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Cinema Moralia – Folge 93: Das Recht auf Selbstbestimmung

»Do what you want!« – das lernt auch Marieme in Bande De Filles, Celine Sciammas diesjährigem Cannes-Film über vier starke, schwarze Girls aus Paris.

Mitten im Leben, vom Tode umgeben: Warum ich Feminist bin und für das Recht auf einen freien Tod, und was das mitein­ander zu tun hat – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 93. Folge

»’Where should I go?’ said Alice.
‘That depends on where you want to end up.’ replied The Cheshire Cat.«
Alice in Wonder­land
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Es wäre sehr lustig, wenn es nicht so grotesk gewesen wäre und auch ein bisschen traurig: Pres­se­kon­fe­renz im Berliner Arsenal. Ich kam etwas zu spät, es hat gerade schon ange­fangen. Zehn Frauen sitzen vorne, wie die Hühner auf der Stange. Im Saal weitere 29, bis zum Ende der Veran­stal­tung kommen noch drei dazu. Dazwi­schen genau zwei Männer. Ich bin der dritte.
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Dienstag, 14.10., 11 Uhr vormit­tags. Vorge­stellt wird der Aufruf »Pro Quote Regie« in Form einer Pres­se­kon­fe­renz. Es läuft etwas falsch, scheint mir, wenn die Redak­tionen (darunter diverse Redak­teu­rinnen) zu so einem Termin dann nur die Frauen schicken. Redak­teu­rinnen waren übrigens gar nicht vertreten, sofern ich niemanden übersehen habe.
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Den Aufruf haben bislang rund 200 Regis­seu­rinnen unterz­eichnet, aus allen Gene­ra­tionen und Stil­rich­tungen, darunter sehr bekannte Namen des deutschen Kinos, die meisten, aber nicht alle von ihnen Deutsche. Männer dürfen übrigens nicht unter­schreiben, wohl damit das Ganze weiterhin »Aufruf der Regis­seu­rinnen« betitelt werden kann. Es gibt aber eine zweite Liste, auf der sich Unter­s­tützer beiderlei Geschlechts finden. Gefordert wird in dem Aufruf »die Einfüh­rung verbind­li­cher Frau­en­quoten« in den öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk­an­stalten, den Film­för­de­rungen des Bundes und der Länder, sowie in alle »Insti­tu­tionen … in denen öffent­liche Mittel für Produk­tions- und Regie­auf­träge vergeben werden.« Man wünscht einen Anteil von 30 Prozent bis zum Jahr 2017, und 42 Prozent bis 2019 – das entspricht dem aktuellen Anteil von Frauen mit Regie-Diplom.
Gefördert wird weiterhin eine wissen­schaft­liche Studie »zu Werdegang und beruf­li­cher Situation von Regis­seu­rinnen in Deutsch­land sowie zur Verga­be­praxis von Rund­funk­an­stalten und Förder­gre­mien.« Man bietet den Verant­wort­li­chen bei Förder­gre­mien und Sendern einen Dialog an. Sie glauben: »Eine gerech­tere Film- und Fern­seh­för­de­rung kann nur gemeinsam mit der Politik und den Verant­wort­li­chen in den Sende- und Förder­an­stalten erreicht werden.« Mal abwarten.
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Ich geb’s zu: Als ich zuerst davon gelesen hatte, dachte ich: Was für ein Schwach­sinn! Muss das sein? Gibt es nicht wich­ti­gere Fragen als eine Frau­en­quote? Weiterlesen

Wäre es nicht viel besser, die Film­branche würde gemeinsam dafür sorgen, dass die Filme besser werden, sich zusam­mentun, anstatt zu spalten? Wäre es nicht besser, zumindest die progres­siven Kräfte der Kinoszene würden für Ästhetik und Inhalte kämpfen, für Geld, um die bisher arg begren­zten Fleisch­tröge und Arbeits­mög­lich­keiten zu vergrößern, als für Zugangs­rechte zu diesen Fleisch­trögen? Auf alle Fälle wäre all das besser. Stimmt schon: Es könnte alles ganz anders sein. Ist es aber nicht. Die deutsche Filmszene, auch die mit Verstand und Geschmack, besteht über­wie­gend aus Solisten. Sie sollten sich zusam­mentun, hätten das tun können, haben es aber nicht. Die Frauen dagegen haben sich zusam­men­getan, und etwas auf die beine gestellt. Sie kämpfen für ihre Inter­essen. Pech, Jungs! Schaut Euch an, wie man es macht.

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Die Argumente für den Aufruf sind einfach überz­eu­gend. Denn die Zahlen sind in einem krassen Miss­ver­hältnis: Aktuell werden über 85 Prozent aller Regie­auf­träge in Deutsch­land an Männer vergeben, obwohl 42 Prozent aller Regie-Absol­venten von Film­hoch­schulen Frauen sind. Man muss also gar nicht die weibliche Perspek­tive beschwören, und bloß nicht im Jargon eines neoli­be­ralen Control­lers von Wett­be­werb reden. Es geht schlicht um klas­si­sche Werte: Gleich­heit, Gerech­tig­keit, Chancen und Teilhabe.

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Ich bin eigent­lich auch gegen Quoten. Wenn überhaupt, müsste es eine Quote für den IQ geben, und für Geschmack, wenn man den messen könnte. Ich bin überzeugt, dass Kunst mit Demo­kratie nicht das Geringste zu tun hat, eher schon mit Autorität, und dass man über Kunst, über Stil, über Ästhetik, über Qualität und Niveau oder auch über Geschmack nicht demo­kra­tisch entscheiden oder gar abstimmen kann, und dass die Demo­kratie der Kunst oft schweren Schaden zufügt. Mit der Einschrän­kung, dass Kunst zwar keine Sicher­heit braucht, aber ein Minimum an Freiheit.
Jeder meint zudem, wenn er »Quote« sagt, etwas anderes. Ich stelle mir bei Quote ein Schut­z­system für Filme vor, für welche aus Europa, aus Asien und Latein­ame­rika, und vor allem überhaupt für künst­le­risch Schutz­wür­diges. Analog zu den Mindest­quoten für korea­ni­schen Film, die den Aufstieg des Filmlands Korea überhaupt erst möglich machten. Oder denen für Fran­zö­si­sches in Frank­reich: Die exception cultu­relle. »Quote« bedeutet hier: Minder­hei­ten­schutz. Für Fern­seh­in­ten­danten sind Quoten dagegen ein Argument um den neuesten Abstieg im Niveau ihres Senders zu recht­fer­tigen. Um zu erklären, warum die ARD an einem Abend erst den »Gemüse-Check« bringt, dann vom »Mais-Wahn« erzählt und nicht nur den Leuten, sondern sich selbst einredet, das sei »Service«. »Die Leute wollen es ja so« heißt es dann, in einmal mehr miss­ver­stan­dener Demo­kratie. »Quote« ist in diesem Fall eine Waffe. Das Mittel einer relativ großen Gruppe, die meistens auch keine Mehrheit ausmacht, um alle anderen kleineren Gruppen zum Schweigen zu bringen, sie zu margi­na­li­sieren.
Die Quote wie sie hier und in allen Fällen einer sozialen Quote verstanden wird, ist etwas Drittes: Ein Teil­ha­be­mi­nimum. Sie bezeichnet einen Prozent­satz, bezieht sich auf eine bestimmte soziale Teil-Gruppe und einen Bereich, in dem diese Gruppe unter­re­prä­sen­tiert ist. Die Quote soll den Anteil erhöhen. Quoten, wenn man sich einmal auf sie geeinigt hat, sind ein gutes Mittel dazu.

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Denkt man diesen Gedanken eines Teil­ha­be­mi­ni­mums aller­dings konse­quent zu Ende, dann kommt eine Gesell­schaft heraus, in der ich nicht leben will. Eine unfreie, hoch­re­gu­lierte Gesell­schaft. Eine Gesell­schaft, die sich nicht über Indi­vi­duen definiert, sondern über Grup­pen­iden­tität. Denn warum sollten eigent­lich ausge­rechnet Frauen quotiert sein? Warum nicht Alte und Junge? Rassen? Reli­gionen? Kulturen? Einkommen? Bildungs­grad? Poli­ti­sche Posi­tionen? Behin­derte? Sexuelle Minder­heiten? Ausländer? Oder doch IQ? Und so weiter. Ein unend­li­ches Mosaik von Zugehö­rig­keits­quoten wäre die Folge, und unsere Gesell­schaft sähe aus wie ein Fern­sehrat, ein gemain­streamtes Patchwork, in dem nur eines fehlt: Das Indi­vi­du­elle und das Indi­vi­duum, das sich keiner Gruppe fügt, nicht in sie passt, weil es eben bereits qua Begriff unteilbar ist.
Kann man das wünschen? Das kann man nicht wünschen!

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Aber darum geht es auch gar nicht. Wenn ich die Initia­toren und ihr Auftreten auf der Pres­se­kon­fe­renz richtig verstehe, dann wollen sie das auch gar nicht, denn sie wissen ganz genau, dass eine Quote im Kino- und Fern­seh­film praktisch völlig unmöglich ist. Wie soll das auch gehen? In einer Filmwelt, in der Filme von mehreren Länder­för­de­rern und Fern­seh­an­stalten finan­ziert werden müssen, weil man sie sonst gar nicht machen kann. Wer die Quote wirklich will, der müsste zunächst mal die Film­för­de­rung revo­lu­tio­nieren. Das könnte ja schon mal inter­es­sant werden – wenn wir denn diese Revo­lu­tion wollten. Tatsäch­lich sollten wir an einer anderen Film­för­der­re­vo­lu­tion inter­es­siert sein.
Worum es dem Aufruf tatsäch­lich geht, ist Bewusst­seins­bil­dung. Über eine Schief­lage, die einen rele­vanten Teil der Gesell­schaft vom Filme­ma­chen struk­tu­rell ausschließt. Die einem de-facto-Berufs­verbot gleich­kommt. Die Regis­seu­rinnen Maria Mohr und Connie Walther haben es treffend ausge­drückt: Frauen müssen schlechte Filme machen dürfen. Wenn sie das heute tun, war es ihr letzter Film, während man bei Männern von einem Ausrut­scher spricht.
Es geht im Aufruf auch darum, auch mit dem Märchen aufzu­hören, dass Frauen die besseren Menschen seien. Angela Merkel beweist täglich das Gegenteil. Man könnte aber auch darauf hinweisen, dass die Mehrzahl der Länder-Förde­rungen nach wie vor von Frauen geleitet werden. Bis Ende 2013 waren nur der baye­ri­sche FFF und die ostdeut­sche MDM in männ­li­cher Hand. Seit diesem Jahr auch wieder Hessen und die MFG. Ein gesell­schaft­li­cher Roll-Back.
Aber auch unter weib­li­cher Führung sind die Ergeb­nisse nicht befrie­di­gend. Zudem wenn man berück­sich­tigt, dass viele Förder­re­fe­renten- und TV-Redak­teur­stellen weiblich besetzt sind. Es hat sich nicht positiv ausge­wirkt. Weder sind die Themen besonders weiblich, noch die Entschei­dungen sehr frau­en­freund­lich. Bei einzelnen Personen, ob aus München, Frankfurt oder Berlin wird sogar offen von »Stuten­bis­sig­keit« und »Zickentum« gespro­chen. es gibt Fern­seh­re­dak­teu­rinnen, die haben noch nie in ihrem Leben eine Frau gefördert, es gibt Förde­r­ent­schei­de­rinnen, da ist es ein offenes Geheimnis, dass bestimmte Männer-Typoen die besten Chancen auf Förderung haben.

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Aber all das ist kein Argument gegen die Quote: Im Gegenteil: Die gerechte Betei­li­gung von Frauen wird nicht mehr verändern, als die von manchen Frau­en­be­wegten selbst­ge­pflegten und gern kulti­vierten Mythen, Frauen seien irgendwie anders. Erst die gerechte Betei­li­gung von Frauen wird mit dieser falsch verstanden Frau­en­be­we­gung so aufräumen, wie es die Betriebs­räte mit den Mythen der Arbei­ter­be­we­gung getan haben. Danach erst kann man sich dann viel­leicht wieder auf die Lage der Mensch­heit konz­en­trieren, anstatt diese in Iden­ti­täts­gruppen zu spalten.

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So weit sind wir aber noch nicht. Wer all dies nicht glaubt, der kann sich ja einmal die Erfah­rungen zu Gemüte führen, die mehrere Dutzend Film-Frauen (so nenne ich sie jetzt mal, denn sie sind längst nicht nur Film-Regis­seu­rinnen) jetzt für ein Buch formu­liert haben. Es ist der Sammel­band »Wie haben Sie das gemacht? Aufz­eich­nungen zu Frauen und Filmen« [ href="http://www.schueren-verlag.de/programm/titel/407--wie-haben-sie-das-gemacht-aufzeichnungen-zu-frauen-und-filmen.html" target="_blank">http://www.schueren-verlag.de/programm/titel/407--wie-haben-sie-das-gemacht-aufz­eich­nungen-zu-frauen-und-filmen.html]
Einige von ihnen sind mit den Unter­s­tützern des Aufrufs identisch, andere unter­s­tützen den Aufruf dezidiert nicht. Der Band, den Claudia Lenssen und Bettina Schoeller-Boujou heraus­ge­geben haben, wird am Donnerstag-Abend in der Berliner Akademie der Künste vorge­stellt. Es geht darin auch um eine Zwischen­bi­lanz, ein Resümee des poli­ti­schen Kampfes um Gleich­be­rech­ti­gung und Selbst­be­stim­mung von Frauen.
Die span­nenden Texte des Buches machen einmal mehr klar, dass die Debatten keines­wegs zu Ende sind. Die Frage der Frauen wird uns auch hier in den nächsten Wochen und Monaten weiter beschäf­tigen.

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Bei der Frau­en­frage geht es um nicht weniger, als ein zentrales Grund­recht: Art. 3 des Grund­ge­setzes [http://www.gesetze-im-internet.de/gg/] ist deutlich genug: »(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.: (2) Männer und Frauen sind gleich­be­rech­tigt. Der Staat fördert die tatsäch­liche Durch­set­zung der Gleich­be­rech­ti­gung von Frauen und Männern und wirkt auf die Besei­ti­gung beste­hender
Nachteile hin.«
Noch Fragen?

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Beim Film­fes­tival von Cannes gab es in diesem Jahr übrigens einen hervor­ra­genden Film zum Thema: Er stammt – nicht zufällig, so scheint mir – aus Frank­reich und zwar von der Regis­seurin Celine Sciamma, und heißt Bande De Filles (inter­na­tional aka GIRLHOOD), was natürlich nichts anderes ist als eine offene Anspie­lung auf Godard. Es geht um vier starke, schwarze Girls aus der Vorstadt. Sie haben nichts, also nehmen sie sich alles: Style, Stolz, Freiheit. Ein Film, der uns vorführt (nicht erklärt, warum Freiheit womöglich mehr mit Ästhetik zu tun hat als mit Moral, mehr mit Pop als mit political correct­ness, mit Musik und Mut und ganz bestimmt gar nichts mit Quoten. Das Motto: »Do what you want!«
Die junge Marieme, die es auch nicht leicht hat, zum Beispiel mit ihrem kaputten Bruder, wird Mitglied einer Frauen-Gang. Sie sind unkon­ven­tio­nell und witzig, sie prügeln sich, wenn es sein muss, und zeigen uns, was Femi­nismus wirklich heißt: Selbst-Bewusst­sein. Es geht um das Verhältnis zwischen Selbst- und Fremdbild – darum gucken sich die Girls auch fort­wäh­rend im Spiegel an, Filmen sich, beur­teilen sich gegen­seitig. »Bande de Filles« zeigt uns, was das eigent­liche Problem ist, das meiner Ansicht nach auch für viele deutsche Frauen gilt, auch für nicht wenige, die das Papier »Pro Quote Regie« unter­schrieben haben: Fehlende Härte, fehlender Mut. Das sind eben keine »männ­li­chen Werte«, sondern univer­sale.
Früher nannte man das alles ja Eman­zi­pa­tion. Auch so ein altehr­wür­diger Ausdruck, der etwas demodé geworden ist. Dabei kommt es doch genau darauf an: Sich zu eman­zi­pieren von Rollen­sche­mata, übrigens auch von manchen der Frau­en­be­we­gung und zum Indi­vi­duum zu werden.

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Wenn solche Filme, Filme wie Bande De Filles oder die von Sofia Coppola endlich mal auch in Deutsch­land gemacht werden, dann dürfen Frauen unbedingt auch schlechte Filme machen und das immer wieder. Verspro­chen!

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Aber es gibt auch noch andere Themen: Letzte Woche hatten wir an dieser Stelle zur Teilnahme an der offi­zi­ellen Europäi­schen Bürger­initia­tive gegen TTIP und CETA aufge­rufen. Wir tun das hiermit noch einmal. Denn auch die Produ­z­en­ten­al­lianz hat sich gegen TTIP posi­tio­niert. Die Produ­z­enten sind zwar nicht gegen alles, was man an TTIP kriti­sieren könnte und lehnen das Abkommen auch nicht rundweg ab, aber sie fordern gravie­rende Ände­rungen, die die Ameri­kaner ablehnen: Vor allem eine »kultu­relle Ausnahme« für Audio­vi­su­elles und Medien. »Auch wir Produ­z­enten sind natürlich für einen fairen Wett­be­werb«, erklärt Alexander Thies von der Allianz Deutscher Produ­z­enten. »Dass die europäi­sche Film­in­dus­trie im Gegensatz zur ameri­ka­ni­schen Förderung braucht und bekommt, verzerrt nicht den Wett­be­werb, sondern macht ihn erst möglich. Ohne Förderung, ohne ‚kultu­relle Ausnahme‘ gäbe es den europäi­schen Film nämlich gar nicht mehr, keine Oscar-Gewinner wie ‘Liebe’ oder europäi­sche Block­buster wie ‘Ziemlich beste Freunde’. Gerade weil wir für fairen Wett­be­werb sind, brauchen wir die ‘kultu­relle Ausnahme« für Audio­vi­su­elles und Medien … Die ‘kultu­relle Ausnahme’ auch in dem TTIP-Abkommen ist unver­zichtbar.«
Wer die Initia­tive gegen TTIP unterz­eichnen will, kann dies hier tun:
https://www.campact.de/Stop-TTIP-EBI
https://www.lobby­con­trol.de/ttip-stoppen

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Es gibt aller­dings auch noch andere Grund­ge­setz-Artikel. Noch vor Artikel 3 kommen 1 und 2. Dort heißt es: »Art 1:
(1) Die Würde des Menschen ist unan­tastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflich­tung aller staat­li­chen Gewalt.
(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unver­let­z­li­chen und unver­äußer­li­chen Menschen­rechten als Grundlage jeder mensch­li­chen Gemein­schaft, des Friedens und der Gerech­tig­keit in der Welt.
(3) Die nach­fol­genden Grund­rechte binden Geset­z­ge­bung, voll­zie­hende Gewalt und Recht­spre­chung als unmit­telbar geltendes Recht.
Art 2
(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfal­tung seiner Persön­lich­keit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfas­sungs­mäßige Ordnung oder das Sitten­ge­setz verstößt.
(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körper­liche Unver­sehrt­heit. Die Freiheit der Person ist unver­let­z­lich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes einge­griffen werden.«
Zual­ler­erst also Würde; dann Entfal­tungs­frei­heit, Freiheit zu tun, und zu lassen, was man will, das was Werte­pre­diger gern als »Hedo­nismus« zu diffa­mieren versuchen. Diese Reihen­folge markiert auch eine Hier­ar­chie der Werte, und die hat uns im Folgenden zu inter­es­sieren.

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Aus Münchner Urzeiten her kannten wir ihn noch, hatten ihn sogar ein paarmal persön­lich erlebt: Udo Reiter. Er war so einer von denen, die gern mal mit Quoten argu­men­tierten, den Inten­dan­ten­quoten, Minder­heits­tot­schlags­quoten oder mit anderen groben Klötzen. Aber er hatte auch den Charme eines Machos alter Schule, eine offene ehrliche Haut, der kein Blatt vor den Mund nahm, political correct­ness und andere Benimm­re­geln hasste, der innerlich nie borniert war, auch wenn manche seiner Entschei­dungen, vor allem als Hörfunk­di­rektor des CSU-Haus­sen­ders BR in den guten alten Zeiten des großen Vorsitz­enden FJS manchmal diesen Eindruck erwecken konnten. So kam er denn Anfang der 90er zum MDR, um den Osten auf Linie zu bringen – und tat es dann doch etwas anders als gedacht. Denn Udo Reiter war sich zu schade, für die Union den Stasi-Putzmann zu spielen.

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Er war auch der erste öffent­liche Roll­stuhl­fahrer, jeden­falls der erste, der mir begegnete. Lange vor Wolfgang Schäuble. Ein guter Typ, wenn ich das mal so schreiben darf, das zeigte auch die Art, wie er mit seiner Behin­de­rung umging, ironisch und doch sensibel.
Vor zwei Wochen war Reiter, seit einigen Jahren nicht mehr MDR-Intendant, sondern Ruhe­ständler, in der ZDF-Talkshow »Maybrit Illner« [ >http://www.youtube.com/watch?v=IW9HnmKbLq0]. Disku­tiert wurde da über Ster­be­hilfe. Reiter spielte die beste, sympa­thischste Rolle, er war relativ still, aber zwischen lauter Funk­ti­onären und Meinungs­puppen, zwischen den Pastoren Käßmann (Alkohol) und Hintze (CDU) war er der einzige Authen­ti­sche, der einzige, dem das, was er sagte, exis­ten­ti­elles Anliegen war. Das konnte man spüren.

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Der entschei­dende Punkt zielt auf das Grund­ge­setz: »Ich finde, wenn man das Recht auf Selbst­be­stim­mung, das ja die Grundlage unserer Verfas­sung ist, für das ganze Leben einfor­dert, dann muss mir erstmal jemand erklären, warum das gerade für die letzte Phase, für das Sterben nicht gelten soll. Ich finde, das müssen wir verlangen.«

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Udo Reiter sagte außerdem: Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass ich nicht als Pfle­ge­fall enden möchte, nicht als jemand, der langsam sein Ich verliert, der von anderen dann gewaschen und gebürstet und gewindelt wird, und ich möchte auch nicht als gutmü­tiger oder bösar­tiger Idiot vor mich hindäm­mern, sondern möchte recht­zeitig sagen können: Es ist sehr schön gewesen. Es hat mich sehr gefreut, aber jetzt möchte ich gehen. … Es sind in Deutsch­land immerhin 10.000 Leute, die sich jährlich das Leben nehmen. Die Hälfte davon hängt sich an Bäumen oder Fens­ter­kreuzen auf, drei werfen sich jeden Tag vor die Eisenbahn… Ich finde, das ist ein unwür­diger Zustand, das muss nicht sein, da muss es Hilfe geben, und zwar profes­sio­nelle Hilfe, ärztliche Hilfe zum selbst­be­stimmten Sterben. … Mir geht es um die Leute, die selbst­be­stimmt sterben wollen. Da muss es doch irgend­einen Weg geben, dass man human rauskommt. … 70 Prozent der Bevöl­ke­rung wollen das.«

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Worum geht es: Der Staat, die Gesell­schaft, die selbst­er­nannten Fürsorger greifen exzessiv in unser Leben ein – zu unserem Besten natürlich. Sie verordnen gesundes Essen, Sport, Rauch­verbot, Glüh­birnen (die giftig sind), Fahr­rad­helme, und ächten den Freitod.
Wir dürfen theo­re­tisch noch selbst­be­stimmt leben, aber dürfen wir auch selbst­be­stimmt sterben? Schwer­kranke Menschen haben nur die Gewiss­heit uner­träg­li­cher Schmerzen, eines fort­schrei­tenden Verfalls und eines qual­vollen Sterbens. Wenn einem das Leben zur Last wird, warum soll man es dann nicht beenden dürfen? Es muss möglich und erlaubt sein, selbst über sein Leben zu verfügen, selbst bestimmen zu können, wann man dem Leben ein Ende setzt, und zwar völlig unab­hängig davon, ob man todkrank ist, oder nicht: Mein Tod gehört mir.
Der Tod gehört zur Würde des Menschen, die zu achten und zu schützen ja Frau Merkel verfas­sungs­gemäß verpflichtet ist, was sie nicht davon abhält, ameri­ka­ni­sche
Folter­ge­fäng­nisse und andere Menschen­rechts­ver­let­zungen zu tole­rieren.

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Keiner hat das Recht sich hier einzu­mi­schen. Schon gar nicht Gestalten wie die Physi­kerin Merkel, der Bauer Kauder, der Versager de Maiziere oder der Pfarrer Hintze. Ihnen fehlt jedes Recht, auch nur stell­ver­tre­tend über meine letzten Stunden zu entscheiden, meinen Weg aus dem Leben zu gehen. Was für eine unsäg­liche, infame Anmaßung dieser dritt­klas­sigen Knall­chargen, die schon mit viel schlich­teren Fragen über­for­dert sind!

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Wir sollten das ernst nehmen. Es gibt Menschen, die wollen sterben, ohne dass sie verrückt sind, oder gestört. Freitod kann ein Teil von humaner Kultur, kann ein Ausdruck unserer Würde sein. Eine Woche nach der ZDF-Sendung hat Udo Reiter sich auf der Terrasse seines Hauses erschossen. Wir werden ihm gerecht, wenn wir das nicht klein­reden, oder inter­pre­tieren.

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Was den Protest der Frauen mit diesem letzten Akt Udo Reiters verbindet, ist nicht allein der Wunsch nach Freiheit und Selbst­be­stim­mung, die Forderung, dass es mit der Fremd­be­stim­mung endlich ein Ende haben muss. Es ist noch mehr eine sehr prin­zi­pi­elle, aber am Ende doch auch ganz einfache Einsicht: Man darf nicht warten, bis einem andere das Recht geben. Man muss sich das Recht nehmen. Selbst.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Anspruch und Wirklichkeit: Rundfunkstaatsvertrag, Fernsehrat, Sport, Mord und Show

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„Und so etwas wird mit meinen GEZ-Gebühren finanziert?” – diese Frage haben bis vor kurzem die meisten von uns sicher schon mal gehört oder gestellt. Seit dem 1. Januar 2013 heißt es nun: „Und so etwas wird mit meinem Rundfunkbeitrag finanziert?“ oder einfach „Dürfen die Sender das überhaupt?“

Grundsätzlich gelten natürlich auch für die Macher/innen in den gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten das Recht auf freie Meinungsäußerung, die Pressefreiheit, die Freiheit für Kunst und das Verbot der Zensur (Art. 5 GG). Ihren Auftrag gibt der Rundfunkstaatsvertrag vor (§ 11 RStV):

(1) Auftrag der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ist, als Medium der öffentlichen Meinungsbildung zu wirken und dadurch die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen. (Sie) haben einen umfassenden Überblick über das internationale, europäische, nationale und regionale Geschehen in allen wesentlichen Lebensbereichen zu geben.

(2) Die Rundfunkanstalten haben die Grundsätze der Objektivität und Unparteilichkeit der Berichterstattung, die Meinungsvielfalt sowie die Ausgewogenheit ihrer Angebote zu berücksichtigen.

Darüberhinaus haben ARD und ZDF eigene Staatsverträge, so regelt beispielsweise der § 5 ZDF StV die Gestaltung der Sendungen:

(1) In den Sendungen des ZDF soll insbesondere ein umfassendes Bild der deutschen Wirklichkeit vermittelt werden. Die Sendungen sollen eine freie individuelle und öffentliche Meinungsbildung fördern.

(2) Das Geschehen in den einzelnen Ländern und die kulturelle Vielfalt Deutschlands sind angemessen im Programm darzustellen.

(3) Die Sendungen sollen dabei vor allem die Zusammengehörigkeit im vereinten Deutschland fördern sowie der gesamtgesellschaftlichen Integration in Frieden und Freiheit und der Verstän¬digung unter den Völkern dienen und auf ein diskriminierungsfreies Miteinander hinwirken.

Frauen werden zwar nicht explizit erwähnt, sind aber vermutlich in irgendeinem Punkt mitgemeint. Weiterlesen

Auf dem Papier sind alle Menschen in Deutschland, d.h. die 41,7 Mio. Frauen und die 40,3 Mio. Männer gleich, aber ihre gesellschaftliche Realität unterscheidet sich leider immer noch sehr. Dies wird auch vom Staat so gesehen, deshalb heißt es in Artikel 3 GG:

(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

In gewisser Weise stellen die öffentlich-rechtlichen, fiktionalen Programme eine Fortsetzung dieser Benachteiligung mit anderen Mitteln dar. Natürlich sind fiktionale Formate, also Fernsehfilme, Reihen, Serien, ja genau das: fiktional, ausgedacht. Spielfilme sind keine Alltagsdokumentationen, sondern sie erzählen außergewöhnliche, bemerkenswerte, besondere Geschichten, die so passieren, passierten oder passieren könnten, im Positiven wie im Negativen, sie setzen Zukunftvisionen filmisch um, sie liefern fantastisch erfundene Inhalte.
Allerdings gibt es keinen schlüssigen Grund, warum diese erfundenen Geschichten eher von Männern handeln, und Frauen zur Randgruppe und Minderheit werden müssen. Ich nenne das Retro-Realität, und beschreibe sie über drei Parameter:

• 1 zu 2: deutlich weniger Frauen- als Männerrollen
• 40minus: Verschwinden von Frauen ab 40 Jahren
• 1950er: antiquierte Geschlechterstereotype und Schmonzettisierung

Wie konnte es dazu kommen, wenn doch der Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sender ist, ein UMFASSENDES Bild der deutschen Wirklichkeit zu vermitteln?

Die Rundfunkräte – wer passt (nicht) auf?
Darüber, dass die Sender ihren Auftrag erfüllen und in der Programmgestaltung berücksichtigen, wachen die 9 Rundfunkräte der ARD und der ZDF-Fernsehrat. Diese Räte sind Kontrollgremium und Vertretung der Gesellschaft in einem.

Die Zusammensetzung der 9 Rundfunkräte der ARD werde ich in Kürze in meinem Blog behandeln, heute geht es um den ZDF-Fernsehrat. In diesem Gremium, das „die in der Gesellschaft bestehende Meinungsvielfalt zum Ausdruck bringen“ soll (ZDF Webseite), sitzen 22 Frauen und 55 Männer, die „im Sinne der Zuschauer/innen“ zu beraten und beschließen, „für die Sendungen des ZDF Richtlinien aufzustellen und den Intendanten in Programmfragen zu beraten“ haben (§ 20 ZDF StV). Gewählter Vorsitzender ist seit 2002 Ruprecht Polenz, Jurist und 1994-2013 MdB für die CDU.

Bild 1 zeigt die Zusammensetzung des Fernsehrates:

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Die letzte Gruppe, die „übrigen“, heißt in Wirklichkeit „Erziehungs- und Bildungswesen, Wissenschaft, Kunst, Kultur, Filmwirtschaft, Freie Berufe, Familienarbeit, Kinderschutz, Jugendarbeit, Verbraucherschutz und Tierschutz“ und hat 16 Plätze im Rat. Fast die Hälfte – 10 – der 22 weiblichen Fernsehratmitglieder sind hier zu finden (Bild 2).

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Die größte Gruppe im Fernsehrat sind Politiker/innen bzw. Staatsvertreter/innen. Alle 16 Landesplätze werden von Männern eingenommen, das sind z.B. Staatssekretäre, Minister, Landesvorsitzende von Parteien. Das ist erstaunlich, denn in allen Landesparlamenten gibt es auch weibliche Abgeordnete, in allen Landesregierungen gibt es auch Ministerinnen, und in vier Bundesländern auch Ministerpräsidentinnen.
Vom Bund werden auch 3 Politiker/innen geschickt, dazu kommen 12 Vertreter/innen von Parteien. Auch unter den „Übrigen“ sind 6 Politiker/innen.
Natürlich sind Politiker/innen und Staatsbedienstete, also Vertreter/innen der Legislative und der Exekutive, auch Teil der Gesellschaft und des Fernsehpublikums. Aber es ist schon beachtlich, dass ungefähr die Hälfte des 76-köpfigen Gremiums Politiker/innen sind. Das Bundesverfassungsgericht hat diese Politiklastigkeit des Fernsehrats und anderer ZDF-Gremien in seiner Entscheidung vom 25. März 2014 kritisiert:

2. Die Organisation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks muss als Ausdruck des Gebots der Vielfaltsicherung dem Gebot der Staatsferne genügen. Danach ist der Einfluss der staatlichen und staatsnahen Mitglieder in den Aufsichtsgremien konsequent zu begrenzen.
a) Der Anteil der staatlichen und staatsnahen Mitglieder darf insgesamt ein Drittel der gesetzlichen Mitglieder des jeweiligen Gremiums nicht übersteigen.

Der Fernsehrat muss als demnächst umbesetzt werden, so dass Politiker/innen und andere staatsnahe Menschen nur noch maximal ein Drittel stellen – wie wäre es, wenn gleichzeitig der Frauenanteil im Gremium auf 50 % angehoben würde?

Praxistest für den Fernsehrat – drei Fallbeispiele
Der Fernsehrat tagt viermal im Jahr, dreimal in Mainz und einmal in Berlin – dort zuletzt am 18./19.9.. Die Plenumssitzungen sollen ab 2015 (zum Teil) öffentlich sein. Darüber hinaus hat der Fernsehrat verschiedene Ausschüsse, z.B. den Programmausschuss und den Ausschuss Chefredaktion, und Arbeitsgruppen. Die jüngste wurde gerade eingesetzt, die Arbeitsgruppe Transparenz mit 6 Mitgliedern.
Der Fernsehrat hat also klare Aufgaben und Strukturen. Aber wie effektiv arbeitet er? Bringt er eine Meinungsvielfalt in die Arbeit des ZDF ein, stellt er tatsächlich Programmrichtlinien auf und berät den Intendaten in Programmfragen? Wie sieht „im Sinne der Zuschauer/innen“ agieren in der Praxis aus?

SPORT: erstens ziemlich teuer, zweitens Männersache
2010 bis 2013 lag der Anteil von Sportsendungen im Hauptprogramm des ZDF zwischen 5,7 und 7,4 %, mit durchschnittlichen jährlichen Kosten von 227 Mio. €. (Quelle ZDF) 2014 dürften sie weitaus höher liegen.

Von den 227 Mio. € wurden im Schnitt 171 Mio. € für Nutzungsrechte gezahlt, das sind 62 % der Sportausgaben. Einen sehr großen Teil davon machen die Übertragungsrechte der Fußballchampionsleague (CL) – der Männer – aus, hier zahlt das ZDF jährlich vermutlich gut 50 Millionen € seit 2012/13, der aktuelle Vertrag wurde gerade bis 2017/18 verlängert. Zuvor wurden diese Spiele im Free TV von Sat1 übertragen.
Um einmal die Relation zu sehen, 50 Millionen € entsprechen jeweils

• der Produktion von 125 Folgen der ZDF-Vorabendserien,
• gut 35 ZDF Fernsehfilmen für den Hauptabend,
• 31 Samstagabend-Eventshows à 150 min.,
• 208 ,großen Prime-Time Dokumentationen,
• der Hälfte der täglichen Nachrichten und tagesaktuellen Informationsmagazine im ZDF.

Wie denken die Mitglieder des Fernsehrates über die hohen Ausgaben für die CL? Haben sie die einstimmig oder mehrheitlich gebilligt? Wurde der Fernsehrat überhaupt in die Entscheidung über eine Rechteverlängerung einbezogen?

Und noch mehr teurer Fußball:
Dieses Jahr wurde in Brasiien die WM der Männer ausgetragen, alle Spiele wurden von ARD und ZDF übertragen und von Experten teilweise mehrere Stunden vor- und nachbereitet. ARD und ZDF haben – vermutlich sehr hohe – Beträge für die WM-Übertragungsrechte gezahlt. Zusätzlich zu den eigenen Nutzungsrechten mussten sie auch die Pay TV-Übertragungsrechte kaufen, da diese „von der FIFA nur in Form eines einzigen, alle Rechte umfassenden Pakets für Deutschland angeboten“ wurden (Auskunft ZDF).

ARD und ZDF konnten die Pay TV-Rechte allerdings nicht weiterverkaufen (warum eigentlich nicht? Die Spiele der eben erwähnten Champions League der Männer auch parall von ZDF und SKY übertragen.) Dies ist ärgerlich und am Ende ein teurer Spaß.
Ärgerlich ist auch, dass in der ZDF-WM-Berichterstattung kein Platz für Frauen war. Alle Spiel wurden von Männern kommentiert, nicht einmal die erfahrene ZDF-Sportreporterin Claudia Neumann durfte ans Mikro. Auch die Expertise in der Nachbetrachtung kam nur von Männern, von ehemaligen Fußballprofis zum Beispiel. Natürlich gäbe es auch jede Menge turniererfahrene Expertinnen, z.B. aktuelle oder ehemalige Nationalspielerinnen, – die DFB-Frauen gewannen bekanntlich 2003 und 2007 die WM, und halten aktuell schon zum 6. Mal seit 1995 den EM-Titel. Aber ARD und ZDF blieben ihrer reinen Männerlinie treu.

Hat das den ZDF-Fernsehrat beschäftigt, gab es im Nachhinein eine kritische Betrachtung der WM-Zeit? Wurde im Zusammenhang mit dem öffentlich-rechtlichen Auftrag für ein ausgewogenes Programm darüber gesprochen, dass es tatsächlich Menschen in Deutschland gibt, die sich nicht für Fußball interessieren, oder denen es reichte, nur die Spiele zu sehen? Menschen, die auch während der 4-Wochen WM noch Spiel- und Dokumentarfilme, politische Magazine, Reportagen sehen wollten, und das zu guter Sendezeit? Wurde über die immensen Ausgaben für Rechte und Berichterstattung von ARD und ZDF gesprochen? Gab es Fragen zu den fehlenden Frauen? Oder war für den Intendanten und den Programmdirektor und den Fernsehrat mit seinen 2/3 männlichen Mitgliedern alles in Ordnung, Fußball ist König (sic!), es kann gar nicht genug Sendungen geben, kein Preis ist zu hoch und wenn nur Männer darüber reden ist alles in Ordnung?

Ich vermute, dass solche Beratungen nicht stattgefunden haben, denn als ich die Herren Polenz und Bellut (ZDF-Intendant) auf der Pressekonferenz nach der Fernsehratssitzung am 19.7. auf die fehlenden Kommentatorinnen ansprach reagierten sie ziemlich überrascht. Herr Bellut sagte: „Ich kann es wirklich nicht beantworten. Ich müsste jetzt philosophieren darüber.“ Und Herr Polenz fiel „als weibliche Fußballkommentatorin auch nur Frau Töpperwien“ ein.
Aber mir geht es in keiner Weise darum, Bellut und Polenz vorzuführen, sondern um den Hinweis auf ein verbreitetes Phänomen. Viele Männern in verantwortlicher Position sind so gewöhnt an Männermonokulturen, dass sie völlig ratlos, wenn nicht gar abwehrend reagieren, werden sie auf fehlende Frauen angesprochen. Da kommt schnell ein „gibt es nicht, gibt es nirgends“ – wie auch in diesem Fall. Dabei hat der Pay TV-Sender erfolgreich vorgemacht, wie einfach es letztlich ist, kompetente Kommentatorinnen zu finden. (Die Pressekonferenz und die Sky-Geschichte habe ich ausführlicher beschrieben in Live dabei: Die ZDF-Fernsehrat Pressekonferenz vom 19.9.14

Thomas Bellut und Ruprecht Polenz. Foto: SchspIN

KRIMIS: viel mehr Morde als im wirklichen Leben
Die höchste Einschaltquote für fiktionale Formate im deutschen Fernsehen haben die ARD-TATORTE, also scheinen Krimis eine gute Bank zu sein.

Nun kann das ZDF natürlich nicht den TATORT einkaufen, aber eigene Kriminalfilme drehen, z.B. für die Montagabendschiene (FERNSEHFILM DER WOCHE) oder die Samstagskrimis oder die Serien im Vorabendbereich.

ZDF und ZDFneo senden zu jeder Tages- und Nachtzeit Krimiformate, deutsche, internationale und Ko-Produktionen, alles von neuen 90-Minüter-Premieren bis zu jahrzehntealten Serienwiederholungen.
Laut Fernsehprogramm liefen in der 34. Woche (18.-24.8.14) im ZDF 26 deutsche und 10 internationale Krimis sowie ein deutsch-internationaler. In der gleichen Woche gab es bei ZDFneo 52 Krimis: 19 deutsche, 32 internationale und 1 ko-produzierten. Das sind insgesamt 37 + 52 = 89 Krimis bzw. Krimifolgen, darunter 45 deutsche Produktionen. Niedrig geschätzt würde ich im Durchschnitt pro Krimi/Krimifolge einen Mord annehmen, also zeigten ZDF und ZDFneo zusammen mehr als 12 Morde täglich. Dazu gibt es noch die Krimis in ARD und den dritten Programmen, nicht zuletzt die vielen wiederholten TATORTE. Zum Vergleich: In Deutschland gab es im Jahr 2012 laut Polizeistatistik 2.126 registrierte Morde, das sind durchschnitt 40 pro Woche oder knapp 6 pro Tag.

Es ist schon erstaunlich, wie viele Geschichten im Fernsehen über Krimis erzählt werden. Fehlen die Ideen es anders zu machen, ist das einfach Gewohnheit oder ein vermeintliches ,auf Nummer sicher gehen’?
Wird so etwas in Sitzungen des Fernsehrats thematisiert? Wird darüber gesprochen, wenn es schon wieder einen neuen Soko-Ableger in der Vorabendschiene geben soll? Wird gefragt, warum unter der Marke „Fernsehfilm der Woche“ so viele Krimis laufen? (2013 waren von 46 Filmen 15 Krimis und 17 Thriller. (Siehe ZDF Fernsehfilme der Woche 2013).

Und selbst wenn, haben Diskussionen im Fernsehrat überhaupt irgendwelche Auswirkungen auf das Programm?

SHOWS: Right or Wrong, My Einschaltquote
Die Ergebnislisten der ZDF-Ratingshows DEUTSCHLANDS BESTE MÄNNER und DEUTSCHLANDS BESTE FRAUEN sind gezielt manipuliert worden, d.h. bestimmte Männer oder Frauen wurden auf den veröffentlichten Listen höher platziert als ihrem Ranking entsprach.
Das ist nicht neu, es ging unmittelbar nach der Sendung Anfang Juli durch die Medien. Interessant finde ich es nur in Hinblick auf den Fernsehrat, denn der musste sich in seiner aktuellen Sitzung mit diesem Fall beschäftigen. Ich schreibe extra „musste“, denn das Prozedere bis hin zur formalen Missbilligung der Sendung gab der Sender, gab Intendant Thomas Bellut vor. (“Alles, was entschieden wurde, ist von mir entschieden worden” – so Bellut gegenüber der SZ.)

Bereits am 17.7.20134 hieß es in einer ZDF-Pressemitteilung: „Das ZDF wird die Reihe „Deutschlands Beste!“ nicht fortsetzen und dem Programmausschuss des Fernsehrats, der am 25. Juli tagt, Maßnahmen vorschlagen, mit denen eine Wiederholung eines solchen Falls ausgeschlossen wird.“
Jetzt in der Fernsehratsitzung wurde dann in der Tat die Ausstrahlung der beiden Sendungen misbilligt, und „die gründliche Aufarbeitung der redaktionellen Manipulationen durch die Leitung des Hauses“ begrüßt. Gleichzeitig stellte Bellut im Fernsehrat neue Regeln vor, um „künftig Verstöße gegen die Programmrichtlinien und Angriffe auf die Glaubwürdigkeit des Senders“ zu verhindern. „Bereits unmittelbar nach den Vorfällen waren grundlegende strukturelle und organisatorische Veränderungen vorgenommen worden.“ (ZDF Pressemitteilungen, 19.9.14).

Ja, der Fernsehrat hat die Sendungen missbilligt, und so etwas kommt nur sehr selten vor, aber das war in diesem Fall wohl das zwingende Prozedere „nach den Regularien des Hauses“ (so Intendant Bellut auf der Pressekonferenz).
Insofern wirkt das Ganze doch eher wie eine Krise innerhalb des ZDF, die das ZDF auch eigenständig gelöst hat. Vom Fernsehrat kam nichts Überraschendes, nicht Eigenes dazu, nach den Motiven der Manipulation wurde nicht groß gefragt, die offizielle – erwiesenermaßen in einigen Punkten falschen – ZDF-Stellungnahme, wurde nicht infrage gestellt.
Der Fernsehrat als Abnickgremium?

Übrigens hatte auch der NDR seinen Skandal um manipulierte Rankingshows. Dort wurden Abstimmungsergebnisse (Rankings) nachträglich verändert, um „eine bessere Sendungs-Dramaturgie zu erzielen oder ansprechenderes Bildmaterial verwenden zu können” (Zapp, 8.8.14).

Abstimmungs- oder Wahlergebnisse manipulieren ist natürlich immer schlecht. Es erstaunt aber schon etwas mehr, wenn so etwas bei öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten passiert, die nicht dem gleichen Einschaltquotendruck unterliegen wie die werbefinanzierten Privatsender (siehe auch: Um Himmels Willen, die TV-Quoten!) Das soll aber jetzt keine Verdächtigung gegenüber den Privatsendern sein, sie würden eher Sendungen manipulieren!

Horizontal statt vertikal denken
Allen drei Beispielen – SPORT, MORD und SHOW – ist gemeinsam, dass das Streben nach einer hohen Einschaltquote die Programmentscheidungen und –konzipierungen stark beeinflusst. Das heißt, es wird auf eine größtmögliche Einschaltquote für eine einzelne Sendung oder Sendungsgruppe hingearbeitet – der Sportevent, die Megashow usw. – anstatt ein ausgewogenes vielfältiges Programm zu verschiedenen Tageszeiten und damit gleichzeitig für verschiedene Publikumsgruppen anzubieten, innerhalb von 24 Stunden oder innerhalb einer Woche. 4 Wochen Fußballdauerberieselung, 89 Krimis in einer Woche, das wirkt nicht wirklich vielseitig.

Es wäre schön, wenn sich die Mitglieder des Fernsehrats etwas emanzipieren und für qualitative Breite stark machen, anstatt die Pläne und Ausgaben der Sender für hohe Einschaltquotenspitzen abzunicken.
Mit Emanzipation ist auch etwas mehr Distanz zur Verwaltung des ZDF gemeint. Auf der besagten Pressekonferenz wechselten sich Polenz und Bellut mit den den Antworten ab, die sich stets ergänzten und nie hakten. Die beiden wirkten nicht wie der Vertreter eines Kontrollgremiums und der Vertreter des kontrollierten Senders Wobei ich sowieso schon nicht ganz einleuchtend finde, warum der Intendant überhaupt bei der Pressekonferenz des Fernsehrates anwesend ist.

Rundfunk- und Fernsehräte sind eine gute Sache. Sie sind aber was ihre Zusammensetzung, ihre Arbeitsweise und ihre Kompetenzen betrifft noch deutlich verbesserbar.

Dies ist die aktualisierte Kurzfassung des Blogtexts Fernsehen: der öffentliche Anspruch

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BVC Panel: 3 Schauspieler fragen – 3 Casting Directors antworten

© Holger Borggrefe

Bei der diesjährigen Podiumsdiskussion des Bundesverbandes Casting (BVC) im Rahmen des Filmfestes München stellten sich drei etablierte Casting Directors den Fragen von drei prominenten Schauspielern. In einer lockeren Atmosphäre gewährten die Casting-Profis tiefe Einblicke in ihren Alltag und die Entscheidungsprozesse in der Besetzungsphase. In diesem Zusammenhang wurde auch besprochen, wie Schauspieler ihre eigenen Chancen verbessern können.

Im Namen der Schauspieler wurden Fragen gestellt von:
Michael Kranz (BFFS)
Christina Hecke (BFFS)
Heio von Stetten (BFFS)

Die Casting Directors waren vertreten durch:
Iris Baumüller (BVC)
Daniela Tolkien (BVC)
Susanne Ritter (BVC)

Es moderierte Stephen Sikder (Vorstand BVC)

Link zum Video-Beitrag:
www.casting-network.de

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Praktisch unbezahlbar

Eigentlich soll ein Praktikum ja dazu dienen, die eigenen Erfahrungen auszuprobieren und die Praxis kennenzulernen. Nach Meinung der Produzentenallianz sind Praktika auch Ersatz für fehlende Ausbildungsgänge. Die dürfen deshalb auch schon mal länger dauern und ruhig weniger kosten – schließlich würden die Praktikanten ja auch nicht richtig arbeiten. | Foto © cinearte, Thomas Thieme

Wie viel ist Arbeit wert? Kaum eine Diskussion ist in den vergangenen Jahren so leidenschaftlich geführt worden wie die um eine angemessene Bezahlung. Der Mindestlohn war Thema in mehreren Wahlkämpfen und spaltet noch heute die Meinung der Großen Koalition. Gleichwohl hat die Bundesregierung nun einen Gesetzentwurf vorgelegt: Ab dem  1. Januar 2015 soll ein Mindestlohn von brutto 8,50 Euro je Zeitstunde gelten.

Und sogleich regt sich Widerstand. Die Produzentenallianz, der mit rund 220 Mitgliedern der Großteil der deutschen Film- und Fernsehproduktionsfirmen angehört, verlangte eine Sonderregelung: »Filmwirtschaft braucht für Praktikanten Ausnahmen vom Mindestlohn«, hatte der Interessenverband eine Stellungnahme vom 20. Mai übertitelt. Weiterlesen

Vom Gesetzentwurf sind nämlich unter anderem auch Praktikanten betroffen: Im Sinne des Paragrafen 26 des Berufsbildungsgesetzes, so der Regierungsentwurf, gelte für Praktikanten die gleichen Regeln wie für die übrigen Arbeitnehmer. Ausgenommen seien lediglich Praktika bis sechs Wochen Dauer zur Berufsorientierung oder im Rahmen einer regulären Ausbildung; die »Aneinanderreihung« mehrerer solcher Praktika beim selben Arbeitgeber ist nicht möglich.

Die Produzentenallianz fürchtet dadurch »massive Auswirkungen auf den Nachwuchs bei der deutschen Film- und Fernsehproduktion«: Anders als Industriebereiche mit klassischen Ausbildungen sei die Branche von beruflichen Quer-, Seiten- und Wiedereinsteigern geprägt«, schrieben Alexander Thies, Vorsitzender des Produzentenallianz-Gesamtvorstands, und Produzentenallianz-Geschäftsführer Christoph Palmer an die Bundesministerin für Arbeit und Soziales, Andrea Nahles. Für viele Produktionsberufe wie zum Beispiel im Bereich der Aufnahmeleitung existierten keine Schul- oder Universitätsausbildungen; »die notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten werden im Job gelernt. Ein Praktikum sei meist der einzige Weg für junge Menschen zum Job in Film und Fernsehen und für Unternehmen zu Nachwuchs.«

Die Produzentenallianz möchte darum den Zeitraum auf bis zu sechs Monate bei einem Unternehmen oder von bis zu zwölf Monaten bei maximal zwei Unternehmen derselben Branche ausweiten. Bei Tätigkeiten, die über die zwölf Monate hinaus gehen, solle sichergestellt werden, daß der Mindestlohn über die Dauer von zwei Jahren insgesamt nicht unterschritten werde. »Es geht uns nicht darum, den Mindestlohn auszuhebeln und junge Leute möglichst lange möglichst schlecht zu bezahlen,« erklärt Thies, »aber die Berufsausbildung als regelrechte ›Lehre‹ – wie in anderen Branchen – geschieht in der Film- und Fernsehproduktion eben über das Praktikum. Und das muß natürlich länger als sechs Wochen dauern, um eine Ausbildung über den gesamten Produktionsprozeß hinweg gewährleisten zu können. Sollte das nicht mehr finanzierbar sein, würden den jungen Menschen massiv Chancen genommen, anstatt ihnen Chancen zu geben.«

Kritik an der Position des Verbands blieb nicht aus: Praktikanten würden beim Film »über viele Monate und mit hohem Engagement Leistung erbringen«, doch die Produzentenallianz wolle sie »ohne auch nur halbwegs angemessene Bezahlung abspeisen«, meinte die Vereinigte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi), die auch für die Filmbranche zuständig ist: »Aus Sicht der Filmwirtschaft ist das ein attraktives Geschäftsmodell – für die Betroffenen jedoch ein unerträgliches Ausmaß an fehlender Wertschätzung für ihre Arbeit. Und es ist zu befürchten, dass dann in den Produktionsfirmen und am Film-Set noch mehr Praktikanten eingesetzt werden.«

Die Produzentenallianz legte drei Tage nach ihrer ersten Stellungnahme unter der Überschrift »Mindestlohn für Lernende wird Branche nachhaltig schädigen« nochmal nach: »Die äußert angespannte wirtschaftliche Lage der deutschen Produktionswirtschaft läßt es schlicht nicht zu, daß Nachwuchskräfte in der Ausbildung so bezahlt werden wie Arbeitnehmer in anderen Branchen. Die Kritiker unseres Vorschlags kennen die Situation offenkundig nicht oder wollen sie nicht zur Kenntnis nehmen. Die Bundesregierung will den Mindestlohn einführen, um Lohndumping für ›normale‹ Beschäftigte zu unterbinden, Praktikanten sind jedoch keine normal Beschäftigten. Auch wenn sie in der Produktion wichtige Funktionen haben, befinden sie sich in der Lernphase und können genauso wenig nach Mindestlohn bezahlt werden wie Auszubildende in anderen Branchen. Mit der Tariftreue der Produzentenallianz hat diese Forderung nichts zu tun: Übernehmen Praktikanten tatsächlich bei einer Produktion einmal Aufgaben, für die der Gagentarifvertrag Mindestgagen vorsieht, so sind sie natürlich auch entsprechend zu vergüten.«

Ganz schlüssig ist diese Argumentation nicht: Im ersten Satz wird erklärt, daß die Filmbranche anders sei, und es sich nicht leisten könne, so zu bezahlen, wie es andere Branchen tun. Gegen Ende kommt die Behauptung, Auszubildende könnten generell in allen Branchen nicht nach Mindestlohn bezahlt werden. Was aber doch – siehe der erste Satz – zumindest für Praktikanten anscheinend nicht der Fall ist. Anders gesagt: Der Vergleich funktioniert nur, wenn man Praktikanten beim Film mit Auszubildenden in anderen Branchen gleichsetzt, wie es die Produzentenallianz tut. Nur haben die Filmpraktikanten denen gegenüber oft bereits eine abgeschlossene Ausbildung voraus, umgekehrt gehört zu üblichen Ausbildungsgängen bekanntlich noch etwas mehr als die Arbeit in der Praxis – deren Kombination mit Berufsschule und Prüfungen nennt sich Duale Ausbildung und ist ein System, auf das gerne mit einem gewissen Stolz verwiesen wird, weil die wenigsten Länder so etwas hätten. Und: wie wären dann die Praktikanten in jenen anderen Branchen einzustufen, deren Bezahlung dort offenbar keine Probleme bereitet?

Blickpunkt Film, das Branchenblatt der deutschen Produzenten, hatte noch am selben Tag die Position des Verbandes verbreitet, und auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) gab Thies’ Argumentation an diesem Montag Raum. »Angriff auf die Generation Praktikum« ist der Artikel überschrieben, im dem auch Angehörige anderer Berufszweige ihre Skepsis äußern: Knapp 1.400 Euro im Monat für orientierungsuchende Studenten seien nach Ansicht von Florian Haller, Chef der Münchner Agentur Serviceplan, schlicht »Irrsinn«. Viele Unternehmen würden wohl eher die Zahl der Praktika reduzieren, so die FAZ. Am Ende könne das geplante Gesetz der jungen Generation mehr schaden als nutzen.

Auch hier steckt der Teufel im Detail, besser gesagt in der raffinierten Formulierung. Denn was ist unter »Orientierungssuche« zu verstehen? Ein Student, der nur mal sehen will, ob das Berufsfeld für ihn das Richtige ist, kann sich in sechs Wochen schon ein gutes Bild machen – und braucht dafür auch keinen Mindestlohn. Es scheint, als würde die Debatte um den Mindestlohn an sich hier im Kleinen mit den gleichen Argumenten fortgesetzt: Die eine Seite fürchtet Lohndumping, die andere den massiven Wegfall von Arbeitsplätzen – und jede Seite kann die entsprechenden Studien vorlegen, nach denen die Befürchtungen oder Hoffnungen der Gegenseite sich nicht bewahrheitet haben.

Was dann unterm Strich bleibt, sind einige nackte Zahlen: Im Juli 2013 hatten 21 von 28 Mitgliedstaaten der Europäischen Union einen gesetzlich festgelegten Mindestlohn, darunter auch Großbritannien, das in wirtschaftlichen Fragen bekanntlich lieber auf die Kräfte des Wettbewerbs vertraut. Und selbst in den USA, der Heimat des freien Wettbewerbs, haben 45 der 50 Bundesstaaten eigene Mindestlöhne festgeschrieben, in fast der Hälfte davon liegt sogar er über der Vorgabe der Regierung in Washington.

Europäische Ausnahmen machen die deutschsprachigen und die skandinavischen Länder, die sich vor allem auf die Tarifautonomie beziehen. Doch während in Dänemark, Finnland und Schweden die Tarifbindung bei über 90 Prozent liegt, arbeiteten in Deutschland im Jahr 2012 nur noch rund 50 Prozent der Beschäftigten in Betrieben, für die ein Branchentarifvertrag galt, so eine neue Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

Dessen ist sich auch die Regierung bewußt. Das Vorhaben zum Mindestlohn ist zwar als »Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Tarifautonomie« überschrieben, doch schon eingangs wird klargestellt, daß darauf »in Zeiten sinkender Tarifbindung« nicht mehr zu vertrauen sei. Bislang kann ein Tarifvertrag nur dann für allgemeinverbindlich erklärt werden, wenn die tarifgebundenen Arbeitgeber mindestens 50 Prozent der Arbeitnehmer beschäftigen, nun gelte das »öffentliche Interesse« als alleiniges Kriterium.

Gerade die Filmbranche tut sich schwer mit dem Thema Tarifvertrag. Zwar gibt es mal immer wieder einen, doch es mangelt an der Umsetzung. Nur ein kleiner Teil der Beschäftigten ist organisiert, so daß er sich darauf berufen könnte, und auch die Produzentenallianz handelt zwar die Bedingungen aus, muß aber einräumen, daß nur ein Teil ihrer Mitglieder sich daran gebunden fühlt. Die beschworene Tarifautonomie ist beim Film noch schwächer als in anderen Bereichen. Für das weite Feld »Kunst, Unterhaltung, Erholung« kam das Statistische Bundesamt im vorigen Sommer gar nur auf eine Tarifbindung von 38 Prozent im Jahr 2010, für die Filmbranche selbst kann es gar keine Angaben machen.

Doch über all dies hinaus könnte das neue Gesetz noch eine ganz andere Auswirkung auf die Branche haben. Denn die Einhaltung der Mindestlöhne soll sich auch bei öffentlichen Aufträgen auswirken: Wer gegen das Gesetz  verstößt, muß dann nicht nur Strafe zahlen, sondern wird auch von öffentlichen Ausschreibungen ausgeschlossen. Ob das auch für staatliche Fördermittel gelten soll, dürfte die Berufsverbände und Gewerkschaften interessieren. Bislang hatten sich die öffentlich-rechtlichen Förderinstitutionen und Fernsehsender im Land nicht darum geschert, ob bei der Verwendung ihres Gelds, das aus Steuern und Gebühren stammt, auch staatliche Vorschriften eingehalten halten – bei Arbeitszeiten und Honoraren verwies man da regelmäßig auf die Tarifautonomie, und sei sie noch so schwach ausgeprägt (cinearte 264). Im Gegenteil haben die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender bei ihrer Auftragsvergabe über die vergangenen Jahre die Budgets immer weiter verknappt und damit das unterbezahlte Praktikum als eigenes Berufsfeld in der Branche mit etabliert.

So gesehen, wäre es eigentlich im Sinne der Produzenten, daß sie, statt gegen den Mindestlohn zu wettern, »gemeinsam mit den Filmschaffenden zusammenstehen und solchen politischen Druck aufbauen, damit die Sender zu allererst in die Pflicht genommen werden.« So eine Anregung aus der Branche, den der Produzent und Professor an der HFF »Konrad Wolf« Martin Hagemann am 26. Mai auf seiner Facebook-Seite zitiert: »Die Zwangsfinanzierer, die die Verluste tragen, die Gewinne nicht bekommen, wollen wissen, was genau mit ihrem Geld geschieht und wofür es eingesetzt wird. Ganz sicher für einen Mindestlohn (der mit 8,50 Euro allein schon realitätsfremd ist, falls man einen eigenen Haushalt hat und mehr als die ersten beiden Stunden nur für den Rundfunkbeitrag, sprich Arbeitgeber schaffen muß).«

Zum Glück für die Branche wird auch diese Diskussion voraussichtlich jenseits der Sets und Produktionsbüros niemanden interessieren. Sonst würde sich der unbeteiligte Betrachter wohl die Wundermütze tief über die Augen ziehen, mit welcher Selbstverständlichkeit und ohne Widerspruch hier Langzeitpraktika als Ausbildungsersatz gehandhabt werden: Und das in einem Land, wo selbst Straßenwärter eine dreijährige Ausbildung durchlaufen – und in einer Branche, die international wettbewerbsfähig sein will.

 

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Cinema Moralia – Folge 88: Nur ein Aktivist bekämpft den Mist…

Kohlhaas Oder Die Verhältnismäßigkeit Der Mittel

Und auch der Film­aka­demie würden Flug­blätter gut tun – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 88. Folge

»Es gibt keine Grenzen, aber man kann welche ziehen.«
Witt­gen­stein
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Es gibt ein Papier, das nicht Manifest genannt werden will, sondern Flugblatt. Viel­leicht hat man sich da inspi­rieren lassen von den Papier­flie­gern, die bei den dies­jäh­rigen Ober­hau­sener Kurz­film­tagen über die Leinwand huschten. Mit Flug­blät­tern beginnen Refor­ma­tionen und Revo­lu­tionen und so wollen wir diesem Papier Glück wünschen auf seinem Flug durch die Szene.
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Man kann es hier nachlesen und sollte es auch. Denn auch wer sich an manchen Unschärfen in Ausdruck, Ansicht und Stoß­rich­tung stört, oder den Begriff »Akti­vismus« doof findet, der wird doch zugeben müssen, dass die Ziel­rich­tung stimmt.
Die wichtigen Probleme werden benannt: die Lüge des Prag­ma­tismus. Das zum Stammeln herun­ter­ge­kom­mene Reden über Film. Beklagt wird da ganz selbst­kri­tisch der Verfall der Kritik, ihre Zurich­tung auf Dienst­leis­tungen, ihre erzwun­gene Anpassung an Markt­ge­ge­ben­heiten. Der Markt hat aber nicht recht, sondern ist der Feind, das wird hier deutlich. Weiterlesen

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Wichtig auch, dass es nicht bei Selbst­kritik bleibt. Denn andere haben wesent­lich mit Schuld: Film­ver­leiher und Kino­be­treiber, die das Programm­kino bewusst und geplant kaputt gemacht haben, Programm­kinos, die keine mehr sind. Programm­ma­cher, die meist noch nicht mal wissen, und mitunter nicht wissen wollen, dass Arthouse das Gegenteil von Kunst ist.
Festivals über­nehmen noch gele­gent­lich punktuell die Aufgabe von Programm­kinos. Gleichz­eitig gehen auch viele von ihnen auf den Strich aus Spon­so­ren­zwängen, Verlei­her­kom­pro­missen, Förder­dik­tatur und den Fürs­tinnen der Sender­pro­vinzen. Sie unter­werfen sich der Markt­logik anstatt ihr entgegen zuar­beiten – das Filmfest München wird hier alsbald das beste Beispiel geben.

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Mit dem Fahrrad durch Köln. Was lese ich an einem Fenster: »Nichts wie weg mit dem deutschen Qualitäts­kino« steht fett auf einem Poster. Schau da: Es ist die KHM.

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Es war dann aber doch Dominik Graf. Ein Zitat aus seinem »Zeit«-Artikel von 2012. Und ein Projekt der Film­werk­statt.

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Solches Qualitäts­kino werden wir bald wieder feiern müssen. Am Freitag verleiht die Film­aka­demie in ihrer uner­schöpfli­chen Weisheit die Bundes­film­preise, und schon die Nomi­nie­rungen machen klar, dass dabei wenig heraus­kommt, was der Rede auch nur wert ist.
Edgar Reitz, sonst wenig.
Ein als Italo-Western verklei­deter Heimat­film. Die sich ihren eigenen Stand­punkt verleug­nende Satire Fins­ter­world wird immerhin Deutsch­land gerecht, und ist meilen­weit besser als der Rest.

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Man denkt jedes Jahr, es könnte nicht schlimmer kommen mit den Nomi­nie­rungen zum Bundes­film­preis. Und fast jedes Jahr wird man eines Besseren belehrt. Was ist das für ein Auswahl­ver­fahren, was für eine »Film­aka­demie«, bei der es nicht eine Nomi­nie­rung gibt für einen einzigen formal ambi­tio­nierten Film? Wie Die Frau des Poli­zisten? Wie Kreuzweg? Wie Kohlhaas oder die Verhält­nis­mäßig­keit der Mittel? Die aber einen Massen­schwach­sinn wie Fack ju Göhte zu einem der besten sechs Filme des Jahres erklärt? Der besten??? Halloo!!
Ich meine jetzt nicht die Tatsache, dass sich die Menschen häufen, die einem zutu­scheln, Jakob Lass’ Love Steaks »hätte ich fünfmal abgelehnt … da kann ich so abkotzen«. Nein, sondern die Tatsache, dass jeder Preis für diesen Film die Preise im letzten Jahr für Oh Boy nach­träg­lich demen­tiert. Denn beide Filme gut finden oder für die Zukunft des deutschen Kinos halten kann nur, wer Tomaten auf den Augen hat, eine Gehirn­wä­sche hinter sich oder das WM-Trickot der deutschen Fußball­na­tio­nal­mann­schaft entworfen hat.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 85: Im finsteren Tal…

Klaus Lemkes Kein Großes Ding, einer von vielen Filmen made in Berlin, die jetzt bei »achtung berlin« laufen

Erin­ne­rungen an Menschen am Sonntag und die Neunziger Jahre; der X-Filmpreis und der öffent­liche Selbst­mord des ZDF – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 85. Folge

Längst hat der Berlin-Hype ein Ende, auch unter Filme­ma­chern. Noch vor fünf Jahren gab es gute objektive Argumente für die Letzten der deutschen Filmszene, nach Berlin zu ziehen: Eine vibrie­rende, moderne, unspießige Haupt­stadt­kultur, dazu billige Mieten, billiges Leben, viele freie Wohnungen, und eine großzügige, vergleichs­weise stark an Kunst und Inde­pen­dent-Kultur inter­es­sierte Film­för­de­rung. Mit alldem ist es vorbei: Die Kultur hat schon lange den Charme der Wendezeit und der 90er verloren, der noch bis in die frühen Nuller­jahre anhielt. Heute muss man in den Kneipen von Berlin-Mitte – falls man da zwischen den ganzen Back­pa­ckern überhaupt einen Platz bekommen hat – und auch in Kreuzberg früher reingehen als in München, weil sonst die Nachbarn anrufen. Die Küche macht dann auch gleich zu. Die Mieten werden immer teurer, die Lokale immer doofer. Und die Film­för­de­rung, die vor Jahren noch stolz darauf war, »kleine schmut­zige Berlin-Filme« zu fördern, hat für derglei­chen kein Interesse mehr. Gefördert werden die Groß­kop­ferten von »X-Filme« und den zwei, drei anderen größeren Verlei­hern, die Firma Teamworxx und die Ameri­kaner. Aber selbst dieje­nigen Inde­pen­dent-Filme­ma­cher, die nach meiner Ansicht schon vor Jahren nur noch als Feigen­blatt die ganz anderen Pläne des Medien­board ein wenig verdecken sollten, bekommen heute ihre Projekte nicht mehr finan­ziert, von anderen erstaun­li­chen Entschei­dungen einmal ganz zu schweigen. Kein Wunder, wenn man allein schon daran denkt, dass der RBB der einzige soge­nannte »Haus­sender« des Medien­boards ist – lassen wir es mal bei dieser sach­li­chen Fest­stel­lung, ohne weiteren Kommentar.
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Wer die Förde­rungen der ohnehin besser ausge­stat­teten Film­stif­tung NRW oder auch die der kleineren Förder­an­stalten in Baden-Würt­tem­berg, Hessen oder Mittel­deutsch­land einmal anguckt, erkennt unter anderem, das gerade viele Berliner Filme­ma­cher ihre Filme nicht mehr in Berlin machen können. Toller Länder­ef­fekt!

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Eine der wenigen Hoff­nungs­schimmer im finstren Tal der deutschen Kino­si­tua­tion ist Monika Grütters, die neue Kultur­staats­mi­nis­terin. Grütters ist nicht unbedingt filmaf­finer als ihr Vorgänger Bernd Neumann, der zwei­fellos seine Verdienste hat, aber sie ist bestimmt weniger mit den ganzen Film-Lobbys verban­delt, als ihr CDU-Partei­ge­nosse, was bei Neumann auch zunehmend ein Problem war.
Im Haus­halts­ent­wurf der Bundes­re­gie­rung ist der Etat des Deutschen Film­för­der­fonds (DFFF) gleich um ein sattes Siebtel von 70 auf 60 Millionen Euro gekürzt worden. Das mag den Catering-Unter­nehmen von Potsdam und manchen beim Medien­board die Tränen in die Augen treiben, für den deutschen Film könnte diese Kürzung aber eine gute Nachricht sein.
Denn der DFFF, der anfangs mal als »Anreiz zur Stärkung der Film­pro­duk­tion in Deutsch­land« gedacht war, nutzte dieser in den letzten Jahren zunehmend weniger. Statt­dessen verkam er zunehmend zum »stupid German money« für Hollywood. Zuletzt gab es allein 8,4 Millionen für »Monuments Men« und 3,2 Millionen Euro für »Grand Budapest Hotel«. Reine Hollywood-Produk­tionen. Oder was ist an Wes Andersons und George Clooneys ilmen deutsch außer ein paar Statisten und Hand­wer­kern auf den unteren Ebenen der Depart­ments? Und natürlich der Förder­in­ten­dantin auf den Fotos von Dreh und Premiere. Was könnte man umgekehrt mit 11,6 Millionen Euro alles tun, wenn man sie deutschen Film­pro­du­z­enten geben würde?
Was hat der deutsche Film – also alle, die »ganze Familie« – vom DFFF? Auf George Clooney können wir doch wirklich verzichten, auf der Leinwand sehen wir ihn eh, und in Berlin auch dann nicht, wenn er drei Monate hier dreht.

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Hoffent­lich lässt sich Grütters durch die ansetz­enden Neben­geräu­sche nicht irri­tieren. 60 Millionen sind immer noch zu viel, für das, was gemacht wird. Denn dem deutschen Film geht es schlecht, gut geht es nur denen, die schlechte Filme machen.
Natürlich wird jetzt gejammert, dass der arme George demnächst woanders drehen muss. Wenn er’s tut, dann scheint es mit dem tollen Know-how der Deutschen ja doch nicht so weit her zu sein.

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Es war mal alles anders in der Haupt­stadt. »Berlin im Film der Neunziger Jahre« heißt eine tolle Retro­spek­tive, die seit diesem Mittwoch im Rahmen des Festivals »achtung berlin« im Berliner Babylon-Kino läuft. Da laufen 14 Spiel­filme, 2 Doku­men­tar­filme und 10 Kurzfilme, die aus verschie­densten Blick­win­keln das Lebens­ge­fühl und die Aufbruch­stim­mung der Stadt im Jahrzehnt nach dem Mauerfall in Erin­ne­rung rufen – eine leider längst vergan­gene Ära. Natürlich erinnern wir uns noch an Das Leben ist eine Baustelle von Wolfgang Becker, der seinerzeit über 400.000 Zuschauer bekam – heute eine Zahl, die kaum ein vernünf­tiger deutscher Kinofilm erreichen kann, was mehr über den Verfall der hiesigen Film­kultur erzählt, als alle Jubel­mel­dungen inter­es­sierter Insti­tu­tionen zusammen. Aber wer erinnert sich noch an Sperrmüll von Helke Missel­witz, und wer hat je Berlin – Pren­zlauer Berg von Petra Tschörtner, Die blaue Stunde von Marcel Gisler oder Chronik des Regens von Michael Freerix gesehen? Ich nicht. Was aber auch dem klar wird, der die Filme noch nicht kennt: Was für tolle Filme mal hier gemacht wurden. Filme die etwas über die Stadt erzählen, über das Land und über die Wirk­lich­keit. Halloooooo Medien­booooooard!!!! Aufwachen!!!!!

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Eröffnet wird die Retro­spek­tive mit der roman­ti­schen Komödie Oben – unten von Joseph Orr, in der man 1995 unter anderen auch Sophie Rois und Torsten Merten in frühen Auftritten begegnet. Es geht um einen Altein­ge­ses­senen, der sich nicht von der Großbau­stelle namens Mitte vertreiben lassen will, um die Liebe und um die Invasion der Vege­ta­rier – einen sehr gegen­wär­tiger Film also.
Beglei­tend zum Film­pro­gramm präsen­tiert »achtung berlin« zudem das Panel: »Stadt im Umbruch« am Samstag, 12.4., ab 18:00 Uhr. Es disku­ti­eten Michael Klier, RP Kahl, Matl Findel, Frieder Schlaich, Katrin Schlösser und Johannes Novy – die Richtigen also, auch wenn die Besetzung sich etwas ostlastig anhört…

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Wenn man dann schon da ist, kann man am Samstag auch gleich dableiben. Zur Zeit zeigt das Kino Babylon Mitte nämlich jeden Samstag einen »Stummfilm um Mitter­nacht«, der live von der Musikerin Anna Vavilkina begleitet wird. Das Ganze kostet Null Euro! Aber wer jetzt glaubt, Stumm­filme seien nichts wert, der darf soviel Geld bezahlen, wie er für ange­messen hält.
Diese Woche läuft Menschen am Sonntag von 1929, der nicht nur einer schönsten Filme der Film­ge­schichte ist, und der Weimarer Republik sowieso, sondern auch einer der inter­es­san­testen: Ein Kollek­tiv­film, gedreht unter anderem von Robert Siodmak und Billie Wilder, gelenkt von den Prin­zi­pien der Neuen Sach­lich­keit und des Zufalls, Nouvelle Vague, 30 Jahre vor Godard und
Truffaut. Und gedreht ohne Film­för­de­rung.

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Übrigens: Wenn Monika Grütters Lust haben sollte, in den nächsten Wochen noch andere zu ärgern, dann könnten wir ihr ein paar Tipps geben. Zum Beispiel wäre es an der Zeit, einmal die Namen derje­nigen zu über­prüfen, die bei der Abstim­mung zur Nomi­nie­rung zum Deutschen Filmpreis für bestimmte Filme gestimmt haben – und falls vorhanden gleich noch die IP-Adressen dazu.
Denn nicht nur mir fällt auf, dass es immer ganz bestimmte Produ­z­enten und Verleiher sind, die jedes Jahr besonders viele Nomi­nie­rungen abstauben, und das mit Filmen, die, nun ja, im Zusam­men­hang Kunst und Deutscher Filmpreis etwas befrem­dend anmuten. Wir haben an dieser Stelle oft genug gesagt, dass man über Kunst nicht demo­kra­tisch entscheiden kann und dass Jurys viele bessere Ergeb­nisse produ­zieren, als eine Massen­ab­stim­mung, aber noch schlech­tere Ergeb­nisse kommen raus, wenn Lobbys und Inter­essen verdeckt mitmi­schen. Und wenn man sich die dies­jäh­rigen Nomi­nie­rungen und auch die Liste der Nicht­no­mi­nierten so anguckt, dann wundert man sich, auch wenn man die Bedeutung des schlechten Geschmacks gar nicht hoch genug misst.

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Dass für den höchst­do­tierten Kultur­preis, den Deutsch­land zu vergeben hat, die ästhe­tisch inter­es­san­testen Filme des letzten Jahres – Die Frau des Poli­zisten von Philip Gröning und Kreuzweg von Dietrich Brüg­ge­mann nicht eine einzige Nomi­nie­rung bekommen, dafür so ein Schwach­sinn wie Fack ju Göhte ein halbes Dutzend und so ein merk­wür­diges Werk wie Love Steaks angeblich einer der sechs künst­le­risch besten deutschen Filme sein soll – spricht Bände über das was in den Köpfen der soge­nannten »Branche« vorgeht.
Wobei mir die Nomi­nie­rung für Love Steaks aller­dings mit Fack ju Göhte verbindet, ist das mangelnde Form­be­wusst­sein. Auch wenn sie sich einen formalen und konz­ep­tio­nellen Anstrich geben, fehlt beiden ein elemen­tares Gefühl für Ästhetik. Das ist durch »Kraft«, »Energie«, »Schwung« und derglei­chen nicht wett­zu­ma­chen. Und Form­lo­sig­keit, da muss man gar nicht Adorno oder Nietzsche fragen, Sloter­dijk genügt auch, ist immer der Beginn des kultu­rellen Verfalls.

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Wir hätten jetzt gern noch etwas ausführ­li­cher über das ZDF geschrieben, aber da passiert ja derzeit so viel, da kommt man mit Lesen und Schreiben gar nicht nach. Erst killt das Verfas­sungs­ge­richt den ZDF-Fern­sehrat, und während der Colt noch raucht, killt eben dieser Fern­sehrat »Wetten, das…?«. Das ist nun einer­seits viel­leicht nicht so schlimm, aber eben dann doch ein verhee­rendes Zeichen. Denn tatsäch­lich handelt es sich um nicht weniger als den öffent­li­chen Selbst­mord des ZDF.
Natürlich weiß man auch in Mainz, dass der Sender irgend­wann mit seinen Zuschauern ausstirbt. Aber was ist es für ein Zeichen, wenn der öffent­lich-recht­liche Rundfunk sein einziges Programm einstellt, das – außer Live-Fußball – noch in de Lage ist, eine relevante Menge des TV-Publikums gemeinsam zur gleichen Zeit am gleichen Ort vor der Glotze zu versam­meln?
Der Grund für die Einstel­lung: Der lang­jäh­rige Moderator trat zurück, der neue hat’s nicht gepackt, und ein anderer fand sich nicht. Auch im Fernsehen herrscht also das Caudillo-Prinzip einer durch­schnitt­li­chen Diktatur: Alles hängt an einer Person, nicht an Insti­tu­tionen oder Ideologie. Wenn die Person abtritt, muss man gleich den Laden dicht machen.
Wäre das ZDF konse­quent, würde es gleich sämtliche Programm­ma­cher mitent­lassen. Denn ihre Aufgabe, Programm zu machen, erfüllen sie offenbar nicht. Man lässt einfach Mode­ra­toren, die »ankommen«, so lange live reden, bis sie den Sender wechseln, oder das Publikum sie satt hat, und ansonsten sendet man Fußball (mit im Übrigen desaströsen Inter­views und das im Fall der einst besten Sport­re­dak­tion des Fern­se­hens). Krea­ti­vität gibt es absolut gar keine.
Wo stünde das ZDF, wenn sich plötzlich keiner mehr für Fußball inter­es­sierte?

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Vor zehn Tagen erschien ein toller Text in der »Süddeut­sche Zeitung«. »Der blinde Fleck« vom Schrift­steller Ingo Schulze. Der beginnt so: »In den letzten Wochen ist ein Wort in Umlauf gekommen, das ich bisher nicht kannte. Zuerst begegnete es mir als Singular maskulin: der Russ­land­ver­steher. Nun, da es offenbar mehrere dieser Gattung zu geben scheint, kommt häufig der Plural zur Anwendung: die Russ­land­ver­steher. Und sicher­lich wird es auch hier und da eine Russ­land­ver­ste­herin geben.
Beim erst­ma­ligen Hören hatte ich geglaubt, Russ­land­ver­steher würde aner­ken­nend gebraucht, der Ausdruck bezeichne also jemanden, der Russland versteht, der um die Beweg­gründe der russi­schen Politik weiß und der all denje­nigen, die der russi­schen Politik ratlos gegenüber­stehen, diese erklären kann. Was mich über­raschte und verwun­derte, war der herab­setz­ende Sinn, in dem dieses Wort gebraucht wurde. Russ­land­ver­steher wird nicht nur kritisch, sondern abwertend verwendet, mitunter sogar als Schimpf­wort.
Es ist kein gutes Zeichen, wenn das Wort »verstehen« negativ besetzt wird. Der Versuch, jemanden oder etwas zu verstehen, ist eine unab­ding­bare Voraus­set­zung, wenn man selbst agieren will. Nur wer etwas versteht, kann sich ange­messen dazu verhalten und zwischen Zustim­mung und Wider­spruch abwägen.«
Das ist schon mal ein guter Anfang, den wir hier schon deswegen zu schätzen wissen, weil man uns gele­gent­lich »Auto­ren­film­ver­steher« oder »Berliner-Schule-Versteher« genannt hat.
Aber es geht bei Schulze noch weiter mit einer wunder­baren poli­ti­schen Fantasie: »Wie lange würden Demons­tranten bei einer unge­neh­migten Kund­ge­bung auf dem Berliner Alex­an­der­platz aushalten können, die den Sturz von Merkel und ihrem Kabinett (und am besten auch gleich noch von Gauck) fordern, weil Merkel nichts gegen die NSA unter­nimmt und maßgebend dazu beiträgt, dass Europa durch das Frei­han­dels­ab­kommen mit den USA den Welt-Konzernen ausge­lie­fert wird? Zudem fordern die Demons­tranten, dass Edward Snowden, der letzte westliche Selbst­auf­klärer, einen Ort im Westen findet, an dem er unbe­hel­ligt leben kann. Unter­s­tützt werden die Proteste mit Millionen oder Milli­arden Rubeln und Yuan, und ab und zu tauchen der russische und chine­si­sche Außen­mi­nister auf, verteilen Glücks­kekse und Pelmeni, applau­dieren den Demons­tranten und rufen unter der Weltz­eituhr: Angela Merkel, deine Zeit ist vorbei!«

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»Es geht ein Riss durch deutsche Redak­tionen. Nicht etwa unter­schied­liche Ansichten zu Russland sind es, zum Euro oder zum Fall Edathy, die zu diesem Zerwürfnis führen. Nichts scheidet deutsche Jour­na­listen mehr als das Substrat, auf dem sie publi­zieren: Selbst Print- und Onli­ne­re­dak­teure desselben Verlags­hauses leben oft in unter­schied­li­chen Sphären und pflegen die Ressen­ti­ments gegenüber der anderen Seite.«
So beginnt die ZEIT letzte Woche (14/2014; 26. März 2014) einen Text mit »12 Thesen zu Print und Online«. Ganz allgemein konsta­tieren die Autoren Bernd Ulrich und Jochen Wegner einen »Dünkel der Tradition« gegen die »Arroganz des Fort­schritts«. Zu großen Teilen geht es in dem Text leider nur um interne Probleme der Redak­tionen, um nichts was »die Leute« inter­es­siert. Denn das Konstrukt eines Konflikts zwischen »Print­re­dak­teuren mit Einsteck­tuch« und Onlinern »im Kapuz­en­pulli« mag bei der ZEIT virulent sein, inter­es­siert aber eh nur die schwin­dende Zahl fest­an­ge­stellter Redak­teure. Freie Jour­na­listen arbeiten für beide – und das sind die aller­meisten, die schreiben, Redak­teure »planen« nämlich nur, sitzen auf Konfe­renzen, und mahnen zur frühen Abgabe, damit sie »planen« und »redi­gieren« und vor allem um 18 Uhr nach Hause gehen dürfen.
Die Vorherr­schaft ist ja längst entschieden: Online erreicht mehr Leser als Print, und diese Leser sind jünger und haben mehr Geld, sind also für Werbe­kunden inter­es­santer.

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Inter­es­sant ist aber, wo die eigent­liche Front ausge­macht wird: Zwischen Jour­na­listen und den Kanni­balen: Facebook und Twitter, Google und iTunes, WhatsApp und Snapchat.
Und dann weiter: »Was vom Jour­na­lismus bleibt, sind seine Prin­zi­pien. … Jour­na­lismus unter­scheidet sich nur noch durch seine Prin­zi­pien von allem anderen, was online steht, durch seine Haltung, sein Streben nach Wahrheit. Jour­na­listen sind jene, die sich alle erdenk­liche Mühe geben, diesen Prin­zi­pien zu folgen.«

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Einen großen Fehler machen aber all jene, die glauben, Jour­na­lismus hätte vor allem etwas mit Infor­ma­tion zu tun, und die Idee einer Meinungs­ho­heit sei obsolet geworden, weil unde­mo­kra­tisch. Alles daran ist falsch: Infor­ma­tion gibt es im Netz schneller und ausführ­li­cher. Jour­na­lismus beginnt bei der gut geschrie­benen Seite 3, also einem gut geschrie­benem Text, und beim Meinungs­ar­tikel oder Kommentar, also bei der Kura­tie­rung von Infor­ma­tion. Die ist nicht etwa unde­mo­kra­tisch, hier bei Kritik & Ästhetik fangen Demo­kratie, also Meinungs­bil­dung und infor­miertes Urteil, erst an.
(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Glanz und Elend des Deutschen Films VI: Einstellung

Alles eine Frage der Einstellung: Mit Produktionen aus dem eigenen Land sind Publikum wie Kritiker besonders streng. Oder schauen erst gar nicht mehr hin. Das Historiendrama „Pool“ etwa hatte nicht mal 130.000 Besucher im Kino. | Foto © Piffl Medien

Wer sein Kind liebt, der züchtigt es“, glaubt nicht nur die Bibel: „Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, nimmt ihn früh in Zucht.“ Heutige Pädagogen mögen da schwerste Bedenken äußen, doch wer  als deutscher Filmkritiker etwas auf sich hält, der ist mit dem deutschen Film besonders streng und sagt Sätze wie „Ich ertrage höchstens drei deutsche Filme am Stück”, wenn er auf der Berlinale mit Kollegen am Nebentisch fachsimpelt. Man kann aber ebenso gut die Kritiken, Blogs und Kommentare zu einem beliebigen deutschen Film nachschlagen – irgendwo findet sich garantiert der Vergleich „für einen deutschen Film …“

… wirklich gelungen,

… ungewöhnlich lustig und realistisch,

… erfrischend anders und unkonventionell,

… besonders.

Was man umkehrschließen kann, um zu wissen, was der Deutsche Film anscheinend sonst so sei. Weiterlesen

Anderntags sitze ich im Kino, um das neue Werk eines deutschen Regisseurs zu sehen. Könnte spannend werden, ist prominent und interessant besetzt, vor allem hatte mir aber sein Debüt gefallen, weshalb ich auf den zweiten Film neugierig bin.

Neben mir nimmt ein deutscher Filmkritiker Platz, wie ich annehme, weil er erstens das schwarze Modell der Filmkritikerbrille trägt (die gibt es eckig mit schwarzem Gestell oder rund randlos), zweitens wir in einer Pressevorstellung sitzen. Davon gibt es viele an einem Berlinale-Tag, weshalb man zwischendurch leicht mal die Orientierung verlieren kann. „Was sehen wir denn jetzt?“ fragt er darum seine beiden Begleiterinnen auf Englisch, denn es sind Französinnen. Auf die Anwort entgegenet er ohne zögern: „Ah, diesen Regisseur mag ich gar nicht!“ Wie ein Vater, der seinen Sohn richtig gerne hat.

Dann beginnt der Film, und der Kritiker schläft rasch ein, obwohl es dafür keinen Grund gibt. Eine gute halbe Stunde später wird er wieder wach und beginnt unmittelbar, über das, was auf der Leinwand geschieht, herzuziehen. Was gar nicht so einfach ist, weil die Handlung schon absichtlich ein wenig verwirrend angelegt ist und man besser die erste halbe Stunde gesehen haben sollte, um zu verstehen, was da vor sich geht.

Dann ist der Film aus, der Kritiker erhebt sich feixend und fühlt sich in seinem Vor-Film-Urteil bestätigt. Er mußte nicht mal richtig hingucken. Lesen Sie mal, was einer der angesehensten deutschen Filmkritiker vor vielen Jahren dazu geschrieben hat.

Mitunter kommt es mir so vor, als hinge das Kind kopfüber am Klettergerüst, jogliert mit fünf Orangen und rezitiert das „Hildebrandslied“ im Original – doch Papa schaut gar nicht hin. Er weiß ja, dass sein Nachwuchs eh nichts kann.

Wenn’s auch nach dieser Anekdote so aussehen mag – die Kritiker selbst sind nicht das Problem, sie schreiben nur, was viele denken. Denn die Vorurteile gegen deutsche Produktionen sind ja weiter verbreitet, mit dem eigenen Kind sind anscheinend alle strenger als mit denen anderer. Gute Leistungen werden da leichthin übersehen, und jeder noch so gute Kritiker schreibt die Aufmerksamkeit nicht herbei. Darum zum Abschluss (willkürlich und unkommentiert) zehn deutsche Filme aus den vergangenen zehn Jahren, denen ich im Kino mehr Zuschauer gewünscht hätte. Nicht dass sie alle perfekt wären, aber jeder war auf seine Weise gelungen, ungewöhnlich lustig oder realistisch, erfrischend anders und besonders. Und jeden gibt es noch als Video:

The International (695.575 Besucher),
Shoppen (333.902 Besucher),
Wer ist Hanna? (295.831 Besucher),
Der Rote Baron (252.944 Besucher),
Hotel Lux (163.221 Besucher),
Merry Christmas (150.485 Besucher),
Poll (129.736 Besucher),
Die vierte Macht (100.856 Besucher),
Schwerkraft (50.697 Besucher)
Habermann (8.816 Besucher).

Ein aufschlussreiches Detail am Rande: Für den letzten Titel gibt’s nicht mal einen Eintrag in der deutschen „Wikipedia“ – da muss man schon aufs Englische ausweichen.

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Glanz und Elend des Deutschen Films V: Kanon

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Ganz schön modern: Drei junge Filmemacher ziehen mit der Kamera in die Stadt und drehten mit Laiendarstellern einen der ersten Independent-Filme. Das gab’s schon 1929. Gesehen? Wie auch? | Foto © Archiv cinearte

Der Videorecorder, das Privatfernsehen, das Internet… die Evolution trieb den Zuschauer unaufhaltsam in ein Paradies der Programmvielfalt und des zeitsouveränen Hinguckens. Das ist natürlich gut, weil ein Fortschritt aus der öffentlich-rechtlichen Knechtschaft, als es nur drei Kanäle gab und keine Fernbedienung.

Die Einschränkung hatte freilich auch Vorteile: Einfach rumzappen war nicht – weniger wegen der eingeschränkten Auswahl, sondern weil jeder Programmwechsel wohlüberlegt sein wollte; man musste ja die gesamten drei Meter vom Sofa bis zum Fernseher zu Fuß zurücklegen und wieder zurück. So bekam man, ob man wollte oder nicht, immer wieder Perlen und auch weniger gelungene Beispiele aus lange vergessenen Jahrzehnten der Filmgeschichte vorgestellt. Und die auch noch am Stück von Anfang bis Ende samt komplettem Abspann. Weiterlesen

Bekanntlich hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen diese Bildungsmission inzwischen aufgegeben, haben viele Zuschauer inzwischen das öffentlich-rechtliche Fernsehen aufgegeben. Die einen gucken lieber hin, wo’s bunter klingt und nicht zu kompliziert wird, die anderen gucken ganz woanders hin. Der Zuschauer heute sieht fast nur noch, was er kennt oder was ihm vom Verleiher mit dem größten Marketingbudget bekannt gemacht wurde. Und wer die schwarzweißen Klassiker sucht, weil er wer-weiß-woher von ihnen wissen mag, muss sie sich selber kaufen. Die Online-Videothek führt nur die wenigsten.

Das ist gewissermaßen der „weiche“ Aspekt einer Diskussion, die schon seit einigen Jahren die Branche beschäftigt: Die Rettung des nationalen Filmerbes. Nach der rufen nicht nur die organisierten Filmkritiker, auch die Fraktionen im Bundestag, von rechts bis ganz links haben sich ihrer in seltener Einmütigkeit angenommen, es gab sogar mehrere Petitionen und der vorherige Kulturstaatsminister hatte sich dafür besonders stark gemacht, die Archivbestände zu digitalisieren, um sie vor dem Zerfall zu retten. Nur eine schlüssige Erklärung habe ich nirgends gefunden, was schlimm daran sein soll, wenn „80 Prozent aller Stummfilme verschollen oder endgültig verloren […] rund ein Viertel aller vor 1950 produzierten Tonfilme […] nicht mehr auffindbar“ sind und „die Verluste bis in die 1990er Jahre hinein“ reichen. Offenbar hält man das Problem für selbsterklärend genug.

Ich will es hier auch nicht erklären müssen. Sicherlich kann man immer noch seinen Spaß im Kino haben, ohne Klassiker zu kennen. Es kann aber auch nicht schaden, einmal zum Beispiel „Menschen am Sonntag“ gesehen zu haben, das Werk einiger junger Filmenthusiasten, die 1929 schon einfach einen Low-Budget-Film wagten über ein paar junge Leute, die sich durch Berlin treiben ließen, um zu sehen, was schon alles war vor Neorealismus, Nouvelle Vague, Autorenkino, Berliner Schule, Youtube und was noch alles kommen wird (ohne all deren Errungenschaften schmälern zu wollen).

Doch was nützt ein gerettetes Filmerbe, wenn es dann doch keiner zu sehen bekommt? Dieser „weiche“ Aspekt wird im ganzen Digitalisierungsgeschäft völlig ignoriert.

Das ist die eine Seite. Die andere zeigte mir vor kurzem ein 30jähriger Bekannter: Er habe neulich durch Zufall einen tollen „Klassiker“ gesehen und berichtete angeregt über einen Film von 1995! Hoppla, dachte ich, den habe ich noch am Starttag im Kino gesehen. Und viele echte „ Klassiker“ zuvor … Das Filmerbe, nicht nur das eigene, türmt sich immer weiter auf und mit ihm neue Klassiker. Das ist für jede neue Generation noch weniger zu bewältigen. Die Chance, dass zwei Leute den selben alten Film gesehen haben, nimmt mit jedem Jahr ab – zumal auch die Chancen, sie gezeigt zu bekommen, nicht zunehmen.

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Glanz und Elend des Deutschen Films IV: Verbreitung

13 Filme starten im Durchschnitt jeden Donnerstag in den deutschen Kinos. Die kleinste Teil ist abseits der großen Städte zu sehen – da wo der größte Teil des potenziellen Publikums lebt. | Foto © cinearte

Die vergangenen Weihnachtsfeiertage verbrachte ich in meinem alten Heimatort im Rhein-Main-Gebiet. Größere Städte sind da in etwas mehr als einer halben Stunde mit dem Auto zu erreichen. Doch auch was dazwischen liegt, bietet einiges an Unterhaltungs-Infrastruktur, bei der Filmförderungsanstalt das Herz aufgehen sollte: Allein vier Kinos gibt es im Umkreis von zehn Autominuten, eigenständige Unternehmen mit ein bis drei Sälen. Aber alle zeigten sie dasselbe: „Der Medicus“ und die zweite Folge der „Tribute von Panem“. Weiterlesen

Das wird von Filmemachern, Kritikern, Funktionären und anderen Branchenauskennern, die meist in Hamburg, München, Köln und Berlin sitzen, leicht übersehen: Zwei Drittel des potentiellen Publikums leben draußen im Grünen, fernab von Programm- und Arthouse-Kinos und bekommt das Meiste, was jede Woche so im Kino startet oder auf Festivals gefeiert wurde, nicht mal zu Gesicht. Wer Glück hat, erwischt „Vier Minuten“ dann dienstags um neun, wenn einmal die Woche „der besondere Film“ gespielt wird. Was aber auch nicht überall geschieht.

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Glanz und Elend des Deutschen Films III: Genre

Vorher – nachher: Als „Schutzengel“ blieb Til Schweiger unter seinen Erwartungen, im „Tatort“ begeisterte er mit Action. Selbst das beliebteste Genre der Deutschen blüht nur im Biotop der Mattscheibe. Für die übrigen sieht es noch trostloser aus. | Fotos © Warner Brothers, NDR

In der vorigen Folge hatte ich das Star-Tum am Beispiel unseres publikumsmagnetischsten Schauspielers erklärt und besungen und werde dafür vermutlich ebenso viel Freude verbreiten und Häme ernten wie der. Dass Til Schweiger es nicht so leicht hat auf den Filmseiten, die höchste Ansprüche an die Filmkunst erheben, ist bekannt. Ebenso, dass das Publikum das völlig anders sieht.

Freilich nur, solange Til Schweiger sich selbst nicht so ernst nimmt. Weiterlesen

Mit „Barfuss” hatte er, trotz der Rechtschreibschwäche im Titel, ordentlich Kasse gemacht – mit rund 1,5 Millionen Zuschauern drittbesucherstärkster deutscher Film im Jahr 2005, trotz eher unwohlmeinender Beurteilungen. Mit „Keinohrhasen”, „Kokowääh” und Co. hatte er in den folgenden Jahren noch größere Besucherrekorde aufgestellt. Wenig Erfolg hatten hingegen der Thriller „One Way” und das Action-Stück „Schutzengel”. Was mich, doch immer wieder mal traditionellen Denkmustern verhaftet, vermuten läßt, daß es vor allem Frauen sind, die Schweiger sehen mögen. Denn die stehen eher auf lustige Romanzen, während die Kerle im Zweifelsfall doch die Action vorziehen. Bevorzugt aber die aus Hollywood, obwohl „Schutzengel” mit dem meisten, was von da an Geballer kommt, gut mithalten kann.

Offenbar vermag nicht einmal ein Star etwas daran ändern: Das Genre hat’s schwer im Deutschen Film. Krimis bannen sonntagabendlich Millionen mit „Polizeiruf” und „Tatort” vor die Fernseher – im Kino finden sie kaum statt. Warum gerade Mord und Totschlag, der Deutschen liebstes Genre, in der Glotze boomt, aber auf der Leinwand floppt, habe ich mich hier schon vor drei Jahren gefragt. Die Antwort habe ich immer noch nicht gefunden. Inzwischen hat Schweiger selbst dem Thema eine weitere Facette hinzugefügt, indem er ebenfalls beim „Tatort“ einstieg. Und siehe da: Als knallharter Neo-Schmimanski Nick Tschiller katapultierte er sich aus dem Stand auf den ersten Platz der ARD-Kommissare, während ich noch über den Namen des Neuen rätselte: Schiller als Chiller? Vielleicht soll Kommissar Tschiller ja deutsche Tugenden modern rüberbringen. Sturm und Drang und so. Die Rechnung scheint jedenfalls aufzugehen. Beim zweiten Fall, weniger dem klassischen Kulturerbe, sondern ziemlich auf Ein-Mann-Rachefeldzug nach US-Muster gestrickt, ging die Quote zwar gewaltig zurück, lag aber immer noch weit über dem, was die meisten seiner Kollegen zusammenbekommen und lockte vor allem jüngere Zuschauer vor den Bildschirm.

Was mich nun dreierlei vermuten lässt. Nämlich erstens, dass das Krimi-Genre beliebt ist, aber zwei Sorten von Anhängern hat: Die einen misstrauen deutschen Produktionen an der Kinokasse und ziehen original-amerikanische Filme vor (denn die hervorragenden Krimis aus Großbritannien und Frankreich tun sich da auch nicht leichter), die anderen gehen erst gar nicht ins Kino. Zweitens, dass zwar ein großer Name zieht, aber nicht genug, um den deutschen Krimi vom Wohnzimmer in den Kinosaal zu befördern. Dass es drittens also auch irgendwie am Publikum hängt …

Da bieten übrigens auch die beiden Schimanski-Filme nur eine eingeschränkte Ausnahme – „Zahn um Zahn“ hatte 1985/86 mehr als 2,7 Millionen Zuschauer und lag damit gleich hinter „Männer“ und „Der Name der Rose“; „Zabou“ kam 1987 schon nicht mehr ganz auf 1,5 Millionen – immerhin noch drittbestes deutsches Einspielergebnis nach „Otto – der Film II“ und „Zärtliche Chaoten“, was gleich wieder zum Grübeln über die Sehgewohnheiten deutscher Kinobesucher Anlass gibt.

Und dies ist nur das ohnehin beliebteste Genre. Noch düsterer sieht es in den anderen Abteilungen der Filmgeschichte aus. Etwa in jener, die hier erst erfunden wurde: Inwischen geben sich Fernsehserien und Kinomehrteiler lustvoll der Vampir-Romantik hin – im Kino floppt „Wir sind die Nacht“. Das gleiche Elend herrscht nebenan: Ob Politthriller („Die vierte Macht“), Kriegsspektakel („Der rote Baron“), Geschichtsdrama („Poll“), Agentenaction („Wo ist Hanna“) – was sonst beliebt und besucht ist, bleibt, wenn es aus deutscher Produktion stammt, hinter den Erwartungen zurück; obwohl es keinen Frame schlechter ist – im Gegenteil. Allerdings: Dem Fernsehen fällt zu dem meisten davon noch weniger ein.

Was aber immer geht: von den deutschen Besuchermillionären der vergangenen zehn Jahre sind 40 Prozent Komödien, 32 Kinderfilme. Zu den zehn erfolgreichsten Filmen des ganzen Jahrzehnts zählen sechs Komödien, ein Kinderfilm und ein Dokumentarfilm – über Fußball.

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Glanz und Elend des Deutschen Films II: Stars

Was macht einen Star aus? An der Aussprache kann’s nicht liegen, wohl eher an der Ausstrahlung. Teil zwei unserer Schnitzeljagd durchs Deutsche Kino. | Fotos © WDR/NDR, Montage: cinearte

1997 kam „Knockin’ on Heaven’s Door” in die Kinos. Ein Taxifahrer hatte Til Schweiger ein Drehbuch in die Hand gedrückt, und der war so begeistert, dass die beiden einen Film machten. So ging die Produktionslegende, die gerne weiterverbreitet wurde, weil man sich so ungefähr ja auch gerne das Filmemachen vorstellt … In diesem Falle scheint es tatsächlich so gewesen sein, freilich verfilmten die beiden ein anderes Drehbuch als das In-die-Hand-gedrückte, denn der Taxifahrer hatte noch viele weitere fertige Bücher in seiner Schublade, unter anderem eben das lustige Gangster-Buddy-Roadmovie „Knockin’ on Heaven’s Door”. Weiterlesen

Der Film wurde ein Überraschungserfolg, brachte unter anderem Moritz Bleibtreu den Durchbruch und machte viele andere Darsteller bekannt. Nur Til Schweiger mußte einige Häme einstecken, weil seine Darstellung eines Todkranken, der von Hirnkrämpfen geschüttelt wird, unglaubwürdig wirke. Mir war das nicht so aufgefallen, denn ich weiß nicht so gut wie andere Kritiker, wie es aussieht, wenn tatsächlich Todkranke von Hirnkrämpfen geschüttelt werden, aber ich fand diese Darbietung zumindest nicht bemerkenswert unglaubwürdig (und schon gar nicht so nervend wie Tom Cruises Rumgeschreie in „Rain Man“, das allgemein gelobt wurde). Aber Til Schweiger, das war doch der Typ aus der „Lindenstraße”, der Proll aus „Manta, Manta”? So einem darf man so etwas doch nicht durchgehen lassen.

Ich bin sicher, daß sich hier schon das Problem zeigte, das der Schauspieler mit den Filmkritikern noch heute, fast zwei Jahrzehnte später hat.

Jedenfalls ging der Regisseur Thomas Jahn, Debütant ohne Filmausbildung, damals zum Kinostart auf Werbetour durch die Republik. Und da schwärmte er, wie üblich bei solchen Gelegenheiten, von den Dreharbeiten und wie lieb sich alle hatten. Sagte aber, angesprochen auf dessen Schauspielkunst, auch einen erstaunlichen Satz über seinen Hauptdarsteller: Schweiger sei schließlich der einzige Star, den der Deutsche Film vorzuweisen habe. Das fand ich ein großes Wort, weil Schweiger damals ja nur „Lindenstraße” und „Manta, Manta” vorzuwesen hatte, doch Jahn beharrte: Star sei keine Stufe der Berühmtheit, sondern zeige sich allein in einem: Der bloße Name lockt die Leute ins Kino, ungeachtet von Handlung oder Genre. Das schaffte bis dahin lediglich noch Götz George (den Schweiger unlängst selbst als Vorbild angeführt hat).

Naja, dachte ich, der spricht ja immerhin auch ein bisschen undeutlich, und ließ das damals einfach mal so stehen. Mittlerweile hat sich Jahn mit seiner Aussage bekanntlich als Prophet bewiesen. Und wenn auch inzwischen noch ein paar weitere Namen die Augen zum Glänzen bringen, strahlt Schweiger unter allen am hellsten. Nicht, dass sich darüber alle freuen würden …

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Glanz und Elend des Deutschen Films I: Filmförderung

Geht’s dem Deutschen Film nun gut oder schlecht? Und warum? Die große Antwort haben wir auch nicht, aber viele kleine Ahnungen – und starten eine kleine Serie. | Foto © cinearte

In den vergangenen Wochen ist wieder eifrig um Sinn und Unsinn der deutschen Filmförderung diskutiert worden, auch an dieser Stelle, wo demnächst noch mehr dazu zu lesen sein wird, und oft schwingt in den wohlformulierten und fundierten Meinungen das Urteil mit: Das Fördersystem ist schuld, dass es dem Deutschen Film so schlecht geht!

Nun bin ich gerne dabei, auf Filmförderungen einzuhauen. Nicht, weil mir manche Entscheidungen nicht gefallen – „was auch immer man macht, irgendjemand findet det immer falsch“, hatte schon Rio Reiser erkannt. Sondern weil ich Subventionen generell für bedenklich halte, wo gewirtschaftet werden soll. Weiterlesen

Freilich ist mir auch klar, daß manches ohne das nicht möglich wäre. Wenn der Markt noch nicht so weit ist für eine gute Idee, kann’s schon nötig sein, ihr finanziell auf die Beine zu helfen, ob Solarstrom oder Kunst. Bloß ist das mit der Kunst und der Förderung so eine Sache, wenn letztere, um beim Bild zu bleiben, neben Solaranlagen auch Atommeiler und Kohlekraftwerke finanziert … Beim Film geht das, weil die Förderer keine Unterschiede zwischen Atomanlagen und Solarmeilern mehr kennen, sondern nur noch deutsche Filme, denen geholfen werden soll, um auf dem eigenen Markt zu bestehen. Doch weil die Europäische Union solcherartige Wettbewerbsverzerrung nicht gerne sieht, wird rasch mal auf den auch kulturellen Auftrag der Förderung verwiesen.

Was wiederum das ganze Fördersystem des Bundes die vergangenen zehn Jahre über zum Wackeln brachte, weil Mehrraumkinobetreiber erklärten, sie wollten mit Kultur nichts zu schaffen haben und lieber wirtschaften. Die Bundesverfassungsrichter schafften da erst neulich einen salomonischen Spagat, stöhnten aber selbst: Es sei schon ziemlich kompliziert mit der deutschen Filmförderung.

Ich wundere mich auch, warum Projekte, die in Inhalt und Besetzung schon auf den größtmöglichen Kassenerfolg hin gestrickt sind, auch noch fünf und mehr Nullen an Steuermitteln erhalten müssen (und ja: auch die Abgaben von Fernsehsendern und Kinobetreibern kommen letztlich aus derselben Quelle, denn sie werden ja durch Zwangsgebühren eingetrieben beziehungsweise auf die Eintrittspreise umgelegt), während tatsächlich sperrigere Ideen weniger oder gar nichts erhoffen dürfen.

Andererseits erinnere ich mich auch noch gut an Zeiten irgendwann in den 80ern, als Filmförderung und „Deutscher Filmpreis“ (der damals noch „Bundesfilmpreis“ hielt) regelmäßig geschimpft wurden, dass da Zeug unterstützt und ausgezeichnet werde, daß doch keiner sehen wolle. Da kann ich schon verstehen, wenn die Förderinstitutionen, von denen die meisten erst danach gegründet wurden, heute stolz bei jedem Kassenerfolg, an dem sie ihre Finger hatten, gleich eine Pressemeldung verschicken und sich gebärden, als wären sie Koproduzenten.

Wieder andererseits erinnere ich mich auch noch an Gemecker, als „Der Schuh des Manitu“ einen sensationellen Besucherrekord aufstellte – zweiterfolgreichster Film aller Zeiten, gleich nach dem „Schwarzwaldmädel“! Na toll, aber warum der Filmfernsehfonds Bayern solchen Klamauk mit umgerechnet 1,4 Millionen Euro gefördert habe, der doch von selbst soviel Geld einspielte? „Das konnten wir doch damals noch gar nicht wissen“, erzählte mir später einer der Entscheider (und nicht nur der). Michael Herbig, Regisseur, Drehbuchautor, Hauptdarsteller und Produzent, hatte damals zwar eine gutlaufende Fernsehshow, aber keinerlei Kinoerfahrung und war als Regisseur Autodidakt. Anderen Förderungen jedenfalls waren dessen Filmpläne zu riskant gewesen.

Nochmal andererseits könnte den Förderern das alles auch herzlich egal sein. Wenn sie ihr Geld nach wirtschaftlichen Kriterien verteilen, es also lediglich um möglichst hohe Ländereffekte geht, ist es doch einerlei, ob daraus nun seichte Massenunterhaltung entsteht oder sperriger Kunstkram, den nur drei Leute sehen wollen. Hauptsache, die Filmschaffenden sind beschäftigt.

Und behaupten möchte ich: Die Förderung ist nicht schuld am Elend des Deutschen Films, der eh zeitloses Thema zu sein scheint, ob 1949, 1983, 2001 oder 2011. Also schon zu Zeiten, als es noch gar keine Förderung gab, was vermuten lassen sollte, dass die Förderung jedenfalls nicht alleine schuld ist … Doch Moment mal! Was ist das denn für ein Elend, wenn doch der Zuschaueranteil deutscher Kinofilme bei 26,2 Prozent liegt, und sich damit seit einigen Jahren nach oben bewegt hat? Wenn so viele deutsche Filme erstaufgeführt werden wie nie zuvor? Wenn die Filmförderungsanstalt einigermaßen wohlbegründet das Gegenteil behaupten kann?

Gut, es sind immer nur ein paar wenige Werke, und meistens leichte Komödien, die für die Traumquoten sorgen. Aber das ist auch in anderen Ländern und in anderen Marktsegmenten so. Auf einen Bestseller kommen Hunderte anderer Bücher, auf einen Mac zwanzig Windows-Rechner. „Keiner weiß, warum manches hinhaut und anderes nicht“, sagt die Figur der Bella in „Notting Hill“. Und wer’s weiß, wäre vermutlich der glücklichste Produzent auf Erden.

Ich bin es nicht und kann deshalb wie alle anderen auch nur mutmaßen. Aber ein paar Begegnungen und Beobachtungen sind mir über die Jahre hängengeblieben, lose Fragmente, die zusammen doch die Ahnung einer Erklärung bieten könnten. Und damit’s nicht zu lang wird, dafür aber spannend, mache ich eine kleine Serie daraus und verteile die Folgen, zusammenhanglos und wohlformuliert, auf die kommenden Tage und freue mich schon auf die Kommentare. Die Entscheidung zum „Schuh des Manitu“ war eine dieser Anekdoten. Die nächste ist noch älter:

[Fortsetzung folgt]

 

 

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Cinema Moralia – Folge 82: Das Kunstkartell schlägt zurück

Arne Birkenstocks Beltracchi – Die Kunst der Fälschung

Die Kunst der Fälschung: Wie ein Doku­men­tar­film skan­da­li­siert wird – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 82. Folge

»Ein Kritiker muss dem Main­stream wider­stehen, er sollte die Seite stark machen, die in der öffent­li­chen Debatte gerade schwach ist. Ein Kritiker ist nur dann einer, wenn er sich als Anti-Esta­blish­ment versteht.«
Susan Sontag, mal wieder, diesmal in einer Szene in Martin Scorseses Untiteled New York Review of Books Project, der als »work in progres« auf der Berlinale lief.

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Empörung an sich mag vers­tänd­lich sein, ist aber immer auch etwas frag­wür­diges. Sehr nach­voll­ziehbar kriti­sierten gerade deutsche Medien in den letzten Jahren Empö­rungs­ten­denzen in der deutschen und inter­na­tio­nalen Öffent­lich­keit. Wenn es um die »Wutbürger« von Stuttgart ging, um Sarrazins Geschwätz von den Kopf­tuch­mä­dels, um euro­pa­feind­liche D-Mark-Freunde, um Recht­po­pu­listen oder zuletzt um Schweizer Frem­den­feinde – da standen die deutschen Jour­na­listen instinkt­si­cher gegen solch’ vermeint­lich »gesundes Volks­emp­finden«, plädierten für Vernunft, Diffe­ren­zie­rung, Objek­ti­vität. Mit anderen Worten: Für Aufklä­rung.
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Gefähr­lich wird es dann aber schnell, wenn sich Jour­na­listen einmal selbst empören. Dann kennen sie keine Gnade, dann trieft Moral und Recht­schaf­fen­heit aus jeder ihrer Zeilen, so, als sei man froh, endlich einmal das offenbar so schwere Joch der Skepsis abwerfen und ganz subjektiv drauf­los­le­dern zu dürfen. So, als fürchte man auch ein wenig die eigenen Zweifel, den eigenen Verstand, und müsse daher um so lauter sich krakee­lend gebärden. Weil es natürlich sie selbst betrifft.
So geschehen vor Jahren beim »Fall Tom Kummer«, jenem SZ-Jour­na­listen, der Inter­views frei erfunden hatte. Dass dazu immer auch ein paar Leute gehörten, die sie ihm gern und gegen alle Zweifel abkauften, wurde schnell vergessen. Erst recht die Frage, ob diese Inter­views womöglich gut und inter­es­sant zu lesen waren, ob sie in gewissem Sinn »Kunst­werke« waren, und ob die ganze Geschichte womöglich einige tiefere Wahr­heiten über den Medien­be­trieb verriet.
Noch einmal ging es so, als dann ein Film über Kummer gemacht wurde.
Und jetzt gibt es endlich wieder einen Anlass: Diesmal sind es vor allem Kunst­kri­tiker und Kunst­jour­na­listen, die mit Schaum vorm Mund und wie gleich­ge­schaltet, mit unter auch recht hirnlos und in jedem Fall ohne eine Spur Humor und Gelas­sen­heit über einen Film reden und schreiben: Die Kunst der Fälschung ist ein Doku­men­tar­film, der kommende Woche in die deutschen Kinos kommt. Er handelt von dem Fall des Malers und Kunst­händ­lers Wolfgang Belt­racchi und all den inter­es­santen Geschichten, die dazu­gehören: Belt­racchi hat über Jahrzehnte Gemälde erfunden und diese Werke als angeb­liche Originale für hohe Summen verkauft. 2010 flog der Fall auf, 2011 wurde Belt­racchi wegen gewerbs­mäßigen Betrugs zu sechs Jahren Haft verur­teilt, und in der Öffent­lich­keit zum »Jahr­hun­dert­fäl­scher« erklärt. Weiterlesen

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Über­ra­schend ist für den, der den Film gesehen hat, nicht unbedingt, dass er bei manchen auf heftige Ablehnung stößt. Über­ra­schend ist aber sehr wohl, wie einhellig und hyste­risch im Ton diese Ablehnung ist, und wie falsch sich hier oft die Redak­ti­ons­lei­tungen verhalten.

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Falsch ist erst einmal etwas Grund­sät­z­li­ches, das immer wieder geschieht, wenn es um Kino geht: Die Tatsache, dass die Film­kritik auf stillem Weg ausge­schaltet wird, wenn ein Film scheinbar von einem »Thema« handelt. Wie oft hat man das erlebt: Handelt ein Film von Fußball oder Bobfahren, schreibt plötzlich der Sport­re­porter die Film­kritik, geht es um einen Kompo­nisten darf der Musik­re­dak­teur ran, bei Ziemlich beste Freunde die Frank­reich-Korre­spon­dentin, oder die Literatur-Redak­teurin, die Roma­nistik studiert hat, bei Die Mühle und das Kreuz die Kunst­re­dak­teurin, und bei Harry Potter die Mode­fach­frau, die einfach Fan ist.

Das ist einer­seits ein vertret­barer Ansatz und soll auch gar nicht grund­sät­z­lich verdammt werden. Es belegt aber die Gering­s­chät­zung des Kinos als Kunst, es beweist die Tatsache, dass man der Ansicht ist, von Film müsse man eigent­lich nicht mehr verstehen, als jeder im Publikum, um das Werk beur­teilen zu können, von Kunst (oder Literatur, oder Frank­reich oder Fußball) aber schon. Wäre es anders müsste dann ja konse­quen­ter­weise, wenn umgekehrt Harun Farocki im Museum Ludwig ausstellt, oder Haneke eine Oper insz­e­niert, oder Petzold ein Thea­ter­stück, dann »der Film­kri­tiker« zuständig sein. Das ist aber keines­wegs der Fall.

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Die Kunst der Fälschung wird nun in den ersten Berichten konse­quent von Kunst­kri­ti­kern bespro­chen, nicht von Film-Experten. Das Ergebnis ist fatal. Zum einen ist es überaus ober­fläch­lich: Regisseur Arne Birken­stock wird ständig überaus billigen persön­li­chen Anfein­dungen und Unter­stel­lungen ausge­setzt – er ist nämlich der Sohn von Belt­rac­chis Anwalt, was ihm
überhaupt einen Vertrau­ens­vor­schuss und den Zugang zu diesem verschaffte. Natürlich hat er sich damit auch Blößen gegeben, und gewis­ser­maßen angreifbar gemacht. Ande­rer­seits ist die Sippen­haft in Deutsch­land abge­schafft, und die ande­ren­orts doch so unpar­tei­ischen und unvor­ein­ge­nom­menen Kollegen scheinen zu vergessen, dass der Anwalts­beruf nichts ehren­rüh­riges ist. Selbst gestän­dige Verbre­cher haben das Recht auf best­mög­liche Vertei­di­gung.
Zumindest könnte man ja Arne Birken­stock einmal die Frage stellen, warum und inwiefern er sich eigent­lich für unbe­fangen hält, oder wie er mit möglicher Befan­gen­heit umgeht.
Das fragt aber keiner, statt­dessen wird der Film behandelt wie eine Fort­set­zung des Plädoyers der Vertei­di­gung.

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Dafür müsste man den Film aller­dings erst mal überhaupt angucken. Was nicht ausrei­chend geschieht: Mit mehr als einer Handvoll Redak­teuren habe ich allein an diesem Mittwoch über den Fall Belt­racchi und über Birken­stocks Film disku­tiert – kein einziger hatte den Film gesehen, aber alle wussten Bescheid: Es gehe doch nicht, dass man einem Krimi­nellen auch noch den Roten Teppich ausrolle, meinte eine, ein anderer erzählte vom »Hype« um Belt­racchi, und davon, dass er »durch alle Talkshows gereicht« werde. Ist das Neid auf die Kollegen, oder gar Belt­racchi selbst. Man könnte das zum Anlass einer geist­rei­chen Betrach­tung über die Seele im medialen Zeitalter nehmen: Ist eigent­lich die Talkshow schuld, oder der Talk­show­gast?

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Statt dass man über diesen Film vernünftig und sach­ori­en­tiert debat­tiert, trium­phieren Halb­wissen und plumpe Gesinnung. Alles ist dermaßen einseitig, mit immer denselben Gesich­tern soge­nannter »Experten« – der offenbar sehr medi­en­af­fine Ermittler, und ein unbedingt medi­en­af­finer Buchautor, die ihre immer­glei­chen Sätze in alle Kameras sagen, egal, ob die ihnen nun von »Aspekte« oder von »ttt« vor die Nase gehalten werden.
Gesinnung trium­phiert. Main­stream-Gesinnung.

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Was dieser Fall eigent­lich belegt, ist, dass die Debatten- und Streit­kultur in Deutsch­land auf den Nullpunkt gekommen ist. Verstanden sich Jour­na­listen einst als Hecht im Karpfen­teich, war es Berufs­ehre, »Anti-Esta­blish­ment« (Susan Sontag) zu sein, schwimmen sie heute am liebsten im Schwarm, denn da ist es wärmer.
Sie sind Mitmacher.
»Manu­fac­tu­ring Consent« – was Noam Chomsky vermeint­lich ein bisschen paranoid für die Privat­fern­seh­sender der 80er-Jahre beschrieben hat, trifft längst auch auf große Teile der europäi­schen Medien, auf viele öffent­liche Sender und soge­nannte Qualitäts­z­ei­tungen zu: Überall steht das Gleiche, man verstärkt nur gegen­seitig den Lärm.
Selten habe ich mich so an Chomsky erinnert gefühlt wie dieser Tage.

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Die herr­schenden Empörer stellen die andere Seite gleich als Gegner moralisch in die dunkle Ecke und ersticken jede ernst­hafte Debatte im Keim. Ist ja klar, wer die Guten sind. Weil die Empörer ihre Meinung mit Gesinnung verwech­seln, und aus einem facet­ten­rei­chen Thema eine Grund­sat­zfrage machen, bei der die Moral­keule ausge­packt und drauf­los­ge­dro­schen wird.

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In diesem Fall geht es aber noch um etwas anderes, nicht um Moral, sondern um ihre hässliche Schwester, die Unmoral: Der Kunst­szene wurden Belt­racchi und sein Fall zum Objekt großer Aggres­sionen, schwan­kend zwischen Hass und Verach­tung. Das liegt ganz offen­kundig nicht allein daran, dass sie von Betracchi an der Nase herum­ge­führt wurde, oder an den hohen Beträgen, die von Galerien, Museen und Sammlern auf seine Konten flossen – denen übrigens noch weit höhere Einnahmen auf der Händ­ler­seite nach­folgten, von denen Belt­racchi nichts hatte. Sie liegt mindes­tens ebenso sehr in der Tatsache begründet, dass der Fall Belt­racchi und seine Folgen plötzlich grelles Licht auf eine Szene warfen, die selbst sehr daran inter­es­siert ist, ihren Geschäften in einem diffusen Halb­dunkel aus Diskre­tion und Insi­der­wissen, Heim­lich­tuerei und persön­li­chen Bezie­hungen, gegen­sei­tigen Gefallen und Exper­ten­krä­merei, Barzah­lung und Gerücht zu nach­zu­gehen. So ist es für nahezu alle Beob­achter kaum zu glauben, dass über drei Jahrzehnte niemand Verdacht schöpfte, keiner nach­fragte, was es mit der Herkunft der plötzlich auftau­chenden Belt­racchi-Bilder auf sich hatte. Auch bleibt unver­s­tänd­lich, wie sich namhafte Kenner, ob der geschäft­s­tüch­tige Max-Ernst-Experte Werner Spies oder die Leitung des Kunsthaus’ Lempertz über Jahre täuschen ließen – es sei denn, man stellt die Tatsache in Rechnung, dass sie mit bezahlten Gutachten und lukra­tiven Aukti­ons­er­geb­nissen noch weit mehr verdienten, als die Fälscher.
Zudem steht ein zentraler Verdacht, der neben der Kompliz­en­schaft womöglich noch wichtiger ist, weiterhin unwi­der­legt im Raum: der, dass die größte Zahl der von Belt­racchi gefer­tigten Bilder weiterhin unent­larvt als vermeint­li­ches Original in Museen und Samm­lungen hängt. Ohne Frage haben hier viele Seiten kein Interesse an echter Aufklä­rung.

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Man hat hier also den unbe­dingten Eindruck, dass das Kunst­kar­tell zurück­schlägt, und gut orga­ni­siert einen Film, den es nicht verhin­dern konnte, nun auf anderem Weg fertig­zu­ma­chen versucht.

+ + +

Die Jour­na­listen, die über Kunst und Galerien und die Kunst­szene berichten, nagen an den Knochen, die von diesen reich gedeckten Tafeln abfallen. Manche dürfen sogar selbst am Tisch Platz nehmen. Sie brauchen das Wohl­wollen und die Gunst der Szene. Dass sie sich diese nicht verscherzen wollen, dass sie sogar etwas tun, um ihre Position zu verbes­sern, oder viel­leicht mal selbst ein hübsches Gutachten oder einen Kata­log­auf­satz zu schreiben, oder einen Kura­tor­sessel zu wärmen, kann man ihnen noch nicht einmal unbedingt verdenken. Auch wenn es nicht hübsch aussieht.

Schuld haben hier die Redak­tionen und Verlage, die sie nicht aus der Schuss­linie nehmen, die ihre Position nicht derart sichern, dass derlei Gunster­weise undenkbar wird. Eine Ursache ist auch, dass man offenbar gar nicht mehr den Willen und die Lust hat, aufzu­klären und einmal das System Kunst­be­trieb ehrlich in den Blick zu nehmen. Dass alle nur dabei sein und dazu­gehören wollen.

Ursache ist also letztlich das auf den Hund gekommene Selbst­ver­s­tändnis der Kritik. Von uns allen natürlich. Denn Film­kri­tiker sind nicht besser. Viele von uns verraten die Profes­sion genauso schnell, wenn es mit Macht und Geld gelohnt wird. Wir bieten kein Bild, dass die Kunst­kritik-Kollegen zwingen könnte, sich ein Beispiel zu nehmen.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Fördern ohne Fantasie – wie der DFFF seine Chancen vertut

Stefan Zweig trifft Tim und Struppi: „The Grand Budapest Hotel“ ist eine irre Hommage an das alte Mitteleuropa, wie sie das Kino noch nicht erlebt hat. Da musste erst ein Texaner kommen, um zu zeigen wie das geht… Foto © 20th Century Fox

Die Berlinale hat ihre Bären verteilt, und wie immer sind solche Entscheidungen erstens auch Geschmackssache, zweitens meist das Ergebnis langer Diskussionen und schwerer Gedanken und drittens neigen die Jurys in Berlin meist zu Werken exotischerer Art beziehungsweise aus exotischeren Filmländern, wie das Festival selbst gerne vom Weltkino träumt. Weshalb man darüber auch gar nicht diskutieren soll. Am Gewinner des „Goldenen Bären“ gibt’s wohl heuer auch nichts auszusetzen – und man merkt an dieser Formulierung: Yinan Diaos Serienmörder-Krimi aus China ist einer der wenigen Wettbewerbsbeiträge, die ich nicht gesehen habe, weshalb ich erst recht nichts dazu sage.Will ich auch nicht, weil ich schon auf den „Silbernen Bären“ blickte, den „Großen Preis der Jury“, den Eröffnungsfilm des Festivals, dem ich gute Chancen auf noch mehr eingeräumt hätte, zugleich aber doch nicht, weil er doch zu locker und fröhlich daherkommt für eine mittlerweile staatstragende Veranstaltung wie die Berliner Festspiele. Und schon mutmaße ich, ob es den Juroren nicht vielleicht ebenso ging, und ihr „Großer Preis“ sowas ist wie die Geheimauszeichnung für den Film, den sie sich dann später zu Hause doch ein bisschen lieber nochmal angucken als all die anderen … Weiterlesen

„The Grand Budapest Hotel“ also. Für mich bislang Wes Andersons schönster Film, weil er seiner (wenn auch simplen) Geschichte durchweg folgt, ohne sich inmitten der irren Ideen, von denen der Regisseur und Drehbuchautor bekanntlich unendlich viele hat, zu verlieren. Und weil bislang noch kein Filmemacher einen solchen Abgesang auf das Mitteleuropa zwischen den Weltkriegen, jene vergangene polyphone Multikultur angestimmt hat. Angeregt von Stefan Zweig sei er gewesen, schrieb Anderson in den Abspann; aber ebenso viel „Tim und Struppi“ ist in der Die Geschichte aus der Fantasie-Republik Zubrowska zu finden. Weshalb sich europäische Filmemacher schon fragen dürfen, warum erst ein Kollege aus Texas anreisen muss, um ihnen diese Epoche wieder in Erinnerung zu rufen. Vielleicht braucht es diese Distanz auch … obwohl sich die Kollegen in der Literatur da leichter tun.

Aber schön: „Die Welt wie in einer Schneekugel“ ist trotzdem auch eine deutsche Produktion, wie ja oft genug vor dem Festival erwähnt wurde: Gedreht in Görlitz, koproduziert vom Studio Babelsberg und darum auch mit mehr als fünf Millionen Euro deutscher Filmförderung versehen, allein dreieinviertel davon durch den Deutschen Filmförderfonds (DFFF), der erklärtermaßen ein „Anreiz zur Stärkung der Filmproduktion in Deutschland“ sein, sprich Studio Babelsberg am Laufen halten soll. Was offenbar auch gelungen ist, wenn man noch zum Abspann sitzen bleibt und mitliest. Im Film selbst merkt man nicht soviel davon. „The Grand Budapest Hotel“ ist ein Fest der Film- und Schauspielkünste, doch all die bekannten Gesichter und Heads of Department kommen von überall her, nur nicht aus Deutschland.

Weshalb ich doch noch mal nachrechnete, denn für den DFFF hat man sich ein hochkomplexes System ausgedacht, welche Bedingungen ein Film erfüllen muss, um gefördert zu werden. Einer der Produzenten muss seinen Sitz in Deutschland haben, für vieles weitere wird ein irgendwie gearteter Bezug zum Land mit Punkten belohnt: Handlung und Drehorte, Schauspieler und Filmkünstler, Postproduktion und Sprachfassung … 48 von 94 möglichen Punkten muss ein Spielfilm erreichen.
Nicht alles lässt sich ohne weiteres nachprüfen, trotzdem ist klar, dass „The Grand Budapest Hotel“ die Vorgaben locker erfüllt hat. Was aber auch daran liegt, dass die „Kreativen Talente“ vor und hinter der Kameralinie, ebenso gut aus einem Staat des Europäischen Wirtschaftsraums stammen können – was auf alle außer dem Regisseur zutrifft. Als guter Europäer wollte ich auch darüber nicht diskutieren, zumal ja für alle anderen Filmschaffenden genügend Arbeit da war – zeigten die Förderer hier nicht erschreckende Fantasielosigkeit. Der DFFF mit seinen 60 Millionen Euro im Jahr ist ein mächtiges Instrument für die Filmwirtschaft und nicht bloß eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme! Wes Anderson hat als Regisseur eine Fangemeinde, sein Film wird rund um die Welt ein Publikum finden – die Gelegenheit, der Welt ein oder zwei Schauspieler der heimischen Filmlandschaft wenigstens in Nebenrollen vorzustellen. Wie das übrigens im anderen Babelsberger Wettbewerbsbeitrag (außer Konkurrenz) George Clooneys Monuments Men getan hat.
Oder vor vier Jahren ein anderer „Kultregisseur“, der damit gar keine so schlechten Erfahrungen machte: Für seinen Auftritt in „Inglourious Basterds“ erhielt Christoph Waltz seinen ersten „Oscar“ und hatte Quentin Tarantino wohl so gut gefallen, dass er gleich in seinem nächsten Film wieder mitspielte – und noch einen „Oscar“ gewann.

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Cinema Moralia – Folge 80: Die alten Ängste der jungen Frauen

Korinna Kraus als Fräulein Else | © HFF & Anna Martinetz 2013

Soll das wirklich die Zukunft des deutschen Kinos sein? Große Vorbilder, Deutsche und die Filmwelt, Genre­mo­tive und verspielte Zukunft: Das beste deutsche Kino liegt jenseits der Arte-Povera – und andere Beob­ach­tungen beim beim 36. »Festival Max-Ophüls-Preis« – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 80. Folge

»War is an uncertain thing. The enemy has a brain, they adapt and adjust, and as Dwight Eisenhower said ‘the planning is important, but the plan is nothing.’«
Donald Rumsfeld
»Aber ich liebe Euch doch alle!«
Erich Mielke
»…und dann und wann ein weißer Elephant.«
Rilke

Schwarze Tage an der Börse, mal wieder. Else, ein Mädchen aus gutem Haus, verwöhnt gewiss, aber weder dumm noch abgehoben, wird von ihren Eltern den Gläu­bi­gern zum Fraß vorge­worfen: Sie soll einen Reichen heiraten, damit der Kredit der Alten weiter fließt – ein Opfergang von ganz irdischem, also unge­heurem Ausmaß. Arthur Schnit­zler schrieb seine auch heute noch atem­be­rau­bende Novelle Fräulein Else im Jahr 1924, also noch vor der großen Welt­wirt­schafts­krise – voller Vorahnung und auch als Kunstwerk seiner Zeit voraus, handelt es sich doch um den ersten inneren Monolog der Lite­ra­tur­ge­schichte. Das ist schwer für Filme­ma­cher und im Gegensatz zu anderen Schnit­zler-Stoffen wurde diese Novelle kaum verfilmt. Nur Paul Czinners Stummfilm von 1928, noch zu Schnit­z­lers Lebzeiten mit Elisabeth Bergner, blieb im Gedächtnis.
Anna Martinetz hat es jetzt für ihren Münchner Regie-Abschluss gewagt, mit wunder­barem Ergebnis, den die Regis­seurin nicht zuletzt ihrem Mut zu verdanken hat. Im Wett­be­werb des Saar­brü­cker »Festival Max-Ophüls-Preis« hatte Martinetz’ Version jetzt Premiere, die den Stoff unter Deutschen in einem post­ko­lo­nial-deka­denten, zugleich pracht­voll traum­ver­wun­schenen Indien spielen lässt, in dem alles dem Verfall preis­ge­geben scheint – bis auf die Natur, die hier in Gestalt von Tigern und Elefanten so wild wie überlegen auftritt. Dies ist so phan­tas­tisch wie klug wie fürs Publikum mitreißend – es stach zudem ins Herz der Zeit, weil Martinetz eine moralisch korrupte Eltern­ge­ne­ra­tion zeigt, die die Zukunft ihrer Kinder verspielt. Nicht die Erben sind das Problem, sondern die Erblasser.
+ + +
Dieser beste Film im Wett­be­werb wurde aber leider von der Jury ebenso ignoriert, wie Johanna Moders High Perfor­mance, der immerhin den Publi­kums­preis bekam und Rick Oster­manns Wolfs­kinder, High­lights in einem starken Saar­brü­cker Jahrgang, der viele Filme voller Kraft, Spiel­freude, Farben und Liebe zum Kino bot.
Weiterlesen

Statt­dessen folgte man bei den Preisen dem neuesten Trend des deutschen Kinos: Sowohl Jakob Lass’ Outsider-Amour-Fou Love Steaks (Ophüls-Preis) als auch Isabel Subas Filmszene-Satire Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste (»Preis für den gesell­schaft­lich rele­vanten Film«; »Preis der Jugend­jury«) verbinden Newcomer-Charme und aktiv ausge­stellten Unab­hän­gig­keits­gestus mit einem, am ehesten von den Briten Ken Loach und Mike Leigh beein­flussten Sozi­al­rea­lismus und hoffent­lich nur ökono­misch bedingter Arte Povera. Das ist sympa­thisch, clever gemacht und gut anzusehen; aber soll das wirklich die Zukunft des deutschen Kinos sein? Trotz allem Indie-Flair sind beide Filme viel mehr auf der sicheren Seite, als anderes: WOLFSKINDER etwa gelingt zwar längst nicht alles, doch dafür versucht Rick Ostermann immerhin viel mehr als viele andere: Seinem Film sieht man an, dass er Rossel­lini ebenso kennt, wie Malick, und dass er sich nicht naiver stellt, als er ist – vielmehr versucht Oster­maann in dieser Geschichte um eine Gruppe eltern­loser Kinder im Nach­krieg­s­chaos 1946 (die bereits im Sommer in Venedig Premiere hatte), mit beschei­denen Mitteln an die großen Vorbilder anzuknüpfen. In manchen Momenten gelingt das Unter­fangen.

+ + +

Große Vorbilder haben auch Johanna Thalmann (München), die mit Mute eine Kurz­ge­schichte von Stephen King verfilmte, und die Berli­nerin Lisa Violetta Gaß: A Promissed Rose Garden spielt unter den 20.000 Viet­na­mesen, die in Berlin eine wenig bekannte eigene große Community bilden und verbindet gekonnt das Gangs­ter­genre mit dem Melodram – ein leiden­schaft­li­cher Film. Auch »Mute« ist eine sehr souveräne Fingerübung, der Horror­film
mit Roadmovie-Motiven mischt. Beide mittel­langen Werke vereint das unter­grün­dige Sujet des ‘Desperate Housewife’, verzwei­felter, nicht mehr ganz junger Frauen, sozusagen erwachsen gewor­dener Fräulein Elses – und weil beides von Regis­seu­rinnen stammt, muss man vermuten, dass hier auch eigene Ängste vor Liebes­schmerz und weib­li­cher Abhän­gig­keit in Männer­welten verar­beitet werden. So oder so waren das zwei heraus­ra­gende filmische Visi­ten­karten – wieder einmal erweist sich Saar­brü­cken jenseits aller Jury­ge­schmä­cker als beste, verläss­lichste Talent­schmiede und Nach­wuchs­schau des deutschen Films.

+ + +

Mittel­lange Filme sind Spiel­filme im Kleinen – abge­speckt, oft konz­en­trierter, verdich­teter, als die 80+X-Minuten-Filme, von denen jeder zweite zu lang geraten ist.

Ein grund­sät­z­li­ches Problem des dies­jäh­rigen Wett­be­werbs liegt woanders: Saar­brü­cken ist ein zu gutes und zu wichtiges Festival, als dass man Love Steaks, der bereits vor sieben Monaten in München vier Preise gewann und weitere danach, hier noch einmal zusammen mit neuen Filmen nach­spielen sollte – mit dem Verzicht auf Erst­auf­füh­rung tut sich dieses ansonsten tolle Festival einen Bären­dienst an.
Sonst sieht man dann immer wieder den gleichen Film, die gleichen Preise.
Eine weitere Beob­ach­tung: Berliner Schule ist out! Kein einziger Film im Wett­be­werb lernt auch nur annähernd beim Stil der Berliner. Ob das gut ist? Warten wir’s ab. Allemal gibt es dann nun bald auch die billige Ausrede des Berliner-Schule-Bashings nicht mehr. Und die entschei­dende Frage ist natürlich: Wo wenn nicht dort, liegt denn dann die Zukunft des deutschen Kinos?

+ + +

Wie Love Steaks soll auch HIGH PERFORMANCE impro­vi­siert wirken, ohne es zu sein, nimmt sich im Vergleich aber weit weniger ernst.

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Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste ist wirklich impro­vi­siert. Ein merk­wür­diger Film, der auch nicht unbedingt zwei Preise hätte gewinnen müssen, aber immer anregend ist. Am Anfang bekommt man einen Schreck, weil man Minuten lang Leuten zusieht, die schlecht aussehen und sich schlecht benehmen, einander nur anschreien. »Lustig, lustig« signa­li­siert die Musik – so was ist auch immer kein gutes Zeichen.

Es ist dann so ein Film, in dem Filme­ma­cher beim Festival in Cannes einen Film über das Festival gedreht haben – ein gefähr­li­ches Unter­fangen, dem man nicht deshalb schon alles verzeiht, weil es wahn­sinnig anar­chis­tisch tut, und viel­leicht sogar ist. Denn wie auch immer sieht man schon nach fünf Minuten Agnes Varda, ohne das der Film irgendwas draus macht – soviel Mut hatten sie dann doch nicht. Als ob die Filme­ma­cher nicht wussten, wer das da ist. Was sie natürlich wussten. So sehen wir einen Film, der in jedem Sinn sehr sehr deutsch ist, und vor allem deshalb inter­es­sant, weil er unbewusst vor allem von dem Problem­feld »Deutsche und die Filmwelt« erzählt, und alle Komplexe enthält, die Deutsche gegenüber Cannes immer noch haben. Am besten funk­tio­niert dies dennoch als ungelenke Hommage AN DAS MEKKA DES KINO. Und natürlich dieses ewige Klischee von den Ober­fläch­lich­keiten der Filmwelt, auf dem hier endlos herum­ge­ritten wird.
>Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste macht sich über den Glamour von Cannes lustig und zehrt doch von ihm.

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Alles bleibt chaotisch und ziemlich Hand­ar­beit, erinnert darin an Muxmäu­schen­still, der irgendwie ganz gut war und irgendwie von Anfang an über­schätzt, auch so ein Ex-Saar­brü­ckener one-hit-wonder, von dem man später nie wieder was gehört hat.

+ + +

Ich finde, es reicht jetzt mit Love Steaks! Ich finde diesen Erfolg über­trieben. Extrem über­trieben und in der Summe ungerecht. Das sind zu viele Preise und zu viel Preisgeld im Vergleich zur Qualität des Films und im Vergleich ungerecht gegenüber denen, die da leer ausgehen, oder auch gegenüber einem Film wie OH BOY, der sehr viel mehr filmische Qualitäten hat.
Ich geb’s zu: Ich verstehe nicht, warum Love Steaks einen derar­tigen Erfolg hat. Manche, man kann das nicht anders sagen, fallen da auf Effekte herein. Mein persön­li­cher Verdacht ist, dass Love Steaks deshalb so erfolg­reich ist, weil er die feuchten Träume aller Film­för­derer ebenso bedient, wie das Ressen­ti­ment ihrer Gegner. Denn dies ist ein Film, der kaum was kostet und viel Geld verdient. Das wollen Förderer. Und der diesen »einfach machen«-Gestus hat, den man sich immer wünscht, der Film­för­de­rung ignoriert.
Zugleich ist es so einer jener typischen Filme, in denen sich ein Festi­val­pu­blikum lustig macht über Leute, die unter ihnen stehen. Deutscher Humor.

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»Der Film stört keinen« sagt ein Freund, den ich nach einer Erklärung frage. Ich finde den Film nicht schlecht und in vielem ganz inter­es­sant: Unge­wöhn­liche Figuren, gutes Setting, spannende Machart, unver­kenn­bare Leiden­schaft. Ok. Was anderes muss man aber auch sagen: Ich hab ihn jetzt zweimal gesehen, und will ihn wirklich nicht zum dritten Mal gucken. Mir ist diese völlige, totale Abwe­sen­heit von Glamour fremd – dies ist einfach nicht die Art von Kino, die ich wirklich gern sehe, wegen der ich Film­kri­tiker geworden bin.

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Eine kurze knappe Bemerkung noch zur Entschei­dung des Bundes­ver­fas­sungs­ge­richts zur Film­för­de­rung gestern: Das Urteil ist gut und richtig, löst aber kein einziges Problem. Denn es bestätigt nur das Soli­da­rität­s­prinzip der Förderung und die Verant­wor­tung des Bundes, die dieser nicht wahrnimmt.
Der Verband der deutschen Film­kritik (VdFk) begrüßt in seiner Pres­se­er­klä­rung das Karls­ruher Urteil. »Soli­da­rität ist gerade in Kultur­fragen ein wichtiger Maßstab. Es kann nicht sein, dass sich wenige reiche und mächtige Unter­nehmen aus der Soli­dar­ge­mein­schaft des Kinos verab­schieden.« erklärt Frédéric Jaeger vom VdFk.
Klar ist uns allen ab er auch, dass diese positive Nachricht nicht von den bekannten vorhan­denen Miss­ständen ablenken darf. Vor allem die Position der Autoren und Regis­seure muss jetzt gestärkt werden, ebenso die Position der Produk­ti­ons­un­ter­nehmen gegenüber den Verwer­tern. Allen Ebenen muss auch die Unab­hän­gig­keit des Kinos gegenüber der Einfluss­nahme des Fern­se­hens gestärkt werden. Die im europäi­schen Vergleich einmalige Umklam­me­rung des Kinos durch das Fernsehen muss ein Ende haben.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 79: Mas que nada – die Kunst der Maskerade

Otto Gebühr in der Rolle Friedrich des Großen

Der Schau­spieler denkt, die Rolle lenkt: Aneig­nungen, Abgren­zungen, Verschmel­zungen – wenn Schau­spieler unter die Haut von Promi­nenten schlüpfen – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 79. Folge

Bevor wir uns heute mal komplett der Kunst des Schau­spiels zuwenden, ist ein drin­gender Hinweis nötig: Auf die Howard Hawks Retro­spek­tive, die noch bis zum 30. Januar im Berliner Arsenal zu sehen ist. Wem der Weg zu weit ist, dem empfehlen wir den Gang zur Videothek. Denn bei Hawks kann man auch viel über Schau­spiel­füh­rung lernen. Und das ist unser Thema.
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Der Mensch ist das nach­ah­mende Tier. Auch wenn Forschungen längst belegt haben, dass Nach­ah­mung bei Tieren nicht vorkommt, gilt weiterhin: Das »Nachäffen« wird Kindern schon verboten, die Schau­spieler müssen es im Fall des Falles mühsam lernen. Ihnen zu Hilfe kommt die Masken­kunst, neuer­dings auch Compu­ter­technik. Der Mensch also – ein masken­bil­dender Affe?
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Der Mensch, schrieb der protes­tan­ti­sche Pfarrer Johann Caspar Lavater im 18. Jahr­hun­dert in seinen »Physio­gno­mi­schen Frag­menten«, bestehe aus Ober­fläche und Inhalt. Das Äußere sei aller­dings nichts als der Ausdruck des Innern. Auch wenn Lavater diese Grund­an­nahme dann zu einer eher schlichten Moral­theorie weiter­ent­wi­ckelte, die allzug­rad­linig vom »Häss­li­chen« aufs »Böse« schloss, lohnt es sich, einen Moment bei ihr zu verweilen.
Nicht nur enthält sie implizit eine frühe Theorie des »Method Acting« – die hat Lavaters Schema nur umgedreht, und demzu­folge mehreren Schau­spiel­er­ge­ne­ra­tionen weis­ge­macht, um einen Charakter wirklich gut spielen zu können, müsse auch der Darsteller selbst sich in ihn verwan­deln, müsse er die Leiden, die Traumata oder das Glück seiner Figur selbst empfinden und also weniger »spielen« als »sein«. Das ging in der Praxis dann bekannt­lich bis zu körper­li­chen Entstel­lungen: Fress- oder Abnehmor­gien, antrai­nierte Muskeln und abtrai­niertes Fett schinden bei Schau­spiel­preis­jurys bis heute oft mehr Eindruck, als Nuancen und Subti­litäten. Weiterlesen

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Da steht er, der Schau­spieler, mit feuer­rotem Kunst­stoff über größeren Partien seines Kopfes. Auch der Anzug, den er trägt, ist knallrot, bis auf die dicken Werbe­banner, auf denen »Ferrari« zu lesen ist, und das gelb­schwarze Wappen der italie­ni­schen Autofirma. Sein Unter­kiefer ist leicht zurück­ge­zogen, so dass die Schnei­de­zähne auch zu ahnen sind, wenn er nicht spricht. Und wenn er es tut, dann ist es ein leicht ätzender, unver­kennbar niederös­ter­rei­chi­scher Dialekt, der in knappen Sätzen, langsam und doch stoßweise seine schmalen Lippen verlässt – das muss einfach Niki Lauda sein, denkt man; es ist aber dann doch Daniel Brühl in einem eindrucks­vollen Auftritt in der Rolle der »Formel 1«- Legende in Ron Howards RUSH, der im letzten Herbst ins Kino kam.
Schau­spiel­kunst, das ist unter anderem die Kunst des Typischen und des Typi­sie­rens – und gerade wo sie mit der Nach­ah­mung einer allgemein bekannten, medial präsenten Person verbunden ist, ist es auch die Kunst der Reduktion auf ganz wenige Gesten und Eigen­schaften. Es geht um schnelle, eindeu­tige Wieder­er­kenn­bar­keit, um Verschmel­zung mit dem Vorbild.

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Mehr denn je ist Schau­spiel­kunst heute aber auch die Kunst der Maske. Viel­leicht liegt es am schieren tech­ni­schen Fort­schritt, der das Handwerk des Masken­bild­ners zunehmend in eine Gesichts­chir­urgie zweiter Ordnung verwan­delt, in plas­ti­sches Design, unter­s­tützt noch durch die neuen Möglich­keiten der compu­ter­gra­phi­schen Mani­pu­la­tion von Bildern. Das Kino, das einst als Medium der Wahr­haf­tig­keit, der »Errettung der äußeren Wirk­lich­keit« (Siegfried Kracauer) antrat, ist dies allein schon längst nicht mehr – es ist ebenso das Medium ihrer Verän­de­rung, der Vortäu­schung einer anderen, zweiten Welt.
Viel­leicht liegt es auch am »Visual Turn«, an der schieren Menge der Bilder, ihrer Dauer­prä­senz und am quali­ta­tiven Bedeu­tungs­zu­wachs, den man ihnen zuspricht. Dem Publikum, das am Ende ja zumeist weiß, dass es nicht der Promi­nente Y ist, sondern der Schau­spieler X, der da als Y auf der Leinwand zu sehen ist, möchte trotzdem das X für ein Y vorge­macht bekommen, und das immer perfekter.
Obwohl zum Beispiel jeder deutsche Zuschauer weiß, wie Adolf Hitler aussah, obwohl man auch ohne eigene Bemühung bewegten Bildern und Tonauf­nahmen des deutschen Diktators und Völker­mör­ders begegnet, und obwohl die aller­meisten Besucher von Dani Levys Komödie Mein Führer vermut­lich auch eine recht genaue Vorstel­lung des Komikers Helge Schneider hatten, war dessen Auftritt in der
Titel­rolle ganz und gar von der Maske und dem – allzu! – erkenn­baren Streben nach äußer­li­cher Ähnlich­keit dominiert.
So sehr diese äußer­li­chen Ähnlich­keiten immer verblüf­fender werden, so sehr gilt, dass es mit ihr allein und der reinen Maske trotzdem nicht getan ist. Erinnern wir uns an Meryl Streeps gefei­erten Auftritt in der Rolle der Margaret Thatcher. So sehr Streep mit Maske und Kostüm sich dem Vorbild auch annäherte – der Eindruck eines großen Auftritts und der großen Ähnlich­keit mit ihrem Vorbild entstand durch etwas anderes: Es war die Stimme und es waren die Bewe­gungs­ab­läufe, durch die Streep mit der ehema­ligen briti­schen Premier­mi­nis­terin nahezu voll­kom­menen zu verschmelzen schien.
Der Auftritt Brühls als Lauda ist übrigens eher die Ausnahme von der Regel, weil es einen noch Lebenden betrifft, und er in das Paradoxon mündet, dass der Darge­stellte die Darstel­lung nun wieder seiner­seits im Vorfeld des Film­starts kommen­tiert und das geneigte Publikum darüber infor­miert, inwiefern er sich getroffen fühlt.

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Allemal ist schon die Maske als solche ein höchst doppel­sin­niges wider­sprüch­li­ches Ding, und die ursprüng­liche Vorstel­lung von Maske und Maskerade hat sich stark gewandelt: Waren Masken von der Antike bis in die frühe Neuzeit ursprüng­lich noch Mittel zur Stili­sie­rung, also des oben erwähnten Typi­sie­rens, zeigten sie als ins Stereo­type zuge­spitzte Ausdrucks­formen Tempe­ra­mente und Gefühls­zus­tände – zum Beispiel Freude, Trauer, Wut, Gelas­sen­heit –, war ihr Zweck also vor allem die Reduktion von Indi­vi­dua­lität, deren Sitz tradi­tio­nell im Gesicht ange­nommen wurde, so dienen moderne Masken, also Make-Up und plas­ti­sche Verän­de­rungen des Gesichts vor allem zur Stei­ge­rung und Heraus­ar­bei­tung des Indi­vi­du­ellen einer Rollen­figur.

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Warum aber nun die Faszi­na­tion der Zuschauer für die Darstel­lung Promi­nenter? Es ist die Lust an der perfekten Nach­ah­mung und die Lust am Voyeu­rismus. Auch die berühmte, durch Medien und Wissen­schaft längst »abge­deckte« Person, soll durch den Auftritt als Haupt­figur eines Kino­spiel­films und durch einen promi­nenten Schau­spieler, der sie »verkör­pert«, noch einmal anders, nämlich als Indi­vi­duum und vor allem »als Mensch« wahr­ge­nommen werden; es soll ihre den Medien geschul­dete Entrückt­heit reduziert, sie soll »dem Publikum nahe­ge­bracht« und ihr Charisma verall­täg­licht werden – selbst wenn es sich um so ein moralisch-poli­ti­sches Monster handelt, wie Hitler, dessen Darstel­lung durch Bruno Ganz in Der Untergang von Produk­tion und Werbe­kam­pagne offensiv mit der Fest­stel­lung vermarktet wurde, hier nun sei endlich »Hitler als Mensch« zu sehen. Der Spielfilm als imaginäre Home-Story.
Wenn ein Darsteller sich auf eine solche Rolle einlässt, kommt es zwischen beiden zu wider­strei­tenden Anzie­hungs- und Abstoßungs­be­we­gungen, die beide Teile nicht unberührt lassen. Drei Fragen stellen sich in so einem Fall immer wieder: Was macht dies mit der Figur, also mit dem, der darge­stellt wird? Was macht es mit dem, der sie darstellt? Und was macht es mit uns, dem Publikum?
Die Rede ist hier zwangs­läufig nur von solchen Promi­nenten, die im Bild­ge­dächtnis des Publikums gut genug verankert sind, so gut, dass es eine deutliche und präzise Vorstel­lung vom Aussehen des Vorbilds hat. Das können auch Personen längst vergan­gener Jahr­hun­derte sein – etwa der britische König Heinrich VIII., der in zahl­rei­chen Gemälden des 16. Jahr­hun­derts visuell verewigt worden ist. An diese knüpften auch sämtliche Kino­dar­stel­lungen an, von Charles Laughton bis Richard Burton bewegen sie sich in einem relativ eng defi­nierten Bild- und Darstel­lungs­rahmen. Für Heinrichs Tochter, die »Virgin Queen« Elizabeth I. gilt das viel weniger, was nicht zuletzt daran liegt, dass es von ihr viel weniger Bild­ma­te­rial gibt, und diese Vorlagen in sich viel unpräziser, und schlechter im breiten Bild­ge­dächtnis verankert sind. So sieht der Zuschauer viel eher Elisabeth Taylor oder Cate Blanchet als Königin Elizabeth.

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Das eigent­liche Problem, aber auch Reiz und Faszi­na­tion der Aneignung stellt sich natur­gemäß vor allem bei modernen Vorbil­dern, deren sinnliche Erschei­nung durch Photo­gra­phie, Film und Tonauf­nahmen recht präzis fest­ge­halten und ein Vergleich zwischen echt und unecht jederzeit leicht möglich ist. Katja Flint als Marlene Dietrich (Marlene) schei­terte zwischen
Tingel­tangel und Grande Dame vor allem am über­großen Vorbild. Leonardo di Caprio als Aviator Howard Hughes hat es leicht, weil man vom Vorbild zu wenig Bilder kennt; von di Caprio als J. Edgar Hoover in Clint Eastwoods Biopic bleibt unter lauter Maske, die sein Spiel wie plumpes Grimas­sieren, die Mimik wie Char­gieren wirken lässt, nicht viel mehr übrig als ein grotesker Gesamt­ein­druck, gele­gent­lich unter­bro­chen von einer tatsäch­lich sensiblen Sprache der Augen. Ansonsten dominiert die Maskerade, und entwi­ckelt ihren Eigensinn. Der Schau­spieler denkt, die Rolle lenkt.
In solchen Auftritten kehrt das Masken­hafte in seiner ursprüng­li­chen Bedeutung zurück, die Maske löst sich vom Gesicht.

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Gerade unsym­pa­thi­sche, »böse« und furcht­bare Figuren machen die fürs Spiel notwen­dige Aneignung schwer, und oft ist hier etwas von der Spannung des Schau­spie­lers zwischen Wider­willen und Faszi­na­tion erkennbar.

Bruno Ganz als Hitler sieht insgesamt viel zu gut aus, vergli­chen mit dem verknif­fenen Ausdruck des licht­scheuen Klein­bür­gers im Führ­er­bunker; sein Mund ist groß und breit, vergli­chen mit dem kleinen des Diktators. Ganz verwan­delt den Schurken in einen Kranken: Man sieht einen, der zunehmend den Kontakt zur Realität verliert, keinen, der fort­wäh­rend mordet, und bald schleicht sich Empathie, irgend­wann Mitleid in die Betrach­tung ein. Der Hitler Tobias Morettis – in Speer Und Er – dagegen hat zwar in der Sprache Hitlers authen­ti­sche öster­rei­chi­sche Färbung, ist aber in seiner ganzen übrigen Anmutung, seinen Wiener Schmäh, zu sehr ein schmie­riger Goss­enkomö­diant, eher ein Ferdinand Marian (den Moretti in Roehlers Jud Süss hervor­ra­gend verkör­perte), um das dämo­ni­sche Charisma des Führers und Reichs­kan­z­lers auf dem Gipfel seiner Macht zum Ausdruck zu bringen. Wie dieser ist auch der Hitler Martin Wuttkes zu kräftig, zu körper­lich in-sich-ruhend, um die Nervo­sität, die Ange­spannt­heit und das gleichz­eitig Schlaffe, Teigige der sehr spezi­ellen Körper­lich­keit Hitlers zu fassen – allen diesen Hitler-Darstel­lungen fehlt es am Entschei­denden: Ihnen gelingt es nicht, ein Gefühl dafür zu wecken, wie dieser Mann ein ganzes Volk in seinen Bann ziehen und zur Aufgabe aller zivi­li­sa­to­ri­schen Hemmungen verführen konnte. Je näher man eine Gestalt wie Hitler anschaut, desto ferner blickt sie zurück.
Am ehesten »funk­tio­niert« in dieser Hinsicht immer noch Chaplins Grosser Diktator, doch auch die Karikatur ist nur eine andere Form des Auswei­chens vor dem Gegen­stand. Doch immerhin die Dämonie, das Böse bleibt hier gesichert – darum zeigt auch Fritz Lang in seinem harten Film Noir über das Attentat auf Heydrich Hangmen Also Die! (»Auch Henker sterben«) gerade die Nazi-Größen, wo sie einen Namen und ein reales Vorbild haben, als Witz­fi­guren.
Eine andere Form der Distan­zie­rung und der Vermei­dung gewisser Stereo­typen wählte Todd Haynes: In seinem Bob-Dylan-Biopic I’m Not There ließ er die Haupt­figur abwech­selnd von nicht weniger als sechs verschie­denen Darstel­lern verkör­pern. Die sechs Figuren stehen für sechs Facetten sowie Lebens­phasen Dylans, für seine gewis­ser­maßen multiple Persön­lich­keit.

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Ein anderes Phänomen: Dass Schau­spieler und Rolle verschmelzen. Bekann­testes Beispiel: Otto Gebühr, der die Rolle des »Alten Fritz« Friedrich II. von Preußen seit 1923 in den folgenden Dekaden über zwanzig Mal spielte. In der ständigen Ausstel­lung des Frank­furter Film­mu­seums ist Gebührs verblüf­fende Verwand­lung schritt­weise darge­stellt – das Ergebnis wird zur Ikone des deutschen Kinos. Das liegt auch daran, dass sich der Schau­spieler bereits an einer ikoni­schen Darstel­lung orien­tierte: An Adolph Menzels verklä­rendem Bilder­zy­klus, gipfelnd im Flöten­kon­zert Von Sanssouci, dessen Nach­drucke zwischen Reichs­grün­dung und Stunde Null in keinem bürger­li­chen Wohn­zimmer fehlten. Der Preußen­my­thos, den bereits Menzel begründet, wird also von Gebühr gewis­ser­maßen verdop­pelt. Gebühr und Menzels Friedrich und das reale Vorbild verschmelzen sich zu einer Figur, deren einzelne Elemente unun­ter­scheidbar geworden sind.
Wenn dagegen Tom Cruise in der Rolle des Hitler-Atten­tä­ters Claus Graf Schenk zu Stauf­fen­berg zu sehen ist, dann leiht der Darsteller sein als Action­held erwor­benes Glamour-Kapital, sein Charisma dem neuen Objekt, das politisch nicht völlig unum­stritten ist, zudem in der Realität körper­lich schwer­be­hin­dert war. Plötzlich ist Stauf­fen­berg selbst ein Action­held – mochte er auch in Wirk­lich­keit geschei­tert sein.

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Eine weitere Art von Verschmel­zung ergibt sich dann, wenn ein bekannter Schau­spieler nach­ein­ander zwei ähnlich gelagerte Rollen spielt, dann verbinden sich diese Figuren selbst. So geschehen in den Auftritten von Sebastian Koch, der zunächst 2003 als Stauf­fen­berg, dann nur knapp zwei Jahre später in Speer Und Er als Albert Speer zu sehen war – also als eine NS-Größe, der für sich selbst im Prozess und seinen Memoiren zwar Schuld einge­standen, zugleich innere Reserven und gewisse Wider­stands­hand­lungen in Anspruch genommen hätte. Darin ist er Stauf­fen­berg bei genauerer Betrach­tung gar nicht unähnlich – es sei denn, man konz­en­triert sich ausschließ­lich auf dessen letzte Lebens­phase, in der er zum Wider­stand gehörte, und blendet alles Vorherige aus.
In der Entschei­dung des Regis­seurs Heinrich Breloer, ausge­rechnet den – seinerzeit – bekann­testen Stauf­fen­berg-Darsteller für die Rolle des Speer zu verpflichten, liegt bereits eine Inter­pre­ta­tion dieser Rolle. Und Koch gab das seinige dazu, um hier – gefähr­liche? faszi­nie­rende? – Nähen zu behaupten.

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Die drei Fragen, was die Darstel­lung einer promi­nenten Figur mit Darsteller, Darge­stelltem und mit dem Publikum macht, erhalten also die immer­gleiche Antwort: Es entsteht ein Hybrid, ein Misch­wesen, das sich von dem ablöst, was ihm zugrunde liegt, und doch auf es rückwirkt. Hitler wird man nach Bruno Ganz immer nur so sehen, das sein Bild in sich auch einen kleinen Anteil Bruno Ganz trägt, so wie zuvor schon einen Anteil Chaplin – umgekehrt gibt es einen Bruno Ganz vor und einen nach dem Der Untergang.

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Es gibt aber noch eine ganz andere Art des Spiels, eine, die versucht, sich jeder schlichten Maskerade und Nach­ah­mung zu entziehen. Man könnte von Allegorie sprechen, oder von einer Charak­ter­maske – gemeint ist ein Typi­sieren und Ausdrü­cken jenseits aller Nach­ah­mung, das viel näher an der Idee der Inter­pre­ta­tion einer Figur, ihrer Deutung ange­sie­delt ist, als dort, wo es vor allem um äußer­liche Über­ein­stim­mungen geht. Barbara Sukowa als Hannah Arendt in Marga­rethe von Trottas Film gelingt so etwas. Schon äußerlich, aber auch in ihrer Stimme weit entfernt vom histo­ri­schen Vorbild, führt ihr Auftritt gar nicht erst dazu, fort­wäh­rend Vergleiche zwischen beidem anzu­stellen, und sich damit von dem abzu­lenken, wovon der Film eigent­lich erzählen möchte.
Der immer gleichen Frage, ob es nun das wahre Gesicht sei, das einem hier begegnet, oder das falsche, entkommt auch dieser Film nicht. Die schöne Lüge der Schau­spie­lerei ist erst recht eine Grat­wan­de­rung, wo ihr eine Wahrheit zugrunde liegt. Doch signa­li­siert von Trottas Film wie schon ihre früheren Biopics, dass die Regis­seurin um den Eigensinn dieses Genres und der Kino­re­pro­duk­tion von Realität genau weiß: Jede Nach­ah­mung hat ihre Grenzen, und jeder Film hat etwas jenseits der Nach­ah­mung. Die Begriffe, die hier de facto verhan­delt werden, sind klassisch seit der Kunst­theorie Vasaris: Statt der Nach­ah­mung einer vorge­ge­benen Wirk­lich­keit (mimesis) soll die Versinn­bild­li­chung eines ideellen Gehalts (idea) erreicht werden. Doch das Kino, und das belegt von Trottas Film recht gut, fügt dem noch eine dritte Dimension hinzu: Wie das Bild der Malerei zeigt sich auch das Filmbild als wider­s­tändig gegen die Aufgabe der reinen Abbildung – sei es nun die der Realität oder die einer Idealität.
Die Bilder zeigen immer auch etwas Neues, etwas, das vorher und so noch nie zu sehen war. Sie reprä­sen­tieren nicht, sondern sie präsen­tieren. Und so lugt noch unter der dicksten Maske der Schau­spieler hervor, unter der Mimesis die Aura.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 78: Figg Disch Vörderunck!

Fack Ju Göhte

Warum Edgar Reitz die Film­för­de­rung abschaffen will, die Perver­tie­rung der Kultur­po­litik und unsere Liebe zur Kontroll­ge­sell­schaft – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 78. Folge

Fack ju Göhte wurde bisher von knapp 5.5 Millionen Zuschauern gesehen. Gefördert wurde der Film von den verschie­denen Insti­tuten der deutschen Film­för­de­rung mit mindes­tens 2,6 Millionen Euro – also etwas mehr als 50 Cent pro zahlendem Zuschauer. Diese Förder­gelder setzen sich folgen­der­maßen zusammen: 900.000 Euro vom DFFF (Deutscher Film­för­der­fonds), 800.000 Euro vom FFF (Film Fernseh Fonds Bayern), 650.000 Euro vom Medien­board Berlin-Bran­den­burg, 300.000 Euro von der FFA (Film­för­der­an­stalt), sowie weiteren 200.000 Euro Verleih­för­de­rung von der FFA und weiteren 150.000 Euro FFF-Geldern, ebenfalls als Verleihf örderung.
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Man braucht nicht viel Einfüh­lungs­ver­mögen, um darauf zu tippen, dass sich die deutsche Film­för­de­rung die Tatsache, dass Bora Dagtekins Film bisher fast 5.5 Millionen Besucher bekam, als einen Erfolg ihres Wirkens zurechnen dürfte. Schließ­lich gilt Fack ju Göhte als »erfolg­reichster Film« des Jahres 2013, und bei dieser enormen Summe hat die Film­för­de­rung dieses Ergebnis in gewisser Weise überhaupt erst möglich gemacht.
Genau genommen aller­dings handelt es sich bei diesem Ergebnis eher um die endgül­tige Perver­tie­rung dieser Förderung – denn schließ­lich wurde das, was wir bislang noch »die deutsche Film­för­de­rung« nennen, obwohl sie diesen Namen von Tag zu Tag weniger verdient, vor rund 50 Jahren einmal gegründet, um dem Kommer­zkino ein kultu­relles Gegen­ge­wicht an die Seite zu stellen. Weiterlesen

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Die Behaup­tung des »erfolg­reichsten Films« kann man schnell vom Tisch wischen. Fack ju Göhte ist keines­wegs der erfolg­reichste Film des Jahres. Wir müssen mal mit der Legende aufhören, dass ein Film, der nominell die meisten Zuschauer hat, auch auto­ma­tisch der erfolg­reichste Film sei. Das ist falsch, und wir meinen hier nur wirt­schaft­liche Kriterien – von Kunst und Kultur ist vorläufig nicht die Rede. Aber gerade streng ökono­misch betrachtet muss man danach fragen, wie hoch der Etat einer Produk­tion war, wie viel Zuschauer also pro einge­set­ztem Euro erwirt­schaftet wurden? Und wie hoch die Förder­summen waren? Wie hoch der Marke­tin­getat? Und natürlich von wem das Geld kam – ob also ein Produzent überhaupt ein bisschen eigenes Geld riskiert hat, oder er nur das anderer Geldgeber ausge­geben hat. Man könnte über statt­fin­dende oder fehlende Rück­zah­lungen von Förder­gel­dern reden – bei denen es sich ja theo­re­tisch nur um Darlehen handelt. Aber auch ganz offiziell werden keine zehn Prozent dieser Darlehen zurück­ge­zahlt, inof­fi­ziell liegen die Angaben bei unter vier Prozent. es handelt sich also in Wahrheit gar nicht um Darlehen, sondern um versteckte und kulturell ummän­telte Subven­tionen.

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Damit man das hier nicht falsch versteht: Nichts gegen Subven­tionen! Wenn mit offenen Karten gespielt wird, wenn die Bedin­gungen klar und die Verga­be­formen fair sind. Wenn Wirt­schafts- und Stand­ort­sub­ven­tionen auch so heißen und Kultur­för­de­rung auch der Kultur gilt. Womit wir fast bei der Kultur sind. Aber noch nicht ganz: Denn die wich­tigste Frage nach wirt­schaft­li­chem Erfolg lautet: Wie viele Zuschauer hat ein Film im Verhältnis zur Zahl seiner Film­ko­pien und zur Größe der Kinos, in denen er gezeigt wird. Wie ausge­lastet sind die Säle? Auch da würde Fack ju Göhte aber vermut­lich recht gut abschneiden.
Darum kommen wir jetzt endlich zur Kultur.

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Längst kapi­tu­liert die Film­för­de­rung vor dem Druck der Märkte. Ihrer Aufgabe, der Kunst und dem Kino, das es an der Kasse schwer hat, Möglich­keiten zu schaffen, wird sie kaum noch gerecht.
Ein Film, der nach eigener Defi­ni­tion niemals Kunst sein will, der nichts ist als Ware, darf auch keinen Zugriff auf Kunst­för­der­töpfe haben.
Ein Film, der nie auf einem Film­kunst­fes­tival wie der Berlinale laufen könnte, muss nicht 2,6 Millionen Förder­gelder bekommen – und damit natürlich das Geld anderen, besseren Filmen entziehen.
So perver­tiert Kultur­po­litik sich selber. Dringend müssten alle, die sich fürs Kino inter­es­sieren, alter­na­tive Förder­mo­delle entwi­ckeln. Das Beispiel anderer Länder lehrt viel. Zum Thema machen müssen wir aber endlich auch die Rolle des Publikums. Denn es ist ja nicht zu bestreiten, dass über 5 Millionen in Fack ju Göhte gehen. Aber nicht weil der Film gut ist, sondern weil die Leute keinen Geschmack haben. Weil dieser Geschmack syste­ma­tisch verbildet oder gar nicht erst gebildet wird.

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Das beste Beispiel für diese These ist das deutsche Feuilleton, vor allem in den soge­nannten »Qualitäts­z­ei­tungen«: Dort wurde Fack ju Göhte zum Filmstart weit­ge­hend ignoriert. Dann kommt der Erfolg und plötzlich müssen sich alle klugen Köpfe volksnahe geben, und »das Phänomen erklären«, sprich den Leuten nicht etwa die Frage stellen, ob sie irgendein Kriterium für Qualität im Hirn haben, sondern ihnen beflissen nach dem Mund reden und zum Berlin-Mitte-Party­ge­spräch die Begrün­dung nach­lie­fern, warum man den Schwach­sinn gut finden darf. Wo solche Texte erscheinen, schafft sich »Qualitäts­jour­na­lismus« selbst ab – und wir werden ihn nicht vermissen.

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Der Münchner Regisseur Edgar Reitz, Schöpfer des HEIMAT-Epos und einer der Grün­der­väter des exis­tie­renden Film­för­der­mo­dells, hat aus den schlechten Erfah­rungen längst eine klare Konse­quenz gezogen: Im WDR-Gespräch plädierte er kurz vor Weih­nachten dafür, die Förderung in der jetzigen Form einfach ersatzlos abzu­schaffen: »Ich glaube, dass sich der deutsche Film eman­zi­pieren muss von den Geld­quellen des Fern­se­hens.
Ich glaube, dass eine Gene­ra­tion von Filme­ma­chern heran­wachsen muss, die den Mut und die Kraft hat, ohne das Geld des Fern­se­hens Filme zu machen. Man muss auch in der Film­po­litik lernen, die Weichen richtig zu stellen. Das gesamte Förder­system in Deutsch­land könnte einen guten deutschen Film auf die Beine stellen, wenn künst­le­ri­sche Entwick­lung das Ziel wäre – das ist überhaupt nicht der Fall. Es wäre ein neues Ober­hausen fällig, dass die Eman­zi­pa­tion des Kinos von den Abhän­gig­keiten des Fern­se­hens ebenso fordert wie von den Förder­sys­temen, sofern sie nicht die Filmkunst wollen. … Jetzt sitze ich vor einem 25-jährigen Redakteur, und muss jede Einstel­lung begründen, als hätte ich in meinem Leben noch nie Filme gemacht.«

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Ein anderer Text hat eine ähnliche Tendenz: Produzent Martin Hagemann schrieb ihn bereits Anfang Dezember in der Frank­furter Rundschau: Unter dem Titel »Kommerz und Kunst – nur nichts dazwi­schen« macht auch Hagemann die Macht des Fern­se­hens und die Anfang der 60er begrün­dete Film­för­de­rung für die Misere verant­wort­lich. Hagemanns diffe­ren­zierter Text macht auf viele wichtige Aspekte aufmerksam und lohnt die Lektüre. Mehr dazu demnächst.

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Neues aus der Kontroll­ge­sell­schaft: Kurz nach Silvester plädierte Silke Giebel, eine Poli­ti­kerin der GRÜNEN für ein Recht auf böller­freies Silvester. Böllern solle nur noch auf klar umgren­zten Flächen statt­finden. Gewiss wäre das für Kinder und Haustiere eine sehr nützliche Sache, weil sie dann nicht zur Stunde Null ängstlich unter dem Sofa kauern müssen. Genauso nützlich wie Vege­ta­rismus und Alko­hol­ver­zicht, wie das Rauch­verbot und Radfahr­helme. Aller­dings hat der Helm dann Michael Schuh­ma­cher genauso wenig genutzt, wie Angela Merkel ihre Body­guards. Woraus die Gesund­heits­po­li­zisten der puri­ta­ni­schen Mehr­heits­ge­sell­schaft bestimmt nur den Schluß ziehen, Skifahren und Langlauf überhaupt zu verbieten – ist ja auch besser für die Land­schaft. Man könnte umgekehrt auch sagen: »No risk, no fun«. Eigent­lich weiß jeder, dass Lebens­freude auch immer Gefahren birgt. Nur, wer auch mal was riskiert, statt alles immer nur ängstlich zu vermeiden, nimmt am Leben richtig teil. Der Fall Schuh­ma­cher beweist nur, dass es kein gelun­genes Leben ohne Risiko gibt, dass das unaus­ge­spro­chene Projekt der zeit­genös­si­sche Gesell­schaft, sich und ungefragt auch allen anderen mit allen erdenk­li­chen Mitteln jede Gefahr vom Leib zu halten, zum scheitern verur­teilt ist. Dass wir sterben müssen. Und dass es für die Gesell­schaft wie für den Einzelnen besser ist, zumindest in gewissen Maßen und immer mal wieder gefähr­lich und risi­ko­reich zu leben. Übrigens nicht nur für die Gesell­schaft und den Einzelnen, sondern auch für die Kunst.

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»Das was leicht ist, ist sehr häufig falsch und führt nicht in die Zukunft. Dieje­nigen, die mir den Weg leicht bereiten, sind nicht unbedingt meine Freunde. Sondern sie locken mich viel­leicht dahin, wo sie mich gerne hätten.«
Edgar Reitz

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»Vinegar Syndrome« – das klingt niedlich-neckisch. Ab und an tauchte diese Rede vom »Essig-Syndrom« zuletzt in Diskus­si­ons­runden auf, zum Beispiel im Frank­furter Kunst­verein, in denen es um den Zustand des Filmerbes ging.
Gar nicht niedlich sind aber die nackten Fakten: Alles Essig! könnte man sagen – die deutschen Behörden, auch das sonst zu Recht so gelobte BKM gehen mit dem Film-Erbe nicht gerade sehr gut um. Während Frank­reich für die Digi­ta­li­sie­rung und Umko­pie­rung seines Film-Erbes in einem Zeitraum von 6 Jahren 400 Millionen Euro bereit­stellt, sind es in Deutsch­land gerade mal 2 Millionen jährlich für ein paar bekannte Filmtitel. Wenn die Politik diesen gras­sie­renden Zerfall unseres Film-Erbes weiter ignoriert, müssen wir in den kommenden Jahren mit dem Verlust der meisten Filme rechnen. Um den abzu­wenden, gibt es eine Petition, auf die wir an dieser Stelle bereits aufmerksam gemacht haben. Sie fordert eine Zusam­men­ar­beit von Bund und Ländern und aller Archive.
Zusammen mit vielen Kollegen und Verbänden, darunter dem Verband der Film­kritik [www.vdfk.de] möchte ich hiermit alle Leser auffor­dern, zu unterz­eichnen.
Hier noch einmal die Links:
https://epeti­tionen.bundestag.de/content/peti­tionen/_2013/_11/_26/Petition_47385.html
http://filmerbe-in-gefahr.de/page.php?0,512,

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»Bildung schadet nicht«
Aby Warburg

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Ergebnis der Hoffnungsschimmerumfrage: Wie fair waren die Produktionen 2013?

Vom 1. bis 31. Dezember waren alle crew united Member aufgerufen, die Fairness Ihrer Produktionen 2013 zu bewerten. Hier das Ergebnis, wobei nur Produktionen berücksichtigt werden, bei denen mindestens 15 Beteiligte abgestimmt haben:

Note    Titel Sparte Ausführende Produktion
1.29 Rico, Oskar und die Tieferschatten   NOMINIERT Kinospielfilm Lieblingsfilm GmbH
1.31 Polizeiruf 110 – Liebeswahn   NOMINIERT TV-Film (Reihe) filmpool fiction GmbH
1.38 Die Gruberin   NOMINIERT TV-Film die film gmbh
1.48 Buddy   NOMINIERT Kinospielfilm herbx film- und fernsehproduktion GmbH
1.50 Im Schleudergang (Folge 7-12) TV-Serie Infafilm GmbH Manfred Korytowski
1.50 Schoßgebete Kinospielfilm Little Shark Entertainment GmbH
1.50 Dyslexie (aka. Analphabetismus) TV-Film Tellux Film GmbH
1.54 Wer hat Angst vorm weißen Mann? TV-Film die film gmbh
1.63 SOKO Stuttgart (Folge 96-120) TV-Serie Bavaria Fernsehproduktion GmbH
1.63 Mara und der Feuerbringer Kinospielfilm Rat Pack Filmproduktion GmbH
1.75 Charleen macht Schluss Kinospielfilm IMBISSFILM Stehle & Rehbock GmbH & Co. KG
1.76 Die Rosenheim-Cops (Folge 276-305) TV-Serie Bavaria Fernsehproduktion GmbH
1.85 Die Vampirschwestern 2 und das große Herzflattern Kinospielfilm Claussen+Wöbke+Putz Filmproduktion GmbH
1.85 Der Koch Kinospielfilm Senator Film Köln GmbH
1.91 Als wir träumten Kinospielfilm Rommel Film e.K.
1.94 SOKO Wismar TV-Serie Cinecentrum Berlin Film- und Fernsehproduktion GmbH
1.95 Bornholmer Straße TV-Film UFA FICTION GmbH
2.00 Polizeiruf 110 – Familiensache TV-Film (Reihe) filmpool fiction GmbH
2.00 The Cut Kinospielfilm bombero international GmbH & Co KG
2.00 Vaterfreuden Kinospielfilm Pantaleon Films GmbH
2.00 Lichtjahre Kinospielfilm Heimatfilm GmbH + Co KG
2.00 Die Pfefferkörner (Folge 118-130) TV-Serie Studio Hamburg FilmProduktion GmbH
2.06 Nicht mein Tag Kinospielfilm Westside Filmproduktion GmbH
2.06 Die Bücherdiebin Kinospielfilm Zwanzigste Babelsberg Film GmbH
2.08 Die Einsamkeit des Killers vor dem Schuss Kinospielfilm HUPE Film- und Fernsehproduktion, Brauer Roelly Winker GbR
2.08 Freundinnen TV-Film Neue Bioskop Television GmbH
2.12 The Voices Kinospielfilm Vertigo Entertainment [us]
2.12 Herzensbrecher – Vater von vier Söhnen (Folge 1-10) TV-Serie ITV Studios Germany GmbH
2.17 Let’s go TV-Film Eikon Süd GmbH
2.17 Stereo (aka. Schatten) Kinospielfilm Frisbeefilms GmbH & Co KG
2.17 Mona kriegt ein Baby TV-Film Ninety-Minute Film GmbH
2.19 The Monuments Men Kinospielfilm Zweiundzwanzigste Babelsberg Film GmbH
2.22 Die goldene Gans TV-Film Kinderfilm
2.23 Der Fall Ritter TV-Film FFP New Media
2.24 Landauer TV-Film Zeitsprung Pictures GmbH
2.25 Doc meets Dorf (Folge 5-8) TV-Serie teamWorx Television & Film GmbH
2.26 Die Chefin (Folge 9-16) TV-Serie NETWORK MOVIE Film- und Fernsehproduktion GmbH & Co. KG.
2.33 Irre sind männlich (aka. Die Therapie Crasher) Kinospielfilm Chestnut Films GmbH & Co.KG
2.35 The Business Trip Kinospielfilm Vierundzwanzigste Babelsberg Film GmbH
2.36 Tatort – Mord auf Langeoog TV-Film (Reihe) Wüste Medien GmbH
2.38 SOKO Köln TV-Serie NETWORK MOVIE Film- und Fernsehproduktion GmbH & Co. KG.
2.38 Bibi & Tina Kinospielfilm DCM Productions GmbH
2.40 WhoAmI Kinospielfilm Wiedemann & Berg Film GmbH & Co. KG
2.42 Zwischen Welten Kinospielfilm Independent Artists Filmproduktion
2.48 The Grand Budapest Hotel Kinospielfilm Neunzehnte Babelsberg Film GmbH
2.50 Der Kriminalist (Folge 55-62) TV-Serie Monaco Film GmbH
2.53 Saphirblau Kinospielfilm Lieblingsfilm GmbH
2.57 Coming In Kinospielfilm Summerstorm Entertainment GmbH
2.59 In aller Freundschaft TV-Serie Saxonia Media Filmproduktionsgesellschaft mbH
2.62 Ein Schnitzel für alle TV-Film Colonia Media Filmproduktion GmbH
2.64 Notruf Hafenkante TV-Serie Studio Hamburg FilmProduktion GmbH
2.65 V8 – Die Rache der Nitros Kinospielfilm Rat Pack Filmproduktion GmbH
2.67 Männerhort Kinospielfilm die film gmbh
2.67 Heldt (Folge 7-18) TV-Serie Sony Pictures Film und Fernseh Produktions GmbH
2.69 Tatort – Kalter Engel TV-Film (Reihe) FFP New Media
2.71 Tatort – Großer Schwarzer Vogel TV-Film (Reihe) Ziegler Film GmbH & Co. KG
2.72 SOKO Leipzig TV-Serie UFA Fernsehproduktion GmbH
2.73 Die Kanzlei (vormals Der Dicke) TV-Serie Studio Hamburg FilmProduktion GmbH
2.78 Fack Ju Göhte Kinospielfilm Rat Pack Filmproduktion GmbH
2.83 Beste Bescherung TV-Film Roxy Film GmbH
2.92 Heiter bis tödlich – Alles Klara (Folge 22-35) TV-Serie ndF – neue deutsche Filmgesellschaft mbH
2.92 Heiter bis tödlich – Akte Ex (Folge 9-16) TV-Serie Saxonia Media Filmproduktionsgesellschaft mbH
2.92 Tatort – Kopfgeld TV-Film (Reihe) Constantin Television GmbH
2.92 Hin und weg Kinospielfilm Majestic Filmproduktion GmbH
2.92 Sils Maria Kinospielfilm CG Cinéma SA [fr]
2.93 Die Auserwählten TV-Film ndF – neue deutsche Filmgesellschaft mbH
3.00 Beauty and the Beast / La belle & la bête Kinospielfilm Eskwad [fr]
3.00 Heiter bis tödlich – München 7 (Folge 17-25) TV-Serie Akzente Film- und Fernsehproduktion GmbH
3.00 Die Familiendetektivin (Folge 1-10) TV-Serie Bavaria Fernsehproduktion GmbH
3.05 Wir sind jung. Wir sind stark. Kinospielfilm teamWorx Television & Film GmbH
3.07 Im Labyrinth Kinospielfilm Claussen+Wöbke+Putz Filmproduktion GmbH
3.08 Konrad & Katharina TV-Film Ziegler Film GmbH & Co. KG
3.16 Alarm für Cobra 11 – Die Autobahnpolizei TV-Serie action concept Film- und Stuntproduktion GmbH
3.32 Ich und Kaminski Kinospielfilm X Filme Creative Pool GmbH
3.33 Alles auf Anfang TV-Film Ninety-Minute Film GmbH
3.38 SOKO 5113 (Folge 510-534) TV-Serie UFA Fernsehproduktion GmbH
3.44 Letzte Spur Berlin (Folge 12-18) TV-Serie Novafilm Fernsehproduktion GmbH
3.50 Dora Heldt – Unzertrennlich TV-Film (Reihe) M.I.M. made in munich movies GmbH
3.87 Dessau Dancers Kinospielfilm Boogiefilm
3.90 Freistatt Kinospielfilm Zum Goldenen Lamm Filmproduktion GmbH & Co.Kg
4.00 Da muss Mann durch Kinospielfilm NFP
4.08 Letzte Spur Berlin (Folge 19-30) TV-Serie Novafilm Fernsehproduktion GmbH
4.15 Kückückskind TV-Film Dor Film Köln GmbH
4.77 LenaLove Kinospielfilm Rafkin Film Produktion GmbH
5.00 Rockabilly Requiem Kinospielfilm Neue Mira Filmproduktion GmbH

Alle Mitarbeiter der 4 nominierten Produktionen werden von Die Filmschaffenden – Bundesvereinigung der Filmschaffenden-Verbände e.V. nochmals befragt, um die diesjährige Gewinnerproduktion zu ermitteln.

Der Gewinnerproduktion und allen daran beteiligten Mitarbeitern wird die Auszeichnung während der Berlinale am 8. Februar 2014 in einem Festakt überreicht.  In der Laudatio durch den Schauspieler Dietrich Mattausch wird die Idee dieses Awards noch einmal dargestellt, und die individuellen Gegebenheiten der ausgezeichneten Produktion werden hervorgehoben.

Die Bewertungskriterien waren:

Arbeitszeiten und Arbeitsschutz
Die Arbeits-, Pausen, -Ruhe und Reisezeiten werden team- und familienfreundlich gestaltet. Das Arbeitszeitgesetz, die Regelungen der Tarifverträge zur Arbeitszeit und die Arbeitsschutzgesetze und -Vorschriften werden eingehalten.

Vertrag, Gagen und Entgelte
Der Vertrag wird rechtzeitig und persönlich verhandelt und die wichtigsten Eckdaten werden umgehend schriftlich (Dealmemo) festgehalten und ausgehändigt. Der endgültige Arbeitsvertrag liegt möglichst noch vor Arbeitsbeginn vor. Es werden mindestens Tarifgagen gezahlt, die tarifvertraglichen Regelungen werden als Mindeststandards eingehalten. Leistungen von Freischaffenden, Dienstleistern und Filmschaffenden, für deren Beruf es noch keinen Gagentarifvertrag gibt, werden nach branchenüblichen Standards entlohnt. Kreativität wird angemessen vergütet. Urheber- und Leistungsschutzrechte bleiben gewahrt. Gagen und Entgelte werden pünktlich ausgezahlt.

Kommunikation und Arbeitsklima
Das Arbeitsklima ist geprägt von der gemeinsamen Anstrengung, das bestmögliche Ergebnis zu erreichen. Die Kommunikation zwischen Gewerken und Hierarchien ist ergebnisorientiert, gewaltfrei, offen, motivierend, respektvoll, funktional und strukturiert. Jeder Projektbeteiligte trägt seinen “wichtigen” Teil zum Ganzen bei und wird dafür wertgeschätzt. Eine angemessene Versorgung mit Essen, Trinken, evtl. Wärmekleidung, Schutzkleidung usw. wird unaufgefordert gewährleistet.

Professionalität
Das Filmprojekt wird unter Berücksichtigung der finanziellen, organisatorischen und gesetzlichen Möglichkeiten und Grenzen fachmännisch geplant, vorbereitet, gestaltet und durchgeführt. Dazu kommt professionelles Personal zum Einsatz, reguläre Positionen werden nicht durch Praktikanten besetzt.

Konflikte
Konflikte werden zeitnah, direkt und zielorientiert im Sinne des Projekts gelöst. Entscheidungen, die das gesamte Team betreffen (z.B. unerwarteter Überstundenfall) werden nicht nur mit Teilen des Teams besprochen.

Gleichbehandlung
Projektpersonal, Dienstleister und weitere Ressourcen werden nach Qualifikation und ökonomischer Notwendigkeit ausgewählt und eingesetzt. Eine Diskriminierung aufgrund Herkunft, Geschlecht, Sexualität oder Religion findet nicht statt.

 

 

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Das deutsche Kino ist in der Krise

Erfolgreichster deutscher Film 2013: Fack ju Göhte. Foto: Constantin Film

Kommerz und Kunst – nur nichts dazwischen. Das deutsche Kino ist in der Krise. Die Filmproduzenten sind gegenüber den Verwertern im Nachteil, die Filmförderung liegt im Argen.

Der Kinofilm ist zweierlei: ein wirtschaftliches und ein kulturelles, manchmal sogar künstlerisches Gut. Beide Seiten sind dabei nicht voneinander zu trennen – ob der hohen Produktionskosten und der im Erfolgsfall möglichen weitreichenden gesellschaftlichen Wirkung.
Zum Ende des Jahres sorgt der phänomenale Erfolg von „Fack Ju Göhte“ dafür, dass der Marktanteil des deutschen Films in diesem Jahr sich wieder über 20 Prozent einpendeln wird, nachdem er 2012 unter diese Marke gerutscht war. Auf der anderen Seite der Medaille glänzt die „Berliner Schule“ – sie wurde gerade im Museum of Modern Art in New York mit einer kleinen Werkschau geehrt. Es scheint alles gut zu laufen beim deutschen Film, die Kasse stimmt und höhere Weihen wurden in dem Tempel der Kunst der Moderne empfangen. Und doch lenken gerade diese Erfolge umso mehr den Blick auf die Krise des deutschen Films.

Es fehlt an regelmäßigen guten Produktionen
Es fehlen in Deutschland seit langem Spielfilme, die sich zwischen den Polen von wirtschaftlicher und kultureller Ausrichtung positionieren. Es fehlt an regelmäßigen guten und erfolgreichen Filmproduktionen, die an einem Begriff von Film festhalten, der populär und anspruchsvoll zugleich ist. Die dafür dringend benötigten filmischen Geschichtenerzähler arbeiten in der Regel für das Fernsehen. Dort sind sie finanziell noch einigermaßen ausreichend ausgestattet, müssen aber lernen, mit den eher dürftigen inhaltlichen Ansprüchen klar zu kommen. Da die derzeit in den USA, Großbritannien oder Skandinavien blühende Serienform in Deutschland inhaltlich wie ökonomisch komplett unterentwickelt ist, bleibt den kreativen Urhebern und Produzenten in der Regel nur der Brotjob beim TV. Die Arbeit am Kinofilm ist für die meisten in der Branche zu einem gelegentlich stattfindenden nostalgischen Ausflug geworden, den man sich ab und zu leisten kann. Weiterlesen

Signal der Krise: Überproduktion

Ein weiteres Signal der Krise ist die Anzahl der deutschen Kinofilmpremieren. 220 deutsche Kinofilme in 2012, das kann nur noch als Überproduktionskrise bezeichnet werden, in der sich die Filme im Kampf um die Aufmerksamkeit der Zuschauer kannibalisieren. Verschärft wird die Krise in nächster Zukunft auch durch die Überalterung der Kinobetreiber, da diese in der Regel keine Nachfolger für ihren Betrieb mehr finden. Viele brauchen ihr Kino, bzw. ihre Immobilie aber auch als Rentenversicherung, die demnächst eingelöst werden muss.

Damit einher geht die Unfähigkeit der Verleiher und der Kinobetreiber, die Chancen der neuen technologischen Möglichkeiten rund ums Internet zu erkennen, geschweige denn für den deutschen Kinofilm zu nutzen. Aber fatalster Ausdruck der „inneren Krise“ der deutschen Kinofilmbranche ist die fehlende Bereitschaft, das eigene filmische Erbe zu bewahren, welches in häufig ungeeigneten Lagern, auf sich selbst zersetzenden Trägermaterialien vor sich hin gammelt.

Wenig Chancen für die Produzenten

In der Öffentlichkeit wird die Filmindustrie gemeinhin mit den Produzentinnen und Produzenten identifiziert, die neben den Autoren und Regisseuren für die Erfolge, sei es im kommerziellen, sei es im kulturellen Feld sorgen. Aber was sind eigentlich Produzenten? Das Klischee lautet: Sie haben das Geld, um Filme zu entwickeln, anzuschieben, Finanziers zu überzeugen, um dann Filme zu produzieren und auszuwerten – und werden damit schließlich reich. Doch das Gegenteil ist der Fall, niemand in der Branche heute hat weniger Möglichkeiten und Einfluss, niemand ist abhängiger von den Verwertern, den Förderern und dem Fernsehen als die unabhängigen deutschen Kinofilmproduzenten. Es ist schon erstaunlich, mit welcher Energie aus Idealismus und Durchhaltewillen sich Produzentinnen und Produzenten in Deutschland gegen die künstlerische und ökonomische Krise stemmen, obwohl sie die Krise des deutschen Films zuletzt zu verantworten haben.

Lena Schoemann und Christian Becker von Rat Pack zusammen mit Martin Moszkowicz vom Constantin Verleih in München haben es geschafft, Bora Dagtekins Komödie „Fack ju Göhte“ mit großem Cross-over-Potential zu produzieren – mit verdientem Kassenerfolg. Auf der anderen Seite haben Florian Koerner und sein Partner Michael Weber von Schramm Film ihren Regisseurinnen und Regisseuren der „Berliner Schule“ zwei Jahrzehnte lang kontinuierlich zur Seite gestanden und ihnen so eine künstlerische Karriere durch alle Höhen und Tiefen ermöglicht. Die Krise des deutschen Films wird nicht von den Produzenten verantwortet. Es ist eine Krise der Produktion und ihrer Finanzierungsstrukturen. Die Anfänge dieser Krise liegen inzwischen Jahrzehnte zurück.

Die Krise begann um 1960

Nach dem letzten großen Einschnitt der Kinofilmgeschichte in den 50er und 60er Jahren durch die flächendeckende Verbreitung des Fernsehens, waren es junge Filmemacher, die mit ihrer Forderung nach öffentlicher Förderung für künstlerische, kulturell bedeutsame Filme den Weg bereiteten für ein System der Kinofilmförderung, wie es die Produzentinnen und Produzenten heute gleichermaßen trägt wie belastet.

Das deutsche Förderwesen von Bund und Ländern hat, auch mit Hilfe der Filmbranche selber, ein System etabliert, in dem die Gewinne erfolgreicher Filme auf der Seite der Verwerter realisiert werden: der Kinos, Verleiher und der DVD-Vertriebe. Die Produzenten machen in der Regel auch bei erfolgreichen Kinofilmen wenig Gewinn. Ein Grund dafür: die stark gestiegenen Herausbringungs- und Werbekosten, die von den Verwertern investiert werden. Während dieses Investment aus dem Produzentenanteil aus den Erlösen zurückverdient wird, erhalten Kinos, Verleiher und DVD-Vertriebe schon einen Großteil als Honorar – bevor der Produzent noch alle Kosten zurückgezahlt hat.

Verwerter verdienen mehr als Produzenten

Die Verwerter haben in der Regel schon sechsstellige Beträge verdient, bevor der Produzent sein Investment zurückbekommt, geschweige denn Gewinne macht.

Diese Struktur, in der die Verluste auf Seiten der Produzenten und der Förderinstitutionen bleiben, und Gewinne von den Verwertern, den „middle men“ privatisiert werden, hat sich in den letzten 40 Jahren in den deutschen Filmfördergesetzen und Richtlinien entwickelt und verfestigt. So hat sich eine Branche von den Füßen auf den Kopf gestellt, in der erfolgreiche Filme Geld für die Verwerter einbringen, während die unabhängigen Produzenten entkapitalisiert wurden.

Wenn aber Produzenten heute nur noch von der Herstellung der Filme und nicht von ihrer Auswertung leben können, werden sie zu Auftragsproduzenten der Verleiher und Verwerter, ähnlich wie in der Fernsehproduktion, bei der in der Regel alle Rechte an den Sender abgegeben werden und fest vereinbarte, erfolgsunabhängige Honorare den einzigen Erlös der Produzenten ausmachen.

Dabei kann man als Auftragsproduzent, was tragisch ist, nur erfolgreich sein, wenn man während der Herstellung des Films soviel wie möglich aus dem Budget zurückzuhalten versucht und den Film so letztlich schlechter macht. Gute Produzenten dagegen würden investieren, um den Film so erfolgversprechend wie eben möglich zu produzieren, damit er am Markt mehr Chancen hat und Gewinne macht. Was aber sinnlos ist, wenn man an diesen Gewinnen niemals oder viel zu selten partizipiert? Zweite Konsequenz ist, dass der Auftragsproduzent schnell merkt, dass er mit zwei hergestellten Filmen mehr verdient als mit einem, egal wie gut oder wie schlecht beide sind. Dies ist der wahre Grund für die Überproduktionskrise.

International keine besonders bedeutsame Rolle

Die Hälfte der sechshundert Millionen Umsatz innerhalb der deutschen Kinofilmproduktion wird heute in einem Prozent der deutschen Produktionsfirmen bewegt, während 83 Prozent der Produktionsfirmen nur für acht Prozent des Umsatzes verantwortlich sind. Da es aber diese Firmen sind, die eher kulturell und künstlerisch orientierte Filme entwickeln und ermöglichen, steht es um den künstlerischen Film in Deutschland schlecht.

Verglichen mit dem künstlerischen Output nicht nur in Frankreich, sondern auch mit wesentlich kleineren Ländern wie z.B. Österreich und Dänemark, spielt der deutsche Film international keine besonders bedeutsame Rolle mehr auf den wichtigen Filmfestivals oder gar in internationalen Märkten.

Wenig Hoffnung auf Änderung gibt es deshalb, weil die Situation der deutschen Filmwirtschaft mit ihren veralteten Förderungs- und TV-Strukturen kaum Experimente zulässt – Innovationen bleiben damit aus. Und da die interessanteren, herausfordernden Filme fehlen, ist sie das Publikum auch nicht mehr gewöhnt: Gute Angebote nimmt es automatisch ab einem bestimmten „Point of no return“ gar nicht mehr an. Die Flops bestätigen dann wiederum die kritische Haltung der „Old-school“-Industrie gegenüber experimentelleren, herausfordernden Stoffen. Ein Teufelskreis.

Wo bleiben die guten Filme?

Die Kinos sind nun alle technisch digitalisiert, aber von einer interessanteren, intelligenteren, vielfältigeren Programmierung, die jetzt möglich wäre, kann nicht die Rede sein. Internet-streaming und Video on Demand werden nicht genutzt. Lieber versuchen Kinobetreiber und Verwerter mit dem Förder-Business-Modell noch eine Weile risikolos gut zu verdienen.

Dazu klammern sie sich so lange wie möglich an die alten Sperrfristen für die verschiedenen, langsam verschwindenden Auswertungsstufen. So werden sie wohl das jüngere Publikum an Internetportale wie netflix und Co. verlieren.

Kurzfristige Abhilfe könnte nur eine Trennung der kulturell-künstlerischen Förderung von der wirtschaftlichen Förderung bringen. Für die künstlerischen und kulturellen Filme müssen andere Finanzierungs- und Verwertungsstrukturen entwickelt werden, die dann eine bessere ökonomische Situation der Produzenten und Kreativen dieser Filme, sowie einen direkteren Zugang zum Publikum ermöglichen. Allerdings müssten dazu Kriterien eines kulturell und künstlerisch erfolgreichen Films entwickelt werden, denen sich diejenigen stellen müssten, die diese Filme inszenieren und produzieren.

Erst wenn die Kreativen und Produzenten dabei nicht von Gremien und Redaktionen abhängig sind und die Entscheidung und das Risiko der Stoffauswahl selbst tragen, hat der deutsche Film auch beim Publikum und den internationalen Festivals wieder eine Chance. Weil ein solcher Film dann wieder etwas zu sagen hätte. Weil er riskanter wäre als alles, was man im Moment zu sehen bekommt im deutschen Kino. Und weil sich das Risiko wieder lohnen würde, abseits der nur-kommerziellen Strecke zu denken und zu produzieren.

Martin Hagemann ist Professor an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) „Konrad Wolf” in Potsdam. Er ist Produzent von etwa 30 Spiel- und Dokumentarfilmen.

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Rückstellungsvereinbarungen: An die Sozialversicherung gedacht?

IMG_1031Mit dem Artikel „Rückstellungsvereinbarungen in der Filmbranche“ stellte Unser Gastautor, Dr. Martin Gerecke, die rechtliche Situation von Rückstellungsverträgen dar und stellte fest, dass „die Rückstellung von Gagen in der Filmbranche ein gängiges Vergütungsmodell darstellen, bei dem Mitwirkende wie Darsteller oder Regisseure auf Teile ihrer garantierten Vergütung für einen gewissen Zeitraum verzichten, um so die Produktion in finanzieller Hinsicht zu entlasten. Der Erhalt der vollständigen Gage ist hierbei aufschiebend bedingt; die zwischen Filmschaffenden und Produzenten geschlossene Rückstellungsvereinbarung führt dazu, dass der Urheber oder der ausübende Künstler erst dann den Anspruch auf Teile seiner Festvergütung geltend machen kann, wenn gewisse Ereignisse oder Bedingungen eintreten, z. B. eine bestimmte Profitabilität der Produktion erreicht ist (in der Regel indiziert durch die Höhe der durch die Auswertung erzielten, realen Produzentennettoerlöse).“

Als Steuerberater stellt sich mir da die Frage, wie dieser Sachverhalt sozialversicherungs- und steuerrechtlich beurteilt wird. Weiterlesen

1. Sozialversicherungsrecht
a) Produktionsseite
Eine Anfrage bei der Abteilung „Grundsatz“ der Deutschen Rentenversicherung führt zu folgendem ernüchternden Ergebnis: „Wird laufendes Arbeitsentgelt, auf das der Arbeitnehmer aufgrund von Arbeitsleistung einen Anspruch hat, aus welchen Gründen auch immer, nicht oder nur teilweise gezahlt, hat dies keine Bedeutung für die Beiträge zur Sozialversicherung. Diese sind dennoch zu zahlen. Selbst wenn nach Jahren entschieden wird, dass das Arbeitsentgelt überhaupt nicht nachgezahlt wird, verbleibt es bei den Beiträgen. Im Sozialversicherungsrecht gilt der anerkannte Grundsatz, dass Versicherungsverhältnisse stets vorausschauend zu beurteilen sind und nachträglich nicht verändert werden dürfen. Die versicherungs- und beitragsrechtliche Beurteilung für die Vergangenheit kann insoweit rückwirkend nicht korrigiert werden.“

Beispiel:
Eine Filmproduktionsgesellschaft schließt mit dem Filmstab und den Schauspielern Rückstellungsverträge ab. Es wird vereinbart, dass die Gage gezahlt wird, soweit sich ein bestimmter Erfolg der Produktion einstellt. In den Rückstellungsverträgen ist die Gage mit einem Maximalbetrag festgelegt. Wirft die Produktion nicht genug ab, um den Filmstab vollständig zu bezahlen, soll prozentual ausgeschüttet werden.

Aufgrund des im Sozialversicherungsrecht geltenden Entstehungsprinzips wird zu dem Zeitpunkt, zu dem ein Anspruch auf Arbeitsentgelt entstanden ist (der Monat, in dem gedreht wurde), die Sozialversicherung auf den Maximalbetrag fällig. Die Beiträge sind von der Produktion anzumelden und abzuführen. Ob das in der Praxis tatsächlich so gehandhabt wird, kann in dem einen oder anderen Fall zumindest bezweifelt werden. Allerdings ist hier Vorsicht geboten! Denn der Arbeitgeber haftet nicht nur für die richtige Berechnung, sondern auch für die Abführung der Beiträge zur Sozialversicherung (§ 28e SGB IV). Ein Verstoß kann unter Umständen zu strafrechtlichen Sanktionen gegen den Arbeitgeber führen.

 Einfach gesagt: Die Beiträge zur Sozialversicherung müssen immer zum Zeitpunkt der geleisteten Arbeit abgeführt werden – auch für rückgestellte Gagen!

Die Gewissheit dieser Problematik könnte zu der Überlegung führen, die Maximalvergütung äußerst gering auszuweisen und zusätzlich einen Gewinnzuschlag o.ä. zu fixieren. Allerdings ist auch hier Vorsicht geboten, wie schon Herr Dr. Gerecke feststellte: „Im Falle der Tarifbindung beider Vertragsparteien darf die vereinbarte Gage die tarifliche Vergütung nicht unterschreiten. Für die vereinbarte Rückstellung bedeutet dies: der Anteil, der dem Vertragspartner ohne die Rückstellung als fixe, garantierte Zahlung verbleibt, darf nicht deutlich unter der tarifvertraglichen Mindestvergütung verbleiben“.

Einfach gesagt: Sobald der garantierte Teil der Gage in einem Rückstellungsvertrag deutlich unter der Tarifgage liegt, ist der Tatbestand der Sittenwidrigkeit wahrscheinlich erfüllt.

Soweit Vereinbarungen unter Tarif getroffen würden, ist der Sozialversicherungsbeitrag auf den gemäß Tarifvertrag festgelegten Wert zu berechnen. Denn in Anknüpfung an ein Urteil des Bundessozialgerichts ist der Prüfdienst der Deutschen Rentenversicherung dazu übergegangen, Beitragsleistungen nicht nur für die tatsächlich an den Arbeitnehmer ausgezahlten Entgeltleistungen zu verlangen, sondern auch für solche zusätzlichen Leistungen, auf die der Arbeitnehmer gegen seinen Arbeitgeber nach materiellem Recht einen Anspruch gehabt hätte. Der Arbeitnehmer hingegen zahlt aber nur seinen Arbeitnehmeranteil auf die tatsächlich gezahlte Gage. Der Mehrbeitrag, der sich durch Anwendung der Tarifgage ergibt, ist vom Arbeitgeber alleine zu tragen.

Einfach gesagt: Auch wenn weniger als die Tarifgage gezahlt wird, müssen die Sozialversicherungsbeiträge nach der vollen Tarifgage berechnet und abgeführt werden.

b) Arbeitnehmerseite
Beitragsschuldner des Gesamtsozialversicherungsbeitrages ist der Arbeitgeber. Er hat gegen den Arbeitnehmer einen Anspruch auf den Arbeitnehmerbeitragsanteil, der nur durch Abzug vom Arbeitsentgelt geltend gemacht werden kann. Wird das Arbeitsentgelt nachgezahlt, ist der Arbeitgeber dann auch zum Einbehalt des Arbeitnehmeranteils berechtigt. Wird kein Arbeitsengelt gezahlt, hat demnach der Arbeitnehmer auch keinen Anteil zu leisten sondern die Belastung bleibt beim Arbeitgeber.

Einfach gesagt: Der Arbeitgeber muss auch für die rückgestellte Gage die Sozialversicherungsbeiträge zum Zeitpunkt der Dreharbeiten abführen. Für den diesen Teil der Gage muss der Arbeitgeber aber auch den Arbeitnehmeranteil abführen. Kommt es zur späteren Auszahlung der Gage an den Arbeitnehmer, behält der Arbeitgeber den Sozialversicherungsanteil des Arbeitnehmers bei Auszahlung ein. 

2. Steuerrecht
Steuerrechtlich führen Rückstellungsvereinbarungen zu folgenden Ergebnissen:

a) Produktionsseite
Anders als im Sozialversicherungsrecht fällt Lohnsteuer für Arbeitnehmer erst im Zeitpunkt der Zahlung an. Insoweit hat die Produktion die Gagen erst bei Auszahlung in der Lohnsteueranmeldung zu berücksichtigen und an das Finanzamt abzuführen.

I. Bilanzierende Unternehmen
Es stellt sich allerdings die Frage, ob die Produktion die eventuell anstehende Auszahlung der Gagen im Rahmen der Bilanz, insbesondere als Rückstellung, zu berücksichtigen hat. Eine Berücksichtigung von Rückstellungen dient dem Zweck, künftige Ausgaben oder Verluste dem Wirtschaftsjahr der Verursachung zuzuordnen. Dabei ist noch nicht absehbar, ob und wenn ja, wann und in welcher Höhe zu zahlen ist.

Die Rückstellungsverträge in der Filmbranche sind unserer Meinung nach als Rückstellung für ungewisse Verbindlichkeiten zu interpretieren. Nach dem Handelsrecht sind solche Rückstellungen zwingend zu bilden. Anders sieht es hier allerdings im Steuerrecht aus, das mit § 5 Abs. 2a EStG Rückstellungen für ungewisse Verbindlichkeiten verbietet, soweit diese nur zu tilgen sind, soweit künftig Gewinne oder Einnahmen anfallen. Dies bedeutet, dass die Produktion handelsrechtlich eine entsprechende Rückstellung zu bilden hat, dies in der Steuerbilanz allerdings unterlassen muss. Es kommt somit zur Abweichung zwischen Steuer- und Handelsbilanz.

II. Unternehmen, die den Gewinn mit der Einnahmenüberschussrechnung ermitteln
Bei kleineren Produktionen, die ihren Gewinn anhand der Einnahmenüberschussrechnung ermitteln, ist das Zufluss-Abfluss-Prinzip zu berücksichtigen. Dies bedeutet, dass es erst mit Auszahlung der Gage zu einer Gewinnminderung kommt.

b) Empfängerseite
I. Einkünfte aus nichtselbständiger Tätigkeit
Ist die Gage als „Einnahmen aus nichtselbständiger Tätigkeit“ zu werten, erfolgt die Versteuerung erst mit Auszahlung der entsprechenden Gage. Eine rückgestellte Gage wird also erst mit der Auszahlung steuerlich relevant.

II. Einkünfte aus selbständiger Tätigkeit
Rechnet das Mitglied der Filmcrew mit Rechnung gegenüber der Produktion ab und ermittelt seinen Gewinn anhand der Einnahmenüberschussrechnung, kommt es ebenfalls erst mit der Bezahlung der Rechnung über den rückgestellten Betrag zur Versteuerung der Einnahmen.

3. Gesetzliche Unfallversicherung
Wie bei der Sozialversicherung wird auch bei der Unfallversicherung das Arbeitsentgelt berücksichtigt, auf welches ein Anspruch bestand bzw. eventuell besteht. Im Jahr des Drehs die Summe aus ausbezahltem und rückgestelltem Arbeitsentgelt zu melden und der Beitrag zur Berufsgenossenschaft zu entrichten.

Zu beachten ist, dass die Regelungen übrigens auch für NoBudetproduktionen  gelten, bei denen häufig 100% der Gage zurückgestellt werden. Somit sollte zumindest für die Beiträge zur Unfallversicherung und zur Sozialversicherung ein Budget vorhanden sein.  

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Hoffnungsschimmer – Wie fair waren die Produktionen 2013?

Die Produktionsbedingungen kann man nach Schulnoten anonym bewerten.

Ab sofort sind alle Filmschaffenden des Branchennetzwerks crew united aufgerufen, die Arbeits- und Produktionsbedingungen ihrer Produktionen 2013 bis zum 31.01.2013 zu bewerten. Jede Stimme zählt, denn ab diesem Jahr werden nicht nur die Nominierten und der Sieger veröffentlicht, sondern alle bewertete Produktionen. Die Gewinnerproduktion erhält den “Hoffnungsschimmer”, der bereits zum 4. Mal vergeben wird. Der Hoffnungsschimmer ist eine Veranstaltung der Bundesvereinigung der Filmschaffenden-Verbände in Kooperation mit crew united und German Film Commissions.

Nach Goethe! für das Jahr 2010 und Barbara für das Jahr 2011 hat die Produktion Polizeiruf 110 – Fischerkrieg den Hoffnungsschimmer 2012 erhalten. Weiterlesen

Die Bewertungskriterien für faire Arbeits- und Produktionsbedingungen sind:

Arbeitszeiten und Arbeitsschutz
Die Arbeits-, Pausen, -Ruhe und Reisezeiten werden team- und familienfreundlich
gestaltet. Das Arbeitszeitgesetz, die Regelungen der Tarifverträge zur
Arbeitszeit und die Arbeitsschutzgesetze und -Vorschriften werden eingehalten.

Vertrag, Gagen und Entgelte
Der Vertrag wird rechtzeitig und persönlich verhandelt und die wichtigsten
Eckdaten werden umgehend schriftlich (Dealmemo) festgehalten und ausgehändigt.
Der endgültige Arbeitsvertrag liegt möglichst noch vor Arbeitsbeginn vor.
Es werden mindestens Tarifgagen gezahlt, die tarifvertraglichen Regelungen
werden als Mindeststandards eingehalten. Leistungen von Freischaffenden,
Dienstleistern und Filmschaffenden, für deren Beruf es noch keinen
Gagentarifvertrag gibt, werden nach branchenüblichen Standards entlohnt.
Kreativität wird angemessen honoriert. Urheber- und Leistungsschutzrechte
bleiben gewahrt. Gagen und Entgelte werden pünktlich ausgezahlt.

Kommunikation und Arbeitsklima
Das Arbeitsklima ist geprägt von der gemeinsamen Anstrengung, das bestmögliche
Ergebnis zu erreichen. Die Kommunikation zwischen Gewerken und Hierarchien
ist ergebnisorientiert, gewaltfrei, offen, motivierend, respektvoll,
funktional und strukturiert. Jeder Projektbeteiligte trägt seinen “wichtigen”
Teil zum Ganzen bei und wird dafür wertgeschätzt. Eine angemessene Versorgung
mit Essen, Trinken, evtl. Wärmekleidung, Schutzkleidung usw. wird unaufgefordert
gewährleistet.

Professionalität
Das Filmprojekt wird unter Berücksichtigung der finanziellen, organisatorischen
und gesetzlichen Möglichkeiten und Grenzen fachmännisch geplant, vorbereitet,
gestaltet und durchgeführt. Dazu kommt professionelles Personal zum Einsatz,
reguläre Positionen werden nicht durch Praktikanten besetzt.

Konflikte
Konflikte werden zeitnah, direkt und zielorientiert im Sinne des Projekts
gelöst. Entscheidungen, die das gesamte Team betreffen (z.B. unerwarteter
Überstundenfall) werden nicht nur mit Teilen des Teams besprochen.

Gleichbehandlung
Projektpersonal, Dienstleister und weitere Ressourcen werden nach Qualifikation
und ökonomischer Notwendigkeit ausgewählt und eingesetzt. Eine Diskriminierung
aufgrund Herkunft, Geschlecht, Sexualität oder Religion findet nicht statt.

Die nominierten Produktionen und das Umfrageergebnis werden in der ersten Januarwoche bekanntgegeben.Der Gewinnerproduktion und allen daran beteiligten Mitarbeitern wird die Auszeichnung während der Berlinale am 8.2.2014 in einem Festakt überreicht. (Pressemitteilung)

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Auf einem Auge blind: Filmkritik ohne Bilder

Als wär’s ein Gemälde von Goya oder Lucian Freud: In „Paradies: Liebe“ sind Bezüge zur bildenden Kunst nicht zu übersehen. Es sei denn, die Filmkritik hat anderes im Blick. | Foto © Neue Visionen

Filmkritik ist wichtig, meint die MFG Filmförderung Baden-Württemberg. Weil sie im Idealfall Orientierung bietet und zu verstehen hilft, was man da gerade gesehen (oder übersehen) hat, oder gar wie das alles im großen Ganzen des wirklichen Lebens einzuordnen sei. Da gehen die Meinungen bekanntlich manchmal auseinander. Filmkritiker folgen mitunter auch ihrem Geschmack, ihren Vorlieben und dem Urteil bekannterer Kollegen, so dass man sich schon mal 124 Minuten lang prächtig langweilen kann, weil man gerade dem falschen Hype aufgesessen ist. Andererseits: Wer mag sich schon allein auf die Werbetextchen verlassen, die immer mehr Illustrierte von den Mitteilungen der Verleihfirmen abtippen und das dann Kinotip nennen? Weiterlesen

Also: „Die mediale Rezeption und journalistische Rezension von Filmen schafft jene Öffentlichkeit, die Voraussetzung dafür ist, die Filmtheater als Ort der Unterhaltung und der Kultur zu bewahren“, stellte die MFG fest, die gerade eine „Initiative zur Stärkung der deutschen Kinolandschaft“ startet – indem sie als „ersten Baustein“ einen Preis für Filmkritik schuf. Der wurde darum auch bedeutsam nach dem großen Filmtheoretiker Siegfried Kracauer benannt und am vorigen Samstag in Berlin verliehen.

Die Kritiker mag’s freuen – sie werden ja sonst oft genug ignoriert oder gar beschimpft, weil sie für das, was das Publikum sehen will, eh keinen Sinn hätten, meint mancher Filmemacher. Man erinnere sich an die aufgebrachten Diskussionen, als der Erfolgsproduzent Günter Rohrbach („Das Boot“) vor sechs Jahren im „Spiegel“ gegen diese „Autisten“ wetterte, „diese eitlen Selbstdarsteller, die über unseren Filmen ihre Pirouetten drehen“ und mit einem Satz die jahrelange Arbeit von Produzenten und Regisseuren, „so ihnen danach ist, in ein paar Stunden in den Boden stampfen.“

Der Filmjournalist Lars-Olav Beier rückte drei Wochen später an gleicher Stelle die Perspektive wieder zurecht: „Deutsche Filmemacher nehmen uns Kritiker oft viel wichtiger, als wir uns selbst nehmen.“ Kein Millionenerfolg sei durch schlechte Kritiken verhindert worden – „doch ich bin sogar froh, dass ich weit weniger Einfluss auf den Erfolg der Werke habe, die ich bespreche, als meine Kollegen von der Theater- oder Literaturkritik. Das gibt mir Freiheit und Unabhängigkeit.“

Soviel Gelassenheit teilt aber nicht jeder, wie zum einen die Diskussionen zeigten, zum anderen der Umstand, wie oft in jüngster Zeit die Kritikerzunft sich selbst in aller Öffentlichkeit über Sinn und Zweck ihres Treibens befragteauch anlässlich der Preisverleihung. Eine kleine Sehnsucht scheint die deutschen Filmkritiker wohl doch zu beseelen, etwas ernster genommen zu werden. Ihre Kollegen aus der Literaturbesprechung machen Quoten im Fernsehen, ein „cinastisches Quartett“ (wie das etwa der spanische Regisseur José Luis Garci in seinem Land jahrelang zur besten Sendezeit vollführen durfte) ist nicht in Sicht. Vielleicht ist Deutschland einfach kein Filmland.

Ob ausgerechnet ein Preis die fehlende Anerkennung wecken kann? Es schadet jedenfalls nicht, dass es ihn gibt – und gleich in zwei Kategorien. Zum einen als Stipendium für ein Vorhaben im kommenden Jahr: Mit monatlich 1.000 Euro ausgestattet, soll sich da ein Publizist hochwertiger Kritikerarbeit widmen können; als erster (aus 13 Bewerbern) Nino Klingler, der im kommenden Jahr neben seinen Rezensionen zwei kritische Essays zur Zukunft des Kinos schreiben will.

Zum anderen für die „Beste Filmkritik des Jahres 2013“, mit 3.000 Euro dotiert. Die Jury, die aus der Direktorin des Frankfurter Filmmuseums Claudia Dillmann, der Vision Kino-Geschäftsführerin Sarah Duve und dem Filmjournalisten Dominik Kamalzadeh bestand, traf ihre Wahl aus anonymisierten Texten. Und kam auf Cristina Nords Besprechung in der Tageszeitung vom 3. Januar 2013 über Ulrich Seidls Film „Paradies: Liebe“: Präzise tariere sie die Argumente aus, erklärte die Jury ihre Entscheidung, „um auf diese Weise der Wirkung und den Dynamiken eines Films näher zu kommen als mit einer unverrückbaren Position. Ohne die ästhetischen Qualitäten des Films kleinzureden, weist sie in ihrer Kritik mit Beharrlichkeit auf ungelöste Fragen in der Grundkonzeption der Arbeit hin.“

Das lobt die Kritikerin, ist insgesamt aber das Übliche, was gute Kritiken leisten. Wenn aber eigens ein Preis geschaffen wird, der erklärtermaßen als erster Baustein die Kinolandschaft stärken soll, darf man mehr erwarten als das Übliche. Einen neuen Blick aufs Kino, der eine neue Perspektive einnimmt. Die Masse der Filmkritiken aber scheint sich an der Schwesterdisziplin im Literaturressort zu orientieren, und es entsteht der Eindruck, als hätten alle Filmkritiker Geschichte oder Literaturwissenschaften studiert: Da dreht sich alles um Geschichte, Figuren, Botschaft … die eigentlichen Filmdisziplinen finden aber kaum statt. Kein Wunder also, wenn von den Filmgewerken (neben den allgegenwärtigen Schauspielern) bestenfalls noch Regie und Drehbuch Beachtung finden. Dabei sollte auch das Aufgabe der Kritik sein: zu erklären, auf welche Art und unter welchen Umständen und durch welche Leistungen ein Werk entsteht.

Würden Kunsthistoriker andere Kritiken schreiben? Jedenfalls erschöpfen sich Ausstellungskataloge nicht in der Beschreibung dessen, was da warum zu sehen und wie zu verstehen ist, sondern drehen sich regelmäßig auch um Bildgestaltung und Technik, Materialien und Arbeitsumstände. Dem Film, der zwischen diesen beiden Disziplinen erzählender und darstellender Kunst steht, fehlt diese Hälfte.

Auch dem preisgekrönten Beitrag, der in seiner Hälfte tatsächlich hervorragend ist, und wenigstens zaghafte Blicke aufs Bild wirft. Die ganze Kritik dreht sich um die Trennung zweier Lebenswelten, die auf mehreren Ebenen besteht. Dass dieses Thema auch visuell wiedergegeben wird; darauf geht nur diese Passage ein:

„In der spektakulären ersten Sequenz des Films steht sie vor der exotischen Dekoration eines Autoskooters, auf der Piste vergnügen sich ihre Schützlinge, Menschen mit Downsyndrom; die Kamera schaut von der Haube der Autoskooter in selige Gesichter.

Wenige Szenen später reist Teresa nach Kenia, an die Stelle der exotischen Kulisse im Autoskooter tritt also ein echter Palmenstrand, säuberlich aufgeteilt in einen Bereich, der zum Hotel gehört, und einen, den die Beach Boys besiedeln. Eine Kordel trennt die beiden Sphären; die Kameramänner Edward Lachmann und Wolfgang Thaler bringen diese Aufteilung mehrmals in sorgfältig komponierten Totalen zum Vorschein.“

Womit Nord wenigstens die Bildgestalter beim Namen nennt. Bei vielen ihrer Kollegen hätte wohl nur dieser Satz gestanden, der beim Leser den Eindruck erwecken könnte, der Regisseur habe mal wieder alles alleine gemacht: „Wenn Seidl einen Beach Boy anheuert und ihn mit halber Erektion filmt, verhält er sich dann nicht ähnlich wie die Freierinnen?“ Nun sei zwar Seidl tatsächlich sehr aktiv, wenn es um die Bildgestaltung geht, sagt Edward Lachman, aber auch darauf hätte man ja hinweisen können.

Leider keine Ausnahme in der deutschen Filmkritik, sondern die Regel, wenn überhaupt eine Bemerkung ans Bild verschwendet wird. Zu Alfonso Cuaróns neulich gestartetem Weltraum-Kammerspiel „Gravity“ etwa finden sich reihenweise Kritiken, die sich für die Bilder begeistern ohne den DoP Emmanuel Lubezki zu erwähnen. Weder die bekannten Kritiker der Feuilletons der großen Tageszeitungen, noch die klickstarken Kino-Plattformen. Wer ihn beim Namen nennt, sind allenfalls Blogger und Österreicher.

Dabei wurde doch gerade Nords Artikel in der Tageszeitung bildgewaltig präsentiert; aufgemacht mit einer Komposition aus dem Film, die so unterschrieben ist: „Als sei sie Goyas schöne Nackte: Margarete Tiesel als Teresa in ,Paradies: Liebe‘“. Doch dann kommt das Bild wieder zu kurz. Aus 951 Wörter besteht der Artikel. Gerade mal 23 Wörtern gehen auf die Arbeit der beiden Kameramänner ein – nur zwei weniger bekommt der Regisseur als Bildgestalter.

Der ausgezeichnete Beitrag könnte wenigstens ein Anfang sein. Doch bis die Filmkritik sich tatsächlich und eigentlich mit dem Film auseinandersetzt, ist der Weg noch weit.

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Verkannte Künste

Kein Geheimnis: „Paradies: Glaube“ erhält in drei Wochen den „Europäischen Filmpreis“ fürs beste Sounddesign. Auch fünf weitere Einzelleistungen wurden schon vorher verraten – angeblich ist das gut für die Filmkünste. | Foto © EFA

Der „Europäische Filmpreis“ wird zwar erst einen Tag nach Nikolaus verliehen, aber ein paar Gewinner kann man ja ruhig schon vorher verraten – würde ja sonst allzu spannend, die ganze Angelegenheit. Und außerdem geht’s hier um Gewerke, mit denen eh kaum einer was anfangen kann, mag sich die Europäische Filmakademie gedacht haben. Anders kann ich es mir einfach nicht erklären, warum sie schon Ende Oktober die Auszeichnungen für Kamera, Schnitt, Szenen- und Kostümbild, Filmmusik und Sounddesign bekannt gab – sechs Wochen vor der Preisgala am 7. Dezember in Berlin. Nur auf Regie, Drehbuch und Schauspiel dürfen wir weiterhin gespannt sein. Weiterlesen

Vielleicht ist es ja so gedacht: Dass Catherine Deneuve für ihr Lebenswerk geehrt wird und Pedro Almodóvar für seine Verdienste ums Weltkino, weiß ja auch schon jeder. Und da ist es doch schön, wenn den „sonstigen Kategorien“ (oder als was auch immer die Filmkünste abgetan werden) die gleiche Ehre widerfährt. Netter Gedanke, bloß rauschen die Meldungen über die beiden Prominenten selbstverständlich durch den echten wie virtuellen Blätterwald und machen Werbung für die Preisverleihung. Aber nach den sechs Einzelgewerken kann man sich die Finger vergeblich wund googeln – jedenfalls da, wo nicht nur ein Fachpublikum erreicht werden soll (und darf wetten, wer wohl bei der nachträglichen Fernsehübertragung der Gala so alles rausgeschnitten sein wird).

Dabei hatte doch die Akademie erst in diesem Jahr ihr Vergabeverfahren geändert, „um den Preisträgern dieser Kategorien eine größere Aufmerksamkeit zu geben.“ Und ich hatte mich da schon über die seltsame Verlautbarungspraxis gewundert. Zumal auch die neuen Regeln einer recht eigenen Logik folgen: Die Akademiemitglieder wählen die Preisträger nicht mehr direkt, sondern erstellen lediglich eine Auswahl, über die dann eine siebenköpfige Jury befindet. Immerhin vertreten drei dieser Juroren die entsprechenden Gewerke, die anderen vier sind Regisseure, Produzent und Festivalleiter.

Nun wollte ich mir ja gerne vorstellen, dass auch ein Filmkomponist gelegentlich zu Nadel und Faden greift und Kameraleute nach Feierabend in ihrem Tonstudio im Hobbykeller ausspannen, also sich so prima in den fremden Gewerken auskennen, dass sie die auch locker mal in der Produktion übernehmen könnten. Dann müsste ich mich aber fragen, warum es diese Gewerke überhaupt noch braucht. Oder warum nicht der Regisseur, der da fachkundig mitentscheidet, nicht gleich auch selber die Musik zu seinem Film schreibt und die Kamera macht …

Gibt’s ja tatsächlich, solche Universaltalente, und mir ist auch klar, dass ein erfahrener Regisseur und ein Produzent schon ganz gut einschätzen kann, was die anderen da so fabrizieren. Vom Fach sind sie trotzdem nicht. Und das mit dem Einschätzen gilt auch andersherum. Aber Regie, Drehbuch und Schauspiel werden nicht etwa von der selben Jury begutachtet, sondern weiterhin von allen Akademiemitgliedern gewählt. Der „Deutsche Filmpreis“ hat da ein anderes Verfahren, das die Filmkünste ernster nimmt: Eine Jury, in der alle Berufsgruppen vertreten sind, trifft aus den Einreichungen eine Auswahl, aus dieser bestimmen die Angehörigen der jeweiligen Berufsgruppen die Nominierungen, über die schließlich alle Akademiemitglieder abstimmen.

Die Konzentration auf eine kleine Jury birgt noch eine weitere Gefahr (die ich hier freilich nicht unterstellen will): Sitzt in der Runde zur Endauswahl bloß ein Experte eines Gewerks, ist es wahrscheinlich, dass der da seine persönlichen Vorlieben durchdrückt. Bei einem Szenenbildner etwa, der gerne auf dokumentarischen Realismus setzt, wird es eine opulente Ausstattungsorgie vermutlich schwer haben.

Wie eingehend auf europäischer Ebene diskutiert wurde, kann ich natürlich nicht sagen. Die Begründungen für die Preisvorgabe, aus denen die Akademie da (wohl, um den Preisträgern dieser Kategorien eine größere Aufmerksamkeit zu geben) nur Fragmente veröffentlicht hat, lassen nicht allzu tiefe Gedanken vermuten. Da lobt man eine „intuitive Kameraarbeit, die sowohl realistisch als auch poetisch ihre Charaktere“ beobachte, einen Schnitt, der „unzählige Bedeutungen innerhalb der Geschichte zuläßt“ oder ein Szenenbild, das „maßgeblich zu Handlung und Stil des Films“ beitrage. Wenn das mal keinen kontinentalen Preis wert ist! Nun denn – die diesjährigen Preisträger in den verkannten Filmkünsten:

Bildgestaltung: Asaf Sudry für „An ihrer Stelle“ (Israel).
Montage: Cristiano Travaglioli für „La grande bellezza – Die große Schönheit“ (Italien/Frankreich).
Szenenbild: Sarah Greenwood für „Anna Karenina“
(Großbritannien).
Kostüm: Paco Delgado für „Blancanieves“ (Spanien/Frankreich).
Musik: Ennio Morricone für „The Best Offer – Das höchste Gebot“ (Italien).
Sounddesign: Matz Müller und Erik Mischijew für „Paradies: Glaube“ (Österreich/Deutschland/Frankreich).

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Ein Kongress zum Filmemachen – neuer Versuch

Wenn die Kunst wichtiger wird als die Botschaft: Das Programm zur neuen „Biennale des bewegten Bildes“ ist so schön gestaltet, dass sich keiner mehr zurecht findet. | Screenshot

Genau zwei Jahre ist es her, dass in Frankfurt zum letzten Mal die „Edit“ tagte. Was viele nicht so schlimm fanden, weil sie die Bankenstadt eh nicht für einen Medienstandort hielten (was man bei drei Tageszeitungen, etlicher Magazine und Buchverlage, einem Fernseh- und mehreren Radiosendern an anderer Stelle auch mal diskutieren könnte), ich aber doch bisschen bedauerte. Weil, nach 13 Jahren, das „Filmmaker’s Festival“ endlich auf dem richtigen Weg schien, dieses Versprechen einzulösen: Ein Kongress der Filmkünste in ihrer gesamten Bandbreite – umfassender als die auf digitale Effekte und Postproduktion spezialisierte FMX, gründlicher und praxisnäher als die Medientage, die die „richtigen“ Medienstandorte alljährlich für viel Geld veranstalten, um vornehmlich doch nur Funktionäre und Theoretiker im luftleeren Raum über vermeintliche Trends diskutieren zu lassen. Kurz: Die Edit stellte am Ende etwas ziemlich Einzigartiges dar, nicht nur in Deutschland. Leider aber war sie glücklos: „Den Namen ,Edit‘ kannte kein Mensch“, klagte Kunstministerin Eva Kühne-Hörmann im vorigen Jahr. Vielleicht hätte die Veranstaltung ja nur noch ein paar Jahre gebraucht, wer weiß das schon. Doch jeder Jahrgang der Edit kostete rund eine Million Euro, die das Land Hessen zu gut drei Vierteln finanzierte, da war es dem Rechnungshof und dem zuständigen Ministerium irgendwann zu viel – nach der Ausgabe von 2011 kam das Aus. Weiterlesen

Beziehungsweise der Neustart: Morgen lädt Frankfurt wieder zum Kongress. Der trägt nun einen anderen Namen, hinter der neuen „B3 Biennale des bewegten Bildes“ stecken als Partner und Geldgeber aber die gleichen öffentlichen Institutionen die einst vergeblich hofften, die Edit könne als Leuchtturm auf die hessische Medienkompetenz hinweisen, lediglich die Organisatoren sind andere. Vielleicht hatte man den alten ja ein bisschen viel zugemutet, denn was Bekanntheit und Außenwirkung angeht, passte die Edit doch durchaus in die Landschaft: Als Filmstandort fällt Hessen selbst Fachleuten nicht als erstes ein, kaum besser geht es der Kunsthochschule Kassel (trotz zweier „Oscars“) oder der Hochschule für Gestaltung in Offenbach (HFG), die es nun richten soll. Und wenn die Berliner Agentur, die im Regierungsauftrag die Edit begutachtete, bemängelt, trotz öffentlicher Mittel von rund 15 Millionen Euro seit ihrer Gründung sei die Veranstaltung weder eine „Marke“ geworden noch besitze sie Alleinstellungsmerkmale, hat sie mit dem ersten zwar Recht und mit dem zweiten nicht, insgesamt heißt das aber nicht, dass sie es besser könnte. Die eigenen Projekte in der Branche, die sie auf ihrer Website vorstellt, verraten jedenfalls nichts davon.

Doch was da alles hinter den Kulissen vor sich ging, will mich gar nicht interessieren, solange das, was für einen kurzen Moment erreichbar schien, doch noch möglich wird. Zumindest mehr Zeit scheint dem neuen Versuch gegeben zu werden: Es sei nicht das Ziel, „ein Feuerwerk à la Hollywood abzubrennen“, sondern in erster Linie „Erfolge für die Zukunft zu säen“, sagte im vorigen Jahr Prof. Bernd Kracke Kracke, der als Präsident der HFG und Sprecher der Hessischen Film- und Medienakademie (hFMA) das neue Konzept verantwortet. Ein breiteres Publikum als bisher soll angesprochen werden und sich neben dem Fachpublikum vor allem an den Nachwuchs richten. Das wollten zwar schon die früheren Organisatoren, doch wenigstens in der Präsenz hat man nun zugelegt. Quer durch die Frankfurter Innenstadt sind die Veranstaltungsorte verteilt und prominent. „Das neue Erzählen“ ist das Thema, das alle zusammenhält, und dabei geht’s natürlich um das Phänomen der Fernsehserienbegeisterung. Die ist zwar nicht mehr so neu, lässt die Veranstalter aber offenbar auf Publikumsinteresse hoffen und wird in den Veranstaltungen vornehmlich aus wissenschaftlicher, kunsttheoretischer und ökonomischer Sicht behandelt. Ein paar wenige Filmemacher sind im Programm auch noch auszumachen – ganz so wie auf den üblichen Medientagen der andern Standorte halt auch. Am Alleinstellungsmerkmal sollte man also noch ein wenig nachbessern, wenn man tatsächlich eine Marke schaffen will. Oder gar einen ganzen Leuchtturm errichten.

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Vive la Nouvelle Révolution du Cinéma!

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Nach der französischen Revolution 1789-1799, der Erfindung des Cinematographen durch die Gebrüder Lumière 1890 und der neuen Frauenbewegung der 1970er Jahre ist Frankreich 2013 wieder einmal vorne dabei, wenn es um das Aufbrechen alter Strukturen und Innovationen in der Filmbranche geht.

Die Charta für Gleichheit zwischen Frauen und Männern im Filmsektor
Am 10. Oktober 2013 unterschrieben Aurélie Filippetti (Kulturministerin) und Najat Vallaud-Belkacem (Ministerin für die Rechte von Frauen / Regierungssprecherin) in Paris eine Urkunde, die im Original La Charte pour l’Égalité entre les Femmes et les Hommes dans le Secteur du Cinéma heißt. Mitunterzeichnet haben außerdem Véronique Cayla (Präsidentin von Arte France), Frédérique Bredin (Präsidentin der staatl. Filmförderungsbehörde CNC) und Bérénice Vincent (Präsidentin von Le Deuxième Regard).

Le Deuxième Regard (Der Zweite Blick, eine Anspielung auf Simone de Beauvoir’s „Le Deuxième Sexe“) wurde im März 2013 von den Pariser Filmfrauen Bérénice Vincent, Delphyne Besse und Julie Billy gegründet. Sie legten der französischen Kulturministerin eine Reihe von Maßnahmen zur Erhöhung der Zahl der Frauen in der Filmwirtschaft und zur Verbesserung ihrer Situation vor, darunter den Entwurf der Charta, die diesen Monat unterzeichnet wurde: als Absichtserklärung, Appell und vor allem Selbstverpflichtung.
Das Ganze hat natürlich eine Vorgeschichte. Im Juni veröffentlichte der Senat (= das französische Oberhaus) den Bericht „La place des femmes dans l’art et la culture: le temps est venu de passer aux actes“ / „Der Platz von Frauen in Kunst und Kultur: die Zeit ist gekommen zu handeln“. In dieser Studie wird die Unausgewogenheit im Kultursektor angesprochen und drei Hauptprobleme ausgemacht: das Beibehalten von Geschlechterstereotypen in kulturellen Zusammenhängen, die relative Unsichtbarkeit von Künstlerinnen (ihre Abwesenheit von Retrospektiven, Preisverleihungen, Festivals) und die Männerdominanz in strategisch wichtigen Positionen.
Die Charta will darauf reagieren. Mit ihrer Unterschrift verpflichten sich die Beteiligten:

ihre Statistiken nach Geschlechtern aufzuschlüsseln, um die gegenwärtigen Probleme besser ausmachen zu können und an gemeinschaftlichen Überlegungen zur Situation der Frauen im Film mitzuwirken,
in den eigenen Entscheidungsgremien für eine paritätische Besetzung mit Männern und Frauen zu sorgen,
die filmische Kreativität anzuregen indem Projekte gefördert werden, die die traditionelle Darstellung von Frauen und Männern umwerfen,
ihre Mitarbeiter/innen für das Thema Gleichstellung zu sensibilisieren, insbesondere durch Bekämpfen von Stereotypen,
gleiche Bezahlung für Frauen und Männer zu gewährleisten. Weiterlesen

Es wird spannend zu sehen, welche Institutionen der Filmbranche noch beitreten, Le Deuxième Regard wird die Charta in Kürze 50 weiteren Schlüsselunternehmen, Sendern und Festivals vorlegen. Und es wird spannend sein in einem Jahr zu überprüfen, was sich verändert hat. Wie ernst werden die Verpflichtungen genommen? Wird sich die Darstellung von Männern und Frauen im Kino und im Fernsehen verändern, wird es mehr Arbeit für Schauspielerinnen und Regisseurinnen geben?
Auf jeden Fall ist die Charta eine außergewöhnliche Maßnahme, die über schlichte Quotenforderungen hinaus geht, eine Beschäftigung mit Stereotypen und Klischees einfordert und mit dem Punkt “Gleiche Bezahlung” einen Missstand thematisiert, über den selten offen gesprochen wird. Bravo!

Alles eine Frage des Zufalls?
Seit Januar untersuche ich in meinem Blog SchspIN Stab- und Besetzungslisten deutscher und internationaler Filmgruppen. Bis jetzt kam jedes Mal raus, dass es ,typische’ Männer- und Frauenfilmjobs gibt, dass sich die Gewerke je nach Filmgruppen (TV oder Kino, Kunst oder Kommerz) unterscheiden und dass deutlich mehr Männer als Frauen hinter und auch vor der Kamera arbeiten. Die letztgenannte Unausgewogenheit ist umso erstaunlicher, als es ja nicht weniger Frauen als Männer in der Gesellschaft gibt, und auch nicht weniger Schauspielerinnen als Schauspieler zur Verfügung stehen. Es gibt natürlich auch Kolleg/innen, die die Rollensituation ausgeglichen sehen oder sogar finden, dass es für Frauen mehr interessante Rollen als für Männer gibt. Also sind meine Ergebnisse einfach nur Zufall des Moments? Dazu ein kleines buntes Gedankenspiel:

Ich kaufe eine Tüte Gummibärchen, sortiere sie nach Farben und zählen sie. Und das ein Jahr lang jede Woche.

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Dann habe ich in der einen Woche mal mehr rote und in der anderen Woche mehr gelbe in einer Tüte, das ist Zufall. Aber auf lange Sicht wird es sich ausgleichen, nach 52 Wochen müsste ich von jeder Farbe ungefähr gleich viele Bärchen haben. Aber wenn es am Ende doppelt so viele orange sind wie von jeder anderen Farbe, dann ist das statistisch gesehen eine systematische Bevorzugung, für die es verschiedene Gründe geben kann. Entweder ist die Gummibärchentüten-befüllungsmaschine so programmiert, dass sie mehr Orange eintütet. Oder die Orangen sind ein bisschen magnetisch, so dass sich jedes Mal mehr von ihnen an die metallene Einfüllschaufel heften. Oder der Bottich mit orangen Bärchen ist wesentlich voller, so dass eine Schaufel da mehr Bärchen mitnimmt als aus dem flacher gefüllten rote-Bärchen-Bottich. Oder es gibt in dem Jahr Lieferprobleme beim roten Farbstoff. Und dann gibt es auch noch optische Täuschungen, die zum Eindruck führen können, in einer Tüte seien mehr rote und gelbe Bärchen als tatsächlich der Fall ist. (ich habe das Gummibärchenbeispiel aus aktuellem Anlass gewählt ohne zu wissen, wie die Tüten tatsächlich gefüllt werden).

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Fazit: Ein Ungleichgewicht auf lange Sicht hat immer etwas zu bedeuten und hat immer Ursachen.

Deshalb ist die 1. Verpflichtung der Charta so sinnvoll: Fangt an, die Statistiken besser aufzuschlüsseln, zeigt uns, wie viele Männer und wie viele Frauen es in der Branche gibt, wie viele ausgebildet werden und Arbeit finden, in welchen Produktionen sie arbeiten, wie sie bezahlt werden und welche Preise und Förderungen sie gewinnen. Schlüsselt auf, wie die erzählten Geschichten besetzt werden. Und dann können wir im nächsten Schritt feststellen ob alles im Lot ist oder wir über Ursachen, Auswirkungen und mögliche Gegenmaßnahmen sprechen, und die weiteren 4 Punkte der Charta umsetzen müssen.

Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung
So steht es im Art. 3 (2) GG. Also könnten beispielsweise die (Länder-)Ministerien und Fördereinrichtungen den Anfang machen und sich zu den Forderungen der Charta bekennen, und staatliche Filmhochschulen, öffentlich-rechtliche Sender, staatlich geförderte Festivals und Filmproduktionen zur Selbstverpflichtung auffordern. Branchenverbände und private Fernsehsender könnten folgen. Rein theoretisch.

Was den Punkt 1 der geschlechteraufgeschlüsselten Statistiken betrifft, so ist das kein völliges Neuland, aber ein stark vernachlässigter Bereich. Zwei größere Erhebungen liegen 10 Jahre zurück:
Die vom Kulturrat 2004 herausgegebene Studie „Frauen in Kunst und Kultur II 1995-2000“. (10 der 92 Seiten befassen sich mit Film), und die Dokumentation „Bis hierhin und nicht weiter: Hearing zur Situation von Frauen in den Filmberufen Regie, Kamera, Ton und Komposition“, 2002 herausgegeben von Angela Haardt und den Freunden der Deutschen Kinemathek e.V. (heute: Arsenal, Institut für Film und Videokunst). Eine systematische Auswertung der Besetzung deutscher Film- und Fernsehproduktionen konnte ich bis jetzt noch nicht finden.

Der zweite Punkt der Charta – Besetzung von Entscheidungsgremien – ist auch so schon Thema bei uns, es gibt viele Jurys, in denen auch Frauen sitzen, aber bis zur Parität ist es teilweise noch ein weiter Weg, und Vorstände, auch von Verbänden, sind mitunter extrem männerlastig. Da erstaunt es dann auch nicht wirklich, dass die Situation von weiblichen Filmschaffenden nicht nachdrücklich thematisiert wird.
Außerdem sind paritätitsche Besetzungen nicht die Lösung aller Probleme, wie ein Beispiel aus Franreich zeigt:
Die Vergabegremien des CNC (Centre national du cinéma et de l’image animée) sind im Gegensatz zu anderen französischen Förderinstitutionen schon relativ paritätisch besetzt sind, trotzdem stammten 2012 nur ein ¼ der geförderten Debütfilme von Regisseurinnen – und das, obwohl gleichviele weibliche und männliche Studierende an La Fémis, der Nationalen Hochschule für Bild und Ton, ihren Abschluss machten.

Das bestätigt sich auch bei uns, wenn wir beispielsweise die bewilligten Förderungen 2012 durch den BKM (Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien) und die FFA (Filmförderungsanstalt) betrachten. Beide haben relativ ausgeglichene Entscheidungsgremien: BKM 4 Frauen / 5 Männer, FFA 6 Frauen / 6 Männer. Im letzten Jahr förderte das BKM im Bereich Programmfüllende Spielfilme 13 Projekte (insg. 2,7 Mio €), von der FFA erhielten 49 Filme Produktionsförderung (insg. 15,9 Mio. €). Wie viele Anträge insgesamt – nach Geschlechtern aufgeschlüsselt – von Regisseur/innen eingereicht wurden ist leider nicht veröffentlicht.

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Der Großteil ging an Filme von Regisseuren, dazu erhielten die Regisseurinnen auch noch im Durchschnitt weniger Geld, konkret ca. 12 % weniger.

Kulturpolitik in Deutschland ist ja föderal organisiert, also spielt die Länderfilmförderung eine große Rolle. Da habe ich nur alte Zahlen, aus der o.g. Studie Frauen in Kunst und Kultur II (1995-2000), die leider die Sparten Dokumentar- und Spiel-/Fernsehfilm bei der Regie zusammenfassen.
Hier sind zwei Phänomene festzuhalten: zum einen, dass der finanzielle Anteil an der Filmförderung niedriger ist als der Anteil an den geförderten Projekten, so bekamen in Hamburg Regisseurinnen zwar 28 % der Zusagen aber nur 15 % der €€. Und zweitens, dass die Hälfte der Länderförderungen nur zu jeweils 20 % an Regisseurinnen ging.
Es gab keine Angaben zur Besetzung der Vergabegremien, allerdings hieß es, dass in 11 Ländern die Filmförderinstitutionen von Männern geleitet wurden. Ebenso fehlen Angaben zur Gesamtzahl der gestellten Anträge und deren Verteilung auf Frauen und Männer.
Das Phänomen, dass Frauen eher bei geringer Förderung berücksichtigt werden (siehe BKM-FFA-Gegenüberstellung) ist auch hier anzutreffen: in Bremen bekamen Regisseurinnen 45 % von 47.900 €, in Schleswig-Holstein 37 % von 134.700 € – andererseits in Bayern nur 9 % von 4,05 Mio. € und in NRW nur 15 % von 6,85 Mio. €.

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Eine indirekte Form der Filmförderung sind Preise und Auszeichnungen, dazu findet sich in der Studie folgende Aussage: „Die an Frauen vergebenen Filmpreise waren
oftmals gering oder undotiert; bei den Auszeichnungen, auf die dies nicht zutrifft, handelte es sich meist um Darstellerpreise.“

Das sind alles natürlich nur Momentaufnahmen. Also gibt es auch wieder eine Reihe von Fragen: Wie sah die Förderung in den Jahren davor und danach aus? Gibt es Veränderungen? Wie viele Regisseurinnen und Regisseure arbeiten tatsächlich in der Branche? Wie sah das Regie-Geschlechterverhältnis bei allen Filmen aus für die Anträge gestellt und bei denen die gedreht wurden? Wie ist die Altersverteilung in der Regiebranche, ist das Verhältnis in jedem Jahrgang gleich oder gibt es einen Altersüberhang der Regisseure? Wie viele Frauen und Männer schließen jährlich die Ausbildung an den Filmhochschulen ab?
In dem zitierten Bericht „Frauen und Kultur II 1995-2000“ heißt es: „Lag der Frauenanteil 1998 wie 1995 bei 44%, so stieg er über 47% (1999) auf 53% (2000) an.“ (Gemeint ist der Studienbereich Darstellende Kunst, Film und Fernsehen, Theaterwissenschaft), und im Berliner Aussschuss für Kulturelle Angelegenheiten hieß es am 11. April 2005: „An den Künstlerischen Hochschulen in Berlin insgesamt (UdK, KHB, HfS und HfM) lag der Anteil weiblicher Studierender in den WS 2002/03, 2003/04 und 2004/05 bei 59 bzw. 58 %.“ Zahlen zu Frauen- und Männeranteilen an den staatlichen Filmhochschulen, aufgeschlüsselt nach Disziplin, liegen nicht vor.

Vielleicht sind die Regisseurinnen tatsächlich unterrepräsentiert, wenn nur ein Fünftel der Top 50 Kinokassenerfolge 2012 von Frauen inszeniert wurden. Vielleicht ist ihr Anteil in der Berufsgruppe größer als die 24 %, die sie in ihrem Berufsverband und in der Datenbank von crew united einnehmen (siehe auch: Kunst oder Kommerz, wo arbeiten die Filmfrauen? Teil 1 Die Gewerke). Noch wissen wir das nicht so genau.

Punkt 3 und 4 der Charta sind auch für die deutsche Film- und Fernsehlandschaft spannende Forderungen, aber ich klammere sie in diesem Text einmal aus, und schreibe nur über die Forderungen, die mit messbaren Fakten und Zahlen zu tun haben. (sonst wird es auch zu lang).

Über Geld spricht man nicht
Punkt 5 der Pariser Charta mit seiner Verpflichtung zu gleicher Bezahlung bricht mit dem ungeschriebenen Gesetz, dass über Gagen nicht gesprochen wird. Mir sind keine umfassenden Erhebungen bekannt zu den in der Filmbranche gezahlten Gehältern. Öffentlich wird zumeist nur über die Spitzenverdiener/innen gesprochen. Hinter vorgehaltener Hand ist mitunter von ungleicher Bezahlung die Rede, nicht nur vom Gefälle zwischen Männer- und Frauengewerken, sondern auch innerhalb eines Bereiches, und auch vor der Kamera. Agenturen berichten von unterschiedlich dotierten Anfragen für Schauspielanfänger/innen, Serienhauptrollen werden je nach Geschlecht unterschiedlich bezahlt, und auch Ausschreibungen für neue Formate haben mitunter ein Gagengefälle, das mit dem Geschlecht der jeweiligen Rolle zusammenhängt.

Das können alles Einzelfälle sein. Gewissheit schaffen da nur seriöse Studien.
Es kann auf alle Fälle nicht schaden, wenn sich die Berufsverbände der Filmwirtschaft auch einmal oder wieder mit diesem Thema beschäftigen. Letzten Monat haben die Verhandlungen für den „Tarifvertrag für die auf Produktionsdauer beschäftigten Film- und Fernsehschaffenden“ begonnen (der alte läuft zum Jahresende aus), vielleicht werden bei der Gelegenheit vorkommende Gagendiskriminierungen aufgrund des Geschlechts thematisiert.

Diese Chance wurde leider mit dem „Tarifvertrag für Schauspielerinnen und Schauspieler“ der am 1.1.2014 in Kraft tritt, vertan. In der Präambel zur Vergütung und zu Gagen (3.1) heißt es

Den Parteien dieses Tarifvertrages ist bewusst, dass die Schauspieler/innen sehr verschiedene, individuelle Künstlerpersönlichkeiten sind, die unter anderem wegen ihres (…) Geschlechts (…) sehr unterschiedlich mit der Übernahme von Rollen betraut werden und die einen sehr unterschiedlichen Marktwert haben. (…)
Nach der Überzeugung der Parteien dieses Tarifvertrages soll es daher unverändert bei der in der Film- und Fernsehbranche geübten Praxis verbleiben, wonach die jeweilige Grundvergütung (…) grundsätzlich individuell verhandelt wird.

Dies beschreibt den Istzustand: es gibt weniger Rollen für Schauspielerinnen, und vermutlich verdienen sie auch weniger. Die Aussage, dass aber das Geschlecht kein Kriterium für unterschiedliches Rollenangebot und unterschiedlichen Marktwert sein darf (Art. 3 GG) findet sich leider nicht. Erst in drei Jahren wird der Vertrag neu verhandelt. Zeit genug für eine gründliche Studie zur Gagenrealität der Schauspielerinnen und Schauspieler.

Ausblick
Deutschland hat sich in der Vergangenheit öfters von revolutionären Bewegungen in Frankreich anstecken lassen – 1789, 1830, 1848, 1968, 1971 – warum nicht auch 2013.

Also lasst uns mal drüber reden!

(dieser Text erscheint in leicht veränderter Form im Blog SchspIN)

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Ein Urheberrecht für die Urheber

Der eigentliche Zweck des Urheberrechts, nämlich den Urheber zu schützen und ihm für seine schöpferische Tätigkeit ein Auskommen zu sichern, ist in der Praxis längst ausgehebelt worden. Das gilt besonders für die Filmbranche. Ein Autor, der einen Drehbuchvertrag unterschreibt, tritt mit seiner Unterschrift de facto sämtliche Rechte an seinem Werk ab und muss sich obendrein den Preis für seine Arbeit diktieren lassen. Gegen die Marktmacht der Fernsehsender hat der einzelne Autor keine Chance.

Selbst wenn sich Urheber in Berufsverbänden organisieren, läuft es für sie nicht unbedingt besser. Das hat sich in den Verhandlungen zu gemeinsamen Vergütungsregeln gezeigt, die der VDD über Jahre hinweg mit dem ZDF geführt hat. Das Ergebnis war so ernüchternd, dass sich eine Schar wütender Drehbuchautoren, die bislang nicht im VDD waren, unter dem Label NORAU zusammengetan hat, um geschlossen in den Verband einzutreten. Das erklärte Ziel: die Vereinbarung mit dem ZDF schnellstmöglich zu kündigen. Weiterlesen

Selbst wenn das geschähe, stellt sich immer noch die Frage, wie eine bessere Vereinbarung mit den Sendern zu erzielen wäre – schließlich hat der VDD über Jahre hinweg hartnäckig verhandelt. Das Ergebnis war offenbar das Beste, was herauszuholen war. Ein Berufsverband wie der VDD ist eben keine Gewerkschaft mit Pflichtmitgliedschaft wie die Writer’s Guild in den USA, die mit einem Streik ganz Hollywood lahmlegen kann. Schon allein deshalb sind die in der letzten Urheberrechtsreform geforderten Gemeinsamen Vergütungsregeln offenkundig kein geeignetes Mittel, einen fairen Ausgleich zwischen den Interessen der Urheber und der Verwerter zu schaffen.

In der Süddeutschen Zeitung hat Drehbuchautor Fred Breinersdorfer jetzt einen äußerst interessanten Vorschlag veröffentlicht, der das Potential hat, diese festgefahrene Diskussion nachhaltig zu verändern. Seiner Meinung nach sollten Filme durch eine Urheberrechtsreform nach einer bestimmten Sperrfrist eine Internet-Zwangslizenz erhalten. So verrückt wie das klingt, ist das gar nicht. Vorbild für diesen Vorschlag ist die existierende Zwangslizenz für das Nachspielen von Musikstücken: Jeder kann veröffentlichte Musiktitel nachspielen – er muss nur den Urheber an seinen Erlösen angemessen beteiligen. Dafür zahlt er Gebühren an die GEMA.

Wie wäre es also mit einer Film-GEMA für im Internet verbreitete Filme? Und vielleicht nicht nur Kino-, sondern auch Fernsehfilme?

Der unbestrittene Charme von Fred Breinersdorfers Idee besteht darin, dass sie die üblichen Rechteverwerter außen vorläßt, die es mit ihrer eifersüchtigen Rechte-Heimserei nicht schaffen, ein umfassendes, legales Angebot für Filme im Internet auf die Beine zu stellen, nur um damit das Feld illegalen Streaming-Plattformen zu überlassen, mit denen sich zwielichtige Gestalten eine goldene Nase verdienen, während die Urheber in die Röhre gucken.

Aus Sicht eines Piraten bringt es Bruno Kamm auf seinem Blog schön auf den Punkt:

“Fred Breinersdorfer hat mit seinem Vorstoß die Verwerterindustrie entwaffnet, ihnen das Weihwasser im Kampf gegen den freien Zugang zu Kultur genommen, denn er fordert Urheberrechte für die Urheber und nimmt dabei den Verwertern das Kernargument ihres Kreuzzuges gegen die Piraterie: Das Urheberrecht.”

Wobei Fred Breinersdorfers Vorschlag eben gerade nicht darin besteht, alles im Internet kostenlos verfügbar zu machen. Es geht darum, einen legalen Markt nach dem Vorbild der Streaming-Plattformen zu schaffen, auf denen Erlöse durch Werbung oder Premium-Angebote erzielt werden, an denen die Urheber über eine Verwertungsgesellschaft direkt beteiligt werden.

Natürlich wird die Verwertungsindustrie alles daran setzen, eine Urheberrechtsreform, die mehr den Urhebern als den Verwertern nützt, zu verhindern. Das Spannende an Fred Breinersdorfers Vorschlag ist, dass er die dröge Debatte ums Urheberrecht auf die eigentlich zentrale Frage herunterbricht: Wie lässt sich ein Urheberrecht gestalten, das in erster Linie den Urhebern nützt anstatt den Verwertern?

Auch wenn Breinersdorfers Vorschlag wenig Aussicht hat, jemals Realität zu werden, hilft er vielleicht, die festgefahrene Debatte ums Urheberrecht neu zu beleben. Allein damit wäre viel gewonnen.

Dieser Beitrag ist zuerst auf Drama-Blog.de erschienen.

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Cinema Moralia – Folge 72: Die Zauberlehrlinge von Hollywood…

Daniel Day-Lewis as Abraham Lincoln

…und nicht nur von dort: Steven Spielberg, Georg Lucas, Angela Merkel – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 72. Folge

»God save the queen/ The fascist regime/
They made you a moron/ Potential H-bomb/
God save the queen/ She ain’t no human being/

Don’t be told what you want/ Don’t be told what you need/
There’s no future, no future,/ No future for you.«
Sex Pistols
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Von einem großen Sieg für Angela Merkel schreiben und reden jetzt viele. So kann man die Resultate vom Sonntag vermut­lich sehen, zumal an der persön­li­chen Zustim­mung für die Kanzlerin wenig Zweifel bestehen und sich die GRÜNEN gerade so benehmen, als seien sie und nicht die FDP aus dem Bundestag geflogen. Man könnte aber auch sagen: 1. Die Kanzlerin hat keine Mehrheit mehr. 2. Die Union hat trotz erhöhter Wahl­be­tei­li­gung nur gut 7 Prozent gewinnen können; da die FDP aber fast zehn Prozent einge­büsst hat, hat nicht nur Schwar­zGelb sowieso verloren, sondern der konser­vativ-neoli­be­rale Block hat insgesamt Stimmen verloren. 3. Es gibt eine Mehrheit links von Merkel, fast 60 % der Wähler und über drei Viertel der Wahl­be­völ­ke­rung haben sie nicht gewählt.
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Kann die Unterwelt Hollywood retten? Nach einem heißen Sommer, in dem die Block­buster an der Kinokasse wie Karten­häuser zusam­men­bre­chen, in der George Lucas und Steven Spielberg wie zwei Weise, die in ihrem langen Leben schon alles gesehen haben und nun auch in die Zukunft blicken können, der Film­in­dus­trie in ihrer jetzigen Form die Apoka­lypse prophez­eihen, den Untergang in jenem digitalen Tornado aus DVD, VOD, YouTube, file-share und sozialen Netz­werken, den die Filmbosse in ihrer uner­sätt­li­chen Gier einst selbst ins Leben gerufen hatten und nun wie Goethes Zauber­lehr­ling längst zum Sklaven ihrer Geschöpfe geworden sind. Weiterlesen

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Spielberg und Lucas sehen nun düstere Zeiten kommen, und befürchten eine »Implosion« des Kinos. Deutlich weniger Filme würden künftig in die Kinos kommen, für die dann aber mehr gezahlt werden müsse. Spielberg erwartet Preis­un­ter­schiede an den Kino­kassen: Für Hits wie Iron Man könnten 25 Dollar Eintritt (knapp 19 Euro) fällig werden, während man bei seinem eigenen Film Lincoln für sieben Dollar ins Kino komme. Die Unsi­cher­heit in Hollywood werde immer größer. Selbst bekannte Künstler hätten Probleme, ihre Filme zu reali­sieren. »Die Gefahr ist, dass es da irgend­wann zur Implosion kommt oder zum GAU. Eine Implosion, bei der drei, vier oder gar ein halbes Dutzend Filme trotz Mega­budget eine Bruch­lan­dung hinlegen. Das würde alles verändern.«
Lucas verwies auf hohe Neben­kosten vor allem fürs Marketing. Dadurch müssten Filme für den Massen­markt produ­ziert werden. Die Bezahl­sender im Fernsehen seien »viel aben­teu­er­lus­tiger«. Beide Regis­seure sagten, dass sie große Mühe hatten, ihre jüngsten Filme überhaupt in die Kinos zu bekommen.
Hollywood frisst seine Kinder.

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Das Kino werde implo­dieren, aber es lebe der Film. Denn viele gute Filme werden mitt­ler­weile für Fernsehen oder Internet produ­ziert. Ins Kino zu gehen, meint Lucas, werde ein Luxus werden wie heute ins Theater oder in die Oper zu gehen. Hoffent­lich sind die Inhalte dann auch so elitär.

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Kurz vor der Wahl erreichte uns letzte Woche auch eine Pres­se­mit­tei­lung der VG WORT. Diese Verwer­tungs­ge­sell­schaft der Autoren lädt Ende November nach München zu einer außer­or­dent­li­chen Mitglie­der­ver­samm­lung ein, in der das neue Leis­tungs­schut­z­recht für Pres­se­ver­leger beraten werden soll. Seit 1. August 2013 ist nämlich, von der breiten Öffent­lich­keit weit­ge­hend unbemerkt, ein geän­dertes Urhe­ber­rechts­ge­setz in Kraft getreten. Die neuen Para­gra­phen, §§ 87f, 87g, 87h sehen ein »Leis­tungs­schut­z­recht« für Verlage vor, das sich auf Nutzungen von Pres­se­erz­eug­nissen in Online-Such­ma­schinen oder vergleich­baren Angeboten bezieht. Außerdem einen Betei­li­gungs­an­spruch des Urhebers an den Vergü­tungen aufgrund des Leis­tungs­schut­z­rechts.
Wenn wir das alles richtig verstehen, versucht die VG Wort nun etwas Hoch­in­ter­es­santes: Sie will nämlich das neue Leis­tungs­schut­z­recht, das in seinen Konse­quenzen zu großen Teilen urhe­ber­feind­lich ist, und die Urheber de facto enteignet, in einen Nutzen der Urheber wenden, indem sie deren Inter­essen gegenüber den Verlagen vertritt. Man soll die Möglich­keit haben, als Autor den Wahr­neh­mungs­ver­trag dahin­ge­hend zu erweitern, dass in Zukunft das Leis­tungs­schut­z­recht der Pres­se­ver­leger und der Betei­li­gungs­an­spruch der Urheber durch die VG WORT wahr­ge­nommen werden könnten. »Eine zukünf­tige Wahr­neh­mung des Leis­tungs­schut­z­rechts der Pres­se­ver­leger würde diese Rechte-Wahr­neh­mung sinnvoll ergänzen. Gleichz­eitig würde sicher­ge­stellt werden, dass auch die Urheber ange­messen an den Einnahmen beteiligt werden« heißt es in der Pres­se­mit­tei­lung. Näheres unter www.vgwort.de

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Wie sehr die meisten Menschen die Wahl inter­es­siert, und die Politik, da dürfen wir aufrichtig sein, zeigt sich daran, wie sehr der Polit­be­trieb zum Show­ge­schäft dege­ne­riert ist. Was uns inter­es­siert, ist das Poli­ti­sche, nicht die Politik.

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Politisch ist nun zum Beispiel, wie der selbst­er­nannte Qualitäts­jour­na­lismus über die Wahlen im Vorfeld berich­tete. Dem eigenen Anspruch, zu infor­mieren, unpar­tei­isch zu sein, glaub­würdig, anspruchs­voll, fundiert, kennt­nis­reich, reflek­tie­rend, einord­nend und über­ra­schend, ist man kaum gerecht geworden. Statt­dessen regierte eine üble Gedan­ken­brühe aus Apathie, Ignoranz, unpo­li­ti­scher Haltung und Anbie­derei, statt­dessen gab der Boulevard auch in den oberen Etagen den Ton an, regierte eine Melange aus Erlebnis, Nostalgie und Senti­men­ta­li­sie­rung aller Themen, aus Kritik­feind­schaft, Macht­ver­bun­den­heit und Verächt­lich­ma­chen der Oppo­si­tion.
Die selbst­er­nannten Qualitäts­me­dien sind wie das deutsche Kino.

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Lang­fristig schaufeln sich sich damit ihr eigenes Grab. Sie selbst zerstören das Niveau, auf das doch sie zual­ler­erst ange­wiesen sind. Die Markt­li­be­ralen werden Qualität in der »markt­kon­formen Demo­kratie« (Angela Merkel) nicht vertei­digen. Und die anderen, die sie vertei­digen und stützen könnten, haben immer weniger Grund dafür.
Nils Minkmar, unter Frank Schirr­ma­cher Feuille­ton­chef der FAZ, schrieb nach Monaten weit­ge­henden Schwei­gens in der vergan­genen Woche vor der Wahl gleich zwei umfang­reich, überaus lesens­werte Artikel, die meiner Ansicht nach aufgrund ihrer hohen Anre­gungs­qua­lität auch von allen Filme­ma­chern gelesen werden sollten. Hier findet man Stoff für die nächsten fünf Spiel­filme.
Im ersten von ihnen, veröf­fent­licht in der FAS am 15. September, diagnos­ti­ziert er unter dem Titel »Auf Doktor Merkels Couch« der bundes­re­pu­bli­ka­ni­schen Gesell­schaft den gene­rellen Burnout: »Der Burn-out ist das Syndrom unserer Zeit. Und das ist keine indi­vi­du­elle, sondern eine poli­ti­sche und soziale Diagnose. … Viele Deutsche, zumal jene, die einer Arbeit nachgehen und für Kinder oder ältere Fami­li­en­mit­glieder Verant­wor­tung tragen, fühlen sich am Limit. Sie träumen von Landlust, Wande­rungen, Rückzug und ‘Mal was ganz anderes machen’.«
Minkmar klagt darin auch über die Medien, die auf den SPD-Wahlkampf und Stein­brücks intel­lek­tu­elles Niveau irritiert und genervt reagieren, die perso­na­li­sieren, anstatt Inhalte abzu­klopfen, und darüber, dass sie die Möglich­keit einer ganz anderen Politik von vorne­herein als chan­cenlos und irre­le­vant erklären. Und folgert bissig: »Dass sie mit dem Gegen­stand ihrer Bericht­er­stat­tung auch das Interesse an Politik und letztlich sich selber schrumpfen, schien ihnen nicht klar zu sein.«

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Das Burn-Out als allge­meines Phänomen. Sofort fallen uns dazu die deutschen Filme der letzten Jahre ein, die uns immer schon und von Anfang an völlig ausge­brannt schienen. Leer, lahm, schweigsam, depressiv. Von Zombies für Zombies. Oder hyste­risch, überdreht, laut schreiend. Von Kindern für Kinder.
Aber riskiert jemand etwas? Sind wir noch irgendwo ambi­tio­niert? Wenn schon nicht in der Politik, und mit uns selbst, dann in der Kunst, der Literatur, der Archi­tektur, dem Film? Gibt es Filme, die zeigen, wie wir hier leben?

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Die Kinder, erzählte eine Freundin, die einen 16-jährigen Sohn hat, gehen nicht mehr ins Kino. Sie machen Compu­ter­spiele, und wenn Du »Grand Theft Auto« gesehen hast, dann weißt Du: Bald ist das besser, als jeder Film. Da bricht eine Gene­ra­tion weg. Ich verstehe diese Sätze nicht ganz. Ich verstehe nicht diesen Zwischen­zu­stand: Wenn ich aktiv sein will, mache ich Sport, im Kino will ich passiv sein – darum gehe ich ja rein. Compu­ter­spiele sind mir schlicht zu anstren­gend, um sie als Entspan­nung zu empfinden.

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»Es gab mal ein Video­spiel«, wurde Steven Spielberg neulich zitiert, »da musste man Babys auffangen, die aus dem Fenster eines bren­nenden Hauses geworfen wurden.« Die Entwickler hätten geglaubt, wenn es um Babys gehe, müssten die Spieler doch ein emotio­nales Verhältnis entwi­ckeln. »Aber die haben bloß Punkte gezählt. Oder die Babys aufs Pflaster klatschen lassen, um zu sehen, was passiert. Etwas im Inneren schaltet sich einfach ab.« »Die Gamer wollen immer jemandem den Kopf wegschießen«, ergänzte Lucas.

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Am Vorwahl-Samstag schrieb Minkmar dann über »Die große poli­ti­sche Leis­tungs­ver­wei­ge­rung«. Er meinte nicht das Feuilleton, oder die über­re­gio­nalen Blätter insgesamt. Er hätte sie aber meinen können:
»Ein Tag vor der Bundes­tags­wahl stehen wir vor dem Resultat eines ekla­tanten, philo­so­phi­schen Versagens: Es gelingt derzeit nicht, die wichtigen Fragen von den unwich­tigen zu trennen, die Aufmerk­sam­keit zu fokus­sieren und den Kopf klar zu bekommen. … Wer am vergan­genen Donners­tag­abend die Berliner Runde sah, hatte eigent­lich einen ganz guten Eindruck davon … Die Aufar­bei­tung der Göttinger Kommu­nal­wahl der frühen achtziger Jahre unter beson­derer Berück­sich­ti­gung möglicher kinder­schän­de­ri­scher Absichten ist aller juris­ti­schen und geschichts­wis­sen­schaft­li­chen Ehren und Mühen wert, aber sie hat in einem Bundes­tags­wahl­kampf nichts verloren. Es waren sich auch alle einig, dass das Thema im Wahlkampf nicht gewinn­brin­gend erörtert werden kann; geredet wurde trotzdem darüber. … [die Frage einer Pkw-Maut nur für Ausländer] Sie ist euro­pa­recht­lich nicht zulässig. … Und selbst wenn – das ist, bei der Fülle ernster Probleme, gar kein wichtiges Thema. Es wurde dennoch gnadenlos ausge­walzt. … Es war irre. … Der Subtext all dieser Debatten waren uralte Parolen: Freiheit statt Sozia­lismus. Haus­frauen gegen Raben­mütter, freie Fahrt für freie Bürger und vor allem: keine Expe­ri­mente. Dieser Wahlkampf ist eine einzige poli­ti­sche Geis­ter­bahn.«
(Nils Minkmar, FAZ 21.9.13)
Alles völlig richtig, außer dem letzten Satz. Denn mit dem Wahlkampf hatte das eigent­lich wenig zu tun. Die betei­ligten Politiker hätten gern über anderes geredet, manche von ihnen versuchten es auch. Es war aber unmöglich.
Denn die beschrei­bende Leis­tungs­ver­wei­ge­rung hat zu tun mit einem öffent­lich-recht­li­chen Fernsehen, das sich und seinen Daseins­zweck bereits aufge­geben hat, das innerlich und geistig mausetot ist, das Politik längst in Enter­tain­ment verwan­delt hat, das darum alle Ansprüche auf öffent­liche Gelder und Fern­seh­ge­büren verwirkt hat – das aber leider leider sehr mächtig ist. So mächtig, dass Politiker vor ihm kuschen und über­re­gio­nale Zeitungen vor ihm in die Knie gehen.

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Denn zur von Minkmar beklagten Leis­tungs­ver­wei­ge­rung gehört auch das Verhalten seines eigenen Blattes, der FAZ, die Minkmar durch die Blume kriti­sierte. Denn was hat denn die FAZ – und natürlich ist sie quali­tativ noch eine der besseren – in den letzten Wochen gemacht? Außer dem, was sie immer macht, in Kommen­taren zu erklären, warum die Union mit mehr oder weniger allem irgendwie recht hat, von der Herd­prämie bis zur Ener­gie­wende, warum die FDP »gebraucht« wird, warum die SPD »trotzdem« unzu­ver­lässig ist, und die Grünen Spinner. Daneben veröf­fent­licht der manches­ter­li­be­rale »Kron­berger Kreis«, textlich vermummt als »fünf führende Ökonomen« am Sonntag vor der Wahl ein Manifest mit dem Titel »Wahlhilfe«, der Behaup­tung »Der Sozi­al­staat ist intakt. Er darf nicht durch noch mehr Umver­tei­lung gefährdet werden.« und der Forderung nach weiteren Dere­gu­lie­rungen. Daneben die üblichen Umfragen und Warnungen vor »Rot-Rot-Grün«.
Doch damit nicht genug. Es wurde eine mona­te­lange Kampagne gegen die GRÜNEN gefahren, zuletzt mit der erhöhten Schlag­zahl von täglich »neuen« Berichten in den letzten 14 Tagen vor der Wahl. Diese erstreckte sich nicht allein auf vor 32 Jahren in Kommu­nalz­ei­tungen geschrie­bene Artikel, sondern auf die Gegenwart und gewis­ser­maßen das Wesen der GRÜNEN an sich. Man muss kein Fan oder Wähler der GRÜNEN Partei sein, um die Kampagne und die soge­nannte »Pädo­philie«-Debatte als verleum­de­risch zu empfinden, als einen Kultur­kampf von rechts.

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Am 5. September präsen­tierte die Wochen­z­eit­schrift der Dichter und Denker, die ZEIT 48 Dichter und Denker, genau gesagt »Schrift­steller, Philo­so­phen, Schau­spieler und andere kluge Köpfe« (tolle Zusam­men­stel­lung), die sich »bekennen«. Heraus kamen Kommen­tare wie diese: »Zahlen kann ich nicht nach­prüfen. Dasein ist erlebbar. Frau Merkel musste nur da sein.« (Martin Walser, 86, »ist einer der meist­ge­le­senen deutschen Schrift­steller«); »Ich sitze in einer Bucht am Mittel­meer und träume von einer europäi­schen Verfas­sung. Das Beste, was wir im Augen­blick haben, ist die erzwun­gene Soli­da­rität unter uns Wahlmüden. Ich würde auf diesem Wege Norbert Lammert, Andrea Nahles, Christian Lindner und Cem Özdemir gern meine persön­li­chen Grüße über­mit­teln. Das ist alles.« (Durs Grünbein, 51, »ist Lyriker und Essayist. 1995 erhielt er den Georg-Büchner-Preis, seit Kurzem lebt er mit seiner Familie in Rom«); »Wenn man ein paar Bücher geschrieben hat, werden einem dauernd solche merk­wür­digen Fragen gestellt« (Ferdinand von Schirach). Schon im Fall von diesen, oder Leuten wie Jürgen Habermas, Alice Schwarzer und war man nicht sehr gespannt- Was aber bitte macht Richard David Precht, Amelie Fried, Sibylle Berg, Miriam Meckel, Andreas Weber, Maria Furt­wängler zu Personen, deren öffent­liche Äußerung in irgend­einer Hinsicht relevant ist?

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Frage also: Was ist von den Medien in bishe­riger Form noch zu erwarten? Was bringt der Qualitäts­jour­na­lismus? Er ist Teil des Tota­li­ta­rismus’ des Gegebenen, unseres Gefäng­nisses, das als »Gegenwart« verkauft wird, aus dem die Zukunft ausge­sperrt ist.
Medien, jeden­falls der selbst­er­nannte »Qualitäts­jour­na­lismus«, könnten Alter­na­tiven formu­lieren gegen die große Alter­na­tiv­lo­sig­keit. Kostet natürlich Anstren­gung. Unter anderem geistige, viel­leicht auch finan­zi­elle.
Manche drögen Seppels werden die Zeitung nicht mehr kaufen. Manche Anzeigen werden nicht mehr geschaltet.
Was tun aber die Zeitungen und TV-Sender? Die guten, quali­ta­tiven? Sie infor­mieren nicht. Sie spitzen nicht zu. Sie lenken ab. Sie reiten auf Wellen. Sie blasen Neben­säch­lich­keiten auf. Sie reden das Wichtige klein. Sie biedern sich an. Sie provo­zieren nicht. Sie nerven nicht. Sie täuschen. Sie zensieren. Sie infor­mieren nicht, sondern wollen Unter­hal­tungs­pro­dukt sein. Sie klären nicht mehr auf. Sie formu­lieren auf allen möglichen Feldern höchste Ansprüche. Aber sie prak­ti­zieren eine gedank­liche Unschärfe, eine fehlende Struktur und eine bemer­kens­werte intel­lek­tu­elle Faulheit, die verzwei­feln lässt.

»Engagiert Euch!« hatte vor drei Jahren der in Deutsch­land geborene Franzose Stephane Hessel im Titel seines kleinen Essays den Menschen zugerufen. Das hat damals vielen Deutschen gefallen. Jetzt ist es Zeit, dies auch wirklich zu tun!

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Endlich hat Deutsch­land seit letzter Woche auch eine Werbe­film­aka­demie! Genau das hat uns noch gefehlt.

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»Deutsch­land vor der Wahl ist das Land der Gelähmten. Die Kanzlerin ist träge, ihr Volk furchtsam. Merkel und die Deutschen bilden ein Bündnis der Angst. Einziges Ziel: die Flucht vor der Verant­wor­tung.«
Jakob Augstein

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 71: Was heißt Alternativlosigkeit?

Katharina Thalbach merkelt entschlossen als Kanzlerin (in Der Minister) – © SAT.1/Hardy Brackmann

Unter Zombies: Der Wahlkampf und das Kino der Alter­na­tiv­lo­sig­keit – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 71. Folge

»Aufrich­tig­keit ist die erste Pflicht des Kritikers.« – Marcel Reich-Ranicki
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»Nur die aller­dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber.« Etwas abge­hangen dieser Sponti-Spruch, schon klar, aber hoffen wir mal, dass da am Sonntag keiner etwas tut, was er später bereut. Die Metzger sollen noch mal schön ein bisschen warten.
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Die meisten Deutschen finden den Bundes­tags­wahl­kampf lang­weilig, meldet die Kölnische Rundschau. Viel­leicht ist es ja gar nicht der Wahlkampf, viel­leicht sind ja auch einfach die Leute lang­weilig, die Wähler. Aber stimmt ja: Wähler­be­schimp­fung kommt gar nicht gut an, Leser­be­schimp­fung also auch nicht, man muss den dummen Leuten sagen, dass sie klug sind. »Die Köchin soll den Staat regieren können«, hat schließ­lich schon Lenin gesagt. Die Betonung liegt hier aller­dings auf »können« und auf »soll« – dass sie ihn schon regieren kann, hat er damit aller­dings nicht gesagt. Lenin kannte aller­dings auch Angela Merkel noch nicht.
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Heute um 14 Uhr wurde vor dem Kanz­leramt ein offener Brief übergeben, den die Schrift­stel­lerin und Film­au­torin Juli Zeh aufge­setzt hat, und der inzwi­schen von über 67.000 Menschen unterz­eichnet wurde, darunter auch von zahl­rei­chen Filme­ma­chern und Dreh­buch­au­toren. Der Brief richtet sich gegen die Passi­vität der Bundes­re­gie­rung ange­sichts des NSA-Skandals.
Wir empfehlen unseren Lesern dringend, sich dem Brief anzu­schließen: Jeder kann hier unterz­eichnen. Weiterlesen

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In einem Interview mit der »Berliner Zeitung« sagt Zeh dazu ein paar bemer­kens­werte Sätze: »Ein beob­ach­teter Mensch ist nicht frei.« … »Die meisten möchten doch nicht einmal, dass die Partnerin oder der Partner die eigenen Mails liest, weil wir nämlich wohl etwas zu verbergen haben. Nicht ein Verbre­chen, sondern einfach nur das, was man Privat­sphäre nennt. Ein intimer Raum, der uns immer latent peinlich ist und den wir schützen. Ich denke, wer nichts zu verbergen hat, der hat bereits alles verloren. …. Die Fähigkeit, Geheim­nisse zu haben, oder anders gesagt: das Bewusst­sein dafür, dass es eine Intimzone gibt, ist eigent­lich das, was den Menschen wirklich ausmacht. Es ist etwas, das zu unserem Wesens­ge­halt gehört, zu unserer Würde. Ein Gefühl von Scham, ein Gefühl von Pein­lich­keit, ein Gefühl, nicht ange­schaut werden zu wollen, das schützt unsere Identität. Wenn wir das aufgeben und sagen, ihr dürft mich alle nackt anschauen, foto­gra­fieren und meine Briefe lesen, dann gibt man seine Persön­lich­keit auf, seinen Stolz, seine Würde und auch seine Identität. Man kann irgend­wann nicht mehr ‘Ich’ sagen. Ohne Geheim­nisse gibt es kein Ich. Man verliert dann im Grunde sich selbst.«

Und weiter: »Das Bundes­ver­fas­sungs­ge­richt sagt zu Recht, dass schon der beob­ach­tete Mensch kein freier Mensch mehr ist. Studien der Verhal­tens­psy­cho­logie zeigen, dass ein Mensch, der weiß, dass er beob­achtet wird, sich anders verhält und auch irgend­wann anfängt, anders zu denken, als ein Mensch, der sich unbe­ob­achtet fühlt. … Schon die Beob­ach­tung ist ein Eingriff, eine Mani­pu­la­tion dessen, der beob­achtet wird. Die Demo­kratie setzt aber freie Bürger voraus, die sich auch freie Meinungen bilden können. Die Über­wa­chung höhlt so unseren Rechts­staat aus.«

»Es gibt eine große Verun­si­che­rung darüber, was genau passiert, und ein diffuses Gefühl, dass man eh nichts dagegen unter­nehmen kann. Das ist ja auch genau das, was die Bundes­re­gie­rung uns signa­li­siert. Ich glaube, es wird Jahrzehnte dauern, bis das Ausmaß der Verän­de­rungen ins Bewusst­sein der Leute wirklich einsi­ckert. Das hat man auch bei anderen großen gesell­schaft­li­chen, quasi revo­lu­ti­onären Verän­de­rungen gesehen, dem Umwelt­schutz oder dem Kampf für Frau­en­rechte.
… Der Staat muss dafür sorgen, dass unserer Daten nicht geraubt werden.«

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Alter­na­tiv­lo­sig­keit ist ein Wort, das besser ist als unsere Kanzlerin und besser als der Gebrauch dieses Wortes, um unsere Zeit auf den Begriff zu bringen. Was heißt Alter­na­tiv­lo­sig­keit?

Die Biogra­phien sterben aus. Heute gibt es nur noch alter­na­tiv­lose Biogra­phien. Die jener Menschen, die immer schon wussten, was sie mal machen würden. Gegen­bei­spiel: Die Biogra­phie von Berthold Beitz, der kürzlich gestorben ist. Sie war keine alter­na­tiv­lose Biogra­phie, sondern eine mit Ecken, Wendungen und Risiko.

Was Alter­na­tiv­lo­sig­keit bedeutet? Das heutige Neo-Bieder­meier, das sich eine Mutter der Nation leistet, die es still­stellt, und aus der Lange­weile eine Tugend macht, und die nicht nur äußerlich an Louis-Philippe I. erinnert.

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Es gibt auch ein Kino der Alter­na­tiv­lo­sig­keit. Was das Kino nicht leistet: Alter­na­tiven zur Alter­na­tiv­lo­sig­keit zu bieten. Genau das müsste es aber tun, anstatt sich in die Gräben der Unter­hal­tung oder in Elfen­bein­türme zurück­zu­ziehen. Statt­dessen laufen in deutschen Filmen nur noch Plot-Zombies herum, keine Figuren aus Fleisch und Blut.

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Gestern ist Marcel Reich-Ranicki gestorben. Auch wer sich nicht für Literatur inter­es­siert, erinnert sich an seine flammende Rede zum Qualitäts­ver­fall des Fern­se­hens.
»Wir müssen nur etwas tun, damit das Fernsehen das Programm ändert! Ich habe vor kurzem über einen Freund aus dem Fern­sehrat bei einem unserer Inten­danten inter­ve­niert und gesagt: Ich halte das Programm seines Senders für einen Skandal und für Barbarei! Er hat mir antworten lassen, knapp: ‘Fußball ist wichtiger als Literatur!’ Ich habe ihm wiederum antworten lassen: ‘Wer heute sagt, ‘Fußball ist wichtiger als Literatur’, wird morgen sagen ‘man soll die Bücher wieder verbrennen’!«

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Die ARD hat jetzt nach langem Gedrängt­werden die Preise ihrer Fernseh-Produk­tionen veröf­fent­licht. Auf der Inter­net­seite daserste.de kann man einiges nachlesen. Danach kostet eine Minute »Tatort« 15.500 Euro. 17.500 Euro pro Minute werden durch­schnitt­lich für einen »Donna Leon«-Krimi veran­schlagt. Der durch­schnitt­liche Minu­ten­preis für die 90-minütigen Fern­seh­filme, die unter dem Signum »Film-Mittwoch im Ersten« laufen, beträgt ebenfalls 15.500 Euro. »Für heraus­ra­gende Event­pro­duk­tionen liegt ein indi­vi­duell zu verhan­delnder Minu­ten­preis zugrunde, für den kein allge­mein­gül­tiger Durch­schnitts­wert angegeben werden kann«, heißt es weiter. Allen Preisen liegen die soge­nannten Total-Buyout-Verträge zugrunde, in denen zum Beispiel Wieder­ho­lungs­ho­no­rare und Auslands­rechte bereits abge­golten sind.
Als Grund für die Offen­le­gung nannte der Sender­ver­bund den »häufig formu­lierten Wunsch nach mehr Trans­pa­renz im öffent­lich-recht­li­chen Rundfunk«.
Das ZDF beläßt es einst­weilen noch bei allge­meinen Infor­ma­tionen. Auf der Seite www.unter­nehmen.zdf.de findet man staats­ver­trag­liche Grund­lagen und Satzungen, Gremien, Gehälter der Geschäfts­lei­tung und Finan­z­pläne. Demnächst sollen auch »Kosten-Größen­ord­nungen von ZDF-Sendungen« folgen.

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Ein Lehrstück für die Medi­en­wis­sen­schaften ist die Bericht­er­stat­tung der letzten Monate über Ägypten. Meinungs­stark und neugier­schwach – so erlebte man die gesam­melte Mann­schaft des Qualitäts­jour­na­lismus . mit wenigen Ausnahmen wie dem Ägypten-Korre­spon­denten des »Spiegel.«

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Was man am Beispiel Ägypten auch lernen kann: Demo­kratie ist relativ.
Wenn im Herbst 1933 die deutsche Wehrmacht Hitler mit Gewalt gestürzt hätte, und dabei ein paar Hundert seiner Anhänger, darunter HJ-Pimpfe, aber auch SA-Schergen getötet worden wären – würden dann heute auch die deutschen Zeitungen mit Verfas­sungs­ka­ta­logen herum­we­deln, und erklären, Hitler sei schließ­lich demo­kra­tisch gewählt worden? Demo­kratie sollte nicht zum Fetisch werden
In Ägypten ist die Mehrheit der Bevöl­ke­rung gegen die Muslim­brüder. Die Muslim­brüder haben bereits Sadat getötet – falls man sich an den noch erinnert –, die Muslim­brüder fordern den Dschihad gegen Israel und den Westen, ihre Führer rufen zum Märty­rertod auf, aber der deutsche FDP-Außen­mi­nister vertei­digt sie.

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Freiheit ist natürlich ohne Frage auch die Freiheit der Anders­den­kenden, da könnte der deutsche FDP-Außen­mi­nister sich mal zum Beispiel für Edward Snowden einsetzen, oder für Julien Assange, beides keine Anti-Demo­kraten, die aber in den ach so hoch­ge­lobten Demo­kra­tien ihrer Freiheit nicht sicher sein können.
Freiheit ist nicht nur die Freiheit der Anders­den­kenden, sondern auch die der Anti-Demo­kraten. Freiheit ist aber keines­wegs die Freiheit der Anders­han­delnden.
Freiheit ist schließ­lich auch die Freiheit der Blöden. Deswegen werden auch diesmal wieder ein paar Prozent der Wähler mit der Zweit­stimme die … wählen – siehe oben.

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»Es war nicht seine Sache, wissen­schaft­liche Gutachten zu liefern. Etwas anderes strebte er an, und er verwirk­lichte es auf eine bis dahin unbe­kannte Weise: Kerr machte aus der Thea­ter­kritik ein zusät­z­li­ches Spektakel, ein geistiges Schau­spiel. Dies aber konnte ihm nur gelingen, weil er, der sich vom Komö­di­an­ti­schen betören ließ, selber ein komö­di­an­ti­sches Tempe­ra­ment hatte.

Seine Rezen­sionen waren aufse­hen­er­re­gende Darbie­tungen eines Virtuosen, eines jauchzend in seine Kunst verliebten Artisten. Es waren effekt­volle Selbst­prä­sen­ta­tionen. Wer will, mag Kerr vorwerfen, was ihm tatsäch­lich unzählige Male vorge­worfen wurde, zumal von jenen, die sich von ihm schlecht behandelt fühlten: haar­sträu­bende Egozen­trik und wollüs­tigen Selbst­genuß. Das trifft schon zu, aber es hängt untrennbar mit seiner Leistung zusammen. Denn die Egozen­trik war die Voraus­set­zung seiner kriti­schen Tätigkeit und darüber hinaus seiner ganzen schrift­stel­le­ri­schen Existenz, die Eitelkeit der Motor seines Schrei­bens, der Selbst­genuß sein Stil­prinzip.

Im Mittel­punkt stand immer er selber. Denn Kerr betrach­tete sich als Versuchs­person, über deren Reaktion auf künst­le­ri­sche Darbie­tungen (oder auf Städte, Land­schaften, Sehens­wür­dig­keiten) er sein Publikum zu infor­mieren hatte. Um es über­spitzt auszu­drü­cken: Nicht über einen Thea­ter­abend schrieb Kerr, sondern über sein persön­li­ches, durch diesen Thea­ter­abend hervor­ge­ru­fenes Erlebnis. Er war ein unruhiger und unge­dul­diger Schreiber, der dem spontanen Antrieb folgte.«
Marcel Reich-Ranicki über sein Kriti­ker­vor­bild Alfred Kerr

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Filmtipp: „Sneakers – Die Lautlosen“

2013_00012_Filmtipp_Sneakers

Wenn die Wirklichkeit die Fantasie überholt, liegt das auch daran, dass ihr die Fantasie voraus war. Mitunter mehr als 20 Jahre: 1992 warnte die Gaunerkomödie „Sneakers“ schon vor all dem, was uns heute im Datenverkehr Sorgen macht. Man musste nur richtig hinsehen. | Foto © Universal

Über Edward Joseph Snowden, die NSA und was man mit Internet und Mobilfunk so alles anstellen kann, brauche ich wohl nichts mehr zu schreiben, hat ja hier auch nichts zu suchen in einem Blog zum Filmschaffen … Es sei denn, der Fall zeigte, wie die Kunst mal wieder der Wirklichkeit voraus war, was damals nur keiner merkte oder merken wollte und das offenbar noch immer nicht tut. Zeit also für einen kleinen verschwörungstheoretischen Filmtipp am 11. September: Weiterlesen

1992, als es noch Telefonzellen gab und ein Handy-Gespräch noch soviel kostete wie heute eine ganze Flatrate, als Computer noch mit Disketten gefüttert wurden, auf die vielleicht gerade mal ein Foto passte und kaum einer was vom Internet gehört hatte, erschien im Kino ein Film namens „Sneakers – Die Lautlosen“. In der Gaunerkomödie bekommen es ein paar Hacker mit Mafia und Geheimdiensten zu tun, die alle hinter einem mysteriösen schwarzen Kästchen her sind. Mehr darf ich darüber hier nicht verraten ohne alles zu verderben; das Ganze war jedenfalls mit etwas Sillicon-Valley-Romantik und 68er-Idealismus versehen, mit Robert Redford, Dan Aykroyd, Ben Kingsley, Mary McDonnell, River Phoenix und Sidney Poitier wundervoll besetzt und überhaupt ein spannender Spaß, der auch wunderbar Kasse machte. Obwohl die Kritikermeinungen gespalten waren. Die ehrwürdige „New York Times“ fand, der Film wirke wie gerade wieder auferstanden, nachdem er vor 20 Jahren lebendig begraben, der Plot sei schwach und weder lustig noch spannend, das Ensemble hochkarätig, liefere aber durchweg eine schlechte Vorstellung. Auch der verehrte Roger Ebert war nicht allzu beeindruckt, nannte den Film „unterhaltsam, aber dünn“ und stellte einige dramaturgische Klischees heraus, die er in einem Film zu Recht lieber nicht mehr sehen wollte, die aber in diesem Fall verzeihlich, vielleicht sogar angebracht waren, weil Plot, Tonfall und Dramaturgie eben auch mit sowas spielten, und „Sneakers“ nicht nur Computertechnik und Verschwörungstheorien, sondern sein eigenes Genre auf die Schippe nimmt.
Doch darum ging es ja gar nicht. Doch worum es tatsächlich ging, das mysteriöse schwarze Kästchen nämlich und warum es in der Welt war, das war den Kritikern keinen Gedanken wert. Auch nicht dem gestrengen „Lexikon des Internationalen Films“, das auf den Besprechungen des „Film-Diensts“ basiert und „Sneakers“ so beschreibt: „Humorvolle Einbrecherstory, deren High-Tech-Gewand alten Klischees den Anschein des Neuen verpasst. Auch die hochkarätigen Darsteller können letztlich über diese Tatsache nicht hinwegtäuschen.“
Nun sind wir es zwar gewohnt, das Filmkritiken sich allzu gerne allein mit Handlung und Charakteren aufhalten und sich wenig um alle anderen Ebenen eines Films kümmern, doch nicht mal bei der Beschäftigung mit dem Plot hat man sich hier sonderlich angestrengt. Dabei hatte schon drei Jahre vor dem Filmstart „Der Spiegel“ eine Titelgeschichte über die Lauschangriffe der NSA veröffentlicht.
Auch dem war übrigens die Filmkunst voraus: Lawrence Lasker und Walter F. Parkes hatten die Idee zu ihrem Drehbuch bereits 1981, als sie an War Games – Kriegsspiele arbeiteten; ebenfalls ein Hackerfilm, wichtiger im Tonfall, politisch aber wesentlich harmloser. Mit dem Regisseur Phil Alden Robinson arbeiteten sie neun Jahre lang an der Entwicklung des Films, den die drei schließlich auch gemeinsam produzierten.
Was in dem Drehbuch steckt, hatte übrigens Stephen Tobolowsky, der eine wichtige Nebenrolle spielt, sofort begriffen. Zum 20. Jubiläum des Films erinnerte er sich um vorigen September: „Das Skript […] ist ein Wunder der modernen Welt des Drehbuchschreibens. Es überdauert durch Witz und nicht Tricks. Es ist eine Gaunerkomödie, die die Grenzen des Genres überschreitet. Ein Technikfilm, der immer noch nicht veraltet ist, obwohl er vor 20 Jahren erschien und noch Akustikkoppler als Modems benutzt.“

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Milchmädchen-Fakten

Bis zu 15.000 Euro am Tag verdiene Maria Furtwängler als Schauspielerin, weiß das Nachrichtenmagazin ihres Ehemanns und lässt daraus einen tollen Jahresverdienst vermuten. Weil sie natürlich 365 Tage im Jahr vor der Kamera steht … | Foto © NDR, Christine Schröder

Deutschlands Boulevardzeitschriften wussten vorletzte Woche mal wieder Bescheid: „So viel verdienen deutsche TV-Stars wirklich“, enthüllte das Faktenmagazin Focus und berief sich dabei auf Informationen der „Bild“-Zeitung: „12.000 bis 15.000 Euro am Tag“ erhielte etwa Maria Furtwängler – ein Spitzeneinkommen, das auch Götz George und Mario Adorf erzielen, dicht gefolgt von Veronica Ferres, Hannelore Elsner und Iris Berben mit „angeblich 8.000 bis 12.000 Euro.“ Zwar sei auf diese Tagesgagen „laut ,Bild‘-Recherchen kein Verlass“, räumt der „Focus“ ein, druckt die Zahlen aber trotzdem ab. Denn zwar könnten schlechte Einschaltquoten einen Schauspieler jederzeit wieder ans Ende der Honorarliste katapultieren (was heißt: „wirklich“ verdienen auch TV-Stars nicht so viel). Doch auch am Ende der Honorarliste ließe es sich noch prima leben, rechnet der „Focus” nach Milchmädchen-Art vor: Schließlich würden schon für einmalige Gastauftritte in manchen Fernsehserien 1.000 bis 3.000 Euro locker gemacht. „Somit bekommen selbst vergleichsweise schlecht verdienende Schauspieler an einem Tag noch mehr, als manch Bundesbürger im Monat.“

Das klingt ja auch nach einem ganz schönen Batzen – vor allem wenn man das Ganze reflexartig gleich mal 30 nimmt oder meint, „Fantastisch! Nur zwei Tage arbeiten und den Rest des Monats frei …“ Das schreibt der „Focus“ natürlich nicht, verführt aber zu dem Gedanken. Weiterlesen

Wahrscheinlich hatte das Nachrichtenmagazin ein Sommerloch zu füllen, sonst ist kaum zu erklären, warum man da mit Zahlen jonglierte, die die „Bild“ selbst schon im vorigen November veröffentlicht hatte, also vor einem dreiviertel Jahr. Ebenfalls mit reißerischer Überschrift, aber doch mit einem anderen Text: Schon zum Einstieg erwähnte die „Bild“ die Studie der Universität Münster, nach der 68 Prozent der deutschen Schauspieler weniger als 30.000 Euro im Jahr verdienen – brutto, bei gleichen laufenden Kosten „wie Normalos“ (Bild). Und schloss ihren Artikel mit der Anmerkung, dass solche Einkommen nicht repräsentativ für eine ganze Branche seien. Was sie aber nicht davon abhielt, dazwischen die nicht-repräsentativen Sensationsgagen aufzulisten.

Zwischen Bildern von großen Stars und noch größeren Zahlen gehen so kleinere Anmerkungen aus der Wirklichkeit leicht unter. Andere Zeitschriften hatten um die gleiche Zeit die Ergebnisse der Studie etwas weniger glamourös vorgestellt – darunter auch die Fernsehzeitschrift „TV Spielfilm“, die im selben Verlag erscheint wie der „Focus“ und sonst dem Starkult auch nicht abgeneigt ist. Und wenn man schon nicht liest, was die eigenen Kollegen so schreiben, hätten die „Focus“-Rechercheure einfach nur mal mit den Stichwörtern „Schauspieler“ und „Gagen“ googlen müssen. Eine exklusive Neuigkeit wäre das freilich nicht gewesen.

Zum Glück scheinen die „Focus“-Leser nicht ganz so doof zu sein, wie sich das die „Focus“-Redakteure so vorstellen. Aber ärgerlich ist es doch, weil so ein Unsinn im Netz gleich dutzendweise abkopiert wird. Und fatal ist es auch, wenn zur gleichen Zeit Hubert Burda, Verleger des „Focus“ (und nebenbei Ehemann der Spitzenverdienerin Maria Furtwängler) öffentlich vom Qualitätsjournalismus schwärmt und behauptet „als Hort der Glaubwürdigkeit sind Printmedien unersetzlich“. Ist zwar schon ein Jahr her, aber ich möchte annehmen, er glaubt das immer noch.

Der Bundesverband der Film- und Fernsehschauspieler (BFFS) jedenfalls mahnte auf den „Focus“-Artikel hin eine „seriöse Berichterstattung über Schauspieleinkommen“ an. Die Studie der Uni Münster, vom BFFS in Auftrag gegeben, zeige, dass die tatsächlichen Verdienstverhältnisse der Schauspieler pro Jahr um 6.600 unter dem Bundesdurchschnitt lägen: „Lediglich 4,7 Prozent der Schauspieler erzielen durch ihre Arbeit Einkommen über 100.000 Euro pro Jahr“, sagt Hans-Werner Meyer, Vorstandsmitglied des BFFS – das ist einer von 20. Berechne man zudem Vorbereitung, Gagenabzüge bei mehreren Drehtagen, Steuern und Agenturprovision, bleiben auch von Traumgagen „maximal 37 Prozent übrig“. Doch „in Zeiten der ständig sinkenden Budgets werden häufig nur noch sogenannte ,Sondergagen‘ gezahlt, die mit der nominellen Drehtagsgage längst nichts mehr zu tun haben“, führt Meyer weiter aus.

Filmschaffende wissen das natürlich. Andere Freiberufler können zumindest richtig rechnen. Nur festangestellte Redakteure scheinen da ein wenig Schwierigkeiten zu haben wollen, wenn’s der Aufmerksamkeit dient.

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BFFS-Keynote 2013 für die Film- & Fernsehbranche

Foto © BFFS

Der Schauspieler Heinrich Schafmeister (Vorstand BFFS) informiert über den aktuellen Verhandlungsstand von:

Tarifvertrag für Schauspielerinnen und Schauspieler
Ergänzungsvertrag Erlösbeteiligung Kinofilm
Interne Verteilung Erlösbeteiligung Kinofilm & die geplante Deutsche Schauspielkasse
Gemeinsame Vergütungsregeln mit ProSiebenSat.1

Die Veranstaltung fand am 29. Juni 2013 im Sendlinger Tor Theater im Rahmen des Filmfestes München 2013 statt und war öffentlich zugänglich. Weiterlesen

Aufgrund der komplexen Thematik haben wir uns nicht zuletzt für den Gesamteindruck dazu entschlossen, Ihnen Heinrich Schafmeisters Keynote in voller Länge zu zeigen.
Einzig und allein die Publikums-Stimmen wurden nahezu alle rausgeschnitten, was keine Zensur darstellt, sondern in der Tatsache begründet ist, dass einfach vergessen wurde, dies im Vorfeld absegnen zu lassen.

STATUS QUO
Während der Tarifvertrag für Schauspieler und Schauspielerinnen zwar fertig verhandelt ist, steht hier nur noch die letztendliche Zustimmung des Vorstandes der Produzentenallianz aus – mit der aber alle im September fest rechnen.

Der Ergänzungstarifvertrag Erlösbeteiligung Kinofilm ist von allen unterschrieben. Die zugehörigen internen Verteilungsschlüssel werden bis Ende dieses Jahres entschieden.
Ab 01.01.2014 tritt er in Kraft, so dass ein Jahr darauf die ersten Kinoerlösbeteiligungen ausgezahlt werden können.

Die Deutsche Schauspielkasse befindet sich im Aufbau und soll in Zukunft die Kinoerlösbeteiligungen und die zwischen BFFS und ProSiebenSat.1 vereinbarten Folgevergütungen vereinnahmen und an die Schauspieler auskehren.
Ab 2014 wird die Deutsche Schauspielkasse ihre Arbeit aufnehmen und zunächst beginnen, die Folgevergütungen für alte ProSiebenSat.1-Erfolgsfilme an die Schauspieler auszuschütten.

Die gemeinsamen Vergütungsregeln mit ProSiebenSat.1 sind bereits seit 01.07.2013 in Kraft. Die diesbezügliche „Einstiegsgage“ von 880 Euro ist also schon bindend.

Offizielle Website des Bundesverband der Film- und Fernsehschauspieler (BFFS):
www.bffs.de

Link zum cn-klappe Video-Beitrag auf casting-network:
www.casting-network.de

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Alle gucken hin, doch keiner schaut zu – warum die Quote Quatsch ist

Auch Kunst macht Quote: Besucher im Louvre, die „Mona Lisa“ betrachtend | Foto © Frank Cullmann

„Blickpunkt Film“ hat im neuen Heft einen Artikel über eine geplante Verfeinerung der Quotenmessung veröffentlicht, teilt mir ein Kollege mit. Wäre das nicht einen Beitrag wert? Weil erstens doch zur Zeit die Quote mal wieder heftig diskutiert wird und zweitens nun endlich auch das Fernsehgucken über andere Geräte wie Smartphone, Tablet und Computer berücksichtigt werde …

Nö, finde ich nicht. Und zwar nicht, weil die Fernsehforscher der deutschen Sender darüber ja schon seit mindestens sechs Jahren nachdenken und man in den USA da schon vor Monaten ein ganzes Stück weiter gekommen ist, sondern weil ich Quoten generell für Quatsch halte. Und wer jetzt noch weiterlesen mag, dem erkläre ich auch gerne, warum. Weiterlesen

Es geht mir nicht um das übliche Scheinargument von Qualität versus Quote. Ich glaube nicht, dass ein Film nur deshalb gut ist, weil ihn keiner sehen will, oder umgekehrt: Nur weil ein Film Erfolg hat, muss er ja nicht schlecht sein. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Kein Mensch wird ernsthaft behaupten wollen, dass der beste Hamburger der Welt in den Schnellrestaurants mit dem gelben M gebraten werden, nur weil er dort milliardenweise verzehrt wird. Aber er hat dort offensichtlich das bessere Marketing.

Darum verstehe ich auch die Nöte eines Programmplaners oder Filmverleihers, der sich den Unwägbarkeiten des Besuchererfolgs aussetzt und hofft, sein Risiko zu senken, wenn er sich auf ein paar Zahlen stützen kann. Oft geht das gut, mitunter aber auch nicht, und das liegt daran, dass die Begeisterung der Zuschauer zwar immer ein Risiko darstellt, vor allem aber unwägbar ist. Ein Risiko lässt sich einigermaßen berechnen, Unwägbarkeiten nicht. Die Entscheidungstheorie kennt das als Ellsberg-Paradoxon und behilft sich darum, wenn man ins Ungewisse planen muss, mit einer Reihe von Kriterien, deren Wahrscheinlichkeit sich irgendwie berechnen lässt. Blockbuster etwa werden aus bewährten wahrscheinlichen Erfolgsfaktoren zusammengesetzt – von Thema und Genre bis zur Besetzung. Sicher ist der Erfolg aber auch damit nicht automatisch, selbst wenn man weiß, dass deren Publikum eher unter 30 ist, während sich überdurchschnittlich viele Großstädter und Singles einen Woody-Allen-Film ansehen.

Beim Fernsehen mag die Quote gar noch eine wichtigere Rolle spielen. Sie misst zwar nur ein Ergebnis, das bereits eingetroffen ist, bietet aber wenigstens für Serien, Reihen, vielleicht sogar für Sendeplätze einen Anhaltspunkt. Es gehört dennoch eine Portion Optimismus dazu, dieses Ergebnis als Prognose für einen anderen Film zu benutzen – es sei denn, der erzählt keine allzu andere Geschichte oder hat die immer selbe beliebte Hauptdarstellerin.

Die Klagen über solche Programmeinfalt gehören zu jeder anständigen Quotendiskussion. Aber vielleicht will es der durchschnittliche Zuschauer auch nicht anders. Aber vielleicht denken auch nur Programmplaner so, und dem durchschnittlichen Zuschauer würde auch ganz anderes gefallen, wenn man ihn nur ließe, meint zum Beispiel der Regisseur Hans Weingartner.

Man könnte auch die Beispiele von gefeierten Fernsehserien und Kinofilmen anführen, die schwach starteten oder in anderen Ländern nicht an ihren Erfolg anknüpfen konnten. Doch all das kann man auch getrost beiseite lassen. Weil Marktforscher und Unternehmer zur Risikominimierung zwar die Quote brauchen mögen, Kreative sie aber meiden sollten. Denn „Kunst“ (im weitestmöglichen Sinne des Wortes) soll zuallererst nur eines sein: anders!

Womit ich nicht bedenkenschwerem Sperrgut das Wort reden will, das mir das Leben noch dunkler macht. Auch Unterhaltung ist nur unterhaltend, wenn sie frisch ist, überrascht, überwältigt, mitreißt. Und das kann selten Kram, der nach dem immergleichen Strickmuster kreativer Sicherheitsfanatiker zusammengestöpselt wird und sich mit der Quote von der Strömung treiben lässt, immer flussabwärts.

Wohin das führt, zeigt uns zum Beispiel der Louvre in Paris – und das gleich zweimal: Als vor gut 25 Jahren der Architekt Ieoh Ming Pei eine Glaspyramide als Eingang in den Hof des alten Kunstmuseums setzte, spottete die Welt und nur wenige fanden es schön. Heute ist sie eines der Wahrzeichen der Stadt. Und drinnen im Museum hängt Leonardo da Vincis „Mona Lisa“, eines der berühmtesten Gemälde der Welt, Inspiration für Lieder und Filme, kurz: so verehrt, dass man gar nicht mal zu diskutieren wagt, ob man das Bild tatsächlich so toll findet. Der Louvre jedenfalls verdankt ihm den größten Teil eines Besucherandrangs, der sich kaum mehr bewältigen lässt: 80 Prozent kommen nur, um sich die „Mona Lisa“ anzuschauen, wusste die DPA im April 2009. Eine Traumquote!

Und die bedeutet auch, dass sich alle um das kleine Porträt drängen und die ganze übrige Kunst nicht mehr sehen. Keiner guckt nach rechts oder linksund etliche nicht mal mehr nach vorne. Dabeisein ist alles.

Ähnliches kann man im Prado in Madrid erleben, wenn auch nicht ganz so extrem. Dabei hat Diego Velàzquez noch viel Tolleres gemalt als seine Hoffräulein, Las Meninas. Gleich nebenan zu sehen, wenn man nur hinschaut.

Aber so funktioniert der Mensch, ob’s um Kultur geht oder anderes: Die Mehrheit folgt einer Meinung und bildet sie damit. Dass sie aber nicht immer recht hat, wissen wir nicht erst, seit uns Herrn Dobelli das Denken erklärt und damit selbst ein gutes Beispiel für die Sogwirkung der Schwarmbegeisterung geliefert hat. Weil ich einige der Sachen, die der ehemalige Manager da abgeschrieben hat, inzwischen selber gelesen habe, geht’s mir ähnlich wie vielen anderen Lesern, doch ich verstehe auch den Erfolg – schnell, nicht zu schwer und mit hübschen Bildern. So funktionieren Blockbuster. Wenn es zum Selberdenken anregt, ist das auch ganz gut so. So funktioniert Kultur.

Bloß möchte ich nicht im Museum eines Tages nur noch die Bilder vorgesetzt bekommen, die möglichst viele Leute anziehen (die dann noch nicht mal richtig hingucken). Und wer jetzt meint, ich soll mal nicht übertreiben, weil es ja so schlimm nicht kommen wird, der staune über diese Zahl: Etwa 25.000 Opern gibt es, nur etwa 100 davon werden regelmäßig gespielt. Schlecht sind sie deshalb nicht – nur halt die immergleichen.

 

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Cinema Moralia – Folge 68: Zwischenstation Sehnsucht

Fritz Langs Nibelungen

Die Nibe­lungen mal wieder, Bayreuth, Mongolen-Ansturm, der Kultur­staats­mi­nister, künst­le­ri­scher Terro­rismus und Listen, Listen, Listen – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 68. Folge

»Dissent can be dicy.«
Susan Sarandon in der Rolle der Ex-Revoluzzerin Susan Solarz in Robert Redfords The Company You Keep

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»Diese Entschei­dungs­lo­sig­keit«, sagte der Redakteur, »es ist wie vor dem Joghurt-Regal. Welche Sorte soll man nehmen? Und von welchem Anbieter?« Tja, ein Alltags­schicksal in der Multi­op­ti­ons­ge­sell­schaft. Der Redakteur, der – das ist nicht selbst­ver­s­tänd­lich – auch ein Freund ist, sprach eigent­lich nicht vom Super­markt, sondern von seinem Bücher­vorrat. »Der Stapel ist unendlich – alles Bücher, die man in den Sommer­fe­rien unbedingt lesen sollte.« Mir fällt dazu erstmal nichts ein, aber ich spüre einen Stich im Herzen. Stimmt: Redak­teure haben ja Sommer­fe­rien. Bezahlt! Dann frage ich, ihn, welches Buch denn bei ihm ganz oben auf dem Stapel läge? »Naja«, sagt er, »eigent­lich sollte ich den Kittler lesen.« – »Der ist doch tot?« – »Eben drum«, meint er, »man muss jetzt halt schauen, was an ihm wirklich dran ist. Aber…«, meint er weiter, »ganz oben liegt bei mir ein Buch von Johannes Fried übers Mittel­alter. Kennst Du den Fried?«
– Kenne ich, hab ja schließ­lich Geschichte studiert, und mir fällt bei Fried als erstes ein, dass er wie alle deutschen Histo­riker besonders gern englische Tweed-Jackets trägt, grünliche, glaube ich. »Das Mittel­alter«, meint der Redakteur, und klingt jetzt aufgeregt »… in seinem Buch schreibt der Fried über den Mongo­len­ein­fall.« Ich warte. Und glaube, jetzt kommt irgendwas über den Dünger, der das Abendland zum Blühen brachte. »Der Mongo­len­ein­fall ist ein erster großer Anlass geworden, sich mit fremden Kulturen zu befassen. Die Mongolen haben die Hälfte der unga­ri­schen Bevöl­ke­rung massa­kriert und sind wieder abgezogen. Zurück blieb großes Staunen über die Mongolen. Und dann ist der Papst gekommen, und hat gesagt: ‘Dem müssen wir nachgehen.’ Das ist ja die Frage, die man auch heute hat: ‘Wer sind die Aliens?’« Das Abendland, das hat da aufgrund des Fragen­ka­ta­logs der Hoch­scho­lastik zur Neuent­de­ckung Asiens beige­tragen. Weiterlesen

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Im Fernsehen redete am Sonntag dann Frank Castorf bei »ttt« über seinen Ring bei den Wagner-Fest­spielen. Klingt alles gut, und sieht super aus, wenn auch ein bisschen wie Castorfs größter Erfolg »Endsta­tion Sehnsucht«. Aber warum auch nicht? Erstmals seit Jahren habe ich jeden­falls Lust, eine »Ring«-Insz­e­nie­rung zu sehen, erstmals seit Jahren redet irgendwer über Wagner. Eine Ölplatt­form als Nibe­lungen-Gold – das ist eine Deutung, so platt wie der heutige Kapi­ta­lismus eben ist. Castorf sagt im Beitrag sympa­thi­sche und kluge Sachen. Etwa: »Es geht um Ausnah­me­zus­tände sowieso bei Wagner. Wie laut ist es, wann ist das Orchester und die Zuschauer zu Tode erschreckt, es sind Terror­akte, wie Wagner sagte, künst­le­ri­scher Terro­rismus tut manchmal not.« Oder: »Götter­däm­me­rung ist gut, weil alles, was ist, wird anders werden.«

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Man wünschte sich nur mal so etwas Ähnliches im Kino. Ein Film, der derart wichtig genommen wird, ohne bieder natu­ra­lis­tisch zu sein – wie Das Leben der Anderen. Sondern so gekün­s­telt, wie eine Castorf-Insz­e­nie­rung. Und den das Feuilleton auch wichtig nimmt, und so toleriert, wie Herrn Castorf, der Dinge tun und sagen darf, von denen Film­re­gis­seure leider nur träumen können. Die deutsche Film­kritik will aber nämlich eigent­lich keine Politik, sowenig wie die Film­branche. Man will nur so tun, als ob, und schon gern sagen können, wie wahn­sinnig politisch etwas ist, aber bei echten Mani­festen oder Polemiken zitiert man hier­zu­lande dann pikiert am liebsten den dummen Satz, Botschaften solle man »mit der Post schicken«.

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Der Mongo­len­sturm, genauer Mongo­len­könig Etzel, gegen den die »teutschen Recken« einen Angriffs­krieg führen, die die schon durch Verrat Entzweiten vereinen soll, spielt ja zwar nicht bei Wagner, aber im Nibe­lun­gen­lied eine zentrale Rolle. Und das hat immer wieder besonders Filmleute angezogen, nicht nur Fritz Lang und seine Epigonen, die in den Sech­zi­gern zwei »Nibe­lungen«-Filme drehten, nicht nur Sat1 vor ein paar Jahren. Auch Helmut Dietl und Bernd Eichinger hatten konkrete
Pläne. Jetzt will sie Teamworx-Chef Nico Hofmann reali­sieren – aber vorerst nicht im Film, sondern auf der Bühne der Nibe­lungen-Fest­spiele, wo er ziemlich über­ra­schend ab 2015 die Intendanz übernimmt – mit dem Film­re­gis­seur Thomas Schadt (auch Geschäfts­führer der Ludwigs­burger Film­aka­demie) als künst­le­ri­schem Leiter. Eine weitere Synergie von Film und Theater.
Das neue Stück zur Inszenierung wird von Albert Ostermaier geschrieben, auch ein sehr filmaffiner Theaterautor, der in der »SZ« vom 30.7. Lesenswertes zum Nibelungenstoff sagt: »Das ist eine der gewaltigsten und gewalttätigsten Erzählungen der Weltliteratur und verarbeitet alles, was uns Deutschen an Lieb und Leid innewohnt. … Darin ist wie in einem Shakespeare-Drama alles vorhanden: Wie aus Privatem Politik und aus Politik das Private entsteht. Gleichzeitig stecken im Text aber auch Komik, Ironie und Leichtigkeit, was bislang immer weggedrängt wurde.«

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Wider­stand kann riskant und unan­ge­nehm sein, keine Frage. Aber manchmal muss es eben sein. Das hat viel­leicht auch Bernd Neumann gedacht, unser Kultur­staats­mi­nister, und ohne Frage einer der ange­nehmsten Menschen in seiner Partei. Vor ein paar Wochen hatte er sehr sehr unan­ge­nehme Tage. Das war, als im Kultur­aus­schuss des Bundes­tags und auch außerhalb des Parla­ments, in den halb­schat­tigen kühlen Hallen, in den die Schwarz-Gelb-Entschei­dungen wirklich fallen, und nicht nur fürs Publikum exeku­tiert werden, über die Künst­ler­so­zi­al­kasse (KSK) gestritten wurde. Bekannt­lich setzten sich Neumann und Arbeits­mi­nis­terin Ursula von der Leyen vehement dafür ein, noch vor der Wahl schärfere Kontrollen der abga­be­pflich­tigen Unter­nehmen durch­zu­setzen, ob die denn ihre Abgaben auch zahlen. Denn seit 2010 werden diese Unter­nehmen immer nach­läs­siger geprüft und bringen die KSK daher in finan­zi­elle Schief­lage.
Bekanntlich konnten sich beide Minister nicht durchsetzen – gescheitert sind sie an Wirtschaftslobbyisten, an der FDP und an der Kanzlerin. Die brüskierte ihren Minister kürzlich halböffentlich. Denn als Neumann eine Rede hielt, in der er sich für die KSK in der alten Form einsetzte, wird ihre Antwort wie folgt kolportiert: »Das mag Ihre Meinung sein, Herr Neumann, aber die Regierung denkt anders.«

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Weil wir nicht anders denken, erlauben wir uns hier nochmals den Hinweis auf die Petition gegen die Abschaf­fung der Künst­ler­so­zi­al­kasse. Hier steht alles, was man dazu wissen muss – die Petition läuft nur noch bis zum 06.08.2013

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Für Neumann könnten diese Sommer­tage die letzten im Amt sein. Denn zumindest für den Bundestag kandi­diert er nicht mehr, und so speku­lieren manche schon über Nach­folger. Bereits eine Art vorge­zo­genen Abschieds­text veröf­fent­lichte Ende Juli Chris­tiane Peitz, die zwar im Haupt­beruf Feuille­ton­chefin und Film­ex­pertin des Berliner »Tages­spiegel« ist, da aber offenbar genug Zeit hat, um nebenbei noch für Radio­sender zu arbeiten. Sowohl im WDR wie im NDR blickte sie auf Neumanns Arbeit zurück – Nachhören oder -lesen lohnt.

Es ist nicht nur ein schmei­chel­haftes Portrait, sie würdigt zwar, der west­preußi­sche Flücht­lings­sohn und ausge­bil­dete Pädagoge habe »die Bundes­kul­tur­po­litik profes­sio­na­li­siert und konso­li­diert«, nennt Tief­sta­peln, und »die geräu­scharme, skan­dal­freie Hinter­zim­mer­po­litik, das Schmieden von Koali­tionen und Kompro­missen« zu seinen Stärken. Doch »das beherzte Angehen offener Fragen ist nicht seine Sache. Neumann sitzt Debatten lieber aus und pflegt den Konsens«, ein »Macher, … cleverer Lobbyist, ein Bauern­schlauer«. »Acht Jahre Bernd Neumann, acht Jahre korrekte Bieder­keit bei öffent­li­chen Auftritten, … Eleganz, gar Esprit, das kann er nicht. … er wird nicht müde, das öffent­lich-recht­liche Fernsehen an seinen Kultur­auf­trag zu erinnern, wenn ARD und ZDF die Doku­men­tar­film­pro­duk­tion abschaffen oder anspruchs­volle Filme ins Nacht­pro­gramm verbannen. Aber der Geruch des Provin­zi­ellen haftet ihm weiter an, die Mischung aus Unge­schick und Eitelkeit, die wegen seines Hangs zur falschen Aussprache von Namen immer wieder peinlich berührt.«

Diese vage Kritik an Äußer­li­chem ist recht hart, und schwächt die wirklich sach­li­chen Argumente, die Peitz natürlich auch hat: »Man wünschte sich auf Dauer mehr Program­ma­ti­sches vom höchsten Kultur­amtsträger im Staate, mehr als nur die wort­reiche Sorge um die kultu­relle Bildung oder die Zukunft des Urhe­ber­rechts im digitalen Zeitalter. Wo bleibt eine zündende Idee, wie dem Kultur­p­re­ka­riat geholfen werden kann? Wo das leiden­schaft­liche Bekenntnis zum skeptisch beäugten Humboldt-Forum mit den außer­eu­ropäi­schen Samm­lungen im Schloss: zu einem im Herzen der Nation ange­sie­delten Haus für die Kultur­schätze der Welt, deren Wert sich in globa­li­sierten Zeiten von selbst verstehen müsste? Warum rührte Neumann so gut wie nie die Werbe­trommel für die Berliner Kunst­schätze der Moderne und die Behebung der Platznot in der Neuen Natio­nal­ga­lerie? Warum besticht er neben den Haus­häl­tern nicht auch die Öffent­lich­keit mal mit Argu­menten? … Ja, Neumann hat den Film wirt­schaft­lich voran­ge­bracht und die Babels­berger Studios sind mit inter­na­tio­nalen Produk­tionen wieder gut ausge­lastet. Aber künst­le­risch hat der deutsche Film wenig zu melden, inter­na­tional laufen ihm kleinere Länder wie Öster­reich oder Dänemark den Rang ab. Hier hat Neumann zu wenig gestaltet.«

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In dieser letzten Juli- ersten August­woche ist Deutsch­land mehr denn je in Ferien versunken. Gerade schreibe ich in Mannheim, im Cafe Vienna, das ich unverz­eih­li­cher­weise erst im zwölften Jahr meiner regel­mäßigen Mannheim-Besuche per Zufall entdeckt habe, obwohl er mitten im berühmten »Quadrat« liegt. »So ein bisschen alter­nativ« sei der Laden, charak­te­ri­siert ihn die Bedienung – und das stimmt zumindest wenn man auf die Preise guckt. Die sind nämlich fast wie zu DM-Zeiten. Und nirgendwo wird man so oft gefragt, warum man mit dem Laptop dasitzt und arbeitet, warum man schreibt und was – die Mann­heimer haben eben kein Blatt vorm Mund und ein gesundes Verhältnis zur Arbeit, zum Wort, und zum Schreiben, dieser unge­sunden Tätigkeit.

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Immer wieder werde ich als Film­kri­tiker gefragt, welches meine zehn (warum eigent­lich zehn und nicht elf oder zwölf oder dreißig?) Lieb­lings­filme seien. Nun, sie wechseln eigent­lich ständig. Aber hier mal die aktuelle 10er Liste: King Kong; Le mépris; Barba­rella; Casino; La notte; Modern Times; Die sieben Samurai; Bonjour Tristesse; The French Connec­tion; Menschen am Sonntag. Beschis­sene Liste. Was und wer da alles fehlt! Also eine zweite: Die Außen­sei­ter­bande; Chungking Express; Armee im Schatten; Barry Lyndon; Dr. Mabuse, der Spieler; Saboteure; Novecento; Once Upon a Time in America; Die ameri­ka­ni­sche Nacht; Les Demoi­selles de Rochefort. Auch blöd. Also noch eine: Beruf: Reporter; Pierrot le fou; Diva; M – Eine Stadt sucht einen Mörder; Das Appar­te­ment; Bunny Lake Is Missing; Dressed to Kill; The Year of Living Dange­rously; 2046; The Night of the Hunter – ach, so ein Quatsch. Es geht einfach nicht. Merkt ihr ja, oder? Eine Liste ohne Malick, ohne Roeg, ohne Rossel­lini, ohne Curtiz, ohne Bunuel, ohne Coppola, ohne Allen, ohne… ohne… ohne…
Geht einfach nicht. Auch wenn mir die letzte Liste am besten gefällt.

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»Denn nur das reinste Licht wird dazu taugen, wenn heilige Glut die ersten Strahlen spinnt, wofür die wunder­vollen Menschen­augen nur klägliche und trübe Spiegel sind.«
Charles Baude­laire, Die Blumen des Bösen

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Gemeinsam stark?

Mit einer Protestkation machten mehrere Berufsverbände während des Münchner Filmfests auf die Lage der Filmschaffenden aufmerksam und demonstrierten Einigkeit. Wenn es doch nur immer so wäre. | Foto © Habil Uz

Es ist schon kein Geheimnis mehr: In Deutschlands Filmbranche liegt einiges im Argen. Mit immer knapperen Budgets müssen an immer weniger Tagen immer mehr Einstellungen gedreht werden (klagen Auftragsproduzenten die Sender an), zu immer geringeren Gagen müssen an immer weniger Tagen immer mehr Einstellungen gedreht werden (klagen Filmschaffende die Produzenten an). Überstunden und Lohndumping machen den Filmarbeitern das Leben schwer. Dokumentarfilmer etwa, fand eine repräsentative Studie im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok) heraus, arbeiten im Durchschnitt für einen Stundensatz von 9,91 Euro – brutto! Da überrascht es nicht, wenn 85 Prozent der Befragten angeben, sie könnten von ihrem Beruf als Autor oder Regisseur nicht mehr leben.

Für die anderen Filmberufe sieht es kaum besser aus. Und wer sich dafür interessiert, kann das auch wissen. Denn nicht nur Zeitungen, sondern auch öffentlich-rechtliche Fernsehsender, wegen ihrer Auftragsbedingungen oft als Wurzel allen Übels ausgemacht, haben darüber berichtet. Der NDR etwa führte vor drei Jahren den Schauspieler Ingo Naujoks an, damals bekannt als ständiger Sidekick im Tatort aus Hannover. Gut versorgt, sollte man meinen. Doch das Engagement belief sich für jede Folge nur auf wenige Drehtage, die übrige Zeit musste der Schauspieler auch über Provinzbühnen tingeln, um über die Runden zu kommen.

Künstlerschicksal? So kann man’s sehen, wenn man noch die falsche Romantik aus dem Paris des vorletzten Jahrhunderts im Kopf hat. Echte Kunst muss leiden, wusste ja schon die Bohème. Sonst kann ja nichts Wahres, Schönes, Gutes dabei herauskommen. Ob das auch Goethe so sah, als er staatlich finanziert seine Werke schrieb? Malte Picasso schlechter, nachdem er sich ein Schloss kaufte? Weiterlesen

Dabei geht es den Filmschaffenden nicht um Schlösser oder Alimente, sondern das grundlegende – faire Arbeitsbedingungen, die ihnen erlauben, von ihrem Beruf leben zu können. Geregelte Arbeitszeiten und angemessene Honorare. Selbstverständlichkeiten eigentlich, die aber offenbar nicht so selbstverständlich sind, wenn es inzwischen sogar einen Preis für Produzenten gibt, die sich daran halten. „Hoffnungsschimmer” heißt er und wird seit drei Jahren während der Berliner Filmfestspiele verliehen.

Doch wen interessiert’s? jedenfalls nicht die öffentlichen Filmförderer, die zum großen Teil aus Steuermitteln Millionen Euro in die Branche schieben. Dafür stellen sie ein lange Liste an Bedingungen – ob aber Tarifverträge oder Arbeitszeitgesetze eingehalten werden, gehört nicht dazu. Die übrigen Medien interessiert es auch nicht: Die erwähnten Berichte sind Ausnahmen, die zwischen vielen Fotostrecken am roten Teppich mit glücklichen Schauspielern und erfolgreichen Regisseuren verschwinden. Und das Publikum, das nur den Glamour sieht und nicht ahnt, wie viel Arbeit Kunst machen kann, interessiert es schon gar nicht. Eine Kassiererin beim Discounter erfährt mehr Mitgefühl, wenn’s um schlechte Arbeitsbedingungen geht.

Da bleibt den Filmschaffenden nur, sich selbst zu helfen. Die Strukturen sind da. Fast jedes Gewerk, vom Drehbuchautor bis zum Tonmeister, hat seinen Berufsverband, mehr oder weniger groß, der sich für die Belange seiner Mitglieder stark macht. Oder das zumindest will. Etwa 20 sind das zur Zeit, und jeder hat natürlich eigene Interessen, die sich nicht immer mit denen der anderen unter einen Hut bringen lassen. Auch bei den Zielen oder nur dem Weg, den man einschlagen soll, scheiden sich die Geister, die doch eigentlich das selbe wollen. Einigkeit ist schwierig.

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Dabei hatte es den Ansatz schon früh gegeben. In den 1970er Jahren wurden die ersten Berufsverbände gegründet oder neu organisiert, bald darauf riefen Eberhard Hauff und Jost Vacano als damalige Vorstände der Regisseure (BVR) und der Kameraleute (BVK) zum Zusammenschluss der Berufsorganisationen von Regie, Kamera, Schnitt, Szenen- und Kostümbild, Ton und Schauspiel auf. Im sogenannten „Feldafinger Manifest” wurden 1984 wesentliche Forderungen zur Stärkung der Filmberufe aufgestellt, 1995 schlossen sich zwölf Berufsverbände zur Arbeitsgemeinschaft „Die Filmschaffenden” zusammen – das heißt, zehn Jahre kooperierte man lose, bis es Zeit wurde für den nächsten Schritt: 2007 wurde aus der Arbeitsgemeinschaft eine Bundesvereinigung als rechtsfähiger Dachverband, unter dem die Mitglieder enger zusammenarbeiten wollten. Eines der Ziele, die in die Satzung geschrieben waren: Tariffähigkeit. Die Filmschaffenden sollten selbst über die Arbeitsbedingungen verhandeln können.

Auch wenn es bis zu diesem Ziel noch ein weiter Weg war (und es zwischenzeitlich etwas heruntergeschraubt hat und solche Verhandlungen nur noch „begleiten” will): Die Gründung der Bundesvereinigung bedeutete einen großen Schritt nach vorne. Fast alle Filmberufe, die am Set vertreten sind, waren enger zusammengerückt oder schlossen sich später an. Lediglich zwei große Verbände, die der Drehbuchautoren (VDD) und der Schauspieler (BFFS) blieben auf Distanz; wenigstens letzterer pflegte aber nach eigenen Angaben regen Kontakt zu den „Filmschaffenden”. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis auch diese beiden mitziehen würden. Die Bundesvereinigung war ein besonderes Konstrukt der Zusammenarbeit, das es nicht oft gibt auf der Welt.

Doch schon damals war ein Wurm drin. Auf einer Pressekonferenz während der Berlinale wurde die neue Vereinigung samt Vorstand vorgestellt, darunter Eberhard Hauff als einer von zwei Präsidenten. Doch ausgerechnet sein eigener Verband fuhr in die Parade: Der BVR hatte zur selben Zeit am anderen Ort zu einer eigenen Veranstaltung geladen. So richtig eng scheint die Zusammenarbeit nie geworden zu sein. Mehr als einmal gab in den folgenden Jahren der BVR Pressemitteilungen heraus, in denen er andere Positionen vertrat als die übrigen Filmschaffenden und zudem für seine Berufsgruppe ein gewisses Primat am Set und der Urheberschaft beanspruchte. Bis dann beim Empfang der „Filmschaffenden” auf der Berlinale plötzlich das Logo der Regisseure fehlte: Stillschweigend hatte der mitgliederstärkste Verband die Bundesvereinigung verlassen.

Der nächstgrößere tat es zwei Jahre später gleich: Der Kameraverband, inzwischen „Berufsverband Kinematografie”, kündigte die Mitgliedschaft. Damit standen die übrigen zwölf (der Interessenverband Deutscher Schauspieler hatte es dem BVK gleichgetan) ohne die beiden da, die den Dachverband ursprünglich angeregt hatten. Schlimmer noch, die Austritte widersprachen den Kernthesen der Bundesvereinigung: „Filme entstehen grundsätzlich in Teamarbeit” und „die Herausforderungen der Branche, ob national, europäisch oder global, lassen sich nur gemeinsam bewältigen.”

Auch wenn es ähnlich erscheint, unterscheiden sich doch die Motivationen: Während die Regisseure meinten, ihre Interessen besser im Alleingang vertreten zu können, begründeten die Kameraleute ihren Ausstieg mit der „Tatenlosigkeit der Bundesvereinigung”. Der BVK wollte „klare politische Forderungen”, habe dafür aber keine Mehrheit gefunden. Dennoch ein fatales Signal: Ein einzigartiges Experiment ist vorerst gescheitert.

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Nun könnte man freilich auch ohne Dachverband überm Kopf zusammenarbeiten, und tut das tatsächlich auch. Am 1. Juli haben der BVR und der BFFS sich mit der Privatsendergruppe Pro Sieben Sat.1 TV Deutschland auf gemeinsame Vergütungsregeln geeinigt. Zum ersten Mal wurde damit eine kollektivvertragliche Regelung für Fernsehproduktionen vereinbart, die bei TV-Filmen, -Serien und Kino-Koproduktionen aller Sender der Gruppe ein Mindesthonorar und für Regisseure und Schauspieler eine Folgevergütung und Beteiligung an den Auslandsverkäufen festschreibt.

Im Mai sah es freilich noch ganz anders aus. Da hatte der Schauspielerverband im Zusammenschluss mit der Vereinigten Dienstleistungs-Gewerkschaft (Verdi) mit der Allianz der Produzenten Film und Fernsehen einen Ergänzungstarifvertrag über eine Urheber-Erlösbeteiligung bei Kinofilmen abgeschlossen. Der Regieverband protestierte prompt: Was den Schauspielern überhaupt einfalle, über die Belange der „zentralen Urheber des Filmwerks, die Regisseure” zu verhandeln? Zugleich räumte der BVR ein, drei Jahre zuvor selbst zwei vergebliche Anläufe in die gleiche Richtung unternommen zu haben, trotzdem betrachte man „die getroffenen Regelungen als unwirksam” und führt dafür formale Gründe an. Doch der eigentliche Grund steckt wohl tiefer, wenn der BVR nachschiebt: „Dass Verdi und der Schauspielerverband BFFS sich aufgerufen fühlten, für Urheber Erlösbeteiligungssätze zu verhandeln und festzulegen, muss irritieren. Weder organisiert Verdi in repräsentativem Umfang Filmurheber noch sind Schauspieler als solche zu begreifen.”

Auch die anderen Urheber-Gewerke reagierten sofort, mit Ablehnung und in lange nicht gehörter Einmütigkeit mit den Regisseuren: „Repräsentative Vereinigungen sind in der Filmbranche regelmäßig die einzelnen Berufsverbände”, erklärte die Arbeitsgemeinschaft Filmkünstler, in der die Verbände BVK, VSK (Szenenbild und Kostümbild), BVFK (Fernsehkameraleute) und der Interessenverband Deutscher Schauspieler (IDS) vertreten sind. Während der BVR dem Schauspielerverband die Kompetenz für einen solchen Abschluss absprach, konzentrierten sich die „Filmkünstler” auf dessen Partner. Das mag zum einen daran liegen, dass sich mit dem IDS selbst Schauspieler zu Wort meldeten, zum anderen daran, dass besonders der BVK Verdi gegenüber misstrauisch ist, seit die Zusammenarbeit in Tariffragen vor Jahren gescheitert war: „Der Gewerkschaft Verdi mangelt es bereits aufgrund des niedrigen Organisationsgrades an der erforderlichen Repräsentativität. Notwendig ist, dass die Mitgliedschaft der jeweiligen Vereinigung in ihrer Anzahl und Größe oder in ihrer Marktbedeutung die betreffende Branche widerspiegelt.”

Zahlen, wie stark Verdi im Filmbereich tatsächlich ist, liegen nicht vor. Doch unterschiedliche Quellen gehen von rund 1500 Mitgliedern aus. Von den 500 Mitgliedern des Bundesverbands Kinematografie seien nur etwa 20 auch in Verdi, sagt Dr. Michael Neubauer, der Geschäftsführer des BVK.

Einig sind sich beide Kritiker: Der Ergänzungstarifvertrag gelte ohnehin nur für einen verschwindenden Anteil der auf Produktionsdauer angestellten Filmkünstler, und schon gar nicht für die „zahlreichen” auf selbständiger Basis, dürfte sich also „auf zwei bis drei Prozent aller mitwirkenden Filmschaffenden beschränken”, meint die Arbeitsgemeinschaft. Andererseits spielten solche Überlegungen offenbar keine Rolle, als BVR und BVK noch gemeinsam eine Bundesvereinigung für Filmschaffende anstrebten, um die Tariffähigkeit zu erlangen.

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Man darf also vermuten, dass es um etwas völlig anderes ging als die Sachfrage. Denn ob BFFS und Verdi „repräsentativ” oder „kompetent” sind, spielt in diesem Fall keine Rolle, konterten die Vertragspartner: „Dass wir einen Vertrag abgeschlossen haben, der auch Leute begünstigt, die nicht in unseren Reihen sind, ist nicht nur rechtlich, sondern auch moralisch einwandfrei. Ein Vertrag zu Lasten Dritter ist zwar nichtig, aber ein Vertrag zu Gunsten Dritter ist unangreifbar”, erklärte Heinrich Schafmeister, Vorstandsmitglied im Schauspielerverband.

Wie gut das Verhandlungsergebnis tatsächlich ist, lässt sich pauschal nicht sagen, denn zu viele unvorhersehbare Variablen stehen in der Rechnung – vom Budget, über den Zuschauerzuspruch bis zu Kreditzinsen und den Margen für die verschiedenen Vertriebswege. Fest steht aber: Es geht um stattliche Summen, wenn ein Film diese Gewinnzonen erreicht, doch das sind die wenigsten – vielleicht 14 Filme pro Jahr hätten das im Durchschnitt der letzten zehn Kinojahre geschafft.

Der BFFS wisse auch, dass erstmal kein Geld fließt, sagt darum Schafmeister: „Das sind alles Pflöcke, die erst mal eingeschlagen werden.” Und weil es noch nicht wirklich um Geld, sondern um Symbolik und politische Signale geht, fühlt man sich von der Kritik, dass der Tarifvertrag in der Praxis ja doch kaum eine Rolle spiele, nicht wirklich betroffen.

Einen weiteren Haken macht allerdings Neubauer in der Umsetzung des BFFS/Verdi-Modells aus: Die Beteiligungen für Urheber, wie sie der Ergänzungsvertrag vorsieht, sollen erst in Kraft treten, wenn die Filmschaffenden sich über ein Verteilungsmodell geeinigt haben. „Da hat die Produzentenallianz genial verhandelt.”

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Denn dies ist der größte Streitpunkt zwischen den Berufsverbänden: Wer ist überhaupt Urheber? Und wenn, wie sehr? Allein der Regisseur, wenn es nach dem BVR ginge – das ist zumindest der Tenor vieler Stellungnahmen des Verbands. Seit 2002 das Gesetz zur Stärkung der Urheber verabschiedet wurde, streiten die Berufsgruppen untereinander um die Anteile. Einige, wie Drehbuch, Musik, Bildgestaltung (Kamera) und Szenenbild sind klar festgeschrieben, andere wie Ton und Maske melden ebenfalls Ansprüche an. Währenddessen spielten Produzenten und Sender in den Verhandlungen mit den Filmschaffenden „Hase und Igel”, berichtet Schafmeister: Jeder erklärte sich für nicht zuständig und verwies auf den jeweils anderen. Auch ein Grund für den BFFS, es lieber im Alleingang zu versuchen.

Andere Filmschaffende mögen diese Querelen befremden. Als gäbe es nicht genug Probleme, müssen sich die Verbände auch noch gegenseitig beharken. Als „Denken von Gartenzwergen” bezeichnete der Regisseur Hans-Christoph Blumenberg schon vor zwei Jahren solche Kleinstaaterei. Wenn schon Verbandsmitglieder so empfinden, wie kann man es dann den vielen anderen kaum verübeln, wenn sie meinen, solche Verbände brächten ja eh nichts? Die Unzufriedenheit mit der beruflichen Situation in der Branche wächst, doch die Bereitschaft, sich in Verbänden oder wenigstens an Aktionen für die eigenen Belange zu beteiligen, ist gering. Da muss sich zwar jeder einzelne Filmschaffende erst einmal selbst an die Nase fassen, denn was können Verbände schon ausrichten, wenn keiner mitmacht? Doch die stellen sich zur Zeit eben nicht als beste Alternative gegen diese Trägheit der Masse dar. Nur Einigkeit macht stark.

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Als aktive und attraktive Alternative präsentiert sich der BFFS. Erst vor sieben Jahren gegründet, gehören ihm schon 2.500 Schauspieler an – das sind mehr Mitglieder, als die vier nächstgrößeren Verbände AG Dok, VDD, BVR und BVK zusammen haben. Neben dieser Größe hat der Verband noch einen weiteren Vorteil: Viele seiner Mitglieder sind bekannt durch Film und Fernsehen. Wenn sich Schafmeister und seine Kollegen zu Wort melden, wird das anders wahrgenommen, als wenn das ein noch so renommierter Kollege aus anderen Gewerken tut, dessen Gesicht nur Eingeweihte kennen.

Und aufs Trommeln verstehen sich die Schauspieler. Als einziger Verband haben Sie schon früh eine PR-Agentur mit der Außendarstellung beauftragt und veranstalten neben der grauen Lobbyarbeit und Verhandlungen hinter verschlossenen Türen auch farbenfrohe Aktionen, die die Welt wachrütteln sollen. Vor zwei Jahren stiegen sie während des Münchener Filmfest unter dem Motto „Wir gehen baden” in den Brunnen am Stachus, um vor laufenden mitgebrachten Videokameras auf die bedrohliche Lage der Filmschaffenden aufmerksam zu machen. In diesem Jahr rollten sie am gleichen Ort zum selben Zweck einen roten Teppich aus. Mehrere Verbände und Verdi schlossen sich der Aktion „Es brennt!” an. Einen Moment lang glomm ein Hoffnungsschimmer, dass da eine neue Einigkeit entstehen könnte: Die neue Aktion wäre ohne die gemeinschaftliche Zusammenarbeit nicht möglich gewesen, sagte denn auch Hans-Werner Meyer, der stellvertretende Vorsitzende des BFFS. „Der größte Erfolg ist für uns zunächst die große Einigkeit, mit der nahezu alle relevanten Filmverbände dabei waren.” Auch wenn BVR und BVK sich fernhielten.

Welchen Nutzwert solche Aktionen aber letztlich tatsächlich haben, lässt sich schwer feststellen. Fast 36.000 Freunde hat der BFFS auf Facebook, gerade mal 39 quittierten dort die Aktion mit einem „Gefällt mir”.

Und die Außenwirkung? Nun, da hatten tatsächlich „Stern”, „Bild“ und „Focus“ berichtet. Zwar nicht in ihren Druckausgaben, aber wenigstens auf ihren Websites, die gerne mit den restlichen Nachrichten aus aller Welt gefüttert werden. Doch alle drei griffen dafür auf die selbe DPA-Meldung zurück, die sie wortwörtlich kopierten. Dass dem „Focus“ beim Kopieren ein halber Satz und damit der Sinn des Ganzen verloren ging, hatte der zuständige Redakteur vor lauter Anteilnahme nicht mal gemerkt. Lediglich Münchens Boulevard-Zeitung „TZ” hatte sich die Mühe gemacht, den BFFS-Vorsitzenden Hans-Werner Meyer selbst zu fragen, was das alles soll. Schade eigentlich, denn seine Antworten sind wert, auch in anderen Städten gelesen zu werden.

Zum Beispiel die auf die Frage, warum er sich so „für namenlose Schauspieler” engagiere, wo er doch selbst gut im Geschäft sei und es sich gemütlich machen könne. Meyer: „Es ist aber nicht gemütlich, wenn’s um einen stürmt. Die – zugegeben berechtigte – Jammerei am Set ist mir irgendwann auf die Nerven gegangen. Einfach rumsitzen und warten, dass sich die Dinge ändern, macht auf Dauer krank.”

Dazu noch ein Blick auf die Facebook-Seite des BFFS: Von 1.249 Freunden, die zum Stachus eingeladen waren, sagten 84 die Teilnahme zu. Fast sieben Prozent. Wobei das noch eine gute Quote ist. Auch Crew United, Outtakes und Cinearte hatten rund 28.000 Filmschaffende persönlich zur Aktion aufgerufen. Ganze zehn kamen hatten Ihr Erscheinen zugesagt.

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Cinema Moralia – Folge 67: Wo sind die Whistleblower des deutschen Kinos?

Heinrich George in Das Meer ruft (1933)

Snowden und wir, der vierfache George, das Karma-Konto und die Künst­ler­so­zi­al­kasse– Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 67. Folge

»Wenn der Morgen endlich graut hinter dunklen Scheiben/ Und die Männer ohne Braut beiein­ander bleiben/
schmieden sie im Flüs­terton aus Gesprächen Bomben/ Rebellion! Rebellion!! In den Kata­komben.
Und wir woll’n im Sieges­lauf immer memo­rieren: Augen auf, Augen auf! Dann kann nichts passieren.«
Gustav Gründgens in der Rolle des Debureau im Ufa-Film TANZ AUF DEM VULKAN von 1938 (Regie: Hans Steinhoff). Der Lied wurde kurz nach Filmstart zensiert, und erschien weder gedruckt, noch auf Schallplatte).
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War Heinrich George eigent­lich ein wirklich guter Schau­spieler? »Diese Frage zeigt mal wieder«, würde uns vermut­lich sein Sohn Götz anworten, »wie wenig Du von Schau­spie­lerei verstehst«. Trotzdem lassen wir die Frage hier mal stehen. Im Berliner Babylon-Mitte läuft in den nächsten Tagen (bis 4.8.) jeden­falls jetzt eine sehr spannende Retro­spek­tive, mit ganz vielen Heinrich-George-Filmen.
Da kann dann jeder selbst sein Urteil fällen. Wir haben den Verdacht: Heinrich George ist, wie so manch’ einer aus der angeblich aller­größten Zeit des deutschen Kinos, a bisserl über­schätzt. Allemal nost­al­gisch verklärt. Man sagt eben gern so dahin: »Einer der größten und gleichz­eitig umstrit­tensten Schau­spieler des 20. Jahr­hun­derts«. Das eine bedingt dann das andere.
Ande­rer­seits – es könnte ja sein, dass wir das nur heute nicht mehr so gut verstehen. Gerhart Hauptmann jeden­falls beschrieb Heinrich George als »ein mensch­li­ches und künst­le­ri­sches Urphä­nomen«. Jürgen Fehling lobte: »ein König der Phantasie … unter seinen Kollegen wie ein alter Stein­adler zwischen Hühnern«. Weiterlesen

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Im Programm der Retro findet sich auch folgende Passage: »Mit sofor­tiger Wirkung zieht Romuald Karmakar den Film Der Totmacher von der Kino­aus­wer­tung zurück! Wir Bedauern diesen Schritt. Der Film muss daher ausfallen.« Und wir fragen uns alle – warum um Gottes Willen muss das den sein? Immerhin im Fernsehen haben wir Karmakars Film gerade noch wieder­ge­sehen.

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Alle reden jetzt über George, wir auch. Zunächst über Heinrich: »Heinrich George war der ange­se­henste Schau­spieler im faschis­ti­schen Deutsch­land. Bis 1933 stand George der kommu­nis­ti­schen Partei nahe, hatte näheren Kontakt zu Schrift­stel­lern wie Bert Brecht, Ernst Toller und Johannes Becher. 1933, unmit­telbar nach Hitlers Macht­er­grei­fung, sagte er sich von seinen früheren Überz­eu­gungen los und stellte sich bald dem faschis­ti­schen Regime zur Verfügung. … Nach der Macht­er­grei­fung des Faschismus hat George eine nach außen hin absolut klar zu erken­nende Wandlung vollzogen und alles getan, um den Faschismus in Künst­ler­kreisen populär zu machen. Goebbels erkannte die Möglich­keit, mit dem poli­ti­schen Umfall Georges den größten Teil der Berliner Künst­ler­schaft, der dem Natio­nal­so­zia­lismus gegenüber abweisend einge­stellt gewesen war, zu sich herüber­zu­ziehen.« – dies war die Wahrheit der UdSSR in Gestalt ihres Majors Pyrin vom NKWD, dessen Report der Verhöre (KGB-Akte Nr. 13 328) erhalten geblieben ist.
Die Charak­te­ri­sie­rung ist tenden­ziös, aber nicht falsch. George hatte sich übelsten Propa­gan­da­werken zur Verfügung gestellt, darunter Hitler­junge Quex, Jud Süß, und Kolberg, Filmen, die die Deutschen zum Angriffs­krieg gegen die Sowjet­union aufhet­zten und zum Durch­halten, als er schon verloren war. Filmen, die Sowjet­sol­daten und Zivi­listen das Leben kosteten.
In Kolberg, urauf­ge­führt 1945, posaunt George: »Und wenn wir uns mit unseren Nägeln in unseren Boden einkrallen, wir lassen uns nicht los. Nee, nee, man muss uns die Hände einzeln abhacken oder uns erschlagen, einen nach dem anderen. Lieber unter Trümmern begraben als kapi­tu­lieren.« – dies nur mal um sich klar zu machen, worüber wir hier reden.

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Selbst­ge­rech­tig­keit ist natürlich leicht. Genauso leicht ist es aber, heutigen Kritikern Selbst­ge­rech­tig­keit vorzu­werfen.

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Das beste, was sich über Heinrich George sagen lässt: Er wollte nur spielen. Dieser Typ Schau­spieler will immer nur spielen. Das mensch­liche Resultat ist ein Oppor­tu­nist, ein Wendehals, ein Fähnchen im Wind. Heinz Georg Schulz, Kapitäns­sohn aus Stettin und Kriegs­frei­wil­liger im Ersten Weltkrieg. Er machte in Links, als es »in« war, und in Rechts, als es nötig wurde. Der KPD hat er nie angehört. Er hat im Dritten Reich ohne Frage Kollegen gerettet und geholfen, darunter »auch ein paar Juden«. Das hat aber auch Hermann Göring.
Vor 1933 trat George in Fabriken auf, als sich dann der Zeitgeist änderte, im Sport­pa­last. Er hatte keine poli­ti­sche Agenda außer der eigenen Karriere.

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Mir hat der Film gut gefallen. Im Rahmen des für ein Prime-Time-Werk Möglichen ist er sehr anständig geworden. Joachim Langs Film trifft gut die Mitte: Es ist keine Weißwä­scherei Georges, aber auch keine Anklage. Lang zeigt den jovialen Oppor­tu­nismus.
Ein paar Fakten haben mir aber gefehlt: Dass Heinrich George ein Trinker war, dass er seine Frau mit so ziemlich jeder Schau­spie­ler­kol­legin betrogen hat, hätte mal vorkommen dürfen. Was Jud Süß für ein Film war, und welche Rolle George darin spielte, hätte vorkommen müssen. Da zieht sich George mit einem kurzen Gespräch zwischen George und Goebbels aus der Affaire, in der der NS-Propa­gan­da­mi­nister dem Star­schau­spieler vorwirft, er habe nur »Dienst nach Vorschrift« gemacht. Eine Vernied­li­chung der Fakten. Wer Jud Süß einmal gesehen hat, weiß, dass Georges Anteil darin weit über »Dienst nach Vorschrift« hinaus­geht. Seine Figur spielt er glänzend, und der Herzog von Würt­tem­berg ist – als Urbild eines deka­denten Ancien Regime . ein entschei­dender Baustein in der Propa­gan­da­me­chanik des Films.
Hinzu kommt: Die Formu­lie­rung »Dienst nach Vorschrift« stammt nicht von Goebbels, sondern von Veit Harlan (aus einem Brief) und hat etwas mit dem Streit zwischen zwei Alpha-Regi­me­dienern zu tun.

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Was aber ist vom Sohn zu halten, der den Vater spielt, und zugleich als er selbst in den Doku-Teilen auftritt. Natürlich ist da ein Narzissmus drin in der Verschmel­zung mit dem Vater. Der Amalgam-Charakter einer Doku­fic­tion, die aufge­laden ist von der Liebe des Sohnes. Natürlich ist das eine große Show des Sohnes, natürlich ist es Event-TV, das aufs große Publikum zielt.
Ob sich Götz George mit diesem Auftritt aber wirklich einen Gefallen getan hat? Nur: Wer hätte ihn sonst spielen sollen? Wir schauen gewis­ser­maßen Götz George bei einer öffent­li­chen Selbst­the­rapie zu. Und so hat es seinen guten Grund, dass der Film George heißt, nicht Heinrich George. Er lässt sich in beide Rich­tungen lesen, auch als Geschichte des Sohnes.
Götz George ist im Verhältnis zu seinem Vater jeden­falls zu pathe­tisch. Bis heute, das ist offen­sicht­lich auch beim Ansehen von Joachim Langs Film, hat er sich nicht vom Vater befreien können. Das Kapitel ist unab­ge­schlossen. Viel­leicht kann man das verstehen, wenn man sich vorstellt, dass Götz sechs Jahre alt war, als der Vater starb, dass dies ein Übervater gewesen war, der seinen Sohn sogar nach einer Lieb­lings­rolle benannte, dass dem Sohn – erst recht seit er Schau­spieler wurde – immer alle nur erzählt haben, wie groß der Vater gewesen ist, dass die Mutter Berta Drews sich in den vier Jahrzehnten, die sie ihren Mann überlebte, nie von diesem lösen konnte Nicht leicht für den Sohn, es gibt also gute gründe für die Vater­fi­xie­rung. Fest­stellen muss man sie aber trotzdem.

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Im Juli 1996 kam es im ZDF zu einem unbe­merkten Skandal: Für einen für den September 1996 geplanten Themen-Abend, bei dem unter anderem der Vorbe­halts­film Kolberg laufen soll, hat das ZDF zwei je halb­stün­dige Doku­men­ta­tionen des erfah­renen Film­kri­ti­kers Peter W. Jansen bestellt: »Kolberg als Propa­gan­da­waffe«, und ein Porträt »Heinrich George – eine deutsche Karriere«. Beide Filme wurden am 25. Juli 1996 vom ZDF-Redakteur Hans Peter Kochen­rath, abge­nommen. Einen Tag später kam ein Brief: Jansen wurde aus beiden Produk­tionen entlassen. Zwei neue Regis­seure drehten zwei neue Doku­men­ta­tionen.
Der Einwand kam später: Jansen hätte George als »Mann ohne künst­le­ri­sche Überz­eu­gung, ohne künst­le­ri­sche Maßstäbe, ohne künst­le­ri­sches Gewissen” gezeigt, obwohl der doch »mit einfühl­samer Stimme zarteste Lyrik rezi­tieren« konnte.
Zudem: »Brecht ist ein schlechter Kronzeuge, den man in diesem Fall meiden sollte.« Jansen aus einem offenen Brief Brechts von 1933 zitiert: : »Wir ermahnen Sie, an den Wandel der Zeiten zu denken, Sie und Ihres­glei­chen, die so rasch bereit sind, mitzu­ma­chen, allzu fest vertrauend auf den ewigen Bestand der Barbarei und die Unbe­sieg­bar­keit der Schlächter.«

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Quizfrage: Wie hoch war der Anteil der Degeto bei Cloud Atlas? Na? Cloud Atlas hat wie bei anderer Gele­gen­heit gesagt, etwa 100 Millionen gekostet. Auflösung folgt, aber erst weiter unten.

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Zunächst einmal eine Über­le­gung: Es ist ja gerade schwer in Mode, sich über die USA aufzu­regen und Edward Snowden toll zu finden, den NSA-»whist­leb­lower«. Verräter oder Held ist da eigent­lich nicht mehr die Frage, es ist klar, dass er ein Held ist. Finde ich übrigens auch, aller­dings bin ich mir nicht so sicher, ob er nicht deshalb trotzdem ein Verräter bleibt. Das Wesen des Whist­leb­lo­wing ist ja eher, den Verrat hoffähig zu machen und uns moralisch ein bisschen beschei­dener.

Aber von derlei Grund­sät­z­li­chem mal abgesehen: Warum gibt es eigent­lich in Deutsch­land so wenig Whist­leb­lower? Wo den doch alle so gut finden? Im Film­be­reich könnten wir mal anfangen. Man könnte erzählen, was in den Sendern wirklich los ist, wie Förde­r­ent­schei­dungen ablaufen, was Produ­z­enten über Redak­teure, Regis­seure über Produ­z­enten und Redak­teure über ihre Inten­danten wirklich denken. Wer mit wem Golf spielt, oder Crocket, und dabei dann den anderen gewinnen lässt, um danach dann irgend­eine ausste­hende Förderung doch noch einzu­tüten.
Wir hier bei artechock stehen allen zur Verfügung, die ihr schlechtes Gewissen erleich­tern möchten. Anonym oder mit vollem Namen, wie es beliebt.
Einst­weilen müssen wir halt impro­vi­sieren.

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»Ich hasse Frau­en­fuß­ball« – war natürlich eine Frau, die das gesagt hat, sonst würden wirs hier ja nicht zitieren. Eine durchaus sportaf­fine, Und unver­se­hens sah ich mich, neulich in Köln, in der Position eines Vertei­di­gers des Frau­en­fuß­balls. Aber ich war schnell auf verlo­renem Posten. Denn natürlich guck ich mir Frau­en­fuß­ball nur an, wenn ich irgend­wann im Sommer Fußball­ent­zugs­er­schei­nungen habe, natürlich spielen die bei der jetzigen Frau­en­fuß­ball-EM auf erbärm­li­chen Niveau, wenn man sie mit den Männern vergleicht. Merkt jeder, auch der letzte Ignorant, das zeigt sich ja bereits am verdrucksten Umgang des deutschen Fern­se­hens mit der EM. Denn ARD und ZDF über­tragen nur die deutschen Spiele.
Und Liz, mit der ich darüber sprach, präzi­sierte klug: Sie habe ja nichts im Prinzip dagegen, ihr sei’s nur so peinlich, wie schlecht die sind. Und dass man das nicht laut sagen darf. Stimmt leider alles. Ich halte trotzdem dagegen, und plötzlich reden wir darüber, dass es in anderen Sport­arten für Frauen und Männer verschie­dene Regeln gibt – zum Beispiel beim Tennis. Weil Frauen keine fünf Sätze durch­halten würden, und weil bei ihnen der Aufschlag eine viel geringere Rolle spielt. Ich frage, ob man nicht für Frauen verän­derte Regeln einführen könnte? Nur 2x 30 oder höchstens 40 Minuten, und größere Tore zum Beispiel? Das sollte sich mal einer trauen, öffent­lich zu fordern, meint Liz, Also bitte – ist hiermit geschehen.

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Sport ist meiner Ansicht sowieso eine der größten Heraus­for­de­rungen fürs Kino. Denn erstens ist die visuelle Aufbe­rei­tung hoch­klassig und inter­es­sant, zweitens sind einfach die Spiele viel span­nender, als jeder Film. Nehmen wir mal Tennis, besonders übrigens Damen­tennis. Während das Herren­tennis heute nur noch Kraft­sport, Ernäh­rungs­wis­sen­schaft und Aufschlag­trai­ning ist – was man daran sieht, dass die Top-Spieler heute viel domi­nanter sind, als noch vor zehn oder 20 Jahren, dass Federer, Sampras und Nadal die Top-Rekorde der Grand-Slam-Siege halten, drei Spieler also, die wir alle kennen, die zum Teil noch aktiv sind.
Und ich kann jedem raten, sich mal auf You-tube ein altes Match von Borg, McEnroe oder Conners anzu­gu­cken – das ist span­nender als jeder »Tatort«!
Davon abgesehen: Dass der beste Film beim Ophüls-Festival in Saar­brü­cken in den letzten Jahren immer irgendein Austra­lian-Open-Spiel von Maria Sharapowa gewesen ist, haben wir schon oft erzählt, wenn auch noch nie geschrieben. Die Spiele laufen immer im Hotel­fern­sehen, wenn man gerade leicht ange­schi­ckert zwischen 2 und 4 uhr morgens aus der »Garage« kommt.

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Zum Thema passt noch eine Nachricht, die vor 10 Tagen publik wurde: Jimmy Connors wird neuer Trainer von Maria Sharapowa. Da haben sich ja zwei gefunden!

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Vor einiger Zeit haben wir hier vom Festsaal Kreuzberg im Berlin erzählt – das war der Ort, wo ich mir erstmals im Leben einen Boxkampf angeguckt hatte, in echt. Und wider Erwarten sehr angetan war vom Spektakel, das mich irgendwie an etwas erinnerte, was ich nie erlebt habe, an die Weimarer Republik, so wie ich sie mir ungefähr vorstelle. Am Woche­n­ende ist der Festsaal Kreuzberg abge­brannt. Großes Spektakel, ganz Kreuzberg stank, großer Schock in der Musik­szene, die jetzt einen ihrer guten – und raren – Konz­ertsäle verloren hat.
Und dann erreichte uns von der tollen Elisa, die Boxkämpfe liebt, Italie­nerin und eine sehr inter­es­sante, viel­ver­spre­chende Regis­seurin ist, und ihr Geld bisher unter anderem beim Festsaal verdiente, folgende Mail:
Jungs und Mädels! Ihr hat alle bestimmt schon gehört und gelesen, was mit Festsaal Kreuzberg am Samstag abend passiert ist. Es ist sehr sehr traurig und ich kann es selber noch nicht wirklich wahr nehmen. Ich war heute vor Ort und ich muss sagen, es tut unglaub­lich weh zu sehen, was da geblieben ist. Aber das war erstmal mit unnötige Senti­men­ta­lität. Nicht alles ist verloren, die Jungs von Festsaal sind Löwen und es wird, wie immer, weiter gekämpft.
Festsaal Kreuzberg wird bald eine Spen­den­kam­pagne anfangen und dafür brauchen sie eine kleine image-video. Da wir alle Filmleute sind, wir können jetzt sie ganz konkret helfen.
Um das video zu drehen, brauchen wir im grunde noch alles: Kameraman und equipment, ton, cutter, post produc­tion faci­li­ties und so weiter.
Wie ihr euch vorstellen kann, budget ist in wahre sinne des wort: 0 euro (bzw minus ganz viele euro…). Also kein geld für gage, verleih, benzin oder auch nur schrippe. Es ist hart und nichts neues in Berlin, aber es ist so.
Also, wir brauchen eure hilfe um das video so schnell wie möglich zu drehen. Wer lust, zeit, oder das bedürfnis hat, seine karma konto aufzu­laden, bitte sich bei mir melden. Jede hilfe ist wilkommen und bitte diese email weiter­leiten!
Bis ganz bald
Elisa
ps: wer mithelfen werde, bekommt die möglich­keit mitzu­wirken, wo und wie viele toiletten in die neue festsaal kreuzberg sein sollten. Eine ganz heisse thema gerade auf facebook….

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Also los: Karma Konto aufladen, uns mailen, wir leiten weiter.

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Jenseits vom Karma-Konto half bisher die Künst­ler­so­zi­al­kasse. Der Verband der Deutschen Film­kritik macht nun auf Folgendes aufmerksam: »Seit 2007 hat die Deutsche Renten­ver­si­che­rung (DRV) die Aufgabe, die Zahlung der Künst­ler­so­zi­al­ab­gaben zu über­wa­chen. Wegen massiver Ausfälle bei den Zahlungen für die Künst­ler­so­zi­al­kasse (KSK) forderte noch im April Arbeits­mi­nis­terin Ursula von der Leyen eine „verschärfte Firmen­prü­fung“ der Unter­nehmen durch die DRV, was diese kriti­sierte. Mitt­ler­weile will die DRV bzw. die Arbeit­ge­ber­ver­bände innerhalb der DRV für die Prüf­kosten nicht mehr aufkommen. Ein Geset­z­es­vor­haben, das die DRV zur Prüfung verpflichten sollte, wurde im letzten Moment gekippt.
Aufgrund der Nega­tiv­ent­wick­lungen der Abgaben für die KSK vor der Novelle zum Künst­ler­so­zi­al­ver­si­che­rungs­ge­setz 2007 steht zu befürchten, dass bei einer frei­wil­ligen Arbeit­geber-Abgabe der KSK die finan­zi­elle Grundlage verloren geht und sie in ihrer Existenz gefährdet wird. Auch werden immer mehr Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nisse in freie Arbeits­ver­hält­nisse aufgelöst. Die Möglich­keit, die Zahlung der Künst­ler­so­zi­al­ab­gaben zu umgehen, würde für die Arbeit­geber weiteres Einspa­rungs­po­ten­tial bedeuten. Eine geset­z­liche Verpflich­tung zur Abga­ben­zah­lung erscheint daher dringlich, um die Arbeits- und Versi­che­rungs­be­din­gungen der selbstän­digen Jour­na­listen zumindest auf dem jetzigen Stand zu halten.
Eine Petition möchte nun eine Prüf­pflicht der Abgaben auf Arbeit­ge­ber­seite für die KSK erwirken. Im Interesse aller freien Jour­na­listen und Künstler unter­s­tützen wir die Petition und rufen Sie, liebe Kolle­ginnen und Kollegen, zur Unterz­eich­nung auf.
Sie finden die Petition 43188 „Sozi­al­ver­si­che­rung – Prüfung der Abga­be­pflicht zur Künst­ler­so­zi­al­ver­si­che­rung durch Renten­ver­si­che­rung vom 10.06.2013“ unter folgendem Inter­net­link:
https://epeti­tionen.bundestag.de/peti­tionen/_2013/_06/_10/Petition_43188.nc.html
Sie müssen sich dort mit Namen und Adresse unter Wahrung des Daten­schutzes vorab regis­trieren, ein Mini­mal­auf­wand, den die Sache wert ist. Die Mitz­eich­nungs­frist endet am 06.08., das Quorum sind 50.000 Unter­schriften, bislang haben über 30.000 unterz­eichnet

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Die Antwort: 10 Millionen. Und das war zu einem Zeitpunkt, als die Degeto schon einen Zahlungs­stop verkündet hatte.

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Nachtrag: Ein paar Stunden nach dieser Veröf­fent­li­chung bekam ich eine e-mail von Stefan Arndt, dem Geschäfts­führer von »X-Filme« und Produ­z­enten von Cloud Atlas. Wir zitieren voll­s­tändig im Wortlaut: »Mit Deiner Enthül­lung liegst Du komplett falsch, ziehe eine Mio. ab und teile durch 2, dann triffst Du die Whist­leb­lower-Wahrheit genau, frag doch nach, LG XXXX«
Wir haben keinen Anlaß an dieser Aussage Stefan Arndts zu zweifeln! Aller­dings halten wir auch unsere gegen­tei­lige Quelle für sehr zuver­lässig – es handelt sich gleich­falls um jemand, der es wissen muss. Darum können wir hier nichts anderes fest­stellen, als das in diesem Fall Aussage gegen Aussage steht. Das ist ja auch nichts Schlimmes. Und ein Grund mehr dafür, überhaupt sämtliche Bereiche der Film­fi­nan­zie­rung offen zu legen, und leicht nach­prüfbar zu machen – dann gibt es keinen Spielraum mehr für Gerüchte.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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BVC-Panel: Schauspieler – Casting Director – ein Missverständnis & Jubiläums-Special


Podiumsdiskussion des Bundesverbandes Casting (BVC) im Rahmen des Filmfestes München 2013

Als Gäste auf dem Panel waren anwesend:
Sonja Döhring (Arbeitsvermittlerin, ZAV-Berlin)
Michael Roll (Schauspieler, BFFS)
Lutz Schmökel (Schauspieleragent, Above the Line München, Vorstandsvorsitzender VdA)

Sowie die BVC-Casting Directors:
Anja Dihrberg (Berlin)
Fritz Fleischhacker (Wien)
Stefany Pohlmann (München)
Marc Schötteldreier (Köln)

Moderation:
Stephen Sikder (Casting Director München, Vorstand BVC)

Jubiläums-Special


Glückwünsche von der Peugeot-BVC-Casting Night zum 10-Jährigen Bestehen des Verbandes mit und von 10 BVC Casting Directors sowie Ottfried Fischer, Joachim Kroll, Heikko Deutschmann, Anna Fischer u.a.

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Roter Teppich für die Heimat – SMS Self Made Shorties Festival 2013

© Katrin Krammer

am Freitag, den 05.07.2013 präsentierte die hochkarätige Jury (Silke Fintelmann, Corinna Glaus, Siegfried Wagner, Marc Schötteldreier, Wolfgang Murnberger, Uli Aselmann, Alexander Ollig, Marlene Morreis, Mirco Reseg, Günther van Endert und Petra Tilger) im Mathäser Kino einem vollbesetzten Kinosaal die vorausgewählten 15 Self Made Shorties zum Thema Heimat.

Unter dem Motto „Filmt Euch, zeigt Euch, präsentiert Euch“ gaben Schauspielervideos, Crew United und die ZAV Künstlervermittlung in Zusammenarbeit mit Casting Network, Cinearte und Out Takes Schauspielerinnen und Schauspielern in Deutschland, Österreich und der Schweiz zum zweiten Mal die Chance, ihre Persönlichkeit in einem kurzen Film (max. drei Minuten) vorzustellen.

Überaus vielseitig und kreativ näherten sich die Schauspieler in ihren Videos dem Heimatbegriff und lieferten einen dialektischen und filmischen Querschnitt mit Lokalkolorit durch ganz Europa. Aus den fast 350 Einreichungen kamen 15 Finalisten auf die große Leinwand, die nicht unterschiedlicher hätten sein können. Das Spektrum reichte vom bayerischen Schauspieler im Hasenkostüm über einen Stummfilm oder der Beerdigung der Heimat bis hin zum BVB-Fan in Berlin. Reich geschmückt mit den unterschiedlichsten Dialekten bot sich dem Publikum ein facettenreiches Programm, das im Kinosaal für eine großartige Stimmung sorgte. Am Ende gewann schließlich der aus Hannover stammende Schauspieler Florian Hacke mit seiner Vorstellung von Heimat – ganz ohne Dialekt!

Nach der von Daniel Philippen charmant und engagiert moderierten Preisverleihung luden die Veranstalter zu einem Get-Together im Kinofoyer ein, bei dem alle Teilnehmer gefeiert wurden und der Heimat-Begriff im persönlichen Gespräch zwischen Castern, Produzenten, Regisseuren und Schauspielern vertieft wurde. Ein dialektreicher Abschluss eines erfolgreichen 2. SMS-Festivals.

Im Folgenden ein paar Impressionen der Veranstaltung, Stimmen, weitere Eindrücke und natürlich die Gewinner-Shorties: Weiterlesen


http://www.schauspielervideos.de/video/outtakes?vi=1&vk=10052940

1. Platz SMS Self Made Shorties 2013: Florian Hacke

Link zum SMS-Shorty von Florian Hacke

2. Platz SMS Self Made Shorties 2013: Christin Alexandrow

Link zum SMS-Shorty von Christin Alexandrow

3. Platz SMS Self Made Shorties 2013: Kai Hufnagel

Link zum SMS-Shorty von Kai Hufnagel

Alle Nominierten:

© corduafilm

Alle weiteren 12 nominierten SMS Shorties finden Sie hier zum Anschauen!

SPECIAL:TEAM

Special 1 von Bejo Dohmen, Yung Ngo, Renée Weibel und Dirk Moritz

Link zum Shorty

Special 2 von Claudia Funke, Bettina Kenney, Martin Baden

Link zum Shorty

Stellvertretend für die vielen tollen Shorties, die es leider nicht in die Auswahl der 15 Nominierten geschafft haben, hat Urs Cordua eine Compilation mit Ausschnitten weiterer ca. 40 Heimat-Shorties zusammengestellt:

Link zur Compilation

PS: Leider ist es uns nicht möglich, alle 345 SMS-Shorties zu veröffentlichen. Wenn Ihr aber möchtet, gebt doch unter diesem Beitrag einen Kommentar ab und verweist per Link auf Euren Shorty mit Eurem Namen! Bis zum nächsten SMS Self Made Shorties Festival und 1000 Dank an alle, die mitgemacht haben!

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Ein Zeichen für die Filmkünste? Wie der „Europäische Filmpreis“ seine neuen Kategorien anpreist

Grenzenloser Spaß: Ein eigener Preis für Komödien soll künftig Europas Kinopublikum vereinen. Außerdem werden noch zwei weitere ,wichtige‘ Preise eingeführt. | Foto © EFA, Rene Rossignaud

Die Europäische Filmakademie (EFA) hatte Ende April eine Mitteilung verschickt, die mich erstmal gefreut hat, weil ich nur aufs Fettgedruckte achtete: Ab diesem Jahr werden beim „Europäischen Filmpreis“ auch Sounddesign und Kostümbild ausgezeichnet. Fein fand ich das, weil solche Filmarbeit ja sonst gerne vernachlässigt wird, und legte die Meldung erstmal beiseite; schließlich ist’s ja noch ein bisschen hin bis zur Preisverleihung im Dezember. Weil ich mich aber neulich anlässlich des „Deutschen Filmpreises“ wieder mal gehörig aufgeregt hatte, dass sich keiner um die Filmarbeit schert, wollte ich gerne mal zeigen, dass es auch Anlässe zur Hoffnung gibt – man muss nur ein wenig genauer hinschauen, um sie zu entdecken.

Beim genaueren Hinschauen Lesen fand ich die EFA-Meldung dann allerdings doch nicht mehr ganz so begeisternd. Denn wie die Akademie mit der Neuerung umgeht, lässt mich fragen, mit wie viel Herzblut die Vereinigung von 2800 Filmschaffenden tatsächlich dahinter steht. Das fängt schon in der Überschrift an: „Eine neue Auszeichnung für die Europäische Komödie – European Film Academy führt beim Europäischen Filmpreis 2013 eine neue Kategorie ein“ – kein Wort über Kostüm und Sounddesign …  Aber am besten zeige ich das mal mit einer kleinen Textkritik: Kursiv gesetzt, folgt die komplette Originalmeldung, dazwischen meine Anmerkungen: Weiterlesen

Beim 26. Europäischen Filmpreis, der am 7. Dezember 2013 in Berlin verliehen wird, wird es eine neue Preiskategorie geben: die Europäische Komödie.

Offenbar kann bei der Akademie jemand nicht bis drei zählen. Denn tatsächlich wird es noch zwei weitere neue Kategorien geben. Das erfahren wir aber erst im zweiten Teil der Meldung.

Dieser Entschluss wurde durch den Vorstand der European Film Academy (EFA) bei der letzten Sitzung in Berlin gefasst, „um ein Genre zu ehren, das bewiesen hat, dass es das Publikum in ganz Europa und darüber hinaus verbinden und unterhalten kann.“ Über die drei Nominierungen für die Europäische Komödie entscheidet ein gesondertes Komitee, bevor die über 2.800 Mitglieder der European Film Academy über den Gewinner abstimmen.

Dies ist, die Überschrift hat es ja schon klargestellt, der wichtigste Teil der Meldung. Komödien mag schließlich fast jeder, manche auch jenseits der Landesgrenzen, weshalb ich auch verstehen kann, dass die EFA damit das Interesse am gesamteuropäischen Kino zu heben hofft, obwohl ich erstens sicher bin, dass sie sich irrt, weil gerade Humor schwer zu exportieren ist, das zweitens als ungerecht gegenüber dem Europäischen Krimi, dem Europäischen Liebesfilm und der Europäischen Literaturverfilmung finde und drittens überhaupt ein Problem fürchte, wenn mal der „Beste Film“ auch eine Komödie ist. Aber all das soll jetzt kein Thema sein, sondern dieser folgende Absatz:

Außerdem führt die European Film Academy dieses Jahr die Auszeichnungen für Europäisches Sounddesign und Europäisches Kostümbild wieder ein, um damit zwei wichtige Beiträge des Filmemachens zu ehren.

Da war doch noch was? Ach ja – „außerdem“ kommt hier noch etwas ganz „Wichtiges“. Nämlich dass es nicht bloß eine, sondern gar drei neue Kategorien geben wird, was für die Vereinigung von 2800 Europäischen Filmschaffenden aber offenbar nicht ganz so wichtig ist wie die grenzüberschreitende Wirkung der Komödie. Was die Hoffnung schon wieder ein wenig trübt. Außerdem flunkert die Akademie auch gewaltig, wenn sie von einer „Wiedereinführung“ spricht. Denn eigene Kategorien hatte es für die beiden Gewerke nie gegeben. Lediglich Regie, Drehbuch, Kamera, Szenenbild und Musik waren neben den Schauspielern ab der ersten Preisverleihung 1988 dabei, dann begann bald auch schon der Niedergang des Preises, der niemanden interessierte. In den folgenden Jahren wurden die Kategorien immer weiter zusammengestrichen, bis es 1994 und ’95 nur noch Preise für den besten Film, Nachwuchsfilm und Dokumentarfilm gab, sowie einen für ein Lebenswerk und den des internationalen Kritikerverbands (Fipresci). 1996 begann man mit der Wiederbelebung: Erst wurden wieder die Schauspieler ausgezeichnet, im Jahr darauf auch Drehbuch und  Kamera und seit 2001 sogar die Regie. Drei Jahre später erinnerte man sich wieder der Komponisten und 2005 sogar an Szenenbild und Schnitt – die im nächsten Jahr aber schon wieder fallengelassen wurden zugunsten eines Preises für den „besten künstlerischen Beitrag“, in den man alles packen konnte, was irgendwie auffiel. Und diesen „Prix d’Excellence“ haben tatsächlich einmal Sounddesigner und Kostümbildnerin gewonnen. 2010 wurde der frühere Zustand wieder hergestellt: Der Sonderpreis wurde abgeschafft, stattdessen gibt’s wieder eigene Kategorien für Szenenbild und Schnitt. Und jetzt eben auch erstmals für Sounddesign und Kostümbild.

Beim „Deutschen Filmpreis“ gibt es diese beiden Kategorien übrigens schon seit 2005.

Als Neuerung im Vergabeverfahren der EFA werden die Gewinner dieser beiden Kategorien von einer siebenköpfigen Jury gekürt, die ebenfalls die Preisträger der Kategorien „Europäischer Kamerapreis – Carlo Di Palma“, „Europäischer Schnitt“, „Europäisches Szenenbild“ und „Europäische Filmmusik“ bestimmen.

Erst ganz am Schluss kommt der eigentliche Knaller – gut versteckt in einem Nebensatz: Die Europäische Filmakademie hat ihre Regularien geändert und bei der Preisfindung die Basisdemokratie gestutzt. Bislang hatten alle Mitglieder der Akademie, also Filmschaffende, über die Qualität der Einzelleistungen befunden und abgestimmt. Sowas findet nicht jeder gut, vor allem Filmkritiker meinen, dass sie besser beurteilen können, was gut ist und was nicht, obwohl sie das Ganze sonst regelmäßig als weniger wichtigen Technikkram abtun. Ich hingegen finde den Gedanken durchaus reizvoll, dass die vereinigten Kameraleute über die Bildgestaltung eines Films befinden, oder Komponisten über die Qualität der Musik, weil ich mir vorstelle, die könnten tatsächlich eine Ahnung haben, worüber sie da reden.

Die Jury setzt sich aus je einem Teilnehmer der Bereiche Regie, Kamera, Szenen-/ Kostümbild, Komposition/Sound Design, Schnitt, Produktion und einem Festivaldirektor zusammen.

Gut, Fachleute gibt es weiterhin auch in der Jury, doch die sechs vertreten nicht alle Gewerke, die da ausgezeichnet werden sollen. Vermutlich hat man sich auch etwas dabei gedacht, dass nun auch Regisseure und Produzenten mitreden, während die Preise für Regie und Drehbuch weiterhin auf die gewohnte Weise vergeben werden. Aber was der Festivalleiter als siebter Experte in dieser Runde soll, muss mir noch mal einer erklären.

Die Gewinner der anderen Kategorien werden, wie in der Vergangenheit auch, von den mehr als 2.800 Mitgliedern der European Film Academy gewählt. Der 26. Europäische Filmpreis wird in insgesamt 21 Kategorien am 7. Dezember in Berlin verliehen.

Ich möchte annehmen, das wenigstens diese letzten beiden Sätze stimmen.

 

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Die Story im Ersten: “Der Fall Mollath – in den Fängen von Justiz, Politik und Psychiatrie”

Out takes weist in der Regel nicht mit einem Artikel auf Sendetermine von Reportagen oder Dokumentationen hin, besonders nicht, wenn diese nicht die Kernthemen unseres Blogs betreffen.
In diesem Fall machen wir eine Ausnahme.

Die Story im Ersten: 3.6.2013, 22.45 Uhr, ARD | Foto © Report Mainz/SWR

Update vom 4.6.2013:
Die Sendung wurde am 3.6. ausgestrahlt und ist nun in der ARD Mediathek zu sehen:
http://mediathek.daserste.de/sendungen_a-z/799280_reportage-dokumentation/15028746_die-story-im-ersten-der-fall-mollath

In den Medien trifft man regelmäßig auf die Begriffe “Schwarzgeld” oder “Steuerhinterzieher”, aktuell und prominent im Zusammenhang mit der Selbstanzeige von Uli Hoeness.

Im Schatten des finanziellen Schadens dieser illegalen Geldgeschäfte liegt eine verborgene Gefahr: Was kann Menschen passieren, die diese Geschäfte anzeigen wollen, wenn auf der anderen Seite Personen mit großem Vermögen und Einfluss stehen, die sich vor Aufdeckung schützen wollen?

Der Fall Mollath – 2002 bis 2006: Gustl Mollath wird verräumt

Heutzutage ist es ein erträgliches Geschäft, Beweise über Steuerhinterzieher zu sammeln. Man speichert diese auf einem Datenträger und verkauft die Informationen an Länder und Finanzbehörden.

Auch Gustl Mollath, geboren 1956 in Nürnberg, sammelte Beweise, aber nicht, um diese zu verkaufen, sondern, um den Geldtransfers in die Schweiz seiner damaligen Frau und weiterer Mitarbeiter der HypoVereinsbank (HVB) und deren “Kunden” Einhalt zu gebieten.
Als sich Gustl Mollath mit seinem Insiderwissen und den Beweisen zuerst an die betroffenen Banken und später an die Staatsanwaltschaft, Finanzbehörden und Politik wendet, wird er nicht belohnt, im Gegenteil, Gustl Mollaths Beweisen wird nicht nachgegangen, stattdessen wird er im Jahr 2006 mittels dubioser Beweisführung verurteilt und als wahnsinnig und allgemeingefährlich in die forensische Psychiatrie eingeschlossen.
Damit endet Teil 1 dieses Skandals. Weiterlesen

Der Fall Mollath – 2010 bis heute: Keine Besserung in Sicht

Teil 2 des Skandals beginnt 2010. Herr Mollath ist immer noch in der forensischen Psychiatrie des Bezirkskrankenhauses Bayreuth eingesperrt, denn er ist standhaft, er leugnet nicht die Wahrheit, die ihm weiterhin als Wahn ausgelegt wird und somit seine Unterbringung auf unabsehbare Zeit verlängert.

In dieser verzweifelten Situation, aus der er sich selber nicht mehr zu befreien weiß, wendet sich Gustl Mollath an die Öffentlichkeit, an die Medien, und “Report Mainz” greift seine Geschichte auf.
Die Redaktion recherchiert und bewertet die Dokumente. Viele Medien werden auf den Fall aufmerksam, zu viele ignorieren diesen Fall bis heute. Dennoch haben sich stichhaltige Beweise angesammelt, die auch zur Zeit von Gustl Mollaths Verurteilung bereits vorlagen, und weitere Beweise, Erkenntnisse und Zeugenaussagen, die hinzukamen und nur einen Schluss zulassen: Herr Mollath ist unschuldig und seine Anschuldigungen wegen illegaler Geldgeschäfte waren wahr.

Der Skandal? Bis heute sind Justiz, Politik und Psychiatrie nicht in der Lage oder willens, das Urteil und die Wahndiagnose zu korrigieren. Es scheint nicht ausschlaggebend, wie viele Beweise vorliegen und ständig neu hinzukommen, die Meinung wird nicht geändert:
Das Urteil von 2006 gegen Gustl Mollath sei richtig. Herr Mollath sei gefährlich, wahnsinnig und zurecht in der forensischen Psychiatrie untergebracht.
Prominenteste und hartnäckigste Verteidigerin dieser Meinung ist die Bayerische Justizministerin, Dr. Beate Merk.

Die Fragen, die sich zwangsläufig stellen:
Welche Rolle spielen in diesem Fall Justiz, Politik und Psychiatrie und wie ist deren Verhalten zu erklären?
Leben wir in dem Rechtsstaat, in dem wir glauben zu leben, oder ist die korrumpierende Macht des Geldes und der Kumpanei größer als wir glauben möchten?

Die ARD hat sich nach mehreren kürzeren Berichten in “Report Mainz” (SWR) und “kontrovers” bzw. “quer” (BR) nun diesem erschütternden Fall in einer umfassenden Dokumentation gewidmet und strahlt diese in ihrer Reihe “Die Story im Ersten” mit den hervorragenden Redakteuren des “Report Mainz”, Monika Anthes und Eric Beres, aus:

“Die Story im Ersten: Der Fall Mollath – In den Fängen von Justiz, Politik und Psychiatrie”
ARD
Montag, den 3.6.2013
22:45 Uhr

Update vom 4.6.2013:
Die Sendung wurde am 3.6. ausgestrahlt und ist nun in der ARD Mediathek zu sehen:
http://mediathek.daserste.de/sendungen_a-z/799280_reportage-dokumentation/15028746_die-story-im-ersten-der-fall-mollath

Das Buch zur Affäre Mollath:

Das Buch: Die Affäre Mollath

Wer sich tiefer in die Einzelheiten des Falles einlesen möchte, dem sei das soeben erschienene Buch “Die Affäre Mollath” der beiden SZ-Redakteure, Olaf Przybilla und Uwe Ritzer, empfohlen, die für Ihre Berichterstattung zu diesem Fall mit dem Wächterpreis ausgezeichnet worden sind:
http://www.droemer-knaur.de/buch/7892958/die-affaere-mollath

Einen leicht verständlichen Einblick in die zum Teil komplexen Details der Geschichte und die aktuellen Entwicklungen bietet zudem durch viele Artikel, die seit Dezember 2012 zu diesem Fall entstanden sind, die Autorin und Oberstaatsanwältin a.D. Gabriele Wolff in Ihrem Blog:
gabrielewolff.wordpress.com

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Ohne Glamour: Wie Festivalsieger entstehen

Auch auf dem roten Teppich in Cannes können Filmschaffende leicht mal im Regen stehen. | Foto © Archiv cinearte

Unter den Filmfestspielen dieser Welt strahlt eines besonders hell. Kein anderes Festival schafft es, Kinokunst und Glamour so glänzend zu verbinden. Die Filme im Wettbewerb und auf der Siegerbühne sind zwar auch nicht massentauglicher als die anderer Festivals (manchmal sogar das Gegenteil), dennoch ist Cannes rund um die Welt ein Begriff, das berühmteste, ach was: beliebteste Filmfest. Sogar Lieder wurden darüber geschrieben. Heute noch.

Als das Festival am Sonntag zu Ende ging, bekräftigte es einmal mehr seinen Einsatz für das Wahre, Schöne, Gute. Und für dessen politische Verantwortung: Mit der „Goldenen Palme“ wurde „La vie d’Adèle“ ausgezeichnet, was auf Deutsch soviel wie „Adeles Leben“ heißt, auf Deutsch aber voraussichtlich unter dem Titel „Blue Is the Warmest Colour“ herauskommen wird, was sich anscheinend noch schlechter übersetzen lässt, weshalb also ein französischer Film auf Deutsch einen englischen Titel tragen wird, der mit dem Original nur wenig zu tun hat. Da ist er nicht allein … Aber ich komme vom Thema ab: Über drei Stunden erzählt der in Tunesien geborene französische Regisseur Abdellatif Kechiche („Couscous mit Fisch“) die Geschichte der 15-jährigen Schülerin Adèle aus, die sich mehr zu Mädchen hingezogen fühlt und das schließlich leidenschaftlich mit der etwas älteren Künstlerin Emma (Léa Seydoux) durchlebt. Weiterlesen

Ziemlich gewagt, freuten sich da Kritiker wegen der „sehr intensiven und ungewöhnlich langen Sexszenen“, die doch so natürlich und mutig wirkten, weil Kechiche so „sinnlich filmt wie kaum ein anderer.“, politisch mit Gefühl und so. Weshalb das Festival auch ein wenig seine Geschichte neu schrieb und zum ersten Mal den Hauptpreis nicht nur an den Regisseur, sondern auch seine beiden Hauptdarstellerinnen verlieh.

Längst überfällig war der Preis nach Meinung vieler sowieso. Denn zum ersten Mal wurde damit in Cannes ein Film ausgezeichnet, der offen das Thema Homosexualität behandelt. Der Zeitpunkt war geschickt gewählt, denn das französische Parlament hatte Ende April die umstritteneHochzeit für alle“ beschlossen, in Paris hatten sich am Sonntag 150 000 Gegner der gleichgeschlechtlichen Ehe zu einer letzten Demonstration versammelt, die in Krawallen und 300 Festnahmen gipfelte.

Die Demonstration vor der eigenen Tür sahen hingegen die wenigsten. Den deutschen Zeitungen jedenfalls waren die Proteste beim Festival keine Erwähnung wert. Kurz vor der Vorführung des baldigen Siegerfilms am Donnerstag im Festivalpalast waren nämlich auf der Straße ganz andere Töne zu hören. Cannes hatte seinen obligatorischen Skandal, bloß interessierte sich diesmal kaum einer dafür. Als vor zwei Jahren Lars von Trier in einer Pressekonferenz als Hitlerversteher Unsinn redete und deshalb vom Festival rausgeschmissen wurde, ging das rund um die Welt. Doch dieses Jahr ging es ja bloß um die Filmarbeit an sich: Die Filmschaffenden-Gewerkschaft Spiac-CGT protestierte in einer Pressemitteilung: „Wenn dieser Film auch ein künstlerisches Vorbild geworden ist, hoffen wir doch, dass er niemals ein Beispiel in Bezug auf die Produktion wird.

Filmschaffende hatten sich über „inakzeptable“ Arbeitsbedingungen beim Dreh von „La vie d’Adèle“ am Set in Lille beschwert. Die Gewerkschaft kritisiert Arbeitstage, die mit acht Stunden angegeben wurden, tatsächlich aber 16 Stunden dauerten. Löhne, die  brutto ausgezahlt wurden, wo netto versprochen war, „anarchische“ Arbeitspläne und Änderungen im letzten Moment, wegen denen auch während Ruhetagen oder in der Nacht kurzfristig zum Set gerufen wurde. „Die Leute wussten am Freitagabend noch nicht, ob sie am folgenden Samstag und Sonntag arbeiten würden.“

Solche Zustände seien für einen Autorenfilm mit begrenztem Budget durchaus nicht unüblich, erklärte die Tageszeitung Le Monde, die als eine der wenigen von den Protesten berichtete, fügte aber gleich hinzu: „Das von „La vie d’Adèle“ hat die vier Millionen Euro knapp überschritten, was ihn nicht zu einem armen Film macht.“ Nur waren halt für die Dreharbeiten zweieinhalb Monate veranschlagt gewesen, sie zogen sich aber schließlich doppelt so lange hin – ohne dass das Budget angepasst wurde, erklärt die Zeitung in einem zweiten Artikel mit weiteren unschönen Details von den Dreharbeiten. Um die 750 Stunden Material seien da zusammengekommen, berichtete der Filmkritiker Hugues Dayez.

Vincent Leclercq, Chef der regionalen Filmförderung Pictanovo, die „La vie d’Adèle“ mit 175 000 Euro unterstützte, widerspricht den Vorwürfen: „Ich habe keine schriftliche Beschwerde keines der Beschäftigten dieser Produktion erhalten.“ Gewiss habe er von Beschwerden gehört, „aber so, wie ich es verstanden habe, über andere Dreharbeiten.“

Doch ohnehin geht es der Gewerkschaft nicht um den einen Film, dessen Dreharbeiten schon im August abgeschlossen. Vielmehr nutzt auch sie die Aufmerksamkeit des großen Festivals für die Politik. Im Januar hatten die Gewerkschaften, darunter auch die Spiac-CGT, einen Tarifvertrag unterzeichnet, auf der Gegenseite aber nur ein Arbeitgeberverband. Die übrigen Produzentenverbände lehnen die Vereinbarung ab, die vor allem Mindestgagen, Überstundenvergütung, Nacht- und Sonntagsarbeit regelt. Sie argumentieren, dass gut 60 Filme nie hätten gedreht werden können, wenn man diese neuen Regeln auf sie angewendet hätte. Sie legten einen Gegenvorschlag vor, der unter anderem die Gagen mit dem Budget des Films verknüpft. Die Debatte ist entsprechend angespannt, ein Vermittlungsgespräch ist im Gange.

Auf dieser Gegenseite steht auch Wild Bunch, die Produktionsfirma von „La Vie d’Adèle“. Deren Geschäftsführer Brahim Chioua beruft sich da auf den Filmemacher Robert Guédiguian („Der Schnee am Kilimandscharo“): „Der sagte, hätte er die Arbeitsregelungen respektiert, hätte er seine sieben ersten Filme nie realisieren können.“ Zumal er ja auch nicht verstehe, meint Chioua, der Produzent, wie man einen Film mit der Stoppuhr in der Hand drehen soll. Gewiss hätten einige Mitarbeiter die Produktion verlassen, weil sie mit den Arbeitsbedingungen unzufrieden waren, andere hingegen blieben dabei – und das schon seit Kechiches erstem Film: „Kechiche ist sehr anspruchsvoll! Und dadurch bekommt er diese Ergebnisse.“

Überhaupt verweist Chioua lieber auf einen anderen Film im Wettbewerb: „Only God Forgives“ von Nicolas Winding Refn: „Dieser Film wurde in Thailand gedreht. Da sollte man sich mal anschauen, unter welchen Bedingungen die Crew arbeiten musste.“

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Kultur als Ausnahme: Eine Petition für Europas Kino

Die Vielfalt Europas hatte nicht nur Cédric Klapisch inspiriert, der dem gemeinschaftlichen Kulturaustausch mit „L’auberge espagnole – Barcelona für ein Jahr“ ein Filmdenkmal samt Fortsetzung errichtet hatte. | Foto © Universum

Während die Kinobranche in Deutschland noch mit dem Fernsehen ringt, droht draußen in der Welt schon neue Gefahr. Die USA und die Europäische Union verhandeln im Juni über ein Freihandelsabkommen (TTIP). Im Gegensatz zu früheren Vorschriften der Welthandelsorganisation ist dieses Mal aber keine „kulturelle Ausnahme“ für Audiovisuelles und Medien vorgesehen. Besonders das öffentliche Fördersystem, das nicht nur in Deutschland stark ausgeprägt ist, wird auf der anderen Seite als Wettbewerbsverzerrung gesehen.

Den wolle man ja gar nicht verzerren, erklärt dazu etwa Alexander Thies, Vorsitzender des Vorstands der Allianz Deutscher Produzenten. Doch im Gegensatz zur amerikanischen brauche die europäische Filmindustrie Förderung. Daß sie die auch bekommt, verzerre nicht den Wettbewerb, sondern mache ihn erst möglich: „Ohne Förderung, ohne ,kulturelle Ausnahme‘ gäbe es den europäischen Film nämlich gar nicht mehr, keine ,Oscar‘-Gewinner wie ,Liebe‘ oder europäische Blockbuster wie ,Ziemlich beste Freunde‘.“ – und somit keinen Wettbewerb. „Die Maßnahmen, mit denen in der EU und in den Mitgliedsstaaten Filme und andere audiovisuelle Medien gestützt und gefördert werden, sind die Voraussetzung für ein nennenswertes Filmschaffen in Europa.“ Weiterlesen

Für diese tollkühne Argumentation hat sich der Produzentensprecher eine Eins mit Sternchen im Rhetorikseminar verdient, weshalb ich mich auch gar nichts zu erwidern traue – außer vielleicht die zaghafte Frage, wieso es so selbstverständlich sein soll, dass die europäische Filmindustrie Förderung brauche, die amerikanische aber nicht oder wieso das dann nicht auch für andere Branchen gelten soll – nur halt unter umgekehrten Vorzeichen. Vermutlich hat das mit dem Selbstverständnis der europäischen Filmindustrie zu tun, denn wie die Produzenten argumentieren alle möglichen Verbände, Organisationen und Parteien und das nicht nur in Deutschland (einen kleinen Überblick gibt es hier).

Sogar 14 europäische Kulturminister, unter ihnen der deutsche Kulturstaatsminister Bernd Neumann, haben auf Initiative seiner französischen Kollegin Aurélie Filippetti einen gemeinsamen Brief an die irische EU-Ratspräsidentschaft geschrieben. Sie wollen verhindern, dass das künftige Freihandelsabkommen auch den Kultursektor umfasst. Und europäische Filmemacher sammeln im Internet Unterschriften: Das Vorhaben der EU sei eine „Kapitulation“. Kultur sei das Herz der europäischer Identität und Ideale und nicht verhandelbar. Die Petition, die berühmte Kollegen wie Stephen Frears und Michael Haneke bereits unterschrieben haben, lässt sich in fünf europäischen Sprachen aufrufen. Eine deutsche Version fehlt.

Vielleicht ist die ganze Aufregung ohnehin unnötig. Denn die  EU-Kulturkommissarin Androulla Vassiliou hat am 17. Mai in einer Rede erklärt, dass ein Abkommen mit den USA bestehende Kulturfördermaßnahmen der EU und ihrer Mitgliedsstaaten nicht in Frage stellen werde: Die Bewahrung und Förderung von kultureller Vielfalt seien durch den EU-Vertrag und die Unesco-Konvention von 2005 gesichert. Da allerdings müssten die größten Filmförderer in Deutschland sich noch ein wenig in der Argumentation üben. In den Richtlinien Bayern, Berlin-Brandenburg oder Nordrhein-Westfalen ist nämlich erst einmal Linie von der Stärkung von Wirtschaft und Standort die Rede. Dann erst kommt die Kultur, im Nebensatz.

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Diskurs der Deutschen Akademie für Fernsehen (DAfF)

Diskurs der Deutschen Akademie für Fernsehen (DAfF)

Diskurs der Deutschen Akademie für Fernsehen (DAfF) | Foto © casting-network

Ein Auftrag, den man nicht ablehnen kann –
Welches Programm fordert die Politik und welches liefern die öffentlich-rechtlichen Sender?

Es diskutierten zum Thema:
Peter Frey (Chefredakteur des ZDF)
Florian Hager (stellvertretender Programmdirektor ARTE)
Wolfgang Kubicki (medienpolitischer Sprecher der FDP Schleswig-Holstein)
Ines Pohl (Chefredakteurin der taz)
Dagmar Reim (Intendantin des RBB)

Begrüßung:
Gerhard Schmidt (Produzent & Vorstand DAfF)

Keynote:
Adriana Altaras (Schriftstellerin & Schauspielerin)

Moderation:
Harald Staun (Medienseite der FAS)

Die Veranstaltung fand am 14. Februar 2013 im Rahmen der Berlinale in der Landesvertretung NRW statt.
Offizielle Website der Deutschen Akademie für Fernsehen (DAfF):
www.deutscheakademiefuerfernsehen.de

Link zum cn-klappe Video-Beitrag auf casting-network:
www.casting-network.de

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Wie groß darf’s denn sein? Das deutsche Kino zwischen zwei Extremen

Kleines Debüt gegen großes Spektakel: Beim „Deutschen Filmpreis” machten zwei Filme die „Lolas” untereinander aus. Irgendetwas wird man schon daraus lesen können. | Foto © Deutsche Filmakademie, Michael Tinnefeld

Der „Deutsche Filmpreis“ ist ja nun auch schon wieder ein Weilchen her. Beschäftigen will er mich immer noch, weil vor und nach der Gala von Deutschlands führenden Filmjournalisten interessante und auch kluge Sachen über den Zustand des Deutschen Films geschrieben wurden, die nicht nur einiges über diesen Zustand verraten, sondern auch über diejenigen, die sich damit beschäftigen – und damit wieder über den Zustand des Films. Und weil sich da all die Themen in ganzer Pracht ausbreiten, von der Förderung bis zur Filmkunst, denn auf wundersame Weise ist ja alles irgendwie mit allem verknüpft, wie wir spätestens seit „Cloud Atlas“ wissen. Nur mit den Filmkünsten selbst hat man’s irgendwie nicht so.

„Besser ging’s nicht“ titelte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) nach der Lola-Gala. Vorher hatte Christine Peitz, Kulturchefin des „Tagesspiegels“, ausführlich und doppeltverwertet den schwachen Jahrgang beklagt. Obwohl: Man kann sich auch kleinreden. War es wirklich „kein großes Kinojahr“, in dem „ein klarer Favorit fehlt und dann so etwas wie der fatale Sog des Mittelmaßes entsteht“, wie Peter Körte in der „FAZ“ meinte? Weiterlesen

Den Favoriten gab es schon: „Cloud Atlas“, die wagemutige, aber nicht für jeden geglückte Verfilmung eines Weltbestsellers, der als unverfilmbar galt, war nicht nur als „Bester Film“ nominiert, sondern auch in acht der neun Kategorien für die kreativen Einzelleistungen nominiert – alles außer Drehbuch. Der Roman springt durch fünf Jahrhunderte, verschachtelt raffiniert sechs unterschiedlichste Geschichten und spielt mit Genres und Stilen. Um das zu bewältigen, hatten sich der deutsche Regisseur Tom Tykwer und die amerikanischen Geschwister Andrew und Lana Wachowski („Matrix“) zusammengetan, ihre Produzenten schafften es, ein Budget von rund 117 Millionen Euro und Stars wie Tom Hanks, Halle Berry, Hugo Weaving, Susan Sarandon und Hugh Grant zusammenzubringen. Heraus kam der wieder mal teuerste deutsche Film aller Zeiten, der weltweit seine Herstellungskosten schon fast wieder eingespielt hat und der, wo nicht Lob und Begeisterung doch zumindest dafür Respekt und Anerkennung fand. Geht doch, spektakuläre Filmkunst made in Germany!

Das hätte man gut für den besten Film halten können. Muss man aber nicht, sondern kann stattdessen auch ein kleines Debüt wählen, das ganz und gar ungewöhnlich daherkommt. Und so war der beste deutsche Film des vorigen Jahres nicht der teuerste, sondern der billigste: Jan Ole Gersters „Oh Boy“ über einen Studienabbrecher, gespielt von Tom Schilling, der sich ohne Plan und Ziel durch die Hauptstadt treiben lässt, begeistert seit einem halben Jahr auf Festivals, räumt reihenweise Preise ab und gilt mit rund 230.000 Zuschauern als Publikumserfolg.

Schwarzweiß gegen Farbe, Debütant gegen Weltstars, Riesenbudget gegen Low Budget – was da wirklich besser ist, mag jeder für sich entscheiden, und um falschem Verdacht gleich vorzubeugen: Ich will hier keine Preisentscheidungen in Frage stellen, weil ich eh meine, dass beides gehen sollte und sich zwischen Jahrmarktsattraktion und Filmmuseum ein weites Spielfeld für das Kino erstreckt. Und man kann beides mögen. Bemerkenswert ist aber schon, mit welcher Reflexsicherheit gleich die treffenden Schlagzeilen gefunden wurden, als „Oh Boy“ neben dem Preis für den besten Film noch überwältigende fünf weitere „Lolas“ in den Einzelkategorien erhielt und Cloud Atlas bloß fünf: David siegte gegen Goliath!

Und außerdem die Kunst gegen den Kommerz, lässt sich da zwischen den Zeilen lesen, was aber so keiner sagt, weil man das „Cloud Atlas“ nun auch wieder nicht unterstellen kann – zumal einem Regisseur, dem man schon einmal Gold, dreimal Silber und zweimal den Regiepreis bei den „Lolas“ gönnte. Trotzdem hängt da etwas unausgesprochen und hinterhältig im Raum herum, auch wenn es nicht richtig ist. „Cloud Atlas“ ist nämlich erstens durchaus nicht als Kommerzkino gemeint und zweitens, abgesehen von seiner ungewöhnlichen Erzählung, ein Fest der Filmkünste, die versuchten, den besonderen Geist der literarischen Vorlage auf die Leinwand zu übersetzen. Das hat die Filmakademie auch honoriert mit Preisen für die Einzelleistungen in Bildgestaltung, Montage, Szenenbild, Kostüm und Maske.

Doch weil man in der allgemeinen Berichterstattung mit den erstgenannten Filmkünsten wenig anzufangen weiß und sich in der Regel lieber auf populäre Schauspieler stürzt, sind die ebenfalls fünf Einzelpreise für „Oh Boy“, nämlich Regie, Drehbuch, Musik, Haupt- und Nebendarsteller, natürlich attraktiver. Auch wenn, ich hatte es an anderer Stelle schon mal angemerkt, das eine ohne das andere nicht geht, wenn man nicht gerade Experimentaltheater macht. Kino ohne Bild sieht nun mal so aus. Was trotzdem niemanden zu interessieren scheint und unverdrossen behauptet wird, dass all dies halt bloß „technische Kategorien seien“ und „deutlich weniger wichtig“, die anderen hingegen „Königskategorien“.

Wenn dann aber auch noch drittens grundlegende Fakten nicht stimmen, weil man nicht nachschlagen will oder lieber voneinander abschreibt oder es besser ins Gut-und-Böse-Schema passt, weiß ich nicht so recht, was ich da überhaupt noch ernst nehmen soll. Etwa, wenn es um die Frage geht, ob „Cloud Atlas“ überhaupt einen Preis bekommen darf, weil, Skandal!, er nicht so richtig „deutsch“ sei und auch Tykwer nur einen Teil der Regiearbeit gemacht habe. Zwar hatten neben ihm auch ein paar andere deutsche Filmschaffende am „Cloud Atlas“ gearbeitet, aber um das zu erkennen, müsste man schon verstehen wollen, was die unwichtigen Nebenkategorien so zu einem Film beitragen, statt sich nur darüber aufzuregen, dass tatsächlich einige der Preisträger auf der Bühne nicht mal Deutsch sprachen.

Und der „englischsprachige Film mit überwiegend angelsächsischen Schauspielern“ entstand auch nicht nach einem „US-Romanstoff“, weil dessen Autor und Erstverlag englisch sind. Den Ariernachweis für Filmstoffe hatte jedenfalls 1990 noch keiner gefordert, als „Letzte Ausfahrt Brooklyn“ als bester Film ausgezeichnet wurde, obwohl der tatsächlich in Englisch mit überwiegend angelsächsischen Schauspielern nach einem US-Romanstoff entstanden war, und auch nicht 2008, als es „Die Welle“ traf, Adaption eines US-Romanstoffs. Und nicht einmal 2002, als Tykwers „Heaven“ Silber erhielt – obwohl der in Englisch und Italienisch mit ausländischen Schauspielern nach einem polnischen Drehbuch entstanden war.

Auch die Rechenkunst hört offenbar bei mehr als sechs Nullen auf, weshalb „Cloud Atlas“ nach einhelliger  Meinung 100 Millionen gekostet habe. Wahlweise US-Dollar oder Euro, wie fleißig voneinander abgeschrieben wurde, obwohl der deutsche Verleih, das schon Anfang Februar richtiggestellt hatte, nachdem sich die „Zeit“ ein gar doppelt so hohes Budget ausgedacht hatte.

Egal – auf jeden Fall irgendwie ein Haufen Geld, mit dem man locker 390 „Oh Boys“ hätte drehen können, in die dann natürlich auch 390 Mal so viele Leute reingehen. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob mir gefallen soll, wenn in unserem Land noch weitere 390 Filme unter Low-Budget-Bedingungen produziert werden. Man kann das romantisch finden, sollte es aber nicht.

Zumal ja viertens das eh großer Quatsch ist. Weil der kleine vermeintliche Independent-Streifen als Abschlussfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin im geschützten Biotop des Nachwuchses entstanden ist, während die Produzenten und Regisseure des Mammutwerks trotz üppiger Förderung ein beträchtliches Risiko eingingen. Wenn man überhaupt mit solchen Begriffen hantieren will, dann wäre wohl „Cloud Atlas“ der Indie unter den Preisträgern: Nicht nur die Finanzierung stand mehrmals auf der Kippe, sondern auch die Reputation eines Regisseurs auf dem Spiel, der vor nicht allzu langer Zeit selbst noch ein Liebling der Filmkritiker war, wenn sie den originellen Geist im Deutschen Kino suchten.

Doch wenn etwas zu weit hinaus will, stellt sich wohl leicht Unbehagen ein. Dann begegnet man der Ambition zum Weltkino schon mal mit dem Rückzug ins innere Biedermeier oder zumindest der Flucht in alte Kinomythen. Wo die wahren Sehnsüchte schlummern, zeigt eine Hymne auf „Spiegel Online“, die eine „neue Lässigkeit“ bei der Preisverleihung ausmachte. Nicht wegen der Gala, sondern weil beim Auftritt der „Oh-Boy“-Protagonisten mit schmalen Schlipsen „Nouvelle-Vague-Atmo“ aufkam. Und noch deutlicher der nicht enden wollende Applaus für Werner Herzog, den 70jährigen Autorenfilmer, dem die „Ehren-Lola“ für sein Lebenswerk verliehen wurde. Da lebte er wieder auf, der romantische Mythos von der Filmkunst, zu dem man auch gerne Gersters lustig-kokette Dankesrede beiträgt, sein Film sei irgendwie durch Vorsichhindenken, Amtresenhocken und endloses Kaffeetrinken vorsichhinentstanden.

Doch was das Schöne letztlich für eine Mühe ist, weil nur wenig Menschenwerk einfach nur so vorsichhinentsteht, interessiert offenbar keinen. So also sehen und verstehen Deutschlands führende Filmjournalisten die Filmarbeit. Die sie dann beurteilen.

 

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Förder mich! Deutschlands Filmlobbyisten und die „Welt“

Wer so organisiert Förderung fordert, kann ja noch nicht wirklich tot sein. Der Deutsche Film arbeitet zur Zeit am neuen Subventionsgesetz. | Illustration © outtakes

Vorige Woche haben sich die Interessenvertreter der deutschen Filmbranche getroffen, um zu tun, was die deutsche Filmbranche anscheinend am besten kann, nämlich Interessen zu vertreten, um Fördertöpfe zu streiten und immer mal wieder übers Publikum zu schimpfen, das echte Filmkunst nicht zu schätzen weiß.

Doch dazu will ich gar nicht weiterreden, weil in der „Welt“ bereits ein feiner Text dazu erschienen ist. Weiterlesen

Warum dieser Text überhaupt entstanden ist, hat mich schon verwundert, weil solche Diskussionen zum Politikalltag gehören und selten einer Berichterstattung wert empfunden werden, es sei denn, es geht um den Export von hochgefährlichem Atomzeug oder Korruptionsvorwürfen, also Themen, mit denen man wiederum einen Film füllen könnte.

Ich wollte auch nicht nachfragen, was die „Welt“ da geritten haben könnte, weil mir die Erklärung, die ich mir selber ausgedacht habe, zu gut gefällt. Dass nämlich ein Kollege mal nicht schaute, was denn so die anderen schreiben, sondern sich von der höchsten journalistischen Tugend leiten ließ und sich sagte: „Hui, der Bundestag hält heute eine Anhörung zur Novellierung des Filmförderungsgesetzes. Das klingt aber uninteressant! Das schaue ich mir doch mal genauer an.“

Und was Alan Posener da sah, bietet schon eine neue Perspektive, weil er einen unbedarften Blick von außen in die Branche wirft und seine Beobachtung böse zuspitzt (womit er übrigens gar nicht alleine steht). Das wird nicht jeden so freuen wie meinen Kollege Rüdiger Suchsland, weil man doch alles schon ein wenig diffenzierter sehen müsse. Andererseits sieht man dann ja vor lauter Graustufen allzu leicht die dunklen Flecken nicht mehr. Natürlich schreibt Posener manches schnell hin, ohne sich ein bißchen schlau gemacht zu haben (die FFA, um die es hier geht, wird eben nicht mit Steuergeld finanziert), schmeißt alle Interessenvertretungen in den selben Topf und rührt sie einmal um, ist unverschämt und beleidigend. Andererseits kann er sich schon auch lange und tiefe Gedanken machen – um Themen, die das verdienen.

Und gerade, weil Posener seine Eindrücke so schnell und schmutzig und gemein dahinrotzt, stimmt das Gesamtbild am Ende doch. Etwa wenn er schon im zweiten Satz bemerkt… ach was: Einfach mal selber lesen! Und auch die Kommentare.

 

 

 

 

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Förderdebakel: Deutschlands Filmlobbyisten und die Welt

Vorige Woche haben sich die Interessenvertreter der deutschen Filmbranche getroffen, um zu tun, was die deutsche Filmbranche anscheinend am besten kann, nämlich Interessen zu vertreten, um Fördertöpfe zu streiten und immer mal wieder übers Publikum zu schimpfen, das echte Filmkunst nicht zu schätzen weiß.

Doch dazu will ich gar nicht weiterreden, weil in der „Welt“ bereits ein feiner Text dazu erschienen ist. Weiterlesen

Warum dieser Text überhaupt entstanden ist, hat mich schon verwundert, weil solche Diskussionen zum Politikalltag gehören und selten einer Berichterstattung wert empfunden werden, es sei denn, es geht um den Export von hochgefährlichem Atomzeug oder Korruptionsvorwürfen, also Themen, mit denen man wiederum einen Film füllen könnte.

Ich wollte auch nicht nachfragen, was die „Welt“ da geritten haben könnte, weil mir die Erklärung, die ich mir selber ausgedacht habe, zu gut gefällt. Dass nämlich ein Kollege mal nicht schaute, was denn so die anderen schreiben, sondern sich von der höchsten journalistischen Tugend leiten ließ und sich sagte: „Hui, der Bundestag hält heute ein Anhörung zur Novellierung des Filmförderungsgesetzes. Das klingt aber uninteressant! Das schaue ich mir doch mal genauer an.“

Und was Alan Posener da sah, bietet schon eine neue Perspektive, weil er einen unbedarften Blick von außen in die Branche wirft und seine Beobachtung böse zuspitzt (womit er übrigens gar nicht alleine steht). Das wird nicht jeden so freuen wie meinen Kollege Rüdiger Suchsland, weil man doch alles schon ein wenig diffenzierter sehen müsse. Andererseits sieht man dann ja vor lauter Graustufen allzu leicht die dunklen Flecken nicht mehr. Natürlich schreibt Posener manches schnell hin, ohne sich ein bißchen schlau gemacht zu haben (die FFA, um die es hier geht, wird eben nicht mit Steuergeld finanziert), schmeißt alle Interessenvertretungen in den selben Topf und rührt sie einmal um, ist unverschämt und beleidigend. Andererseits macht er sich schon lange und tiefe Gedanken um Themen, die das verdienen.

Und gerade, weil Posener seine Eindrücke so schnell und schmutzig und gemein dahinrotzt, stimmt das Gesamtbild am Ende doch. Etwa wenn er schon im zweiten Satz bemerkt… ach was: Einfach mal selber lesen! Und auch die Kommentare.

 

 

 

Lobby für die Filmkunst? Von wegen! Die „Welt“ besuchte die Anhörung zum neuen Filmförderungsgesetz und merkte gleich, wo’s beim Deutschen Film hängt.

 

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cn-klappe: Interview mit Dr. Ulrich Spies

Foto © Detlef Ziegert

Anläßlich der 49. anstehenden Verleihung am 12. April 2013 sprach Elmira Rafizadeh mit dem Leiter des Referats Grimme-Preis des Adolf-Grimme-Instituts über heutiges Qualitätsfernsehen, den Wandel und die Entwicklung der Programme sowie den allgemeinen Stellenwert von Preisen.

Ganzes Interview lesen?

 

 

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Internationales Casting-Panel

Diskussionsteilnehmer | © Sebastian Noack

How do international casting directors work?
What are the basics issues for internationally working actors?
What do casting directors want to see?

Es diskutieren auf Englisch:
Uwe Bünker (Casting Director Germany | BVC)
Anja Dihrberg (Casting Director Germany | BVC)
Corinna Glaus (Casting Director Switzerland | BVC)
Beatrice Kruger (Casting Director Italy | AIC)
Debbie McWilliams (Casting Director Great Britain)
Juliette Ménager (Casting Director France | ARDA)
Hannes Jaenicke (Actor Germany as „Special Guest” | BFFS)

Initiatorin, Organisation & Moderation:
Julia Beerhold (Actress Germany and member of the BFFS executive committee)

Kooperationspartner:
Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK)
Institut für Schauspiel-, Film- und Fernsehberufe (iSFF)
Eventagentur FEEL & RED
European Film Promotion (EFP)
Bundesverband Casting (BVC)
Sebastian Noack Fotografie

casting-network hat als offizieller Medienpartner diese Diskussionsrunde als cn-klappe aufbereitet!

Zum cn-klappe Video-Beitrag

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Was hat das Fernsehen mit dem Kino zu schaffen?

Die deutsche Filmbranche hatte es sich zwischen Förderung und Fernsehen bequem gemacht. Erfolgswerke wie „Das weiße Band“ entstanden dadurch. Besser sollte sie aber doch auf eigenen Beinen stehen. | Foto © X-Filme

Vorige Woche haben sich Deutschlands vereinigte Drehbuchautoren gehörig aufgeregt. Und die Regisseure, die Schauspieler, die Produzenten … ach was, die ganze Deutsche Filmakademie ist „schockiert“, sagen jedenfalls ihr Präsidium und Vorstand.

Den Grund für die Aufregung lieferte die Fernsehdirektorin des Bayerischen Rundfunks, Bettina Reitz. Sie hatte in der Woche zuvor angekündigt, dass ihr Sender sein Engagement bei Kino-Koproduktionen herunterfahren werde – das Geld werde knapp und an anderen Stellen dringender gebraucht. Währenddessen hatte Volker Herres als Programmdirektor der gesamten ARD erklärt, damit deutsche Kinofilme zur „Primetime“ gesendet würden, müssten sie dafür auch geeignet sein; soll heißen, ein möglichst breites Publikum ansprechen. Die Filmschaffenden vom Drehbuch bis zur Produktion sehen da offenbar eine Verbindung und zugleich Gefahr für den Kinofilm. „International preisgekrönte Kinofilme“ würden eh schon auf Nachtplätze verschoben, „wo sie quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit gesendet werden“, kritisiert der Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD), und der Regieverband (BVR) ergänzt: „Auch die privaten Sender, mit Ausnahme von Sat.1, haben deutsche Spielfilme fast vollständig aus ihrem Programm gestrichen: 2012 hat RTL gerade einen einzigen deutschen Kinofilm zur Hauptsendezeit gezeigt, bei Pro7 waren es gerade vier, 2007 liefen hier noch zwölf deutsche Kinofilme.“ Kurz: Das Deutsche Fernsehen lasse den Deutschen Film im Regen stehen.

Das wird aber weniger den privaten als den öffentlich-rechtlichen Sendern vorgeworfen wird. Schließlich hätten die einen Kulturauftrag, den sie „verraten“ (VDD). Die Deutsche Filmakademie befürchtet durch die Ankündigung des Bayerischen Rundfunks gar einen „Dammbruch in der ARD“. Die Produzenten beschwören die „Verantwortung der Sender […] , das Kulturgut des Kinofilms nicht am ausgestreckten Arm verhungern zu lassen.“
 Der Bundesverband der Film- und Fernsehschauspieler (BFFS) fordert ein „klares Bekenntnis der Sender zu Kinoproduktionen“. Andernfalls, droht der BVR, müsste halt „darüber nachgedacht werden, den Rundfunkstaatsvertrag entsprechend zu ändern.“

Wieso eigentlich? Weiterlesen

Der Protest der Filmschaffenden gegen solche Sparpläne ist zwar verständlich, aber nichts weiter als Eigeninteresse. Wenn die Drehbuchautoren meinen, dass Reitz am falschen Ende sparen wolle, wissen sie natürlich auch, wo das richtige Ende ist: „Während Gehälter und Pensionen der Angestellten der öffentlich-rechtlichen Sender den Gebührenzahler Riesensummen kosten, während ARD und ZDF sich millionenschwere Bieterschlachten mit den Privatsendern um teure Sportrechte liefern, erklärt hier eine Senderverantwortliche den Kinofilm kurzerhand zur Nebensache.“

Da könnte jeder freie Filmschaffende gerne beipflichten, es ist ja pointiert genug formuliert. Doch es geht hier gar nicht um die Filmschaffenden, die ihre Situation in der Fernsehlandschaft gerade wesentlich treffender selber dargestellt haben, sondern um das Selbstverständnis einer Branche. Natürlich darf man es doof finden, wenn die Sender ihr Geld für Sportrechte ausgeben statt für Filme, vor allem, wenn man selber lieber ins Kino geht als ins Stadion (und vermutlich würden sich sämtliche Sportverbände der Republik genauso beschweren, wenn es andersherum wäre). Doch letztlich macht ein Fernsehsender sein eigenes Programm, in dem das Kino nun mal Nebensache ist, wenn nicht sogar eine Konkurrenz – wer zur Primetime im Kino sitzt, fehlt am „Tatort“. Und wenn die Staatssender trotzdem Kunstkino wie Michael Hanekes „Liebe“, Margarethe von Trottas „Hannah Ahrendt“ oder Ulrich Seidls „Paradies: Hoffnung“ mitfinanzieren, ist das doch ein feiner Zug von ihnen. Dann dürfen sie auch die Preiserfolge feiern, und wenn sie die gefeierten Werke zur Unzeit senden, sind sie halt selber Schuld.

Doch dass einem Sender die Gehälter und Pensionen seiner Angestellten wichtiger sind als manchem Produzenten Arbeitszeiten und Honorare, sollte man hoffentlich nicht ernsthaft kritisieren wollen. Genausowenig, wenn man sich erstmal um die Auslastung im eigenen Haus kümmert, wie es Frau Reitz erklärt: „Sollten wir uns aufgrund von Kritik oder mangels Geld von bestimmten Aufgaben trennen, dann geht es doch als Erstes an Auftragsproduktionen und Kinoproduktionen.“

Aber der Kulturauftrag! Schließlich seien doch „qualitativ wertvolle und kulturell hochstehende Inhalte … der Grund, warum in Deutschland das ZDF und die ARD-Sender eine auch im internationalen Vergleich beispiellos privilegierte Finanzierung genießen“, meint Uli Aselmann, Vorsitzender des Vorstands der Produzentenallianz-Sektion Kino. Nö, sagt da Frau Reitz: „Die Grundversorgung umfasst nicht Kinoproduktionen.“ Und da hat sie nicht Unrecht. Kulturauftrag meint vielleicht auch ein paar Spielfilme; die können aber für den eigenen Bedarf selber produziert werden. Kulturauftrag meint nicht, auch wenn das jetzt ein bisschen gemein klingt, Auftragsproduzenten beschäftigt zu halten. Kulturauftrag heißt aber außer Spielfilmen auch Informationen, Bildung, Dokumentationen, Theater, Musik, selbst Talkshows, von denen es ja auch gelobte Formate gibt. Und, im Sinne eines weiten Kulturbegriffs, auch Sport.

Nicht falsch verstehen: Dies ist kein Plädoyer fürs Fernsehen, mit dem Bettina Reitz ja auch mal Größeres vorhatte; und zu was das öffentlich-rechtliche Bildungs-Informations-Kultur-Medium nicht imstande ist, wenn es auf leibhaftige Filmschaffende trifft, hat es gerade erst wieder vorgeführt. Doch wie da die Verbände einmütig eine Qualität des Kinoschaffens behaupten, die bloß ein Ignorant auf „Primetime-Tauglichkeit“ überprüfen wollen könne, während das Fernsehen selbst nur Minderwertiges zustande bringe, ist schon ziemlich überheblich. Natürlich sieht man die Fehler der andern besser. Ja, in der Primetime tummeln sich platte Schmonzetten (obwohl es auch da echte Perlen gibt), und ja, kaum eine deutsche Serie kann mit den berühmten US-Produktionen mithalten (obwohl wir da auch nur die Spitze einer Auswahl vom Allerbesten zu sehen bekommen), wie der Verband der Drehbuchautoren kritisiert. Aber wer schreibt denn dem Fernsehen eigentlich diese Schmonzetten und unzulänglichen Serien?

Es geht schlicht um die Frage, wieso das Fernsehen fürs Deutsche Kino verantwortlich sein soll. Die Verbände, die sich hier zu Wort gemeldet haben, haben daran jedenfalls keinen Zweifel, und vielleicht ist das normal, wenn man seit Jahrzehnten in öffentlich-rechtlicher Abhängigkeit wirtschaftet – von der Filmförderung bis zur Auftragsproduktion. Da sieht dann der BFFS „mit wachsender Sorge“ und übertriebener Dramatik die wachsende Entfremdung zwischen Sendern und Kreativen, „die hierzulande nicht voneinander zu trennen sind“. Der BVR nennt die Sender „lebenswichtige Finanzierungspartner für deutsche Spielfilme und internationale Koproduktionen“. Wenn die Filmakademie beschwört, dass das Fernsehen ja auch vom Glanz guter Filme profitiere und man nun eine Debatte über die Stellung des Kinos in unserer Gesellschaft und unserer Kultur brauche, klingt das schon ein wenig larmoyant. Und wenn der VDD schreit, „erneut wird der Kulturauftrag der Öffentlich-Rechtlichen verraten“, ist wohl nicht nur der Kulturauftrag gemeint.

Verlass’ mich nicht! Wie kannst du nur? Ich brauch’ dich doch! Wer mag, darf sich das Ganze mal als Beziehungsdrama vorstellen und dann dem Protagonisten zurufen: Jetzt reiß’ dich halt mal zusammen! Wo bleibt dein Selbstbewusstsein?

Ach, wenn’s nur Liebe wäre. Aber das Kino mag das Fernsehen ja nicht mal leiden. „Nicht weniger, sondern mehr“ Engagement, fordern die Drehbuchautoren. Und zwar finanzielles. „Eine Reduzierung darf und sollte es allenfalls bei der inhaltlichen Einmischung durch die Sender bei der Entstehung der Filme geben.“ Soll heißen: Zahlt, aber haltet die Klappe!

Statt sich derart zur Hure des Fernsehens zu machen, könnte der Kinofilm vielleicht ja mal was ganz anderes tun. Aussteigen etwa aus einem Milieu, in dem er sich nicht wohl fühlt und seine Kreativität eh nur auf den Hund kommt. Der BVR hat da eine an sich gute Idee: Ein „Deutscher Kinotag“ soll her  – aber auf regelmäßigen Sendeplätzen zur Hauptsendezeit, und schon ist das Ganze gar keine so gute Idee mehr. Kinofilme erzählen nun mal anders und sollten eben deshalb nicht aufs Primetime-Publikum zurechtgestutzt werden, wie der BFFS schreibt. Und eben deshalb haben sie auch im Fernsehen nichts zu suchen. Sondern da, wo sie hingehören. Und wie das geht, hat man schon vor einem Vierteljahrhundert in Großbritannien vorgeführt, was auch das Fernsehen dann wieder beeindruckt als Dauerthema begleitete.

Doch für sowas braucht man neben Mut und Ideen auch die passenden Inhalte. Nicht nur Bauch- oder Kopfkino, sondern auch etwas für Herz und Nerven – und vor allem die Augen. Das Britische Kino hatte für seinen Neuaufbruch 1985 Werke, die die ganze Bandbreite an Möglichkeiten abdeckten: „Brazil“, „Mein wunderbarer Waschsalon“, „Zeit der Wölfe“, „Reise nach Indien“, „Zimmer mit Aussicht“, „Mona Lisa“ …

Das Problem im Deutschen Kino ist doch zur Zeit, dass hier noch zu wenig passiert. Schweiger und Schweighöfer im Multiplex, geförderte Festivalperlen im Arthaus-Kino, dazu je nach Zielgruppe Klamauk für Teenies und Selbstfindung für Twens; vieles toll gemacht, aber so entdeckungsarm wie das Mittagsmenü im Schnellrestaurant.

Wo zum Beispiel steckt der Genrefilm? Im Fernsehen jedenfalls findet er keinen Platz – ausgenommen Krimis. Und dass die wiederum massenhaft auf der Mattscheibe, aber kaum auf der Leinwand zu sehen sind, zeigt das einmal mehr, wie sehr sich die Filmschaffenden vom Fernsehen abhängig gemacht haben. Vielleicht ist jetzt endlich die Zeit, wieder großes Kino zu schaffen. Das geht nämlich.  Auch heute noch.

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Filmschaffende zeigen Gesicht und reden Klartext. Respekt!

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Ausstiegsszenario: Kameraleute wollen keine Filmschaffenden mehr sein

Filmschaffende aller Gewerke vereinigt euch? Das war einmal. Die Kameraleute haben die Bundesvereinigung der Branchen-Berufsbände verlassen. | Illustration © cinearte

Wenn in den Kulissen der deutschen Filmwirtschaft etwas passiert, findet das bekanntlich so viel Beachtung wie ein Sack Reis, der in China umfällt. Oder eher noch in Nepal, weil der alte Spruch nicht mehr wirklich gilt, denn tatsächlich kann heute keiner mehr in China irgendetwas umschmeißen, ohne dass es Beachtung fände und gleich der Kollaps der gesamten Weltwirtschaft befürchtet wird. So als würde Deutschland plötzlich aus der EU austreten, nur schlimmer. Und ungefähr das ist vorige Woche in der deutschen Filmwirtschaft passiert.

Zugegeben, das ist jetzt der Dramaturgie wegen etwas überhöht, aber doch auf seine Weise nicht so fern von der Wirklichkeit. Und Hand aufs Herz: Bei einem Satz wie „Bundesvereinigung der Filmschaffenden ohne BVK“ oder „Berufsverband Kinematografie verläßt den Dachverband“ hätte wohl kaum einer aufgemerkt; so viele Reissäcke hätte ich gar nicht umstoßen können. Aufmerken sollte man aber, weil die Angelegenheit an sich doch ziemlich dramatisch ist. Weiterlesen

Die Bundesvereinigung an sich ist nämlich ein besonderes Konstrukt, das es so oft auch nicht gibt auf der Welt: 14 Berufsverbände haben sich hier zusammengeschlossen, um die Interessen ihrer Mitglieder und Gewerke besser durchsetzen zu können. Zuerst, seit Mitte der 1990-er Jahre, als lose Arbeitsgemeinschaft, seit 2007 als „Bundesvereinigung“ mit richtigem Vorstand, wobei jeder Verband weiterhin unabhängig ist. Wenigstens der Anschaulichkeit halber kann man das also mit der Entwicklung über die Europäische Gemeinschaft zur Europäischen Union vergleichen – eine große Idee mit all den Schwierigkeiten, der Schwerfälligkeit und den Kompromissen, die es mit sich bringt, 14 Meinungen unter einen Hut zu bringen. Und wenn ich in diesem Bild den Verband der Kameraleute, der sich seit vorigem Jahr „Berufsverband Kinematografie“ nennt, mit Deutschland vergleiche, dann schon deshalb, weil dieser BVK der mitgliederstärkste der vereinigten Verbände ist. Durch den Austritt wird die Bundesvereinigung um etwa ein Fünftel schrumpfen. Schlimm ist das auch deshalb, als der BVK Gründung und Ausbau des Dachverbands selbst eifrig vorangetrieben hatte.

Wie übrigens auch der Regieverband (BVR), der (mit offiziell noch mehr Mitgliedern), schon zwei Jahre zuvor entschieden hatte, dass die Regisseure (und mit ihnen Regieassistenten und Continuity) keine Filmschaffenden mehr sein wollten. Das mag nun auf den ersten Blick wie eine Parallele aussehen, zumal ja der Regisseur Eberhard Hauff und der Kameramann Jost Vacano, damals Vorstände ihrer jeweiligen Verbände, schon seit den 1970er Jahren auf einen Zusammenschluss aller Filmgewerke hingearbeitet hatten; jedoch laufen die beiden Fälle in unterschiedliche Richtungen. Nicht nur, weil der Austritt des BVR damals stillschweigend abgehandelt wurde, während der BVK den seinen in der vorigen Woche mit einer Pressemitteilung kundtat. Sondern weil die Motivationen völlig gegensätzlich sind: „Filme entstehen grundsätzlich in Teamarbeit“, ist eine der Kernthesen der Bundesvereinigung. „Die Herausforderungen der Branche, ob national, europäisch oder global, lassen sich nur gemeinsam bewältigen.“ Doch der Regieverband sah das ein bißchen anders und hatte in den Jahren vor seinem Austritt wiederholt Positionen vertreten, die denen der übrigen Filmschaffenden widersprachen, und zudem für seine Berufsgruppe ein gewisses Primat am Set beansprucht.

Diese Entfremdung zeigte sich am deutlichsten just zur Gründung der Bundesvereinigung: Während der Berlinale 2007 stellte man den Zusammenschluss und das dreiköpfige Präsidium vor, zu dem auch der damalige BVR-Vorsitzende Eberhard Hauff zählte. Dessen Verband aber hielt zur selben Zeit an anderem Ort eine eigene Veranstaltung ab. So ähnlich ging es weiter, und schließlich meinte man, die eigenen Interessen besser im Alleingang erledigen zu können. Ob sich das bewahrheitet, sei mal dahingestellt.

Bei den Kameraleuten jedenfalls ist es umgekehrt: Als Grund für den Ausstieg nennt der BVK die „Enttäuschung über die mangelhafte Innen- und Außenkommunikation und die Tatenlosigkeit der Bundesvereinigung.“ Es gebe „fortgesetzte Unstimmigkeiten“ über die Ausrichtung und die Rolle des Dachverbandes. Der BVK wollte einen „selbstbewußten Auftritt des Dachverbands“ und „klare politische Forderungen“, fand dafür aber keine Mehrheit. So sieht es der BVK.

Es gibt freilich auch andere Filmschaffende, denen gerade das zu weit ging. Zu aggressiv seien die Kameraleute aufgetreten und hätten Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit anderen Organisationen gestört. Womit wohl vor allem die mit der Vereinigten Dienstleitungsgewerkschaft (Verdi) und ihrer Filmabteilung gemeint ist. Das Verhältnis zwischen beiden Organisationen ist ziemlich verspannt, seit der BVK sich vor gut zehn Jahren mit Verdi zusammengetan hatte, auch in der Hoffnung, durch die große Gewerkschaft in den anstehenden Tarifverhandlungen besser vertreten zu werden. Nicht viel länger hielt auch die Liaison – der BVK sah sich enttäuscht und machte Schluß. Andere Berufsverbände unter den Filmschaffenden pflegen offenbar weiterhin ein gutes Verhältnis zu Verdi und lassen sich von der Gewerkschaft als Tarifpartner vertreten.

Wer wem da nun was vorzuwerfen hat, muß man gar nicht beurteilen. Fest steht aber: Von dem, was die Bundesvereinigung eigentlich erreichen wollte, ist sie noch weit entfernt. Nicht weniger als die Erlangung der Tariffähigkeit hatten ihr die Filmschaffenden als Zweck und Aufgabe in die Satzung geschrieben. Doch wie soll das gehen, wenn man sich lieber von anderen vertreten lässt?

Dabei hatten Die Filmschaffenden durchaus tolle Ideen. Den „Hoffnungsschimmer“-Preis etwa, mit dem faire Produktionsbedingungen hervorgehoben werden. Oder die Meldestelle zur Tariftreue, die ein effektives System zu Kontrolle sein könnte, wenn sie zum einen weniger gut versteckt, zum anderen nur ausreichend genutzt würde. Denn dass es mit der Durchsetzung der Interessen noch hapert, liegt nicht allein an der Bundesvereinigung, sondern an sämtlichen Filmschaffenden der Branche.

Daher ist es gar nicht mal dramatisch, daß zwei der größten Berufsverbände der Branche ihrem eigenen Gemeinschaftswerk den Rücken gekehrt haben – es ist schlicht tragisch! Beim Bundesverband Kinematografie wenigstens bleibt vorerst noch ein Hoffnungsschimmer: Die Kündigung wird erst im Juni wirksam. Bis dahin kann sie zurückgenommen werden.

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Hoffnungsschummer

Auf die Knie, ihr Filmschaffenden – doch nur fürs Gruppenfoto. Während der Berlinale wurden wieder die fairsten Produktionsbedingungen in der Branche ausgezeichnet. | Foto © Die Filmschaffenden

Am Samstag voriger Woche gab’s in Berlin mal wieder einen „Hoffnungsschimmer“. Der eine oder andere erinnert sich: Das ist der Preis, mit dem 14 Berufsverbände der Branche Produktionen auszeichnen, die für vorbildliche Arbeitsbedingungen sorgten. Man wolle ja nicht immer nur meckern. Insofern ist der Preis eine feine Sache, erst Recht, weil er zum Auftakt der Berlinale verliehen wird und so ein schönes Gegenlicht zum üblichen Glitzerkram setzt. Dass ich erst eine Woche später dazu schreibe, liegt aber nicht daran, dass es auf dem Festival so viele Filme zu sehen gab oder zu viele Parties von Filmförderern zu feiern, die nur in Grenzen interessiert, wie ihr Geld verwendet wird. Sondern an der Wundermütze, die ich mir immer tiefer über den Kopf gezogen hatte, bis ich ein wenig sprachlos war – schon vor der Preisverleihung. Weiterlesen

Bisher war ich ja immer davon ausgegangen, dass erstens die Produktionsbedingungen im Filmland Deutschland zu oft suboptimal sind, zweitens die Filmschaffenden das eher weniger toll finden und drittens darum jeder Versuch, daran etwas zu ändern, begeistert aufgenommen werden müsste. Erst recht, wenn das eigene Engagement dafür keine Mühe und weniger als eine Minute Lebenszeit kostet. Denn wer den Preis erhält, darüber stimmen die Filmschaffenden selbst ab. Man könnte seine Zeit also auch wesentlich sinnloser verschwenden.

Doch irgendwie muss ich bei meiner Folgerung eine Abzweigung verpasst haben. Um möglichst viele Filmschaffende mitentscheiden zu lassen, arbeitet die Bundesvereinigung „Die Filmschaffenden“ für den Hoffnungsschimmer mit dem Branchennetzwerk Crew United zusammen. So wurden 13.000 Filmschaffende zur Abstimmung aufgerufen. Gerade mal 1.400 hatten sich beteiligt – nur knapp jeder Neunte.

Naja, das kann sich ja noch geben, schließlich gibt’s den Hoffnungsschimmer ja erst seit drei Jahren. Dachte ich und schaute, was ich voriges Jahr dazu geschrieben hatte. Und fühlte, wie mich auch die letzten guten Geister verließen. Weil es im vorigen Jahr genauso viele oder wenige waren, die mitmachten, also offenbar den meisten Beschäftigten in der Filmbranche die Arbeitsbedingungen, über die sie selbst immer wieder stöhnen, letztlich egal sind (übrigens sind allein in den 14 Berufsverbänden der Bundesvereinigung schon rund 4.000 Filmschaffende organisiert). Und deshalb kann man genauso gut einfach das hier noch mal lesen, und wer wissen will, wer dieses Jahr gelobt wurde, kann ja hier nachschauen. Auch wenn es eh keinen zu interessieren scheint. Wir gratulieren trotzdem.

Aber wie soll auch so ein Preis schon die Welt besser machen, mag man da einwenden, obwohl das Kino doch voll von Beispielen ist, was Solidarität und Gemeinsinn alles vermögen. Die Wirklichkeit übrigens auch.

Man könnte aber auch andersrum fragen: Was wäre, wenn keiner was tut? Zwar gerne mal meckert, aber es damit auch schon gut sein lässt. Huch – das hatten wir ja auch schon…

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Ein Interview mit der Deutschen Casting-Preis-Trägerin 2012: Daniela Tolkien (BVC)

Deutscher Casting-Preis-Trägerin 2012: Daniela Tolkien (BVC)

Deutscher Casting-Preis-Trägerin 2012: Daniela Tolkien (BVC) | © casting-network

Ganzes Interview bei casting-network lesen.

Wir sprachen mit der Gewinnerin des deutschen Casting-Preises über ihre Arbeit als Casting Director, aber auch mal ganz persönlich über sie als Mensch.

Was war für Sie Ihr wichtigster Film?
Mein wichtigster Film war eigentlich mein erster Film: „Vergiss Amerika” von Vanessa Jopp.

Welche Erinnerungen haben Sie noch an dieses erste Projekt, welches im Jahr 2000 erschien?
Gab es zum Beispiel einen Credit?

Ja! Es gab einen Credit im Vorspann. „Vergiss Amerika” war deshalb so wichtig, weil er so wahnsinnig viele Türen geöffnet hat: Der Film war toll geworden und hat für Vanessa quasi die Eintrittskarte in die Filmwelt bedeutet und somit für mich irgendwie auch. Die erste Arbeit gleich so hinzulegen, war wirklich gut und hat den restlichen Weg auch ziemlich erleichtert.

Bei Ihrer Dankesrede zum Casting-Preis sagten Sie, dass diese Auszeichnung Ihnen unheimlich gut tut.
Was genau hat der Preis bei Ihnen ausgelöst und wer hat Ihnen die freudige Botschaft überbracht?

Das stimmt und fing damit an, dass an einem Montagmorgen – um schätzungsweise zehn Uhr – ein Anruf kam:
„Hier Herr Disch von der Cologne Conference!“ Da habe ich schon gedacht: „Oh Gott! Das gibt’s ja nicht! Das kann doch nicht wahr sein?“ Dann hab ich sofort laut gejubelt, so dass mein Gesprächspartner später sagte: „Das war der lustigste Anruf, den er seit langem gemacht hat.“ Als er mir dann unheimlich viele Fakten mitteilte, hab ich ihn gebeten, dass er jetzt mal aufhören soll, weil ich sowieso nichts verstehe, von dem was er mir gerade sagt. Da war die Freude schon riesig! Ich war ehrlich überrascht darüber, dass der Preis mir so eine Freude bereitet, weil ich das Gefühl hatte, ich mache meine Arbeit und ich bekomme dafür auch meistens gutes Feedback, doch den Preis zu bekommen, hat sich dann doch nochmal ganz anders angefühlt: Eine offizielle Anerkennung für die Arbeit, die man sich macht: Wie Nahrung war das!

Der Preis war somit nochmal eine Bestätigung innerhalb der Branche aus dem Mikrokosmos heraus und somit eine Anerkennung des Makrokosmos?
Ja, so eine Preisverleihung, bei der man gleichzeitig mit so tollen Regisseuren wie Michael Winterbotton oder François Ozon ausgezeichnet wird, ist schon was Feines!

Ganzes Interview bei casting-network lesen.

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Buchvorstellung: Medienberufe und Steuern – Leitfaden für die Kultur- und Kreativbranche

Steuerlicher Leitfaden für Filmschaffende

Am heutigen Tag ist beim Verlag “Springer Gabler” das Buch “Medienberufe und Steuern – Leitfaden für die Kultur- und Kreativbranche” von den beiden Steuerberatern Rüdiger Schaar und Reinhard Knauft erschienen. Die beiden Autoren sind langjährig erfahrene Praktiker und haben sich auf die Beratung von Medienberufen spezialisiert. Zahlreiche Beispiele und Checklisten machen den kompakten Leitfaden besonders praxisnah. Ein wertvoller Ratgeber für Filmschaffende wie wir finden! Weiterlesen

Immer häufiger stehen Künstler und Medienschaffende vor scheinbar unlösbaren Problemen mit dem Finanzamt und vor diffizilen Fragen bezüglich der Künstlersozialkasse. Im Dschungel aus Gesetzen, Regelungen und Sonderausnahmen den Durchblick zu behalten, gelingt nur den Wenigsten.

Aufgrund der Vielfältigkeit in der Art und im Umfang der Berufsausübung werden schon die Fragen, ob steuerpflichtige Umsätze, abzugsfähige Werbungskosten oder Betriebsausgaben und steuerpflichtige Einkünfte vorliegen, zu einer Herausforderung. Das neue Buch der beiden Spezialisten verschafft einen Überblick über die Besonderheiten bei der Besteuerung von Medienberufen.

In der langjährigen Beratungstätigkeit stellte sich heraus, dass von Seiten der Künstler, aber auch von Seiten des Finanzamtes und insbesondere bei steuerlichen und sozialversicherungsrechtlichen Prüfungen immer wieder die gleichen Probleme angesprochen werden. Diese werden im Buch detailliert anhand der bisherigen, wenn auch zum Teil widersprüchlichen Rechtsprechung und anhand der Erfahrungen der Autoren dargelegt.

Im Einkommenssteuerrecht kommt es bei der Frage, ob Einkünfte aus nichtselbständiger bzw. selbständiger oder gewerbliche Tätigkeit vorliegen, häufig zu Abgrenzungsschwierigkeiten. Anhand von Beispielen wird die Abgrenzung im Detail erläutert. Weiterhin werden die typischen Betriebseinnahmen und Betriebsausgaben der Berufsgruppe betrachtet und die dazu ergangene Rechtsprechung dargestellt. Fragen zu pauschalen Betriebsausgaben oder Werbungskosten bis hin zu Fragen spezieller Steuervergünstigung werden ebenso beantwortet. Weitere Themen:

  • Bin ich selbständig oder abhängig beschäftigt?
  • GVL-Einnahmen richtig versteuern
  • Typische Betriebsausgaben von Filmschaffenden
  • Umsatzsteuerbefreiung bei Theatern und ähnlichen Einrichtungen
  • Welcher Umsatzsteuersatz ist anzuwenden?
  • Was ist die Künstlersozialkasse und kann ich Mitglied werden?

 

Medienberufe und Steuern: Leitfaden für die Kultur- und Kreativbranche (Taschenbuch)

Autoren: Rüdiger Schaar, Reinhard Knauft

Springer Gabler, 136 Seiten, Preis 29,95 Euro

ISBN-10: 3834941476

jetzt bei Amazon bestellen

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Ein ganzer Tag zum Thema Casting

EIN GANZER TAG ZUM THEMA CASTING

Zum Video-Beitrag auf casting-network.de

Mit dieser cn-klappe möchten wir einen kleinen Einblick von CAST IN AND FIND OUT 2012 und der Preisverleihung des Deutschen Casting-Preis an Daniela Tolkien (BVC) geben.
Nach der erfolgreichen Premiere im Jahr 2009 fand am Freitag, den 5. Oktober, im Rahmen der diesjährigen Cologne Conference zum vierten Mal das Casting-Event CAST IN AND FIND OUT an der internationalen filmschule köln (ifs) als Gastgeber in Kooperation mit casting-network statt. Weiterlesen

Insgesamt erreichten uns in diesem Jahr 440 Bewerbungen – nochmals eine deutliche Steigerung zum vergangenen Jahr, als sich 364 Schauspielerinnen und Schauspieler bewarben. Von den knapp 300 privaten Agenturen wollten sich mehr als die Hälfte diese Gelegenheit nicht entgehen lassen und schlugen 237 Klienten vor. Hinzu kamen noch 155 freie bzw. von der ZAV vertretene Schauspieler. Von diesen wurden aufgrund der Begrenzung von zwei Vorschlägen pro Agentur 40 Schauspielerinnen und Schauspieler ausgelost. Daraus ergab sich eine Auswahlliste von 277 Personen.

Die diesjährigen Casting Directors und weiteren Gäste waren:

Daniela Tolkien (Deutscher-Casting-Preisträger 2012 | BVC)
Cornelia von Braun (Casting Director | Vorstand BVC)
Susanne Ritter (Casting Director | BVC)
Kristin Diehle (Casting Director | BVC)
Marc Schötteldreier (Casting Director | BVC)
Iris Baumüller (Casting Director | BVC)
Annkathrin Heubner (Casting Director | BVC)
Gabriele Graf (Produzentin)
Sascha Mürl (Redaktionsberater Fiction RTL)
Selim Sevinc (Producer Zeitsprung Commercial)
Thomas Durchschlag (Regisseur)
Peter Thorwarth (Regisseur)

Diese hatten nun die Qual der Wahl und haben sich für folgende Schauspieler-Innen entschieden:

Ben Akkaya
Tina Amon Amonsen
Jules Armana
Marie-Luise Arriens
Nikolaus Barton
Isabel Berghout
Nadine Dubios
René Erler
Linda Foerster
Clara Gerst
Arne Gottschling
Katharina Hackhausen
Sebastian Husak
Anna Julia Kapfelsperger
Jens Kipper
Maximilian Klas
Maja Lehrer
Kristin Naefe
Robert Neumann
Stefan Preuth
Knud Riepen
Miriam Rixen
Ines Schiller
Sophie Charlotte Schirmer
Mirja Smejkal
Stephan Stock
Daniel Urban
Maria Weidner
Ryan Wichert
Luisa Wietzorek
Lea Willkowsky
David Winter
Andrea Wolf
Irina Wrona
Matthias Zera
Thomas Ziesch

Ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle noch mal für die vielen tollen Bewerbungen an alle Schauspieler und Agenten. Sollten Sie es dieses Jahr nicht geschafft haben, drücken wir Ihnen für das nächste Mal ganz fest die Daumen!

Zum Video-Beitrag auf casting-network.de

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Auslandsdreh – wie geht das mit der Steuer?

Die Einzelheiten zur Besteuerung ausländischer Einkünfte ist in Doppelbesteuerungsabkommen geregelt.


Da immer häufiger Anfragen bei uns eintreffen, wie die Versteuerung bei Auslanddrehs funktioniert, möchten wir dies einmal an einem Beispiel erklären. Eine allgemeine Aussage kann – wie so häufig im Steuerrecht – dabei allerdings nicht getroffen werden, da die Versteuerung von Doppelbesteuerungsabkommen (DBA) abhängig ist, welche Deutschland mit den verschiedenen Ländern getroffen hat. Und wer jetzt denkt, die Einnahmen sind in Deutschland steuerfrei und müssen in der deutschen Steuererklärung nicht gemeldet werden, sollte lieber auch noch einmal weiterlesen. So drohen hier unter Umständen Steuerstrafverfahren, da die entsprechenden Einnahmen nicht angegeben wurden. Weiterlesen

Da das Doppelbesteuerungsabkommen mit Österreich dem Muster-DBA entspricht, wollen wir nachfolgend die Besteuerung am Beispiel Österreich darlegen.

Nach dem in Deutschland geltenden Welteinkommensprinzip unterliegen sämtliche, weltweit erzielten Einkünfte von in Deutschland lebenden Steuerpflichtigen im Inland der Besteuerung. Damit sind grundsätzlich auch die Einkünfte, die ein Filmschaffender für die Tätigkeit in Österreich bezieht, in Deutschland steuerpflichtig (soweit es sich um Einkünfte aus einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis handelt wie z.B. von Schauspielern).

Darüber hinaus kommt es aufgrund der Beschäftigung in Österreich zu einer beschränkten Steuerpflicht in Österreich. Insoweit steht beiden Ländern ein Besteuerungsrecht zu. Um zu vermeiden, dass es tatsächlich zu einer doppelten Besteuerung kommt, wurde am 24.08.2000 ein Doppelbesteuerungsabkommen zwischen Deutschland und Österreich geschlossen.

Das Abkommen sieht in Art. 15 Abs. 1 dabei vor, dass der Staat, in dem die Tätigkeit ausgeübt wird – hier also Österreich -, das Besteuerungsrecht hat. Die Tatsache, dass Österreich das Besteuerungsrecht hat, bedeutet allerdings nicht, dass Deutschland grundsätzlich auf die Besteuerung nach dem Welteinkommensprinzip verzichtet. Deutschland stellt die Einkünfte von der Besteuerung frei – allerdings unter Anwendung des Progressionsvorbehalts. Dies bedeutet, dass diese Einkünfte in der Steuererklärung zu melden sind. Sie werden allerdings nicht wie die anderen steuerpflichtigen Einkünfte behandelt sondern führen zu einer Erhöhung des Steuersatzes. Insoweit kommt es indirekt doch zu einer Versteuerung in Deutschland.

Aber kein Steuergesetz ohne Ausnahmen! So ist zu beachten, dass gem. Art. 15 Abs. 2 DBA das alleinige Besteuerungsrecht beim Wohnsitzsstaat Deutschland verbleibt, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind:

  • Der in Deutschland lebende Steuerpflichtige hält sich nicht länger als 183 Tage im Kalenderjahr in Österreich auf und
  • das Gehalt für diese Tätigkeit wird nicht von einem österreichischen Arbeitgeber gezahlt und
  • das Gehalt wird nicht von einer österreichischen Betriebsstätte oder festen Einrichtung des Arbeitgebers getragen

Beispiel 1:

Die in Düsseldorf lebende Schauspielerin wird von einer österreichischen Produktionsgesellschaft engagiert. Die Dreharbeiten finden in den Monaten August bis September 2012 in Wien statt. Für den Dreh erhält sie 40.000 Euro. Im Jahr 2012 hat sie daneben in Deutschland steuerpflichtige Einkünfte i.H.v. EUR 30.000.

Aufgrund ihres Wohnsitzes in Deutschland ist die Schauspielerin in Deutschland unbeschränkt steuerpflichtig. Gem. des DBAs wird die Gage in Österreich versteuert, da sie von einer ausländischen Produktionsgesellschaft engagiert wurde. Die österreichische Produktionsgesellschaft hält im Rahmen der Lohnabrechnung 20 % Steuern, aufgrund der beschränkten Steuerpflicht, ein. Im Rahmen der deutschen Steuererklärung müssen die Einkünfte als “steuerfreier Arbeitslohn mit Progressionsvorbehalt” in der Anlage N der Einkommensteuererklärung gemeldet werden. Aufgrund des Progressionsvorbehalts kommt es sodann zu einer Erhöhung des Steuersatzes. Vergessen sollte die deutsche Schauspielerin die Einkünfte nicht in der Steuererklärung. So kann das Finanzamt in der Nichtmeldung schnell den Tatbestand der “Steuerhinterziehung” sehen, da unter Umständen hier hohe steuerliche Auswirkungen resultieren können, wie das Beispiel zeigt.

steuerpflichtige Einnahmen in Deutschland 30.000 Euro
Gage in Österreich 40.000 Euro
Steuerlast in Deutschland (mit erhöhtem Steuersatz) 8.000 Euro

Hätte die Schauspielerin die österreichischen Einkünfte nicht gemeldet, wäre es zu einer Steuerfestsetzung i.H.v. EUR 5.000,00 gekommen. Insoweit kommt es in Deutschland zu einer “indirekten Steuerfestsetzung” i.H.v. EUR 3.000 aufgrund des durch Progressionsvorbehaltes erhöhten Steuersatzes. In Österreich werden darüber hinaus Steuern i.H.v. EUR 8.000 einbehalten (20% von 40.000 Euro). Insgesamt resultiert aus den österreichischen Einkünften insoweit eine Steuerlast i.H.v. EUR 11.000.

Beispiel 2:

Die in Düsseldorf lebende Schauspielerin wird von einer deutschen Produktionsgesellschaft engagiert. Die Dreharbeiten finden in den Monaten August bis September 2012 in Wien statt.

Da sich die Schauspielerin nicht mehr als 183 Tage in Österreich aufhält, der Arbeitgeber eine deutsche Produktionsgesellschaft ist, die auch keine Niederlassung in Österreich unterhält, unterliegt die Gage ganz normal der Besteuerung in Deutschland und wird über die deutsche Lohnsteuerkarte abgerechnet. Die Einnahmen aus den Dreharbeiten in Österreich führen dabei zu einer Steuerbelastung von ca. EUR 15.000.

Völlig anders sieht der Sachverhalt bei selbständiger Tätigkeit und bei Lizenzeinnahmen aus. Die wichtigsten Regelungen hierzu haben wir auf www.medienvorsorge.de zusammengefasst.

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Interview mit Mariette Rissenbeek

Foto © German Films Service

Wir sprachen angesichts des bevorstehenden Toronto International Film Festival mit der Geschäftsführerin von German Films Service + Marketing sowie Mitglied des Vorstands bei European Film Promotion über ihre Tätigkeiten rund um den deutschen Film.

Link zum Interview!

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Deutscher Casting-Preis 2012: Wir gratulieren Daniela Tolkien (BVC)!

Casting-Preisträgerin 2012 Daniela Tolkien (BVC)

Casting-Preisträgerin 2012 Daniela Tolkien (BVC) | © Christian Hartmann

Im Rahmen der Cologne Conference wird in diesem Jahr als Casting Director Daniela Tolkien (BVC) mit dem Deutschen Casting-Preis 2012 ausgezeichnet. Seit 1997 (mit einer Pause zwischen 2004 und 2008) wird bei der Cologne Conference, dem Internationalen Fernseh- und Filmfest Köln, ein Preis für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Besetzungstätigkeit im Spielfilm verliehen. In Fachkreisen gilt dieser heute mit 10.000 Euro dotierte Preis als „Lola“ unter den Auszeichnungen für die Casting-Branche. Im Gegensatz zur Deutschen Filmakademie – die bedauerlicherweise keine Casting Directors in die Akademie aufnimmt – wird beim Deutschen Casting-Preis die kreative Leistung honoriert.
Weiterlesen

 

 

Die bisherigen Preisträgerinnen waren:

  • 1997 An Dorthe Braker (BVC)
  • 1998 Heta Manscheff (BVC)
  • 1999 Nessi Nesslauer
  • 2000 Anja Dihrberg (BVC)
  • 2001 Rita Serra-Roll
  • 2002 Simone Bär
  • 2003 Sabine Schroth (BVC)
  • 2004 Risa Kes
  • Pause
  • 2008 Franziska Aigner
  • 2009 Nina Haun (BVC)
  • 2010 Ulrike Müller (BVC)
  • 2011 Sophie Molitoris

Auffällig ist, dass bislang ausschließlich weibliche Kandidatinnen abgeräumt haben, was sicherlich auch mit der Verhältnismäßigkeit zu tun hat. So gibt es in Deutschland tatsächlich nur etwa 17 Prozent männliche Casting Directors. Sabine Schroth kommentierte das mal in einer Frauenzeitschrift: „Für Regisseure und Produzenten sind wir ein willkommenes Korrektiv ihres eigenen Geschmacks. Wir repräsentieren ganz nebenbei den weiblichen Teil des Publikums.“
Was nicht heißt, dass die männlichen Besetzungsprofis weniger einfühlsam wären oder keine frauenaffinen Filme vorbildlich besetzen könnten. Schließlich haben sich unter anderem Stephen Sikder (BVC), Marc Schötteldreier (BVC), Uwe Bünker (BVC), Clemens Erbach (BVC), Emrah Ertem oder Siegfried Wagner (BVC) auf ihrem Gebiet und mit langjähriger Erfahrung bereits einen Namen gemacht.
Die Jury-Entscheidung zum Casting-Preis wird jedenfalls demokratisch und anhand eingereichter aktueller Projekte gefällt. So wurde die vergangenen Jahre etwa Franziska Aigner für ihre Besetzung in „Die Welle“, Nina Haun für „Alle anderen”, „So glücklich war ich noch nie”, „Hilde” und Ulrike Müller unter anderem für „Die Fremde“ ausgezeichnet. Sophie Molitoris konnte im letzten Jahr mit dem Fernsehfilm „Neue Vahr Süd“ (Regie: Hermine Huntgeburth | Buch: Christian Zübert) überzeugen – schon der zehnte Film, bei dem sie mit der Regisseurin zusammengearbeitet hat.
Dieses Jahr setzte sich die Jury erneut zusammen aus Barbara Thielen (Leiterin Fiction/Serie RTL), Torsten C. Fischer (Regisseur), Ulrich Höcherl (Chefredakteur „Blickpunkt Film“), Martin Zimmermann (Produzent 20.15 Film- und Fernsehproduktion) und Dr. Martina Richter (Direktorin der Cologne Conference) und begründet ihre Entscheidung wie folgt:
„Daniela Tolkien, die im letzten Jahr mit überraschenden, eigenwilligen und gelungenen Entscheidungen Film- und Fernsehproduktionen wie „Wickie auf großer Fahrt“, „Offroad“, „Das Haus der Krokodile“ oder „Polizeiruf 110: Denn sie wissen nicht, was sie tun“ mitgestaltete, erhält dieses Jahr auf der Cologne Conference den Casting-Preis 2012.
Mit einem guten Gespür für vielversprechende Newcomer und einem originellen Blick auf die Rollenprofile etablierter Darsteller hat die Casterin mit eigener Schauspielerfahrung von der turbulenten Action-Komödie über das Familienabenteuer und die Krimireihe bis zur Live-Action-Verfilmung einer Animations-Kultserie immer wieder überraschende Besetzungen zusammengestellt.“

Daniela Tolkien ist Mitglied im Bundesverband Casting (BVC).
Das Preisgeld wurde dieses Jahr von der Senator Filmproduktion, action concept und Westside Filmproduktion gestiftet.
Es gab insgesamt 65 Filmeinreichungen, aus denen insgesamt 34 Casting Directors nominiert wurden.
Im Werkstattgespräch mit Daniela Tolkien gewährt der Casting Director aus München im MAKK Museum für Angewandte Kunst einen Einblick in die Herangehensweise an ihre Arbeit. 10.00 Uhr.
Die feierliche Preisverleihung findet am 5. Oktober abends im WDR Sendesaal statt und wird dann auch als cn-klappe demnächst zu sehen sein.
Weitere Informationen gibt es auch auf der Homepage der Cologne Conference.

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Trostlose Gunst

Was sollte das denn? Deutschlands größte Illustrierte hält sonst viel auf ihr journalistisches Niveau. Um die Situation der Schauspieler zu beschreiben, reichte es ihr aber offenbar, ein paar alte Pressemitteilungen vom Speicher zu holen. | Foto © Archiv

Der „Stern“ hat mit Michael Brandner gesprochen. Das ist der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands der Film- und Fernsehschauspieler. Dachte ich jedenfalls, ehe ich den Artikel in der heutigen Ausgabe der „faszinierenden und orientierenden deutschen Medienmarke“ zu Ende gelesen hatte. Ich habe deshalb vorsichtshalber noch mal nachgeschaut – doch, er ist es immer noch. Und als Vorstandsvorsitzender des „größten Interessenverbands der nationalen Film- und Fernsehindustrie“, der wiederum die Interessen von „mehr als 2.200 Mitgliedern“ vertritt, ist er natürlich der richtige Ansprechpartner, denn der „Stern“ blickt heute mal richtig schonungslos hinter die Kulissen und enthüllt schon im Titel, dass die Schauspielerei in Deutschland eine brotlose Kunst sei, weil Gagen, Arbeitsbedingungen und das ganze Drumherum einfach nicht mehr stimmen.

Das brauche ich in diesem Blog ja nicht mehr weiter zu erklären, und auch der „Stern“ ist ja nicht das erste Massenmedienorgan, das davon gehört hat. Und natürlich freut es mich, wenn ein Hochglanzbolide, der sonst auch nur vorm Roten Teppich bremst, mal durchs Tal der Ahnungslosen braust und seinen siebeneinhalb Millionen Lesern das richtige Leben erklärt. Das fand ich ja neulich auch schon bei anderen gut.

Nur hätte ich mir das wieder mal ein bisschen anders gewünscht, schließlich ist der „Stern“ nicht nur die populärste Illustrierte im Lande, sondern vergibt mit seinem Verlag auch alljährlich die renommierteste Auszeichnung für die besten journalistischen Arbeiten (die jüngeren Querelen lassen wir jetzt mal beiseite) und ist auch ziemlich stolz auf seine ebenfalls „renommierte“ Journalistenschule, die ihren Absolventen nach eigenen Angaben eine „umfassende Ausbildung“ und „weithin anerkannte Qualifikation“ sichere, durch die sie „in Spitzenpositionen deutscher Medien gelangt“ sind. Und dann sowas: Weiterlesen

Wer schon ein bisschen Ahnung vom Thema hat, erfährt rein. gar. nichts Neues. Das muss vielleicht auch nicht sein, der „Stern“ ist ja fürs breite Publikum, das Schauspieler sonst nur glücklich und strahlend auf Fotos vom Roten Teppich und Premierenpartys im „Stern“ sieht und sich sonst wenig für ihre tatsächlichen Nöte interessiert. Aber die Leidenschaftslosigkeit, mit der dieser Artikel anscheinend aus alten Pressemitteilungen zusammengeklöppelt wurde, lässt annehmen, dass die dem Autorenteam auch an der Heckklappe vorbeigehen, und die Zeitschrift hätte sich diesen halbherzigen Gunstbeweis darum ebensogut sparen können.

Das fängt mit dem Einstieg an: Kühe und Katzen verdienen beim Film mehr als ein Schauspieler. Zugegeben, ein sehr schöner Vergleich, den der BFFS da gefunden hatte, und er kann die Zustände ja auch nicht dauernd anders beschreiben. Bloß ist das Bild halt auch schon mehr als ein Jahr alt und oft zitiert worden. Belegt wird das mit dem Hinweis auf eine Studie der Universität Münster zur Situation der Schauspieler, freilich ohne den Hinweis, dass der BFFS selbst maßgeblich an der Studie beteiligt war – um nicht zu sagen, dahinter steckt.

Dazu gibt’s ein paar Fallbeispiele von betroffenen Schauspielern, eine sogar mit geändertem Namen, um den Betroffenen zu schützen, obwohl der sich an anderer Stelle da schon ganz offenherzig gezeigt hatte. Dazu kommt die Klage, dass die Sender nur die immer gleichen bekannten Gesichter ersetzen, weil die „Boulevardmedien“ sich für jeden Pickel interessieren, nur nicht in unbekannten Gesichtern,  wobei sich der „Stern“ aber nicht ins eigene Gesicht fasst.

Doch das Boulevard braucht auch ein Happy End, drum blickt der „Stern“ hoffnungsvoll in die Zukunft oder sonstwohin: „Ganz langsam regt sich Widerstand“, beobachtet die Illustrierte im letzten Absatz und berichtet, wie „150 Schauspieler Ende Juni beim Filmfest München“ den BFFS unterstützten, der zurzeit mit dem Produzentenverband um neue Tarife verhandele. Woraufhin ich mir endgültig die Wundermütze aufsetzte und nach Kalender und Stadtplan kramte: Nur „knappe vier Kilometer vom roten Teppich entfernt planschten sie aus Protest gegen die Arbeitsbedingungen im Stachus-Brunnen.“

Auf sowas kann auch nur kommen, wer sich mit seinem Boliden auf fremdem Terrain verfranst und ein Jahr lang durch die Gegend irrt. Für „Stern“-Leser und Absolventen renommierter Journalistenschulen noch mal im Klartext: Vom Roten Teppich am Gasteig sind es knappe zwei Kilometer bis zum Stachus. Und dort planschten die Schauspieler nicht in diesem Juni, sondern bereits vor einem Jahr, als der BFFS mit dem Produzentenverband um neue Tarife verhandelte.

Dabei hätte man, wenn einem wirklich etwas daran läge, ohne allzu viel Mühe mehr zum Thema erfahren können: Der Verlag Gruner und Jahr, in dem der „Stern“ erscheint, gehört zur Bertelsmann-Gruppe. Wie auch die Sender der RTL-Gruppe und Produktionsfirmen wie Ufa und Teamworx. Und mit denen haben die Filmschaffenden auch ihre Erfahrungen.

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Irgendwas mit Medien

Außen hui, doch innen fehlt’s an vielem. Die Hochschule für Fernsehen und Film in München braucht ein neues Konzept. | Foto © HFF

Es rumort an der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) München, berichtete vorige Woche die „Abendzeitung“. Die älteste Filmschule der alten Bundesrepublik hat zwar im vorigen Herbst einen imposanten und teuren Neubau bezogen, doch die Studenten sind offenbar unzufrieden damit, wie das Gebäude gefüllt wird. Das hatten sie zwar schon im April geäußert und es wird schon länger eifrig diskutiert, aber wir freuen uns natürlich, wenn auch sich auch außerhalb der Fachwelt mal jemand damit beschäftigt. Und immerhin hat man dem Thema eine ganze Seite im Kulturteil eingeräumt, obwohl es für eine Boulevardzeitung doch eher exotisch ist, und die „Abendzeitung“ (wie viele andere) auf ihren Filmseiten im Zweifelsfall auch lieber Tratsch aus Übersee wiedergibt als über einen deutschen Filmschaffenden zu berichten, solange der nicht in Hollywood auf dem Roten Teppich steht.

Adrian Prechtl, Film- und Kulturredakteur bei der „Abendzeitung“ trägt in seinem Artikel auch etliche Fakten zusammen, leider vermischen sich dabei mehrere Sichtweisen und Diskussionen, innere, äußere und allgemeine, während die grundlegende Frage nicht gestellt wird – obwohl er seinen Kommentar genau an diesem Punkt beginnt: Da investiert man 100 Millionen Euro in ein neues Unterrichtsgebäude, hat aber zu wenig Geld für die Lehre selbst. Die Frage liegt auf der Hand, wird aber eben nicht gestellt, weil alles andere ja schon aufregend genug ist. Weshalb man, um zur eigentlichen Frage zu kommen, das Ganze erst mal sortieren und die Diskussionsfäden auseinander dröseln sollte. Denn ja, die HFF hat Probleme, aber manche sind nicht so dramatisch, wie es dargestellt wird, mancher Vorwurf geht an der Sache vorbei, und einiges ist richtig schlimm. Weiterlesen

Das ist zunächst einmal die Sicht von außen: Die HFF war einst „beste Filmhochschule in Deutschland – vielleicht sogar in Europa“, meint Constantin-Chef Martin Moszkowicz, sei inzwischen aber von anderen Ausbildungsstätten im Land überholt worden. Das sind gleich zwei Behauptungen, mit denen eine größtmögliche Fallhöhe konstruiert wird, was als Argument natürlich beeindruckt, aber ziemlich dünn ist, wie das „vielleicht“ andeutet: Tolle Hochschulen hatten und haben auch andere Länder in Europa“, etwa die Fémis in Paris, die Famu in Prag, die Hochschule in Lodz – und nicht zuletzt die HFF in Potsdam (heute „Konrad Wolf“) – was auch den ersten Superlativ der „besten Filmhochschule in Deutschland“ zur Diskussion stellt. Sollte damit aber nur die alte Bundesrepublik gemeint sein, ist die einstige Größe wohl eher die eines Scheinriesen, denn da gab es ja lange nur die eine Filmhochschule – jedenfalls, was den Spielfilm angeht (die schon 1966, ein Jahr früher, gegründete DFFB, konzentrierte sich vornehmlich  auf den Dokumentarfilm, das Ulmer Institut für Filmgestaltung verlagerte sich nach der Schließung der Hochschule für Gestaltung 1968 von der praktischen Ausbildung auf theoretische Themen) und jedenfalls zu der Zeit, aus der die „Abendzeitung“ die berühmten Namen von HFF-Absolventen anführt, um die vermeintliche frühere Pracht zu belegen: Bernd Eichinger, Wim Wenders, Roland Emmerich, Doris Dörrie, Uli Edel und all die anderen hatten gar keine andere Wahl im Land. Wenn München heute nicht mehr das Zentrum der Ausbildung ist, liegt das einfach auch daran, dass inzwischen mehrere öffentliche Hochschulen der Filmkunst verschrieben haben, dazu etliche weitere Ausbildungsstätten entsprechende Studiengänge anbieten.

Und dann sind es inzwischen auch schon bald vier Jahrzehnte, dass die Größen ihren Abschluss machten. Den vermeintlichen Niedergang der HFF hätte man also schon vor 30 Jahren feststellen können. Oder vor 20. Oder 10. Oder man könnte einfach jüngere Absolventen aufzählen, die auch schöne und erfolgreiche Filme machen. Was die „Abendzeitung“ auch tut, aber trotzdem bei ihrem Argument bleibt.

Weiterer Beleg für den Niedergang, in der gedruckten Ausgabe zu lesen, aber nicht in der Online-Version: Selbst renommierte Preise gingen nicht mehr nach München. Stimmt schon: der letzte „Oscar“ für einen HFF-Absolventen ist auch schon wieder fünf Jahre her, aber sonst stellen sich die Münchner Studenten auch nicht ungeschickter an als die anderen, wie ein schneller Klick auf die Website zeigt.

Wie gut oder schlecht die HFF im Vergleich ist, kann man daraus nicht lesen. Dafür bräuchte es schon ein richtiges Ranking. Das hatte es tatsächlich auch schon mal gegeben: 2006 hatte der „Focus“, der sich von jeher für den faktenreichen und hastigen Überblick einsetzt, bundesweit die gestalterischen Studiengänge deutscher Hochschulen untersuchen lassen. Auf Platz eins der Hitparade landete die Filmakademie Baden-Württemberg mit 78 von 100 möglichen Punkten, gefolgt von der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB), der Internationalen Filmschule Köln (IFS) und der Kölner Kunsthochschule für Medien mit jeweils 76 Punkten. Die HFF „Konrad Wolf“ in Potsdam erhielt 67 Punkte. Von den staatlichen Filmhochschulen landete lediglich die HFF München im „Mittelfeld” ohne Punktangabe. Die Hamburger Mediaschool, in der das Filmstudium der Universität aufging, ist in der Rangliste gar nicht zu finden. Dem Ranking des Focus und des Art Directors Clubs wurden später schwere methodische Fehler vorgeworfen, ist in der Wikipedia zu lesen, die sich da auf Peter C. Slanskys Überblick der deutschen Filmhochschulen beruft, der allerdings selbst Professor an der HFF ist.

Fragwürdig ist das Ranking dennoch, denn die nötige Fachkompetenz suchte der „Focus“ nicht direkt in der Filmbranche, sondern erarbeitete Methodik und Vorgehen mit dem Art Directors Club für Deutschland (ADC). Der ist zwar in kreativen Dingen äußert bewandert, hat seine professionellen Berührungspunkte mit der Bewegtbildbranche lediglich im Werbefilm, wo die Filmakademie gut aufgestellt ist. Was der ADC schon drei Jahre zuvor mit einem eigenen Preis festgestellt hatte.

Untersucht wurden zum Beispiel Image der Hochschule, Betreuungssituation der Studierenden, die Zahl gewonnener Preise und die technische Ausstattung. Für letzteres verließ man sich auf die Eigenangabe der Hochschulen. Unter den 18 Preisen, die als bewertungsrelevant angesehen wurden, fand sich kein einziger der gängigen Nachwuchspreise der Filmwelt (es sei denn, mit dem „Bayerischen Nachwuchspreis“ wären die Nachwuchspreise beim „Bayerischen Filmpreis“ und mit dem „Kodak-Nachwuchspreis“ der „Eastman Förderpreis“ gemeint). Nicht einmal der „Studenten-Oscar“ spielte eine Rolle. Den hatten München und Hamburg beide zweimal gewonnen– öfter als die anderen Hochschulen.

 *

Mehr anfangen kann man da mit Kritik aus der Branche selbst, in der „Abendzeitung“ unter anderem vorgetragen von Martin Moszkowicz und Christian Becker, dem Chef der Produktionsfirma Rat Pack, die wiederum eine Tochter von Moszkowicz’ Constantin ist: die Ausbildung laufe an der Wirklichkeit vorbei. Die HFF produziere Autorenfilmer, der Markt brauche aber Teamplayer. Und Genrefilme statt Sozialdramen.

Damit liegen sie sicherlich nicht falsch. Mit dem jungen deutschen Film, „dem ganzen Abiturs-Quatsch, der hier gedreht wird“, hat ja auch ein ganz anderer Probleme: Klaus Lemke, der immer mehr aussieht wie Keith Richards, aber zum Glück weiter redet wie Klaus Lemke. Denn was er im Klartext über (übrigens alle) Filmhochschulen zu sagen hat, muss einem nicht gefallen, kann man aber in der ständigen Schulterklopferei öffentlicher Filmfunktionäre vielleicht auch mal ganz gut brauchen: „Es geht immer um Riesenbedeutung. Irgendwelche 28jährigen machen sich Gedanken über Liebe, Tod und Ehe, und haben nichts erlebt außer die Filmhochschule. Und auf der Filmhochschule haben sie nur gelernt, wie man eine Kamera bewegt. Es geht aber darum, wie man das Publikum bewegt.“ (Wer’s komplett hören mag: hier ab Minute 16:08).

Trotzdem: Es ist nicht die Aufgabe einer Hochschule, die aktuellen Bedürfnisse eines Marktes zu bedienen, sondern ihren Studenten grundlegendes Wissen und Handwerk zu vermitteln, mit dem sie das später selber tun können, wenn sie wollen. Wenn Geschichtsstudenten die Getreidepreise im Augsburg der Frührenaissance diskutieren, statt zu lernene, wie man knackige Bildunterschriften für „Geo Epoche“ formuliert, oder angehende Mediziner ihren 23. Frosch lebendig sezieren (tun sie doch noch, oder?), statt endlich den Krebs zu besiegen, sagt ja auch keiner was.  Und wenn Nachwuchsfilmemacher sich bis zum Abschluss lieber an wichtigen Dramen um einbeinige Alleinerziehende in Plattenbautensiedlungen kurz vor der Uckermark  versuchen und eher Luis Buñuel als Michael Bay hinterhereifern wollen, ist das auch in Ordnung. Der Markt regelt die Träume noch früh genug. Auch Wim Wenders hatte mit Publikumswirkung wenig im Sinn, Dominik Graf haftet nicht gerade der Ruf des großen Teamplayers an, und bei Doris Dörrie bin ich immer noch auf den ersten Genrefilm gespannt. Kann ja alles noch kommen – auch Christian Beckers Rat Pack hat trotz seines HFF-Abschlusses reihenweise Genre-Erfolge zu verzeichnen.

 *

Was nicht heißt, die HFF hätte keine Probleme – das Gegenteil zeigen die Klagen aus der Hochschule selbst, die einen merkwürdigen Kontrast zum teuren Prestigebau bilden. Rund 38,5 Millionen Euro soll allein der Neubau laut einem Bericht der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ gekostet haben,von 100 Millionen Euro, die das Bundesland insgesamt investierte, schreibt die „Abendzeitung“. Doch schon vor drei Jahren, als der Umzug schon fest im Terminkalender stand, hatten die Studenten erstmals protestiert, weil der Aufbaustudiengang Szenenbild abgewickelt werden sollte. „Budgetgrenzen“ nannte die Vizepräsidentin der HFF Michaela Krützen, damals in „cinearte“ 191 als Grund. Die Filmschule wollte mit dem Umzug auch ihr Lehrangebot neu strukturieren, Drehbuch und Kamera sollten eigenständige Abteilungen werden und endlich entsprechend ausgestattet werden. „Letztlich mussten wir uns entscheiden”, meinte Krützen. München verzichtete aufs Szenenbild und setzt seine Schwerpunkte nun auf Produktion, Regie, Drehbuch und Kamera – wie die anderen deutschen Hochschulen auch. Szenenbildner werden inzwischen nur noch in Babelsberg und Ludwigsburg ausgebildet.

Doch wozu der Umzug? „Wir kommen in einen schmucken Neubau, wissen aber nicht, ob wir noch in der Lage sind, Filme zu machen”, brachte es damals schon ein Dozent auf den Punkt. Nun erstreckt sich nun die neue HFF imposant mitten im Münchner Museumsareal und ist selbst mehr Museum als Hochschule. Das fängt mit Kleinigkeiten an: Weil der Architekt Urheberrechte an seinem Kunstwerk hat und strenge Brandschutzbedingungen gelten, durften zuerst keine Plakate und Flugblätter im Foyer aufgehängt werden, mit denen die Studenten auf ihre aktuellen Projekte aufmerksam machen könnten. Der Empfang von Mobiltelefonen sei im Gebäude stark eingeschränkt, klagt ein Student. Inzwischen sollen brandschutzgerechte Pinwände montiert werden.

Gravierender wird es bei der technischen Ausstattung, die erweitert und auf den neuesten Stand gebracht wurde. Neue Suiten wurden für die Postproduktion eingerichtet, doch für die Ausbildung muss sich eine Mitarbeiterin erstmal selber im Color Grading weiterbilden. Statt der zwei Studios am alten Standort gibt es nun vier – aber weiterhin nur einen Studiotechniker, der dafür zuständig ist. Zwar wurde eine neue Stelle für die Technik in den Seminarräumen geschaffen, die auch im Studio aushelfen soll, doch das sei „ein Tropfen auf den heißen Stein”, kommentiert man das im Umfeld der Hochschule und vermutet, es sei schlichtweg versäumt worden, die nötigen Stellen zu beantragen. Der gesamte Mittelbau des Lehrkörpers sei „chronisch unterbesetzt”. Dass viele der Stellen ohnehin befristet sind, schaffe „prekäre Arbeitsverhältnisse”. Die Folge: „Wir haben ein technisch aufgeblasenes Monstrum, das nicht richtig benutzt werden kann.”

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Wozu also das Ganze? Sicherlich muss man das Bauprojekt vor dem Hintergrund des Wettstreits zwischen den deutschen Medienstandorten sehen. Jahrzehntelang war München beim Film die unangefochtene erste Adresse. Zu lange hatte man sich auf den Vorsprung verlassen – inzwischen haben Nordrhein-Westfalen und Berlin-Brandenburg größere Fördertöpfe, internationale Großproduktionen werden mit bundesstaatlicher Hilfe nach Babelsberg gelockt, Berlin gilt als das kreative Zentrum der jungen Filmszene.

Wenn Bayerns Filmförderung jetzt sechs Millionen Euro mehr bekommen soll, um in den nächsten beiden Jahren mit einem Sonderprogramm den Standort „noch attraktiver für internationale Filmkoproduktionen zu machen“, spricht das für sich.

Aus Sicht der Politik macht sich auch ein teurer Neubau gut, wenn man sich als Medienstandort beweisen will – auch wenn das völlig an den praktischen Bedürfnissen vorbeigeht. Dass monumentale Utopien mehr faszinieren als kleine bewährte Schritte ist ja nicht nur beim Film so.

Vielleicht wäre es für die HFF ja besser gewesen, im abgenutzten Fabrikgebäude zu bleiben und die 38,5 Millionen stattdessen direkt in die Ausbildung zu stecken.

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Filmsubventionspolitik

Filmförderer freuen sich über Kinoerfolge, denn dann kommen die großen Schecks zurück. Womit sich Erfolgsproduzenten gleich für die nächste Subventionsrunde empfehlen. | Foto © Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein

Vielleicht mag man sich das ja mal vorstellen: Von heute auf morgen stellten sämtliche Filmförderer des Landes ihre Arbeit ein. Gedreht wird nur noch, was Geld bringt oder Spaß macht. Hier der Mainstream, der sich aber gefälligst selbst finanzieren soll. Dort das Kunstkino, für das ambitionierte Filmemacher am Rande des Existenzminimums  drehen, aber dennoch irgendwie glücklich sind, weil sie wenigstens wahre Werte schaffen. Und irgendwie vielleicht neue Modelle finden, ihre Arbeit zu finanzieren.

Vielleicht stellt man sich das besser nicht vor. Denn fest steht: Ohne die öffentlichen Subventionen von Bund und Ländern dreht sich kaum etwas im Filmland. 374 Filme sind allein im Jahr 2010 gefördert worden – mit insgesamt mehr als 273 Millionen Euro. Weiterlesen

Grundlage für die Verteilung ist das Filmfördergesetz, das alle fünf Jahre auf einen neuen Stand gebracht wird. Die nächste Anpassung steht für das Jahr 2014 an. Unter anderem wird dann wieder neu festgelegt, welcher Verwerter (Fernsehsender etwa und Kinobetriebe) wie viel in die Fördertöpfe zahlen muß oder nach welchen Kriterien die Mittel dann verteilt werden. Es geht ums Geld, kein Wunder also, wenn bereits wieder um die Verteilung diskutiert wird.

Gelegenheit dazu boten Ende April auch das Erich-Pommer-Institut (EPI) und die Kanzlei Unverzagt von Have. Der gemeinsamen Diskussionsveranstaltung, auf der Vorschläge für die Novellierung gemacht wurden, schob das Instituts, das zur Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg gehört, nun reichlich Daten nach und vollzieht anhand des Jahres 2010 eine Bestandsaufnahme der Filmförderung in Deutschland.

Solche Daten liefern zwar auch regelmäßig die einzelnen Förderer selbst, neu sei aber, daß nun auch von unabhängiger Seite und für alle Institutionen zusammen „belastbare Zahlen“ vorliegen, schreiben Lothar Mikos, der Geschäftsführende Direktor des EPI, und seine Autoren Anna Tasja Flügel und Anna Jakisch. Ziel der Studie sei, „die Strukturen der Filmförderung im Zusammenhang von Bundes- und Länderförderungen ebenso offen zu legen wie die Konzentration der Förderung auf einzelne Projekte beziehungsweise auf einige Produktionsfirmen.“ Also: wem nutzt die Förderung?

Nutzen sollte sie dem anderen, dem jungen, frischen deutschen Kino, mit dem ambitionierte Filmemacher dem Mainstream entgegentraten. So war das jedenfalls  1965 gedacht, als mit dem Kuratorium junger deutscher Film die öffentliche Filmförderung im Lande startete. Mit den ersten sechs Spielfilmen, die hier finanziert wurden, begann der Erfolg des „Autorenfilms“, dessen Regisseure ihre Drehbücher auch selber schrieben, so bleib es erst auch, als 1968 das erste Filmförderungsgesetz (FFG) in Kraft trat, für das die Filmförderungsanstalt (FFA) in Berlin gegründet wurde. Regional gab es ähnliche Entsprechungen, wo sich Filmenthusiasten zusammenschlossen, um auch praktisch etwas fürs neue Kino zu tun. Mitunter gab es sogar öffentliches Geld für die Werkstätten, Filmbüros oder „kulturellen Filmstiftungen“. Freilich mussten sich die auch kritisieren lassen – zu abgehoben und am Publikum vorbei werde da produziert. Und das mit öffentlichen Mitteln!

Als die Länder die Filmbranche in den 1990er Jahren als Wirtschafts- und Standortfaktor entdeckten und eigene Förderinstitutionen gründeten, die sie vergleichsweise üppiger ausstatteten, gingen sie die Sache anders an. Gefördert wird natürlich schon dem Namen nach, aber es geht auch um Erfolge. Gemessen in Besucherzahlen und Einspielergebnissen, wenigstens aber in Preisen – möglichst international. Die Jahresberichte legen davon regelmäßig Zeugnis ab. Und vor allem geht es um Standorteffekte: Jeder Euro Förderung soll möglichst mehrfach vor Ort ausgegeben werden. Auch die FFA stellt auf ihrer Website inzwischen klar, was sie will, nämlich „die gesamtwirtschaftlichen Belange der Filmwirtschaft in Deutschland zu unterstützen.“ Das Kuratorium und die anderen frühen Institutionen, wo es sie noch gibt, pflegen ihren kulturellen Idealismus heute mit schmalen Budgets im Schatten der großen Standortsubventionsmaschinen.

Immerhin: Bei 374 Filmen wird das Geld doch breit gestreut – da haben doch auch die kleinen, ambitionierten Projekte etwas davon. Könnte man annehmen, doch die EPI-Studie dämpft den Optimismus: Deutlich werde, „daß sich die Förderung auf einige große Produktionsfirmen konzentriert“, so eine der Erkenntnisse für 2010 (und es gibt keinen Anlaß zur Vermutung, in anderen Jahren könnte es anders sein). Ganz vorne auf der Förderliste stehen die Constantin mit 10.983.944 Euro Förderung, gefolgt von Ufa Cinema (10.526.401 Euro) und Bavaria Pictures (9.059.993 Euro). Nimmt man noch deren Tochter- und Schwesterfirmen und weitere Verflechtungen hinzu, die rund zwölf Millionen Euro einstrichen, verdichtet sich das Ganze noch weiter: Ein Siebtel des Geldes, das 2010 öffentlich verteilt wurde, sackten allein die drei Großen ein.

Auf den folgenden Rängen sieht es nicht viel anders aus. Wer regelmäßig die Fördermeldungen verfolgt, begegnet immer wieder den gleichen Namen, die meisten bekannt, einige groß, manche auch international ein Begriff, und alle mit einer Gemeinsamkeit: Offenbar brauchen sie Subventionen, um Filme machen zu können. Wer einmal Erfolg hatte, kommt auch leichter wieder an frisches Geld.

Das betrifft nicht nur Firmen, wie ein zweites Ergebnis der Studie zutage bringt: Der Standort Berlin profitiert am meisten von der Förderung. Auch das hatte man angesichts der Fördermeldungen in den vergangenen Jahren ahnen können. Allein der Deutsche Filmförderfonds, vor fünf Jahren gestartet und mit 60 Millionen Euro jährlich der größte Produktionstopf, vergibt regelmäßig einen beträchtlichen Teil seines Budgets an Großproduktionen, die in den Babelsberger Studios produziert werden.

Wo das nicht heimische Produktionen mit internationalen Partnern sind, geht man den umgekehrten Weg und gründet eigene Produktionsgesellschaften für die Projekte, die ja sonst nicht an die Förderung kämen. Der Einfachheit halber werden die durchnumeriert: 2010 waren die „Sechzehnte“ und die „Vierzehnte Babelsberg Film“ unter den Förderlingen – Gesamtsumme: mehr als 6,4 Millionen Euro. Auf diesen Betrag kommt jedenfalls das EPI. Schaut man auf die Jahresaufstellung des DFFF selbst, waren es (ohne die beiden Sonderzahlungen) „nur“ 4,7 Millionen. Womit immer noch fast acht Prozent des DFFF-Jahresbudgets an zwei Filme gingen. Die restlichen Millionen teilten sich 112 Produktionen. 2009 war das noch deutlicher. Da erhielten sechs Projekte, an denen diverse durchnummerierte Babelsberger als Produzent und/oder Koproduzent fungierten, mehr als 21 Millionen Euro vom DFFF. Die übrigen zwei Drittel blieben für 98 weitere Filme. Anders gesagt: 398.000 Euro erhielt jeder dieser Filme im Durchschnitt – die Filme der Babelsberger zehn Mal so viel!

Zu Subvention des Traditionsstudios kommen etliche weitere „freie“ Produktionen in und um Berlin und Babelsberg.  „Die Studie hat deutlich gezeigt, daß es einen ,Hauptstadteffekt‘ in der Filmförderung gibt“, heißt es in der EPI-Studie. „Das zeigt sich nicht nur daran, daß es besonders häufig ein Zusammenspiel in der Förderung einzelner Filmprojekte von FFA, DFFF [Deutscher Filmförderfonds] und Medienboard Berlin-Brandenburg gibt, sondern daß Berlin auch bei der Anzahl der geförderten Projekte, die an Produktionsfirmen mit Sitz in Berlin gingen, deutlich vorne liegt.“

Doch auch andere Länder basteln fleißig an ihren Medienstandorten. Noch lange nach der Wiedervereinigung hatte Bayern seinen Status aus der alten Bundesrepublik behaupten können. München war mit Abstand der führende Standort der Film- und Fernsehbranche. Seit der Jahrtausendwende verschieben sich die Gewichte. Neben dem Großraum Berlin, der auch mit gesamtstaatlicher Hilfe wieder an den „Mythos Babelsberg“ anknüpfen will, hat besonders Nordrhein-Westfalen investiert. Mehr als die Hälfte der Fördermittel, 140,8 Millionen Euro, verteilten 2010 die Länder – angeführt von der Film- und Medienstiftung NRW mit 32 Millionen. Es folgen Bayern und Berlin-Brandenburg.

Mehrfachförderungen sind keine Ausnahme, was zur Folge hat, daß Produktionen quer durch die Republik ziehen – schließlich erwarten die Förderer für ihre Unterstützung „Standorteffekte“: Das Geld muß im jeweiligen Land ausgegeben werden. Freilich nicht immer, stellt das EPI klar, und das ist wohl die überraschendste Erkenntnis aus der Studie: „Im Jahr 2010 haben 137 von 374 geförderten Filmen auch Förderzusagen erhalten, die nicht aus dem eigenen zuständigen Bundesland bzw. Einzugsgebiet oder aus dem Topf einer Bundesförderung stammten.“ Mehr als ein Drittel. Und: „Immerhin 84 Filme (22,4 Prozent) sind ausschließlich ,fremdfinanziert‘.“

Bei der Art der Förderung halten es die Institutionen durchweg simpel. Gezahlt wird in erster Linie für die Dreharbeiten: 70,7 Prozent der Mittel flossen 2010 in die Produktionsförderung. Der Rest wurde „zum Beispiel auf die Drehbuchentwicklung, die Produktionsvorbereitung, die Postproduktion, den Verleih und den Vertrieb verteilt.“

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cn-klappe: BVC: Casting zwischen Kunst und Quote

BVC Panel 2012 – © casting-network

Eine Podiumsdiskussion des Bundesverband Casting (BVC) im Rahmen des Filmfest München 2012

Es diskutierten:

Thomas von Hennet (Vizepräsident und Co-Produzent, ProSiebenSat.1)

Charlotte Siebenrock (Casting Director, BVC)

Markus Zimmer (Geschäftsführer Concorde Filmverleih)

Heidi Ulmke (Produzentin, FFP New Media GmbH)

Marc Schötteldreier (Casting Director, BVC)

Die Moderation:

Stephen Sikder (Casting Director, Vorstand BVC)

Zum Video-Beitrag auf www.casting-network.de

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Impressionen beim Filmfest München: BVC – Casting Night

Gastgeber des Abends: Bundesverband Casting Directors | © Foto: Michael Malfer


Der Bundesverband Casting (BVC) veranstaltete zusammen mit dem französischen Automobilhersteller Peugeot die 4. „Casting Night“ im Rahmen des Filmfestes München.

Zu diesem Branchentreff für Filmschaffende versammelten sich ca. 1.300 Gäste im HVB Forum der Hypovereinsbank. Neben namhaften Schauspielern wie Elyas M’Barek, Mišel Matičević, Lisa Wagner, Julia Koschitz, Maximilian Brückner, Uschi Glas oder Janine Reinhardt waren auch zahlreiche Produzenten, Regisseure und Redakteure wie Stephan Wagner (“Lösegeld”, “Tatort”), Roland Suso Richter (“Mogadischu”), Thorsten Ritsch (Redaktion ZDF), Torsten Lenkeit (Bavaria; Producer SOKO Stuttgart), Thomas Biehl (Redaktion ProSiebenSat.1) unter den Gästen. Weiterlesen

Schauspielerin "Eva Mattes" (SWR-Tatort Komissarin Bodensee) in der Schlange zur Begrüßung der Casting Directors | © Harry Bannoehr

Pünktlich ab 19.30 standen die Besucher in einer langen Schlange vor dem Gebäude. Obwohl die freundlichen Einlass-Damen in der Anzahl und  Organisation immer gut aufgestellt sind, kam es zum gewohnten Stau: Denn traditionellerweise stehen die Casting Directors immer der Reihe nach am Eingang und begrüßen jeden einzelnen Gast persönlich mit Handschlag. Eine sehr feine und respektvolle Geste der Gastgeber, die sich dafür innerhalb der ersten 1-2 Stunden geduldig und stimmungsvoll die Zeit nehmen. So wird die Verzögerung beim Einlass auch von den Besuchern entspannt und gut gelaunt hingenommen. Aus der Casting-Abteilung waren Charlotte Siebenrock, Dorothee Weyers, Stefany Pohlmann, Iris Baumüller, Cormelia von Braun, Ines Rahn, Marc Schötteldreier, Stephen Sikder, Kristin Diehle, Ursula Danger (ndf), Fritz Fleischhaker, An Dorthe Braker, Susanne Ritter, Daniela Tolkien, Siegfrid Wagner, Sabine Schroth, Lisa Olah, Manolya Mutlu, Gitta Uhlig und Annekathrin Heubner vertreten.

Casting Director An Dorthe Braker bei der Begrüßung mit Schauspielerin Nicole Unger | © Harry Bannoehr

v.l.: Casting Director Iris Baumüller und Thomas Biehl (ProSiebenSat.1) | © Harry Bannoehr

Die Geladenen verteilten sich dann im weitläufigen Gebäude im großen Saal oder der Galerie im oberen Geschoss. Die Atmosphäre lud ein zum Kennenlernen, Wiedersehen, Unterhalten, Amüsieren und natürlich Essen und Trinken. Lange Tischreihen zogen sich durch den großen Saal und es gab mehrere Getränkestände. Hier zählte die Havana Club Bar zum begehrtesten Hot Spot. Die Cuba libre wurden ab 23 Uhr nur noch in 12er Gruppen gleichzeitig gemischt, um der Nachfrage stand zu halten. Etwas schade nur, dass es keinen Dj oder eine Tanzgelegenheit gab. So gingen die Lichter bereits gegen 1 Uhr an. Das strenge bayerische Rauchverbot verführte zudem viele Gäste,  des Öfteren vor dem Gebäude zu verweilen.

Casting Director und BVC Vorstand Stephen Sikder mit Elmira Rafizadeh | © Harry Bannoehr

Foyer im HVB Forum der Hypovereinsbank | © Harry Bannoehr

Perfektes Ambiente bot im Hinblick auf alle Kategorien zuletzt die BVC-Casting Night im Rahmen der Berlinale 2011. Raucherlounge/Terasse, Dj, Tanzfläche und geöffnete Bars bis ca 4 oder 5 Uhr sorgten hier für ausgelassene Stimmung bis in die frühen Stunden.

Wir danken dem BVC, den Sponsoren & Veranstaltern auch diesmal für eine rauschende unterhaltsame BVC – Casting Night 2012 im Rahmen vom Filmfest München.

Infos über die Aktivitäten vom Bundesverband Casting e.V. hier! 

Weitere Bilder des Abends bei redcarpetreports!

Ein Zusammenschnitt der BVC-Podiums-Diskussion vom selben Vormittag zum Thema “Kunst und Quote” wird demnächst in der cn-klappe von casting-network zu sehen sein!

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Impressionen beim Filmfest München: Bavaria Empfang

Die jüngsten ARD Reporter Basti & Lara interviewen Tatort Komissarin "Ulrike Folkerts" auf der Terasse beim Bavaria Empfang

Wie jedes Jahr kommen auch beim traditionellen Bavaria Empfang alle Größen aus dem Film- Fernsehgeschäft zusammen.

Das Get-Together gehört zu den begehrtesten Veranstaltungen im Rahmen des Filmfest München, die man nicht verpassen sollte.  Neben prominenten Besuchern wie Jessicca Schwarz, Oliver Berben, Jasmin Schwiers, Saskia Vester oder Felix Klare genießen die Gäste in entspannter Atmosphäre den kreativen Austausch.

Die ausgewählte – märchenhaft schöne – Location im Künstlerhaus am Lenbachplatz platzt zwar jedes Jahr aus allen Nähten, doch Gerangel wird zum Gekuschel und man stößt immer wieder aufs Neue in eine andere interessante Runde.

Die Veranstaltung ist alljährlich bestens organisiert: Angefangen von der freundlichen Betreuung am Eingang, den charmanten Servicekräften an den Bars, bis hin zur ausgezeichneten Küche, die jedes mal mit neuen Kreationen überrascht. Für den angedrohten Regen wurden ebenfalls Vorkehrungen getroffen. Die gesamte Außenanlage sowie die beliebte Terrasse auf dem ersten Stock waren mit Zelten überdacht. Zu aller Erleichterung blieb aber – bis auf minimale Tröpfchen – das große Gewitter aus. So erzählte mir ein Gast, der schon viele Jahre am Stück zum Bavaria Empfang geht, dass man hier den Sonnengott gepachtet hätte. Es gab innerhalb der letzten 10 Jahre angeblich immerzu traumhaftes Wetter. Und obwohl der Empfang von ca. 18 – 20 Uhr angekündigt war, ließ man die Gäste bis etwa  24 Uhr den Abend gemütlich ausklingen.

Genug Grund zum Feiern haben die Bavaria Angehörigen allemal, sie sind im fiktionalen Bereich der Film- und Fernsehbranche äußerst fleißig und umtriebig.
Hier ein Auszug von “Streiflichter”, dem zweiwöchentlichen Presse Update der Bavaria Film Gruppe:

Den kostenlosen Bavaria Newsletter “Streiflichter” gibt es auch im Abo hier! 

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Impressionen beim Filmfest München: TELE 5 Director’s Cut

v.l. Marcus H. Rosemüller, Nico Zavelberg, Sönke Wortmann, Florian David Fitz | Foto: Agentur Baganz

Im Rahmenprogramm des Filmfest Münchens zählt der „TELE 5 Directors Cut“ zu den Highlights:

Ein feierliches Event, gepaart mit einer interaktiven Podiumsdiskussion mit vier renommierten Regisseuren aus dem deutschsprachigen Raum. In der Talk-Runde waren diesmal zu Gast: Sönke Wortmann, Marcus H. Rosemüller, Florian David Fitz und Nico Zavelberg. Unterschiedlicher könnte das Profil der einzelnen Regisseure nicht sein, was die Zusammenstellung umso interessanter macht: Weiterlesen

Sönke Wortmann wird mit seiner aktuellen Kino-Komödie „Das Hochzeitsvideo“ vorgestellt und kann auf eine breit gefächerte Filmographie blicken. Zu seinen prominentesten Werken gehören u.a. die historische Bestsellerverfilmung „Die Päpstin“ (2009), „Das Wunder von Bern“ (2003), die filmische Dokumentation „Deutschland. Ein Sommermärchen“ (2006), oder „Der bewegte Mann“ (1994). Belohnt wurden seine Filme mit Auszeichnungen wie „Adolf-Grimme-Preis“, „Deutscher Filmpreis“, „Bayerischer Filmpreis“ „Bambi“ u.v.m. 2012 hat er sogar ein gutes Händchen als Theaterregisseur unter Beweis gestellt: „Frau Müller muss weg“ am GRIPS Theater Berlin ist prompt mit dem „Monica Bleibtreu-Publikums-Preis“ geehrt worden. Neben seiner Tätigkeit als Regisseur ist er auch Produzent und geschäftsführender Gesellschafter der Little Shark Entertainment GmbH in Köln.

Marcus H. Rosemüller hat ebenfalls schon vielfache Preise in seinem Repertoire: „Prädikat besonders wertvoll“, „Max-Ophüls-Preis“, „Förderpreis deutscher Film“, „Bayerischer Filmpreis“, „New Faces Award“ bis hin zum zweifachen deutschen Filmpreis. Beim Podium stößt der Trailer seiner bevorstehenden Kino-Komödie  „Wer’s glaubt, wird selig“ auf viel jubelnden Beifall. Seine Filme finden größtenteils im Kontext moderner bayerischer Heimatfilme statt, die aus meiner Sicht dennoch stets universell und in cosmopolitischer Dosis erzählt werden. Er selbst betont während des Podiums, dass es ihm rein um die „Geschichten“ gehe und weniger um das bayerische Umfeld, in dem seine Stoffe angesiedelt sind. Während er mit seinem hochgradig bayerischen Dialekt versucht, sich von der ihm nachgesagten „Bayern-Schublade“ freizureden, kommt mehrfach herzliches Gelächter im Publikum auf. Ein bisschen Lokal-Patriotismus schadet ja auch nicht;-)

Nico Zavelberg ist mit Jahrgang 79 der jüngste in dieser Runde. Ein bereichernder Kandidat im Regie-Quartett, um einen ganz anderen Schwerpunkt zu repräsentieren. Zavelberg ist spezialisiert auf das Action-Genre. Er führt Regie in der erfolgreichen RTL-Serie „Alarm für Cobra 11“, bei der eine Folge inklusive aller actiongeladener Stunts in zehn Tagen abgedreht wird. „Alarm für Cobra 11“ gehört zum fiktionalen Exportschlager aus Deutschland und ist mittlerweile in mehr als 140 Länder verkauft worden. Seit über 15 Jahren ist das RTL-Format im Programm und beschert dem Sender zuverlässige Quoten. Hier hat Zavelberg eine Nische gefunden, mit der sonst nicht viele deutsche Regisseure in Berührung kommen. Er selbst sei aber natürlich nicht abgeneigt, ebenso andere Formate zu inszenieren, wenn sich die Gelegenheit dazu bieten sollte.

Florian David Fitz, ist das „Küken“ mit seinem Regiedebüt „Jesus loves me“, dass Ende 2012 in die deutschen Kinos kommt. Als Schauspieler ist er bereits einem größeren Publikum durch seine Serienerfolge wie in „Doctors Diary“ bekannt gewesen. Das er nun über den Typ „Herzensbrecher“ hinaus auch für andere Rollen wahrgenommen wird, hat er sich selbst erarbeitet. Die Zuschauerfrage von Tessa Mittelstaedt, was sein Motor gewesen sei, das Drehbuch zu „Vincent will Meer“ – in dem er einen Autisten spielt –  zu schreiben, beantwortet er ganz simpel damit, er habe sich überlegt, „was will ich gerne mal spielen“, habe sich hingesetzt und angefangen das Buch zu entwickeln. Bei „Jesus loves me“ fiel ihm die Schauspielführung in seiner ersten Regiearbeit recht leicht, dagegen habe er den Aufwand der Postproduktion unterschätzt. „Als Schauspieler denkst du nach Drehschluss ja, der Film ist abgedreht und fertig. Aber da fängt die Arbeit erst richtig an.“

Insgesamt verlief der Talk unter den Teilnehmern sehr beherzt & sympathisch. Die Stimmung war mit der Aussicht auf das traumhafte Wetter auf der Praterinsel ohnehin blendend aufgelegt.

Zur einzig irritierenden Zwischenmeldung trug Hannelore Elsner bei, die sich mit der Frage „Wie lange muss man unbekannt bleiben, bis man mit euch drehen darf?“ etwas unbeholfen ausdrückte. Denn gemeint waren keinesfalls die zahlreichen unbekannten Kollegen. Sondern ihre eigene Position, die sie mehrfach in den Vordergrund rückte. Als „Medium“ würde sie sich ja schließlich für jede Rolle immer wieder „neu entdecken“ und wünsche sich auch vom Gegenüber „neu entdeckt“ zu werden. Zwischen verhaltenem Beifall und gleichzeitig großem Fragezeichen kam leichte Unruhe im Rauf auf, als sie weiter ansetzte mit „Wo sollen wir (Bekannten) denn hin, wenn wir schon entdeckt worden sind? Wir wollen doch auch weiter spielen“.  Auch einer Hannelore Elsner bleiben künstlerischen Ängste & Zweifel wohl nicht erspart.

Stein des Anstoßes für ihre Wortmeldung war die zuvorige Schilderung von Sönke Wortmann, der für seinen aktuellen Film „Das Hochzeitsvideo“ dem Bedürfnis nachging, mal mit gänzlich „unbekannten Talenten“ zu drehen und sich dafür in der Theaterlandschaft bundesweit viele Schauspieler angesehen hat. Wohl wissend, dass ein Film mit unbekannten Darstellern nicht den Erfolg einspielen würde, als wenn Hannelore Elsner an Bord wäre.  Eine wahnsinnig wertzuschätzende Herangehensweise, wie ich finde. Einen Hauptcast aus lauter Unbekannten Schauspielern aufzustellen, denen Wortmann mit seiner eigenen Prominenz sozusagen die Plattform bietet, „entdeckt“ und wahrgenommen zu werden. Frau Elsner verstrickte sich leider immer mehr in ihren Ausführungen. Wortmann entgegnete schlussendlich: „Hannelore, du hast in zwei von vier Filmen die wir hier zeigen mitgespielt („Wer’s glaubt wird selig“, „Jesus loves me“), wenn du überall mitspielen würdest, wäre es doch langweilig“ (…) „Um dich muss man sich doch wirklich keine Sorgen machen (…)“
Süffisant erinnerte Wortmann sie noch daran, dass sie demnächst noch den dritten Teil von „Hanni und Nanni“ drehen würde. Ihr letztes Wort dazu „Hanni und Nanni ist ganz nett, aber ich würde auch gerne mal andere Sachen machen“. Stöhnen im Publikum.

Ich persönlich kann einerseits nachvollziehen, dass auch eine prominente und hervorragende Schauspielerin wie Hannelore Elsner immer wieder auf der Suche ist, neues auszuprobieren & sich nach Fortschritten sehnt. Doch im Zeitalter von massiven Besetzungs-Hemmungen gegenüber unbekannten Schauspielern und der allgemein prekären Lage vieler Kollegen, die weitaus weniger zu tun haben, wird sie eher wenig Mitleid erregt haben für ihren persönlichen Standpunkt.

Im Anschluss an den Bühnentalk hatten die Gäste bei der After-Show-Party jedenfalls die Möglichkeit zum kreativen Austausch in bester Atmosphäre auf der Praterinsel: Unter freiem Himmel mit leckeren Drinks und beste Verköstigung. Sogar ein Schokoladenbrunnen wurde aufgefahren und selbst die Raucher kamen auf ihre Kosten: American Spirit wurde packungsweise auf Tabletts serviert.

Neben all dem Blitzlichtgewitter & der „Extraklasse“ ist der „TELE 5 Directors Cut“  eine seriöse, gelungene Fachveranstaltung der Film- und Fernsehbranche. Vom inhaltlichen Faktor (Bühnentalk) bis hin zur wunderbar organisierten Feier, den freundlichen Hostessen & dem gutem Service.

Und ganz nebenbei ist hier das Branchen-Klientel in sich sehr stimmig und gut zusammen gestellt. Neben Gästen wie Schauspieler Nikolai Kinski, BR-Fersehdirektorin Bettina Reitz, Regisseur Hans Weingartner, Schauspieler Konstantin von Jascheroff, Regisseur Jochen Alexander Freydank, Schauspielerin Juliane Köhler, Grimme-Preis Chef Ulrich Spieß oder Schauspielerin Natalia Avelon bietet das Event die perfekte Mischung aus Netzwerk-Plattform, Inhalt, Party, Exklusivität und ist keinesfalls spießig! ;-)

Für die „TELE 5 Directors Cut“ gibt es von meiner Seite die volle Punktzahl.

Am Donnerstag, den 05. Juli um 23.15 Uhr haben alle, die das einzigartige Event verpasst haben oder noch einmal ansehen möchten, auf dem TV-Sender TELE 5 die Gelegenheit, sich einen Talk-Mitschnitt unter dem Titel “TELE 5 Director’s Cut München 2012“ anzusehen. Der Beitrag wird auch auf der Homepage von TELE 5 zu finden sein: www.tele5.de

 

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Impressionen beim Filmfest München: Eröffnungsfeier

Am Eingang zum Bayerischen Hof © Foto: privat

Die neue Festivalleiterin Diana Iljine eröffnete zum 30. Jubiläum das Filmfest München 2012 mit einer Galavorstellung im Mathäser Kino und anschließender Feier im Bayerischen Hof mit ca. 1.500 geladenen Gästen, darunter auch Katja Eichinger, Julie Delpy, Udo Kier und Götz Otto.

Ein gutes Händchen wurde bei der Auswahl des Eröffnungsfilms unter Beweis gestellt. Die französisch-kanadische Komödie „Starbuck“ hat das geladene Fachpublikum durchweg begeistert. Man munkelt sogar, dass der Film das  Potenzial hätte, an den Kassen-Erfolg von „Ziemlich beste Freunde“ anzuknüpfen. Also unbedingt anschauen!

Beim anschließenden Empfang im noblen Bayerischen Hof konnten Regisseur „Ken Scott“ & sein Hauptcast mit den Gästen den Abend bis etwa 1:30 Uhr gemütlich ausklingen lassen oder im Nightclub im Untergeschoss noch das Tanzbein schwingen.

Das herrliche, aber schweißtreibende Wetter in München hat das Eis im Wein zum obligatorischen Kriterium gemacht und innen waren die Temperaturen sogar erträglicher als draußen, doch ließen sich viele Gäste nicht davon abhalten, draußen zu verweilen, da man nur vor dem Eingang rauchen durfte. Willkommen in Bayern;-)

Starbuck
Weitere Vorstellungen hier!
Trailer hier! 


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Richtiger Film

“If the camera is turned into a pen, the filmmaker into an auteur, and the intervening harassments of power, capital, and the means of production are all eliminated, or at least radically compromised, are we not then at the threshold of a whole new technological change in the very essence of cinema as a public media?”
(Samira Makhmalbaf)

Ist Aufgeben die Lösung? In ihrer Antwort auf das viel herumgereichte Plädoyer von Dominik Graf in der ZEIT schreibt Julia von Heinz über die Starrheit der deutschen Filmbranche: „Es ist ein System, an dem wir nicht vorbeikommen, wenn wir von unserem Beruf leben wollen.“ Diese Ohnmachtshaltung ist erschreckend, denn wenn unsere jungen RegisseurInnen wirklich so denken, wird sich so schnell nichts ändern. Aber das muss es. Wir brauchen Leute mit Visionen, Leute die fest daran glauben, dass es auch anders geht. Denn während die Branche sich vorwiegend mit sich und ihrem Selbsterhalt beschäftigt, übersieht sie, dass es dem Film noch nie so gut ging wie heute. Weiterlesen

Um Lösungsansätze bemüht, liefert der Schnitt in seiner aktuellen Ausgabe unter dem Titel „Filmemachen 2.0“ einen Blick auf konkrete Entwicklungen. Doch auch der ist leider in weiten Strecken eine herbe Enttäuschung (die Vorstellung neuer Vertriebsstrukturen einmal ausgenommen). Hier werden zum x-ten Mal die Erfolgszahlen des Web 2.0 runtergebetet, der Film zugunsten non-linearer, interaktiver Erzählmodelle für tot erklärt und die stets zitierte Handvoll an erfolgreichen Crowdfunding-Projekten darf natürlich auch nicht fehlen. Nicht, dass das alles schlechte Ideen wären. Aber irgendwie fehlt der Kern des Ganzen. Oder ein Blick auf den Nachwuchs.

Der große Irrtum ist zu glauben, dass sich der Film in einer Krise befindet. Die Branche darf nicht ihre eigene Krise als Krise des Mediums missverstehen. Daher gehen auch Rufe nach neuen Erzählformen schlichtweg an der Problematik vorbei. Cross-Media-Formate und interaktives Erzählen á la Korsakov-System sind sicher interessante und wichtige Erweiterungen, doch wir dürfen, trotz ein paar offensichtlicher Gemeinsamkeiten, nicht Kommunikation mit Kunst gleichsetzen – auch, wenn plötzlich beides filmisch geschieht. Anstatt künstlerische Entscheidungen dem Konzept oder den Zuschauern zu überlassen, müssen wir Farbe bekennen. Wir brauchen Menschen die sagen: Hier, das bin ich. Und ich sehe das so und so. Wir brauchen Haltung, statt Zufallswiedergabe. Wer glaubt, allein mit „neuen Formaten“ die Filmbranche zu retten, hat die digitale Revolution nicht verstanden.

Die wichtigste Errungenschaft der letzten zwanzig Jahre ist die Tatsache, dass die finanziellen, politischen und technischen Hürden für das Filmemachen wegbrechen. Dank immer bezahlbarer werdenden Digitalkameras, Computern und dem Internet, sind wir nicht mehr von Produktionsfirmen, Studios oder Förderungen abhängig. Regierungen können unliebsame Bilder nicht länger aufhalten, wie die Welle von Handyvideos im Internet während des arabischen Frühlings eindrucksvoll beweist. Filmen ohne Scheinwerfer, sogar nachts, und radikal geschrumpfte Crews (manchmal komplett in Personalunion) sind keine Seltenheit mehr. Und so werden immer öfter bisher ungehörte Themen, Menschen und Geschichten vom Rand in die Mitte der Aufmerksamkeit gespült.

Diese Demokratisierung „bedroht“ natürlich die Branche in ihrer bisherigen Form. Die daraus resultierende und auch nachvollziehbare Existenzangst führt zu verschiedensten Reaktionen, auf einer Skala zwischen spöttischem Kommentar („das sind doch keine richtigen Kameras“), besagter Flucht in „neue Formate“ und ernsthafter Lobbyarbeit (Wieso gibt es eine überfällige Organisation wie den BFFS eigentlich erst jetzt?). Auch künstlerisch wird sich abgegrenzt, wie durch das unnötige Hochhalten stilistischer „Maßstäbe“ (oft trotz offensichtlicher Künstlichkeit), z. Bsp. der Dreipunkt-Ausleuchtung. So macht man das halt „richtig“.

Aber wann ist denn ein Film ein „richtiger“ Film? Wenn er mit einer RED gedreht wurde? Oder muss es gar noch Celluloid sein? Wenn ausschließlich mit „echten“ Schauspielern gearbeitet wurde? Wenn mit AVID statt mit einer raubkopierten Premiere-Version geschnitten wurde? Wenn die Filmstiftung NRW ein paar tausend Euro beigesteuert hat? Wenn alle Beteiligten angemessen bezahlt werden? Wenn überhaupt Geld da ist? Wenn er im Kino läuft? Wenn Kritiker über ihn schreiben?

Es gibt nur einen „richtigen“ Film, einen Film, dessen Autoren frei sind von finanziellen, politischen und technischen Zwängen. Und er ist da. Es gibt keine Ausreden mehr. Und auch kein Aufhalten. Den frisch heranwachsenden Youtube-Kids ist es schlichtweg egal, ob sie mit der Verbreitung ihrer eigenen Geschichten die Arbeitsplätze tausender Schauspieler und Filmschaffender zerstören. Bei immer kleineren, besseren und billigeren Kameras wird es nicht mehr lange dauern, bis einen Film zu machen nicht viel aufwendiger ist, als ein Buch zu schreiben. Klar, man kann auch nach wie vor Millionen für eine Produktion ausgeben. Aber man muss es eben nicht mehr.

Film wird in Zukunft von Autoren(-filmern) und Vertreibern bestimmt. Letztere haben das bereits (oder sollte man sagen: endlich) begriffen. Beste Beispiele sind die jetzt schon gigantischen Marketing-Budgets Hollywoods und der Zuwachs an VoD-Angeboten (auch im Arthouse-Bereich, wie die Filmgalerie 451 On-Demand). Die Filmbranche wandelt sich zur Verlagsbranche und wird so vielleicht weniger Menschen ernähren können als bisher. Auch ich wünsche mir, eines Tages einmal vom Filmemachen leben zu können. Aber selbst, wenn mir das tatsächlich gelingt, kann ich daraus keine Berechtigung ableiten, dass meine Arbeiten „mehr“ Film sind als die von Anderen.

Es ist ein Fehler sich nach unten abzugrenzen, wir brauchen mehr Durchlässigkeit. Der Film ist nicht krank, geschweige denn tot. Er ist gesünder als je zuvor. Statt verzweifelt zu versuchen, einen laufenden Motor zu reparieren, sollten wir die Geburtsstunde des wahren Autorenkinos feiern. Und uns fragen: Wo sind sie denn, die Autoren?

Das Zitat der iranischen Filmemacherin Samira Makhmalbaf stammt aus einer Rede bei den Filmfestspielen in Cannes im Jahr 2000. Unbedingt nachlesen!

Lena Thiele‘s Essay „Im Aufbruch: Filmemachen unter neuen Vorzeichen“ aus besagter Schnitt-Ausgabe findet sich hier.

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Überstunden in der Traumfabrik

Vor der Kamera sieht alles so strahlend aus. Aber hinter den Kulissen geht’s auch in der Traumfabrik hart zu. Wie jüngst bei den Dreharbeiten zur neuen Fernsehserie „Jane By Design” mit Andie MacDowell (Zweite von links). | Foto © ABC Family/Andrew Eccles

Ich glaubte ja wirklich, in Hollywood sei vieles besser – besonders bei großen Studioproduktionen, wo mächtige Gewerkschaften darüber wachen, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Ich sollte es besser wissen. Schließlich hatte schon vor acht Jahren der berühmte Kameramann und Dokumentarfilmer Haskell Wexler auf die Missstände hingewiesen. Den Ausschlag gab der Tod eines Kollegen: Der Kameraassistent Brent Lon Hershman war 1997 nach einem 19-Stunden-Drehtag für den Film „Pleasantville“ am Steuer seines Autos eingeschlafen und verunglückt. Hexler setzte sich seitdem für eine „12-und-12-Regel“ ein: Drehtage sollten für alle Filmschaffenden generell höchstens zwölf Stunden lang sein, gefolgt von mindestens zwölf Stunden Pause. Was noch über den Vorgaben des deutschen Arbeitszeitgesetzes, aber unterhalb des Tarifvertrags der deutschen Filmbranche liegt. 2006 drehte Wexler mit „Who Needs Sleep?“ sogar einen Dokumentarfilm über das Thema. Es ist seitdem nicht besser geworden. Weiterlesen

Diese Woche veröffentlichte der Kulturblog des Magazins „New York” einen ungewöhnlichen Set-Report, der zugleich auch ein Beispiel für Zivilcourage ist: Der Autor Gavin Polone hat hier schon wiederholt aus den Kulissen der Traumfabrik berichtet. Im richtigen Leben ist er Produzent und verantwortete unter anderem Kinofilme wie „8mm – Acht Millimeter“„Panic Room“ oder „Zombieland“ und Fernsehserien wie „Gilmore Girls“ oder „Lass es, Larry!“ und war sieben Mal für die „Emmys“ nominiert. Zur Zeit arbeitet er an der neuen Dramedy-Fernsehserie „Jane by Design“, die im Januar auf dem US-Kabelsender ABC Family startete.

Noch! Denn da wurde es auch dem gestandenen Produzenten zu viel. Nach einem fast 15 Stunden langen Drehtag befragte Polone seine Kollegen von Maske und Script, Produktionsfahrer und Regieassistent, was sie eigentlich von diesen Arbeitsbedingungen halten. Sein eigenes Fazit: „Niemand am Set will länger als zwölf Stunden arbeiten, außerdem ist es wegen all der Überstunden teuer. Aber es passiert regelmäßig, wenn ein allzu optimistischer Drehplan unglücklichen Umständen zum Opfer fällt, wie etwa eine kaputte Kamera, Inkompetenz und die Egomanie eines Regisseur (obwohl das für gewöhnlich nur bei hochbudgetierten Spielfilmen vorkommt). Man mag einwenden: ›Kannst du als Produzent nicht einfach die Drehtage kürzen?‹ Aber das Studio bestimmt Budget und Zeitplan, und die kann man nur mit diesen langen Arbeitszeiten erfüllen. Ich habe keine Macht, an einem Tag den Stecker zu ziehen, wenn es mir das Studio nicht sagt. Und das ist, soweit ich mich erinnere, vielleicht dreimal in meiner Laufbahn passiert. Die einzige Möglichkeit, die Arbeitszeiten im Rahmen zu halten, wäre tatsächlich ein strenges Arbeitsgesetz, das anders ist als alles, was zur Zeit üblich ist.“ Dabei könnte es Polone ja egal sein: „Seien wir ehrlich: Produzenten und Schauspieler werden für ihre Arbeit hoch entlohnt.“

Ganz anders mutet da Einstellung eines deutschen Regisseurs an. Kurz vor der Verleihung des des „Deutschen Filmpreises“ hatte Dominik Graf Ende April mit dem Deutschen Film abgerechnet. Weitgehend treffend, aber dass es „neuerdings einen ›Fairness‹-Preis für die nettesten Dreharbeiten“ gibt, fand der Regisseur, der selbst ein berüchtigter Zeitüberzieher ist, doch nicht so nett – oder hatte es einfach nicht richtig verstanden (schließlich gibt es den Preis nun auch schon seit mehr als einem Jahr). Graf: „Welcome to the German future! Nicht dass daran das Geringste auszusetzen wäre. Aber wahre Leidenschaft sieht anders aus.“ Wirklich?

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cn-klappe: Ein Interview mit Brien Dorenz und Heinrich Schafmeister

Wir sprachen mit dem Rechtsanwalt und dem Schauspieler in Ihrer Funktion als Justiziar und Vorstandsmitglied des BFFS über den Aufbau des Verbandes und über aktuelle Probleme, welche die Schauspieler und somit den BFFS beschäftigen: Urheberrecht, Tarife, GVL und Arbeitslosengeld 1.

Link zum Interview!

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Zwangsversicherung für Selbständige

Als Steuerberater, der seine Aufgabe darin sieht, die Mandanten umfassend und langfristig zu beraten, müsste ich mich eigentlich über den Vorstoss der Arbeitsministerin von der Leyen freuen. So erzähle auch ich meinen Mandanten regelmäßig, dass sie etwas gegen eine drohende Altersarmut machen müssten. Der vorgesehene Zwang zum Abschluss einer Rentenversicherung mit monatlichen Beiträgen um die 400,00 Euro ist da allerdings der falsche Weg. Schön für die Versicherungskonzerne aber für einen Großteil der Selbständigen einfach nicht stemmbar! Weiterlesen

Der Großteil unserer Leser hier sollte mit dieser Problematik allerdings wohl nicht konfrontiert werden, da sie, soweit sie selbständig künstlerisch tätig sind, eigentlich über die Künstlersozialkasse versicherungspflichtig sind. Allerdings gibt es im Medienbereich eine Großzahl an Selbständigen, die sich nie bei der Künstlersozialkasse gemeldet haben (sei es, um sich den Beitrag zur gesetzlichen Rentenversicherung zu sparen oder aber aus Unwissenheit) bzw. die von der Künstlersozialkasse abgelehnt wurden.

Worum geht es bei den Überlegungen der Arbeitsministerin genau?

Von der Leyen beabsichtigt, Selbständige per Gesetz zu zwingen, etwas gegen ihre drohende Altersarmut zu tun. Ob dies in Form einer privaten Versicherung oder aber in Form von Beiträgen zur gesetzlichen Rentenversicherung erfolgt, soll den Selbständigen selber überlassen werden. Nicht betroffen von dieser Regelung sollen Selbständige sein, die

  • bereits zwangsweise über die Deutsche Rentenversicherung versichert sind (u.a. Künstler, Hebammen, selbständige Lehrer),
  • wer über ein Versorgungswerk versichert ist (u.a. Ärzte, Architekten, Steuerberater),
  • wer über 50 Jahre alt ist bzw.
  • wessen monatlicher durchschnittlicher Gewinn unter EUR 400,00 liegt

Bei Selbständigen, die zwischen 30 und 50 Jahren alt sind, soll eine abgeschwächte Form greifen. Alle anderen Selbständigen sollen nach derzeitigen Informationen allerdings verpflichtet werden, monatliche Beiträge von ca. EUR 400,00 einzuzahlen.

Die Höhe des Beitrages soll insoweit nicht, wie bei der gesetzlichen Rentenversicherung, vom Einkommen abhängig sein, sondern ist als Kopfpauschale zu sehen. Ziel soll es sein, dass die Selbständigen mit Hilfe der Zusatzrente ein Einkommen oberhalb der Grundsicherung erzielen können.

Was sind die Kritikpunkte?

  • Die angedachte Zwangsversicherung wird bei vielen Selbständigen, gerade bei Existenzgründern, zur Existenzbedrohung führen. So wird in Anfangszeiten der Gewinn häufig in die Expansion der selbständigen Tätigkeit investiert.
  • Eine Rentenversicherung sollte immer nur ein Teil der Altersvorsorge sein. Daneben sollte in Form von Kapital, Grundstücken oder aber auch durch das eigene Unternehmen für das Alter eine Vorsorge aufgebaut werden. Ob dies bei der Beitragshöhe parallel noch möglich ist, ist die Frage.
  • Bei den Versicherungsarten sollte aufgrund der Regelungen in der Besteuerung bei Rentenbezug ein Versicherungs-Mix gewählt werden. So gibt es steuerlich geförderte Rentenversicherungen (sog. Basisvorsorge, auch Rürup genannt), die bei Rentenbezug voll steuerpflichtig sind und Rentenversicherungen, die nur mit einem Ertragsanteil zu versteuern sind (hier wirken sich allerdings dann auch die eingezahlten Beiträge nicht wie bei der Basisversicherung aus). Nach den vorliegenden Informationen sollen die Pflichtbeiträge in die im Alter voll steuerpflichtige Basisversorgung einzuzahlen sein.
  • Häufig schließen Selbständige Rentenversicherungsverträge zur Basisversorgung mit geringen Monatsbeiträgen ab. So besteht bei dieser Versicherungsart die Möglichkeit, Einmalzahlungen vorzunehmen. So kann zum Ende des Jahres eine entsprechende Sonderzahlung geleistet werden, um die Steuerlast aufgrund eines hohen Gewinns, der meist am Anfang des Jahres noch nicht absehbar war, zu senken. Aufgrund der Höhe des Pflichtbeitrages wird es für die wenigsten Selbständigen möglich sein, Rücklagen zu schaffen, um dann optional eine Sonderzahlung vorzunehmen.
  • Bei vielen Selbständigen ist der voraussichtliche Jahresgewinn nicht abzuschätzen. So kann es bei Selbständigen auch zu Verlustjahren kommen. Wie soll dies technisch ablaufen? Werden bei Verlustjahren die Beiträge dann wieder erstattet? So soll die Versicherungspflicht nach derzeitigen Informationen nur gelten, wenn ein Gewinne von mindestens EUR 4.800,00 im Jahr erzielt werden. Kaum zu erwarten, dass die Versicherungskonzerne da mitspielen.
  • Aufgrund der Inflation bleibt abzuwarten, ob die hieraus resultierenden Rentenauszahlungen (ca. 700 EUR) tatsächlich zu der angemessenen Versorgung führen.

Wie ist die Resonanz auf die Vorschläge der Arbeitsministerin?

Junge Selbständige wehren sich mit voller Kraft gegen das Vorhaben. So wurde eine Petition ins Leben gerufen, die innerhalb weniger Tage über 50.000 Mitzeichner registrierte. Bis zum 22.05.2012 bleibt noch die Chance, sich gegen das Vorhaben auszusprechen. Weiterhin wurden Facebook-Gruppen gegründet und die Medien berichten umfassend über das Thema.

Resumé

Das Ziel, eine adäquate Altersvorsorge aufzubauen, sollte für jeden Selbständigen ganz weit oben auf seiner Liste stehen. Das Vorhaben der Arbeitsministerin, dies in Form einer Zwangsversicherung mit gewinnunabhängigen Versicherungsbeiträgen zu machen, ist allerdings der falsche Weg. Dass die Vorschläge der Ministerin aber wohl auch noch nicht vollständig durchdacht sind, zeigt sich daran, dass das Ministerium aktuell die Unternehmensberatung McKinsey mit einer Machbarkeitsstudie beauftragte. So ist zu hoffen, dass McKinsey zu dem Schluss kommt, dass den Selbständigen weiterhin selber überlassen werden sollte, welcher Form sie wählen und welche Höhe sie aufgrund ihrer finanziellen Situation aufbringen können.

Die verschiedenen Modelle einer möglichen Altersvorsorge für Medienberufe sind dabei vielseitig und für viele Medienschaffende leider nicht durchschaubar. Lasst Euch professionell, unabhängig beraten und geht, soweit noch nicht geschehen, den Weg zur geregelten monatlichen Einzahlung in die Altersvorsorge an.  In welcher Form auch immer!

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Lob und Lolas

Filmkunst bei der Arbeit: Vor der Verleihung der Lolas 2012 und dem Berliner Friedrichstadt-Palast. | Foto © Michael Tinnefeld, Marko Greitschus, Deutsche Filmakademie

Gestern wurden in Berlin die „Deutschen Filmpreise“ vergeben. All denen, die damit ein wenig Anerkennung und Aufmerksamkeit für ihre Arbeit erhalten haben, gratuliert das Team von out takes herzlich.

Die ARD Sendung „Der Deutsche Filmpreis 2012“ vom 27. April steht noch eine Woche in der Mediathek hier zur Ansicht bereit.

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Eine einfache Frage

Wenn der deutsche Film Erfolge­ ­feiert, freuen sich auch die deutschen ­Filmförderer und lassen sich gerne publikumswirksam ablichten. Unter welchen Produktionsbedingungen mancher Erfolg möglich wurde, ­interessiert die Förderung freilich nicht. | Foto © Deutscher Filmpreis

In der Filmwelt rumort es – zumindest im Untergrund. Der rote Teppich endet für die meisten Filmschaffenden spätestens hinter den Kulissen, da, wo es ums Geld geht. Was in vielen Berufszweigen undenkbar ist, überrascht in der Filmbranche niemanden mehr: Man arbeitet für lau. Nicht immer, aber immer wieder und immer in der Hoffnung auf den nächsten, hoffentlich bezahlten Job. Oder man wird nur im Erfolgsfall bezahlt. Rückstellungsvertrag nennt sich das, wenn der Arbeitnehmer das unternehmerische Risiko mitträgt. Immer noch besser, als gar keine Arbeit zu haben. Obwohl man da durchaus anderer Meinung sein kann. Und längst betrifft das nicht nur Low-Budget- oder Studentenfilme.

„Viel Ehre, doch kaum Verdienst“: Zu diesem Schluss kam auch eine Studie der Forschungsgruppe BEMA der Universität Münster aus dem Sommer 2010. Wenngleich diese Studie vom Bundesverband für Film- und Fernsehschauspieler in Auftrag gegeben wurde, ist sie mit 710 Teilnehmern doch recht groß angelegt. Die Hälfte der Befragten schätzt dort den eigenen finanziellen Status als eher schlecht ein. Fast zwei Drittel verdienten von Sommer 2009 bis 2010 etwa 2.520 Euro im Monat. Der Rest: 833. Das entspricht laut Statistischem Bundesamt in Wiesbaden dem Existenzminimum in Deutschland. Laut BFFS-Studie können über die Hälfte der Befragten die neuen Bedingungen für das Arbeitslosengeld (ALG I) nicht erfüllen. Sie rutschen gleich ins ALG II, die beschönigende Bezeichnung für das, was früher Sozialhilfe hieß und heute gemeinhin „Hartz 4“ genannt wird.

Selber schuld, könnte man sagen – organisiert Euch halt. Nicht mal 4.000 Filmschaffende im Land sind Mitglied eines der Berufsverbände der Branche oder der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) – das ist vielleicht jeder zehnte. Wie soll da genügend Druck aufgebaut werden, wenn man mit der anderen Seite um Gagen und Arbeitszeiten streitet? Und dort sieht es auch nicht viel besser aus: Die Mitglieder der Produzentenallianz können frei entscheiden, wie sie’s mit dem Tarifvertrag halten, den ihr Verband ausgehandelt hat. Viele Filmschaffende halten es darum für besser, Einzelkämpfer zu bleiben in einer Branche, die sich selbst uneins ist und in der jeder nach seinen eigenen Regeln spielt. Und so wird es im Untergrund wohl noch lange weiter rumoren, ohne dass sich etwas ändert. Weiterlesen

Dabei geht es der Branche gar nicht mal so schlecht – ungeachtet aller Diskussionen um die Qualität des deutschen Films und Fernsehens, lässt sich der Zustand des deutschen Films als stabil beschreiben. Er ist vielleicht nicht gerade quicklebendig, siecht aber auch nicht dahin. Nach dem Jahresbericht der Filmförderungsanstalt des Bundes (FFA) sahen in den vergangenen beiden Jahren rund 20 Prozent der Kinobesucher heimische Produktionen. Und nicht nur die FFA überschlug sich zum Jahresanfang mit Erfolgsmeldungen: „Als großartiges Land fürs Filmemachen“ lässt die Film- und Medienstiftung ihr Nordrhein-Westfalen loben, Bayerns Filmfernsehfond jubelt über „Millionenerfolge mit großen 3D-Projekten“, und das Medienboard Berlin-Brandenburg freut sich über das „Comeback“ ihrer „internationalen Filmmetropole“. Wo immer ein Preisregen einsetzt, ein Überraschungserfolg gelingt oder ein Film die erste Million Zuschauer ins Kino gezogen hat, sind die deutschen Fördereinrichtungen als erste zu Stelle und gebärden sich, als wäre es ihre Produktion (Doppelnennungen sind möglich). Und wenn’s gar nicht anders geht, lobt man eben ein „erfolgreiches Förderjahr“ (dann wurde viel Geld in viele Filme gesteckt) oder den tollen Ländereffekt (dann kam durch die Produktion dieser Filme ein Vielfaches der Förderung wieder an den Standort zurück). Was will man machen. Wenigstens die deutsche Filmförderung ist halt eine Erfolgsgeschichte. Das betont ja auch Kulturstaatsminister Bernd Neumann immer wieder.

Sie haben ja recht. Filmförderung gibt es auch anderswo auf der Welt. Aber das Geld, das die staatlichen Institutionen in Deutschland alljährlich in die Filmwirtschaft pumpen, macht doch einen beeindruckenden Anteil der Umsätze aus. Zwar fließt nicht alles, was die Förderer verteilen, unmittelbar in die Produktion von Kinofilmen; umgekehrt sind auch die Zahlen zu den Budgets, die die Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO) in ihrem „Filmstatistischen Jahrbuch 2011“ liefert, Durchschnittswerte, Hochrechnungen und die Dokumentarfilme nicht berücksichtigt. Doch für einen groben Eindruck reichen die Angaben: Rund 500 Millionen Euro betrug das Gesamtbudget der deutschen Kinospielfilmproduktionen und -koproduktionen im vorigen Jahr. Rund 200 Millionen gaben FFA, Deutscher Filmförderfonds und die fünf größten regionalen Förderungen für die Produktion aus (die Feuilletonchefin des Berliner „Tagesspiegels“, Christiane Peitz, kam in einem Artikel für die Zeitschrift „Cicero“ sogar auf 300 Millionen). Auch wenn sich die Zahlen bei genauerer Auflistung noch verschieben mögen: Die öffentliche Hand mischt kräftig mit im deutschen Filmgeschäft.

Und trotzdem läuft etwas falsch im Filmland – grenzenlose Überstunden und Gagendumping verderben vielen Filmschaffenden die Lust an der Arbeit. Selbst „oscar“-und filmpreisgekrönte Erfolge sind nur durch den Idealismus minderbezahlter Fachkräfte möglich geworden, für die Fortsetzung von Kassenerfolgen wird die Crew um eine Woche Gratisdienstleistung gebeten. Kaum einer wagt aufzumucken, aus Furcht, dass schon billiger Ersatz vor der Tür steht.

Dabei könnte es doch ganz einfach sein. Schließlich geht kaum eine deutsche Produktion ohne die staatliche Hilfe über die Rampe. „Ohne Förderung geht es also nicht und wird es auch auf absehbare Zeit nicht gehen“, folgert der Filmemacher Hagen Myller in einem Essay. Ob Autoren­dokumentarfilm oder großes Epos für den Weltmarkt: Fast alle hängen sich an die Fördertöpfe, die mit Steuergeld gefüllt werden. Da sollte man nicht nur erwarten, dass dafür auch die Spielregeln eingehalten werden, sondern sollte es zur Bedingung machen: Keine Förderung für Dumping-Filme! Es macht nur keiner. Warum eigentlich nicht?

Die böse Antwort: Weil’s niemanden interessiert, unter welchen Bedingungen Filme gemacht werden. Nur sagt das keiner. „Der Gesetzgeber will gar keine Überprüfung der Förderungsbedingungen, weil das angeblich nicht möglich ist“, meint Hans Schlosser, Geschäftsführender Vorstand der Bundesvereinigung Die Filmschaffenden, in der 14 Berufsverbände der Branche zusammenarbeiten. Dabei wäre das gar nicht das Problem: Schon vor sechs Jahren hatte die Bundesvereinigung ein Meldesystem zur Tariftreue installiert, das funktioniert, aber noch zu wenig genutzt wird. Was möglicherweise auch daran liegt, dass die Bundesvereinigung das auf ihrer Website ziemlich gut versteckt hat.

Teil des Problems sei auch, dass es sich bei der FFA etwa um eine branchenfinanzierte Förderung handelt und nicht um eine öffentliche, erklärt Angelika Krüger-Leißner, medienpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Bundestag auf Nachfrage. Das Jahresbudget von 76 Millionen Euro kommt durch Abgaben der Fernsehsender, Kinobetreiber und Videovermarkter zusammen. „Die Filmabgabe ist eine wirtschaftsverwaltungsrechtliche Ausgleichsabgabe, die als Selbsthilfemaßnahme der Film- und Videowirtschaft ausgestaltet ist. Über Steuermittel verfügt die FFA nicht“, wird darum auch in der Selbstdarstellung auf der Website der FFA betont.

Dagegen lässt sich schwer argumentieren. Auch wenn die FFA eine Bundesanstalt des öffentlichen Rechts ist, wie auch die Sender ARD und ZDF, die gut ein Fünftel des FFA-Budgets bestreiten und ihre Einkünfte zwar nicht über Steuern, aber ähnliche Abgaben erzielen. Auch wenn die Arbeit der FFA durch ein eigenes Filmförderungsgesetz (FFG) geregelt ist. Auch wenn Bundestag und -rat ihre Vertreter im Verwaltungsrat der FFA sitzen haben.

Bei der größten Förderung im Land sieht es allerdings schon anders aus: 60 Millionen Euro verteilt der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien (BKM) alljährlich im Deutschen Filmförderfonds. Aus Steuermitteln. Zuständig dafür ist – die FFA. Und egal, ob das Geld nun aus der Branche kommt wie bei der FFA oder aus den Steuereinnahmen des Staats wie beim DFFF: geregelt wird bei beiden viel. Unter welchen Bedingungen ein Film gefördert wird, schreibt Paragraf 15 des FFG vor: Wohnsitz des Produzenten, Sprachfassung des Drehbuchs, Sitz der Ateliers und Dienstleister, Anteil der Studioaufnahmen im Ausland, Nationalität des Regisseurs (oder ersatzweise die der anderen Filmschaffenden), Wahl der Motive, reihenweise inhaltliche und thematische Vorgaben, und schließlich eine Audiodeskription mit deutschen Untertiteln für Hörgeschädigte. Ob gültiges Arbeitsrecht eingehalten wird, ist kein Kriterium.

Warum auch? Der Verwaltungsrat der FFA hat 36 Mitglieder, die zum größten Teil von Politik und Kirchen, Produzenten und Verwertern gestellt werden. Lediglich die Berufsverbände der Regisseure, Drehbuchautoren und Dokumentarfilmer haben jeweils einen Sitz. Alle übrigen Filmgewerke haben hier nichts zu melden. Andererseits darf der Deutsche Journalistenverband (gemeinsam mit Verdi) im Verwaltungsrat mitmischen. In der Vergabekommission ist die Gewichtung ähnlich.

Eine Verbesserung will die SPD vor drei Jahren versucht haben, berichtet Angelika Krüger-Leißner: „Als Arbeitsmarkt- und Filmpolitikerin stelle ich mir bereits seit Jahren die Frage nach den Möglichkeiten, wie wir die Einhaltung sozialer und tariflicher Standards bei Filmproduktionen an die Förderung binden können.“ Bei der FFG-Novelle 2009 wollte ihre Fraktion das als Förderbedingung ins Gesetz schreiben.  Am Ende stand etwas, das die Politikerin einen Kompromiss nennt, aber mit der ursprünglichen Absicht soviel zu tun hat wie eine Expedition zum Jupiter mit der Fotokopie einer gebrauchten Straßenbahnfahrkarte: Im Paragraf 2 des FFG, der die Aufgaben der Filmförderungsanstalt beschreibt, wurde der zweite der sieben Punkte mit einem Halbsatz erweitert. Da hieß es bislang: „…die gesamtwirtschaftlichen Belange der Filmwirtschaft in Deutschland zu unterstützen.“ Jetzt kam ein kompromissloses „einschließlich ihrer Beschäftigten“ hinzu.

Wie man sich diese Unterstützung der Beschäftigten vorstellt, wird an der Stelle übrigens auch erklärt: „insbesondere durch Maßnahmen zur Marktforschung und zur Bekämpfung der Verletzung von urheberrechtlich geschützten Nutzungsrechten sowie zur Filmbildung junger Menschen“ – wieder kein Wort über Produktionsbedingungen. Krüger-Leißner nennt die neue Formulierung trotzdem „ein klares Signal“ an die Branche: „Im Rahmen einer Selbstverpflichtung der Filmhersteller sollte eine Berücksichtigung sozialer Mindeststandards selbstverständlich sein.“

Dass dies nicht reicht, weiß auch die Politikerin. Bei der aktuellen Novellierung des Filmförderungsgesetzes will Krüger-Leißner das Thema „mit dem Ziel einer befriedigenderen Regelung“ noch einmal auf den Tisch bringen: Es sollte in den Förderbedingungen „eindeutig adressiert und mögliche Sanktionen formuliert werden.“

Ähnlich leidenschaftslos wie die Förderung des Bundes halten es auch die Institutionen der Länder. Die fünf umsatzgrößten hatten wir um eine Stellungnahme gebeten. Nordrhein-Westfalen und Berlin-Brandenburg antworteten auch auf Nachfragen nicht. Die anderen haben zwar durchaus Verständnis für faire Arbeitsbedingungen, sehen die Verantwortung aber in der Branche selbst: Wer Lohndumping und endlose Überstunden mitmacht, ist selber schuld. Den Förderern seien da die Hände gebunden, meint etwa Gabriele Pfennigsdorf in Bayern. Man sei „keine Filmpolizei“.

In Baden-Württemberg beruft man sich außerdem auf das Filmförderungsgesetz. Da würden zwar Regelungen zur „sparsamen Wirtschaftsführung“ getroffen, aber keine zu „angemessenen Gagen und Arbeitszeiten“.

Doch dass die Fördereinrichtungen als Polizei auftreten, verlangt ja auch niemand. Vielmehr geht es um die Verantwortung, was mit dem Geld geschieht, das man der Branche zur Verfügung stellt. Ob Gagen realistisch und fair kalkuliert werden, lässt sich anhand von Tarifen, Stablisten und Drehtagen relativ einfach überschlagen. Und diejenigen Produktionsfirmen, die das ernst nehmen, würden ebenfalls ünterstützt, berücksichtigte man das bei der Prüfung der Förderanträge. Denn in anderen Bereichen sind die Förderungen weniger zimperlich: Dass etwa der Regionaleffekt erfüllt wird, sieht Pfennigsdorf sogar als „besondere Verpflichtung“, da der FFF sich „maßgeblich auch aus Steuergeldern“ finanziere.

Und nicht nur in Bayern werden Kalkulationen und Abrechnungen von unabhängigen Wirtschaftsprüfern genau unter die Lupe genommen. Wer sich nicht an die Regeln hält, dem droht eine Anzeige wegen Subventionsbetrugs. Bedingungen stellen und kontrollieren, dass sie eingehalten werden, das tun die Förderer schon längst und mit allem Recht. Auch ohne Film­polizei.

 

Kleiner Anhang: Wieso gelten Regionaleffekte und Firmensitz als Kriterien für eine Förderzusage, nicht aber die Garantie angemessener Gagen und Arbeitszeiten? Wir haben die fünf größten regionalen Förderinstitutionen gefragt. Drei haben geantwortet:

 

MFG Baden-Württemberg: Die für unsere Juroren maßgeblichen Regularien finden sich in der Vergabeordnung der MFG Filmförderung Baden-Württemberg, die sich wiederum am FFG orientiert. Zudem beziehen wir uns auf die Richtlinien zum FFG, in denen zwar Regelungen zur „sparsamen Wirtschaftsführung“ getroffen wurden, jedoch keine zu „angemessenen Gagen und Arbeitszeiten“.

In eine Förderentscheidung und in die mit den Förderempfängern vereinbarten Darlehensverträge können aus unserer Sicht solche Regelungen nicht im Voraus einfließen. Konkreten Beschwerden von Betroffenen, die direkt an uns gerichtet sind, gehen wir selbstverständlich nach und fordern gegebenenfalls den  Förderempfänger (Produzenten) zur Stellungnahme auf. Möglicherweise könnte das Ergebnis einer solchen Prüfung im Einzelfall (über das wir das zuständige Vergabegremium unterrichten) dann bei einer erneuten Antragstellung des Produzenten negativen Einfluss auf die Förderentscheidung haben.

Uwe Rosentreter, Verleih-/Vertriebsförderung, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

 

FFF Bayern: Die Verabredung von angemessen Gagen und Arbeitszeiten obliegt im Rahmen der Tarifverhandlungen den Tarifpartnern. Wenn trotzdem Verträge zwischen Filmschaffenden und Produzenten geschlossen werden, die sich außerhalb der Tarifabschlüsse bewegen, so ist dies eine Entscheidung des Filmschaffenden, so bedauerlich die Umstände hierfür auch sein mögen. Der FFF Bayern und auch die mit der Prüfung der Kalkulation und den Herstellungskosten beauftragte unabhängige Prüfungsinstitution haben darauf keinen Einfluss und auch kein Überprüfungsrecht. Weder der FFF noch die Prüfungsinstitution haben eine Möglichkeit, in Verträge einzugreifen, die zwischen dritten Parteien einvernehmlich untereinander geschlossen wurden. Daraus erklärt sich, warum der FFF Förderentscheidungen nicht davon abhängig machen kann, ob in jedem Einzelfall und bei jedem Kalkulationsposten angemessene Gagen bezahlt werden oder Arbeitszeitvereinbarungen tatsächlich einhalten wurden. Er könnte dies auch nicht überprüfen.

Selbstverständlich verbindet sich mit jedem FFF geförderten Projekt die Annahme, dass der verantwortliche Produzent sich an die bestehenden arbeits- und tarifrechtlichen Vorschriften hält. Wenn er es nicht tut, sind dem FFF jedoch die Hände gebunden, denn er ist keine Filmpolizei.

Bei Verstößen gegen die tariflich vereinbarten Rahmenbedingungen ist auch weiterhin jeder einzelne Filmschaffende selbst gefordert. Er ist der Vertragspartner des Produzenten und nur er hat die die Mittel, gegen Verstöße rechtlich vorzugehen. Weiterhin obliegt es den Berufsverbänden, sich gegen Missstände zu wehren und diese gegebenenfalls auch öffentlich zu machen. „Schwarze Schafe“ schaden nicht nur den betroffenen Filmschaffenden, sondern der ganzen Branche.

Gabriele Pfennigsdorf, Förderreferentin Fernsehfilm (Produktion, Projektentwicklung)

 

Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein: Die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein ist sehr wohl interessiert, dass die Beschäftigung von Schauspielern und Stab bei von uns geförderten Filmproduktionen zu fairen, tariflich festgelegten Bedingungen erfolgt. Förderentscheidungen werden in Kenntnis der Kalkulation getroffen, offensichtliche Abweichungen von marktüblichen Gagen werden auch hinterfragt.

Uns ist aber bewusst, dass Filme gerade im Nachwuchsbereich oftmals nicht zustande kämen, würden nicht Schauspieler und Stab Teile ihrer Gage zurückstellen oder darauf verzichten.

Heike Goede, Assistenz der Geschäftsführerin

 

(Der Artikel von Silke Kandzora und Peter Hartig erschien in cinearte 264 vom 19. April 2012)

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cn-klappe: ecasting pro & contra

Link zum Video!

Aktueller Videobeitrag: ecasting: pro & contra
Wie ernst zu nehmen ist dieser „neue” Markt oder ist es nur ein Modetrend? Ein Zusammenschnitt des Panels am filmhaus babelsberg.

Auf dem Podium sitzen:
Heidi Krell (BVC)
Suse Marquardt (BVC)
Charlotte Siebenrock (BVC)
Clemens Erbach (BVC & filmmakers)
David Althammer (schauspielervideos)
Heiko Reichenberger (Goldbaum Management & rising-star)
Antoine Monot (BFFS)

Als Gäste wurden desweiteren geladen:
Jacqueline Rietz (VdNA)
Daniel Krauss (Regisseur, Produzent & Schauspieler)
Sonja Döring (ZAV Berlin)
Birgit Menzel (Die Agentin)

Moderation:
Tina Thiele (Autorin, Journalistin: casting-network)

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Was ist Kunst wert? Sven Regener und das Urheberrecht

„Kopieren ist nicht stehlen“ lautet die bunte und fröhliche Hymne der freien Kultur im Netz. Und weil wir das ernst nehmen, gibt’s auch keinen Copyright-Hinweis zum Standbild, das wir mal eben kopiert haben.

Das passiert ja auch nicht oft, daß ein Radiomoderator sprachlos ist. Auf Bayern 2 wollte Erich Renz eigentlich nur ein knackiges Statement zum Urheberreicht einholen. Da war er bei Sven Regener aber an den Falschen geraten. Oder hatte einfach nur den falschen Moment erwischt. Oder besser den richtigen: Der Sänger der Band Element of Crime (und Autor der verfilmten Bücher „Herr Lehmann“ und „Neue Vahr Süd“) hob stattdessen zu einer mehr als fünf Minuten langen Philippika an, der man ruhig mal zuhören sollte.

Ich fand’s jedenfalls klasse. Nicht nur wegen der Ansichten, die Regner als einer äußert, dessen Existenz letztlich davon abhängt, daß seine Leistungen und Rechte als Urheber respektiert werden. Sondern weil er es wunderbar auf den Punkt bringt: „Eine Gesellschaft, die so mit ihren Künstlern umgeht, ist nichts wert.“

Über Respekt habe ich neulich geschrieben. Und dass er fehlt, zeigt sich eben nicht nur da, wo böse Produzenten ihre Belegschaft ausbeuten, sondern auch am anderen Ende der Verwertungskette, wo Leute meinen, das Netz sei ein Selbstbedienungsladen ohne Kasse. Auf dem Thema möchte ich eigentlich gar nicht weiter herumreiten. Erstens habe ich das hier ja schon einige Male versucht, zweitens wirkt man ja, wie auch Regener anmerkt, leicht uncool, wenn man aufs Urheberrecht pocht. Und drittens sind Wiederholungen langweilig. Also schaut das Video an, genießt es oder regt euch auf. Punkt.

Wer sich freilich noch ein bißchen mit mir gemeinsam aufregen möchte, kann ja hier weiterlesen: Weiterlesen

Denn andererseits kann man von dem Thema wohl nie genug bekommen, wie die Reaktionen auf den Radiobeitrag zeigen. Und dass man damit sogar prima bei Wahlen punkten kann, wenn man das Urheberrecht cool angeht, hatte im vorigen September die Piraten-Partei gezeigt, als sie das Berliner Abgeordnetenhaus enterte – mit wenig mehr, als das Thema „Internet“ hergibt, das allerdings kräftig aufgeblasen um Datenschutz, Bürgerrechte, Mitmachdemokratie und freien Zugang zu Kultur und Wissen. Wobei man sich letzteres so vorstellt, dass das Urheberrecht sich mal locker machen soll, weil es sowas wie geistiges Eigentum eh nicht gebe und das alles nur ein Trick der Verwertungsindustrie sei.

Na sowas! Datenschutz, Bürgerrechte und Mitmachdemokratie waren doch bislang Sache einer anderen Partei? Da durfte man sich bei den Grünen schon mal Sorgen machen, dass man vielleicht einen Anschluss verpasst: Weil sich hier offensichtlich eine politische Marktlücke auftut, voller Wähler, die sich für die klassischen grünen Themen begeistern. Also kam es, dass ein Teil der Grünen, beeindruckt vom Erfolg der neuen Protestpartei, die besseren Piraten sein wollten und zur 33. Ordentlichen Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen ein „Netzpolitischer Leitantrag“ vorlag, der schon vorher für begründete Aufregung sorgte.

Der Versuch ging dann doch ein bisschen anders aus, weil bei den Grünen auch Leute sitzen, die ein bisschen andere Ansichten zum Urheberrecht haben. Und was dann vorläufig beschlossen wurde, war 16 Seiten lang und größtenteils gar nicht so schlecht. Was aber nur ich meine und viele andere nicht. Und dann wurde es mir langsam zu blöd: Weil offenbar sich niemand mit dem Thema der grenzenlosen Möglichkeiten alles und überall zu kopieren wirklich auseinandersetzen will, sondern nur das schön redet, was man tut: „Wir wollen aber nun mal kopieren, also darf das nicht schlecht sein.“ Also sagt man, die Industrie sei schuld oder die Zeiten seien halt so, und wer das nicht begreift, habe einfach keine Ahnung. Darüber kann man schlecht diskutieren. Also habe ich den Blogbeitrag, den ich damals dazu geschrieben hatte, nicht veröffentlicht.

Jetzt schreibe ich doch noch mal darüber, weil die Reaktion auf Regeners zornige Rede prompt kam und auf die übliche Weise und mit den immergleichen Argumenten, die nicht wirklich welche sind. Als da wären:

 

Die Welt hat sich geändert und ist heute digital, nicht mehr analog. Wer den Unterschied nicht begriffen hat, ist ein Dinosaurier. Das ist ein tolles Totschlagargument, da braucht man auch gar nicht mehr auf das einzugehen, was so ein Dinosaurier zu sagen hat, sondern schwurbelt einfach daher, was die eigenen Anhänger so freut, wie das der Sprecher der Piraten tut, der an der gleichen Stelle wie Regener auf der Website zu Wort kommt.

Vermutlich bin ich auch ein Dinosaurier, weil ich nur wenig jünger bin als der Sänger. Andererseits habe ich den Unterschied zwischen digital und analog ziemlich gut begriffen, und kann Piraten, Bloggern und anderen Revolutionären mit höherem Coolness-Faktor versichern: Die Welt ist nicht digital, sondern analog. Das merkt man, wenn man mal für ein paar Stunden den Laptop zuklappt, das iPhone abschaltet und aus der Tür geht. Trinkt ein Bier oder einen einen Latte Macchiato mit viel Haselnusssirup, spaziert durch den Park, geht ins Kino, schaut euch einen Sonnenaufgang an oder habt meinetwegen Sex. Das Meiste geht auch digital, ist aber irgendwie nicht das selbe. Und für beide Welten gelten die gleichen Regeln: Seid nett zueinander und lasst die Finger von Sachen, die euch nicht gehören.

Auf so putzige Gedanken kann man vielleicht nur kommen, wenn man ein Dinosaurier ist. Wenn das Alter aber ein Argument sein soll, will ich wenigstens darauf hinweisen, dass wir Dinosaurier schon mit knarzenden Modems durchs frühe Internet gerumpelt sind, als die coolen Piraten von heute noch analoge Panini-Bildchen getauscht haben.

 

Durch die Digitalisierung haben sich die Produktionsmittel und Vertriebswege demokratisiert. Das finde ich auch prima. Aber glaubt doch nicht, daß früher alles schlechter war. Es gab schon ein Leben vor dem Internet, und das war auch schon ziemlich demokratisch, nur halt analog. Musiktausch und Bootlegs gab’s auch damals, es gab Indie-Labels und Plattenläden samt Leuten darin, die Ahnung hatten. Die Rock Family Trees zum Beispiel gab es schon vor 30 Jahren, und die sind ziemlich cool. Heute gibt es sie auch im Internet als eine Art elektronische Faksimile der alten Drucke. Sinnigerweise hat die Netzkultur bis heute keine eigene Variante davon entwickelt, die die neuen technischen Möglichkeiten nutzt.

Bloß, auch wenn es toll klingt, mit Demokratie hat all das weniger zu tun, sondern mit Technik. Was sich verändert hat, ist die Möglichkeit, jederzeit und ohne Aufwand größtmögliche Mengen an Musik und Filmen zu kopieren. Die Kopiererei war auch früher nicht schön, hielt sich aber in Grenzen, die die analoge Realität zog: Erstens mußte man jemanden finden, bei dem man kopieren konnte, zweitens kosteten Musikcassetten Geld, drittens mußte man fürs Kopien einen leichten Qualitätsverlust in Kauf nehmen. Wenigstens konnte man, wenn man einen Gedanken daran verschwendete, sein Gewissen etwas damit beruhigen, dass ja für jede Leerkassette eine Art symbolischer Entschädigung an die Verwertungsgesellschaften und die Künstler gezahlt wurde.

„Genau!“ rufen da die Kopierer von heute, das tun wir ja auch. Genau, bloß passt auf eine Festplatte von heute wesentlich mehr als auf eine Kassette von damals, und wenn man danach die Abgabe berechnen würde, gäbe es ein ziemliches Geschrei.

 

Es ist doch nicht unsere Schuld, wenn die Industrie sich kein vernünftiges Bezahlsystem ausdenkt. Als gäbe es keinen iTunes-Store oder Online-Videotheken. Klar muss da noch vieles anders werden, aber was soll mit dem Argument eigentlich gerechtfertigt werden? Ich komme einfach nicht drauf … Und so lange muss ich einfach akzeptieren, dass die Industrie vielleicht einfach nichts verkaufen möchte, was zwar dumm wäre, aber ihr gutes Recht, nicht aber mein Recht, dieses Recht in die eigenen Hände zu nehmen. Vielleicht habe ich aber nur etwas grundlegend falsch verstanden, weil ich mich geistig in der falschen Welt bewege. Für die digitale Bohème gelten andere Regeln. Nämlich:

 

Kopieren ist kein Diebstahl. Das ist das tollste Argument von allen: Wer klaut, nimmt einem anderen etwas weg, und der steht dann mit leeren Händen da. Der moderne Pirat aber kopiert. Da hat der andere sein Original noch, nur ist es jetzt doppelt da. Wer kopiert, tut also sogar Gutes für die Welt.

Darüber kann man sich freuen, hat den Unterschied zwischen digital und analog aber nicht begriffen – beziehungsweise, dass es keinen Unterschied gibt. Wenn ich mir in der analogen Welt ein Buch kaufe oder eine Schallplatte, bezahle ich nicht für das Trägermaterial. Was will ich auch mit einem Stapel Papier, der noch dazu auf beiden Seiten bedruckt ist? Oder mit einem Klumpen Vinyl, den jemand zu einer Scheibe gepreßt hat? Ich bezahle für eine Geschichte, die ich lese, oder für Lieder, die ich hören will (weshalb auch bei Neuerscheinungen zehn bis zwölf Lieder auf CD mehr kosten als ein Film auf DVD, obwohl die Hülle kleiner ist). In der digitalen Welt entfallen Papier und Plastik, was mich freut, weil ich nun weniger Platz im Regal brauche. Das, wofür ich zahle, bleibt aber dasselbe. Und ich bezahle das, weil ich die Arbeit des Künstlers respektiere und möchte, dass er noch mehr davon produziert, was er aber nur kann, wenn er nicht Pizza ausliefern muss, um seine Miete zu bezahlen, weil seine Werke ja zum Wohl der Welt an ihm vorbei vervielfältigt werden.

Denn wer jetzt richtig aufpasste, hat längst begriffen, dass die Sache mit dem Vervielfältigen das eigentliche Geschäft ist. Der Musiker, der ein Lied komponiert, um es zu verkaufen, verkauft ja gar nicht das Lied, sondern gibt auch nur eine Kopie weiter – ob nun als Schallplattenrille oder als Internetstream. Das Lied hat er ja trotzdem noch. Mit der Kopie verdient er sein Geld. Wenn nun ein Pirat Kopien dieses Lieds weitergibt, behält der Künstler ebenfalls sein Original. Nur kann der Künstler eben an einige Leute keine Kopien mehr verkaufen. Er verdient also weniger Geld. Und das ist es, was der Pirat ihm mit der Kopiererei wegnimmt.

Es ist nicht leicht, das besonders denen zu erklären, die wohl am eifrigsten kopieren. Der Musiker und Schauspieler Jack Black hat’s auf die lockere Art versucht, doch lest mal die Kommentare. Aber selbst wenn einer mal richtig zuhören würde – wie sollen Halbwüchsige die Grundzüge ökonomischer Zwänge verstehen? Wo doch grade mal jeder Dritte selbst sein Geld für den Spaß verdient. Unterkunft und Verpflegung sind noch umsonst, die Wäsche macht Mutti, Vati schafft das Taschengeld heran (jedenfalls im Rollenverständnis der Dinosaurier), und der Strom für den Rechner kommt aus der Steckdose.

Schlimm wird’s aber, wenn auch, wer es besser wissen sollte, nichts davon wissen will. Komischerweise geht diese wohlfeile Mischung aus Exkulpation und Bigotterie meist nur bis zur eigenen Geldbörse. Die selbsternannte „Hymne der freien Kultur“, der tolle Clip über die Segnungen des wilden Kopierens am Anfang dieses Abschnitts, ist ein gemeinsames Werk des Komponisten Nik Phelps und der Animationskünstlerin Nina Paley. Letztere nimmt die Sache wirklich ernst. Ihren eigenen Film „Sita Sings the Blues“ verbreitet sie umsonst im Netz. Ihr Partner aber verdient sich mit seiner Musik vermutlich seinen Lebensunterhalt, jedenfalls verkauft Phelps auf seiner Website seine neue CD. Für 16 Dollar. Wieso eigentlich? Kann man doch kopieren.

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Interview mit Antoine Monot, Jr.

Antoine Monot Jr, | © Stefanie Ziellessen

Elmira Rafizadeh sprach mit dem Schauspieler, BFFS-Vorstand und Produzent über Schauspieler als „Markenprodukt“, Facebook, angemessene Vergütung und den DEUTSCHEN SCHAUSPIELERPREIS.

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Auszüge:
Hierzulande haben wir Schauspieler größtenteils noch nicht kapiert, wer wir sind, und zwar als Marke gedacht. (…) Alle haben immer diese Angst davor: „Ich will auf gar keinen Fall immer das gleiche spielen”. Diese Ansicht widerspricht im Grunde allen marktwirtschaftlichen Gegebenheiten.

Wir Schauspieler versuchen genau das Gegenteil. Wir versuchen unsere Kunden zu überzeugen, dass wir nicht nur Salat haben, sondern auch Burger und Pizzen und Calamari-Ringe und Haxe und ein bisschen Italienisch auch noch. (…) Das Hauptproblem ist, dass wir uns nicht als Produkt begreifen, sondern unsere ureigenste Erfüllung erleben wollen.

Ein wichtiger Gedanke ist dann auch, wer unsere Zielgruppe ist. Das Publikum oder die Branche? Sind wir ein Business-to-Consumer oder ein Business-to-Business-Unternehmen? Business-to-Consumer heisst, dass das Publikum unsere Zielgruppe ist. Ist dem aber wirklich so? Oder ist unser potentieller Arbeitgeber unsere Zielgruppe? Ich glaube, wir müssen uns darüber noch sehr viele Gedanken machen.

Dann kommen immer mehr Schamützel auf wie „Ist ja eine Auftragsproduktion” oder „Ist eine Co-Produktion”. Es ist mir völlig egal, ob Auftrags- oder Co- oder ausgegliederte Produktionsfirma. Am Ende des Tages hängt trotzdem ein öffentlicher Sender mit drin.
(…) Jetzt kann man sich fragen, darf denn der Staat Tarifbruch unterstützen?

Anmerkung Redaktion:
Im Kommentier-Bereich freuen wir uns über Eure Meinungen zum gesamten Interview.
Eine lebhafte Diskussion ist jederzeit willkommen.

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Faire Geschäfte

Seit über zehn Jahren spielt Nina Hoss ständig die Hauptrolle in den Filmen von Christian Petzold. Hinter der Kameralinie sieht es nicht viel anders aus. Auch das ist ein Zeichen, dass die Arbeitsbedingungen stimmen. | Foto © Christian Schulz, Piffl Medien

Wer mal echten „Production Value“ sehen will, sollte zur Zeit ins Kino gehen. Da läuft seit Donnerstag Christian Petzolds neues Drama „Barbara“, für das der Regisseur auf der diesjährigen Berlinale einen „Silbernen Bären“ erhielt und das auch sonst die Kritiker verzückte.

Das allein macht den Film aber nicht so herausragend, dass ich hier noch mal darauf hinweise, sondern ein anderer Preis, der ebenfalls auf der Berlinale vergeben wird. Nur wird darüber weniger berichtet, weil die meisten auf die Leinwände und roten Teppiche starren und mit der Arbeit am Set nicht so viel anzufangen wissen wollen. Der „Hoffnungsschimmer“ ist nämlich eine Auszeichnung, die von der Bundesvereinigung Die Filmschaffenden verliehen wird. Das ist die Dachorganisation von 14 Berufsverbänden der Branche, und dementsprechend trocken, weil praxisbezogen, ist das, was da gelobt wird: die Arbeitsbedingungen. Der „Hoffnungsschimmer“ ist für eine Produktion bestimmt, die sich vorbildlich an Gagen, Arbeitszeiten und -bedingungen gehalten hat – also eigentlich etwas Selbstverständliches im Drehalltag umsetzt, weshalb das Ganze ein Preis ist, den es eigentlich nicht geben sollte. Weiterlesen

Muß es anscheinend aber doch. Oder soll es. Denn im vorigen Jahr, als die Bundesvereinigung ihren neuen Preis vorstellte, erklärte sie dazu, ein positives Zeichen setzen zu wollen. Grund und Beispiele zum Nörgeln gibt es ja genug. Allerdings war es damals nicht ganz einfach gewesen, einen Preisträger zu ermitteln. Für die erste Auszeichnung waren nur wenige Produktionen in die engere Auswahl gekommen.

Im zweiten Jahr legte man die Entscheidungsfindung breiter an und tat sich deshalb mit dem Netzwerk Crew United zusammen. Im Internet konnten Mitglieder von Cast und Crew aus 668 Film- und Fernsehproduktionen, die übers Jahr entstanden waren, denjenigen anonym Schulnoten geben, an denen sie mitgewirkt hatten. Fünf landeten auf der Nominierungsliste. Aus diesen wurde schließlich durch eine E-Mail Befragung aller Team-Mitglieder der Gewinner ermittelt: Mit einer Durchschnittsnote von 1,0 wurde „Barbara“, eine Produktion der Schramm Film, Koerner & Weber, zur fairsten Film- und Fernsehproduktion 2011 gewählt – die anderen vier lagen auch nicht so weit hinter dem Klassenbesten.

Soweit ist das also eine feine Sache, und ich habe ja eingangs schon gemeckert, dass das noch zu wenige wirklich interessiert, obwohl Filme nicht auf dem roten Teppich oder den Empfängen der diversen Fördereinrichtungen und Fernsehsender entsteht. Doch warum sollen Bürokraten, Kritiker oder gar das Publikum sich für etwas interessieren, was selbst den meisten Filmschaffenden egal zu sein scheint, obwohl es sie unmittelbar angeht? Rund 22.000 Filmschaffende sind bei Crew United registriert, etwa 2.500 in der den Verbänden der Bundesvereinigung organisiert – doch gerade mal 1.400 machten bei der Abstimmung mit. Ein bisschen mehr Engagement an der Basis wäre sicherlich noch nötig, um einen Preis wie den „Hoffnungsschimmer“ tatsächlich überflüssig zu machen.

Was sind nun diese „fairen Arbeitsbedingungen“? Dass die Honorare stimmen und die Arbeitszeiten eingehalten werden, klar. So klar aber anscheinend doch nicht, wie immer wieder aus Erfahrungsberichten in der Branche herauszulesen ist. Auch das ist der Sinn des „Hoffnungsschimmer“: Auf diesen Missstand hinzuweisen und dass der Begriff „Low Budget“ längst nicht so romantisch ist, wie das auf manchen, der nicht unter solchen Bedingungen arbeiten muss, wirken mag. Es geht aber nicht nur um Zeit und Geld, das stellte auch Dorissa Berninger, Produktionsleiterin bei „Barbara“ in ihrer Dankesrede klar: „Das Problem ist die Haltung und der Respekt.“ Das betrifft nicht nur manche böse Produktionsfirma: Die eigentliche Arbeit am Film findet in den Feuilletons noch immer zu wenig Beachtung (was ich jetzt schon zum dritten Mal anmerke – mag nerven, ist aber so).

In anderen Branchen ist das anders. Da kann der falsche Umgang mit den Mitarbeitern, wenn er öffentlich wird, sogar die Existenz eines Unternehmens gefährden. Und die Fluktuation der Mitarbeiter ist auch ein Qualitätsmaßstab für die Unternehmenskultur.

Dieses Kriterium passt auch auf „Barbara“ – beziehungsweise Christian Petzold: Mit den meisten seiner „Heads of Department“ arbeitet der Regisseur seit vielen Jahren zusammen. DoP Hans Fromm hat bislang alle seine Filme fotografiert, Nina Hoss spielte  seit 2001 die Hauptrolle in allen Kinoproduktionen, nicht anders sieht es bei Montage, Musik und Szenenbild aus…

Nachdenklich machte mich lediglich der Schlußsatz in der Rede der Produktionsleiterin: „Wir werden immer Filme unter Tarif machen, sonst könnten wir sie nicht machen.“ Wahrscheinlich muss sie das sagen, weil sie auch mal wieder über Produktionen verhandeln muss, bei denen das Budget mehr als knapp ist. Und weil sie als Produktionsleiterin die Arbeitsbedingungen in der Branche kennt – die ja letztlich auch die Produktionsfirmen selbst treffen. Allerdings stehe ich nicht am Set, sondern sitze am Schreibtisch. Deshalb frage ich mich, ob es solche Filme, die man nur machen kann, indem man sie unter Tarif macht, tatsächlich geben sollte.

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Ein Interview mit Richard Sammel

Richard Sammel | © Björn Kommerell

Anlässlich der Oscar-Verleihung sprachen wir mit dem in Berlin und Paris lebenden Schauspieler (bekannt u. a. aus „Casino Royale”, „Inglourious Basterds” und ab Mai 2012 in „The Third Half” und in „La Montanha” zu sehen) allen voran über seine internationale Film- und Fernsehkarriere.

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Impressionen Berlinale 2012: Auf Wiedersehen!

Das war die Berlinale 2012: Auf Wiedersehen!
Den feierlichen Höhepunkt einer jeden Berlinale markiert die Vergabe der Bären.
Die Hauptpreise des Festivals, die am letzten Tag der Berlinale durch die Internationale Jury vergeben wurden auf einen Blick:

  • Lobende Erwähnung an | Silberner Bär an L’enfant d’en haut (Sister) von Ursula Meier
  • Alfred-Bauer-Preis – in Erinnerung an den Gründer des Festivals an Tabu von Miguel Gomes
  • Silberner Bär für das Beste Drehbuch an Nikolaj Arcel, Rasmus Heisterberg für En Kongelig Affære (Die Königin und der Leibarzt) von Nikolaj Arcel
  • Silberner Bär für eine Herausragende Künstlerische Leistung aus den Kategorien Kamera, Schnitt, Musik, Kostüm oder Set-Design an Lutz Reitemeier für die Kamera in Bai lu yuan (White Deer Plain) von Wang Quan’an
  • Silberner Bär für den Besten Darsteller an Mikkel Boe Følsgaard in En Kongelig Affære (Die Königin und der Leibarzt) von Nikolaj Arcel
  • Silberner Bär für die Beste Darstellerin an Rachel Mwanza in Rebelle (War Witch) von Kim Nguyen
  • Silberner Bär für die Beste Regie an Christian Petzold für Barbara
  • Silberner Bär Großer Preis der Jury an Csak a szél (Just The Wind) von Bence Fliegauf
  • Goldener Bär für den besten Film an Cesare deve morire (Caesar Must Die) von Paolo & Vittorio Taviani

Die Preisverleihung fan am Samstag, den 18. Februar im Berlinale Palast statt.

Unter dem Vorsitz von Jury-Präsidenten Mike Leigh (Regisseur/GB) brachten als Jury Anton Corbijn (Fotograf/NL), Asghar Farhadi (Regisseur/IR), Charlotte Gainsbourg (Schauspielerin/GB), Jake Gyllenhaal (Schauspieler/USA), François Ozon (Regisseur/F), Boualem Sansai (Schriftsteller/ALG) und Barbara Sukowa (Schauspielerin/D) filmische Leidenschaft und Sachverstand nach Berlin.

www.berlinale.de

Zum Ausklang ein paar Impressionen vom 9. bis 19. Februar 2012 aus Berlin.

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Impressionen Berlinale 2012: Podiumsdiskussion Bundesverband Regie (BVR) – Online-Verwertung von Filmen und Fernsehwerken!

Die traditionelle Berlinale-Podiumsdiskussion des Bundesverband Regie (BVR) widmet sich in diesem Jahr dem brandheißen Thema: Online-Verwertung von Filmen und Fernsehwerken.

Background:
Die Europäische Kommission hat als einen Schwerpunkt der EU-Medienpolitik für die kommenden Jahre die Förderung der transnationalen Vermarktung und Verbreitung sowie die Unterstützung des Auf- und Ausbaus flexibler neuer Vertriebswege im Internet ausgegeben. Außerdem hat die Kommission zu den damit in Verbindung stehenden komplexen technischen, rezeptionsästhetischen, ökonomischen und rechtlichen Aspekten des digitalen Medienumbruchs jüngst ein Grünbuch veröffentlicht und um Stellungnahmen gebeten.

Zentrales Instrument des Vertriebs wie des Konsums von Film- und Fernsehwerken dürfte zukünftig die Online-Verbreitung werden. Es ist wahrscheinlich, dass dies weit über die bereits bestehenden, in Deutschland bisher nur zögerlich angenommenen on Demand-Dienste hinausgehen wird. Die Wahrnehmung von Film- und Fernsehwerken wird in stärkerem Maße jenseits der bisher gewohnten räumlichen und zeitlichen Gebundenheit eines Fernseh- oder Kinoprogramms stattfinden. Darüber sind sich die meisten Fachleute wohl einig. Wenig Einigkeit besteht in der Vorhersage des Tempos und der Art und Weise dieser Veränderung, die am Ende ihrer Entwicklung die Rezeption von Filmen und Fernsehwerken neu gestalten könnte. Dass feste Programmstrukturen zumindest in den nächsten Jahren weiterhin ihre Bedeutung haben werden, ist aber nicht nur für das älter werdende Publikum anzunehmen. Damit wird auch das Programm-Fernsehen sehr wahrscheinlich keineswegs obsolet werden.

Zu diesem aktuellen medienpolitischen Zukunftsfeld standen folgende Fragen im Raum:

  1. Wie, in welchem Umfang, unter welchen Programm- und werkästhetischen Bedingungen und unter welchen wirtschaftlichen und rechtlichen Voraussetzungen kann die online-Distribution von Film- und Fernsehwerken erfolgen?
  2. Werden sich feste Programmformen und -orte auflösen und welche Anordnungen treten an deren Stelle?

Diskutanten von rechts nach links:

  • Dr. Urban Pappi (gf. Vorstand VG Bild-Kunst)
  • Alexander Thies (Vorsitzender ProduzentenAllianz Film und Fernsehen)
  • Ansgar Heveling (MdB, CDU)
  • Helga Trüpel (MdEP, Grüne)
  • Hans W. Geißendörfer (Produzent & Regisseur | BVR)
  • Peter Weber (Justiziar ZDF)

Moderation | Mitte:

  • Jobst Oetzmann (Regisseur, Vorstand BVR)

www.regieverband.de

Hier ein paar Impressionen des Panels vom 14. Februar in der Landesvertretung des Saarlandes.

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Impressionen Berlinale 2012: 15 Jahre Shooting Stars!

Zum 15. Mal wurden die Shooting Stars – anlässlich der Berlinale 2012 – vergeben.
Nominiert waren 23 junge Schauspieler, von denen die Jury, der dieses Jahr auch die deutsche Casting Direktorin Simone Bär angehörte, zehn Talente auswählte. SHOOTING STARS wird unterstützt vom MEDIA Programme der EU.

Dieses Jahr sind die folgenden Schauspieler/innen zum Shooting Star 2012 gekürt worden:

  • Anna Maria Mühe (Deutschland)
  • Adèle Haenel (Frankreich)
  • Ana Ularu (Rumänien)
  • Bill Skarsgård (Irland)
  • Antonia Campbell-Hughes (Schweden)
  • Isabella Ragonese (Italien)
  • Jakub Gierszal (Polen)
  • Max Hubacher (Schweiz)
  • Riz Ahmed (Großbritanien)
  • Hilmar Gudjósson (Island)

Wir gratulieren besonders Anna Maria Mühe und ihrer Agentur fitz+skoglund.

Die deutschen Shooting Stars der vergangenen Jahre waren:

  • 1998 Franka Potente, Jürgen Vogel
  • 1999 Maria Schrader, Moritz Bleibtreu
  • 2000 Nina Hoss, August Diehl
  • 2001 Heike Makatsch, Benno Fürmann
  • 2002 Antonio Wannek
  • 2003 Daniel Brühl
  • 2004 Maria Simon
  • 2005 Max Riemelt
  • 2006 Johanna Wokalek
  • 2007 Maximilian Brückner
  • 2008 Hannah Herzsprung
  • 2009 David Kross
  • 2010 in diesem Jahr wurde kein Shooting Star aus Deutschland gekürt
  • 2011 Alexander Fehling

www.shooting-stars.eu

Hier ein paar Impressionen des Auftritts der 10 Nachwuchstalente im Rahmen des Empfangs der Film und Medienstiftung NRW vom 12. Februar in der Landesvertretung des Landes Nordrhein-Westfalen.

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Impressionen Berlinale 2012: Romantik-Kurzfilm Award BLAUE BLUME

Unter dem Motto „Wir suchen Liebe” den Romantik Award BLAUE BLUME trat der Filmpreis für romantische Kurzfilme – anlässlich der Berlinale 2012 und passend zum Valentinstag – erstmals ins Leben.
Die Expertenjury (Eva Habermann, Andrea Sawatzki u.a.) aus zahlreichen Einreichungen aus dem Genre Romantik entschieden: Zu den Anwärtern für die BLAUE BLUME 2012 gehören die Nachwuchs-Filmemacher und wurden wie folgt geehrt:

1. Platz: Enno Reese („Zwei Zimmer, Balkon“, 30 min)
5.000 Euro und hochwertiges Kamera-Equipment im Wert von 4.500 Euro

2. Platz: Maximilian Engert („Durch die Blume“, 13:40 min)
1.000 Euro

3. Platz: Luca Zamperoni („Lasagne“, 12:50min)
500 Euro

Die Filmproduzentin und Schirmherrin des Awards Prof. Regina Ziegler überreichte die Preise!
Moderation: Alexander Mazza (Agentur Kick)

www.blaueblume.tv

Hier ein paar Impressionen von der Preisverleihung vom 14. Februar aus dem historischen und romantischen Frühstückssaal am Potsdamer Platz!

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Impressionen Berlinale 2012: Diskurs Deutsche Akademie für Fernsehen (DAfF) – Stell Dir vor, es ist Quote und keiner zahlt!

Unter dem Thema „Stell Dir vor, es ist Quote und keiner zahlt!“ – anlässlich der Berlinale 2012 – hat die Deutsche Akademie für Fernsehen (DAfF) zum Diskurs geladen.

Keynote:

  • Hans Zischler (Schauspieler)

Diskutanten von rechts nach links:

  • Aelrun Goette (Regisseurin)
  • Claudius Seidl (Journalist FAZ)
  • Bettina Reitz (Geschäftsführerin der Degeto Film | ab Juni 2012 Fernsehdirektorin des BR)
  • Hubertus von Lobenstein (Partner bei der Berliner Werbeagentur Aimaq von Lobenstein)

Hubertus Meyer-Burckhardt (Geschäftsführer der Polyphon-Gruppe) konnte leider nicht kommen.

Moderation in der Mitte:

  • Lutz Hachmeister (Direktor des Instituts für Medien und Kommunikationspolitik | IfM)

Die Akademie versteht sich als „die Stimme der Fernsehschaffenden in der öffentlichen Diskussion über die Medien und ihre Inhalte“.
Sie will ein Bewusstsein schaffen für die kreativen und künstlerischen Leistungen derjenigen, die Fernsehprogramme gestalten:
www.deutscheakademiefuerfernsehen.de

Hier die Keynote und ein paar weitere Impressionen der interessanten Diskussion vom 13. Februar im NH Hotel.

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Impressionen Berlinale 2012: Deutscher Schauspielerpreis

Der Deutsche Schauspielerpreis wurde vom Bundesverband der Film- und Fernsehschauspieler (BFFS) – anlässlich der Berlinale 2012 – zum ersten Mal vergeben: Sieben Preise von Schauspielern allen voran für Schauspieler.
“Inspiration” war hier das vordergründige Leitmotiv: Kollegen, die uns durch ihre Arbeit und den entsprechenden Rollen inspirieren.

Die Preisträger 2012:

  • Beste Nebendarstellerin: Dagmar Manzel (für “Zettl” und “Die Unsichtbare”)
  • Bester Nebendarsteller: Ulrich Noethen (für “Die Unsichtbare”)
  • Beste Hauptdarstellerin: Petra Schmidt-Schaller (für “Das geteilte Glück”)
  • Bester Hauptdarsteller: Stefan Kurt (für “Dreileben”)
  • Ehrenpreis: Kulturstaatsminister Bernd Neumann
  • Ehrenpreis Lebenswerk: Katharina Thalbach
  • Überraschungspreis | Kategorie Nachwuchs: Alina Levshin („Kriegerin“)

Nominiert waren:

  • Beste Nebendarstellerin: Jasna Fritzi Bauer, Dagmar Manzel, Lisa Wagner
  • Bester Nebendarsteller: Justus von DohnÁnyi, Marcus Mittermeier, Ulrich Noethen
  • Beste Hauptdarstellerin: Steffi Kühnert, Petra Schmidt-Schaller, Katja Riemann
  • Bester Hauptdarsteller: Olli Dittrich, Milan Peschel, Stefan Kurt

Die Jury bestand aus folgenden Schauspielern:

  • Tim Bergmann
  • Hans-Werner Meyer
  • Antoine Monot
  • Thomas Schmuckert
  • Stefanie Stappenbeck
  • Jasmin Tabatabai

Durch den Abend führten:

  • Stefanie Sick van Hees
  • Antoine Monot (Vorstand BFFS)

Vorwort | Begrüßung:

  • Klaus Wowereit

Laudatoren:

  • Ulrich Höcherl, Chefredakteur Blickpunkt Film
  • Anja Kling, Schauspielerin und Autorin
  • Peter Lohmeyer, Schauspieler
  • Anna Loos, Schauspielerin und Sängerin
  • Prof. Jobst Plog, ehemals Intendant des NDR, BFFS-Beirat
  • Detlef Buck, Schauspieler, Drehbuchautor, Regisseur
  • Alina Levshin, Schauspielerin

Musikalische Einlagen:

  • Jasmin Tabatabai und Band
  • Leon Schmuckert & Vater Thomas Schmuckert

Die wirklich gelungene, bewegende und kurzweilige Verleihung dauerte ca. 2 Stunden. Die Aftershowparty ging bis in den Morgen.

Im Mittelpunkt unseres Beitrages haben wir Katharina Thalbach und Ihrem Laudator Detlev Buck den roten Teppich ausgerollt!

Hier ein paar Impressionen von der Verleihung am 12. Februar im Maritim!

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Impressionen Berlinale 2012: Preisverleihung Hoffnungsschimmer

Für faire Produktionsbedingungen wurde von der Bundesvereinigung der Filmschaffenden Verbände zum zweiten Mal der Preis „Hoffnungsschimmer“ – anlässlich der Berlinale 2012 – vergeben.

22.000 Filmschaffende konnten über das Netzwerk crew united ihre fairsten Film- und Fernsehproduktion, bei der sie mitgewirkt haben, bewerten. Ca.1.400 Filmschaffende nutzen diese Möglichkeit aus 668 Filmen ihre fairste Produktion auszuwählen. 5 Filme wurden nominiert.

Preisträger 2011: Barbara von Christian Petzhold | Produktionsleitung: Dorissa Berninger Wettbewerb Berlinale 2012 | Kinostart: 8. März 2012

Hier ein paar Impressionen vom 11. Februar in der Vertretung des Landes Baden Württemberg.

Die auftretenden Personen in chronologischer Reihenfolge:

* Marion Kracht (Schauspielerin, Laudatorin)
* Rolf Becker (Schauspieler, Laudator)
* Florian Koerner von Gustorf (Produzent | Schramm Film, Koerner & Weber von „Barbara“)
* Dorissa Berninger (Produktionsleiterin von „Barbara“)
* Angelika Krüger-Leißner (medienpolitische Sprecherin der SPD Bundestagsfraktion)

www.die-filmschaffenden.de


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Impressionen Berlinale 2012: Peugeot-BVC-Casting Night 2012

Bei der Peugeot-BVC-Casting Night – anlässlich der Berlinale 2012 – feierte der Bundesverband Casting (BVC) mit seinen Gästen und dies bereits zum dritten Mal.
Auf dem roten Teppich wurden die Gäste zunächst vom Blitzlichtgewitter der Presse begrüßt. Für eine hervorragende Betreuung sorgten allen voran die Casting Directors Anja Dihrberg und Gitta Jauch, die selbstverständlich alle Gäste (nicht nur die Schauspieler) namentlich nennen konnten.
Im darauffolgenden Raum standen alle anderen Mitglieder des BVC respektvoll zur Begrüßung im Spalier.
Der BVC wurde 2003 gegründet und vertritt die Interessen der Casting Directors aus dem deutschsprachigen Raum – tätig in den Bereichen Kino, Fernsehen, Theater und Werbung.
Er umfasst aktuell 36 aktive Mitglieder.
Neu im Verband ist Kristin Diehle (Casting Director aus Düsseldorf).
Hier ein paar Impressionen vom 11. Februar in der Vertretung des Saarlandes beim Bund!

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Impressionen Berlinale 2012: crew call

Mit dem crew call trifft sich die virtuelle Filmgemeinschaft auch in der realen Welt und dies seit 5 Jahren.
Die Veranstaltung fand am 9. Februar im HBC parallel zur offiziellen Eröffnungsgala statt.
Der crew call ist eine Veranstaltung von crew united und schauspielervideos in Kooperation mit cinearte.

www.crew-united.com | www.schauspielervideos.de | www.cinearte.net

Hier ein paar Impressionen!

Weitere Informationen zum crew call 2012:
Artikel in der Berliner Zeitung: Beziehungen auf der Berlinale: Ich bin dein Netzwerk

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Video-Protest: Wettbewerbsfilm zum 99Fire Films Award kritisiert Wettbewerb selbst

Der 99-Fire Films Award findet dieses Jahr zum 4. mal im Rahmen der Berlinale statt.

Die Facts:
Glamour, Schein, Blitzlichtgewitter: eine wirklich tolle Veranstaltung mit internationalen Sponsoren wie u.a. McDonald’s (2011) oder Fiat (2012).
Renommierte Jury bestehend aus „Constantin Film” Geschäftsführer Torsten Koch, Schauspielerin Bettina Zimmermann, Schauspieler Kai Wiesinger, Modedesigner Wolfgang Joop, Regisseur Leander Haußmann, Schauspieler Wotan Wilke Möhring, Schauspielerin Natalia Avelon, Schauspieler Roman Knizka und „Myvideo” Geschäftsführer Manuel Uhlitzsch.

Mitmachen kann laut eigenen Angaben der Veranstalter jeder Hobbyregisseur, Filmverrückte, Werber, Student, kreative Kopf mit Wohnsitz in Deutschland, Österreich oder der Schweiz. Die Filmemacher kriegen unter einem Wortspiel-Motto (letztes Jahr bspw. „Kaffee”) die Gelegenheit, in exakt 99 Stunden einen Film zu konzipieren, zu drehen und zu schneiden, der wiederum genau 99 Sekunden lang sein darf. Der Gegner: Die Zeit.

1. Preis – „Bester Film” erhält 9.999 €
2. Preis – „Beste Kamera” erhält 999 € für eine Teamparty
3. Preis – „Beste Idee” erhält 999 € für eine Teamparty
„Publikumspreis” powered by MyVideo erhält 999 € für eine Teamparty.

Jubelndes Publikum, feine Party, beste Verköstigung und und und. Aber wie sieht es hinter den Kulissen tatsächlich aus? Damit hat sich ein Bewerber-Team dieses Jahr näher beschäftigt. Weiterlesen

Im vergangenen Jahr habe ich die Preisverleihung selber live miterlebt. Gutgläubig wie ich bin, war ich begeistert über die wunderbaren hochprofessionellen Clips, die nominiert waren. Ein phantasiereicher Mix aus allen Genres konnte bestaunt werden. Meine persönlichen Favoriten darunter:

ONCE UPON A COFFE
PULS DER ZEIT (Gewinner „beste Kamera 2011”)

Generation „Aufklärung via Facebook” belehrte mich dann eines besseren! Vor einigen Tagen kursierte bei Facebook der oben verlinkte Spot „Wir bitten um eure Aufmerksamkeit”. Hier haben junge Filmemacher Modalität und Teilnahmebedingungen vom „99Fire Films Award” im Hinblick auf die Filmrechte mal etwas genauer unter die Lupe genommen. Ihre Erkenntnisse sind im 99 Sekunden langen Clip – den sie zum Wettbewerb eingereicht haben – eindeutig dargestellt.

Ich bin sehr gespannt, ob die offene und kritische Botschaft es in den Kreis der Nominierten schafft, bzw. ob die Entscheidungsträger sich einen solchen Riss ins Image der glanzvollen Veranstaltung erlauben möchten.
Alternativ gibt es ja in manchen Bereichen erfreulicherweise noch ein Mitspracherecht durchs Volk. So können wir auch hier in der Kategorie „Publikumsvoting” am heutigen Tag unter 99 ausgewählten Clips mit wählen. Ob diese schöne Offenbarung der jungen Filmemacher unter die 99 kommt, ist noch offen.

Ab 15 Uhr (Freitag, 10.02.2012) ist Voting-Start. Infos dazu hier!

Ich finde dieser Beitrag hätte es verdient, oder?

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Innovatives Serienpotential: Privatsender vs. Öffentlich-Rechtliche

Anja Kling & Britta Hammelstein sind "Hannah Mangold & Lucy Palm" | Foto: © SAT.1 Wolfgang Wilde, Bernd Jaworek

Sat.1 ist mit „Danni Lowinski“ und „Der letzte Bulle“ die Zuschauerbindung und Image-aufwertung im Bereich Deutsche Fiction erfolgreich gelungen. Erfreulich zu sehen ist, dass dieser Kurs weiter angesteuert wird. Im Januar erblickten zwei neue Piloten das Licht der Fersehgeräte: „Hannah Mangold & Lucy Palm“ sowie „Wolff – Kampf im Revier“.

Ich persönlich schaltete ohne große Erwartungen zufällig letzte Woche Dienstag ein, als „Hannah Mangold und Lucy Palm“ als 90-minüter zur Prime-Time auf Sendung ging. Was sich meinem geschulten und sicherlich auch Krimi-übersättigten Auge da aufbot, glich fast einer Erleuchtung. Weiterlesen

Endlich wieder ein neues Serienhighlight, war mein erster Gedanke. Das gesamte Packet stimmt. Nicht nur Look, Qualität und inhaltlicher Erzählbogen, sondern insbesondere das blendend aufgelegte Ensemble (Casting: Suse Marquardt / BVC) beeindruckt durch vielschichtige Figurentiefe, Humor und Biss. Burn-Out-frisch-aus-der-Psychiatrie-Komissarin mit übersinnlichen Intuitionen (Anja Kling) trifft auf toughe lümmelhafte Gören-Kollegin (Britta Hammelstein). Beide eigensinnig, verstört und doch irgendwie empathisch. Helden-Figuren, wie man sie sonst nur aus amerikanischen Vorbild-Serien kennt und bewundert. Aneckend, ambivalent und sexy. Britta Hammelstein gilt hierbei als „die Entdeckung“ in ihrer Rolle als Lucy Palm und „macht die Serie sehenswert“ laut Fokus.

Ein „Mix aus The Mentalist und Irre“ beschreibt die Süddeutsche, „Diese Ladys bieten allerbeste Krimikost“, sagt TV Direkt, „Ungewohnt und aufregend gut“, findet TV Spielfilm, „Mit Hannah Mangold & Lucy Palm könnte dem Sender wieder Serienpotenzial gelingen(…) Verblüffende Szenen und rotzfreche Dialoge“, urteilt Focus weiterhin.

Astrein, dachte ich. Die Presse ist auch auf meiner Seite, dann kann ja nichts mehr schief gehen, wenn es da nicht dieses gewisse böse Orakel namens Quote geben würde, das über uns schwebt. Die Ernüchterung folgte am nächsten Morgen: Lediglich 2,98  Mio Zuschauer mit einem Marktanteil von 9,2 %. Übersetzt: Zu wenig! Im Umfeld von „Um Himmels Willen“ und „In aller Freundschaft“ (ARD), „Die Simpsons“ (Pro 7), „CSI: Miami“ (RTL) oder „Daniela Katzenberger“ (VOX) ist es „Hannah Mangold und Lucy Palm“ nicht gelungen sich durchzusetzen. Tragisch!

„Der Zuschauer kriegt was er verdient“, habe ich mal hier gelesen. Aber wie lange kann es noch angehen, dass wir von hirnamputierten Katzenberger-Sendungen und Dschungel-Camps regiert werden? Innovative Angebote wie dieser Pilot sind wahre Schätze, nach denen wir uns doch immer sehnen. Generation Wut-Bürger schimpft hierzulande immer gerne und lauthals über das schlechte Fersehprogramm, aber wenn es dann endlich mal ein Häppchen Feinkost gibt, wird doch lieber der gewohnte Cheesburger  konsumiert.

Gut, die Ergebnisse einer Quote sind ansich ja nicht mehr zeitgemäß, wenn man bedenkt, dass nur anhand von 5.100 Haushalten die Fernsehgewohnheiten aller Deutschen ermittelt werden. Darüber hinaus werden nicht-EU Bürger gar nicht erst mit gezählt, Hotels, Public Viewings, versetztes Fernsehen, Internet u.s.w. auch nicht. Wir berichteten darüber bereits im cn-special „Die Einschaltquote“. Oder gut zusammengefasst auch im cn-klappen Interview mit Regisseur Hans Weingartner. Ich persönlich bin also ohnehin eine Kritikerin der allgegenwärtigen Quoten Erhebungs-Methode, die von ihren Wurzeln an schon nicht mehr repräsentativ ist. Aber das ist eine andere Baustelle.
Wir müssen mit diesem herrschenden Übel wohl vorläufig noch auskommen.

Aber wie geht es nun weiter? Vorgestern kam die Pressemeldung, dass „Hannah Mangold & Lucy Palm“ dennoch eine zweite Chance erhalten. „Wolff – Kampf im Revier“ wird dagegen keine Fortsetzung erleben. Eine verwunderliche Entscheidung, wenn man bedenkt, dass die Quote von Wolff sogar ein wenig besser war.
SAT.1-Geschäftsführer Joachim Kosacks Statement dazu: „Das positive Presse-Echo, die erneut hohe Qualität der weiteren Bücher und unsere intensive Marktforschung haben uns überzeugt: Wir glauben an das Format und die grandiose Besetzung der Hauptfiguren. Deshalb haben wir einen zweiten Teil von „Hannah Mangold & Lucy Palm“ in Auftrag gegeben“.

Schulterklopfen bei Sat.1, große Freude bei der schon entstandenen Fan-Base und allen Mitwirkenden. Ein Privatsender als großer Widerstandskämpfer gegen die Quote??? Eigentlich absurd, oder? Allerdings! So sehr man es sich auch wünschen würde, aber aus reiner Nächstenliebe und Idealismus ignoriert kein wirtschaftlich orientiertes Unternehmen den Quotenwettbewerb. Die Quote ist die heiligste Währung der Programmmacher. Und man kann es ihnen auch nicht übel nehmen. Anders als die gepolsterte Lage der Öffentlich-Rechtlichen Sender mit mehr als 7 Milliarden € GEZ Einnahmen existieren Privatsender über den Verkauf von Werbung. Je besser die Quote, desto mehr Werbung und desto teurer je nach Sendeplatz. 20.15 Uhr heißt auch nicht umsonst Prime-Time, denn da sitzen die Meisten Deutschen vor der Glotze und der Rubel rollt.

Nun finden die Dreharbeiten zum nächsten 90-minüter von Hannah und Lucy bereits am 14. Februar bis 15. März 2012 in Berlin und Umgebung unter der Regie von Florian Baxmeyer statt. Bei dem kurzen Vorlauf liegt natürlich die Vermutung nahe, dass sämtliche Vorbereitungen schon längst im Gange waren. Das Drehbuch steht, Regisseur, Cast, Settings u.s.w. zaubert niemand mal eben innerhalb einer Woche aus dem Hut. So würde ein Abbruch des laufenden Prozesses wohlmöglich noch größere finanzielle Schäden bedeuten, sodass man dem ganzen noch die besagte Chance gibt. Die Ausstrahlung ist im Herbst geplant. Wenn dann wiederholt dürftige Quoten aufkommen, bedeutet das mit Sicherheit das endgültige aus der Sendung. Also nicht zu früh freuen, denn von einer seriellen Fortsetzung ist noch nirgends die Rede. Man darf erstmal auf die Ergebnisse der nächsten Folge blicken und Daumen drücken.

Positiv zu bewerten ist jedenfalls, dass die großen Privatsender mit ihren neuen Serien nach und nach ein sehr anschauliches und eigenes Serien-Profil aufbauen. Es ist mir ein Rätsel, warum unsere Öffentlich-Rechtlichen Programme, die gegenüber Privatsendern  ganz andere finanzielle Sicherheiten haben, gleichwertige Entwicklungen nicht zustande kriegen. Stattdessen wurde 2011 starkbrüstig für die neuen ARD Vorabend-Krimis „Heiter bis tödlich“ geworben. In dem Satz stimmt nur das Wort „neu“ nicht so ganz. Gut und schön, dass unser Heimat-Krimi-Dirndl-Potential noch immer nicht ausgeschöpft ist und die ARD für deutsche Fiction diesen Programmplatz adelt, aber was uns fehlt ist doch am aller wenigsten noch mehr Krimis!!!
Im Fahrwasser von – ich hole mal tief Luft – „Tatort“, „Polizeiruf“, „Soko“, „Ein Fall für zwei“, „Der Kriminalist“, „Wilsberg“, „Rosenheim-Cops“, „Notruf Hafenkante“, „Mord mit Aussicht“, „Großstadtrevier“, „Der Staatsanwalt“, „Stubbe“, „Komissar Stolberg“… – aaaausatmen! – frage ich mich: ist bei ARD und ZDF der Finger auf dem Dauer-Kriminalisierungs-Knopf festgeklebt, oder was?

Wir haben nicht einmal eine einzige deutsche Schul-Serie für Nachwuchs und Jugendliche, geschweige denn andere abwechslungsreiche Genres. Sowas wie „Türkisch für Anfänger“ scheint ein Jahrhundertwerk der ARD gewesen zu sein. Obwohl es immerhin zu fünf Staffeln kam, gab es keine vergleichbare Alternative mehr. Auch die mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Mini-Serie „Klimawechsel“ von Doris Dörri gehörte zu den seltenen Kostbarkeiten, die jedoch leider mal wieder spät am Abend versendet wurden. Dabei war die Idee wirklich frisch und kein Abklatsch von…

Stattdessen leben uns die Privatsender die Serien-Innovation vor, die eigentlich Aufgabe des öffentlichen Rundfunks wäre. Obgleich die Privaten sogar einem höheren Risiko ausgesetzt sind. Zugegeben, dort ist Mord und Totschlag nicht weniger im Trend, aber immerhin sind aus „Alarm für Cobra 11“ oder „der Letzte Bulle“ Marken mit Alleinstellungsmerkmal geworden. Bücher, Charaktere, Stil und Stimmung sind auch bei „Countdown“ oder nun bei „Hannah Mangold und Lucy Palm“ in ihrem Umfeld halbwegs einzigartig. Und neben diesen Krimis wagt man sich auch an Sachen wie „Danni Lowinski“, dem Revival von „Der Lehrer“ oder aktuell bei RTL in der Pipeline: „Sekretärinnen“.

Bei einem Tatort oder Polizeiruf dagegen könnte ich beim einschalten erstmal nicht einordnen, welches der zahlreichen Krimis ich mir da grad anschaue, wenn nicht die Komissare bereits bekannt für das jeweilige Produkt wären. Sprich, man könnte genauso ein Buch vom Polizeiruf als Buch für den Tatort anlegen. Oder umgekehrt.

„Das deutsche Fernsehen handele oft nach dem Motto „Wir machen etwas, was wir schon gesehen haben, weil es dann Erfog hat“. In den USA würden Verantwortliche, vor allem bei Kabelsendern, ihren Autoren hingegen eher sagen: „Macht etwas, das wir noch nie gesehen haben“. Das einseitige Schielen auf die Quote sei ein systemisches Problem, das innovativere Formate verhindere.“ laut unserem Kollegen aus dem outtakes Beitrag „Fernsehserien: besser als Kino?“.

Die Quote sei „die Mutter aller Missstände“. Auch wenn ich dankbar für die Nachrichten, Dokus und manchmal erstklassigen Fernsehfilme bin, die uns vorwiegend im ÖR TV geboten werden, sollte das staatliche Fernsehen deutlich nachlegen. Man kann es nicht oft genug schreiben, sagen, denken, schreien, und wieder von vorne.

Ich jedenfalls freue mich nun auf die nächste Folge von Hannah und Lucy und kann jedem nur empfehlen, zur nächsten Ausstrahlung dabei zu sein! Dann steigern wir evtl. auch unsere Chancen auf weitere qualitativ hochwertige Serien. Ob nun bei Sat.1 oder ARD. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

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ZAV Panel: Kellnern bis der Tatort kommt

ZAV Panel in Berlin im Winter 2011 | © casting-network

Aktueller Videobeitrag: Ein Zusammenschnitt des 3. Netzwerkforums der ZAV Künstlervermittlung Berlin im Winter 2011

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Es diskutierten:
Frank Witter (Schauspieler u.a. | ZAV-Berlin)
Sigrid Andersson (Coach | Die Tankstelle)
Sophie Molitoris (Casting Director | molitoris casting)
Charlotte Siebenrock (Head of Casting | Grundy UFA)
László I. Kish (Schauspieler und Coach | ZAV-Berlin)
Julia Beerhold (Schauspielerin | Vorstand BFFS)

Moderation:
Thomas Melzer (ZAV- Künstlervermittlung Berlin)

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Der deutsche Schauspielerpreis (DSP) zur Berlinale 2012

 

 

 

 

 

 

 

 

Die erste Auszeichnung von Schauspielern für Schauspieler: Der vom BFFS initiierte „Deutsche Schauspielerpreis“ (DSP) wird am 12. Februar 2012 anlässlich der Berlinale im Hotel Maritim verliehen.

Der Preis wird von der Jury – bestehend aus Jasmin Tabatabai, Stefanie Stappenbeck, Tim Bergmann, Thomas Schmuckert, Antoine Monot Jr. und Hans-Werner Meyer –  in sechs Kategorien vergeben.

Die Idee einen eigenen Schauspielerpreis zu erschaffen, schlummerte in BFFS Kreisen schon länger. Der Kinderwunsch war da, das Baby musste allerdings erst gezeugt werden. So eine Herausforderung braucht schließlich erst ein finanzielles Fundament.

Nachdem 2009 die letzte große BFFS Party im Rahmen der Berlinale stattgefunden hatte, konnte die erfolgreiche Feier in den Folgejahren 2010 und 2011 leider nicht wiederholt werden. Zahlreiche Sponsoren waren aufgrund der Wirtschaftskrise nicht mehr verfügbar. Ein Empfang in der Größenordnung ist in der Regel im fünf- bis sechsstelligen Bereich einzuordnen. Die BFFS-Mitgliedsbeiträge sollten davon unberührt bleiben. Zur alljährlichen Mitgliedervollversammlung während der Berlinale werden die Ausgaben immer transparent besprochen und da ist es eindeutig, dass der Verband die Mittel für sinnvolle soziale und politische Zwecke zugunsten unserer Berufsgruppe investieren muss statt für einen einzigen Abend zu verkonsumieren. Weiterlesen

Aber nun sind die Geburtshelfer da: Durch die großzügige Unterstützung von Sponsoren wie „Sony Ericsson“ kann am 12. Dezember der erste Geburtstag gefeiert werden. Eine glamoröse Gala mit anschließender After-Party steht bevor.

Nun fragt man sich natürlich, wie das inhaltlich über die Bühne gehen soll.
Kurz nach Bekanntgabe der Pressemitteilung kamen wie erwartet genau die Fragen auf, worüber sich BFFS-Vorstände sicherlich immernoch den Kopf wund reiben.

Zur Gestaltung der Kategorien, Auswahl der Plakatentwürfe oder Ideen zum Losverfahren werden auf der Facebook-Seite „Deutscher Schauspielerpreis“ bereits Meinungen eingeholt. Auch Vorschläge dazu, welche Schauspieler nominiert werden sollen, sind erwünscht.

Allen voran stand auch die Frage im Raum „Wie man alle knapp 2000 BFFS-Mitglieder samt der ganzen anderen Produzenten, Caster, Agenten, Regisseure u.s.w. räumlich unterkriegt?“

Zunächst einmal ist es wichtig, überhaupt irgendwo anzusetzen. Und da die finanziellen Mittel auch nicht grenzenlos sind, wollte man schon mal „klein“ anfangen.
Zur Preisverleihung können maximal 600 Plätze durch Bestuhlung eingerichtet werden. Zur After-Party danach sind alle weiteren BFFS-Mitglieder plus einer Begleitperson eingeladen.

Hans Werner Meyer beschreibt diesen Vorgang im aktuellen Newsletter wie folgt: „Vor eine ähnliche Schwierigkeit stellt uns die Gestaltung der Preisverleihung selbst. Denn die wirksamste Währung im Zusammenhang mit einer Preisverleihung ist die Aufmerksamkeit, die ihr zuteil wird. Und um eine größtmögliche Aufmerksamkeit zu erreichen, ist ein gewisser Glanz-Faktor von entscheidender Bedeutung, Entscheidungsträger aus Politik und Branche sind wichtig. Natürlich müssten eigentlich alle BFFS-Mitglieder dabei sein können und wir würden uns nichts lieber wünschen. Mit dem engen finanziellen Rahmen, der uns im ersten Jahr zur Verfügung steht, ist dies aber leider beim besten Willen nicht umsetzbar. Wir werden die Preisverleihungsgala auf 600 Plätze beschränken müssen. Ein Teil dieser Plätze wird natürlich an BFFS-Mitglieder gehen, die Lostrommel wird entscheiden. Wir bitten hierfür um Euer Verständnis und freuen uns, wenn wir im Anschluss auf der großen BFFS-Party, zu der selbstverständlich alle BFFS-Mitglieder mit Begleitung eingeladen sind, mit Euch ein rauschendes Fest feiern können.“

Das ist eine absolut nachvollziehbare und gute Lösung, wie ich finde.
Angestrebt wird natürlich – mit wachsenden Mitteln – das Event von Jahr zu Jahr zu erweitern. Und mal ganz ehrlich, die meisten Preisverleihungen sind ohnehin eine Zumutung für das Sitzfleisch, die Blase, den Magen… die Kollegen können es doch eh kaum erwarten, endlich zum vergnüglichsten Teil der Veranstaltung überzugehen: An die Bar und ab auf die Tanzfläche!

Neben der Würdigung von Schauspielleistungen geht es ja in erster Linie auch um unser Selbstwertgefühl und Ansehen als Schauspieler. Was andere Verbände mit jahrzehntelanger Erfahrung weltweit längst praktizieren, hat sich der gerade mal sechs Jahre alte BFFS in kürzester Zeit aufgebaut. Mit dieser Verleihung wird unserer Berufsgruppe sicherlich ein großer Mehrwert zuteil.

Vorab schon mal: Herzlichen Glückwunsch!

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Crowdfundig Deluxe: Fans finanzieren Stromberg – der Film

© Brainpool | Foto Willi Weber | Christoph Maria Herbst aka "Bernd Stromberg"

Seit dem 15. Dezember ist die Finanzierung von „Stromberg - der Film“ als Crowdfundig Aktion angelaufen.

Zunächst war ich entsetzt darüber, dass eine solch erfolgreiche Produktion nicht ausreichend Filmförderung oder Finanziers zusammen kriegt. So heißt es laut Spiegel-Online „so energisch Erfinder und Autor Ralf Husmann und die Produktionsfirma Brainpool ihr Anliegen bei möglichen Geldgebern auch anbrachten – eine ordentliche Summe war für das Projekt nie zusammengekommen“. Unvorstellbar!
Also hat man sich nun an die verlässlicheren Quellen gewendet: Die Fans!

Bis zum 15. März soll per Online-Crowdfunding eine Million Euro Startkapital eingesammelt werden. Der Rest des Budgets wird unter anderem über den Verkauf von Fernsehrechten eingenommen.
Autor Ralf Husmann sieht das Projekt auch als eine Art Marktforschung, um  zu ermitteln, „wie wichtig wir den Fans sind, wie sehr sie sich mit unserer Serie identifizieren“.

Und nach nur fünf Tagen (!) zeichnen sich schon gewaltige Resonanzen ab: knapp 230.000 € ist schon in den Topf geflossen. Weiterlesen

81 Tage sind nach heutigem Stand noch füllbar, das Ziel: Eine Million Euro. Dagegen hatte das Star-trächtig besetzte Crowdfundig Projekt „Hotel Desire“ gerade mal 170.000 € eingenommen. Nach wochenlangem Countdown ging zwar die gewünschten Summe auf den letzten Drücker noch ein, allerdings wurde das Projekt im Vorfeld auch durch viele Marketing- und PR-Kampagnen angetrieben. In zahlreichen Medien wurde das pornografische Genre thematisiert, dass der aufstrebende Jungregisseur und Schauspieler Sergej Moya mit seinem Cast  (u.a. Clemens Schick, Herbert Knaup) mittlerweile fertig inszeniert hat. Verhältnismäßig war das schon eine kleine Erfolgsgeschichte für den deutschen Crowdfunding Markt.
Gegen die Stromberg-Liga ist das aber wohl eher ein kleineres Sümmchen. Die Stromberg Fangemeinde kann sogar auf eine Rendite hoffen: An den Erlösen der Kinoauswertung sollen die Investoren beteiligt werden. Das Investitionsmodell wird auf der offiziellen Seite wie folgt beschrieben:

„Mit „Anteil“ wird das Recht bezeichnet, an den Erlösen aus der Kinoauswertung des Films beteiligt zu werden. Alle Personen, die solche Anteile erwerben, werden einzeln als „Investor“ und zusammen als „Investorengemeinschaft“ bezeichnet.
Wenn der Film produziert wird und im Kino läuft, wird die Investorengemeinschaft am Erfolg der Kinoauswertung des Films beteiligt. Dazu wird an die Investorengemeinschaft pro verkauftem Kinoticket ein Teil der Erlöse in folgender Höhe ausgeschüttet:
- 1,00 Euro für jedes verkaufte Kinoticket bei bis einschließlich 1 Million verkaufter Kinotickets
- 0,50 Euro für jedes weitere verkaufte Kinoticket bei über 1 Million verkaufter Kinotickets.
Mit 50 € bis 1000 € kann man an der Realisierung des Films also mitwirken. Sobald die Million bis zum 14. März 2012 eingegangen ist, sollen im Frühjahr die Dreharbeiten losgehen.

Hierzu ruft Bernd Stromberg sogar in einer Videobotschaft sehr sympathisch als Privatperson „Christoph“ seine Fans zur Beteiligung auf: „Dieses Angebot richtet sich an meine Fans, weil Ihr überhaupt dafür gesorgt habt, dass diese Serie im Fernsehen überlebt hat und Ihr könnt Sie jetzt sogar ins Kino bringen(…)“

Für die Zukunft deutscher Kinoproduktionen werden solche oder ähnliche Modelle sicherlich eine Rolle spielen. Kinofilme sind immer schwieriger finanzierbar.
Für viele junge Filmemacher, die es schaffen ihre ersten Werke auf die Leinwand zu bringen, kommt es erst dann zu den bezahlten Aufträgen, wenn sie fürs Fernsehen inszenieren/arbeiten „dürfen“. Ein deutscher Fernsehspielfilm hat teilweise mehr Budget als ein hochwertiges Kinoprojekt. „Letztendlich ist in Deutschland Fernsehen eine Industrie und Kino eher eine Manufaktur“.

Offizielle Crowdfundig Seite von Stromberg – der Film

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Frohe Weihnachten! Finanzministerium beschert Kamerateams 12 % mehr Umsatz

Mit einer aktuellen Kurzinformation (FM Schleswig-Holstein VI 358-S 7240-051) weist das Finanzminsterium Schleswig-Holstein seine Finanzämter an, bei der Herstellung von Akquisitionsmaterial durch Kamerateams den ermäßigten Umsatzsteuersatz zu berücksichtigen. Ist das Kamerateam für eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt tätig, ist dies eine äußerst positive Nachricht. Denn, anders als vorsteuerabzugsberechtigte Produktionsgesellschaften, bezahlen die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten keine Umsatzsteuer aus. Das Kamerateam hat insoweit selber aus der Pauschale die Umsatzsteuer abzuführen. Wurde beispielsweise eine Tagesgage i.H.v. EUR 1.000 vereinbart, bedeutete dies (unterstellte man bislang den regulären Umsatzsteuersatz), dass das Kamerateam EUR 159,66 an das Finanzamt abführen musste. Nach der nunmehr erfolgten Klarstellung sind es nur noch EUR 65,42. Das bedeutet ein Umsatzzuwachs von 12 %. Gute Aussichten zum Jahresende! Weiterlesen

Zum Sachverhalt: Eine Rundfunkanstalt beauftragt externe Dienstleister mit der Gestellung von Kamerateams, die auf Weisung eines sog. Realisators der Rundfunkanstalt Filmaufnahmen in vertraglich festgelegter technischer Qualität erstellen. Die technische Leitung und Verantwortung während des Dreheinsatzes obliegt den Kamerateams der Dienstleister. Die Rundfunkanstalt übernimmt keine Haftung für Personen- oder Sachschäden während des Dreheinsatzes. Die Dienstleister erhalten von der Rundfunkanstalt Pauschalen für volle oder halbe Drehtage und diverse Zuschläge für Nachtarbeit, Zusatzpersonal, Zusatzgerätschaften und Ähnliches. Sie übertragen der Rundfunkanstalt sämtliche Urheberrechte an dem erstellten Material.

Da die Dienstleister ein wirtschaftliches Risiko bei der Erstellung des Filmmaterials tragen und organisatorisch tätig werden müssen, erlagen sie urheberrechtlichen Schutz. Die Übertragung der Urheberrechte auf die Rundfunkanstalt ist der wesentliche Gehalt der von den Dienstleistern erbrachten Leistungen, da die Rundfunkanstalt das Filmmaterial nur auf diese Weise nutzen kann. Die Leistungen unterliegen daher nach Auffassung der obersten Finanzbehörden des Bundes und der Länder dem ermäßigten Umsatzsteuersatz.

Anders sieht der Fall bei Rechnungen an Produktionsgesellschaften aus, da sich der Nettobetrag nicht ändert. Wurden bislang EUR 1.000 + 19 % Umsatzsteuer (brutto EUR 1.190,00) in Rechnung gestellt, sind es dann ab sofort nur noch 1.000 + 7 % Umsatzsteuer (brutto EUR 1.070,00).

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Interview mit Sabine Bernardi & Iris Baumüller

Sabine Bernardi und Iris Baumüller | © casting-network

Anlässlich des heutigen Kinostarts von „Romeos…anders als du denkst!“ sprachen wir mit der Drehbuchautorin und Regisseurin Sabine Bernardi sowie mit Casting Director Iris Baumüller (Die Besetzer | BVC) allen voran über das aufwendige Casting des Hauptdarstellers „Lukas“!

Ganzes Interview lesen?
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Auszüge:

S.B.: Wo ist der Schauspieler und wo die Privatperson? Das ist in diesem Alter natürlich besonders spannend. Am Theater oder an Schauspielschulen ist der Wunsch nach besonderen Rollen schon hoch im Kurs, vor dem Extrem der beiden Hauptrollen haben sich dann aber doch einige gescheut, viele auch wegen des Themas.

I.B.: Es passiert öfters, dass Agenten ihren Klienten meine Anfragen vorenthalten, weil sie das Buch vorlektoriert und als nicht passend befunden haben bzw. bereits andere (Karriere)Pläne für ihren Schützling haben, oder aufgrund des Budgets von vornherein „nein“ sagen. Das erfahre ich dann, wenn ich einen Schauspieler zufällig treffe und bei meiner Nachfrage gesagt bekomme, dass er/sie davon überhaupt nichts wusste. Ich finde es gut, wenn Agenten Projekte transparent machen.

S.B.: Ein Debütfilm ist natürlich ein wesentlicher Schritt, um beruflich Fuß zu fassen. Auch wenn „Romeos“ eine Kino-koproduktion mit dem ZDF war und ich sehr durch die Redaktion gefördert wurde, (…) lag das Budget bei 650.000 Euro, somit gehört es einfach dazu, seinen Debütfilm unter größten Anstrengungen zu stemmen und seinen Lebensunterhalt in der Zeit mit was anderem zu verdienen.

Anmerkung der Redaktion:
Der Film wurde von der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) mit einer Altersfreigabe von 16 Jahren eingestuft. Als Begründung für diese Entscheidung nannte der Prüfungssitz „die Schilderung einer völlig einseitigen Welt von Homosexualität“ die eine „verzerrte Realität“ wiederspiegeln würde und daher „zu einer Desorientierung in der sexuellen Selbstfindung führe.“ Die FSK entschuldigte sich mittlerweile für diese diskriminierende Wortwahl in der Altersfreigabe. Es bleibt allerdings bei der Einstufung ab 16.

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Wen interessiert’s? Europa verteilt seine Filmpreise

Heute werden in Berlin die „Europäischen Filmpreise” verliehen. Wahrscheinlich guckt wieder keiner zu wie schon vor vier Jahren beim Jubiläum. Die Gala ist glamourös, doch wie man sich selbst inszeniert, muss Europas Filmwelt noch lernen. | Foto © Europäische Filmakademie

Wenn demnächst mal wieder einer über Hollywood lästert, könnte man entgegnen, dass sich wenigstens das Publikum dafür interessiert. Drum müssen Hollywoods Produktionen auch zuerst mal im eigenen Land ihr Budget wieder einspielen, der Rest der Welt kommt dann als Extra dazu.

Sogar eine trockene Preisverleihung wird zum Großereignis, das dann (wie man hier ab der fünften Minute sehen kann) auch wieder für die eigenen Produkte adaptiert wird. Kurz: Wenn Hollywood sich selber feiert, schaut man gerne zu – und nicht nur im eigenen Land, sondern rund um die Welt.

Auch ein deutscher Privatsender schickt sein Team zur „Oscar“-Verleihung, um live am Roten Teppich brandheiße Statements einzufangen und die schönsten Abendroben zu bewundern. Und es gibt Leute, die sich gerne mitten in der Nacht vor den Fernseher legen und vier Stunden lang zuschauen, wie bekannte Filmstars auf der Bühne Witzchen reißen, die ihnen Drehbuchautoren aufgeschrieben haben. Auf Englisch, ohne Untertitel, und wenn die Sonne aufgeht, ist es Montag. Mehr als eine halbe Million sollen das in diesem Jahr gewesen sein – doppelt so viele wie im Jahr zuvor.

Das gesamteuropäische Gegenstück gibt es seit 24 Jahren. Anfangs hatte er sogar einen richtigen Namen, heute heißt er weniger zauberhaft nur noch „Europäischer Filmpreis“, hat aber wenigstens eine Gala, die auch nicht so viel bescheidener ist als die in Los Angeles. Nur guckt kaum einer hin. Wieso auch, wenn die Hälfte der Filme, die auf der Auswahlliste stehen, eh keiner kennt, weil sie entweder nie zu sehen waren oder zwar filmkunstbegeisterte Kritiker auf Festivals erfreuen, aber filmkunstbegeisterte Kinobetreiber in den Ruin treiben? Weiterlesen

Das schreibe ich jetzt übrigens nicht als passionierter Mainstream-Fuzzi. Denn auch sowas hat mich fasziniert, und einer der schönsten Filme dieser Dekade sieht für mich so aus.

Wieso auch sollte einer zugucken, wenn der beste Regisseur und der beste Schauspieler des Jahres es nicht mal zur Verleihung des größten Filmpreises der Alten Welt schaffen, wie im vorigen Jahr geschehen? Im Jahr davor waren sogar drei der fünf nominierten Schauspielerinnen gar nicht erst zur Gala erschienen. Davor wurde sogar das Lebenswerk eines „Kultregisseurs“ in dessen (und einiger anderer Preisträger) Abwesenheit geehrt, wie das halt schon seit Jahren so geht. Wieso also sollte sich das Publikum für einen Preis für Filmschaffende interessieren, der selbst die Filmschaffenden nicht zu interessieren scheint.

Und wieso auch, wenn es den eigenen Medien ziemlich egal ist? Die Europäische Gala wird von Fernsehsendern rund um die Welt übertragen. Nur eben nicht live, sondern zeitversetzt, zum Teil um eine Woche, falls das dann noch jemanden interessieren sollte. In Deutschland läuft das Ganze sogar ziemlich früh, nämlich nur einen Tag später – am Sonntag um halb elf auf Arte.

Über den Filmzauber muss Europa noch ein bisschen lernen.

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Menschen und Märkte: Wie viele Menschen arbeiten denn am Deutschen Film?

Manchmal ist es schwer den Überblick zu behalten: Wie viele Leute arbeiten wohl an diesem Set? | Illustration © cinearte

Denk ich an Deutschland – fällt mir zum Beispiel seine Automobilindustrie ein. Oder Siemens. Das deutsche Ingenieurwesen ist eine dieser Sachen, für die das Land in der Welt immer wieder bewundert wird. Eine andere ist seine Verwaltung: Sogar deutsche Gesetze sind Exportschlager. Es hilft halt, wenn alles bis ins Kleinste irgendwie genormt, geregelt und in Zahlen gefaßt wird, damit man den Überblick behält. Was für Schmähungen mußte sich dagegen noch unlängst Griechenland gefallen lassen, wo man angeblich nicht mal wußte, wie viele Beamte der Staat überhaupt beschäftigt. Sowas kann ja nicht gut gehen.

Vor acht Jahren stellte ich mir wieder mal eine Frage. Wie viele Leute arbeiten eigentlich in unserer Filmindustrie? Jetzt kann man natürlich gleich zurückfragen, warum das einer wissen wollte, und liegt damit sogar im Trend. Denn so simpel, wie die Frage klingt: Die Antwort ist es nicht. Weiterlesen

Solcher Kniffelei setzt man sich natürlich nicht freiwillig aus, weil man gerade nichts Besseres zu tun hat. Ich hatte damals die Idee, einen Nachrichtendienst für Filmschaffende aufzubauen. Auf die gute Idee folgt jedoch zuerst die Marktanalyse, ehe man sich an die Umsetzung macht – so bekommt man’s in zahllosen Ratgebern zur Geschäftsgründung beigebracht, denn alles andere wäre unprofessionell: Wer seinen Markt nicht kennt, fliegt raus.

Die Großen machen’s ja auch nicht anders. Viele Firmen haben sogar ganze Abteilungen, die sich mit nichts anderem befassen als der Marktforschung. Für den deutschen Film macht das vor allem die Filmförderungsanstalt (FFA), die über ziemlich viel Bescheid weißt, was seit kurz vor der Jahrtausendwende passiert ist. Zum Beispiel, wie oft die Deutschen überhaupt ins Kino gehen, welche Filme wie viele Zuchauer hatten, was in den einzelnen Bundesländern im Durchschnitt eine Kinokarte kostet oder wie viele Säle die 27 Kinos in Hamburg zusammen haben. Irgendwo gab’s auch mal Einzelheiten zur Bestuhlung. Aber nichts zu der Frage, wie viele Leute eigentlich die Filme machen. Interessiert wohl keinen …

Sollte man jedenfalls meinen, wenn man weitersuchte. Die Spitzenorganisation der deutschen Filmwirtschaft, die man schon allein wegen ihres Namens toll finden muß, ist der Dachverband mehrer Verbände, deren Mitglieder mit Filmen Geld verdienen – von der Herstellung bis zum Verleih. Die „Spio“ gibt als „unverzichtbare Informationsquelle für die deutsche Filmwirtschaft“ seit mehr als einem halben Jahrhundert schon ein Jahrbuch mit Statistiken heraus, die verraten, wie viele Produktionsfirmen an einem Film beteiligt waren oder was über die Jahre die durchschnittlichen Produktionskosten waren. Wer aber all die Filme macht, mit denen das Geld verdient wird, kann die „Spio“ auch nicht sagen.

Nicht, daß es die Filmarbeiter selber wüßten. Die meisten ihrer Berufsverbände haben ja schon vor längerem in einer eigenen Dachorganisation zusammengefunden, die sich Die Filmschaffenden nennt. Aber wie viele Filmschaffende es insgesamt im Lande gibt? „Da können Sie sich nur bei mir und meinen Kollegen bei allen Verbänden einzeln durchfragen, und wir schätzen das dann“, meinte einer der Geschäftsführer mit einiger Ironie.

Zum Glück gibt es ja auch staatliche Stellen, und Deutschland ist bekannt für seine Verwaltung und die Freude an präzisen Zahlen. Weshalb vielleicht die Arbeitsagentur Bescheid wissen könnte, es aber nicht tut, oder das Statistische Bundesamt eigentlich Bescheid wissen sollte, es aber nicht tut. Zwar erstellt man dort regelmäßig die Einkommenssteuerstatistik, doch: „im Rahmen der amtlichen Statistik werden die von Ihnen gewünschten Daten nicht erhoben, wir können Ihnen keine auskunftsfähige Stelle nennen“, lautete die Antwort auf die Nachfrage.

Ganz fruchtlos war die Suche am Ende aber doch nicht, sogar zweimal wurde ich fündig: Nach einer Studie von 1999 waren in der Filmwirtschaft insgesamt 34.000 Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, nach einer anderen drei Jahre später sogar 38.700 – plus 50 000 „projektgebundene freie Mitarbeiter, einschließlich des künstlerischen Personals“.

Das ist ja schon mal was, auch wenn die Zahlen nur Hochrechnungen aus amtlichen Statistiken und eigenen Befragungsergebnissen sind. In anderen Berufsfeldern kennen sich Arbeitgeber, Gewerkschaften und Lobbys besser aus. Ist ja auch im eigenen Interesse, wenn man die Wichtigkeit der eigenen Branche hervorheben will. Oder weiß, was da überhaupt los ist. Der Produzent fühlt sich ja auch wohler, wenn er weiß, was er demnächst an Gagen überweisen muss, und der Geräteverleiher, wenn er den Überblick hat, wie viele Kameras zurzeit so im Umlauf sind.

Neulich habe ich mir die Frage wieder gestellt. Diesmal nicht zur Marktforschung, sondern weil ich nach meinem letzten Blogeintrag eine kleine Diskussion über den Tarifvertrag hatte, beziehungsweise wann der gilt und wann nicht. Denn gültig ist so ein Tarifvertrag nur unter bestimmten Voraussetzungen. Eine davon wäre, dass das Bundesministerium für Arbeit ihn für allgemein gültig erklärt, was es aber nur selten tut. Unter anderem auch nur dann, wenn die Mehrheit der Firmen oder Beschäftigten in dieser Branche organisiert ist. Das ist sehr wahrscheinlich nicht der Fall, um das aber bestimmt zu sagen, müsste man zum Beispiel wissen, wie viele Leute eigentlich in unserer Film- und Fernsehwirtschaft arbeiten. Immer noch eine simple Frage, doch siehe da, die vergangenen acht Jahre sind nicht nutzlos verstrichen – es gibt neue Antworten: Nämlich 418.500!

Huch? Man muss es ja nicht gleich übertreiben und auch noch die Kartenabreißer als Filmschaffende mitzählen. Dann tut’s vielleicht auch nur ein Elftel davon oder gar noch weniger, denn wenn man zur letzten Zahl die Freiberufler dazuzählt, kommt man irgendwie wieder auf ein ähnliches Ergebnis, das ja nur zehn Prozent drüber liegt.

Die gute Nachricht: Offenbar liefern jetzt auch Statistisches Bundesamt und Arbeitsagentur Zahlen, aus denen man dann mit ein wenig Weiterrechnen zu einem Ergebnis kommt.

Und jetzt versuche ich mir mal vorzustellen, die FFA würde ihre Filmhitlisten nach dem gleichen Muster erstellen.