tionen und Stil­rich­tungen, darunter sehr bekannte Namen des deutschen Kinos, die meisten, aber nicht alle von ihnen Deutsche. Männer dürfen übrigens nicht unter­schreiben, wohl damit das Ganze weiterhin »Aufruf der Regis­seu­rinnen« betitelt werden kann. Es gibt aber eine zweite Liste, auf der sich Unter­s­tützer beiderlei Geschlechts finden. Gefordert wird in dem Aufruf »die Einfüh­rung verbind­li­cher Frau­en­quoten« in den öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk­an­stalten, den Film­för­de­rungen des Bundes und der Länder, sowie in alle »Insti­tu­tionen … in denen öffent­liche Mittel für Produk­tions- und Regie­auf­träge vergeben werden.« Man wünscht einen Anteil von 30 Prozent bis zum Jahr 2017, und 42 Prozent bis 2019 – das entspricht dem aktuellen Anteil von Frauen mit Regie-Diplom.
Gefördert wird weiterhin eine wissen­schaft­liche Studie »zu Werdegang und beruf­li­cher Situation von Regis­seu­rinnen in Deutsch­land sowie zur Verga­be­praxis von Rund­funk­an­stalten und Förder­gre­mien.« Man bietet den Verant­wort­li­chen bei Förder­gre­mien und Sendern einen Dialog an. Sie glauben: »Eine gerech­tere Film- und Fern­seh­för­de­rung kann nur gemeinsam mit der Politik und den Verant­wort­li­chen in den Sende- und Förder­an­stalten erreicht werden.« Mal abwarten.
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Ich geb’s zu: Als ich zuerst davon gelesen hatte, dachte ich: Was für ein Schwach­sinn! Muss das sein? Gibt es nicht wich­ti­gere Fragen als eine Frau­en­quote? Weiterlesen

Wäre es nicht viel besser, die Film­branche würde gemeinsam dafür sorgen, dass die Filme besser werden, sich zusam­mentun, anstatt zu spalten? Wäre es nicht besser, zumindest die progres­siven Kräfte der Kinoszene würden für Ästhetik und Inhalte kämpfen, für Geld, um die bisher arg begren­zten Fleisch­tröge und Arbeits­mög­lich­keiten zu vergrößern, als für Zugangs­rechte zu diesen Fleisch­trögen? Auf alle Fälle wäre all das besser. Stimmt schon: Es könnte alles ganz anders sein. Ist es aber nicht. Die deutsche Filmszene, auch die mit Verstand und Geschmack, besteht über­wie­gend aus Solisten. Sie sollten sich zusam­mentun, hätten das tun können, haben es aber nicht. Die Frauen dagegen haben sich zusam­men­getan, und etwas auf die beine gestellt. Sie kämpfen für ihre Inter­essen. Pech, Jungs! Schaut Euch an, wie man es macht.

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Die Argumente für den Aufruf sind einfach überz­eu­gend. Denn die Zahlen sind in einem krassen Miss­ver­hältnis: Aktuell werden über 85 Prozent aller Regie­auf­träge in Deutsch­land an Männer vergeben, obwohl 42 Prozent aller Regie-Absol­venten von Film­hoch­schulen Frauen sind. Man muss also gar nicht die weibliche Perspek­tive beschwören, und bloß nicht im Jargon eines neoli­be­ralen Control­lers von Wett­be­werb reden. Es geht schlicht um klas­si­sche Werte: Gleich­heit, Gerech­tig­keit, Chancen und Teilhabe.

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Ich bin eigent­lich auch gegen Quoten. Wenn überhaupt, müsste es eine Quote für den IQ geben, und für Geschmack, wenn man den messen könnte. Ich bin überzeugt, dass Kunst mit Demo­kratie nicht das Geringste zu tun hat, eher schon mit Autorität, und dass man über Kunst, über Stil, über Ästhetik, über Qualität und Niveau oder auch über Geschmack nicht demo­kra­tisch entscheiden oder gar abstimmen kann, und dass die Demo­kratie der Kunst oft schweren Schaden zufügt. Mit der Einschrän­kung, dass Kunst zwar keine Sicher­heit braucht, aber ein Minimum an Freiheit.
Jeder meint zudem, wenn er »Quote« sagt, etwas anderes. Ich stelle mir bei Quote ein Schut­z­system für Filme vor, für welche aus Europa, aus Asien und Latein­ame­rika, und vor allem überhaupt für künst­le­risch Schutz­wür­diges. Analog zu den Mindest­quoten für korea­ni­schen Film, die den Aufstieg des Filmlands Korea überhaupt erst möglich machten. Oder denen für Fran­zö­si­sches in Frank­reich: Die exception cultu­relle. »Quote« bedeutet hier: Minder­hei­ten­schutz. Für Fern­seh­in­ten­danten sind Quoten dagegen ein Argument um den neuesten Abstieg im Niveau ihres Senders zu recht­fer­tigen. Um zu erklären, warum die ARD an einem Abend erst den »Gemüse-Check« bringt, dann vom »Mais-Wahn« erzählt und nicht nur den Leuten, sondern sich selbst einredet, das sei »Service«. »Die Leute wollen es ja so« heißt es dann, in einmal mehr miss­ver­stan­dener Demo­kratie. »Quote« ist in diesem Fall eine Waffe. Das Mittel einer relativ großen Gruppe, die meistens auch keine Mehrheit ausmacht, um alle anderen kleineren Gruppen zum Schweigen zu bringen, sie zu margi­na­li­sieren.
Die Quote wie sie hier und in allen Fällen einer sozialen Quote verstanden wird, ist etwas Drittes: Ein Teil­ha­be­mi­nimum. Sie bezeichnet einen Prozent­satz, bezieht sich auf eine bestimmte soziale Teil-Gruppe und einen Bereich, in dem diese Gruppe unter­re­prä­sen­tiert ist. Die Quote soll den Anteil erhöhen. Quoten, wenn man sich einmal auf sie geeinigt hat, sind ein gutes Mittel dazu.

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Denkt man diesen Gedanken eines Teil­ha­be­mi­ni­mums aller­dings konse­quent zu Ende, dann kommt eine Gesell­schaft heraus, in der ich nicht leben will. Eine unfreie, hoch­re­gu­lierte Gesell­schaft. Eine Gesell­schaft, die sich nicht über Indi­vi­duen definiert, sondern über Grup­pen­iden­tität. Denn warum sollten eigent­lich ausge­rechnet Frauen quotiert sein? Warum nicht Alte und Junge? Rassen? Reli­gionen? Kulturen? Einkommen? Bildungs­grad? Poli­ti­sche Posi­tionen? Behin­derte? Sexuelle Minder­heiten? Ausländer? Oder doch IQ? Und so weiter. Ein unend­li­ches Mosaik von Zugehö­rig­keits­quoten wäre die Folge, und unsere Gesell­schaft sähe aus wie ein Fern­sehrat, ein gemain­streamtes Patchwork, in dem nur eines fehlt: Das Indi­vi­du­elle und das Indi­vi­duum, das sich keiner Gruppe fügt, nicht in sie passt, weil es eben bereits qua Begriff unteilbar ist.
Kann man das wünschen? Das kann man nicht wünschen!

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Aber darum geht es auch gar nicht. Wenn ich die Initia­toren und ihr Auftreten auf der Pres­se­kon­fe­renz richtig verstehe, dann wollen sie das auch gar nicht, denn sie wissen ganz genau, dass eine Quote im Kino- und Fern­seh­film praktisch völlig unmöglich ist. Wie soll das auch gehen? In einer Filmwelt, in der Filme von mehreren Länder­för­de­rern und Fern­seh­an­stalten finan­ziert werden müssen, weil man sie sonst gar nicht machen kann. Wer die Quote wirklich will, der müsste zunächst mal die Film­för­de­rung revo­lu­tio­nieren. Das könnte ja schon mal inter­es­sant werden – wenn wir denn diese Revo­lu­tion wollten. Tatsäch­lich sollten wir an einer anderen Film­för­der­re­vo­lu­tion inter­es­siert sein.
Worum es dem Aufruf tatsäch­lich geht, ist Bewusst­seins­bil­dung. Über eine Schief­lage, die einen rele­vanten Teil der Gesell­schaft vom Filme­ma­chen struk­tu­rell ausschließt. Die einem de-facto-Berufs­verbot gleich­kommt. Die Regis­seu­rinnen Maria Mohr und Connie Walther haben es treffend ausge­drückt: Frauen müssen schlechte Filme machen dürfen. Wenn sie das heute tun, war es ihr letzter Film, während man bei Männern von einem Ausrut­scher spricht.
Es geht im Aufruf auch darum, auch mit dem Märchen aufzu­hören, dass Frauen die besseren Menschen seien. Angela Merkel beweist täglich das Gegenteil. Man könnte aber auch darauf hinweisen, dass die Mehrzahl der Länder-Förde­rungen nach wie vor von Frauen geleitet werden. Bis Ende 2013 waren nur der baye­ri­sche FFF und die ostdeut­sche MDM in männ­li­cher Hand. Seit diesem Jahr auch wieder Hessen und die MFG. Ein gesell­schaft­li­cher Roll-Back.
Aber auch unter weib­li­cher Führung sind die Ergeb­nisse nicht befrie­di­gend. Zudem wenn man berück­sich­tigt, dass viele Förder­re­fe­renten- und TV-Redak­teur­stellen weiblich besetzt sind. Es hat sich nicht positiv ausge­wirkt. Weder sind die Themen besonders weiblich, noch die Entschei­dungen sehr frau­en­freund­lich. Bei einzelnen Personen, ob aus München, Frankfurt oder Berlin wird sogar offen von »Stuten­bis­sig­keit« und »Zickentum« gespro­chen. es gibt Fern­seh­re­dak­teu­rinnen, die haben noch nie in ihrem Leben eine Frau gefördert, es gibt Förde­r­ent­schei­de­rinnen, da ist es ein offenes Geheimnis, dass bestimmte Männer-Typoen die besten Chancen auf Förderung haben.

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Aber all das ist kein Argument gegen die Quote: Im Gegenteil: Die gerechte Betei­li­gung von Frauen wird nicht mehr verändern, als die von manchen Frau­en­be­wegten selbst­ge­pflegten und gern kulti­vierten Mythen, Frauen seien irgendwie anders. Erst die gerechte Betei­li­gung von Frauen wird mit dieser falsch verstanden Frau­en­be­we­gung so aufräumen, wie es die Betriebs­räte mit den Mythen der Arbei­ter­be­we­gung getan haben. Danach erst kann man sich dann viel­leicht wieder auf die Lage der Mensch­heit konz­en­trieren, anstatt diese in Iden­ti­täts­gruppen zu spalten.

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So weit sind wir aber noch nicht. Wer all dies nicht glaubt, der kann sich ja einmal die Erfah­rungen zu Gemüte führen, die mehrere Dutzend Film-Frauen (so nenne ich sie jetzt mal, denn sie sind längst nicht nur Film-Regis­seu­rinnen) jetzt für ein Buch formu­liert haben. Es ist der Sammel­band »Wie haben Sie das gemacht? Aufz­eich­nungen zu Frauen und Filmen« [http://www.schueren-verlag.de/programm/titel/407–wie-haben-sie-das-gemacht-aufz­eich­nungen-zu-frauen-und-filmen.html]
Einige von ihnen sind mit den Unter­s­tützern des Aufrufs identisch, andere unter­s­tützen den Aufruf dezidiert nicht. Der Band, den Claudia Lenssen und Bettina Schoeller-Boujou heraus­ge­geben haben, wird am Donnerstag-Abend in der Berliner Akademie der Künste vorge­stellt. Es geht darin auch um eine Zwischen­bi­lanz, ein Resümee des poli­ti­schen Kampfes um Gleich­be­rech­ti­gung und Selbst­be­stim­mung von Frauen.
Die span­nenden Texte des Buches machen einmal mehr klar, dass die Debatten keines­wegs zu Ende sind. Die Frage der Frauen wird uns auch hier in den nächsten Wochen und Monaten weiter beschäf­tigen.

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Bei der Frau­en­frage geht es um nicht weniger, als ein zentrales Grund­recht: Art. 3 des Grund­ge­setzes [http://www.gesetze-im-internet.de/gg/] ist deutlich genug: »(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.: (2) Männer und Frauen sind gleich­be­rech­tigt. Der Staat fördert die tatsäch­liche Durch­set­zung der Gleich­be­rech­ti­gung von Frauen und Männern und wirkt auf die Besei­ti­gung beste­hender
Nachteile hin.«
Noch Fragen?

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Beim Film­fes­tival von Cannes gab es in diesem Jahr übrigens einen hervor­ra­genden Film zum Thema: Er stammt – nicht zufällig, so scheint mir – aus Frank­reich und zwar von der Regis­seurin Celine Sciamma, und heißt Bande De Filles (inter­na­tional aka GIRLHOOD), was natürlich nichts anderes ist als eine offene Anspie­lung auf Godard. Es geht um vier starke, schwarze Girls aus der Vorstadt. Sie haben nichts, also nehmen sie sich alles: Style, Stolz, Freiheit. Ein Film, der uns vorführt (nicht erklärt, warum Freiheit womöglich mehr mit Ästhetik zu tun hat als mit Moral, mehr mit Pop als mit political correct­ness, mit Musik und Mut und ganz bestimmt gar nichts mit Quoten. Das Motto: »Do what you want!«
Die junge Marieme, die es auch nicht leicht hat, zum Beispiel mit ihrem kaputten Bruder, wird Mitglied einer Frauen-Gang. Sie sind unkon­ven­tio­nell und witzig, sie prügeln sich, wenn es sein muss, und zeigen uns, was Femi­nismus wirklich heißt: Selbst-Bewusst­sein. Es geht um das Verhältnis zwischen Selbst- und Fremdbild – darum gucken sich die Girls auch fort­wäh­rend im Spiegel an, Filmen sich, beur­teilen sich gegen­seitig. »Bande de Filles« zeigt uns, was das eigent­liche Problem ist, das meiner Ansicht nach auch für viele deutsche Frauen gilt, auch für nicht wenige, die das Papier »Pro Quote Regie« unter­schrieben haben: Fehlende Härte, fehlender Mut. Das sind eben keine »männ­li­chen Werte«, sondern univer­sale.
Früher nannte man das alles ja Eman­zi­pa­tion. Auch so ein altehr­wür­diger Ausdruck, der etwas demodé geworden ist. Dabei kommt es doch genau darauf an: Sich zu eman­zi­pieren von Rollen­sche­mata, übrigens auch von manchen der Frau­en­be­we­gung und zum Indi­vi­duum zu werden.

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Wenn solche Filme, Filme wie Bande De Filles oder die von Sofia Coppola endlich mal auch in Deutsch­land gemacht werden, dann dürfen Frauen unbedingt auch schlechte Filme machen und das immer wieder. Verspro­chen!

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Aber es gibt auch noch andere Themen: Letzte Woche hatten wir an dieser Stelle zur Teilnahme an der offi­zi­ellen Europäi­schen Bürger­initia­tive gegen TTIP und CETA aufge­rufen. Wir tun das hiermit noch einmal. Denn auch die Produ­z­en­ten­al­lianz hat sich gegen TTIP posi­tio­niert. Die Produ­z­enten sind zwar nicht gegen alles, was man an TTIP kriti­sieren könnte und lehnen das Abkommen auch nicht rundweg ab, aber sie fordern gravie­rende Ände­rungen, die die Ameri­kaner ablehnen: Vor allem eine »kultu­relle Ausnahme« für Audio­vi­su­elles und Medien. »Auch wir Produ­z­enten sind natürlich für einen fairen Wett­be­werb«, erklärt Alexander Thies von der Allianz Deutscher Produ­z­enten. »Dass die europäi­sche Film­in­dus­trie im Gegensatz zur ameri­ka­ni­schen Förderung braucht und bekommt, verzerrt nicht den Wett­be­werb, sondern macht ihn erst möglich. Ohne Förderung, ohne ‚kultu­relle Ausnahme‘ gäbe es den europäi­schen Film nämlich gar nicht mehr, keine Oscar-Gewinner wie ‘Liebe’ oder europäi­sche Block­buster wie ‘Ziemlich beste Freunde’. Gerade weil wir für fairen Wett­be­werb sind, brauchen wir die ‘kultu­relle Ausnahme« für Audio­vi­su­elles und Medien … Die ‘kultu­relle Ausnahme’ auch in dem TTIP-Abkommen ist unver­zichtbar.«
Wer die Initia­tive gegen TTIP unterz­eichnen will, kann dies hier tun:
https://www.campact.de/Stop-TTIP-EBI
https://www.lobby­con­trol.de/ttip-stoppen

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Es gibt aller­dings auch noch andere Grund­ge­setz-Artikel. Noch vor Artikel 3 kommen 1 und 2. Dort heißt es: »Art 1:
(1) Die Würde des Menschen ist unan­tastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflich­tung aller staat­li­chen Gewalt.
(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unver­let­z­li­chen und unver­äußer­li­chen Menschen­rechten als Grundlage jeder mensch­li­chen Gemein­schaft, des Friedens und der Gerech­tig­keit in der Welt.
(3) Die nach­fol­genden Grund­rechte binden Geset­z­ge­bung, voll­zie­hende Gewalt und Recht­spre­chung als unmit­telbar geltendes Recht.
Art 2
(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfal­tung seiner Persön­lich­keit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfas­sungs­mäßige Ordnung oder das Sitten­ge­setz verstößt.
(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körper­liche Unver­sehrt­heit. Die Freiheit der Person ist unver­let­z­lich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes einge­griffen werden.«
Zual­ler­erst also Würde; dann Entfal­tungs­frei­heit, Freiheit zu tun, und zu lassen, was man will, das was Werte­pre­diger gern als »Hedo­nismus« zu diffa­mieren versuchen. Diese Reihen­folge markiert auch eine Hier­ar­chie der Werte, und die hat uns im Folgenden zu inter­es­sieren.

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Aus Münchner Urzeiten her kannten wir ihn noch, hatten ihn sogar ein paarmal persön­lich erlebt: Udo Reiter. Er war so einer von denen, die gern mal mit Quoten argu­men­tierten, den Inten­dan­ten­quoten, Minder­heits­tot­schlags­quoten oder mit anderen groben Klötzen. Aber er hatte auch den Charme eines Machos alter Schule, eine offene ehrliche Haut, der kein Blatt vor den Mund nahm, political correct­ness und andere Benimm­re­geln hasste, der innerlich nie borniert war, auch wenn manche seiner Entschei­dungen, vor allem als Hörfunk­di­rektor des CSU-Haus­sen­ders BR in den guten alten Zeiten des großen Vorsitz­enden FJS manchmal diesen Eindruck erwecken konnten. So kam er denn Anfang der 90er zum MDR, um den Osten auf Linie zu bringen – und tat es dann doch etwas anders als gedacht. Denn Udo Reiter war sich zu schade, für die Union den Stasi-Putzmann zu spielen.

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Er war auch der erste öffent­liche Roll­stuhl­fahrer, jeden­falls der erste, der mir begegnete. Lange vor Wolfgang Schäuble. Ein guter Typ, wenn ich das mal so schreiben darf, das zeigte auch die Art, wie er mit seiner Behin­de­rung umging, ironisch und doch sensibel.
Vor zwei Wochen war Reiter, seit einigen Jahren nicht mehr MDR-Intendant, sondern Ruhe­ständler, in der ZDF-Talkshow »Maybrit Illner« [http://www.youtube.com/watch?v=IW9HnmKbLq0]. Disku­tiert wurde da über Ster­be­hilfe. Reiter spielte die beste, sympa­thischste Rolle, er war relativ still, aber zwischen lauter Funk­ti­onären und Meinungs­puppen, zwischen den Pastoren Käßmann (Alkohol) und Hintze (CDU) war er der einzige Authen­ti­sche, der einzige, dem das, was er sagte, exis­ten­ti­elles Anliegen war. Das konnte man spüren.

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Der entschei­dende Punkt zielt auf das Grund­ge­setz: »Ich finde, wenn man das Recht auf Selbst­be­stim­mung, das ja die Grundlage unserer Verfas­sung ist, für das ganze Leben einfor­dert, dann muss mir erstmal jemand erklären, warum das gerade für die letzte Phase, für das Sterben nicht gelten soll. Ich finde, das müssen wir verlangen.«

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Udo Reiter sagte außerdem: Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass ich nicht als Pfle­ge­fall enden möchte, nicht als jemand, der langsam sein Ich verliert, der von anderen dann gewaschen und gebürstet und gewindelt wird, und ich möchte auch nicht als gutmü­tiger oder bösar­tiger Idiot vor mich hindäm­mern, sondern möchte recht­zeitig sagen können: Es ist sehr schön gewesen. Es hat mich sehr gefreut, aber jetzt möchte ich gehen. … Es sind in Deutsch­land immerhin 10.000 Leute, die sich jährlich das Leben nehmen. Die Hälfte davon hängt sich an Bäumen oder Fens­ter­kreuzen auf, drei werfen sich jeden Tag vor die Eisenbahn… Ich finde, das ist ein unwür­diger Zustand, das muss nicht sein, da muss es Hilfe geben, und zwar profes­sio­nelle Hilfe, ärztliche Hilfe zum selbst­be­stimmten Sterben. … Mir geht es um die Leute, die selbst­be­stimmt sterben wollen. Da muss es doch irgend­einen Weg geben, dass man human rauskommt. … 70 Prozent der Bevöl­ke­rung wollen das.«

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Worum geht es: Der Staat, die Gesell­schaft, die selbst­er­nannten Fürsorger greifen exzessiv in unser Leben ein – zu unserem Besten natürlich. Sie verordnen gesundes Essen, Sport, Rauch­verbot, Glüh­birnen (die giftig sind), Fahr­rad­helme, und ächten den Freitod.
Wir dürfen theo­re­tisch noch selbst­be­stimmt leben, aber dürfen wir auch selbst­be­stimmt sterben? Schwer­kranke Menschen haben nur die Gewiss­heit uner­träg­li­cher Schmerzen, eines fort­schrei­tenden Verfalls und eines qual­vollen Sterbens. Wenn einem das Leben zur Last wird, warum soll man es dann nicht beenden dürfen? Es muss möglich und erlaubt sein, selbst über sein Leben zu verfügen, selbst bestimmen zu können, wann man dem Leben ein Ende setzt, und zwar völlig unab­hängig davon, ob man todkrank ist, oder nicht: Mein Tod gehört mir.
Der Tod gehört zur Würde des Menschen, die zu achten und zu schützen ja Frau Merkel verfas­sungs­gemäß verpflichtet ist, was sie nicht davon abhält, ameri­ka­ni­sche
Folter­ge­fäng­nisse und andere Menschen­rechts­ver­let­zungen zu tole­rieren.

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Keiner hat das Recht sich hier einzu­mi­schen. Schon gar nicht Gestalten wie die Physi­kerin Merkel, der Bauer Kauder, der Versager de Maiziere oder der Pfarrer Hintze. Ihnen fehlt jedes Recht, auch nur stell­ver­tre­tend über meine letzten Stunden zu entscheiden, meinen Weg aus dem Leben zu gehen. Was für eine unsäg­liche, infame Anmaßung dieser dritt­klas­sigen Knall­chargen, die schon mit viel schlich­teren Fragen über­for­dert sind!

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Wir sollten das ernst nehmen. Es gibt Menschen, die wollen sterben, ohne dass sie verrückt sind, oder gestört. Freitod kann ein Teil von humaner Kultur, kann ein Ausdruck unserer Würde sein. Eine Woche nach der ZDF-Sendung hat Udo Reiter sich auf der Terrasse seines Hauses erschossen. Wir werden ihm gerecht, wenn wir das nicht klein­reden, oder inter­pre­tieren.

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Was den Protest der Frauen mit diesem letzten Akt Udo Reiters verbindet, ist nicht allein der Wunsch nach Freiheit und Selbst­be­stim­mung, die Forderung, dass es mit der Fremd­be­stim­mung endlich ein Ende haben muss. Es ist noch mehr eine sehr prin­zi­pi­elle, aber am Ende doch auch ganz einfache Einsicht: Man darf nicht warten, bis einem andere das Recht geben. Man muss sich das Recht nehmen. Selbst.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 88: Nur ein Aktivist bekämpft den Mist…

Kohlhaas Oder Die Verhältnismäßigkeit Der Mittel

Und auch der Film­aka­demie würden Flug­blätter gut tun – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 88. Folge

»Es gibt keine Grenzen, aber man kann welche ziehen.«
Witt­gen­stein
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Es gibt ein Papier, das nicht Manifest genannt werden will, sondern Flugblatt. Viel­leicht hat man sich da inspi­rieren lassen von den Papier­flie­gern, die bei den dies­jäh­rigen Ober­hau­sener Kurz­film­tagen über die Leinwand huschten. Mit Flug­blät­tern beginnen Refor­ma­tionen und Revo­lu­tionen und so wollen wir diesem Papier Glück wünschen auf seinem Flug durch die Szene.
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Man kann es hier nachlesen und sollte es auch. Denn auch wer sich an manchen Unschärfen in Ausdruck, Ansicht und Stoß­rich­tung stört, oder den Begriff »Akti­vismus« doof findet, der wird doch zugeben müssen, dass die Ziel­rich­tung stimmt.
Die wichtigen Probleme werden benannt: die Lüge des Prag­ma­tismus. Das zum Stammeln herun­ter­ge­kom­mene Reden über Film. Beklagt wird da ganz selbst­kri­tisch der Verfall der Kritik, ihre Zurich­tung auf Dienst­leis­tungen, ihre erzwun­gene Anpassung an Markt­ge­ge­ben­heiten. Der Markt hat aber nicht recht, sondern ist der Feind, das wird hier deutlich. Weiterlesen

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Wichtig auch, dass es nicht bei Selbst­kritik bleibt. Denn andere haben wesent­lich mit Schuld: Film­ver­leiher und Kino­be­treiber, die das Programm­kino bewusst und geplant kaputt gemacht haben, Programm­kinos, die keine mehr sind. Programm­ma­cher, die meist noch nicht mal wissen, und mitunter nicht wissen wollen, dass Arthouse das Gegenteil von Kunst ist.
Festivals über­nehmen noch gele­gent­lich punktuell die Aufgabe von Programm­kinos. Gleichz­eitig gehen auch viele von ihnen auf den Strich aus Spon­so­ren­zwängen, Verlei­her­kom­pro­missen, Förder­dik­tatur und den Fürs­tinnen der Sender­pro­vinzen. Sie unter­werfen sich der Markt­logik anstatt ihr entgegen zuar­beiten – das Filmfest München wird hier alsbald das beste Beispiel geben.

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Mit dem Fahrrad durch Köln. Was lese ich an einem Fenster: »Nichts wie weg mit dem deutschen Qualitäts­kino« steht fett auf einem Poster. Schau da: Es ist die KHM.

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Es war dann aber doch Dominik Graf. Ein Zitat aus seinem »Zeit«-Artikel von 2012. Und ein Projekt der Film­werk­statt.

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Solches Qualitäts­kino werden wir bald wieder feiern müssen. Am Freitag verleiht die Film­aka­demie in ihrer uner­schöpfli­chen Weisheit die Bundes­film­preise, und schon die Nomi­nie­rungen machen klar, dass dabei wenig heraus­kommt, was der Rede auch nur wert ist.
Edgar Reitz, sonst wenig.
Ein als Italo-Western verklei­deter Heimat­film. Die sich ihren eigenen Stand­punkt verleug­nende Satire Fins­ter­world wird immerhin Deutsch­land gerecht, und ist meilen­weit besser als der Rest.

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Man denkt jedes Jahr, es könnte nicht schlimmer kommen mit den Nomi­nie­rungen zum Bundes­film­preis. Und fast jedes Jahr wird man eines Besseren belehrt. Was ist das für ein Auswahl­ver­fahren, was für eine »Film­aka­demie«, bei der es nicht eine Nomi­nie­rung gibt für einen einzigen formal ambi­tio­nierten Film? Wie Die Frau des Poli­zisten? Wie Kreuzweg? Wie Kohlhaas oder die Verhält­nis­mäßig­keit der Mittel? Die aber einen Massen­schwach­sinn wie Fack ju Göhte zu einem der besten sechs Filme des Jahres erklärt? Der besten??? Halloo!!
Ich meine jetzt nicht die Tatsache, dass sich die Menschen häufen, die einem zutu­scheln, Jakob Lass’ Love Steaks »hätte ich fünfmal abgelehnt … da kann ich so abkotzen«. Nein, sondern die Tatsache, dass jeder Preis für diesen Film die Preise im letzten Jahr für Oh Boy nach­träg­lich demen­tiert. Denn beide Filme gut finden oder für die Zukunft des deutschen Kinos halten kann nur, wer Tomaten auf den Augen hat, eine Gehirn­wä­sche hinter sich oder das WM-Trickot der deutschen Fußball­na­tio­nal­mann­schaft entworfen hat.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 85: Im finsteren Tal…

Klaus Lemkes Kein Großes Ding, einer von vielen Filmen made in Berlin, die jetzt bei »achtung berlin« laufen

Erin­ne­rungen an Menschen am Sonntag und die Neunziger Jahre; der X-Filmpreis und der öffent­liche Selbst­mord des ZDF – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 85. Folge

Längst hat der Berlin-Hype ein Ende, auch unter Filme­ma­chern. Noch vor fünf Jahren gab es gute objektive Argumente für die Letzten der deutschen Filmszene, nach Berlin zu ziehen: Eine vibrie­rende, moderne, unspießige Haupt­stadt­kultur, dazu billige Mieten, billiges Leben, viele freie Wohnungen, und eine großzügige, vergleichs­weise stark an Kunst und Inde­pen­dent-Kultur inter­es­sierte Film­för­de­rung. Mit alldem ist es vorbei: Die Kultur hat schon lange den Charme der Wendezeit und der 90er verloren, der noch bis in die frühen Nuller­jahre anhielt. Heute muss man in den Kneipen von Berlin-Mitte – falls man da zwischen den ganzen Back­pa­ckern überhaupt einen Platz bekommen hat – und auch in Kreuzberg früher reingehen als in München, weil sonst die Nachbarn anrufen. Die Küche macht dann auch gleich zu. Die Mieten werden immer teurer, die Lokale immer doofer. Und die Film­för­de­rung, die vor Jahren noch stolz darauf war, »kleine schmut­zige Berlin-Filme« zu fördern, hat für derglei­chen kein Interesse mehr. Gefördert werden die Groß­kop­ferten von »X-Filme« und den zwei, drei anderen größeren Verlei­hern, die Firma Teamworxx und die Ameri­kaner. Aber selbst dieje­nigen Inde­pen­dent-Filme­ma­cher, die nach meiner Ansicht schon vor Jahren nur noch als Feigen­blatt die ganz anderen Pläne des Medien­board ein wenig verdecken sollten, bekommen heute ihre Projekte nicht mehr finan­ziert, von anderen erstaun­li­chen Entschei­dungen einmal ganz zu schweigen. Kein Wunder, wenn man allein schon daran denkt, dass der RBB der einzige soge­nannte »Haus­sender« des Medien­boards ist – lassen wir es mal bei dieser sach­li­chen Fest­stel­lung, ohne weiteren Kommentar.
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Wer die Förde­rungen der ohnehin besser ausge­stat­teten Film­stif­tung NRW oder auch die der kleineren Förder­an­stalten in Baden-Würt­tem­berg, Hessen oder Mittel­deutsch­land einmal anguckt, erkennt unter anderem, das gerade viele Berliner Filme­ma­cher ihre Filme nicht mehr in Berlin machen können. Toller Länder­ef­fekt!

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Eine der wenigen Hoff­nungs­schimmer im finstren Tal der deutschen Kino­si­tua­tion ist Monika Grütters, die neue Kultur­staats­mi­nis­terin. Grütters ist nicht unbedingt filmaf­finer als ihr Vorgänger Bernd Neumann, der zwei­fellos seine Verdienste hat, aber sie ist bestimmt weniger mit den ganzen Film-Lobbys verban­delt, als ihr CDU-Partei­ge­nosse, was bei Neumann auch zunehmend ein Problem war.
Im Haus­halts­ent­wurf der Bundes­re­gie­rung ist der Etat des Deutschen Film­för­der­fonds (DFFF) gleich um ein sattes Siebtel von 70 auf 60 Millionen Euro gekürzt worden. Das mag den Catering-Unter­nehmen von Potsdam und manchen beim Medien­board die Tränen in die Augen treiben, für den deutschen Film könnte diese Kürzung aber eine gute Nachricht sein.
Denn der DFFF, der anfangs mal als »Anreiz zur Stärkung der Film­pro­duk­tion in Deutsch­land« gedacht war, nutzte dieser in den letzten Jahren zunehmend weniger. Statt­dessen verkam er zunehmend zum »stupid German money« für Hollywood. Zuletzt gab es allein 8,4 Millionen für »Monuments Men« und 3,2 Millionen Euro für »Grand Budapest Hotel«. Reine Hollywood-Produk­tionen. Oder was ist an Wes Andersons und George Clooneys ilmen deutsch außer ein paar Statisten und Hand­wer­kern auf den unteren Ebenen der Depart­ments? Und natürlich der Förder­in­ten­dantin auf den Fotos von Dreh und Premiere. Was könnte man umgekehrt mit 11,6 Millionen Euro alles tun, wenn man sie deutschen Film­pro­du­z­enten geben würde?
Was hat der deutsche Film – also alle, die »ganze Familie« – vom DFFF? Auf George Clooney können wir doch wirklich verzichten, auf der Leinwand sehen wir ihn eh, und in Berlin auch dann nicht, wenn er drei Monate hier dreht.

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Hoffent­lich lässt sich Grütters durch die ansetz­enden Neben­geräu­sche nicht irri­tieren. 60 Millionen sind immer noch zu viel, für das, was gemacht wird. Denn dem deutschen Film geht es schlecht, gut geht es nur denen, die schlechte Filme machen.
Natürlich wird jetzt gejammert, dass der arme George demnächst woanders drehen muss. Wenn er’s tut, dann scheint es mit dem tollen Know-how der Deutschen ja doch nicht so weit her zu sein.

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Es war mal alles anders in der Haupt­stadt. »Berlin im Film der Neunziger Jahre« heißt eine tolle Retro­spek­tive, die seit diesem Mittwoch im Rahmen des Festivals »achtung berlin« im Berliner Babylon-Kino läuft. Da laufen 14 Spiel­filme, 2 Doku­men­tar­filme und 10 Kurzfilme, die aus verschie­densten Blick­win­keln das Lebens­ge­fühl und die Aufbruch­stim­mung der Stadt im Jahrzehnt nach dem Mauerfall in Erin­ne­rung rufen – eine leider längst vergan­gene Ära. Natürlich erinnern wir uns noch an Das Leben ist eine Baustelle von Wolfgang Becker, der seinerzeit über 400.000 Zuschauer bekam – heute eine Zahl, die kaum ein vernünf­tiger deutscher Kinofilm erreichen kann, was mehr über den Verfall der hiesigen Film­kultur erzählt, als alle Jubel­mel­dungen inter­es­sierter Insti­tu­tionen zusammen. Aber wer erinnert sich noch an Sperrmüll von Helke Missel­witz, und wer hat je Berlin – Pren­zlauer Berg von Petra Tschörtner, Die blaue Stunde von Marcel Gisler oder Chronik des Regens von Michael Freerix gesehen? Ich nicht. Was aber auch dem klar wird, der die Filme noch nicht kennt: Was für tolle Filme mal hier gemacht wurden. Filme die etwas über die Stadt erzählen, über das Land und über die Wirk­lich­keit. Halloooooo Medien­booooooard!!!! Aufwachen!!!!!

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Eröffnet wird die Retro­spek­tive mit der roman­ti­schen Komödie Oben – unten von Joseph Orr, in der man 1995 unter anderen auch Sophie Rois und Torsten Merten in frühen Auftritten begegnet. Es geht um einen Altein­ge­ses­senen, der sich nicht von der Großbau­stelle namens Mitte vertreiben lassen will, um die Liebe und um die Invasion der Vege­ta­rier – einen sehr gegen­wär­tiger Film also.
Beglei­tend zum Film­pro­gramm präsen­tiert »achtung berlin« zudem das Panel: »Stadt im Umbruch« am Samstag, 12.4., ab 18:00 Uhr. Es disku­ti­eten Michael Klier, RP Kahl, Matl Findel, Frieder Schlaich, Katrin Schlösser und Johannes Novy – die Richtigen also, auch wenn die Besetzung sich etwas ostlastig anhört…

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Wenn man dann schon da ist, kann man am Samstag auch gleich dableiben. Zur Zeit zeigt das Kino Babylon Mitte nämlich jeden Samstag einen »Stummfilm um Mitter­nacht«, der live von der Musikerin Anna Vavilkina begleitet wird. Das Ganze kostet Null Euro! Aber wer jetzt glaubt, Stumm­filme seien nichts wert, der darf soviel Geld bezahlen, wie er für ange­messen hält.
Diese Woche läuft Menschen am Sonntag von 1929, der nicht nur einer schönsten Filme der Film­ge­schichte ist, und der Weimarer Republik sowieso, sondern auch einer der inter­es­san­testen: Ein Kollek­tiv­film, gedreht unter anderem von Robert Siodmak und Billie Wilder, gelenkt von den Prin­zi­pien der Neuen Sach­lich­keit und des Zufalls, Nouvelle Vague, 30 Jahre vor Godard und
Truffaut. Und gedreht ohne Film­för­de­rung.

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Übrigens: Wenn Monika Grütters Lust haben sollte, in den nächsten Wochen noch andere zu ärgern, dann könnten wir ihr ein paar Tipps geben. Zum Beispiel wäre es an der Zeit, einmal die Namen derje­nigen zu über­prüfen, die bei der Abstim­mung zur Nomi­nie­rung zum Deutschen Filmpreis für bestimmte Filme gestimmt haben – und falls vorhanden gleich noch die IP-Adressen dazu.
Denn nicht nur mir fällt auf, dass es immer ganz bestimmte Produ­z­enten und Verleiher sind, die jedes Jahr besonders viele Nomi­nie­rungen abstauben, und das mit Filmen, die, nun ja, im Zusam­men­hang Kunst und Deutscher Filmpreis etwas befrem­dend anmuten. Wir haben an dieser Stelle oft genug gesagt, dass man über Kunst nicht demo­kra­tisch entscheiden kann und dass Jurys viele bessere Ergeb­nisse produ­zieren, als eine Massen­ab­stim­mung, aber noch schlech­tere Ergeb­nisse kommen raus, wenn Lobbys und Inter­essen verdeckt mitmi­schen. Und wenn man sich die dies­jäh­rigen Nomi­nie­rungen und auch die Liste der Nicht­no­mi­nierten so anguckt, dann wundert man sich, auch wenn man die Bedeutung des schlechten Geschmacks gar nicht hoch genug misst.

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Dass für den höchst­do­tierten Kultur­preis, den Deutsch­land zu vergeben hat, die ästhe­tisch inter­es­san­testen Filme des letzten Jahres – Die Frau des Poli­zisten von Philip Gröning und Kreuzweg von Dietrich Brüg­ge­mann nicht eine einzige Nomi­nie­rung bekommen, dafür so ein Schwach­sinn wie Fack ju Göhte ein halbes Dutzend und so ein merk­wür­diges Werk wie Love Steaks angeblich einer der sechs künst­le­risch besten deutschen Filme sein soll – spricht Bände über das was in den Köpfen der soge­nannten »Branche« vorgeht.
Wobei mir die Nomi­nie­rung für Love Steaks auch nur vorkommt wie ein Feigen­blatt fürs schlechte Gewissen. Was Love Steaks aller­dings mit Fack ju Göhte verbindet, ist das mangelnde Form­be­wusst­sein. Auch wenn sie sich einen formalen und konz­ep­tio­nellen Anstrich geben, fehlt beiden ein elemen­tares Gefühl für Ästhetik. Das ist durch »Kraft«, »Energie«, »Schwung« und derglei­chen nicht wett­zu­ma­chen. Und Form­lo­sig­keit, da muss man gar nicht Adorno oder Nietzsche fragen, Sloter­dijk genügt auch, ist immer der Beginn des kultu­rellen Verfalls.

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Wir hätten jetzt gern noch etwas ausführ­li­cher über das ZDF geschrieben, aber da passiert ja derzeit so viel, da kommt man mit Lesen und Schreiben gar nicht nach. Erst killt das Verfas­sungs­ge­richt den ZDF-Fern­sehrat, und während der Colt noch raucht, killt eben dieser Fern­sehrat »Wetten, das…?«. Das ist nun einer­seits viel­leicht nicht so schlimm, aber eben dann doch ein verhee­rendes Zeichen. Denn tatsäch­lich handelt es sich um nicht weniger als den öffent­li­chen Selbst­mord des ZDF.
Natürlich weiß man auch in Mainz, dass der Sender irgend­wann mit seinen Zuschauern ausstirbt. Aber was ist es für ein Zeichen, wenn der öffent­lich-recht­liche Rundfunk sein einziges Programm einstellt, das – außer Live-Fußball – noch in de Lage ist, eine relevante Menge des TV-Publikums gemeinsam zur gleichen Zeit am gleichen Ort vor der Glotze zu versam­meln?
Der Grund für die Einstel­lung: Der lang­jäh­rige Moderator trat zurück, der neue hat’s nicht gepackt, und ein anderer fand sich nicht. Auch im Fernsehen herrscht also das Caudillo-Prinzip einer durch­schnitt­li­chen Diktatur: Alles hängt an einer Person, nicht an Insti­tu­tionen oder Ideologie. Wenn die Person abtritt, muss man gleich den Laden dicht machen.
Wäre das ZDF konse­quent, würde es gleich sämtliche Programm­ma­cher mitent­lassen. Denn ihre Aufgabe, Programm zu machen, erfüllen sie offenbar nicht. Man lässt einfach Mode­ra­toren, die »ankommen«, so lange live reden, bis sie den Sender wechseln, oder das Publikum sie satt hat, und ansonsten sendet man Fußball (mit im Übrigen desaströsen Inter­views und das im Fall der einst besten Sport­re­dak­tion des Fern­se­hens). Krea­ti­vität gibt es absolut gar keine.
Wo stünde das ZDF, wenn sich plötzlich keiner mehr für Fußball inter­es­sierte?

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Vor zehn Tagen erschien ein toller Text in der »Süddeut­sche Zeitung«. »Der blinde Fleck« vom Schrift­steller Ingo Schulze. Der beginnt so: »In den letzten Wochen ist ein Wort in Umlauf gekommen, das ich bisher nicht kannte. Zuerst begegnete es mir als Singular maskulin: der Russ­land­ver­steher. Nun, da es offenbar mehrere dieser Gattung zu geben scheint, kommt häufig der Plural zur Anwendung: die Russ­land­ver­steher. Und sicher­lich wird es auch hier und da eine Russ­land­ver­ste­herin geben.
Beim erst­ma­ligen Hören hatte ich geglaubt, Russ­land­ver­steher würde aner­ken­nend gebraucht, der Ausdruck bezeichne also jemanden, der Russland versteht, der um die Beweg­gründe der russi­schen Politik weiß und der all denje­nigen, die der russi­schen Politik ratlos gegenüber­stehen, diese erklären kann. Was mich über­raschte und verwun­derte, war der herab­setz­ende Sinn, in dem dieses Wort gebraucht wurde. Russ­land­ver­steher wird nicht nur kritisch, sondern abwertend verwendet, mitunter sogar als Schimpf­wort.
Es ist kein gutes Zeichen, wenn das Wort »verstehen« negativ besetzt wird. Der Versuch, jemanden oder etwas zu verstehen, ist eine unab­ding­bare Voraus­set­zung, wenn man selbst agieren will. Nur wer etwas versteht, kann sich ange­messen dazu verhalten und zwischen Zustim­mung und Wider­spruch abwägen.«
Das ist schon mal ein guter Anfang, den wir hier schon deswegen zu schätzen wissen, weil man uns gele­gent­lich »Auto­ren­film­ver­steher« oder »Berliner-Schule-Versteher« genannt hat.
Aber es geht bei Schulze noch weiter mit einer wunder­baren poli­ti­schen Fantasie: »Wie lange würden Demons­tranten bei einer unge­neh­migten Kund­ge­bung auf dem Berliner Alex­an­der­platz aushalten können, die den Sturz von Merkel und ihrem Kabinett (und am besten auch gleich noch von Gauck) fordern, weil Merkel nichts gegen die NSA unter­nimmt und maßgebend dazu beiträgt, dass Europa durch das Frei­han­dels­ab­kommen mit den USA den Welt-Konzernen ausge­lie­fert wird? Zudem fordern die Demons­tranten, dass Edward Snowden, der letzte westliche Selbst­auf­klärer, einen Ort im Westen findet, an dem er unbe­hel­ligt leben kann. Unter­s­tützt werden die Proteste mit Millionen oder Milli­arden Rubeln und Yuan, und ab und zu tauchen der russische und chine­si­sche Außen­mi­nister auf, verteilen Glücks­kekse und Pelmeni, applau­dieren den Demons­tranten und rufen unter der Weltz­eituhr: Angela Merkel, deine Zeit ist vorbei!«

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»Es geht ein Riss durch deutsche Redak­tionen. Nicht etwa unter­schied­liche Ansichten zu Russland sind es, zum Euro oder zum Fall Edathy, die zu diesem Zerwürfnis führen. Nichts scheidet deutsche Jour­na­listen mehr als das Substrat, auf dem sie publi­zieren: Selbst Print- und Onli­ne­re­dak­teure desselben Verlags­hauses leben oft in unter­schied­li­chen Sphären und pflegen die Ressen­ti­ments gegenüber der anderen Seite.«
So beginnt die ZEIT letzte Woche (14/2014; 26. März 2014) einen Text mit »12 Thesen zu Print und Online«. Ganz allgemein konsta­tieren die Autoren Bernd Ulrich und Jochen Wegner einen »Dünkel der Tradition« gegen die »Arroganz des Fort­schritts«. Zu großen Teilen geht es in dem Text leider nur um interne Probleme der Redak­tionen, um nichts was »die Leute« inter­es­siert. Denn das Konstrukt eines Konflikts zwischen »Print­re­dak­teuren mit Einsteck­tuch« und Onlinern »im Kapuz­en­pulli« mag bei der ZEIT virulent sein, inter­es­siert aber eh nur die schwin­dende Zahl fest­an­ge­stellter Redak­teure. Freie Jour­na­listen arbeiten für beide – und das sind die aller­meisten, die schreiben, Redak­teure »planen« nämlich nur, sitzen auf Konfe­renzen, und mahnen zur frühen Abgabe, damit sie »planen« und »redi­gieren« und vor allem um 18 Uhr nach Hause gehen dürfen.
Die Vorherr­schaft ist ja längst entschieden: Online erreicht mehr Leser als Print, und diese Leser sind jünger und haben mehr Geld, sind also für Werbe­kunden inter­es­santer.

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Inter­es­sant ist aber, wo die eigent­liche Front ausge­macht wird: Zwischen Jour­na­listen und den Kanni­balen: Facebook und Twitter, Google und iTunes, WhatsApp und Snapchat.
Und dann weiter: »Was vom Jour­na­lismus bleibt, sind seine Prin­zi­pien. … Jour­na­lismus unter­scheidet sich nur noch durch seine Prin­zi­pien von allem anderen, was online steht, durch seine Haltung, sein Streben nach Wahrheit. Jour­na­listen sind jene, die sich alle erdenk­liche Mühe geben, diesen Prin­zi­pien zu folgen.«

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Einen großen Fehler machen aber all jene, die glauben, Jour­na­lismus hätte vor allem etwas mit Infor­ma­tion zu tun, und die Idee einer Meinungs­ho­heit sei obsolet geworden, weil unde­mo­kra­tisch. Alles daran ist falsch: Infor­ma­tion gibt es im Netz schneller und ausführ­li­cher. Jour­na­lismus beginnt bei der gut geschrie­benen Seite 3, also einem gut geschrie­benem Text, und beim Meinungs­ar­tikel oder Kommentar, also bei der Kura­tie­rung von Infor­ma­tion. Die ist nicht etwa unde­mo­kra­tisch, hier bei Kritik & Ästhetik fangen Demo­kratie, also Meinungs­bil­dung und infor­miertes Urteil, erst an.
(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 82: Das Kunstkartell schlägt zurück

Arne Birkenstocks Beltracchi – Die Kunst der Fälschung

Die Kunst der Fälschung: Wie ein Doku­men­tar­film skan­da­li­siert wird – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 82. Folge

»Ein Kritiker muss dem Main­stream wider­stehen, er sollte die Seite stark machen, die in der öffent­li­chen Debatte gerade schwach ist. Ein Kritiker ist nur dann einer, wenn er sich als Anti-Esta­blish­ment versteht.«
Susan Sontag, mal wieder, diesmal in einer Szene in Martin Scorseses Untiteled New York Review of Books Project, der als »work in progres« auf der Berlinale lief.

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Empörung an sich mag vers­tänd­lich sein, ist aber immer auch etwas frag­wür­diges. Sehr nach­voll­ziehbar kriti­sierten gerade deutsche Medien in den letzten Jahren Empö­rungs­ten­denzen in der deutschen und inter­na­tio­nalen Öffent­lich­keit. Wenn es um die »Wutbürger« von Stuttgart ging, um Sarrazins Geschwätz von den Kopf­tuch­mä­dels, um euro­pa­feind­liche D-Mark-Freunde, um Recht­po­pu­listen oder zuletzt um Schweizer Frem­den­feinde – da standen die deutschen Jour­na­listen instinkt­si­cher gegen solch’ vermeint­lich »gesundes Volks­emp­finden«, plädierten für Vernunft, Diffe­ren­zie­rung, Objek­ti­vität. Mit anderen Worten: Für Aufklä­rung.
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Gefähr­lich wird es dann aber schnell, wenn sich Jour­na­listen einmal selbst empören. Dann kennen sie keine Gnade, dann trieft Moral und Recht­schaf­fen­heit aus jeder ihrer Zeilen, so, als sei man froh, endlich einmal das offenbar so schwere Joch der Skepsis abwerfen und ganz subjektiv drauf­los­le­dern zu dürfen. So, als fürchte man auch ein wenig die eigenen Zweifel, den eigenen Verstand, und müsse daher um so lauter sich krakee­lend gebärden. Weil es natürlich sie selbst betrifft.
So geschehen vor Jahren beim »Fall Tom Kummer«, jenem SZ-Jour­na­listen, der Inter­views frei erfunden hatte. Dass dazu immer auch ein paar Leute gehörten, die sie ihm gern und gegen alle Zweifel abkauften, wurde schnell vergessen. Erst recht die Frage, ob diese Inter­views womöglich gut und inter­es­sant zu lesen waren, ob sie in gewissem Sinn »Kunst­werke« waren, und ob die ganze Geschichte womöglich einige tiefere Wahr­heiten über den Medien­be­trieb verriet.
Noch einmal ging es so, als dann ein Film über Kummer gemacht wurde.
Und jetzt gibt es endlich wieder einen Anlass: Diesmal sind es vor allem Kunst­kri­tiker und Kunst­jour­na­listen, die mit Schaum vorm Mund und wie gleich­ge­schaltet, mit unter auch recht hirnlos und in jedem Fall ohne eine Spur Humor und Gelas­sen­heit über einen Film reden und schreiben: Die Kunst der Fälschung ist ein Doku­men­tar­film, der kommende Woche in die deutschen Kinos kommt. Er handelt von dem Fall des Malers und Kunst­händ­lers Wolfgang Belt­racchi und all den inter­es­santen Geschichten, die dazu­gehören: Belt­racchi hat über Jahrzehnte Gemälde erfunden und diese Werke als angeb­liche Originale für hohe Summen verkauft. 2010 flog der Fall auf, 2011 wurde Belt­racchi wegen gewerbs­mäßigen Betrugs zu sechs Jahren Haft verur­teilt, und in der Öffent­lich­keit zum »Jahr­hun­dert­fäl­scher« erklärt. Weiterlesen

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Über­ra­schend ist für den, der den Film gesehen hat, nicht unbedingt, dass er bei manchen auf heftige Ablehnung stößt. Über­ra­schend ist aber sehr wohl, wie einhellig und hyste­risch im Ton diese Ablehnung ist, und wie falsch sich hier oft die Redak­ti­ons­lei­tungen verhalten.

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Falsch ist erst einmal etwas Grund­sät­z­li­ches, das immer wieder geschieht, wenn es um Kino geht: Die Tatsache, dass die Film­kritik auf stillem Weg ausge­schaltet wird, wenn ein Film scheinbar von einem »Thema« handelt. Wie oft hat man das erlebt: Handelt ein Film von Fußball oder Bobfahren, schreibt plötzlich der Sport­re­porter die Film­kritik, geht es um einen Kompo­nisten darf der Musik­re­dak­teur ran, bei Ziemlich beste Freunde die Frank­reich-Korre­spon­dentin, oder die Literatur-Redak­teurin, die Roma­nistik studiert hat, bei Die Mühle und das Kreuz die Kunst­re­dak­teurin, und bei Harry Potter die Mode­fach­frau, die einfach Fan ist.

Das ist einer­seits ein vertret­barer Ansatz und soll auch gar nicht grund­sät­z­lich verdammt werden. Es belegt aber die Gering­s­chät­zung des Kinos als Kunst, es beweist die Tatsache, dass man der Ansicht ist, von Film müsse man eigent­lich nicht mehr verstehen, als jeder im Publikum, um das Werk beur­teilen zu können, von Kunst (oder Literatur, oder Frank­reich oder Fußball) aber schon. Wäre es anders müsste dann ja konse­quen­ter­weise, wenn umgekehrt Harun Farocki im Museum Ludwig ausstellt, oder Haneke eine Oper insz­e­niert, oder Petzold ein Thea­ter­stück, dann »der Film­kri­tiker« zuständig sein. Das ist aber keines­wegs der Fall.

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Die Kunst der Fälschung wird nun in den ersten Berichten konse­quent von Kunst­kri­ti­kern bespro­chen, nicht von Film-Experten. Das Ergebnis ist fatal. Zum einen ist es überaus ober­fläch­lich: Regisseur Arne Birken­stock wird ständig überaus billigen persön­li­chen Anfein­dungen und Unter­stel­lungen ausge­setzt – er ist nämlich der Sohn von Belt­rac­chis Anwalt, was ihm
überhaupt einen Vertrau­ens­vor­schuss und den Zugang zu diesem verschaffte. Natürlich hat er sich damit auch Blößen gegeben, und gewis­ser­maßen angreifbar gemacht. Ande­rer­seits ist die Sippen­haft in Deutsch­land abge­schafft, und die ande­ren­orts doch so unpar­tei­ischen und unvor­ein­ge­nom­menen Kollegen scheinen zu vergessen, dass der Anwalts­beruf nichts ehren­rüh­riges ist. Selbst gestän­dige Verbre­cher haben das Recht auf best­mög­liche Vertei­di­gung.
Zumindest könnte man ja Arne Birken­stock einmal die Frage stellen, warum und inwiefern er sich eigent­lich für unbe­fangen hält, oder wie er mit möglicher Befan­gen­heit umgeht.
Das fragt aber keiner, statt­dessen wird der Film behandelt wie eine Fort­set­zung des Plädoyers der Vertei­di­gung.

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Dafür müsste man den Film aller­dings erst mal überhaupt angucken. Was nicht ausrei­chend geschieht: Mit mehr als einer Handvoll Redak­teuren habe ich allein an diesem Mittwoch über den Fall Belt­racchi und über Birken­stocks Film disku­tiert – kein einziger hatte den Film gesehen, aber alle wussten Bescheid: Es gehe doch nicht, dass man einem Krimi­nellen auch noch den Roten Teppich ausrolle, meinte eine, ein anderer erzählte vom »Hype« um Belt­racchi, und davon, dass er »durch alle Talkshows gereicht« werde. Ist das Neid auf die Kollegen, oder gar Belt­racchi selbst. Man könnte das zum Anlass einer geist­rei­chen Betrach­tung über die Seele im medialen Zeitalter nehmen: Ist eigent­lich die Talkshow schuld, oder der Talk­show­gast?

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Statt dass man über diesen Film vernünftig und sach­ori­en­tiert debat­tiert, trium­phieren Halb­wissen und plumpe Gesinnung. Alles ist dermaßen einseitig, mit immer denselben Gesich­tern soge­nannter »Experten« – der offenbar sehr medi­en­af­fine Ermittler, und ein unbedingt medi­en­af­finer Buchautor, die ihre immer­glei­chen Sätze in alle Kameras sagen, egal, ob die ihnen nun von »Aspekte« oder von »ttt« vor die Nase gehalten werden.
Gesinnung trium­phiert. Main­stream-Gesinnung.

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Was dieser Fall eigent­lich belegt, ist, dass die Debatten- und Streit­kultur in Deutsch­land auf den Nullpunkt gekommen ist. Verstanden sich Jour­na­listen einst als Hecht im Karpfen­teich, war es Berufs­ehre, »Anti-Esta­blish­ment« (Susan Sontag) zu sein, schwimmen sie heute am liebsten im Schwarm, denn da ist es wärmer.
Sie sind Mitmacher.
»Manu­fac­tu­ring Consent« – was Noam Chomsky vermeint­lich ein bisschen paranoid für die Privat­fern­seh­sender der 80er-Jahre beschrieben hat, trifft längst auch auf große Teile der europäi­schen Medien, auf viele öffent­liche Sender und soge­nannte Qualitäts­z­ei­tungen zu: Überall steht das Gleiche, man verstärkt nur gegen­seitig den Lärm.
Selten habe ich mich so an Chomsky erinnert gefühlt wie dieser Tage.

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Die herr­schenden Empörer stellen die andere Seite gleich als Gegner moralisch in die dunkle Ecke und ersticken jede ernst­hafte Debatte im Keim. Ist ja klar, wer die Guten sind. Weil die Empörer ihre Meinung mit Gesinnung verwech­seln, und aus einem facet­ten­rei­chen Thema eine Grund­sat­zfrage machen, bei der die Moral­keule ausge­packt und drauf­los­ge­dro­schen wird.

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In diesem Fall geht es aber noch um etwas anderes, nicht um Moral, sondern um ihre hässliche Schwester, die Unmoral: Der Kunst­szene wurden Belt­racchi und sein Fall zum Objekt großer Aggres­sionen, schwan­kend zwischen Hass und Verach­tung. Das liegt ganz offen­kundig nicht allein daran, dass sie von Betracchi an der Nase herum­ge­führt wurde, oder an den hohen Beträgen, die von Galerien, Museen und Sammlern auf seine Konten flossen – denen übrigens noch weit höhere Einnahmen auf der Händ­ler­seite nach­folgten, von denen Belt­racchi nichts hatte. Sie liegt mindes­tens ebenso sehr in der Tatsache begründet, dass der Fall Belt­racchi und seine Folgen plötzlich grelles Licht auf eine Szene warfen, die selbst sehr daran inter­es­siert ist, ihren Geschäften in einem diffusen Halb­dunkel aus Diskre­tion und Insi­der­wissen, Heim­lich­tuerei und persön­li­chen Bezie­hungen, gegen­sei­tigen Gefallen und Exper­ten­krä­merei, Barzah­lung und Gerücht zu nach­zu­gehen. So ist es für nahezu alle Beob­achter kaum zu glauben, dass über drei Jahrzehnte niemand Verdacht schöpfte, keiner nach­fragte, was es mit der Herkunft der plötzlich auftau­chenden Belt­racchi-Bilder auf sich hatte. Auch bleibt unver­s­tänd­lich, wie sich namhafte Kenner, ob der geschäft­s­tüch­tige Max-Ernst-Experte Werner Spies oder die Leitung des Kunsthaus’ Lempertz über Jahre täuschen ließen – es sei denn, man stellt die Tatsache in Rechnung, dass sie mit bezahlten Gutachten und lukra­tiven Aukti­ons­er­geb­nissen noch weit mehr verdienten, als die Fälscher.
Zudem steht ein zentraler Verdacht, der neben der Kompliz­en­schaft womöglich noch wichtiger ist, weiterhin unwi­der­legt im Raum: der, dass die größte Zahl der von Belt­racchi gefer­tigten Bilder weiterhin unent­larvt als vermeint­li­ches Original in Museen und Samm­lungen hängt. Ohne Frage haben hier viele Seiten kein Interesse an echter Aufklä­rung.

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Man hat hier also den unbe­dingten Eindruck, dass das Kunst­kar­tell zurück­schlägt, und gut orga­ni­siert einen Film, den es nicht verhin­dern konnte, nun auf anderem Weg fertig­zu­ma­chen versucht.

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Die Jour­na­listen, die über Kunst und Galerien und die Kunst­szene berichten, nagen an den Knochen, die von diesen reich gedeckten Tafeln abfallen. Manche dürfen sogar selbst am Tisch Platz nehmen. Sie brauchen das Wohl­wollen und die Gunst der Szene. Dass sie sich diese nicht verscherzen wollen, dass sie sogar etwas tun, um ihre Position zu verbes­sern, oder viel­leicht mal selbst ein hübsches Gutachten oder einen Kata­log­auf­satz zu schreiben, oder einen Kura­tor­sessel zu wärmen, kann man ihnen noch nicht einmal unbedingt verdenken. Auch wenn es nicht hübsch aussieht.

Schuld haben hier die Redak­tionen und Verlage, die sie nicht aus der Schuss­linie nehmen, die ihre Position nicht derart sichern, dass derlei Gunster­weise undenkbar wird. Eine Ursache ist auch, dass man offenbar gar nicht mehr den Willen und die Lust hat, aufzu­klären und einmal das System Kunst­be­trieb ehrlich in den Blick zu nehmen. Dass alle nur dabei sein und dazu­gehören wollen.

Ursache ist also letztlich das auf den Hund gekommene Selbst­ver­s­tändnis der Kritik. Von uns allen natürlich. Denn Film­kri­tiker sind nicht besser. Viele von uns verraten die Profes­sion genauso schnell, wenn es mit Macht und Geld gelohnt wird. Wir bieten kein Bild, dass die Kunst­kritik-Kollegen zwingen könnte, sich ein Beispiel zu nehmen.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 80: Die alten Ängste der jungen Frauen

Korinna Kraus als Fräulein Else | © HFF & Anna Martinetz 2013

Soll das wirklich die Zukunft des deutschen Kinos sein? Große Vorbilder, Deutsche und die Filmwelt, Genre­mo­tive und verspielte Zukunft: Das beste deutsche Kino liegt jenseits der Arte-Povera – und andere Beob­ach­tungen beim beim 36. »Festival Max-Ophüls-Preis« – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 80. Folge

»War is an uncertain thing. The enemy has a brain, they adapt and adjust, and as Dwight Eisenhower said ‘the planning is important, but the plan is nothing.’«
Donald Rumsfeld
»Aber ich liebe Euch doch alle!«
Erich Mielke
»…und dann und wann ein weißer Elephant.«
Rilke

Schwarze Tage an der Börse, mal wieder. Else, ein Mädchen aus gutem Haus, verwöhnt gewiss, aber weder dumm noch abgehoben, wird von ihren Eltern den Gläu­bi­gern zum Fraß vorge­worfen: Sie soll einen Reichen heiraten, damit der Kredit der Alten weiter fließt – ein Opfergang von ganz irdischem, also unge­heurem Ausmaß. Arthur Schnit­zler schrieb seine auch heute noch atem­be­rau­bende Novelle Fräulein Else im Jahr 1924, also noch vor der großen Welt­wirt­schafts­krise – voller Vorahnung und auch als Kunstwerk seiner Zeit voraus, handelt es sich doch um den ersten inneren Monolog der Lite­ra­tur­ge­schichte. Das ist schwer für Filme­ma­cher und im Gegensatz zu anderen Schnit­zler-Stoffen wurde diese Novelle kaum verfilmt. Nur Paul Czinners Stummfilm von 1928, noch zu Schnit­z­lers Lebzeiten mit Elisabeth Bergner, blieb im Gedächtnis.
Anna Martinetz hat es jetzt für ihren Münchner Regie-Abschluss gewagt, mit wunder­barem Ergebnis, den die Regis­seurin nicht zuletzt ihrem Mut zu verdanken hat. Im Wett­be­werb des Saar­brü­cker »Festival Max-Ophüls-Preis« hatte Martinetz’ Version jetzt Premiere, die den Stoff unter Deutschen in einem post­ko­lo­nial-deka­denten, zugleich pracht­voll traum­ver­wun­schenen Indien spielen lässt, in dem alles dem Verfall preis­ge­geben scheint – bis auf die Natur, die hier in Gestalt von Tigern und Elefanten so wild wie überlegen auftritt. Dies ist so phan­tas­tisch wie klug wie fürs Publikum mitreißend – es stach zudem ins Herz der Zeit, weil Martinetz eine moralisch korrupte Eltern­ge­ne­ra­tion zeigt, die die Zukunft ihrer Kinder verspielt. Nicht die Erben sind das Problem, sondern die Erblasser.
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Dieser beste Film im Wett­be­werb wurde aber leider von der Jury ebenso ignoriert, wie Johanna Moders High Perfor­mance, der immerhin den Publi­kums­preis bekam und Rick Oster­manns Wolfs­kinder, High­lights in einem starken Saar­brü­cker Jahrgang, der viele Filme voller Kraft, Spiel­freude, Farben und Liebe zum Kino bot.
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Statt­dessen folgte man bei den Preisen dem neuesten Trend des deutschen Kinos: Sowohl Jakob Lass’ Outsider-Amour-Fou Love Steaks (Ophüls-Preis) als auch Isabel Subas Filmszene-Satire Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste (»Preis für den gesell­schaft­lich rele­vanten Film«; »Preis der Jugend­jury«) verbinden Newcomer-Charme und aktiv ausge­stellten Unab­hän­gig­keits­gestus mit einem, am ehesten von den Briten Ken Loach und Mike Leigh beein­flussten Sozi­al­rea­lismus und hoffent­lich nur ökono­misch bedingter Arte Povera. Das ist sympa­thisch, clever gemacht und gut anzusehen; aber soll das wirklich die Zukunft des deutschen Kinos sein? Trotz allem Indie-Flair sind beide Filme viel mehr auf der sicheren Seite, als anderes: WOLFSKINDER etwa gelingt zwar längst nicht alles, doch dafür versucht Rick Ostermann immerhin viel mehr als viele andere: Seinem Film sieht man an, dass er Rossel­lini ebenso kennt, wie Malick, und dass er sich nicht naiver stellt, als er ist – vielmehr versucht Oster­maann in dieser Geschichte um eine Gruppe eltern­loser Kinder im Nach­krieg­s­chaos 1946 (die bereits im Sommer in Venedig Premiere hatte), mit beschei­denen Mitteln an die großen Vorbilder anzuknüpfen. In manchen Momenten gelingt das Unter­fangen.

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Große Vorbilder haben auch Johanna Thalmann (München), die mit Mute eine Kurz­ge­schichte von Stephen King verfilmte, und die Berli­nerin Lisa Violetta Gaß: A Promissed Rose Garden spielt unter den 20.000 Viet­na­mesen, die in Berlin eine wenig bekannte eigene große Community bilden und verbindet gekonnt das Gangs­ter­genre mit dem Melodram – ein leiden­schaft­li­cher Film. Auch »Mute« ist eine sehr souveräne Fingerübung, der Horror­film
mit Roadmovie-Motiven mischt. Beide mittel­langen Werke vereint das unter­grün­dige Sujet des ‘Desperate Housewife’, verzwei­felter, nicht mehr ganz junger Frauen, sozusagen erwachsen gewor­dener Fräulein Elses – und weil beides von Regis­seu­rinnen stammt, muss man vermuten, dass hier auch eigene Ängste vor Liebes­schmerz und weib­li­cher Abhän­gig­keit in Männer­welten verar­beitet werden. So oder so waren das zwei heraus­ra­gende filmische Visi­ten­karten – wieder einmal erweist sich Saar­brü­cken jenseits aller Jury­ge­schmä­cker als beste, verläss­lichste Talent­schmiede und Nach­wuchs­schau des deutschen Films.

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Mittel­lange Filme sind Spiel­filme im Kleinen – abge­speckt, oft konz­en­trierter, verdich­teter, als die 80+X-Minuten-Filme, von denen jeder zweite zu lang geraten ist.

Ein grund­sät­z­li­ches Problem des dies­jäh­rigen Wett­be­werbs liegt woanders: Saar­brü­cken ist ein zu gutes und zu wichtiges Festival, als dass man Love Steaks, der bereits vor sieben Monaten in München vier Preise gewann und weitere danach, hier noch einmal zusammen mit neuen Filmen nach­spielen sollte – mit dem Verzicht auf Erst­auf­füh­rung tut sich dieses ansonsten tolle Festival einen Bären­dienst an.
Sonst sieht man dann immer wieder den gleichen Film, die gleichen Preise.
Eine weitere Beob­ach­tung: Berliner Schule ist out! Kein einziger Film im Wett­be­werb lernt auch nur annähernd beim Stil der Berliner. Ob das gut ist? Warten wir’s ab. Allemal gibt es dann nun bald auch die billige Ausrede des Berliner-Schule-Bashings nicht mehr. Und die entschei­dende Frage ist natürlich: Wo wenn nicht dort, liegt denn dann die Zukunft des deutschen Kinos?

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Wie Love Steaks soll auch HIGH PERFORMANCE impro­vi­siert wirken, ohne es zu sein, nimmt sich im Vergleich aber weit weniger ernst.

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Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste ist wirklich impro­vi­siert. Ein merk­wür­diger Film, der auch nicht unbedingt zwei Preise hätte gewinnen müssen, aber immer anregend ist. Am Anfang bekommt man einen Schreck, weil man Minuten lang Leuten zusieht, die schlecht aussehen und sich schlecht benehmen, einander nur anschreien. »Lustig, lustig« signa­li­siert die Musik – so was ist auch immer kein gutes Zeichen.

Es ist dann so ein Film, in dem Filme­ma­cher beim Festival in Cannes einen Film über das Festival gedreht haben – ein gefähr­li­ches Unter­fangen, dem man nicht deshalb schon alles verzeiht, weil es wahn­sinnig anar­chis­tisch tut, und viel­leicht sogar ist. Denn wie auch immer sieht man schon nach fünf Minuten Agnes Varda, ohne das der Film irgendwas draus macht – soviel Mut hatten sie dann doch nicht. Als ob die Filme­ma­cher nicht wussten, wer das da ist. Was sie natürlich wussten. So sehen wir einen Film, der in jedem Sinn sehr sehr deutsch ist, und vor allem deshalb inter­es­sant, weil er unbewusst vor allem von dem Problem­feld »Deutsche und die Filmwelt« erzählt, und alle Komplexe enthält, die Deutsche gegenüber Cannes immer noch haben. Am besten funk­tio­niert dies dennoch als ungelenke Hommage AN DAS MEKKA DES KINO. Und natürlich dieses ewige Klischee von den Ober­fläch­lich­keiten der Filmwelt, auf dem hier endlos herum­ge­ritten wird.
Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste macht sich über den Glamour von Cannes lustig und zehrt doch von ihm.

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Alles bleibt chaotisch und ziemlich Hand­ar­beit, erinnert darin an Muxmäu­schen­still, der irgendwie ganz gut war und irgendwie von Anfang an über­schätzt, auch so ein Ex-Saar­brü­ckener one-hit-wonder, von dem man später nie wieder was gehört hat.

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Ich finde, es reicht jetzt mit Love Steaks! Ich finde diesen Erfolg über­trieben. Extrem über­trieben und in der Summe ungerecht. Das sind zu viele Preise und zu viel Preisgeld im Vergleich zur Qualität des Films und im Vergleich ungerecht gegenüber denen, die da leer ausgehen, oder auch gegenüber einem Film wie OH BOY, der sehr viel mehr filmische Qualitäten hat.
Ich geb’s zu: Ich verstehe nicht, warum Love Steaks einen derar­tigen Erfolg hat. Manche, man kann das nicht anders sagen, fallen da auf Effekte herein. Mein persön­li­cher Verdacht ist, dass Love Steaks deshalb so erfolg­reich ist, weil er die feuchten Träume aller Film­för­derer ebenso bedient, wie das Ressen­ti­ment ihrer Gegner. Denn dies ist ein Film, der kaum was kostet und viel Geld verdient. Das wollen Förderer. Und der diesen »einfach machen«-Gestus hat, den man sich immer wünscht, der Film­för­de­rung ignoriert.
Zugleich ist es so einer jener typischen Filme, in denen sich ein Festi­val­pu­blikum lustig macht über Leute, die unter ihnen stehen. Deutscher Humor.

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»Der Film stört keinen« sagt ein Freund, den ich nach einer Erklärung frage. Ich finde den Film nicht schlecht und in vielem ganz inter­es­sant: Unge­wöhn­liche Figuren, gutes Setting, spannende Machart, unver­kenn­bare Leiden­schaft. Ok. Was anderes muss man aber auch sagen: Ich hab ihn jetzt zweimal gesehen, und will ihn wirklich nicht zum dritten Mal gucken. Mir ist diese völlige, totale Abwe­sen­heit von Glamour fremd – dies ist einfach nicht die Art von Kino, die ich wirklich gern sehe, wegen der ich Film­kri­tiker geworden bin.

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Eine kurze knappe Bemerkung noch zur Entschei­dung des Bundes­ver­fas­sungs­ge­richts zur Film­för­de­rung gestern: Das Urteil ist gut und richtig, löst aber kein einziges Problem. Denn es bestätigt nur das Soli­da­rität­s­prinzip der Förderung und die Verant­wor­tung des Bundes, die dieser nicht wahrnimmt.
Der Verband der deutschen Film­kritik (VdFk) begrüßt in seiner Pres­se­er­klä­rung das Karls­ruher Urteil. »Soli­da­rität ist gerade in Kultur­fragen ein wichtiger Maßstab. Es kann nicht sein, dass sich wenige reiche und mächtige Unter­nehmen aus der Soli­dar­ge­mein­schaft des Kinos verab­schieden.« erklärt Frédéric Jaeger vom VdFk.
Klar ist uns allen ab er auch, dass diese positive Nachricht nicht von den bekannten vorhan­denen Miss­ständen ablenken darf. Vor allem die Position der Autoren und Regis­seure muss jetzt gestärkt werden, ebenso die Position der Produk­ti­ons­un­ter­nehmen gegenüber den Verwer­tern. Allen Ebenen muss auch die Unab­hän­gig­keit des Kinos gegenüber der Einfluss­nahme des Fern­se­hens gestärkt werden. Die im europäi­schen Vergleich einmalige Umklam­me­rung des Kinos durch das Fernsehen muss ein Ende haben.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 79: Mas que nada – die Kunst der Maskerade

Otto Gebühr in der Rolle Friedrich des Großen

Der Schau­spieler denkt, die Rolle lenkt: Aneig­nungen, Abgren­zungen, Verschmel­zungen – wenn Schau­spieler unter die Haut von Promi­nenten schlüpfen – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 79. Folge

Bevor wir uns heute mal komplett der Kunst des Schau­spiels zuwenden, ist ein drin­gender Hinweis nötig: Auf die Howard Hawks Retro­spek­tive, die noch bis zum 30. Januar im Berliner Arsenal zu sehen ist. Wem der Weg zu weit ist, dem empfehlen wir den Gang zur Videothek. Denn bei Hawks kann man auch viel über Schau­spiel­füh­rung lernen. Und das ist unser Thema.
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Der Mensch ist das nach­ah­mende Tier. Auch wenn Forschungen längst belegt haben, dass Nach­ah­mung bei Tieren nicht vorkommt, gilt weiterhin: Das »Nachäffen« wird Kindern schon verboten, die Schau­spieler müssen es im Fall des Falles mühsam lernen. Ihnen zu Hilfe kommt die Masken­kunst, neuer­dings auch Compu­ter­technik. Der Mensch also – ein masken­bil­dender Affe?
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Der Mensch, schrieb der protes­tan­ti­sche Pfarrer Johann Caspar Lavater im 18. Jahr­hun­dert in seinen »Physio­gno­mi­schen Frag­menten«, bestehe aus Ober­fläche und Inhalt. Das Äußere sei aller­dings nichts als der Ausdruck des Innern. Auch wenn Lavater diese Grund­an­nahme dann zu einer eher schlichten Moral­theorie weiter­ent­wi­ckelte, die allzug­rad­linig vom »Häss­li­chen« aufs »Böse« schloss, lohnt es sich, einen Moment bei ihr zu verweilen.
Nicht nur enthält sie implizit eine frühe Theorie des »Method Acting« – die hat Lavaters Schema nur umgedreht, und demzu­folge mehreren Schau­spiel­er­ge­ne­ra­tionen weis­ge­macht, um einen Charakter wirklich gut spielen zu können, müsse auch der Darsteller selbst sich in ihn verwan­deln, müsse er die Leiden, die Traumata oder das Glück seiner Figur selbst empfinden und also weniger »spielen« als »sein«. Das ging in der Praxis dann bekannt­lich bis zu körper­li­chen Entstel­lungen: Fress- oder Abnehmor­gien, antrai­nierte Muskeln und abtrai­niertes Fett schinden bei Schau­spiel­preis­jurys bis heute oft mehr Eindruck, als Nuancen und Subti­litäten. Weiterlesen

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Da steht er, der Schau­spieler, mit feuer­rotem Kunst­stoff über größeren Partien seines Kopfes. Auch der Anzug, den er trägt, ist knallrot, bis auf die dicken Werbe­banner, auf denen »Ferrari« zu lesen ist, und das gelb­schwarze Wappen der italie­ni­schen Autofirma. Sein Unter­kiefer ist leicht zurück­ge­zogen, so dass die Schnei­de­zähne auch zu ahnen sind, wenn er nicht spricht. Und wenn er es tut, dann ist es ein leicht ätzender, unver­kennbar niederös­ter­rei­chi­scher Dialekt, der in knappen Sätzen, langsam und doch stoßweise seine schmalen Lippen verlässt – das muss einfach Niki Lauda sein, denkt man; es ist aber dann doch Daniel Brühl in einem eindrucks­vollen Auftritt in der Rolle der »Formel 1«- Legende in Ron Howards RUSH, der im letzten Herbst ins Kino kam.
Schau­spiel­kunst, das ist unter anderem die Kunst des Typischen und des Typi­sie­rens – und gerade wo sie mit der Nach­ah­mung einer allgemein bekannten, medial präsenten Person verbunden ist, ist es auch die Kunst der Reduktion auf ganz wenige Gesten und Eigen­schaften. Es geht um schnelle, eindeu­tige Wieder­er­kenn­bar­keit, um Verschmel­zung mit dem Vorbild.

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Mehr denn je ist Schau­spiel­kunst heute aber auch die Kunst der Maske. Viel­leicht liegt es am schieren tech­ni­schen Fort­schritt, der das Handwerk des Masken­bild­ners zunehmend in eine Gesichts­chir­urgie zweiter Ordnung verwan­delt, in plas­ti­sches Design, unter­s­tützt noch durch die neuen Möglich­keiten der compu­ter­gra­phi­schen Mani­pu­la­tion von Bildern. Das Kino, das einst als Medium der Wahr­haf­tig­keit, der »Errettung der äußeren Wirk­lich­keit« (Siegfried Kracauer) antrat, ist dies allein schon längst nicht mehr – es ist ebenso das Medium ihrer Verän­de­rung, der Vortäu­schung einer anderen, zweiten Welt.
Viel­leicht liegt es auch am »Visual Turn«, an der schieren Menge der Bilder, ihrer Dauer­prä­senz und am quali­ta­tiven Bedeu­tungs­zu­wachs, den man ihnen zuspricht. Dem Publikum, das am Ende ja zumeist weiß, dass es nicht der Promi­nente Y ist, sondern der Schau­spieler X, der da als Y auf der Leinwand zu sehen ist, möchte trotzdem das X für ein Y vorge­macht bekommen, und das immer perfekter.
Obwohl zum Beispiel jeder deutsche Zuschauer weiß, wie Adolf Hitler aussah, obwohl man auch ohne eigene Bemühung bewegten Bildern und Tonauf­nahmen des deutschen Diktators und Völker­mör­ders begegnet, und obwohl die aller­meisten Besucher von Dani Levys Komödie Mein Führer vermut­lich auch eine recht genaue Vorstel­lung des Komikers Helge Schneider hatten, war dessen Auftritt in der
Titel­rolle ganz und gar von der Maske und dem – allzu! – erkenn­baren Streben nach äußer­li­cher Ähnlich­keit dominiert.
So sehr diese äußer­li­chen Ähnlich­keiten immer verblüf­fender werden, so sehr gilt, dass es mit ihr allein und der reinen Maske trotzdem nicht getan ist. Erinnern wir uns an Meryl Streeps gefei­erten Auftritt in der Rolle der Margaret Thatcher. So sehr Streep mit Maske und Kostüm sich dem Vorbild auch annäherte – der Eindruck eines großen Auftritts und der großen Ähnlich­keit mit ihrem Vorbild entstand durch etwas anderes: Es war die Stimme und es waren die Bewe­gungs­ab­läufe, durch die Streep mit der ehema­ligen briti­schen Premier­mi­nis­terin nahezu voll­kom­menen zu verschmelzen schien.
Der Auftritt Brühls als Lauda ist übrigens eher die Ausnahme von der Regel, weil es einen noch Lebenden betrifft, und er in das Paradoxon mündet, dass der Darge­stellte die Darstel­lung nun wieder seiner­seits im Vorfeld des Film­starts kommen­tiert und das geneigte Publikum darüber infor­miert, inwiefern er sich getroffen fühlt.

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Allemal ist schon die Maske als solche ein höchst doppel­sin­niges wider­sprüch­li­ches Ding, und die ursprüng­liche Vorstel­lung von Maske und Maskerade hat sich stark gewandelt: Waren Masken von der Antike bis in die frühe Neuzeit ursprüng­lich noch Mittel zur Stili­sie­rung, also des oben erwähnten Typi­sie­rens, zeigten sie als ins Stereo­type zuge­spitzte Ausdrucks­formen Tempe­ra­mente und Gefühls­zus­tände – zum Beispiel Freude, Trauer, Wut, Gelas­sen­heit –, war ihr Zweck also vor allem die Reduktion von Indi­vi­dua­lität, deren Sitz tradi­tio­nell im Gesicht ange­nommen wurde, so dienen moderne Masken, also Make-Up und plas­ti­sche Verän­de­rungen des Gesichts vor allem zur Stei­ge­rung und Heraus­ar­bei­tung des Indi­vi­du­ellen einer Rollen­figur.

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Warum aber nun die Faszi­na­tion der Zuschauer für die Darstel­lung Promi­nenter? Es ist die Lust an der perfekten Nach­ah­mung und die Lust am Voyeu­rismus. Auch die berühmte, durch Medien und Wissen­schaft längst »abge­deckte« Person, soll durch den Auftritt als Haupt­figur eines Kino­spiel­films und durch einen promi­nenten Schau­spieler, der sie »verkör­pert«, noch einmal anders, nämlich als Indi­vi­duum und vor allem »als Mensch« wahr­ge­nommen werden; es soll ihre den Medien geschul­dete Entrückt­heit reduziert, sie soll »dem Publikum nahe­ge­bracht« und ihr Charisma verall­täg­licht werden – selbst wenn es sich um so ein moralisch-poli­ti­sches Monster handelt, wie Hitler, dessen Darstel­lung durch Bruno Ganz in Der Untergang von Produk­tion und Werbe­kam­pagne offensiv mit der Fest­stel­lung vermarktet wurde, hier nun sei endlich »Hitler als Mensch« zu sehen. Der Spielfilm als imaginäre Home-Story.
Wenn ein Darsteller sich auf eine solche Rolle einlässt, kommt es zwischen beiden zu wider­strei­tenden Anzie­hungs- und Abstoßungs­be­we­gungen, die beide Teile nicht unberührt lassen. Drei Fragen stellen sich in so einem Fall immer wieder: Was macht dies mit der Figur, also mit dem, der darge­stellt wird? Was macht es mit dem, der sie darstellt? Und was macht es mit uns, dem Publikum?
Die Rede ist hier zwangs­läufig nur von solchen Promi­nenten, die im Bild­ge­dächtnis des Publikums gut genug verankert sind, so gut, dass es eine deutliche und präzise Vorstel­lung vom Aussehen des Vorbilds hat. Das können auch Personen längst vergan­gener Jahr­hun­derte sein – etwa der britische König Heinrich VIII., der in zahl­rei­chen Gemälden des 16. Jahr­hun­derts visuell verewigt worden ist. An diese knüpften auch sämtliche Kino­dar­stel­lungen an, von Charles Laughton bis Richard Burton bewegen sie sich in einem relativ eng defi­nierten Bild- und Darstel­lungs­rahmen. Für Heinrichs Tochter, die »Virgin Queen« Elizabeth I. gilt das viel weniger, was nicht zuletzt daran liegt, dass es von ihr viel weniger Bild­ma­te­rial gibt, und diese Vorlagen in sich viel unpräziser, und schlechter im breiten Bild­ge­dächtnis verankert sind. So sieht der Zuschauer viel eher Elisabeth Taylor oder Cate Blanchet als Königin Elizabeth.

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Das eigent­liche Problem, aber auch Reiz und Faszi­na­tion der Aneignung stellt sich natur­gemäß vor allem bei modernen Vorbil­dern, deren sinnliche Erschei­nung durch Photo­gra­phie, Film und Tonauf­nahmen recht präzis fest­ge­halten und ein Vergleich zwischen echt und unecht jederzeit leicht möglich ist. Katja Flint als Marlene Dietrich (Marlene) schei­terte zwischen
Tingel­tangel und Grande Dame vor allem am über­großen Vorbild. Leonardo di Caprio als Aviator Howard Hughes hat es leicht, weil man vom Vorbild zu wenig Bilder kennt; von di Caprio als J. Edgar Hoover in Clint Eastwoods Biopic bleibt unter lauter Maske, die sein Spiel wie plumpes Grimas­sieren, die Mimik wie Char­gieren wirken lässt, nicht viel mehr übrig als ein grotesker Gesamt­ein­druck, gele­gent­lich unter­bro­chen von einer tatsäch­lich sensiblen Sprache der Augen. Ansonsten dominiert die Maskerade, und entwi­ckelt ihren Eigensinn. Der Schau­spieler denkt, die Rolle lenkt.
In solchen Auftritten kehrt das Masken­hafte in seiner ursprüng­li­chen Bedeutung zurück, die Maske löst sich vom Gesicht.

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Gerade unsym­pa­thi­sche, »böse« und furcht­bare Figuren machen die fürs Spiel notwen­dige Aneignung schwer, und oft ist hier etwas von der Spannung des Schau­spie­lers zwischen Wider­willen und Faszi­na­tion erkennbar.

Bruno Ganz als Hitler sieht insgesamt viel zu gut aus, vergli­chen mit dem verknif­fenen Ausdruck des licht­scheuen Klein­bür­gers im Führ­er­bunker; sein Mund ist groß und breit, vergli­chen mit dem kleinen des Diktators. Ganz verwan­delt den Schurken in einen Kranken: Man sieht einen, der zunehmend den Kontakt zur Realität verliert, keinen, der fort­wäh­rend mordet, und bald schleicht sich Empathie, irgend­wann Mitleid in die Betrach­tung ein. Der Hitler Tobias Morettis – in Speer Und Er – dagegen hat zwar in der Sprache Hitlers authen­ti­sche öster­rei­chi­sche Färbung, ist aber in seiner ganzen übrigen Anmutung, seinen Wiener Schmäh, zu sehr ein schmie­riger Goss­enkomö­diant, eher ein Ferdinand Marian (den Moretti in Roehlers Jud Süss hervor­ra­gend verkör­perte), um das dämo­ni­sche Charisma des Führers und Reichs­kan­z­lers auf dem Gipfel seiner Macht zum Ausdruck zu bringen. Wie dieser ist auch der Hitler Martin Wuttkes zu kräftig, zu körper­lich in-sich-ruhend, um die Nervo­sität, die Ange­spannt­heit und das gleichz­eitig Schlaffe, Teigige der sehr spezi­ellen Körper­lich­keit Hitlers zu fassen – allen diesen Hitler-Darstel­lungen fehlt es am Entschei­denden: Ihnen gelingt es nicht, ein Gefühl dafür zu wecken, wie dieser Mann ein ganzes Volk in seinen Bann ziehen und zur Aufgabe aller zivi­li­sa­to­ri­schen Hemmungen verführen konnte. Je näher man eine Gestalt wie Hitler anschaut, desto ferner blickt sie zurück.
Am ehesten »funk­tio­niert« in dieser Hinsicht immer noch Chaplins Grosser Diktator, doch auch die Karikatur ist nur eine andere Form des Auswei­chens vor dem Gegen­stand. Doch immerhin die Dämonie, das Böse bleibt hier gesichert – darum zeigt auch Fritz Lang in seinem harten Film Noir über das Attentat auf Heydrich Hangmen Also Die! (»Auch Henker sterben«) gerade die Nazi-Größen, wo sie einen Namen und ein reales Vorbild haben, als Witz­fi­guren.
Eine andere Form der Distan­zie­rung und der Vermei­dung gewisser Stereo­typen wählte Todd Haynes: In seinem Bob-Dylan-Biopic I’m Not There ließ er die Haupt­figur abwech­selnd von nicht weniger als sechs verschie­denen Darstel­lern verkör­pern. Die sechs Figuren stehen für sechs Facetten sowie Lebens­phasen Dylans, für seine gewis­ser­maßen multiple Persön­lich­keit.

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Ein anderes Phänomen: Dass Schau­spieler und Rolle verschmelzen. Bekann­testes Beispiel: Otto Gebühr, der die Rolle des »Alten Fritz« Friedrich II. von Preußen seit 1923 in den folgenden Dekaden über zwanzig Mal spielte. In der ständigen Ausstel­lung des Frank­furter Film­mu­seums ist Gebührs verblüf­fende Verwand­lung schritt­weise darge­stellt – das Ergebnis wird zur Ikone des deutschen Kinos. Das liegt auch daran, dass sich der Schau­spieler bereits an einer ikoni­schen Darstel­lung orien­tierte: An Adolph Menzels verklä­rendem Bilder­zy­klus, gipfelnd im Flöten­kon­zert Von Sanssouci, dessen Nach­drucke zwischen Reichs­grün­dung und Stunde Null in keinem bürger­li­chen Wohn­zimmer fehlten. Der Preußen­my­thos, den bereits Menzel begründet, wird also von Gebühr gewis­ser­maßen verdop­pelt. Gebühr und Menzels Friedrich und das reale Vorbild verschmelzen sich zu einer Figur, deren einzelne Elemente unun­ter­scheidbar geworden sind.
Wenn dagegen Tom Cruise in der Rolle des Hitler-Atten­tä­ters Claus Graf Schenk zu Stauf­fen­berg zu sehen ist, dann leiht der Darsteller sein als Action­held erwor­benes Glamour-Kapital, sein Charisma dem neuen Objekt, das politisch nicht völlig unum­stritten ist, zudem in der Realität körper­lich schwer­be­hin­dert war. Plötzlich ist Stauf­fen­berg selbst ein Action­held – mochte er auch in Wirk­lich­keit geschei­tert sein.

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Eine weitere Art von Verschmel­zung ergibt sich dann, wenn ein bekannter Schau­spieler nach­ein­ander zwei ähnlich gelagerte Rollen spielt, dann verbinden sich diese Figuren selbst. So geschehen in den Auftritten von Sebastian Koch, der zunächst 2003 als Stauf­fen­berg, dann nur knapp zwei Jahre später in Speer Und Er als Albert Speer zu sehen war – also als eine NS-Größe, der für sich selbst im Prozess und seinen Memoiren zwar Schuld einge­standen, zugleich innere Reserven und gewisse Wider­stands­hand­lungen in Anspruch genommen hätte. Darin ist er Stauf­fen­berg bei genauerer Betrach­tung gar nicht unähnlich – es sei denn, man konz­en­triert sich ausschließ­lich auf dessen letzte Lebens­phase, in der er zum Wider­stand gehörte, und blendet alles Vorherige aus.
In der Entschei­dung des Regis­seurs Heinrich Breloer, ausge­rechnet den – seinerzeit – bekann­testen Stauf­fen­berg-Darsteller für die Rolle des Speer zu verpflichten, liegt bereits eine Inter­pre­ta­tion dieser Rolle. Und Koch gab das seinige dazu, um hier – gefähr­liche? faszi­nie­rende? – Nähen zu behaupten.

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Die drei Fragen, was die Darstel­lung einer promi­nenten Figur mit Darsteller, Darge­stelltem und mit dem Publikum macht, erhalten also die immer­gleiche Antwort: Es entsteht ein Hybrid, ein Misch­wesen, das sich von dem ablöst, was ihm zugrunde liegt, und doch auf es rückwirkt. Hitler wird man nach Bruno Ganz immer nur so sehen, das sein Bild in sich auch einen kleinen Anteil Bruno Ganz trägt, so wie zuvor schon einen Anteil Chaplin – umgekehrt gibt es einen Bruno Ganz vor und einen nach dem Der Untergang.

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Es gibt aber noch eine ganz andere Art des Spiels, eine, die versucht, sich jeder schlichten Maskerade und Nach­ah­mung zu entziehen. Man könnte von Allegorie sprechen, oder von einer Charak­ter­maske – gemeint ist ein Typi­sieren und Ausdrü­cken jenseits aller Nach­ah­mung, das viel näher an der Idee der Inter­pre­ta­tion einer Figur, ihrer Deutung ange­sie­delt ist, als dort, wo es vor allem um äußer­liche Über­ein­stim­mungen geht. Barbara Sukowa als Hannah Arendt in Marga­rethe von Trottas Film gelingt so etwas. Schon äußerlich, aber auch in ihrer Stimme weit entfernt vom histo­ri­schen Vorbild, führt ihr Auftritt gar nicht erst dazu, fort­wäh­rend Vergleiche zwischen beidem anzu­stellen, und sich damit von dem abzu­lenken, wovon der Film eigent­lich erzählen möchte.
Der immer gleichen Frage, ob es nun das wahre Gesicht sei, das einem hier begegnet, oder das falsche, entkommt auch dieser Film nicht. Die schöne Lüge der Schau­spie­lerei ist erst recht eine Grat­wan­de­rung, wo ihr eine Wahrheit zugrunde liegt. Doch signa­li­siert von Trottas Film wie schon ihre früheren Biopics, dass die Regis­seurin um den Eigensinn dieses Genres und der Kino­re­pro­duk­tion von Realität genau weiß: Jede Nach­ah­mung hat ihre Grenzen, und jeder Film hat etwas jenseits der Nach­ah­mung. Die Begriffe, die hier de facto verhan­delt werden, sind klassisch seit der Kunst­theorie Vasaris: Statt der Nach­ah­mung einer vorge­ge­benen Wirk­lich­keit (mimesis) soll die Versinn­bild­li­chung eines ideellen Gehalts (idea) erreicht werden. Doch das Kino, und das belegt von Trottas Film recht gut, fügt dem noch eine dritte Dimension hinzu: Wie das Bild der Malerei zeigt sich auch das Filmbild als wider­s­tändig gegen die Aufgabe der reinen Abbildung – sei es nun die der Realität oder die einer Idealität.
Die Bilder zeigen immer auch etwas Neues, etwas, das vorher und so noch nie zu sehen war. Sie reprä­sen­tieren nicht, sondern sie präsen­tieren. Und so lugt noch unter der dicksten Maske der Schau­spieler hervor, unter der Mimesis die Aura.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 78: Figg Disch Vörderunck!

Fack Ju Göhte

Warum Edgar Reitz die Film­för­de­rung abschaffen will, die Perver­tie­rung der Kultur­po­litik und unsere Liebe zur Kontroll­ge­sell­schaft – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 78. Folge

Fack ju Göhte wurde bisher von knapp 5.5 Millionen Zuschauern gesehen. Gefördert wurde der Film von den verschie­denen Insti­tuten der deutschen Film­för­de­rung mit mindes­tens 2,6 Millionen Euro – also etwas mehr als 50 Cent pro zahlendem Zuschauer. Diese Förder­gelder setzen sich folgen­der­maßen zusammen: 900.000 Euro vom DFFF (Deutscher Film­för­der­fonds), 800.000 Euro vom FFF (Film Fernseh Fonds Bayern), 650.000 Euro vom Medien­board Berlin-Bran­den­burg, 300.000 Euro von der FFA (Film­för­der­an­stalt), sowie weiteren 200.000 Euro Verleih­för­de­rung von der FFA und weiteren 150.000 Euro FFF-Geldern, ebenfalls als Verleihf örderung.
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Man braucht nicht viel Einfüh­lungs­ver­mögen, um darauf zu tippen, dass sich die deutsche Film­för­de­rung die Tatsache, dass Bora Dagtekins Film bisher fast 5.5 Millionen Besucher bekam, als einen Erfolg ihres Wirkens zurechnen dürfte. Schließ­lich gilt Fack ju Göhte als »erfolg­reichster Film« des Jahres 2013, und bei dieser enormen Summe hat die Film­för­de­rung dieses Ergebnis in gewisser Weise überhaupt erst möglich gemacht.
Genau genommen aller­dings handelt es sich bei diesem Ergebnis eher um die endgül­tige Perver­tie­rung dieser Förderung – denn schließ­lich wurde das, was wir bislang noch »die deutsche Film­för­de­rung« nennen, obwohl sie diesen Namen von Tag zu Tag weniger verdient, vor rund 50 Jahren einmal gegründet, um dem Kommer­zkino ein kultu­relles Gegen­ge­wicht an die Seite zu stellen. Weiterlesen

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Die Behaup­tung des »erfolg­reichsten Films« kann man schnell vom Tisch wischen. Fack ju Göhte ist keines­wegs der erfolg­reichste Film des Jahres. Wir müssen mal mit der Legende aufhören, dass ein Film, der nominell die meisten Zuschauer hat, auch auto­ma­tisch der erfolg­reichste Film sei. Das ist falsch, und wir meinen hier nur wirt­schaft­liche Kriterien – von Kunst und Kultur ist vorläufig nicht die Rede. Aber gerade streng ökono­misch betrachtet muss man danach fragen, wie hoch der Etat einer Produk­tion war, wie viel Zuschauer also pro einge­set­ztem Euro erwirt­schaftet wurden? Und wie hoch die Förder­summen waren? Wie hoch der Marke­tin­getat? Und natürlich von wem das Geld kam – ob also ein Produzent überhaupt ein bisschen eigenes Geld riskiert hat, oder er nur das anderer Geldgeber ausge­geben hat. Man könnte über statt­fin­dende oder fehlende Rück­zah­lungen von Förder­gel­dern reden – bei denen es sich ja theo­re­tisch nur um Darlehen handelt. Aber auch ganz offiziell werden keine zehn Prozent dieser Darlehen zurück­ge­zahlt, inof­fi­ziell liegen die Angaben bei unter vier Prozent. es handelt sich also in Wahrheit gar nicht um Darlehen, sondern um versteckte und kulturell ummän­telte Subven­tionen.

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Damit man das hier nicht falsch versteht: Nichts gegen Subven­tionen! Wenn mit offenen Karten gespielt wird, wenn die Bedin­gungen klar und die Verga­be­formen fair sind. Wenn Wirt­schafts- und Stand­ort­sub­ven­tionen auch so heißen und Kultur­för­de­rung auch der Kultur gilt. Womit wir fast bei der Kultur sind. Aber noch nicht ganz: Denn die wich­tigste Frage nach wirt­schaft­li­chem Erfolg lautet: Wie viele Zuschauer hat ein Film im Verhältnis zur Zahl seiner Film­ko­pien und zur Größe der Kinos, in denen er gezeigt wird. Wie ausge­lastet sind die Säle? Auch da würde Fack ju Göhte aber vermut­lich recht gut abschneiden.
Darum kommen wir jetzt endlich zur Kultur.

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Längst kapi­tu­liert die Film­för­de­rung vor dem Druck der Märkte. Ihrer Aufgabe, der Kunst und dem Kino, das es an der Kasse schwer hat, Möglich­keiten zu schaffen, wird sie kaum noch gerecht.
Ein Film, der nach eigener Defi­ni­tion niemals Kunst sein will, der nichts ist als Ware, darf auch keinen Zugriff auf Kunst­för­der­töpfe haben.
Ein Film, der nie auf einem Film­kunst­fes­tival wie der Berlinale laufen könnte, muss nicht 2,6 Millionen Förder­gelder bekommen – und damit natürlich das Geld anderen, besseren Filmen entziehen.
So perver­tiert Kultur­po­litik sich selber. Dringend müssten alle, die sich fürs Kino inter­es­sieren, alter­na­tive Förder­mo­delle entwi­ckeln. Das Beispiel anderer Länder lehrt viel. Zum Thema machen müssen wir aber endlich auch die Rolle des Publikums. Denn es ist ja nicht zu bestreiten, dass über 5 Millionen in Fack ju Göhte gehen. Aber nicht weil der Film gut ist, sondern weil die Leute keinen Geschmack haben. Weil dieser Geschmack syste­ma­tisch verbildet oder gar nicht erst gebildet wird.

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Das beste Beispiel für diese These ist das deutsche Feuilleton, vor allem in den soge­nannten »Qualitäts­z­ei­tungen«: Dort wurde Fack ju Göhte zum Filmstart weit­ge­hend ignoriert. Dann kommt der Erfolg und plötzlich müssen sich alle klugen Köpfe volksnahe geben, und »das Phänomen erklären«, sprich den Leuten nicht etwa die Frage stellen, ob sie irgendein Kriterium für Qualität im Hirn haben, sondern ihnen beflissen nach dem Mund reden und zum Berlin-Mitte-Party­ge­spräch die Begrün­dung nach­lie­fern, warum man den Schwach­sinn gut finden darf. Wo solche Texte erscheinen, schafft sich »Qualitäts­jour­na­lismus« selbst ab – und wir werden ihn nicht vermissen.

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Der Münchner Regisseur Edgar Reitz, Schöpfer des HEIMAT-Epos und einer der Grün­der­väter des exis­tie­renden Film­för­der­mo­dells, hat aus den schlechten Erfah­rungen längst eine klare Konse­quenz gezogen: Im WDR-Gespräch plädierte er kurz vor Weih­nachten dafür, die Förderung in der jetzigen Form einfach ersatzlos abzu­schaffen: »Ich glaube, dass sich der deutsche Film eman­zi­pieren muss von den Geld­quellen des Fern­se­hens.
Ich glaube, dass eine Gene­ra­tion von Filme­ma­chern heran­wachsen muss, die den Mut und die Kraft hat, ohne das Geld des Fern­se­hens Filme zu machen. Man muss auch in der Film­po­litik lernen, die Weichen richtig zu stellen. Das gesamte Förder­system in Deutsch­land könnte einen guten deutschen Film auf die Beine stellen, wenn künst­le­ri­sche Entwick­lung das Ziel wäre – das ist überhaupt nicht der Fall. Es wäre ein neues Ober­hausen fällig, dass die Eman­zi­pa­tion des Kinos von den Abhän­gig­keiten des Fern­se­hens ebenso fordert wie von den Förder­sys­temen, sofern sie nicht die Filmkunst wollen. … Jetzt sitze ich vor einem 25-jährigen Redakteur, und muss jede Einstel­lung begründen, als hätte ich in meinem Leben noch nie Filme gemacht.«

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Ein anderer Text hat eine ähnliche Tendenz: Produzent Martin Hagemann schrieb ihn bereits Anfang Dezember in der Frank­furter Rundschau: Unter dem Titel »Kommerz und Kunst – nur nichts dazwi­schen« macht auch Hagemann die Macht des Fern­se­hens und die Anfang der 60er begrün­dete Film­för­de­rung für die Misere verant­wort­lich. Hagemanns diffe­ren­zierter Text macht auf viele wichtige Aspekte aufmerksam und lohnt die Lektüre. Mehr dazu demnächst.

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Neues aus der Kontroll­ge­sell­schaft: Kurz nach Silvester plädierte Silke Giebel, eine Poli­ti­kerin der GRÜNEN für ein Recht auf böller­freies Silvester. Böllern solle nur noch auf klar umgren­zten Flächen statt­finden. Gewiss wäre das für Kinder und Haustiere eine sehr nützliche Sache, weil sie dann nicht zur Stunde Null ängstlich unter dem Sofa kauern müssen. Genauso nützlich wie Vege­ta­rismus und Alko­hol­ver­zicht, wie das Rauch­verbot und Radfahr­helme. Aller­dings hat der Helm dann Michael Schuh­ma­cher genauso wenig genutzt, wie Angela Merkel ihre Body­guards. Woraus die Gesund­heits­po­li­zisten der puri­ta­ni­schen Mehr­heits­ge­sell­schaft bestimmt nur den Schluß ziehen, Skifahren und Langlauf überhaupt zu verbieten – ist ja auch besser für die Land­schaft. Man könnte umgekehrt auch sagen: »No risk, no fun«. Eigent­lich weiß jeder, dass Lebens­freude auch immer Gefahren birgt. Nur, wer auch mal was riskiert, statt alles immer nur ängstlich zu vermeiden, nimmt am Leben richtig teil. Der Fall Schuh­ma­cher beweist nur, dass es kein gelun­genes Leben ohne Risiko gibt, dass das unaus­ge­spro­chene Projekt der zeit­genös­si­sche Gesell­schaft, sich und ungefragt auch allen anderen mit allen erdenk­li­chen Mitteln jede Gefahr vom Leib zu halten, zum scheitern verur­teilt ist. Dass wir sterben müssen. Und dass es für die Gesell­schaft wie für den Einzelnen besser ist, zumindest in gewissen Maßen und immer mal wieder gefähr­lich und risi­ko­reich zu leben. Übrigens nicht nur für die Gesell­schaft und den Einzelnen, sondern auch für die Kunst.

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»Das was leicht ist, ist sehr häufig falsch und führt nicht in die Zukunft. Dieje­nigen, die mir den Weg leicht bereiten, sind nicht unbedingt meine Freunde. Sondern sie locken mich viel­leicht dahin, wo sie mich gerne hätten.«
Edgar Reitz

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»Vinegar Syndrome« – das klingt niedlich-neckisch. Ab und an tauchte diese Rede vom »Essig-Syndrom« zuletzt in Diskus­si­ons­runden auf, zum Beispiel im Frank­furter Kunst­verein, in denen es um den Zustand des Filmerbes ging.
Gar nicht niedlich sind aber die nackten Fakten: Alles Essig! könnte man sagen – die deutschen Behörden, auch das sonst zu Recht so gelobte BKM gehen mit dem Film-Erbe nicht gerade sehr gut um. Während Frank­reich für die Digi­ta­li­sie­rung und Umko­pie­rung seines Film-Erbes in einem Zeitraum von 6 Jahren 400 Millionen Euro bereit­stellt, sind es in Deutsch­land gerade mal 2 Millionen jährlich für ein paar bekannte Filmtitel. Wenn die Politik diesen gras­sie­renden Zerfall unseres Film-Erbes weiter ignoriert, müssen wir in den kommenden Jahren mit dem Verlust der meisten Filme rechnen. Um den abzu­wenden, gibt es eine Petition, auf die wir an dieser Stelle bereits aufmerksam gemacht haben. Sie fordert eine Zusam­men­ar­beit von Bund und Ländern und aller Archive.
Zusammen mit vielen Kollegen und Verbänden, darunter dem Verband der Film­kritik [www.vdfk.de] möchte ich hiermit alle Leser auffor­dern, zu unterz­eichnen.
Hier noch einmal die Links:
https://epeti­tionen.bundestag.de/content/peti­tionen/_2013/_11/_26/Petition_47385.html
http://filmerbe-in-gefahr.de/page.php?0,512,

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»Bildung schadet nicht«
Aby Warburg

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 77: Die Vernichtung des Filmerbes droht

La grande bellezza: Großer Abräumer beim Europäischen Filmpreis

Warum Sabotage und Verrat die Tugenden unseres Zeit­al­ters sind; wie die Bundes­re­pu­blik Schind­luder mit Kino-Meis­ter­werken treibt; und was passiert eigent­lich, wenn jemand ein Attentat auf die Bundes­kan­z­lerin verübt? – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 77. Folge

Genies setzen sich immer durch, hieß es letzte Woche in der Süddeut­schen. Wobei gerade das Feuilleton der SZ ja oft wie der Gegen­be­weis zu dieser These wirkt. Aber um so mehr muss man einen wirklich nach­ge­rade genialen Text loben, der ebenfalls vorige Woche in der SZ zu lesen war. Unser Lieb­lings­kri­tiker Fritz Göttler schrieb dort ganz offen darüber, dass er noch niemals in New York war. Vor allem outete er sich, dass er gar nicht dahin will, weil er die Stadt längst kennt – aus dem Kino natürlich. Und dort sieht sie besser aus als in natura. Darum hat man keine Lust hinzu­fahren. »Die Wirk­lich­keit der Stadt liegt darin, dass sie Projek­ti­ons­fläche bleibt«, schreibt Göttler, »den einzig­ar­tigen Eindruck des Fremden und des Heimi­schen möchte ich nicht der Zers­tö­rung durch die Wirk­lich­keit aussetzen.«
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Wer SPD-Mitglied ist und noch nicht abge­stimmt hat, den kann man nur auffor­dern, es schleu­nigst zu tun – bis morgen Abend muss die Stimme bei der SPD sein. Stimmen sollte man m.E. unbedingt mit Nein. Dies nicht allein aus staats­po­li­ti­schen Gründen, nicht nur, weil diese größte Koalition aller Zeiten, die jetzt droht, als Ausdruck gewordene Alter­na­tiv­lo­sig­keit bereits als solche der poli­ti­schen Kultur schadet. Die staats­po­li­ti­sche Verant­wor­tung fordert von der SPD gerade, eine Konstel­la­tion abzu­lehnen, bei der die Republik von einer Elefan­ten­ko­ali­tion aus über 80 Prozent der Bundes­tags­ab­ge­ord­neten regiert wird – denn gerade in Krisenz­eiten braucht das Land eine starke Oppo­si­tion. Und warum sollte man das Monopol auf eine linke Oppo­si­tion um Gregor Gysi über­lassen?
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Gerade in Fragen von Bildungs- und Kultur­po­litik droht von der GroKo Ungemach. Denn der Koali­ti­ons­ver­trag bedeutet Politik auf Kosten der Zukunft und der zukünf­tigen Gene­ra­tionen, und ist das Dokument einer No-future-Haltung: Hier konnte sich die SPD mit keiner einzigen ihrer zentralen bildungs­po­li­ti­schen Forde­rungen durch­setzen. Zwar sind laut Vertrag angeblich Bildung, Wissen­schaft und Forschung »Kern­an­liegen« der Koalition. Aber es gibt kein Ganz­tags­schul­pro­gramm, die Bafög-Erhöhung fällt ersatzlos weg, ebenso die verläss­liche Verbes­se­rung der Finan­zie­rung der Hoch­schulen, die die SPD gefordert hatte, darin im Gleich­klang mit dem Wissen­schaftsrat, der eine Stei­ge­rungs­rate in Höhe des Infla­ti­ons­aus­gleichs plus 1 Prozent für dringend erfor­der­lich. Alles bleibt unkonkret. Das Gerede von der »Bildungs­re­pu­blik« bleibt hohle Rhetorik. Weiterlesen

Die Vorrats­da­ten­spei­che­rung soll fest­ge­schrieben werden. Die Netz­neu­tra­lität ist nicht gesichert. Im Urhe­ber­recht wird die dringend nötige fair-use-Regelung, die Baga­tellen straffrei stellt, noch nicht mal erwähnt. Einmal mehr zeigt sich leider, dass die SPD mehr­heit­lich schon immer ein proble­ma­ti­sches Verhältnis zur Freiheit hatte.

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Kultur ist in Deutsch­land zwar Länder­sache, aber immer wieder gibt es Fälle, wo sich Bund und Ländern zusam­mentun, weil das ganze Land gefordert ist. Solch eine gemein­same Anstren­gung ist jetzt im Kino nötig. Das fordert eine Petition, die seit einigen Tagen durch die deutsche Filmszene geistert und nun im Netz unterz­eichnet werden kann.

»Unser Film-Erbe ist in Gefahr!« warnt jetzt eine ganze Reihe von renom­mierten Film­wis­sen­schaft­lern, Archi­varen und anderen Experten, die sich damit an die neu entste­hende Bundes­re­gie­rung wendet und dringend zum Handeln auffor­dert.

Die inzwi­schen über 1500 Unterz­eichner machen in der Reso­lu­tion, die sie als Denk­an­stoß verstehen, auch sehr konkrete Vorschläge zur Rettung alter Film­klas­siker. Natürlich geht es um Geld und um die Ausstat­tung, auch die orga­ni­sa­to­ri­schen Grund­lagen der Archive – die allesamt viel schlechter ausge­stattet sind, als Biblio­theken oder Kunst­mu­seen. Aber wo genau liegt eigent­lich das Problem?

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Metro­polis – Fritz Langs Film­klas­siker aus dem Jahr 1927 ist so etwas wie die »Mona Lisa« des Kinos, nicht nur des deutschen. Im Gegensatz zur »Joconde« galt aber lange ein großer Teil des Filmor­gi­nals als verschollen: Erst vor wenigen Jahren tauchten die meisten der fehlenden Teile wieder auf – nicht etwa in Deutsch­land sondern in Buenos Aires, wo in der dortigen
Cine­ma­thek eine Kopie erhalten war.

So konnte Metro­polis restau­riert werden – einer­seits eine sehr gute Nachricht, ande­rer­seits aber eine schlechte, weil die Gelder mehr als knapp sind, und vielen Archiven selbst das Notwen­digste fehlt. Das Bundes­ar­chiv etwa kann noch nicht einmal seine laufenden Kosten decken, und zur Zeit kann das Archiv selbst eine seiner ureigenen Aufgaben – Film­wis­sen­schaft­lern Kopien für die Forschung zur Verfügung zu stellen – nicht erfüllen, weil die zustän­dige Archi­varin im Mutter­schutz ist.

Daran zeigt sich, was nicht nur Einge­weihte wissen: Film ist nach wie vor ein Stiefkind der Kultur­po­litik.

Während Bund und Länder fast mit Links 500 Millionen Euro dafür locker machen, dass das zerstörte Berliner Stadt­schloss als völlig künst­li­ches neues Gebäude wieder­auf­er­stehen darf, lässt die Bundes­re­pu­blik ihr Kinoerbe verrotten.

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Die Verfasser der oben erwähnten Petition weisen auf die desaströse finan­zi­elle Ausstat­tung der Archive hin, und auf die schänd­liche Miss­ach­tung dieser wert­vollen, oft uner­set­z­li­chen Bestände durch die Kultur­po­litik in Bund und Ländern. Filme zerfallen, weil Film aus chemi­schen Material besteht, das erhalten und erneuert werden muss.

Die vom Bund getragene Murnau-Stiftung kennt ihre eigenen Bestände nicht – weil das Geld fehlt, diese Bestände überhaupt nur zu erkunden. Ihrem Auftrag zufolge ist die Murnau-Stiftung für das komplette deutsche Filmerbe bis 1945 zuständig. Ihre finan­zi­elle Ausstat­tung ist aber geringer als der Etat eines Klein­stadt­mu­seums.

Eine Schande für ein Land, in dem das Kino mit erfunden wurde.

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Man weiß derzeit noch nicht einmal, ob in den Archiven der Murnau-Stiftung womöglich drei komplette, gut erhaltene Film-Kopien von Metro­polis lagern, weil die Stiftung keinen Etat hat, um die nicht ganz billig zu habenden Experten in ihre Archive zu schicken. Und billige Hilfs­kräften will man das nicht über­lassen, zu heikel ist die Aufgabe – und zu gefähr­lich. Denn alte Filme bestehen aus Nitro-Material, sind also hoch­brennbar – und da gibt es im Land der Verord­nungen natürlich eine nicht unbe­rech­tigte, mehr­sei­tige Dienst­an­wei­sung, wie mit dem brenn­baren und giftige Gase entwi­ckelnden, wert­vollen Film­ma­te­rial umge­gangen werden soll.

Im Zeitalter der so Walter Benjamin, »tech­ni­schen Repro­du­zier­bar­keit des Kunst­werks« ist ausge­rechnet die tech­ni­sche Filmkunst davon bedroht, dass der größte Teil der Originale zerfällt und damit eben nicht mehr repro­du­ziert werden kann. Das Filmerbe stirbt.

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Was tun? Die Unterz­eichner der Petition fordern eine Zusam­men­ar­beit von Bund und Ländern und aller Archive. Sie verglei­chen die Lage mit unserem Nachbarn: Frank­reich stellt für die Digi­ta­li­sie­rung und Umko­pie­rung seines Filmerbes in sechs Jahren 400 Millionen Euro bereit. In Deutsch­land gibt es im gleichen Zeitraum nur 12 Millionen. Einen ersten Erfolg können die Unterz­eichner schon verbuchen. Im Koali­ti­ons­ver­trag ist erstmals überhaupt und erstaun­lich konkret von der »Erhaltung des filmi­schen Kultur­gutes« die Rede. Dies sei eine gesamt­staat­lich-nationale Aufgabe.

Der Kampf um diese Aufgabe und für das deutschen Filmerbe hat aber erst begonnen. Noch droht der Zerfall.

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Man kann die Petition unter folgender Link-Adresse unterz­eichnen:
www.change.org/de/Peti­tionen/unser-filmerbe-ist-in-gefahr

Zusammen mit vielen Kollegen und Verbänden, darunter dem Verband der deutschen Film­kritik möchte ich hiermit alle Leser auffor­dern, zu unterz­eichnen.

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Wie schlecht, wie sauschlecht das deutsche Fernsehen doch ist! Schon in Fragen des »gesunden Menschen­ver­standes«. Man muss sich nur einmal die Website der ARD angucken. Es ist schwer, dort überhaupt das aktuelle Fern­seh­pro­gramm zu finden. Aber wozu geht man sonst auf die Website eines Fern­seh­ka­nals?

Wenn das alles das Einzige wäre. Manchmal ist man ja noch als Jour­na­list unterwegs. Die ARD war trotzdem nicht in der Lage, ihren eigenen Doku­men­tar­film über Willy Brandt recht­zeitig zur Bespre­chung zuzu­schi­cken. Und bei der offi­zi­ellen Vorstel­lung des Films im Haupt­stadt­studio der ARD waren nur ARD-Funk­ti­onäre und Brandt-Veteranen zugegen, die aktiven Jour­na­listen konnte man an zwei Händen abzählen. Ich hatte nur die letzte halbe Stunde des Films gesehen, weil ich zufällig im Haus war.

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Die letzte Bastion der DDR ist der RBB. Bei dieser soge­nannten Rund­funk­an­stalt kamen alle DDR-Fern­seh­jour­na­listen unter, die nicht so arg politisch belastet waren, dass es offen peinlich wurde. Dafür wickelte man nach der soge­nannten »Wende« den RIAS und den SFB ab, zwei Bastionen des freien Westens – einer dieser vielen Kuhhandel, die die Bundes­re­pu­blik inzwi­schen teilweise in eine gesamt­deut­sche Ostzone verwan­deln. Von Merkel und Gauck rede ich jetzt nicht, sondern von einem einfachen Anruf am vergan­genen Freitag.

Dort wollte ich ein Studio buchen, was ich gele­gent­lich tue, wenn ich im Auftrag eines Radio­sen­ders einen Beitrag produ­zieren will. Man bucht dann das Haupt­stadt­studio, weil es logis­tisch am güns­tigsten liegt, zentral in Berlin-Mitte. Wenn das voll ist, was vorkommen kann, fragt man beim Deutsch­land­funk. Erst wenn das auch besetzt ist, kommt der RBB dran. Denn der Sender in der ganz im Westen gelegenen Masu­ren­allee im Expres­sio­nis­musbau der Zwanziger Jahre, der von Goebbels in »Haus des deutschen Rundfunks« umgetauft wurde, hat bei freien Autoren einen sehr schlechten Ruf – warum, erlebte ich an diesem Freitag. Alle drei Tele­fon­num­mern der »Dispo«, wo allein man Studios buchen kann, waren um 12.30 Uhr unbesetzt – jeweils sprang ein Anruf­be­ant­worter an.

Vierter Anruf bei der Zentrale. Der gute Mann dort weiß von nichts, als ich es ihm klarmache, vermit­telt er mich in die Chefetage zur Sekre­tärin der Programm­di­rek­tion. Die ist auch etwas über­rascht, meint, da wisse »unten offenbar einer nicht Bescheid« und stellt mich wieder zu einer der Dispo­num­mern durch – wo das Tonband anspringt. Zum zweiten Mal bei der Zentrale. ich bitte darum, mit dem Schalt­raum verbunden zu werden. Zehn Minuten in der Warte­schleife, dann wieder in der Zentrale. Er hat offenbar mit dem Schalt­raum geredet, dort könne man mir nicht helfen, nein durch­stellen könne er mich nicht. Inzwi­schen bin ich unfreund­li­cher, und nur der Ton hilft mir dahin, dass ich in irgend­einer Stelle lande, wo immerhin ein Mensch statt eine Maschine am anderen Ende der Leitung sitzt. Die Frau ist nett, kann aber auch nicht helfen, obwohl sie angeblich zehn Minuten »im Haus« herum­ge­laufen ist, und Kollegen suchte. Sie nennt mir einen »Herrn Günther, der hat heute Dienst«. Sie gibt mir sogar seine Mobil­nummer, denn unter dem Dienst­te­lefon ging auch bei ihr nur der Anruf­be­ant­worter an. Muss ich erwähnen, dass ich Herrn Günther auch an seinem Mobil­te­lefon nicht erreicht habe?

Am Ende hatte ich Glück, weil im Haupt­stadt­studio ein Kollege ausfiel.

Aber der wich­ti­gere Eindruck: Eine Geschichte wie von Kafka – im RBB sind Plan­wirt­schaft und Tota­li­ta­rismus noch am Leben. Und wes Geistes Kind die Entscheider dort sind, demons­triert die Endlos­te­le­fon­war­te­schleife: Hallo Bran­den­burg! Hallo Berlin! Will­kommen. Wir berichten, was in Ihrem Kiez so passiert, wir blicken hinter die Kulissen und erzählen ihre Geschichte.

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Was passiert eigent­lich, wenn ein Attentat auf die Bundes­kan­z­lerin verübt wurde und jemand ein Studio zur Bericht­er­stat­tung braucht? Am Frei­tag­mittag sollte das besser nicht passieren – sonst bekommen das der ARD-Hörer erst am Montag­morgen mit.

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Europa, das wissen wir alle, ist mehr als der Euro, mehr als der Friede nach vielen Kriegen, ist auch mehr als die Europäi­sche Union und das Rauch­verbot. Es ist das Geflecht von Geschichten, die wir uns immer wieder erzählen. Don Quixote, Don Juan, Hamlet, Grimms Märchen…

Aber heute ist Europa vor allem Krise. Welche Rolle spielt da das Kino und der Europäi­sche Filmpreis, der am Samstag zum 26. Mal verliehen wurde? Könnte viel­leicht die Kino-Kultur Europa retten? Der Europäi­sche Filmpreis, den manche sogar den europäi­schen Oscar nennen, ist jeden­falls eine tolle Idee – zumindest in der Theorie. In der Praxis leider weniger. Er ist nicht besonders bekannt, geschweige denn populär, er hat keine große Wertig­keit – noch nicht einmal bei den Filme­ma­chern selber.

Keiner demons­trierte das besser, als der Italiener Paolo Sorren­tino. Er gewann zwar am Samstag vier Preise, war aber persön­lich nicht nicht mal da, und zeigte so, wie egal ihm diese Ausz­eich­nung durch die Kollegen ist.

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Damit bestä­tigte er nicht nur, dass der Europäi­sche Filmpreis eben noch lange kein Oscar ist, er bestä­tigte auch gleich all die Einwände der vielen Kritiker seines Films, die La grande bellezza derb und vulgär, und eines Kunst­preises überhaupt unwürdig befanden.

Überhaupt tat die zum Gähnen lang­wei­lige Veran­stal­tung, die einmal mehr von der uner­träg­li­chen Anke Engelke moderiert wurde, und die Preise, die die Mitglieder der Europäi­schen Film­aka­demie per Massen­ab­stim­mung an sich selbst vergeben, in diesem Jahr alles dafür, dass es nicht besser wurde.

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Das Kino von Gestern oder eher noch Vorges­tern hat gewonnen – Opas Kino, dass der Auto­ren­film einst abschaffen wollte, das aber über das Hinter­tür­chen des Popu­lismus und der nur an wirt­schaft­li­chem Erfolg inter­es­sierten Film­för­derer nun umgekehrt gerade den europäi­schen Auto­ren­film abschafft.

Das Kino von morgen gewann allen­falls Neben­preise, wie der spanische Film Blan­ca­nieves, Pablo Bergers Schnee­witt­chen­ver­sion im Tore­ro­mi­lieu, der gerade im deutschen Kino läuft, und mit einem Kostüm­preis abge­speist wurde. Oder wie Oh Boy von Jan Ole Gerster, der die Ausz­eich­nung als bester Debütfilm erhielt – der einzige deutsche Beitrag im Rennen. Oder die gewagte dreis­tün­dige Comi­c­ver­fil­mung Blau ist eine warme Farbe des fran­zö­si­schen Regis­seurs Abdel­latif Kechiche, der nächste Woche ins Kino kommt. In Kechiches Filmen wimmelt es nur so von Anspie­lungen auf das europäi­sche Kultur­erbe, auf Voltaire, Marivaux und Sartre – aber die Akade­misten beein­druckte das wenig – und am Samstag ging der Film leer aus.

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Das was das europäi­sche Kino wirklich ausmacht, der Auto­ren­film, der nicht notwendig immerzu lustig, aber immer intel­li­gent ist – der wurde nur durch die Alten reprä­sen­tiert: Der über 80-jährige Ennio Morricone, die 70-jährige Catherine Deneuve und der Spanier Pedro Almodovar – sie sind es, die Europas Kino groß machen.

Was man aber an Sorren­tinos Abwe­sen­heit ebenso merkte wie daran, dass weder Deneuve noch Almodovar noch irgendein anderer Stargast für Inter­views zur Verfügung standen – sondern nur für kleine Pres­se­kon­fe­renzen, die manche Teil­nehmer und Medien dann als »Exklusiv-Interview« verkaufen – das ist die fehlende Iden­ti­fi­ka­tion der Film­ge­meinde mit diesem Preis und der europäi­schen Kino­iden­tität, für die er stehen will. Es fehlt das Enga­ge­ment der Filme­ma­cher, die zur Zeit eher die Europäi­sche Film­aka­demie brüs­kieren.

Der europäi­sche Film kann offenbar nicht besser sein als der Gesamt­zu­stand von Europa: Wir sind zerrissen, unsicher, ängstlich, gewiss nicht im Aufbruch oder gar beim Durch­bruch zu neuen Ufern. Die Künste spiegeln das, aber zur Zeit fehlt ihnen das Potential zur Verän­de­rung.

Aber es stimmt auch, dass ange­sichts des Ausein­an­der­drif­tens der europäi­schen Länder nicht der Film die Politik braucht, sondern die Politik den Film und überhaupt die Kultur, um ein Zusam­men­gehö­rig­keits­ge­fühl zu schaffen.

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Auch »nicht hilfreich« (Angela Merkel) für den Wert des Preises ist die Tatsache, dass Arte, in der Wahr­neh­mung des Publikums der europäi­sche Kultur­kanal Nummer eins, seine Über­tra­gung weiter reduziert hat. Live sendet man aus Straßburg schon lange nicht mehr, diesmal aber noch nicht mal wie bislang datums­ver­setzt zur Primetime, sondern erst um 23.10 Uhr in einer, sagen wir mal: gewöh­nungs­be­dürf­tigen Kurzform.

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Alles in allem verlieren gerade Unter­s­tützer des Prinzips »öffent­lich-recht­li­ches Fernsehen« gerade den Glauben an die Idee des Öffent­lich-Recht­li­chen. Alles, wofür diese Sender gegründet wurden, wird von ihnen preis­ge­geben. Nicht von den meist guten Redak­tionen, sondern von den Karrie­risten, die ihnen auf Direk­to­ren­posten vorsitzen. Da ist nichts refor­mierbar. Neulich meinte ein Redakteur, natürlich nicht zitierbar: Diese Leute wären nicht da wo sie sind, wenn sie nicht so wären, wie sie sind.

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Das stimmt und das bedeutet: Wir brauchen dringend Unter­neh­mungen von unten und von der Seite, die die Idee des Öffent­lich-Recht­li­chen auf ihre Urspünge und ihren Kern zurück­führen. Das Internet bietet hierzu alle Chancen. Es kann Medium der Aufklä­rung sein, wenn wir es aktiv zu einem solchen machen.

Es bedeutet auch: Die jetzt tonan­ge­benden Leute in den Fern­seh­sen­dern müssen weg. Und sie werden nur verschwinden, wenn wir alle gegen sie revol­tieren. Die Filme­ma­cher und Redak­teure unterhalb der Chefebene durch gezielte Sabotage und durch konse­quentes Durch­ste­chen (Verraten) aller Geschichten, die Gebüh­ren­zahler durch Boykott.

Sabotage und Verrat sind die Tugenden unseres Zeit­al­ters.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 76: Kennedys Hirn

Paul Giamatti in PARKLAND

»Bigger than life«: Kennedy, Kracauer, der PR-Overkill und der letzte Tango des klassischen Autorenkino – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 76. Folge

Ein ähnliches Verhältnis wie unsereins zum 11.September 2001 hatte die Generation davor zum 22. November 1963, dem Tag des Mordes an US-Präsident John F. Kennedy in Dallas. Fast jeder, den man fragt, der seinerzeit erwachsen war, weiß, wo ihn damals vor 50 Jahren die Nachricht vom Attentat erreichte. Eine erinnernswerte Anekdote hierzu erzählte vor Jahren einmal der im Sommer verstorbene FAZ-Autor Henning Ritter. Er studierte seinerzeit in Heidelberg, unter anderem Philosophie bei Dieter Henrich, Spezialist für Hegel und die Bewusstseinsphilosophie, auch älteren Studenten der Münchner LMU noch gut bekannt, und heute Emeritus der dortigen Philosophen. Am Abend im Henrich-Seminar wurde nicht Hegel gelesen, sondern Henrich war von der Nachricht, die ihn soeben erreicht hatte – erst gegen 20 Uhr deutscher Zeit war der Tod Kennedys bekannt geworden – erkennbar bewegt, sinnierte, und begann dann eine längere Rede darüber, wo sich jetzt denn wohl Kennedys Hirn befinde…
Eine Frage, an die ich jedes Mal denken muss, wenn ich mich an den Kennedy-Mord erinnere, weil sie so selbstverständlich ist, wie krude, so esoterisch, wie konkret.
Denn natürlich ist nicht die Materie gemeint, nicht die Hirnmasse des Präsidenten, sondern das, was man früher problemlos als Geist bezeichnet hätte, heute aber kaum noch so schreiben kann. Also mehr als sein Bewusstsein, aber auch dieses, doch zugleich der Anteil am Überpersönlichen, und vielleicht auch das, was ihn außergewöhnlich machte, faszinierend für Zeitgenossen.
Hegel, der Napoleon den »Weltgeist zu Pferde« genannt hatte, hätte vielleicht auch in Kennedy so etwas wie die Person gewordene Weltgeschichte erkannt. Wo geht sie hin, was ist mir ihr, wenn sie gewaltsam mitten aus ihrer Bahn gerissen wird? Weiterlesen

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Diese Vorstellung, dass Kennedy etwas Besonderes war, etwas Einmaliges, dass er zu jenen seltenen Menschen gehörte, die der Geschichte eine Wendung geben oder sie auf eine neue Stufe heben könnten, mag ja falsch sein, und ich fürchte, dass sie in den Augen vieler heutiger Zeitgenossen (und Leser) als Unsinn erscheint. Aber sie wurde doch zumindest von vielen Zeitgenossen Kennedys geteilt – und sie macht die Faszination für die Person und ihren Tod, aber weit über diesen hinaus, bis heute aus.
Die Umstände des Mordes tun ein Übriges. Darum ist Kennedy bis zum heutigen Tag ein so großartiger Kinostoff. Denn das Kino handelt letzten Endes von Mythologie, und ohne Mythologie ist das Kino nichts. Das ist es, was der Spruch vom Kino als »bigger than life« eigentlich meint.
Kennedy war »bigger than life«, noch im Tode.

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Die besten Kennedy-Filme? Am Ende wohl zwei Filme, in denen er gar nicht vorkommt: Oliver Stones JFK, und Otto Premingers großartiger Adcide & Consent, ein Film, der außer vom Washingtoner Politbetrieb eher – ohne den Namen zu nennen – von Johnson handelt, also von einem Vizepräsident, der plötzlich an die Macht kommt.
Daneben Thirteen Days über die Kuba-Krise. Love Field von Jonathan Kaplan mit Michelle Pfeiffer über den Tag des Attentats. Der in Venedig gelaufene Parkland über das Hospital in dem zunächst Kennedy, dann Oswald starben, ist interessant, aber aufgeblasen.
Und dann Wolfgang Petersens paranoider In the Line of Fire. Zu all dem Paranoia-Kram müssen wir ein andermal noch mehr schreiben, für heute nur soviel: Das Schlimmste sind all jene TV-Dokumentationen, die Kennedy als schwachen Sohn eines übermächtigen Vaters beschreiben, als notorischen Schürzenjäger, und jetzt pseudopsychologisch aufklären über Joe und Jack, die Rivalität mit dem Bruder, der Vater, der ihn nicht liebte – oft genug politisch motivierte Schmutzkampagnen mit Pseudo-Entlarvungsgestus

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Endlich gibt es einen vernünftigen Preis für gute Filmkritiken und gute Filmkritiker. Und einen perfekten Namensgeber. Siegfried Kracauer, der wichtigste deutsche Filmkritiker der Zeit vor 1945 und bis über die Gegenwart hinaus eines der wenigen echten Vorbilder für unsere Zunft ist der Namensgeber eines Preises, der von der MFG, der Filmförderung Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit dem Verband der deutschen Filmkritik (VDFK) am kommenden Wochenende erstmals verliehen wird. Ich bin froh, mit manchen Hinweisen auf »Cinema Moralia« die Bedeutung und Aktualität Kracauers wieder mit ins Gedächtnkis gerufen zu haben.
Man muss der MFG, namentlich der scheidenden MFG-Chefin Gabriele Röthemeyer für diese Tat dankbar sein, ebenso für eine großzügige Dotierung mit insgesamt 15.000 Euro. Die Namensgebung ist aber selbstverständlich auch Verpflichtung für die Preisstifter – Larifari-Texte, Leserservice und Mainstreammanifeste wird man mit diesem Namen nicht auszeichnen dürfen.

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Im Zusammenhang mit der Preisverleihung findet am kommenden Samstag im Berliner Arsenal auch eine Podiumsdiskussion statt, die nach dem Beitrag der Kritik für die Kinokultur forscht. Teilnehmer sind Regisseurin Jutta Brückner, Lars Henrik Gass, Leiter der Kurzfilmtage Oberhausen, Dominik Kamalzadeh, Redakteur Der Standard und kolik.film, sowie Mitglied der Preisjury, Cristina Nord, Redakteurin der taz und Bernard Payen, Kurator der Cinémathèque Francaise, und der Semaine de la Critique in Cannes. Nähere Informationen auf vdfk.de. Der Eintritt ist frei. Anmeldung für die Preisverleihung ist erforderlich.

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Mit diesen beiden Namen verbinden sich Sternstunden des europäischen Autorenfilms: Roman Polanski und Bernardo Bertolucci. Der eine, ein polnisch-französischer Filmemacher, der als Junggenie in Europa reüssierte, später nach Hollywood emigrierte, und Filme wie Chinatown mit Stars wie Jack Nicholson machte, und noch später als Flüchtling wieder in Paris landete, von wo aus er seit über 30 Jahren weiterhin Filme macht. Und der Revoluzzer des Italienischen Kinos, der seit 1968 zum einzigen legitimen Erben der ganz großen italienischen Regisseurs-Generation um Rosselini, Antonioni und Visconti wurde, und doch mit Meisterwerken Der Letzte Tango Von Paris und Novecento ganz eigene, neue Akzente zu setzen verstand, die über die großen Vorbilder hinaus gingen.
Beiden gemeinsam ist eine wechselvolle, aber immer ehrenwerte Karriere; beiden gemeinsam ist, dass sie als Vertreter des Kinos der 70er Jahre gelten, des Kinos, der jüngeren Generation des Autorenkinos, die nach der großen Revolte kam, nach Neorealismus und Nouvelle Vague, und die das Politische nun vor allem im Privaten fand. Die Filme von Polanski wie Bertolucci interessieren sich stärker für Sex und Gewalt, sie vollzogen die Tabubrüche, die ihre bürgerlicheren Väter oft nur andeuteten, auch sichtbar auf der Leinwand – ihr Kino ist im Zweifel Zeigen statt Reden, mehr Aktion als Reflexion, ohne dass es dadurch weniger komplex und intelligent wäre.
Heute gehören sie zu den wenigen der letzten, noch aktiven ihrer Generation, zwei Dinosaurier eines Typus des europäischen Autorenkinos, das schon fast ausgestorben ist.

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Der Zufall der Verleihpolitik will es, dass nun auch die beiden neuesten Werke von Polanski und Bertolucci am gleichen Tag ins deutsche Kino kommen. Und – dies ist kein Zufall – in der Zusammenschau ergeben sich bemerkenswerte Gemeinsamkeiten: Zwei Kammerspiele; zwei dunkle Innenräume – eine Theaterbühne, ein vollgestopfter Keller –, in denen sich zwei bislang einander Unbekannte durch Zufall begegnen, und einen intensiven Austausch miteinander beginnen. Das Ergebnis sind zwei möglicherweise letzte Filme, zwei konzentrierte Selbstreflexionen ihrer Regisseure, in denen sie fast beiläufig auch die Summe ihrer Lebenswerke ziehen.

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Venus im Pelz von Roman Polanski ist eine Literaturverfilmung der Vorlage von Leopold von Sacher-Masoch, des Namensgebers, wenn nicht Ahnherren des Masochismus. Doch von dem Buch bleibt außer dem Titel nicht viel übrig: Thomas, gespielt vom Franzosen Mathieu Amalric, sieht nicht nur dem Polanski der 70er zum Verwechseln ähnlich, er ist auch ein Regisseur, in diesem Fall an einer Theaterbühne. Und Polanskis Frau, die Schauspielerin Emmanuelle Seigner spielt die Schauspielerin Vanda, die zu spät zum Casting kommt, und sich mit dem Regisseur in eine rede-Duell verstrickt, einen Zweikampf mit Worten zwischen einem Intellektuellen und einer Proletarierin, in den sich zunehmend auch Polanski Vita einschreibt.
Es geht dabei um den Zusammenhang und Analogien zwischen Kunst und Leben, um Kontrollverlust und Rollenspiel.

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Einmal mehr entfaltet Polanski zudem in einem Film ein klaustrophobisches Szenario: War es in Der Pianist ein einziger im Untergrundgrundversteck, waren es in Der Tod und das Mädchen (1994) drei und in Der Gott des Gemetzels (2012) vier Charaktere – immer wieder geht es in Polanskis Filmen um Eingeschlossene in eigenen wie äußerlichen Gefängnissen. Auch solchen Situationen entwickelt der Regisseur Kammerspiele mit geringstmöglichem äußerem Aufwand, aber hoher innerer Intensität.
Es liegt allzu nahe, in derartigen Szenarien auch Kurzschlüsse zu Polanskis Biographie und seinen traumatischen Erfahrungen zu ziehen – zu seiner Kindheit im Krakauer Ghetto, zur deutschen Besatzung mit ihren permanenten Todesdrohungen, zum Mord an der Mutter in Auschwitz. Wir Zuschauer werden in Venus im Pelz Zeugen einer konzentrierten Selbstreflexion des Regisseurs, in der er fast beiläufig auch die Summe seines Lebenswerks zieht: Eros und Aggression und ihr Zusammenhang, die untrennbare Vermischung von Polanskis künstlerischem Werk und seinem eigenen Privatleben – in der biographische Kurzschlüsse, auch jetzt etwa zwischen der sadfomasochistoschenm Sexpraktiken im Film und Polanskis eigenen Bett-Gepflogenheiten trotzdem das Dümmstmögliche wären.

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Auch Ich und Du ist eine Romanverfilmung. Im Buch von Niccolo Ammaniti geht es um den 14-jährigen Lorenzo, der eine Klassenfahrt schwänzt und sich für zwei Wochen im Keller versteckt. Zufällig wird er dort von seiner älteren Halbschwester Olivia entdeckt. Sie ist drogensüchtig, und versteckt sich aus anderen Gründen. Im Folgenden geht es um die allmähliche, inzestuös eingefärbte Annäherung der beiden – eine romantizistische Erziehung der Gefühle und Sinne, die an Bertoluccis Die Träumer ebenso erinnert wie an seinen Letzten Tango
Beide Filme lohnen unbedingt – nicht nur für Fans der Regisseure. Sondern auch, weil man nach Betrachtung eine andere Frage kaum verdrängen kann: Die melancholische Ahnung, hier auch dem letzten Tanz eines europäischen Autorenkinos zugeschaut zu haben, das Sinnlichkeit mit anspruchsvoller Intelligenz verbindet, das verführerisch sein will, aber nicht unter Niveau.
Gibt es heute unter den 20, 30-jährigen wirkliche legitime Nachfolger eines Bertolucci oder Polanski?

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Je kleiner die Bedeutung, um so größer die Datei – das ist ein ganz guter Richtwert zur schnellen Beurteilung von Pressemitteilungen. Gerade in den letzten Wochen nahm es überhand: In nur zwei Wochen Ende Oktober kamen Mails von den Festivals aus Cottbus, Hof, Leipzig, Mannheim, Tübingen, Lübeck, Lünen, vom Prix Europa, dazu jeder zweite Film jedes dieser Festivals (inklusive der Kurzfilme und jede Filmhochschule mit einer eigenen Agentur, die Förderer mit ihren Jubelmeldungen, die Sender mit ebenfalls eigenen Jubelmeldungen zu den gleichen Filmen, und alle davon zu groß – das sind ohne jede Übertreibung am Tag locker 50 MB für die Löschtonne.
Dazu die normalen Filmstarts – bei zehn Filmen pro Woche im Schnitt mit drei bis acht Mails pro Film, ein paar Buchverlage, dazu das übliche Tagesgeschäft eines Journalisten, also Pressekonferenzen, der liebe Kulturstaatsminister nicht zu vergessen… Wenn man mal zwei Tage offline war, muss man manchmal löschen, um Mails überhaupt öffnen zu können… Ein absoluter Wahnsinn an Datenschrott und PR-Overkill.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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    Cinema Moralia – Folge 75: Getrennt marschieren, vereint schlagen

    Albert Dieudonné in Napoléon (Abel Gance, 1927)

    Über den Napo­leo­nismus des Kinos, die Tugend der Gewal­ten­tei­lung, das Meis­ter­werk von Abel Gance und klas­si­sches Hollywood – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 75. Folge

    Jean-Luc Godard: »Was würden Sie antworten, wenn jemand, der sich mit dem Kino nicht auskennt, Sie fragt: „Wie definiert man einen Menschen, der sich Regisseur nennt? Ist er ein Arbeiter oder ein Künstler, was ist seine Beson­der­heit?«
    Fritz Lang: »Wissen Sie, ich mag die Bezeich­nung Künstler nicht. Ein Künstler ist ein Mensch, der viel arbeitet und sein Handwerk versteht. Auch ein großer Chirurg ist meiner Meinung nach ein Künstler. Ich selbst arbeite ebenfalls viel und mag meinen Beruf.«
    JLG: »Ich sehe das etwas anders. Van Gogh war ein wich­ti­gerer Mensch als der Tischler, der die Staffelei gebaut hat, auf der van Gogh malte.«
    FL: »Da haben Sie völlig Recht. Das ist ein hervor­ra­gendes Beispiel, und ich hatte Unrecht.«
    JLG: »Also, Sie würden sich eher als Tischler sehen .
    FL: »Nein, nicht als Tischler, aber als Arbeiter.
    JLG: »Die meisten Leute glauben nicht, dass Kino Arbeit ist.
    FL: »Das Publikum denkt immer, es sei das reine Vergnügen, dabei ist es harte Arbeit. Aber wissen Sie, wir beide haben etwas gemeinsam. Ich glaube, Sie sind ein Roman­tiker, genau wie ich. Aber ich weiß nicht, ob das heut­zu­tage gut ist.
    JLG: »Heute ist das eher schlecht.
    (Auszug aus dem Gespräch, dass Jean-Luc Godard 1964 mit Fritz Lang unter dem Titel »Le dinosaure et le bébé« für das fran­zö­si­scher Fernsehen führte.) Weiterlesen

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    »Das Kino ist eine Flamme, ein Licht, man muss begeis­tern … Napoléon ist Prome­theus. Es handelt sich in dem Film nicht um Moral oder Politik, sondern um Kunst« – dies schrieb Abel Gance 1927 bei der ersten Vorstel­lung seines Films NAPOLEON. Dieser sollte ein leben­diges Zeichen für die Zukunft sein. »Aus dem Zuschauer einen Akteur machen, ihn in die Handlung einbringen, ihn den Rhythmen der Bilder aussetzen.« Gance erfand dafür eine eigene neue Kinosprache: Über­la­ge­rung der Bilder, Poly­vi­sion mit drei­ge­teilter Leinwand, dem »triple écran«. 1925 begann er mit NAPOLEON.
    Der Film mit Albert Dieudonné in der Titel­rolle – passender Name – ist gewaltig: Ein Abriss fran­zö­si­scher Geschichte, filmisch orches­triert, visionär gestei­gert und verdichtet. Fünf­stündig war er nur der erste von fünf geplanten Filmen über das Leben Napoleons. Er umspannt seine Jugend bis zum Beginn des Itali­en­feld­zugs.

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    Eléonore de Montes­quiou, 1970 geboren in Paris mit estni­schen Wurzeln ist Filme­ma­cherin und lebt in Berlin. Ihre Filme behandeln den Raum zwischen privater und offi­zi­eller Geschichts­schrei­bung, persön­li­cher und natio­naler Identität. In der Filmmaker’s Choice des Berliner Arsenal (www.arsenal-berlin.de) stellt sie am kommenden Montag Gances Film vor. Er läuft dort in 18 Bildern pro Sekunde, statt 24, daher ohne Musik. Das wird eine besondere Erfahrung, fünf Stunden Stille. Dabei ist doch die Musik erhalten. Der Deutsche Arthur Honegger hat sie kompo­niert.
    Gance war das wichtig. Er betonte, und das dürfte auch Honegger faszi­niert haben, die nicht­li­neare, nicht­thea­tra­li­sche Struktur von Film. Den Rhythmus der Bild­folgen, das Beschleu­nigen, Verlang­samen, die Unauf­halt­sam­keit des fort­schrei­tenden Prozesses, fasste Abel Gance in die magische Formel vom Film als »Musik aus Licht.«

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    Zu den vielen inter­es­santen Anekdoten, die sich um diesen legen­dären Film ranken, gehört die, dass ausge­rechnet der deutsche Stahl­in­dus­tri­elle Hugo Stinnes, der ein paar Jahre zuvor noch Granaten gebaut hatte, mit denen Fran­reichs Truppen an der Welt­kriegs­front »ausbluten« sollten, Abel Gance’ Film finan­zierte: Stinnes, kulturell desin­ter­es­siert und alite­ra­risch, gründete im Jahr 1923 die »Westi-Film« auf Grundlage der Idee eines »Europäi­schen Film­syn­di­kats«. So sollte der begin­nenden Übermacht von Hollywood begegnet werden. Die Bildung des deutsch-fran­zö­si­schen »Pathé-Westi Consor­tium« war der erste Schritt zur Verwirk­li­chung europäi­scher Zusam­men­ar­beit im großen Stil. Erste Groß­pro­jekte waren drei Monu­men­tal­filme nach fran­zö­si­schen Roman­vor­lagen: »Les Misera­bles« nach Victor Hugo, »Michael Strogoff« nach Jules Verne, und »Jocaste« nach Anatol France, dann das »Napoleon«-Projekt von Abel Gance. Der Zusam­men­bruch des Stinnes-Konzerns
    1925 machte den meisten Projekten ein Ende.

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    Schade, dass Montes­quiou nicht mit dem Philo­so­phen Montes­quieu verwandt ist.

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    Wer irgend Zeit hat, vorher am Freitag nach Mainz zu fahren, sollte sich eine Veran­stal­tung am dortigen »Institut für inter­kul­tu­relle Studien« nicht entgehen lassen. Es geht darin um das Verhältnis des klas­si­schen Hollywood zur konti­nen­tal­eu­ropäi­schen Philo­so­phie. Es gibt Vorträge die viel Kurzweil verspre­chen, wie den über »Disney und die kritische Theorie«, oder zum Verhältnis von Kracauer und Badiou zu Charlie Chaplin. Sehr gespannt sind wir auch auf den Vortrag, der endlich Aufklä­rung über alle Anekdoten und Gerüchte zur Beziehung zwischen Terrence Malick und Heideg­gers Denken verspricht. Nächste woche wissen wir mehr. Wer darauf nicht warten will, der findet hier [http://www.fb05.uni-mainz.de/medi­en­dra­ma­turgie/] weitere Infos.

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    Und wer wäre eigent­lich der Napoleon des Kinos? Kubrick?

    (To be continued)

    Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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    Cinema Moralia – Folge 72: Die Zauberlehrlinge von Hollywood…

    Daniel Day-Lewis as Abraham Lincoln

    …und nicht nur von dort: Steven Spielberg, Georg Lucas, Angela Merkel – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 72. Folge

    »God save the queen/ The fascist regime/
    They made you a moron/ Potential H-bomb/
    God save the queen/ She ain’t no human being/

    Don’t be told what you want/ Don’t be told what you need/
    There’s no future, no future,/ No future for you.«
    Sex Pistols
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    Von einem großen Sieg für Angela Merkel schreiben und reden jetzt viele. So kann man die Resultate vom Sonntag vermut­lich sehen, zumal an der persön­li­chen Zustim­mung für die Kanzlerin wenig Zweifel bestehen und sich die GRÜNEN gerade so benehmen, als seien sie und nicht die FDP aus dem Bundestag geflogen. Man könnte aber auch sagen: 1. Die Kanzlerin hat keine Mehrheit mehr. 2. Die Union hat trotz erhöhter Wahl­be­tei­li­gung nur gut 7 Prozent gewinnen können; da die FDP aber fast zehn Prozent einge­büsst hat, hat nicht nur Schwar­zGelb sowieso verloren, sondern der konser­vativ-neoli­be­rale Block hat insgesamt Stimmen verloren. 3. Es gibt eine Mehrheit links von Merkel, fast 60 % der Wähler und über drei Viertel der Wahl­be­völ­ke­rung haben sie nicht gewählt.
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    Kann die Unterwelt Hollywood retten? Nach einem heißen Sommer, in dem die Block­buster an der Kinokasse wie Karten­häuser zusam­men­bre­chen, in der George Lucas und Steven Spielberg wie zwei Weise, die in ihrem langen Leben schon alles gesehen haben und nun auch in die Zukunft blicken können, der Film­in­dus­trie in ihrer jetzigen Form die Apoka­lypse prophez­eihen, den Untergang in jenem digitalen Tornado aus DVD, VOD, YouTube, file-share und sozialen Netz­werken, den die Filmbosse in ihrer uner­sätt­li­chen Gier einst selbst ins Leben gerufen hatten und nun wie Goethes Zauber­lehr­ling längst zum Sklaven ihrer Geschöpfe geworden sind. Weiterlesen

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    Spielberg und Lucas sehen nun düstere Zeiten kommen, und befürchten eine »Implosion« des Kinos. Deutlich weniger Filme würden künftig in die Kinos kommen, für die dann aber mehr gezahlt werden müsse. Spielberg erwartet Preis­un­ter­schiede an den Kino­kassen: Für Hits wie Iron Man könnten 25 Dollar Eintritt (knapp 19 Euro) fällig werden, während man bei seinem eigenen Film Lincoln für sieben Dollar ins Kino komme. Die Unsi­cher­heit in Hollywood werde immer größer. Selbst bekannte Künstler hätten Probleme, ihre Filme zu reali­sieren. »Die Gefahr ist, dass es da irgend­wann zur Implosion kommt oder zum GAU. Eine Implosion, bei der drei, vier oder gar ein halbes Dutzend Filme trotz Mega­budget eine Bruch­lan­dung hinlegen. Das würde alles verändern.«
    Lucas verwies auf hohe Neben­kosten vor allem fürs Marketing. Dadurch müssten Filme für den Massen­markt produ­ziert werden. Die Bezahl­sender im Fernsehen seien »viel aben­teu­er­lus­tiger«. Beide Regis­seure sagten, dass sie große Mühe hatten, ihre jüngsten Filme überhaupt in die Kinos zu bekommen.
    Hollywood frisst seine Kinder.

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    Das Kino werde implo­dieren, aber es lebe der Film. Denn viele gute Filme werden mitt­ler­weile für Fernsehen oder Internet produ­ziert. Ins Kino zu gehen, meint Lucas, werde ein Luxus werden wie heute ins Theater oder in die Oper zu gehen. Hoffent­lich sind die Inhalte dann auch so elitär.

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    Kurz vor der Wahl erreichte uns letzte Woche auch eine Pres­se­mit­tei­lung der VG WORT. Diese Verwer­tungs­ge­sell­schaft der Autoren lädt Ende November nach München zu einer außer­or­dent­li­chen Mitglie­der­ver­samm­lung ein, in der das neue Leis­tungs­schut­z­recht für Pres­se­ver­leger beraten werden soll. Seit 1. August 2013 ist nämlich, von der breiten Öffent­lich­keit weit­ge­hend unbemerkt, ein geän­dertes Urhe­ber­rechts­ge­setz in Kraft getreten. Die neuen Para­gra­phen, §§ 87f, 87g, 87h sehen ein »Leis­tungs­schut­z­recht« für Verlage vor, das sich auf Nutzungen von Pres­se­erz­eug­nissen in Online-Such­ma­schinen oder vergleich­baren Angeboten bezieht. Außerdem einen Betei­li­gungs­an­spruch des Urhebers an den Vergü­tungen aufgrund des Leis­tungs­schut­z­rechts.
    Wenn wir das alles richtig verstehen, versucht die VG Wort nun etwas Hoch­in­ter­es­santes: Sie will nämlich das neue Leis­tungs­schut­z­recht, das in seinen Konse­quenzen zu großen Teilen urhe­ber­feind­lich ist, und die Urheber de facto enteignet, in einen Nutzen der Urheber wenden, indem sie deren Inter­essen gegenüber den Verlagen vertritt. Man soll die Möglich­keit haben, als Autor den Wahr­neh­mungs­ver­trag dahin­ge­hend zu erweitern, dass in Zukunft das Leis­tungs­schut­z­recht der Pres­se­ver­leger und der Betei­li­gungs­an­spruch der Urheber durch die VG WORT wahr­ge­nommen werden könnten. »Eine zukünf­tige Wahr­neh­mung des Leis­tungs­schut­z­rechts der Pres­se­ver­leger würde diese Rechte-Wahr­neh­mung sinnvoll ergänzen. Gleichz­eitig würde sicher­ge­stellt werden, dass auch die Urheber ange­messen an den Einnahmen beteiligt werden« heißt es in der Pres­se­mit­tei­lung. Näheres unter www.vgwort.de

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    Wie sehr die meisten Menschen die Wahl inter­es­siert, und die Politik, da dürfen wir aufrichtig sein, zeigt sich daran, wie sehr der Polit­be­trieb zum Show­ge­schäft dege­ne­riert ist. Was uns inter­es­siert, ist das Poli­ti­sche, nicht die Politik.

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    Politisch ist nun zum Beispiel, wie der selbst­er­nannte Qualitäts­jour­na­lismus über die Wahlen im Vorfeld berich­tete. Dem eigenen Anspruch, zu infor­mieren, unpar­tei­isch zu sein, glaub­würdig, anspruchs­voll, fundiert, kennt­nis­reich, reflek­tie­rend, einord­nend und über­ra­schend, ist man kaum gerecht geworden. Statt­dessen regierte eine üble Gedan­ken­brühe aus Apathie, Ignoranz, unpo­li­ti­scher Haltung und Anbie­derei, statt­dessen gab der Boulevard auch in den oberen Etagen den Ton an, regierte eine Melange aus Erlebnis, Nostalgie und Senti­men­ta­li­sie­rung aller Themen, aus Kritik­feind­schaft, Macht­ver­bun­den­heit und Verächt­lich­ma­chen der Oppo­si­tion.
    Die selbst­er­nannten Qualitäts­me­dien sind wie das deutsche Kino.

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    Lang­fristig schaufeln sich sich damit ihr eigenes Grab. Sie selbst zerstören das Niveau, auf das doch sie zual­ler­erst ange­wiesen sind. Die Markt­li­be­ralen werden Qualität in der »markt­kon­formen Demo­kratie« (Angela Merkel) nicht vertei­digen. Und die anderen, die sie vertei­digen und stützen könnten, haben immer weniger Grund dafür.
    Nils Minkmar, unter Frank Schirr­ma­cher Feuille­ton­chef der FAZ, schrieb nach Monaten weit­ge­henden Schwei­gens in der vergan­genen Woche vor der Wahl gleich zwei umfang­reich, überaus lesens­werte Artikel, die meiner Ansicht nach aufgrund ihrer hohen Anre­gungs­qua­lität auch von allen Filme­ma­chern gelesen werden sollten. Hier findet man Stoff für die nächsten fünf Spiel­filme.
    Im ersten von ihnen, veröf­fent­licht in der FAS am 15. September, diagnos­ti­ziert er unter dem Titel »Auf Doktor Merkels Couch« der bundes­re­pu­bli­ka­ni­schen Gesell­schaft den gene­rellen Burnout: »Der Burn-out ist das Syndrom unserer Zeit. Und das ist keine indi­vi­du­elle, sondern eine poli­ti­sche und soziale Diagnose. … Viele Deutsche, zumal jene, die einer Arbeit nachgehen und für Kinder oder ältere Fami­li­en­mit­glieder Verant­wor­tung tragen, fühlen sich am Limit. Sie träumen von Landlust, Wande­rungen, Rückzug und ‘Mal was ganz anderes machen’.«
    Minkmar klagt darin auch über die Medien, die auf den SPD-Wahlkampf und Stein­brücks intel­lek­tu­elles Niveau irritiert und genervt reagieren, die perso­na­li­sieren, anstatt Inhalte abzu­klopfen, und darüber, dass sie die Möglich­keit einer ganz anderen Politik von vorne­herein als chan­cenlos und irre­le­vant erklären. Und folgert bissig: »Dass sie mit dem Gegen­stand ihrer Bericht­er­stat­tung auch das Interesse an Politik und letztlich sich selber schrumpfen, schien ihnen nicht klar zu sein.«

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    Das Burn-Out als allge­meines Phänomen. Sofort fallen uns dazu die deutschen Filme der letzten Jahre ein, die uns immer schon und von Anfang an völlig ausge­brannt schienen. Leer, lahm, schweigsam, depressiv. Von Zombies für Zombies. Oder hyste­risch, überdreht, laut schreiend. Von Kindern für Kinder.
    Aber riskiert jemand etwas? Sind wir noch irgendwo ambi­tio­niert? Wenn schon nicht in der Politik, und mit uns selbst, dann in der Kunst, der Literatur, der Archi­tektur, dem Film? Gibt es Filme, die zeigen, wie wir hier leben?

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    Die Kinder, erzählte eine Freundin, die einen 16-jährigen Sohn hat, gehen nicht mehr ins Kino. Sie machen Compu­ter­spiele, und wenn Du »Grand Theft Auto« gesehen hast, dann weißt Du: Bald ist das besser, als jeder Film. Da bricht eine Gene­ra­tion weg. Ich verstehe diese Sätze nicht ganz. Ich verstehe nicht diesen Zwischen­zu­stand: Wenn ich aktiv sein will, mache ich Sport, im Kino will ich passiv sein – darum gehe ich ja rein. Compu­ter­spiele sind mir schlicht zu anstren­gend, um sie als Entspan­nung zu empfinden.

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    »Es gab mal ein Video­spiel«, wurde Steven Spielberg neulich zitiert, »da musste man Babys auffangen, die aus dem Fenster eines bren­nenden Hauses geworfen wurden.« Die Entwickler hätten geglaubt, wenn es um Babys gehe, müssten die Spieler doch ein emotio­nales Verhältnis entwi­ckeln. »Aber die haben bloß Punkte gezählt. Oder die Babys aufs Pflaster klatschen lassen, um zu sehen, was passiert. Etwas im Inneren schaltet sich einfach ab.« »Die Gamer wollen immer jemandem den Kopf wegschießen«, ergänzte Lucas.

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    Am Vorwahl-Samstag schrieb Minkmar dann über »Die große poli­ti­sche Leis­tungs­ver­wei­ge­rung«. Er meinte nicht das Feuilleton, oder die über­re­gio­nalen Blätter insgesamt. Er hätte sie aber meinen können:
    »Ein Tag vor der Bundes­tags­wahl stehen wir vor dem Resultat eines ekla­tanten, philo­so­phi­schen Versagens: Es gelingt derzeit nicht, die wichtigen Fragen von den unwich­tigen zu trennen, die Aufmerk­sam­keit zu fokus­sieren und den Kopf klar zu bekommen. … Wer am vergan­genen Donners­tag­abend die Berliner Runde sah, hatte eigent­lich einen ganz guten Eindruck davon … Die Aufar­bei­tung der Göttinger Kommu­nal­wahl der frühen achtziger Jahre unter beson­derer Berück­sich­ti­gung möglicher kinder­schän­de­ri­scher Absichten ist aller juris­ti­schen und geschichts­wis­sen­schaft­li­chen Ehren und Mühen wert, aber sie hat in einem Bundes­tags­wahl­kampf nichts verloren. Es waren sich auch alle einig, dass das Thema im Wahlkampf nicht gewinn­brin­gend erörtert werden kann; geredet wurde trotzdem darüber. … [die Frage einer Pkw-Maut nur für Ausländer] Sie ist euro­pa­recht­lich nicht zulässig. … Und selbst wenn – das ist, bei der Fülle ernster Probleme, gar kein wichtiges Thema. Es wurde dennoch gnadenlos ausge­walzt. … Es war irre. … Der Subtext all dieser Debatten waren uralte Parolen: Freiheit statt Sozia­lismus. Haus­frauen gegen Raben­mütter, freie Fahrt für freie Bürger und vor allem: keine Expe­ri­mente. Dieser Wahlkampf ist eine einzige poli­ti­sche Geis­ter­bahn.«
    (Nils Minkmar, FAZ 21.9.13)
    Alles völlig richtig, außer dem letzten Satz. Denn mit dem Wahlkampf hatte das eigent­lich wenig zu tun. Die betei­ligten Politiker hätten gern über anderes geredet, manche von ihnen versuchten es auch. Es war aber unmöglich.
    Denn die beschrei­bende Leis­tungs­ver­wei­ge­rung hat zu tun mit einem öffent­lich-recht­li­chen Fernsehen, das sich und seinen Daseins­zweck bereits aufge­geben hat, das innerlich und geistig mausetot ist, das Politik längst in Enter­tain­ment verwan­delt hat, das darum alle Ansprüche auf öffent­liche Gelder und Fern­seh­ge­büren verwirkt hat – das aber leider leider sehr mächtig ist. So mächtig, dass Politiker vor ihm kuschen und über­re­gio­nale Zeitungen vor ihm in die Knie gehen.

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    Denn zur von Minkmar beklagten Leis­tungs­ver­wei­ge­rung gehört auch das Verhalten seines eigenen Blattes, der FAZ, die Minkmar durch die Blume kriti­sierte. Denn was hat denn die FAZ – und natürlich ist sie quali­tativ noch eine der besseren – in den letzten Wochen gemacht? Außer dem, was sie immer macht, in Kommen­taren zu erklären, warum die Union mit mehr oder weniger allem irgendwie recht hat, von der Herd­prämie bis zur Ener­gie­wende, warum die FDP »gebraucht« wird, warum die SPD »trotzdem« unzu­ver­lässig ist, und die Grünen Spinner. Daneben veröf­fent­licht der manches­ter­li­be­rale »Kron­berger Kreis«, textlich vermummt als »fünf führende Ökonomen« am Sonntag vor der Wahl ein Manifest mit dem Titel »Wahlhilfe«, der Behaup­tung »Der Sozi­al­staat ist intakt. Er darf nicht durch noch mehr Umver­tei­lung gefährdet werden.« und der Forderung nach weiteren Dere­gu­lie­rungen. Daneben die üblichen Umfragen und Warnungen vor »Rot-Rot-Grün«.
    Doch damit nicht genug. Es wurde eine mona­te­lange Kampagne gegen die GRÜNEN gefahren, zuletzt mit der erhöhten Schlag­zahl von täglich »neuen« Berichten in den letzten 14 Tagen vor der Wahl. Diese erstreckte sich nicht allein auf vor 32 Jahren in Kommu­nalz­ei­tungen geschrie­bene Artikel, sondern auf die Gegenwart und gewis­ser­maßen das Wesen der GRÜNEN an sich. Man muss kein Fan oder Wähler der GRÜNEN Partei sein, um die Kampagne und die soge­nannte »Pädo­philie«-Debatte als verleum­de­risch zu empfinden, als einen Kultur­kampf von rechts.

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    Am 5. September präsen­tierte die Wochen­z­eit­schrift der Dichter und Denker, die ZEIT 48 Dichter und Denker, genau gesagt »Schrift­steller, Philo­so­phen, Schau­spieler und andere kluge Köpfe« (tolle Zusam­men­stel­lung), die sich »bekennen«. Heraus kamen Kommen­tare wie diese: »Zahlen kann ich nicht nach­prüfen. Dasein ist erlebbar. Frau Merkel musste nur da sein.« (Martin Walser, 86, »ist einer der meist­ge­le­senen deutschen Schrift­steller«); »Ich sitze in einer Bucht am Mittel­meer und träume von einer europäi­schen Verfas­sung. Das Beste, was wir im Augen­blick haben, ist die erzwun­gene Soli­da­rität unter uns Wahlmüden. Ich würde auf diesem Wege Norbert Lammert, Andrea Nahles, Christian Lindner und Cem Özdemir gern meine persön­li­chen Grüße über­mit­teln. Das ist alles.« (Durs Grünbein, 51, »ist Lyriker und Essayist. 1995 erhielt er den Georg-Büchner-Preis, seit Kurzem lebt er mit seiner Familie in Rom«); »Wenn man ein paar Bücher geschrieben hat, werden einem dauernd solche merk­wür­digen Fragen gestellt« (Ferdinand von Schirach). Schon im Fall von diesen, oder Leuten wie Jürgen Habermas, Alice Schwarzer und war man nicht sehr gespannt- Was aber bitte macht Richard David Precht, Amelie Fried, Sibylle Berg, Miriam Meckel, Andreas Weber, Maria Furt­wängler zu Personen, deren öffent­liche Äußerung in irgend­einer Hinsicht relevant ist?

    + + +

    Frage also: Was ist von den Medien in bishe­riger Form noch zu erwarten? Was bringt der Qualitäts­jour­na­lismus? Er ist Teil des Tota­li­ta­rismus’ des Gegebenen, unseres Gefäng­nisses, das als »Gegenwart« verkauft wird, aus dem die Zukunft ausge­sperrt ist.
    Medien, jeden­falls der selbst­er­nannte »Qualitäts­jour­na­lismus«, könnten Alter­na­tiven formu­lieren gegen die große Alter­na­tiv­lo­sig­keit. Kostet natürlich Anstren­gung. Unter anderem geistige, viel­leicht auch finan­zi­elle.
    Manche drögen Seppels werden die Zeitung nicht mehr kaufen. Manche Anzeigen werden nicht mehr geschaltet.
    Was tun aber die Zeitungen und TV-Sender? Die guten, quali­ta­tiven? Sie infor­mieren nicht. Sie spitzen nicht zu. Sie lenken ab. Sie reiten auf Wellen. Sie blasen Neben­säch­lich­keiten auf. Sie reden das Wichtige klein. Sie biedern sich an. Sie provo­zieren nicht. Sie nerven nicht. Sie täuschen. Sie zensieren. Sie infor­mieren nicht, sondern wollen Unter­hal­tungs­pro­dukt sein. Sie klären nicht mehr auf. Sie formu­lieren auf allen möglichen Feldern höchste Ansprüche. Aber sie prak­ti­zieren eine gedank­liche Unschärfe, eine fehlende Struktur und eine bemer­kens­werte intel­lek­tu­elle Faulheit, die verzwei­feln lässt.

    »Engagiert Euch!« hatte vor drei Jahren der in Deutsch­land geborene Franzose Stephane Hessel im Titel seines kleinen Essays den Menschen zugerufen. Das hat damals vielen Deutschen gefallen. Jetzt ist es Zeit, dies auch wirklich zu tun!

    + + +

    Endlich hat Deutsch­land seit letzter Woche auch eine Werbe­film­aka­demie! Genau das hat uns noch gefehlt.

    + + +

    »Deutsch­land vor der Wahl ist das Land der Gelähmten. Die Kanzlerin ist träge, ihr Volk furchtsam. Merkel und die Deutschen bilden ein Bündnis der Angst. Einziges Ziel: die Flucht vor der Verant­wor­tung.«
    Jakob Augstein

    (To be continued)

    Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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    Cinema Moralia – Folge 71: Was heißt Alternativlosigkeit?

    Katharina Thalbach merkelt entschlossen als Kanzlerin (in Der Minister) – © SAT.1/Hardy Brackmann

    Unter Zombies: Der Wahlkampf und das Kino der Alter­na­tiv­lo­sig­keit – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 71. Folge

    »Aufrich­tig­keit ist die erste Pflicht des Kritikers.« – Marcel Reich-Ranicki
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    »Nur die aller­dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber.« Etwas abge­hangen dieser Sponti-Spruch, schon klar, aber hoffen wir mal, dass da am Sonntag keiner etwas tut, was er später bereut. Die Metzger sollen noch mal schön ein bisschen warten.
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    Die meisten Deutschen finden den Bundes­tags­wahl­kampf lang­weilig, meldet die Kölnische Rundschau. Viel­leicht ist es ja gar nicht der Wahlkampf, viel­leicht sind ja auch einfach die Leute lang­weilig, die Wähler. Aber stimmt ja: Wähler­be­schimp­fung kommt gar nicht gut an, Leser­be­schimp­fung also auch nicht, man muss den dummen Leuten sagen, dass sie klug sind. »Die Köchin soll den Staat regieren können«, hat schließ­lich schon Lenin gesagt. Die Betonung liegt hier aller­dings auf »können« und auf »soll« – dass sie ihn schon regieren kann, hat er damit aller­dings nicht gesagt. Lenin kannte aller­dings auch Angela Merkel noch nicht.
    + + +
    Heute um 14 Uhr wurde vor dem Kanz­leramt ein offener Brief übergeben, den die Schrift­stel­lerin und Film­au­torin Juli Zeh aufge­setzt hat, und der inzwi­schen von über 67.000 Menschen unterz­eichnet wurde, darunter auch von zahl­rei­chen Filme­ma­chern und Dreh­buch­au­toren. Der Brief richtet sich gegen die Passi­vität der Bundes­re­gie­rung ange­sichts des NSA-Skandals.
    Wir empfehlen unseren Lesern dringend, sich dem Brief anzu­schließen: Jeder kann hier unterz­eichnen. Weiterlesen

    + + +

    In einem Interview mit der »Berliner Zeitung« sagt Zeh dazu ein paar bemer­kens­werte Sätze: »Ein beob­ach­teter Mensch ist nicht frei.« … »Die meisten möchten doch nicht einmal, dass die Partnerin oder der Partner die eigenen Mails liest, weil wir nämlich wohl etwas zu verbergen haben. Nicht ein Verbre­chen, sondern einfach nur das, was man Privat­sphäre nennt. Ein intimer Raum, der uns immer latent peinlich ist und den wir schützen. Ich denke, wer nichts zu verbergen hat, der hat bereits alles verloren. …. Die Fähigkeit, Geheim­nisse zu haben, oder anders gesagt: das Bewusst­sein dafür, dass es eine Intimzone gibt, ist eigent­lich das, was den Menschen wirklich ausmacht. Es ist etwas, das zu unserem Wesens­ge­halt gehört, zu unserer Würde. Ein Gefühl von Scham, ein Gefühl von Pein­lich­keit, ein Gefühl, nicht ange­schaut werden zu wollen, das schützt unsere Identität. Wenn wir das aufgeben und sagen, ihr dürft mich alle nackt anschauen, foto­gra­fieren und meine Briefe lesen, dann gibt man seine Persön­lich­keit auf, seinen Stolz, seine Würde und auch seine Identität. Man kann irgend­wann nicht mehr ‘Ich’ sagen. Ohne Geheim­nisse gibt es kein Ich. Man verliert dann im Grunde sich selbst.«

    Und weiter: »Das Bundes­ver­fas­sungs­ge­richt sagt zu Recht, dass schon der beob­ach­tete Mensch kein freier Mensch mehr ist. Studien der Verhal­tens­psy­cho­logie zeigen, dass ein Mensch, der weiß, dass er beob­achtet wird, sich anders verhält und auch irgend­wann anfängt, anders zu denken, als ein Mensch, der sich unbe­ob­achtet fühlt. … Schon die Beob­ach­tung ist ein Eingriff, eine Mani­pu­la­tion dessen, der beob­achtet wird. Die Demo­kratie setzt aber freie Bürger voraus, die sich auch freie Meinungen bilden können. Die Über­wa­chung höhlt so unseren Rechts­staat aus.«

    »Es gibt eine große Verun­si­che­rung darüber, was genau passiert, und ein diffuses Gefühl, dass man eh nichts dagegen unter­nehmen kann. Das ist ja auch genau das, was die Bundes­re­gie­rung uns signa­li­siert. Ich glaube, es wird Jahrzehnte dauern, bis das Ausmaß der Verän­de­rungen ins Bewusst­sein der Leute wirklich einsi­ckert. Das hat man auch bei anderen großen gesell­schaft­li­chen, quasi revo­lu­ti­onären Verän­de­rungen gesehen, dem Umwelt­schutz oder dem Kampf für Frau­en­rechte.
    … Der Staat muss dafür sorgen, dass unserer Daten nicht geraubt werden.«

    + + +

    Alter­na­tiv­lo­sig­keit ist ein Wort, das besser ist als unsere Kanzlerin und besser als der Gebrauch dieses Wortes, um unsere Zeit auf den Begriff zu bringen. Was heißt Alter­na­tiv­lo­sig­keit?

    Die Biogra­phien sterben aus. Heute gibt es nur noch alter­na­tiv­lose Biogra­phien. Die jener Menschen, die immer schon wussten, was sie mal machen würden. Gegen­bei­spiel: Die Biogra­phie von Berthold Beitz, der kürzlich gestorben ist. Sie war keine alter­na­tiv­lose Biogra­phie, sondern eine mit Ecken, Wendungen und Risiko.

    Was Alter­na­tiv­lo­sig­keit bedeutet? Das heutige Neo-Bieder­meier, das sich eine Mutter der Nation leistet, die es still­stellt, und aus der Lange­weile eine Tugend macht, und die nicht nur äußerlich an Louis-Philippe I. erinnert.

    + + +

    Es gibt auch ein Kino der Alter­na­tiv­lo­sig­keit. Was das Kino nicht leistet: Alter­na­tiven zur Alter­na­tiv­lo­sig­keit zu bieten. Genau das müsste es aber tun, anstatt sich in die Gräben der Unter­hal­tung oder in Elfen­bein­türme zurück­zu­ziehen. Statt­dessen laufen in deutschen Filmen nur noch Plot-Zombies herum, keine Figuren aus Fleisch und Blut.

    + + +

    Gestern ist Marcel Reich-Ranicki gestorben. Auch wer sich nicht für Literatur inter­es­siert, erinnert sich an seine flammende Rede zum Qualitäts­ver­fall des Fern­se­hens.
    »Wir müssen nur etwas tun, damit das Fernsehen das Programm ändert! Ich habe vor kurzem über einen Freund aus dem Fern­sehrat bei einem unserer Inten­danten inter­ve­niert und gesagt: Ich halte das Programm seines Senders für einen Skandal und für Barbarei! Er hat mir antworten lassen, knapp: ‘Fußball ist wichtiger als Literatur!’ Ich habe ihm wiederum antworten lassen: ‘Wer heute sagt, ‘Fußball ist wichtiger als Literatur’, wird morgen sagen ‘man soll die Bücher wieder verbrennen’!«

    + + +

    Die ARD hat jetzt nach langem Gedrängt­werden die Preise ihrer Fernseh-Produk­tionen veröf­fent­licht. Auf der Inter­net­seite daserste.de kann man einiges nachlesen. Danach kostet eine Minute »Tatort« 15.500 Euro. 17.500 Euro pro Minute werden durch­schnitt­lich für einen »Donna Leon«-Krimi veran­schlagt. Der durch­schnitt­liche Minu­ten­preis für die 90-minütigen Fern­seh­filme, die unter dem Signum »Film-Mittwoch im Ersten« laufen, beträgt ebenfalls 15.500 Euro. »Für heraus­ra­gende Event­pro­duk­tionen liegt ein indi­vi­duell zu verhan­delnder Minu­ten­preis zugrunde, für den kein allge­mein­gül­tiger Durch­schnitts­wert angegeben werden kann«, heißt es weiter. Allen Preisen liegen die soge­nannten Total-Buyout-Verträge zugrunde, in denen zum Beispiel Wieder­ho­lungs­ho­no­rare und Auslands­rechte bereits abge­golten sind.
    Als Grund für die Offen­le­gung nannte der Sender­ver­bund den »häufig formu­lierten Wunsch nach mehr Trans­pa­renz im öffent­lich-recht­li­chen Rundfunk«.
    Das ZDF beläßt es einst­weilen noch bei allge­meinen Infor­ma­tionen. Auf der Seite www.unter­nehmen.zdf.de findet man staats­ver­trag­liche Grund­lagen und Satzungen, Gremien, Gehälter der Geschäfts­lei­tung und Finan­z­pläne. Demnächst sollen auch »Kosten-Größen­ord­nungen von ZDF-Sendungen« folgen.

    + + +

    Ein Lehrstück für die Medi­en­wis­sen­schaften ist die Bericht­er­stat­tung der letzten Monate über Ägypten. Meinungs­stark und neugier­schwach – so erlebte man die gesam­melte Mann­schaft des Qualitäts­jour­na­lismus . mit wenigen Ausnahmen wie dem Ägypten-Korre­spon­denten des »Spiegel.«

    + + +

    Was man am Beispiel Ägypten auch lernen kann: Demo­kratie ist relativ.
    Wenn im Herbst 1933 die deutsche Wehrmacht Hitler mit Gewalt gestürzt hätte, und dabei ein paar Hundert seiner Anhänger, darunter HJ-Pimpfe, aber auch SA-Schergen getötet worden wären – würden dann heute auch die deutschen Zeitungen mit Verfas­sungs­ka­ta­logen herum­we­deln, und erklären, Hitler sei schließ­lich demo­kra­tisch gewählt worden? Demo­kratie sollte nicht zum Fetisch werden
    In Ägypten ist die Mehrheit der Bevöl­ke­rung gegen die Muslim­brüder. Die Muslim­brüder haben bereits Sadat getötet – falls man sich an den noch erinnert –, die Muslim­brüder fordern den Dschihad gegen Israel und den Westen, ihre Führer rufen zum Märty­rertod auf, aber der deutsche FDP-Außen­mi­nister vertei­digt sie.

    + + +

    Freiheit ist natürlich ohne Frage auch die Freiheit der Anders­den­kenden, da könnte der deutsche FDP-Außen­mi­nister sich mal zum Beispiel für Edward Snowden einsetzen, oder für Julien Assange, beides keine Anti-Demo­kraten, die aber in den ach so hoch­ge­lobten Demo­kra­tien ihrer Freiheit nicht sicher sein können.
    Freiheit ist nicht nur die Freiheit der Anders­den­kenden, sondern auch die der Anti-Demo­kraten. Freiheit ist aber keines­wegs die Freiheit der Anders­han­delnden.
    Freiheit ist schließ­lich auch die Freiheit der Blöden. Deswegen werden auch diesmal wieder ein paar Prozent der Wähler mit der Zweit­stimme die … wählen – siehe oben.

    + + +

    »Es war nicht seine Sache, wissen­schaft­liche Gutachten zu liefern. Etwas anderes strebte er an, und er verwirk­lichte es auf eine bis dahin unbe­kannte Weise: Kerr machte aus der Thea­ter­kritik ein zusät­z­li­ches Spektakel, ein geistiges Schau­spiel. Dies aber konnte ihm nur gelingen, weil er, der sich vom Komö­di­an­ti­schen betören ließ, selber ein komö­di­an­ti­sches Tempe­ra­ment hatte.

    Seine Rezen­sionen waren aufse­hen­er­re­gende Darbie­tungen eines Virtuosen, eines jauchzend in seine Kunst verliebten Artisten. Es waren effekt­volle Selbst­prä­sen­ta­tionen. Wer will, mag Kerr vorwerfen, was ihm tatsäch­lich unzählige Male vorge­worfen wurde, zumal von jenen, die sich von ihm schlecht behandelt fühlten: haar­sträu­bende Egozen­trik und wollüs­tigen Selbst­genuß. Das trifft schon zu, aber es hängt untrennbar mit seiner Leistung zusammen. Denn die Egozen­trik war die Voraus­set­zung seiner kriti­schen Tätigkeit und darüber hinaus seiner ganzen schrift­stel­le­ri­schen Existenz, die Eitelkeit der Motor seines Schrei­bens, der Selbst­genuß sein Stil­prinzip.

    Im Mittel­punkt stand immer er selber. Denn Kerr betrach­tete sich als Versuchs­person, über deren Reaktion auf künst­le­ri­sche Darbie­tungen (oder auf Städte, Land­schaften, Sehens­wür­dig­keiten) er sein Publikum zu infor­mieren hatte. Um es über­spitzt auszu­drü­cken: Nicht über einen Thea­ter­abend schrieb Kerr, sondern über sein persön­li­ches, durch diesen Thea­ter­abend hervor­ge­ru­fenes Erlebnis. Er war ein unruhiger und unge­dul­diger Schreiber, der dem spontanen Antrieb folgte.«
    Marcel Reich-Ranicki über sein Kriti­ker­vor­bild Alfred Kerr

    (To be continued)

    Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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    Cinema Moralia – Folge 68: Zwischenstation Sehnsucht

    Fritz Langs Nibelungen

    Die Nibe­lungen mal wieder, Bayreuth, Mongolen-Ansturm, der Kultur­staats­mi­nister, künst­le­ri­scher Terro­rismus und Listen, Listen, Listen – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 68. Folge

    »Dissent can be dicy.«
    Susan Sarandon in der Rolle der Ex-Revoluzzerin Susan Solarz in Robert Redfords The Company You Keep

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    »Diese Entschei­dungs­lo­sig­keit«, sagte der Redakteur, »es ist wie vor dem Joghurt-Regal. Welche Sorte soll man nehmen? Und von welchem Anbieter?« Tja, ein Alltags­schicksal in der Multi­op­ti­ons­ge­sell­schaft. Der Redakteur, der – das ist nicht selbst­ver­s­tänd­lich – auch ein Freund ist, sprach eigent­lich nicht vom Super­markt, sondern von seinem Bücher­vorrat. »Der Stapel ist unendlich – alles Bücher, die man in den Sommer­fe­rien unbedingt lesen sollte.« Mir fällt dazu erstmal nichts ein, aber ich spüre einen Stich im Herzen. Stimmt: Redak­teure haben ja Sommer­fe­rien. Bezahlt! Dann frage ich, ihn, welches Buch denn bei ihm ganz oben auf dem Stapel läge? »Naja«, sagt er, »eigent­lich sollte ich den Kittler lesen.« – »Der ist doch tot?« – »Eben drum«, meint er, »man muss jetzt halt schauen, was an ihm wirklich dran ist. Aber…«, meint er weiter, »ganz oben liegt bei mir ein Buch von Johannes Fried übers Mittel­alter. Kennst Du den Fried?«
    – Kenne ich, hab ja schließ­lich Geschichte studiert, und mir fällt bei Fried als erstes ein, dass er wie alle deutschen Histo­riker besonders gern englische Tweed-Jackets trägt, grünliche, glaube ich. »Das Mittel­alter«, meint der Redakteur, und klingt jetzt aufgeregt »… in seinem Buch schreibt der Fried über den Mongo­len­ein­fall.« Ich warte. Und glaube, jetzt kommt irgendwas über den Dünger, der das Abendland zum Blühen brachte. »Der Mongo­len­ein­fall ist ein erster großer Anlass geworden, sich mit fremden Kulturen zu befassen. Die Mongolen haben die Hälfte der unga­ri­schen Bevöl­ke­rung massa­kriert und sind wieder abgezogen. Zurück blieb großes Staunen über die Mongolen. Und dann ist der Papst gekommen, und hat gesagt: ‘Dem müssen wir nachgehen.’ Das ist ja die Frage, die man auch heute hat: ‘Wer sind die Aliens?’« Das Abendland, das hat da aufgrund des Fragen­ka­ta­logs der Hoch­scho­lastik zur Neuent­de­ckung Asiens beige­tragen. Weiterlesen

    + + +

    Im Fernsehen redete am Sonntag dann Frank Castorf bei »ttt« über seinen Ring bei den Wagner-Fest­spielen. Klingt alles gut, und sieht super aus, wenn auch ein bisschen wie Castorfs größter Erfolg »Endsta­tion Sehnsucht«. Aber warum auch nicht? Erstmals seit Jahren habe ich jeden­falls Lust, eine »Ring«-Insz­e­nie­rung zu sehen, erstmals seit Jahren redet irgendwer über Wagner. Eine Ölplatt­form als Nibe­lungen-Gold – das ist eine Deutung, so platt wie der heutige Kapi­ta­lismus eben ist. Castorf sagt im Beitrag sympa­thi­sche und kluge Sachen. Etwa: »Es geht um Ausnah­me­zus­tände sowieso bei Wagner. Wie laut ist es, wann ist das Orchester und die Zuschauer zu Tode erschreckt, es sind Terror­akte, wie Wagner sagte, künst­le­ri­scher Terro­rismus tut manchmal not.« Oder: »Götter­däm­me­rung ist gut, weil alles, was ist, wird anders werden.«

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    Man wünschte sich nur mal so etwas Ähnliches im Kino. Ein Film, der derart wichtig genommen wird, ohne bieder natu­ra­lis­tisch zu sein – wie Das Leben der Anderen. Sondern so gekün­s­telt, wie eine Castorf-Insz­e­nie­rung. Und den das Feuilleton auch wichtig nimmt, und so toleriert, wie Herrn Castorf, der Dinge tun und sagen darf, von denen Film­re­gis­seure leider nur träumen können. Die deutsche Film­kritik will aber nämlich eigent­lich keine Politik, sowenig wie die Film­branche. Man will nur so tun, als ob, und schon gern sagen können, wie wahn­sinnig politisch etwas ist, aber bei echten Mani­festen oder Polemiken zitiert man hier­zu­lande dann pikiert am liebsten den dummen Satz, Botschaften solle man »mit der Post schicken«.

    + + +

    Der Mongo­len­sturm, genauer Mongo­len­könig Etzel, gegen den die »teutschen Recken« einen Angriffs­krieg führen, die die schon durch Verrat Entzweiten vereinen soll, spielt ja zwar nicht bei Wagner, aber im Nibe­lun­gen­lied eine zentrale Rolle. Und das hat immer wieder besonders Filmleute angezogen, nicht nur Fritz Lang und seine Epigonen, die in den Sech­zi­gern zwei »Nibe­lungen«-Filme drehten, nicht nur Sat1 vor ein paar Jahren. Auch Helmut Dietl und Bernd Eichinger hatten konkrete
    Pläne. Jetzt will sie Teamworx-Chef Nico Hofmann reali­sieren – aber vorerst nicht im Film, sondern auf der Bühne der Nibe­lungen-Fest­spiele, wo er ziemlich über­ra­schend ab 2015 die Intendanz übernimmt – mit dem Film­re­gis­seur Thomas Schadt (auch Geschäfts­führer der Ludwigs­burger Film­aka­demie) als künst­le­ri­schem Leiter. Eine weitere Synergie von Film und Theater.
    Das neue Stück zur Inszenierung wird von Albert Ostermaier geschrieben, auch ein sehr filmaffiner Theaterautor, der in der »SZ« vom 30.7. Lesenswertes zum Nibelungenstoff sagt: »Das ist eine der gewaltigsten und gewalttätigsten Erzählungen der Weltliteratur und verarbeitet alles, was uns Deutschen an Lieb und Leid innewohnt. … Darin ist wie in einem Shakespeare-Drama alles vorhanden: Wie aus Privatem Politik und aus Politik das Private entsteht. Gleichzeitig stecken im Text aber auch Komik, Ironie und Leichtigkeit, was bislang immer weggedrängt wurde.«

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    Wider­stand kann riskant und unan­ge­nehm sein, keine Frage. Aber manchmal muss es eben sein. Das hat viel­leicht auch Bernd Neumann gedacht, unser Kultur­staats­mi­nister, und ohne Frage einer der ange­nehmsten Menschen in seiner Partei. Vor ein paar Wochen hatte er sehr sehr unan­ge­nehme Tage. Das war, als im Kultur­aus­schuss des Bundes­tags und auch außerhalb des Parla­ments, in den halb­schat­tigen kühlen Hallen, in den die Schwarz-Gelb-Entschei­dungen wirklich fallen, und nicht nur fürs Publikum exeku­tiert werden, über die Künst­ler­so­zi­al­kasse (KSK) gestritten wurde. Bekannt­lich setzten sich Neumann und Arbeits­mi­nis­terin Ursula von der Leyen vehement dafür ein, noch vor der Wahl schärfere Kontrollen der abga­be­pflich­tigen Unter­nehmen durch­zu­setzen, ob die denn ihre Abgaben auch zahlen. Denn seit 2010 werden diese Unter­nehmen immer nach­läs­siger geprüft und bringen die KSK daher in finan­zi­elle Schief­lage.
    Bekanntlich konnten sich beide Minister nicht durchsetzen – gescheitert sind sie an Wirtschaftslobbyisten, an der FDP und an der Kanzlerin. Die brüskierte ihren Minister kürzlich halböffentlich. Denn als Neumann eine Rede hielt, in der er sich für die KSK in der alten Form einsetzte, wird ihre Antwort wie folgt kolportiert: »Das mag Ihre Meinung sein, Herr Neumann, aber die Regierung denkt anders.«

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    Weil wir nicht anders denken, erlauben wir uns hier nochmals den Hinweis auf die Petition gegen die Abschaf­fung der Künst­ler­so­zi­al­kasse. Hier steht alles, was man dazu wissen muss – die Petition läuft nur noch bis zum 06.08.2013

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    Für Neumann könnten diese Sommer­tage die letzten im Amt sein. Denn zumindest für den Bundestag kandi­diert er nicht mehr, und so speku­lieren manche schon über Nach­folger. Bereits eine Art vorge­zo­genen Abschieds­text veröf­fent­lichte Ende Juli Chris­tiane Peitz, die zwar im Haupt­beruf Feuille­ton­chefin und Film­ex­pertin des Berliner »Tages­spiegel« ist, da aber offenbar genug Zeit hat, um nebenbei noch für Radio­sender zu arbeiten. Sowohl im WDR wie im NDR blickte sie auf Neumanns Arbeit zurück – Nachhören oder -lesen lohnt.

    Es ist nicht nur ein schmei­chel­haftes Portrait, sie würdigt zwar, der west­preußi­sche Flücht­lings­sohn und ausge­bil­dete Pädagoge habe »die Bundes­kul­tur­po­litik profes­sio­na­li­siert und konso­li­diert«, nennt Tief­sta­peln, und »die geräu­scharme, skan­dal­freie Hinter­zim­mer­po­litik, das Schmieden von Koali­tionen und Kompro­missen« zu seinen Stärken. Doch »das beherzte Angehen offener Fragen ist nicht seine Sache. Neumann sitzt Debatten lieber aus und pflegt den Konsens«, ein »Macher, … cleverer Lobbyist, ein Bauern­schlauer«. »Acht Jahre Bernd Neumann, acht Jahre korrekte Bieder­keit bei öffent­li­chen Auftritten, … Eleganz, gar Esprit, das kann er nicht. … er wird nicht müde, das öffent­lich-recht­liche Fernsehen an seinen Kultur­auf­trag zu erinnern, wenn ARD und ZDF die Doku­men­tar­film­pro­duk­tion abschaffen oder anspruchs­volle Filme ins Nacht­pro­gramm verbannen. Aber der Geruch des Provin­zi­ellen haftet ihm weiter an, die Mischung aus Unge­schick und Eitelkeit, die wegen seines Hangs zur falschen Aussprache von Namen immer wieder peinlich berührt.«

    Diese vage Kritik an Äußer­li­chem ist recht hart, und schwächt die wirklich sach­li­chen Argumente, die Peitz natürlich auch hat: »Man wünschte sich auf Dauer mehr Program­ma­ti­sches vom höchsten Kultur­amtsträger im Staate, mehr als nur die wort­reiche Sorge um die kultu­relle Bildung oder die Zukunft des Urhe­ber­rechts im digitalen Zeitalter. Wo bleibt eine zündende Idee, wie dem Kultur­p­re­ka­riat geholfen werden kann? Wo das leiden­schaft­liche Bekenntnis zum skeptisch beäugten Humboldt-Forum mit den außer­eu­ropäi­schen Samm­lungen im Schloss: zu einem im Herzen der Nation ange­sie­delten Haus für die Kultur­schätze der Welt, deren Wert sich in globa­li­sierten Zeiten von selbst verstehen müsste? Warum rührte Neumann so gut wie nie die Werbe­trommel für die Berliner Kunst­schätze der Moderne und die Behebung der Platznot in der Neuen Natio­nal­ga­lerie? Warum besticht er neben den Haus­häl­tern nicht auch die Öffent­lich­keit mal mit Argu­menten? … Ja, Neumann hat den Film wirt­schaft­lich voran­ge­bracht und die Babels­berger Studios sind mit inter­na­tio­nalen Produk­tionen wieder gut ausge­lastet. Aber künst­le­risch hat der deutsche Film wenig zu melden, inter­na­tional laufen ihm kleinere Länder wie Öster­reich oder Dänemark den Rang ab. Hier hat Neumann zu wenig gestaltet.«

    + + +

    In dieser letzten Juli- ersten August­woche ist Deutsch­land mehr denn je in Ferien versunken. Gerade schreibe ich in Mannheim, im Cafe Vienna, das ich unverz­eih­li­cher­weise erst im zwölften Jahr meiner regel­mäßigen Mannheim-Besuche per Zufall entdeckt habe, obwohl er mitten im berühmten »Quadrat« liegt. »So ein bisschen alter­nativ« sei der Laden, charak­te­ri­siert ihn die Bedienung – und das stimmt zumindest wenn man auf die Preise guckt. Die sind nämlich fast wie zu DM-Zeiten. Und nirgendwo wird man so oft gefragt, warum man mit dem Laptop dasitzt und arbeitet, warum man schreibt und was – die Mann­heimer haben eben kein Blatt vorm Mund und ein gesundes Verhältnis zur Arbeit, zum Wort, und zum Schreiben, dieser unge­sunden Tätigkeit.

    + + +

    Immer wieder werde ich als Film­kri­tiker gefragt, welches meine zehn (warum eigent­lich zehn und nicht elf oder zwölf oder dreißig?) Lieb­lings­filme seien. Nun, sie wechseln eigent­lich ständig. Aber hier mal die aktuelle 10er Liste: King Kong; Le mépris; Barba­rella; Casino; La notte; Modern Times; Die sieben Samurai; Bonjour Tristesse; The French Connec­tion; Menschen am Sonntag. Beschis­sene Liste. Was und wer da alles fehlt! Also eine zweite: Die Außen­sei­ter­bande; Chungking Express; Armee im Schatten; Barry Lyndon; Dr. Mabuse, der Spieler; Saboteure; Novecento; Once Upon a Time in America; Die ameri­ka­ni­sche Nacht; Les Demoi­selles de Rochefort. Auch blöd. Also noch eine: Beruf: Reporter; Pierrot le fou; Diva; M – Eine Stadt sucht einen Mörder; Das Appar­te­ment; Bunny Lake Is Missing; Dressed to Kill; The Year of Living Dange­rously; 2046; The Night of the Hunter – ach, so ein Quatsch. Es geht einfach nicht. Merkt ihr ja, oder? Eine Liste ohne Malick, ohne Roeg, ohne Rossel­lini, ohne Curtiz, ohne Bunuel, ohne Coppola, ohne Allen, ohne… ohne… ohne…
    Geht einfach nicht. Auch wenn mir die letzte Liste am besten gefällt.

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    »Denn nur das reinste Licht wird dazu taugen, wenn heilige Glut die ersten Strahlen spinnt, wofür die wunder­vollen Menschen­augen nur klägliche und trübe Spiegel sind.«
    Charles Baude­laire, Die Blumen des Bösen

    (To be continued)

    Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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    Cinema Moralia – Folge 67: Wo sind die Whistleblower des deutschen Kinos?

    Heinrich George in Das Meer ruft (1933)

    Snowden und wir, der vierfache George, das Karma-Konto und die Künst­ler­so­zi­al­kasse– Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 67. Folge

    »Wenn der Morgen endlich graut hinter dunklen Scheiben/ Und die Männer ohne Braut beiein­ander bleiben/
    schmieden sie im Flüs­terton aus Gesprächen Bomben/ Rebellion! Rebellion!! In den Kata­komben.
    Und wir woll’n im Sieges­lauf immer memo­rieren: Augen auf, Augen auf! Dann kann nichts passieren.«
    Gustav Gründgens in der Rolle des Debureau im Ufa-Film TANZ AUF DEM VULKAN von 1938 (Regie: Hans Steinhoff). Der Lied wurde kurz nach Filmstart zensiert, und erschien weder gedruckt, noch auf Schallplatte).
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    War Heinrich George eigent­lich ein wirklich guter Schau­spieler? »Diese Frage zeigt mal wieder«, würde uns vermut­lich sein Sohn Götz anworten, »wie wenig Du von Schau­spie­lerei verstehst«. Trotzdem lassen wir die Frage hier mal stehen. Im Berliner Babylon-Mitte läuft in den nächsten Tagen (bis 4.8.) jeden­falls jetzt eine sehr spannende Retro­spek­tive, mit ganz vielen Heinrich-George-Filmen.
    Da kann dann jeder selbst sein Urteil fällen. Wir haben den Verdacht: Heinrich George ist, wie so manch’ einer aus der angeblich aller­größten Zeit des deutschen Kinos, a bisserl über­schätzt. Allemal nost­al­gisch verklärt. Man sagt eben gern so dahin: »Einer der größten und gleichz­eitig umstrit­tensten Schau­spieler des 20. Jahr­hun­derts«. Das eine bedingt dann das andere.
    Ande­rer­seits – es könnte ja sein, dass wir das nur heute nicht mehr so gut verstehen. Gerhart Hauptmann jeden­falls beschrieb Heinrich George als »ein mensch­li­ches und künst­le­ri­sches Urphä­nomen«. Jürgen Fehling lobte: »ein König der Phantasie … unter seinen Kollegen wie ein alter Stein­adler zwischen Hühnern«. Weiterlesen

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    Im Programm der Retro findet sich auch folgende Passage: »Mit sofor­tiger Wirkung zieht Romuald Karmakar den Film Der Totmacher von der Kino­aus­wer­tung zurück! Wir Bedauern diesen Schritt. Der Film muss daher ausfallen.« Und wir fragen uns alle – warum um Gottes Willen muss das den sein? Immerhin im Fernsehen haben wir Karmakars Film gerade noch wieder­ge­sehen.

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    Alle reden jetzt über George, wir auch. Zunächst über Heinrich: »Heinrich George war der ange­se­henste Schau­spieler im faschis­ti­schen Deutsch­land. Bis 1933 stand George der kommu­nis­ti­schen Partei nahe, hatte näheren Kontakt zu Schrift­stel­lern wie Bert Brecht, Ernst Toller und Johannes Becher. 1933, unmit­telbar nach Hitlers Macht­er­grei­fung, sagte er sich von seinen früheren Überz­eu­gungen los und stellte sich bald dem faschis­ti­schen Regime zur Verfügung. … Nach der Macht­er­grei­fung des Faschismus hat George eine nach außen hin absolut klar zu erken­nende Wandlung vollzogen und alles getan, um den Faschismus in Künst­ler­kreisen populär zu machen. Goebbels erkannte die Möglich­keit, mit dem poli­ti­schen Umfall Georges den größten Teil der Berliner Künst­ler­schaft, der dem Natio­nal­so­zia­lismus gegenüber abweisend einge­stellt gewesen war, zu sich herüber­zu­ziehen.« – dies war die Wahrheit der UdSSR in Gestalt ihres Majors Pyrin vom NKWD, dessen Report der Verhöre (KGB-Akte Nr. 13 328) erhalten geblieben ist.
    Die Charak­te­ri­sie­rung ist tenden­ziös, aber nicht falsch. George hatte sich übelsten Propa­gan­da­werken zur Verfügung gestellt, darunter Hitler­junge Quex, Jud Süß, und Kolberg, Filmen, die die Deutschen zum Angriffs­krieg gegen die Sowjet­union aufhet­zten und zum Durch­halten, als er schon verloren war. Filmen, die Sowjet­sol­daten und Zivi­listen das Leben kosteten.
    In Kolberg, urauf­ge­führt 1945, posaunt George: »Und wenn wir uns mit unseren Nägeln in unseren Boden einkrallen, wir lassen uns nicht los. Nee, nee, man muss uns die Hände einzeln abhacken oder uns erschlagen, einen nach dem anderen. Lieber unter Trümmern begraben als kapi­tu­lieren.« – dies nur mal um sich klar zu machen, worüber wir hier reden.

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    Selbst­ge­rech­tig­keit ist natürlich leicht. Genauso leicht ist es aber, heutigen Kritikern Selbst­ge­rech­tig­keit vorzu­werfen.

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    Das beste, was sich über Heinrich George sagen lässt: Er wollte nur spielen. Dieser Typ Schau­spieler will immer nur spielen. Das mensch­liche Resultat ist ein Oppor­tu­nist, ein Wendehals, ein Fähnchen im Wind. Heinz Georg Schulz, Kapitäns­sohn aus Stettin und Kriegs­frei­wil­liger im Ersten Weltkrieg. Er machte in Links, als es »in« war, und in Rechts, als es nötig wurde. Der KPD hat er nie angehört. Er hat im Dritten Reich ohne Frage Kollegen gerettet und geholfen, darunter »auch ein paar Juden«. Das hat aber auch Hermann Göring.
    Vor 1933 trat George in Fabriken auf, als sich dann der Zeitgeist änderte, im Sport­pa­last. Er hatte keine poli­ti­sche Agenda außer der eigenen Karriere.

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    Mir hat der Film gut gefallen. Im Rahmen des für ein Prime-Time-Werk Möglichen ist er sehr anständig geworden. Joachim Langs Film trifft gut die Mitte: Es ist keine Weißwä­scherei Georges, aber auch keine Anklage. Lang zeigt den jovialen Oppor­tu­nismus.
    Ein paar Fakten haben mir aber gefehlt: Dass Heinrich George ein Trinker war, dass er seine Frau mit so ziemlich jeder Schau­spie­ler­kol­legin betrogen hat, hätte mal vorkommen dürfen. Was Jud Süß für ein Film war, und welche Rolle George darin spielte, hätte vorkommen müssen. Da zieht sich George mit einem kurzen Gespräch zwischen George und Goebbels aus der Affaire, in der der NS-Propa­gan­da­mi­nister dem Star­schau­spieler vorwirft, er habe nur »Dienst nach Vorschrift« gemacht. Eine Vernied­li­chung der Fakten. Wer Jud Süß einmal gesehen hat, weiß, dass Georges Anteil darin weit über »Dienst nach Vorschrift« hinaus­geht. Seine Figur spielt er glänzend, und der Herzog von Würt­tem­berg ist – als Urbild eines deka­denten Ancien Regime . ein entschei­dender Baustein in der Propa­gan­da­me­chanik des Films.
    Hinzu kommt: Die Formu­lie­rung »Dienst nach Vorschrift« stammt nicht von Goebbels, sondern von Veit Harlan (aus einem Brief) und hat etwas mit dem Streit zwischen zwei Alpha-Regi­me­dienern zu tun.

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    Was aber ist vom Sohn zu halten, der den Vater spielt, und zugleich als er selbst in den Doku-Teilen auftritt. Natürlich ist da ein Narzissmus drin in der Verschmel­zung mit dem Vater. Der Amalgam-Charakter einer Doku­fic­tion, die aufge­laden ist von der Liebe des Sohnes. Natürlich ist das eine große Show des Sohnes, natürlich ist es Event-TV, das aufs große Publikum zielt.
    Ob sich Götz George mit diesem Auftritt aber wirklich einen Gefallen getan hat? Nur: Wer hätte ihn sonst spielen sollen? Wir schauen gewis­ser­maßen Götz George bei einer öffent­li­chen Selbst­the­rapie zu. Und so hat es seinen guten Grund, dass der Film George heißt, nicht Heinrich George. Er lässt sich in beide Rich­tungen lesen, auch als Geschichte des Sohnes.
    Götz George ist im Verhältnis zu seinem Vater jeden­falls zu pathe­tisch. Bis heute, das ist offen­sicht­lich auch beim Ansehen von Joachim Langs Film, hat er sich nicht vom Vater befreien können. Das Kapitel ist unab­ge­schlossen. Viel­leicht kann man das verstehen, wenn man sich vorstellt, dass Götz sechs Jahre alt war, als der Vater starb, dass dies ein Übervater gewesen war, der seinen Sohn sogar nach einer Lieb­lings­rolle benannte, dass dem Sohn – erst recht seit er Schau­spieler wurde – immer alle nur erzählt haben, wie groß der Vater gewesen ist, dass die Mutter Berta Drews sich in den vier Jahrzehnten, die sie ihren Mann überlebte, nie von diesem lösen konnte Nicht leicht für den Sohn, es gibt also gute gründe für die Vater­fi­xie­rung. Fest­stellen muss man sie aber trotzdem.

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    Im Juli 1996 kam es im ZDF zu einem unbe­merkten Skandal: Für einen für den September 1996 geplanten Themen-Abend, bei dem unter anderem der Vorbe­halts­film Kolberg laufen soll, hat das ZDF zwei je halb­stün­dige Doku­men­ta­tionen des erfah­renen Film­kri­ti­kers Peter W. Jansen bestellt: »Kolberg als Propa­gan­da­waffe«, und ein Porträt »Heinrich George – eine deutsche Karriere«. Beide Filme wurden am 25. Juli 1996 vom ZDF-Redakteur Hans Peter Kochen­rath, abge­nommen. Einen Tag später kam ein Brief: Jansen wurde aus beiden Produk­tionen entlassen. Zwei neue Regis­seure drehten zwei neue Doku­men­ta­tionen.
    Der Einwand kam später: Jansen hätte George als »Mann ohne künst­le­ri­sche Überz­eu­gung, ohne künst­le­ri­sche Maßstäbe, ohne künst­le­ri­sches Gewissen” gezeigt, obwohl der doch »mit einfühl­samer Stimme zarteste Lyrik rezi­tieren« konnte.
    Zudem: »Brecht ist ein schlechter Kronzeuge, den man in diesem Fall meiden sollte.« Jansen aus einem offenen Brief Brechts von 1933 zitiert: : »Wir ermahnen Sie, an den Wandel der Zeiten zu denken, Sie und Ihres­glei­chen, die so rasch bereit sind, mitzu­ma­chen, allzu fest vertrauend auf den ewigen Bestand der Barbarei und die Unbe­sieg­bar­keit der Schlächter.«

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    Quizfrage: Wie hoch war der Anteil der Degeto bei Cloud Atlas? Na? Cloud Atlas hat wie bei anderer Gele­gen­heit gesagt, etwa 100 Millionen gekostet. Auflösung folgt, aber erst weiter unten.

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    Zunächst einmal eine Über­le­gung: Es ist ja gerade schwer in Mode, sich über die USA aufzu­regen und Edward Snowden toll zu finden, den NSA-»whist­leb­lower«. Verräter oder Held ist da eigent­lich nicht mehr die Frage, es ist klar, dass er ein Held ist. Finde ich übrigens auch, aller­dings bin ich mir nicht so sicher, ob er nicht deshalb trotzdem ein Verräter bleibt. Das Wesen des Whist­leb­lo­wing ist ja eher, den Verrat hoffähig zu machen und uns moralisch ein bisschen beschei­dener.

    Aber von derlei Grund­sät­z­li­chem mal abgesehen: Warum gibt es eigent­lich in Deutsch­land so wenig Whist­leb­lower? Wo den doch alle so gut finden? Im Film­be­reich könnten wir mal anfangen. Man könnte erzählen, was in den Sendern wirklich los ist, wie Förde­r­ent­schei­dungen ablaufen, was Produ­z­enten über Redak­teure, Regis­seure über Produ­z­enten und Redak­teure über ihre Inten­danten wirklich denken. Wer mit wem Golf spielt, oder Crocket, und dabei dann den anderen gewinnen lässt, um danach dann irgend­eine ausste­hende Förderung doch noch einzu­tüten.
    Wir hier bei artechock stehen allen zur Verfügung, die ihr schlechtes Gewissen erleich­tern möchten. Anonym oder mit vollem Namen, wie es beliebt.
    Einst­weilen müssen wir halt impro­vi­sieren.

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    »Ich hasse Frau­en­fuß­ball« – war natürlich eine Frau, die das gesagt hat, sonst würden wirs hier ja nicht zitieren. Eine durchaus sportaf­fine, Und unver­se­hens sah ich mich, neulich in Köln, in der Position eines Vertei­di­gers des Frau­en­fuß­balls. Aber ich war schnell auf verlo­renem Posten. Denn natürlich guck ich mir Frau­en­fuß­ball nur an, wenn ich irgend­wann im Sommer Fußball­ent­zugs­er­schei­nungen habe, natürlich spielen die bei der jetzigen Frau­en­fuß­ball-EM auf erbärm­li­chen Niveau, wenn man sie mit den Männern vergleicht. Merkt jeder, auch der letzte Ignorant, das zeigt sich ja bereits am verdrucksten Umgang des deutschen Fern­se­hens mit der EM. Denn ARD und ZDF über­tragen nur die deutschen Spiele.
    Und Liz, mit der ich darüber sprach, präzi­sierte klug: Sie habe ja nichts im Prinzip dagegen, ihr sei’s nur so peinlich, wie schlecht die sind. Und dass man das nicht laut sagen darf. Stimmt leider alles. Ich halte trotzdem dagegen, und plötzlich reden wir darüber, dass es in anderen Sport­arten für Frauen und Männer verschie­dene Regeln gibt – zum Beispiel beim Tennis. Weil Frauen keine fünf Sätze durch­halten würden, und weil bei ihnen der Aufschlag eine viel geringere Rolle spielt. Ich frage, ob man nicht für Frauen verän­derte Regeln einführen könnte? Nur 2x 30 oder höchstens 40 Minuten, und größere Tore zum Beispiel? Das sollte sich mal einer trauen, öffent­lich zu fordern, meint Liz, Also bitte – ist hiermit geschehen.

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    Sport ist meiner Ansicht sowieso eine der größten Heraus­for­de­rungen fürs Kino. Denn erstens ist die visuelle Aufbe­rei­tung hoch­klassig und inter­es­sant, zweitens sind einfach die Spiele viel span­nender, als jeder Film. Nehmen wir mal Tennis, besonders übrigens Damen­tennis. Während das Herren­tennis heute nur noch Kraft­sport, Ernäh­rungs­wis­sen­schaft und Aufschlag­trai­ning ist – was man daran sieht, dass die Top-Spieler heute viel domi­nanter sind, als noch vor zehn oder 20 Jahren, dass Federer, Sampras und Nadal die Top-Rekorde der Grand-Slam-Siege halten, drei Spieler also, die wir alle kennen, die zum Teil noch aktiv sind.
    Und ich kann jedem raten, sich mal auf You-tube ein altes Match von Borg, McEnroe oder Conners anzu­gu­cken – das ist span­nender als jeder »Tatort«!
    Davon abgesehen: Dass der beste Film beim Ophüls-Festival in Saar­brü­cken in den letzten Jahren immer irgendein Austra­lian-Open-Spiel von Maria Sharapowa gewesen ist, haben wir schon oft erzählt, wenn auch noch nie geschrieben. Die Spiele laufen immer im Hotel­fern­sehen, wenn man gerade leicht ange­schi­ckert zwischen 2 und 4 uhr morgens aus der »Garage« kommt.

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    Zum Thema passt noch eine Nachricht, die vor 10 Tagen publik wurde: Jimmy Connors wird neuer Trainer von Maria Sharapowa. Da haben sich ja zwei gefunden!

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    Vor einiger Zeit haben wir hier vom Festsaal Kreuzberg im Berlin erzählt – das war der Ort, wo ich mir erstmals im Leben einen Boxkampf angeguckt hatte, in echt. Und wider Erwarten sehr angetan war vom Spektakel, das mich irgendwie an etwas erinnerte, was ich nie erlebt habe, an die Weimarer Republik, so wie ich sie mir ungefähr vorstelle. Am Woche­n­ende ist der Festsaal Kreuzberg abge­brannt. Großes Spektakel, ganz Kreuzberg stank, großer Schock in der Musik­szene, die jetzt einen ihrer guten – und raren – Konz­ertsäle verloren hat.
    Und dann erreichte uns von der tollen Elisa, die Boxkämpfe liebt, Italie­nerin und eine sehr inter­es­sante, viel­ver­spre­chende Regis­seurin ist, und ihr Geld bisher unter anderem beim Festsaal verdiente, folgende Mail:
    Jungs und Mädels! Ihr hat alle bestimmt schon gehört und gelesen, was mit Festsaal Kreuzberg am Samstag abend passiert ist. Es ist sehr sehr traurig und ich kann es selber noch nicht wirklich wahr nehmen. Ich war heute vor Ort und ich muss sagen, es tut unglaub­lich weh zu sehen, was da geblieben ist. Aber das war erstmal mit unnötige Senti­men­ta­lität. Nicht alles ist verloren, die Jungs von Festsaal sind Löwen und es wird, wie immer, weiter gekämpft.
    Festsaal Kreuzberg wird bald eine Spen­den­kam­pagne anfangen und dafür brauchen sie eine kleine image-video. Da wir alle Filmleute sind, wir können jetzt sie ganz konkret helfen.
    Um das video zu drehen, brauchen wir im grunde noch alles: Kameraman und equipment, ton, cutter, post produc­tion faci­li­ties und so weiter.
    Wie ihr euch vorstellen kann, budget ist in wahre sinne des wort: 0 euro (bzw minus ganz viele euro…). Also kein geld für gage, verleih, benzin oder auch nur schrippe. Es ist hart und nichts neues in Berlin, aber es ist so.
    Also, wir brauchen eure hilfe um das video so schnell wie möglich zu drehen. Wer lust, zeit, oder das bedürfnis hat, seine karma konto aufzu­laden, bitte sich bei mir melden. Jede hilfe ist wilkommen und bitte diese email weiter­leiten!
    Bis ganz bald
    Elisa
    ps: wer mithelfen werde, bekommt die möglich­keit mitzu­wirken, wo und wie viele toiletten in die neue festsaal kreuzberg sein sollten. Eine ganz heisse thema gerade auf facebook….

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    Also los: Karma Konto aufladen, uns mailen, wir leiten weiter.

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    Jenseits vom Karma-Konto half bisher die Künst­ler­so­zi­al­kasse. Der Verband der Deutschen Film­kritik macht nun auf Folgendes aufmerksam: »Seit 2007 hat die Deutsche Renten­ver­si­che­rung (DRV) die Aufgabe, die Zahlung der Künst­ler­so­zi­al­ab­gaben zu über­wa­chen. Wegen massiver Ausfälle bei den Zahlungen für die Künst­ler­so­zi­al­kasse (KSK) forderte noch im April Arbeits­mi­nis­terin Ursula von der Leyen eine „verschärfte Firmen­prü­fung“ der Unter­nehmen durch die DRV, was diese kriti­sierte. Mitt­ler­weile will die DRV bzw. die Arbeit­ge­ber­ver­bände innerhalb der DRV für die Prüf­kosten nicht mehr aufkommen. Ein Geset­z­es­vor­haben, das die DRV zur Prüfung verpflichten sollte, wurde im letzten Moment gekippt.
    Aufgrund der Nega­tiv­ent­wick­lungen der Abgaben für die KSK vor der Novelle zum Künst­ler­so­zi­al­ver­si­che­rungs­ge­setz 2007 steht zu befürchten, dass bei einer frei­wil­ligen Arbeit­geber-Abgabe der KSK die finan­zi­elle Grundlage verloren geht und sie in ihrer Existenz gefährdet wird. Auch werden immer mehr Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nisse in freie Arbeits­ver­hält­nisse aufgelöst. Die Möglich­keit, die Zahlung der Künst­ler­so­zi­al­ab­gaben zu umgehen, würde für die Arbeit­geber weiteres Einspa­rungs­po­ten­tial bedeuten. Eine geset­z­liche Verpflich­tung zur Abga­ben­zah­lung erscheint daher dringlich, um die Arbeits- und Versi­che­rungs­be­din­gungen der selbstän­digen Jour­na­listen zumindest auf dem jetzigen Stand zu halten.
    Eine Petition möchte nun eine Prüf­pflicht der Abgaben auf Arbeit­ge­ber­seite für die KSK erwirken. Im Interesse aller freien Jour­na­listen und Künstler unter­s­tützen wir die Petition und rufen Sie, liebe Kolle­ginnen und Kollegen, zur Unterz­eich­nung auf.
    Sie finden die Petition 43188 „Sozi­al­ver­si­che­rung – Prüfung der Abga­be­pflicht zur Künst­ler­so­zi­al­ver­si­che­rung durch Renten­ver­si­che­rung vom 10.06.2013“ unter folgendem Inter­net­link:
    https://epeti­tionen.bundestag.de/peti­tionen/_2013/_06/_10/Petition_43188.nc.html
    Sie müssen sich dort mit Namen und Adresse unter Wahrung des Daten­schutzes vorab regis­trieren, ein Mini­mal­auf­wand, den die Sache wert ist. Die Mitz­eich­nungs­frist endet am 06.08., das Quorum sind 50.000 Unter­schriften, bislang haben über 30.000 unterz­eichnet

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    Die Antwort: 10 Millionen. Und das war zu einem Zeitpunkt, als die Degeto schon einen Zahlungs­stop verkündet hatte.

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    Nachtrag: Ein paar Stunden nach dieser Veröf­fent­li­chung bekam ich eine e-mail von Stefan Arndt, dem Geschäfts­führer von »X-Filme« und Produ­z­enten von Cloud Atlas. Wir zitieren voll­s­tändig im Wortlaut: »Mit Deiner Enthül­lung liegst Du komplett falsch, ziehe eine Mio. ab und teile durch 2, dann triffst Du die Whist­leb­lower-Wahrheit genau, frag doch nach, LG XXXX«
    Wir haben keinen Anlaß an dieser Aussage Stefan Arndts zu zweifeln! Aller­dings halten wir auch unsere gegen­tei­lige Quelle für sehr zuver­lässig – es handelt sich gleich­falls um jemand, der es wissen muss. Darum können wir hier nichts anderes fest­stellen, als das in diesem Fall Aussage gegen Aussage steht. Das ist ja auch nichts Schlimmes. Und ein Grund mehr dafür, überhaupt sämtliche Bereiche der Film­fi­nan­zie­rung offen zu legen, und leicht nach­prüfbar zu machen – dann gibt es keinen Spielraum mehr für Gerüchte.

    (To be continued)

    Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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    Cinema Moralia – Folge 65: »Ich habe nachgedacht.«

    Foto © Schiwago Film GmbH – Tom Schilling in ‘Oh Boy’

    Why why why, Jan Ole? – Die Archive der Zukunft, die Zukunft des Fern­se­hens nach seinem Ende und warum 44 die neue 29 ist – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 65. Folge

    »In diesem Augen­blick ging über die Brücke ein geradezu unend­li­cher Verkehr.«
    Franz Kafka: »Das Urteil«

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    Immer wieder Oh Boy. Immer wieder in Gesprächen mit Filme­ma­cher, Kollegen und »normalen« Zuschauern, in denen es eigent­lich um ganz anderes geht, kommt das Gespräch auf diesen Ausnah­me­film. Wo liegen die Qualitäten? Warum funk­tio­niert der Film so großartig? Ist er denn wirklich so gut? Und ist der Preis­regen berech­tigt? Ist dies eigent­lich ein Jungs-Film? Man kann über so etwas ewig nach­denken und debat­tieren.
    Wer den Film von Jan Ole Gerster immer noch nicht gesehen hat, oder ihn noch einmal sehen will, hat dazu jetzt am kommenden Mittwoch in München Gele­gen­heit. Um 10.30 im Cinema gibt es eine Sonder­vor­stel­lung des Films – das ganze ist zwar offiziell eine Schü­ler­vor­stel­lung des Kultur­re­fe­rats – also eine offi­zi­elle Unter­richts­ver­an­stal­tung, liebe Lehrer, für die ihr die Mathe­stunde abblasen dürft –, neben Schülern sind aber auch alle anderen Zuschauer will­kommen.
    Dieser Hinweis ist nicht völlig unei­gen­nützig, denn zusät­z­lich zum Film gibt es auch noch eine kurze Einfüh­rung und eine Diskus­sion, an der die Film­wis­sen­schaft­lerin Fabienne Liptay und der Psycho­ana­ly­tiker Andreas Hamburger teil­nehmen, und die von mir moderiert wird. Wer also endlich einmal über »Cinema Moralia« disku­tieren möchte, darf das dann nach Veran­stal­tungs­ende im Bier­garten auch tun.
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    Einen inter­es­santen Text zu Oh Boy hat Constantin von Harsdorf auf »Cult« geschrieben . Darin reflek­tiert er darüber, was eigent­lich mit der Gene­ra­tion der Endzwan­ziger, Anfang-Dreißiger los ist, die die von Tom Schilling gespielte Haupt­figur verkör­pert? Die »Gene­ra­tion Y« (sprich: »Why?«), die alles zergrü­belt, hinter­fragt, nicht wirklich arbeiten will, aber auch nicht nur hedo­nis­tisch in den Tag rein leben, sondern mitunter Gutes und Wichtiges tun. Vor allem aber nichts Falsches. Das wäre meine Antwort: Sie wollen alles richtig machen, und bevor das schief geht, machen sie lieber gar nichts. Die Jugend von heute! Weiterlesen

    Harsdorf betont eher die Bedeutung der »Work-Life-Balance« und charak­te­ri­siert sie als Drifter: »Man muss sich einfach mal treiben lassen und nicht immer gleich festlegen müssen, das kommt früh genug. Dreißig ist das neue Zwanzig und so.« Wenn das stimmt, dann wäre ich ja auch ein »Gene­ra­tion Y«-Angehö­riger. Dafür aber bin ich zehn Jahre zu alt – ich würde daher eher formu­lieren »44 ist das neue 29«.

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    Ganz so neu ist das Dandy­hafte und das Flanieren ja auch nicht. Sofia Coppola beschäf­tigt sich damit seit 15 Jahren, und The Virgin Suicides ist doch eigent­lich auch ein
    Refe­ren­zfilm für Oh Boy, oder? Und wenn ein paar der Schüler am Mittwoch viel­leicht im
    Englisch-LK Oscar Wildes Bildnis des Dorian Gray gelesen haben, dann wissen sie, dass das Vikto­ria­ni­sche Zeitalter auch schon ihren Oh Boy hatte.
    Coppola habe ich übrigens vor ein paar Tagen inter­viewt – und im Gespräch, das hier nach­zu­lesen sein wird, hat sie ihr Tun sehr treffend als das Schaffen von atmo­s­phä­ri­schen Räumen beschrieben. Eine Art Chill-Out-Zimmer – so könnte man auch über Oh Boy sprechen.

    Harsdorf verknüpft Oh Boy sehr einleuch­tend mit Francis Ha, der auf der Berlinale lief, und im August ins Kino kommt. Die Haupt­figur sei so »etwas wie eine entfernte New Yorker Seelen­ver­wandte von Schil­lings Tagedieb Niko – und damit unzäh­ligen Twen­ty­so­me­things in den Kino­ses­seln. Auch sie versucht sich irgendwo in der Zeit fest­zu­klam­mern, hält sich die Augen zu während sie herumal­bernd durch die Straßen rennt, Haupt­sache in Bewegung bleiben. Prokras­ti­na­tion nennt man so etwas heute so gern. Sie teilen diese schwe­lende Sehnsucht, die irgendwo in die Ferne zielt, gehen aber unter­schied­lich mit ihr um.«

    Man müsste jetzt viel­leicht einmal darüber nach­denken, was diese Figuren und ihre Inak­ti­vität – Passi­vität ist etwas anderes – über die Gegenwart sagen. Handelt es sich um »Oblo­mo­werei«, um einen willens­schwa­chen Charakter, der neuro­tisch und apathisch ist? Viel­leicht ein bisschen. Aber warum ist er das? Die Frage ist die wich­ti­gere, denn wenn man den Oh Boy-Niko schon verur­teilen will, muss man auch die Gesell­schaft richten, aus der er stammt.

    Ich will es eigent­lich nicht. Denn in Nikos Haltung steckt zuviel Klugheit und Oppo­si­tion, zuviel Gesund­heit, um ihn als Kranken abzutun. Noch ein schönes Harsdorf-Zitat über das Wunder­bare dieser beiden Film­fi­guren: »Man braucht sich keine Sorgen machen, dass sie irgend­wann einmal mit beiden Füßen auf dem Boden landen. Es ist Empathie, kein Mitleid, das diese wunder­baren Charak­tere hervor­rufen. Manchmal möchte man ihnen zurufen, sie anschreien, doch schnell überlegt man es sich
    anders, es hätte doch keinen Sinn. Sie herum­tapsen zu sehen, ist auch einfach schön.«

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    Unsterb­lich ist übrigens natürlich die Antwort von Tom Schil­lings Niko auf die Frage des Vaters, was er denn die letzten zwei Jahre getan hätte. »Ich habe nach­ge­dacht.«

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    Magdalena Taube von der – im Übrigen überhaupt großar­tigen – unab­hän­gigen Netzz­ei­tung »Berliner Gazette« verdanke ich den Hinweis auf die Wiener Veran­stal­tung »Shared Digital Futures«, einen Workshop für Kultur­in­sti­tu­tionen, in dem es um die Zukunft der Archive und die Folgen der Digi­ta­li­sie­rung für die Archive ging. Das Thema betrifft natürlich das Kino ganz besonders.

    Denn wenn die Digi­ta­li­sie­rung die Archive erreicht hat, ist die Frage, was in Zukunft mit dem Nachlass von Filme­ma­chern geschieht. Sowohl mit dem der längst Toten, mit den Nitro- und Film­ko­pien, als auch mit den noch Lebenden. Denken wir mal an Filme­ma­cher wie Werner Herzog, Alexander Kluge oder Rudolf Thome, die auf verschie­denen Mate­ria­lien arbeiten – 16mm bis digital. Welches Archiv wird die Schätze, die das im Zwei­fels­fall auch noch zu entdecken sind, aufnehmen, wie werden sie gelagert, und wer wird das bezahlen? Die Erfahrung lehrt, dass gerade Nachlässe von Filme­ma­chern – im Vergleich zu Schrift­stel­lern, Philo­so­phen oder Malern und Musikern – von der Nachwelt sehr schlecht und mit Gering­s­chät­zung behandelt werden. Wenn sie nicht zufällig Fass­binder heißen. Oder Orson Welles? Bei deutschen Filme­ma­chern wäre da natürlich erstmal der Bund gefordert.

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    Die Fragen der Wiener Veran­stal­tung gingen aber darüber hinaus: Wie kann ein erwei­terter Zugang zu digitalen Netz­werken eine diver­si­fi­zierte Kultur­land­schaft fördern? Welche Möglich­keiten ergeben sich durch die Auflösung der Grenzen zwischen Künst­lerInnen und Publikum? Was bedeutet es, wenn kultu­relle Arbeiten als fertig­ge­stelltes Werk und gleichz­eitig als Basis für neue Arbeiten aufge­fasst werden?

    Aktuelle Busi­ness­mo­delle der kultu­rellen Verwer­tung geraten in eine Sackgasse. Das beste­hende Urhe­ber­recht wirkt sich zunehmend als Behin­de­rung von Kultur, von neuen Werken aus. Die jahr­tau­sen­de­alte Praxis der Kopie und Umar­bei­tung wird durch Rechte-Inhalber, Kunst-Auswerter und Content-Händler zunehmend erschwert bis unmöglich gemacht. Und komplett auf sich selbst fixierte Archivare klammern sich an ihre Schätze, stellen sie selbst im eigenen Haus nur höchst einge­schränkt zur Verfügung. Auch das, nicht nur das alltäg­liche Pira­tieren der User ist eine Bedrohung der Basis west­li­cher Kultur.

    Ein neuer Umgang mit Werken muss auf den Prin­zi­pien Zugang, Inter­ak­ti­vität und Soli­da­rität zwischen Künstlern und Publikum, zwischen inno­va­tiven Kultur­pro­du­z­en­tInnen und einer inter­es­sierten Öffent­lich­keit, basieren.

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    Am 13. Juli 2013 veran­stalten die Digital Media Women Berlin ihren ersten Workshop zum Thema Podcast. Podcast-Expertin Brigitte Hagedorn [audio­bei­traege.de] erklärt dort, was Podcasts eigent­lich sind und wie man Audio-Beiträge fürs Web mit kleinem Budget selbst aufnehmen, schneiden, veröf­fent­li­chen und verbreiten kann. Anmeldung unter: digi­tal­me­di­a­women.mixxt.de. Ort: WWF Deutsch­land.

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    Wie die Zukunft der Archive ist auch die des Fern­se­hens ein Thema, das uns nicht loslassen kann, und das natürlich etwas mit Kino zu tun hat. Denn das Fernsehen ist nicht nur Financier, sondern auch Abspiel­gerät für Filme – und zwar dreifach: als Fern­seh­pro­gramm, als Internet-Angebot, als DVD-Bild­schirm.

    Im engeren Sinn aber lautet die inter­es­san­teste Frage: Hat das Fernsehen als Fernsehen – also als Programm­an­gebot, das sich von dem anderer Medien unter­scheidet – noch eine Zukunft?
    Wohl eher nicht. Die gegenwärtige Entwicklung muss einen ja mehr als nachdenklich machen. Die Studie »Digitales Deutschland« – die man hier nachlesen und downloaden kann – liefert dazu wichtige Zahlen: fast 77 Prozent der erwachsenen Bevölkerung nutzen das Internet regelmäßig. Für das Jahr 2020 prognostiziert die Studie einen Anteil von 90 Prozent. Weltweit werden derzeit pro Minute 48 Stunden Videomaterial auf YouTube hochgeladen. Soziale Netzwerke wie Facebook haben sich als digitale Kommunikationsplattformen etabliert. Computer und Internet sind zunehmend nicht mehr Medien neben Hörfunk, Fernsehen, Zeitungen, sondern die zentrale Medien-Plattform. Wir hören über Internet Radio, sehen fern, sehen Filme, lesen, organisieren alles »on demand«.

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    Was aus dieser Entwick­lung folgt, ist klar: Ausdif­fe­ren­zie­rung und Indi­vi­dua­li­sie­rung werden zunehmen. Das Leben verspartet sich, es wird Leben »on demand«.
    An Stelle komplexer Gesellschaften werden simple Gemeinschaften treten, eine Provinzialisierung des Geistes, eine digitale Stammesgesellschaft wird die Folge sein. Das sind die »digital natives«, die man auch unter »Generation Y« versteht. Vom kanadischen Medientheoretiker Marshall McLuhan stammt die Formel vom »Global Village«. Das stimmt nur zum Teil, denn es sind eher viele Dörfer, als das die Welt ein Dorf ist. Und man muss hinzufügen, dass in den Hütten dieses Dorfes Kannibalen leben.

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    In Zukunft gilt: Die Grenzen meiner Freundes-Liste sind die Grenzen meiner Welt. Das ist keine gute Nachricht. Wenn wir das ändern oder vermeiden wollen, müssen wir uns verändern. Wir müssen Fernsehen, Kino, Medien überhaupt neu erfinden.
    Wir müssen mehr nachdenken.

    (To be continued)

    Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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    Cinema Moralia – Folge 64: Tage des Zorns

    Innenansicht des Emek-Kinos, Istanbul

    Resis­tanbul und Neues von der deutschen Filmö­ko­nomie – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 64. Folge

    »Der Aufstand beginnt als Spazier­gang.«
    Heiner Müller
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    »Emek bisim, Istanbul bisim!« – so ging es los, und wir können sagen, wir sind dabei gewesen. Als vor acht Wochen in Istanbul das Emek-Kino, eines der schönsten und ältesten Kinos der Stadt, abge­rissen werden sollte, unbe­dach­ter­weise während des Inter­na­tio­nalen Film­fes­ti­vals, gab es laute Proteste. Sie mündeten in zwei große Demons­tra­tionen, an denen auch berühmte Gäste des Festivals teil­nahmen, wie etwa Costa-Gavras. Über 1000 Menschen demons­trierten. Von der Polizei gab es Pfef­fer­spray und Tränengas, noch nicht, wie jetzt CS-Gas. Es gab Wasser­werfer und Prügel mit Knüppeln. Es gab also zumindest einen ganz zarten Vorschein dessen, was seit über zwei Wochen jetzt in Istanbul los ist.
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    Mit einem Kino hat alles begonnen. Und dieses Kino war die Anstren­gung fraglos wert. Über Jahrzehnte war es »das« Festi­val­kino, ein fest­li­cher Ort, ohne Zucker­bäck­er­ro­mantik, aber erfüllt vom Charme der alten Zeiten mit seiner feier­li­chen Atmo­s­phäre, seinem marmornen Vorraum, seiner präch­tigen Bühne. Der Bauherr, ein Speku­la­ti­ons­un­ter­nehmen, dass auch in Deutsch­land Shopping-Malls baut, und dort ebenfalls, als ob es nicht genug gäbe, statt des Kinos ein straßen­block­großes Kaufhaus errichten will, sprach schön­fär­be­risch von »Umbau« – statt Abriss. Irgend­wann trat Attila Dorsay, Doyen der türki­schen Film­kritik, aus Protest zurück. Und bekam daraufhin sofort Angebote von den Bauherren zu Gesprächen. Es gab einen Baustopp. Wer könnte und würde bei uns eine solche Rolle spielen? Weiterlesen

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    »Emek«-Kino heißt »Arbeiter«-Kino. Abge­rissen wurde es dann natürlich doch, ein paar Wochen nach dem Festival. Und machen wir uns nichts vor: Was da in der Türkei gerade passiert, ist ein Zers­tö­rungs­un­ter­nehmen. Es geht Premier­mi­nister Erdogan seit Jahren darum, die türkische Geschichte des 20. Jahr­hun­derts zu zerstören, abzu­rechnen mit dem Laizismus, mit dem fran­zö­sisch vorge­formten Repu­bli­ka­nismus Atatürks. Machen wir uns nichts vor: Es geht Erdogan um ein Roll-Back, eine Revo­lu­tion von Rechts. Und machen wir uns auch sonst nichts vor: Die Zers­tö­rung des Emek, das geplante Abriß des Kultur­z­en­trums und die Verwand­kung eines Parks in eine Shopping-Kaserne hängt zusammen mit der gerade bekannt gegebenen Zers­tö­rung des öffent­lich-recht­li­chen Rundfunks in Grie­chen­land – als ob man durch das Ende der Nach­richten den Haushalt sanieren könnte. Das hängt auch zusammen mit den völlig über­pro­por­tio­nalen Protesten gegen gleich­ge­schlecht­li­chen Ehen in Frank­reich – der ja nichts anderes war, als ein Protest gegen die Grund­lagen, gegen die »Raison d’être« der Fünften Republik, ein gefähr­li­ches Verhalten – und man könnte hier andere Beispiele nennen – das uns zurück­führt in Zustände, die wir aus den Dreißiger Jahren kennen. Ein Regime der »Sach­zwänge« und ein schlechter, schmut­ziger Prag­ma­tismus verbünden sich mit medi­en­an­ge­hei­ztem Popu­lismus, während die repu­bli­ka­ni­schen Ideale, Freiheit, Gleich­heit, Menschen­rechte zu rheto­ri­schen Floskeln verkommen.

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    »Die Deko­ra­tion ist ein Denkmal. Es stellt in hundert­fa­cher Vergröße­rung einen Mann dar, der Geschichte gemacht hat. Die Verstei­ne­rung einer Hoffnung. Sein Name ist auswech­selbar. Die Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Das Denkmal liegt am Boden, geschleift drei Jahre nach dem Staats­be­gräbnis des Gehaßten und Verehrten von seinen Nach­fol­gern in der Macht. Der Stein ist bewohnt. In dem geräu­migen Nasen- und Ohren­löchern, Haut- und Uniform­falten des zertrüm­merten haust die ärmere Bevöl­ke­rung der Metropole. Auf den Sturz den Denkmals folgt nach einer ange­mes­senen Zeit der Aufstand. Mein Drama, wenn es noch statt­finden würde, fände in der Zeit des Aufstandes statt. Der Aufstand beginnt als Spazier­gang. Gegen die Verkehrs­ord­nung während der Arbeits­zeit. Die Straße gehört den Fußgän­gern. Hier und da wird ein Auto umge­worfen … Poli­zisten, wenn sie im Weg stehen, werden an den Straßen­rand gespült. Wenn der Zug sich dem Regie­rungs­viertel nähert, kommt er an einem Poliz­ei­kordon zum Stehen. Gruppen bilden sich, aus denen Redner aufsteigen. Auf dem Balkon eines Regie­rungs­ge­bäudes erscheint ein Mann mit schlecht sitzendem Frack und beginnt ebenfalls zu reden. Wenn ihn der erste Stein trifft, zieht auch er sich hinter die Flügeltür aus Panz­er­glas zurück. Aus dem Ruf nach mehr Freiheit wird der Schrei nach dem Sturz der Regierung. Man beginnt die Poli­zisten zu entwaffnen, stürmt zwei drei Gebäude, ein Gefängnis Poliz­ei­sta­tion ein Büro der Geheim­po­lizei, hängt ein Dutzend Hand­langer der Macht an den Füßen auf, die Regierung setzt Truppen ein, Panzer. Mein Platz, wenn mein Drama noch statt­finden würde, wäre auf beiden Seiten der Front, zwischen den Fronten, darüber. Ich stehe im Schweiß­ge­ruch der Menge und werfe Steine auf Poli­zisten Soldaten Panzer Panz­er­glas. Ich blicke durch die Flügeltür aus Panz­er­glas auf die andrän­gende Menge und rieche meinen Angst­schweiß.«

    Heiner Müller, »Hamlet­ma­schine«

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    Anläss­lich der Grund­stein­le­gung für den Wieder­aufbau der osma­ni­schen Kaserne im Gezi-Park erklärte der Kultur­staats­mi­nister: »Der Wieder­aufbau der osma­ni­schen Kaserne – das bedeu­tendste Kultur­vor­haben der Türkei – wird Istanbul seine histo­ri­sche Mitte zurück­geben. Während das Äußere der Kaserne an die klas­si­sche arabeske Baukultur des osma­ni­schen Reichs anknüpft, wird das Innere ein neues Kultur­wa­ren­z­en­trum beher­bergen und sich mit der außer­eu­ropäi­scher Kulturen dem inter­kul­tu­rellen Dialog öffnen. Mit der heutigen Grund­stein­le­gung wird die Reali­sie­rung dieses großen Kultur­vor­ha­bens nun endlich für alle sichtbar.«

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    Da stimmt doch was nicht – genau: Das war nämlich eigent­lich die Pres­se­mit­tei­lung des Kanz­ler­amts aus Anlass der Grund­stein­le­gung für den Wieder­aufbau des alten Preußi­schen Stadt­schlosses, in der wir nur ein paar Worte ausge­tauscht haben. So unter­schied­lich sind die Verhält­nisse nämlich gar nicht: Unser osma­ni­sches Reich ist nämlich Preußen, unser Gezi-Park das Stadt­schloss. Mit dem Unter­schied, dass in der Türkei die Polizei noch so voll­idio­tisch und verhaftet wie bei uns seinerzeit an der Startbahn-West oder in Wackers­dorf. Oder beim »Münchner Kessel« falls sich noch jemand erinnert. Aber die Türkei ist uns noch viel näher – oder was war mit »Stuttgart 21«?

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    Der Hamburger Regisseur Fatih Akin hat zu all dem am Woche­n­ende einen offenen Brief an den türki­schen Staats­prä­si­denten Abdullah Gül formu­liert. Darin heißt es:

    »An den Staats­prä­si­denten der Republik Türkei.

    Sehr geehrter Herr Gül,

    ich schreibe Ihnen, um Sie über die Ereig­nisse vom Sams­tag­abend zu infor­mieren, da die türki­schen Medien kaum bis gar nicht darüber berichtet haben.

    Sams­tag­abend wurden in Istanbul erneut hunderte von Zivi­listen durch Polizei­ge­walt verletzt. Ein 14-jähriger Jugend­li­cher wurde von einer Tränen­ga­s­pa­trone am Kopf getroffen und hat Gehirn­blu­tungen erlitten. Er ist nach einer Operation in ein künst­li­ches Koma versetzt worden und schwebt in Lebens­ge­fahr.

    Frei­wil­lige Ärzte, die verlet­zten Demons­tranten helfen wollten, wurden wegen Terror­ver­dacht fest­ge­nommen. Provi­so­ri­sche Lazarette wurden mit Tränengas beschossen.

    Anwälte, die gerufen wurden, fest­ge­nom­mene Demons­tranten zu vertei­digen, wurden ebenfalls fest­ge­nommen.

    Die Polizei feuerte Tränen­ga­s­pa­tronen in geschlos­sene Räume, in denen sich Kinder aufge­halten haben.

    Die bedrohten und einge­schüch­terten türki­schen Nach­rich­ten­sender zeigten während­dessen belang­lose Doku­men­tar­filme. Dieje­nigen, die versuchen über die Ereig­nisse zu berichten, werden mit hohen Geld­strafen und anderen Mitteln versucht, zum Schweigen zu bringen.

    Eine Trau­er­feier für Ethem Sarisülük, der bei den Demons­tra­tionen ums Leben gekommen ist, wurde verboten!

    Statt­dessen darf ein Staats­se­kretär hervor­treten und alle Demons­tranten, die am Taksim Platz erschienen sind, als Terro­risten bezeichnen.

    Und Sie, verehrter Staats­prä­si­dent, Sie schweigen!

    Vor zehn Jahren sind Sie und Ihre Partei mit dem Verspre­chen ange­treten, sich für die Grund- und Bürger­rechte eines jeden in der Türkei einzu­setzen.

    Ich möchte nicht glauben, dass Sie sich um der Macht wegen von Ihrem Gewissen verab­schiedet haben. Ich appel­liere an Ihr Gewissen: Stoppen Sie diesen Irrsinn!

    Fatih Akin«

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    Hier auch die türkische Version des offenen Briefes:

    »Sayin Cumhur­bas­k­anim,

    Belki duyma­mis­si­nizdir diye dusunerek yaziyorum.

    Dun aksam saat­ler­inde yeniden baslayan polis siddeti sonucunda yuzlerce insan yaralan­mi­stir.

    14 yasinda bir cocuk, polisin attigi biber gazi mermi­siyle beyin kanamasi gecirdi. Ameliyatin ardindan simdi uyutu­luyor. Hayati tehlikesi yuksek.

    Yara­li­lara yardim etmek isteyen gonullu doktorlar, terorist diye gozaltina aliniyor. Revirlere gaz bombala­riyla saldi­ri­liyor.

    Gozaltina alinan­larin haklarini savunmak isteyen avukatlar gozaltina aliniyor.

    Polis, kapali alanlarda gaz bombasi kulla­niyor. Bu yetmezmis gibi, insan­larin kendi­lerini korumak için taktigi basit gaz maske­lerini cikart­ti­riyor. Sularina el koyuyor.

    Tehdit ve gozda­giyla susturulan medya, belgesel yayin­la­maya devam ediyor.

    Gerce­k­leri goster­meye cali­s­anlar agir para cezalari ve baski­larla susturul­maya cali­si­liyor.

    Millet­vekil­leri de polis siddetinden payina duseni aliyor.

    Goste­ri­leder polis kursun­uyla oldurulen Ethem’in cenaze torenine bile izin veril­miyor.

    Bir bakan cikip, Taksim Meydanda olan herkesi terorist ilan edebi­liyor.

    Polis hicbir ayirim gozet­meden halka tonlarca biber gazi, gazli su, plastik mermiyle mudahale etmeye devam ediyor.

    Ve siz, susuyor­sunuz..

    Cok degil, on yil once, temel hak ve ozgur­luk­ler­iniz icin mucadele eden siz ve sizin partiniz… Bu halki en iyi sizin anlamaniz gerekmez mi?

    Iktidar gomlegini giyen digerleri gibi vicda­ni­nizi soyunup bir tarafa birak­ti­gi­nizi dusunmek iste­miyorum.

    Vicdani olanlara sesle­niyorum; bu vahseti durdurun!

    Fatih Akin«

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    Am Mittwoch gab es in Berlin die Obama-Rede auf dem Pariser Platz, der seit gestern zur Hoch­si­cher­heits­zone umgebaut worden ist. 4000 feinst ausge­le­sene und mit Anmeldung und Eintritts­karte akkre­di­tierte »Bürger« hatten Zugang und wurden fürs Fernsehen zum Obama-Publikum. Zuvor wurde der Platz umge­krem­pelt. Alle Ein- und Ausgänge der Gebäude am Pariser Platz waren verram­melt. Zwischen 12.30 und 13.00 Uhr wurden die Gäste vom Bhf Fried­rich­straße aus zum Pariser Platz geschleust.
    Man darf nichts dabei haben außer seinem Ausweis und einem Sonnenhut. Angeblich würde es Wasser­spender auf dem Platz geben, aber keine Schat­ten­spender. Es wurden 35 Grad erwartet.

    Die Rede von Obama begann erst um 15 Uhr. Bis dahin würde »ein abwechs­lungs­rei­ches musi­ka­li­sches Programm«, so steht’s auf der Einlass­karte, die Zeit über­brü­cken. Die A-Promis kamen natürlich erst kurz vor Beginn. Mindes­tens zwei Stunden Rumstehen in der gärenden Sonne, bevor es überhaupt losgeht.

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    »Kino-Deal wie bei Gordon Gekko« hieß jene SZ-Schlag­zeile, unter der berichtet wurde, dass Deutsch­lands zweit­größte Kinokette bereits seit Juli 2012 für 175 Millionen Euro der Invest­ment­firma Doughty Hanson aus London gehört. Doch Mitgründer Richard Hanson will die Kette mit den 34 Centern verkaufen. Im Juli wird er die Firma an Eigner jenseits des Atlantiks weiter­rei­chen. Käufer sind die kana­di­schen Pensi­ons­fonds Omers Private Equity und Alberta Invest­ment Manage­ment. Das Hanson auf seiner Website mit. »Die Nachricht liest sich wie eine Fort­set­zung des Kinofilms Wall Street, in dem Michael Douglas als Finanzhai Gordon Gekko dem Geld nachjagt«, schreibt die SZ.

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    Telepool schluckt video­buster.de. Die Telepool GmbH hat die Netleih GmbH und Co. KG, Betrei­berin der Onli­ne­vi­deo­thek video­buster.de, zu 100 Prozent über­nommen. Mit der Übernahme will das Münchner Unter­nehmen nach eigenen Angaben seine Home-Enter­tain­ment-Sparte weiter ausbauen. »Wir freuen uns sehr, unser B2C-Geschäft mit einem so etablierten Partner wie der Netleih ausbauen zu können«, kommen­tiert Dr. Thomas Weymar, Geschäfts­führer von Telepool, den Deal.

    Mario Brunow, Geschäfts­führer Netleih, ergänzt: »Es ist sehr viel­ver­spe­chend, die Geschäfte der Netleih zukünftig unter dem Dach der Telepool führen zu können. Die neu entste­henden Synergien werden uns helfen, die Markt­stel­lung von video­buster.de weiter zu stärken und die Trans­for­ma­tion in das Video-on-Demand-Geschäft schneller voran zu treiben.«

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    Grund zur Wut gibt es aber auch auf ganz anderen Feldern. Mit der orwell­schen Über­schrift »ZDF versi­chert: Kleines Fern­seh­spiel hält an Kino­en­ga­ge­ment fest« wird weiterer Raubbau an einer der letzten Bastionen des Qualitäts­fern­se­hens bekannt gegeben: »Im Laufe der Diskus­sionen über die kürzlich getrof­fene Abmachung, dass ZDF und Arte mehr Synergien nutzen sollen, verbrei­tete sich unter Produ­z­enten das Gerücht, dass ‘Das kleine Fern­seh­spiel’ sich an inter­na­tio­nalen Kopro­duk­tionen mehr betei­ligen werde. Das ist nicht richtig«, stellte Redak­ti­ons­lei­terin Claudia Tronnier in Hamburg klar. »Im Gegenteil: Eine Folge der Diskus­sion ist sogar, dass dieses Enga­ge­ment schrift­lich fest­ge­halten wurde.« An fünf inter­na­tio­nalen Kopro­duk­tionen pro Jahr werde sich die Redaktion auch in Zukunft betei­ligen.

    Auf Deutsch: Das »Kleine Fern­seh­spiel« co-produ­ziert zwar weiter (inter­na­tional), aber bei ARTE werden mehr »Synergien genutzt«, also über das bisher bekannt gewordene Maß hinaus gekürzt. Pro Jahr unter­s­tützt die Redaktion »Das Kleine Fern­seh­spiel« nach eigenen Angaben 15 Kino­pro­duk­tionen mit 325.000 bis 350.000 Euro. Ein wichtiger Bestand­teil des »Kleinen Fern­seh­spiels« sind auch zukünftig inter­na­tio­nale Kopro­duk­tionen.

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    »Fernsehen. Der tägliche Ekel. Ekel am präpa­rierten Geschwätz. Am verdor­benen Frohsinn. Wie schreibt man GEMÜTLICHKEIT. Unsern Täglichen Mord gib uns heute. Denn dein ist das Nichts. Ekel an den Lügen die geglaubt werden. Von den Lügnern und niemandem sonst. Ekel an den Lügen die geglaubt werden. Ekel an den Visagen der Macher gekerbt vom Kampf um die Posten Stimmen Bank­konten.«

    Heiner Müller, »Hamlet­ma­schine«

    (To be continued)

    Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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    Cinema Moralia – Folge 62: Die deutsche Filmkritik und ihr visuelles Defizit

    © 2013 STUDIOCANAL: Neil (Ben Affleck) und Marina (Olga Kurylenko)

    Mal wieder Kritik der Kritik; eine Veran­stal­tung in der Akademie der Künste und der türkische Vorfrüh­ling – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 63. Folge

    »Wenn ein Kopf und ein Buch zusam­men­stoßen, und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buch?« – Georg Christoph Lich­ten­berg, deutscher Physiker und Schrift­steller (1742 – 1799)

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    Man muss mehr über Film­kritik schreiben, viel mehr infrage stellen, was Film­kri­tiker tun, was die Film­kritik tut, und was mit ihr getan wird. Man muss auch versuchen, genauer zu klären, was Film­kritik ist, und – viel wichtiger – was nicht. Grund­sät­z­lich natürlich ist Schreiben über Film poten­tiell auch Film­kritik. Aber wir alle wissen, dass vieles, was als Film­kritik daher­kommt diese eben nicht ist. Filmkritik ist nur da, wo sie keine dienende Funktion hat. Sie dient nicht dem Kino, jedenfalls nicht mehr, als das Kino ihr dient. Sie ist nicht Knecht und das Kino nicht Herr. Weiterlesen

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    Die Frage ist eine ganz grund­sät­z­liche, prin­zi­pi­elle: Wenn ich mit einem Film nichts anfangen kann, und es handelt sich um einen Filme­ma­cher, den ich nicht schon immer sowieso für einen schlechten gehalten oder jeden­falls nicht gemocht habe, und nicht etwa um einen Anfänger, sollte ich mich dann (übrigens selbst bei Anfängern) nicht grund­sät­z­lich erst einmal fragen, was denn der Filme­ma­cher bei dem scheinbar so unsäg­li­chen Mist sich gedacht haben mag? Sollte man möglicherweise dem Film und seinen Machern mehr Kredit geben, als sich selbst?

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    Das ist die Frage, und ich will hier gar nicht behaupten, dass es mir selbst immer leicht fiele, in solchen Fällen nicht den bequemen Weg zu gehen und eben dann zu verreißen. Das tut jeder. Ab und zu jeden­falls. Man kann der Versu­chung, sich gehen zu lassen, gar nicht entkommen, scheint mir. Interessant wird es, wenn man versucht, nachzuprüfen wo einer sich gehen lässt, und wo er sich Mühe gibt. Mir scheint es offenkundig, dass die deutsche Filmkritik ein sehr besonderes Defizit im Visuellen hat. Sie hat besondere Mühe mit Filmen, die visuell stark sind, sich um ihren Plot nicht so sehr scheren. Sie hat Mühe mit musikalischen Filmen, mit poetischen und mit solchen, die sich an Malerei orientieren. Viel leichter tut sie sich, wenn ein Filme eine Art Theaterstück sind, ein bebildertes Hörbuch, oder Fortsetzung von Literatur mit andern Mitteln. Mit dem genauen Hingucken hat sie dagegen Probleme.
    Das ist natürlich eher suboptimal, wenn man es man es mit einer visuellen Kunstform zu tun hat.

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    Und das ist doch Kino, oder? Wenn bei einem Film der Ton ausfällt, kann man ihn immer noch mit Gewinn ansehen. Ihn aber anzuhören wenn das Bild ausfällt, ist Blödsinn. Selbst wenn es sich nicht um eine synchro­ni­sierte Fassung handelt. Wie Unge­nau­ig­keiten einander bedingen, belegt aber gerade die Tatsache, dass ausge­rechnet im Land der Synchro­ni­sa­tion auch die Bilder gering­ge­schätzt werden.

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    Nahe­lie­gender Einwand: Wer ist denn »die« Film­kritik? Natürlich sind derartige Gene­ra­li­sie­rungen immer gewagt. Natürlich gibt es in Deutsch­land tolle Kritiker. Trotzdem glaube ich, dass die Allge­mein­heit der These gerecht­fer­tigt ist. Natürlich habe ich auch ganz bestimmte Namen im Kopf, die ich jetzt hier nicht nennen will. Führt zu nichts, stiftet nur Streit. Jeder kann nachlesen und sich seinen Teil denken. Ich versuche meinen Gedanken anders zu belegen, an konkreten Beispielen, bei denen es aber nicht um Kollegennamen geht, sondern um Filme.

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    Wenn wir ein Musik­stück, sei es nun eine klas­si­sche Symphonie oder einen Popsong, gehört haben – würden wir dann darüber in der Weise urteilen, dass wir sagen: Musi­ka­lisch ganz gut, aber davon abgesehen taugt es nichts?
    Oder würden wir bei einem Gemälde von Cézanne urteilen: Schön gemalt, aber da sind ja nur Äpfel und Pfirsiche drauf. Das ist nun wirklich ein irrelevantes Sujet.
    Würden wir Proust oder Thomas Mann deshalb nicht mehr lesen, weil sie sich ja nur mit der Vergangenheit beschäftigen?

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    Alles drei ziemlich unsinnige, banau­si­sche Vorge­hens­weisen. Bei der Film­kritik passiert dies aber tagtäg­lich. Auch im Fall von renom­mierten Kollegen. Auch hierfür kurze Beob­ach­tungen: Sowohl beim Berlinale-Eröff­nungs­film von Wong Kar-wai, The Grand­master, als auch letzte Woche beim neuen Film von Terrence Malick fallen die Kritiken aus Frank­reich wie aus den USA zu den genannten Film weitaus freund­li­cher aus, als die deutschen. Das sind beides Filme, die sich offen angreifbar machen. Aber sie haben auch eine Grund-Qualität, ein Niveau. Genau das wird in Deutsch­land nicht gesehen. Es zeigt sich ein Großteil der Kollegen einem Werk schlicht und einfach nicht gewachsen, das mit Bildern und in Bildern erzählt. Da wird zu Wong dann zwar bemerkt, der Film stünde »ästhe­tisch … Meis­ter­werken wie In the Mood for Love oder 2046 visuell in nichts nach« (Andreas Borcholte, »Spiegel«), doch dann sei er halt verwir­rend, episo­den­haft (sagt man das auch über »Tristram Shandy« oder den »Ulysses«?). Und es fällt der tolle Satz: »Einem Gesell­schafts­pan­orama wie Leones Es war einmal in Amerika lässt sich trotz aller lokal-histo­ri­scher Codie­rungen leichter folgen als einer Erzählung, deren Hinter­grund hier­zu­lande nur wenig bekannt ist.« Muss also hier der Regisseur den Film auf Sehge­wohn­heiten von »Spiegel«-Autoren abstimmen, oder viel­leicht der Film­kri­tiker mal ein Buch lesen, dass nicht von ameri­ka­ni­scher Geschichte handelt?
    Ähnlich bei Malick. Wieder der »Spiegel«, der gern jeden Ami-B-Movie zum Meis­ter­werk aufbläst, wenn nur ein knackiges Starlet mitspielt: »Alters­sen­ti­men­ta­lität … dass dem Zuschauer vor lauter Süßstoff schier die Augen verkleben. … Null-Geschichte um Begehren und Verzagen. Feucht glänzt das Auge, blutrot zittert die Lippe, leber­tranig trieft der Kitsch.«
    Man könnte so weiter­zi­tieren. Der Punkt ist: Schönheit steht hier immer unter Kitsch­ver­dacht und Bilder sollen einen Zweck erfüllen. Warum? Warum dürfen Bilder sich nicht selbst genug sein? Warum muss eine Story für alle Welt vers­tänd­lich sein und auser­zählt werden. Warum stören sich die gleichen Kollegen nie an Filmen,die karg und langatmig sind. Weil man denen keinen Ästhe­ti­zismus vorwerfen kann?

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    Vor allem: Warum haben die US-Kollegen und die Franzosen mit alldem so viel weniger Probleme?

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    Ein Verdacht meiner­seits: Die heimliche Angst der deutschen vor dem Fremden. Daraus resul­tie­rend ein System der gegen­sei­tigen Selbst­be­s­tä­ti­gung.
    Erinnern wir uns nochmal an Cannes. In Cannes erkennt man die Deutschen daran, dass sie immer schon alles wissen. Sie treten auf als Bescheid­wisser. Als Checker. Sie haben keine Fragen, aber viele Meinungen und sind überhaupt nicht offen. Sie sitzen im Deutschen Pavillon aufein­ander, lästern sie über die, die gerade nicht da sind, und versi­chern sich gegen­seitig ihrer Aktivität und damit Bedeutung. Die Angst der Deutschen vor dem Fremden korre­spon­diert mit der Angst, selber unbe­deu­tend zu sein.
    Der »deutsche Film« entpuppt sich mit alldem als Ideologie und als ein in seiner Konse­quenz tota­litäres Konstrukt, ein Phantasma. Denn er benennt Sünden­böcke – zum Beispiel die Kritiker –, und definiert sich nach innen wie außen gegen anderes, zum Beispiel »die Berliner Schule« und »die Franzosen«.
    Man könnte auch sagen: Der deutsche Film ist wie Katja Riemann. Er fühlt sich immer ange­griffen, hat schon von Beginn an eine latent aggres­sive Vertei­di­gungs­hal­tung, die von außen betrachtet nichts als Unsi­cher­heit verrät und nur hyste­risch wirkt.
    Wer irgendwie anders ist, oder etwas zu meckern hat, der stört, und gilt als Nest­be­schmutzer. Statt ein System der Selbst­kritik, der ständigen Selbst­ver­bes­se­rung durch Kritik zu sein, ist das deutsche Kino eine Maschine der Selbst­ver­schlech­te­rung durch gegen­sei­tige Selbst­be­s­tä­ti­gung.
    CSU-Menta­lität aufs Kino umge­bro­chen: »passt scho«. Und zur Not dann halt: »ja mei«

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    Derart borniert ist natürlich auch der größte Teil der deutschen Film­kritik. Das erkennt man zum Beispiel am Umgang mit Malick. Man darf ja mit dem Film Probleme haben. Aber die Einhel­lig­keit mit der man ihn blöd findet, weckt Verdacht.

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    Ein Gegen­bei­spiel lieferte Peter Körte in der FAS. Sein Text über To the Wonder gefällt schon mal, weil er Fragen stellt, und keine Antworten vorgibt, aber in diesen Fragen dann doch eine Haltung dem Film gegenüber entwi­ckelt, die vorbild­lich ist.
    Er ist aber auch darin, wie er die Einwände aufgreift, bei den Hörnern packt, ein Musterbeispiel von Kritik der Kritik. Wir zitieren: »Nichts leichter, als hämisch über diesen Film herzufallen; sich über seine Spiritualität zu mokieren und den Stimmen aus dem Off zu bescheinigen, dass sie nur deshalb da seien, weil Schauspieler diese Sonntagsschulsentenzen in einer Szene nicht sagen könnten; nichts billiger, als zu fragen, ob man Schauspieler wie Ben Affleck oder Olga Kurylenko nicht sinnvoller beschäftigen könnte; und ob da unbedingt Berlioz, Wagner, Górecki erklingen müssen, damit es möglichst feierlich und gravitätisch wirkt.
    Und es ist noch nicht mal alles ganz falsch und abwegig, was da … geschrieben wurde. … Man entgeht dem Unbehagen beim Ansehen des Films auch nicht, indem man trotzig verteidigt, was angeprangert wird. Interessanter ist es da schon, nach den Problemen zu suchen, mit denen der Film kämpft, und nicht nach den Antworten, die er ungefragt gibt. TO THE WONDER mag ja eine starke Meinung haben zum Sinn des Lebens, zu den letzten und vorletzten Dingen, doch zunächst einmal ist der Film das Ringen um eine Lösung: Wie kann man eine Liebesgeschichte im Kino erzählen, die sich von den üblichen Mustern, Formen, Strukturen löst? Wie muss eine Form beschaffen sein, die einem festumrissenen Plot den Rücken kehrt? Wie lassen sich eindeutig konstruierte Szenen mit erklärenden Dialogen auflösen, ohne dass alles zerfällt; wie diese strukturschwachen Gebilde in einer assoziativen Montage verbinden, bis ein ganz eigener Rhythmus entsteht?«

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    Mehr denn je zu bekämpfen ist die Bieder­keit unserer Film­kritik.

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    Einen Film bieder anzu­gu­cken, heißt, ihn nur auf seine Story hin anzu­gu­cken, nicht auf formale Struk­turen. Es heißt, ihm Forma­lismus, Ästhe­ti­zismus vorzu­werfen, oder gar, dass er »zu schön« sei. Wie geht das überhaupt: zu schön?

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    Wir lieben ja »Arte«. Genau, der deutsch-fran­zö­si­sche Kultur­kanal ist gemeint. Das muss man ab und zu mal sagen, auch zu sich selbst, gerade wenn man sich wieder geärgert hat. Letzte Woche habe ich die soge­nannte Cannes-Bericht­er­stat­tung auf »Arte« nach­ge­holt. Sie ist eigent­lich keine, weil offiziell einge­stellt, und dann doch im Netz präsent, aber auch schon deshalb, weil »Arte« jetzt auch immer mehr auf Quote schielt, und sich offenbar Cannes bei »Arte« keiner anschaut. Das wundert nicht, wenn man auch nur fünf Minuten lang zuguckt, wie zwei Franzosen in Cannes herum­schlurfen, sehr schlechte Witze machen, etwa Namens­witze, und Sprach­nach­äf­fungs­witze, über die allen­falls jene Teenies lachen, die »Arte« sowieso nicht gucken. Und dann wird einfach alles verrissen, und doof gefunden, nicht etwa vermit­telt, auch die von »Arte« selbst für teures Gebüh­ren­geld produ­zierten Filme, die in Cannes laufen – und dass ist dann der Moment, wo wir bei aller Liebe zu »Arte« uns mal kurz gefragt haben, warum um alles in der Welt man Gebüh­ren­geld dafür ausgibt, dass man die vom gleichen Geld produ­zierten Filme schlecht macht.

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    Vor ein paar Wochen habe ich selbst in Istanbul demons­triert – gegen den Abriss des tradi­tio­nellen Emek-Kinos. Inzwi­schen ist dies passiert. Mit dem Emek begannen jene Unruhen, die inzwi­schen so breit geworden ist, dass wir alle davon gehört haben. Wir, aber nicht alle Türken. Denn die türkische Presse ist ökono­misch gleich­ge­schaltet durch einen Schweige- und Still­hal­te­pakt unter den türki­schen Medien, deren Verleger oft freund­schaft­lich und / oder geschäft­lich mit dem Minis­ter­prä­si­dent verban­delt sind.
    Hierauf zielt ein Aufruf von Künstlern, Autoren und Filmemachern, der mich gestern erreichte. Es stehen gute Leute auf der Unterstützerliste, u.a. die Regisseure Fatih Akin, Semih Kaplanoglu, Nuri Bige Ceylan und Kutlug Ataman. Der Aufruf lautet: »We, as the filmmakers, writers and artists from Turkey, express our serious concern over the country-wide incidents incited with the Gezi Park protests. Please read the below declaration regarding media attitude towards these incidents is signed by leading figures of Turkey, including Fatih Akin, Kutlug Ataman, Nuri Bilge Ceylan, Semih Kaplanoglu, Yesim Ustaoglu and Zeki Demirkubuz among many others.
    WE CONDEMN THE CENSORING ATTITUDE OF THE MAINSTREAM MEDIA TOWARDS THE GEZI PARK RESISTANCE!
    In the movement initiated by the Gezi Park Resistance, we, as filmmakers, artists and writers of this country, condemn acts of censorship and the disregard of the principles of neutral and objective journalism by all mainstream television channels, especially NTV, CNN Türk, Habertürk, Kanal D, ATV, Star, Show TV and TRT, as well as, some newspapers, especially Star, Sabah and Habertürk, which have always defined themselves as Turkey’s prominent and objective media institutions. The Gezi Park Resistance and the protests all around the country are actions that spontaneously arose out of the people’s common conscience, independent of political affiliation. These actions symbolize an awakening of consciousness in Turkey, and worldwide, against a regime of oppression which increases its authoritarian presence every day. The common aim of those who participate in these peaceful actions is to claim their right to a life of freedom, and the right to contribute to the decisions about the place they live in, their own city and natural environment.
    Much to our surprise and regret, possibly, in order to not oppose the political authorities or business magnates, we have observed that the mainstream media has featured almost nothing about this resistance movement. The provocative and aggressive approach of the police against this movement, which sometimes goes as far as trying to kill people, has also been barely covered by our mainstream media. However, as we have all witnessed, the media’s disregard has only served to reveal to Turkey and the rest of the world, the hidden agenda of those who disdain and attempt to subvert the resistance. We invite all concerned media companies in this historic moment to immediately leave their complacency, to broadcast and to publish with principles of unbiased and objective journalism, and to contribute to the establishment of a democratic and free media. This is a historic moment. An independent media will lay the grounds of trust and freedom for all of us. We will continue to witness this process.

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    In Köln eröffnet jetzt das »Medi­en­forum NRW« zum 25. Mal. Wir wären sehr gern da, aber man kann ja nicht alles machen. Außerdem hat das Medi­en­forum keine sehr nette Einla­dungs­po­litik gegenüber Jour­na­listen – am Ende kommt zwar jeder irgendwie rein, aber es wirkt alles nicht so, als sei Presse richtig erwünscht.
    Blickt man ins Programm mischt sich Freude mit Ärger. Zuviel Bertels­mann ist der erste Eindruck, dann folgt die Über­le­gung, dass sich das in NRW vermut­lich nicht verleiden lässt, und Bertels­mann ist immer noch besser als andere, also Schwamm drüber.

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    Man ist modern. Die komplette Veran­stal­tung kann man sich im Netz per livestream angucken. Inhalt­lich geht es um mäßig origi­nelle Themen, wie die »Auswir­kungen des digitalen Wandels sowie … Chancen und Heraus­for­de­rungen für Medi­en­wirt­schaft, Medi­en­po­litik und Gesell­schaft«. Hm. Aber sie haben Robert Pfaller einge­laden, einen der origi­nellsten und tatsäch­lich inter­es­san­testen Gegen­warts­phi­lo­so­phen. Er spricht über »The Future of Identity«. Was sehr schade ist, ist dass all die inter­es­santen Leute, die auf dem Medi­en­forum zu inter­es­santen Themen sprechen, viel zu wenig Zeit bekommen! Acht Veran­stal­tungen mit insgesamt 39 Teil­neh­mern in vier Stunden – ein Wahnsinn. Allein bis sich vier Leute vorge­stellt haben und so einge­grooved, dass sie mal zum Punkt kommen, ist alles vorbei. So ist das ganze toll, aber eben auch eine einzige Ressour­cen­ver­schwen­dung, auch von öffent­li­chen Geldern. Man versteht nicht, warum all diese Menschen, die mindes­tens zum Teil Reise­kosten und Honorar bekommen, nicht auf zwei Tage verteilt werden.

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    Von der SPD erreicht uns auch noch eine Meldung: »Schwarz-Gelb ist die soziale Absi­che­rung der Kultur­schaf­fenden total egal« heißt es da etwas salopp formu­liert. Und auch im Folgenden haut die Medi­en­fach­frau der Sozi­al­de­mo­kraten und stell­ver­tre­tende Vorsitz­ende des Ausschusses für Kultur und Medien, Angelika Krüger-Leißner, kräftig auf die Wahl­kampf­pauke: »komplette Ignoranz von Schwarz-Gelb gegenüber der Kultur«. Recht aber hat Krüger-Leißner mit ihrer Klage gegen den Beschluss der Regie­rungs­ko­ali­tion, die ursprüng­lich im Gesetz­ent­wurf vorge­se­hene turnus­mäßige Über­prü­fung der Künst­ler­so­zi­al­ab­ga­be­pflicht von Unter­nehmen durch die Träger der Renten­ver­si­che­rung aus dem Gesetz für die Künst­ler­so­zi­al­kasse (KSK) zu streichen. »Das ist mehr als fahr­lässig, da diese Über­prü­fung nun nicht mehr verbind­lich geregelt ist. Es besteht die Gefahr, dass der Abga­be­satz in den kommenden Jahren deutlich steigen könnte. Damit gerät die Stabi­lität der KSK insgesamt in Gefahr. Zudem werden gerade die ehrlichen Unter­nehmen, die ihrer Abga­be­pflicht nach­kommen, bestraft, indem die dringend notwen­dige Verbes­se­rung der Kontrolle vor allem der säumigen Unter­nehmen nicht erfolgt. Dabei ist das Thema Beitrags­ge­rech­tig­keit ein wichtiges für die Akzeptanz der Künst­ler­so­zi­al­ab­gabe. Am Ende sind viele Kultur- und Krea­tiv­schaf­fenden betroffen. Das für sie wich­tigste Instru­ment für eine ange­mes­sene soziale Absi­che­rung wird ohne Not gefährdet.«
    Auch die »Akademie der Künste« sieht die Künst­ler­so­zi­al­kasse gefährdet. In ihrer aktuellen Meldung heißt es: »Der Ausschuss für Kultur und Medien im Deutschen Bundestag hat am 5. Juni eine nicht nach­voll­zieh­bare Entschei­dung getroffen, die schwer­wie­gende Folgen für die soziale Lage tausender Künstler und Künst­le­rinnen nach sich ziehen kann.
    Indem die regel­mäßige Über­prü­fung der Künst­ler­so­zi­al­ab­ga­be­pflicht von Unter­nehmen durch die Träger der Renten­ver­si­che­rung nicht mehr per Gesetz vorge­schrieben wird, entsteht für die Künst­ler­so­zi­al­kasse eine voraus­seh­bare Notlage. Da säumige Unter­nehmen, die der Abga­be­pflicht nicht nach­kommen, keine ernst­haften Sank­tionen zu befürchten haben, werden jene bestraft, die der Versi­che­rungs­pflicht nach­kommen und in Zukunft mit höheren Abga­be­sätzen rechnen müssen, um die zu erwar­tenden Ausfälle zu kompen­sieren.
    Die Akademie der Künste fordert den Bundestag nach­drück­lich auf, in den wenigen verblei­benden Tagen der laufenden Legis­la­tur­pe­riode die Schaden stiftende Entschei­dung des Kultur­aus­schusses zu revi­dieren. Im Sinne der Beitrags­ge­rech­tig­keit muss die regel­mäßige Über­prü­fung der zu Abgaben an die Künst­ler­so­zi­al­kasse verpflich­teten Unter­nehmen unbedingt beibe­halten werden.«

    (To be continued)

    Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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    Cinema Moralia – Folge 62: Flachheit, Dein Name ist Leib!

    Still aus Laure Prouvosts Swallow

    Überbau in Ober­hausen: Die Inter­na­tio­nalen Kurz­film­tage und grund­sät­z­liche Fragen über Flach­bild­schirme, flächige Bilder, flache Drama­tur­gien und die Flachheit der Kritik – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 62. Folge

    Man hört Atem­geräu­sche, man sieht eine sonnen­durch­flu­tete Sommer­land­schaft, Gras, Bäume, ein Fluss, ein Bergsee. Dann Früchte: Himbeeren in einer Hand, eine aufge­bro­chene Papaya an einem Mädchen-Mund, eine Rosen­blüte, Vögel auf Ästen, Fische, Schmet­ter­linge, eine Biene, Blüten, fließender Honig, Füsse, Brüste, Arme, Münder, eine Off-Stimme, die von Natur erzählt, von Tagträumen und Sinnes­ein­drü­cken und immer wieder ein offener Mund, der betont einatmet…
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    »You are inside this body… its wet.« – Eine so asso­zia­tive wie genau kompo­nierte Montage aus nur scheinbar unzu­sam­men­hän­genden Bildern und Tönen, die sich zu einem bezwin­genden Bewusst­seins­strom zusam­men­fügt, der uns in einen Garten Eden zurück­führt und in das verlorene Paradies aus Adoles­zenz und Entde­ckung der Sexua­lität. Man erinnert sich an Filme von Jane Campion, Sofia Coppola und Lucille Hali­l­ha­zovic – drei Frauen, die im Kino einen ganz eigenen Blick auf die sinn­li­chen Gewiss­heiten unseres Lebens geworfen haben, einen Blick, der so analy­tisch kühl ist, wie konkret, nie kalt distan­ziert.
    Das Thema, das hier unauf­dring­lich, aber zwingend in 12 Minuten auf der Leinwand entfaltet wird, ist die Natur und die Körper­lich­keit. Ein Film, der trotz der Begren­zung auf zwei Film­di­men­sionen, viel­d­i­men­sional wirkt.
    Er heißt Swallow und stammt von der in London lebenden fran­zö­si­schen Künst­lerin Laure Prouvost, und lief bei den Ober­hau­sener Kurz­film­tagen im inter­na­tio­nalen Wett­be­werb. Bei der Preis­ver­lei­hung gestern Abend ging er unver­dien­ter­maßen leer aus.
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    Doch nur wenige Filme passten so gut zu dem über­grei­fenden Thema und der sie in zahl­rei­chen Podi­ums­dis­kus­sionen umspin­nenden Debatte, der dies­jäh­rigen Kurz­film­tage.
    Es ist in Ober­hausen guter Brauch ein Thema zu setzen, und die Fülle der jähr­li­chen, auch immer ein bisschen zufällig wirkenden Formen und Themen der Programme, die hunderte von Kurz­filmen zwischen 1 und 60 Minuten zeigen, zu bündeln, und mit einer Frage­stel­lung zu struk­tu­rieren. Weiterlesen

    Diesmal war diese Frage besonders provo­kativ: Es war das schon oft prognos­ti­zierte »Ende des Kinos« und das Auswan­dern der Filme aus dem sozialen Raum Kino in den asozialen heimi­scher Computer-Screens, oder die elitären Elfen­bein­türme des großbür­ger­li­chen Museums – in denen jedem Werk im Schnitt weniger als eine Minute Aufmerk­sam­keits­spanne zur Verfügung steht.

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    »Flatness«, also Flachheit war der Titel der dies­jäh­rigen Sonder­schau, die sehr betont diesmal die früheren Retro­spek­tiven ersetzen sollte, und eine Art unaus­ge­spro­chener Retro­spek­tive der Zukunft entwerfen. Der Titel spielte sowohl auf den Boom der Flach­bild­schirme an, wie auf die Flächig­keit der Bilder, auf flache Drama­tur­gien und auf ober­fläch­liche Zuschauer, auf die digitale Inflation, die allge­meine Entwer­tung der Bilder in Zeiten des visual turn. Und schließ­lich ging es um die neue Künst­lich­keit, den betonten Anti-Realismus dieser neuen Bilder.

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    »Flatness« erwies sich denn auch als ein durchaus tref­fendes Konzept zur Film­ana­lyse, freilich viel­leicht in einem anderen Sinn, als es von den fast ausschließ­lich briti­schen Kuratoren der Sonder­reihe inten­diert war. Oder ging es ihnen um die abschre­ckende Wirkung von Compu­ter­spie­le­reien, die (auf unsere unre­prä­sen­ta­tive Nachfrage) bereits die Mitar­beiter der Kurfilm­tage im Vorfeld größen­teils angeödet hatte.
    Denn kaum einer der für den kleinen Bild­schirm fabri­zierten Filme vermochte auf der großen Leinwand stand­zu­halten. Zu seicht, zu belanglos wirkte das aller­meiste. Der Leinwand neue Kleider. Einzige Ausnahmen waren ältere Werke wie die von Sunji Terayama oder der letzte Film von Chris Marker.
    Richtig albern wurde es dagegen, als man – in Anthea Hamiltons Venice (The Kabuki Version) – auch noch vor einem digitalen Standbild zu singen und zu performen anfing. Mit Kino als spezi­fi­schem Raum hatte all das überhaupt nichts zu tun.
    Und so degra­dierte sich ein Festival, das doch solcher Entwer­tung des Kino­bildes Wider­stand leisten könnte und sollte selbst zur reinen Abspiel­fläche belie­biger Bilder. Als dann noch zum Ende der Reihe der Parzifal-Film von Rohmer, Perceval le Gallois gezeigt wurde – nur um das fast dreis­tün­dige Werk, nach vier Minuten abzu­bre­chen, rebel­lierten viele Ober­hau­sener Zuschauer.
    So kann man mit Kino nicht umgehen – zugleich bestä­tigte die ganze Schau unter der Hand den opti­mis­ti­schen Befund, dass die Kraft des Kinos auch in Zeiten der Digi­ta­li­sie­rung unge­bro­chen ist. Die Krise des Kinos findet nicht statt. Ange­sichts der digitale Inflation wirkt die Körper­lich­keit des zwei­di­men­sio­nalen Kino-Film-Bildes um so kraft­voller und leib­li­cher. Statt­dessen erlebte man die Iden­ti­täts­krise der Muse­ums­kunst und ihr Gestammel ange­sichts der Über­for­de­rung durch die Heraus­for­de­rung durch neue Medien.

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    Das Scheitern einer Retro­spek­tive spricht aller­dings nicht in jedem Fall gegen sie. Der Mut zur These und dafür, sich statt ins sichere Fahr­wasser der histo­ri­schen Schau auf eine Expe­di­tion in unbe­kanntes Terrain zu begeben, spricht vielmehr unbedingt für die Ober­hau­sener Kurz­film­tage.
    Aller­dings wünschte man sich für die Zukunft unbedingt mehr kura­to­ri­sche Genau­ig­keit. Wer zum Beispiel nach dem Programm 7 (»Ante­ce­dents«) die zustän­dige Kuratorin Anthea Hamilton und Shanna Khanna auf der Bühne beim angeb­li­chen »Film­ge­spräch« erlebte, war erst einmal erstaunt über die soziale Inkom­pe­tenz der beiden jungen Frauen: Weder stellte man sich dem Publikum vor, noch trat man zumindest annähe­rend in die Mitte des Kinos, sondern drückte sich an die linke Seite, sodaß die Zuschauer der einen Hälfte des Saal von vorn­herein ausge­schlossen waren, noch gab es eine entspre­chende Beleuch­tung, die den Reihen ab der Mitte des Kinos überhaupt einen Blick auf die Menschen da vorn ermög­lichte.

    Statt mit dem Publikum sprachen die beiden Kura­to­rinnen dann mit sich selbst, und das in einem rasend schnellen briti­schen Ober­klassen-Englisch, das nicht übersetzt wurde und so auch Menschen mit normal­guten Englisch­kennt­nissen ausschloß. Zumindest auf derarige elemen­tare Präsen­ta­ti­ons­re­geln müssen die Kurz­film­tage, bei denen die Film­ge­spräche nach die Kino seit jeher von unter­schied­li­cher Qualität – von »super« bis »sauschlecht« – sind, in Zukunft mehr achten.
    Inhalt­lich sprachen die beiden Frauen dann von Bresson und Rohmer wie Blinde von der Farbe, oder besser gesagt, wie zwei junge filmferne Kunst­stu­den­tinnen, die gerade zum ersten Mal ein paar Auto­ren­filme entdeckt haben, und nun glauben, die ersten zu sein, die Bresson entdecken, und ansonsten immer noch darüber staunen, dass Kino etwas mit ihrem Kunst­stu­dium zu tun hat. Das alles kann man dem über­durch­schnitt­lich infor­mierten Ober­hau­sener Publikum nicht zumuten.

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    Dem unglück­lichen Auftritt folgte eine Podi­ums­dis­kus­sion zur gesamten Reihe am nächsten Morgen, die den gene­rellen Eindruck, noch erheblich vers­tärkte, dass es sich bei der »Flatness«-Schau in erster Linie um die Insi­der­ver­an­stal­tung von ein paar Freunden von der Londoner Tate-Modern handelte, von denen sich die Kurz­film­tage hatten kapern lassen – und die offen­kundig in Ober­hausen ganz besonders gute Karten hat, denn auch in den Jahren davor war dieses Museum nach meinem Eindruck über­pro­por­tional in Ober­hausen vertreten.
    Auf der Bühne saßen moderiert von Adam Pugh, Kurator und Autor (Norwich), die »Flatness«-Kuratorin Shama Khanna, mit ihren Co-Kuratoren Anthea Hamilton und Ed Atkins und der Berli­nerin Vera Tollmann. Die Veran­stal­tung war – für Ober­hausen völlig unüblich – ein ziem­li­ches Gefasel, schlecht, partei­isch und unkri­tisch moderiert. Ein Insi­der­ge­spräch der vier offen­kundig befreun­deten und mitein­ander vernet­zten Briten, bei dem die einzige deutsche Teil­nehmer nur dreimal zu Wort kam und weit­ge­hend ausge­schlossen war – Freunde der Verschwö­rungs­theorie konnten das bereits zu Beginn an der Sitz­ord­nung ablesen.
    Erstaun­lich war aber vor allem die Ratlo­sig­keit und Verwir­rung unter den Kuratoren, sodass man den Eindruck hatte, die wussten selber nicht, was sie in ihrer Schau überhaupt taten. Selten hörte man auf einer Bühne so oft Sätze wie »What am I telling about?« (Khanna), »What was my point?« (Hamilton), »Was ich mag an Artaud ist, dass ich es nicht richtig verstehe« (Khanna) und »I’ve lost my argument« (Khanna), das man nur mit viel Wohl­wollen noch als Perfor­mance eines »The great ‘I don’t know’« (Atkins) produktiv machen konnte. Auch Phrasen wie »politics with a big P« (Khanna) führten nicht weiter.

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    Das alles fiel auch deshalb so sehr ins Gewicht, weil die zentrale Hypothese ja so spannend war. In ihrem Grund­sat­z­essay erläutert Shama Khanna: »Im Mittel­punkt des Film­pro­gramms zum Thema ‘Flatness: Kino nach dem Internet’ steht der Gedanke, dass die Zeit, die wir mit Arbeit und mit der Pflege sozialer Kontakte vor dem Bild­schirm verbringen, die ‘Rundheit’ unserer wirk­li­chen Lebens­er­fah­rung abflacht und jede mensch­liche Regung so stan­dar­di­siert, dass sie zu einer algo­rith­mi­schen Übung wird. … Das Festival bietet uns Gele­gen­heit, das Kino­er­lebnis mit dem Anschauen von Bewegt­bil­dern auf dem Laptop oder anderen mobilen Displays zu verglei­chen. Im Flatness-Programm geht es nicht zuletzt um die Rolle des physi­ka­li­schen Raums des Kinos im Verhältnis zum Internet und dieser imma­te­ri­ellen Kultur ganz allgemein. Wie wirken sich ein gestei­gertes Gefühl von Dauer und die soziale Erfahrung im Kinosaal darauf aus, wie wir uns mit der enträ­um­lichten Welt hinter dem mobilen Display ausein­an­der­setzen?«
    »Flatness« als neue Tatsache zu sehen, vor der das Kino zu kapi­tu­lieren hat, ist aller­dings genauso beschränkt, wie nur die Diagnose einer Reduktion zu konsta­tieren. Leider neigten die Kuratoren hinter ihrer allzu heiteren Fassade zu kultur­pes­si­mis­ti­schen Posi­tionen, in denen dann beispiels­weise die »Ungeduld des Zuschauers« beklagt wird – nachdem man wie gesagt Tags zuvor Rohmer nach vier Minuten abge­schaltet hatte. Statt Ungeduld könnte man die schnel­leren Aufmerk­sam­keits­rythmen ja aber auch als Neugier begreifen.

    + + +

    Sowieso ist es eine Frage, ob ausge­rechnet bei diesem Thema der Rückzug in die »Kunstecke« ein kluger Schachzug war. Man ist ja in Ober­hausen keines­wegs gegen die Kunst die Ober­flächen, seit Jahren zeigt man Musik­vi­deos über deren künst­le­ri­schen Rang man im Einz­el­fall durchaus streiten kann. Was dagegen kaum gezeigt wird, ist Werbung. Dabei handelt es sich natürlich um Kurzfilme, und mitunter um sehr zeigens­werte. Spätes­tens da, wo man offensiv von der »Verfla­chung von Zeit und Emotion im ratio­na­li­sierten Datenraum des Internets« handeln möchte, hätte man Filme inte­grieren können, in denen die Grenze zwischen Kunst und Werbung aufgelöst wird. Nehmen wir etwa jene kurzen Filme die unter dem Titel Women’s Tales vom Label »Miu Miu« veröf­fent­licht worden waren. Die Film­fest­spiele von Venedig hatten die vier ersten 2012 gezeigt. Regis­seu­rinnen wie Lucretia Martel, Zoe Cass­a­vetes, Massey Tadjedin und andere sind verant­wort­lich für Filme, in denen Werbung auch Kunst ist. Und den unbe­darften Londoner Kura­to­rinnen hätte man eine öffent­liche Gesprächs­part­nerin wie Julia Reben­tisch gegönnt, Profes­sorin für Philo­so­phie und Ästhetik an der Offen­ba­cher Hoch­schule für Gestal­tung. Reben­tisch hat in ihrem überaus lesens­werten Buch »Die Kunst der Freiheit« (Suhrkamp Verlag, 2011) eine Theorie zeit­genös­si­scher Kunst entwi­ckelt die in ihrer Vertei­di­gung der Ästhe­ti­sie­rung allemal für manche Ober­hau­sener Posi­tionen provo­kativ ist.

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    Man bekommt in Ober­hausen, voraus­ge­setzt man wagt sich nicht in eines der Restau­rants der Fußgän­ger­zone in der Umgebung der Festi­va­lorte – sehr gesundes Essen. Viel Grün, wenig Fleisch alles Bio, und weniger aufdring­lich als bei Dieter Kosslick. Aber man bekommt es in Plas­tik­weg­werf­schalen, und so gibt es jeden Tag gegen Nach­mittag auf der Ober­hau­sener Fußgän­ger­zone das gleiche pott­häss­liche Bild einer von Plas­tik­schalen über­quel­lenden Mülltonne, von der sich die Vögel der Stadt nähren.

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    Ganz anders dagegen die Podi­ums­dis­kus­sion um das auch nicht gerade neue Thema »Ende des Kinos«. Bert Rebhandl sprach mit dem Film­his­to­riker Thomas Elsässer (und das, nur am Rande, in der Elsässer Straße ;-)) und der hatte in seinen Ausfüh­rungen vor allem den Vorteil der Präzision: Heute seien Filme zum Eigentum geworden, man besitze sie und horte sie zuhause, früher habe man sie einmal gesehen, mitunter erst nach Jahren der Suche, und sich dann an sie erinnert, weil es weder DVD noch VHS gab, um Erin­ne­rung zu über­prüfen. Inter­es­sant, so Elsässer, sei es gerade dann geworden, wenn man sich falsch, und jene Fehler einem verrieten, »was der Film mit einem gemacht hat.«
    Trotz solcher Kommen­tare wurde die Diskus­sion nie zum nost­al­gi­schen Lob der Knappheit, der Filmnot, aber sehr wohl war klar, wie Überfluss an Filmen und Wieder­hol­bar­keit die singuläre Erfahrung und das einzelne Werk entwertet. Klar war auch: Das Ende des Kinos findet nicht statt, sondern sein Wandel.

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    Eine Flachheit eigener Art ist die der Film­kritik, die jeder Hinsicht ihr eigenes Kreuz zu tragen hat, deren Probleme sich aber in den Ober­hau­sener Themen­set­zungen aber präzise spie­gelten: Statt »Flachheit der Bilder« könnte man auch »Flachheit der Bild­be­trach­tung und ihrer Texte« setzen, statt »Ende des Kinos« auch »Ende der Film­kritik«.
    Und wenn Festi­val­leiter Lars Hendrik Gass in seiner Eröffnung davon sprach, man wolle die »Öffent­lich­keit annehmen« und zugleich »nicht nur verstehen, was wir waren, sondern auch, was wir werden könnten und werden wollen«, dann hat er exakt die Aufgabe umrissen, die sich jeder Film­kritik stellt, die sich im Sinne Siegfried Kracauers auch als Gesell­schafts­kritik versteht, die Aufklä­rung mit Erfahrung zu einer Haltung verbinden möchte.

    Ober­hausen ist seit jeher ein Ort für die Besseren der Zunft, hier gibt es keine Star-»Junkets« am Schwei­ne­trog des Massen-PR-Betriebs. Statt­dessen gab es eine Selbst­re­fle­xion des Kriti­ker­be­triebs in einem Symposium des »Verband der Deutschen Film­kritik«, die unter dem Titel »How would Kracauer do it?« stattfand. Wir wollen hier nicht so tun, als seien wir neutral, denn ich selbst habe geplant und moderiert, Redak­ti­ons­kol­legin Dunja Bialas war auf dem Podium, zusammen mit geschät­zten Kollegen. Wir wollen die Debatte in nächster Zeit noch ausführ­lich darstellen.

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    Die beste Wider­le­gung der Flatness-Theorems waren aber die Filme des übrigen Programms: Der Große Preis der Stadt Ober­hausen ging an einen Film aus der Türkei: Off-White Tulips – zu deutsch etwa: »Gebrochen Weiße Tulpen« – von Aykan Safoğlu ist eine Hommage an den exilierten schwarz-ameri­ka­ni­schen Schrift­steller James Baldwin, dessen Leben in der Türkei der Regisseur mit einer eigenen Erkundung seines Heimat­landes verknüpft – eine  Außen­sei­ter­exis­tenz in unserer Zeit.

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    »Ein Gespenst geht um…«: »Und auf die Erbschaft zurück­kom­mend legt er den Gedanken nahe, eine Erbschaft sei eine an sich unge­rechte Sache, obwohl er sich über diese freue, und werde eines Tages bei der nächsten Revo­lu­tion abge­schafft.«
    Ein weiteres Highlight in Ober­hausen widmet sich ebenfalls einem Schrift­steller: Julian Radlmaier, Student an der Berliner DFFB, folgt in seinem 45-Minüter Ein Gespenst Geht Um In Europa dem sowje­ti­schen

    Revo­lu­ti­ons­dichter Wladimir Maja­kowski und versetzt ihn ins heutige Berlin, in die Welt der Zeit­ar­beiter und der hyper­ka­pi­ta­lis­ti­schen Ausbeu­tung. »Ein supre­ma­tis­ti­sche Komödie« nennt der Regisseur seinen sehr witzigen, auch gewitzten Film, in dem im Unter­schied zu manch anderem Werk Form und Inhalt eine innige Verbin­dung eingehen. Wir kommen auf den Bild demnächst zurück, aber schon jetzt kann man fest­stellen: Dies ist eines der zu seltenen Beispiele, in denen ein junger Filme­ma­cher Mut zeigt, statt voraus­ei­lendem Gehorsam, sich nicht forma­tierten Sehge­wohn­heiten anpasst, sondern versucht, neue zu prägen.

    (To be continued)

    Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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    Cinema Moralia – Folge 61: Schafft zwei, drei, viele Oh Boys!

    Foto © Schiwago Film GmbH – Tom Schilling in "Oh Boy"

    Die Verhält­nis­mäßig­keit der Mittel, Grund­ver­sor­gung gegen Quoten­denken: Der Deutsche Filmpreis ist vergeben – nun macht das deutsche Kino gegen das Fernsehen mobil; und was uns der Filmpreis sonst noch lehrt – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 61. Folge

    Tom Schilling hat Ost-Abitur. Am John-Lennon-Gymnasium. So etwas gab es bei uns im Westen leider nicht. Es war halt nicht alles schlecht in der DDR, zum Beispiel lernte man, das bewies Schilling am Abend des Bundes­film­preises, gute Reden zu halten: Nach dem Spott über »das poin­ten­ge­spickte Ergebnis«, das ihm sein Reden­vor­for­mu­lierer vor seiner Laudatio auf Barbara Sukowa aufge­schrieben hatte, und das, so Schilling öffent­lich »den Wunsch nach konven­tio­neller Lange­weile aufkommen ließ«, formu­lierte er eine tolle Lobes­hymne: »Man glaubt immer, Männer hätten Angst vor intel­li­genten Frauen. Ich aber möchte Ihnen sagen, was Sie längst wissen: Das Gegenteil ist der Fall. Männer lieben intel­li­gente Frauen.«
    Es war auch lustig auf Schil­lings Gesicht zu blicken, während andere »witzische« Texte verlesen wurden: Ungläu­biges, fassungs­loses Entsetzen, »Oh Boy!«

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    Und die Bibel hat doch recht: David gewinnt gegen Goliath – es kam wieder, wie es meistens kommt beim Deutschen Filmpreis, jeden­falls seit er nicht mehr im Jury­ver­fahren sondern per Massen­ab­stim­mung vergeben wird: Die Preise bündelten sich auf ganz wenige Filme, aufwen­dige Groß­pro­duk­tionen sahnen die Tech­nik­preise ab (diesmal Cloud Atlas), andere, die oft nominiert sind – wie diesmal Auto­ren­kino-Veteranin Marga­rethe von Trottas Hannah Arendt – bekamen nur wenige Ausz­eich­nungen, oder gingen wie Oskar Roehlers Quellen des Lebens sogar ganz leer aus, und ein vergleichs­weise unab­hän­giger Film bekommt die Haupt­preise. Aber im Unter­schied zu Jahren, als mit der allzu luftigen Bayern-Klamotte Wer früher stirbt ist länger tot, dem schwerblü­tigen Vier Minuten oder dem Gutmen­schen­drama Halt auf freier Strecke schwache Konsens­filme über alle Ansätze zu mutigerem Kino – von Das Parfum bis zu Barbara – trium­phierten, ist Jan-Ole Gersters OH BOY! ein würdiger Sieger: Alles andere als konven­tio­nell, dabei so klug und witzig, wie es Ausländer dem deutschen Kino zwischen Wenders bis Schweig­höfer gar nicht zutrauen.
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    Ausge­rechnet Oh Boy! Ausge­rechnet das Debüt von Jan Ole Gerster. Nicht weniger als acht Mal war dieses große Berliner Film­wunder bereits nominiert gewesen: Ein vergleichs­weise fast ohne Geld produ­zierter Film, der mit allen Regeln bricht, die die Nase­weisen des Kinos gern aufstellen, der theo­re­tisch alles Mögliche falsch macht: Er hat keine richtige Geschichte, und

    verzichtet auf Psycho­lo­gi­sie­rungen seiner Figuren. Er erzählt in Schwarz­weiß. Das darf man ja auch nicht – erinnern wir nur an die Debatten zwischen Michael Haneke und seinem deutschen Produ­z­enten Stefan Arndt, der Das weiße Band unbedingt in Farbe drehen wollte. Der Titel wäre dann wahr­schein­lich Das bunte Band gewesen. Aber lassen wir das.
    Oh Boy handelt, das darf man bei all der guten Laune nicht vergessen, auch auf überaus kluge Weise vom deutschen Kino und vom Faschismus. Doch ja – oder gibt es ein genia­leres Bild für die deutsche Kino-Faszi­na­tion, Kino-Obsession mit Nazi-Bildern und Nazi-Stories, als das, wo Tom Schilling an irgend­einem Film-Set in Babels­berg ist, die Studio­halle verlässt, und draußen ein KZ-Häftling und ein SS-Wachmann zusammen eine rauchen? Über dieses Bild allein könnten wir jetzt eine eigene Cinema-Moralia-Folge schreiben. Man muss nicht annehmen, dass so etwas dem Jan-Ole Gerster zufällig passiert. Und wer sich doch nicht ganz sicher, der merkte es dann am Schluß des Films, in der Bar-Szene mit Michael Gwisdek. Die ist ja auf eine angenehme, dezente Weise unglaub­lich moralisch, viel­leicht sogar mora­li­sie­rend. weil sie uns – also die Kino­zu­schauer – mit der Nase auf die alltäg­liche Obszönität unseres Lebens stößt. Die schieben wir alle gern so beiseite, und das ist wahr­schein­lich auch vernünftig, weil lebens­dien­lich. Ganz richtig ist das aber natürlich nicht, und diese Obszönität ab und zu mitten vors Gesicht gehalten zu bekommen, so dass wir nicht einfach beiseite treten und uns ihr entziehen können, und dazu noch so charmant, wie Michael Gwisdek – das genau ist der Sinn von Kunst.

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    Oh Boy ist auch das Lob eines modernen Tauge­nichts. Und natürlich erzählt der Regisseur da auch über sich, zumal er in einer seiner Preis­reden die Gleichung »Nichtstun + Nach­denken = Recher­che­leis­tung« erklärte. Tatsäch­lich ist dies so: OH BOY! und seine Macher halten der hekti­schen narziss­ti­schen Kinoszene den Zen-Ansatz entgegen. Weniger ist mehr, und dies muss nicht immer das »Weniger Schnitte minus Dialoge minus Plot«-Rezept der Berliner Schule sein. Sondern einfach eine relaxedte Grund­hal­tung. Auch darin zeigt Oh Boy wie gutes Kino wirklich geht.
    Nebenbei handelt der Film natürlich von allem; von Liebe, Tod und dem Sinn des Lebens

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    Daher wunderte man sich (oder halt auch nicht), dass kluge Kollegen gleich wieder zu mäkeln anfingen: »Kaum einer, der ernsthaft damit zufrieden war, dass dies nun der Film des Jahres gewesen sein sollte.« Wer sollte es denn Peter, sonst bitte gewesen sein?

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    Man kann trotzdem bedauern, dass, als sich am Frei­tag­abend in Berlin die Welle der Sympathie für den Außen­seiter zu einem Tsunami von Preisen verdich­tete, wieder einmal kein Platz für Diffe­ren­zie­rung war: Zum Beispiel Marga­rethe von Trotta hätte einen Regie­preis verdient gehabt. Doch für größere Fein­heiten lässt die Schwar­min­tel­li­genz der Film­aka­demie keinen Platz. Im Großen Ganzen gingen die Preise diesmal in Ordnung, und die Veran­stal­tung war zwar überlang, aber würde­voller als in den Vorjahren.
    Die Film­aka­demie, das darf man fest­stellen, macht sich langsam. Unter ihren Geschäfts­füh­rern Alfred Holighaus und Anne Leppin bringen vieles besser auf die Reihe, als ihre Vorgänger.
    Und bestimmt schaffen sie es auch noch, dass die Show unter gefühlten vier Stunden dauert, dass es keine Spezi­al­ef­fekte gibt, zu denen man, wäre man der böse Mensch für den einen einige halten, »Lola im Regen« oder »Lola ganz nackt« oder »er deutsche Filmpreis fällt ins Wasser« titeln könnte, und dass Fred Kogels persön­liche Super­mo­de­laus­wahl bei ihm zuhaus im Bett bleibt.

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    Was sie nicht schaffen werden, ist, dass das Fernsehen sich daneben benimmt. In der radikal gekürzten, zeit­ver­set­zten Gala im ZDF – »zweite Prime-Time« spottete Kultur­staats­mi­nister Bernd Neumann – schnitt man Neumanns Kritik an den Sendern ganz heraus – das war noch erwartbar –, kürzte man die Preis­träger fast sämtlich, während die Lauda­toren ungekürzt blieben, und Werner Herzogs schöne lange Rede wurde auf die zwei Anfangs­sätze herun­ter­ge­stüm­melt – insgesamt ein unfass­barer, grotesk pein­li­cher Vorgang, der schon Grund genug wäre, dem ZDF die Gebüh­ren­gelder mal genauso anteilig zu kürzen und so zeit­ver­setzt zu über­weisen, wie sie die für sie arbei­tenden Produ­z­enten bezahlen.
    Ande­rer­seits zeigt das die Macht­ver­hält­nisse in aller Deut­lich­keit, und ist insofern immerhin ehrlich.

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    Oh Boy, Quellen des Lebens und Hannah Arendt sind der Trost in einem deutschen Filmjahr, das zum zweiten Mal hinter­ein­ander ansonsten eher schwach auf der Brust ist: Kein einziger deutscher Film in Cannes, seit Jahren erstmals kein Preis im Berlinale-Wett­be­werb, keine Oscar-Nomi­nie­rung und auch in den Schauen anderer inter­na­tio­naler Festivals ist deutsches Kino schwächer vertreten, als in den Jahren zuvor. Nur die Kasse daheim scheint zu stimmen: Respek­table 30 Prozent Markt­an­teil melden die Bran­chen­ver­bände. Blickt man hinter die Zahlen­ko­lonnen, ist schnell klar, dass die vielen Nullen auch durch künst­le­ri­sche Nullen erzeugt werden: Die neuesten Filme von Til Schweiger und Matthias Schweig­höfer bieten seichte Unter­hal­tung und polieren die Bilanzen. Dahinter herrscht Krisen­stim­mung. Während quali­tativ hoch­wer­tiges und beim Publikum erfolg­rei­ches Kino im Ausland produ­ziert wird – bei Hanekes AMOUR gab es immerhin deutsches Geld –, in Ländern wie Frank­reich Dänemark und Öster­reich, werden zuhause noch die letzten Schlupflöcher des Auto­ren­kinos abge­wi­ckelt: Fern­seh­re­dak­tionen wie das »Kleine Fern­seh­spiel« des ZDF kürzen radikal, ebenso die ARD-Sender BR und SWR, nur der WDR ist eine Ausnahme – obwohl doch gerade erst die Gebühren gesichert wurden. 7,5 Milli­arden fließen jährlich in die öffent­li­chen Sender­häuser. Doch statt fürs Programm geben sie den Löwen­an­teil für Betriebs­renten und ihren aufge­blähten Verwal­tungs­was­ser­köpfe aus.

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    Unter dem Roten Teppich rumorte es aber aus anderen Gründen heftig. Denn in sehr seltener Einigkeit macht das Deutsche Kino gegen das Fernsehen mobil. Vor der Film­preis­gala, die ja immer auch ein Bran­chen­treffen ist, veröf­fent­lichten 14 Bran­chen­ver­bände, inklusive Kino­be­treiber- und Film­kri­ti­ker­ver­band eine gemein­same Reso­lu­tion, in der sie ihren Protest gegen das Verhalten der Fern­seh­sender bündeln und erklären und das öffent­lich-recht­li­chen Fern­seh­sender an ihre Pflichten erin­nerten. Die Förderer der Bundes­länder dürften sie unter­s­tützen. Am Abend selbst blies dann der Kultur­staats­mi­nister ins gleiche Horn: »Das Fernsehen hat keinen Quoten­auf­trag, aber eine Grund­ver­sor­gungs­pflicht!« rief Bernd Neumann dem in der ersten Reihe plat­zierten ZDF-Intendant Thomas Bellut zu, »und zur Grund­ver­sor­gungs­pflicht gehört ohne Zweifel die Kultur – nicht als Sahnehäub­chen für Nacht­stre­cken, sondern als Hefe im Teig.«

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    Schade nur, dass der enga­gierte Kultur­staats­mi­nister in seiner wahr­schein­lich letzten Filmpreis Rede sich an anderer Stelle vergriff: »Man kann demo­kra­ti­sche Verfahren nicht abschaffen, bloß, weil einem die Ergeb­nisse nicht passen.« sagte Neumann. Stimmt, wenn man es so hinschreibt. Gemünzt war der Satz auf die Kritik an der Film­aka­demie, und ihrem Preis­fin­dungs­ver­fahren, zum Teil sogar überhaupt an ihrer Rolle als Ausrichter eines öffent­li­chen Staats­preises, die im vergan­genen Jahr nicht nur aber unter anderem von verschie­denen Seiten der deutschen Film­kritik vorge­bracht worden war.
    In diesem Zusam­men­hang ist der Satz natürlich Unsinn, und überdies frech, weil er seine Zuhörer für dumm verkauft. Denn Neumann weiß ganz genau, dass niemand »demo­kra­ti­sche Verfahren abschaffen« will. Gewünscht wird einfach eine Rückkehr zum altbe­währten Jury-Prinzip.
    Das wird bei der Berlinale angewandt oder in Cannes. Und hat Fatih Akin etwa auf unde­mo­kra­ti­sche Weise den Goldenen Bär gewonnen? Oder war Neumann selbst, der bis 2004 in der Film­preis­jury saß, Mitglied einer unde­mo­kra­ti­schen Insti­tu­tion. Auch Jurys stimmen schließ­lich ab, und bei allem legitimen Popu­lismus, der ja auch Spaß macht, wenn man das Publikum hinter sich weiß, sollte es Neumann auch den Sympa­thi­santen des derz­ei­tigen Verfah­rens nicht allzu leicht machen. Manche von ihnen plappern dieses redu­zierte Demo­kra­tie­ver­s­tändnis dann nämlich auf der nächsten Filmparty nach, und wir müssen uns das dann anhören.

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    Ein besseres Demo­kra­tie­ver­s­tändnis als Neumann haben offen­kundig auch die deutschen Film­för­derer. In einer gemein­samen Pres­se­mit­tei­lung aller deutschen Förder­insti­tute haben diese jetzt bei Angela Merkel gegen das geplante das geplante Frei­han­dels­ab­kommen zwischen der EU und den USA und gegen den schran­kenlos freien Markt protes­tiert. Sie fordern dagegen gemeinsam mit Frank­reich und der EU eine »kultu­relle Ausnahme« für die Film­för­de­rung. Es geht also nicht darum, um jeden Preis alte Pfründe zu vertei­digen, sondern um die gefähr­dete Substanz; es geht darum, ob sich Deutsch­land eine eigen­s­tän­dige Kino­kultur leisten will – die Politik will es –, und ob dieje­nigen, die davon am meisten profi­tieren, die Sender, auch etwas dafür tun wollen.
    Der gemein­samen Pres­se­er­klä­rung hat sich auch der »Verband der deutschen Film­kritik« (VDFK) ange­schlossen und plädiert für eine unein­ge­schränkte kultu­relle Ausnahme zugunsten der Film­för­de­rung in Europa. Denn über Kunst und ihre Förderung kann nicht der schran­kenlos freie Markt allein entscheiden. Darum fordern die deutschen Film­kri­tiker eine kultu­relle Ausnahme der Film­för­de­rung. »In einem unglei­chen Wett­be­werb braucht das Kino die Unter­s­tüt­zung der Volks­ver­treter.« heißt es in der Erklärung des VDFK.

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    Zurück zur Reso­lu­tion: Dieter Ulrich Aselmann und Thomas Frickel, Vertreter von zwei der wich­tigsten Unterz­eich­ner­ver­bände rechneten vor, dass die TV-Sender jährlich 8,45 Milli­arden (die SZ, auf die ich mich letzte Woche verlassen hatte, hatte eine Milliarde zu wenig gemeldet) Gebüh­ren­gelder erhalten, und davon nur einen Bruchteil für Kultur und Film­pro­duk­tion inves­tieren. Sie fordern, das in Zukunft mindes­tens 3,5 Prozent des Etats in die Produk­tion von Kino­filmen inves­tiert wird – das wäre immer noch weit weniger Geld, als die Sender jährlich für Sport­rechte oder für die eigenen Betriebs­renten ausgeben. Die ARD zahlte für Sport 2012: 450 Mio Euro, also 24% ihres Programm­bud­gets, das aber nur 8% des Programms gene­rierte. Der Betrag, den die Unterz­eichner fordern, wäre 66% des ARD Budgets für Sport, 85% des ZDF-Budgets, also 33% der gesamten Sport­aus­gaben von ARD und ZDF (Dritte Programme einge­rechnet.) Wofür also gibt man sein Geld aus?In den Kinopool der Förderung zahlt das ZDF ca 10 Mio Euro pro Jahr.
    Mehr dazu beim nächsten Mal. Hier nur noch die Kern­aus­sage: »Die Ausstrah­lung kultu­reller Werke befindet sich im Programm seit Jahren auf dem Rückzug.« erklärt Aselmann, »Hiervon ist besonders der deutsche und europäi­sche Kinofilm betroffen. Ausstrah­lungs­ter­mine zur Haupt­sen­dezeit werden gestri­chen. Dabei geht es nicht um Almosen, sondern um geset­z­liche Ansprüche.« Und die Regis­seurin Nina Grosse ergänzt: »Es geht um die Rück­er­obe­rung der dem Fernsehen verlo­ren­ge­gan­genen Schicht des Bildungs­bür­ger­tums.«

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    Die Film­preis­ver­lei­hung war in dem Zusam­men­hang Wasser auf die Mühlen der Filme­ma­cher: So mussten die enga­gierten Produ­z­enten von Hannah Arendt die jetzt preis­ge­krönte Darstel­lerin Barbara Sukowa und die Regis­seurin von Trotta selbst gegen den massiven Wider­stand der Sender durch­setzen. Sagen wir es offen: Keiner wollte mit Marga­rethe von Trotta noch einen Film machen. Bettina Brokemper aber, die einfach angstfrei ist, setzte sich durch.
    Bei Oh Boy sind sie nur mit einer Mini­mal­be­tei­li­gung vertreten. Und der Sieger des Filmbands in Bronze, Cate Short­lands Lore, der bereits den Hessi­schen Filmpreis gewann, ist der seltene Fall eines Films ohne jede Fern­seh­be­tei­li­gung. Bis jetzt hat sich noch kein Sender gefunden, der dieses unge­wöhn­liche, sehr intensive Portrait einer Jugend in der »Stunde Null« 1945 ausstrahlen will.

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    Viele Akademie-Mitglieder klagen auch darüber, dass mit Cloud Atlas ein Film die meisten (9) Nomi­nie­rungen einheimste, der gar kein deutscher Film ist. Ökono­misch viel­leicht schon, und juris­tisch auch, sonst dürfte er nicht nominiert werden. Aber mit Tom Tykwer stammt neben dem Geld nur einer von drei Regis­seuren aus Deutsch­land – Cloud Atlas spielt dort nicht, deutsch wird nicht gespro­chen, und deutsche Schau­spieler sind auch nicht zu sehen. Da schon im Vorjahr Roland Emmerichs falscher Shake­speare-Kostüm­schinken Anonymous abräumte, ist die Frage berech­tigt, ob das berüch­tigte »stupid german money« zurück­kehrt? Damit bezeich­nete man in den 90er Jahren die deutsche Unsitte, Film nur als Inves­ti­ti­ons­chance zu begreifen, und statt eigener auslän­di­sche Filme zu fördern.
    Viel­leicht sollten die deutschen Förder­gelder statt in überteure Pres­ti­ge­pro­duk­tionen wie den 100 Millionen teuren Cloud Atlas besser in Filme wie Oh Boy gesteckt werden. Der hat gerade mal 300.000 Euro gekostet und ist deshalb im Vergleich auch wirt­schaft­lich der viel erfolg­rei­chere Film.

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    Bitte machen wir uns diese Preis­dif­fe­renz einfach noch mal klar: 300.000 gegen 100 Millionen. Das heißt: Wenn man bei Cloud Atlas drei Prozent Kosten einge­spart hätte, hätte man dafür zehn Oh Boys machen können. Oder anders: Wenn die Film­för­de­rung, die locker 10 Millionen (eher 15, unter uns) in Cloud Atlas gesteckt hat, das Geld statt­dessen anders angelegt hätte, dann hätte sie dafür zum Beispiel 33 Oh Boys bekommen. Oder nochmal anders: Für das Geld, das Cloud Atlas gekostet hat, hätte man 333 Oh Boys drehen können und dann hätte man immer noch 100.000 für zwei Studen­ten­filme übrig (wobei Oh Boy ja selbst auf seine Art ein Studen­ten­film ist).
    Alles Polemik natürlich. Das kann man ja nicht so rechnen, heißt es dann immer. Die Rechnung stimmt trotzdem.
    Und jetzt die Preis­frage: Hat Cloud Atlas wirklich so viele Förder­ef­fekte, tut der Film wirklich so viel für das deutsche Kino, wie es 333 Oh Boys und zwei Studen­ten­filme getan hätten, selbst wenn die Hälfte von ihnen, oder meinet­wegen zwei Drittel richtig schlecht geworden wären. Dann blieben ja immer noch 50 saugute und 70 passable Oh Boys übrig. Und um Qualität geht es ja bekannt­lich bei der Film­för­de­rung sowieso nicht allein, sondern um Effekte. Und so richtig gut, drücken wir es mal so aus, ist Cloud Atlas ja nun auch nicht geworden.

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    Es geht bei dieser irgendwie unfairen, zugleich aber auch dringend notwen­digen Gegenüber­stel­lung um die Verhält­nis­mäßig­keit der Mittel. Wofür gibt man Geld aus, und wofür nicht? Bei einem Kaufmann, der sein Geld auf eine einzige Karte setzt und voll auf Risiko spiel, statt es auf 335 Chancen zu streuen (wo die Wahr­schein­lich­keit ja besteht, dass ein, zwei so abgehen, wie Oh Boy), würde man sagen: Er zockt.

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    Übrigens, to make no mistake: Stefan Arndt und Manuela Stehr, X-Filme also, hätte ich einen Preis unbedingt gewünscht und mehr als gegönnt. Denn selbst­ver­s­tänd­lich ist es eine ungeheuer große Produ­z­en­ten­leis­tung, diesen Film überhaupt zu finan­zieren. Und ein viel größeres Risiko – in dem Fall auch mit eigenem Geld und dem guten Namen – als bei vielen Filmen von Bernd Eichinger. Dass die Mitglieder der Film­aka­demie das auch irgendwie spüren, merkt man dann daran, dass die tech­ni­schen Preise bis auf »Ton« alle an Cloud Atlas gingen.
    Dass der Haupt­preis »Bester Film« das dann nicht tat, hat aber seine Logik. Denn diese Ausz­eich­nung ist nur formal die für die »Beste Produ­z­en­ten­leis­tung«. Tatsäch­lich ist es die für »den Film, den wir alle mögen«
    Kleine Anregung an die Film­aka­demie: Warum eigent­lich macht ihr keinen Film für die »Beste Produ­z­en­ten­leis­tung«. Idea­ler­weise hoch dotiert, von zusät­z­li­chem Kultur­staats­mi­nis­ter­geld, weil der Preis dann auch an die Firma geht, und in neue Filme inves­tiert werden muss.

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    Ansonsten gilt mit anderen Worten: Schafft zwei, drei, viele Oh Boys!

    (To be continued)

    Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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