Publizierungen von: Til Schindler

Ethnie im deutschen Film, Fernsehen und Theater – Reaktionäre Rollenbesetzung

ARD/NDR TATORT: DIE BALLADE VON CENK UND VALERIE, am Sonntag (06.05.12) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Cenk Batu (Mehmet Kurtulus). Wie weit wird er gehen, um seine Freundin zu retten? © NDR/Sandra Hoever

Ich schaue relativ viele Fernseh- und Kinofilme und gehe gerne ins Theater. Ich streite mich gerne über die Qualität der deutschen Film- und Fernsehlandschaft und der Theaterbranche, aber eines kann niemand leugnen: Nicht deutsch-aussehende Schauspieler_innen werden viel zu wenig besetzt. Wenn ich den Fernseher einschalte sehe ich vor allem bei Serien und Reihen fast durch die Bank weiße, deutschsprachige Protagonist_innen. Mehmet Kurtulus war als Kriminalhauptkommissar Cenk Batu im Hamburger Tatort nahezu eine Ausnahme, doch jetzt übernimmt Til Schweiger die Rolle. Weiterlesen

Klischees und Stereotype
Im Schauspieler_innenportal „crew united“ kann man in seinem Lebenslauf bei „Ethnische Erscheinung“ von „mitteleuropäisch“, „arabisch“, „orientalisch“ über „osteuropäisch“, „schwarzafrikanisch“, „schwarzkaribisch“ bis zu „Mix weiß und asiatisch“ und „Mix weiß und schwarz“ wählen. Von 6824 registrierten, im deutschsprachigen Raum arbeitenden Schauspieler_innen, haben 88%, wie ich, „mitteleuropäisch“ angegeben. Wenn die kleine Minderheit der nicht „typisch deutsch“ aussehenden Darsteller_innen mal besetzt wird, werden sie von den Verantwortlichen in widerliche Rollenklischees gesteckt, in Stereotype, denen sie kaum entfliehen können. Eine Bekannte von mir, die in Teheran geborene Schauspielerin Elmira Rafizadeh, wurde früh mit dem Problem konfrontiert: „Für Film und Fernsehen bist du zunächst „Kopftuch“, „Ehrenmord“, „Islam“, „Migration“, „Terroristin“ und was es da sonst nicht alles rund um den Balkan und Orient zu erzählen gibt.“ Auch Daniel White, afrodeutscher Schauspieler beschreibt sein Rollenportfolio folgendermaßen: „US-Soldat, Dealer, zwielichtiger Gangster, der auch schon mal zuschlägt, und das wars dann auch schon. Der gemeinsame Nenner ist, dass es immer untrennbar mit meiner Hautfarbe verbunden ist.“ Aber warum kann er nicht mal einen Anwalt spielen, einen Familienvater, einen Kommissar? „Man sagt immer, das geht nicht, da schalten uns die Leute weg, Deutschland versteht das noch nicht“, so White. Die Exklusivität der „Eigenschaft deutsch“ und der Rassismus, der im Alltag ja sehr gerne von Medien und Gesellschaft geleugnet wird, wird in der Besetzung von Schauspieler_innen offen ausgelebt. Rollen, für die Schauspieler_innen wie Rafizadeh und White besetzt werden, stehen immer in einem Abhängigkeitsverhältnis. Nie sind es selbstbestimmte, frei handelnde Figuren wie „Chef_innen“. Wenn Abhängigkeit und ein niedriger sozialer Status mit Hautfarbe, Herkunft oder Aussehen gleichgesetzt wird, dann ist das Rassismus.

„Migrationshintergrund“ als Chance
Viele Schauspieler_innen, die sich ihre Rollen inzwischen aussuchen können und nicht aus finanziellen Gründen auf bestimmte Besetzungen angewiesen sind, lehnen solche Rollen ab und versuchen, sich auch in anderen Rollensparten zu profilieren. Doch es gibt auch Gegenbeispiele: Mark Zak, deutscher Schauspieler ukrainischer Herkunft stellte sich am Anfang seiner Karriere bei Castings folgendermaßen vor: „Guten Tag, hier Mark Zak, ganz einfach Z, A, K, falls Sie einen russischen oder osteuropäischen Banditen suchen, denken sie an mich…“. Er erklärt das damit, dass es für ihn als aus Fernsehsicht osteuropäisch wahrgenommenen Schauspieler zwar weniger mögliche Rollen gibt, aber die Auswahl der Schauspieler_innen auch geringer ist. „Man wird viel mehr wahrgenommen.“, so Zak.

Reproduktion von Alltagsrassismus
Dass sich Zak mit „Falls Sie einen russischen oder osteuropäischen Banditen suchen, denken sie an mich!“, quasi selbstironisch über die rassistischen Besetzungen stellt, macht das Problem aber nicht besser. Wenn „Banditen“ immer nur „ausländisch aussehend“ besetzt werden, reproduziert das rassistische Klischees. Wie soll Alltagsdiskriminierung verschwinden, wenn die Medien, die oft ein Vorbild für viele sind, die Denkweisen steuern und sogar manipulieren, ein Bild von Nicht-deutsch-aussehenden progagiert, das dermaßen reaktionär ist?

Muss jetzt eine Quote her?
Wenn man mit einer ähnlichen Strategie an das Problem gehen würde, wie die feministische Strategie, durch eine Quote mehr Frauen in Aufsichtsräte zu bekommen, könnte man sich jetzt Fragen: Braucht die deutsche Film-, Fernseh- und Theaterwelt eine „Migrant_innenquote“? Das hört sich natürlich erstmal sehr abwegig an, wurde aber durchaus schon ausprobiert. Mit Beginn der Intendanz von Karin Beier am Schauspiel Köln, führte sie 2007 eine Art Quote ein: 30% des Ensembles sollten aus nichtdeutschen Familien kommen, eine Zahl, die die Einwohner_innen Kölns widerspiegeln sollte. Beier wollte damit „eine Selbstverständlichkeit herstellen, so dass nicht jede Besetzung eine dramaturgische Bedeutung hat, sobald ein Darsteller eine andere Hautfarbe hat, als die gewohnte“. Hört sich ja ganz gut an, dachte ich, endlich mal ein schwarzes Gretchen, ein türkischer Romeo… Falsch gedacht: Mit Ausnahme der Eröffnungsinszenierung spielten die Neuen dann hauptsächlich in Stücken, die von Migration handelten und wurden auch größtenteils nach ein bis drei Spielzeiten wieder gekündigt. Chefdramaturgin Rita Thiele begründete das damit, dass ihnen wegen der Quote „umgekehrter Rassismus“ und „Paternalismus“ vorgeworfen wurde und dass Gastregisseur_innen in die Besetzungsentscheidung mit einbezogen werden sollen, und ihnen keine Schauspieler_innen durch eine Quote aufgezwungen werden sollten. „Das Ziel, einen deutlichen, möglichst großen Anteil von Kolleg_innenen aus internationalen Familien im Schauspielensemble zu beschäftigen, haben wir nicht aus dem Auge verloren. Der Anteil kann sich aber der künstlerischen Situation des Hauses entsprechend verändern, schwanken. Starre Vorgaben machen wenig Sinn“, so Thiele. Fail. Klingt irgendwie nach Kristina Schröder, Flexiquote und schwammiger Selbstverpflichtung.

Wenn sich in den Medien nichts ändert, tut sich auch in der Gesellschaft nichts!

Fest steht: Solange sich auf der Bühne, auf dem Bildschirm und auf der Kinoleinwand nichts ändert, solange Sat-1-Filme mit offen rassistischen Titeln wie „Buschpiloten küsst man nicht“ (2007) noch ausgestrahlt werden, in denen Afrikaner_innen als rückständige, abergläubische Ahnenritualist_innen dargestellt werden, ändert sich auch nichts am Alltagsrassismus der Gesellschaft. Nichtdeutsche sind viel mehr als „Gangster“, „Gemüsehändler“ und „Prostituierte“. Die Besetzungen spiegeln überhaupt nicht die Realität wieder, das Fernsehen, das Theater und der Film hinken wahnsinnig hinterher: Natürlich gibt es türkische Ärzt_innen, russische Familienväter und afrikanische Kommissare. Das kann man fiktionalisieren, ohne gleich eine Backgroundstory aufmachen zu müssen. Und wir haben doch so großartige Schauspieler_innen, die diese Figuren verkörpern können! Mit dargestellten Stereotypen, mit Rollenklischees und mit Rassismus muss endlich Schluss sein! In Sat1, im Stadttheater, in Dresden, im Kino, in Bayern, im Tatort, in Dortmund und überall: Rassismus raus aus den Köpfen!

Anmerkung der Redaktion
Weiterführende Links zu diesem Thema:
Stadt Revue “Die Quoten-Masche, Migranten am Schauspiel”
Spiegel Online “Integrationsdebatte, Was guckst du Thilo?”
NDR “Migrantin oder Dealer – Schwarze im Fernsehen”

Wir freuen uns über Ihre Meinung und weiteren Links/Verweisen in diesem Zusammenhang.

flattr this!

Senden Empfehlen