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Genie ohne Grenzen

Mit seinem Debüt „Das Leben der Anderen“ hatte Florian Henckel von Donnersmarck einen Klassiker geschaffen und zahlreiche Preise gewonnen. Um welchen Preis solch hohe Kunst entsteht, erfährt gerade die Crew beim Dreh seines neuen Films „Werk ohne Autor“. | Foto © Nadja Klier für Wiedemann & Berg

Ein Filmregisseur, erklärt uns die Wikipedia, ist einer, „der eine komplette Filmproduktion kreativ leitet. Im Gegensatz dazu leitet der Produzent die Filmproduktion administrativ.“ Da ist er wieder: der alte Streit zwischen Geist und Geld, Kunst und Kasse zieht sich durch die gesamte Kinogeschichte – von den legendären United Artists bis zu den Autoren-Regisseuren versuchten Filmemacher, sich von der Kontrolle der Produzenten frei zu machen und festigten mit gefeierten Werken die Vorstellung, dass wahre Kunst nur ohne Schranken gedeihen kann. Als könnten Regisseure nicht mit Geld umgehen, und als hätten Produzenten keine eigenen Ideen.

Gewiss, die meisten Regisseure wissen es besser, doch was Gestaltungswille ohne Schranken auch anrichten kann, zeigte zum Beispiel die Krimiserie „Im Angesicht des Verbrechens“: Überlange Drehtage in Reihe alarmierten die Gewerbeaufsicht, das Budget wurde überzogen, die Produktionsfirma musste während der Postproduktion Insolvenz anmelden. Wie kann das erst werden, wenn einer Regisseur und Produzent in einer Person ist? Weiterlesen

Das zeigte sich dieser Tage im Osten Deutschlands. Und die weitschweifige Vorrede sei somit verziehen, schließlich drehte hier Florian Henckel von Donnersmarck. Der mit seinem Debütfilm „Das Leben der Anderen“ gleich den „Oscar“ gewann, dazu „Bafta“, „César”, drei „Europäische Filmpreise“, sieben „Lolas“ und noch viel mehr. Die Nutzer der Internet Movie Database setzen das Erstlingswerk auf Platz 55 der besten Filme aller Zeiten. Ein Glücksgriff für die damals erst zwei Jahre alte Produktionsfirma Wiedemann & Berg: Bis zu 1,9 Millionen Euro hatte das Budget betragen (750.000 Euro hatten Bayern, Berlin und der Bund an Fördergeld beigesteuert). „Das ging nur, weil viele Mitarbeiter an das Projekt glaubten und für geringere oder sogar ohne Gage gearbeitet haben“, erklärte der Produzent Max Wiedemann damals in cinearte 120. Darunter war auch eine internationale Größe wie der Komponist Gabriel Yared.

Neben dem Ruhm brachte „Das Leben der Anderen“ den Produzenten laut einer neuen Studie für den American Film Market mehr als zehn Millionen US-Dollar Nettogewinn ein (die Anteile für Verleiher und Kinos bereits abgezogen) und legte wohl den Grundstock für den Aufstieg zu „einer der erfolgreichsten deutschen Produktionsfirmen“, als die sich Wiedemann & Berg auf ihrer Website selbst beschreibt.

Henckel von Donnersmarck durfte derweil in Hollywood mit zwei der begehrtesten Stars seinen zweiten Film drehen: „The Tourist“ mit Angelina Jolie und Johnny Depp. Entsprechend begeistert wurde die Nachricht aufgenommen, dass nun endlich, nach sechs Jahren, wieder dreht, noch dazu in Deutschland: Lokalzeitungen, Boulevard-Websites bis zur ARD vermeldeten den Drehbeginn von „Werk ohne Autor“, laut Verleih „ein epischer psychologischer Thriller über drei Epochen deutscher Geschichte.“ Die „Bild“-Zeitung machte die deutsche Produktion gar zum „Hollywood-Streifen“, deutsche Förderer gaben 2,63 Millionen Euro dazu.

Es ist wieder eine Geschichte aus der Zeit der deutschen Teilung, welche die ARD (über Degeto und Bayerischen Rundfunk als zweifacher Koproduzent dabei) so beschreibt: „Auch nach der Flucht in die BRD lassen dem jungen Künstler Kurt Barnert seine Kindheits- und Jugenderlebnisse aus NS- und SED-Zeit keine Ruhe. Als er in der Studentin Ellie die Liebe seines Lebens trifft, gelingt es ihm, Bilder zu schaffen, die nicht nur sein eigenes Schicksal widerspiegeln, sondern die Traumata einer ganzen Generation.“ Die Hauptrollen spielen Tom Schilling, Sebastian Koch, Paula Beer, Saskia Rosendahl und Ina Weisse, und auch die weiteren Rollen sind prominent besetzt. Soweit alles prächtig, als im Juni die Dreharbeiten zum großen Drama begannen.

Ende Juli meldete die Filmunion in Verdi dann alarmierende Zustände am Set. „Aufgrund zahlreicher Beschwerden von Filmschaffenden der Produktion“ machte sich Gewerkschaftssekretär Ingo Weerts auf den Weg nach Dresden zu einem mehrtägigen Setbesuch, um sich ein genaueres Bild zu machen, „denn die Arbeitsbedingungen bei Werk ohne Autor sind schon seit längerem ein heiß diskutiertes Thema bei Filmschaffenden in ganz Deutschland.“

Zwar erlaubt der Tarifvertrag für Film- und Fernsehschaffende (TV FFS) [PDF] Ausnahmen für Überstunden. Doch die von vielen Beteiligten berichteten Arbeitszeiten lägen häufig „weit außerhalb“ dessen, was nach dem Tarifvertrag zulässig wäre, berichtet Weerts auf der Website der Filmunion. Ohnehin sei an zu vielen Tagen (zum Teil weit) über 13 Stunden gearbeitet worden, als dass dies noch als „Ausnahme“ gelten könne. „In einigen Abteilungen außerhalb des Sets“, habe man ihm berichtet, sei die 13. Stunde (und mehr) eher die Regel als die Ausnahme.

Die Gründe für die Mehrarbeit seien „wohl wie immer vielschichtig”, es zeichneten sich aber zwei hauptsächliche Ursachen ab: Erstens fielen durch Krankheit zwei wichtige Positionen gleich zu Beginn der Drehzeit aus, was „in den ersten Wochen kaum auszufüllen war. Dass es dabei auch mal drunter und drüber ging, ist verständlich und nachvollziehbar.” Zweitens aber ließen sich die Ansprüche der Regie „mit den vorab kalkulierten Drehzeiten leider nicht immer in Einklang bringen.”

„Ich hoffe, dass es uns gelingen wird, einen Film zu machen, der zeigt, dass Kunst Dinge erahnen kann, die dem Verstand für immer verschlossen bleiben”, lässt sich Henckel von Donnersmarck, der in Interviews gerne durch Kunst-, Literatur- und Musikgeschichte streift, zum Drehstart zitieren. Sein Selbstverständnis als Regisseur hatte er nach dem „Oscar”-Gewinn vor zehn Jahren der „Welt“ im Interview so erklärt: „Um einen Film zu drehen, musst du einerseits ein stolzer, größenwahnsinniger Mensch sein. Andererseits musst du Erniedrigungen auf dich nehmen, dich verschulden bei Freunden und Verwandten. Du lebst de facto von der Arbeit der Leute um dich herum. Die lassen dem armen Künstler eine Weile seinen Traum, machen ihm aber irgendwann klar, dass er Hirngespinste verfolgt.“

Beim Dreh von „Das Leben der Anderen“ „herrschte sogar oft eine Art Meutereistimmung”, räumte Henckel von Donnersmarck da ein: „Natürlich nicht bei den Department Heads, sondern beim Team. Das hatte nicht nur damit zu tun, dass wir unglaublich armselige Gagen gezahlt und unglaublich lange Stunden abverlangt haben. Viele hatten auch den Eindruck, ich könne ,keine Prioritäten setzen‘. Es wurde mir häufig von loyalen Mitarbeitern hintertragen, dass es viel Gemurre unter den Mitarbeitern gab: ,Warum wiederholt er dieses unwichtige Detail x-mal und drückt dann bei einer wichtigen Schauspielszene auf die Tube?‘ Ich wusste aber: Für meine Art der Perfektion ist dieses Detail unglaublich wichtig.“

Details welcher Art, fragte sein Gegenüber Hanns-Georg Rodeck da nach. Henckel von Donnersmarck: „Zum Beispiel die Art, wie Ulrich Tukur aus dem Auto steigt. Objektiv mag es wahnsinnig gewirkt haben, darauf drei Stunden zu verwenden und das bei einem sehr knappen Zeitfenster. Aber nehmen Sie den neuen Bond. Erinnern Sie sich, wie James Bond zwecks Folter auf diesen Stuhl geschnallt wird? Vorher schneidet der Bösewicht das Sitzgeflecht heraus – und diese eine Einstellung, wie das Messer das herausschneidet, ist holprig, ungeschickt. Darauf hätte der Regisseur eine halbe Stunde mehr verwenden sollen, denn hier ist der lustvolle Fluss dieses sonst sehr schönen Films kurz unterbrochen.“

Wenn die Drehtage nicht reichen, müsse eben auch am Inhalt gestrichen werden, meint die Gewerkschaft. Aus Sicht vieler Beteiligter sei aber wohl genau dies beim neuen Dreh nicht passiert; stattdessen wurde versucht, mit überlangen Arbeitstagen ein bestmögliches Ergebnis zu erzielen. Dass der Regisseur zugleich auch beteiligter Produzent ist, mache es sehr viel schwieriger, „unbedingt notwendige arbeitsrechtliche Entscheidungen“ auch gegenüber der Regie durchzusetzen, meint Weerts: „Wenn die anderen Produzenten am Set anwesend sind und die Regie wegen überlanger Arbeitszeiten eindeutig zum Abbruch des Drehs auffordern, der Dreh aber dennoch zwei Stunden weitergeht, spricht dies eine deutliche Sprache.“

Wiedemann & Berg möchte sich zu dem Fall nicht äußern: „Wir befinden uns mitten in den Dreharbeiten zu Werk ohne Autor und machen im Moment zum Film keine aktive Pressearbeit. Daran wird sich auch als Reaktion auf Meldungen Dritter nichts ändern”, teilte die Produktionsfirma auf Nachfrage mit.

Allerdings hätte die Produktionsfirma „von Anfang an einen offenen, konstruktiven Dialog” mit der Gewerkschaft gesucht und sich „mit großem Engagement um die Verkürzung der Arbeitszeiten bemüht“, sagt Weerts. Auch sie schienen überzeugt, „dass diese Produktion so wie bisher nicht weitergehen kann und darf!“ Den Einsatz von Produzent Quirin Berg, Herstellungsleiter David Vogt und Produktionsleiter Daniel Mattig betont Weertz auch im Gespräch mit cinearte. Auch darum wartete er erstmal ab, um der Produktion Zeit zu geben, die Missstände selbst abzuschaffen. Im Artikel hatte die Filmunion auf die Einhaltung des Tarifvertrags gedrängt und gedroht: „Bei weiteren Verstößen gegen die zulässigen Arbeitszeiten des TV FFS sehen wir uns daher gezwungen, auch die zuständigen Behörden einzuschalten.“

Als Ideallösung sieht das Weerts ohnehin nicht. Es wäre für ihn das erste Mal. Der Gewerkschafter, der selbst vor 15 Jahren zum Film kam und als Außenrequisiteur und Szenenbildassistent arbeitete, zieht eine einvernehmliche Lösung vor. Und danach sah es auch erstmal aus. Am Montag dieser Woche, inzwischen wird in Düsseldorf gedreht, habe er „ein freundliches Gespräch“ mit Henckel von Donnersmarck geführt, und „ich glaube, das ist angekommen.“ Dennoch beschreibt er den Stand der Dinge gegenüber cinearte als „schwebend“. Denn trotz aller offenkundigen Bemühungen hatte es neue Beschwerden gegeben, zwei weitere Male wurde die 13-Stunden-Grenze überschritten.

Das müsse auch so sein, meint die Produzentenallianz, die zum 1. April den neuen Manteltarifvertrag für die nächsten vier Jahre ausgehandelt hatte. Durch drei „schwierige, strittige” Verhandlungsrunden hatte der größte Produzentenverband des Landes die Arbeitszeit von maximal 13 Stunden gegen die Gewerkschaft verteidigt, „um bei Dreharbeiten in Deutschland die notwendige Flexibilität zu erhalten und Beschäftigung zu sichern.“ So darf bei Kinoproduktionen ein Arbeitstag höchstens 12 Stunden Regelarbeitszeit haben, an 60 Prozent der Drehtage aber sogar 13 Stunden lang gearbeitet werden. Das entspricht rechnerisch einer 63-Stunden-Woche.

Andere Branchen kommen mit weniger aus und arbeiten mit mehr Erfolg. In den Exportweltmeister-Disziplinen liegen die tariflichen Arbeitszeiten bei höchstens 40 Stunden pro Woche – also acht Stunden am Tag und weniger. Allerdings seien in vielen Branchen und Positionen bis zu zehn Überstunden pro Woche die Regel, sagen Statistiken (immer noch erheblich weniger, als die Filmbranche erlaubt). Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) geht von zwei Stunden Mehrarbeit pro Woche aus, die jeder umsonst leiste. Die Zahl der Überstunden sei schon seit Jahren gleich.

Werden die Filmschaffenden wenigstens ordentlich dafür bezahlt? Da kommt die Antwort des Gewerkschaftssekretärs schnell und überzeugt: „Die zahlen gut.“

Doch schon der nächste Satz gibt Anlass zum Nachdenken: „Manche mussten aber auch hart nachverhandeln, um in Richtung Tarif zu kommen.“ Und manche hingen auch in Pauschalverträgen. Doch selbst wenn eine solche Vereinbarung unterschrieben wurde, sei eine pauschale Abgeltung „aller geleisteter Überstunden“ arbeitsrechtlich nicht zulässig, erklärt die Gewerkschaft auf ihrer Website und rät zur lückenlosen Dokumentation der tatsächlich geleisteten Arbeitszeit, auch bei Pauschalverträgen. Dabei sollte man auch nichts beschönigen, denn das wäre Urkundenfälschung.

Die Produktion aber ist durch die Dokumentation über die Überstunden informiert und in der Verantwortung. Zudem müsse jeder betroffene Filmschaffende vor Anbruch der 14. Stunde, sofern die überhaupt zulässig ist) nach seiner Zustimmung gefragt werden, „was anscheinend bisher manchmal vergessen wurde“. Nachteile dürfen ihm aus einer Absage nicht entstehen; theoretisch. Die Gewerkschaft: „Wenn also wie in dieser Produktion enorme, unverhältnismäßige Überstunden anfallen, habt Ihr Anrecht auf eine zusätzliche Vergütung.“

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Ein Casting-Preis für Europa

Karin Dix koordiniert das International Casting Directors Network (ICDN), ist Leiterin der European Shooting Stars und hat nun mit dem Festival von Locarno den neuen European Casting Director Award ins Leben gerufen. | Foto © European Film Promotion

Frau Dix, woher kam die Idee, einen europäischen Casting-Preis ins Leben zu rufen?
Die Mitglieder des Internationalen Casting Directors Network (ICDN) treffen sich während der Berlinale im Kontext unserer Veranstaltung European Shooting Stars. Hier hat sich 2005 auch das Netzwerk gegründet. Die Casting Directors spürten einfach die Notwendigkeit, sich auszutauschen und sich kennenzulernen. Manche hatten am gleichen Film gearbeitet, aber kannten sich nicht. Während der jährlichen Mitgliederversammlung im Rahmen der Berlinale werden unterschiedliche Themen diskutiert. Zum Beispiel das Budget oder die Art und Weise wie gearbeitet wird und was bezahlt wird. Es ist wichtig für die Casting Directors, die unterschiedlichen Arbeitsmethoden zu kennen. Die Preisspannen in den unterschiedlichen Ländern differieren stark. Ein weiteres Thema ist die Nennung im Abspann. An welcher Stelle steht das Casting oder wird es überhaupt genannt? Die Akzeptanz der nationalen Filmakademien gehört ebenso zum Thema wie die fehlende Einladung in die Jurys der Filmfestivals und so weiter. Alles in allem gehört ein Casting Director noch immer nicht selbstverständlich zur Filmcommunity. Die Academy of Motion Picture Arts and Science (AMPAS) hat 2013 endlich einen neuen Zweig für Casting Directors gegründet. Zur Academy gehören mittlerweile einige der ICDN Casting Directors und ICDN Mitglied Lora Kennedy ist sogar Governor. Diese Entwicklung, Casting Directors mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen und ihnen im künstlerischen Dasein die Anerkennung zu zollen, die sie verdient haben, wollte das ICDN tatkräftig unterstützen und vorantreiben. Das ICDN hat sich deshalb einen Preis gewünscht.

Es gibt aktuell nur einen deutschen Casting-Preis, der von der Deutschen Akademie für Fernsehen verliehen wird. Welche Intention steckt dahinter, einen internationalen Casting-Preis zu vergeben? Weiterlesen

Die Internationalität des Preises erklärt sich einfach. Es gibt immer mehr internationale Produktionen, die auch ebenso besetzt werden müssen. Die European Film Promotion (EFP) stellt in Berlin seit Jahren internationale Schauspieler vor, die European Shooting Stars, die über die Landesgrenzen hinaus arbeiten wollen. Die Casting Directors der verschiedenen Ländern sind daran sehr interessiert. Natürlich ist jeder einzelne Casting Director auf die Szene seines eigenen Landes spezialisiert. In Berlin, und natürlich auch bei anderen Festivals, hat ein Casting Director aber auch die Möglichkeit, über die Landesgrenzen hinaus, Schauspieler, Produzenten, Regisseure, Agenturen etc. kennenzulernen. Ein Filmfestival ist immer eine gute Netzwerkmöglichkeit. In Berlin haben sich durch die Shooting Stars viele Aktivitäten parallel am gleichen Wochenende entwickelt. Es lohnt sich, dabei zu sein. Ein gutes internationales Netzwerk hilft bei der Arbeit. Für die ICDN Caster ist es von Vorteil, ihre Kollegen aus den unterschiedlichsten Ländern kennenzulernen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass es viele Dinge vereinfacht, wenn man den Kollegen im Nachbarland mal um professionelle Hilfe oder einen Erfahrungsaustausch bei Kinoproduktionen bitten kann. Fernsehfilme haben wir in Locarno, in diesem Jahr zumindest, noch nicht berücksichtigt, obwohl das perspektivisch in Planung ist.

Nach welchen Kriterien wird der Casting-Preis vergeben?
Es gibt keine festgeschriebenen Kriterien für gutes Casting. Dennoch steht fest: Der Kinofilm darf nicht älter als zwei Jahre sein. Die Fachleute (die Mitglieder des ICDN) mussten sich einigen, was sie unter Qualität verstehen. Jedes europäische Land durfte einen Film nominieren. Das führte zu Diskussionen innerhalb des Landes. Gemeinsame Kommunikation ist nicht immer einfach. Aber letztlich hat es funktioniert und wir haben 18 Filme aus den unterschiedlichen Ländern und 21 vornominierte Casting Directors.

Wie läuft die Entscheidungsfindung ab?
Die Mitglieder des ICDN haben 21 Caster aus 18 Ländern, mit den entsprechenden Filmen, nominiert. Nur europäisch, obwohl die Mitglieder des ICDN auch aus nicht europäischen Ländern stammen (Russland, USA, Argentinien, Israel etc.). Alle Mitglieder durften abstimmen. Sieben Filme, die die meisten Punkte bekamen, wurden an Locarno weitergegeben. Das Festival hat eine unabhängige Fachjury eingesetzt, bestehend aus der Regisseurin Ursula Maier, dem ehemaligen Shooting Star Clotilde Coureau,  und dem Produzenten Peter Rommel, die nun den besten Casting Director auswählen. Der European Casting Director Award ist eine Kooperation des ICDN mit dem Festival del Film Locarno. Ohne das Engagement von Nadia Dresti wäre nichts entstanden. Ich muss das hier mal erwähnen, denn wir sind im Filmbereich ein peoples business und durch das unermüdliche Engagement starker Persönlichkeiten entsteht eben etwas Neues. In diesem Fall haben wir einen tollen partner in crime gefunden. Wir freuen uns schon auf Locarno!

Wie schwierig ist es, einen internationalen Konsens zu finden, Leistungen zu bewerten?
Qualität ist immer subjektiv, vor allem im künstlerischen Bereich. Ja, es ist schwierig und wie bei jedem Preis werden nicht alle einverstanden sein. Ich glaube nicht, dass das eine Frage von national oder international ist. Es gibt einen guten Cast oder eben nicht. Es ist keine Frage der Landesgrenzen. Ein guter Cast sind nicht nur ein überzeugende Hauptdarsteller, es ist das Zusammenspiel der Kräfte, die Komposition, eben eine sehr emotionale Angelegenheit.

Können nur Mitglieder des ICDN den Preis gewinnen und haben Newcomer-Casting Directors überhaupt eine Chance gegen die „alten Hasen“?
Man sieht an den Nominierungen des ICDN, daß nur zwei Casting Directores des ICDN in der finalen Runde sind. Interessanterweise haben die „alten Hasen“ oft gerade den Newcomern eine Chance gegeben.

Wann und wo wird die Preisverleihung stattfinden, und gibt es schon einen Namen für den Preis?
Die Preisverleihung findet am 7. August 2016 beim Festival del Film Locarno mit anschließendem Empfang statt. Wir freuen uns über eine rege Resonanz. Wie es sich in Locarno gehört, bekommt der Gewinner einen Pardo und wir hoffen auf ein gutes Medien-Feedback. Vielleicht sollten wir einen Namen ausschreiben? Momentan heißt der Preis einfach European Casting Director Award!

 

Diese sieben Casting Directors standen im Wettbewerb um den European Casting Director Award:

Simone Bär für „Land of Mine“ („Unter dem Sand“) | Regie: Martin Pieter Zandvliet | Dänemark/Deutschland 2015

Antoinette Boulat und Elsa Pharaon für „Standing Tall“ („La tête haute“) | Regie: Emmanuelle Bercot | Frankreich 2015

An Dorthe Braker für „Labyrinth of Lies“ („Im Labyrinth des Schweigens“) | Regie: Giulio Ricciarelli | Deutschland 2015

Amy Rowan für „My Name Is Emily“ | Regie: Simon Fitzmaurice | Irland/Schweden/Norwegen 2015

Yngvill Kolset Haga für „One Night in Oslo“ („Natt til 17.“) | Regie: Eirik Svensson | Norwegen 2014

Magdalena Szwarcbart für „The Mighty Angel“ („Pod mocnym aniolem“) | Regie: Wojciech Smarzowski | Polen 2015

Pauline Hansson für „Drifters“ | Regie: Peter Grönlund | 2015, Schweden

Gewonnen haben: Antoinette Boulat und Elsa Pharaon

 

Zur Person: Karin Dix wurde in Saarbrücken geboren und kam 1983 über London nach Hamburg. Ihre Karriere begann in der Kulturredaktion der „Hamburger Rundschau“. Sie wurde von Dieter Kosslick engagiert und half bei der Organisation des Low Budget Film Forums, Hamburgs erstem Filmfestival.  Ihr professioneller Werdegang führte von der Produktionsarbeit bei der Frankfurter Filmproduktion über das Theater (Produzentin bei Kampnagel Hamburg, später internationales Produktions- und Tourneebüro mit diversen Künstlern unter anderem Tiger Lillies und Victoria Chaplin) bis hin zur European Film Promotion (EFP). Sie entwickelte mit EFP das Projekt Shooting Stars, das im Laufe der Jahre zu einer der anerkanntesten Auszeichnungen für junge Schauspieler in Europa wurde. Neben diversen Film- und Diskussionsreihen betreut sie das International Casting Directors Network (ICDN), das aktuell 64 internationale Casting Directors aus 24 Ländern vereint. Ihr neuestes Projekt ist der European Casting Director Award in Kooperation mit dem Festival del Film Locarno.

 

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Cinema Moralia – Folge 137: »Das geht doch nicht, da passiert ja gar nichts!«

Eine Welt im Ausnahmezustand zeigt Edward Zwick inThe Siege

Wir wollen ja nicht speku­lieren: Medien im Ausnah­me­zu­stand und die große Terror-Show der ARD – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 137. Folge

Immer weniger Menschen sterben an Terror­akten. Und doch lassen sich die Gesell­schaften des Westens, insbe­son­dere die deutsche, ins Bockshorn jagen. Wie das geht, hat uns das Kino schon lange erzählt.
Man könnte sich dazu Fritz Langs Mabuse-Filme ansehen, noch frap­pie­render ist aber der vor 9/11 entstan­dene The Siege (Ausnah­me­zu­stand) von Edward Zwick. Bruce Willis spielt darin einen Militär, der den realen Terror ausnutzt, um über den Ausnah­me­zu­stand eine faschis­toide Diktatur zu instal­lieren – New York sieht plötzlich aus wie Pinochets Chile. Und erschre­ckend aktuell sind die Inter­nie­rungs­lager und folternde Militärs.
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Weniger realis­tisch im Äußeren und der Form, dafür viel­leicht im Empfinden ist Roberto Rodriguez’ Planet Terror, gutes Schund­kino, das man in beide Rich­tungen lesen kann: Wenn Zombies abge­knallt werden und die Ekel­schwelle immer höher steigt, dann ist das ein Anti­ter­ror­kampf als Schlacht­platte. Aber viel­leicht ist der Film noch etwas cleverer: Viel­leicht macht er uns nur zu willen­losen Amok­schützen? »Sensa­tio­nell ist Rose McGowan, die ihr ampu­tiertes Bein mit einem Maschi­nen­ge­wehr ersetzt und damit zu unge­ahnter Effek­ti­vität und Attrak­ti­vität aufläuft«, schrieb Michael Althen zu dem Film vor neun Jahren in der FAZ, und weiter großartig: »Im Grunde befreit sich das Kino hier aus dem Abbil­dungs­t­error und schwingt sich zu abstrakter Kunst empor. Ein Fall für die Documenta.« Ja! Ein Fall für die Documenta – das könnte auch noch für so manches gelten, das sich in den letzten zwei Wochen ereignete.
Vorher soll aber erwähnt werden, dass Bruce Willis auch hier einen kleinen kurzen effek­tiven Auftritt hat. Weiterlesen

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»Uncertain States. Künst­le­ri­sches Handeln in Ausnah­me­zu­ständen« heißt passen­der­weise der Programm­schwer­punkt der Berliner Akademie der Künste in diesem Herbst. Thema ist die Fragi­lität des Status Quo, ausgelöst durch Kriege, Armut, Terro­rismus, Flucht und Zuwan­de­rung. Ein »Erfah­rungs­raum der Dinge« soll die Grund­struktur des drei­mo­na­tigen Programms bilden.
»Die Erfahrung von Ausnah­me­zu­ständen ist in die alltäg­liche Wirk­lich­keit Europas einge­kehrt. Mit ‘Uncertain States’ nehmen wir die aktuellen poli­ti­schen, gesell­schaft­li­chen und indi­vi­du­ellen Umbrüche und Unsi­cher­heiten in den künst­le­ri­schen Fokus und erinnern gleich­zeitig an die exis­ten­ti­ellen Notlagen, in die viele Kunst­schaf­fende nach 1933 gerieten. Ihr emotio­naler und ästhe­ti­scher Umgang mit Auswan­de­rung und Exil ist in den Archiven der Akademie der Künste beispiel­haft doku­men­tiert und wesent­li­cher Bezugs­punkt unserer Ausstel­lung«, sagt die Film­re­gis­seurin und Akademie-Präsi­dentin Jeanine Meerapfel.
Objekte und Dokumente stammen unter anderem auch von den im Film arbei­tenden Bertolt Brecht, Hanns Eisler, Valeska Gert, Lilian Harvey.

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Seit etwa 1988 sinkt der Terror in Europa. Mitte der 90er Jahre waren die Zahlen noch einmal höher – aber nur wenn man den Jugo­sla­wien-Krieg mitzählt. Die Zahlen der Todes­opfer 2015 und 2016 liegen nach einer aktuellen, u.a. über dpa verbrei­teten Statistik im Vergleich weit unter den Zahlen der 1970er- und 1980er-Jahre.
Der Grund dafür, dass zwischen der realen Gefahr und den tatsäch­li­chen Terror­op­fern in Europa einer­seits und der subjektiv empfun­denen Terror­ge­fahr in Deutsch­land eine signi­fi­kante Lücke klafft, ist reine Hysterie. Das belegt auch eine Umfrage des Pew Research Center: Die Menschen haben vergleichs­weise viel Angst vor Terror, vor Flücht­lingen und »dem Zuzug von Auslän­dern«. Sie haben auch Angst vor den Folgen von grie­chi­schen Schulden und Brexit für die Steu­er­zahler. Sie haben aber vergleichs­weise wenig Angst vor Krankheit oder davor im Alter ein Pfle­ge­fall zu werden – obwohl diese Aussicht die viel wahr­schein­li­chere ist.
Von den 4000 Verkehrs­toten reden wir jetzt mal gar nicht – oder herrscht viel­leicht Terror auf der Autobahn?

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Es war eine Kapi­tu­la­ti­ons­er­klä­rung erster Klasse, was da am vergan­genen Freitag im ARD-Fernsehen geschah. Da feilscht die ARD mit ihren Filme­ma­chern und Produ­zenten und Redak­tionen um jede Sende­mi­nute und dann wird einem – wie wir inzwi­schen wissen: rechts­ex­tremen – Quatsch­kopf eine Live-Sendezeit von über drei Stunden geboten! Was ist das für ein Signal an zukünf­tige Täter? Was für ein Signal an Sozi­al­ge­störte und Psycho­pa­then, denen die Warhol­schen »15 Minuten« nicht ausrei­chen, und die zum Stillen ihres Aufmerk­sam­keits­de­fi­zits einfach ein paar Menschen über den Haufen schießen müssen?
Jeder poten­ti­elle Mörder weiß nun, wie er es anstellen muss, um bei der ARD eine Live-Show zu bekommen.

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»Ein Fall für Zwei« im Ersten. Die längste »Tages­themen«-Sendung aller Zeiten, länger selbst als am 11.9.2001, von 21.15 Uhr bis 0.27 Uhr, länger als jedes Fußball-Cham­pi­ons­league-Spiel inklusive Verlän­ge­rung und Elfme­ter­schießen, und dann noch im Stehen, weil man ja im deutschen Fernsehen nicht mehr in sitzender Gelas­sen­heit, sondern nur noch hektisch auf dem Sprung die Nach­richten ablesen darf.
Als Terror-Show­master betä­tigten sich Thomas Roth und Georg Mascolo, einst »Spiegel«-Chef­re­dak­teur, jetzt soge­nannter »Terro­ris­mus­ex­perte« bei der ARD.
Der Eindruck drängte sich auf, dass man in manchen Redak­tionen heimlich darauf hoffte, es würde noch etwas passieren. Einem der dilet­tan­ti­schen ARD-Terror-Show­master entfuhr die Bemerkung: »Das geht doch nicht, da passiert ja gar nichts!« Und auch sonst, domi­nierte der Eindruck, als ob alle drauf gewartet und ein wenig gehofft hätten. Endlich! Hechel, hechel!! Immer wieder die rheto­ri­sche Geste des »Es musste ja so kommen« – und gleich­zeitig soo dilet­tan­tisch: Live­schal­tungen, die nicht funk­tio­nierten, wo aber keiner auf die Idee kam, den Leuten vor Ort – wenn es denn live sein muss – mal ein Mobil­te­lefon in die Hand zu drücken.
Oder jenen Moment, als sich die Terror-Show­master mit einem frisch servierten Handy-Video befassten, dass den Mörder zeigte, wie er sich mit einem Bewohner auf einem Parkdeck ein Wort­ge­fecht lieferte. Es war nicht unbedigt gewohnte ARD-Sprache, aber immerhin bereits beim ersten Mal deutlich vers­tänd­lich, was die Leute sich zubrüllten. Unter anderem rief der Mörder: »Scheiß-Ausländer«, »Ich bin Deutscher«, da hätte man schon vermuten können, dass der Mann Rechts­ex­tre­mist ist. Nur zwei Leute verstanden gar nichts: Roth und Mascolo. Und auch beim zweiten und beim dritten Anguck-Versuch brachen sie das Abspielen vorzeitig ab.
Da hatten sie über Stunden nur herum­ge­la­bert, nichts zu tun gehabt, geraten und gemutmaßt und Anekdoten erzählt, und endlich ein paar Fakten, die alle ihre Speku­la­tionen vom »Tages­themen«-Tisch wischten: keine Isis, keine Isla­misten, keine Flücht­linge, kein Ernstfall.
In der ganzen Zeit kein kriti­sches Wort zu der Panik, viel Speku­la­tionen über Gefahren, aber keine Speku­la­tion darüber, ob viel­leicht all das doch etwas über­trieben sein könnte.

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Deutsche Tote sind offenbar mehr wert als andere – wo war die Sonder­sen­dung für die 200 Toten bei Erdogans Ermäch­ti­gungs­putsch, äh, Reichs­tags­brand?

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Der ARD-Reporter brüstet sich noch damit, dass er an der Polizei vorbei hinter die Absper­rungen gegangen sei. Zu guter Letzt wird Angela Merkel dann noch vorge­worfen, dass sie sich erst infor­miert, sich nicht sofort das nächste Mikrophon schnappt – bloß weil der bescheu­erte US-Präsident sofort herum­get­wit­tert hat, als die Toten noch gar nicht gezählt waren.

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Das stellt dann immerhin gleich am nächsten Morgen Joachim Krause, Professor und Direktor des Instituts für Sicher­heits­po­litik an der Univer­sität Kiel im Deutsch­land­funk fest. »In erster Linie habe ich die Hysterie der Medien erlebt, und die, muss ich sagen, war nicht besonders gut. Gestern Abend habe ich den Eindruck gehabt, die Gelas­sen­heit fehlte, auch gerade bei den Medien. Ich hab mir drei Stunden ARD angetan und noch mal kurz ZDF, es war schlimm, muss ich sagen, weil es gab eigent­lich nichts zu berichten, und es wurde eigent­lich nur im Konjunktiv gespro­chen.« Krause traute sich auch den Einsatz der Polizei in München infrage zu stellen: »Das ist in dieser Größen­ord­nung etwas Neues, und ich weiß nicht, ob das tatsäch­lich gerecht­fer­tigt gewesen ist, aber… ich fand das schon ein bisschen sehr viel.«

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Das Ergebnis des Münchner Amok-Anschlags ist das Abbild einer infan­tilen, über­hys­te­ri­sierten Gesell­schaft, die zwischen Aufge­regt­heit und Schreck­haf­tig­keit changiert, und ihre Mitte immer noch nicht gefunden hat. Wir müssen lernen, Gelas­sen­heit zu entwi­ckeln, das haben wir hier in Deutsch­land überhaupt nicht.
Die Profi­teure warten schon: Die Medien machen mit alldem das Geschäft der Popu­listen der demo­kra­ti­schen Parteien und vor allem das Geschäft der Rechts­ex­tre­misten. Die wollen ein Angst­re­gime errichten. Sie nutzen den Terror, auch den rechts­ex­tremen, auch den nur vermeint­li­chen, für ihre Zwecke.

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Immerhin geht Thomas Roth im Herbst in den Ruhestand. Es wird höchste Zeit. Sein Nach­folger ist Ingo Zamperoni, ein Halbi­ta­liener und schon deswegen etwas cooler und mehr gewohnt.

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Werbung für einen Film: »Ein Film, der den Blutdruck senkt und das Gehirn entschleu­nigt. Dadurch wird der Kopf frei.«
Ja, dann geht doch alle ins Kloster!

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In der nach wie vor offenen Frage der CETA und TTIP Abkommen, die unter anderem die Künste und Medien schwer schädigen würden, will die EU-Kommis­sion nach dem Brexit-Reinfall jetzt offenbar mit dem Kopf durch die Wand. Ihr Plan: CETA und TTIP sollen im Eilver­fahren durch­ge­wunken werden, ohne dass die natio­nalen Parla­mente gefragt werden.
Das ginge nur, wenn es auf europäi­scher Ebene echte Demo­kratie gäbe.
CETA ist die Blaupause für TTIP, die Sonder­kla­ge­rechte für Konzerne und nied­ri­gere Umwelt- und Verbrau­cher­stan­dards bringen würde.
Die Bundes­kanz­lerin will offenbar mitspielen und den Bundestag lediglich »um eine Meinungs­bil­dung« bitten. Ob die EU-Kommis­sion mit ihren Plänen durch­kommt, die natio­nalen Parla­mente doch noch beteiligt werden oder CETA ganz gekippt wird – das entscheidet sich voraus­sicht­lich auf dem EU-Handels­gipfel in Bratis­lava am 22. und 23. September.
Wie sehr der Protest bereits wirkt, kann man dieser Tage bei der SPD bestaunen. Wirt­schafts­mi­nister Sigmar Gabriel (SPD), bisher TTIP- und CETA-Befür­worter, nennt Junckers Plan »unglaub­lich töricht.«
Mehr Infor­ma­tionen zu den über­par­tei­li­chen Initia­tiven hier:
www.campact.de/ttip-ebi
stop-ttip.org
www.volks­be­gehren.jetzt

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Und wäre Erdogan ein bildender Künstler, unser Beifall wäre ihm sicher. Und der der Documenta.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Babelsberg ist eine Insel

Nach der Wiedervereinigung war die Zukunft des Traditionsstudios immer wieder ungewiss. Nach dem Eigentümerwechsel 2004 schien die Lage stabiler zu werden – auch Dank üppiger Filmförderung. | Foto © Studio Babelsberg.

Babelsberg macht sich wieder mal Sorgen. Nach der Hauptversammlung im Juni hatte der Vorstand von des Unternehmens düstere Zukunftsaussichten gemalt. Seit über einem Jahr konnte das Studio keine neuen Großproduktionen akquirieren, zwei große internationale Filmprojekte waren im ersten Halbjahr weggefallen, der Studiobetrieb ist nicht ausgelastet. Es sei absehbar, heißt es im Geschäftsbericht, dass die Auslastung der Studios (und damit die Erlöse) im Jahr 2016 „erheblich schlechter ausfallen wird als im Vorjahr.”

Schuld ist, auch das lässt sich da lesen, der Deutsche Filmförderfonds (DFFF), besser gesagt, der Umstand, dass er gekappt wurde: „Im Jahr 2014 wurde der DFFF von 60 auf 50 Millionen Euro abgesenkt (in 2013 betrug das Budget noch 70 Millionen Euro). Die jährlich vorgesehenen Fördermittel waren in 2015 infolgedessen vorzeitig – bereits Anfang Juni – vollständig ausgeschöpft.” Die Folgen sind bekannt. Weiterlesen

Tatsächlich muss sich Studio Babelsberg auf einem hart umkämpften Markt behaupten. Nur wenige Kilometer weiter locken Osteuropas Taradtionsstudios mit billigeren Arbeitskräften, Frankreich und Italien haben ähnliche, angeblich besser ausgestattete Fördersysteme eingeführt, um sich für internationale Großproduktionen hübsch zu machen, Großbritannien ohnehin. Und was solche Produktionen kosten, übersteigt eh die Möglichkeiten des DFFF, auch wenn der nun durch den German Motion Picture Fund mit ganzen zehn Millionen Euro auf die alte Größe gebracht wird. Die DFFF-Förderung ist bei vier Millionen Euro pro Projekt gedeckelt, für Ausnahmen ist bei zehn Millionen Schluss. „Dies macht Deutschland als Produktionsstandort für Filme mit über 50 Millionen Euro Produktionsbudgets weniger attraktiv”, so der Jahresbericht [PDF]. In anderen Ländern lägen die Subventionsquoten „zum Teil um ein Wesentliches höher”.

So kann’s gehen, wenn man eine Computerchip-Fabrik in Papua-Neuguinea baut. Wir erinnern uns: 1990, mit der Wiedervereinigung, hatte Deutschland plötzlich wieder ein Filmstudio von Weltruf. Leider nur keine Filmbranche, von der man Gleiches behaupten könnte. Für die waren die Studios zu groß, das Geld zu knapp. Der französische Konzern Vivendi-Universal übernahm das Studio 1992, modernisierte es in den nächsten zwölf Jahren für rund 250 Millionen Euro – und verschliss mehrere Geschäftsführer, darunter auch einen Regisseur von Weltruf wie Volker Schlöndorff. Vivendi-Universal fuhr mit dem Studio-Mythos so viele Verluste ein, dass man die Unternehmensgruppe 2004 für einen Euro an die Filmunternehmer Christoph Fisser und Carl Woebcken verkaufte – und ihnen noch 18 Millionen als „Anschubfinanzierung” draufpackte. Offenbar die billigste Lösung: Die anderen Mitbieter, Studio Hamburg und das eigene Management, hätten weit mehr für die Übernahme gefordert.

Die neuen Eigentümer erfanden das Rad nicht neu. Sie setzten den Kurs ihrer Vorgänger fort: Ausländische Großproduktionen mit hohem „Production Value” zu gewinnen, die eine umfassende Infrastruktur und Know-how verlangten und ihrerseits dem Studio wieder etwas Glanz verliehen. Offenbar hatten sie dabei mehr Glück. Die Liste bekannter Titel ist über die Jahre gewachsen und glänzt mit berühmten Regisseuren wie Steven Spielberg, Quentin Tarantino und den Wachowski-Schwestern.

Diese Entwicklung verlief freilich parallel zu einer größeren: Mehr und mehr suchten sich Produzenten aus Hollywood andere Drehorte, die vergleichbare Ausstattung, Fachkenntnis und vor allem finanziellen Vorteile böten. Babelsberg setzte da zwar auf seinen Ruf als ältestes Großatelier-Filmstudio der Welt und größtes Filmstudio auf dem Kontinent. Doch die Barandov-Studios in Prag haben ähnliches Renomée, Pinewood und Shepperton bei London sind größer und haben eine ältere Verbindung nach Übersee – von derselben Sprache und dem Filmpersonal, das zum Teil auf beiden Seiten des Atlantiks arbeitet, ganz zu schweigen. Und dann sind da noch die Studios in Frankreich und Italien, die ebenfalls eine längere Vorgeschichte auf diesem Markt haben.

Es gibt aber noch eine Parallele: 2007 wurde der DFFF gestartet, der fortan pro Jahr 60 Millionen Euro in die deutsche Filmproduktionswirtschaft pumpte. Unverändert übrigens: 2014 wurde der DFFF zwar auf 50 Millionen Euro gekappt, doch die 10 Millionen hatte es im Vorjahr bereits als Extra gegeben. Und seit dem Folgejahr gleicht der German Movie Picture Fund den Fehlbetrag aus. Nebenbei ist das auch ein Lehrstück für effektive Politik: Mit den vermeintlichen „Aufstockungen” 2013 und 2015 konnten gleich zwei Kulturstaatsminister Pluspunkte sammeln – da ließ sich der Aufschrei wegen der Kürzung zwischendurch leicht verkraften (aber wie war eigentlich Neumanns „jährlich 70 Millionen“ gemeint?).

Rund 532 Millionen Euro wurden bis Ende vorigen Jahres bereits verteilt. Jeder fünfte Euro davon ging an internationale Produktionen, bei denen Studio Babelsberg als Ausführender oder Koproduzent fungierte – sonst gäbe es ja auch keine Förderung. So beeindruckend die Filmreferenzen des Unternehmens sein mögen, die Ergebnisse sind es nicht wirklich. Zwar meldete Studio Babelsberg für 2015 einen Gewinn vor Steuer von 5,2 Millionen Euro; das aber kann die Bavaria bei München auch fast, obwohl sie in einer anderen Studioliga spielt. Zudem hatten in dem Jahr allein fünf Studio-Babelsberg-Produktionen 20 Millionen Euro aus dem DFFF erhalten – ein Drittel von dessen Etats für insgesamt 107 Projekte. Im Jahr zuvor waren es nur 11,7 Millionen Euro gewesen, entsprechend niedriger lag 2014 auch das Unternehmensergebnis: 2,2 Millionen Euro Verlust. Von 2014 auf 2015 konnte das Studio also 7,4 Millionen Euro mehr Gewinn erwirtschaften, zugleich erhielt es 8,3 Millionen Euro mehr Fördermittel. Noch eine Parallele.

Die anderen großen Studiobetriebe wie Bavaria und Studio Hamburg sind in öffentlich-rechtlicher Hand, aber Studio Babelsberg ein reines privates Unternehmen, betont der Pressesprecher Eike Wolf. Tatsächlich aber scheint das private Unternehmertum (Fisser und Woebcken halten weiterhin die Mehrheit der Aktien) fest am öffentlichen Tropf zu hängen. Schon 2009 hatte die DZ Bank in einer Studie [PDF] vermerkt: „Nicht zuletzt Dank der Unterstützung durch die massive Ausweitung der deutschen Filmförderung konnte Studio Babelsberg in 2007 und 2008 das Umsatzniveau […] und das Nettoergebnis […] steigern.” Die Bank setzte damals aber noch „mittelfristig” auf eine „stabile Auslastung der Kapazitäten und ein interessantes Ertragsniveau.”

Noch eine kleine Milchmädchenrechnung zur Veranschaulichung: 2015 erhielten Babelsberger Produktionen 20 Millionen Euro vom DFFF. Mit jedem Euro aus dem Topf werden von den Filmproduktionen fünf weitere ausgegeben, beziffert die Bundesbeauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Monika Grütters, den Fördereffekt des DFFF – aus 20 werden somit 120 Millionen Euro. Die Gesamtleistung des Konzerns gibt Studio Babelsberg in dem Jahr mit 124,5 Millionen Euro an.

Man könnte ins Grübeln kommen, was wohl Anfang der 90er und zwölf Jahre später hinter verschlossenen Büro- und Kanzleitüren so vor sich ging. Plötzlich hatte man ein Studio, zu groß für den Eigengebrauch, zu hübsch zum Zuschließen, doch selbst von einem Großkonzern nicht zu bändigen. Vielleicht überwog ja der Wunsch, Babelsberg zu erhalten, auf dass es den Deutschen Film wieder strahlen lasse oder wenigstens Berlin zur Filmhauptstadt mache, allen wirtschaftlichen Unwägbarkeiten zum Trotz. Jedenfalls kam, kaum dass Fisser und Woebcken ihre Konkurrenten unterboten und das Studio an die Börse gebracht hatten, der DFFF und sicherte Babelsberg für die nächsten Jahre ein Grundeinkommen. Bisher mehr als 111 Millionen Euro und nach dem Fördereffekt sogar sechsmal so viel.

Nachvollziehbar, wenn die Studio-Vorstände den DFFF als ihr Spielzeug ansehen. In einem Interview der Zeitschrift Blickpunkt Film legte Fisser vorige Woche nach: „Deutschland wurde international völlig abgehängt.” Und sang das alte Lied: Die Konkurrenz werde stärker unterstützt, es brauche ein besseres Anreizsystem für Großproduktionen. Der DFFF sei bei seiner Einführung „zwar eine tolle Sache” gewesen und habe „über einige Jahre sehr gut funktioniert”, sei aber heute „schlicht nicht mehr konkurrenzfähig”.

Es verblüfft, wenn Unternehmer, die gerne für freien Wettbewerb und gegen staatliche Einmischung plädieren, nach Subventionen verlangen. Fisser ist da nicht allein, schon gar nicht in einer Branche, die reflexartig als erstes nach Förderung ruft. Doch da gibt es auch kaum Großunternehmen, die globale Player sein wollen.

Der Rest der Branche dürfte das System wohl anders verstehen als Fisser und glauben, dass mit der „Stärkung der Kinofilmproduktion in Deutschland”, die der DFFF erreichen soll, auch sie gemeint sind, und nicht bloß ein Betrieb, der sich als Zulieferbetrieb für Hollywood anpreist. Auf den ersten Blick ist das auch so: 975 Filme wurden durch den DFFF bis Ende 2015 ermöglicht, nur 35 davon mit Babelsberg unter den Produzenten. Der zweite Blick verrät jedoch: Diese 3,5 Prozent der Filme erhielten 21 Prozent des DFFF-Budgets; im Durchschnitt erhält jede Babelsberg-Poduktion sechsmal so viel Geld aus dem DFFF wie jeder andere geförderte Film.

Das war mal anders angepriesen worden: Als „unbürokratisches” Instrument, mit dem möglichst viel Geld möglichst breit gestreut werde, war der DFFF konzipiert, und der damalige Kulturstaatsminister Bernd Neumann hatte das Prinzip Anfang 2009 im Ausschuss für Kultur und Medien verteidigt: Auf diese Weise hätten auch kleine Produktionen eine Chance, gefördert zu werden. „Die Gießkanne ist die Chance der Kreativen.” Freilich hatten da Die Grünen gerade bemängelt, dass beim DFFF die Repräsentanz von Kreativen ein wenig zurückfällt.” Neumanns Nachfolgerin Grütters beschreibt den Zweck des DFFF auf der Website nur noch unverbindlich als „Initiative zur Stärkung der Kinofilmproduktion in Deutschland”.

Betriebswirtschaftlich und unter den gegebenen Umständen sind Kurs und Argumentation aus Babelsberg durchaus nachvollziehbar. Ideal wäre gewesen, wenn die heimische Filmbranche rasch in die Infrastruktur hineingewachsen wäre. Das übrigens wäre mal ein Förderprogramm gewesen! Die Absicht des DFFF mag in diese Richtung gezielt haben, leider anderthalb Jahrzehnte zu spät und viel zu klein budgetiert. Zehn deutsche Kinofilme und gar mehr könnte man mit einem Jahresetat prächtig drehen, in Hollywood reichte es vielleicht für grade mal für zwei. Das kann man nicht vergleichen? Das Publikum tut nichts anderes, Woche für Woche im Kino. Schlimmer noch: Ein Fünftel des DFFF-Geldes fließt an eben diese Konkurrenz, um Babelsberg am Laufen zu halten.

„Mit deutschen Produktionen und deren relativ niedrigen Budgets kann man ein solches Studio nicht füllen”, erklärt auch Fisser im Interview. Doch stelle sich die Grundsatzfrage: „Will man große internationale Produktionen am Standort haben? Will man Beschäftigung für Filmschaffende aller Gewerke? Will man den Know-how-Transfer? Wenn die Antwort Ja lautet, benötigen wir zwingend ein planbares, verlässliches und konkurrenzfähiges System.”

Mag sein, doch das sollte nicht zu Lasten der heimischen Produktionen gehen. Das Alleinstellungsmerkmal von Babelsberg im Land hat Fisser selbst zusammengefasst: „Die Projekte, auf die wir setzen, benötigen keine Förderung, um finanziert zu werden – sondern es bedarf eines Anreizes, damit sie ihr Geld gerade in Deutschland ausgeben.” Studio Babelsberg fungiert zwar offiziell als Produzent, doch ist wohl eher Herstellungsleiter. Mit der Filmfertigstellung ist Schluss – es geht um Auslastung, nicht um Auswertung. „Als Filmstudio nehmen wir eine Sonderstellung unter den Produzenten ein”, begründete Fisser den Ausstieg seines Unternehmens aus der Produzentenallianz.

Also ist Babelsberg heute eine Insel im Filmland, die anderes will und braucht als die übrige Branche. Auch wenn man annimmt, dass dessen Wohl auch allen anderen zu gute kommt, ist die Schere zwischen dem, was Babelsberg darstellen will, und dem, was das übrige Filmland bietet, zu groß. Der Babelsberger Anspruch sollte auf einer entsprechenden Basis der heimischen Filmszene stehen – das Studio müsste auch eigene, nationale Produktionen mit hohem „Production Value” und Schauwert vorweisen können.

Bei allen Selbstzweifeln des Deutschen Films: Gerade da, haben sich die Produzenten in den jüngsten zehn Jahren ganz schön Mühe gegeben. Längst werden nicht mehr nur Dramen nach dem Vorbild des einst Jungen Deutschen Films oder urbaner Klamauk gedreht, und Produzenten wagen sich an Stoffe mit erheblicher Ausstattung oder gleich ins Genre, auch wenn die Einspielergebnisse und Kritiken zu oft noch bescheiden ausfallen. Und da hat Fisser wahrscheinlich Recht: Studio Babelsberg braucht einen völlig anderen Fördertopf – der DFFF sollte den „richtigen” Produzenten helfen.

Und Hilfe braucht Babelsberg offenbar dringend. Im Herbst 2014 hatte das Unternehmen sein Delisting an der Münchner Börse verkündet: Seit dem 30. Juni dieses Jahres werden die Aktien nicht mehr gehandelt und notiert. Einen „Offenbarungseid” nannte die „Berliner Zeitung“ die Erklärung an die Aktionäre: „Der Vorstand hält das Unternehmen grundsätzlich nicht mehr für börsenfähig.” Das Geschäftsmodell, das starken Schwankungen ausgesetzt ist und stark von staatlichen Fördermitteln abhängt, sei für die Börse schwierig, zudem könne man „keine nachhaltige Wachstumsstrategie vorweisen.” Die Aktien hatten da seit Anfang 2010 fast drei Viertel ihres Wertes verloren, allein in den vier Monaten vor der Ankündigung rund 40 Prozent. Allerdings: Der Rückzug von der Börse befreit das Unternehmen auch von den damit verbundenen umfassenden Publizitätspflichten.

Neustart ist ein zu großes Wort für das, was jetzt kommen mag. Doch für den 18. August, gerade mal zwei Monate nach der Jahreshauptversammlung, ist eine außerordentliche Hauptversammlung der Aktionäre angesetzt. Dann soll über eine Kapitalerhöhung abgestimmt werden, erklärte Unternehmenssprecher Wolf auf Nachfrage.

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Focus Casting – Wer passt warum zur Rolle?

© Holger Borggrefe

Die vorliegende cn-klappe zeigt einen Zusammenschnitt des BVC-Panels im Rahmen des Filmfest München.

Kriterien des Casting, der Regie und der Redaktion zur idealen Besetzung. Wer passt am besten zu der Rolle und zu dem Ensemble? Wie kommt es zu einer Entscheidung?

Als Regisseure/Redakteur waren vertreten:
Lars Montag (Regisseur)
Thorsten Ritsch (Redakteur ZDF)
Thomas Stuber (Regisseur)

Die Casting Directors des BVCs waren vertreten durch:
Anja Dihrberg (Berlin/Köln)
Karimah El-Giamal (Leipzig)
Stefany Pohlmann (München)

Moderation: Stephen Sikder (BVC) München

Der Beitrag gliedert sich in folgende Kapitel (Achtung in der Ecke links oben anklickbar!):

Intro
Kapitel 1: Zusammenspiel zwischen Redakteur & Caster
Kapitel 2: Redaktionell nicht durchsetzbar!?
Kapitel 3: Schranken in den Köpfen
Kapitel 4: Deal für die Quote
Kapitel 5: Marktwert erhöhen?!
Kapitel 6: Kreative Reibung im Casting-Prozess
Kapitel 7: Auf sich aufmerksam machen
Abspann & Dankeschön

Offizielle Website des Bundesverband Casting (BVC): www.castingverband.de

Viel Spaß beim Anschauen: Zur cn-klappe bei casting-network

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Zeitenwende

London Has Fallen: Neulich war’s noch das Motiv für einen Blockbuster, jetzt holt die Wirklichkeit auf. Auch in der Filmwelt. | Foto © Universum

Die Volksabstimmung in Großbritannien steckt Europa in den Knochen. Eine knappe Mehrheit der Wähler hatte sich für den Austritt des Landes aus der Europäischen Union entschieden. Das Ergebnis kam für die meisten überraschend; und folgt man den zahllosen Reportern, die sich in den folgenden Tagen an die Ursachenforschung vor Ort machten, war es wohl nicht allein die vermeintliche Bevormundung aus Brüssel (oder gar durch die deutsche Kanzlerin), die den Ausschlag gab. Sondern doch in erster Linie die Angst vor dem Fremden: Der Zuzug von Nachbarn aus dem grenzenlosen Europa und die Flüchtlingswellen aus Kriegs- und Krisengebieten lassen auf der Insel die gleichen simplen Ideen wuchern wie in vielen anderen Ländern auf dem Kontinent.

Vielleicht mag dort, im übrigen Europa, das Referendum eine Lehre sein. Denn offenbar überraschte das Ergebnis in Großbritannien selbst sogar die Köpfe des „Brexit“, des britischen Ausstiegs. Erst zog sich der Londoner Ex-Bürgermeister Boris Johnson zurück, dann der EU-Kritiker Nigel Farage – Mission erfüllt, sollen sich die anderen kümmern, wie sie mit dem neuen Durcheinander klarkommen.

„Die Oberratte verlässt das sinkende Schiff!“ Wenig diplomatisch machte der Schauspieler Christoph Waltz seinem Unmut Luft: In einem Interview fragte der Sender „Sky“ den Schauspieler (der laut „Spiegel online“ seit 15 Jahren in London lebt) über seine Meinung zum „Brexit“: Er sei „100 Prozent dagegen“, antwortete Waltz, „vielleicht zu gefühlsbetont, weil ich die abgrundtiefe Dummheit nicht verstehen kann.“ Weiterlesen

Der Einfluss von Populisten auf die Gesellschaft sorgt Waltz: „Man könnte natürlich geschichtliche Parallelen dazu ziehen, wo andere Populisten Ängste in der Bevölkerung geschürt und sie gegen Gruppierungen aufgehetzt haben. In Europa haben wir damit ja so einige Erfahrungen gemacht und werden hoffentlich nicht noch einmal in eine solche Falle tappen.“

Doch schon im Alltag macht der Brexit das Leben nicht besser. Auch auf die Filmwelt und vor allem das eigene Geschäft sah Studio Babelsberg schon handfeste Probleme zukommen. Bei der Hauptversammlung am 24. Juni, einen Tag nach dem Referendum, zeichnete der Vorstand ein düsteres Bild der Zukunft. Im ersten Halbjahr seien zwei große internationale Filmproduktionen weggebrochen, denn der Wettbewerb zwischen den europäischen Standorten sei schärfer geworden. „So lockt nicht nur Großbritannien mit einem Anreizsystem, gegen das der DFFF verblasst, zuletzt zogen auch Frankreich und Italien mit attraktiven Programmen nach”, erklärt die Zeitschrift „Blickpunkt Film“ dazu. Zudem, so der Babelsberg-Verstand, könnten die Währungsverschiebungen in der Folge des Brexit „das exportorientierte Projektgeschäft von Studio Babelsberg existenzbedrohend beeinflussen.“

Das Thema treibt aber nicht nur ein Unternehmen um, das sich auf Dienstleistung im großen internationalen Wettbewerb ausgerichtet hat. „Wo immer in diesen Tagen Mitglieder und Vertreter unserer Branche zusammenstehen, macht das Wort ›Brexit‹ weiterhin die Runde, und die Diskussionen sind oft leicht gewürzt mit einem spöttischen Unterton in Anbetracht des augenblicklichen politischen Irrsinns“, schreibt Bernie Stampfer, Mitglied im Verband Deutscher Filmproduzenten, in „Blickpunkt Film“ und warnt: „Es gibt keinerlei Grund für Spott oder für Häme.“

Stampfer ist Partner bei International Film Partners, die Produktionen beraten und Koproduzenten und Finanzierungen vermitteln, und vor zwei Jahren Bavaria-Tochter Bavaria Film Partners ersetzten. Und so sieht er zuerst einmal die ganz praktischen Nachteile, die sich aus der Abgrenzung Großbritanniens ergeben: Ein schwacher Währungskurs des britischen Pfund etwa, wie er dem Brexit-Vorum umgehend folgte, mache die Insel noch attraktiver, und das dürfte vor allem „die vielen US-amerikanischen Produzenten (und Majors) interessieren, die jetzt schon die Szene in Pinewood und Leavesden beherrschen: Allein 37 sogenannte ,Hollywood-Filme‘ wurden dort 2015 gedreht, und selbstverständlich zieht der ,UK Tax Credit‘ auch die großen TV-Serien an.“ Doch Wechselkurse brächten immer auch einen „hohen Grad an Planungsunsicherheit und Wechselkursschwankungen sind Gift ohne Gegenmittel. Diese Planungsunsicherheiten werden weiter befeuert durch die Gefahr von Rezessionen, neuen Steuern, Arbeitsmarktregelungen und anderen Maßnahmen, die zukünftige Regierungen in fortlaufenden Krisenzeiten treffen könnten oder müssten.“

Im Branchenblatt „Variety“ klagte der britische Produzent Michael Ryan, Vorsitzender der Independent Film und Television Alliance: „Zur Zeit wissen wir nicht mehr, wie unsere Beziehung mit Koproduzenten, Geldgebern und Vertrieben funktionieren wird.“

Durch den Brexit wird Großbritannien voraussichtlich den direkten Zugang zum EU-Binnenmarkt verlieren – oder sich diesen (wie etwa Norwegen) teuer erkaufen müssen ohne mitbestimmen zu dürfen. Was letztlich auch die Verbreitung britischer Filme betrifft. Und neben dem Verkehr von Waren, womit in diesem Fall Filme gemeint sind, wird auch der Personenverkehr eingeschränkt: Wenn Filmcrews mal eben zum Dreh nach London, könnte dies bald wieder wesentlich umständlicher und teurer werden.

Andererseits, auch das rechnet Stampfer vor, hatte Großbritannien auch beim Thema Film schon lange einen Sonderkurs gefahren. Bilaterale Koproduktionsabkommen gebe es „gerade mal noch mit Frankreich, alles andere europäische Schaffen wird einfach unter die Rahmenvereinbarungen der ›European Convention on Cinematographic Co-Production‹ gestellt, die aber eigentlich für Koproduktionen zwischen mindestens drei europäischen Partnern gilt. Seit 1995 ist Großbritannien auch nicht mehr Mitglied von Kurimages.“ Durch den Brexit wird aber auch dies nicht leichter zu lösen sein. „Handelssperren werden den Vertrieb britischer Filme in der EU erschweren“, hatte Claude-Eric Poiroux gewarnt, Direktor von Europa Cinemas, dem EU-Netzwerk zur Förderung des europäischen Films.

Bei diesem Punkt wird auch Stampfer etwas sentimental: „Ein europäisches Filmschaffen ohne den wunderbaren kreativen Input eines Ridley Scott, Ken Loach, Danny Boyle, Stephen Frears, Michael Winterbottom, Guy Ritchie, Terry Gilliam, Andrea Arnold, Peter Greenaway, Mike Newell oder eines Kenneth Branagh und vieler anderer ist schlicht nicht vorstellbar. Und denken wir an all die Autoren, Schauspieler, Techniker und Kreativen, die sich um diese Regisseure scharen. Und nicht zuletzt deren Produzenten. Europa ohne Soho? Ohne Wardour Street? Das wollen wir alle definitiv nicht. Das ist unvorstellbar.“

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Vertane Chance

Eine Woche vor der Parlamentsdebatte lobte Monika Grütters noch die Filmschaffenden bei der Verleihung des „Deutschen Filmpreises“. Doch unter welchen Bedingungen die arbeiten müssen, ist Deutschlands oberster Filmförderin weiterhin egal. | Foto © API/Michael Tinnefeld

Alles wird gut! Deutschland erhält ein neues Filmförderungsgesetz, und dieses stärkt die „nationale und internationale Strahlkraft des deutschen Films.“ Das meldete das Presseamt der Bundesregierung am vorletzten Freitag. Anlass war die erste Lesung über den Regierungsentwurf des Filmförderungsgesetzes (FFG) vor dem Bundestag. Mit dem Entwurf „rollen wir künftigen Filmerfolgen den roten Teppich aus“, erzählte die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, den Abgeordneten. Und dies sei auch das Ziel der Gesetzesnovelle, welche die Rechtsgrundlage für die Filmförderungsanstalt (FFA) ist. Als Beispiel für den Erfolgskurs mussten natürlich wieder die Cannes-Einladung für Toni Erdmann herhalten und der Rekord beim Marktanteil deutscher Filme im vorigen Jahr. Denn, so Grütters: „Solche Erfolge zeigen: Wir sind mit unserer Filmförderung auf dem richtigen Weg.“

Den Abgeordneten konnte sie das offenbar erzählen. Doch das Vorjahresergebnis stützt sich auf zwei Filme, ohne die 2015 unterdurchschnittlich verlaufen wäre; und die Aufregung ums Mitmachen im Wettbewerb lässt sich auch nicht so einfach erklären. Aus Großbritannien etwa waren da sogar zwei Filme vertreten, von denen einer auch noch die „Goldene Palme“ gewann. Die Briten nahmen das gelassener auf. Weiterlesen

Wie auch immer: „Damit künstlerische und wirtschaftliche Wagnisse auch in Zukunft möglich bleiben“, will Grütters unter anderem mehr Geld von den Sendern. 3 Prozent statt bisher 2,5 Prozent sollen die öffentlich-rechtlichen künftig zahlen, doch ARD und ZDF hätten schon ihre Bereitschaft erklärt, „freiwillig auf 4 Prozent aufzustocken.“ Die Förderung selbst soll effizienter werden: Weniger Projekte werden gefördert, dafür erhalten sie mehr Geld. Und die Förderung für Drehbücher und Kurzfilme wird ausgebaut.

Um die Kinos zu stärken und strahlen zu lassen, werden die bisherigen Sperrfristen aufrechterhalten, die garantieren, dass ein Film in der Regel sechs Monate dem Kino vorbehalten bleibt, bevor er etwa auf DVD zu haben ist. Schön wär’s: Die „Regel“ gilt vielleicht noch fürs Arthouse und bedeutet für geförderte Filme einen Nachteil. Großspektakel wie „Der Hobbit: Die Schlacht der fünf Heere“ oder „Marvel’s The Avengers“ brauchen nämlich gerade noch viereinhalb Monate, bis sie fürs Heimkino erscheinen.

Der Regieverband (BVR) hatte sich schon im März gegen den Entwurf gewandt, als der von der Regierung „durchgewunken“ wurde (cinearte 367): Er „verschlimmbessere das bereits 2002 nur unzureichend novellierte Urhebervertragsrecht” und bleibe hinter dem, was ein Referentenentwurf auf der Berlinale noch erhoffen ließ. Und der sei schon hinter dem zurückgeblieben, was ein erster „Diskussionsentwurf“ erwarten ließ, listet der Berliner Arbeitskreis Film auf seiner Website detailliert auf.

Die Regisseure beklagen vor allem eine „Schieflage für Urheber und ihre Verbände“. Zwar habe der Bundesgerichtshof seit Jahrzehnten den Grundsatz entwickelt, Urheber an den Erträgnissen und Vorteilen einer jeden Nutzung angemessen zu beteiligen, in der Praxis werde der Anspruch von den Verwertern aber oft behindert und verschleppt, von Gemeinsamen Vergütungsregeln ganz zu schweigen. Der Regierungsentwurf nehme sogar den Grundsatz des BGH zurück.

Der Bundesrat hatte zum Teil noch andere Auffassungen. Unter anderem hatte die Länderkammer flexiblere Sperrfristen für die verschiedenen Auswertungskanäle verlangt und wollte die Förderzusage auch nicht mehr generell von einer Kinoauswertung abhängig machen. Die Bundesregierung antwortete darauf „mit teils sehr drastischen Argumenten“, berichtet Blickpunkt: Film. Auch das Prädikat „Wertvoll“ der Filmbewertungsstelle (eine gemeinsame Einrichtung aller Bundesländer) sei „nicht geeignet“, herausragende Filme für die Referenzförderung zu bestimmen, so die Regierung.

Das Festhalten an den Sperrfristen für geförderte Kinofilme beweise „leider einmal mehr“, dass BKM und Kabinett „den Kinoverbänden hörig“ seien und „die Zeichen der Zeit nicht verstanden haben“, kommentierte das der Produzent Martin Hagemann, Professor an der Filmuniversität Babelsberg und Mitglied in der Richtlinienkommission der FFA, auf Facebook. Publikum und Rezeptionsgewohnheiten hätten sich geändert, „mehr und auch interessantere Angebote“ würden auf anderen Plattformen wahrgenommen. In den USA und Großbritannien überdenken Vertriebe und Kinoketten zur Zeit ihre Herausbringungsstrategien, führt Hagemann an: „Mit Kino-Exklusivität für sechs Monate wird dieser Zersplitterung des Publikums nicht Einhalt zu gebieten sein. Diese Zersplitterung, nur aus Sicht der alten Geschäftsmodelle negativ konnotiert, heißt ja erstmal nur, dass an Stelle des Konzepts ,Massenerfolg‘ (kleinster gemeinsamer Nenner) immer stärker das Konzept der ,ausdifferenzierten Interessen‘ tritt.“

Erwartet wird, dass alle Fraktionen der Vorlage der Regierung folgen werden – mit ausnahme der Linken. Deren Abgeordneter Harald Petzold, Mitglied im Bundestagsausschuss für Kultur und Medien, findet es „unglaublich, dass der Entwurf […] mit keinem Wort die prekären Arbeitsbedingungen in der Filmbranche thematisiert.“

Tatsächlich ist das kein Thema in den Diskussionen. Zwar geht es in Entwürfen, Entgegnungen und Reden immer wieder um Frauenanteil und Geschlechtergerechtigkeit in der Branche. Tabea Rößner, die Mediensprecherin der Grünen, verstieg sich in ihrer Rede vor dem Bundestag sogar zu der Behauptung, Maren Ade habe in Cannes keinen Preis gewonnen, „weil der Film von Frauen ist“, und solche Argumente werden zur Zeit oft angeführt. Denn dass Frauen in der Filmbranche benachteiligt sind, sei ja hinlänglich bekannt, so Rösner weiter: „Überwiegend Männer entscheiden, wer welche Förderung bekommt. Und es sind überwiegend Männer, deren Projekte gefördert werden.“

Interessant wäre, ob es sich nicht auch andersherum so verhält, also auch überwiegend Männer abgelehnt werden. Doch wer will das schon nachzählen? Wer mag, kann im Internet großartige Schilderungen von Achim Bornhak alias Akiz nachlesen, welche Probleme er zu ignorieren hatte, um seinen „Nachtmahr“ zu drehen – obwohl er ein Mann ist.

Und schon ein erster rascher Blick auf die Entscheidungsgremien der Länderförderanstalten lässt Rösners populistische Behauptungen wackeln: 4 Frauen und 2 Männer trafen die jüngsten Entscheidungen im Gremium 1 der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, 4 Frauen und 5 Männer bei der MFG Baden-Württemberg. Beim FFF Bayern und der Filmstiftung NRW sind es allerdings noch doppelt so viele Männer wie Frauen. Was freilich dazu einlädt, mal zu vergleichen, wie Besetzung und Entscheidungen tatsächlich zusammenspielen. Das würde mehr Klarheit in die Argumentation bringen.

Die Arbeitsbedingungen in der Branche selbst hat aber sonst nur der Bundesrat angesprochen. Doch da sieht die Bundesregierung in ihrer Entgegnung „keine Verpflichtung“ der Filmförderungsanstalt, im Rahmen der Filmförderung die Arbeitsbedingungen der Förderempfänger zu überprüfen oder zu überwachen.“ Das würde die Institution überlasten. Die FFA könne aber mit empirischen Studien oder Konferenzen, Tagungen und Fortbildungen zu relevanten Themen die Schaffung und Einhaltung sozialverträglicher Bedingungen unterstützen.

Als ob es die nicht schon zur Genüge gäbe. Wenigstens ist das Thema auf dem Tisch – auch wenn die Diskussionen und Medienberichte sich lieber noch mit anderem aufhalten und Kreativität nach primären Geschlechtsorganen beurteilen.

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Zwischensieg im Urheberstreit

Fast auch schon ein Klassiker: Seit elf Jahren streitet der DoP Jost Vacano (rechts) um seinen Anteil am Film „Das Boot“ vor Gericht. | Foto: Archiv

Fast eine halbe Million Euro. Soviel muss der DoP Jost Vacano für seine Arbeit Film „Das Boot“ nachträglich erhalten. Das hat das Landgericht München I am Donnerstag voriger Woche entschieden. Das Urteil ist der Abschluss einer Stufenklage, die Vacano seit elf Jahren gegen die Produktionsfirma Bavaria, den Koproduzenten WDR und den Vermarkter Euro Video, eine Bavaria-Tochter, betreibt. Seit seiner Premiere 1981 wurde der Filmklassiker nämlich unzählige Male gesendet, auf Kassette und Silberscheibe herausgebracht, im Kino wiederaufgeführt und ins Ausland verkauft.

Dass Vacano als DoP den Film unter der Regie von Wolfgang Petersen entscheidend prägte, ist unbestritten. Hanns-Georg Rodek beschrieb es in der „Welt“: „Die Klaustrophobie, die Kamera, die den Matrosen atemlos auf den Fersen bleibt, das absolute Mittendrinsein: Das war sein Verdienst. Eigentlich sollte die Kamera wie üblich durch geöffnete Seitenwände ins U-Boot blicken. Vacano wollte mitten hinein, wollte eine Handkamera und damit durch die Röhre hetzen. Dazu musste er die Technik erst selbst entwickeln, von der Beleuchtung über die Kamera bis zum Kreiselkompass, der sie vom Wackeln abhielt.“ Weiterlesen

Für die Szenen im Inneren des U-Boots ließ Vacano eine Arriflex IIC mit einer schwenkbaren Sucherlupe ausstatten (Arri übernahm dies von später von der „Josticam“ für die IIIC) und montierte sie auf zwei Kreiselstabilisatoren. So konnte er die Kamera schnell und ohne Stolpern durch die gesamte Länge des Boots und seiner Schotten schweben lassen. Für ein Steadicam-System wäre das zu eng gewesen. Doch auch ohne diese technischen Eigenentwicklungen wäre Vacanos Anteil am Film klar gewesen: Als bildgestaltender Kameramann ist er sowieso Miturheber.

Zwölf Monate lang wurde gedreht, insgesamt arbeitete Vacano an dem Film fast zwei Jahre. Rund 180.000 Mark erhielt er dafür (auf heutige Kaufkraft umgerechnet rund 47.600 Euro), wurde mit dem „Deutschen Filmpreis“ ausgezeichnet und für den „Oscar“ nominiert. Dennoch musste er über Jahrzehnte zuschauen, wie der Film, der ohne ihn sicherlich ganz anders ausgesehen hätte, zum Klassiker und Kassenschlager auf allen Verwertungskanälen wurde und Millionen einfuhr: Er hatte nichts davon.

Bis 2002 das Urheberrecht renoviert wurde. Mit dem erklärten Ziel, die Stellung von Urhebern und ausübenden Künstlern zu stärken, wurde unter anderem der Paragraf 32a neu aufgenommen, der den sogenannten Bestsellerparagrafen auf den Filmbereich ausweitet: Wenn das ursprüngliche Honorar des Urhebers und die tatsächlichen Erträge des Verwerters zu weit auseinanderklaffen, hat der Urheber Anspruch auf nachträgliche Vertragsanpassung und weitere Beteiligung.

So weit die Idee. Nur umgesetzt hatte sie noch kein Filmschaffender – wer will es sich in der Branche schon verderben? Vacano aber konnte das egal sein: Als er vor Gericht zog, war er über 70 und hatte eine erfolgreiche Karriere im Neuen Deutschen Film und in Hollywood hinter sich. Damit war er unabhängig und hatte zudem eine gewisse Bekanntheit, die der Sache Aufmerksamkeit verschaffen könnte. Denn natürlich ging es nicht bloß um Das Boot und das eigene Geld – das Verfahren ist ein Präzendenzfall für den ganzen Berufsstand und alle Urheber-Gewerke. Der Regieverband etwa klagte gerade in einem Offenen Brief gegen den Regierungsentwurf zum Urhebervertragsrecht, die großen Verwerter würden immer wieder Verhandlungen über Gemeinsame Vergütungsregeln umgehen oder „über Jahre durch ablenkende Torpedoklagen“ verschleppen.

Bavaria und WDR wehrten sich mit allen Mitteln. Acht Jahre lang kämpften Vacano und sein Anwalt Dr. Nikolaus Reber darum, zu erfahren, wie viel Geld mit dem Film überhaupt verdient worden war. Bis hoch zum Bundesgerichtshof lief das Verfahren, bis entschieden war: Die Beklagten müssen die Zahlen offenlegen.

Die zweite Prozessstufe verlief da vergleichsweise schnell. Einen Vergleichsvorschlag des Gerichts von knapp 700.000 Euro hatten die Beklagten im Februar 2016 abgelehnt. Seit Inkrafttreten der Urheberrechtsreform hatten die Bavaria Film 8,3 Millionen Euro, die Eurovideo 9,5 Millionen Euro mit „Das Boot“ eingenommen, im Programm der ARD lief er 54 Mal, rechnete der Vorsitzende Richter Matthias Zigann in seiner Urteilsbegründung vor. Nach dem Urteil sollen die Beklagten zusammen nun rund 475.000 Euro Nachvergütung an Vacano zahlen.

Billiger sind sie damit nicht davongekommen, erklärt Dr. Michael Neubauer vom Berufsverband Kinematografie (BVK) die Differenz: In Stuttgart führt Vacano einen weiteren Prozess gegen die übrigen ARD-Anstalten; diese Ansprüche seien deshalb im Urteil nicht enthalten, im Vergleichsvorschlag waren sie eingerechnet gewesen. Der BVK, dem auch Vacano angehört, zeigt sich mit dem Ergebnis zufrieden. Nach dem ersten Urteil über die Auskunftsklage sei das aktuelle zur Zahlungsklage ein weiterer „Etappensieg“ für Vacano, sagt Neubauer. Denn beiden Seiten steht die Berufung offen, und da kann sich der Weg durch die Instanzen nochmals gut drei, vier Jahre hinziehen. Die Bavaria hat Entsprechendes angekündigt.

Der Geschäftsführer des BVK sieht das Urteil „absolut“ als „Präzendenzfall“. Zum einen, weil das Urheberrecht hier in voller Breite berücksichtigt wird: Sogar die Filmtour übers Bavaria-Gelände schlägt da zu Buche – ein Siebtel der Umsätze betreffe Das Boot. Vor allem auch, weil das Gericht seinen Berechnungen den WDR-Tarifvertrag zugrundelegt: „Das ist ein Meilenstein.“ Der WDR-Tarifvertrag gilt in der Branche als fair und besser als der anderer ARD-Anstalten. Das Urteil werde man wohl auch beim Prozess in Stuttgart zur Kenntnis nehmen, meint Neubauer.

Im „Tarifvertrag des Westdeutschen Rundfunks für auf Produktionsdauer Beschäftigte“ ist auch für bildgestaltende Kameraleute (also nicht Studio- oder EB-) eine Wiederholungsvergütung vorgesehen. Die hatte Vacano aber nicht direkt einfordern können, weil der WDR nicht sein direkter Vertragspartner war: Sein Vertrag war mit der Bavaria geschlossen, und diese somit sein Vertragspartner nach dem Urhebergesetz.

Vor allem aber zählt wohl, dass im Urteil auch eine künftige Beteiligung an den Nettoerträgen vorgeschrieben wird: 2,25 Prozent soll Vacano erhalten, für Fernsehausstrahlungen wird ein Wiederholungshonorar fällig, wie es der WDR-Tarifvertrag vorsieht. „Das Urteil gibt viele gute Hinweise, wie in dieser Branche fair beteiligt werden müsste“, sagt Neubauer. 2013 hatten BVK und Constantin sich in Gemeinsamen Vergütungsregeln noch auf 1,6 Prozent für Kino und 1,75 Prozent für Fernsehen geeinigt.

Ob Vacano das Urteil annimmt oder selbst in die Berufung geht, will er sich noch überlegen. Denn einen Haken gibt es: Für den Betrag, der dem DoP seit Jahren zusteht, soll er keine Zinsen bekommen. Die Begründung des Richters: Zinsen ­werden nur bei Zahlungsklagen fällig, beim Bestselleranspruch handele es sich aber um eine Vertragsanpassung. „Angreifbar“ sei seine Entscheidung, meinte Richter Zigann selbst, und Neubauer sieht sie gar als „ein großes Problem“: Das lade Verwerter geradezu ein, Urheber zu betrügen; denn sie müssten ja keinerlei Sanktionen befürchten, wenn sie Geld zurückbehalten, das Anderen zusteht. „Wer als Produzent seine Urheber gleich fair beteiligt, ist der Dumme.“

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Aufzeichnung: Deutscher Schauspielerpreis 2016

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Im folgenden sehen Sie einen Zusammenschnitt des Deutschen Schauspielerpreises vom 20. Mai 2016. Aus rechtlichen Gründen musste das Livestream-Material gekürzt werden.

Der Mitschnitt des Livestreams wurde ermöglicht durch die Sponsoren:
Pensionskasse Rundfunk
Crew United
Preproducer
casting-network

Und ein herzliches Dankeschön an Schauspielervideos für das Hosting der Aufzeichnung.

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Livestream: Deutscher Schauspielerpreis 2016

Die Liveübertragung des Deutschen Schauspielerpreises 2016 wird präsentiert von Pensionskasse Rundfunk, Preproducer, Casting Network und Crew United.

Der Stream beginnt am Freitag, den 20. Mai um 18.30 Uhr

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cn-kolumne: 5 Jahre Deutscher Schauspielerpreis – Thomas Schmuckert im Interview

Motiv: Thomas Schmuckert | Credit: Katja Kuhl

Der Deutsche Schauspielerpreis wird am 20. Mai 2016 zum fünften Mal vergeben. Ein Grund mehr, ihn zu feiern. Thomas Schmuckert erzählt im folgenden Interview über den Preis, die Enstehungsgeschichte und den Marathon rund um die Organisation.

Steckbrief Thomas Schmuckert
Thomas Schmuckert, geboren am 1. April 1965, ist ein deutscher Schauspieler, Hörspiel- und Synchronsprecher. Nach dem Schauspielstudium, u.a. an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin, folgten Theaterengagements und Gastauftritte in ganz Deutschland, Luxemburg und sogar Philadelphia (USA). Seit 1994 steht Thomas Schmuckert für Film und Fernsehen vor der Kamera und ist in Spielfilmen, in Reihen und Serien wie zum Beispiel „Wilsberg und der Schuss im Morgengrauen“ (Casting: Sabine Weimann) und „SOKO Leipzig – Dumm gelaufen“ (Casting: Cornelia Mareth & Maria Rölcke) sowie in Kinofilmen wie „Kaptn Oskar“ (Casting: Marc Schötteldreier | BVC) zu sehen. Seine charismatische Stimme leiht er mannigfaltigen Rollen in Kinofilmen, Serien und Hörspielen – für seine Titelfigur „Dorian Hunter” in der gleichnamigen Hörspielserie erhielt er 2009 den Hörspiel Award als „Bester Sprecher”. Seit 2007 ist er außerdem Vorstandsmitglied beim Bundesverband Schauspiel (BFFS) und Mitinitiator und CEO des Deutschen Schauspielerpreises (DSP).

Herzlichen Glückwunsch – der Deutsche Schauspielerpreis wird zum fünften Mal vergeben! Was ist das für ein Gefühl?
Herzerwärmend in den Wahnsinn treibend! Wer hätte gedacht, dass aus einem kleinen Boot einmal eine so große Yacht werden würde, die aber nichts von ihrem Charme und ihrer Herzlichkeit eingebüßt hat. Ein tolles Gefühl! Weiterlesen

Was bedeutet diese Veranstaltung für Dich persönlich als „treibende Kraft”?
Es ist unglaublich schön zu sehen, dass sich ein Projekt, welches ich mit aus der Taufe gehoben habe, so weiter entwickelt hat. Natürlich gibt es Momente, wo ich mich bei dem Rock ’n’ Roll der Vorbereitung auf eine einsame Insel wünsche, aber ich liebe diese besondere Herausforderung neben meinem Beruf als Schauspieler, mein wunderbares Team und das Gefühl, wenn im Zoo Palast die Lichter angehen.

Warum wurde der Preis vorverlegt und welchen Kraftakt hat Euch dies gekostet?
Die Verleihung des Deutschen Filmpreises war ursprünglich für den 10. Juni geplant. Leider war dies bereits der Eröffnungstermin der Fußball-EM, sodass der Filmpreis auf unseren Termin ausweichen musste. Wie man sich vorstellen kann, war das für uns ein größerer logistischer Aufwand, da u.a. bereits die Locations zu dem bestehenden Termin gebucht und alle Partner und Sponsoren auf diesen Termin eingestellt waren, was nicht ohne Verluste blieb. Zum Glück hat sich am Ende aber alles zum Guten gewendet, und beide Preisverleihungen können nun doch noch in gewohntem Rahmen stattfinden.

Welche sind Deiner Meinung nach die größten Erfolge, die der Bundesverband Schauspiel (BFFS) mit der Einführung des Deutschen Schauspielerpreises verzeichnen konnte?
Der Preis hat das Selbstbewusstsein und die Gestaltungskraft unseres Berufsstandes gestärkt und in den Fokus gehoben. Außerdem hat er eine Debatte über schauspielerische Qualität angeschoben. Vom Bundesverband Schauspiel (BFFS) initiiert, schafft er Aufmerksamkeit für unsere Anliegen und zeigt, was Schauspieler als Gemeinschaftswerk auf die Beine stellen können.

Im letzten Interview hast Du von positivem Feedback berichtet. Aber gibt es auch Vorbehalte oder sogar negative Kritik?
Das Feedback ist insgesamt überwältigend positiv. Wer einmal dabei gewesen ist, hat den besonderen Geist dieser Preisverleihung gespürt. Aber natürlich gibt es auch vereinzelte kritische Stimmen. Das hat in der Hauptsache mit der faktischen Unmöglichkeit zu tun, allen unseren fast 3.000 Mitgliedern den Zugang zu der Preisverleihung zu ermöglichen.

Gibt es Hinweise darauf, dass die Auszeichnung den Preisträgern, insbesondere in der Nachwuchskategorie, helfen z.B. öfter besetzt zu werden?
Nominierungen oder Preise sind Hingucker, ein Glanzpunkt in der Vita und schaffen Aufmerksamkeit. Eine Auszeichnung mit dem Deutschen Schauspielerpreis ist auch ein Gütesiegel, denn es ist eine Auszeichnung der eigenen Berufsgruppe. Unsere bisherigen Nachwuchspreisträger, Alina Levshin, Kai Malina, Aylin Tezel, Emilia Schüle, Julius Feldmeier, Victoria Schulz und Anton Spieker, sind alle auf einem spannenden Weg, und wir wünschen ihnen von Herzen eine tolle Entwicklung und viele anspruchsvolle Rollenangebote.

Streaming-Plattformen wie Amazon oder Netflix und ihre eigenproduzierten Webserien werden immer populärer, wird hier die Leistung deutscher Schauspieler berücksichtigt?
Erstmals werden jetzt von großen Streaming-Plattformen wie Netflix oder Amazon Serien in Deutschland produziert. Netflix dreht eine zehnteilige Mystery-Serie mit dem Titel „Dark” um vier Familien in einer deutschen Kleinstadt unter der Regie von Baran do Odar. Auch Amazon wagt den Vorstoß mit der Serie „Wanted“ mit Matthias Schweighöfer in der Hauptrolle, der auch die Regie führen wird. Damit erhalten neben bereits etablierten Schauspielern, die in internationalen Serien mitwirken, wie z.B. Tom Wlaschiha („Game of Thrones”), Sebastian Koch und Alexander Fehling („Homeland”) oder Max Riemelt („Sense8”) auch viele andere Schauspieler hierzulande die Chance, in aufwändig für den internationalen Markt produzierten Serien ihr Können zu zeigen. Es wäre toll, wenn originär hierzulande produzierte Stoffe auch international auf Interesse stoßen und ihr Publikum finden würden.

Welchen Unterschied würde es machen, wenn die Jury statt aus Schauspielern auch aus Regisseuren, Redakteuren oder Casting Directors bestehen würde?
Dann wäre der Kern des Deutschen Schauspielerpreises berührt. Die Einzigartigkeit dieses Preises von Schauspielern für Schauspieler liegt, wie der Name bereits sagt, darin, dass nicht Menschen von außen, sondern Schauspieler mit ihrer professionellen Kenntnis des eigenen Berufes und der diffizilen Kunst, wahrhaftige Menschen und deren Geschichten zu gestalten, immer wieder darum ringen, warum eine Leistung nachhaltig inspirierend war.

Die Veranstaltung ist inzwischen innerhalb der Branche recht etabliert. Wäre es nicht wichtig, nun in der Öffentlichkeit verstärkt für mehr Wahrnehmung zu werben?
Ja. Trotz der großen Wahrnehmung in der Presse nach der Verleihung wäre es schön, wenn die inhaltlichen Aspekte dieses besonderen Preises stärker in der Öffentlichkeit behandelt würden, von den Kategorien bis zur Preisträger-Findung. Auf diesem Weg befinden wir uns. Deswegen wird dieses Jahr ein Livestream angeboten, damit man den DSP nicht nur zu Hause, sondern auch unterwegs verfolgen kann. Zudem gibt es eine neue Social Media Gruppe, welche durch diverse Social Media Clips bemüht ist, den Preis in all seiner Vor- und Nachbereitung für alle Interessierten greifbarer zu machen.

Ist die Veranstaltung in Deinen Augen inzwischen ausgereift?
Der Deutsche Schauspielerpreis ist ein Preis in Entwicklung. Ich hoffe, dass er das immer bleibt, denn was sich nicht mehr bewegt, erstarrt und verliert seine Kraft und seinen Zauber.

Welche Entwicklungen sind für die nächsten Jahre geplant?
Partner zu finden, die sich für einen längeren Zeitraum an den Deutschen Schauspielerpreis binden, damit die Finanzierung nicht jedes Jahr zu einem Krimi wird, ist mit Sicherheit die wichtigste Herausforderung. Auch inhaltlich werden wir den Preis natürlich wie in den Jahren zuvor immer weiter entwickeln.

Was war der schönste Moment in der „Geschichte“ des Preises?
Der schönste Moment ist natürlich immer der Nachhauseweg morgens um 06:00 Uhr nach der Party, wenn alles geglückt ist. In der kurzen Geschichte des Deutschen Schauspielerpreises gab es schon so viele schöne und berührende Momente. Ich denke da z.B. an den zu Tränen gerührten Theaterleiter Volker Ludwig, nachdem er den Ehrenpreis „Inspiration” als bahnbrechender Motor der freien Theaterszene erhalten hatte oder an die wunderbar lebenskluge Laudatio von István Szabó auf Rolf Hoppe.

Und der furchtbarste?
Als nach dem ersten Aufschlag des DSP 2012 die zweite Ausgabe beinahe gescheitert wäre. Zum Glück konnten wir das Ruder damals noch im letzten Moment herumreißen und diese Klippe des Anfangs umschiffen.

Dein persönliches Schlusswort?
Daumen drücken, durchhalten und am Ende ein grandioses Familienfest mit Charme und Herzlichkeit!

Vielen lieben Dank für das Gespräch!

www.bffs.de

Das Gespräch führte: Tina Thiele | Ausarbeitung: Mariam Misakian

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Risse im Maßanzug

„Lust auf Backen“ beim SWR: Angestellte im Fernsehstudio sind sozial abgesichert. Ihre freien Kollegen finden einen Ausgleich in der Pensionskasse Rundfunk. Doch da werden ihre Interessen jetzt im Streit zwischen Sendern und ­Produzenten zerrieben. | Foto © SWR, AV Medien, Jens Gelowicz

„Pest oder Cholera oder Widerstand“ – in der Wahl seiner Worte zeigte sich der Bundesverband Schauspiel schon oft bildgewaltig. Vorige Woche beschwor er auf seiner Website aber besonders erschreckende Vergleiche. Mit einigem Grund: „Unsere betriebliche Altersvorsorge ist bedroht!“ warnte Heinrich Schafmeister, im Vorstand unter anderem zuständig für Tarifpolitik und Sozialen Schutz.

Anlass für die Warnung war die Auseinandersetzung zwischen Produzentenallianz und den öffentlich-rechtlichen Sendern um die Pensionskasse Rundfunk. Die ist zwar nicht neu, hat sich aber in den vergangenen Monaten verschärft, seit die Ufa Fiction ihre Mitgliedschaft in der Pensionskasse gekündigt hat – eine der größten Produktionsfirmen des Landes und Mitglied der Produzentenallianz.

Rund 300 freie Film- und Fernseh-Produktionsunternehmen sind in der Pensionskasse, dazu die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender und ihre Tochterunternehemen. Diesen „Anstaltsmitgliedern“ stehen mehr als 15.000 Mitglieder gegenüber. Wer als Freier für eine Fernsehproduktion arbeitet, meldet sich bei der Pensionskasse an, dann läuft es ähnlich wie bei Festangestellten: Der Filmschaffende zahlt 4 oder 7 Prozent seiner Einkünfte als Arbeitnehmeranteil in die Kasse ein, sein Arbeitgeber den selben Anteil. Die Pensionskasse sei „das eigentliche Standbein der Altersversorgung” und „maßgeschneidert für die wechselhafte Erwerbsbiografie der ,Freien’”, meint der BFFS.

Ein fast ein halbes Jahrhundert altes soziales Sicherungssystem gerät damit in Gefahr. Weiterlesen

Die Pensionskasse war Ende 1971 gegründet worden. Bei den Rundfunkanstalten hatte sich die Produktionsweise allmählich verändert: Zunehmend wurden freie Produktionsfirmen beauftragt, Spielfilme und Dokumentationen fürs Programm zu drehen. Deren Mitwirkende waren meist nur für die Dauer der Produktion engagiert und schlechter sozial abgesichert als die festangestellten Mitarbeiter der Sender. Um das auszugleichen, wurden zum 1. Januar 1970 die Rundfunkgebühren erhöht, die Mehreinnahmen sollten die künftige Pensionskasse finanzieren.

Lange Zeit ging das gut. Die Sender sparten mit Auftragsproduktionen Geld und Arbeit, zugleich behielten sie die Kontrolle. Die Produktionsfirmen füllten ihre Auftragsbücher und waren dabei finanziell abgesichert. Für die Produzenten war die Pensionskasse kein Nachteil, weil die Beitragspflicht ja für alle galt – das gesamte Fernsehen im Lande war öffentlich-rechtlich. Die Beiträge zur Pensionskasse wurden nicht in die Herstellungskosten kalkuliert, sondern den Sendern nachgereicht und von ihnen erstattet.

Die Einführung des sogenannten Privatfernsehens verstärkte die Entwicklung zur Auslagerung mit vielen Freien, zugleich brachte sie Unruhe ins System. Denn die Pensionskasse ist eine rein öffentlich-rechtliche Angelegenheit. Wer für Privatsender produziert, muss für seine „Freien“ keine Altervorsorge zahlen. Was anfänglich niemanden zu stören schien. Die 1990er waren Goldgräberjahre für freie Produzenten und Beschäftigte, die Auftragsbücher und Terminkalender voll – schließlich galt es plötzlich Sendezeit auf zahllosen Kanälen zu füllen und das bald rund um die Uhr. Andere Modelle etablierten sich, die in den ersten Überlegungen zur Pensionskasse nicht vorgesehen waren: Koproduktionen oder sogenannte echte Auftragsproduktionen, bei denen der Produzent nicht mehr ein Dienstleister des Senders ist, sondern sich selbst stärker einbringt und so tatsächlich zum Filmhersteller wird. Und schließlich veränderte auch die Filmförderung, die die meisten Bundesländer seit den 90er Jahren nach und nach gründeten, das Gefüge, indem sie eigene Ansprüche an die Produzenten stellen.

Fast zwei Drittel ihrer Sendeminuten bestritten die ARD-Anstalten 2014 mit Wiederholungen [PDF], der Rest sind überwiegend Eigenproduktionen: 28,7 Prozent. Auftragsproduktionen machen dagegen gerade mal 2,4 Prozent aus, Koproduktionen und Ko-Eigenproduktionen nicht mal halb so viel. Das klingt nach wenig. Schränkte man die Zahlen allerdings auf fiktionale und dokumentarische Produktionen ein, dürften sich die Anteile erheblich verschieben. Ähnlich verhält es sich bei der Förderung: Von 781 Spiel- und Dokumentarfilmen und -serien des vorigen Jahres, an denen öffentlich-rechtliche Sender beteiligt waren, entstanden laut crew united 110 mit öffentlicher Subvention.

Ist aber der beauftragte Produzent selbst wirtschaftlich am Werk beteiligt oder erhält er Förderung, verändert sich seine Position: urheberrechtlichen Nutzungsrechte, Leistungsschutz- und sonstigen Schutzrechte liegen nicht mehr allein beim Sender. Und da beginnt das Problem.

Solange nämlich der Sender seine Auftragsproduktion alleine finanziert, ist die Sache klar: Sind Produzent und Filmschaffender in der Pensionskasse, werden die Beiträge einfach „durchgereicht“. Bei allen anderen Modellen hingegen bleibt dem Produzenten ein Restrisiko. Die Beiträge des Filmschaffenden muss er als Arbeitgeber nämlich erstmal zahlen und sich dann vom jeweiligen Sender wiederholen. Und das berge eine gewisse Unsicherheit, räumt Schafmeister ein.

„Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten erstatten die Pensionskasse-Rundfunk-Anstaltsbeiträge immer seltener auf Nachweis“, erklärt der BFFS in einem Überblick: „Stattdessen werden sie bei vielen Produktionen pauschal in die Herstellungskosten einkalkuliert – ohne dass die Mittel dafür entsprechend aufgestockt werden. Das schafft bei den Produzenten falsche Anreize, möglichst keine Pensionskasse-Rundfunk-versicherten ,Freie‘ zu engagieren.“

Der Schauspielerverband und die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) rufen darum nach verbindlichen und einheitlichen Regelungen für eine „Erstattung auf Nachweis“ und eine anteilige Beitragspflicht für alle Produktionen, die überwiegend von öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten finanziert werden. Die Mitgliedschaft des Produzenten in der Pensionskasse Rundfunk soll Voraussetzung sein, um von einem öffentlich-rechtlichen Sender beauftragt zu werden.

Darüber diskutiert auch die Produzentenallianz schon länger. Seit Jahresanfang gelten die neuen „Eckpunkte für ausgewogene Vertragsbedingungen und eine faire Aufteilung der Verwertungsrechte bei Produktionen für die Genres Fiktion, Unterhaltung und Dokumentation“ mit den ARD-Landesanstalten und der Degeto [PDF]. Der Pensionskasse ist ein ganzer Absatz gewidmet, der freilich nur aus einem Satz besteht: Die Sender erstatten den Produzenten die Zahlungen an die Pensionskasse auf Nachweis. Erheblich länger gerät dagegen die Definition, was alles nicht als Auftragsproduktion (und damit beitragspflichtig) gilt. Immerhin: „Im Ausnahmefall und bei einvernehmlicher Festlegung der Parteien kann der Finanzierungsanteil der ARD-Landesrundfunkanstalt – außer bei dokumentarischen Produktionen – auch geringer sein, er wird jedoch mindestens 65 Prozent betragen.“ Doch dieser Passus ist „nicht justitiabel“, erklärt die Pensionskasse auf Nachfrage. Soll heißen: eine wohlklingende Absichtserklärung, auf die sich die Pensionskasse aber nicht berufen kann; das letzte Wort hat immer noch der Sender.

Die Positionen beider Seiten lassen sich sogar nachvollziehen. Die Sender, grob skizziert, wollen nicht für Werke bezahlen, an denen sie keine Rechte für die Weiterverwertung erhalten. Die Produzenten wollen nicht plötzlich auf bereits gezahlten Beiträgen sitzen bleiben, weil die ihnen aus diesen Gründen nicht erstattet werden. Doch nach allem Hin- und Hergewäge bleibt ein schaler Nachgeschmack. Denn auch wenn sich der Streit der beiden „Arbeitgeber“ nicht gegen die „Arbeitnehmer“ richtet, ist zumindest eine Seite bereit, deren Wohl generell zur Diskussion zu stellen. Ein Filmschaffender kommentierte das unverblümt: „Den Produzenten sind ein paar Euro mehr in der eigenen Tasche wichtiger als die Altersvorsorge der eigenen Mitarbeiter.“

Die Sender selbst hätten die Diskussion sofort beenden können – sie diktieren ihren Auftragnehmern ja auch sonst oft genug die Spielregeln. Das haben sie hier aber nicht. Ein Schuft, wer Böses dabei denkt.

Die Produzentenallianz hatte Anfragen von cinearte zu diesem Fall auch bis zum verlängerten Redaktionsschluss nicht beantwortet. Der Austritt der Ufa Fiction, der erst nach einer Frist von drei Jahren wirksam wird, ist als Warnschuss zu verstehen. Wenn die Pensionskasse Rundfunk ihre Statuten zur Beitragspflicht nicht ändere, sei nicht zu verhindern, dass die Produktionsfirmen massenhaft austreten. Schafmeister hält dagegen: Wenn sich die Produzentenallianz durchsetze, „verkäme die Beitragspflicht zum Wunschkonzert“ –Produzenten und Sender würden dann „unter sich auskungeln, bei welchen Fernsehproduktion sie ihrer Beitragspflicht nachkommen wollen oder eben nicht.“

Der Satzungsausschuss der Pensionskasse hatte am vorigen Donnerstag dazu beraten und dem Ultimatum eine Absage erteilt: Bei der jährlichen Mitgliederversammlung am 10. Juni wird kein Antrag auf Satzungsänderung vorgelegt. Die Mitgliedervertretung als oberstes Organ der Pensionskasse ist gleichmäßig besetzt: Je 14 Vertreter der „Ordentlichen Mitglieder” und der „Anstaltsmitglieder”.

Nach den Allgemeinen Versicherungsbedingungen (AVB) der Pensionskasse unterliegen die Produktionsunternehmen eindeutig der Beitragspflicht – „auch bei teilfinanzierten Auftrags- und Koproduktionen”, stellte der Ausschuss fest. „Die Frage nach der Pflicht zur Zahlung von Anstaltsbeiträgen bei geförderten Produktionen wurde nicht explizit geregelt, da eine Förderung zu Lasten der Altersvorsorge undenkbar erschien.”

Eine Neuformulierung, nach der die Produzenten bei teilfinanzierten Auftragsproduktionen nur dann Anstaltsbeiträge an die Pensionskasse zahlen, wenn diese auch von den Sendern erstattet werden, scheiterte an den Vertretern der Freien Mitarbeiter – insbesondere der Gewerkschaftsmitglieder von Verdi und BFFS: Sie fordern auch für geförderte Produktionen eine verbindliche Lösung und sehen auch die Produzenten in der Pflicht zur Erstattung ihres Anteils.

Die aktuellen Regelungen böten „ein gewisses Konfliktpotential“, das geklärt werden müsse, heißt es weiter. Dass die Sender und Produzenten selbst keine einheitliche Position vertreten, macht die Sache nicht leichter. Allerdings seien ARD und ZDF bereit, sowohl bei voll- als auch teilfinanzierten Auftragsproduktionen (ab einem Finanzierungsanteil von 65 Prozent) den Produzenten die vollen Anstaltsbeiträge auf Nachweis zu erstatten. Bei Kino-Koproduktionen allerdings sei die Erstattung durch die Rundfunkanstalten „ausschließlich freiwillig“. Ein „Runder Tisch“ wurde vorgeschlagen, um eine Lösung für alle zu finden.

Zeit wäre es nach fast einem halben Jahrhundert allemal. Im Rückblick ging es den Filmschaffenden noch vergleichsweise rosig, als mit der Pensionskasse ein gewaltiges Werkzeug für die Altervorsorge geschaffen wurde. Damals ging es nicht ums Geld, sondern das Wohl der freien Mitarbeiter. Inzwischen hat sich deren Lage verschärft, ist „Altersarmut“ eines der meistdiskutierten Themen unter Filmschaffenden, die doch kreativ arbeiten sollten, statt sich ständig ums Überleben sorgen zu müssen. Die Pensionskasse ist also wichtiger als je zuvor. Doch anscheinend ist das allen egal.

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Verblasster Glanz

Reden über den Filmstandort (von links): Maximilian Lange (Szenenbildner), Klaus Schaefer (FFF Bayern), Moderatorin Barbara Dickmann, Joseph Schmid (Zweiter Bürgermeister der Stadt München), Jan S. Kaiser (Bavaria Fernsehproduktion), Uli Aselmann (Produzentenallianz). | Foto © Peter Knoblich

München ist eine Filmstadt! Darauf hat sich der Standort jahrzehntelang verlassen können. Doch seit einigen Jahren zeigen sich feine Haarrisse im bayerischen Selbstbewusstsein: Köln und Berlin haben sich für die Kinoproduktion immer hübscher gemacht – gerade die Hauptstadt zieht immer wieder internationale Großprojekte mit Schaueffekt an und bietet heimischen Produktionen die richtige Kulisse fürs urbane Lebensgefühl oder nächtliche Verfolgungsjagden.

Hat München sich zu lange auf seinem Ruf ausgeruht? Wird es eine Filmstadt bleiben? Der Verband der Szenen- und Kostümbildner (VSK) hatte am 12. April dazu zum „Tischgespräch“ geladen. Mit der Reihe will der Berufsverband aktuelle Themen in der Branche mit Gästen und Fachleuten diskutieren – „in eher privater Atmosphäre“ gehe es nicht um „Pauschalhaltungen“, sondern darum, ein Thematik bewusst zu machen, die unterschiedlichen Perspektiven zu zeigen und „im besten Fall Ausblicke auf mögliche Lösungen [zu] erarbeiten.“

„Drehen in München – München als Filmstandort“ also. Darüber diskutierten fünf Vertreter aus Politik und Branche. Und damit auch tatsächlich nicht bloß „Pauschalhaltungen” vorgetragen werden, und die Diskussion nach der Absicht der Veranstalter verläuft, wurde sie von Barbara Dickmann moderiert, ehemals erste Moderatorin der Tagesthemen. Gleich vorweg: Das Publikum selbst blieb bei dem ganzen Gespräch seltsam zurückhaltend – von den Filmschaffenden selbst kamen kaum Fragen zum Thema. Weiterlesen

Klaus Schaefer, Geschäftsführer des Filmfernsehfonds Bayern und damit Herr über die bayerische Filmförderung, hielt sich erstmal an Statistiken: Die Zahl der Drehgenehmigungen steige! Zugleich räumt er aber ein: Berlin/Potsdam ist der unanfecht­bare Mittelpunkt des Kinoschaffens geworden.

Das mag auch zum Teil selbstverschuldet sein. Das Drehen in der Stadt München werde immer schwieriger, hatte der VSK seiner Veranstaltung vorausgeschickt: „Wachsende Standards in allen Bereichen fordern zunehmend wachsende Aufwände, denen in München mittlerweile nicht immer logistisch und finanziell beizukommen ist. Produktionen wandern ins Umland ab oder drehen von vornherein in anderen Städten wie zum Beispiel Berlin.“ Zugegeben müsse man beim konkreten Produzieren in München Kompromisse machen, sagte Schaefer dazu. „München ist eng, und es gibt viele Interessengruppen.“

„München kann Spaß machen, aber es kann anstrengend sein“, sagte Uli Aselmann dazu, Produzent und Stellvertretender Vorstand der Produzentenallianz: Er könne es sich nicht vorstellen, in München beispielsweise eine Staffel Homeland zu drehen. „Für Produzenten wird es immer schwieriger – es wird einfach immer teurer, und Berlin ist cooler, vielleicht auch noch billiger. Die Kreativen wandern einfach nach dorthin ab!“ Ein Aspekt, den auch der Szenenbildner Maximilian Lange, Mitglied im VSK, indirekt bestätigte: Er müsse keine Miete zahlen, deshalb könne er sich München auch leisten. Das Prob­lem sieht auch Jan Kaiser, Geschäftsführer von Bavaria Pictures: Für Personal von außen sei der Wohnraum in München meist zu teuer. Und: In Berlin könne man von ein bis zwei Filmen überleben, in München wird es schwierig.

Neu ist das Argument nicht. Schon um die Jahrtausendwende hatten junge Filmschaffende, darunter auch viele Absolventen der Münchner Filmhochschule ihre Zukunft in Berlin vermutet und waren in die Hauptstadt übergesiedelt. Da stand der Standort zwar noch wacklig und mit wenig Geld in den Anfängen, die Unsicherheiten schreckten aber weniger ab, als sie hoffen ließen: In München sei es schwierig, in die uralten Beziehungsgeflechte einzudringen und Fuß zu fassen, in Berlin scheine alles offen und möglich, hatte es der Produzent Stefan Arndt, Mitbegründer von X-Filme und selbst gebürtiger Münchner, damals grob zusammengefasst.

Gleichwohl glaubt sein Kollege Aselmann weiter an die alten Stärken: München habe die stärkste und agilste deutsche Filmförderung und eine eine tolle Filmhochschule. Auch bei der Infrastruktur hat der Standort offenbar regelmäßig seine Hausaufgaben gemacht. Das allerdings ist ein ziemlich trockenes Thema und taucht darum selten in den Feuilletons auf: Wenn mal wieder irgendwo munter über die Erfolge eines Medienorts diskutiert wird, geht es um Filmpreise und Zuschauerzahlen, nicht aber um Fachleute und Studioflächen. Die Bavaria etwa habe darauf geachtet, noch genug Freiflächen zu erhalten – im Gegensatz zu Studio Hamburg, die überall Parkhäuser gebaut waren, sagte Kaiser.

Auf Nachfrage musste er aber auch einräumen, dass es schwierig werde, sich auf dem Bavaria-Gelände noch zu erweitern. Und erst recht, dort Münchens Ruf als Filmstadt im Sinne von „Kino“ zu behaupten: Die Hallen sind zur Zeit mit TV-Produktionen voll ausgelastet. Kino sei da problematisch, weil dann meist viele Hallen gleichzeitig gebraucht werden.

Dass so viel Fernsehen produziert werde und kaum noch wirklich große Kinofilme, liege natürlich auch an der Gesellschafterstruktur der Bavaria: fünf Sechstel der Anteile halten ARD-Sender. „Wir haben das TV-Geschäft auch, um zu überleben – ,Sturm der Liebe‘, ,Rosenheim Cops‘ …“ Das Kino-Geschäft „ist nicht so rentabel.“ Selbst seine Firma gehe nach Tschechien, „um Filme zu produzieren, die wir gerne hier produziert hätten.”

Kann München nur noch Fernsehen? Das ist keine Frage des Könnens, da widersprach Aselmann der Moderatorin: Man könne die Diskussion über Kino und großes Kino nicht mit dem Fernsehen verknüpfen. Und je nach dem Rahmen, der beim Fernsehen natürlich kleiner ist, werde hohe Qualität abgeliefert. Allerdings habe der Kinofilm „Snowden“, den Oliver Stone voriges Jahr in den Bavaria-Studios drehnte, den Filmschaffenden mal wieder gezeigt, wie es sein kann. „Die Mitarbeiter von ,Snowden‘ sagen jetzt: Wir wollen das jetzt immer so machen, wie wir es da gemacht haben. Super professionell, aber halt viel teurer. Beziehungsweise unbezahlbar.“

Lange vernachlässigt wurde offenbar die Bürokratie am Standort – die Drehbedingungen in der Stadt. Er habe das Gefühl, dass München vor zehn Jahren noch meinte, da müsse man nichts machen, sagte Kaiser. Aber es scheine sich etwas zu tun. Etwa mit dem „Servicebüro Film“, dessen Einrichtung der Stadtrat im März vergangenen Jahres beschlossen hatte. Das Kreisverwaltungsreferat, zuständig für Drehgenehmigungen, war komplett überlastet, erklärt Bürgermeister Schmidt die Hintergründe. Ziel sei jetzt, eine Dreh­genehmigung innerhalb von 15 Arbeitstagen zu erteilen, bei geringem Aufwand gar innerhalb von fünf. Die Mitarbeiter sollen anders beraten, besser qualifiziert sein, mehr Zeit haben. Nach einem Jahr soll evaluiert werden. Darum appellierte Schmidt auch gleich an die anwesenden Filmschaffenden: „Geben Sie Feedback!“ Es gebe nämlich weitere Ideen für ein aufgestocktes Filmbüro.

Zudem gebe es jetzt auch ein „Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft“ mit sieben Beratern: „Man kann als junger Kreativer hingehen und bekommt kompetente Starthilfe. Es werden Räume vermittelt, er wird im Bereich Kultur- und Wirtschaftsförderung beraten. Es gibt Veranstaltungen.“ Aselmann findet das grundsätzlich gut, hält aber drei Mitarbeiter im Filmbüro für zu wenig. Schmidt erwiderte: „Vielleicht werden es nach der Evaluierung sechs.“

Jedenfalls Lange ist da optimistisch: Vorigen Sommer habe man noch vier Wochen auf eine Drehgenehmigung gewartet. Jetzt mit dem Filmbüro werde es schneller werden. Zehn Tage dauert es aktuell, sagte Kaiser und lobte außerdem die Film Commission: „Mit Anja Metzger klappt es super. Sie löst persönlich Konflikte vor Ort.“

Ein anderes Problem sieht Lange aber: Die Menschen in München wollen keine Dreharbeiten mehr! Er frage sich darum, wie man einen Nährboden schaffen könne, damit sich das wieder ändere. Schaefer hatte dazu einen praktischen Tip parat: Es gebe Straßen, wo immer wieder gedreht wird. „Da reicht es auch dem geduldigsten Bürger irgendwann mal. Liebe Szenenbilder: Mal woanders schauen!“ Dann gebe es Bereiche, für die man einfach keine Genehmigung bekommt. Das solle man dann bitte einfach mal registrieren und nicht immer wieder neu versuchen. Und es gebe Teams, die verbrannte Erde hinterlassen haben, aber auch Teams, die durch großes persönliches Engagement auch in schwierigen Bereichen drehen.

Eine letzte Perspektive auf den Filmstandort brachte Aselmann zwischendurch ein, die zeigt, dass Filmemacher doch immer noch am ganz großen Kino hängen. Vielleicht bieten wir hier gar nicht den Humus, um wirklich Großes zu schaffen, sinnierte er: Gerade große Produktionen seien so schwierig und aufwendig geworden. „Uns fehlt jemand wie Bernd Eichinger! Es gibt keinen dieser Visionäre mehr, weder finanziell noch von der Power. Vielleicht noch Stefan Arndt…“

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Agentin für die Crew

Mit ihrer Filmcrew Agency spart Nadja Ster ­Produktionsbüros Zeit und Geld bei der Suche nach dem passenden Team. Fast 60 verschiedene Berufsbilder hat sie in ihrer Kartei. | Foto © cinearte

Schauspieler haben einen Agenten, das ist klar. Auch immer mehr Regisseure und Drehbuchautoren haben einen, der sich um all das kümmert, was am Filmberuf wenig kreativ ist und andere Kompetenzen erfordert: Akquise, Vertragsverhandlungen, und und… Vereinzelt tauchen sogar schon Szenenbildner und Kameraleute in den Profilen der Agenturen auf. Die meisten Filmschaffenden sind aber noch zurückhaltend: Agentur? Brauch’ ich nicht.
Tatsächlich? Nicht nur Zeitungsberichte und Branchenumfragen über Arbeit und Überleben in der Filmwelt erzählen etwas anderes. Auch die Berufsverbände der Branche bekommen immer wieder Verträge von Mitgliedern vorgelegt, die, vorsichtig ausgedrückt, dringend nachgebessert werden müssen, obwohl die Betroffenen schon seit Jahren im Geschäft sind.
Spielt womöglich so eine Art natürliches Schamgefühl eine Rolle? Es mag ja angehen, wenn Schauspieler und Heads of Department einen vorschicken, der für sie spricht und ihnen den Ärger dieser Welt vom Leibe hält und die Dinge erledigt, die mit ihrer eigentlichen Arbeit nichts zu tun haben. Aber eine Garderobiere mit Agent? Ist die jetzt völlig abgehoben? Weiterlesen

Dabei ist die Frage erst einmal praktischer Art. Wie die, ob man sich einen Steuerberater leistet oder sich lieber selber durch die Formulare wühlt. Es geht um Zeit, um Nerven – und um Geld vor allem. Einen Dienstleister, der mir Jobs verschafft, vernünftige Honorare aushandelt und meine Verträge prüft, brauch’ ich das wirklich nicht?
All das waren nicht die ersten Überlegungen, die Nadja Ster auf die Idee brachten, eine Agentur für die Normalsterblichen unter den Filmschaffenden zu gründen. Die gelernte Veranstaltungskauffrau und Projektmanagerin hatte über zwölf Jahren in verschiedenen Positionen am Set gearbeitet, überwiegend in der Sparte ­Produktion. Da hatte sie bald gemerkt, wieviel Zeit und Geld für die Suche nach der passenden Crew draufgeht: „Man glaubt, alle arbeiten ­ständig mit dem selben Team. Aber es sind ja nie alle verfügbar. Und wenn im Sommer plötzlich alle drehen, geht die Suche los – und am Ende landet man bei einer Empfehlung um vier ­Ecken“, erzählt die 43jährige. Die Suche nach dem Personal kostet viel Zeit und Geld, „und es wird mehr, wenn nicht alles auf Anhieb klappt.“
Die Arbeit im Produktionsbüro brachte Ster auf eine Idee: Immer wieder riefen Leute an, ob sie nicht eine gute Maskenbildnerin kenne oder einen zuverlässigen Fahrer. „Und je länger man beim Film arbeitet, desto mehr Leute kennt man dann tatsächlich.“ Warum also nicht zur Schnittstelle werden, und den Produktions­firmen die Arbeit abnehmen?
Es dauerte ein paar Jahre, bis Ster aus der Idee ein Geschäftskonzept entwickelt hatte. Am 1. November 2014 startete sie ihre Filmcrew Agency, eine Agentur für alle Filmgewerke, ­außer Regie, Drehbuch, Schauspiel – und Postproduktion, weil da meist Firmen mit festen Teams beauftragt würden.
Fast 60 verschiedene Berufsbilder bietet die Filmcrew Agency an – bis hin zum Praktikanten. Wo die Kartei zu klein ist, wird neu gesucht und gecastet. In Hamburg und München kamen kürzlich weitere Filmschaffende hinzu, denn natürlich will sie ihre Dienste bundesweit anbieten. Der Ort ist eh nicht wichtig: Zur Arbeit braucht Ster lediglich Laptop und Telefon. „Falls ein Film in einer anderen Stadt gedreht wird, kann ich auch dort hin reisen und vor Ort die Crew zusammenstellen.“
Anders als bei Schauspieleragenturen gibt es auf der Website der Filmcrew Agency keine Namen und Fotos. Alles läuft über Ster persönlich. Das muss so sein, denn sie vertritt ihre Klienten nicht immer exklusiv. So können diese jederzeit auch ihre eigenen Projekte suchen und aushandeln.
Vermittelt aber Ster, erhält sie dafür einen Teil der Gage im unteren Prozentbereich – für die Produktion ist ihre Dienstleistung umsonst. ­Dadurch kann nicht nur die Produktionsabteilung, sondern jeder im Team seine Mitarbeiter direkt über sie suchen. Ster liegt viel Wert auf den persönlichen Kontakt, sie kennt ihre Klienten, weiß, was ihnen liegt. Kommt die Anfrage von einer Produktion, schlägt sie für jede Position möglichst drei Kandidaten vor und arrangiert auf Wunsch auch die Vorstellungs­gespräche.
Regisseure können so etwa Szenen- oder Kostümbildner auch anhand erster Entwürfe auswählen – da steht die Vision des Regisseurs im Vordergrund, und nicht mehr, ob einer gerade Zeit hat oder die entsprechende Qualifikation vorweist. Kommt etwas zustande, handelt sie die Verträge aus und übernimmt den ganzen „Papierkram“. Während der Dreharbeiten steht sie ihren Filmschaffenden zur Beratung bereit, nach Projektabschluss gibt’s einen Erfahrungsaustausch.
„Qualitätsmanagement“ wird dabei groß geschrieben. „Alle Filmschaffenden habe ich natürlich persönlich getroffen, sagt Ster. „Ich überprüfe die Vita und viele mussten auch durch schriftliche Tests, die ich eigens dafür entwickelt habe.“
Zusätzlich bietet die Agentin auch Kurse an. Die erste Beratung für potentielle Einsteiger, die wissen wollen, wie man so zum Film kommt, ist noch umsonst. Den Gesamtüberblick sollen Kurse für Anfänger vermitteln, die ernst machen wollen mit ihren Plänen, und ihnen den Start erleichtern. „Als ich anfing, musste ich mir alles zusammensuchen“, sagt Ster. „Manche Kostümbildnerinnen etwa kommen frisch von der Modeschule, haben aber vom Film nicht unbedingt Ahnung: Was sind Anschlüsse? Was sind die Phasen einer Produktion? Die Kameraachse?“ Sowas lerne man doch in zwei, drei Tagen am Set, hatte Ster dazu zu hören bekommen und widerspricht: „Wer wirklich am Set arbeitet, weiß, dass das nicht stimmt.“
Warum tun sich die Filmarbeiter noch so schwer mit dem Gedanken an eine Agentur? „Die Leute sind nun mal Strukturen gewohnt, das ist schwierig aufzubrechen“, überlegt Ster. Sicherlich hielten manche es für schlicht für vermessen, aber andere seien „richtig froh“, meint Ster, wenn da eine ist, die vermittelt, die Gage aushandelt und im schlimmsten Fall auch Ärger abfedert.
Für die Produktionsfirmen auf der anderen Seite werde die Planung leichter, wenn sie über die Agentur gleich eine halbe Crew buchen: Sie verhandeln mit einer Person bei einem Termin über alle Gagen; die Stammblätter kommen nicht nach und nach zurück, sondern komplett; die Verträge kommen unterschrieben zeitnah zurück, und nicht wie oft erst drei Wochen nach Drehstart. „Vor allem aber bin ich notfalls auch zu ungewöhnlichen Uhrzeiten zu erreichen“, betont Ster. So kann sie auch kurzfristig reagieren, wenn plötzlich noch ein Mitarbeiter gesucht wird: „Meine schnellste Vermittlung hat zehn Minuten gedauert!“
Einen ersten kleinen Coup konnte Ster mit ihrem Konzept gleich im ersten Jahr landen. Bei der internationalen Produktion „Die Leidenschaft der Marie Curie“ vermittelte die Agentur sieben Filmschaffende auf einmal.

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Lieber gar keine Reform als so eine?


Ein Gesetz, dass Urheber und ausübende Künstler stärken sollte, läuft Gefahr, sich ins Gegenteil zu verkehren. Betroffen sind nicht nur Autoren und Journalisten, sondern auch Filmschaffende wie Regisseure als Urheber, oder andere ausübende Künstler wie Cutter, Sounddesigner, Schauspieler u.v.a.

Der aktuelle Gesetzentwurf zur Reform des Urhebervertragsrechts, wie er nun von der Bundesregierung vorgelegt wurde, stößt auf massive Kritik auf Seiten der Urheber und ausübenden Künstler.

Während der Berlinale hatte Bundesjustizminister Heiko Maas bei einer Podiumsdiskussion des BFFS in der Akademie der Künste noch betont, dass er zentrale Punkte seines Reformvorhabens für das Urhebervertragsrecht wie bspw. den Auskunftsanspruch zugunsten der Urheber über die Nutzungs- und Verwertungsumfang ihrer Werke oder das Verbandsklagerecht durchboxen wolle.
Wenige Tage später wurde durch den Regierungsentwurf klar, dass dem Lobbying − insbesondere von Seiten der Verlage − in weiten Teilen nachgegeben wurde und zentrale Punkte des ursprünglichen Referentenentwurfs zum Opfer fallen werden. Weiterlesen

Der Grundsatz, dass jede Nutzung vergütet werden muss, wurde über Bord geworfen.
Damit sind Buyout-Vereinbarungen auch weiterhin zulässig sind. Produzenten und Sender müssen hier nicht im Vorfeld eine Regelung mit den entsprechenden Branchenverbänden der Urheber oder ausübenden Künstlern in einer gemeinsamen Vergütungsregel treffen.

Dies führt zu einer klaren Schwächung der Branchenverbände von Urhebern und ausübenden Künstlern. Die Möglichkeit wirklich faire Bedingungen und Voraussetzungen auszuhandeln unter denen Buyout-Vereinbarungen ausnahmsweise möglich sein könnten, wird gemindert.

Im Ergebnis bleiben Urheber und ausübende Künstler damit (wieder) dem Diktat und der Verhandlungsstärke der Sender und Produzenten alleine ausgesetzt.
Das betrifft viele Filmschaffende, die nach wie vor damit konfrontiert werden, in ihren Verträgen mit Buyout-Vereinbarungen leben zu müssen, mit denen umfangreiche Verwertung und Nutzungswege durch Einmalzahlungen abgegolten sein sollen.

Das wichtige Auskunftsrecht wurde extrem eingeschränkt und soll nur gegenüber dem Vertragspartner geltend gemacht werden dürfen.
Das Auskunftsrecht ist wichtig. Denn nur so kann ein Urheber erfahren, wie viel Geld der Verwerter mit seinem Werk verdient hat und was ihm damit zusteht. Dies war bisher schon nicht einfach, jetzt soll es nur gegenüber dem Vertragspartner gelten.
Damit wird anderen an der Herstellung des Filmwerks Beteiligten der Weg verbaut, diesen Anspruch gegenüber den Sendern, die ja hauptsächlich die beim Produzenten in Auftrag gegebenen Filmwerke nutzen, geltend machen zu können.

Aktuelle Gesetzgebung Referentenentwurf
Anfang des Jahres*
Gesetzesentwurf
10. März 2016**
Auskunftsrecht Geltendmachung möglich gestärkt und spezifiziert stark eingeschränkt
Verbandsklagerecht nicht vorhanden soll neu eingeführt bleibt bestehen, hat aber nur noch eingeschränkte Wirkung
Pauschalvergütung / Buyout-Vereinbarungen unverbindlich nur noch eingeschränkt erlaubt, wenn Vereinbarung mit Branchenverband vorliegt Weiterhin erlaubt, auch ohne Regelung mit Branchenverband

*Stand cn-klappe / Berlinale 2016
**Abstimmungsgrundlage für den Bundestag / Mitte April 2016

Zum Zusammenschnitt der BFFS-Podiumsdiskussion zur Großwetterlage im Urhebervertragsrecht vom 14. Februar 2016 im Rahmen der Berlinale

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cn-klappe: Braucht die Kultur Klimaziele?


Vorwort aus aktuellem Anlass:
Bei der vorliegenden cn-klappe handelt es sich um einen Mitschnitt des Panels „Braucht die Kultur Klimaziele? Ein Gespräch zur Großwetterlage im Urhebervertragsrecht“, welches im Rahmen der Berlinale am 14. Februar 2016 stattfand. Ausrichter der Veranstaltung waren der Bundesverband Schauspiel (BFFS) in Kooperation mit der Initiative Urheberrecht und der Akademie der Künste.

Zu dieser Zeit lag ein Entwurf zur Novelle des Urhebervertragsrechts vor, der von der Mehrheit der Interessenvertretungen der Künstler und Filmschaffenden begrüßt wurde. Gegen die Interessen der übermächtigen Sender und Verwerter wollte Bundesjustizminister Heiko Maas eine deutliche Stärkung der Urheber durchsetzen. Dies betraf u.a. die Beteiligung an der Auswertung durch eine Einschränkung von Buyout-Verträgen, die Option eines Verbandsklagerechts im Streitfall und eine weitgehende Auskunftspflicht über die erzielten Erlöse von Filmen und anderen Kunstwerken.

Als am 10. März nun der Regierungsentwurf bekannt wurde, schien nicht mehr viel von den guten Vorsätzen des Justizministers vom Kabinett übernommen worden zu sein. So ist die Auskunftspflicht deutlich eingeschränkt, Werknutzer können sich dem Verbandsklagerecht durch Austritt aus Verwerterverbänden entziehen, und der ursprünglich ausdrücklich vorgesehene Anspruch auf die Vergütung jeder einzelnen Nutzung würde wesentlich unkonkreter formuliert. Total-Buyout-Verträge bleiben auch künftig möglich. Weiterlesen

Es scheint fast so, dass die geballte Medienmacht (Verlage und Sender), die sich gegen die Gesetzesreform stellte, erheblich Druck auf das Kabinett ausübte und dieses davor kapitulierte.

Als Diskutierende waren vertreten:
Heiko Maas (Bundesjustizminister)
Prof. Dr. Albrecht Hesse (Juristischer Direktor des Bayerischen Rundfunks)
Christine Strobl (Geschäftsführerin der ARD-Tochter Degeto)
Fred Breinersdorfer (Drehbuchautor, Filmproduzent und Rechtsanwalt)
Bernhard F. Störkmann (Geschäftsführender Justiziar des BFFS)
Anette Frier (Schauspielerin | BFFS)
Stephan Wagner (Regisseur | Vorstand BVR)

Es moderierte:
Thomas Schmuckert (Schauspieler | Vorstand BFFS)

Der Beitrag gliedert sich in folgende Kapitel:
Hinweis: Die Kapitel (Playlist) sind in der linken oberen Ecke des Video-Players auswählbar.

  • Intro
  • Kapitel 1: Keynote Bundesjustizminister Heiko Maas
  • Kapitel 2: Statements
  • Kapitel 3: Auskunftsrecht & Schlichtungsoptionen
  • Kapitel 4: Verbandsklagerecht & Europäischer Urheberschutz
  • Schlusswort

Zur cn-klappe auf casting-network

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cn-kolumne: Die neue VdA-Vorstandsvorsitzende Sibylle Flöter im Gespräch

Sybille Flöter © Urban Ruths

Sibylle Flöter leitete von 1995 bis 2015 erfolgreich ihre eigene Schauspielagentur in München und war Gründungsmitglied des Verbandes der Agenturen für Film, Fernsehen und Theater, welcher 1998 von 16 namhaften Agenturen in Berlin gegründet wurde. Seit Beendigung ihrer aktiven Tätigkeit als Agentin ist sie Ehrenmitglied des Verbandes und arbeitet in diversen Arbeitskreisen mit. In der Mitgliederversammlung während der diesjährigen Berlinale ist die Diplompolitologin auf drei Jahre zur neuen Vorstandsvorsitzenden des Verbandes gewählt worden.

Verband der Agenturen für Film, Fernsehen und Theater
Der VdA vertritt seit 1998 die Interessen der privaten Künstler- Agenten in den Bereichen Film, Fernsehen und Bühne im deutschsprachigen Raum. Die 60 Mitgliedsagenturen repräsentieren über 2.600 Schauspieler, Regisseure, Autoren, Kameraleute und Komponisten.

Das Interview führte Tina Thiele von Casting Network

20 Jahre waren Sie mit Ihrer Agentur Sibylle Flöter als Schauspielagentin tätig. Was nehmen Sie für sich aus dieser Zeit mit?

Bevor ich mich selbstständig machte, hatte ich 22 Jahre lang im öffentlichen Dienst gearbeitet. Davon habe ich acht Jahre lang bei der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) den Film- und Fernsehbereich geleitet. Insgesamt 20 Jahre war ich daraufhin mit meiner eigenen Schauspieleragentur selbstständig. Während der langen Zeit im öffentlichen Dienst hatte ich das Gefühl dafür verloren, was ich kann und was ich tatsächlich leiste. Was ich aus der selbstständigen Berufstätigkeit mitgenommen habe, ist vor allem Selbstvertrauen. Als ich 1995 meine eigene Agentur eröffnete, war ich sehr unsicher, ob ich mich auf dem freien Markt würde behaupten können. Aber das hat 20 Jahre gut funktioniert und da wusste ich, das ist meine Leistung, dafür trage ich die Verantwortung. Ansonsten habe ich in der ganzen Zeit das gelernt, was das tägliche Brot aller Agenten ist: Auf eine freundliche Art und Weise konstant Widerstand zu leisten (lacht). Ich denke, dies habe ich im beruflichen Bereich gemeistert und es kam mir auch privat zugute.

Sie stehen dem Verband der Agenturen für Film, Fernsehen und Theater e.V. (VdA) als Mitbegründerin natürlich sehr nah. Was war damals der Ansporn den Verband mit zu gründen? Weiterlesen

Die Zeiten waren damals anders. Bis 1994 hatte die Bundesagentur für Arbeit das Monopol auf Arbeitsvermittlung. Sie hatte bundesweit nur 19 Lizenzen für private Agenturen vergeben, die sich im Verband Deutscher Schauspieler Agenturen organisiert hatten. Als das Monopol fiel, wurde der Markt dement- sprechend auch für private Arbeitsvermittler geöffnet, die jedoch immer noch um eine Erlaubnis der Bundesagentur nachsuchen mussten. Erst seit April 2002 bedarf die private Arbeitsvermittlung keiner behördlichen Erlaubnis mehr. Da in der 2. Hälfte der Neunzigerjahre der Film- und Fernsehmarkt seine goldenen Zeiten erlebte, war es nur folgerichtig, dass sich auch viele private Schauspieleragenturen neu gründeten. Gleichzeitig zeigte der Verband Deutscher Schauspieler Agenturen kein großes Interesse an der Mitgliedschaft neuer Agenten. Allem Anschein nach wollten die Agenturen dort als eine Art elitärer Zirkel lieber unter sich bleiben. Bernhard Hoestermann hingegen war derjenige, der herumgereist ist und keine Mühen scheute, als „einer der Neuen“ mit anderen neuen, auf den Markt gekommenen Agenten, zu sprechen. Das waren überwiegend spannende Persönlichkeiten mit zum Teil eindrucksvollen Klientenlisten, keine blutigen Anfänger. Die Idee von einem neuen, zweiten Verband, die er präsentierte, war insofern besonders ansprechend, als dass sie Raum für aktive Mitgestaltung ließ und eindeutig auf politische Teilhabe ausgerichtet war. Wir wollten Positionen vertreten und auch die Zukunft für unsere Berufsgruppe mitgestalten. Ich bin sehr froh darüber, dass ich dem Verband als Gründungsmitglied von Anfang an angehöre und mich gleichzeitig dort durch kontinuierliche Mitarbeit verwirklichen konnte.

Wer waren damals die Gründungsmitglieder und wie viele sind es heute

Zu den Gründungsmitgliedern zählten neben Bernhard Hoestermann auch Mechthild Holter von players, Marlis Heppeler, Carola Studlar, Sigrid Narjes von Above the line, Britta Imdahl, Frank Splanemann, Annette Sack von velvet, um nur einige zu nennen, die mir spontan einfallen. Heute sind wir mit 60 Mitgliedern, die rund 2600 Künstler vertreten, bereits ein starker Verband, der aber durchaus noch weiter wachsen sollte.

Wie kann man VdA-Mitglied werden?

Mitglied werden kann, wer drei Jahre hauptberuflich als Agent tätig ist. Eine weitere Voraussetzung ist, dass man im Jahr vor Antragstellung im Durchschnitt mindestens 18 Klienten vertreten hat. Allerdings planen wir, die Mitglieder abstimmen zu lassen, ob wir diese Begrenzung ändern sollten, um auch denjenigen den Beitritt zu erleichtern, die keine 18 Klienten vertreten oder vertreten möchten. Als wichtiger erachte ich, dass ein Bewerber zwei Befürworter aus dem Kreis der Mitglieder benötigt. Auf unserer Verbandswebsite kann man diese Voraussetzungen unter der Rubrik „Mitglied werden“ noch einmal genauer nachlesen.

Eigentlich hätten Sie jetzt Ihre wohlverdiente, selbstgewählte Rente genießen können, aber Sie haben den Vorstandsvorsitz des VdA übernommen. Wie kam es dazu?

Wenn man aufhört zu arbeiten, kommt es einem zunächst vor, als sei man in einem endlos langen Urlaub und statt der gewohnten To-Do-Listen holt man seine lang aufgeschobenen To-Want-Listen hervor. Aber was mir als Rentnerin fehlt, ist das zweckgerichtete Arbeiten. Wenn ich beispielsweise meine Sprachen auffrische oder mich in ein Thema einlese, dann mündet das nirgendwo hin, wo es sinnvoll ist oder gebraucht wird. Es ist nur schöner Selbstzweck. Wenn ich hingegen etwas im Verband gearbeitet hatte, war dies stets zweckgebunden und führte zu einem sichtbaren Resultat. Als dann die Anfrage kam, ob ich bereit wäre, mich für den Vorstand zur Wahl zu stellen, fand ich die Idee verlockend, weil ich im Vorstand im Team arbeiten würde und wir umfangreiche Gestaltungsmöglichkeiten hätten, die auch nachverfolgbar in ein Ziel münden. Außerdem war es eine reizvolle Vorstellung, weiterhin „am Ball“ zu bleiben, d.h. die Entwicklungen und Probleme der Branche mitzubekommen.

Der Verband kam auf Sie als Ehrenmitglied zu, um Sie zu fragen, ob Sie sich als objektive Instanz zur Vorstandsvorsitzenden wählen lassen. Welche Vorzüge bringen Sie für diese Position mit?

Dadurch, dass ich kein Geschäft mehr führe, muss ich wenig Rücksicht nehmen. Ich vertrete keine eigenen Interessen mehr und kann die Vorstandsarbeit unabhängiger und vielleicht auch objektiver betreiben. Schade ist, dass ich nicht mehr im Alltagsgeschäft mitbekomme, was die dringendsten Themen und Probleme sind, die anstehen. Aber dafür haben wir ja noch zwei aktive Vorstandsmitglieder. Was ich andererseits jedoch mitbringen kann, ist mehr Zeit.

Wer ist abgesehen von Ihnen noch mitgewählt worden?

Malte Lamprecht von der Agentur Schlag. Er ist dort Agent für Drehbuchautoren und Regisseure und Patric Adam, der in seiner Agentur Adam in Potsdam Schauspieler und Regisseure vertritt. Ich denke, wir sind ein gutes Trio.

Von links nach rechts: Malte Lamprecht, Sybille Flöter und Adam © Urban Ruths

Wussten Sie schon von Ihren Vorstandsvorgängern, wie viel Arbeit es ist, so einen Vereinsposten zu übernehmen?

Allerdings! Unsere Vorgänger haben in den letzten drei Jahren eine umfangreiche Agenda bearbeitet. Da kommt schon einiges zusammen. Wir haben am Tag nach der Wahl die Geschäftsübergabe gehabt und da schwirrte uns allen dreien der Kopf. Wir werden uns morgen treffen, um das ein bisschen zu sortieren und unsere Arbeit zu organisieren. Es gibt natürlich bestimmte Themenbereiche, an denen der Verband permanent arbeitet. Dazu gehören zum Beispiel die Themen „Berufsbild“ oder auch „Vertragsrecht“. Hinzu kommen einige, die jetzt gerade virulent sind, wie z.B. die Veränderungen im „Normalvertrag Bühne“ mit ihren Auswirkungen auf die Agenten.

Mögen Sie das aktuell virulente Thema zur Veränderungen des „Normalvertrag Bühne“ erläutern?

Bisher regelte der Tarifvertrag, dass das Theater und das Solomitglied grundsätzlich die, wegen eines Vertragsabschlusses, ggfs. anfallende Vermittlungsgebühr an eine Agentur jeweils zur Hälfte tragen. Damit sollte dem Schutzbedürfnis der Künstler als Arbeitnehmer Rechnung getragen werden, der sich gegenüber den Theatern in der Regel in einer sehr viel schwächeren Verhandlungsposition befindet, die durch die Einschaltung eines Agenten wesentlich verbessert werden kann. Im vergangenen Jahr wurde die entsprechende Regelung im „Normalvertrag Bühne“ jetzt jedoch neu gefasst. Nunmehr muss sich das Theater nur noch dann anteilig an der Agenturgebühr beteiligen, wenn das entweder im Vertrag mit dem Künstler ausdrücklich vereinbart wird oder wenn der Name des Künstlers dem Theater für das betreffende Engagement durch die Agentur „auf Anfrage“ des Theaters „bekannt gemacht wurde“. Das Theater müsste also aus freien Stücken bei der Agentur anfragen und um einen Besetzungsvorschlag bitten. Das ist ein Fall, der in der Praxis nicht vorkommen wird, schon gar nicht, wenn das Theater damit zur Beteiligung an der Agenturgebühr verpflichtet wird. Ein Theater, das in der Regel über eine funktionierende Dramaturgie verfügt, braucht nicht bei einer Agentur anzurufen, um Namen genannt zu bekommen. Trotzdem wird das Theater die Agentur beschäftigen, um Termine abzuklären und die Rolle evtl. anzubieten. Dazu braucht es die Mitarbeit der Agentur. Dennoch soll das Theater nicht mehr zur hälftigen Beteiligung an der Agenturgebühr verpflichtet sein, es sei denn, der Marktwert des Schauspielers ist so groß, dass er eine solche Beteiligung vertraglich vereinbaren kann. Selbst wenn eine Agentur für einen Klienten eine Initiativbewerbung ans Theater schickt und dieser Klient bekommt daraufhin ein Vorsprechen und schließlich auch die Rolle, gehen wir davon aus, dass das Theater eine Beteiligung an der Vermittlungsprovision mit der Begründung ablehnen würde, dass ihm der „Name des Künstlers“ nicht „auf Anfrage“ sondern vielmehr proaktiv von der Agentur selbst bekannt gemacht wurde. Für die Besetzung von Anfängerpositionen, für die sowieso mehr als genügend Bewerbungen ins Haus kommen, muss auch nicht bei Agenturen nachgefragt und folglich auch nicht gezahlt werden. Bei der betreffenden Änderung des „NV Bühne“ handelt es sich somit schlichtweg um ein Herausschleichen aus der guten alten Tradition, dass sich Theater und Schauspieler die Kosten der Agenturgebühr teilen. Davon sind Schauspieler und Agenten gleichermaßen betroffen und da müssen wir mit den Tarifparteien ins Gespräch kommen.

Ein ständiges Thema ist seit Jahren der VdA-Pool. Mögen Sie dieses Internet-Tool kurz erklären?

Bernhard Hoestermann und ein paar andere Verbandsmitglieder haben sehr frühzeitig die fortschreitende Digitalisierung im Besetzungsprozess und ihre Auswirkungen auf Agenturen erkannt und wollten, dass die Mitgliedsagenturen von diesem Prozess nicht überrollt werden. Ein Schauspieler muss inzwischen in mehreren professionellen Internet-Datenbanken mit seinem stets aktuellen Bewerbungsmaterial – also Vita, Fotos, Showreel – vertreten sein. Mit diesen digitalen Werkzeugen arbeiten Casting Direktoren, Regisseure, Produzenten und Redakteure. Damit eine Agentur das Material ihrer Schauspieler nicht in verschiedenen einzelnen Datenbanken pflegen muss, wurde ein verbandseigener Datenpool (VdA-Pool) geschaffen, in den alle Mitglieder ihre Klienten einpflegen und fortlaufend aktuell halten. Das ist keine weitere Schauspielerdatenbank und man kann den VdA-Pool auch nicht im Internet aufrufen. In dieser Datenbank befinden sich aktuell ca. 2600 Datensätze. Schauspielerdatenbanken können sich mit diesem VdA-Pool über eine Schnittstelle verbinden und darüber die Daten in ihre eigene Datenbank importieren. Damit pflegen die Mitgliedsagenturen nur eine einzige Datenbank, den verbandseigenen VdA-Pool, und alle angeschlossenen Datenbanken überspielen täglich die neuen Eingaben. Um mit dem sich stets fortentwickelnden Internet und der schnellen Weiterentwicklung der Technik mithalten zu können, muss auch der VdA-Pool ständig weiterentwickelt werden, da sich nicht nur die Technik, sondern auch das Medien- und Suchverhalten derjenigen, die besetzen, immer wieder verändert. Wir haben da eine sehr fitte und äußerst aktive Arbeitsgruppe, die den VdA-Pool begleitet und auch bestrebt ist, ihn vorausschauend auf einem anwenderfreundlichen und den Bedürfnissen angepassten Stand zu halten. Ein Dauerthema also.

Was verstehe ich unter der neu besetzten Schlichtungsstelle – ist das auch eine Arbeitsgruppe?

Unser Verband hat, wie manche andere Berufsgruppen auch, eine Schlichtungsstelle besetzt, die in Auseinandersetzungen und Streitfällen angerufen werden kann – übrigens nicht nur von VdA-Mitgliedern, sondern auch bei Streitigkeiten zwischen verbandsexternen Dritten und unseren Mitgliedern, auch von den betroffenen Dritten. Ziel der Schlichtungsstelle ist es, in Kenntnis der Branche eine sachgerechte Einigung auf einvernehmlichem Wege zu erreichen. Den Vorsitz führt ein ehemaliger Arbeitsrichter, der jetzt als Mediator tätig ist, was ihn in besonderem Maße zu diesem Amt befähigt. Vier Verbandsmitglieder sind Beisitzer der Schlichtungsstelle. Die Einzelheiten des Verfahrens sind in einer extra Schlichtungsordnung geregelt, die auf unserer Verbands-Website abrufbar ist. Nachdem der Schlichtungsausschuss den Sachverhalt durch Anhörung der Parteien und in der Regel nach Durchführung einer mündlichen Verhandlung aufgeklärt hat, arbeitet er eine begründete Schlichtungsempfehlung in Form eines Vergleichsvorschlags aus, der den Parteien unterbreitet wird. Diese Schlichtungsempfehlung kann dann entweder von den Parteien angenommen werden oder das Schlichtungsverfahren ist gescheitert. Das Schlichtungsverfahren bietet somit die Möglichkeit, ein wesentlich kostenintensiveres und langwieriges Gerichtsverfahren zu vermeiden.

Wie viele Arbeitsgruppen gibt es im Verband insgesamt und wie arbeiten diese?

Ich schätze augenblicklich zehn. Davon sind jedoch immer ein paar ruhend, weil aktuell nichts zu tun ist, aber dann wird manchmal durch eine äußere Entwicklung ein Arbeitskreis wieder aktiviert oder ein neuer bei Bedarf geschaffen. Auf unseren Mitgliederversammlungen, die zweimal im Jahr, im Februar und September, stattfinden, werden die Ergebnisse der Arbeitsgruppen allen Mitgliedern präsentiert und diskutiert. Und das Plenum formuliert unter Umständen weitergehende Aufgaben für den Arbeitskreis

Haben Agenten einen schlechten Ruf als Widerstandskämpfer?

Wenn der Tag lang ist, gehen in einer Agentur viele Wünsche an die Schauspieler ein. Der Produktionsleiter will die Gage pauschalieren oder drücken, es gibt Terminprobleme, die auf dem Rücken des Schauspielers ausgetragen werden sollen. Sein Lieblingshotel kann leider nicht gebucht werden, weil es Messezeit ist und damit der Tarif zu teuer. Ein unbedeutender Internetblog will ein Interview und zwar kurzfristig. Der Produzent möchte, dass ein Schauspieler in eine bestimmte Talkshow geht, die der aber leider nicht mag. Die Pressestelle eines Senders hat immer noch nicht die Auswahlfotos für die Autogrammkarte geschickt. Ein Journalist will binnen 15 Minuten sein Interview autorisiert zurück und ein Casting Director will einen Anspielpartner für ein Live Casting, es geht dabei für den Schauspieler leider nicht um eine Rolle. Nicht alle Anliegen sind legitim oder berechtigt. Ein Schauspieler mit Agentur braucht aber nicht selbst dazu „Nein” zu sagen. Das macht seine Agentur. Die eine Hälfte des Tages verbringt ein Agent damit, Leute von seinen Schauspielern zu überzeugen, und er wirbt um ein „Ja”, die andere Hälfte des Tages sagt er ständig und konsequent „Nein”. Und dieses „Nein” muss so rüberkommen, dass es auf keinen Fall dem Schauspieler negativ angekreidet wird, dass es vom Gegenüber verstanden wird und dass der Agent trotz des „Neins” als liebenswürdige Person in Erinnerung bleibt, die man immer wieder gern anruft.

Ein guter Agent ist Widerstandskämpfer ohne offenen Kampf und so geschickt, dass er sich dabei auf keinen Fall einen schlechten Ruf einhandelt und auf keinen Fall Nachteile für seine anderen Klienten riskiert.

Wie soll das gehen? Es ist von Vorteil, gut und genau zuhören zu können und ruhig zu bleiben. Selbst wenn die Gegenseite lauter wird, bleibt man in der Stimmlage moderat und im Ausdruck freundlich oder reagiert mit Humor. Man tut gut daran, sich nachvollziehbare Argumente für die Position des Klienten zu überlegen, sollte aber auch Verständnis für die Belange der anderen Seite zeigen. Pausen im Gespräch muss man aushalten können, auch wenn sie lang werden und Killerphrasen von der Gegenseite überhört man, es sei denn man hat eine gute Replik. Wenn es sein muss, wiederholt man seine schlagkräftigsten Argumente immer wieder, notfalls endlos oder man denkt über eine neue Lösung nach, die für beide Seiten akzeptabel ist. Nur im schlimmsten Fall wird man das Gespräch ohne Ergebnis vertagen und beim nächsten Telefonat von vorn beginnen. Nein, ich denke Agenten haben keinen schlechten Ruf als Widerstandskämpfer. Bei den gestandenen Persönlichkeiten auf der Gegenseite herrscht eher so etwas wie Respekt vor einem starken Gegner.

Inzwischen gibt es in Deutschland auch Serien, die in erster Linie fürs Netz, fernab von Sendern, produziert werden. Spannend wäre eine Arbeitsgruppe, die sich mit der Zukunft der Medienlandschaft und Formate beschäftigt!

Eine Arbeitsgruppe haben wir dazu noch nicht zusammengestellt, aber wir beschäftigen uns im Vorstand damit. Im Augenblick wird diese Thematik im Zusammenhang mit Nutzungsrechten und Verwertungsketten diskutiert. Das betrifft Wiederholungsverträge mit Sendern, in denen alle möglichen neuen Verwertungsarten festgelegt sind. Wir sind aktuell damit beschäftigt, in Erfahrung zu bringen, ob die dort festgelegten Prozentsätze an wieder- holungsfähigem Honorar den neuen Verwertungsketten angemessen sind.

Abschließend die Frage: Was würden Sie anderen Kollegen mit auf den Weg geben?

Unser Verband hat mir etwas ausgesprochen Wertvolles gegeben: den Austausch mit Kollegen. Als selbstständiger Agent ist man normalerweise in einer ziemlich einsamen Position. Denn wenn man nicht kompetente Mitarbeiter hat, mit denen man ein fachliches Problem diskutieren kann, dann bleiben einem nur noch die Kollegen. Ich finde es gut, dass es sich in den letzten Jahren so herausgearbeitet hat, dass wir uns vollkommen jenseits jeder Konkurrenz über Probleme austauschen und uns auch Ratschläge geben können. Dies sollte meiner Ansicht nach unbedingt weitergeführt werden, denn wir kochen alle mit dem gleichen Wasser. Man sollte nicht meinen, man sei besonders gut, wenn man sein Wissen als „Herrschaftswissen“ für sich behält. Gut ist es, wenn man sein Wissen teilt und erreicht, dass dann viele Agenten z.B. einen fragwürdigen Passus in Verträgen nicht mehr akzeptieren. Dann verändert sich etwas und der Markt wird für alle fairer. Das ist nicht einmal eine Frage des Alters, alle können voneinander profitieren. Auch ich profitiere von jungen Agenten mit frischen Ideen. Diese Ebene der Vertrautheit haben wir im Verband aber natürlich auch erstmal erreichen müssen und sie soll auch weiterhin auf diese Weise gepflegt werden.

Vielen herzlichen Dank für das Gespräch!


VdA – Verband der Agenturen
Das Gespräch führte: Tina Thiele | Ausarbeitung: Mariam Misakian

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Cinema Moralia – Folge 129: Blau ist die kälteste Farbe…

Bücher als Bedrohung einer Ideologie in Fahrenheit 451

Poli­ti­sche Farben­lehre, Ausstel­lung für Bücher­freunde, der Kino­st­ar­be­trieb und der Kampf ums Filmerbe – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 129. Folge – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 129. Folge

»Wer von uns wacht hier und warnt uns, wenn die neuen Henker kommen? Haben sie wirklich ein anderes Gesicht als wir?«
aus »Nacht und Nebel« von Alain Resnais

Es ist zwar ein kaltes, helles, unfeines Blau, kein warmes, aber eben ein Blau, nicht Braun oder zumindest Grau, wie einst bei Franz Schön­hu­bers REPs, mit dem dem bei den Wahl­sen­dungen der öffent­lich-recht­li­chen Sender die Zahlen der rechts­ex­tremen AfD markiert werden. Warum eigent­lich? Warum nicht Braun oder Grau? Das Argument, die Partei hätte diese Farbe auf ihren Plakaten, zählt nicht, denn die CDU wird schließ­lich auch mit Schwarz markiert, obwohl ihre Plakat-Farbe Orange ist.
Man sollte solche Symbole nicht unter­schätzen, es zwar nur kleine Gesten, aber markante. Und es sind die vielen kleinen Gesten, mit denen man den Wolf im Schafs­pelz oder Bürger­pelz sichtbar macht. Oder eben nicht. Es ist auch bemer­kens­wert. wie oft die Bericht­erstatter von »Rechts­po­pu­listen« reden, nicht von »Rechts­ra­di­kalen«, »Rechts­ex­tre­misten« oder gar »post­fa­schis­tisch«. Wenn es dagegen um die LINKE geht, habe ich von den gleichen Leuten noch nie das Wort »Link­s­po­pu­listen« gehört. Die sind natürlich »am linken Rand«, oder »links­ra­dikal« oder »post­kom­mu­nis­tisch.«
+ + +
Die Frage wäre auch einmal zu stellen, ob Unab­hän­gig­keit der Medien überhaupt möglich ist. Man könnte argu­men­tieren, dass zumindest der öffent­lich-recht­liche Rundfunk (die privaten Print­me­dien viel­leicht nicht) eine Pflicht zur Partei­nahme pro Demo­kratie habe. Dass er die sehr wohl in Anspruch nimmt, wenn es um die NPD geht, oder um Putin oder Assad oder andere.
+ + +
Diese Thema­ti­sie­rung der AfD hat durchaus auch im engeren Sinn etwas mit Kino zu tun, denn die AfD, das sind auch die Kino­zu­schauer. Für die werden Filme gemacht, schon bisher. Viel­leicht sollte man endlich auch wieder Filme machen, um die Zuschauer zu erziehen und umzu­er­ziehen. Umer­zie­hung heißt auf Englisch Reedu­ca­tion, das war mal eine gute Sache. Und Politik lässt sich von Ästhetik sowieso nicht trennen.
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Bei einer Film­sich­tung habe ich einen Haufen Fern­seh­filme vor mir. Von ZDF und DEGETO so schlecht wie lange nicht. Das Resümee nach den ersten zwei Tagen: Felicitas Woll und Rosalie Thomas kämpfen gerade um die Nachfolge von Veronika Ferres als »starke Frau« des deutschen Fern­se­hens.
+ + + Weiterlesen

Ein anderes Medien­thema, ebenfalls schon erstaun­lich: Nicht Film­kri­tiker, sondern Kunst­kri­tiker oder Kunst­pro­fes­soren bespra­chen vergan­gene Woche zum Filmstart in vielen Zeitungen Alexander Sokourovs Fran­co­fonia. Erstmal ist dagegen nichts zu sagen: Inter­dis­zi­pli­na­rität ist etwas Tolles. Man muss sich das aller­dings einmal umgekehrt vorstellen: Da malt ein Maler einen Filmset, oder ein Kino­re­gis­seur oder Thomas Struth photo­gra­phiert das Gebäude eines Holly­wood­stu­dios, und dann wird das ganze nicht mehr als bildende Kunst beurteilt, sondern von einem Film­kri­tiker auf seinen Realis­mus­ge­halt als Film­re­por­tage abge­klopft.
So erlebt man einen Aufmarsch der Kunst­his­to­riker, die sich als Muse­ums­wächter gerieren. Was Swantje Karich und Walter Grasskamp dabei verbindet, ist, dass sie von Kino offenbar wenig verstehen. Sie möchte einen braven Doku­men­tar­film sehen, und den will ihnen Sokourov nicht servieren.

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»To learn how to find, one must first learn how to hide.«
Guy Montag (Oskar Werner) in Fahren­heit 451

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Über den Zusam­men­hang von Politik und Kino, genauer dem Kino­st­ar­be­trieb hat auch meine Freundin Heike-Melba Fendel geschrieben, in ihrer Kolumne im »Frauen-Blog«, der mal bei der FAZ war und derzeit von der Zeit gehostet wird.

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Fahren­heit 451 erzählt von den bildungs­feind­li­chen Feuern einer dysto­pi­schen Diktatur, die die Bücher als Bedrohung der eigenen Ideologie ansieht: Dieses Szenario, das an die Bücher­ver­bren­nungen der Nazis erinnert, entfaltet Ray Bradbury in seinem großen Science-Fiction-Roman »Fahren­heit 451«. 1966 hat ihn Francois Truffaut verfilmt. Dem Schre­ckens­sze­nario der Auslö­schung der Kultur stellt die Story die »Bücher­men­schen« entgegen: Sie retten die Texte, indem sie komplette Werke memo­rieren und sozusagen in ihrem Kopf in die Zukunft tragen. Mit dieser idea­lis­ti­schen Idee, dass Menschen selbst zum Medium der Bewahrung und Vermitt­lung von Kunst werden, arbeitet nun ein ambi­tio­niertes Ausstel­lungs­pro­jekt, das das Museum für Moderne Kunst (MMK) in Frankfurt veran­staltet. Zusammen mit dem Centre Pompidou und der Tate London zeigt man vom 24. März bis 4. September 2016 eine Auswahl von Haupt­werken der drei Museen, die Kunst von den 1920er-Jahren bis in die Gegenwart umfasst, und lädt die Besucher dazu ein, die ausge­stellten Werke nach dem Vorbild der »Bücher­men­schen« zu memo­rieren. Nach Ende der Laufzeit wird die Ausstel­lung noch einmal für ein Woche­n­ende (10./11.9) in leeren Räumen eröffnen; und die Besucher, die die verschwun­denen Werke »auswendig gelernt« haben, sollen als lebendige Stell­ver­treter an diese
erinnern.

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Der Kampf ums Filmerbe geht weiter. Die großar­tige Initia­tive »Filmerbe in Gefahr« meldet sich zu Wort. In einer lesens­werten Analyse zur Entwick­lung in der Frage der Digi­ta­li­sie­rung nimmt die Initia­tive Stellung zum PwC-Gutachten zur Ermitt­lung des Finanz­be­darfs, einem Posi­ti­ons­pa­pier des Kine­ma­theks­ver­bundes und der Antwort der Bundes­re­gie­rung auf eine parla­men­ta­ri­sche Anfrage der Grünen. Es besteht Diskus­si­ons­be­darf, und wir werden an diese Stelle bald mitdis­ku­tieren.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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So weit kommt`s noch: Filmförderung fördert Altersarmut

© https://buffer.com/pablo

Darf das denn wahr sein? ARD und ZDF brüsten sich mit geförderten Sendungen und zum „Dank“ werden wir, die eigentlichen Macher der Sendung, mit Verweis auf diese Förderung um unsere wichtigste Altersversorgung gebracht?

Eigentlich ist alles geregelt:

Der Bürger zahlt Rundfunkgebühren.
Die Länder haben 1970 die Rundfunkgebühren erhöht und seitdem einen Teil davon für die sogenannten „Anstaltsbeiträge“ zur betrieblichen Altersvorsorge der „freien“ Fernseh- und Rundfunkschaffende bestimmt.
Damit sind ARD und ZDF in der Verantwortung, sich um die betriebliche Altersvorsorge der „freien“ Fernseh- und Rundfunkschaffenden zu kümmern. Dafür gibt es die Pensionskasse Rundfunk.
Laut der Statuten der Pensionskasse Rundfunk müssen – unabhängig, ob vollfinanziert, teilfinanziert oder gefördert – in allen Fällen Anstaltsbeiträge fließen, wenn Sendungen für ARD oder ZDF hergestellt werden.

Schön wär’s!

Die Schwachstelle sind die Produktionsfirmen. Sie hängen am Tropf hauptsächlich von ARD und ZDF und sollen für sie die Anstaltsbeiträge an die Pensionskasse Rundfunk weiterleiten. Aber weil die Produzenten fürchten, auf den Kosten sitzenzubleiben, kommt keine rechte Begeisterung auf, sich für die Pensionskasse Rundfunk und unsere betriebliche Altersvorsorge in die Pflicht nehmen zu lassen. Weiterlesen

Dieser Konflikt spitzt sich nun zu – durch die eigentlich begrüßenswerte Filmförderung.

Denn in den jüngst vereinbarten Terms of Trades zwischen ARD und Produzentenallianz versprechen zwar die ARD-Sender den Produzenten, ihnen die Kosten für die Anstaltsbeiträge zu erstatten. Aber das soll ausdrücklich nicht für geförderte Fernsehfilme gelten. Auch wenn der Löwenanteil der Finanzierung von den Sendern kommt, die mit den ambitionierten Filmen ihrem öffentlich-rechtlichen Auftrag erfüllen.

Die Produzenten denken nicht daran einzuspringen, wollen sich nicht an die derzeitigen Statuten der Pensionskasse Rundfunk halten und drohen mit Kündigung aus dieser sozialen Verpflichtung.

Aber welche Rolle wollen ARD und ZDF spielen? Wie wollen sie dafür Sorge tragen, dass ihre „Freien“, ohne die sie keine einzige Minute Programm zeigen könnten, nicht in den sozial freien Fall geraten? Ausgerechnet durch die Unterstützung öffentlich-rechtlicher Filmförderung?

Denn diese „Freien“ sind besonders schutzbedürftig.

Erstens genießen wir nicht den sozialen Halt einer festen Anstellung und zweitens dürfen die meisten von uns „Freien“ nicht einmal direkt für die durch Gebühren stabilisierten ZDF- und ARD-Anstalten arbeiten, sondern sind ausgelagert an Produktionsfirmen, die selbst ums Überleben kämpfen müssen. Diese Produktionsfirmen haben so gut wie keine feste Belegschaft, keinen Betriebsrat und meist keinen Sinn, sich um die sozialen Belange ihrer flüchtig engagierten „Freien“ zu kümmern.

Dieses Problem war schon damals heiß umstritten und landete beim Bundesverfassungsgericht. Dürfen gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten sich der Arbeit von „Freien“ bedienen, aber sie sozial im Stich lassen? Was wiegt mehr, Rundfunkfreiheit oder Arbeitnehmerschutz?

Im Interesse der verantwortlichen Bundesländer, der Rundfunkanstalten und natürlich der damaligen Gewerkschaft RFFU (heute bei ver.di) wurde der Konflikt entschärft:

Für die „Freien“ wurde mit der Pensionskasse Rundfunk zumindest eine betriebliche Altersvorsoge geschaffen, die durch die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten garantiert sein sollte und deren Finanzierung durch einen Teil der Rundfunkgebühren sichergestellt wurde. Die Pensionskasse Rundfunk bildet das eigentliche Standbein der Altersversorgung für uns „Freie“.

Diese Zusammenhänge scheinen im Laufe der Jahre leider in Vergessenheit geraten zu sein. Anders ist nicht zu erklären, dass im Hintergrund allen Ernstes gefeilscht wird, bei gefördertem Fernsehprogramm sich der Pflicht zur Zahlung von Anstaltsbeiträgen entziehen zu dürfen. Wenn diese Kräfte sich durchsetzen, ist die Altersarmut der „Freien“ vorprogrammiert. Dann liegen wir am Ende dem Staat und damit den Steuerzahlern auf der Tasche, die als Rundfunkgebührenzahler dafür eigentlich schon genügend zur Kasse gebeten wurden.

So leicht dürfen Bürger, Filmförderanstalten und wir, die „Freien“ nicht gegeneinander ausgespielt werden. Darum wenden wir uns an alle Mitglieder der Fernseh- und Rundfunkräte, alle Rundfunkpolitikerinnen und -politiker der Länder sowie des Bundes, an alle Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten und fordern Sie auf, unsere Hauptforderungen zu unterstützen.

  • Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten sollten, wie früher üblich, nur mit Produktionsfirmen zusammenarbeiten, die Anstaltsmitglied der Pensionskasse Rundfunk sind bzw. Produktionsfirmen, sofern Sie noch nicht Anstaltsmitglied der Kasse sind, vertraglich zur Mitgliedschaft verpflichten. Nur so wird sichergestellt, dass wir, die „Freien“, auch unseren Anspruch auf Anstaltsbeiträge durchsetzen können und die Gelder, die der Bürger zur Altersvorsorge der „Freien“ zahlt, auch zu diesem Zweck bei der Pensionskasse Rundfunk ankommen.
  • Unabhängig ob vollfinanziert, teilfinanziert, ko-produziert oder gefördert – ARD und ZDF müssen in allen Fällen eine anteilig geregelte Beitragspflicht gewährleisten!

Denn gerade die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, die so stolz ihre geförderten Filme präsentieren, müssen ihrer sozialen Verantwortung gegenüber den Machern dieser Filme gerecht werden. Sonst könnte jede Nominierung eines geförderten Fernsehfilms an die Austrickserei unserer Altersversorgung erinnern – soweit muss es nicht kommen.

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Neutrale Rollen

Belinde Ruth Stieve erzählt in der Berlinale-Bubble von Pro Quote Regie von Neropa. © 2016 Anke Domscheit-Berg

Mehr als die Hälfte der Menschen im Lande sind Frauen. Film und Fernsehen vermitteln eine andere Wirklichkeit. Die Schauspielerin Belinde Ruth Stieve wirbt für ein System, das es besser machen soll.

Interview: Peter Hartig

Frau Stieve, Sie machen sich in Ihrem Blog für eine andere Art der Rollenbesetzung stark. Was läuft falsch?

Das läßt sich nicht so leicht auf den Punkt bringen. Mir fällt auf, daß es seit Jahren ein starkes Übergewicht an Männerrollen gibt. Und daß Frauenrollen ab einem relativ frühen Alter – das heißt ab 40, für manche Filmgruppen sogar schon ab 35 – zurückgehen, Männerrollen aber erst 15 Jahre später. Und daß es eine Reihe von Filmen gibt, die ziemlich antiquierte Geschlechterstereotype reproduzieren: Männer handeln und reden, Frauen hören zu und sehen schön aus… Sie haben wesentlich seltener einen Beruf, sind seltener Funktionsrollen. Und man sieht so oft, wie sie brutal angegriffen oder umgebracht werden oder nackt auf dem Seziertisch liegen…
Ich kann mir übrigens nicht vorstellen, daß alle Männer mit diesem Angebot zufrieden sind und nur ein paar Frauen nicht. Aber so ist es nun mal. Jetzt können und müssen wir natürlich darüber reden, in der Branche, unter den Verantwortlichen, in der Gesellschaft, über die Gründe und die Auswirkungen, aber bis sich irgendetwas grundlegend verändert, kann es noch ziemlich lange dauern. Deshalb habe ich Neropa entwickelt.

Was ist Neropa?

Neropa ist eine Abkürzung und steht für Neutrale-Rollen-Parität, also Ne-ro-pa. Das ist eine Methode, mit der das Rollenungleichgewicht in einem Film abgebaut wird zugunsten von Frauenfiguren.

Und wie?

Ein paar Leute gehen erst einzeln und dann gemeinsam alle Rollen im Drehbuch durch und prüfen, welche ein bestimmtes Geschlecht haben muß. Alle übrigen werden als neutral definiert, und dann abwechselnd als Frau-MannFrau-Mann umgeschrieben und besetzt. Das erhöht den Frauenanteil im Film zum Beispiel um zwei Rollen oder um zehn. Und auf einmal kommt als kleine oder größere Rolle eine Elektrikerin und eine Gerichtsvollzieherin, eine Stadträtin und eine Archäologin vor, es gibt mehr ältere Frauen, und das Rollenverhältnis ist nicht mehr 30 zu 70, sondern vielleicht 45 zu 55. Weiterlesen

Das ist schön für das Publikum, und hat Auswirkungen auf Jung und Alt, denn die Gesellschaft besteht nun mal zur guten Hälfte aus Frauen, und deren persönliche, berufliche, gesellschaftliche, optische Vielfalt ist enorm. Und es ist natürlich auch gut für die Schauspielerinnen, denn dann gibt es für uns mehr Arbeit, und für die Produktionen ist es auch gut, denn Schauspielerinnen verdienen oft weniger, es wird also dazu noch billiger. Diese Gagenungerechtigkeit ändert sich aber hoffentlich bald endlich.

Was meinen Sie mit Auswirkungen auf Jung und Alt?

Das, was im Fernsehen oder Kino, in Werbung oder Spielen gezeigt wird, prägt und beeinflußt uns alle, auch wenn wir es oft nicht merken. Wie weit, ist natürlich nicht klar. Wenn gefühlt 90 Prozent der im Fernsehen übertragenen Ballsportwettkämpfe Männersport sind, wie überraschend ist es dann, daß so wenige Mädchen Fußball oder Handball spielen?
Aber es geht darüber hinaus. Die Schauspielerin Geena Davis sagt »If she can’t see it, she can’t be it«…

…»Wenn sie’s nicht sieht, kann sie’s nicht sein«?

Damit meint sie, daß Kinder und Heranwachsende Vorbilder brauchen, zum Beispiel für das Zusammenleben der Geschlechter oder die Berufswahl. Und da wirkt es sich negativ aus, wenn sie im Fernsehen einseitige Rollenvorbilder und klassische Geschlechterrollen serviert bekommen. Für die Mädchen Model, Krankenschwester oder irgendwas mit Tieren und für die Jungen alle anderen Berufe.

Das ist aber etwas übertrieben.

Klar! Aber diese Tendenz gibt es. Und es geht natürlich über die Berufswahl hinaus. Das Verhalten der Geschlechter zu- oder miteinander wird ja auch in den Filmen und Serien vorgespielt; oder nehmen wir einfach nur die stark sexualisierten jungen Frauenfiguren. Dazu kommt dann noch Germany’s Next Topmodel, und schon wird klar, warum dringend eine wesentlich größere Frauenrollenvielfalt gebraucht wird, eine höhere Medienpräsenz von Frauen aus allen gesellschaftlichen Bereichen.
Selbst wir Erwachsenen werden davon beeinflußt, wir sind ja auch damit groß geworden und sehen das noch heute. Wenn jemand eine Konferenz oder eine Radiodiskussion organisiert und für die Vorträge nur 20 Prozent Frauen einlädt, wenn in einer WG der Besuch, egal ob Mann oder Frau, sich eher vom Mitbewohner als der Mitbewohnerin den Gasherd erklären läßt, auch wenn die gerade neben ihm steht, dann fällt das oft gar nicht als seltsam auf. Und auch wir in der Filmbranche werden von den Filmen beeinflußt, ob wir nun Bücher schreiben, Rollen spielen, ein Team zusammenstellen oder Aufträge vergeben. Wo kommt denn dieser Satz »Frauen können keine Krimis inszenieren« eigentlich her? Und müßte er nicht eher heißen »Frauen dürfen keine Krimis inszenieren?«

Und da könnte Neropa helfen?

Diese Situation könnte durch Neropa besser werden, weil es dann einfach mehr und unterschiedlichere Frauenrollen zu sehen gibt, mehr Möglichkeiten, sich zu identifizieren, oder einfach nur, mehr über das Leben zu erfahren.

In den USA hatte schon 1985 die Comic-Autorin Alison Bechdel kritisiert, wie klischeehaft Frauen in Spielfilmen dargestellt werden. Der sogenannte Bechdel-Test besteht aus drei Fragen: Gibt es mindestens zwei Frauenrollen, die beide einen Namen haben? Sprechen sie miteinander? Unterhalten sie sich über etwas anderes als einen Mann? Inzwischen sind in einigen Ländern Kinojahrgänge nach diesen Kriterien untersucht worden – mit ernüchterndem Ergebnis.

Ja das kann sein. Den Bechdel-Test, oder richtiger: Bechdel-Wallace-Test, denn Alison Bechdel möchte, daß die Ideengeberin Liz Wallace auch erwähnt wird, kenne ich schon sehr lange. Und deshalb haut er mich nicht mehr so vom Hokker. Natürlich ist es heftig, wenn Filme den Test nicht bestehen, denn umgekehrt wäre das gar keine Frage, also zwei Männerfiguren mit Namen, die sich über etwas anderes als Frauen unterhalten. Andererseits ein Film, in dem die Figur Belinde sagt: »Voll krass, du hast ja eine neue Lippenstiftfarbe!«, und die Figur Ruth antwortet: »Ja, sie heißt Jungle Red.« – der würde den Test bestehen! Macht das den Film in irgendeiner Weise sehenswerter oder förderungswürdiger oder vielseitiger oder weniger männerzentriert oder feministischer oder sonst was? Und dann gibt es ja noch Filme wie Gravity oder Die Wand mit fast nur einer Figur im ganzen Film…

Schauen wir aufs vergangene Kinojahr: Von den zehn erfolgreichsten Produktionen, die sich an ein Publikum über 18 richten, würden wenigstens neun den Bechdel-Test ohne Probleme bestehen.

Kann sein, und was sagt das aus?

In Deutschland ist es es offenbar nicht so schlimm: Das Gros im Abendprogramm sind Krimis und Romanzen. Bei ersteren scheinen die Hauptrollen doch recht gleichmäßig verteilt, bei letzteren könnten sich Männer sogar beschweren: Da liegt der Fokus in der Regel auf der weiblichen Hauptfigur, und die findet nicht nur die große Liebe, sondern verwirklicht sich zugleich selbst

Nein, das sehe ich nicht so. Bei den Krimis sind die Hauptrollen nicht annähernd gleichmäßig verteilt, weder quantitativ, noch von der Bedeutung und Größe, das heißt Anzahl der Drehtage her. Und Ihrer Beschreibung der Romanzen stimme ich auch nicht zu. Außerdem geht es nicht nur um Hauptrollen. Etwa letztens die Miniserie Die Stadt und die Macht: Auf der ARD-Website standen drei Frauen und neun Männer – und die übrigen Rollen waren vermutlich ähnlich einseitig verteilt.

Sie haben ja gerade erstaufgeführte Fernsehfilme ausgewertet, sechs 20.15-Uhr-Sendeplätze für das Jahr 2015. Als drastischstes Beispiel führen Sie da Nackt unter Wölfen an. Der habe 15 Männer im Hauptcast, aber keine Frau. Das Problem dabei: Der Geschichte spielt ausschließlich in einem Männer-KZ. Sollte man solche Filme nun nicht mehr drehen?

Höchstens, wenn man keine Remakes von alten Filmen mag. Daß Nackt unter Wölfen eine reine Männergeschichte ist, finde ich überhaupt kein Problem.

Also was ist dann das Problem?

Es geht mir nicht um einzelne Filme, sondern um Gruppen, um Reihen, um Sendeplätze, alle geförderten Filme eines Jahres und so weiter. Und da gibt es immer wieder einige oder viele Filme mit riesigem Männerrollenübergewicht, aber keinen Ausgleich, also keine Filme mit fünfmal so vielen Frauenfiguren. In den ZDFHerzkino-Filmen gab es 2015 keinen Film, der doppelt so viele Frauen- wie Männerrollen im Hauptcast hatte, aber fünf Filme mit zwei- bis dreieinhalbmal so vielen Männerrollen.
Und selbst wenn die Vorlage eine fast reine Frauen- oder Mädchengeschichte war, dann wird das verändert oder aktualisiert, damit es auch männliche Hauptrollen gibt – ich denke jetzt an Hanni und Nanni: In den Büchern gab es nur Lehrerinnen, und höchsten noch den Vater der beiden, der am Anfang zu Hause mal kurz was sagt. Es ist ja auch okay, das zu ändern. Aber bei den Männergeschichten, da wird selten nachgebessert – etwa Weissensee, der Konflikt von zwei Brüdern und ihrem Vater. Die hätten ja auch Bruder und Schwester sein können.
An dem Punkt setzt Neropa ein. Im Grunde heißt die Frage: Müssen diese ganzen Rollen wirklich alle Männer sein? Und dann, je nachdem, wie sich die verantwortliche Gruppe einigt…

…die Gruppe?

Wie gesagt: Das sollten drei, vier Leute machen, nicht jemand alleine. Und die einigen sich auf eine Handvoll Neutrale bei den kleineren Rollen, oder es werden mehr, und es geht bis ganz oben.

Das soll funktionieren?

Warum nicht? Ein Beispiel von früher: His Girl Friday von Howard Hawks. In der Vorlage, also im Theaterstück The Front Page, standen zwei Männer im Zentrum. Funktionierte aber doch auch ganz toll mit Cary Grant und Rosalind Russell.

In ihrer Untersuchung erwähnen sie auch Die Seelen im Feuer, ein historisches Drama über die Hexenverfolgung in Bamberg. Also aus einer Zeit und Gesellschaft, in der Frauen tatsächlich auf Nebenrollen gehalten wurden. Und so gibt es auch nur eine Frauenrolle im Hauptcast gegenüber elf Männern. Wie soll das anders gehen?

Ich verstehe nie so ganz, was das heißen soll, »auf Nebenrollen gehalten«. Anfang des 17. Jahrhunderts lebten nicht nur Männer, weil die Frauen alle im Kindbett gestorben oder als Hexen hingerichtet worden waren. Es gab Bäuerinnen und Wäscherinnen, die Mütter, Frauen und Töchter der Stadträte und so weiter, die vielleicht auch etwas zur Hexenverfolgung gesagt hatten, Frauen, die von der Ermordung ihrer Nachbarin, ihrer Schwester, ihres Vaters betroffen waren…

Vielleicht ist es mit Die Seelen im Feuer ja ähnlich wie mit Nackt unter Wölfen, und es war tatsächlich eine reine Männersache.

Mag sein. Jedenfalls ist es eine bewußte Entscheidung, eine Geschichte, in der es um Hexenverfolgung geht, auf diese Weise zu erzählen, fast nur mit Männern. Bei dem Film über Margarete Steiff wurde ein Mann dazuerfunden, der maßgeblich ihr Leben und ihre berufliche Karriere beeinflußt hat, den es aber in der Wirklichkeit nicht gab. Wenn wir schon von Fiktion sprechen, warum nicht auch mal umgekehrt?
Grundsätzlich gilt doch, daß die Frauen wie die Männer 24 Stunden am Tag lebten und leben und nicht unsichtbar sind. Warum kommen sie in den Filmen so viel weniger vor?

Wieviel weniger ist das denn?

Unterschiedlich. Nehmen wir das Beispiel der Fernsehfilmabende. Das waren 208 Filme mit 1.000 Frauen- und 1.400 Männerrollen im Hauptcast. Bei den kleineren Rollen wird es ähnlich sein, vermutlich noch deutlicher auseinander gehen, denn da kommt die Sprache dazu, also daß ein Journalist nun mal männlich ist, und wenn im Drehbuch der Rollenname »Journalist« lautet, dann ist die Rolle ein Mann. Und es gibt die Trägheit, bei bestimmten Berufen automatisch nur an Männer zu denken, statt einfach mal nachzugucken, ob den Beruf wirklich nur Männer ausüben. Auch das verstärkt das Mißverhältnis.
Von den über 200 Filmen meiner Auswertung hatten nur vier ein zwei- bis dreifaches Frauenrollenübergewicht, gleichzeitig gab es in einem knappen Drittel zwei- bis sechsmal so viele Männerrollen. Wenn diese 60 Filme tatsächlich nur genau so erzählt werden konnten und nicht anders, also mit der Entscheidung, Frauen aus dem Geschehen so weit auszuklammern oder zurückzudrängen, dann werden vielleicht einfach insgesamt die falschen Stoffe ausgewählt.

Wie kann man es also besser machen?

Bei Die Seelen im Feuer vielleicht nicht, aber das ist ja auch nicht so schlimm. Dann gab es eben 15 andere ZDF-Fernsehfilme der Woche, für die eine Reihe von neutralen Rollen definiert, die zu Frau-Mann-Frau-Mann hätten werden können. Neropa führt dazu, daß darüber gesprochen wird, und daß hoffentlich bald männerlastige Casts nicht mehr die Norm sind, sondern es begründet sein muß, wenn die drei, vier Verantwortlichen sagen: »Ja, in diesem Fall müssen so viele Rollen Männer sein«. Aber das ist wahrscheinlich seltener so, als man denkt.
Kennen Sie Die zwölf Geschworenen von Sidney Lumet mit Henry Fonda? Der Film spielt in einem Geschworenenberatungszimmer, und es gibt da diese zwölf Männer. Nur, zu der Zeit, das waren die späten 50er Jahre, durften Frauen in den USA schon lange Geschworene sein, und sie saßen auch in Jurys. Irgendjemand hat aber entschieden, den Film mit einer reinen MännerJury zu drehen. Vielleicht weil der Originaltitel Twelve Angry Men besser klingt als Twelve Angry People. Oder weil in seiner Gedankenwelt Frauen keine Rolle spielen. Sämtliche Kerngewerke bei diesem Film waren mit Männern besetzt, da scheint das niemand aufgefallen zu sein oder gestört zu haben.
Es wäre schön, wenn wir sagen könnten: »Oho, das sind ja die USA und ein halbes Jahrhundert her, bei uns ist das völlig anders!« Aber das ist es oft leider nicht.

Die 12 Geschworenen © United Artists

Und was kommt als nächstes, die Forderung nach einer 50-Prozent-Quote?

Ach, ich weiß nicht. Klar, in meine Grafiken und Diagrammen zum Cast von Filmgruppen zeichne ich immer die 50-Prozent-Referenzlinie ein. Insofern steht die Forderung quasi schon unausgesprochen im Raum, und sie ist ja auch schon mehrfach von anderen geäußert worden. Also können wir jetzt sagen: Klar, es sollte mindestens 50 Prozent Frauenrollen geben, das paßt ja auch zu den 51 Prozent Frauenanteil in der Bevölkerung. Nur läßt sich die Forderung nicht so einfach umsetzen und überprüfen wie die nach 30, 42, 50 Prozent Regisseurinnen-Anteil von Pro Quote Regie. Oder der Wunsch nach 50 Prozent Drehbuchautorinnen-Anteil.
Das liegt daran, daß es pro Filmprojekt eben nicht nur eine oder zwei Rollen gibt, sondern 20 bis 30, und die sind dazu noch unterschiedlich groß. Heißt 50 Prozent dann 50 Prozent der Rollen, oder 50 Prozent der Screentime, 50 Prozent der Dialoge? Wie soll das gemessen werden? Ich fürchte, es könnte eine endlose Methodikdiskussion geben, ehe etwas passiert.
Aber vielleicht wäre es ein erster Schritt, wenn Sender, Redaktionen, Produktionsfirmen sagen »Hey, wir wollen alle nicht, daß es so männerzentriert weitergeht und wählen jetzt Stoffe anders aus, beteiligen mehr Leute an den Programmkonzeptionen und lernen von anderen Ländern…« Und in der Zwischenzeit gibt es ja immer noch die Neropa-Methode.

Auf Ihrer Website zitieren Sie ja viel Zustimmung aus der Branche. Wie kommt der Vorschlag tatsächlich an?

Tatsächlich hab ich sehr viel positive Rückmeldung und Interesse aus der Branche bekommen und viele spannende Gespräche geführt mit Frauen und Männern. Aber ob gerade jetzt in diesem Moment in einer Produktionsfirma oder Redaktion darüber nachgedacht wird, die nächste Produktion mit dem Neropa-Check zu beginnen, weiß ich nicht… Ich hoffe es.
Neropa kann sehr viel bewegen. Auf den Besetzungslisten, aber auch in den Köpfen der Verantwortlichen. Wenn sie zu Beginn jeder Produktion über das Geschlecht der Rollen sprechen müssen, das wäre doch was. Vielleicht müssten dann auch die Abläufe überdacht werden, denn aktuell sind solche Gespräche, also daß vier Leute aus Regie, Redaktion, Produktion und Casting über die Rollen sprechen, vermutlich nicht vorgesehen. Aber wie lange kann so was dauern? Ist dafür wirklich keine Zeit? Notfalls ginge das ja per Video- oder Telefonkonferenz.
Und was wäre, wenn jedes Projekt, das zur Förderung eingereicht wird, oder von ARD oder ZDF mitfinanziert wird, einen Nachweis über den Neropa-Check erbringen muß? Oder jedes Filmprojekt an einer Filmhochschule – da sieht es ja oft auch nicht besser aus, und da kommen die Leute von morgen her. Die Norm wäre dann das 50:50, und wenn ein Film davon stark abweicht, dann muß der Neropa-Check und die Begründung für so eine Abweichung nachgewiesen werden. Klingt jetzt etwas bürokratisch, aber es müssen ja bei der Förderung noch ganz andere Sachen beigebracht werden, Regionaleffekte und so weiter. Wird Zeit, daß die Frauen auch mal drankommen.

Solche Vorschläge gibt es seit ein paar Jahren auch zum Thema Tariftreue, aber keine einzige Fördereinrichtung fühlt sich da angesprochen. Was befürchten läßt, daß es noch eine Weile dauern wird, bis die Förderer an sowas wie Neropa denken.

Das sehe ich nicht so pessimistisch, denn es wird schon über paritätische Besetzung von Fördergremien gesprochen beziehungsweise angefangen, es umzusetzen. Und die desolate Situation von Regisseurinnen ist nicht zuletzt dank Pro Quote Regie dort auch bekannt. Es ist also einiges im Umbruch. Aber das Schönste ist: Neropa geht auch ganz ohne solche Formalia. Es kann einfach so und sofort passieren, und es gibt nichts zu verlieren dabei. Sie sind Produzentin und bereiten ein neues Projekt vor, Sie sind Redakteur und verantwortlich für eine Reihe? Prima, benennen Sie die drei, vier Verantwortliche, die den NeropaCheck vornehmen… und los geht’s!

Belinde Ruth Stieves Blog:
https://schspin.wordpress.com

Mehr zu Neropa
http://neropa.stieve.com

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Stellungnahme zu zwei tagesspiegel-Artikeln über die deutsche Agenturenlandschaft

Matthias Brandt und Michael Mendl in ‘Im Schatten der Macht’ – © 2016 ZIEGLER FILM GmbH & Co. KG

Hintergrund: Im Rahmen der Berlinale erschienen im tagesspiegel zwei Artikel über die deutsche Agenturenlandschaft „Nur wer reingelassen wird, ist drin“? und „Das Gesetz des Marktes?“. Dazu ergab sich eine größere Debatte in Fachkreisen. Sibylle Flöter, neue Vorstandsvorsitzende vom Verband der Agenturen (VdA), resümiert.

Ich weiß nicht, ob man dem Artikel „Nur wer reingelassen wird, ist drin“ nicht zu viel Bedeutung beimisst, wenn man seine Inhalte noch weiter verbreitet. Es war ein leider nachlässig recherchierter, inhaltlich fehlerhafter, reißerisch geschriebener Text, der zudem in einer gewollten Tendenz zugespitzt formuliert war. Aufgrund seiner an der Oberfläche bleibenden Argumentation sollte er jedoch – wie ich finde – auch nicht all- zu ernst genommen werden. Nun darf man sicher nicht die Erwartung haben, dass am Tag der Eröffnung der Berlinale, eine tagesaktuelle Zeitung eine grundlegende ausgewogene Abhandlung über die Vielfalt der deutschen Agenturenlandschaft veröffentlicht. Während der Berlinale kommt sich Berlin immer ein bisschen wie Hollywood vor und da schwebte dem Autor wahrscheinlich vor, von Glamour und Macht zu schreiben.

Der Artikel erwähnte den Berlinale Empfang, den 6 Mitgliedsagenturen gemeinsam unter dem Begriff „FULL HOUSE“ (weil es ursprünglich nur 5 waren) veranstalten. Es stimmt, was Lutz Schmökel als einer der Agenten in diesem Artikel sagt: „Das Event ist mittlerweile als eine der zentralen Veranstaltungen etabliert und wird von sehr vielen interessanten Leuten besucht“. Und warum ist das so?
Weil diese Agenturen unter ihren Klienten zahlreiche Hauptrollenspieler der Oberliga haben. Alles gefragte, gut beschäftigte Schauspieler, Regisseure, Kameraleute, Drehbuchautoren, an denen Redakteure und Produzenten ein gesteigertes Interesse haben. Weil ihre Klienten wichtig sind, werden diese Agenturen auch wichtig genommen. Weiterlesen

Aber die Behauptung des Autors, dass, wer zu diesem Empfang nicht eingeladen ist, nicht zu denen gehört, die in Deutschland Fernsehen und Film prägen, ist absurd und schnell als maßlose Übertreibung zu entlarven, denn man kann mindestens genauso viel Schauspielerprominenz aufzählen, die sich von anderen Agenturen vertreten lässt. Das im Untertitel kurz angedeutete Thema: „Die Fernsehsender besetzen nur die ohnehin prominenten Namen“ wurde im Weiteren gar nicht inhaltlich ausgeführt.

Viele Kollegen empörten sich über die Behauptung, dass die sog. FULL HOUSE Agenturen mit ihren Klienten im deutschen Fernsehen und Film tonangebend seien.
Wie ist das zu verstehen?

Ich habe lange darüber nachgedacht und kann es mir nur so erklären:
Stellen wir uns eine kleine bis mittlere Agentur vor, die vielleicht nur ein oder zwei Hauptrollenspieler in der Klientele hat und dazu vielleicht ein oder zwei junge Talente, die sie aufgebaut hat und die gerade ihre ersten Erfolge verzeichnen können. Und man muss die Begehrlichkeiten kennen, die in Schauspielerherzen und -seelen schlummern. Wenn in der Presse steht, dass man nur „rein“ kommt, wenn man in diesen Agenturen Klient ist, dann will doch jeder Schauspieler von diesen Agenturen vertreten sein, egal wie gut er bisher mit seinem Agenten ausgekommen ist. Und da, bei Schauspielern schnell der Gedanke aufkommt, vielleicht verbessert sich für mich alles, wenn ich die Agentur wechsle, stellt so eine unbedachte Pressebehauptung eine latente Gefahr für manche Agenturen dar. Das erklärt vielleicht, warum ein eigentlich unbedeutender Pressebeitrag so stark wahrgenommen und so wütend kommentiert wurde.

Und es zeigt natürlich auch, wie abhängig der Agent in seinem beruflichen Erfolg von seinen Klienten ist. Ein Agent mit 35 prominenten Namen auf der Klientenliste ist nicht automatisch der bessere Agent gegenüber jemanden, der nur wenige oder keine Prominenz vertritt. Aber durch seine Klienten wird er stärker wahrgenommen, hat Zugang zu anderen Hierarchiestufen im Besetzungsprozess und kann stärker Einfluss nehmen.

Und deswegen ist der Weggang eines prominenten Schauspielers nicht nur ein finanzieller sondern auch ein Bedeutungsverlust. für eine Agentur. Und das Schlimme ist, so eine Trennung kann jederzeit erfolgen, selbst wenn man alles richtig gemacht hat. Das sind die Gesetze des Marktes, mit denen ich im zweiten Tagesspiegelartikel zitiert werde.

Aber auch das gehört zum Beruf und das muss ein Agent aushalten können, persönlich und geschäftlich. Es gibt Kollegen, die fordern, dass Agenten den Schauspieler auf eine gewisse Zeit vertraglich an sich binden können müssen. Aber in dieser Hinsicht, finde ich, hat der Gesetzgeber richtig entschieden, dass Freiheit für beide Seiten dringend erforderlich ist und eine Trennung jederzeit möglich sein muss.

Und wie wirken die Gesetze des Marktes im Fernsehen, wo wir angeblich immer die gleichen Gesichter sehen?
Ganz stimmt es ja nicht, sonst wären die Fernsehformate in ihren Besetzungen längst überaltert. Es gibt ja auch für „Stars“ immer wieder Nachwuchs.
Sich aus der Masse herauszuheben und bis zur Spitze durchzudringen ist jedoch immer schwieriger geworden, seitdem weniger Formate gedreht werden. Der Wegfall vieler Serienformate erschwert es zum einen, den Einstieg zu finden und dann auch mit längerfristigen Serien einem breiten Publikum bekannt zu werden. Die Reduzierung von Fernsehspielen verringert die Möglichkeiten, sich in formattragenden Rollen zu profilieren.
Und so nehmen wir durch die Besetzungen im Fernsehen die Schauspieler nicht mehr als eine breit aufgestellte, langsam ansteigende Pyramide wahr sondern eher wie den Eiffelturm, mit einer breiten Basis, aber sehr schnell schmal werdend und mit einer dünnen Spitze. Und hat es jemand geschafft, sich aus der breiten Basis durch eine funktionierende Rolle bis knapp unter die Spitze zu katapultieren, dann setzt ein Automatismus ein, für den die Redaktionen verantwortlich gemacht werden können: plötzlich wollen alle, dass dieser Hoffnungsträger die Hauptrolle in ihrem Projekt spielt, selbst wenn es vom Stoff her eigentlich nicht passt.

Ein schönes Beispiel dafür, wie es laufen kann, ist Matthias Brandt. Bis 2002 kannte ihn nur das Publikum großer Schauspielhäuser. Auch Oliver Storz kannte ihn nicht, als er seinen Mehrteiler „Im Schatten der Macht“ besetzte. Nur als er ihn kennen gelernt hatte und in der Rolle von Günter Guillaume besetzen wollte, die in diesem großen Ensemblefilm nicht einmal die Hauptrolle war, musste er ihn bei den Redaktionen der finanzierenden Sendern mit seiner ganzen Autorität als gestandener, renommierter Regisseur durchdrücken, weil alle meinten, „den kennt doch keiner.“ Hier zeigt sich, dass mit Blick auf die Quote, nach bekannten Namen zu besetzen, nur ausgehebelt werden kann, wenn der Regisseur sehr stark ist oder die Redaktion mutig. Ab 2003, als der Film herauskam, kannte man dann Matthias Brandt und war begeistert von seiner Darstellungskraft. Er drehte in den folgenden Jahren häufig, viel und groß. 2010 wurde er Kommissar im bayerischen Polizeiruf und gehört seither zu den gefragtesten Schauspielern Deutschlands. Nun will ich gar nicht abstreiten, dass es unter den vielen noch nicht fürs Fernsehen entdeckten Schauspielern auch solche gibt, die rein vom schauspielerischen Können mit Matthias Brandt gleich ziehen könnten. Aber wenn ich als Regisseur, Redakteur oder Produzent Matthias Brandt haben kann, warum soll ich dann noch nach anderen suchen? Es spricht doch nichts gegen ihn. Wenn bei uns jedoch mehr produziert würde, käme auch ein Matthias Brandt oder Devid Striesow oder Lars Eidinger, um einige Namen mehr zu nennen, an seine Kapazitätsgrenzen und man müsste sich nach mehr Schauspielern ihres Kalibers in der noch unentdeckten Menge umsehen.

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Die Karrieremacher für Schauspieler: Agenten und Casting-Direktoren erzählen

Credit: Audi

Zur cn-klappe bei casting-network

Podiumsdiskussion am 14. Februar im Rahmen der Berlinale 2016 organisiert von der Shooting Stars Projektleiterin Karin Dix unter dem Titel „Die Karrieremacher für Schauspieler: Agenten und Castingdirektoren erzählen“:

Als Diskutierende waren vertreten:

Sheila Wenzel (London Derry Entertainment)
Jo Yao (United Talent Agency)
Simone Bär (Casting Direktor Germany | ICDN)
Nancy Bishop (Casting Direktor Tschechische Republik | ICDN)
Joseph Middleton (Head of Casting for Paramount Pictures | ICDN)

Es moderierte:

Steven Gätjen

Der Beitrag gliedert sich in folgende Kapitel (Hinweis: Die Kapitel (Playlist) sind in der linken oberen Ecke des Video-Players auswählbar.):

Intro
Kapitel 1: Die Regeln des internationalen Marktes
Kapitel 2: Den US-Markt erobern
Kapitel 3: Selbstvermarktung
Kapitel 4: Schauspieler-Bankability
Kapitel 5: Erfolgsfaktor Agent, Manager & PR-Agent
Kapitel 6: „The American Dream“ versus „Old Europe“

Offizielle Website der European Shooting Stars:
www.shooting-stars.eu

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Serien-Trends: Jetzt geht’s den Tabus an die Wäsche

Jonathan Webdale (Journalist), Marcus Ammon (Sky Deutschland), Antony Root (HBO Europe) und Diego Suarez (Sony Pictures Television) beim Drama Series Days der Berlinale (Bild: Oliver Möst/Berlinale)

Bei den Drama Series Days der Berlinale drehte sich alles um die langen Erzählformate. Einig waren sich die Experten in einem Punkt: Der Boom geht weiter – und es wird radikaler erzählt werden.
Der Serien-Boom geht weiter, legt vielleicht sogar noch eine Schippe drauf. An Nachschub mangelt es heute schon nicht, in den USA wurden vergangenes Jahr 409 fiktionale Serien ausgestrahlt. Dass der Trend weiter nach oben zeigt, wurde bei den “Drama Series Days”, die am 15. und 16. Februar im Rahmen der Berlinale stattfanden, deutlich. Beispiel HBO: Der Pay-TV-Serienpionier ist in Europa in gut einem Dutzend Länder als eigenständige Marke und Plattform aktiv. Für seine Ableger in Mittel- und Osteuropa hat HBO eigene Serien in Auftrag gegeben. “Burning Bush – Die Helden von Prag” in Tschechien, “Umbre” in Rumänien, weitere in Polen und Ungarn. Demnächst steigt HBO für seine Plattform in Skandinavien in Eigenproduktionen ein, bestätigte Antony Root, bei HBO Europe für das Programm verantwortlich, in Berlin. Jetzt sind Schweden oder Dänemark keine weißen Flecken in der internationalen Serienlandschaft, im Gegenteil, keiner beherrscht die Kunst des seriellen Erzählens in Europa besser als die Skandinavier. HBO muss sich also etwas einfallen lassen, will man in Nordeuropa erfolgreich Abos verkaufen. Die Lösung: eigenproduzierte Serien mit einer üppigen Portion Lokalkolorit, um Dänen, Schweden oder Norweger zu ködern. “Aktuell prüfen wir Drehbücher”, so HBO-Manager Root. Weiterlesen

Noch jemand, der in Europa mit eigenproduzierten Serien Gas geben will, ist Sky Deutschland. “Pay-TV in Deutschland ist reif für die nächste Stufe”, sagte Sky-Programmchef Marcus Ammon in Berlin. Wird auch Zeit. Die Sky-Kollegen in Italien haben mit “Gomorrah” längst vorgelegt, auf der Insel lässt die Pay-TV-Plattform ohnehin längst fleißig seriell produzieren. Jetzt sind die Deutschen dran. Kurz vor Berlinale-Start gab Sky mit viel Tamtam den Drehstart von “Babylon Berlin” bekannt, nach zweieinhalb Jahren Vorbereitungszeit darf Tom Tykwer ab April mit knapp 40 Mio. Euro 16 Folgen realisieren. Noch eine Serie. Der Druck auf dem Projekt ist enorm. Es ist die erste deutsche Sky-Serie. Um das Mammutvorhaben zu realisieren, bandelt der Pay-TV-Anbieter sogar mit ARD Degeto an, der ungleichen Koalition gehören noch X Filme und Beta Film an. “Sky alleine hätte das Projekt nicht finanzieren können”, gab Ammon zu Bedenken.

“Der Markt verändert sich gerade komplett. Es entsteht eine neue Welt”, urteile Bruce Tuchman bei den Drama Serial Days. Er ist bei den US-Sendermarken AMC und Sundance für die internationalen Plattformen verantwortlich. AMC ist mit Serien wie “Mad Men” Clip und “Breaking Bad” selbst einer der Väter des Serienbooms, Sundance strahlte “Deutschland 83″ Clip in den USA in Originalsprache aus. Angefeuert wird der Wandel im Fernsehgeschäft durch neue Player wie Netflix und Amazon. Das Streamingportal Amazon Prime Video nutzte Berlin geschickt als PR-Plattform, um im Vorfeld des Filmfestivals mit “Wanted” seine erste deutsche Original Serie bekanntzugeben. Diego Suarez, SVP International Television Production, hält Netflix “für eine große Bedrohung für das Pay-TV in Europa”. Weil die Formel lautet: mehr Abspielkanäle ist gleich mehr Serien schwillt der Strom an Seriellem weiter an. Und wie schaffen es die einzelnen Produktionen, aus der Produktflut herauszuragen? Sie müssen anders sein. Dass “Babylon Berlin” kein nostalgischer Spaziergang durch Berlin der 1920er wird, daran ließ Ammon von Sky keine Zweifel: “Wir müssen mit ‘Babylon Berlin’ radikaler und expliziter sein”. Mehr Gewalt, mehr Sex, mehr Authentizität.

Der Wettbewerb um die originellste Geschichte wird nicht zwangsläufig mit Geld entschieden. Darauf wies Caroline Benjo von der französischen Produktionsfirma Haut et Court hin. Die Europäer sollten nicht den Fehler machen und US-Serien kopieren, sondern aus ihrer eigenen reichhaltigen Kultur schöpften, die genügend Stoff hergebe für gute Serien. Das wird von den Dänen konsequent umgesetzt. Piv Bernth vom öffentlich-rechtlichen Sender des Landes erstaunte mit dem Bekenntnis, DR setze keine Literaturvorlagen, Formate aus anderen Ländern oder Spielfilme als Serien um sondern nur Originalstoffe. “Wir ermutigen unsere Autoren, ihre Geschichten gründlich zu recherchieren”, so Bernth. Die Strategie zahle sich aus, die Autoren schreiben über ein Sujet, das ihnen vertraut ist. Der Sender wird für seine mutigen Fiction-Stoffe regelmäßig mit Einschaltquoten von über 50 Prozent am Sonntagabend belohnt.

Serieneigenproduktionen als Marketinginstrument: Um Abos zu verkaufen, Marktanteile zu steigern, oder das Image aufzupolieren. Letzeres war offenbar mit ausschlaggebend, dass RTL die Miniserie “Deutschland 83″ beauftragte. “Die Serie sollte das Image des Senders ändern; auch mit dem Ziel, Kreative zu ermutigen, für uns zu arbeiten”, sagte RTL-Fiction-Chef Philipp Steffens. Diese Vorgabe dürfte “Deutschland 83″ erfüllt haben, Qualität und künstlerisches Ergebnis sind durchweg positiv aufgenommen worden. Steffens betonte daher in Berlin einmal mehr, weiter eine Fortsetzung der Serie zu prüfen. Der Produktionsboom bei Serien hat einen Wettbewerb um die besten Talente losgetreten – vor und hinter der Kamera. Streamingriese Netflix betont gerne, seinen Kreativen möglichst große künstlerische Freiheiten zu lassen. In ein ähnliches Horn stoßen die “Babylon Berlin”-Akteure, wenn sie kurzerhand zwei Staffeln in einem Rutsch bestellen, wo in der Branche doch sonst erst gerne mit einem Piloten die Zuschauerresonanz ausgelotet wird.

Und in den USA lassen sich Zuschauer sogar darauf ein, Serien in Originalsprache und mit Untertitel zu schauen – vorausgesetzt, die Qualität stimmt, wie Tuchman von AMC/Sundance betont. Er rechnet damit, dass vor allem Streamingplattformen mehr Programm im Original zeigen werden. Nachschub jedenfalls gibt es reichlich – auch aus Deutschland.

Dieser Artikel wurde zuerst veröffentlicht in Blickpunkt:Film.

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Pensionskasse Rundfunk – Was läuft seit langem schief und warum?

Was ist die Pensionskasse Rundfunk?
Die Pensionskasse Rundfunk ist eine betriebliche Altersversorgung für freie Fernseh- und Rundfunkschaffende. Das sind auf die Dauer einer Produktion befristete Angestellte (z. B. Schauspielerinnen und Schauspieler oder Produktionspersonal), arbeitnehmerähnlich Beschäftigte (z. B. Journalistinnen und Journalisten) oder Selbständige (z. B. Autorinnen und Autoren), die bei der Herstellung öffentlich-rechtlicher Sendungen mitwirken. Sie arbeiten entweder direkt bei öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten oder – immer öfter – indirekt für sie. Denn „Freie“ werden zunehmend über Produktionsfirmen beschäftigt, da inzwischen ein Großteil öffentlich-rechtlicher Inhalte als Auftragsproduktionen hergestellt wird.
Die Pensionskasse-Rundfunk-versicherten „Freien“ heißen „ordentliche Mitglieder“. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, beigetretene Tochterunternehmen sowie Produktionsfirmen heißen „Anstaltsmitglieder“.
Weil das unregelmäßige Erwerbsleben der „Freien“ lückenhafte oder fehlende Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung bedingt, kann sie den Lebensabend der „Freien“ kaum absichern.

Die Pensionskasse Rundfunk ist das eigentliche Standbein der Altersversorgung für „Freie“!

Wie funktionieren die Beitragszahlungen?
Laut Pensionskasse-Rundfunk-Satzung herrscht Beitragspflicht, wenn ordentliche Mitglieder an Produktionen mitwirken, die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten entweder selbst herstellen oder für sie von Produktionsfirmen hergestellt werden. In allen anderen Fällen (z. B. bei Kinofilmen) herrscht keine Beitragspflicht – es können aber trotzdem Beiträge für ordentliche Mitglieder gezahlt werden. Weiterlesen

Besteht Beitragspflicht, zahlen „Freie“ normalerweise 7% ihres Bruttohonorars als Arbeitnehmeranteil. Das gleiche zahlen die Anstaltsmitglieder als Arbeitgeberanteil. Es sei denn, die „Freien“ sind rentenversicherungspflichtig, dann zahlen die Anstaltsmitglieder nur noch 4%. Die „Freien“ können dann dauerhaft zwischen 4% oder 7% wählen.

Die Beitragspflicht der Pensionskasse Rundfunk ist maßgeschneidert für die wechselhafte Erwerbsbiographie der „Freien“!

Wie und warum ist die Pensionskasse Rundfunk entstanden?

Ab Ende der sechziger Jahre gerieten die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten unter Druck, weil sie neben Festangestellten vermehrt auch „Freie“ einsetzen wollten, die bis dahin sozial völlig ungeschützt waren. Das Bundesverfassungsgericht hatte abzuwägen zwischen Rundfunkfreiheit und sozialer Verantwortung gebührenfinanzierter öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten. Als Ausweg aus dieser misslichen Situation gründeten die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zusammen mit der RFFU (heute Fachgruppe Medien in ver.di) für die Altersversorgung der „Freien“ die Pensionskasse Rundfunk. Die für den Rundfunkstaatsvertrag verantwortlichen Ministerpräsidenten griffen den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten unter die Arme, in dem sie sich für die Erhöhung der Rundfunkgebühren einsetzten mit der Auflage, die Altersvorsorge der „Freien“ zu sichern. Nun waren die „Freien“ gegenüber den „Festen“ nicht mehr allzu sehr sozial benachteiligt und auch das Bundesverfassungsgericht hatte keine Bedenken mehr gegen den Einsatz von „Freien“.

Walter Schumacher und Iris Gebing von der Pensionskasse Rundfunk, Credit: casting-network

Seit 1. Januar 1970 sind im Bestand der Rundfunkgebühr auch Anteile für die soziale Absicherung der „Freien“ enthalten!

Warum traten die Produktionsfirmen der Pensionskasse Rundfunk bei?

Als die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in den Folgejahren begannen, die Herstellung ihrer Sendungen auszulagern, reichten sie den beauftragten Produktionsfirmen nicht nur die „Freien“, sondern auch die Pflicht weiter, für sie Pensionskasse-Rundfunk-Anstaltsbeiträge zu zahlen. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten waren damals noch unter sich. Um von ihnen beauftragt zu werden, waren die Produktionsfirmen gehalten, der Pensionskasse Rundfunk beizutreten. Nachteile mussten sie nicht befürchten, weil auch die Konkurrenzfirmen Pensionskasse-Rundfunk-Anstaltsmitglieder wurden.

Produktionsfirmen und öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten wurden ihrer sozialen Verantwortung gegenüber den „Freien“ gerecht!

Was bedeutet „Erstattung auf Nachweis“?

Die langjährige und vernünftige Praxis war, die Pensionskasse-Rundfunk-Anstaltsbeiträge nicht zu den kalkulierten Herstellungskosten zu rechnen. Stattdessen wies ein Auftragsproduzent gegenüber den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten die satzungsmäßig gezahlten Pensionskasse-Rundfunk-Beiträge nach und bekam sie erstattet.

Die Produzenten haben bei Erstattung auf Nachweis keine finanziellen Nachteile und kein Risiko!

Was läuft seit langem schief und warum?

Seit 1984 sind auch Privatsender auf dem deutschen Markt. Sie sind (bisher) nicht der Pensionskasse Rundfunk beigetreten und die von ihnen beauftragten Produktionsfirmen sehen von daher ebenfalls keine Veranlassung, sich diesem Altersversorgungssystem für „Freie“ anzuschließen.

Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten erstatten die Pensionskasse-Rundfunk-Anstaltsbeiträge immer seltener auf Nachweis. Stattdessen werden sie bei vielen Produktionen pauschal in die Herstellungskosten einkalkuliert – ohne dass die Mittel dafür entsprechend aufgestockt werden. Das schafft bei den Produzenten falsche Anreize, möglichst keine Pensionskasse-Rundfunk-versicherten „Freie“ zu engagieren. Außerdem wollen zunehmend Produktionsfirmen der Pensionskasse Rundfunk den Rücken kehren.

Besonders kritisch ist die Praxis, von Filmfördererinstituten bezuschusste TV-Produktionen als Ko-Produktionen zu bezeichnen, um so der Pensionskasse-Rundfunk-Pflicht zu entgehen. Entgegen der Satzung stufen viele Produktionsfirmen Ko-Produktionen als nicht beitragspflichtig ein.

Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben diese Entwicklung lange Zeit hingenommen. Wenn Produktionsfirmen die Pensionskasse-Rundfunk-Pflicht – legal oder illegal – abwimmeln, können sich auch die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ihrer Verantwortung leicht entledigen, Anstaltsbeiträge zu erstatten.

Auf den dafür vorgesehenen Teil der Rundfunkgebühren möchten die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten vermutlich nicht so leicht verzichten.

Was ist aus Sicht von BFFS und ver.di dringend erforderlich?

Produktionsfirmen und öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten müssen wieder ihrer sozialen Verantwortung gegenüber den „Freien“ gerecht werden:

  • Einheitliche Praxis „Erstattung auf Nachweis“
  • realistische Kalkulation der Kosten für die Pensionskasse Rundfunk
  • Anteilige Pensionskasse-Rundfunk-Pflicht auf alle Produktionen, die überwiegend von öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten finanziert werden
  • Auftragsvergabe nur an Produktionsfirmen mit Pensionskasse-Rundfunk-Mitgliedschaft

Dieser Artikel wurde zuerst auf der Seite des Bundesverband Schauspiel e.V. veröffentlicht.

Weiter Beiträge zur Pensionskasse Rundfunk auf Out Takes:

* Die Pensionskasse Rundfunk: Altersvorsorge in Eigenregie

* Was ist eigentlich eine Pensionskasse?

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Cinema Moralia – Folge 127: Bravo, Frau Kulturstaatsministerin!

Fack ju Göthe 2 © 2016 Constantin Film

Im Winter unseres Miss­ver­nü­gens… – Monika Grütters bricht eine erste Lanze für die kultu­relle Film­för­de­rung, wider die Fürsten der herr­schenden Verhält­nisse, und sie könnte für die deutschen Film- und Fern­seh­bonzen noch zur eisernen Lady werden – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 127. Folge

»Es freut mich, dass wir gemeinsam Wege gefunden haben, um kreative und künst­le­ri­sche Aspekte bei der wirt­schaft­li­chen Film­för­de­rung noch stärker zu berück­sich­tigen. Denn ich bin überzeugt: Lang­fristig zahlt es sich aus, nicht immer allein die Maxi­mie­rung des Ertrags, sondern auch den Mut zum Expe­ri­ment, mehr neue, gute Ideen zu fördern.« – Monika Grütters, 11.2.16, Empfang der Produ­zen­ten­al­lianz

Der Tag war nicht blendend gesetzt. Oder gerade doch, denn viel­leicht haben wir alle Monika Grütters ein bisschen unter­schätzt.
Jeden­falls war mit der Pres­se­mit­tei­lung der Beauf­tragten für Kultur und Medien (BKM) klar, dass es in den Feuil­le­tons und Film­zeit­schriften der Republik erst einmal unter­gehen würde, dass erst recht die – über­ra­schenden – zustim­menden Reak­tionen und die gar nicht über­ra­schenden eiligen Ableh­nungs­be­scheide der soge­nannten »deutschen Film­branche« erst einmal ins Leere verpuffen würden.
Es war auch klar, dass mit ihr ein Gesprächs­thema für die Berlinale gesetzt war, ein Thema, das an den folgenden Tagen an vielen der kleinen runden Steh­ti­sche der Film­branche auftauchte und heiß disku­tiert wurde.

+ + +

Was war geschehen? Das BKM hatte ein paar »Eckpunkte« zur Kultu­rellen Film­för­de­rung und zur Stärkung des künst­le­risch und kulturell heraus­ra­genden deutschen Kinofilms veröf­fent­licht.
Als Ziel­set­zung benennt Grütters »ein unab­hän­gi­geres Arbeiten als bisher« und das Vermeiden künst­le­ri­scher Kompro­misse, die »so gering wie möglich« gehalten werden sollen.
Die für 2016 zusätz­lich zur Verfügung gestellten Mittel für Maßnahmen der kultu­rellen Film­för­de­rung (15 Mio. €) sollen haupt­säch­lich in die Produk­ti­ons­för­de­rung der BKM im Bereich des Langfilms (Spiel-, Doku­mentar-, Kinder­film) fließen. Darüber hinaus steht die gezielte Stärkung der unab­hän­gigen Stof­fent­wick­lung für Spiel- und Doku­men­tar­filme im Fokus, um früh­zeitig Kino­qua­lität zu fördern und zu sichern, sowie die Unter­s­tüt­zung des Abspiels zur
Sicht­bar­ma­chung dieser Filme.
Die Maßnahmen sehen eine »deutliche Aufsto­ckung der Mittel für die Produk­ti­ons­för­de­rung« ebenso vor, wie zukünftig getrennte Förder­töpfe für Spiel-, Doku­mentar- und Kinder­film, die Vervier­fa­chung der bishe­rigen Förder­höchst­summe auf bis zu 1 Mio. Euro, um »dem soge­nannten Förder­tou­rismus entgegen zu wirken.«
Auch die Dreh­buch­för­de­rung wird quan­ti­tativ und quali­tativ ausgebaut, völlig neu ist die Einfüh­rung einer Stof­fent­wick­lungs­för­de­rung »für Doku­men­tar­filme, die die ausführ­liche und fundierte Recherche für besonders kino­re­le­vante programm­fül­lende Doku­men­tar­filme von Auto­ren­fil­mern unter­s­tützt.«
Die Förder­praxis wird flexibler durch Erhöhung der Einreich­ter­mine und Einfüh­rung eigen­s­tän­diger unab­hän­giger Jurys und die Verklei­ne­rung der bishe­rigen Jurys.

+ + +

Zwei Probleme hat das Papier aus meiner Sicht: Vom Fernsehen ist gar nicht die Rede. Dabei muss vor allem die Stellung und Betei­li­gung der Sender an der Förderung verändert werden.
Das zweite ist die Aufsto­ckung der Verleih­för­de­rung. Gegen Aufsto­ckungen ist im Prinzip nichts zu sagen. Aber die Verleiher sind die einzigen, die überhaupt noch Geld im Kino verdienen. Wenn man sie fördern will, sollte man die Heraus­gabe bestimmter Filme fördern, von Filmen, deren Sicht­bar­keit gewünscht ist. Nicht die aller Filme.
Und wenn Grütters schreibt, die bishe­rigen Antrags­vor­aus­set­zungen für Verleih­för­de­rungen würden »gemeinsam mit der Branche überprüft und an die Markt­ent­wick­lungen der letzten Jahre (insb. im Hinblick auf die Digi­ta­li­sie­rung) angepasst«, dann ist das schön formu­liert. Gemeint ist: Die viel­ge­lobte Digi­ta­li­sie­rung schadet den kleinen Verlei­hern. Jetzt können alle Star Wars spielen.
Weiterlesen

Wenn Kino­pro­gramm­prei­sprä­mien aufge­stockt werden, sollte stärker darauf geachtet werden, wer mit seinem ach so schönen Programm auch tatsäch­lich Zuschauer ins Kino bringt. Und wo es nur hübsch auf dem Einreich­for­mular aussieht. Ich kenne zum Beispiel Filme­ma­cher, die geben ihre Filme ungern ins Hamburger »Abaton«, obwohl das als eines der besten Programm­kinos in Deutsch­land gilt. Ihre Begrün­dung: »Da gehen die Filme unter, weil sie ›nicht gepflegt‹ werden«, zwar gespielt, aber immer zu wech­selnden und absurden Zeiten, und kaum beworben.
Man merkt: Die Dinge sind nicht so einfach zu bewerten.

+ + +

Mit ihrer über­ra­schend klaren Aufwer­tung der kultu­rellen Film­för­de­rung wendet sich Grütters demons­trativ gegen deren zuletzt zuneh­mende Abschaf­fung. Die ist von den Groß­kop­ferten der Branche gewünscht.
Sie hat auch keine Rücksicht auf die Länder­för­derer genommen, die von Grütters’ »Eckpunkten« aus der Zeitung erfahren haben. Gut! Weiter so Frau Minis­terin!

+ + +

Ähnliches tut sich beim Bundes­film­preis. Dort wird die ausrich­tende und verge­bende Film­aka­demie darauf achten müssen, dass der Preis in Zukunft – notfalls gegen den begrenzten Geschmack der Mitglieder – wieder stärker der Kultur­preis wird, der er sein soll. Wie zu hören war, hat Grütters um ein Haar der Akademie den Preis aus der Hand geschlagen und wäre wieder zum Jury­system zurück­ge­kehrt.
Es gab einen Bera­tungs­termin mit drei Redak­teuren namhafter Medien, die zu Ende 2012 den Unter­zeich­nern eines akademie- und film­preis­ver­ga­be­kri­ti­schen Briefs gehörten.

+ + +

Grütters’ Erhöhung des Drucks führt auch zu spürbaren Reak­tionen bei den Betrof­fenen. Die Film­aka­demie etwa schließt sich jetzt den etwa vom Verband der deutschen Film­kritik schon länger formu­lierten Forde­rungen an, die Fern­seh­sender nicht mehr zu Türste­hern der Film­för­de­rung zu machen. Heute entscheiden Sender­be­tei­li­gungen de facto über die Chance auf Förderung. Das muss schleu­nigst abge­schafft werden.

+ + +

Thomas Frickel, Vorsit­zender und Geschäfts­führer der AG DOK begrüßte die »starken Impulse« des Papiers. Schon mit der Bereit­stel­lung weiterer 15 Millionen Euro habe die Staats­mi­nis­terin ja ein deut­li­ches Zeichen zugunsten der kultu­rellen Film­för­de­rung des Bundes gesetzt. »Die jetzt vorge­legten Grundzüge neuer Förder-Richt­li­nien verspre­chen neue Akzente in der Förder­po­litik, die hoffent­lich auch bald auf andere Förder­ein­rich­tungen ausstrahlen werden.«
Gewünscht wird, Low-Budget-Produk­tionen künftig von der Verpflich­tung zum Nachweis von Eigen­mit­teln zu befreien. Die Vorschrift zur Übernahme eigener Finan­zie­rungs­an­teile ist für die schlechte Eigen­ka­pi­tal­aus­stat­tung vieler deutscher Produk­ti­ons­firmen mitver­ant­wort­lich und wurde in den Förder­sys­temen fast aller europäi­scher Nach­bar­länder längst abge­schafft.

+ + +

Nicht weniger inter­es­sant war die Rede der Kultur­staats­mi­nis­terin beim Auftakt­emp­fang der Produ­zen­ten­al­lianz am 11. Februar. Grütters spricht da von »Neure­ge­lung zum Eigen­an­teil«.
Nicht ohne Süffisanz sagt sie der Allianz der Film­wurst­ver­käufer ins Gesicht: »Es freut mich, dass wir gemeinsam Wege gefunden haben, um kreative und künst­le­ri­sche Aspekte bei der wirt­schaft­li­chen Film­för­de­rung noch stärker zu berück­sich­tigen.«
Vor allem aber sagt sie: »Künstler, auch Film­künstler, sind jeden­falls dann am besten, wenn sie nicht zwangs­läufig gefallen müssen, wenn sie nicht vom Publi­kums­ge­schmack und vom Profit her planen müssen, sondern origi­nelle Ideen entfalten können. Wenn sie damit dann auch noch Publi­kums­er­folge feiern, umso besser! … Ziel ist, die künst­le­ri­sche Freiheit zu stärken: Wir wollen unab­hän­giges Filme­ma­chen ermög­li­chen, und zwar ohne künst­le­ri­sche Kompro­misse und ohne zwingende Regio­nal­ef­fekte. … Mutige Filme brauchen eben nicht nur mutige Filme­ma­cher, sondern auch mutige Film­för­derer und mutige Förde­r­ent­schei­dungen.«
Mit diesen mehr­fa­chen kleinen Ohrfeigen an die Betei­ligten und die Fürsten der herr­schenden Verhält­nisse hat sie auf den Punkt gebracht, worauf es zu allererst ankommt.
Die Branche ist im Zugzwang.

+ + +

Die Bonzen der Branche hatten zum gleichen Zeitpunkt wieder ein »Rekord­jahr« gefeiert. Wenn man das so liest – »mehr Zuschauer, mehr Umsatz, der höchste deutsche Markt­an­teil« – dann denkt man: Dem deutschen Film geht es super. Ökono­misch mag das zutreffen, aber kulturell und quali­tativ geht es dem deutschen Film so schlecht wie seit Jahren nicht. Und das ohne Aussicht auf Besserung.
Nun gut: Die Bundes­bürger sind 2014 im Schnitt etwa 1,7 mal ins Kino gegangen. Das ist einer der besten Werte seit Einfüh­rung der heutigen Film­för­de­rung. Zur Zeit des viel­ge­schmähten »Papas Kino« war das aber gar nichts: Im Rekord­jahr 1956 gingen die (West-)Deutschen im Schnitt über 14,5 mal pro Jahr ins Kino! Vor allem aber: In Frank­reich ist der heutige Wert fast dreimal so hoch, wie hier, in Dänemark sogar sechsmal so hoch. Die Kinos hatten mit gut 139 Millionen Besuchern so viele Besucher wie zuletzt vor sechs Jahren.
Ein Ticket kostet im Schnitt 8,39 Euro. Da sagt die Kino­branche: »So viel wie nie.« Mag sein. Aber da vergisst man, dass die Kino­preise im Vergleich zu anderen Kultur­gü­tern, aber auch Verg­nü­gungs­ein­rich­tungen extrem niedrig sind. Selbst der billigste Winter-Stehplatz in der Bundes­liga kostet 11 Euro. Ein Thea­ter­be­such 20 Euro, ein Buch 26, Konzerte wie Oper im Schnitt über 30, ein Musi­cal­be­such gar 60 Euro im Schnitt. Auch das muss man sehen, wenn man über diese Themen
redet.

+ + +

Der Markt­an­teil des deutschen Films lag 2015 bei 27,5 Prozent – auch dies ein Rekord. Aber zustande kam er vor allem mit einem einzigen Titel: Fack ju Göhte 2 sahen fast 7,7 Millionen Zuschauer. Damit kommt man nicht nach Cannes – und noch nicht mal ins normale Kino unserer Nach­bar­länder.
Kulturell wertvoll ist auch der zweit­s­tärkste deutsche Kinofilm nicht: Til Schwei­gers Honig im Kopf verklebte auch die Hirn­win­dungen des Publikums. Dass sich FFA-Chef Peter Dinges dann nicht zu schade ist, zu behaupten, Filme deutscher Regis­seure und Produ­zenten seien zu einer »Qualitäts­marke« bei den Kino­be­su­chern geworden, tut mir leid für ihn. Dinges ist viel zu klug für solche Sprüche, zu denen ihn auch keiner zwingt, er weiß es besser. Und darum tut er der deutschen Film­wirt­schaft einen schlechten Dienst, wenn er die Verhält­nisse derart schön­redet.

+ + +

Was die Öffent­lich­keit mehr als alles andere verlangen kann: Eine komplette Aufde­ckung aller Förder­zah­lungen und -rück­zah­lungen. Und deren Aufschlüs­se­lung nach Besuchern. Wer zahlt was zurück? Und welche Euros sind am effek­tivsten einge­setzt? Die Behaup­tung steht im Raum: Je größer die Firmen, um so weniger wird zurück­ge­zahlt. Die betrof­fenen Unter­nehmen könnten den Gegen­be­weis führen, indem sie frei­willig die Zahlen veröf­fent­lichten – wetten, dass sie das nicht tun?

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Starkes Wachstum

Zwei neue Mitglieder machen die Vereinigung der Berufsverbände gut dreimal so groß. Und werden sie wohl tiefgreifend verändern. | Foto © Die Filmschaffenden

Die gute Nachricht: Die Filmschaffenden wachsen – und zwar gewaltig! Zwei neue Mitglieder sind der Vereinigung von bislang zwölf Berufsverbänden am 14. Februar beigetreten: Der Bundesverband Schauspiel (BFFS) und der ­Synchronschauspielverband (IVS). Damit wird sich die Mitgliederzahl mehr als verdoppeln. Allein der BFFS gibt seine Mitgliederzahl über 2800 an.

Für Die Filmschaffenden ist dies wohl erstmal eine gute Nachricht. Ausgerechnet die Verbände der Regisseure und der Kameraleute, die diese gemeinsame Organisation aller Filmgewerke einst initiiert hatten, waren vor wenigen Jahren aus unterschiedlichen Gründen ausgetreten. Den Verlust dieser beiden mitgliederstärksten Verbände konnten auch Neueintritte nicht ausgleichen.

Der BFFS freilich tut dies gleich mehr als doppelt. Der arbeitete zwar schon länger immer mit einzelnen Verbänden und der Bundesvereinigung zusammen, schloss sich aber nicht an. „Wir waren tatsächlich vorsichtig”, sagt Heinrich Schafmeister vom Vorstand des BFFS. Weiterlesen

Den Sinneswandel beschreibt er als ein Doppel aus „Psychologie” und „Lernprozeß”, verrät dabei auch das Selbstbewusstsein seines Verbands, der größer ist als alle bisherigen Filmschaffenden-Organisationen zusammen – samt Regie und Kamera: Die Schauspieler stünden nun mal vor der Kamera und finden daher („unverdientermaßen”) auch dann mehr Aufmerksamkeit, wenn sie sich zu berufsständischen Fragen äußern. Und wer Veränderungen wolle, müsse sich auch darum kümmern.

Noch ist der Beitritt nicht vollkommen. Die beiden Neuzugänge seien zwar einstimmig aufgenommen worden, aber vorerst als außerordentliche Mitglieder ohne Stimmrecht. Gerade dies ist wohl der Knackpunkt: Bislang hat jeder Mitgliedsverband eine Stimme – ungeachtet seiner tatsächlichen Größe. 44 Mitglieder hat zum Beispiel der junge Bundesverband Locationscouts.

Wann die Mitgliedschaft ordentlich wird, verrät Schafmeister nicht. Eine Arbeitsgruppe werde sich die Satzung „ansehen”, sagt Schafmeister diplomatisch auf Nachfrage, doch worauf es hinauslaufen dürfte, wird durch den nächsten Satz klarer: Es dürfe niemand überrollt werden, alle sollen damit leben können. „Wir werden immer vielstimmig bleiben. Die Frage ist: Wird es eine Kakophonie oder ein vielstimmiger Chor, den man gerne hören will?“

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Cinema Moralia – Folge 126: 5,2 Millionen für Tschiller

Symptomatische Angst – Till Schweiger in Tschiller: Off Duty © 2016 Warner

Wie klein muss einer sein: Was Dieter Kosslick und Til Schweiger gemeinsam haben, 5,2 Millionen für Tschiller und natürlich die leider unbe­merkte Bank­rotter­klä­rung der deutschen Film­för­de­rung – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 126. Folge
Von Rüdiger Suchsland (Aktiviere Javascript, um die Email-Adresse zu sehen)

»Die gefor­derte neue Film­kritik kriti­siert die Gesell­schaft, aus der der Film hervor­geht.«
Enno Patalas und Wilfried Berghahn in der Zeit­schrift »Film­kritik«, 3/1961
»Germans do always try to copy American charac­ters; Greeks try not to show too much about Greek charac­ters.«
Hans W. Geißen­dörfer auf der Abschluß­ver­an­stal­tung des »Grie­chi­schen Filmfests« in Berlin.

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Stefanie Stap­pen­beck gehört zu den deutschen Schau­spie­le­rinnen, die ich schon immer ein bisschen unter­schätzt fand. In manchem schlechten Film ist sie der einzige Licht­blick. Und einiges Pech hat sie auch gehabt: Als sie 2009 endlich eine Serien-Haupt­rolle im ARD-Poli­zeiruf bekam, die überaus inter­es­sante und unge­wöhn­liche Figur des Hauptmann Ulrike Steiger, einer deutschen Generals Daughter, die in Uniform in der Bundes­wehr ermittelt, und dann, enttäuscht vor allem vom eigenen
Vater, die Bundes­wehr verlässt, aber mit dem ganzen über­holten Disziplin-Befehl&Gehorsams-Müll im Kopf, zur Münchner Polizei kommt – da hätte das mit der Stap­pen­beck das Zeug gehabt, eine würdige Edgar-Selge-Nachfolge-Polzeiruf-Reihe zu werden. Doch ihr Partner Jörg Hube starb nach der ersten Folge und anstatt dann etwas draus zu machen, das reale Leben als Chance der Fiktion zu sehen, stellte die ARD alles und damit auch die Stap­pen­beck-Figur ein.
Vier Jahre später dann spielte sie im neuen Hamburger Tatort, aber nur die Frau, noch dazu geschie­dene, des Ermitt­lers. Und ausge­rechnet an der Seite von Til Schweiger. OMG, die Arme dachte ich als Stap­pen­beck-Sympa­thi­sant, und dann, als sie, natürlich weil der doofe Dödel Nick Tschiller schuld hatte, kurz vor Sylvester erschossen wurde, war das ein tiefer Stich ins Herz. Der Trost kam dann ein paar Tage später, als klar wurde: Für sie ist der Tod als Schweiger-Frau ein Aufstieg. Denn im
Sommer spielt sie dann im ZDF wieder eine Ermitt­lerin.
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Gleich zu Anfang eine Ankün­di­gung in eigener Sache: Nächste Woche fängt ja nicht nur am, Donnerstag die Berlinale an, und einen Tag vorher etwa gleich­zeitig mit der nächsten regulären artechock-Ausgabe, sondern bereits ab Montag gibt’s ein artechock-Berlinale-Special mit täglich neuen Texten, und einigen Über­ra­schungen. Und das nicht nur hier, sondern auch auf Facebook, und viel­leicht noch in anderer Form. Es lohnt sich also, regel­mäßig nach­zu­schauen.
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Es wird die 66. Berlinale überhaupt und erst die 15. mit Dieter Kosslick – obwohl man den Eindruck haben könnte, der Mann sei schon ewig da. Immerhin wird er in paar Wochen länger im Amt sein, als Helmut Kohl Bundes­kanzler war, und im Gegensatz zum Pfälzer scheint den Berlinale-Chef die Macht eher jung zu halten. Wahr­schein­lich würde er selber sagen, dass das alles an Yoga und seinem Vege­ta­rismus liegt, aber wer Kosslick am Dienstag auf der dies­jäh­rigen Berlinale-Pres­se­kon­fe­renz beob­ach­tete, der merkte, wie schön es sein muss, wenn einem überhaupt niemand mehr wider­spricht. Diese Stufe hat Kosslick inzwi­schen erreicht. Die, die ihn blöd finden, haben es inzwi­schen aufge­geben, weil man sach­be­zo­gene Debatten mit dem Mann sowieso nicht führen kann. Und die, die ihn anhimmeln, himmeln ihn an.
Weiterlesen

Es gibt auch innerhalb der Berlinale-Orga­ni­sa­tion natürlich gar nicht so wenige, die einem hinter vorge­hal­tener Hand erzählen (und natürlich auch weil sie wissen, dass ich es gern höre), wie furchtbar und autoritär der Mann im persön­li­chen Umgang sei, und dass sein Essens-Fana­tismus offenbar so weit geht, dass er Fleisch­ge­richte auch in seiner Umgebung nicht duldet, weil er den Geruch nicht erträgt. Aber all das wäre natürlich wurscht, wenn die Berlinale ein gutes Programm hätte. Das finden in diesem Jahr aber noch nicht mal die, auf die sich Kosslick bisher immer verlassen konnte, schon weil eine von ihnen im Auswahl­gre­mium sitzt: Die Kollegen von »deutsch­land­radio kultur«.

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Ein tref­fender Kommentar war dort jetzt von Patrick Wellinski zu hören. »Die gesell­schaft­lich rele­vanten Stoffe in allen Ehren, lange blieb in den letzten Jahren dabei die Filmkunst auf der Strecke.« sagt Wellinski. Und stellt fest: »Jenseits der Berlinale spielt deutsches Kino keine Rolle.«
Tatsäch­lich ist diesmal nur ein deutscher Film im Wett­be­werb vertreten – das ist an sich nicht schlimm und man glaubt ja sofort, dass es einfach nicht viel gute, wett­be­werbstaug­liche deutsche Filme gibt. Es ist auch gut zu wissen, dass damit im kommenden Jahr »die vielen deutschen Filme, die auf der Berlinale laufen« keine Ausrede mehr sein werden, für die vielen deutschen Filme die auf keinem inter­na­tio­nalen Festival laufen.
Nur: Was sagt uns das eigent­lich über ein Festival, dessen Leiter ange­treten ist mit der doppelten gewagten Behaup­tung, dass es viele tolle deutsche Filme gebe, und dass es, indem er die jetzt auch endlich zeigen werde, bald alle merken? Vor 15 Jahren, im ersten und recht guten Kosslick-Jahr, liefen vier deutsche Wett­be­werbs­bei­träge.
Seitdem ist offenbar nichts besser geworden, und vieles viel­leicht sogar schlechter.

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Diese jetzt noch offen­kun­diger gewordene Krea­tiv­krise des deutschen Kinos ist auch eine Bank­rotter­klä­rung der deutschen Film­för­de­rung. Und zwar auf allen Ebenen. Natürlich arbeiten da viele gute, sach­ver­s­tän­dige Menschen. Natürlich können die Förderer nichts für das, was einge­reicht wird. Schon eher muss man aber manchmal fragen, warum bestimmte Projekte nicht oder nur unzu­rei­chend gefördert werden, während man einem Film das Geld hinter­her­wirft, sobald ein Schau­spieler Regie führt oder als Dreh­buch­autor genannt wird. Nein, ich meine nicht Til Schweiger und Matthias Schweig­höfer. Die auch, ok. Aber eigent­lich dachte ich an Florian David Fitz. Oder, jüngstes Beispiel, an Karoline Herfurth. Warum müssen die überhaupt selber Filme machen? Und warum muss man es ihnen so viel leichter machen, wie den »ganz normalen Regis­seuren?
Ich behaupte mal, dass deren Filme die Krea­tiv­krise des deutschen Kinos auch nicht lösen.

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Es war eine Horror­kom­bi­na­tion am letzten Sonntag im »Doppel­pass«, dem »Sport 1«-Fußball­stamm­tisch. Da saß nicht nur Johann Baptist Kerner, was eigent­lich bei mir genügt, gleich abzu­schalten, sondern auch Til Schweiger, was mich dann doch wieder zugucken ließ, denn ich wollte schon wissen, was da jetzt kommt. Ich hätte ahnen müssen, dass Schweiger auch über Fußball nicht inter­es­santer redet, als über Film, aber meistens im Gegensatz dazu, wenn man ihn nach Film fragt, immerhin
achsel­zu­ckend zugab, er wisse es jetzt auch nicht.
Das Wort, was er am meisten benutzte, was »Scheiße«, das klang dann etwa so: »Was ist denn das für eine Scheiße mit dem Abseits – das müssen wir abschaffen. Dann wird das Spiel viel attrak­tiver. Ohne Abseits würd’ die Post abgehen!«

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Immerhin will Schweiger jetzt nicht auch noch Fußball­re­porter werden. Er will einfach – und schlimm genug, dass »Sport 1« da in dieser Form mitmacht – seinen neuen Film vermarkten.
Das tut er vor allem, indem er sich am Kinn kratzt, und wenn er gerade nicht selber redet, seinen Blick gedan­ken­ver­loren über die Sitz­reihen schweifen lässt, als ginge ihn das alles nichts an.

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Irgendwie passt es gut, dass jetzt in einer einzigen Woche erst Kosslick seine Jahres­pres­se­kon­fe­renz gibt, und dann auch noch Til Schwei­gers neuester Film, der »Tatort«-Ripp-Off Tschiller: Off Duty in die Kinos kommt. Das schreibe ich jetzt nicht, weil ich die Frage stellen will, warum Schwei­gers Film nicht im Wett­be­werb läuft. Da hab ich schon so meine Vermu­tungen.
Aber im Grunde haben Schweiger und Kosslick ja eine ganze Menge gemeinsam: Sie sind egoman, eitel, können weder mit Kritik umgehen, noch sie überhaupt vertragen. Und sie haben keinen Geschmack.
In alldem sind sie leider recht sympto­ma­tisch für das deutsche Kino, für den Weg, den es in den letzten 20 Jahren genommen hat: Ein Weg in die Bedeu­tungs­lo­sig­keit. Aber weil alle sich hier ja selbst ganz toll finden, redet man sich die Sache und sich selber schön. Wie das geht, kann man von Schweiger und Kosslick lernen.

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Sympto­ma­tisch ist die Angst. Vor allem bei Til Schweiger ist sie jederzeit spürbar, je auftrump­fender er auftritt, desto deut­li­cher. Typisch, dass er Kritiker nicht nur einfach doof oder belanglos findet, sondern es nötig hat, öffent­lich dauernd zu erklären, wie unwichtig sie seien.
Til Schweiger ist der einzige deutsche Regisseur, der zu feige ist, Filme in denen er mitspielt, der Presse zu zeigen. Statt­dessen gibt es »Friends & Familiy«-Vorstel­lungen, in denen dann natürlich doch ein paar Jour­na­listen sitzen dürfen. Aber nur solche, die Schweiger persön­lich selek­tiert hat, weil sie dem tollen Herrn offenbar gefällig genug formu­lieren. Wie klein muss einer sein!
Aller­dings muss man es bei der Gele­gen­heit auch sagen: Jeder Jour­na­list, der das faule Spiel mitspielt, hat alle Verach­tung verdient.

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Der berühmte »Tatort«-Vorspann, den Til Schweiger so verab­scheut, ist weg. Kein blau-weißes Faden­kreuz, kein Klaus Doldinger. Sondern Rap. Dass die ARD das mit sich machen lässt, ist aber ihre Sache. Aber schade natürlich schon, dass man dort offenbar glaubt, ein Schau­spieler sei wichtiger als die eigene Marke, obwohl die doch eines der wenigen Dinge sind, die der ARD noch geblieben ist, obwohl ohne Til Schweiger mehr Leute hingucken, als mit ihm.
So gibt man Schweiger die »Tatort« als Spielzeug, und wie kleine Kinder so sind, nimmt er sie erstmal in den Mund und lutscht daran, und dann ausein­ander, um zu gucken, was drin ist. Und dann haut er kräftig drauf. Schweiger ist respektlos. Wie gegenüber allem. Aber nicht aus Bosheit, sondern eher aus Naivität. Er will ja nur spielen.

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Denn das Problem der Til-Schweiger-Tatorte sind ja noch nie die Filme gewesen. Ob das noch irgendwie »Tatorte« sind, darüber kann man natürlich streiten. Aber es sind immer anstän­dige Polizei-Action-Filme gewesen. Ihr Regisseur Christian Alvart ist extrem begabt, einer der besten deutschen Regis­seure. Was aber leider niemand zugibt: Das größte Problem dieser Filme ist ihr Haupt­dar­steller. Schweiger bringt’s einfach nicht. Er spielt schlecht, und wie schlecht, zeigt gerade der Kontrast zu Fahri Yardim, dem Darsteller seines Kollegen. Man glaubt Schweiger kein Wort.

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Da wird es dann kurios, wenn Schweiger wie nach den schlechten Quoten für den letzten Doppel-Tatort geschehen, sein Publikum beschimpft.
Kurios ist auch, wenn Schweiger behauptet, dass zu viel Geld die Freiheit eines Filme­ma­chers gefährdet, und sich selbst »unab­hängig« nennt.
Denn wir alle finan­zieren aus Haus­halt­ge­bühren und Steu­er­gel­dern, dass Til Schweiger weiter dummes Zeug reden und Kritiker beschimpfen kann: Tschiller: Off Duty wurde von der FFA mit etwa einer Million Euro gefördert (556 000 Euro für Produk­tion, 250 000 Euro für den armen Verleih, 200 000 Euro für »Medialeis­tungen«, also dafür, dass Schweiger für sich Werbung machen
darf).
Außerdem hat das Medien­board Berlin Bran­den­burg in den Film 800.000 Euro gesteckt. Die Film­för­de­rung Hamburg Schleswig-Holstein – komplett steu­er­fi­nan­ziert – hat weitere 280.000 Euro dazu­ge­stopft. Und aus dem Deutsche Film­för­der­fonds der Kultur­staats­mi­nis­terin kommen weitere 1.116 Millionen Euro für Tschiller/Schweiger.
Komplett wird die Rechnung aber erst, wenn man die zwei Millionen Euro dazu zählt, die der NDR gezahlt hat – wie für jeden Schweiger-Tatort. Denn der »Star« genießt auch hier Sonder­be­hand­lung und Extra­wur­strechte: Norma­ler­weise darf ein »Tatort« nur 1,4 Millionen kosten.
Fazit: Gut 5,2 Millionen plus Sonder­rechte für Schweiger. Wir sind gespannt auf das Ergebnis.

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Fragen darf man, warum die öffent­li­chen Auftrag­geber ihren Auftrag­nehmer nicht einmal darauf verpflichten können, wie alle anderen Film­pro­duk­tionen auch, den Film vorab in Pres­se­vor­füh­rungen öffent­lich zu machen.
Fragen darf man auch, wie sich Geballer und Gekrache mit dem Kultur­auf­trag vertragen. Denn den haben die Förderer – ihr vieles Geld soll vor allem solche Produk­tionen fördern, die sonst keine Chance auf Finan­zie­rung hätten.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Schwerer Stand

Der neue Vorstand für die nächsten drei Jahre (von links): Philipp Geigel, Alexander Palm, Max Zaher, Johannes Kirchlechner (der als ­Präsident bestätigt wurde), Christoph Chassée, Robert Berghoff und Martin Bethge. | Foto © Berufsverband Kinematografie

Der Berufsverband Kinematografie hat einen neuen Vorstand. Die Besetzung spiegelt auch die Realitäten im Arbeitsfeld wider. Ein Gespräch mit dem Geschäftsführer Dr. Michael Neubauer.

Herzlichen Glückwunsch! Der BVK hat einen neuen Vorstand: sieben Männer, kurz vor 50 und darüber. Ist das ein Signal fürs neue Jahrtausend?
Wichtig ist erstmal, dass ein Verband einen Vorstand hat. Den kann man sich nicht schnitzen – die Mitglieder müssen sich zur Wahl stellen. Und wir sind froh, daß der BVK wieder mehr Kandidaten hatte als Vorstandssitze.

Dennoch wirkt der neue Vorstand etwas anachronistisch – im letzten saß wenigstens eine Frau.
Sogar zwölf Jahre lang. Leider fand sich dieses Mal keine Kandidatin. Und wir haben aktiv gesucht.

Generell scheinen Frauen in der Kamera­abteilung schwerer Fuß zu fassen als in anderen Filmgewerken.
Die Abteilung Kamera war, wegen der Technik und weil das Equipment früher schwer war, traditionell ein Männerberuf. Das ist zwar Denken aus der Steinzeit, die bekanntlich vorbei ist, aber es hängt uns nach: Im Berufsverband Kinematografie gibt es etwa 300 DoP, nur 18 davon sind Frauen. Bei den Assistentinnen ist das Verhältnis schon besser. Wir hoffen natürlich sehr, dass im nächsten Vorstand wieder eine Kollegin mitarbeitet.

Warum ist das so? Bei der Regie wird zur Zeit über eine Quote diskutiert. Bei den Schauspielern wird gefordert, Rollen so zu besetzen, daß sie die tatsächlichen Zahlenverhältnisse der Geschlechter widerspiegeln…
Diskutiert wird immer Vieles. Ist ja auch gut so. Aber es gibt auch die Realität: Frauen haben es in unserem Berufsfeld schwer. Außer bei Regie, Maske, Kostüm und Schnitt sind Frauen schwach vertreten. Schauspieler lasse ich mal außen vor. Filmarbeit hat eine asoziale Komponente: Die Auskopplung aus der sozialen Welt ist immens: In der Drehzeit ist man völlig verschwunden – keine Zeit für Partnerschaft, für Kinder, man ist unterwegs … gerade für Frauen ist dieser Beruf äußerst entscheidungsbedürftig, wo ein Mann sich vielleicht nicht so grundsätzliche Gedanken macht. Das zeigt sich leider auch darin, daß viele Kamera­frauen keine Kinder haben. Weiterlesen

Im Fernsehstudio oder der Elektronischen Berichterstattung ist die Situation sicherlich anders: Da gibt es Dienstpläne mit überschaubaren Einsatzzeiten. Aber beim Film haben es Frauen aufgrund des Zeitnotstands in der Produktionsphase besonders schwer, wenn es Kinder oder Sozialbeziehungen gibt. Männer sind da vielleicht etwas rücksichtsloser? Die Trennungsquote im Bereich Film ist absolut abenteuerlich.

Regisseurinnen sind doch genauso lange am Set – oder Editorinnen im Schneideraum …
Im hoffentlichen Normalfall stellt denen ein neues Projekt nicht den gesamten Alltag auf den Kopf. Dann hat die Editorin einigermaßen planbare Arbeitszeiten, und der Schneideraum liegt nicht am anderen Ende der Republik. Regisseurinnen sind während des Drehs natürlich auch weg, was auch nicht einfach ist. Doch ein großer Teil ihrer Arbeit findet eben außerhalb der eigentlichen Drehphase statt.
Dazu kommt noch ein sozialrechtlicher Aspekt: Wir sehen, daß Filmschaffende am Set, sobald sie schwanger sind, regelmäßig durch alle Raster fallen. Häufig wird seitens der Mediziner ein Arbeitsverbot ausgesprochen, weil die Schwangere und ihr Kind vor den überlangen Tagen und den heftigen physischen Anstrengungen geschützt werden sollen. Wenn eine Kameraassistentin ehrlich sagt, wie sie arbeitet, bekommt sie mit Sicherheit ein solches Arbeitsverbot – spätestens nach dem fünften Monat. Das Mutterschaftsgeld wird aber nach den Einkünften des letzen halben Jahres berechnet – in dem dann aber großteils nicht gearbeitet werden durfte.
Anschließend gibt es dann auch kein Arbeitslosengeld, weil auch da die Bemessungsgrund­lage bekanntlich so schon schwer zu erfüllen ist: 360 sozialversicherungspflichtige Tage in zwei Jahren, das schaffen die meisten auch ohne Schwangerschaft kaum. Soviel zur Attraktivität des Kinderkriegens in der deutschen Kinematografie.

Was schlagen Sie vor?
Für einen Beruf, der Frauen so fordert, daß sie ihn schwanger nicht ausüben können, eine Pauschale in sozialversicherungspflichtigen Tagen im Falle der Schwangerschaft. Das würde schon helfen. Darüber hatten wir vor Jahren einen regen Briefwechsel mit dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales unter Frau von der Leyen.

Und die Antwort?
Es sei nach dem Sozialgesetzbuch alles bestens geregelt! Mein persönliches Fazit: Man liest Eingaben nicht mit Verstand, und bei der Antwort schaltet man ihn auch nicht ein.

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Cinema Moralia – Folge 125: Das Medium, in dem der Film Resonanz erzeugt…

‘Was für ein Schlamassel’ – The Hateful 8 © 2015 Weinstein

Unter­schei­dungs­ver­mögen, Leiden­schaft, Subjek­ti­vität: Der Film­kri­tiker als Zeit­ge­nosse – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 125. Folge

»Prak­ti­sche Antwort eines sowje­ti­schen Künstlers auf gerechte Kritik«
Titel der 5.Symphonie von Dimitri Shosta­ko­vitsch

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Eine Studentin, die eine Arbeit über Film­kritik im Wandel der Medien­land­schaft schreibt, und darin versucht, mit sozio­lo­gi­scher Genau­ig­keit durch Publi­kums­be­fra­gung neue »Nutzer­typen« zu erkennen, befragt mich und bittet um Charak­te­ri­sie­rung meiner Arbeit. Der Ansatz ihrer Arbeit ist wichtig, weil sie einmal das Publikum in den Blick nimmt. Das ist die erste Voraus­set­zung zu einer unbedingt nötigen Kritik des Publikums. Denn es stimmt nicht, dass das Publikum »immer recht« hätte und es ist ein Miss­ver­s­tändnis von Demo­kratie, alles Elitäre zu verachten und zu glauben, dass das »Volk« oder gar »die Mehrheit« immer recht habe. Viele User neuer Medien über­schätzen die neuen User­par­ti­zi­pa­ti­ons­mög­lich­keiten syste­ma­tisch, weil sie selbst User sind, also aus schlichter Selbstüber­schät­zung, die sehr mensch­lich ist.
Nehmen User durch Bewer­tungen und Kommen­tare eine immer bedeu­ten­derer Rolle ein? Nein. Denn auch User, die bloggen, sind Publikum, und die werden nur dann zu Film­kri­ti­kern, wenn sie Film­kri­tiken verfassen. Ansonsten sind sie Teil des Meinungs­schwarms. Und der mag denken, was er will. So wenig eine Quote im Fernsehen etwas über Sendungs­qua­lität aussagt, so wenig dieser Schwarm und seine Meinungen.
Über Kunst, ihren Gehalt, ihre Aussage, ihre Qualität und ihren Wert kann man nicht demo­kra­tisch abstimmen.
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Nicht alle Zuschauer sind klug. Das Miss­trauen, das manche etwa gegen Film­kri­tiker äußern, weil sie »bezahlt« seien ist genauso absurd unin­for­miert wie das Vertrauen in Schwar­min­tel­li­genz und Ratings (etwa imdb) naiv ist. So etwas kann man genauso indus­triell orga­ni­sieren, wie eine positive Kritik – und das passiert auch.
Mich erschüt­tert oft der Ernst, der in uns und unsere Texte hinein­pro­ji­ziert wird. Zu wenige erkennen das Spie­le­ri­sche einer Film­kritik, überhaupt eines Textes. Wir sind eben gerade keine Wissen­schaftler, wir produ­zieren keine objek­tiven Aussagen, sondern Subjek­ti­vität. Wir sind ein Medium, auf dem der Film Resonanz erzeugt. Film­kri­tiken sind emotio­nale, intel­lek­tu­elle und stilis­ti­sche Reso­nanzen eines Films. Der Film erzwingt eine bestimmte Kritik von mir – das sagt so viel über mich, wie über den Film.
Aber manchmal spiegelt mein Text auch eine Debatte, einen reinen Teil­as­pekt eines Films, der für mich zu kurz kam. Oder ich betone etwas über Gebühr, weil es bisher unter den Tisch fiel.
Leser scheinen dagegen oft eine Objek­ti­vität zu erwarten und auch zu verlangen, die ich gar nicht liefern will. Wenn sie dann mitunter auch noch behaupten zu wissen, was »guter« oder »schlechter« Jour­na­lismus sei, wird es lächer­lich, dann ist ihr Urteil oft dumm und dreist. Sie verkennen, dass Film­kritik so wenig Reportage ist, wie Wirt­schafts­teil Ergeb­nis­dienst. Es ist Feuil­leton, also spie­le­risch, lite­ra­risch, künst­le­risch. Weiterlesen

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Gefragt nach meiner Einschät­zung zur Macht der Film­kritik, antworte ich: Print mag aussterben, die Film­kritik nicht. Die Macht der Film­kritik liegt in ihrer Qualität, nicht in der Quantität der Auflage oder der Leser. Das heißt: Film­kritik spricht wichtige Leute an, nämlich die, die sich aktiv um Infos bemühen, und deswegen mit Aussagen der Film­kritik anders umgehen. Sie spricht nicht zuletzt Fachleute an, also Förderer, Kino­be­treiber, andere Redak­teure, die sich an ihr orien­tieren.Das, was man heute so Multi­pli­ka­toren nennt.

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Film­kritik ist wichtig und wird das auch bleiben, weil wir als Scharnier und Vermitt­lungs­in­stanz zwischen mehreren Bereichen fungieren: zwischen Publikum, Film­wis­sen­schaft und Film (bzw. Machern). Alle drei Gruppen versuchen, Film­kritik für eigene Inter­essen zu instru­men­ta­li­sieren. Das Publikum hat höchst wider­sprüch­liche Wünsche: Zwischen Empfeh­lungen die Consu­m­er­gui­de­cha­rakter haben, Infos zum Film selbst (mitunter aber bitte ohne Spoiler).
Daher ist die Zukunft der Film­kritik gesichert – sie wird immer irgendwo überleben, solange es Filme gibt. Ein Problem sind aber Ausdif­fe­ren­zie­rung und schlechte Spezia­li­sie­rung: Man unter­scheidet heute gern Kino­kritik, Fernseh-Kritik, Medi­en­kritik. Alle drei Typen können unter Umständen Film­kritik sein.
Auch Film­kri­tiker selbst haben Berüh­rungs­ängste: Das Kino wird heilig­ge­spro­chen, der Rest verachtet. Dabei müsste man heute von Film reden (weil die meisten Filme digital sind) und dann von Abspiel­me­dien. Kino ist das schönste und beste Abspiel­me­dium, aber nicht das einzige. Viele Filme sind gar nicht mehr ausschließ­lich fürs Kino gemacht. Umgekehrt fehlt dem Publikum und Teilen der Film­kritik oft der Sinn für das Spezi­fi­sche des Kinos. Für feine Unter­schiede, für Material und Form.
Meine eigene Erfahrung: Print hat die geringste Wirkung, aber Nach­hal­tig­keit, weil es dem Autor Renommee und Achtung gibt. Radio sollte auch Renommee haben, weil öffent­lich-rechtlich hat aber nur welche in Fach­kreisen, weniger beim breiten Publikum. Es wird aber am besten bezahlt. Internet hat die meiste Nach­hal­tig­keit, weil Texte auch nach Jahren gelesen und gefunden werden, es Reak­tionen auf sie gibt. Bisher aber am wenigsten Geld, daher kanni­ba­li­siert sich das Medium.
Auch Zuschauer schätzen Niveau, können Film­kritik und bloße Publi­kums­mei­nung unter­scheiden. Sie werden erst wirklich merken, was ihnen fehlt, wenn Profi­au­toren aus dem Netz verschwinden, da sie dort zu schlecht bezahlt werden.
Viel­leicht brauchen Film­kri­tiker aber heute auch Netz-Profis, die uns vermarkten, die als eine Art Netz-Agenten fungieren.

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Was ich von neuen Formaten und User­par­ti­zi­pa­ti­ons­mög­lich­keiten halte? »Filmblogs« können alles sein, tolle Film­kritik, und platteste Meinungs­äuße­rung – das kommt drauf an. »Neue Darstel­lungs­formen wie Youtube­kri­tiken (Trailer kombi­niert mit der Einschät­zung eines »Film­ex­perten«)« sind so neu nicht, denn im Fernsehen macht man das schon lang, im Radio nur mit Ton noch länger. Das Problem ist: Was macht die Experten zu Experten? Nicht jeder ist einer. »Waren­test­prin­zi­pien« sind keine Film­kritik. Denn Film als Ware gehört in den Wirt­schafts­teil. Wir schreiben über Film als Kunst. Und »IMDB« ist ein Algo­rithmus. Auch keine Film­kritik. Das alles sind ergän­zende, keine erset­zenden Formate.
Film­kritik distan­ziert sich immer von ihrer gerade klas­si­schen Form und findet neue. Am Ende geht es darum, dass einer ins Kino geht und möglichst inter­es­sant erzählt, was er gesehen hat, was der Film mit ihm macht.

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Wenn der Mensch unin­ter­es­sant ist, wird seine Kritik nicht inter­es­sant sein.

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Für wen schreibe ich? Außer für die, die mich bezahlen, für Menschen, die das Kino lieben, vorschnelle Urteile hassen, und darum auch in einem Film­kritik-Text lieber das Umtasten eines Films, dessen Entfal­tung in Textform schätzen, als das eindeu­tige Urteil. Dieses bleibt von guten Texten am wenigsten. Jeder gute Kritiker hat schon schlimm geirrt, was sein Urteil angeht.
Und wenn die Menschen wirklich nicht länger als sechs Minuten lesen wollen, ist das kein Argument, dass ein Text nicht zwölf Minuten brauchen darf. Denn woher weiß ich, dass jemand am Anfang anfängt, dass er den Text nicht über­fliegt?
Ein Text ist ein Angebot, nicht eine Aufgabe, die beflissen gelöst werden muss.

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Grund­sätz­lich gilt:
1. Jedes Publikum hat die Film­kritik, die es verdient.
2. Aber auch umgekehrt: Die Film­kritik hat das Publikum, das sie verdient.
3. Die so genannte »Krise der Film­kritik« ist keine. Sie ist eine Krise der tradi­tio­nellen Medien, hervor­ge­rufen durch die Medi­en­re­vo­lu­tion der Digi­ta­li­sie­rung aller Lebens­ver­hält­nisse.
4. Neue Medien werden eine neue Kunst­kritik erzeugen. Das Prinzip der Kritik werden sie nicht abschaffen. Denn es ist Teil des Mensch­li­chen.

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»Siebzig Milli­meter Ultra Pana­vi­sion! Eine Ansage durchs Format, die bedeuten soll: großes Kino. Zumindest die Erin­ne­rung daran. Ein Werk, das nicht aufs Smart­phone passt. Von einem Filme­ma­cher, der sich seine Visionen nicht schmälern lässt, einem, der mit einer Handvoll anderer, in Liebe zu ihren Erin­ne­rungen ein bisschen wahn­sinnig gewor­dener Kollegen eine Firma, nämlich Kodak, dazu bringt, Rollfilm in dieser Breite (und in einer Länge von 600 Metern für ausführ­liche,
unge­schnit­tene Szenen) herzu­stellen, und eine andere, nämlich Pana­vi­sion, in ihren Kellern graben zu lassen, um die entspre­chenden Objektive zu Tage zu fördern. Was für ein Aufwand! Und dann gibt es kaum mehr Kinos, in denen noch die entspre­chenden Projek­toren stehen. Manchmal ist, wenn die Projek­toren da sind (wie in den Film­mu­seen), die Leinwand zu klein. Was für ein Schla­massel!«
Verena Lueken, FAZ vom 27.01.2016

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»Was soll das Theater?« disku­tierte die »Akademie der Künste« in Berlin über die »Rolle der Bühnen in der Gesell­schaft«. Diese Diskus­sion ist fürs Kino und für uns Kritiker, Kuratoren, Künstler inter­es­sant, weil sie ein Abgrund trennt von der deutschen Filmszene. Sie wäre dort schlicht unmöglich. Und darum zeigt sie uns auf, was fehlt. Denn schon über die »Rolle des Films in der Gesell­schaft« würden wenige unserer Filmleute disku­tieren. Oder darüber was das Kino in Zeiten von Flucht­be­we­gungen und Rechts­ex­tre­mismus, von Terro­rismus und Sicher­heits­terror, von Popu­lismus und Medi­en­ver­sagen zu sagen und zu tun hat.

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Ulrich Matthes, Schau­spieler und Direktor der Sektion Darstel­lende Kunst der Akademie der Künste, bilan­zierte ernüch­ternd seinen eigenen Beruf. Dem Theater geht es noch schlechter als dem Kino: Immer mehr Menschen gehen gar nicht hin. Die Antwort ist »Arti­vismus«, ein künst­le­risch insze­nierter poli­ti­scher Akti­vismus. Das Theater ist ungleich mehr und vor allem viel höher, als das Kino öffent­lich subven­tio­niert. Das genügt aber kaum, um ihm Bedeutung und Legi­ti­ma­tion zu verleihen.
Oder hat staatlich subven­tio­nierte Kunst nicht gerade auch einen poli­ti­schen Auftrag? Das Theater als Hort des deutschen Bildungs­bür­ger­tums kann und muss eine Schicht akti­vieren. Die ganze Gesell­schaft spricht es gar nicht mehr an. Wie ist das mit dem Film? Bildet Film in Kino oder Fernsehen eine Gesell­schaft ab und formt Identität? Will es das? Soll es das?

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Wir sind noma­di­sche Gesell­schaften geworden. Nicht nur Flücht­linge wandern und sind obdachlos, sondern wir alle. Kulturell und geistig. Das ist ein Fort­schritt, aber was bedeutet das für den Ort Kino?

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Burkhard Kosminski, Intendant am Natio­nal­theater Mannheim, berich­tete über die Einbin­dung von Flücht­lings­gruppen in die Insze­nie­rungen seines Theaters. Warum wagt das Kino solche Expe­ri­mente nicht? Warum fühlt das deutsche Kino, die ganze Filmszene keinerlei poli­ti­sche Verpflich­tung, sondern schleift sich rund und puffert sich, aus Angst, anzuecken?
Dabei geht es nicht um große Thesen und Posi­tionen. Was Kunst und Kritik aber heute tun müssen, was ihre poli­ti­sche Funktion in diesem Moment ist, ist einfach, eine selbst­ver­s­tänd­liche, liberale, empa­thi­sche Haltung öffent­lich zu arti­ku­lieren, und damit auszu­drü­cken: Das ist die normale Haltung in dieser Welt.

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Wolfgang Engler, Direktor der Ernst-Busch-Schau­spiel­schule, erzählte von Studenten, die sich immer häufiger weigerten, bestimmte Texte zu sprechen, weil sie ihre poli­ti­schen Empfind­lich­keiten berührten. Seine These:
»Je weniger eine Insti­tu­tion wie das Theater die Kraft hat, gegen den Strom der Zeit zu schwimmen und sich als das Andere zur Wirk­lich­keit hin zu defi­nieren, in desto höherem Grade setzt es sich denselben Wahr­neh­mungen wie das wirkliche Leben aus. Dann wird das Theater unter dem Gesichts­punkt wahr­ge­nommen, ist das politisch in Ordnung – wie eine poli­ti­sche Äußerung. Ist das frau­en­feind­lich, ist das sexis­tisch, ist das so so so und so richtig? Und ich kann nur sagen: Das kotzt mich an.«
Können wir uns vorstellen, hier statt »Theater« das Wort »Kino« einzu­setzen?

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Ist es legitim einen Text aus poli­ti­schen Gründen abzu­lehnen? Ulrich Matthes gab sich zunächst noch selbst­iro­nisch: »Psycho­lo­gi­scher Realismus, boäh, gähn!« Dann aber schil­derte er seine Heran­ge­hens­weise an eine Figur: »Ich muss die Figur zunächst mal vertei­digen.« Aber was heißt das, wenn man im »Untergang« den Goebbels spielt? »Ich hatte irrsin­nige Skrupel, mich mit meinem Körper diesem Massen­mörder zur Verfügung zu stellen.«
Vers­tänd­lich.

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Immer wieder kommt es bei »Cinema Moralia« zu Einsei­tig­keiten. Das ist Programm. Mal geht es eine Weile um die Urhe­ber­rechts­de­batte, mal um die DFFB, und immer wieder sehr viel um Politik. Die 125. Ausgabe – danke liebe Leser für zahl­rei­ches Feedback, danke artechock dafür, dieses großzügige und tolerante Forum zu bieten – ist ein guter Anlass, ein paar Dinge zum Selbst­ver­s­tändnis ein mal wieder öffent­lich klar­zu­ma­chen. Dies nicht als Recht­fer­ti­gung, sondern als Erklärung und auch immer wieder mal fällige Selbst­ver­ge­wis­se­rung, was »Cinema Moralia« eigent­lich sein will. Ich glaube im Übrigen auch bestimmt nicht, dass jede Ausgabe in einem objek­tiven Sinn »gelingt«. Und Feedback aller Art, also auch kriti­sches – je konkreter, desto besser –, und andere Formen der Ausein­an­der­set­zung mit den Inhalten von »Cinema Moralia« sind will­kommen. So wie es manche Leser gibt, die mir zu mindes­tens jeder dritten, vierten Folge eine unter­schied­lich lange Mail schreiben, die ich auch brav beant­worte.

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Was »Cinema Moralia« natürlich schon immer war und von Anfang an auch sein sollte, ist zumindest dreierlei: Ein »Tagebuch«, also etwas sehr persön­li­ches, das diese Subjek­ti­vität in Reinform, unge­fil­tert, also auch in temporären Inter­essen, Ansichten, Einsei­tig­keiten spiegelt; sozusagen meinen geistigen und emotio­nalen Zustand abbildet.
Zweitens eine Reihe, die einen flanie­renden, also offenen, vom Zufall mitbe­stimmten Blick auf die Welt wirft, wie sie sich im und jenseits des Kinos zeigt. Die das Kino also in (s)einen Zusam­men­hang stellt.
Schließ­lich habe ich »Cinema Moralia«, wo es ja selten zu echter Film­kritik kommt, immer vor allem als Medi­en­re­fle­xion etwas allge­mei­nerer Art verstanden, die von Produk­tions- und Rezep­ti­ons­be­din­gungen der Filme (übrigens auch jenseits des Kinos) und von Kunst (also auch jenseits von Film) handelt. Dazu gehört für mich neben dem ästhe­ti­schen, dem ökono­mi­schen und dem film­po­li­ti­schen auch das gesell­schaft­liche Umfeld, in dem Kino statt­findet. Dass Kino politisch und
philo­so­phisch ist, und ich in »Cinema Moralia« immer wieder mit schwan­kendem Erfolg neu versuche, diesen Zusam­men­hang von Kino mit Politik und Philo­so­phie auszu­loten, versteht sich von selbst.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Parallelen im All

Die Comic-Autoren von „Valerian“ revanchierten sich übrigens für die ungefragten Anleihen: „Die Blitze von Hypsis“ (rechts unten) erschien erst 1985, fünf ­Jahre nach „Das Imperium schlägt zurück“ (rechts oben). Doch ­Valerians Raumschiff startete schon zehn Jahre vor Han Solos „Millennium Falken“. | Fotos © Carlsen | Walt Disney

Nur wenige Tage hat die neue Episode vom „Krieg der Sterne“ gebraucht, um sich an die Spitze der Zuschauerhitlisten zu spielen: „Star Wars: Das Erwachen der Macht“ ist in den USA bereits der Film mit den höchsten Einspielergebnissen aller Zeiten, und auch weltweit trachtet der Film noch danach, sich vom dritten Rang vor „Titanic“ und „Avatar“ zu schießen, mit denen James Cameron seit Jahren die Spitze hält.

Mit Bangen und Vorfreude hatten die Fans die Fortsetzung von George Lucas’ Weltraummärchen erwartet. Waren die ersten drei Filme der Reihe in den 1970er und 80er Jahren ein ungeahntes Seherlebnis mit neuer Technik und verblüffenden Effekten, zeigten sich die drei Prequels um die Jahrtausendwende allzu verliebt in die neuen Möglichkeiten rechnergestützter Effekte und vernachlässigten die Story. Die Furcht vor dem siebten Streich, das zeigten unzählige Kommentare im Internet, war groß, die letzte Hoffnung ruhte auf J. J. Abrams, dem Schöpfer der Kult-Fernsehserie „Lost“, der als ­ Regisseur bereits den Reihen „Star Trek“ und „Mission Impossible“ neues Leben eingehaucht hatte. Er sollte es nun auch beim „Krieg der Sterne“ richten. Weiterlesen

Heraus kam zwar lediglich eine Art Remake der ersten Episode IV mit einer Prise „Rückkehr der Jedi-Ritter“ und zeitgemäßerem Frauenbild, doch damit hat Abrams seine Mission erfüllt: Die Fans sind beruhigt bis zur Begeisterung, Verleiher und Produzenten sowieso, es herrscht wieder Zuversicht im Universum.

Doch selbst eingefleischteste Fans müssen einräumen, dass die Weltraum-Saga noch immer eine recht altbackene Geschichte erzählt: von Gut gegen Böse, Prinzessinnen und Magie … die Zukunftstechnik ist nur Staffage für ein Märchen, wie es seit Jahrtausenden am Lagerfeuer erzählt wird. Aufregender klingt da, was Luc Besson für das Kinojahr 2017 vorhat: In Paris fiel am ­5. Januar die erste Klappe für „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“. Einen „langgehegten Traum“ erfülle er sich damit, meint der Regisseur, der mit „Das fünfte Element“ 1997 schon einen ungewöhnlicheren Science-Fiction-Film vorgestellt hatte. Sein neues Werk beruht nämlich auf der französischen Comicreihe „Valérian et Laureline“ von Jean-Claude Mézières und Pierre Christin. Die beiden Helden (gespielt von Dane DeHaan und Cara Delevingne) reisen als Spezialagenten einer friedliebenden Erde durch Raum und Zeit, um die Ordnung im gesamten Universum zu hüten. Besetzt ist der Film unter anderem mit Clive Owen, Rihanna und Ethan Hawke.

Die Grundkonstellation läßt ahnen, was die Comicreihe seit ihrem Start 1967 so außergewöhnliche machte: Mit mehr Ironie als Action verfolgten die Raum-Zeit-Agenten ihre Aufgabe und thematisierten Fragen der Zeit – Umweltzerstörung, Gleichbereichtigung, Kapitalismus, Globalisierung, Bürokratie, Pazifismus und vieles mehr. Auch damit wurden „Valerian und Veronique“ (wie die Serie auf Deutsch heißt) zum Vorbild vieler ähnlicher Fantasiewelten.

Übrigens auch der von George Lucas. Den Schöpfern von „Valerian“ waren die Anleihen bei Szenenbild, Kostümen und Charakteren schon früh aufgefallen. Der Zeichner Jean-Claude Mézières (der mit Besson schon an „Das fünfte Element“ gearbeitet hatte) sei wütend gewesen, als er 1977 den ersten Film sah. Anfragen bei Lucas blieben unbeantwortet, aber im Laufe der Zeit sei herausgekommen, daß etliche im Szenenbildteam, darunter „auch einige Franzosen“, eine Sammlung der „Valerian“-Comics hatten, berichtet die Website nothingbutcomics.net im Dezember.

Von Flash Gordon bis Akira Kurosawa ­reichen die Inspirationen für George ­Lucas’ „Krieg der Sterne“. Am deutlichsten zeigt sich aber der Einfluß von „Valerian und Veronique“. Eine Karikatur (oben) bringt Comic und Film zusammen. | Foto © Dargaud

Seinem Unmut ließ Mézières auf seine eigene Weise Luft. Nachdem er alle drei Teile der Originalstaffel gesehen und damit einen guten Überblick hatte, was er alles »inspiriert« hatte, veröffentlichte er im französichen Comicmagazin Pilot ein einziges Bild: In einer Bar, die der Star-Wars-Cantina ähnelt, sitzen Prinzessin Leia und Luke Skywalker an einem Tisch Valérian und Veronique/Laureline gegenüber. Leia: „Seltsam, euch hier zu treffen.“ Laureline: „Oh, wir sind hier schon eine ganze Weile.“

Der Texter Pierre Christin gibt sich diplomatischer: „Plagiat“ sei ein zu großes Wort, er nenne es lieber eine „Wiederbegegnung“: „Ich mochte die erste Trilogie sehr – aber das war nicht überall in der Welt der kleinen Kreise der französischen Comicszene der Fall, sei es aus ästhetischen oder politischen Gründen: Es war unter allen möglichen Aspekten zu “, schrieb er im vorigen Jahr auf der Website der Zeitschrift „Le Nouvel Observateur“. Die Ähnlichkeiten zu „Valerian“ hätten ihn aber eher zum Lachen gebracht: „Ich sah das als Hommage.“ Die großen amerikanischen Studios seien ja nicht berühmt dafür, sich für ihre „Anleihen“ zu bedanken oder zu entschuldigen. Und dann sei die Science-Fiction eh ein Genre, wo die Formen und Ideen zirkulieren: „In einem Krimi nimmt der Detektiv das Auto, um irgendwo hinzukommen. Im Western steigt der Marschall aufs Pferd. Einfach. In der Science-fiction nimmt er ein Raumschiff. Also schaut man sich die Modelle an, die so in den Comics und auf den Leinwänden im Umlauf sind, um sich inspirieren zu lassen.“ Eine kleine Erwähnung von Lucas hätte er allerdings schon nett gefunden.

Neu ist das Thema nicht. Schon 2005 beschäftigte sich ein Fachbuch mit den Parallen, eine deutsche Gesamtausgabe, die seit 2007 erscheint, zeigt sie im Anhang. Der Kinostart der „Episode VII“ und die anstehende Adaption von „Valerian“ haben die Diskussion aber wieder aufleben lassen und dank Internet weltweit verbreitet. Ausgerechnet in den USA nämlich ist die französische Comicserie erst seit kurzem erhältlich. Und so will man bei den Filmemachern auch nichts vom Vorbild aus der Alten Welt wissen: In einem Interview mit der Zeitschrift „Wired“ sagte die Kostümbildnerin Aggie Guerard Rodgers, die das Sklavinnen-Outfit für Leia in der „Rückkehr der Jedi-Ritter“ entworfen hatte, sie habe sich von den Bildern des Fantasy-Malers Frank Frazetta inspirieren lassen, nicht von Laureline/Veronique.

Tatsächlich taugen Frazettas Bilder als Vorbild. Doch die Zeichnungen von Mézières zeigen eine deutlich größere Ähnlichkeit mit den späteren Filmbildern – von der damit verbundenen Handlung ganz zu schweigen. Und die übrigen Parallelen sind zu zahlreich, um bloßer Zufall zu sein. So erinnert die ganze Diskussion fatal an die um „Avatar“. Da hatten sich die Kreativen für ihre bejubelten Fantasiewelten auch gehörig bei dem englischen Künstler Roger Dean bedient. Darauf angesprochen, stritten sie erstmal ab, seine Werke überhaupt zu kennen. Dabei hatte Dean zahlreiche Plattencover für international berühmte Musiker gestaltet.

PS: Bei der Gelegenheit sei nochmals auf Joe Nussbaums zauberhaften Kurzfilm »George Lucas in Love“ hingewiesen, der zeigt, wie das mit der Inspiration geht.

 

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cn-klappe: Die Schauspielerin Iris Berben im Gespräch

© Film- und Medienstiftung NRW

Die vorliegende cn-klappe zeigt einen Zusammenschnitt eines Gespräches Zusammenschnitt eines Gespräches im Rahmen des Film- und Kinokongress NRW mit der Schauspielerin und Preisträgerin des Herbert-Strate-Preises 2015.

Der Beitrag gliedert sich in folgende Kapitel:

Intro
Kapitel 1: Iris Berbens Weg zum Film
Kapitel 2: Die Filmbranche damals und heute
Kapitel 3: Die Schauspielerei ist ein Handwerk
Kapitel 4: Vom Sternchen zum Star & vom Kino zum Fernsehen
Kapitel 5: Die Magie des Kinos
Kapitel 6: Stagniert das deutsche Fernsehen?
Kapitel 7: Die Komödie als Krux des Schauspielers
Kapitel 8: Die gesellschaftliche Verantwortung des Einzelnen

Viel Spaß beim Anschauen: Zur cn-klappe bei casting-network

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Cinema Moralia – Folge 124: Das Panik-Orchester

The Revenant starring Leonardo DiCaprio as explorer Hugh Glass who, after a brutal bear attack, is left for dead by his own party. – © 20th Century Fox

Die Medi­en­ma­schine des Terrors – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 124. Folge

»Dass es so bleibt, ist die Kata­strophe.« – Walter Benjamin

»Die Bezeich­nung ‘Isla­mo­phobie’ hätte ohne die oft schwach­sin­nige Kompli­zen­schaft der Medien nicht diesen aber­wit­zigen Erfolg. (…) Der Islam, den die Medien ihren Konsu­menten aufti­schen, kommt notwen­di­ger­weise radikal und voll­bärtig daher. Tatsäch­lich ist das, was die großen Medien als Infor­ma­tion über den Islam ausgeben, häufig eine Karikatur. (…) Kurz gesagt, der Jour­na­list trägt dazu bei, ein Problem aufzu­bau­schen, um dann anschließend so zu tun, als wundere er sich über die Existenz und das Fort­be­stehen dieses Problems.« – CHARB, »Brief an die Heuchler – und wie sie den Rassisten in die Hände spielen«, Paris 2015 (Stuttgart 2015)
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Fragen des Jahres: Wer ist eigent­lich »wir«? Was heißt »das«? Und was meint sie mit »schaffen«?
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»So grandios, dass dieje­nigen, die sie fertig sehen, uns für wahn­sinnig halten.« So schrieb Ferdinand III. von Kastilien im Jahr 1248 in seinem Beschluss zum Bau der Kathe­drale von Sevilla. So wurde die dritt­größte Kathe­drale nach dem Petersdom und St. Pauls in nur 70 Jahren gebaut.
So muss man heran­gehen, an Kunst, an Politik, an Film. Wahn­sinnig! Wir brauchen mehr Wahnsinn!
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»Geheim­dienst warnte vor Anschlag« – auch so eine Dumm­beu­tel­schlag­zeile, die heute wieder zu lesen war und die nach jedem Anschlag mittlerer Größe hoch­ploppt. So auch heute. Irgendein Geheim­dienst hat immer irgend­etwas vorher gewusst, zumindest nach Ansicht irgend­wel­cher Medien.
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Das einzig Gute an dem Attentat von Istanbul und am Tod David Bowies in dieser Woche war die Stille danach: Für einen halben Tag war mal Ruhe mit Köln, Sylvester und den Frauen. Dann schwoll das Rauschen wieder an. Der CDU-Gene­ral­se­kretär, dessen Namen man auch nach über zwei Jahren im Amt einfach nicht kennt und der es deswegen besonders nötig hat, forderte »tausend Abschie­bungen am Tag«.
Das Schlimme daran ist nicht, dass Peter Tauber das gesagt hat. Zumindest ich erwarte nach wie vor nichts Besseres von einem Gene­ral­se­kretär der CDU, als dass er den Rechts­po­pu­listen hinter­her­läuft. Das Schlimme ist, dass davon berichtet, es nach­druckt, gesendet und damit ernst genommen wird. Das Schlimme ist die Energie, die damit draufgeht, von Jour­na­listen und in den Redak­tionen, der Platz in Zeitungen, die Sende­mi­nuten in Radio und Fernsehen, die anderem fehlen, das es mehr verdient hätte. Das Schlimme ist die Verkom­men­heit und der Dilet­tan­tismus von Medien, die von der »Vierten Gewalt« zu Sound­ver­s­tär­kern verkommen sind.
»Tausend Abschie­bungen pro Tag« – wieviel Selbst­ver­ach­tung muss ein Politiker haben, bevor er so etwas öffent­lich von sich gibt? Aber wieviel Selbst­ver­ach­tung brauchen erst Jour­na­listen und ihre Medien, um den Stuss noch zu beachten? Weiterlesen

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»Das Zurück­wei­chen vor einer verschwin­dend geringen Minder­heit, die nur sich selbst vertritt, zeigt ihre Macht. Die Radikalen entmün­digen den Islam und jeder meint, sie hätten Recht. Der Islam besteht also nicht mehr aus Millionen von Gläubigen, die niemandem auf den Wecker gehen, ob sie nun ihre Religion prak­ti­zieren oder nicht, sondern er besteht aus einer Handvoll laut­starker Hetzer. Schuld daran sind nicht die Muslime, sondern die bürger­li­chen Dummköpfe, die sich verkrie­chen, weil ihnen die Vorstel­lung, die sie sich von den Muslimen machen, Angst einflößt.
(…) Bedeu­tende Intel­lek­tu­elle voller Angst, alte Moral­apostel und schwach­sin­nige Jour­na­listen fragen sich allen Ernstes, ob die Veröf­fent­li­chung der Kari­ka­turen Mohammeds ‘im gegen­wär­tigen Kontext’ ange­bracht war. (…) Die Selbst­zensur ist auf dem Weg, zu einer hohen Kunst zu werden.« – CHARB, »Brief an die Heuchler«

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Die Golden Globes sind die ersten großen Film­preise eines neuen Filmjahrs. Alljähr­lich im Januar vergibt die »Hollywood Foreign Press Asso­cia­tion«, also die Verei­ni­gung der in Hollywood ansäs­sigen Auslands­film­presse, seit 1944 diese Preise in nicht weniger als 26 Kate­go­rien. Die Golden Globes werden auch deshalb mit Spannung erwartet, weil sie immer auch als Oscar-Barometer gelten.
Das Sympa­thi­sche am Golden Globe ist, dass die Preise von einer über­schau­baren Gruppe von unab­hän­gigen Fach­leuten vergeben wird, von inter­na­tio­nalen Film­kri­tiker. Dass es Preise für Komödien gibt und welche fürs Fernsehen.

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Zum Wesen des wahren Aben­teuers gehört, dass es so ziemlich das Gegenteil eines Aben­teu­er­ur­laubs ist. Kein Thermomix, kein Schlaf­sack im »Black Canyon«- oder »Mumien«-Schnitt, auch kein Hage­but­tentee hilft hier der Haupt­figur des Films beim Überleben, noch nicht einmal jene Bären­tatzen, die in der Erin­ne­rung eines jeden Karl-May-Lesers in den Büchern des säch­si­schen Phan­tasten als Leib­ge­richt vom Sam Hawkins verklärt wurden, gibt es hier – jeden­falls nicht als
Abend­mahl­zeit, eher schon in die Fr… Es ist arschkalt und nahrungsarm im Herbst von South Dakota.

Das tiefere Thema von The Revenant, von dem hier die Rede ist, ist hinter­gründig sehr aktuell: Es gibt um einen Über­le­bens­kampf. Es geht darum, warum Menschen zu töten bereit sind, und wofür sie das Sterben riskieren. Es geht um die Frage, was eigent­lich war, bevor die Zivi­li­sa­tion kam. Und was ist eigent­lich, wenn sie ausein­an­der­fällt?
Iñárritus Antwort scheint klar: Es waren Rache, Hass und Gewalt, Furcht und Eigennutz. Der Film zeigt eine sinnlose Welt, eine Welt als barba­ri­sches Inferno aus Dreck und Amoral, menschen­feind­li­cher Natur und Menschen, die einander selbst zum wilden Tier werden. Warum sieht man sich das an?
Der Film macht sich wichtig damit, die primi­tiven Wurzeln der Ameri­kaner zu zeigen, und ein »kriti­scher Western« zu sein. Das kann man so sehen. Es stimmt zwar, dass sich Iñárritu mit seiner Geschichte auf das Terrain großer Klassiker begibt: Irgendwo zwischen John Fords The Searchers und Man in the Wilder­ness, zwischen Spiel mir das Lied vom Tod und Little Big Man liegt auch dieser Film. Und Western, das war schon immer und gerade auch in diesen Spät­wes­tern die Sehnsucht nach Vorges­tern, nach den Wonnen der Einfach­heit, des Barba­ri­schen, der klaren Regeln und einfachen Gefühle. Western ist Reduktion von Komple­xität.
Gut möglich also, dass The Revenant, der von der Rückkehr zu solchen einfachen Wahr­heiten handelt, von der Sehnsucht nach dem Archai­schem, nach Primi­ti­vität, nach der Natur und dem Sieg der Natur über die Zivi­li­sa­tion, vor allem ein Indiz dafür ist, dass unsere Epoche in ihrem Unter­be­wusst­sein diese Sehnsucht teilt.

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»Verkommen sind sie alle«, sagt der 70-jährige Herr mit den langen weißen Haaren am Neben­tisch, Axel Walter, Mitglied der Berliner Akademie der Künste. »Die Entpo­li­ti­sie­rung der Künste hat eine Dimension erreicht… Das rechte Zeug ist in der Mitte ange­kommen.« »Ich will sie hier nicht haben« sagt seine Gesprächs­part­nerin – während ich das hier schreibe.
Lügen­presse? Nein, das zwar nicht. Noch nicht. Aber Dumm­presse? Schon lange. Wie ernst soll man Medien eigent­lich nehmen, die so etwas ernst nehmen? Die es nicht entweder kalt igno­rieren, oder kühl konternd in einen Zusam­men­hang stellen. Also anmerken, dass diese Zahl ernst­ge­nommen auf 365.000 Abschie­bungen pro Jahr hinaus­liefe. 2014 wurden gerade 10.000 Menschen abge­schoben.

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Die erste Frage ist bereits die, ob man auf das Phänomen der Lügen­presse-Vorwürfe überhaupt reagieren muss? Eigent­lich nicht. Aber wohl schon, denn diese Vorwürfe gegen die Medien sind eines der belieb­testen Medien-Themen des vergan­genen Jahres.
So münzen die Medien das für sie ungüns­tige Phänomen des de facto schwin­denden Vertrauen großer Teile des klassisch-bürger­li­chen Publikums in die Bericht­erstat­tung der Qualitäts­me­dien.

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Über 200 Algerier wurden 1962 in Paris von der Polizei totge­schlagen und in die Seine gekippt. War das die europäi­sche Kultur? Oder die christ­liche?

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Wer wie ich seit bald 20 Jahren die Entwick­lung von Fernsehen, Print und Hörfunk beob­achtet und die Verän­de­rungen, die die Digi­ta­li­sie­rung mit sich bringt, der hat schon drei Medi­en­krisen erlebt. Die letzte, die 2008 begann, dauert noch an. Die Pres­se­kon­zen­tra­tion nimmt zu, die Meinungs­viel­falt nimmt ab. Man erlebt den Stel­len­abbau in den Redak­tionen bei gleich­zei­tiger Arbeits­ver­dich­tung. Statt Recherche gibt es einen Trend zum Herden­jour­na­lismus. Gerade jetzt
wieder sind extreme Einsei­tig­keiten und durch Vorur­teile beein­flusste, blind gewordene Bericht­erstat­tung zu konsta­tieren.

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»Wir haben in der Sozi­al­for­schung inter­es­sante Studien, gute Studien, die sagen: Diese Akade­miker, die zum Teil aus mittel­inken Eltern­häu­sern der 68er herkommen und jetzt plötzlich in Wohl­stands­be­rufe des wissen­schaft­li­chen, des kultu­rellen Sektors hinein­wachsen, wie zum Beispiel die Jour­na­listen. Die haben eine sehr starke, neue, besitz­bür­ger­liche, besitz­stands­wah­rende, aufstiegs­ori­en­tierte Menta­lität, eine große Verach­tung gegenüber allem was links, oder mittel­inks ist. Das langweilt die, das ödet die an. Und deswegen kann man sagen, dass syste­ma­tisch eigent­lich die mittel­inken Themen – Ungleich­heit, Wirt­schafts­macht, Ausge­grenzt­sein – aus den Medien raus ist, aus deren Weltbild. Nur ab und zu kommt so ein Hype – da gibt’s dann mal im Feuil­leton so eine Kapi­ta­lis­mus­de­batte, die bleibt aber kulturell. Aber im normalen Weltbild kommen eben Sozi­al­leis­tungen, worauf die Bürger einen Rechts­an­spruch haben, als soziale ‘Wohltaten’ in dieser Sprache rüber. Da wird eine bestimmte Sicht der Welt verbreitet, die eigent­lich sehr besitz­bür­ger­lich geprägt ist.« – Thomas Meyer, emeri­tierter Poli­tik­pro­fessor und Mitglied der Grund­wer­te­kom­mis­sion der SPD.

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Die Medien sagen dann, man dürfe den Leser nicht unter­schätzen. Echt? Die Deutschen kümmern sich um kalo­ri­en­armes Esssen, um korrekte Glüh­birnen, Müll­tren­nung und Rauch­verbot, aber nicht um Menschen­rechte außer den eigenen, und nicht um ihre Neonazis. Nur 5,3 Millionen Menschen in Deutsch­land bezeichnen sich als Vege­ta­rier oder als »Menschen, die wenig Fleisch essen«, etwa 2 Millionen davon leben in Berlin. Aber 47 % der ZEIT Leser behaupten (Ausgabe vom 17.12.15), man dürfe Tiere nicht essen. 37 % meinten auch, das Regen­würmer ein Bewusst­sein haben. Sogar 77 % der gleichen Gruppe behauptet allen Ernstes, das Mäuse ein Ich-Bewußt­sein hätten. Zugegeben: Es handelt sich um frei­wil­lige Teil­nehmer an einer ZEIT-online-Umfrage, also primär verren­tete Akade­miker mit viel zu viel Zeit.

+ + +

Die an der Realität vorbei­schram­menden neuen Trans­pa­renz­ge­setze der Sender und Medien sind auch nur ein weiteres Mittel der Selbst­ab­schaf­fung des Jour­na­lismus. Der Trans­pa­renz­wahn stärkt nicht die Unab­hän­gig­keit sondern die Abhän­gig­keit vom Sender oder Verlag und von der Gunst irgend­wel­cher Redak­teure.

+ + +

Geheime Träume für 2016: Dass die Engländer wirklich endlich aus der EU austreten. Dass Polen und Ungarn und Tschechen mitmachen. Dass Mossad oder Russen nicht nur Hamas-Führer, sondern vor allem den Moslem­bruder im Präsi­den­ten­pa­last von Ankara ausschalten.

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Vorsicht: Miss­trauen ist geboten, wenn ausge­rechnet der »Bund der deutschen Industrie« die Flücht­linge begrüßt. Ausbeuten und downsizen der Alten? Das ist hier die Frage.

+ + +

Das Blog-Projekt der FAZ über Flücht­linge heißt »Hier. Und jetzt?«

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Die FAZ, unter anderem Kader­schmiede für AfD-Politiker – Alexander Gauland, Konrad Adam, aber auch Karl Feldmeyer sind lang­jäh­rige FAZ-Autoren bzw. Redak­teure – hat neuer­dings pro Ausgabe hat die FAZ neuer­dings auch einen Pegida-Panik-Artikel im Blatt. Da heißt es dann zum Beispiel: »Dänemark macht die Grenze zu Deutsch­land dicht«, wenn die Dänen de facto nur Grenz­kon­trollen einge­führt haben. Derweil wird Erdogan das neue Vorbild für Europa, nach dem Motto: Wenn die Türken nicht der EU beitreten dürfen, dann tritt Europa halt der Türkei bei.

+ + +

Der FFF Bayern hat seine Richt­li­nien erneuert. Mit rund 32 Mio. unter­s­tützte der FFF neue Projekte. 16,7 Mio. Zuschauer sahen FFF-geför­derte Filme im Kino. Fünf geför­derte Filme wurden Besu­cher­mil­lionäre. Aber was für Filme: Fack ju Göhte 2 war mit 7,6 Mio. Besuchern sogar der erfolg­reichste deutsche Film des Jahr­zehnts. Die Komödie Der Nanny sahen 1,7 Mio., Ostwind 2 1,2 Mio. und Fünf Freunde 4 1,03 Mio. Besucher im Kino.
Neue europäi­sche Regu­la­rien haben eine Verän­de­rung der FFF-Förder­richt­li­nien notwendig gemacht. Gleich­zeitig wurden diese inhalt­lich fort­ent­wi­ckelt. Mit den am 1. Juli 2015 in Kraft getre­tenen neuen Richt­li­nien können beim FFF auch Produ­zenten Anträge auf Dreh­buch­för­de­rung einrei­chen und Treat­ments für doku­men­ta­ri­sche Kinofilme unter­s­tützt werden. Einge­führt wurden das Slate-Funding im Bereich Projekt­ent­wick­lungs­för­de­rung und die Unter­s­tüt­zung trans­me­dialer und inno­va­tiver digitaler Erzähl­formen. Die neue Höchst­för­der­summe für die Herstel­lung von Kino­filmen beträgt 2 Mio. Euro, für die Herstel­lung von Fern­seh­filmen 600.000 Euro, für das Slate-Funding 150.000 Euro, für die Entwick­lung von Dreh­büchern 30.000 Euro.

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»Es gibt keinen athe­is­ti­schen Terro­rismus im 21. Jahr­hun­dert. Atheisten werden fast überall in der Welt verfolgt, aber keiner zerstört die Kunst­werke, die Gläubige zu Ehren Gottes geschaffen haben. Mehr noch: Diese dummen Atheisten sind oft sogar die ersten, die den Schutz der reli­giösen Stätten vor frommen Barbaren verlangen. … Also los: Nur Mut! wagt es einfach über die zu lachen, die ihr für eure Feinde haltet.« – CHARB

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»Einfach weg aus Deutsch­land!« Das müsse man den jungen Leuten raten. Mittwoch Abend, in der S-Bahn zwischen Potsdam und Berlin. Vier ältere Herr­schaften, offen­sicht­lich gut vernetzte Wissen­schaftler unter­halten sich über Verfalls­er­schei­nungen an den Univer­sitäten. Jüngere Wissen­schaftler, so ist der Tenor, hätten keine Chance, überall sei es besser, als hier, man könne jüngeren Kollegen nur raten, ins Ausland zu gehen. »Und es war eine SPD-Minis­terin, die die Gesetze verändert hat.« Als ob die SPD noch trösten könnte.
Es geht darum, dass Univer­sitäts­leiter wie ein Kauf­haus­di­rektor agieren, dass an Univer­sitäten schon Vereine gegründet werden, um vernünf­tige Entschei­dungen durch­zu­setzen, wenn die Univer­sitäts­ver­wal­tung zu viel Ärger macht, und Leute einzu­stellen, wenn es gerade Einstel­lungs­stops gibt. »Es ist doch unwürdig, dass man so tricksen muss, dass man legale Wege finden muss, um das Gesetz zu umgehen.«
Klingt wie deutsche
Film­fi­nan­zie­rung. Es ist kein Trost, dass es in anderen Kultur­be­rei­chen nicht besser ist als beim Film.

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Eine lustige Web-Site heißt »Ist der BER schon fertig?«. Die ist nicht nur für Berliner und Tegel-Fans attraktiv, sie illus­triert auch trefflich einen neuen deutschen Trend: Das Scheitern der Ankün­di­gungen.

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»Lieber stehend sterben, als auf Knien leben!« – CHARB

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Ergebnis der Umfrage zum FilmFairAward: Wie fair waren die Produktionen 2015?

Vom 1. bis 31. Dezember waren alle crew united Member aufgerufen, die Fairness Ihrer Produktionen 2015 zu bewerten. Hier das Ergebnis, wobei nur Produktionen berücksichtigt wurden, bei denen mindestens 15 Beteiligte abgestimmt haben. Das Endergebnis kann sich bei den Nominierten vom Umfrageergebnis unterscheiden, da bei diesen ab sofort eine weitere Umfrage durch ‘Die Filmschaffenden‘ stattfindet, um auch alle Beteiligten zu erreichen, die nicht bei crew united registriert sind.

Der Gewinnerproduktion und allen daran beteiligten Mitarbeitern wird die Auszeichnung während der Berlinale am 13. Februar 2016 in einem Festakt überreicht.

Note    Titel Sparte Ausführende Produktion
1.06 Polizeiruf 110 – Wölfe   NOMINIERT TV-Film (Reihe) Claussen+Putz Filmproduktion GmbH
1.29 Tatort – Das Recht sich zu sorgen   NOMINIERT TV-Film (Reihe) Claussen+Putz Filmproduktion GmbH
1.40 SMS für Dich   NOMINIERT Kinospielfilm Hellinger / Doll Filmproduktion GmbH
1.42 Radio Heimat – Damals war auch scheiße!   NOMINIERT Kinospielfilm Westside Filmproduktion GmbH
1.43 Dr. Klein (Folge 13-24)   NOMINIERT TV-Serie Bavaria Fernsehproduktion GmbH
1.45 Rico, Oskar und der Diebstahlstein   NOMINIERT Kinospielfilm Lieblingsfilm GmbH
1.50 Dora Heldt – Wind aus West mit starken Böen TV-Film (Reihe) TV60Filmproduktion GmbH
1.50 Pettersson und Findus II – Das schönste Weihnachten überhaupt Kinospielfilm Tradewind Pictures GmbH
1.52 Polizeiruf 110 – Die 5. Gewalt TV-Film (Reihe) filmpool fiction GmbH
1.57 Polizeiruf 110 – Wendemanöver TV-Mehrteiler filmpool fiction GmbH
1.57 Die Vampirschwestern 3 Kinospielfilm Claussen+Putz Filmproduktion GmbH
1.61 Club der roten Bänder (Folge 1-10) TV-Serie Bantry Bay Productions GmbH & Co. KG
1.67 SOKO Stuttgart (Folge 146-170) TV-Serie Bavaria Fernsehproduktion GmbH
1.67 Tschick Kinospielfilm Lago Film GmbH
1.67 Timm Thaler Kinospielfilm Constantin Film
1.69 Polizeiruf 110 – Und vergib uns unsere Schuld TV-Film (Reihe) Wiedemann & Berg Television GmbH & Co. KG
1.73 Einfach Rosa – Die zweite Chance TV-Film (Reihe) Wiedemann & Berg Television GmbH & Co. KG
1.74 Heute ist nicht alle Tage (Mordserie des NSU – Teil 1) TV-Film Wiedemann & Berg Television GmbH & Co. KG
1.77 Rentnercops (Folge 9-16) TV-Serie Bavaria Fernsehproduktion GmbH
1.86 Die Trapp Familie – Ein Leben für die Musik Kinospielfilm Clasart Film- und Fernsehproduktions GmbH
1.92 Smaragdgrün / Emerald Green Kinospielfilm Lieblingsfilm GmbH
1.93 Wilsberg – Mord im Supermarkt TV-Film (Reihe) Eyeworks Germany GmbH | Fiction & Film
1.94 Die Chefin (Folge 25-32) TV-Serie Network Movie Film- und Fernsehproduktion GmbH & Co. KG
2.00 Binny und der Geist TV-Serie UFA FICTION GmbH
2.00 Der Staatsanwalt (Folge 47-54) TV-Serie Novafilm Fernsehproduktion GmbH
2.00 Operation Zucker – Jagdgesellschaft TV-Film (Reihe) Wiedemann & Berg Television GmbH & Co. KG
2.00 Der Alte TV-Serie Neue Münchner Fernsehproduktion GmbH & Co.KG
2.00 Captain America – Civil War Kinospielfilm Marvel Entertainment [us]
2.00 SOKO Wismar TV-Serie Cinecentrum Berlin Film- und Fernsehproduktion GmbH
2.05 Die Stadt und die Macht (Folge 1-6) TV-Serie Real Film Berlin GmbH
2.06 Tatort – Kartenhaus TV-Film (Reihe) Bavaria Fernsehproduktion GmbH
2.07 Der mit dem Schlag TV-Film FFP New Media GmbH
2.08 Notruf Hafenkante TV-Serie Studio Hamburg FilmProduktion GmbH
2.11 Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt Kinospielfilm Wüste Film West
2.11 Der geilste Tag / Most beautiful Day Kinospielfilm Pantaleon Films GmbH
2.11 Herzensbrecher – Vater von vier Söhnen (Folge 23-34) TV-Serie Bantry Bay Productions GmbH & Co. KG
2.12 Mein Sohn Jerôme (aka Crazy Mama) TV-Film Relevant Film
2.12 Spezialisten (Folge 1-10) TV-Serie UFA FICTION GmbH
2.14 Der Kriminalist (Folge 71-78) TV-Serie H & V Entertainment GmbH
2.15 Nebel im August Kinospielfilm collina filmproduktion GmbH
2.18 Die Blumen von gestern Kinospielfilm Four Minutes
2.18 Die Rosenheim-Cops (Folge 334-362) TV-Serie Bavaria Fernsehproduktion GmbH
2.19 Die Turnschuh-Giganten TV-Film Zeitsprung Pictures GmbH
2.20 Rote Rosen TV-Serie Studio Hamburg Serienwerft Lüneburg GmbH
2.20 Bettys Diagnose (Folge 13-30) TV-Serie Network Movie Film- und Fernsehproduktion GmbH & Co. KG
2.20 Paula Kinospielfilm Pandora Film Produktion GmbH
2.21 Tatort – Borowski und die große Stille TV-Film (Reihe) Nordfilm Kiel GmbH
2.25 Taunuskrimi – Böser Wolf TV-Mehrteiler all-in-production GmbH
2.32 Großstadtrevier TV-Serie Studio Hamburg FilmProduktion GmbH
2.32 SOKO Köln (Folge 241-265) TV-Serie Network Movie Film- und Fernsehproduktion GmbH & Co. KG
2.33 Dengler – Am zwölften Tag TV-Film (Reihe) Bavaria Fernsehproduktion GmbH
2.33 Der letzte Genosse TV-Film Magic Flight Film GmbH
2.35 Bibi & Tina 3 – Mädchen gegen Jungs Kinospielfilm DCM Pictures GmbH & Co. Falkenstein KG
2.36 Schweinskopf al dente Kinospielfilm Constantin Film
2.40 A Cure For Wellness Kinospielfilm Blind Wink Productions [us]
2.42 Sibel & Max (Folge 13-24) TV-Serie neue deutsche Filmgesellschaft mbH
2.43 Einstein (Folge 1-6) TV-Serie Zeitsprung Pictures GmbH
2.43 Dolores TV-Film Schwabenlandfilm GmbH
2.43 Jeder stirbt für sich allein Kinospielfilm X Filme Creative Pool GmbH
2.44 Josephine Klick – Allein unter Cops (Folge 7-12) TV-Serie UFA FICTION GmbH
2.48 The Lake Kinospielfilm EuropaCorp [fr]
2.50 Lautloser Schrei TV-Film aspekt medienproduktion gmbh
2.54 Fack ju Göhte 2 Kinospielfilm Constantin Film
2.58 Schubert in Love – Vater werden ist nicht schwer Kinospielfilm Senator Film Produktion GmbH
2.60 Heldt (Folge 34-51) TV-Serie Sony Pictures Film und Fernseh Produktions GmbH
2.62 Fixi Kinospielfilm SamFilm GmbH
2.64 Tatort – Schwanensee TV-Film (Reihe) Molina Film GmbH & Co. KG
2.65 Homeland TV-Serie Fox 21 [us]
2.71 Helen Dorn – Die falsche Zeugin TV-Film (Reihe) Network Movie Film- und Fernsehproduktion GmbH & Co. KG
2.71 Conni und Co. Kinospielfilm Producers at Work GmbH
2.75 Letzte Spur Berlin (Folge 43-54) TV-Serie Novafilm Fernsehproduktion GmbH
2.79 Die Vierhändige Kinospielfilm Erfttal Film & Fernsehproduktion GmbH & Co. KG, Siegburg
2.79 Frauenherzen (Folge 1-6) TV-Serie Wiedemann & Berg Television GmbH & Co. KG
2.80 Helen Dorn – Amok TV-Film (Reihe) Network Movie Film- und Fernsehproduktion GmbH & Co. KG
2.80 Colonia Dignidad – Es gibt kein zurück Kinospielfilm Majestic Filmproduktion GmbH
2.80 Heiter bis tödlich – München 7 (Folge 33-38) TV-Serie Akzente Film- und Fernsehproduktion GmbH
2.83 Das Tagebuch der Anne Frank Kinospielfilm Zeitsprung Pictures GmbH
2.85 SOKO 5113 TV-Serie UFA FICTION GmbH
2.86 Von Zeit zu Zeit / From Time to Time Kinospielfilm Pandora Film Produktion GmbH
2.91 Die Zielfahnder – Flucht in die Karpaten TV-Film Wiedemann & Berg Television GmbH & Co. KG
2.95 Ku’damm 56 TV-Mehrteiler UFA FICTION GmbH
3.00 Der Lehrer (Folge 18-30) TV-Serie Sony Pictures Film und Fernseh Produktions GmbH
3.00 Heiter bis tödlich – Morden im Norden (Folge 49-56) TV-Serie neue deutsche Filmgesellschaft mbH
3.00 Alles was zählt TV-Serie UFA SERIAL DRAMA GmbH
3.05 Eddie the Eagle Kinospielfilm Marv Films [uk]
3.12 Cro – Don’t believe the Hype Kinospielfilm Mr. Brown Entertainment
3.12 Das Löwenmädchen / The Lion Woman Kinospielfilm Gifted Films
3.18 Kundschafter des Friedens Kinospielfilm Kundschafter Filmproduktion GmbH
3.20 In der Familie TV-Film UFA FICTION GmbH
3.23 Alarm für Cobra 11 – Die Autobahnpolizei TV-Serie action concept Film- und Stuntproduktion GmbH
3.23 Mein Blind Date mit dem Leben Kinospielfilm Ziegler Film GmbH & Co. KG
3.29 Das Romeo-Prinzip TV-Film Tamtam Film GmbH
3.36 Der junge Karl Marx / Le Jeune Karl Marx Kinospielfilm Rohfilm GmbH
3.40 Tatort – Hundstage TV-Film (Reihe) Carte Blanche Film GmbH
3.43 Die vierte Gewalt TV-Film Cinecentrum Berlin Film- und Fernsehproduktion GmbH
3.54 Snowden Kinospielfilm Onda Entertainment [us]
3.58 SOKO Leipzig TV-Serie UFA FICTION GmbH
3.59 Winnetou TV-Mehrteiler Rat Pack Filmproduktion GmbH
3.62 Männertag Kinospielfilm Chestnut Films GmbH & Co.KG
3.64 Die Akte General TV-Film UFA FICTION GmbH
3.69 Vorstadtrocker TV-Film Weydemann Bros. GmbH
3.79 ENTE GUT! Mädchen allein zu Haus Kinospielfilm Kevin Lee Film GmbH
3.81 Was im Leben zählt TV-Film Hager Moss Film GmbH
4.00 Tatort – Off Duty Kinospielfilm Syrreal Entertainment
4.43 Sex & Crime Kinospielfilm Weydemann Bros. GmbH

Eine eigene Auswertung der Produktionsfirmen gibt es hier zu sehen. Auch hier gilt, dass nur Firmen berücksichtigt wurden, für die mindestens 15 Stimmen abgegeben wurden:

Note    Anzahl der bewerteten Produktionen Ausführende Produktion
1.33 3 Claussen+Putz Filmproduktion GmbH
1.40 1 Hellinger / Doll Filmproduktion GmbH
1.42 1 Westside Filmproduktion GmbH
1.50 1 Tradewind Pictures GmbH
1.67 1 Lago Film GmbH
1.68 5 filmpool fiction GmbH
1.68 2 Zieglerfilm Köln GmbH
1.69 2 Tellux Film GmbH
1.70 2 Lieblingsfilm GmbH
1.83 2 Bantry Bay Productions GmbH & Co. KG
1.90 7 SWR Südwestrundfunk
2.00 2 die film gmbh
2.00 1 Neue Münchner Fernsehproduktion GmbH & Co.KG
2.00 6 TV60Filmproduktion GmbH
2.00 1 Marvel Entertainment [us]
2.03 3 Relevant Film
2.04 7 Hessischer Rundfunk
2.04 2 filmkombinat Nordost GmbH & Co. KG
2.05 23 Bavaria Fernsehproduktion GmbH
2.11 1 Wüste Film West
2.11 3 Constantin Film
2.11 1 Pantaleon Films GmbH
2.13 5 Warner Bros. ITVP Deutschland GmbH
2.14 11 Polyphon Film- und Fernseh GmbH
2.15 16 Wiedemann & Berg Television GmbH & Co. KG
2.15 3 Tivoli Film Produktion GmbH
2.15 1 collina filmproduktion GmbH
2.18 1 Four Minutes
2.18 7 Aspekt Telefilm-Produktion GmbH
2.19 2 Magic Flight Film GmbH
2.20 4 Eyeworks Germany GmbH | Fiction & Film
2.20 1 Studio Hamburg Serienwerft Lüneburg GmbH
2.21 4 Letterbox Filmproduktion GmbH
2.24 3 Nordfilm Kiel GmbH
2.27 3 Studio Hamburg FilmProduktion GmbH
2.27 3 Real Film Berlin GmbH
2.28 3 Molina Film GmbH & Co. KG
2.28 2 all-in-production GmbH
2.33 3 Roxy Film GmbH
2.33 2 Schwabenlandfilm GmbH
2.35 1 DCM Pictures GmbH & Co. Falkenstein KG
2.40 1 Blind Wink Productions [us]
2.40 28 Network Movie Film- und Fernsehproduktion GmbH & Co. KG
2.43 3 Cinecentrum Berlin Film- und Fernsehproduktion GmbH
2.48 1 EuropaCorp [fr]
2.50 3 Calypso Entertaiment GmbH
2.50 5 Novafilm Fernsehproduktion GmbH
2.50 1 aspekt medienproduktion gmbh
2.53 3 Pandora Film Produktion GmbH
2.54 6 Zeitsprung Pictures GmbH
2.56 2 Wüste Medien GmbH
2.58 1 Senator Film Produktion GmbH
2.61 4 X Filme Creative Pool GmbH
2.62 6 Saxonia Media Filmproduktionsgesellschaft mbH
2.63 2 Akzente Film- und Fernsehproduktion GmbH
2.65 1 Fox 21 [us]
2.70 11 Ziegler Film GmbH & Co. KG
2.73 2 SamFilm GmbH
2.73 2 Ariane Krampe Filmproduktion
2.74 2 AVE Gesellschaft für Fernsehproduktion mbH
2.74 12 neue deutsche Filmgesellschaft mbH
2.76 4 MOOVIE GmbH
2.79 2 Sony Pictures Film und Fernseh Produktions GmbH
2.79 2 Olga Film GmbH
2.80 1 Majestic Filmproduktion GmbH
2.82 3 action concept Film- und Stuntproduktion GmbH
2.83 6 Hager Moss Film GmbH
2.83 25 UFA FICTION GmbH
2.98 4 H & V Entertainment GmbH
3.00 2 Producers at Work GmbH
3.00 4 UFA SERIAL DRAMA GmbH
3.00 8 FFP New Media GmbH
3.00 2 Cinecentrum Hannover Film- und Fernsehproduktion GmbH
3.05 1 Marv Films [uk]
3.06 6 Zieglerfilm München GmbH
3.12 1 Mr. Brown Entertainment
3.12 1 Gifted Films
3.18 1 Kundschafter Filmproduktion GmbH
3.22 2 Rohfilm GmbH
3.23 3 Tamtam Film GmbH
3.50 3 DFFB – Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin
3.52 2 Syrreal Entertainment
3.54 1 Onda Entertainment [us]
3.56 2 Carte Blanche Film GmbH
3.59 1 Rat Pack Filmproduktion GmbH
3.60 2 enigma film GmbH
3.62 1 Chestnut Films GmbH & Co.KG
4.03 2 Weydemann Bros. GmbH
4.04 3 Askania Media Filmproduktion GmbH

Die Bewertungskriterien waren:

Arbeitszeiten und Arbeitsschutz
Die Arbeits-, Pausen, -Ruhe und Reisezeiten werden team- und familienfreundlich
gestaltet. Das Arbeitszeitgesetz, die Regelungen der Tarifverträge zur
Arbeitszeit und die Arbeitsschutzgesetze und -Vorschriften werden eingehalten.

Vertrag, Gagen und Entgelte
Der Vertrag wird rechtzeitig und persönlich verhandelt und die wichtigsten
Eckdaten werden umgehend schriftlich (Dealmemo) festgehalten und ausgehändigt.
Der endgültige Arbeitsvertrag liegt möglichst noch vor Arbeitsbeginn vor.
Es werden mindestens Tarifgagen gezahlt, die tarifvertraglichen Regelungen
werden als Mindeststandards eingehalten. Leistungen von Freischaffenden,
Dienstleistern und Filmschaffenden, für deren Beruf es noch keinen
Gagentarifvertrag gibt, werden nach branchenüblichen Standards entlohnt.
Kreativität wird angemessen honoriert. Urheber- und Leistungsschutzrechte
bleiben gewahrt. Gagen und Entgelte werden pünktlich ausgezahlt.

Kommunikation und Arbeitsklima
Das Arbeitsklima ist geprägt von der gemeinsamen Anstrengung, das bestmögliche
Ergebnis zu erreichen. Die Kommunikation zwischen Gewerken und Hierarchien
ist ergebnisorientiert, gewaltfrei, offen, motivierend, respektvoll,
funktional und strukturiert. Jeder Projektbeteiligte trägt seinen “wichtigen”
Teil zum Ganzen bei und wird dafür wertgeschätzt. Eine angemessene Versorgung
mit Essen, Trinken, evtl. Wärmekleidung, Schutzkleidung usw. wird unaufgefordert
gewährleistet.

Professionalität
Das Filmprojekt wird unter Berücksichtigung der finanziellen, organisatorischen
und gesetzlichen Möglichkeiten und Grenzen fachmännisch geplant, vorbereitet,
gestaltet und durchgeführt. Dazu kommt professionelles Personal zum Einsatz,
reguläre Positionen werden nicht durch Praktikanten besetzt.

Konflikte
Konflikte werden zeitnah, direkt und zielorientiert im Sinne des Projekts
gelöst. Entscheidungen, die das gesamte Team betreffen (z.B. unerwarteter
Überstundenfall) werden nicht nur mit Teilen des Teams besprochen.

Gleichbehandlung
Projektpersonal, Dienstleister und weitere Ressourcen werden nach Qualifikation
und ökonomischer Notwendigkeit ausgewählt und eingesetzt. Eine Diskriminierung
aufgrund Herkunft, Geschlecht, Sexualität oder Religion findet nicht statt.

 

 

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Schein oder wirklich? Die Selbständigkeit der Kreativ-Departments in der unabhängigen Filmproduktion

„Steenbeck flatbed 16mm ST 921 (6498659541)“ von DRs Kulturarvsprojekt from Copenhagen, Danmark – Steenbeck flatbed 16mm ST 921Uploaded by palnatoke. Lizenziert unter CC BY-SA 2.0 über Wikimedia Commons

Zur Klärung dieses mittlerweile bei vielen Selbständigen vergällten Themas des eigenen „Status“ und zur sozialen Absicherung derjenigen, die – zur Einsparung von Sozialabgaben in eine Selbständigkeit gedrängt werden, obwohl sie abhängig Beschäftige sind – dafür gibt es das Statusfeststellungsverfahren.

Fast jeden freien Editor, oft seit den 90er-Jahren selbständig – als noch der Befreiungsschein von der Rentenversicherungspflicht durch die damalige BfA (heute Deutsche Rentenversicherung Bund) die Selbständigkeit bestätigte, insbesondere Kameraleute, die auf Rechnung arbeiten, aber auch Maskenbildner und zunehmend alle weiteren kreativen Departments trifft es.
Aus Angst vor den Betriebsprüfungen der Rentenversicherungsträger tendieren immer mehr Produktionen dazu, die Durchführung des Statusfeststellungsverfahren von Rechnungsstellern zu verlangen. Leider geht es (teilweise regional) so weit, dass unabhängige Produktionsfirmen von vornherein grundsätzlich nur noch befristete Anstellungen für Rechnungssteller anbieten. Diese Entwicklung kann jedoch nicht die Lösung sein, denn sie geht allein zu Lasten derjenigen, die sich aus Überzeugung für eine selbständige Tätigkeit als Film- und Kulturschaffender auf dem freien Markt entschieden haben. Für den Nachwuchs kann das künftig bedeuten, dass es keine Selbständigkeit mehr als Editor, Kamerafrau/-mann, Masken- , Kostüm- oder auch Szenenbildner geben wird. Ob das gut oder schlecht ist hängt wiederum von entsprechenden (derzeit nicht branchengerechten) Regelungen im Sozialgesetzbuch ab, die alle nicht-„schöpferischen“, weisungsgebundenen Filmschaffende nur zu gut kennen und Arbeitslosen- und ggf. gesetzliche Rentenansprüche trotz unsteter, befristeter Beschäftigung regeln.
Langfristig können hier nur entsprechend sachgerechte Vereinbarungen der Spitzenverbände Lösungen bringen – mittelfristig kann jedoch nur durch eine gefestigte Rechtsprechung mehr Rechtssicherheit erlangt werden, die Einfluss auf entsprechende politische Entscheidungen haben kann – und die gibt es bisher leider nur vereinzelt und scheint (beiderseits) vermieden zu werden.

Was ist das Statusfeststellungsverfahren?
Durch das Gesetz zur Förderung der Selbständigkeit hat der Gesetzgeber in § 7a SGB IV das sogenannte Anfrage- oder auch Statusfeststellungsverfahren eingeführt. Das Verfahren dient der Klärung des sozialversicherungsrechtlichen Status oder anders, ob eine Versicherungspflicht in den einzelnen Zweigen der Sozialversicherung (Kranken-, Renten-, Arbeitslosen- und Pflegeversicherung) besteht.
Die Richtigkeit der Beitragszahlungen und der Meldepflichten – auch zur Künstlersozialabgabe wird bei den Arbeitgebern im Rahmen der Betriebsprüfung nach § 28p SGB IV mindestens alle vier Jahre überprüft.
Das gesetzgeberische Anliegen zur Einführung des Antragsverfahrens war vor allem die Verhinderung der „Scheinselbständigkeit“. Mittlerweile scheint es allerdings auch der Bekämpfung von Selbständigkeit innerhalb des Filmsektors zu dienen. Hier kämpfen nämlich nicht mehr nur scheinselbständige freie Mitarbeiter um ihre soziale Absicherung, sondern die DRV auch um die Beiträge von seit Jahren Selbständigen. Weiterlesen

Für die betroffenen selbständigen Filmschaffenden ist das zunehmende Drängen in eine abhängige Beschäftigung und die Zahlung der entsprechende Beiträge in die Arbeitslosen- und Rentenversicherung „verbranntes“ Geld, denn es bestehen oft bereits seit Jahren private Modelle zur Altersvorsorge. Zur Überbrückung von Zeiten mit schlechter Auftragslage fehlen dann die für den Arbeitslosenanspruch notwendigen Tage.
Das eigentliche Ziel, nämlich eine schnelle und unkomplizierte Klärung der Statusfrage und die divergierende Entscheidungen der verschiedenen Sozialversicherungsträger zu vermeiden, scheitert an den oft unzureichenden Kenntnissen der DRV über die Gegebenheiten der Filmproduktion, das pauschale undifferenzierte Bewerten von Berufsbildern vorbei an den tatsächlichen Verhältnissen der Filmbranche, die nur nach außen glänzt.



Die fünf wichtigsten Fragen zum Statusfeststellungsverfahren

1. Wer muss beziehungsweise sollte es durchführen?
Innerhalb der Filmbranche sind vor allem die Berufsgruppen betroffen, die nicht vom Abgrenzungskatalog der Spitzenverbände für den Bereich Theater, Orchester, Rundfunk- und Fernsehanbieter, Film- und Fernsehproduktionen tätige Personen vom 05.07.2005 erfasst sind. Zu nennen sind derzeit vor allem Kameraleute, deren Status höchst umstritten ist wie auch Editoren, es kann aber auch Maskenbilder und Tonmeister betreffen. Alle diejenigen Berufsgruppen, die nach den Abgrenzungskatalog der KSK – Künstersozialversicherung sowohl selbständig als auch abhängig beschäftigt sein können.
Entscheidend für das Vorliegen der selbständigen Tätigkeit ist dabei der eigenschöpferische Anteil der Leistung.

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cn-kolumne: Ein Jahr deska Deutsche Schauspielkasse – Heinrich Schafmeister im Interview

Heinrich Schafmeister | CREDIT: Steffi Henn

Über Heinrich Schafmeister
Statt eines „personalisierten“ Steckbriefes haben wir Heinrich Schafmeister ein paar Fragen zu seiner Person gestellt, um Euch ein lebhaftes Bild unseres Interviewpartners vermitteln zu können:

Deine eigentliche Leidenschaft galt dank der „Beatles“ der Musik, wie kam es dann trotzdem zum Abbruch des Musikstudiums und der Berufswahl Schauspieler?
Das war Ende der Siebziger: Ich zog schon seit Jahren mit Bands umher und machte Straßenmusik. Meine damalige Freundin brachte mich auf die Idee, mein Treiben durch eine künstlerische Ausbildung zu fundieren. Da ich damals gerade mit Piet Klocke und anderen Freunden in einer Rocktheaterband spielte und wusste, dass ich für ein Klavierstudium nicht virtuos genug sein würde, habe ich mich zur Schauspielaufnahmeprüfung an der Folkwang-Schule angemeldet. Womit ich nicht gerechnet hatte: Die haben mich aufgenommen. Und so bin ich auf die „schiefe Bahn“ der Schauspielerei geraten. Ich bin nicht unglücklich darüber! Weiterlesen

Was bedeutet es für Dich Schauspieler zu sein?
Das ist so ähnlich wie mit der Musik: Ich will Leute bewegen – zum Lachen, zum Weinen, im Kopf, im Herzen und im Handeln.

Dein Vater war Richter der Sozialgerichtsbarkeit. Würdest Du sagen, dass dies im Bereich „soziales Engagement“ positiv auf Dich abgefärbt hat?
Sagen wir, ich bin familiär „belastet“ und geprägt durch meine Heimat. Ich war noch nicht in der Schule, da wurde ich schon durch meinen Vater mit sozialrechtlichen Dingen konfrontiert. Aber mindestens so entscheidend für meine Entwicklung war meine Herkunft, das Ruhrgebiet. Da wird man geerdet und lernt zusammenzuhalten.

Wie bist du zum BFFS gekommen?
Mein Freund, Michael Brandner, hatte die – aus meiner damaligen Sicht – durchgeknallte Idee, endlich einen wirkungsmächtigen Schauspielverband zu gründen, weil es den eben in Deutschland nicht gab. Ich habe ihm damals vorgehalten: „Bei aller Liebe, Du kriegst doch nicht einmal sieben Schauspieler in ein und dieselbe Kneipe, wie willst Du denn sieben Leute zum Notar führen? Die brauchst Du nämlich, um einen Verein zu gründen.“ Michael war sauer über meine Besserwisserei, ging in eine Kneipe, holte dort sieben Schauspielerinnen und Schauspieler raus und schleppte sie zum Notar – fertig. Ein paar Tage nach der Gründung waren wir schon mehrere hundert Leute und die erste Vorstandswahl stand an. Ich ging sicherheitshalber aufs Klo, hatte aber nicht mit Michaels zweitem Streich gerechnet. Als ich zurückkam, war ich – in Abwesenheit – zum Schatzmeister gewählt worden. Ich hätte ja nun ablehnen können, aber Leonard Lansink, mein anderer Freund, machte mir mit ein paar liebbösen Worten klar, dass ich jetzt nicht kneifen dürfe. Und schon war ich drin, im aufregenden Abenteuer, dem buntfröhlichen Haufen von Schauspielerinnen und Schauspielern zu Gestaltungsmacht und -einfluss zu verhelfen.

Bleibt mit der ehrenamtlichen Arbeit für den BFFS noch genug Zeit fürs Schauspiel?
Ich stecke gerade in Vorbereitungen für ein neues Bühnenstück. Die Schauspielerei macht mir nicht nur Spaß und ist mein Beruf. Ich brauche sie auch als Vorstandsmitglied, um aus „berufenem“ Mund mich für die Probleme und Interessen meiner Kolleginnen und Kollegen einsetzen zu können. Und ich gebe zu: Wenn ich zwischen- durch drehe oder Theater spiele und mich ganz auf die Schauspielarbeit konzentrieren darf, ist das fast wie Urlaub für mich.

Fragen zur deska Deutsche Schauspielkasse:

Die deska Deutsche Schauspielkasse wird jetzt ein Jahr alt. Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, sie zu gründen?
Not macht erfinderisch! Als BFFS und ver.di 2010 anfingen, mit der Produzentenallianz übertarifliche Kinoerlösbeteiligungen zu verhandeln, stellte unser Gegenüber sehr früh eine Vorbedingung: Mit der Organisation und den Kosten der Verteilung an die unterschiedlichen Kreativen wollten sie nichts am Hut haben. Ich fragte mich: „Aha, und wer dann?“ Angesichts der riesigen grundsätzlichen Probleme und Streitpunkte, die damals bei den Verhandlungen zunächst im Vordergrund standen, stieß ich mit meiner nachgelagerten Frage bei den anderen Beteiligten zunächst auf wenig Gehör. „Das wird sich am Ende schon fügen“, dachten viele – ja, von wegen! Spätestens Ende 2012 zeichnete sich ab, dass auch ProSiebenSat.1 eine Vereinbarung über Folgevergütungen nur beschließen würde, wenn unsere Seite dem Sender das Problem der Verteilung abnimmt. Ab da war klar: Wir brauchen eine Institution wie die deska Deutsche Schauspielkasse.

Könntest Du das Konzept der Deutschen Schauspielkasse einmal „Für Dummies“ erklären?
Der BFFS handelt mit Sendern bzw. Produzenten für Schauspielerinnen und Schauspieler, die in erfolgreichen Filmen mitwirken, urheberrechtlich begründete Folgevergütungen aus. So was hat es vorher nicht gegeben. Das geschieht entweder in Form von Tarifverträgen wie bei den Kinoerlösbeteiligungen mit der Produzentenallianz oder auf Basis sogenannter „Gemeinsamer Vergütungsregeln“ mit Sendern wie mit ProSiebenSat.1.

Zwei Bedingungen werden dabei immer gleich sein:

Erstens werden diese Verträge – gerade wenn sie Schauspielerinnen und Schauspieler betreffen – stets Gesamtbeteiligungen vorsehen, die dann streng nach den Verteilregeln der jeweiligen Vereinbarungen an die Einzelnen aufgeteilt werden müssen.

Zweitens wird sich kein Filmhersteller bzw. Sender je darauf einlassen, diese Verteilung hausintern durchzuführen. Sie ist umfangreich, lässt sich nicht nebenher erledigen und würde zu erheblichem Personalaufwand führen. Daher die Notwendigkeit der Deutschen Schauspielkasse.

Was bedeutet das im Einzelnen, und welche Schwierigkeiten gibt es?
Jede Verteilung begünstigt circa 20 bis 40 Schauspielerinnen und Schauspieler. Ihre Anteile richten sich nach der Größe der Rollen, die wiederum anhand der jeweiligen Drehtage berechnet werden. Fehlen diese Drehtagangaben – und das betrifft bei ProSiebenSat.1 zurzeit 96 Prozent der Fälle – müssen die Filme gesichtet und die Präsenz aller Rollen gemessen werden.

Müssen hier wieder die Schauspieler die Daten einspeisen?
Nein! Das liegt in der Verantwortung der Verteilstelle. Diese holt die Informationen von den Sendern bzw. Produzenten ein, berechnet die Anteile und bietet den Berechtigten die Folgevergütungen an. Dazu müssen, weil oft exakte Besetzungslisten fehlen, viele der Schauspielerinnen und Schauspieler identifiziert und ihre Kontakt- und Bankdaten recherchiert werden, welche permanent wechseln. Alle Berechtigten werden einzeln angeschrieben und um ihre Einwilligung zum Verteilungsprozedere gebeten. Manche der Berechtigten sind im Ausland, haben den Namen gewechselt oder sind bereits verstorben. Der Teufel steckt im Detail!

Können das nicht die Verwertungsgesellschaften machen?
Offenbar nicht. Die VG Bild-Kunst lehnt die Übernahme der Verteilung der tariflichen Kinoerlösbeteiligung für den Kreis der Regie-, Kamera-, Filmeditorleute etc. ab. Das Hauptgeschäft von Verwertungsgesellschaften ist, die Zweitverwertungsrechte ihrer Mitglieder wahrzunehmen. Dazu beschließen sie in Eigenregie Verteilungspläne. Nun möchten sie nicht im Nebengeschäft Verteilungen abwickeln, die von externen Tarifverträgen bzw. gemeinsamen Vergütungsregeln bestimmt werden und zwangsläufig von ihren eigenen Plänen abweichen. Die VG Bild-Kunst fürchtet, dass dies bei ihr intern Ärger verursachen könnte.

Hat die Deutsche Schauspielkasse diesen Interessenkonflikt nicht?
Nein, denn sie ist keine Verwertungsgesellschaft, sie nimmt keine Rechte wahr, hat keine Mitglieder und macht keine Verteilungspläne. Sie wurde vom BFFS als reiner Dienstleister ins Leben gerufen. Sie steht im Dienst der Tarifverträge bzw. gemeinsamer Vergütungsregeln, die der BFFS aushandelt, und muss die Verteilung streng nach den Bestimmungen dieser Vertragswerke vornehmen. Bei dieser Aufgabe hat die Deutsche Schauspielkasse keinen eigenen Ermessensspielraum.

Bei der Deutschen Schauspielkasse rechnet Ihr ja nicht nur die Erlösbeteiligung aktueller, sondern auch von vergangenen Produktionen aus – wie groß ist der Altlasten-Stapel?
Ja, bei ProSiebenSat.1 konnten wir vom BFFS durchsetzen, dass auch Folgevergütungen für erfolgreiche Filme, Reihen- und Serienepisoden gezahlt werden, die vor Vertragsschluss am 1. Juli 2013 entstanden sind – die sogenannten „Altfälle“. Es handelt sich dabei um circa 550 Produktionen, für die insgesamt knapp vier Millionen Euro an die Schauspielerinnen und Schauspieler verteilt werden müssen. Knapp zwei Millionen davon hat die Deutsche Schauspielkasse bereits bis Ende Oktober 2015 abgewickelt.

Muss man beim BFFS Mitglied sein, um den Service der Deutschen Schauspielkasse in Anspruch zu nehmen oder kümmert Ihr Euch um jeden Schauspieler?
Alle mitwirkenden Schauspielerinnen und Schauspieler werden begünstigt – unabhängig davon, ob sie beim BFFS Mitglied sind. Dies gilt sowohl für den Kinoerlösbeteiligungstarifvertrag als auch die gemeinsamen Vergütungsregeln mit ProSiebenSat.1. Aber ich will den zunehmenden Unmut nicht verschweigen. Viele BFFS Leute fragen: Warum sollen wir Mitgliedsbeiträge für die Durchsetzung von Folgevergütungen zahlen, von denen dann auch Nichtmitglieder profitieren können? Wir nehmen diese Kritik sehr ernst. Allerdings gebe ich zu bedenken, dass Gewerkschaften wie der BFFS ihre Aufgabe gerade darin sehen, allgemeine Branchenstandards zu setzen. Wer politisch gestalten will, muss sich auch zugunsten Dritter engagieren. Der BFFS tut das. Außerdem sind durch diese Erfolge viele überzeugt worden, dem BFFS beizutreten.

Wie trägt sich die Deutsche Schauspielkasse finanziell und personell?
Die deska hat einen kleinen Mitarbeiterstab: Einschließlich der beiden Geschäftsführer arbeiten sechs Leute für die deska. Der BFFS hat darauf bestanden, dass der Sender sich an den Verwaltungskosten beteiligt. Den anderen Teil der Verwaltungsaufwendungen tragen die Berechtigten. Das sind 13,75 Prozent ihrer Beteiligung. Zum Vergleich: Die GEMA z. B. hat 400 Mal größere Verteilmassen im Jahr und zweigt davon über 15 Prozent für ihre Verwaltung ab. Ich sage das nur, um Missverständnisse zu vermeiden.

Was für Missverständnisse meinst Du?
Zum einen schmälert die Beteiligung der Sender an den Verwaltungskosten nicht die Schauspiel-Ausschüttungssumme. Sie stehen der Berufsgruppen Regie und Drehbuch in nichts nach. Zum anderen, müssen keine Mitgliedsbeiträge zur Finanzierung unserer Tochtergesellschaften – Deutsche Schauspielerpreis GmbH und deska Deutsche Schauspielkasse GmbH – herhalten. Hierfür fühle ich mich persönlich verantwortlich. Umgekehrt fließen auch keine Schauspielkassen-Gelder zum BFFS. Aber natürlich nutzen wir Synergieeffekte. Wäre die deska keine Tochtergesellschaft des BFFS, würde die Verteilung natürlich mehr Kosten verursachen.

Bekommst Du ein monetäres Honorar?
Na klar, diese Arbeit kann ja nicht gratis sein. Dafür hat auch die BFFS-Mitgliederversammlung plädiert: Die Angestellten unserer Tochtergesellschaft sollen nicht aus einem falsch verstandenen Wohltätigkeitsgefühl heraus ausgebeutet werden. Das gilt auch für mich. Mein Posten als Vorstand der deska-Geschäftsführung ist nicht Bestandteil meiner ehrenamtlichen BFFS-Vorstandstätigkeit.

Was sind die akuten Ziele des BFFS und der Deutschen Schauspielkasse?
Der BFFS ist mit Höchstdampf dabei, weitere Folgevergütungsverträge auszuhandeln – mit RTL und mit den ARD-Sendern, dort sind wir insbesondere mit dem BR intensiv im Gespräch. Mit ProSiebenSat.1 reden wir schon über eine Erweiterung der bestehenden Vereinbarung. Wir wollen unbedingt auch fiktionale Comedy-Formate einbeziehen. Diese Ziele wären ohne die Deutsche Schauspielkasse unerreichbar, darum hat ihr Aufbau und ihre Zukunftsfähigkeit absolute Priorität. Zurzeit wird noch der Berg der Altfälle abgewickelt. Wir müssen die deska so ausrüsten, dass sie auch in solchen Zeiten zuverlässig weiterarbeiten kann, wenn dieser Berg abgetragen ist. Wenn weniger Erlösbeteiligungen zur Auszahlung anstehen und folglich weniger Verwaltungsgebühren eingenommen werden.

Wie ist das Feedback, dass Ihr von Seiten der Schauspielergemeinschaft bekommt?
Formal läuft das ja so ab: Nur wenn die oder der Berechtigte die Einwilligung gibt, mit dem ganzen Verteilprozedere einverstanden zu sein, wird die Beteiligung an sie oder ihn ausgezahlt. Bisher hat niemand abgelehnt. Das ist natürlich erfreulich – wenn auch wenig verwunderlich. Darüber hinaus bewegen sich die Reaktionen der berechtigten Schauspielerinnen und Schauspieler zwischen freudiger Überraschung und großer Dankbarkeit. Wir erhalten Waschkörbe voll herzlicher E-Mails und Briefe. Das motiviert uns sehr, auf diesem Wege fortzufahren. Es gibt auch Leute, die ihren Geldsegen erst für einen dummen Scherz halten. Die kaum glauben können, dass die Buyout-Gagen-Praxis zumindest bei ProSiebenSat.1 tatsächlich beendet ist.

Was möchtest Du Deinen Schauspielkollegen für die Zukunft mit auf den Weg geben?
Ich möchte ihnen Mut machen. Ich sage immer: „Wir haben den schönsten Beruf der Welt, den man aber nicht weiterempfehlen kann.“ Letzteres ist so, weil wir Schauspielerinnen und Schauspieler uns allzu lange nicht wirkungsvoll zusammengeschlossen hatten. Soziale und wirtschaftliche Rahmenbedingungen sind ohne unseren Einfluss gewuchert – und lassen uns im Stich. Seit Gründung des BFFS hat sich aber das Blatt endlich gewendet.

Wir haben zwar noch einen langen Weg vor uns – die amerikanische SAG hat für ihre Erfolge auch immerhin 80 Jahre gebraucht – aber der Anfang ist gemacht. Der BFFS ist in kurzer Zeit zum mitgliedsstärksten Berufsverband der Film- und Fernsehbranche herangewachsen. Er arbeitet eng mit dem anderen Schauspielverband, dem Synchronschauspielverband (IVS) zusammen. Der BFFS pflegt seine Partnerschaft zu ver.di und den anderen Filmschaffenden-Verbänden. Das alles macht den BFFS so „sozial mächtig“, dass er als einziger Berufsverband in unserer Branche Tarifverträge abschließen kann. Damit haben wir uns zur Gewerkschaft gemausert.

Wir haben einen Vertrag mit ProSiebenSat.1 und sind in Verhandlungen mit anderen Sendern. Wir haben das Durcheinander unserer Sozialversicherungspflicht bei Dreharbeiten klären lassen und den Gesetzgeber veranlasst, sich um unsere soziale Absicherung zu kümmern, z. B. beim Anspruch auf Arbeitslosengeld 1. Wer hätte all diese Fortschritte – wohlgemerkt, die von Schauspielerinnen und Schauspielern erkämpft wurden – noch vor zehn Jahren für möglich gehalten?

Aber von nix kommt nix! Wir dürfen nicht wieder in die Einzelkämpferzeiten zurückfallen. Auch für den BFFS gilt: Ein bloßer Brauchtumsverein für Schauspieler, der keine Wirkung auf sein Umfeld entfalten will, wäre überflüssig. Der BFFS muss weiter mit Lust, Charme und Phantasie ein- und angreifen.

Vielen lieben Dank für das Gespräch!

www.bffs.de

www.bffs.de/deska

www.jutta-schafmeister.de/steckbrief/heinrich-schafmeister

Das Gespräch führte: Tina Thiele | Ausarbeitung: Catharina Chlupathy

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Symposium der Deutschen Akademie für Fernsehen 2015
Motto: Nicht ohne uns“

2. Panel: Wir sind die Neuen – Nachwuchs, hochqualifiziert – aber wo sind die Jobs?

„Nicht ohne uns.“ lautete das diesjährige Motto des Symposiums der Deutschen Akademie für Fernsehen, das am Nachmittag des 28. Novembers vor der abendlichen Preisverleihung stattfand. Herzlichen Dank an die Akademie und an Preproducer, dass wir die Aufzeichnung hier auch für alle, die nicht dabei sein konnten, zeigen können.

1. Panel: Weiblich, kreativ, benachteiligt – Frauenquote – nicht nur bei der Regie?

Begrüßung: Michael Brandner
Moderation: Stephan Wagner

Gesprächsteilnehmer (von links nach rechts):

* Isabell Suba, Regisseurin (Männer Zeigen Filme & Frauen ihre Brüste), Mitglied ProQuote Regie

* Julia Klüssendorf, Redakteurin HR/ARD Fernsehen Politik und Gesellschaft (Sterben für Allah? Deutsche Gotteskrieger auf dem Weg nach Syrien)

* Mika Kallwass, Autorin & Dramaturgin (Dr. Psycho, Stromberg, Verband der Drehbuchautoren)

* Mirjam Muschel, Kostümbildnerin (Die Himmelsleiter – Sehnsucht nach Morgen)

* Jill Schwarzer, Szenenbildnerin (Bissige Hunde)




2. Panel: Wir sind die Neuen – Nachwuchs, hochqualifiziert – aber wo sind die Jobs?

Begrüßung: Gerhard Schmidt
Moderation: Torsten Zarges

Gesprächsteilnehmer (von links nach rechts):

* Matthias Murrmann, Geschäftsführer Bild & Tonfabrik, Produzent (Neo Magazin Royale mit Jan Böhmermann)

* Sybille Steinfartz, ZAV Hamburg (Zentrale Arbeitsvermittlung)

* Christian Granderath, Leiter der NDR-Abteilung Film, Familie & Serie

* Prof. Peter Henning, Professor für Drehbuch&Dramaturgie Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf

* Andrea Hohnen, Programmleiterin First Steps

* Alex Eslam, Regisseur & Autor (Bissige Hunde)




3. Panel: Akademie 3.0 – Die Zukunft des Fernsehens

Begrüßung: Stephan Ottenbruch
Moderation: Prof. Dr. Thomas Leif

Gesprächsteilnehmer (von links nach rechts):

* Wolfgang Herles, Autor „Die Gefallsüchtigen“, ehem. Leiter ZDF-Redaktion „Aspekte“

* Gerhard Schmidt, Produzent, Vorstand Deutsche Akademie für Fernsehen

* Christian Granderath, Leiter der NDR-Abteilung Film, Familie & Serie

* Dr. Marc-Jan Eumann, Staatssekretär Ministerium für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien, NRW

* Christoph Krachten, Journalist, YouTube-Kanal Clixoom, Geschäftsführer Videodays




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FAIR FILM AWARD – Wie fair waren die Produktionen 2015?

Die Produktionsbedingungen kann man nach Schulnoten anonym bewerten.

Ab sofort sind wieder alle Filmschaffenden des Branchennetzwerks crew united aufgerufen, die Arbeits- und Produktionsbedingungen ihrer Produktionen 2015 bis zum 31.12.2015 zu bewerten. Die Gewinnerproduktion erhält den FAIR FILM AWARD, der bereits zum 5. Mal vergeben wird. Der FAIR FILM AWARD ist eine Veranstaltung der Bundesvereinigung der Filmschaffenden-Verbände in Kooperation mit crew united und German Film Commissions.

Nach Goethe! für das Jahr 2010 und Barbara für das Jahr 2011, Polizeiruf 110 – Fischerkrieg für das Jahr 2012 und Rico, Oskar und die Tieferschatten für 2013 hat Der Fall Bruckner den FAIR FILM AWARD 2014 erhalten.

Jede Stimme zählt! Hier finden Sie alle bewerteten Produktionen der letzten 3 Jahre:
Hoffnungsschimmer 2011
Hoffnungsschimmer 2012
Hoffnungsschimmer 2013
Hoffnungsschimmer 2014

Unsere Bewertungskriterien für faire Arbeits- und Produktionsbedingungen sind:

Arbeitszeiten und Arbeitsschutz
Die Arbeits-, Pausen, -Ruhe und Reisezeiten werden team- und familienfreundlich
gestaltet. Das Arbeitszeitgesetz, die Regelungen der Tarifverträge zur
Arbeitszeit und die Arbeitsschutzgesetze und -Vorschriften werden eingehalten. Weiterlesen

Vertrag, Gagen und Entgelte
Der Vertrag wird rechtzeitig und persönlich verhandelt und die wichtigsten
Eckdaten werden umgehend schriftlich (Dealmemo) festgehalten und ausgehändigt.
Der endgültige Arbeitsvertrag liegt möglichst noch vor Arbeitsbeginn vor.
Es werden mindestens Tarifgagen gezahlt, die tarifvertraglichen Regelungen
werden als Mindeststandards eingehalten. Leistungen von Freischaffenden,
Dienstleistern und Filmschaffenden, für deren Beruf es noch keinen
Gagentarifvertrag gibt, werden nach branchenüblichen Standards entlohnt.
Kreativität wird angemessen honoriert. Urheber- und Leistungsschutzrechte
bleiben gewahrt. Gagen und Entgelte werden pünktlich ausgezahlt.

Kommunikation und Arbeitsklima
Das Arbeitsklima ist geprägt von der gemeinsamen Anstrengung, das bestmögliche
Ergebnis zu erreichen. Die Kommunikation zwischen Gewerken und Hierarchien
ist ergebnisorientiert, gewaltfrei, offen, motivierend, respektvoll,
funktional und strukturiert. Jeder Projektbeteiligte trägt seinen “wichtigen”
Teil zum Ganzen bei und wird dafür wertgeschätzt. Eine angemessene Versorgung
mit Essen, Trinken, evtl. Wärmekleidung, Schutzkleidung usw. wird unaufgefordert
gewährleistet.

Professionalität
Das Filmprojekt wird unter Berücksichtigung der finanziellen, organisatorischen
und gesetzlichen Möglichkeiten und Grenzen fachmännisch geplant, vorbereitet,
gestaltet und durchgeführt. Dazu kommt professionelles Personal zum Einsatz,
reguläre Positionen werden nicht durch Praktikanten besetzt.

Konflikte
Konflikte werden zeitnah, direkt und zielorientiert im Sinne des Projekts
gelöst. Entscheidungen, die das gesamte Team betreffen (z.B. unerwarteter
Überstundenfall) werden nicht nur mit Teilen des Teams besprochen.

Gleichbehandlung
Projektpersonal, Dienstleister und weitere Ressourcen werden nach Qualifikation
und ökonomischer Notwendigkeit ausgewählt und eingesetzt. Eine Diskriminierung
aufgrund Herkunft, Geschlecht, Sexualität oder Religion findet nicht statt.

Die nominierten Produktionen und das Umfrageergebnis werden in der ersten Januarwoche bekanntgegeben.Der Gewinnerproduktion und allen daran beteiligten Mitarbeitern wird die Auszeichnung während der Berlinale am 7.2.2015 in einem Festakt überreicht. (Pressemitteilung)

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cn-klappe: Symposium & Verleihung der Auszeichnungen der Deutschen Akademie für Fernsehen 2015

Mit einem Symposium zu aktuellen Themen und der feierlichen Verleihung der Auszeichnungen ehrt die DEUTSCHE AKADEMIE FÜR FERNSEHEN auch 2015 herausragende Leistungen in allen Gewerken der Fernsehproduktion. Es sind die Auszeichnungen, die die über 700 Mitglieder der AKADEMIE ihren Kolleginnen und Kollegen zusprechen – also Auszeichnungen von Fernsehschaffenden für Fernsehschaffende.

Das Programm des Symposiums ist hier zu lesen: Symposium 2015

Hier sind die Gewinner: http://www.deutscheakademiefuerfernsehen.de/node/216

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Es brennt: Dramatische Gagen- und Arbeitssituation in der Filmwirtschaft

Es brennt!

Berufsverband Kinematografie kritisiert unhaltbare Zustände und warnt vor gravierenden Folgen: Unser Produktionsstandort und die Qualität des Filmschaffens in Deutschland ist in Gefahr! Filmschaffende gehen wegen Unterlaufens des Tarifvertrags und häufiger Auftragskrisen in die Altersarmut! Ohne schärfere Kontrollen droht ein Ausverkauf durch Dumping!

Der bestehende Tarifvertrag für Film- und Fernsehschaffende (TV FFS) legt Mindestgagen fest, die das Minimum für Berufsanfänger und Low Budget Produktionen darstellen, aber selbstverständlich nach oben offen sind. Die Tarifgage stellt keineswegs die Normalgage dar, vielmehr markiert sie die verbindliche Gagen-Untergrenze, die nicht unterschritten werden darf, wenn man nach dem Tarifvertrag arbeiten will, über den z.B. die Arbeitszeit geöffnet wird. Lange Arbeitszeiten schätzt man in der Film- und Fernsehwirtschaft sehr, aber faire Kompensation auf Basis des Tarifvertrags wird häufig nicht einmal angeboten – geschweige denn korrekt erfüllt. Für andere Filmschaffende, die als Rechnungssteller arbeiten, gilt der TV FFS garnicht!

Sogar die tarifliche Mindestgage wird häufig unterschritten, weil sich die öffentlich-rechtlichen Auftraggeber und die Filmförderinstitutionen weigern, auf der Einhaltung des Tarifvertrages als der verbindlichen Grundvoraussetzung zu bestehen. Institutionen und Sender müßten die Mindestleistungen nach dem Tarifvertrag schlicht vorschreiben und sich die Rückforderung von Zahlungen vorbehalten, falls unterhalb des Tarifstandards gearbeitet wird. In anderen Branchen (z.B. Bauwirtschaft) ist dies längst der Fall, wenn öffentliche Aufträge vergeben werden. Dem Gagendumping wird Vorschub geleistet, wenn Produktionen unterfinanziert arbeiten müssen – bei über Jahre allenfalls nominal gleichbleibenden oder sogar sinkenden Budgets. Die Ansprüche der Auftraggeber steigen aber von Jahr zu Jahr! Produktionen brauchen Luft zum Atmen und eine adäquate finanzielle Ausstattung, damit sie Mitarbeiter anständig, also mindestens nach dem Tarif, vergüten können.

Es gibt klare Ursachen für die unhaltbaren Zustände! Weiterlesen

Leider ist der Tarifvertrag für Film- und Fernsehschaffende nicht allgemeinverbindlich, und kann es auch nicht werden. Die Voraussetzungen hierfür sind nicht erfüllt. Auf Seiten der Produzenten ist der verbandliche Organisationsgrad zwar hoch, doch in ver.di sind von den Zehntausenden von Filmschaffenden in Deutschland nur wenige organisiert. Zahlenmäßige „Mächtigkeit“ in der Vertretung der Interessen von Filmschaffenden haben hierzulande allenfalls die Berufsverbände.
Skandalös ist die von manchen Firmen betriebene Abdrängung von Filmschaffenden in die Selbständigkeit. Einige wenige Filmberufe können in der Tat selbständig ausgeübt werden. Die Systematik aber, mit der man Risiken auf die regelmäßig schwächsten Marktteilnehmer abwälzt, ist zynisch und perfide. Besonders prekär ist die Situation für Filmschaffende im dokumentarischen Bereich. Hier werden manchmal Gagen von nur 50% der Tarifgage aufgerufen. Rechnungssteller müssen zudem für Sozial- und Rentenleistungen alleine aufkommen. Der Tarifvertrag macht aber keinen Unterschied zwischen fiktionaler und non-fiktionaler Produktion! Nur weil es viel zu viele Filmschaffende im Lande gibt, zu denen die zahlreichen Ausbildungsstätten jährlich Hunderte hinzufügen, wird der Binnenkannibalismus in verschiedenen Berufsfeldern schamlos zur Kostensenkung bei den Produktionen ausgenutzt. Das unstrukturierte und oft von kommerziellen Interessen geprägte Ausbildungsangebot im Bereich Film und TV führt im Verbund mit fehlenden Standards bei Qualifikation und Bezahlung zu grotesken Marktverwerfungen mit bereits heute beängstigenden Armutsfolgen für tausende Filmschaffende in Deutschland.
Natürlich wird das Gagengefüge möglichst unterlaufen, indem bei zeitlich kürzeren Produktionen aufgrund der Produktivitätsverdichtung in langen Drehtagen möglichst willige und billige Filmschaffende eingesetzt werden. Die Gewerkschaft hat durch das Konstrukt von „Bereitschaftszeit“ erheblich zur Misere beigetragen: Der Tarifvertrag behauptet, „dass in die werktägliche Arbeitszeit des an einer Film- oder Fernsehproduktion mitwirkenden Film- oder Fernsehschaffenden regelmäßig und in erheblichem Umfang bezahlte Arbeitsbereitschaft … fällt.“ Jedem Praktiker ist klar, daß es sich hierbei um eine dreiste Lüge handelt. Ver.di jedoch unterschreibt als Gewerkschaft Derartiges und ermöglicht damit, daß 11-,12-, 13-Stunden-Tage abzuarbeiten sind. Ein Tarifvertrag als Freibrief für Arbeitszeitausweitungen, von denen man natürlich gerne Gebrauch macht! Arbeitnehmerfreundliche Bestimmungen des Tarifvertrages werden aber oft nicht oder nur teilweise eingehalten, indem man etwa auswärtige Filmschaffende kurzerhand zu Ortsansäßigen erklärt, um Spesenzahlung zu umgehen, oder Arbeitszeiten kreativ verschoben werden, um Pausen und Ruhezeiten nicht einhalten zu müssen, etc.

Wir sind Zeugen eines rapide fortschreitenden Sittenverfalls in der freien Medienbranche. An die Stelle des fairen Miteinander und verläßlicher professioneller Partnerschaft ist die Ellenbogenmentalität getreten. Filmschaffende sind immer öfter nicht mehr in der Lage, sich und ihre Familie zu ernähren, oder für Alter und Krankheit vorzusorgen. Dadurch wird das Niveau der deutschen Filmwirtschaft mittelfristig einbrechen: Deutsche Filme werden an Qualität verlieren, da billige Arbeitskräfte nicht dauerhaft qualifiziert mittragen. In- und ausländische Produktionen werden nicht mehr so gut bedient werden. Die arbeitslosen Filmschaffenden werden in andere Branchen drängen oder Grundsicherung benötigen. Sie werden die Gesellschaft, welche sie so behandelt, spätestens im Alter finanziell belasten.

Wir rufen die Politiker und alle Akteure der hiesigen Film- und Fernsehwirtschaft – vor allem aber die öffentlich-rechtlichen Sender und Filmförderinstitutionen – auf, ihren selbstverständlichen Verpflichtungen gegenüber den Filmschaffenden, die das Programm tragen, gerecht zu werden!
Wir fordern ganz konkret:
• die öffentlich-rechtlichen Auftraggeber und Filmförderinstitutionen müssen auf der Einhaltung des Tarifvertrages als der verbindlichen Mindestvoraussetzung bestehen!
• die dreiste “Bereitschaftszeitlüge” ist aus dem Tarifvertrag ersatzlos zu streichen!
• die Abdrängung von Filmschaffenden in die Selbständigkeit muß verboten werden!
• die Budgets der einzelnen Produktionen müssen ein realistisches Niveau aufweisen!
• die unzumutbaren Produktionsverdichtungen müssen rückgängig gemacht werden!
• fikitionale und non-fiktionale Produktionen müssen gleichberechtigt behandelt werden!
• die Rahmenfrist für den Anspruch auf ALG 1 muß auf 36 Monate verlängert werden!

Unter großer Verantwortung für die Realisierung der Projekte und mit ihrem professionellen Einsatz sorgen Filmschaffende für die Erfolge der deutschen Produktionswirtschaft. Es ist unsozial und inhuman, wenn Beschäftigungsbedingungen in einem Wirtschaftsbereich so verkommen, dass aus Arbeit Schinderei wird – oft nicht einmal fair vergütet.

Es ist höchste Zeit für Korrekturen – und für scharfe Kontrollen der zuständigen Behörden!

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cn-klappe: Tom Tykwer im Gespräch

Tom Tykwer im Gespräch – © casting-network

Die vorliegende cn-klappe zeigt einen Zusammenschnitt des Cologne Conference-Werkstattgespräches mit dem Regisseur und Preisträger des Hollywood Reporter Awards.

Der Beitrag gliedert sich in folgende Kapitel:

Intro
Kapitel 1: Erste Schritte im Kino
Kapitel 2: Der Weg zum Regisseur
Kapitel 3: Die eigene Handschrift
Kapitel 4: Der Durchbruch mit „Lola rennt“
Kapitel 5: Anrufe aus Hollywood
Kapitel 6: Die neue Technik verändert das Drehen
Kapitel 7: Neues Terrain Fernsehserie
Abspann & Dankeschön

Viel Spaß beim Anschauen: Zur cn-klappe bei casting-network

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cn-kolumne: Ein Interview mit der Schauspielmanagerin Sibylle Breitbach

Steckbrief Sibylle Breitbach
Sibylle Breitbach ist das Gesicht hinter Wasted Management. Eine Frau, die schon immer den Austausch mit anderen Menschen und Kulturen geschätzt und gepflegt hat. Bereits als Geschäftsführerin des Kölner Hotels Chelsea förderte sie talentierte Künstler. Unbewusst streute sie damit bereits den Samen für ihre Zukunft, denn die Begegnung mit Heike Makatsch sollte Sibylle Breitbachs Leben für die kommenden 20 Jahre prägen. Der beidseitige Wunsch nach einer Zusammenarbeit legte das Fundament für Wasted Management. Heute kann sich Sibylle Breitbach mit einigen Namen rühmen, die unter ihren Fittichen zu Film- und Fernsehgrößen gewachsen sind. Dennoch bleibt sie genügsam und geht vorurteilslos auf die Suche nach Talenten, die zu ihr passen. Sibylle Breitbach ist ein Bauchmensch mit Köpfchen, dem Herz am rechten Fleck und eigentlich eine eher interviewscheue Persönlichkeit. Wir haben uns umso mehr über die Zusage zu einem persönlichen Gespräch gefreut.

Seit 20 Jahren bist Du als Schauspielmanagerin im „Business“ tätig. Wie kam es dazu?
Ich habe zu der Zeit das Hotel Chelsea in Köln geleitet, wo wir auch gerade sitzen. Das war eine wahnsinnig aufregende Zeit, in der ich die Freiheit hatte, mich kreativ austoben zu können. Das Hotel war sozusagen meine Plattform, wo ich mit Musikern, Plattenfirmen und Künstlern zusammenarbeiten konnte. Ich organisierte im Chelsea oft Ausstellungen bildender Künstler. Martin Kippenberger, Walter Dahn oder Joesph Kosuth zum Beispiel zahlten teilweise mit ihren Bildern bzw. Installationen. So erhielt das Chelsea im Laufe der Zeit eine recht umfangreiche Kunstsammlung. Es machte mir damals schon viel Spaß, direkt mit Künstlern und Kreativen zusammenzuarbeiten. Als der Inhaber des Hotels nach einigen Jahren Auslandsaufenthalt dauerhaft zurück nach Deutschland kam, führte er andere Strukturen im Hotel ein. Das war der Zeitpunkt, wo mir klar wurde, dass sich das in eine Richtung verändert, die nicht mehr die meine ist. Weiterlesen

Es war auch die legendäre Viva-Zeit, als Du das Chelsea geleitet hast?
Genau. Über Steve Blame, der zu der Zeit von MTV London nach Köln kam, um VIVA II aufzubauen, lernte ich dort Heike Makatsch kennen. Wir mochten uns auf Anhieb und beschlossen, zusammenzuarbeiten, ohne zu wissen, was daraus werden könnte. So nahm vor 20 Jahren alles seinen Anfang.

Wie sah die Zusammenarbeit am Anfang aus?
Heike war eine der ersten Moderatorinnen bei VIVA und das Medieninteresse war gigantisch. Es gab damals Agenturen wie Pool Position, die zum Beispiel Stefan Raab vertreten haben. Heike suchte aber nach etwas anderem. Als wir uns kennenlernten, hatte sie das Gefühl, das in mir gefunden zu haben, und wir fingen einfach an. Zu Beginn musste ertastet werden, was wir machen wollen und was nicht. Das Interesse an Heike als Schauspielerin entstand durch ihre Präsenz bei VIVA. An Dorthe Braker lud sie zum Casting für Detlev Bucks Kinofilm „Männerpension“ ein – und sie bekam die Rolle. Dadurch hat sie ihre Leidenschaft für die Schauspielerei entdeckt.

Würdest Du sagen, dass so ein Pool wie damals bei VIVA, wo Nachwuchs gefördert und diese als Ikonen wahrgenommen wurden, heute fehlt?
Ich denke, das war eine ganz andere Zeit, in der noch Platz und Raum für Vorbilder, Ideale oder Ikonen, wie Du es nennst, war. Heute ist alles schnelllebiger, heute ist alles ausgerichtet auf Formate wie zum Beispiel DSDS oder das Supertalent, wo es sich um eher kurzfristigen „Ruhm“ handelt. Es ist völlig klar, dass, aufgrund der medialen Entwicklung, so ein Konzept wie bei MTV und VIVA heute nicht mehr funktioniert.

War damals die Zeit unbeschwerter?
Ich weiß nicht, ob die Zeiten unbeschwerter waren, wir waren unbeschwerter. Es war eine Zeit, in der man viel mehr experimentieren konnte.

Hast Du dich gleich als Managerin vorgestellt?
Nein, ich habe erst mal gesagt: „Heike Makatsch und ich arbeiten zusammen.“ Es war auch schwierig, einen Namen für die Agentur zu finden, aber irgendwann konnte ich meine Telefonnummer nicht mehr nur auf irgendwelche Zettel schreiben. Es musste eine konkrete Firmierung her. Für den Namen Wasted Management habe ich mich rückblickend mit ein wenig Selbstironie entschieden. Es war der Versuch auszudrücken, dass man sich selbst, mit dem was man tut, nicht zu ernst nehmen sollte. Dass wir unsere Sachen machen, und das hoffentlich gut, und mehr ist es nicht.

Wie kam es schlussendlich zu dem Begriff Management?
Ich habe den Begriff „Management” nicht bewusst gewählt. Mir war damals gar nicht klar, was der Unterschied zwischen „Management“ und „Agentur“ ist. Natürlich bekam ich mit, dass es verschiedene Agenturen gab. Da war Pool Position, die sich auf Moderatoren spezialisiert hatten, und Players, als Schauspieler-Agentur. Für mich war das alles noch sehr neu.

Du hast ja wirklich alles hinter Dir gelassen und Dich in einem Beruf selbstständig gemacht, in dem Du noch gar keine Erfahrung hattest. Konntest Du dort etwas von Deinen bisherigen Tätigkeiten nutzen?
Die Ausbildung und Berufserfahrung im Justizministerium haben mir eine gute Basis mitgegeben und die fünf Jahre im Hotelmanagement waren mein kreatives Spielfeld, wo ich ausprobieren konnte, was mir noch liegt. Auch, wenn es eine ganz andere Branche war, eine andere Herangehensweise, konnte ich vieles von dem anwenden, was ich im Justizministerium, wo alles von einem sehr klaren, strukturierten Ablauf bestimmt war, gelernt hatte. Dadurch konnte ich zum Beispiel Verträge verstehen und verhandeln. Der Rest war ein bisschen Freestyle, was ich aber im Hotel rund um die Uhr hatte. Das hat mir dann die innere Sicherheit und Zuversicht gegeben, dass das alles schon klappt.

Dein Schwerpunkt heute ist ja der Filmbereich. Wie kam es dazu?
Das hat sich alles sehr organisch entwickelt. Heike Makatsch war, wie erwähnt, eine der ersten Moderatorinnen bei VIVA und kam durch „Männerpension” zur Schauspielerei. Sie wusste vorher nicht, ob ihr die Schauspielerei liegt, hat es ausprobiert und ihre Leidenschaft dafür entdeckt. Es war ein ganz natürlicher Prozess, dass wir uns in diesem Bereich orientierten und etablierten.

Du hast ja auch noch andere Klienten, Sibel Kekilli zum Beispiel.
Sibel Kekilli und ich haben uns vor fast elf Jahren über den Film „Gegen die Wand” kennengelernt. Ich hatte den Film auf der Berlinale damals nicht gesehen, aber natürlich gehört, dass Fatih Akin dafür mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde. Ralph Schwingel, damals Produzent bei Wüste Film, stellte den Kontakt zwischen Sibel und mir her, ich sah mir „Gegen die Wand an” und war wahnsinnig beeindruckt von ihrer unglaublichen Präsenz und der Intensität ihres Spiels. Daraufhin haben wir uns getroffen und arbeiten seitdem zusammen.

Gibt es eine besonders positive Erfahrung für Dich in den letzten 20 Jahren?
Wenn ich die 20 Jahre Revue passieren lasse, dann gab es viele tolle Erfahrungen, und es gab natürlich auch weniger tolle. Ein Highlight war auf jeden Fall die erste Zusammenarbeit mit David Enthoven, dem Manager von Robbie Williams. Mit ihm während der Deutschlandtour von Robbie Williams zusammenzuarbeiten, war geprägt von großem Vertrauen, das er mir von Anfang an entgegen gebracht hat. Er ist jemand, der einen unglaublich motiviert und inspiriert, der sich für die Arbeit, die man macht, immer wieder bedankt und sich mit einem über die Erfolge, die man erzielt, freut. Das war schon eine ganz besondere und sehr ungewöhnliche Erfahrung. Das Schöne ist, dass es bei allen weiteren Konzerten ebenso war.

Du hast ja mehrere Klienten zu betreuen. Wie machst Du das?
Ich habe mich bewusst dafür entschieden, mit nur wenigen Klienten zu arbeiten. Das hat sich, wie gesagt, sehr organisch und aus der Zusammenarbeit mit Heike Makatsch heraus entwickelt. Dadurch, dass ich mit nur wenigen Klienten zusammenarbeite, habe ich die Möglichkeit, ganz individuell zu arbeiten. Denn die Künstler, die ich vertrete, sind sehr unterschiedliche und sehr eigene Persönlichkeiten, was für mich sehr wichtig und auch sehr spannend ist. Dadurch bin ich ganz anders gefordert und kann gemeinsam mit ihnen viel genauer überlegen, wo wir hinwollen und was wir machen wollen. Ich verstehe die Zusammenarbeit mit meinen Klienten als Teamwork.

Wie viele Drehbücher liest Du in der Woche und gibt es bei Dir auch mal eine Pause?
Das ist sehr unterschiedlich. Und ja, Pausen gibt es bei mir auf jeden Fall – die finde ich extrem wichtig.

Wo wir gerade bei Drehbüchern sind, Du hast ja auch eine Drehbuchautorin unter Deinen Klienten. Wie ist da die Zusammenarbeit entstanden?
Ich habe Miriam Dehne über gemeinsame Bekannte kennengelernt. Ich fand damals schon ihren Film „Little Paris” ganz besonders und finde generell die Art, wie sie schreibt und die visuelle Umsetzung dessen unglaublich schön. Sehr speziell und mit einer sehr eigenen Poesie in allem, was sie macht.

Ich würde gerne noch auf zwei neue Klienten von Dir eingehen, die Schauspielerinnen Pheline Roggan und Violetta Schuralow.
Beide sind sehr unterschiedlich. Ich weiß noch als ich Pheline Roggan in „Soul Kitchen” gesehen habe, da war ich hin und weg. Über die Jahre hatte ich sie ein bisschen aus den Augen verloren. Es war dann eine wunderbare Fügung, dass mich Mia Abadi von Prag PR anrief und fragte: „Möchtest Du Dich nicht mal mit Pheline Roggan treffen? Sie hat eine tolle Agentur, aber ein Management könnte für ihre weitere Entwicklung einfach nochmal eine andere Richtung vorgeben.” Wir lernten uns kennen und haben dann beschlossen, miteinander zu arbeiten. Wir befinden uns noch in der sogenannten Richtig-Kennenlernen-Phase, und ich finde die Entwicklung, die momentan stattfindet, sehr aufregend und sehr vielversprechend.

Bei Violetta Schurawlow war es so, dass sie auf mich zukam. Wir haben uns getroffen, und ich fand sie auf Anhieb interessant. Sie hat eine faszinierende Ausstrahlung und dazu gleichzeitig etwas total Bodenständiges. Ich dachte, sie ist wieder ein ganz anderer Typ als meine anderen Klienten, aber ich hatte keine Ahnung, wie sie vor der Kamera wirkt, weil es noch nichts von ihr zu sehen gab. Dann hatte mir die Produktion von Til Schweiger eine Szene mit ihr aus „Honig im Kopf” zur internen Ansicht zur Verfügung gestellt und danach war für mich klar, dass ich mit ihr zusammenarbeiten will. Sie hat großes Talent und ich finde es spannend, mit ihr diesen Weg zu gehen und zu sehen, was wir alles gemeinsam machen und erreichen können.

Wie ist das bei Deinen Klienten mit Absagen, nehmen sie diese persönlich?
Natürlich ist eine Absage immer erst mal eine Enttäuschung, aber wenn die Absage nicht persönlich, sondern inhaltlich begründet ist, dann ist alles okay.

Du hast also so eine Art Ruhe und Gelassenheit entwickelt, im Laufe der Jahre?
Die Gelassenheit habe ich nach 20 Jahren tatsächlich, weil ich weiß, es geht immer weiter, und wir kriegen das alles hin. Das ist bei mir ganz tief verankert. Ich bin dankbar dafür, mit den Klienten, die ich vertrete, zusammenzuarbeiten und in einem ständigen Entwicklungsprozess zu sein. Ich denke, dass Dinge immer einen Sinn haben, auch wenn man ihn oft erst im Nachhinein begreift. Diese Erkenntnis macht alles leichter. Man lernt, dass jede Veränderung auch eine neue Chance birgt.

Vielen Dank für das Gespräch zum 20-jährigen Jubiläum!

www.wasted-management.de

Das Gespräch führte: Tina Thiele | Ausarbeitung: Catharina Chlupaty, Madlen Scheffler & Carla Schmitt

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Cinema Moralia – Folge 113: Ist hier das Positive?

Der einzige deutsche Film in Locarno: Der Staat gegen Fritz Bauer mit Burghart Klaußner. Außer Konkurrenz – © Alamode Filmdistribution

Einfalt und Vielfalt der Film­för­de­rung, Schwar­ze­negger statt Depardieu, Verfas­sung­s­chützer als Verfas­sungs­feinde? – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 113. Folge

»Die Schere zwischen den Reichsten und den Ärmsten wird sich schließen – das haben wir in der Geschichte oft genug gesehen. Entweder durch Revo­lu­tion, oder durch höhere Steuern, oder durch Krieg.«
Paul Tudor Jones II, Hedge­fonds­ma­nager, US-Milli­ardär auf Rang 106 der reichsten Ameri­kaner (ca 3,6 Milli­arden Dollar)
»Durch­su­chungen und Beschlag­nahmen in einem Ermitt­lungs­ver­fahren gegen Pres­se­an­gehö­rige sind verfas­sungs­recht­lich unzu­lässig, wenn sie ausschließ­lich oder vorwie­gend dem Zweck dienen, die Person des Infor­manten zu ermitteln.
Die bloße Veröf­fent­li­chung eines Dienst­ge­heim­nisses im Sinne des § 353 b StGB durch einen Jour­na­listen reicht im Hinblick auf Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG nicht aus, um einen den straf­pro­zes­sualen Ermäch­ti­gungen zur Durch­su­chung und Beschlag­nahme genü­genden Verdacht der Beihilfe des Jour­na­listen zum Geheim­nis­verrat zu begründen. …
Die Pres­se­frei­heit umfasst auch den Schutz vor dem Eindringen des Staates in die Vertrau­lich­keit der Redak­ti­ons­ar­beit sowie in die Vertrau­ens­sphäre zwischen den Medien und ihren Infor­manten. …
Die Freiheit der Medien ist konsti­tu­ie­rend für die frei­heit­liche demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung. Eine freie Presse und ein freier Rundfunk sind daher von beson­derer Bedeutung für den frei­heit­li­chen Staat. … Geschützt sind nament­lich die Geheim­hal­tung der Infor­ma­ti­ons­quellen und das Vertrau­ens­ver­hältnis zwischen Presse bezie­hungs­weise Rundfunk und den Infor­manten. Dieser Schutz ist unent­behr­lich, weil die Presse auf private Mittei­lungen nicht verzichten kann, diese Infor­ma­ti­ons­quelle aber nur dann ergiebig fließt, wenn sich der Informant grund­sätz­lich auf die Wahrung des Redak­ti­ons­ge­heim­nisses verlassen kann.«
Bundes­ver­fas­sungs­ge­richt, Leitsätze zum Urteil des Ersten Senats vom 27. Februar 2007.
Wo bleibt das Positive? fragen wir mal wieder mit Tucholsky. Verdammt nochmal! Ich will wirklich nicht, dass diese Kolumne hier zur Mecke­r­ecke mutiert, und ich zum Mecker­fritzen. Aber es ist gar nicht so einfach, das in die Tat umzu­setzen.. Weiterlesen

Am Woche­n­ende saß ich mit Freunden zusammen, die sich alle für Kino und Fernsehen inter­es­sieren, darunter eine durchaus gut beschäf­tigte Schau­spie­lerin und eine Produ­zentin. Meine Frage in die Runde: Erzählt mir doch mal, was ihr alles am deutschen Kino gut findet?
Antwort erstmal Schweigen. Dann Kommen­tare, die mit »Also ich find’ schlecht, dass…« oder »Scheiße ist zum Beispiel…« oder »Gut? Ja, finde ich gut?« beginnen.
Dann redeten wir über Victoria von Sebastian Schipper. Den fanden wir wirklich alle gut.

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Anderen geht es offenbar genauso. Beim Film­fes­tival von Locarno, das heute Abend eröffnet wird – mit dem Film Ricki and the Flesh von Jonathan Demme, der vor 25 Jahren mit Das Schweigen der Lämmer welt­berühmt wurde. Meryl Streep spielt darin eine Rock­sän­gerin, die für ihre Showbiz-Karriere vieles aufge­geben hat, und jetzt nach Hause zurück­kehrt, und ihre Familie zurück­ge­winnen will. Bericht folgt – bei diesem Festival läuft wieder mal kein einziger deutscher Film im Wett­be­werb. Co-Produk­tionen mit mehr oder weniger cleverem deutschem Geld zählen hier nicht, die gehören nur in Pres­se­mit­tei­lungen der Funk­ti­onäre. Wir reden von Auto­ren­kino, also deutsche Regis­seure und viel­leicht noch Drehbuch, oder wenigs­tens deutsche Sprache, Stoffe und Mehr­heits­an­teile einer deutschen Produk­tion.
Immerhin auf der Piazza Grande, also außer Konkur­renz, kommt Der Staat gegen Fritz Bauer von Lars Kraume, in dem Burghart Klaußner den berühmten Nazi-Jäger spielt. Auf den bin ich sehr erwar­tungs­freudig gespannt, weil ich Kraumes Filme mag, und Burghart Klaußner toll finde.
Jenseits dessen aber gibt es nur ein paar Filme in den Neben­reihen.
Wer jetzt glaubt, die seien alle in Venedig, den muss man enttäu­schen. Während letztes Jahr immerhin drei deutsche Filme in Venedig liefen (ich weiß, ich hab hier besonders gut reden, den Von Caligari zu Hitler war einer davon), gibt es in diesem Jahr keinen einzigen! Und für San Sebastian sieht es nach allem was man hört nicht viel besser aus.

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Das ist ein Problem. Denn woran wir alle, unab­hängig von unserem Geschmä­ckern und Vorlieben und unserer persön­li­chen Vorstel­lung von deutschem Kino ja inter­es­siert sein sollten, ist doch, dass der deutsche Film inter­na­tional wahr­ge­nommen wird, dass er inter­na­tional in den Hirnen der Nicht­deut­schen statt­findet. Mit natio­nalem Dumpfsinn hat das nichts zu tun, noch nicht mal mit Patrio­tismus. Sondern mit Eigen­in­ter­esse. Die deutsche Gesell­schaft selbst braucht den Dialog mit anderen Film­kul­turen, und wenn man will, dass das Kino hier besser ist, muss raus aus dem Schre­ber­garten, auf Festivals in anderen Ländern. Wenn sich kein deutscher Filme­ma­cher dem Blick der anderen und der Konkur­renz mit auslän­di­schem Kino stellt, wird hier zuhause nichts besser.
Insofern haben wir ein Problem.

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Schon in den letzten Jahren sah es bei inter­na­tio­nalen Festivals zunehmend schlechter aus. Deutsches Kino findet nicht mehr in der ersten Reihe statt, sondern nur in der zweiten oder dritten. Sprich: Bei nach­ran­gigen Festivals oder besten­falls in Neben­s­ek­tionen.
Mal ein Wenders hier, mal ein Petzold da, aber selbst der Glanz der Altmeister und die inter­na­tio­nale Attrak­ti­vität der Berliner Schule verblassen spürbar.
Man sieht an dieser erschüt­ternd schwachen Bilanz auch, dass man die Teilnahme am Wett­be­werb eines A-Festivals als als ernst­haftes Kriterium für Refe­renz­för­de­rung vergessen kann. Das ist nicht mehr als eine Sonn­tags­reden-Floskel. ein Feigen­blatt für Nichtstun. Funkt­ki­onäre und Politiker sagen dann gern: »Je, wenn die Filme nicht über­zeugen, ist das schade, aber es ist eben so«, um dann im nächsten Absatz ihrer Rede auf »die Stärke des deutschen Kinos« hinzu­weisen.
Die entspre­chenden Refe­renz­gelder gibt es zur Zeit allein noch für Berlinale-Wett­be­werbs­filme, womit man nicht nur Dieter Kosslick eine Macht als Förder­fürst gibt, die ihm nicht zusteht, sondern ein System subtiler Selbst­be­die­nung und Kumpanei etabliert, dass allen Betei­ligten peinlich sein müsste.

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Nicht nur wir mögen Sebastian Schippers Victoria, auch Kirsten Niehuus, die Förder­in­ten­dantin des Medien­boards Berlin-Bran­den­burg. Der war nämlich ihr Lieb­lings­ge­gen­bei­spiel­bei­spiel – ich glaube auch, ihr einziges – in einem Gespräch mit der Sendung »Fazit« im Deutsch­land­radio Kultur, in dem es aus Anlass der Locarno-Eröffnung ebenfalls darum ging, warum eigent­lich kaum mehr ein Film in inter­na­tio­nalen Wett­be­werben läuft. Niehuus schlug sich den schlechten Umständen entspre­chend gut. Das Gespräch belegt vor allem, dass jetzt allmäh­lich die schwe­lende Debatte über eine Reform der Film­för­de­rung auch öffent­lich ins Rollen kommt.
Das Gespräch sollte man sich unbedingt anhören, unter diesem Link kann man es abrufen.

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Den Verweis auf die Berlinale finde ich aller­dings falsch. Denn wenn die vielen deutschen Filme im Berlinale-Wett­be­werb eine zurei­chende Erklärung für die Abwe­sen­heit deutscher Filme in anderen A-Wett­be­werben wären, dann dürfte es ja logi­scher­weise keine fran­zö­si­schen Filme jenseits von Cannes und keine italie­ni­schen jenseits von Venedig geben. Es gibt sie aber zuhauf – drei Italiener in Cannes zum Beispiel. Und sind argen­ti­ni­sche, japa­ni­sche, öster­rei­chi­sche und dänische Filme nur deshalb inter­na­tional so stark, weil es bei denen zuhause kein A-Festival gibt?
Nein, die Ursachen liegen viel tiefer. Sie liegen in einer falsch konstru­ierten, einseitig an ökono­mi­schen Erfolgs-Erwar­tungen (Erwar­tungen!!! Hoff­nungen und Speku­la­tionen) orien­tierten und fern­seh­ver­seuchten Film­land­schaft und am Fehlen einer echten Film­kultur, die diffe­ren­ziert, streit­lustig, dabei offen und neugierig ist.

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Einen wichtigen Punkt hat die Kultur­staats­mi­nis­terin Monika Grütters erkannt und glück­li­cher­weise offen ange­spro­chen: Den unseligen Förder­tou­rismus, und die Tatsache, dass Produ­zenten zu Entschei­dungen gezwungen sind, die die Filme teurer machen und künst­le­risch kontra­pro­duktiv sind. Die zentra­lis­ti­scheren, mehr an Kultur und den Wünschen der Filme­ma­cher orien­tierten Systeme in Frank­reich, Dänemark und Öster­reich zeigen, wie man erfolg­reiche Kino begründen kann.

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Eine der größten Fehl­leis­tungen des jetzigen Film­för­der­ge­setzes ist, dass es in der Refe­renz­för­de­rung keinen Unter­schied zwischen Großen und Kleinen macht – einen echten Mittel­stand gibt es in unserer Film­land­schaft ja leider gar nicht, sondern nur verschieden kleine Firmen neben den Großen, die man an einer Hand abzählen kann. Im Ergebnis bekommen dann wegen der unseligen »Schwellen« die Großen alles Geld, und die Kleinen nichts – denn wer schafft heute schon 50.000 Zuschauer?
Mit einer Belohnung von ökono­mi­schem Erfolg hat das gar nichts zu tun. Denn oft ist ein Film in Prozent­sätzen gerechnet sehr erfolg­reich, obwohl er wenige Zuschauer hat. Zudem gibt es in der Vergan­gen­heit einige Beispiele für Filme in A-Wett­be­werben, die trotzdem dann nicht die Schwelle für Refe­renz­gelder erreichen.
Hier ist das System grund­sätz­lich faul.

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Jeder hat es mitbe­kommen: Die zweite und die dritte Macht des Staates streiten sich um die vierte. Ein Bundes­an­walt betreibt selber Politik, wirft das aber anderen vor. Er fordert eine Trennung von Politik und Recht – als ob sie möglich wäre. Poli­ti­sche Justiz: Man möchte von solchen Leuten nicht regiert und nicht geschützt werden.
Einmal mehr erlebt man an den Reak­tionen in der Affaire um BfV und »netz­po­litik.org« die Folgen des traurigen Erbe des Rechts­po­si­ti­vismus und der Natur­rechts­ver­ach­tung in Deutsch­land. Und fast in Verges­sen­heit gerät das Offen­sicht­liche: Unsere Geheim­dienste sind weder geheim noch dienen sie. Besser gesagt: Sie geben sich geheim vor den Bürgen und dienen den Mächtigen, aber nicht ihren Auftrag­ge­bern.

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Natürlich hat diese Affaire sowieso mit uns zu tun, weil wir alle Bürger sind. Sie hat aber auch mit uns als Medium zu tun: Internet-Autoren und Blogger sind auch Jour­na­listen, auch wenn das einigen nicht gefällt. Und alle Ansätze, die es leider auch in der deutschen Politik gibt, nicht nur in de Türkei des Popu­listen und De-facto-Diktators Erdogan, dazu, der Presse zu erklären, was sie darf und was nicht, worüber sie schreiben darf und worüber nicht, muss man bekämpfen – im Eigen­in­ter­esse. Und im Interesse einer funk­tio­nie­renden Öffent­lich­keit, die mehr denn je Infor­manten, Whist­leb­lower und den tugend­haften Verrat, ja eine Kultur des Verrats braucht.
Die BfV-Affaire hat auch mit dem deutschen Kino zu tun: Wer sitzt jetzt an einem Polit­thriller, der die Verfas­sung­s­chützer als Verfas­sungs­feinde zeigt? Die Whist­leb­lower als Helden allein gegen alle? Wer traut sich, das zu fördern und mit Fern­seh­ge­büh­ren­geld zu finan­zieren?

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Eine typisch deutsche Lach­nummer ist die plötz­liche Aufregung um die Betei­li­gungs­ge­sell­schaften unserer Fern­seh­sender. Musste da wirklich erst die FAZ mit einem Medi­en­wis­sen­schaftler kommen, damit wir erfahren, dass Produk­ti­ons­firmen und Fern­seh­sender »auf irrsin­nige Weise mitein­ander verwoben« sind? Das hat jetzt Harald Rau einer stau­nenden deutschen Öffent­lich­keit offenbart. Dann teilen es alle schön unkom­men­tiert auf facebook. Als wüssten wir nicht längst, dass es ist wie es ist.
Hier kann man alles nachlesen.

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Auch die Ukraine amputiert gerade einen Teil ihrer eigenen Kultur und Geschichte. In dem ach so freien, west­li­chen, welt­of­fenen Land, das in fünf Jahren EU-Mitglied werden möchte, hat das Kultur­mi­nis­te­rium zwei Listen mit Namen auslän­di­scher Künstlern veröf­fent­licht. Auf einer »schwarzen Liste«, die inzwi­schen dem ukrai­ni­schen Geheim­dienst übergeben worden ist, stehen die Namen von 117 Künstlern, die nach Ansicht des Kultur­mi­nis­te­riums von Kiew »eine Gefahr für die Sicher­heit der Ukraine« darstellen.
Diese Künstler dürfen nicht mehr in der Ukraine auftreten. Das ukrai­ni­sche Fernsehen darf keine Filme mehr zeigen, an denen sie beteiligt waren – gleich welchen Inhalts. So sind in der Ukraine jetzt viele Klassiker des sowje­ti­schen Kinos verboten, aber auch Filme mit Gérard Depardieu. Denn der fran­zö­si­sche Schau­spieler mit russi­schem Pass ist der promi­nen­teste der in Ungnade gefal­lenen Künstler. Zur Krise in der Ukraine hat er seiner­zeit erklärt, er liebe die Ukraine, aber für ihn sei nicht mehr als ein Teil Russlands.
Eine soge­nannte »weiße Liste« nennt Personen, die in der Ukraine ausdrück­lich will­kommen sind. Unter ihnen Arnold Schwar­ze­negger.
Zusätz­lich wurden in der Ukraine bis jetzt fast 400 russische Filme und Fern­seh­se­rien verboten. Will­kommen im neuen Europa!

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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cn-klappe: Vor der Kamera. Hinter der Kamera. Perspektivwechsel – Der Schauspieler im Regiestuhl

© Holger Borggrefe

Zur cn-klappe bei casting-network

Podiumsdiskussion des Bundesverbandes Casting (BVC) im Rahmen des Filmfestes München 2015

Als Schauspieler/Regisseure waren vertreten:

Simon Verhoeven
Giulio Ricciarelli
Andy Niessner

Die Casting Directors waren vertreten durch:

Anja Dihrberg (BVC)
Gitta Jauch (BVC)
Manolya Mutlu (BVC)

Es moderierte Stephen Sikder (BVC).

Der Beitrag gliedert sich in folgende Kapitel:
(Hinweis: Die Kapitel (Playlist) sind in der linken oberen Ecke des Video-Players auswählbar.):

Intro
Kapitel 1: Neuer Blickwinkel durch Perspektivwechsel?
Kapitel 2: Was sollten Schauspieler und Regisseure beim Dreh beachten?
Kapitel 3: Wie arbeiten Schauspieler und Regisseure optimal zusammen?
Kapitel 4: Welche Aspekte sind bei der Besetzung entscheidend?
Kapitel 5: Was macht einen guten Regisseur aus?
Kapitel 6: Hat sich die Beziehung zum Beruf Schauspieler verändert?

Abspann & Dankeschön

Offizielle Website des Bundesverband Casting (BVC):
www.castingverband.de

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Roter Teppich für die Liebe – SMS Self Made Shorties Festival 2015

© sKatrin Krammer – http://www.katrinkrammer.de/

Wer kennt ihn nicht, den legendären Erfolgssong der Beatles: „All you need is love!“ Am 18. Mai 1967 erhielten die Beatles von der BBC den Auftrag, für die Fernseh-Sendung „Our World“ ein Lied zu komponieren. Die Sendung war die erste weltweit ausgestrahlte Live-Fernsehproduktion, die am 25. Juni 1967 live in 31 Länder übertragen und von mehr als 400 Millionen Zuschauern gesehen wurde. Während der Veranstaltung wurde „All You Need Is Love“ live gespielt, ein Teil der Instrumentierung war Playback. Dieses Playback entstand am 14. Juni 1967 – anders als üblich – in den Londoner Olympic Studios. Dort wurden in Studio 1 insgesamt 33 Takes von „All You Need Is Love“ aufgenommen. Der Song entstand innerhalb eines Monats zwischen dem Auftrag der BBC und der ersten Aufnahmesession und repräsentierte perfekt die Atmosphäre des „Summer of Love“ im Jahr 1967. Veröffentlicht wurde die Single in Deutschland bereits am 30. Juni 1967 (Großbritannien: 7. Juli 1967, USA: 17. Juli 1967). Die Platte führte drei Wochen lang die englische Hitparade an und wurde zum vierzehnten Nummer-eins-Hit der Beatles in den USA, wo sie eine Woche auf Rang 1 stand. Insgesamt erreichte sie in zehn Ländern den ersten Rang der jeweiligen Hitparade. Die Single verkaufte alleine in Großbritannien 500.000 Exemplare, weltweit wurden insgesamt über drei Millionen Singles verkauft.
Liebe – also immer wieder ein großes Thema: Was oder wen, wer mit wem? Tragisch wie die „Love Story“, dramatisch, katastrophal, neurotisch, sehnsuchtsvoll, erfüllt oder unerhört. Verliebt, verlobt, verlassen, zu zweit, zu dritt, allein oder zu zweit allein…

Unter dem Motto „Love Shorties – Das Festival des Liebesfilms“ gaben Schauspielervideos, Crew United und die ZAV Künstlervermittlung in Zusammenarbeit mit Casting Network, Cinearte und Out Takes Schauspielerinnen und Schauspielern in Deutschland, Österreich und der Schweiz zum dritten Mal die Chance, ihre Persönlichkeit in einem kurzen Film (max. drei Minuten) vorzustellen.

Am Freitag, den 03.07.2015 präsentierte dann die hochkarätige Jury bestehend aus: Jule Ronstedt, Anna Ewelina, Alexander Held, Iris Baumüller, Rebecca Gerling, Mai Seck, Daniela Tolkien, Charlotte Siebenrock, Birgit Metz, Ewa Karlström, Uli Aselmann, Oliver Haffner, Nadine Wrietz und Florian Hacke in einem vollbesetzten Kinosaal im Mathäser Kino die vorausgewählten 15 Self Made Shorties.

Im Folgenden ein paar Impressionen der Veranstaltung, Stimmen, weitere Eindrücke und natürlich die Gewinner-Shorties:

Link zum Film

1. Platz SMS Self Made Shorties 2015: Florentine Schara

Link zum SMS-Shorty von Florentine Schara

2. Platz SMS Self Made Shorties 2015: Diana Marie Müller & Matthias Renger

Link zum SMS-Shorty von Diana Marie Müller & Matthias Renger

3. Platz SMS Self Made Shorties 2015: Nagmeh Alaei

Link zum SMS-Shorty von Nagmeh Alaei

Alle Nominierten:

© schauspielervideos

Hier findet man die Shorties aller Nominierten und die von 100 weiteren, die von der Jury geliebt wurden: http://www.schauspielervideos.de/ecasting/ergebnis/sms-festival-2015

Stellvertretend für die vielen tollen Shorties, die es leider nicht in die Auswahl der 15 Nominierten geschafft haben, hat Urs Cordua eine Compilation mit Ausschnitten weiterer Love-Shorties zusammengestellt:

Link zur Compilation

PS: Leider ist es uns nicht möglich, alle 600 SMS-Shorties zu veröffentlichen. Weitere 100 Lieblinge der Jury könnt Ihr aber hier sehen: http://www.schauspielervideos.de/ecasting/ergebnis/sms-festival-2015. Und wenn Ihr möchtet, gebt doch unter diesem Beitrag einen Kommentar ab und verweist per Link auf Euren Shorty mit Eurem Namen! Bis zum nächsten SMS Self Made Shorties Festival und 1000 Dank an alle, die mitgemacht haben!

Wir danken für die großzügige Unterstützung der Pensionskasse Rundfunk, einem wichtigen Partner für das SMS-Festival, aber vor allem für die Altersvorsorge aller Filmschaffenden!

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Das 3. Self Made Shorties – Festival ist eine Veranstaltung von crew united & schauspielervideos in Kooperation mit casting-network und out takes, unterstützt von cinearte, corduafilm, dem Int. Filmfest München und cernodesign.

Konzeption und Beratung: ZAV Künstlervermittlung.

 

 

ZAV Künstlervermittlung Film / TV
Kapuzinerstr. 26,
80377 München
Tel +49 (0)89 381 707-19
mobil +49 (0)176 430 648 52
(Aktiviere Javascript, um die Email-Adresse zu sehen)

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Cinema Moralia – Folge 108: Seismographen der Gegenwart

Durch den Rost der Massenabstimmung gefallen: Geliebte Schwestern von Dominik Graf – © Senator Film Verleih

Lehren aus dem Filmpreis, das anste­hende Münchner Filmfest und wer entscheidet eigent­lich über den deutschen Film – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 108. Folge

»Es sind doch die Filme­ma­cher, die die Filme machen! Oder?« so fragt keck und leicht rheto­risch der Verband der deutschen Film­kritik (VDFK) und das ausge­rechnet noch auf dem Filmfest München, dem Festival mit der aller­meisten Bran­chen­nähe.
An diesem Samstag (27.06.) findet im Rahmen des 33. Filmfests München ein vom VDFK veran­stal­tetes Panel zur deutschen Film­pro­duk­tion statt, das unter der Leitfrage steht: »Wer entscheidet über den deutschen Film?« (Ab 11 Uhr, in der Black
Box im Gasteig (Rosen­heimer Str. 5, 81667 München), immerhin der Eintritt ist frei.)
Die Frage ist berech­tigt. Denn natürlich sollten die Filme­ma­cher entscheiden, also Regis­seure, Autoren und unter Umständen noch die Produ­zenten. Aber jeder weiß, dass in Deutsch­land viel mehr mitreden, wenn Filme gemacht werden. Viel­leicht sind es genau diese vielen Köche, die den Brei verderben, viel­leicht ist es das mangelnde Vertrauen, umgekehrt das gras­sie­rende Miss­trauen, dass noch eine
Dreh­buch­fas­sung, noch einen Erzähl­strang und doch noch einen Star verlangt, damit der Film auch »sicher« ein Erfolg wird, das verhin­dert, dass der deutsche Film je abhebt, und mehr Filme entstehen, wie Sebastian Schippers Victoria. Weiterlesen

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»In Deutsch­land hat man es nicht gern, wenn Freunde zusammen Filme machen«, sagt Franz Müller, der mit seinem neuen Film im Programm des Filmfest München vertreten ist, und an der Debatte teilnimmt. Gleich­zeitig kommt nächste Woche Müllers letztes Werk, die Film-im-Film-Komödie Worst Case Scenario ins Kino. Bereits diese Woche war Müller auf dem Festival des deutschen Films in Ludwigs­hafen. Zu den Produk­ti­ons­ver­hält­nissen im deutschen Film zog er beim dortigen Filmtalk zu seinem Film den Vergleich mit den USA: »Da machen Freunde mit Freunden Filme. Und nur unter Freund­schafts­be­din­gungen gibt es genug Vertrauen, um sich zu öffnen. Vertrauen kommt einem Film zugute.« Das habe man in Deutsch­land noch nicht begriffen, sagt Franz Müller: »Da bekommt man dann zu hören: ‘Du willst ja nur mit Deinen Freunden einen Film machen.’«
Als ob wir es nicht alle besser wüssten, nicht wüssten, dass Fort­schritte im Kino immer aus Gruppen und Zusam­men­hängen geboren wurden, aus persön­li­chen Bezie­hungen zwischen Regis­seuren, Dreh­buch­au­toren, Produ­zenten und Schau­spie­lern: Man denke an die »Hongkong New Wave«, an »New Hollywood«, an die »Nouvelle Vague«, an den italie­ni­schen »Neorea­lismus« oder in Deutsch­land an einen Film wie Menschen am Sonntag von 1929, für den gleich fünf Regis­seure verant­wort­lich waren.

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Eine Gruppe ist natürlich nicht mit einer diffusen Menge zu verwech­seln: Viel­leicht ist es also genau dieses dauernde Rein­ge­quat­sche und Mitges­abbel der Redak­tionen und Förder­gre­mien, die die deutschen Filme schlechter machen, als sie sein müssten.
Das VDFK-Panel jeden­falls fragt, ob die wahren Entscheider des deutschen Films nicht viel­leicht woanders sitzen, als unter den Filme­ma­chern, ob Produ­zenten und Regis­seure nicht Mario­netten sind, die von unsicht­baren Puppen­spie­lern in öffent­lich-rechtlich finan­zierten Büros gesteuert werden.
»Welche Einflüsse hat die Förderung, welche Rolle spielen Fern­seh­sender, wie wichtig sind Publikum und Film­kritik?« Sogar nach »Geschmack und Lust…, Bildung und Inter­essen« wird gefragt. »Wer entscheidet, dass es so sein soll, wie es ist?« Denn der VDFK zumindest glaubt: »Der deutsche Film kann noch viel besser sein.«
Hinter­grund von all dem bildet auch die anste­hende FFG-Novelle.
Unter der Mode­ra­tion des hoch­ge­schätzten Carlos Gers­ten­hauer von »BR Kino Kino« disku­tieren Cornelia Ackers, BR-Redak­teurin und eine der besten, inter­es­san­testen Fern­seh­ma­che­rinnen, Carl Bergen­gruen, der neue Geschäfts­führer der MFG Film­för­de­rung Baden-Würt­tem­berg (und Ex-SWR-Redakteur und Studio-Hamburg-Chef), Christoph Gröner vom Filmfest, Frédéric Jaeger, von critic.de und VDFK-Vorstand, sowie wie erwähnt Franz Müller, Regisseur, Dreh­buch­autor und Produzent in Perso­nal­union,
damit wenigs­tens einer von der kreativen Seite auch vertreten ist.

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Das alles ergibt dann im Zusam­men­spiel jene »Diktatur des Mittelmaß«, über die Lars Henrik Gass, Leider der Kurz­film­tage Ober­hausen in der FAZ vor einigen Wochen geschrieben hat. Unter dem Titel lief auch ein Radio-Streit­ge­spräch in der Reihe des SWR 2 »Forum«, bei dem ich das Vergnügen hatte, mit Klaus Schaefer, Leiter des FFF Bayern eine knappe Stunde live über die deutschen Film-Zustände zu streiten.
Ich muss da meinem Kontra­henten ein Kompli­ment machen: Schaefer war gut vorbe­reitet, und hat geschickt argu­men­tiert,
auch manchen Hügel gleich frei­ge­geben zugunsten einer Art Front­be­gra­di­gung. Für mich über­ra­schend war, dass Schaefer in den ersten Minuten schon die wirt­schaft­liche Film­för­de­rung quasi komplett über Bord warf, als ob das nicht gerade in Bayern eine Rolle spielen würde.
Für mich über­ra­schend war auch, wie kämp­fe­risch Schaefer war, wie oft er mich auch unter­brach – da hatte ich ihn zuge­ge­be­ner­maßen vorab für passiver, bequemer, und auch satu­rierter gehalten.

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Vergeben wird in München auch der »Siegfried Kracauer Preis für Film­kritik«. Man darf gespannt sein, ob die dies­jäh­rigen Preis­träger auch Kracauers Abspruch erfüllen können, dass gute Film­kritik wie ein Seis­mo­graf der Gegenwart funk­tio­nieren muss. Film­kritik sollte konkret sein und den Mut zu Aussagen haben, über die man streiten kann. Film­kritik ist keine Film­wis­sen­schaft und sollte auch nicht mit ihr verwech­selbar sein. Zumal die derzei­tige Film­wis­sen­schaft, jeden­falls in Deutsch­land, sich doch sehr in ihren eigenen Elfen­bein­turm zurück­ge­zogen hat, dort gern sitzen bleibt und, sowohl sprach­lich als auch in den Kate­go­rien, mit denen sie arbeitet, »Glas­per­len­spiele« betreibt.
An Kracauers Person kann man hingegen zeigen, wo genau heute das Manko liegt: Gute Film­kritik ist immer auch politisch und gesell­schaft­lich relevant. Wenn sie nur ästhe­tisch ist, dann wird sie ästhe­ti­zis­tisch. Natürlich kann man einen Film immer so angucken, als ob er jenseits poli­ti­scher, kultu­reller, sozialer und zeit­geist­li­cher Umstände gemacht wurde. Aber das ist eben nur die eine Seite eines Kunst­werkes. Insofern macht es sehr viel Sinn, dass der neue Preis, der erst seit Ende 2013 vom VDFK zusammen mit der MFG vergeben wird, Kracauer-Filmpreis heißt, und nicht irgendwie anders.

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Sechs Bundes­film­preise für Victoria, das geht natürlich voll in Ordnung. Hoffent­lich hilft es dem Film, der in der ersten Woche mit 25.000 Zuschauern beschä­mende Zahlen »gemacht« hatte. Beschä­mend jeden­falls ange­sichts der Qualität des sehr unge­wöhn­li­chen Film und seiner Werbe­kam­pagne.
Ande­rer­seits hat der Verleih diesen schwachen Start selbst zu verschulden:
Es war ein Fehler, dauernd über die »eine Einstel­lung« zu reden, den Film über seine Technik zu vermarkten, statt über Drama und die großar­tigen Schau­spieler. Wer geht schon in einen Film, weil er in einer Einstel­lung gedreht ist? Die Machart ist eher ein Thema für Seminare.
Falsch ist es auch, dass der Verleih den Film den Programm­kinos erst in der zweiten Start­woche gegeben hat, und Victoria zuerst im Cineplexx gespielt wurde. Nur ein Beweis, dass der Verleih seinen eigenen Film nicht verstanden hat. Immer wieder wundere ich mich über solche für noch schwer vers­tänd­liche Entschei­dungen. »Victoria« ist ein Film, der nicht von selber geht, der die Pflege durch gute Kinos braucht. Programm­kinos eben. Sebastian Schipper musste darunter leiden.

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Der Filmpreis war wieder im Palais am Funkturm, das war schon mal richtig. Weit weg von der City, aber ein guter Ort. Zurück ins alte West-Berlin, weg von den Touris in Mitte. Da gehört der deutsche Film eher hin, als zu den Go-go-Girls in den Fried­rich­stadt­pa­last.
Neben Victoria war wieder viel Quatsch nominiert. Filme, die keines­falls die Preise hätten bekommen dürfen. Das Haupt­pro­blem des Film­preises sind aber ja gar nicht die Nomi­nierten, sondern die, die bei der Massen­ab­stim­mung durch den Rost gefallen sind. Dass Die geliebten Schwes­tern von Dominik Graf und Phoenix von Christian Petzold schlechter sein sollen, als Wir sind jung. Wir sind stark., Jack und Zeit der Kanni­balen ist natürlich eine absurde Vorstel­lung.

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Die »Staats­mi­nis­terin für Kultur und Medien« Monika Grütters sagte bei der Verlei­hung dann ein paar inter­es­sante Dinge: »Großes Kino« defi­nierte sie geschickt als »Leiden­schaft. Mut. Sensi­bi­lität. Ausdrucks­stärke. Expe­ri­men­tier­freude.« Das seien »Qualitäten, die Filme zu Kunst­werken machen. Diese Qualitäten zeichnen wir mit dem Deutschen Filmpreis aus«. Der mit insgesamt 3 Millionen Euro höch stdo­tierte Kultur­preis des Landes werde an Ideen verliehen. Und dann: »Deshalb ist
es wichtig, dass nicht nur die Maxi­mie­rung des Ertrags, sondern auch der Mut zum Expe­ri­ment gefördert wird. Nicht zwangs­läufig gefallen zu müssen – das ist künst­le­ri­sche Freiheit, und darum geht es bei der kultu­rellen Film­för­de­rung, die für den deutschen Film nicht weniger wichtig ist als die wirt­schaft­liche.«

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Ob die deutschen Filme des Filmfest München dem gerecht werden? Mal abwarten. Auch dort wird nominiert. Die Jury ist in diesem Jahr die inter­es­sante Mischung aus dem Produ­zenten Peter Rommel (Feucht­ge­biete), der Schau­spie­lerin Johanna Wokalek (Die Päpstin) und Regisseur und Schau­spieler Sebastian Schipper (Victoria). In der Preis­an­kün­di­gung macht das Filmfest vor lauter Stolz gleich Jan-Ole Gerster gleich auch zum Gewinner obwohl Oh Boy ja gerade nicht als bester Film oder beste Regie gewann, sondern nur fürs Drehbuch.
Aber egal, so kleinlich wollen wir nicht sein. Schliess­lich geht’s um 70.000 Euro.

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Nachdem der unter­schied zwischen Fernsehen und Kino eh schon immer mehr aufge­weicht wird, gibt es nun auch »Tatort« im Kino: Unter dem Arbeits­titel Kino­tatort Hamburg drehen Til Schweiger und Christian Alvart einen Krimi für die große Leinwand. Andreas Dresen dreht jetzt endlich auch mit der Constantin. Der Kinder­buch­klas­siker »Timm Thaler« wird neu verfilmt.

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43 Prozent des Haupt­pro­gramms der ARD werden mit fiktio­nalen Programmen gefüllt. Jetzt nehmen die Prozent­zahlen noch zu – oder war »Günther Jauch« schon immer Fiktion? Jeden­falls trotz des behaup­teten Infor­ma­ti­ons­ge­halts keine doku­men­ta­ri­sche Sendung. Die sind mit weniger als zehn Prozent im Programm vertreten. Wenn Jauch jetzt verschwindet und »Anne Will«, die man im Gegensatz zu Jauch gern sieht, wieder an ihren Ursprungs­platz zurück­geht, wird der frei­ge­wor­dene
Mittwoch für noch mehr Fiktion verwendet. »Mit dieser Program­ment­schei­dung unter­gräbt die ARD ihre eigenen Bemühungen zur Außen­dar­stel­lung ihrer Doku­men­tar­film-Kompetenz.« findet Thomas Frickel, Vorsit­zender und Geschäfts­führer der »Arbeits­ge­mein­schaft Doku­men­tar­film«.
Die ARD habe eine Chance vertan, »die falschen Verspre­chungen wett­zu­ma­chen, mit denen sie bei Einfüh­rung der »Talkshow-Leiste« 2010 die Öffent­lich­keit täuschten: das Mengen­gerüst doku­men­ta­ri­scher
Sendungen, so hieß es damals, bleibe unver­än­dert.«
Die AG Dok nimmt das zum Anlass, die ARD und ihre Zuschauer mit Zahlen zu konfron­tieren. Daraus gehe hervor, so Frickel, »wie sich der öffent­lich-recht­liche Rundfunk schritt­weise von seinem Infor­ma­ti­ons­auf­trag verab­schiedet«.
Auf der Website der AG Dok (www.agdok.de) kann man die Zahlen nachlesen und belieb verwenden. Die Lang­fas­sung steht unter: http://agdok.de/de_DE/das-gebro­chene-wort

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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cn-kolumne: Ein Interview mit der deutsch-türkischen Schauspielerin Meryem Uzerli

Meryem Uzerli Meryem Uzerli | Foto: © Urban Ruths

Steckbrief Meryem Uzerli

Bei Meryem Uzerli handelt es sich um eine deutsch-türkische Schauspielerin aus Kassel, die durch Ihre Rolle in der türkischen Erfolgsserie „Muhtesem Yüzyil“ (Casting: über die Produktion) zum Star wurde. Ihren Anfang nahm Meryems Schauspielkarriere bereits in ihrer Jugend an der freien Waldorfschule in Kassel. Diese weckte durch ihre Vielfalt an Theaterprojekten Meryems Liebe zum Schauspiel und förderte ihr Potential. Im Anschluss folgte die Ausbildung im Schauspielstudio Frese in Hamburg, nach deren Absolvierung sie an einigen deutschen Produktionen mitwirkte. Ihre Karriere hat Meryem aber letztendlich „dem Sprung ins kalte Wasser“ zu verdanken, als sie den Entschluss fasste, sich auf die historisch vielschichtige Rolle der „Hürrem Sultan“ zu bewerben, der ersten Sklavinkonkubine, die von einem Sultan in die Freiheit entlassen und von selbigem geehelicht wurde. Für Ihre darstellerischen Leistungen in dieser Rolle wurde Meryem mehrfach ausgezeichnet und genießt mittlerweile auch weit über die Türkei hinaus großes Ansehen.

Die Serie „Muhtesem Yüzyil“ hat Sie zu einem internationalen Star gemacht, wie kamen Sie an die Rolle?
Ich habe mal in einem freien Theaterprojekt mitwirken dürfen und lernte dort einen Schauspielkollegen kennen, über den ich dann eine weitere Kollegin kennenlernte, bei der wir als größere Reisegruppe während der Berlinale übernachten durften (wir kamen zu dem Zeitpunkt alle aus Hamburg angereist). Der Kontakt blieb über Facebook bestehen und Jahre später war es diese Kollegin, die mich anrief und mir von dem Projekt erzählte. Sie wisse von einer Produktion, für welche bereits tausende Mädchen weltweit gecastet wurden, man aber noch nicht die passende Besetzung gefunden hätte. Sie hatte von mir erzählt und ich wurde zum Casting nach Istanbul eingeladen. Weiterlesen

Sie lebten seinerzeit noch in Deutschland, wie lief das Casting ab?
Ich kam in Istanbul an und wurde in die Produktionsfirma gefahren, wo an einem großen Tisch bereits die beiden Regisseure, der Produzent, die Producerin, die Casterin und die Drehbuchautorin saßen. Ich wurde generell über mein Leben „befragt“. Es war eine längere, ungezwungene, nette Unterhaltung. Ein Abend zum Kennenlernen. Ich bekam vier Szenen, die ich über Nacht vorbereiten sollte und am nächsten Morgen war das Casting, samt männlichem Hauptdarsteller, der bereits feststand und den Regisseuren. Nach dem Casting ging es zurück ins Hotel, mit der Aufgabe aufzuschreiben wie ich die Rolle sehe (Psychologie der Figur usw.) Den ganzen nächsten Tag verbrachte ich mit der Drehbuchautorin für die Rollenanalyse. Den darauffolgenden Tag lernte ich den restlichen Cast kennen und es fanden Leseproben mit den Regisseuren statt. Am Abend wurde mir mitgeteilt, dass ich die Rolle habe.

Wie wurden Sie in der Türkei auf- und angenommen?
Ich wurde sehr herzlich auf- und angenommen.

Hat man Sie dort als Deutsche oder als Türkin angesehen?
Als Meryem mit deutsch-türkischem Blut :-)

Wie haben Sie sich auf Ihr Leben in der Türkei vorbereitet?
Das war nicht wirklich möglich. An dem Abend, als ich erfuhr dass ich die Rolle habe, wurde mir mitgeteilt, dass ich am nächsten Morgen nach Berlin fliegen, meine Sachen packen solle, um am Abend zurückzukehren. Die Dreharbeiten begannen bereits zehn Tage später und die Zeit davor wurde geprobt. Ich bin also ins kalte Wasser gesprungen.

Wie vertraut waren Sie vorher schon mit der türkischen Kultur?
Vertraut. Aufgrund dessen, dass mein Vater Türke ist und ich in meiner Kindheit diverse Urlaube dort verbringen durfte. Selbstverständlich ist es etwas anderes, wenn man plötzlich dort arbeitet und dort lebt. Zumindest war es mir nicht komplett fremd.

Wie hat sich Ihr Verhältnis zu Ihren türkischen Wurzeln in dieser Zeit verändert?
Ich hatte seit meinem letzten Familienurlaub dort (der Jahre zurück lag) nicht mehr wirklich einen Bezug. Dies hat sich dann sehr schnell verändert. Ich habe meine türkische Seite Schritt für Schritt wieder auferstehen lassen. Es war wunderschön, mit der Zeit zu sehen wie sehr ich doch eigentlich auch dort zu Hause bin. So ein starkes Gefühl. Das Herz hat es gleich verstanden.

Wie haben Sie die Rolle der Frau in der Türkei kennengelernt?
Ich lerne auf der ganzen Welt die unterschiedlichsten Frauen kennen und finde, dass wir alle etwas gemeinsam haben: Wir sind stärker als wir oft glauben.

Fühlen Sie sich als Ikone und Vorbild?
Ich bin einfach dankbar, dass so vielen Menschen meine Arbeit gefällt.

Wie hat sich die Wahrnehmung Ihrer Person in Deutschland verändert, werden Sie jetzt auch hier öfter auf der Straße angesprochen?
Ja, das passiert des Öfteren.

Bekommen Sie in Deutschland jetzt mehr Rollenangebote?
Bisher war und bin ich zeitlich sehr in internationale laufende Produktionen eingespannt, u.a mit der Produktionsfirma O3 und dem TV Giganten MBC, und habe meine Aufmerksamkeit gezielt nur meinen aktuellen Projekten gewidmet. Ich befinde mich jedoch derzeit in Verhandlungen für eine neue Kinoproduktion und hoffe daher sehr bald auch in Deutschland ausgestrahlt zu werden.

Welche prägnanten Unterschiede gibt es zwischen der deutschen und der türkischen Filmlandschaft?
Dazu kenne ich die deutsche Filmlandschaft zu wenig. Aus zeitlichen Gründen hatte ich nicht die Möglichkeit diese in den letzten Jahren mitzuverfolgen. Somit wäre mein Urteil momentan nicht professionell. Ich kann allerdings sagen, dass neue Gesichter, also unbekannte Schauspieler, in der Türkei mehr Chancen bekommen als hier.

Bald stehen Sie wieder in der Türkei vor der Kamera, was können Sie dazu erzählen?
Zuerst werde ich im Balkan einen Kinofilm drehen. Ab August geht es dann in die Türkei, um eine neue TV Weekly zu beginnen. Die Serie spielt, im Gegensatz zu der letzten, in der heutigen Zeit. Vom Genre her ist es ein Drama und die Bücher sind sehr spannend, aber ich darf darüber noch nichts erzählen.

Was sind Ihre Träume?
Dass meine Tochter immer gesund und glücklich ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

www.meryem.me
www.lyons.de

Anmerkung der Redaktion:
Eigentlich hatte die Redaktion, unterstützt von Göksu Centinkaya, zuerst für eine Ausgabe zum Filmland Türkei und nach einem deutschen Spezialisten zum Thema Türkei recherchiert. Dabei waren wir von Göksu auf Meryem Uzerli aufmerksam gemacht worden. Schnell stand außer Frage, dass Meryem, als Person und mit ihrer Geschichte, nicht einfach als Korrespondentin für das Filmland Türkei, sondern vielmehr als Beispiel und Vorbild für Ihre Branchenkollegen dient, ebenfalls „den Sprung ins kalte Wasser“ zu wagen. Wir danken in diesem Sinne Meryem Uzerli für den persönlichen Einblick, Ihrem Agenten Dany Lyons und seiner Assistentin Yvonne Narwan für die zuvorkommende Vermittlung, Göksu Centinkaya, der uns auf diese wertvolle Schauspielerin und ihre Geschichte aufmerksam gemacht hat und Euch für Eure Aufmerksamkeit.

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Achteinhalb: Warum Filmschaffende nach Meinung von Filmförderern umsonst arbeiten sollen

Als Geschäftsführer des FFF Bayern kennt Klaus Schaefer (rechts) das Filmschaffen im Freistaat wie wenige andere und zieht alle Augen auf sich. Wenn es um das Thema Mindestlohn geht, argumentiert er aber allein im Sinne der Produzenten. | Foto © Foto: FFF Bayern, Kurt Krieger

Ein Jahr ist’s her, da tobte die alte Diskussion besonders heftig: Die Bundesregierung plante, nun doch einen Mindestlohn einzuführen, wie ihn drei Viertel der Staaten in der EU bereits haben, da beschworen die Produzenten bereits den Untergang des Filmschaffens im Land. Denn ein Mindestlohn von 8,50 Euro sollte ab dem Jahreswechsel auch für längere Praktika gelten. Und das sei nun doch ein Problem, erklärte die Produzentenallianz, der mit rund 220 Mitgliedern der Großteil der deutschen Film- und Fernsehproduktionsfirmen angehört: Ein Praktikum sei meist der einzige Weg, wie junge Menschen zum Job in Film und Fernsehen finden und Unternehmen ihren Nachwuchs. „Sollte das nicht mehr finanzierbar sein, würden den jungen Menschen massiv Chancen genommen, anstatt ihnen Chancen zu geben.“

Ein wenig hatte der Bundestag daraufhin ein Einsehen und verlängerte die Zeitspanne für „Schnupperpraktika“, die vom Mindestlohn ausgenommenen sind, von den geplanten sechs Wochen auf drei Monate. Und damit soll noch längst nicht Schluss sein. Denn „nun ist ein neues Problem aufgetaucht: die Nachwuchsfilm-Produktion.“ Und „man kann dem Gesetzgeber nicht vorwerfen, dass er diese doch sehr speziellen Fragen der filmischen Ausbildung nicht gesehen und in dem verabschiedeten Mindestlohngesetz nicht geregelt hat. Nun aber ist das Problem erkannt und es gilt, praxisgerechte Lösungen zu finden.“

Aber es ist nicht etwa die Interessenvertretung der Produzenten, die sich hier äußert. Weiterlesen

Sondern Prof. Dr. Klaus Schaefer, Geschäftsführer des Filmfernsehfonds (FFF) Bayern und mit rund 28 Millionen Euro jährlich Herr über das zweitgrößte Budget unter den regionalen Förderungen. In seinem Editorial zur jüngsten Ausgabe der Film News Bayern, der Zeitschrift des FFF (oder hier), schildert seine Schäfer seine Sorge, welche Schwierigkeiten sich nun vor den Filmstudenten auftürmen – des Mindestlohns wegen. Das heißt, so richtig schildert er es nicht, denn er nennt weder Kosten noch Zahlen, sondern beschwört mal so ganz allgemein, wie gut und nützlich, also wichtig, ohnehin aber unvermeidlich es für eine Studentenproduktion sei, „immer wieder“ auf externe Profis zurückzugreifen, „um diese Filme tatsächlich in einer hochschulwürdigen Qualität umsetzen zu können. Und da diese Hochschulfilme minimale Budgets haben, ist es eine schöne Übung in der Branche, dass sich erfahrene Kräfte umsonst oder für eine eher symbolische Bezahlung meist unterhalb des Mindestlohns bereit erklären, ihr Wissen und ihr Können dem Nachwuchs zur Verfügung zu stellen.“

Schön ist es auf jeden Fall, wenn der höchste Filmförderer des Landes sich um den Nachwuchs sorgt. Schließlich hat der FFF Bayern (wie auch seine Pendants in Hamburg und Schleswig-Holstein, Berlin und Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Hessen) in seinen Statuten zur Produktionsförderung den Passus: „Bei der Herstellung des Films soll der Antragsteller in angemessenem Umfang die filmberufliche Aus- und Weiterbildung gewährleisten.“ Was immer das heißen mag und wie das geprüft wird…

Doch wenn es nur darum ginge. Worum es tatsächlich geht, stellt schon die Überschrift klar: „Mindestlohn – die Zweite!“ Denn, daran lässt der folgende Artikel keinen Zweifel, es muss da unbedingt noch einiges geändert werden am neuen Gesetz für eine faire Bezahlung. Und das ist rhetorisch recht geschickt aufgebaut: Der erste Absatz schildert, dass der Gesetzgeber schon mal ein Problem („Schnupperpraktika“) nicht erkannt habe, dann aber bereitwillig „nachbesserte“, nachdem man ihn darauf hingewiesen habe. Der letzte Absatz heischt Verständnis, mit der Mahnung gemeinsam eine Lösung zu finden, die natürlich nur die sein kann, eine weiteres Loch ins Gesetz zu bohren, diesmal für Hochschulproduktionen.

Da stehen auf einmal eine ganze Reihe Behauptungen herum. Hat die Politik tatsächlich die „doch sehr speziellen Fragen der filmischen Ausbildung“ und zuvor „die Problematik“ von Mindestlohn und Praktikum nicht erkannt, trotz Anhörungen, Gutachten, Debatten und reihenweisen Verlautbarungen der Interessenverbände? Wie viele Praktika mussten denn in den gerade mal vier Monaten, die das Gesetz in Kraft ist, tatsächlich schon abgebrochen werden, weil nach dem dritten Monat eine Mindestvergütung fällig wäre? Sind die Nachwuchsfilm-Produktionen tatsächlich „ein neues Problem“, das nun so überraschend aufgetaucht ist? Lernt ein Student an einer deutschen Filmhochschule tatsächlich so wenig, dass er Hilfe von außen braucht, um seinen Film „in einer hochschulwürdigen Qualität umsetzen zu können“?

Man kann auch anders fragen: Wenn „erfahrene Kräfte umsonst oder für eine eher symbolische Bezahlung meist unterhalb des Mindestlohns bereit erklären, ihr Wissen und ihr Können dem Nachwuchs zur Verfügung zu stellen“ – was soll der Filmnachwuchs daraus lernen? Dass Wissen und Können umsonst zu haben sind (ihr eigenes dereinst eingeschlossen)? Weil es offenbar normal ist, dass man berühmte Schauspieler und erfahrene Kameraleute für den Abschlussfilm haben will, auch wenn keiner dafür bezahlen kann…

Das ist gar nicht so schlimm, meint Schaefer: „Ein solches mäzenatisches Handeln ist in der Welt von Kunst und Kultur höchst erwünscht und ein Beitrag zur Förderung des kreativen Nachwuchses.“ Darum seien sogar renommierte Schauspieler „immer wieder bereit, bei Nachwuchsfilmen (fast) ohne Bezahlung dabei zu sein.“ Es könnte ja sein, dass der Student von heute morgen der große Regisseur ist, der mit Rollenangeboten nur so um sich wirft. Oder ganz anders…

Nur sind die renommierten Schauspieler die Minderheit. Etwa 80 Prozent und mehr im Team seien „mehr oder weniger erfahrene ganz normale Filmschaffende“, schätzt einer, der schon bei mehreren Abschlussfilmen mitgewirkt hat: „Das ist sicherlich von Hochschule zu Hochschule unterschiedlich. Bei den Produktionen, die ich gemacht habe, waren immer nur der Regisseur und der Produzent von der Filmhochschule.“

Was Schaefer über vier Absätze so stimmungsvoll idealisiert, ist leider eine weit verbreitete Vorstellung vom Kulturleben um Lande, weil die Leute anscheinend zu oft „La Bohème“ gesehen haben. Das Schöne, Wahre und Gute entsteht nur durch Entsagung und Not, denkt man dann gerne. Obwohl „La Bohème“ ja in einer Zeit spielt, als gerade erst Sozialversicherungen eingeführt und Kinderarbeit abgeschafft wurden und auch sonst einiges ziemlich anders war.

Es mag ja sogar sein, dass die Kunst sich selbst genug ist, doch spätestens, wenn die Miete fällig wird, wäre es schön, wenn die Arbeit nicht völlig brotlos war. Aber wenn Künstler sich selbst Mäzene sein müssen, weil es anders nicht geht, läuft etwas nicht richtig. Vielleicht auch an den Stellen, von denen diese Projekte ihr Geld bekommen sollen… Übrigens: bereits 1,3 Millionen Euro ließ sich allein der FFF die gerade abgedrehte Fortsetzung des Kassenschlagers „Fack ju Göhte“ kosten.

Der Mindestlohn, den Schaefer als so gefährlich ansieht, hat nämlich zwei Seiten: Was die Produzenten bezahlen müssen, ist das, was die Filmschaffenden für ihre Arbeit bekommen. 8,50 Euro die Stunde. Rund 1400 Euro im Monat. Brutto. Als Förderer sollte er den kompletten Film und all seine Beteiligten im Blick haben. Mehr noch: Als Einrichtung mit 90 Prozent staatlichen und öffentlich-rechtlichen Gesellschaftern müsste der FFF den Mindestlohn verteidigen – und noch mehr. Schließlich können Arbeitgeber, die gegen das Gesetz verstoßen, von der Vergabe öffentlicher Aufträge ausgeschlossen werden. Was für die Filmförderung, die öffentliches Geld verteilt, letztlich eine Aufsichtspflicht mit sich bringt.

Doch das ist für alle Förderer im Lande gleichermaßen kein Thema. Ob die Fördermittel aus Steuern und Zwangsabgaben auch wie vorgesehen verwendet werden, wird zwar geprüft, nicht aber, ob dabei auch staatliche Vorschriften wie Arbeitszeiten und Mindesthonorare eingehalten werden (cinearte 264).

Ähnliche Erfahrungen hatten auch das Branchennetzwerk Crew United und die Bundesvereinigung Die Filmschaffenden gemacht, die alljährlich Produktionsbedingungen mit dem „Hoffnungsschimmer“, inzwischen „Fair Film Award“ genannt, auszeichnen: Während die regionalen Film Commissions das Projekt unterstützen, will keiner der  Förderer davon etwas wissen.

Dass nun auch der Verantwortliche des Filmfernsehfonds Bayern scheinbar ausschließlich die Interessen des Produzenten vertritt, habe ihn daher nur „ein wenig“ überrascht, meint Oliver Zenglein von Crew United. Gerade bei den „Ausbildungs- und Anfängerproduktionen“ läge einiges im Argen. „Anstatt das Thema nun mal wirklich anzugehen und sich mit dafür einzusetzen, dass bei diesen Produktionen wenigstens verlässlich dafür gesorgt wird, dass die Mitarbeiter unfall- und haftpflichtversichert sind, einen schriftlichen Vertrag erhalten, mindestens ein Teammitglied qualifiziert ist, die Rolle eines Sicherheitsbeauftragten zu übernehmen und überhaupt eine faire Regelung für die Vergütung geschaffen werde, zielt man hier allein darauf ab, dass die ›schöne Übung‹ doch bitte bei der nächsten Gesetzesänderung berücksichtigt wird, und dann ist ja alles wieder gut!“

Dabei hat man auf Produzentenseite auf die neuen Vorgaben reagiert, um junge Menschen zum Job in Film und Fernsehen zu bringen und Unternehmen ihren Nachwuchs. Schon 2009 hatte Geschäftsführungsmitglied Dr. Oliver Castendyk berichtet, man wolle für den Bereich Entertainment ein Volontariatsprogramm entwickeln. Unter dem Namen „E!Volo“ laufe es inzwischen erfolgreich und soll jetzt als Muster für ein neues Volontariat für Audiovisuelle Produktion dienen, schrieb sich die Produzentenallianz im Februar in ihren Aktionsplan für das Jahr 2015: Ausbildungsziel des neuen zweijährigen AV!Volo sind die Berufsbilder „Producer/Redakteur und/oder Herstellungs-/Produktionsassistenz“. Die Volontäre sind (ähnlich wie ihre Kollegen beim Rundfunk und bei Tageszeitungen) bei einem Produktionsunternehmen angestellt, durchlaufen während dieser Zeit mehrere Geschäftsbereiche, über etwa 30 Tage externe Schulungsmodule der Produzentenallianz und firmeninterne Fortbildungen.

Vom Erfolg des Konzepts sind die Produzenten überzeugt: „Durch den Wegfall zahlreicher Praktikantenstellen ist mit einer erhöhten Nachfrage zu rechnen.“

 

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cn-kolumne: Thomas Schmuckert (BFFS) über den Deutschen Schauspielerpreis 2015

Steckbrief Thomas Schmuckert
Thomas Schmuckert, geboren am 1. April 1965, ist deutscher Schauspieler, Hörspiel- und Synchronsprecher. Nach dem Schauspielstudium, auch an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin, folgten Theaterengagements und Gastauftritte in ganz Deutschland, Luxemburg und sogar Philadelphia (USA). Seit 1994 steht Thomas Schmuckert für Film und Fernsehen vor der Kamera und ist in Spielfilmen, in Reihen und Serien wie zum Beispiel „Wilsberg und der Schuss im Morgengrauen“ (Casting: Sabine Weimann) und „SOKO Köln – Unter Verdacht“ (Casting: Sandra Köppe) sowie in Kinofilmen wie „Kaptn Oskar“ (Casting: Marc Schötteldreier | BVC) zu sehen. Seine charismatische Stimme leiht er mannigfaltigen Rollen in Kinofilmen, Serien und Hörspielen – für seine Titelfigur „Dorian Hunter” in der gleichnamigen Hörspielserie erhielt er 2009 den Hörspiel Award als bester Sprecher. Seit 2007 ist er Vorstandsmitglied im Bundesverband Schauspiel (BFFS) und Mitinitiator des Deutschen Schauspielerpreises.

Der Deutsche Schauspielerpreis wird nun bereits zum vierten Mal vergeben. Ist die Organisation inzwischen „business as usual“?
Wenn Du glaubst, dass aus einer Bergbesteigung mittlerweile ein gemütlicher Waldspaziergang geworden ist, dann täuschst Du Dich. Um eine neue und junge Preisverleihung wirklich zu etablieren und in den Köpfen zu verankern, rechnet man ca. 5 Jahre. Die Partner und Sponsoren rennen uns noch keineswegs mit üppigen Finanzspritzen die Türen ein. Die richtigen Partner zu finden, die einen Bezug zu unserer Idee und zu unserem Berufsstand haben, ist ein langwieriger und oft mühsamer Prozess. Aber wir sind auf einem guten Weg. Von „business as usual“ sind wir auch noch aus einem anderen Grund weit entfernt. Zum Glück! Wir befinden uns in der schönen und spannenden Phase des Aufbaus und Experimentierens, um dem Deutschen Schauspielerpreis immer stärker ein unverwechselbares Gesicht zu geben. Überraschungen, vor allem beim Spiel mit der klassischen Form der Preisverleihung, sind garantiert! Als Gesamtkoordinator des Deutschen Schauspielerpreises liegt mir eins besonders am Herzen: Den Kern dieses Preises von Schauspielern für Schauspieler zu erhalten und auszubauen. Dieser begründet sich in dem umwerfenden ehrenamtlichen Engagement der Kolleginnen und Kollegen für „ihren“ Preis als Würdigung ihres Berufes und erzeugt die besondere Herzlichkeit und charmante Familienatmosphäre, die den Deutschen Schauspielerpreis auszeichnen. Weiterlesen

Die Preisvergabe wurde vom Februar in den Mai verlegt. Wieso?
Die Berlinale als Anziehungspunkt für Filmschaffende aus ganz Deutschland war eine gute Umgebung, um den Deutschen Schauspielerpreis unter den Kolleginnen und Kollegen der Branche und der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Das ist uns gelungen. Aber die Dichte an Veranstaltungen bei der Berlinale ist enorm hoch. Ein Event jagt das andere. Die Aufmerksamkeit wendet sich sofort dem nächsten Hype zu. Wir haben den Deutschen Schauspielerpreis in den Mai verlegt, um dem Preis ein Alleinstellungsmerkmal und einen eigenen Platz im Jahreskalender der Film- und Fernsehbranche zu geben. Zum anderen tauschen wir gerne die oft eisigen Winde und den Schneematsch im Februar gegen frühsommerliche Temperaturen, einen Hauch Croisette und Leichtigkeit in der schönsten Jahreszeit in Berlin ein.

In der Vergangenheit habt Ihr auch mit den Organisatoren des Deutschen Fernsehpreises zusammengearbeitet. Nun wird dieser abgeschafft. Wie stehst Du dazu?
Zusammenarbeit ist zu hoch gegriffen. Es gab einen Austausch über die Auswahl bemerkenswerter fiktionaler Fernsehproduktionen des jeweiligen Jahres. Das war sehr konstruktiv und hilfreich. Bereits 2010 hatte sich der Deutsche Fernsehpreis mit der Abschaffung der Auszeichnungen für die meisten Einzelleistungen und Gewerke in eine Sackgasse manövriert. Bis auf die beiden Hauptdarsteller wurden die sieben weiteren persönlichen Kategorien für Nebendarsteller, Regisseure, Autoren, Kameraleute, Cutter, Komponisten und Ausstatter nicht mehr vergeben. Seitens des BFFS hatten wir damals mit der Aktion „Wir sind preiswert!“ gegen diese Missachtung der eigentlichen Schöpfer und Gestalter fiktionaler Fernsehwerke protestiert. Es war gleich-
zeitig die Geburtsstunde der Deutschen Akademie für Fernsehen e.V., die sich als Stimme der Kreativen des Deutschen Fernsehens versteht. Man muss ja nicht gleich mit dem großen Goethewort „Stirb und werde!“ um die Ecke kommen. Aber eine Besinnungspause birgt immer die Chance auf einen Neuanfang. Vielleicht ist sogar die Vision einer Zusammenarbeit der Stifter des Deutschen Fernsehpreises mit der Deutschen Akademie für Fernsehen denkbar, die seit 2013 jährlich herausragende Leistungen der einzelnen Gewerke der Fernsehproduktion auszeichnet, denn: Eine Würdigung haben diese Leistungen in jedem Fall verdient!

Gewinnt der Deutsche Schauspielerpreis dadurch an Bedeutung? Und vielleicht sogar neue Sponsoren?
Die Überschneidungen zwischen dem Deutschen Schauspielerpreis und dem Deutschen Fernsehpreis waren gering. Der Deutsche Fernsehpreis wurde im Wesentlichen von den Stiftern ARD, ZDF, RTL und Sat.1 finanziert und zeichnete die gesamte Palette der Fernsehproduktion aus, fiktionale wie dokumentarische Werke, die Reportage ebenso wie Sportjournalismus, Show, Dokutainment oder Comedy. Der Deutsche Schauspielerpreis dagegen ist ein unabhängiger Preis von Schauspielern für Schauspieler, ähnlich den Screen Actors Guild Awards in Amerika. Er würdigt herausragende und inspirierende schauspielerische Leistungen, egal ob in Kino oder Fernsehfilmen, in zum Teil neuen, innovativen Kategorien, und versucht Qualitätsmaßstäbe zu setzen.

Werden in Deutschland künstlerische Leistungen der Film- und Fernsehbranche generell nicht genügend gewürdigt?
So pauschal würde ich das nicht sagen. Aber natürlich fällt der Unterschied zum Beispiel zu den USA, Großbritannien oder Frankreich auf, wo Schauspielerinnen und Schauspieler viel mehr als „Kulturgut“ wertgeschätzt und geliebt werden. Um es etwas klischeehaft zu sagen: In Frankreich kennen und lieben alle ihre Filmstars. Der Berliner dagegen stöhnt auf, wenn er ein Halteverbotsschild einer Filmfirma vor seiner Haustür entdeckt und schimpft auf die „Fernsehfuzzis“. Gründe dafür gibt es sicher zahlreiche: Sie liegen in unserer Geschichte begründet, in unserem merkwürdigen Verhältnis zum Erfolg, in einer nur nach Quote schielenden Senderpolitik, die lange genug in risikoloser Selbstbeschneidung immer nur das Gleiche in Auftrag gegeben und kaum innovative Formate entwickelt hat, in einer betrüblichen Tendenz, Talente schnell in den Himmel zu heben, um sie ebenso schnell wieder herunterzustürzen. Dabei erzählen Filmschaffende im besten Fall Geschichten über dieses Land und seine Menschen, loten Untiefen, Missstände und das Zusammenleben in einer sich rasant wandelnden Gesellschaft aus. Daraus könnte Selbstvergewisserung und Identitätsstiftung erwachsen als Teil eines kulturellen Selbstverständnisses. Auf der anderen Seite: Schauspieler wie auch andere Künstler sollten sich wieder viel mehr in gesellschaftliche und politische Debatten einmischen, sich als prägenden und Identität stiftenden Teil dieser Gesellschaft begreifen und Verantwortung übernehmen. Nur wer über den Tellerrand schaut, wird auch außerhalb seiner Suppenschüssel wahrgenommen.

Wie ist das Feedback der Branche im Angesicht Eures Engagements?
Alle wollen dabei sein, weil der Deutsche Schauspielerpreis nicht nur eine sehr kurzweilige und unterhaltsame Veranstaltung ist – man denke an die Verwandlung einer Laudatio in eine Zwerchfell erschütternde Comedy durch Milan Peschel 2013 – sondern auch eine Art Familienfest der Branche mit einem klaren Bekenntnis zu fairen Arbeitsbedingungen und Qualitätsmaßstäben. Ein Beispiel: Als ich auf der Berlinale den Regisseur Christian Schwochow zu unserer diesjährigen Preisverleihung eingeladen habe – er kannte den Deutschen Schauspielerpreis bereits von der ersten Verleihung an – bekam er sofort leuchtende Augen und schwärmte von dem besonderen Geist und Stil dieses Preises. Aus dem Munde eines der inspirierendsten Regisseure dieses Landes, der sich durch eine großartige Schauspielerführung auszeichnet, hat mich dieses Kompliment besonders gefreut.

Allen voran die Jurys des Deutschen Schauspielerpreises müssen sich intensiv mit den großartigsten Schauspielleistungen unserer Branche auseinandersetzen. Wie schätzt Du die Professionalität, das Talent und die Fähigkeiten der deutschen Spitzenschauspieler ein? Gibt es Besonderheiten im internationalen Vergleich?
Auf dem letzten Filmfest München stellte Dominik Graf, befragt nach dem Casting für seinen Film „Die geliebten Schwestern,“ fest, dass ihm viele Entscheidungen nicht leicht gefallen seien. Es gäbe zurzeit in Deutschland einfach eine Breite hervorragender Schauspielerinnen und Schauspieler, wie er es noch nie erlebt hätte. Unabhängig vom Bekanntheitsgrad. Ich kann dem nur zustimmen. Was ich im Zusammenhang mit dem Deutschen Schauspielerpreis an differenziertem, anregendem, berührendem und verführendem Schauspiel sehen durfte, war bemerkenswert. Ausländische Produktionen, die in Deutschland drehen, haben das schon längst erkannt. Manchmal bemerkt die hiesige Film- und Fernsehlandschaft augenscheinlich nicht, welche Schätze vor ihrer Nase liegen. Oder erst sehr spät wie im Falle von Lina Wendel. Nach ihrem Film „Silvi“ haben sich plötzlich alle überschlagen, was für eine tolle Schauspielerin sie sei, und es regnete Nominierungen und Auszeichnungen. Eine Entdeckung im Alter von 50 Jahren! Ein „kleines Wunder“, worüber wir uns mit ihr von Herzen freuen. Dabei war sie auch in den Jahrzehnten davor eine großartige Schauspielerin, die nur endlich einmal eine Rolle und das Vertrauen angeboten bekam, zu zeigen, wozu sie schauspielerisch in der Lage ist. Es gibt in Deutschland viele Lina und Lino Wendels – mehr Entdeckungsfreude, Neugier und vor allem Entschei- dungsmut würde sie zu Tage fördern.

Der Preis wird für besonders „inspirierende“ Schauspielerleistungen vergeben. Aber gibt es hierzulande überhaupt genügend Formate, die die künstlerische Entfaltung von Schauspielern erlauben?
Billy Wilders Ausspruch: „Für einen guten Film braucht man drei Dinge: ein gutes Buch, ein gutes Buch, ein gutes Buch“ hat zeitlose Gültigkeit. Das Format und das entsprechende Drehbuch setzen jeder Darstellung enge Grenzen. Aus einem eindimensional und flach geschrieben Charakter in einem schnell gedrehten seriellen Format lässt sich bei aller Begabung und Anstrengung kein vielschichtiger, abgründiger Charakter entwickeln. Aus einer Currywurst lässt sich nun mal kein Rinderfilet zaubern. Ich möchte hier gar nicht in das Horn des allgemeinen Gejammers über die schmale Fernsehkost des immer Gleichen aus Krimi- und Krankenhausserien (zumal die auch exzellent sein können), über Quotenhörigkeit und Mutlosigkeit stoßen. Spannender finde ich den zart spürbaren Prozess eines Umdenkens – sicherlich getrieben von HBO, Netflix, Amazon und Co., ausgelöst von Scharen gerade jüngerer Zuschauer, die den Sendern weglaufen hin zu innovativen, international erfolgreichen Serien wie „House of Cards“, „Homeland“, „Game of Thrones“, „Breaking Bad“, „Borgen“ u.v.a. Es gibt sie auch bei uns, die innovativen, gewagteren, cooleren Formate, wie Matthias Glasners auf der Berlinale vorgestellte Serie „Blochin“, „Deutschland 83“ von RTL, „Schuld“ oder das mit Spannung erwartete gemeinsame Serienprojekt von ARD und SKY „Babylon Berlin“ unter der Regie von Tom Tykwer, aber auch schon etwas ältere Formate wie z.B. „München Mord“ oder „Der Tatortreiniger“, die zeigen, dass das Verlassen ausgetretener Pfade, der Aufbruch zu neuen Erzählweisen möglich ist und sich Tempo, Witz und manchmal sogar Action mit Anspruch vereinen lassen. Die spannende Frage ist, ob dies nur Ausnahmeerscheinungen sind oder sich hier ein Richtungswechsel andeutet. Dänemark hat es vorgemacht. Welche Fülle an guten Filmen und Fernsehserien in Kinoqualität aus einem so kleinen Land kommen ist atemberaubend. Das Erfolgsgeheimnis: talentierte Drehbuchautoren werden gebührend gefördert. Sie erhalten einen wöchentlichen Lohn und vor allem ein hohes Maß an Eigenständigkeit und Verantwortung, was sich in einem großen Mitspracherecht bei der gesamten Umsetzung des Stoffes niederschlägt. Abgesehen vom ernüchternden Hick-Hack und der Kürzung des Deutschen Filmförderfonds (DFFF) ist es erfreulich, dass immer mehr Kollegen das Heft selbst in die Hand nehmen und wunderbare eigene Filme drehen, wie beispielsweise unter unseren Mitgliedern Tom Lass oder Tom Sommerlatte.

Provokant gefragt: In der öffentlichen Wahrnehmung werden Schauspieler manchmal klischeehaft als narzisstische oder egozentrische Selbstdarsteller gesehen. Die Organisation Eures Preises unter dem Motto „von Schauspielern für Schauspieler“ erfordert aber ein hohes Maß an Teamgeist und gemeinschaftlichem Engagement. Wie passt das zusammen?
Wollen wir hier wirklich auf das Klischee vom narzisstischen Selbstdarsteller eingehen? Die rasante Entwicklung des Bundesverbandes Schauspiel, in dem sich in kurzer Zeit über 2.700 Schauspielerinnen und Schauspieler zusammengeschlossen haben, um gemeinsam engagiert für bessere Arbeitsbedingungen, faire Vergütung, einen sozialen Schutz, der diesen Namen überhaupt verdient und angemessene Urheberechtsgesetze als wirtschaftliche Grundlage zu kämpfen, spricht eine komplett gegenteilige Sprache. Hier opfern immer mehr Kolleginnen und Kollegen ihre Freizeit, um sich im Team ehrenamtlich zu engagieren. Mit Erfolg! Dass der Deutsche Schauspielerpreis ein Gemeinschaftswerk ist und gerade deshalb diese Kraft, Bodenständigkeit und Herzlichkeit ausstrahlt, wird Ende Mai wieder spürbar werden. Götz George hat es bei seinem Dank für den „Ehrenpreis für das Lebenswerk” sinngemäß so ausgedrückt: Dies sei ein Preis, den er im Gegensatz zu anderen gerne annimmt. Weil er von Leuten kommt, die etwas von dem Beruf verstehen. Den Schauspielern nämlich.

Der Deutsche Schauspielerpreis dankt seinen Hauptpartnern Peugeot, GVL, der Pensionskasse Rundfunk, der Peter Ustinov Stiftung, der Kauri CAB, der ver.di FilmUnion, dem Hotel am Steinplatz und seinen weiteren Unterstützern aufs Herzlichste.

www.schauspielerpreis.com
www.bffs.de

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Selbstgedreht

Daniel Philippen ist Vermittler für Film- und Fernsehschauspieler in der ZAV Künstlervermittlung. Von den ­täglichen Erfahrungen war es nur noch ein kleiner Gedankensprung zum ­ SMS-Festival. Und das kommt bei Schauspielern und ­Castern prima an. | Foto © SMS, Kathrin Krammer

Herr Philippen, die ZAV Künstlervermittlung lädt inzwischen schon zum dritten Mal die Schauspieler ein, „Self Made Shorties“ zu machen. Das SMS scheint ja ein Erfolg zu sein.
Kann man in aller Bescheidenheit so sagen. Dafür gibt es einige ermutigende Indikatoren: Jurymitglieder finden sich leicht – die meisten kennen es und freuen sich darauf. Es gibt sogar schon „Initiativbewerbungen“ von Casting-Direktoren, Schauspielern, sogar Agenten, um in der Jury mitzumachen. Wir wissen, dass Regisseure gerne mit Shorties arbeiten und im Netz danach suchen, sie wollen Persönlichkeiten entdecken und kennenlernen. Es gibt mittlerweile Varianten des Selbstgedrehten: die BFFS-Aktion „Ungeschminkt“…

…des Bundesverbands Schauspiel…
…oder die „About Me Videos“. Und natürlich immer mehr Schauspieler, die sich trauen, die Kamera selbst in die Hand zu nehmen und ihr Shorty ins Netz zu stellen. Also findet man in den Datenbanken immer mehr Spuren, Indizien, Indikatoren für den Erfolg.

Haben Sie irgendeinen Anhaltspunkt, dass die Selbstgedrehten einem weitergeholfen hätten? Weiterlesen

Irgendeinen? Ganz konkrete! Kann man von der Vita der ersten Gewinnerin, Nadine Wrietz, ablesen. Im Millionenhit „Männerhort“ hat die Regisseurin Franziska Meyer-Price gleich zwei Rollen allein mittels Shorties besetzt. Aber das ist nicht mal der Punkt: Wir spüren große Erleichterung, dass es ein anerkanntes Mittel gibt, um sich als Schauspieler mit einem Shorty sozusagen „komplett“ zu machen, auch wenn man noch keinen „richtigen“ Film gedreht hat, selbstständig aus der Spirale zu kommen: kein Showreel – keine Rolle, keine Rolle – kein Showreel. Etwas vorzeigen zu können, auf das man auch stolz sein kann.
Übrigens: Der Gewinner vom letzten Mal, bis dahin ein reiner Theaterschauspieler, hat über sein Shorty sein Talent und seine Lust entdeckt, Filme zu produzieren, hat mittlerweile eine eigene Webserie konzipiert, Fördermittel sind beantragt. Und schließlich erleichtert es ja auch unser ZAV-eigenes Vermittlungsgeschäft. Man kann damit einfach gut Schauspieler vorstellen, vorschlagen, Vorschläge kommunizieren. Dabei ist es übrigens schnurzegal, ob es ein super Film ist oder nur ganz einfach in einer Einstellung gedreht.

Beim ersten Mal ging’s Ihnen schlicht darum, dass Schauspieler einen Film machen und sich selber darstellen. Dann hatten Sie das Genre entdeckt und widmeten die zweite Ausgabe dem Heimatfilm. Und jetzt „Love Shorties – Das Festival des Liebesfilms“: Was erwarten Sie von der Liebe?
Dass sie mir das Bewusstsein meiner Endlichkeit vom Hals hält. So hat das Helmut Dietl gesagt. Und darum geht es doch im Leben und im Film immer: die Liebe. Und darum, dass uns dieses verdammte Ding entgleitet, kaum dass wir es erhascht haben. Oder weniger philosophisch: das Thema bietet Inspiration und ist doch offen genug für alles: Wen lieben oder was – verzweifelt, beglückt, melodramatisch, kitschig, allein, zu zweit oder zu zweit allein …. da steckt viel drin, um sich damit selbst in Szene zu setzen.

380 machten beim vorigen Mal mit. Das ist eine Menge – aber doch gut hundert Teilnehmer weniger als beim ersten Wettbewerb. Müssen wir uns Sorgen machen?
Ja, wenn mehr als beim ersten Mal kommen, das wäre dann ein wirklich riesiger Berg. Die wollen ja alle angeschaut sein. Aber keine Ahnung, was kommt, wie viel wir erwarten können. Wir wollen uns ja selbst überraschen lassen: Was werden die Schauspieler mit dem Thema anfangen? Was werden wir entdecken? Wen? Und wie kommt es an? Wenn wir das alles berechnen könnten… würden wir es nicht machen.

Gab es eigentlich Vorbilder?
Ja, einige selbstgemachte Videos, die es schon längst im Netz gab. Oder die uns bei Beratungsgesprächen gezeigt wurden. Immer mit dem Unterton: „Ach Gott ich hab halt nichts Besseres.“ Dabei war das meistens super! Aber die Schauspieler haben es nicht geglaubt, haben nicht an sich geglaubt. Wie auch? Die schauen ja selbst auch in die Datenbanken, und da waren überall klassische Bänder oder – meist schlecht – nachgestellte Filmszenen, vielleicht mal ein trockenes Interview, „und wir haben nur was Eigenes“. Da haben wir uns gesagt: „So, da halten wir jetzt mal ganz groß den Spot drauf, als Beispiel und Wertschätzung der Kreativität und Eigeninitiative.“

Die 15 nominierten Videos werden im Internet vorgestellt. Musste es dazu unbedingt auch noch ein leibhaftiges Festival geben?
Unbedingt. Wir wollen motivieren, wir wollen Shorties zeigen, die Beispielcharakter haben. Das ist der eine Teil, und der andere: diese Kreativität, Fantasie und Arbeit dann auch angemessen zu zelebrieren, zu feiern. Und damit das Internationale Münchner Filmfest zu bereichern.

Was bringen Empfänge?
Nichts. Um Besetzungen geht es da nicht. Ohne Schauspieler wäre es halt wie auf einer x-beliebigen Vertreter-Messe. Wir sind aber kein Empfang. Ein Filmfest feiert die Filmkunst. Filmkunst lebt von Schauspielern und Schauspielkultur – dazu gehören auch all jene, die nicht gerade in einem Festival-, Kino- oder aktuellen Fernsehfilm sind. Also sollen Schauspieler gefeiert werden und sich selbst feiern, dann muss es aber um Substantielles gehen: also um Filme! Deshalb feiern wir da 15 Filme und alle anderen, die eingereicht wurden gleich mit. Ich glaube, dass das SMS-Festival eine echte Bereicherung des Münchner Filmfestes ist, weil da nicht Smalltalk gequatscht wird, sondern weil man Filme anschaut, einen repräsentativen Ausschnitt aus vielen Arbeiten zeigt, die Filmschauspieler gemacht haben.

Ist geplant, auch an anderen Medienstandorten so etwas aufzuziehen?
Nein, hier spreche ich aber für mich persönlich. Ich liebe das Münchner Filmfest, hier zeigt sich München von seiner charmantesten Seite, und das will ich unterstützen und mit dem SMS-Festival dem Filmfest etwas geben, was andere nicht haben. Die anderen ZAV-Agenturen machen für ihre Standorte wiederum eigene Veranstaltungen.

Wie wird das Festival wahrgenommen?
Es gibt einige, die es schon als Hot Spot des Filmfestes genannt haben. Wenn dem schon so schon ist, oder wenn es so wird, dann wäre das super. Da kann man aber ganz entspannt bleiben: Wir konkurrieren mit keinem einzigen Event oder Empfang, gehen dem Eventgedränge elegant aus dem Weg, indem wir ganz gelassen und ganz bewusst erst gegen Ende des Filmfests noch mal eine Rakete abfeuern mit 15 Filmen. Dann hat man was, worüber man sich anschließend austauschen kann. Mich hat übrigens persönlich von Anfang am meisten beglückt, dass das so entspannt läuft und sich Schauspieler über die Arbeit der anderen wirklich mitfreuen können.

Wer entscheidet (dieses Jahr) über die Sieger?
Uns ist es wichtig, dass die Jury mehrere Filmdepartments repräsentiert: Schauspiel, Produktion, Redaktion, Regie. Also nicht nur Casting Direktoren. Das ist kein Bewerbungsfestival. Und dass dann noch mal das Publikum seine Lieblingsshorties wählt, ist auch beispielhaft: wir schätzen was ihr macht, wir nehmen das ernst, das hat uns gefallen.

Was haben die Sieger davon?
Generell: die Wahrnehmung aller 15 präsentierten Shorties bleibt auch anschließend hoch. Es wird immer wieder auf die 15 verwiesen, wenn es um die Frage geht, was man für die Bewerbung tun kann. Man erinnert sich auch erstaunlich gut an Shorties, die man mal irgendwo gesehen hat – hat ein Bild des Schauspielers vor Augen. Was hab ich als Schauspieler davon? – Im besten Fall ein Engagement. Aber darum geht es gar nicht in erster Linie. Ich bin nicht mehr abhängig davon, dass mal jemand irgendwas Brauchbares für mein Showreel macht. Ich fühle mich als Teil vieler, die zur selben Zeit am selben Thema arbeiten, ich werde als Persönlichkeit wahrgenommen.

Und was hat die ZAV davon?
Unser Auftrag ist, zu vermitteln und Menschen zusammenzubringen, im Deutsch der Bundesagentur für Arbeit: „Arbeitnehmer in Arbeit zu bringen“. Dafür brauchen wir den gut ausgebildeten, gut informierten, unabhängigen, selbstbewussten, weil selbstverantwortlichen Schauspieler – dafür machen wir das.

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SMS: Love Shorties – Das Festival des Liebesfilms
3. Juli im Mathäser Filmpalast

Filmt Euch, zeigt Euch, präsentiert Euch! SMS: Self Made Shorties – Das Festival der Showreelhits geht in die dritte Runde! Wieder heißt es: Wartet nicht auf die Szene, die Ihr für Euer Showreel benutzen könnt, sondern nehmt die Kamera selbst in die Hand – setzt Euch selbst in Szene in Eurem eigenen Shorty. Auf ausgefeilte Filmtechnik kommt es nicht an, sondern auf Eure Kreativität, Spontanität, Fantasie, Initiative, Persönlichkeit. Und das wollen wir dann auch feiern: mit einer Auswahl von 15 Shorties, die wir im Rahmen des Int. Münchner Filmfestes 2015 am 3. Juli um 14.00 Uhr im Mathäser Filmpalast zeigen, und mit einem anschließenden Get Together!

Das Motto diesmal: SMS – Love Shorties – Das Festival des Liebesfilms

Liebe – ein großes Thema: was oder wen, mit wem? Tragisch wie DIE „Love Story“,
dramatisch, katastrophal, neurotisch, sehnsuchtsvoll, erfüllt oder
unerhört. Verliebt, verlobt, verlassen, zu zweit, zu dritt, allein oder zu
zweit allein…

Zwei Regeln – mehr nicht:
* Einsendeschluss einhalten: Mittwoch, 10. Juni 2015, 12.00 Uhr Mittag.
* Länge des Love Shorties nicht über 3 Minuten.

Sehen und gesehen werdendas Festival:
15 Love Shorties werden von der Fachjury ausgewählt und am Freitag, 3. Juli 2015, um 14.00 Uhr im Rahmen des Münchner Filmfestes im Mathäser München groß präsentiert – und gefeiert. Das Publikum wählt seine drei Lieblings-Shorties.

Preise für die drei Lieblings-Shorties gibt’s auch:
1. Preis: 5 Jahre Premium Member video+ und 1 Jahr Premium-Bereich von casting network mit cast-box.
2. Preis: 3 Jahre Premium Member video+ und 1 Jahr Premium-Bereich von casting network mit cast-box.
3. Preis: 2 Jahre Premium Member video+ und 1 Jahr Premium-Bereich von casting network mit cast-box.
Anmerkung: Bei Teamarbeiten bis zu 3 Beteiligten gelten die Preise für alle 3. Sind mehr Schauspieler beteiligt, werden die Preise für 3 auf alle aufgeteilt.

Alle übrigen 12 ausgewählten Love Shorties: 1 Jahr Premium Member video+ für jeden am Love Shorty beteiligten Schauspieler.
Alle nominierten Shorties bleiben auf schauspielervideos abrufbar.

So kommen Eure Shorties zu uns: Bitte ladet Euren fertigen Film hier hoch: https://ssl.schauspielervideos.de/ecasting/bewerbung/sms-love-shorties-das-festival-des-liebesfilms-love-shorty
(Hinweis für Schauspieler, die gemeinsam ein Shorty machen: Bitte nur einmal anmelden und den Weg zur Einreichung ohne Profil wählen. Bei allen Pflichtangaben (wie z.B. Geschlecht) bitte eine Option frei wählen. Die Namen (Vor- und Nachnamen zusammen) der beteiligten Schauspieler/-innen mit Kommas getrennt in das Feld für „Vorname“ oder „Nachname“ eintragen. Dabei wenigstens einen Namen in das andere Feld eintragen, damit beide Namensfelder gefüllt sind. Und bitte eine E-Mail-Adresse angeben, unter der die Einreichung für das gesamte Team abgewickelt wird. Als Foto am besten ein Gruppenbild hochladen. In der Nachricht an das Casting-Team sollten die Namen den Rollen zugeordnet werden bzw. kurz beschrieben werden, wer was macht.)

Die Auswahl. Alle Einsendungen werden auf einen Server hochgeladen und sind nur für die Jury einsehbar. Aus den Einsendungen wird eine Vorauswahl getroffen und diese zusätzlich in einer gemeinsamen Jurysitzung gesichtet, um die 15 Finalisten zu ermitteln.

Die Jury (Stand 04.05.15):
Jule Ronstedt – Schauspielerin
Anna Ewelina – Schauspielerin
Alexander Held – Schauspieler
Iris Baumüller – Casting Director, Köln, Die Besetzer
Rebecca Gerling – Casting Director, Hamburg, Network Movie
Mai Seck – Casting Director, Berlin
Daniela Tolkien – Casting Director, München
Charlotte Siebenrock – Casting Director, Berlin, UFA Serial Drama
Birgit Metz – Redakteurin, BR Spielfilmredaktion
Ewa Karlström – Produzentin, SamFilm
Uli Aselmann – Produzent, die film gmbh
Oliver Haffner  – Regisseur
Nadine Wrietz – Schauspielerin und Siegerin des SMS-Festivals 2011
Florian Hacke – Schauspieler und Sieger des SMS-Festivals 2013

Was ist ein Shorty? Ein selbstgemachter, kurzer Film, in dem man
sich selbst in Szene setzt und als Schauspieler/in präsentiert.

Für wen sind SMS – Self Made Shorties? Für alle, denen für ihr Showreel Material fehlt – dann ist unsere Devise: lieber selber machen – lieber selber etwas drehen und damit die Datenbanken bevölkern, als auf die große Gelegenheit, die tolle Rolle warten! Für diejenigen, die schon zig Rollen auf ihrem Showreel haben, können SMS eine sinnvolle Ergänzung sein: „Super, jetzt zeig‘ ich mal eine Seite oder Fähigkeit von mir, die noch keiner kennt.“ Nützen sollen SMS – Self Made Shorties allen, die Rollen besetzen: Casting Directors, Regisseuren, Redakteuren, Produzenten – weil man hier Persönlichkeiten entdecken kann und natürlichen den Schauspieler und die Schauspielerin für die richtige Rolle.

Wie sollen die SMS aussehen – gibt es technische Vorgaben? Wir wollen keine Vorschriften machen, außer: weitgehend selbst konzipiert und gemacht und nicht länger als drei Minuten! Man kann mit Videokamera oder Webcam oder mit dem Handy drehen.

Wer darf mitmachen? Professionelle Schauspieler und Schauspielstudenten einer staatlich anerkannten Schauspielschule ab dem zweiten Jahrgang, keine Altersbeschränkung.

Wann erfahre ich, ob ich in der Auswahl bin? Beim Festival am 03. Juli um 14:00 Uhr im Mathäser, München.

Wo gibt es Kinotickets für die Veranstaltung?
Kostenlose Tickets gibt es ab Mitte Juni hier: http://sms.crew-united.com

Noch eine Bitte: Verwendet Euer Love Shorty öffentlich erst nach dem Festival am 3. Juli, um die Spannung zu erhalten. Dann aber wo immer es geht!

Und hier noch einmal die nominierten Shorties von 2011 und 2013:
SMS Self Made Shorties 2011 – Die Nominierten
SMS Self Made Shorties 2013 – Die Nominierten

Casting Network wird wieder die Berichterstattung machen. Hier der Film über die Veranstaltung 2013:
SMS Self Made Shorties 2013 – Das Festival

Die Veranstaltung ist auch auf Facebook zu finden:
SMS Self Made Shorties 2015 auf Facebook

Kontakt für alle Anfragen rund ums Festival:
Bitte wendet Euch an schauspielervideos.
E-Mail: (Aktiviere Javascript, um die Email-Adresse zu sehen), Fon: +49.30 – 99 19 49 70

Wir danken für die großzügige Unterstützung der Pensionskasse Rundfunk, einem wichtigen Partner für das SMS-Festival, aber vor allem für die Altersvorsorge aller Filmschaffenden!

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Das 3. Self Made Shorties – Festival ist eine Veranstaltung von crew united & schauspielervideos in Kooperation mit casting-network und out takes, unterstützt von cinearte, corduafilm, dem Int. Filmfest München und cernodesign.

Konzeption und Beratung: ZAV Künstlervermittlung.

 

 

ZAV Künstlervermittlung Film / TV
Kapuzinerstr. 26,
80377 München
Tel +49 (0)89 381 707-19
mobil +49 (0)176 430 648 52
(Aktiviere Javascript, um die Email-Adresse zu sehen)

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cn-klappe: Martina Gedeck im Gespräch

Martina Gedeck im Gespräch – © casting-network

Ein Zusammenschnitt des Cologne Conference-Werkstattgespräches mit der Schauspielerin und aktuellen Preisträgerin der Goldenen Kamera

KAPITEL 1: Mehr als nur eine (Neben-) Rolle
KAPITEL 2: Die Berufung zur Schauspielerin
KAPITEL 3: Die Zusammenarbeit mit dem Regisseur
KAPITEL 4: Die Arbeit mit (US-) Amerikanern
KAPITEL 5: Die Bedeutung von Preisen

Viel Spaß beim Anschauen:
www.casting-network.de

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Cinema Moralia – Folge 102: »Til, ich beneide Dich!!!«

Til Schweiger in Honig im Topf – © Warner Bros.

Die Guten ins (Honig-)Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen; aber besser kein Honig im Topf, als Nebel im Hirn: Die einsei­tige Erfolgs­hö­rig­keit des deutschen Films ist sein größter Fehler; und das Neueste von der dffb – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 102. Folge

»Ehrlich gesagt, Til, ich beneide dich darum, dass du weißt, wie es geht. Ich beobachte dich dabei und versuche zu lernen.« Also sprach Ralph Schwingel, erfolg­rei­cher deutscher Produzent, bei der Deutschen Film­aka­demie. Das Zitat ist vermut­lich schon ein paar Jahre her. Wir haben es ausge­graben, weil Schwingel diese Woche plötzlich und uner­wartet aus ganz anderen Gründen im Gespräch ist. Dazu weiter unten mehr.
Es erscheint uns aber inter­es­sant im Zusam­men­hang mit einem zweiten Statement.

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Das stammt von Medien­board-Chefin Kirsten Niehuus, und wurde uns von Studenten aus anderen Städten als Berlin (das muss man hier ja mal dazusagen) als Gedächtnis-Protokoll einer Rede über­mit­telt, die Niehuus am Studen­tentag während der letzten Berlinale gehalten hat, und über die sie als Menschen die den warm­her­zigen Berliner Ton nicht gewöhnt sind, doch etwas scho­ckiert waren. Zitate nicht ganz wort­wört­lich aber sinngemäß: »Wenn ihr Film­för­de­rung wollt, guckt doch mal, wo ihr zuhause seid und versprecht euch nicht zuviel von Berlin Bran­den­burg. … Ich guck ja eher so Formate wie ‘True Detective’ und ‘Big Bang Theory’, und ich will ja nicht so direkt dafür werben, dass alle nur noch Til-Schweiger-Filme schreiben, aber man muss sich schon fragen, warum der fünf Millionen Zuschauer hat, … es wäre schon gut, wenn man an sein Publikum denkt und auch fünf Millionen Zuschauer bekommt – und solche Stoffe möchte ich gerne auf meinem Schreib­tisch finden.
Über Genia­lität freuen sich die Eltern, nach der Ausbil­dung kommt harte Arbeit. …« Weiterlesen

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Allein über den letzten Satz, könnte man lange reden, und eine ganze Psycho­logie des deutschen Kunst­ver­hält­nisses und -vers­tänds­nisses entwi­ckeln. Genia­lität und Leich­tig­keit steht unter Verdacht, wenn es dagegen nach Männer­schweiß riecht, dann imponiert das offenbar. Dabei könnte sich doch auch eine Förder­chefin über geniale Stoffe freuen…

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Aber es geht uns um etwas anderes. Um dieses voll­kommen einsei­tige und – pardon! – verblö­dete Erfolgs­ver­s­tändnis der Film­branche. Was macht denn Til Schweiger richtig? Doch eigent­lich gar nicht so viel, außer dass er viele Zuschauer bekommt. Worüber man sich freuen kann, weil das den Kino­be­trei­bern hilft, worüber man nicht lamen­tieren muss, weil das ein Bestand­teil einer funk­tio­nie­renden Kino­kultur ist. Was man aber auch nicht anbeten muss.

+ + +

Schon klar, es heißt dann gern mal Kunst, Kunst, Kunst, Cannes, Cannes, Cannes. Aber am Ende des Tages zählen nur die Zuschauer. Oder große inter­na­tio­nale Auto­ren­fil­mer­namen.
Das aber ist das richtig schmer­zhafte grund­sät­z­liche Problem des deutschen Films: Dass alle so einseitig auf Zuschauer fixiert sind, (bzw. beim Fernsehen auf Quoten). Dass keiner fragt, womit die Quote gemacht wird, dass keiner wissen will, in welche Filme die Zuschauer gehen und warum, das ist die Armselige. Egal für was und womit, Haupt­sache, die Zahlen stimmen.

+ + +

Da schert sich dann auch niemand mehr darum, wozu Film­för­de­rung da ist. Folgt man nämlich den Gesetzen, dann geht es primär (!) nicht um Wirt­schaft­lich­keit, sondern um die – Film­för­de­rungs­ge­setz § 1(1) – »kreativ-küst­le­ri­sche Qualität des deutschen Films als Voraus­set­zung für seinen Erfolg im Inland und im Ausland«.

+ + +

Ich habe gar nicht so viel gegen Til Schweiger. Aber gegen diese Erfolgs­hö­rig­keit der anderen. Dass sie sich nicht schämen vor Schweiger so zu buckeln. Schweiger selbst dürfte so ein anbie­derndes Verhalten übrigens am meisten verachten. Und die Film­aka­demie will sich, soweit ich gehört habe, auch erst mal noch nicht in Til Schweiger-Akademie umbe­nennen.
Also habt doch bitte etwas mehr Rückgrat!
Natürlich ist Publikums-Erfolg ein Kriterium. Aber doch nicht das einzige! Und zudem muss dann zwischen kurz­fris­tigem Erfolg und lang­fris­tigem, nach­hal­tigem Erfolg diffe­ren­ziert werden, zwischen Filmen, die in fünf Jahren vergessen sind, und jenen die in zwanzig Jahren in Retro­spek­tiven laufen. Es muss auch zwischen inlän­di­schem und auslän­di­schem Erfolg diffe­ren­ziert werden, und zwischen Festi­val­er­folgen und Kassen­er­folgen. Es muss um Relevanz des Erfolges gehen, auch um Nach­hal­tig­keit.

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Aufge­schnappt von einer öffent­lich-recht­li­chen Redak­teurin: »Event­fern­sehen kann man ja nur mit Nico Hofman und mit Berben machen.« Na dann! Wenn man nur denen die Aufträge gibt, werden es die anderen auch nie lernen.

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»Film ist eine Operation, wo wir ganz viel Ungeduld für brauchen und ganz viel Geduld. Kein Mensch, der nicht leiden­schaft­lich ist, kann einen Film machen. Ich glaube trotzdem, man braucht auch das Stoische, man braucht auch das Genau-Hingucken. Und ich denke, es braucht in diesem Diskurs immer jemanden, der die Rolle spielt, sich zu fragen: Funk­tio­niert das auch?«
Auch das sagte Ralph Schwingel. Kann ich unter­schreiben. Aber bedeutet »funk­tio­nieren« nur: bei der Masse? Manche Filme funk­tio­nieren doch auch, wenn sie eine kleinere Gruppe erreichen – weil sie für diese Menschen gemacht sind. Und weil sie relativ wenig kosten.
Das wird nämlich immer übersehen: »Erfolg« ist relativ. Erfolg ist abhängig von Kosten für Produk­tion und Heraus­brin­gung. Zuschauer-Erfolg misst sich nie allein an der nackten Zahl der Kino­zu­schauer. Sondern am Verhältnis zur vom Verleih einge­set­zten Kopi­en­zahl und zur Menge der Vorstel­lungen und zum für Marketing und PR einge­set­zten Budget, sowie zum Produk­ti­ons­etat.

+ + +

Und: Hat die Masse denn immer recht? Kann das Publikum per se nicht irren? Kann man ein Publikum nicht bilden? Und hängen dessen Entschei­dungen nicht ab von Sehge­wohn­heiten und dem, was man früher mal Erziehung nannte. Frühere Gene­ra­tionen hätten beim Angucken eines Til-Schweiger-Films ein schlechtes Gewissen gehabt. Und dass sie sich heute nicht ganz andere Dinge mit gutem Gewissen rein­ziehen, ist nicht unbedingt ein Indiz für kultu­rellen Fort­schritt.

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Wie sich vergan­gene Woche schon ange­deutet hat, geht es jetzt tatsäch­lich an der dffb drunter und drüber. Man muss es hier für alle, die nicht so auf dem Laufenden sind, und das viel­leicht auch gar nicht sein möchten, nochmal knapp zusam­men­fassen: Ein neuer Direktor wird gesucht. Dafür gibt es ein Verfahren, das nicht zu dem von Berliner Politik und den im Hinter­grund agie­renden Funk­ti­onären der deutschen Film­branche gewünschten Ergebnis geführt hat. Zwei Kandi­daten, die man gern durch­ge­wunken hatte (um die unge­liebte Kandi­datin Sophie Maintigneux zu verhin­dern) wurden verschlissen, nicht zuletzt zu deren eigenem Schaden. Jetzt versucht man am Verfahren und der dffb vorbei einen dritten Kandi­daten, der sich bislang gar nicht beworben hatte, ins Amt zu hieven.
Das wirklich Bemer­kens­werte, Üble, und Unak­zep­table daran ist die Tatsache, dass die komplette (!) Studen­ten­schaft und die (zumindest offiziell) komplette Dozen­ten­schaft und die Studi­en­lei­tung der dffb alle an einem Strang ziehen, und dieses Verfahren nicht wollen, das ihnen von Außen aufge­zwungen wird – von einem Kura­to­rium, dem nicht ein einziger Regisseur angehört, aber zwei Fern­seh­re­dak­teu­rinnen (gegen die gar nichts zu sagen ist) und ein US-Main­stream­stu­dio­ver­leiher, Sony-Deutsch­land-Chef Martin Bachmann, der meines Wissen in seinem Leben noch keinen deutschen Studen­ten­film verliehen hat.

+ + +

Das war die Kurz­fas­sung. Letzte Woche hatten wir auf Björn Böhnings einseitig indus­trie­fi­xierte Rede aufmerksam gemacht. Heute wollen wir daran erinnern, dass der Mann eigent­lich die dffb-Findungs­kom­mis­sion führen sollte. Sein Verhalten in dieser Frage lässt einen mitunter an sinistre Verschwö­rungs­theo­rien glauben, dann wieder daran, dass der Mann schlicht über­for­dert ist.
Gefordert ist hier aller­dings sein Dienst­vor­ge­set­zter, der neue Berliner Regie­rende Bürger­meister Michael Müller. Der könnte Boehning zumindest mal darauf hinweisen, dass die dffb kein Spiel­platz zum Große-Politik-Üben ist.
Klar: Für Müller gibt es bestimmt wich­ti­gere Themen, als dieses hier. Aber ande­rer­seits hat es gerade die SPD nötig, kultur­po­li­tisch wieder einmal sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Flagge zu zeigen, und zu beweisen, dass man einen eigenen Kultur­be­griff besitzt, der mögli­cher­weise etwas mit sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Werten zu tun hat: Mit Frei­heit­lich­keit, Gerech­tig­keit, Demo­kra­ti­sie­rung, Trans­pa­renz. Durch­winken von oben herab ist nicht sozi­al­de­mo­kra­tisch, und Strip­pen­ziehen mit dem Kapital sollte es zumindest nicht sein.
Björn Boehning will natürlich in dert SPD noch Karriere machen, aber viel­leicht sollte man ihm mal zeigen, dass er das nicht tut, wenn er zum Toten­gräber der SPD-Gründung dffb und/oder ihrer Satzung wird.
Wo sind eigent­lich die Genos­sinnen und Genossen vom SPD-Kultur­forum?

+ + +

Und: Wo ist übrigens Pro-Quote-Regie bei dieser Debatte? »Frauen werden bei gleicher Quali­fi­ka­tion bevorzugt« heißt es in der dffb-Ausschrei­bung.

+ + +

Am Sonntag erreichte uns zunächst einmal eine Pres­se­mit­tei­lung der Studenten. Daran, wie knapp und kühl sie formu­liert war, war der Ernst der Lage erkennbar.
Die Studenten infor­mierten darin über Böhnings neuesten Schachzug: Ralph Schwingel, der zuvor nicht an der regulären Ausschrei­bung teil­ge­nommen hatte, sei der neue Wunsch­kan­didat. All das – intrans­pa­rente Verfahren, Wunsch­kan­di­daten par ordre de Mufti, Gemau­schel hinter den Kulissen, der Versuch mit laufenden Verfah­ren­sän­de­rungen die anderen Betei­ligten auszu­schalten, die Ignoranz gegenüber dem erklärten Willen der eigent­lich Betrof­fenen – ist keine Provin­z­posse mehr, es erinnert an eine Bana­nen­re­pu­blik.
Und es zeigt, dass Kino bei uns nichts zählt. Wäre all das die Besetzung eines Thea­ter­in­ten­danten oder Muse­ums­di­rek­toren, wäre Böhning längst angezählt. Wenn nicht zurück­ge­treten.

+ + +

Die Pres­se­er­klä­rung schließt dann so: »Wir, die Studen­ten­schaft der dffb, distan­zieren uns von diesem Versuch, unde­mo­kra­ti­sches Handeln zu legi­ti­mieren. Wir werden das Vorgehen Björn Böhnings unter dem Gesichts­punkt der Wett­be­werbs­verz­er­rung juris­tisch prüfen lassen.« Das kann ja noch lustig werden.

+ + +

Die gesamte dffb wollte bislang ein trans­pa­rentes und öffent­li­ches Bewer­bungs- und Beru­fungs­ver­fahren, in dem sich ein offener und öffent­li­cher Diskurs über die Kandi­daten sich hätte entwi­ckeln können. Mit dem Ziel, dass nur Kandi­daten mit einer breiten und sicheren Unter­s­tüt­zung seitens der dffb selbst vom Kura­to­rium hätten berufen werden können.

+ + +

Auch die dffb-Dozenten regen sich wieder, obwohl dort Furcht und Oppor­tu­nismus aus Karrie­re­denken heraus natur­gemäß weit verbreitet ist. Aus deren Kreisen wird nun mitge­teilt, dass sich Ralph Schwingel am Freitag, 6.3. jenseits aller Verfah­rens­re­geln auf Böhnings Einladung hin dem dffb-Kura­to­rium vorstellen wird. Am Ende der Sitzung soll noch keine Berufung statt­finden, sondern nur ein grund­sät­z­li­ches Ja oder Nein das Ergebnis sein.
Noch vor Ostern möchte sich Schwingel mit einer Art Antritts­vor­le­sung persön­lich an der dffb vorstellen. Danach soll es dann zu seiner Berufung kommen. Unter­s­tützt und empfohlen wurde Schwingel offenbar von einzelnen dffb-Dozenten – genannt werden von mehreren Personen (neben einer nicht nament­lich genannten »Person außerhalb der dffb«) der Produzent Peter Rommel und der Regisseur Andres Veiel.

+ + +

Diese letzte Mittei­lung konnte ich bisher nicht über­prüfen. Sie hat mich über­rascht, weil ich beide bis zum Beweis für demo­kra­tisch gesinnte Charak­tere halte, die nicht an Studenten und Dozenten vorbei Hinter­zim­mer­po­litik betreiben. Ich teile sie hier trotzdem mit, weil die Nachricht bereits teilöf­fent­lich ist, und ich fest davon überzeugt bin, dass gegen Intrans­pa­renz, Klatsch und Gerede (und das gibt es in der Causa viel) nur völlige Öffent­lich­keit hilft.

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Wenn das alles so stimmt, ist es ein Skandal – aber das wissen die Betei­ligten ja selber. Ob Ralph Schwingel aller­dings auch weiß, auf was er sich da einge­lassen hat? Ich will und kann es nicht glauben.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 101: Von der Rolle

Nackt-Protest von DFFB-Studenten auf dem Roten Teppich der Berlinale – © http://dffbjetzt.blogspot.de

Die Sozi­al­de­mo­kratie, die Kunst und ihr Tod: Die dffb, halb­ver­kauft, vor der Entschei­dung über ihr Selbst­ver­s­tändnis und die Berliner SPD im intel­lek­tu­ellen Koma – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 101. Folge

»Art is by so much the most exiting thing in the world.«
Philip Larkin, 15. Juni 1943
»A little mouse of thought appears in the room, and even the mightiest poten­tates are thrown into panic.«
Winston Churchill (»The Defence of Freedom and Peace (The Lights are Going Out)«)
»Warum muss die dffb gerettet werden?«, fragte Oskar Roehler, so wie es schon Erna Kiefer (NRW-Film­stif­tung) und Kathrin Stein­brenner (EFM-Presse) am Eingang gefragt hatten. Und als dann auch noch Stefan Arndt mich fragte: »Warum muss die dffb gerettet werden?«, da spätes­tens wusste ich, dass es die richtige Entschei­dung gewesen war, mir während der Berlinale den Sticker »SAVE dffb!« anzuste­cken.
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Die Studenten der dffb, der Berliner »Deutschen Akademie für Film und Fernsehen« proben seit einigen Wochen den Aufstand. Bisher hätte ich in dieser Formu­lie­rung unbedingt das Wort »Aufstand« betont, gerade möchte ich lieber von Probe sprechen. Denn im Augen­blick sieht es so aus, als ob die Studenten in Gefahr laufen, sich von den Macht­ha­bern der soge­nannten Berliner Film­kultur, die den Prozess aussitzen wollen, über den Tisch ziehen zu lassen, von den Funk­ti­onären und ihren Wasser­trä­gern, aus Naivität, mindes­tens, und vers­tänd­li­cher Furcht, und vieles von dem, was sie in den letzten Wochen aufgebaut und erreicht haben, krachern wieder zunichte werden zu lassen. Weiterlesen

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Wer bisher noch nicht verstanden hat, was die Studenten wollen oder Protest sowieso blöd findet, und meint, die sollen besser mal Filme machen, der hat zwar meiner Ansicht nach ganz prin­zi­piell ein paar Dinge nicht gelernt, aber zumindest das dffb-Kapitel kann er jetzt nachholen: Denn der vom Wowereit-Nach­folger frisch wieder in seinem Posten verlän­gerte Chef der Berliner Staats­kan­zlei, Björn Böhning, nominell Sozi­al­de­mo­krat, tatsäch­lich Lobbyist kultur­po­li­ti­schen Neoli­be­ra­lismus’ hat die Maske hinter seinem netter-Schwie­ger­sohn-Gesicht fallen lassen. In einer Rede auf dem »Deutschen Produ­z­en­tentag«, die an recht versteckter Stelle komplett nach­zu­lesen ist, formu­liert Böhning nichts Gerin­geres als eine Bank­rotter­klä­rung sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Kultur­po­litik.

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»Wandel als Chance« heißt die Rede, die Böhning am 5. Februar 2015 hielt – ein erschre­ckendes, und nicht nur, aber insbe­son­dere für Sozi­al­de­mo­kraten erschüt­terndes Dokument: In seiner Essenz begreift diese Rede Film als ausschließ­liche Wirt­schaftsgut. Die Bemer­kungen zur Kultur sind wenige Halbsätze, reine Lippen­be­kennt­nisse, formu­liert in abwie­gelnder Rhetorik: »Film und Fernsehen sind ein Kulturgut – das wissen wir.«
Direkt danach folgt das Entschei­dende:
»Wir müssen uns aber noch konse­quenter ange­wöhnen, Film und Fernsehen als Indus­trie­zweig zu betrachten.«
Zur »Zukunfts­fähig­keit als Indus­trie­standort« gehöre, behauptet Böhning, »eine ständige Evalu­ie­rung der Förderung nach wirt­schaft­li­chen Kriterien.« Film­för­de­rung müsse »Teil einer indus­trie­po­li­ti­schen Strategie« sein. »Das heißt: Die Förder­po­litik muss sich danach richten, dass die größt­mög­li­chen Wachstums- und Beschäf­ti­gungs­ef­fekte erzielt werden.

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Erschüt­ternd ist nicht dass Böhning »eine Indus­trie­po­litik für den Film« fordert – so etwas gehört seit 30 Jahren zum Stan­dar­dar­senal sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Rhetorik: »Indus­trie­po­litik« ist da ein Synonym für »staat­liche Steuerung der Wirt­schaft« und »Staats­an­teile in Schlüs­sel­in­dus­trien«.
Das Erschüt­ternde ist die Kultur­lo­sig­keit die in dieser Rede deutlich wird, die völlige Anwe­sen­heit irgend­wel­cher kultu­reller Ideen oder Vorstel­lungen, die etwas mit Kunst­för­de­rung oder auch nur Kulturö­ko­nomie zu tun haben.
Dieser Sozi­al­de­mo­krat hat offen­kundig überhaupt keine Vorstel­lung von Kunst und Kultur – noch nicht mal eine falsche. Er sieht in Kultur keinen Zweck, sondern nur ein Mittel für »Wachstum und Entwick­lung, zukunfts­fähige Arbeits­plätze, wirt­schaft­liche Zukunfts­chancen nicht nur für die Haupt­stadt­re­gion, sondern für das ganze Land« zu schaffen.
Das ist ein Armuts­z­eugnis. Es fällt auf den Mann selbst
und seine Partei zurück.

+ + +

Alles, was Böhning sagt, ist auch hoch­gradig naiv: Böhning fordert zwar recht forsch »ein neues Denken«. Man man müsse »Konzepte entwi­ckeln, um unsere Erfolgs­ge­schichte fort­zu­schreiben.« Mit neuem Denken hat so etwas aber in der Sache nichts zu tun, vielmehr ist es abge­stan­dene Suppe aus dem sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Vorrats­keller.
Schon vor über 60 Jahren, 1953, schrieb Gunter Groll, seinerzeit Film­kri­tiker der »Süddeut­schen Zeitung«, zu solchen Ideen in wenigen Sätzen,
warum die Alter­na­tive Kultur gegen Wirt­schaft erstens falsch gedacht und zweitens gar nicht das Problem ist: »Natürlich wird immer der künst­le­ri­sche Film die Ausnahme sein. Doch auch der Gebrauchs­film (…) unter­steht dem Gesetz der Gattung auf seine Weise, auch er kann, auf seine Weise, glanzvoll oder jammer­voll sein. Auch er kann originell sein, oder Schablone.«
Die Aufgabe selbst einer wirt­schaft­lich orien­tierten Kultur­po­litik müsste Qualitäts­si­che­rung oder -stei­ge­rung sein.

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Böhnings Ausfüh­rungen zeigen aber, wes Geistes Kind der Mann ist. Ausge­rechnet dieser Mann entscheidet auch – als Vorsitz­ender des Kura­to­riums – maßgeb­lich über die Neube­set­zung des Direk­to­ren­pos­tens der dffb. Sein falsches Vers­tändnis von Film­po­litik wirkt sich fatal auf den Entschei­dungs­prozess aus.
Diese Entschei­dung ist mitt­ler­weile zu einer Hänge­partie geworden. Es ist aus dem, was bisher bereits öffent­lich wurde, oder zu erfahren war, deutlich geworden, dass es im Kura­to­rium ein großes Interesse daran gibt, den Charakter der dffb massiv zu verändern. Eine Kunst­aka­demie mit beson­derer, einma­liger Geschichte soll zerstört und in ein zweites Ludwigs­burg verwan­delt werden. Nun ist Ludwigs­burg eine sehr gute Film­schule, aber eben ein völlig anderes Modell. Wozu muss man das kopieren und eine gewach­sene, überdies sehr erfolg­reiche Insti­tu­tion zerstören? Wer in Ludwigs­burg studieren möchte, kann sich dort bewerben.
Ganz offen­kundig setzten Böhning, aber auch andere an einer indus­trie­nahen Lösung inter­es­sierte Kura­to­ri­ums­mit­glieder, auf Zeit. Und auf die Trägheit des Publikums: Man hofft und setzt darauf, dass die Proteste der Studenten – die seit immerhin über zehn Wochen höchst pene­trante und dadurch erfolg­reiche Mahn­wa­chen vor Böhnings Büro im Roten Rathaus abhalten, abflauen. Und darauf, dass die Öffent­lich­keit es nicht merkt, wenn das Kura­to­rium in diesen Tagen eine Entschei­dung
fällen sollte.

+ + +

Was glauben Böhning und seine Verbün­deten eigent­lich? Sie haben es nicht geschafft, ihren Wunsch­kan­di­daten zu instal­lieren, einen eigens ange­fragten, bekannten, gut vernet­zten Herren aus dem Herz der deutschen Filmszene – aus Gründen, die wir hier nicht erörtern wollen, um dem betref­fenden Herrn nicht weiter zu schaden, wurde das nichts. Daraufhin wurde ein zweiter ebenfalls ange­fragter Kandidat zum Wunsch­kan­di­daten. Dessen Name Julian Pölsler wurde bekannt – kurz
darauf baten ihn die komplette dffb-Studen­ten­schaft und die Dozenten der dffb darum, seine Bewerbung zurück­zu­ziehen. Pölsler, ein vermut­lich ehren­werter und durchaus sympa­thi­scher Mann wurde von den Verant­wort­li­chen schlicht und einfach aufs Übelste verheizt, als Kano­nen­futter in einem Feldzug, in dem es erkennbar darum ging, die andere Kandi­datin, die Filme­ma­cherin Sophie Main­ti­gneux, Dozentin an der dffb und Kölner KHM, und Wunsch­kan­di­datin der Dozenten und Studenten der
dffb, nicht zum Zug kommen zu lassen.

+ + +

Kultur­po­li­tisch ist der ganze Vorgang, für den Böhning mass­geb­lich verant­wort­lich zeichnet, frag­würdig. Rechtlich als gemein­nüt­zige GmbH orga­ni­siert, ist die dffb ihrem von allen getra­genen Selbst­ver­s­tändnis nach eine Kunst­hoch­schule, deren Profil und Leitung eine kultur­po­li­ti­sche Ange­le­gen­heit ist. Derartige Kultur­po­li­ti­sche Entschei­dungen müssen auch öffent­lich debat­tiert und in trans­pa­rentem Verfahren getroffen werden. Bisher hat Björn Böhning keinerlei Konzept für die Zukunft der dffb erkennen lassen. Das Verhalten des Chefs der Senats­kan­zlei ist, das teilt die Studen­ten­schaft der dffb mit, »auf jeder Ebene unver­ant­wort­lich.«

+ + +

Davor, vor solchen Nicht-Verfahren und vor solchen Verant­wor­tungs­trä­gern muss die dffb gerettet werden.

+ + +

Einen einzigen bemer­kens­werten und viel­ver­spre­chenden Punkt enthält die erwähnte Böhning-Rede aller­dings auch noch: »Da sich das Geschäft immer mehr hin zu den digitalen Verbrei­tungs­wegen verlagert, ist ein logischer Schluss die Einfüh­rung neuer Abga­be­pflichten für Kabel­netz­be­treiber und Anbieter von Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­dienst­leis­tungen. Das ist eine Frage der Abga­ben­ge­rech­tig­keit.«
Inter­es­sant ist daran, dass endlich ein SPD-Vertreter die Forderung vertritt,
Netz­be­treiber zur Kasse zu bitten. Das ist über­fällig. Böhnings grober Denk­fehler liegt aber darin, dass er diese Abgaben in die Film­för­der­töpfe fließen lassen will. Das ist sach­li­cher Unsinn (denn im Netz wird ja nicht nur mit Filmen, und schon gar nicht nur mit geför­derten Filmen Geld verdient), es ist aber de facto auch eine neuer­liche Aushe­be­lung der Urheber.

+ + +

Tja, von Frank­reich kann man vieles lernen. Gerade als ich das wieder mal dachte, flattert die eine Pres­se­mit­tei­lung herein: Nicht nur, dass der frisch­ge­ba­ckene Oscar-Gewinner Ida oder Abder­rah­mane Sissakos Timbuktu in Frank­reich locker zehnmal so viele Kino-Zuschauer haben wie in Deutsch­land. Sondern sogar die Einspiel­ergeb­nisse von Christan Petzolds Phoenix über­steigen in Frank­reich schon nach zehn Tagen die an den deutschen Kino­kassen. Gratu­la­tion! Aber auch traurig.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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cn-kolumne: Roland Hemmo im Interview – Grundsatzurteil für Synchronschauspieler

hemmo3In unserer ersten Zeitgeist-Kolumne sprachen wir mit Roland Hemmo über seinen Sieg vor dem Landgericht Berlin. Der 1946 in Weißwasser geborene Synchronschauspieler hatte im vergangenen Jahr geklagt, nachdem sein Name nicht im Abspann eines von ihm mitsynchronisierten Films genannt wurde – und Recht bekommen.

Roland Hemmo, der in über 1.200 Produktionen so namenhaften Schauspielern wie Brendan Gleeson, Jim Broadbent oder Brian Cox seine Stimme leiht, ist außerdem Mitbegründer des Interessenverbands Synchronschauspieler und setzt sich seit Jahren für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen seines Berufstands ein.
www.ivs-ev.info

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Seit wann gibt es den Interessenverband Synchronschauspieler und wie kam es zur Gründung?
Der Verband, kurz IVS, hat sich am 1. März 2006 gegründet. Die Situation war damals, dass einige Produktionsfirmen begannen Synchronschauspieler als Selbstständige abzurechnen, teilweise mit ausgesprochen widersinnigen und schwer nachzuvollziehenden Begründungen. Sie wollten einfach die Sozialabgaben der Sprecher einsparen. Eine unglaubliche Unverschämtheit mit schlimmen Folgen für uns. Von fehlenden Versicherungszeiten bis zu späteren Renteneinbußen (bei mir etwa 80,00 Euro pro Monat – ein Leben lang). Als Reaktion darauf haben sich mehrere Synchronschauspieler zusammengeschlossen: Das war die Geburtsstunde des IVS.

Wie funktioniert der Austausch unter den Mitgliedern?
Da gibt es zum einen unsere Verbandszeitschrift „Unsyncbar“, die einmal im Quartal erscheint. Außerdem haben wir seinerzeit ein Internetforum eingerichtet, in dem anfangs noch äußerst rege Diskussionen unter den Mitgliedern stattfanden. Bedauernswerterweise hat die Beteiligung in den letzten Jahren stark nachgelassen. Das gilt leider auch für unsere alljährliche Mitgliederversammlung oder regelmäßig in unseren Büroräumen stattfindende Themenabende. Es ist schade, dass nur ein Bruchteil unserer Mitglieder diese Veranstaltungen wahrnimmt.

Wie viele Mitglieder zählt der Verband heute?
Momentan gibt es 220 registrierte Mitglieder, zwischenzeitlich waren es sogar 280. Es könnten mehr sein, jede Stimme zählt.

Wie steht der IVS zu anderen Verbänden?
Mit dem Verband deutscher Sprecher (VDS) pflegen wir sehr gute Beziehungen. Wir haben auch tatsächlich vor unserer Gründung diskutiert, ob wir uns diesem Sprecherverband anschließen. Allerdings legt der VDS seinen Fokus primär auf die Selbstständigkeit seiner Mitglieder und fasst Sprecher als eine heterogene Gruppe im klassischen Sinn zusammen. Daher haben wir zur Abgrenzung auch die Bezeichnung „Synchronschauspieler“ gewählt. Dementsprechend sind wir dem BFFS inhaltlich eigentlich näher, nicht zuletzt weil deren Vorstandsmitglied Thomas Schmuckert auch viele Synchronarbeiten übernimmt. Mit ihnen arbeiten wir am intensivsten zusammen. Ein Verband, dem ich eher kritisch gegenüberstehen, ist der Synchronverband Die Gilde, da er die oppositionellen Parteien von Produktionsfirmen, Schauspielern und Autoren vereinigt. Aus unserer Sicht eine verbandstechnische und gewerkschaftliche Unmöglichkeit. Alte Weisheit: Wenn wir in einem Boot sitzen, sollten wir froh sein, dass wir nicht alle auf einer Seite stehen!

Wie ist es um die Arbeitsbedingungen deutscher Synchronschauspieler im internationalen Vergleich bestimmt?
Diese Frage lässt sich nur schwer beantworten, da häufig die Arbeitsumstände in den anderen Ländern ganz unterschiedlich sind. Von einem italienischen Kollegen weiß ich über die Produktionsabläufe in seiner Heimat, dass dort in Kurzschichten von etwa vier Stunden gearbeitet wird und diese auch einzeln abgerechnet werden. In Spanien kam es vor einigen Jahren beinahe zu einem Streik der Synchronschauspieler aufgrund der Löhne und Arbeitsbedingungen. Das wäre bei uns undenkbar. Ich glaube im internationalen Vergleich schneidet Deutschland eher schlecht ab, was den Umgang mit seinen Synchronschauspielern angeht. Hinzu kommt, dass es hierzulande schwierig ist, sich in der Kreativwirtschaft in Gewerkschaften zu organisieren. Und ehrlich gesagt ist auch ver.di leider keine große Hilfe.

Ein Erfolg für Sie war hingegen das Urteil vom Landesgericht Berlin. Wie lange mussten Sie darauf warten?
Das ging glücklicherweise relativ schnell. Nachdem ich im März vergangen Jahres die Klage eingereicht hatte, kam das Urteil bereits Anfang November. Es gibt jedoch auch das Beispiel eines Kollegen, der auf Paragraphen 32a des Urheberrechtgesetzes, also auf Nachvergütung klagt. Dieser Prozess erstreckt sich inzwischen über acht Jahre.

Kann man den Ausgang Ihres Prozesses als Präzedenzfall werten?
Ich denke, das kann man durchaus, zumindest für Sprecher in Hauptrollen. Allerdings bedeutet das Urteil für mich noch nicht das Ende des Rechtsstreits. Das Urteil sagt bisher nur aus, dass der Name des Synchronschauspielers bei Kinovorführungen genannt werden muss. Neue Verwertungsformen wie Streaming- oder Download-Plattformen schließt das leider nicht mit ein. Daher bereite ich mit meinem Anwalt gerade eine zweite Klage vor.

Glauben Sie Ihr Urteil macht es anderen Synchronschauspielern möglich, ihr Recht rückwirkend einzuklagen, beispielsweise bei der Wiederauflage eines Films?
Das ist insofern schwierig, als dass das Urheberrecht gerade in den letzten Jahren immer wieder modifiziert wurde. Auch mein Urteil begründet sich auf einen Entwurf, den es so erst seit wenigen Jahren gibt. Beispielsweise habe ich 1993 Judd Hirsch in der Serie „Taxi“ synchronisiert. 2013 schließlich wurde die komplette Serie in Deutschland auf DVD veröffentlicht, das aktuelle Urheberrecht galt also schon. Dennoch wurde keiner der deutschen Sprecher genannt. Dass eine große Firma wie Paramount, die die DVD-Boxen produziert, vor der Veröffentlichung nicht die aktuellen und veränderten Bedingungen prüft, ist mir unverständlich. Wenn man heutzutage die Promillegrenze von 0,8 überschreitet, lässt sich das auch nicht damit entschuldigen, dass man zu meiner Fahrschulzeit vor vierzig Jahren noch einen deutlich höheren Wert angesetzt hat.

Wie reagieren die Produktionsfirmen und Ihre Kollegen auf das Urteil?
Persönliche Rückmeldungen der Firmen auf das Urteil gibt es nicht, deren Reaktion drückt sich eher durch Nichtbeachtung aus, sprich weniger Engagements. Dies ist mir nicht unbekannt. Als vor ein paar Jahren der IVS seine verabredete (!) Musterklage gegen die Berliner Synchron AG eingereicht hatte, hat sich das sichtbar in der Arbeitssituation der Aktiven niedergeschlagen, so dass diese viele Jahre weniger Arbeit hatten. Leider nehmen die Produktionsfirmen so einen Rechtsstreit immer sehr persönlich. Heute habe ich das Glück als Synchronschauspieler in mehreren Serien beschäftigt und somit gewissermaßen unabdingbar zu sein. Die persönliche Reaktion meiner Berufsgenossen war auch etwas mau. Nur wenige Kollegen haben sich bei mir gemeldet, um mir zu gratulieren. Der generelle Tenor schwankt eher zwischen Desinteresse und Ablehnung, was ich auf ein fehlendes oder zumindest geringes Selbstbewusstsein der deutschen Synchronschauspieler zurückführe. Gut ein Drittel des Berufsstandes ist meiner Meinung nach verhältnismäßig leidenschaftslos am Werk. Die wollen lediglich Geld verdienen und nicht auffallen. Es wundert mich eher bei Sprechern, die auch Schauspieler sind. Denen sollte es nicht völlig gleichgültig sein, wenn ihre kreative Leistung ungeachtet bleibt und herabgewürdigt wird. Aber diese Haltung gibt es, man glaubt es kaum, auch unter Regisseuren.

An welchen weiteren Punkten sehen Sie Bedarf, die Rechte der Synchronschauspieler juristisch einzufordern?
Sie sagen es: Juristisch unsere Rechte einfordern! Das ist wohl der Weg, der uns bleibt: sehr traurig. Die  Branche ist nicht in der Lage, ihre Probleme und arbeitsrechtlichen Beziehungen gemeinsam zu regeln. Problematisch wird es immer, wenn jemand alle Rechte an seinem künstlerischen Schaffen abtritt, darum drehte sich beispielsweise auch meine Klage. Verträge müssen in einigen Punkten, hierzu gehört auch die Namensnennung, eben verhandelt werden.
Die „formelle“ Abtretung so en passent auf der Rechnungsrückseite ist ungültig, sagt das Urteil, grob gesagt. Sogenannte Total-Buy-Out-Verträge sind leider heutzutage immer öfter Gang und Gäbe. So etwas ist einfach unverschämt und hält gerade in Zeiten derart vielfältiger Verwertungsmöglichkeiten zur Vorsicht an. Erst vor kurzem hat die Firma Scalamedia aus München sogenannte Rahmenverträge versandt, die diverse Grundsätze der Synchronarbeit regeln sollen. Für so eine Art Vertrag macht unser Verband sich zwar schon seit Jahren stark, allerdings ist dieser Entwurf allein deshalb schon inakzeptabel, weil er über unseren Kopf hinweg angefertigt wurde. Stattdessen müsste man sich zusammensetzen und einen solchen Kontrakt gemeinsam erarbeiten. Ich sagte es bereits: So gehört sich das zwischen zwei Partnern. Und: Ohne uns „geht” kein Synchron!

Vielen lieben Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte: Tina Thiele | Ausarbeitung: Niklas Ploghöft

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Das Geheimnis des Erfolgs

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Die Freude ist nicht zu übersehen: Der Produzent Peter Hartwig (rechts) nahm mit seinem Regisseur Urs Egger beim TV-Film „Der Fall Bruckner“ den Preis für faire Produktionsbedingungen entgegen. | Foto © Die Filmschaffenden, Jürgen Rocholl

Das war’s. Ab nächstem Jahr wird’s den „Hoffnungsschimmer” nicht mehr geben. Jenen Preis, mit dem die Berufsverbände der Branche seit 2011 die Arbeitsbedingungen aller Spielfilmproduktionen eines Jahres bewerten. Ab sofort soll er „Fair Film Award” heißen.

Die Ankündigung von Regine Hergersberg, eine der beiden Geschäftsführende Vorstände der Bundesvereinigung Die Filmschaffenden, überraschte wohl die Gäste bei der diesjährigen Preisverleihung: Auflachen, kurzes Raunen, dann erst Klatschen im Publikum. Die ganz große Begeisterung löst der neue Name wohl nicht aus, der doch sehr an das „Fair-Trade”-Siegel erinnert, mit dem Kleinbauern in Entwicklungsländern gegen die Ausbeutung durch übermächtige Konzerne und knausrige Konsumenten geholfen werden soll. Obwohl das ja gar nicht so weit entfernt ist von der hiesigen Wirklichkeit. Weiterlesen

Denn während etwa die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein seit fünf Jahren heftig für ihren „Grünen Drehpaß” wirbt und inzwischen auch die Kollegen in Baden-Württemberg von umweltverträglichen und nachhaltigen Produktionsbedingungen schwärmen, scheint sich für die tatsächlichen Produktionsbedingungen kein Mensch bei den öffentlichen Fördereinrichtungen zu interessieren. Beziehungsweise, wie eine entsprechende Umfrage von cinearte vor drei Jahren ergab: Man sieht keine Handhabe – die Einhaltung von Tarifvereinbarungen, Arbeitszeiten oder Mindesthonoraren sind in den Vergaberichtlinien für die (immerhin aus Steuern und Zwangsabgaben stammenden) Fördermittel nicht vorgesehen.

Welchen Stellenwert die ganze Frage in der Branche hat, zeigt auch der Umstand, daß nur drei der fünf größten regionalen Filmförderer überhaupt darauf geantwortet hatten. Aus Nordrhein-Westfalen und der Hauptstadtregion, die sich beide besonders laut als die leidenschaftlichsten Filmliebhaber unter den Medienstandorten brüsten, kam damals auch auf mehrmaliges Nachfragen keine Reaktion.

Und ums auch dem letzten Förderfunktionär nochmal zu erklären, hier der Klartext: Ich finde es auch doof, wenn sich vorm Imbisswagen die Plastikteller stapeln. Aber das ist nicht meine größte Sorge, sondern sogar schnurzegal, solange die Kulturarbeiter in diesem Land nicht wissen, wie sie ihre Miete zahlen sollen. Und das sollte auch die größere Sorge der Fördereinrichtungen sein.

„Die Unterwanderung von Standards darf nicht gefördert werden”, sagte Hergersberg in ihrer Ansprache: Etats und Drehtage einer Produktion sollten sich widerspiegeln, und auch die Sender sollten anstehende Projekte nicht nur nach ihrem Inhalt beurteilen. Vielleicht setzt ja allmählich tatsächlich ein Umdenken bei diesem Thema ein. Im November hatte die Medien- und Netzpolitische Kommission beim SPD-Parteivorstand ein Positionspapier veröffentlicht, wie „aus sozialdemokratischer Sicht” die Filmförderung verbessert werden könne – und da ist die „Einhaltung sozialer Mindeststandards bei Filmproduktionen” ein Punkt. Allerdings ist so ein Positionspapier einer Parteikommission sicherlich noch nicht einmal ein erster Schritt. Und wenn die drei Vorstände der Kommission in einer Pressemitteilung dazu erklären, es sei für sie „ganz wichtig”, daß „beim Förderantrag Tarifbindung und Einhaltung sozialer Mindeststandards berücksichtigt werden müssen”, dann ist das nur ein Satz unter 24, versteckt am Ende des vorletzten Absatzes. Mehr als ein Hoffnungsschimmer ist das also nicht. Aber immerhin: Das Thema steht erstmals im öffentlichen Raum.

Und da steht es nun erstmal rum. Denn zur Preisverleihung während der Berlinale war kein Politiker der Einladung gefolgt. Was Die Filmschaffenden, die bislang stark auf solchen Dialog gesetzt und auf Unterstützung aus der Politik gehofft hatten, nur mit einem Schulterzucken quittierten. Sie können ja inzwischen auch mit einigem Selbstbewußtsein auf ihren Preis blicken: Der Saal ist von Jahr zu Jahr voller (und wird wohl für den „Fair Film Award” nicht mehr ausreichen), in der Branche selbst wird der Preis offenbar wahr- und ernstgenommen.

Zumal die Entscheidung ja eindeutig fällt: Über die fairste Produktion befinden nämlich die Betroffenen selbst: Ü̈ber das Branchennetzwerk Crew United werden die Mitarbeiter aller fiktionalen Produktionen des vergangenen Jahres aufgerufen, deren Arbeitsbedingungen von den Verträgen bis hin zum zwischenmenschlichen Umgang am Set mit Schulnoten zu bewerten.

Der Preis dieses Jahres ging an den TV-Film Der Fall Bruckner der Kineo Filmproduktion unter der Regie von Urs Egger. Der Produzent Peter Hartwig hatte (damals noch als Produktionsleiter für Deutschfilm) am ersten „Hoffnungsschimmer”-Preisträger Goethe! mitgewirkt. Wie übrigens auch bei den übrigen Nominierten alte Bekannte zu sehen waren: Die Produktionsfirma Filmpool, mit einem Polizeiruf 110 in der Endrunde (und noch einem weiteren gleich hinter dem Spitzenfeld), hatte mit einer anderen Produktion der Reihe vor zwei Jahren den Preis gewonnen, die Münchner Lieblingsfilm war im vorigen Jahr mit Rico, Oskar und die Tieferschatten vorde und stand nun mit der Fortsetzung des Kinderfilms wieder in der Endausscheidung. Außerdem nominiert: der Kinofilm Traumfrauen (Hellinger/Doll Filmproduktion), die Fernsehserie Rentnercops – Jeder Tag zählt! (Bavaria) und der TV-Film Schluß! Aus! Amen! (Die Film).

Das Geheimnis dieser Erfolge? Da gaben alle sechs Nominierten die selbe Antwort: Die gründliche Vorbereitung. Dann klappt’s auch beim Dreh.

Wie’s besser geht, wollen die Berufsverbände mit Ihrem Preis zeigen. Dazu gehört aber auch zu zeigen, was nicht so optimal läuft. Wir zeigten darum hier die Gesamtliste mit allen bewerteten Filme und Serien. In der Umfrage wurden nur Produktionen berücksichtigt, bei denen mindestens 15 Mitarbeiter abgestimmt haben (das Endergebnis kann sich vom Umfrageergebnis unterscheiden, da bei den Nominierten eine weitere Umfrage durch Die Filmschaffenden stattfindet, um auch alle Beteiligten zu erreichen, die nicht bei Crew United registriert sind).

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cn-klappe: Der Filmemacher Til Schweiger

Der Filmemacher Til Schweiger im Gespräch © casting-network

Im Rahmen der Verleihung der Kinoprogrammpreise NRW in Köln ging der Herbert-Strate-Preis an Til Schweiger. Verliehen wird die Auszeichnung an Personen, die besonderes Engagement für den Deutschen Film und die Branche bewiesen haben. Mit seinem Namen erinnert der Preis an den ehemaligen Kinobetreiber und FFA-Präsidenten Herbert Strate. Zwei Gründe waren ausschlaggebend für die Ehrung von Til Schweiger. Zum einen hat er wie kaum ein anderer die Schaulustigen ins Kino gelockt und das Publikum für den deutschen Film begeistert. Zum anderen ist er mannigfaltig in seinen verschiedenen Berufsrollen. So ist er nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Regisseur, Produzent und Drehbuchautor tätig. Damit steht Til Schweiger nun auf einer Stufe mit ehemaligen Preisgewinnern wie Margarethe von Trotta, Sönke Wortmann und Tom Tykwer.

Seinen Durchbruch hatte Til Schweiger mit der Bernd-Eichinger-Komödie „Manta, Manta“ (Casting: Horst D. Scheel). Seither ist er nicht nur einer der bestbeschäftigten Schauspieler Deutschlands, sondern auch der kommerziell erfolgreichster Regisseur und Produzent (Barefoot Films) hierzulande. Anlass genug für einen Rückblick auf seine Karriere.

Hier eine Auswahl „seiner“ erfolgreichsten Filme:

  • Manta, Manta (1991) – 1,2 Millionen
    Regie: Wolfgang Büld | Produktion: Neue Constantin Film
    Casting: Horst D. Scheel
  • Der bewegte Mann (1994) – 6,5 Millionen
    Regie: Sönke Wortmann | Produktion: Neue Constantin Film, Olga Film
    Casting: Horst D. Scheel
  • Das Superweib (1996) – 2,3 Millionen
    Regie: Sönke Wortmann | Produktion: Neue Constantin Film
    Casting: Sabine Schroth (BVC)
  • Männerpension (1996) – 3,3 Millionen
    Regie: Detlev Buck | Produktion: Boje Buck Produktion
    Casting: An Dorthe Braker (BVC)
  • Knockin’ on Heaven’s Door (1997) – 3,6 Millionen
    Regie: Thomas Jahn | Produktion: Buena Vista International Film Production
    Casting: in eigener Regie
  • (T)Raumschiff Surprise (2004) – 9,1 Millionen
    Regie: Michael (Bully) Herbig | Produktion: HerbX film
    Casting: Rita Serra-Roll
  • Barfuss (2005) – 1,5 Millionen
    Regie: Til Schweiger | Produktion: Barefoot Films
    Casting: Sabine Weimann
  • Keinohrhasen (2007) – 6,3 Millionen
    Regie: Til Schweiger | Produktion: Barefoot Films
    Casting: Emrah Ertem
  • 1 1/2 Ritter (2008) – 1,8 Millionen
    Regie: Til Schweiger | Produktion: Barefoot Films
    Casting: Emrah Ertem
  • Männerherzen (2008) – 2,2 Millionen
    Regie: Simon Verhoeven | Produktion: Wiedemann & Berg
    Casting: Anja Dihrberg (BVC)
  • Inglorious Basterds (2008) – 2,1 Millionen
    Regie: Quentin Tarantino Produktion: Universal Pictures, Weinstein Company
    Casting: Jenny Jue, Johanna Ray, Germany: Simone Bär
  • Zweiohrküken (2009) – 4,2 Millionen
    Regie: Til Schweiger | Produktion: Barefoot Films
    Casting: Emrah Ertem
  • Kokowääh (2010) – 4,3 Millionen
    Regie: Til Schweiger | Produktion: Barefoot Films
    Casting: Emrah Ertem
  • Tatort: Kopfgeld (2013) – 12,5 Millionen
    Regie: Christian Alvart | Produktion: Constantin Television
    Casting: Emrah Ertem
  • Kokowääh 2 (2013) – 2,7 Millionen
    Regie: Til Schweiger | Produktion: Barefoot Films
    Casting: Emrah Ertem
  • Honig im Kopf (2015) – über 5 Millionen (Stand 16. Februar)
    Regie: Til Schweiger Produktion: Barefoot Films
    Casting: Emrah Ertem

Die vorliegende cn-klappe zeigt das Werkstattgespräch, welches im Rahmen der Verleihung stattfand.
Der Beitrag gliedert sich in folgende Kapitel:
Intro
Kapitel 1: Die Anfänge
Kapitel 2: Hollywood
Kapitel 3: Vorbilder
Kapitel 4: Der perfekte Cast
Kapitel 5: Der Filmemacher
Abspann & Dankeschön

Es moderierte Ute Soldierer.

Zur cn-klappe “Der Filmemacher Til Schweiger”

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Cinema Moralia – Folge 100: Jeder macht so, was er macht

Ein Film, der überfällig ist: Elser

Selbst­ver­schul­dete Unmün­dig­keit, deutsches Geld für deutsche Filme, fran­zö­si­sieren wir uns – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 100. Folge

»Der einzige Weg mit einer unfreien Welt umzugehen, besteht darin, absolut frei zu sein.« hat Albert Camus gesagt. Étienne de la Boétie (fran­zö­si­scher Hoher Richter von 1530 – 1563) drückt es noch etwas besser aus, wenn er sagt:
»Der Unter­drü­cker hat weiter nichts als die Macht, die ihr ihm zugesteht, um Euch zu unter­drü­cken.
Woher hat er genügend Augen, Euch auszu­kund­schaften, wenn Ihr sie ihm nicht selbst liefert?
Woher soll er die vielen Arme haben, Euch zu schlagen, wenn er sie sich nicht von Euch ausborgt?
Wo bekommt er die Füße her, Eure Städte nieder­zu­tram­peln, wenn es nicht Eure eigenen sind?
Wie kann er Gewalt über Euch haben, wenn nicht durch Euch selbst?
Wie könnte er es wagen, Euch zu über­fallen, wenn nicht durch Eure eigene Mitwir­kung?“
+ + +
Erstens, damit das auch einmal gesagt ist: Dieser Text und diese Kolumne sind nicht isla­mo­phob. Zweitens: Jeder hat das Recht, isla­mo­phobe Texte zu schreiben, soviel er will.
+ + + Weiterlesen

Ja, heute hätten wir eigent­lich die Nummer 100 dieser Kolumne mit einigen zeitlosen Einsichten feiern wollen. Aber das Wesen dieser Kolumne ist ja gerade seine Zeit­ge­bun­den­heit, und spätes­tens die Pariser Attentate hatten allen anderen Absichten den Schwung genommen.
Und dann noch der Hype um PEGIDA. PEGIDA – was heißt das eigent­lich nochmal? Provinz­deppen, Prozess­hansel, Egoisten, Eigen­brötler, Grantler, Islam­hasser, Idioten, Dumpf­ba­cken, Anti­se­miten, Auslän­der­feinde, Angst­hasen. Da wird man schnell zum Anti­deut­schen, ohne das wir das jetzt im Einzelnen ausführen wollen. Kann ja jeder mal den Begriff googlen.

+ + +

In unserer Aufrufs- und Erregungs- und Iden­ti­fi­zie­rungs­ge­sell­schaft (und über das Iden­ti­täts­be­kenntnis »Je suis Charlie Hebdo« lohnte sich das Nach­denken) war klar, dass es jetzt wieder etwas geben muss, wo jeder unter­schreiben darf. Auch das Selbst­ver­s­tänd­liche. Weil ich diesen Mani­fes­tismus zwar für Quatsch halte, in der Sache aber natürlich nicht dagegen bin, leite ich also den Aufruf hier pflicht­schul­digst weiter:
»Fanatiker haben in Paris zwölf Menschen, zumeist Jour­na­listen des Sati­re­ma­ga­zins ‘Charlie Hebdo’ ermordet. Wir fühlen mit den Angehö­rigen der Opfer. Diese blutige Tat wendet sich gegen Demo­kratie und Toleranz, sie zielt auf Meinungs- und Pres­se­frei­heit. Muslime auf der ganzen Welt verur­teilen die Morde. Doch gleichz­eitig versuchen die rechten Demagogen von Pegida die Tat zu instru­men­ta­li­sieren, um gegen Menschen isla­mi­schen Glaubens und Flücht­linge zu hetzen. Wer dies tut, befeuert die Spirale aus Hass – und spielt den Tätern in die Hände.
Kommenden Montag will Pegida in Dresden wieder demons­trieren und die Morde benutzen, um Hass und Frem­den­feind­lich­keit zu schüren. Die toten und verlet­zten Jour­na­listen können sich gegen diese Instru­men­ta­li­sie­rung nicht wehren. Daher müssen wir in Soli­da­rität mit den Opfern von Paris gegen die schreck­liche Gewalttat aufstehen. Und uns gleichz­eitig den rechten Demagogen von Pegida entge­gen­stellen. Wir Bürger/innen treten ein für ein fried­li­ches Zusam­men­leben aller Menschen
und Reli­gionen.
Deshalb starten wir heute unseren Bürger-Appell ‘Wir sind Charlie – wir sind nicht Pegida!’.
Hier kann man unterz­eichnen.

+ + +

Die inter­es­san­tere Frage aber ist für uns diese: Was hat PEGIDA eigent­lich mit dem deutschen Film zu tun? Oder anders: Ist es eigent­lich noch zeitgemäß, dass die Film­för­de­rung unaus­ge­spro­chen nach dem Blut&Boden-Prinzip funk­tio­niert, Motto: »Deutsches Geld für deutsche Filme«.
Eine neue Film­för­de­rung, die sowieso bald kommen wird, weil die alte gerade implo­diert, ist nur als europäi­sche denkbar. Da wird sich aber mancher hier umgucken.

+ + +

Im Zeichen der deutsch-fran­zö­si­schen Freund­schaft – erinnern wir uns: wie Merkel sich an Hollande lehnte. Das Bild wird bleiben, wie der Hand­schlag von Verdun – könnte man bei diesen beiden Ländern einen Anfang machen. Fran­zö­si­sieren wir uns!!

+ + +

Patrio­tismus, auch falsch­ver­stan­dener und deutscher Film sind jeden­falls ein dankbares Thema. Auch der Erfolg, den ein Film wie Monsieur Claude bei uns hat, wäre mal vor dem Hinter­grund der Dresdner Nazi-Demos zu betrachten. Da geht die selbst­ver­schul­dete Unmün­dig­keit auf die Straße und ist noch stolz drauf. Aber auch ein Film wie Monsieur Claude, obschon anders gemeint, bedient nur billigste und dümmste Ressen­ti­ments. Wie schon anderes vorher. Fuck you, Voltaire!

+ + +

Das sind die schönsten Preise: Die, wo den Film noch niemand gesehen hat. Die kann ja einfach niemand schlecht finden. Darum ist der Baye­ri­sche Filmpreis fast immer der schönste Filmpreis des Jahres. Denn fast immer gibt es mindes­tens einen Film, der viele Preise bekommt, obwohl ihn außer den Machern keiner gesehen hat. Zumindest dann, wenn man ihn überhaupt einen Filmpreis nennen will und nicht eine Spezi­al­ver­an­stal­tung jener typischen baye­ri­scher Machart, für die der Freistaat wirklich ein Allein­stel­lungs­merkmal hat, wenn die Restre­pu­blik sich auch noch so viel Mühe gibt.
Ach ja, die »Jury« gibt’s ja auch noch. Ganz unab­hängig von der Baye­ri­schen Staats­kan­zlei ausge­sucht. Wer ist da drin? Kann man irgendwo nachlesen. Inter­es­siert aber niemand. Weiß auch keiner.

+ + +

Schade, dass das einem Film wie Elser gleich schon mal ein Geschmäckle gibt. Elser, also Georg Elser, das ist nämlich, liebe Film­freunde, nicht der Vater von Hannelore Elsner, sondern der Mann, der um ein Haar Hitler umge­bracht hätte, beim Attentat 1938 im Münchner Bürger­bräu­keller. Nur durch im Wortsinn unwahr­schein­li­ches Glück (durch »die Macht der Vorsehung« meinte er) entging Hitler dem Attentat. Wäre er getötet worden… – ob dann alles besser gewesen wäre mit Göring oder Himmler an der Spitze, das ist keines­wegs sicher und daher eher eine akade­mi­sche Frage, so wie die, ob Hitler, hätte ihn die Reichs­wehr 1934 oder 1935 wegge­putscht, wohl als ein großer deutscher Politiker in die Geschichte einge­gangen wäre.
Aber dass über den jetzt endlich ein Film gemacht wird – wenn das der Führer wüsste! – ist über­fällig, denn im Fall von Elser gilt wie bei den Scholls und Stauf­fen­bergs. Nicht der Erfolg ist das Entschei­dende, sondern der Versuch.
Wenn nur auch Kino so funk­tio­nieren könnte!

+ + +

Schließ­lich: eine Zufalls­be­geg­nung und ein kurzes Gespräch in der Berliner U-Bahn mit einer bekannten deutschen Film­funk­ti­onärin (jetzt darf jeder raten). Wir reden über die leidige DFFB-Situation, wo man unfähig ist, einen kompe­tenten Nach­folger zu finden, weil aus den Wunschlö­sungen nichts wird, und jetzt die Angst regiert. Im Augen­blick passiert gar nichts – eine unmög­liche Situation! Auch meine Gesprächs­part­nerin freut sich nicht auf die Berlinale, auch sie sehnt den Tag herbei, an dem Dieter Kosslick nicht mehr Festi­val­leiter ist. Wir reden über mögliche Nach­folger und speku­lieren, obwohl Alfred Holighaus bessere Chancen hat, oder Forums-Leiter Christoph Terhechte, der am ehrgei­zigsten ist und am deut­lichsten darauf hinar­beitet.
Da werden wir noch ein paar Jahre speku­lieren müssen.

+ + +

Sie verab­schiedet sich auf dem Weg zu einer der vielen Gremien, in denen sie sitzt, mit dem schönen Satz, der natürlich nicht nur für sie gilt: Jeder macht so, was er macht.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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cn-kolumne: Marken, Markt und Marketing

© Fotostudio Schloen

Ein Interview mit Dr. Marco Motullo von CPI Celebrity Performance über die Welt der Werbegesichter im digitalen Zeitalter

CPI Celebrity Performance GmbH
Die in Berlin ansässige Firma bietet mit einem datengetriebenen Ansatz fundierte und unabhängige Beratungsleistungen rund um den Einsatz von einflussreichen Persönlichkeiten für Vermarktungs- zwecke. Zu den Klienten zählen führende werbetreibende Unternehmen, Werbe- agenturen, Künstlermanager und Medien- unternehmen. Gemeinsam mit Partnern und führenden Professoren in den Bereichen Marktforschung und Infor- mationstechnologie entwickelt CPI innovative Marktforschungsmethoden sowie Web- und Social Media-Analyse- tools, um Unternehmen und Künstler- manager beim Einsatz von Celebrities in der Kommunikation optimal beraten zu können.

STECKBRIEF: Dr. Marco Motullo
Dr. Marco Motullo ist Gesellschafter der CPI Celebrity Performance GmbH. Zuvor war er als Projektmanager und Executive Assistant des Global Head of Consumer Adhesives bei der Henkel AG & Co. KGaA sowie als selbstständiger Unternehmensberater tätig. Im Anschluss an sein Studium der Betriebswirtschaftslehre lehrte und forschte er an der Universität Münster mit den Schwerpunkten Strategisches Marketing und Marktforschung. Dr. Motullo ist zudem als Dozent und Lehrbeaufragter an verschiedenen Hochschulen tätig.

Jedes Land hat die Werbe-Ikonen, die es verdient. Für Frankreich fallen mir sogleich die Schauspieler Carla Bruni, Gérard Depardieu und Catherine Deneuve ein. Waren es hierzulande vermehrt Adlige und Staatsmänner, werben heutzutage Verona Pooth oder Boris Becker neben der Deutschen Fußball Nationalmannschaft und anderen prominenten Sportlern. Welche Einschätzung haben Sie diesbezüglich?
Vorweg lässt sich sagen, dass Sportler oftmals sehr beliebt sind und somit auch gern als Testimonials genutzt werden. Unser Unternehmen CPI Celebrity Performance hat gemeinsam mit XAD Service eine Studie durchgeführt, in der wir für den Zeitraum von Juni 2013 bis Juni 2014 insgesamt über 200 TV-Werbekampagnen ausgewertet haben, in denen Prominente auftraten. 77 der dort eingesetzten Testimonials waren Sportler. Aber auch Schauspieler und TV-Persönlichkeiten wie Moderatoren spielen im Testimonial-Bereich eine große Rolle.

Komplettes Interview auf casting-network lesen

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Cinema Moralia – Folge 98: Gekrümmte Horizonte, Galaxien und schwarze Löcher

Blick in die Zukunft: Interstellar von Christopher Nolan

Jungs und Frauen: Die fröhliche Wissen­schaft des Sehens im Kinojahr 2014 – Ein etwas anderer Jahres­rück­blick in drei Teilen. Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 99. Folge

»Was wir Sinn nennen, wird verschwinden.«
Max Horkheimer, vor ziemlich genau 45 Jahren, im lesenswerten Spiegel-Interview am 5.1.1970
Fehlenden Mut zum Neuar­tigen und »eine fast depres­sive Grund­stim­mung« führe dazu, »dass Bauherren sich nicht trauen, eine mutige Archi­tektur zu machen, und Archi­tekten keine Aufträge für mutige Archi­tektur bekommen«, so klagte der Archi­tek­tur­wis­sen­schaftler Friedrich von Borries, der an der Hamburger Hoch­schule für bildende Künste lehrt. Durch einen konser­va­tiven Umschwung in den 1980er-Jahren sei das Vertrauen in die Archi­tektur als Zukunfts­motor verlo­ren­ge­gangen.
Die HfbK ist bekanntlich auch eine Filmhochschule, und das, was Borries sagt, könnte man genauso über das Kino sagen: seit den 80ern gibt es viel Spektakel, aber wenig Mut. Man redet dem breiten Volk nach dem Mund, will Beifall statt Irritation. Es gilt für die Kunst wie für die Politik, wie für unsere gesamten Lebensverhältnisse. Und dieser Befund belegt nur einmal mehr: Das Kino ist ein gesellschaftliches Phänomen.
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Eine Woche nach dem letzten »Wetten das…?« starb Udo Jürgens. Sagt uns das irgend­etwas? Der Tod der 70er Jahre viel­leicht?
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Jetzt ist sie schon fast wieder vorbei, die Zeit der Jahres­rück­blicke. Auch von mir kommt noch einer, klar. Weiter unten dann, ganz konven­tio­nell. Zuerst aber ein etwas anderer Blick zurück, einer, der aller­dings nicht weniger erzählt, als die dankens­werten und geschät­zten Listen mit den besten, inter­es­san­testen und schlimmsten Film­er­leb­nissen und den »Magischen Momenten«.
I.Teil: 604 Filme sind immer noch zu wenig
»Human kind cannot bear very much reality.«
T. S. Eliot: »Four Quartets: I. Burnt Norton«
604 Filme kamen 2014 in die deutschen Kinos. Krasse Zahl, kaum zu glauben. Die aller­meisten von ihnen hat niemand gesehen. Und vieles, was wir gesehen haben, ist schon wieder vergessen. Manchmal zu Unrecht, oft zu Recht, in beiden Fällen.
Wer erinnert sich zum Beispiel noch an The Zero Theorem, an The Green Prince, die erst vor einem Monat starteten ? Oder Weiterlesen

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Gut 50 neue Filmtitel sind es also pro Monat. Im Juni waren es WM-bedingt nur 36, im Februar – wohl wegen der Berlinale?! – gar nur 30, im August 32. Auch im Dezember wenig. Dafür brachten die Verleiher im Oktober 80 Filme heraus!!! Im November immer noch 64!
Beim Blick in die nackte Statistik kann man auch andere Zahlen nicht fassen: Jeweils 18 Filme starteten am 18. November und wieder nur zwei Wochen später am 2.Oktober. Darunter unter anderem: Schoß­ge­bete; Sin City 2: A Dame to Kill for; A World Not Ours; Der Anstän­dige; Wenn ich bleibe; Concerning Violence; Schö­ne­feld Boulevard; Gemma Bovery; Heli; Nowitzki. Der perfekte Wurf; War of the Worlds – Goliath; Istanbul United; Gone Girl – Das perfekte Opfer; Anderson; Hüter der Erin­ne­rung – The Giver; Land der Wunder; Pierrot Lunaire.
Alle diese Filme haben Publikum verdient, aber sie bekommen nicht das Publikum, dass sie verdienen.

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An einem ein und demselben Tag im letzten Januar starteten The Wolf of Wall Street von Martin Scorsese, 12 Years a Slave von Steve McQueen, Nebraska von
Alexander Payne, A Touch of Sin von Jia Zhang-Ke und Das radikal Böse von Stefan Ruzo­witzky, alles inter­es­sante, sehens­werte Filme, und egal wie man sie im einzelnen beur­teilen möchte, sicher nichts zum Vergessen. Daneben noch sieben andere, deren Titel wir uns wirklich nicht merken müssen.
Am 6. November starten Inter­stellar von Christopher Nolan, Mr. Turner – Meister des Lichts von Mike Leigh, Citiz­en­four von Laura Poitras, und die deutschen Filme Im Labyrinth des Schwei­gens von Giulio Ricciarelli, White Shadow von Noaz Deshe und Dragan Wende – West Berlin von Lena Müller, Dragan von Petrovic.
Warum müssen diese fünf Filme an einem einzigen Tag starten?
Gewiss gibt es bestimmt für jeden Einzelfall tolle marketingstrategisch ausgeklügelte Begründungen. Trotzdem kann mir keiner erzählen, dass man da nicht viele Filme besser rausbringen könnte: Das Ergebnis ist eindeutig und erschreckend: Immer mehr Filme haben immer weniger Zuschauer. Von vielen Filmen bekommen die Zuschauer gar nicht mit, dass sie starten.
Deutschland hat ein Verleiherproblem!

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Zugleich ist ein nicht weniger klarer Befund: Es gibt sehr viele Filme, immer mehr gute, die ihren Weg erst gar nicht ins deutsche Kino finden. Filme, die woanders Erfolg haben, und in Deutsch­land keinen Verleih bekommen. Nehmen wir nur Jonathan Glazers Under the Skin. Gefeiert im Wett­be­werb von Venedig 2013. Von vielen ameri­ka­ni­schen Film­kri­ti­kern unter ihre persön­liche Top Ten gewählt, gar nicht selten an erster Stelle. Ein Film mit Scarlett Johannson in der Haupt­rolle – und das auch noch nackt!
Aber Senator – zur Erinnerung für die die es vergessen haben: Das ist jener famose Verleih, der sogar in dem Jahr, in dem sie den Hit Ziemlich beste Freunde ins Kino brachten, noch einen Verlust machten! –, Senator dieses Aushängeschild der tollen deutschen, nur leider de facto völlig inexistenten Filmindustrie, setzte den angekündigten Filmstart ab und verkloppte den Film auf DVD. Aus Angst, ihre schon vergessene Kino-Bückware durch Kunst zu beschädigen. Dann kam der Film in einige tapfere unabhängige Kinos, die ihn kurzerhand auf DVD oder Blu-ray zeigten – vor oft ausverkauften Häusern
Es gibt viele andere Filme, die ein noch schlimmeres Schicksal teilen, weil sie oft noch nicht mal auf DVD in Deutschland zu sehen sind. Was ist etwa mit Naomi Kawase Still the Water, der in Cannes weit mehr bezauberte, als der vergleichsweise brave Palmen-Sieger Winter­schlaf? Was ist mit Jean-Luc Godards Adieu au Language, Godards wagemutiger 3D-Dekonstruktion? Was ist mit Lissando Alonsos Jauja, in dem immerhin Viggo Mortensen die Hauptrolle spielt? Auch Stars und große Namen helfen den Verleihern offenbar nicht mehr, über ihren Schatten zu springen, und den Hintern hoch zu kriegen. Nur für den Verleihförderungsantrag reicht es immer.
Was ist mit dem feministischen Psychothriller Algunas Chicas, in dem der argentinische Regisseur Santiago Palavicino Cesare Paveses Roman »Le Amiche« adaptiert, der bereits vor 60 Jahren Antonioni zu einem wundervollen Film inspiriert hat? Was ist mit Fabrice Du Welz Alleluia? Mit dem iranischen Fantasy-Noir-Serienkiller-Poem A Girl Walks Home Alone at Night von Ana Lily Amirpour? Mit Our Sunhi von Hong Sang-soo? Und mit Sono Sions Why Don’t You Play In Hell?
Deutschland hat ein Verleiherproblem. Und die die gute Verleiher fördern sollten, machen ihre Arbeit nicht.

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II.Teil: Die fröhliche Wissen­schaft

»Go, go, go, said the bird: human kind
Cannot bear very much reality.
Time past and time future
What might have been and what has been
Point to one end, which is always present.«
T. S. Eliot: »Four Quartets: I. Burnt Norton«

Eine jahre­lange Reise in die unend­li­chen Weiten unseres Sonnen­sys­tems irgend­wohin weit hinter den Ringen des Saturn. Eine Reise durch soge­nannte »Wormw­holes« und »schwarze Löcher«, über gekrümmte Horizonte und fünf Dimen­sionen, in andere Galaxien – voller Mut zum Utopi­schen, zum wilden Denken, ein laby­rin­thi­scher Film pro Wissen­schaft, pro Aufklä­rung, durch­zogen von frei­heit­li­chem Denken.
Christopher Nolans bahnbrechender Science-Fiction-Film Inter­stellar ist für mich persönlich der Film des Jahres: Durch seine großartige Bild-Ästhetik, seine nostalgische Lust am alten analogen Filmmaterial das zu erkennen, keinen Expertenblick erfordert. Weil ich so einen Film von Nolan nie und nimmer erwartet hätte, weil mich dieser Film von meinem prinzipiellen Nolan-Skeptizismus für erste jedenfalls kuriert hat. Weil er genau die richtige Dosis Kitsch in der richtigen Form präsentiert. Vielleicht ist es auch gar kein Kitsch, sondern nur eine bestimmte Form unschuldiger Emotion, die ich gern im Kino als allererster unter Verdacht stelle, die ich aber gleichzeitig gern sehe. Solche Paradoxien sind das täglich Brot eines Kinogängers.

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Ein bisschen war das ganze Jahr 2014 für einen leiden­schaft­li­chen Kino­be­su­cher wie ein Abenteuer aus den unend­li­chen Weiten des Weltalls. Die sage und schreibe 604 Filme sind ein unüber­schau­barer Regen unbe­kannter Flug­körper, die meist stern­schnup­pengleich nach kurzem Aufleuchten im Dunkel des Kinos verglühten. Wer soll das alles sehen? Wie soll man die wenigen Fixsterne erkennen, die bedeu­tenden Kometen aus der Masse heraus­fil­tern?

Zu den Erleb­nissen, an die man sich gewiss noch lange erinnern wird, gehört Boyhood: Richard Linkla­ters toll­kühnes Unter­fangen, 12 Jahre lang mit den gleichen Darstel­lern die Lebens­ge­schichte eines Jungen zu drehen, und die Szenen zu einem einzigen rasanten Fluß der Kindheit zusam­men­zufügen, lockte in Deutsch­land über 300.000 Zuschauer ins Kino – mit einem Bruchteil an Kopi­en­zahl und Werbeetat eine viel größere Unter­neh­mens­leis­tung als allen Hobbit- und Super­hel­den­filmen zusammen gelang. Boyhood, Boyhood, Boyhood – nein, so ist es nicht. Der Film muss nicht einmal auf meiner persön­li­chen Ten-Best-Liste auftau­chen. Ein schöner Film, den man auch zwei, dreimal sehenn kann, das ist es dann.
Ein zumindest ökonomischer Erfolg gelang dem Berliner Verleih »Neue Visionen« mit der französischen Klamotte Monsieur Claude und seine Töchter. Ein französischer Film, der Millionen in die Kassen spülte – das sollte der klagefreudigen Szene Mut machen, statt auf jeden durchschnittlichen Hollywoodfilm lieber auf europäisches Kino zu setzen. Zumal es mit den Superhelden weiter bergab geht: Prequelitis und Sequelitis klingen schon wie Krankheiten, immer höhere Kosten, immer geringere Einnahmen – der erste Misserfolg dürfte auf die Studios wirken wie ein Meteoriteneinschlag in Los Angeles.

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Das ist es dann aber auch, was man über Monsieur Claude und seine Töchter Positives sagen kann – das Negative wäre hier am falschen Platz. Tolle Erfolge feierten in Europa vor allem zwei Kinoländer: Aus Schweden kam am ersten des soeben begonnen Jahres der Gewinner des Goldenen Löwen Roy Anders­sons Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach und ein paar Wochen vorher Ruben Östlunds Höhere Gewalt – zwei Tragi­komö­dien über den Alltag in west­eu­ropäi­schen Wohl­fahrts­staaten. Und die Goldene Palme ging an die Türkei – ausge­rechnet im hundertsten Jahr des Türki­schen Kinos gewann Nuri Bilge Ceylans Winter­schlaf in Cannes, ein hoch­po­li­ti­sches Kammer­spiel, und ein künst­le­ri­scher Wider­stand gegen Erdogans Abbau demo­kra­ti­scher Frei­heiten.
Eine Galaxie für sich ist das französische Kino – ob der oben erwähnte erste 3D-Film des unverwüstlichen, unermüdlichen Jean-Luc Godard der sich in Adieu au Langage mal eben von der Sprache verabschiedete und aus einer fünften Dimension des Filmemachens allen dreidimensional beschränkten Kinodeppen eine lange Nase drehte.Oder der nicht minder kluge, witzige, originell verschachtelte Die Wolken von Sils Maria von Olivier Assayas – die Franzosen setzen die Masstäbe des Weltkinos à la Hollywood. Und in diesen beiden Filmen steht der Philosoph Friedrich Nietzsche Pate: Kino als eine fröhliche Wissenschaft des Sehens!

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Das deutsche Kino war hingegen bis auf Dominik Grafs Die geliebten Schwes­tern oft ein Schwarzes Loch: Statt Zukunft mehr Vergan­gen­heit denn je: Ob in Phoenix oder dem Im Labyrinth des Schwei­gens – zwei Filme, die mehr schlechte Fragen aufwerfen, als gute Antworten geben. Die neue Kultur­staats­mi­nis­terin Grütters kürzt die Gelder ausge­rechnet in dem Bereich, in dem sie gestalten könnte; nach Dieter Kosslick wird die Berlinale 2019 dann vermut­lich von seinem Klon geleitet, und in Berlin wickelt gerade die SPD aus Torheit die Film­schule DFFB ab.
Dabei stammen die besten originellsten deutschen Filme von Filmhochschulen und heißen: Das merk­wür­dige Kätzchen, Fräulein Else und Patong Girl. Sie stammen allerdings von einem Schweizer, einer Österreicherin und einer Finnin.
Aber ein zweiter Oh Boy ist nicht in Sicht, schon gar kein deutsches Boyhood. So bleibt dem Kinoliebhaber nur Inter­stellar. Dort lernt man auch, wie man per Wurmloch durch die Zeit reisen kann. In wenigen Tagen könnte man so 120 Jahre überbrücken. Und landet in der Zukunft.

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III.Teil: Listen, Listen, Listen

»Time present and time past
Are both perhaps present in time future,
And time future contained in time past.
If all time is eternally present
All time is unredeemable.
What might have been is an abstraction
Remaining a perpetual possibility
Only in a world of speculation.
What might have been and what has been
Point to one end, which is always present.
Footfalls echo in the memory
Down the passage which we did not take
Towards the door we never opened
Into the rose-garden. My words echo
Thus, in your mind.«
T. S. Eliot: »Four Quartets: I. Burnt Norton«

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1. Die 20 besten Filme 2014

1. Inter­stellar – USA, GB 2014. Regie: Chris­to­pher Nolan
2. Die Wolken von Sils Maria – F, CH, D 2014. Regie: Olivier Assayas
3. Die geliebten Schwes­tern – D 2013. Regie: Dominik Graf
4. The Drop – Bargeld – USA 2014. Regie: Michael R. Roskam
5. Verführt und verlassen – USA 2013. Regie: James Toback
6. Höhere Gewalt – S, DK, F, NO 2014. Regie: Ruben Östlund
7. Heli – MEX 2013. Regie: Amat Escalante
8. Das merk­wür­dige Kätzchen – D 2012. Regie: Ramon Zürcher
9. Like Father, Like Son – JP 2013. Regie: Hirokazu Koreeda
10. Fräulein Else – Ö, D, IND 2013. Regie: Anna Martinetz
11. Gone Girl – Das perfekte Opfer – Das perfekte Opfer – USA 2014. Regie: David Fincher
12 Grand Budapest Hotel – USA 2014. Regie: Wes Anderson
13. Belt­racchi – Die Kunst der Fälschung – D 2013. Regie: Arne Birkenstock
14. Feuerwerk am hell­lichten Tage – CN, HOK 2014. Regie: Diao Yinan
15. A Touch of Sin – JP, CN 2013. Regie: Jia Zhang-Ke
16. Die Frau des Poli­zisten – D 2013. Regie: Philip Gröning
17. Winter­schlaf – TR, F, D 2014. Regie: Nuri Bilge Ceylan
18. Sauacker – D 2014. Regie: Tobias Müller,
19. Patong Girl – TH, D 2014. Regie: Susanna Salonen
20. Dragan Wende – West Berlin – West Berlin – D 2013. Regie: Lena Müller, Dragan von Petrovic

2. Fünfzehn wunder­schöne guilty pleasures

The Equalizer – USA 2014. Regie: Antoine Fuqua
The Riot Club – GB 2014. Regie: Lone Scherfig
20.000 Days on Earth – GB 2014. Regie: Iain Forsyth, Jane Pollard
Arteholic – D 2014. Regie: Hermann Vaske
Deutsch­boden – D 2013. Regie: André Schäfer
Snow­piercer – ROK, USA, F 2013. Regie: Bong Joon-ho
Zulu – F 2013. Regie: Jérôme Salle
Das radikal Böse – D, Ö 2013. Regie: Stefan Ruzowitzky
Über-Ich und Du – D, CH, Ö 2014. Regie: Benjamin Heisenberg
Die Schöne und das Biest – F, D 2014. Regie: Christophe Gans
The Wolf of Wall Street – USA 2013. Regie: Martin Scorsese
Blut­glet­scher – Ö 2013. Regie: Marvin Kren
DeAD – D 2012. Regie: Sven Halfar
Der Samurai – D 2014. Regie: Till Kleinert
Wolfs­kinder – D 2013. Regie: Rick Ostermann

3. Unter­schätzt & inter­es­sant, aber nicht perfekt

Banklady – D 2013. Regie: Christian Alvart
Diplo­matie – F, D 2014. Regie: Volker Schlöndorff
Der Schmet­ter­lings­jäger – D, CH 2012. Regie: Harald Bergmann
Lifelong – Hayatboyu – TR, D, NL 2013. Regie: Asl? Özge
Freiland – D 2013. Regie: Moritz Laube
Kofelg­schroa – Frei. Sein. Wollen. – D 2014. Regie: Barbara Weber
Dieses schöne Scheiß­leben – D 2014. Regie: Doris Dörrie
Good Luck Finding Yourself – D, CN, PK, IND 2014. Regie: Severin Winzenburg
Zeit der Kanni­balen – D 2014. Regie: Johannes Naber
Staudamm – D 2013. Regie: Thomas Sieben
Oktober November – Ö 2013. Regie: Götz Spielmann
Boyhood – USA 2014. Regie: Richard Linklater
The Unknown Known – USA 2013. Regie: Errol Morris
Der blinde Fleck – D 2013. Regie: Daniel Harrich
Le passé – Das Vergan­gene – F 2013. Regie: Asghar Farhadi
Bethlehem – ISR, D, B 2013. Regie: Yuval Adler
Youth – ISR, D 2012. Regie: Tom Shoval
Stiller Sommer – D 2013. Regie: Nana Neul
Die uner­schüt­ter­liche Liebe der Suzanne – F 2013. Regie: Katell Quillévéré
Tao Jie – Ein einfaches Leben – HOK 2011. Regie: Ann Hui
Offene Türen, offene Fenster – AR, CH, NL 2011. Regie: Milagros Mumenthaler
Anderson – D 2014. Regie: Annekatrin Hendel
Finding Vivian Maier – USA 2013. Regie: John Maloof, Charlie Siskel
Das große Museum – Ö 2014. Regie: Johannes Holzhausen
Ruhet in Frieden – A Walk Among the Tombs­tones – USA 2014. Regie: Scott Frank
Exodus: Götter und Könige – GB, USA 2014. Regie: Ridley Scott
The Cut – D 2014. Regie: Fatih Akin
Die Erfindung der Liebe – D 2013. Regie: Lola Randl
Meine Schwes­tern – D 2013. Regie: Lars Kraume
Und morgen Mittag bin ich tot – D 2013. Regie: Frederik Steiner
Kreuzweg – D 2014. Regie: Dietrich Brüggemann
Amma & Appa – D 2014. Regie: Franziska Schönenberger, Jayakrishnan Subramanian
Jack – D 2014. Regie: Edward Berger
Einmal Hans mit scharfer Soße – D 2013. Regie: Buket Alakus
Der Brand – D 2011. Regie: Brigitte Bertele
5 Zimmer Küche Sarg – USA 2014. Regie: Jemaine Clement, Taika Waititi

4. So lala

Nympho­ma­niac 1 – F, B, DK, D 2013. Regie: Lars von Trier
Nympho­ma­niac 2 – DK, B, F, D, GB 2014. Regie: Lars von Trier
Her – USA 2013. Regie: Spike Jonze
The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro – USA 2014. Regie: Marc Webb
Lauf Junge lauf – F, D, PL 2014. Regie: Pepe Danquart
Yves Saint Laurent – F 2014. Regie: Jalil Lespert
Vergiss mein Ich – D 2014. Regie: Jan Schomburg
Wie der Wind sich hebt – JP 2013. Regie: Hayao Miyazaki
A Most Wanted Man – USA, GB, D 2013. Regie: Anton Corbijn
Maps to the Stars – CA, USA, F, D 2014. Regie: David Cronenberg
Phoenix – D 2014. Regie: Christian Petzold

5. völlig über­schätzte Filme

Monsieur Claude und seine Töchter – F 2014. Regie: Philippe de Chauveron
Das finstere Tal – Ö, D 2013. Regie: Andreas Prochaska
Love Steaks – D 2013. Regie: Jakob Lass
Ai Weiwei: The Fake Case – DK, CN, GB 2013. Regie: Andreas Johnsen
12 Years a Slave – USA 2013. Regie: Steve McQueen
Nebraska – USA 2013. Regie: Alexander Payne
Night Moves – USA 2013. Regie: Kelly Reichardt
Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste – D 2013. Regie: Isabell Suba
Jimmy’s Hall – GB 2014. Regie: Ken Loach
Zwei Tage, eine Nacht – B, F, IT 2014. Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
White Shadow – TZ 2013. Regie: Noaz Deshe
Mr. Turner – Meister des Lichts – GB 2014. Regie: Mike Leigh
Im Labyrinth des Schwei­gens – D 2014. Regie: Giulio Ricciarelli
Night­crawler – Jede Nacht hat ihren Preis – USA 2014. Regie: Dan Gilroy
Am Sonntag bist du tot – IRL, GB 2014. Regie: John Michael McDonagh
Hin und weg – D 2014. Regie: Christian Zübert

6. Nervig bis schrottig

Noah – USA 2014. Regie: Darren Aronofsky
Mandela – Der lange Weg zur Freiheit – USA 2013. Regie: Justin Chadwick
Kathe­dralen der Kultur – D 2014. Regie: Karim Aïnouz, Michael Glawogger …
Schoß­ge­bete – D 2013. Regie: Sönke Wortmann
Die Einsam­keit des Killers vor dem Schuss – D 2014. Regie: Florian Mischa Böder
The Homesman – USA 2014. Regie: Tommy Lee Jones
Serena – USA 2013. Regie: Susanne Bier
Im Keller – Ö 2014. Regie: Ulrich Seidl
Der Hobbit: Die Schlacht der fünf Heere – NZ, USA 2014. Regie: Peter Jackson
Zwischen Welten – D 2014. Regie: Feo Aladag
Grace of Monaco – F, B, USA, IT 2013. Regie: Olivier Dahan

7. Leider nicht gesehen

Godzilla – USA, JP 2014. Regie: Gareth Edwards
Ida – PL, DK 2013. Regie: Pawel Pawlikowski
American Hustle – USA 2013. Regie: David O. Russell
300: Rise of an Empire – USA 2013. Regie: Noam Murro
Watch­tower – TR, D 2012. Regie: Pelin Esmer
Gabrielle – (k)eine ganz normale Liebe – CA 2013. Regie: Louise Archambault
Trans­cen­dence – USA 2014. Regie: Wally Pfister
Zärt­lich­keit – F, B 2013. Regie: Marion Hänsel
Homefront – USA 2013. Regie: Gary Fleder
Die Karte meiner Träume – F, USA 2013. Regie: Jean-Pierre Jeunet
Hüter der Erin­ne­rung – The Giver – USA 2014. Regie: Phillip Noyce
Planet der Affen – Revo­lu­tion – USA 2014. Regie: Matt Reeves
Titos Brille – D 2014. Regie: Regina Schilling
Timbuktu – F 2014. Regie: Abderrahmane Sissako
Mary – Königin von Schott­land – CH, F 2013. Regie: Thomas Imbach
The Unfor­given – JP 2013. Regie: Lee Sang-il
Norte, The End of History – PH 2013. Regie: Lav Diaz

8. Hab ich mir vorsichts­halber erspart

Beste Chance – D 2014. Regie: Marcus H. Rosen­müller
Jersey Boys – USA 2014. Regie: Clint Eastwood
Stromberg – Der Film – D 2014. Regie: Arne Feldhusen
Der Hundert­jäh­rige, der aus dem Fenster stieg und verschwand – S 2013. Regie: Felix Herngren
Molière auf dem Fahrrad – F 2013. Regie: Philippe Le Guay
Wer ist Thomas Müller? – D 2013. Regie: Christian Heynen
Irre sind männlich – D 2014. Regie: Anno Saul
Bezie­hungs­weise New York – F 2013. Regie: Cédric Klapisch
Honig im Kopf – D 2014. Regie: Til Schweiger

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Ergebnis der Hoffnungsschimmerumfrage: Wie fair waren die Produktionen 2014?

Vom 1. bis 31. Dezember waren alle crew united Member aufgerufen, die Fairness Ihrer Produktionen 2014 zu bewerten. Hier das Ergebnis, wobei nur Produktionen berücksichtigt wurden, bei denen mindestens 15 Beteiligte abgestimmt haben. Das Endergebnis kann sich bei den Nominierten vom Umfrageergebnis unterscheiden, da bei diesen ab sofort eine weitere Umfrage durch ‘Die Filmschaffenden‘ stattfindet, um auch alle Beteiligten zu erreichen, die nicht bei crew united registriert sind.

Bemerkenswert ist, dass zwei Firmen, die bereits den Hoffnungsschimmer erhalten haben, erneut nominiert sind: Lieblingsfilm GmbH (Preisträger 2014) und die Filmpool Fiction GmbH (Preisträger 2013)

Der Gewinnerproduktion und allen daran beteiligten Mitarbeitern wird die Auszeichnung während der Berlinale am 7. Februar 2015 in einem Festakt überreicht.

Note    Titel Sparte Ausführende Produktion
1.19 Traumfrauen   nominiert Kinospielfilm Hellinger / Doll Filmproduktion GmbH
1.19 Der Fall Bruckner   nominiert TV-Film kineo Filmproduktion Peter Hartwig
1.32 Rico, Oskar und das Herzgebreche   nominiert Kinospielfilm Lieblingsfilm GmbH
1.35 Polizeiruf 110 – Sturm im Kopf   nominiert TV-Film (Reihe) filmpool fiction GmbH
1.37 Rentnercops – Jeder Tag zählt!   nominiert TV-Serie Bavaria Fernsehproduktion
1.39 Schluss! Aus! Amen!   nominiert TV-Film die film gmbh

1.47 Polizeiruf – Im Schatten TV-Film (Reihe) filmpool fiction GmbH
1.48 Der Nanny Kinospielfilm Pantaleon Films GmbH
1.52 Heidi Kinospielfilm Claussen+Wöbke+Putz Filmproduktion GmbH
1.61 Race Kinospielfilm Forecast Pictures [fr]
1.65 Tatort – Mord ist die beste Medizin TV-Film (Reihe) filmpool fiction GmbH
1.65 Mord mit Aussicht (Folge 34-39) TV-Serie Pro TV Produktion GmbH
1.69 Die Chefin (Folge 17-24) TV-Serie Network Movie Film- und Fernsehproduktion GmbH & Co. KG.
1.69 SOKO Stuttgart (Folge 121-145) TV-Serie Bavaria Fernsehproduktion
1.72 Die Rosenheim-Cops (Folge 306-333) TV-Serie Bavaria Fernsehproduktion
1.73 Bettys Diagnose (Folge 1-12) TV-Serie Network Movie Film- und Fernsehproduktion GmbH & Co. KG.
1.75 Die abhandene Welt Kinospielfilm Clasart Film- und Fernsehproduktions GmbH
1.80 Die Pfefferkörner (Folge 131-143) TV-Serie Studio Hamburg FilmProduktion GmbH
1.80 Dr. Klein (Folge 1-12) TV-Serie Bavaria Fernsehproduktion
1.89 Herzensbrecher – Vater von vier Söhnen (Folge 11-22) TV-Serie ITV Studios Germany GmbH (vormals Granada Produktion)
1.90 Notruf Hafenkante TV-Serie Studio Hamburg FilmProduktion GmbH
2.00 Danni Lowinski (Folge 53-65) TV-Serie UFA FICTION GmbH
2.00 Till Eulenspiegel TV-Mehrteiler Zieglerfilm Köln GmbH
2.00 Alles nach Plan (Folge 1-6) TV-Serie Sony Pictures Film und Fernseh Produktions GmbH
2.00 Das beste Stück vom Braten TV-Film Bavaria Fernsehproduktion
2.05 Das Kloster bleibt im Dorf TV-Film Zieglerfilm Köln GmbH
2.07 Heiter bis tödlich – München 7 (Folge 25-32) TV-Serie Akzente Film- und Fernsehproduktion GmbH
2.07 Täterätää! Die Kirche bleibt im Dorf 2 Kinospielfilm Fortune Cookie Filmproduction
2.11 Bibi & Tina 2 – Voll verhext Kinospielfilm DCM Productions GmbH
2.12 Toleranz TV-Film Tellux Film GmbH
2.12 Weissensee (Folge 13-18) TV-Serie Ziegler Film GmbH & Co. KG
2.17 Die Insassen TV-Film Studio Hamburg FilmProduktion GmbH
2.26 SOKO Köln (Folge 216-240) TV-Serie Network Movie Film- und Fernsehproduktion GmbH & Co. KG.
2.27 Tod eines Mädchens TV-Mehrteiler Network Movie Film- und Fernsehproduktion GmbH & Co. KG.
2.31 Fünf Freunde 4 Kinospielfilm SamFilm GmbH
2.38 Das Programm TV-Mehrteiler Bavaria Fernsehproduktion
2.38 Grzimek TV-Mehrteiler UFA FICTION GmbH
2.41 Schuld nach Ferdinand von Schirach (Folge 1-6) TV-Serie MOOVIE – the art of entertainment GmbH
2.41 Agent 47 Kinospielfilm 20th Century Fox Film Corporation [us]
2.43 Elser – Er hätte die Welt verändert Kinospielfilm Lucky Bird Pictures
2.47 Männer! Alles auf Anfang (Folge 1-13) TV-Serie Schwartzkopff TV-Productions GmbH & Co. KG
2.50 Bella – Meine allerschlimmste Freundin (aka Bella – Meine Puppe und ich) TV-Film Wiedemann & Berg Television GmbH & Co. KG
2.50 Heldt (Folge 19-33) TV-Serie Sony Pictures Film und Fernseh Produktions GmbH
2.50 Ostwind 2 Kinospielfilm SamFilm GmbH
2.50 Der Lehrer (Folge 8-17) TV-Serie Sony Pictures Film und Fernseh Produktions GmbH
2.53 Kleine Ziege, sturer Bock Kinospielfilm die film gmbh
2.53 Aktenzeichen XY … ungelöst TV-Magazin Securitel GmbH
2.53 Silvia S. TV-Film UFA FICTION GmbH
2.57 Alles ist Liebe Kinospielfilm Alles ist Liebe Filmproduktions GmbH
2.59 Tannbach – Schicksal eines Dorfes TV-Mehrteiler Wiedemann & Berg Television GmbH & Co. KG
2.60 Verfehlung Kinospielfilm av medien penrose GmbH
2.61 Heiter bis tödlich – Der Mama (Folge 1-8) TV-Serie ODEON TV
2.62 Großstadtrevier TV-Serie Studio Hamburg FilmProduktion GmbH
2.64 Witwenmacher TV-Film Zeitsprung Pictures GmbH
2.65 Dengler – Die letzte Flucht TV-Film Cuckoo Clock Entertainment GmbH & Co. KG
2.71 Herbert Kinospielfilm Departures Film GmbH
2.71 Ein Atem Kinospielfilm Senator Film Köln GmbH
2.74 Point Break Kinospielfilm Alcon Entertainment [us]
2.75 Axel der Held Kinospielfilm ostlicht filmproduktion GmbH
2.80 Ein Fall von Liebe (Folge 1-16) TV-Serie Cinecentrum Berlin Film- und Fernsehproduktion GmbH
2.81 Hochzeitskönig TV-Film Arbor TV-Filmproduktion GmbH & Co. KG
2.81 Neben der Spur – Amnesie TV-Film (Reihe) Network Movie Film- und Fernsehproduktion GmbH & Co. KG.
2.86 Alarm für Cobra 11 – Die Autobahnpolizei TV-Serie action concept Film- und Stuntproduktion GmbH
2.87 Honig im Kopf Kinospielfilm Barefoot Films GmbH
2.93 Der Alte TV-Serie Neue Münchner Fernsehproduktion GmbH & Co.KG
2.93 Inas neues Leben TV-Film Ninety-Minute Film GmbH
2.94 Sibel & Max (Folge 1-12) TV-Serie neue deutsche Filmgesellschaft mbH
3.05 Nackt unter Wölfen / Naked Among Wolves TV-Film UFA FICTION GmbH
3.13 In aller Freundschaft TV-Serie Saxonia Media Filmproduktionsgesellschaft mbH
3.25 Fritz Lang – Der andere in uns Dokumentarfilm Belle Epoque Films GmbH
3.28 Landliebe Kinospielfilm NFP media rights GmbH & Co. KG
3.28 SOKO 5113 (Folge 535-559) TV-Serie UFA FICTION GmbH
3.32 Halbe Brüder Kinospielfilm Conradfilm GmbH & Co KG
3.39 Hilfe, ich hab meine Lehrerin geschrumpft Kinospielfilm blue eyes Fiction GmbH & Co. KG
3.59 SOKO Leipzig TV-Serie UFA FICTION GmbH
3.59 Autobahn Kinospielfilm Autobahn Film
4.29 Armans Geheimnis (Folge 1-13) TV-Serie Askania Media Filmproduktion GmbH
4.76 Käthe Kruse TV-Film Rich and Famous Overnight Film GmbH & Co. KG

  

Die Bewertungskriterien waren:

Arbeitszeiten und Arbeitsschutz
Die Arbeits-, Pausen, -Ruhe und Reisezeiten werden team- und familienfreundlich
gestaltet. Das Arbeitszeitgesetz, die Regelungen der Tarifverträge zur
Arbeitszeit und die Arbeitsschutzgesetze und -Vorschriften werden eingehalten.

Vertrag, Gagen und Entgelte
Der Vertrag wird rechtzeitig und persönlich verhandelt und die wichtigsten
Eckdaten werden umgehend schriftlich (Dealmemo) festgehalten und ausgehändigt.
Der endgültige Arbeitsvertrag liegt möglichst noch vor Arbeitsbeginn vor.
Es werden mindestens Tarifgagen gezahlt, die tarifvertraglichen Regelungen
werden als Mindeststandards eingehalten. Leistungen von Freischaffenden,
Dienstleistern und Filmschaffenden, für deren Beruf es noch keinen
Gagentarifvertrag gibt, werden nach branchenüblichen Standards entlohnt.
Kreativität wird angemessen honoriert. Urheber- und Leistungsschutzrechte
bleiben gewahrt. Gagen und Entgelte werden pünktlich ausgezahlt.

Kommunikation und Arbeitsklima
Das Arbeitsklima ist geprägt von der gemeinsamen Anstrengung, das bestmögliche
Ergebnis zu erreichen. Die Kommunikation zwischen Gewerken und Hierarchien
ist ergebnisorientiert, gewaltfrei, offen, motivierend, respektvoll,
funktional und strukturiert. Jeder Projektbeteiligte trägt seinen “wichtigen”
Teil zum Ganzen bei und wird dafür wertgeschätzt. Eine angemessene Versorgung
mit Essen, Trinken, evtl. Wärmekleidung, Schutzkleidung usw. wird unaufgefordert
gewährleistet.

Professionalität
Das Filmprojekt wird unter Berücksichtigung der finanziellen, organisatorischen
und gesetzlichen Möglichkeiten und Grenzen fachmännisch geplant, vorbereitet,
gestaltet und durchgeführt. Dazu kommt professionelles Personal zum Einsatz,
reguläre Positionen werden nicht durch Praktikanten besetzt.

Konflikte
Konflikte werden zeitnah, direkt und zielorientiert im Sinne des Projekts
gelöst. Entscheidungen, die das gesamte Team betreffen (z.B. unerwarteter
Überstundenfall) werden nicht nur mit Teilen des Teams besprochen.

Gleichbehandlung
Projektpersonal, Dienstleister und weitere Ressourcen werden nach Qualifikation
und ökonomischer Notwendigkeit ausgewählt und eingesetzt. Eine Diskriminierung
aufgrund Herkunft, Geschlecht, Sexualität oder Religion findet nicht statt.

 

 

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Filmverbände – Repräsentanz – Genderpolitik

BFFS-Mitgliederversammlung 2014: Der Saalname als gutes Omen? Foto: SchspIN

Das Kabinett der Bundesregierung hat am 11. Dezember die Einführung einer 30 % Genderquote für die Aufsichtsräte der 108 stärksten DAX-Unternehmen ab 2016 beschlossen.
Wie sieht es eigentlich in Bezug auf Mann/Frau-Repräsentanz in den Filmverbänden und ihren Vorständen aus, und wirkt sich eine größere Repräsentanz von Frauen in Vorständen auf die Genderpolitik des Verbands aus? Dazu zwei Beispiele, der Regieverband BVR und der Schauspielverband BFFS.

DIE FILMVERBÄNDE UND IHRE VORSTÄNDE

Die Filmverbände und auch ihre Vorstände sind unterschiedlich groß. Verbände mit weniger als 100 Mitgliedern sind beispielsweise Casting (37 Mitglieder), Locationscouts (43), Stunt (97) und Animationsfilm (24). Die beiden Zweige vom VSK haben 75 (Szenenbild) bzw. 45 (Kostümbild) Mitglieder. Am mitgliederstärksten sind der Verband Deutscher Tonmeister (1970 Mitglieder) und der Bundesverband Schauspiel (2512 Mitglieder).

Prozentual gendermäßig relativ ausgeglichene Mitgliederzahlen weisen die Verbände Produktion, Drehbuch, Requiste/Set Decorator, Locationscouts, Filmschnitt, Schauspiel, Animation und Dokfilm auf. ,Typische Frauengewerke’ sind Kostüm und Maske, ,typische Männergewerke’ sind Kamera / Fernsehkamera, Beleuchtung, Ton und Stunt (,typisch’ bedeutet mehr als 80 %).
Die einzelnen Vorstände bestehen aus 3 bis 12 Leuten. Weiterlesen

Frauen und Männer in den Vorständen von 18 Filmverbänden

Diese Zahlen sind nur bedingt aussagekräftig, weil sie nicht in Relation zu den Frauen- bzw. Männeranteilen unter den Mitgliedern stehen. Die proportionale Repräsentanz lässt sich allerdings über den FVM-Quozienten ersehen. Hat dieser den Wert 1, ist der Frauenanteil im Vorstand genauso groß wie im Verband, egal ob es jeweils 60 % Frauen sind oder nur 10 %. Ist der Frauenanteil im Vorstand höher als unter den Mitgliedern ist auch der FVM-Quozient > 1, ist er niedriger dann ist der FVM-Quozient < 1. [caption id="attachment_5420" align="alignleft" width="573" caption="Relative Repräsentanz von Frauen in Vorständen"][/caption]

Die drei Verbände mit FVM-Quozienten von 0 sind ,typische’ Männergewerke. Beleuchtung, Ton und Fernsehkamera. In den 3 ,typischen’ Frauengewerksverbänden BVC, Maske und Kostüm sind die Männer in den Vorständen jeweils überrepräsentiert (deshalb FVM-Werte unter 0, denn die zeigen ja die relative Frauenrepräsentanz).

Die höchsten FVM-Quozienten haben die Bundesverbände Filmton (4,2) und Regie (1,9). Ganz unten – nach Abzug der 3 Verbände ohne Frauen im Vorstand – kommt leider schon der BFFS mit FVM = 0,3! Nur 14 % Frauenanteil (1 von 7 Sitzen) im Vorstand bei fast 52 % Schauspielerinnen unter den Mitgliedern, was rechnerisch 3,6 Sitzen entsprechen würde.

Ein stärker weiblich besetzter Vorstand bedeutet nicht zwangsläufig, dass sich Gedanken zur – eventuell benachteiligten – Situation von Frauen gemacht werden. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die umfassende Beschäftsumfrage, die der Verband der Filmschaffenden Anfang 2014 veröffentlichte und in der das Geschlecht nicht abgefragt wurde, und das obwohl der Verband mehrere Frauen in Verbandsspitze und Geschäftsstelle hat.
Aber wenn fast oder gar keine Frauen in einem Vorstand vertreten sind, dann stehen die Chancen definitiv schlecht für eine Thematisierung der Situation weiblicher Filmschaffender im jeweiligen Gewerk, schlecht für eine Analyse, schlecht für Aktionen. Dies wird im folgenden anhand von zwei Beispielen betrachtet – den Regisseur/innen (BVR: VFM = 1,9) und den Schauspieler/innen (BFFS: VFM = 0,3).

(DER BUNDESVERBAND) REGIE UND GENDER/-POLITIK

Der Bundesverband Regie (BVR) vertritt Film- und Fernsehregisseur/innen (zZt. 132 Frauen, 439 Männer), auch als Drehbuchautor/innen und Produzent/innen, sowie Regieassistent/innen und Script/Continuities – allerdings keine Theaterregisseur/innen

Von der Mitgliederversammlung im Februar 2014 wurde außerdem mit überwältigender Mehrheit die Erstellung eines Regie-Diversitätsberichts beschlossen, der die Regievergabepraxis in den fiktionalen Primetime-Programmen – d.h. zwischen 18 und Uhr – von ARD und ZDF 2010 bis 2013 sowie die in diesen Jahren im Kino ausgewerteten Spiel- und Dokumentarfilme analysieren sollte.
9 Monate später, im November 2014, wurde dieser umfangreiche und sehr informative Bericht anlässlich der TAGE DER REGIE in München den BVR-Mitgliedern und der Öffentlichkeit vorgestellt.

„Viele Redaktionen und Produktionsfirmen sind sich aufgrund eines fehlenden Diversitäts-Monitorings bisher nicht über die niedrige Beschäftigungsrate von Regisseurinnen in den eigenen Serien, Reihen und Fernsehfilmen bewusst.“ heißt es in dem Bericht, der außerdem anregt, dass Sender und Filmförderanstalten künftig das Monitoring selber in die Hand nehmen.

Zwei Zahlen, stellvertretend für viele:
• Lediglich 11 % der Gesamtsendeminuten aller fiktionalen Primetime-Programme von 2010-13 wurden von Regisseurinnen inszeniert.
• Mehr als die Hälfte der untersuchten Serien hatten in den vier Jahren keine Regisseurin, in keiner Folge.

Wie kommt es zu einer Regievergabe, ist das der berühmte Zufall? Bewerben sich schlicht kaum Regisseurinnen? Wird auf Altbewährte, Bekannte zurückgegriffen, so dass Neue gar nicht erst in den Regie-Kreislauf kommen (Vorabendserie, große Serie, TV-Reihe, Fernsehfilm, Kino)? Ist etwas dran an den Gerüchten, dass manche Redaktionen grundsätzlich keine Regisseurinnen engagieren, und dass manche Serien-Hauptdarsteller nicht bereit sind, mit Regisseurinnen zusammenzuarbeiten? Fragen über Fragen..

Der Diversitätsbericht soll in Zukunft jährlich erscheinen, und nächstes Mal zusätzlich den ethnisch-kulturellen Hintergrund und die Altersstruktur der Regisseur/innen auswerten.

Vielleicht kann außerdem der Frage von Regisseurin Connie Walther nachgegangen werden (siehe taz vom 27.11.14, „Es wäre ein Leichtes”): „Wie viele Regisseure verbergen sich eigentlich hinter den knapp 90 Prozent? Ich vermute: Es gibt ein, zwei Handvoll Regisseure, die arbeiten bis zum Umfallen und die anderen schauen komplett in die Röhre“.

Doch zurück zu diesem ersten Diversitätsbericht. Was kann er bewirken, was sind mögliche Konsequenzen?
Einzelne Regisseur/innen haben sich bereits öffentlich geäußert, und auch der BVR-Geschäftsführer Dr. Jügen Kasten („Kaum Regisseurinnen bei ARD und ZDF – Das männliche Treueprinzip“, taz 10.11.14):

„Der BVR weiß noch nicht, welche politischen Forderungen er aus der Studie ableitet. Eine Quote lehnen die meisten Mitglieder aber ab. In einem künstlerischen Metier könne sie keine Lösung sein, meint BvR-Geschäftsführer Jürgen Kasten. „Wir müssen vermeiden, dass ein Riss in den Verband kommt. Wir vertreten Männer und Frauen gleichermaßen und dürfen nicht mit der politischen Forderung ’Quote‘ die Beschäftigungssituation der Männer gefährden.“

Das mit der Quote ist so eine Sache, denn sie wurde weder auf der Mitgliederversammlung 2014, die den Diversitätsbericht beschloss, diskutiert noch hat es seitdem eine Umfrage dazu gegeben. Und wie geht ,mehr Jobs für Frauen ohne den Männern welche wegzunehmen’? Aber vielleicht ist mit „gefährden“ ja nur gemeint, dass es zu keiner Umkehrung der Verhältnisse kommen soll, also nicht zu 89 % Regisseurinnen- und 11 % Regisseure-Sendeminuten, sondern zu mehr Chancengleichheit und weniger Einseitigkeit?
Eine Möglichkeit wäre – rein theoretisch! -, einfach mehr Filme und Serien zu produzieren, die dann anstelle der ewigen Wiederholungen und internationaler Importe / Wiederholungen gesendet würden, dann stünden logischerweise mehr Regieposten zur Verfügung. Das würde natürlich teuer. Wenn aber nicht mehr produziert wird, bedeuten mehr Regiesessel für Frauen zwangsläufig: weniger für Männer. Ist klar.

Das Stichwort Quote ist bereits gefallen, deshalb ein kurzer Exkurs zu der 2014 von Regisseurinnen gegründete Initiative Pro Quote Regie, die ihre knappere Analyse der deutschen Regiesituation in einen internationalen Kontext stellt und klare Forderungen aufstellt:

• eine Studie zu Werdegang und beruflicher Situation von Regisseurinnen, sowie zur Vergabepraxis von Sendern und Fördergremien
• eine paritätische Besetzung der Entscheidungsgremien aller Filmförderungen
• eine Quote für die Vergabe von Regie-aufträgen im Fernseh- und Filmbereich:
o 30% Frauenquote in 3 Jahren,
o 42% in 5 Jahren und
o 50% in 10 Jahren.

Die erste Forderung ist besonders wichtig, denn im Augenblick kann über Gründe für den Status Quo nur spekuliert werden. 42 % Frauenanteil unter den Absolvierenden an Filmhochschulen im Regiefach, aber nur 23 % aktive Regisseurinnen in der crew united Datenbank und nur 11 % Frauenanteil an den gesendeten Primetime-Fernsehminuten – wie kommt das? Kann es an der Qualität liegen („Regisseure sind einfach besser“), wenn fast genauso viele Frauen wie Männer an Filmhochschulen angenommen werden und diese erfolgreich abschließen? Auch die Vermutung „Die kriegen dann Kinder und wollen nicht mehr so viel oder gar nicht mehr arbeiten“ steht nur so im Raum, ohne Nachweis.

Den Aufruf von Pro Quote Regie haben bislang über 250 Regisseurinnen unterschrieben, und (leider erst) rund 10 Regisseure mit ihrer Unterschrift unterstützt, darunter Edgar Reitz, Anno Saul und Volker Schlöndorff. Vielleicht bezieht sich die Aussage von BVR-Geschäftsführer Kasten auf diesen Mangel an Regisseursunterschriften?
Auch eine breite Unterstützung durch Filmschaffende anderer Gewerke, geschweige denn durch Vorstände anderer Verbände, blieb bislang aus. Lediglich vom BFFS Vorstand gibt es eine Unterschrift (Julia Beerhold, einzige Frau im 7-Leute-Vorstand). Warum?

Quote ist ja leider für viele ein Reizwort – das zeigen aktuell die Diskussionen um die Einführung der Genderquote für Aufsichtsräte der Top DAX Unternehmen. Aber wie bereits angemerkt, es geht um Teilhabe, um relative Repräsentanz, um Vielfalt und um besseres Fernsehen – und das sind weder Kampfbegriffe noch weibliche Provokation.

(DER BUNDESVERBAND) SCHAUSPIEL UND GENDER/-POLITIK

Beim BFFS ist im Vergleich zum BVR alles so ziemlich anders, was nur geht. Der Verband hat wesentlich mehr Mitglieder (über 2.500), unter denen Frauen und Männer grob 50:50 verteilt sind. Im Vorstand (beim BVR 4 Frauen, 5 Männer) sitzen 6 Männer und 1 Frau. Logischerweise gibt es aktuell da auch keinen wachsenden Frauenanteil, im Gegenteil, vor 2 oder 3 Jahren wurden die Sitze von 6 auf 7 erhöht, und der Neue war wieder ein Mann. Eine Gemeinsamkeit gibt es aber: auch der BFFS hat eine männliche Geschäftsführung, wobei es ,bei uns’ (ja, ich bin Mitglied) gleich zwei geschäftsführende Justiziare gibt. Dazu hat der BFFS auch noch einen Beirat, in den der Vorstand kürzlich Helmut Markwort (Jg. 1936) berief, Jobst Plog (Jg. 1941) war vorher schon drin.

Angesichts dieser geballten Männlichkeit (die einzige Vorstandfrau nimmt aktuell eine mehrmonatige Auszeit) erstaunt nicht wirklich, dass es keine bemerkbare Genderpolitik des Verbands gibt – und das heißt in diesen Fall: seitens des Vorstands, denn der BFFS ist tendenziell oligarchisch strukturiert.

Aber können die Mitglieder nicht trotzdem etwas tun? Der Antrag zum BVR-Diversitätsbericht kam ja auch aus der Mitte der Mitglieder und wurde von fast allen angenommen (und dann zügig umgesetzt). Also könnte die BFFS-MV etwas ähnliches beantragen, oder noch viel mehr, einfach weil wir es können, denn wir sind ja viel mehr!

„Ja natürlich!“ diese Antwort liefert ein Blick in die Satzung. Mitglieder können Anträge stellen (und werden sogar dazu angehalten, dazu später mehr), denn es heißt in § 20 „Durchführung der Mitgliederversammlung“ Punkt 10: „Anträge zur Mitgliederversammlung werden nur behandelt, wenn der jeweilige Antragsteller in der Mitgliederversammlung anwesend ist und seinen Antrag begründet.“
Besonders gefällt mir § 12 „Pflichten der Mitglieder“: „Die Pflichten aller Mitglieder sind, die Zwecke und Ziele des Vereins nach besten Kräften zu fördern, (…).“
Nichts mit Beschlüsse und Berichte vom Vorstand bloß abnicken, Mitgestalten ist gefordert.
Und schließlich ein dritter lobenswerter Paragraph, „§ 28 Beiträge, Gebühren und Umlagen“: „Mitgliedsbeiträge und Umlagen werden von der Mitgliederversammlung im Rahmen einer Beitragsordnung festgesetzt.“ Auch gut und wichtig!

Das Ganze hat bloß einen Schönheitsfehler: die Zitate stammen nicht aus der BFFS- Satzung, sie stehen in der Satzung des BdS e.V., des Bundesverbands der Stuntleute, also quasi unserer Stiefgeschwister, denn sie sind die einzigen anderen professionellen Filmschaffenden, die neben uns Schauspieler/innen – bzw. oftmals für uns – vor der Kamera stehen.

Und die Stuntleute gehen noch einen Schritt weiter: Wenn der Termin für die MV erstmals an die MItglieder verschickt wird – die klassische „save the date“-Vorankündigung – steht die Aufforderung, Vorschläge und Anträge einzubringen mit dabei, und wenn dann die förmliche Einladung kommt steht auf dem Antwortformluar nicht nur „ich nehme teil / nicht teil“ sondern außerdem zwei freie Felder für Vorschläge und Anträge.

Laut BFFS-Satzung können Mitglieder keine Anträge für die Mitgliederversammlung stellen (und die MV setzt auch nicht die Mitgliedsbeiträge fest, das macht der Vorstand, der auch alleine den Beirat bestellt). Das ist aber nicht nur auf dem Papier so, ich habe das mit dem Antrag vor 2 Jahren probiert, als ich frisch im Verband war und die Satzung nicht gelesen hatte – Anträge gehen an den Vorstand und der entscheidet, was aus ihnen wird.

Diese Satzung und die jahrelange Praxis haben meines Erachtens im Schauspielverband dazu geführt, dass die Politik des BFFS, die Ausrichtung, die Schwerpunktthemen einzig durch den Vorstand bestimmt und größtenteils durch ihn gestaltet werden. Den Mitgliedern (sie werden in der BFFS-Satzung nicht extra erwähnt, es gibt nur § 2 Mitgliedschaft und § 6 Mitgliederversammlung) bleibt – zugespitzt formuliert – das Abnicken und das Masse-Darstellen.
Das kann funktionieren, und auf diese Art und Weise hat der BFFS ja auch schon viel erreicht. Aber ich finde es nicht demokratisch, wenn eine Handvoll die Linie der Verbandspolitik bestimmen. Denn das heißt auch, dass sie entscheiden, für welche Themen gerade kein Platz ist. Natürlich gibt es sehr viele Bereiche in denen es für uns Schauspieler/innen aktuell ,brennt’. Aber die benachteiligte und alarmierende berufliche Situation für Schauspielerinnen – wohlgemerkt, für die Hälfte der Mitglieder und für Hälfte aller in unserer Berufsgruppe – ist schon zu lange auf die lange Bank geschoben worden. 2010 – schon ne Weile her – wurde im Auftrag des BFFS von Bührmann et al. eine Studie durchgeführt (siehe dazu: Kino, Kinder Karriere?), aus der deutlich hervorging, dass die wirtschaftliche Situation für Schauspielerinnen noch schlechter ist als die für Schauspieler. Hatte dieser Aspekt der Studie – es ging primär um andere Fragen – irgendeine Konsequenz, führte das zu einer speziellen Presseerklärung, zu einer Kampagne, irgendwas? Ja sicher, es soll demnächst mal wieder eine Studie geben. Aha.

Dass es seit diesem Sommer die Unequal Pay-Kampagne beim BFFS gibt, nun, das war einer meiner geplanten Anträge damals für die Mitgliederversammlung, wo sie ja nie landeten und folglich auch nicht diskutiert wurden. Und ich glaube eine Kampagne hätte objektiv nach außen und innerhalb des Verbands einen anderen Stellenwert, wenn sie von der Mitgliederversammlung initiiert und beschlossen wird. Nicht von oben – per Vorstandsbeschluss – sondern von der Basis, klassische Demokratie. Wobei ich mich natürlich sehr freue, dass Vorstandsfrau Julia Beerhold dem Vorschlag nach kurzer Zeit sehr aufgeschlossen gegenüberstand und die Kampagne vermutlich auch im Kreise ihrer Kollegen durchgesetzt hat. Aber sie ist nun mal die alleinige Frau im Vorstand, und es wirkt so, als ob alles, was unter „Frauenthema“ gefasst werden könnte ihr obliegt – wobei die Retro Reality im Fernsehen – d.h. deutlich mehr Männer- als Frauenrollen, ein Verschwinden von Frauenrollen ab 40, antiquierte Geschlechterstereotype – kein Frauenthema ist, sondern ein gesellschaftliches, ökonomisches, politisches.

Zur Mitgliederversammlung 2014 waren weniger als 100 Mitglieder gekommen. Als nach 4, 5 Stunden der Vorstand (wieder-)gewählt wurde, waren gerade noch 88 Stimmen über Anwesende und Stimmrechtsübertragung vertreten. Das sind 3,5 % aller Mitglieder. Fairerweise muss gesagt sein, dass der Vorstand auch unglücklich oder eher unzufrieden mit der schwachen Anwesenheit war. Aber mal ganz unter Dass es seit diesem Sommer die Unequal Pay-Kampagne beim BFFS gibt, nun, das war einer meiner geplanten Anträge damals für die Mitgliederversammlung, wo sie ja nie landeten und folglich auch nicht diskutiert wurden. Und ich glaube eine Kampagne hätte objektiv nach außen und innerhalb des Verbands einen anderen Stellenwert, wenn sie von der Mitgliederversammlung initiiert und beschlossen wird. Nicht von oben – per Vorstandsbeschluss – sondern von der Basis, klassische Demokratie. Wobei ich mich natürlich sehr freue, dass Vorstandsfrau Julia Beerhold dem Vorschlag nach kurzer Zeit sehr aufgeschlossen gegenüberstand und die Kampagne vermutlich auch im Kreise ihrer Kollegen durchgesetzt hat. Aber sie ist nun mal die alleinige Frau im Vorstand, und es wirkt so, als ob alles, was unter „Frauenthema“ gefasst werden könnte ihr obliegt – wobei die Retro Reality im Fernsehen – d.h. deutlich mehr Männer- als Frauenrollen, ein Verschwinden von Frauenrollen ab 40, antiquierte Geschlechterstereotype – kein Frauenthema ist, sondern ein gesellschaftliches, ökonomisches, politisches.

Zur Mitgliederversammlung 2014 waren weniger als 100 Mitglieder gekommen. Als nach 4, 5 Stunden der Vorstand (wieder-)gewählt wurde, waren gerade noch 88 Stimmen über Anwesende und Stimmrechtsübertragung vertreten. Das sind 3,5 % aller Mitglieder. Fairerweise muss gesagt sein, dass der Vorstand auch unglücklich oder eher unzufrieden mit der schwachen Anwesenheit war. Aber mal ganz unter uns: wem ist zu verübeln, nicht dagewesen zu sein? Die Aufgabe der Mitgliederversammlung (neben Wahl und Entlastung des Vorstands) ist die „Entgegennahme des Berichts des Vorstands über die Vereinstätigkeit“ (§ 6 BFFS-Satzung). Und das ist – um es wiederum überspitzt zu formulieren – in der epischen Länge, die sich der Vorstand dafür nimmt ziemlich anstrengend. Alle die mehr oder weniger regelmäßig die BFFS-Newsletter lesen und ab und zu die regionalen Stammtische besuchen sind bereits über das meiste informiert. Das ist kein Plädoyer für eine Abschaffung des Berichts, aber wie wäre es mit 1 statt 4 Stunden Dauer für diesen Punkt? Dann wäre Zeit für richtige Diskussionen, für mehr Mitgliederbeteiligung und -engagement.
Dass die Vorstandswahl eigentlich keine Wahl war (es sei denn, Friss-oder-stirb ist eine Wahl), hat mir übrigens auch nicht gefallen.

Der neue BFFS-Vorstand. Foto: Martin Becker

Es geht um Vorstände und Genderrepräsentanz. Und dazu gehört auch die Sache der Außendarstellung. Als letztes Beispiel die DSP-Verleihung 2014 (der Preis mit dem ungeschickten Namen). Im Laufe des Abends waren viele Vorstandsmänner einmal auf der Bühne, sie hielten Ansprachen, sangen oder bekamen einen Preis verliehen. Die einzige Vorstandsfrau des BFFS, Julia Beerhold, trat bei dieser für viele wichtigsten Außendarstellung des Verbandes in der Branche nicht in Erscheinung, sie saß irgendwo im Publikum. Generell sind ihre – sehr wichtigen! – Arbeitsbereiche nach Innen gerichtet. Wenn die BFFS-News und -Pressespiegel es richtig wiedergeben, dann sitzen bei den Tarifverhandlungen, bei den Gesprächen mit Politiker/innen, bei den wichtigen Interviews – immer nur die Männer.

EPILOG

• Elisabeth Selbert: Du sag mal Kalle, ich finde in den Herrenchiemsee-Protokollen gar nichts zu dem Thema Gleichberechtigung. Wo habt Ihr das denn besprochen?
• Carlo Schmid: Gar nicht. Da waren ja nur Herren anwesend. Da musst Du schon auf Frauenchiemsee warten.

Sternstunde ihres Lebens. 2014. Regie Erica von Moeller, Buch Ulla Ziemann.

Dieser Text ist die gekürzte Zusammenfassung von 3 Blogtexten:

27.11.14: Wer vertritt hier wen? Teil 1: Die Filmverbände
18.12.14: Filmverbände und Gender Teil 2: Der BVR
22.12.14: Filmverbände und Gender Teil 3: Der BFFS

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Was waren die besten Filme 2014?

Jake Gyllenhaal in Nightcrawler

Wer kennt nicht die Unentschlossenheit, mit welchem Streifen man den harten Arbeitstag entlohnen soll. Wir empfehlen einen Blick in die alphabetisch sortierte Bestenliste des „American Film Institute“ (AFI) für das Jahr 2014:

American Sniper
Birdman
Boyhood
Foxcatcher
The Imitation Game
Interstellar
Into the Woods
Nightcrawler – Jede Nacht hat ihren Preis
Selma
Unbroken
Whiplash

ODER NOCH BESSER wäre doch eine eigene Liste. Daher wüssten wir von gerne von Euch:
>>> Was waren Eure Lieblingsfilme im Jahr 2014? <<<

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Hoffnungsschimmer – Wie fair waren die Produktionen 2014?

Die Produktionsbedingungen kann man nach Schulnoten anonym bewerten.

Ab sofort sind wieder alle Filmschaffenden des Branchennetzwerks crew united aufgerufen, die Arbeits- und Produktionsbedingungen ihrer Produktionen 2014 bis zum 31.12.2014 zu bewerten. Die Gewinnerproduktion erhält den “Hoffnungsschimmer”, der bereits zum 5. Mal vergeben wird. Der Hoffnungsschimmer ist eine Veranstaltung der Bundesvereinigung der Filmschaffenden-Verbände in Kooperation mit crew united und German Film Commissions.

Nach Goethe! für das Jahr 2010 und Barbara für das Jahr 2011 und Polizeiruf 110 – Fischerkrieg für das Jahr 2012 hat Rico, Oskar und die Tieferschattenden Hoffnungsschimmer 2013 erhalten.

Jede Stimme zählt! Hier finden Sie alle bewerteten Produktionen der letzten 3 Jahre:
Hoffnungsschimmer 2011
Hoffnungsschimmer 2012
Hoffnungsschimmer 2013

Unsere Bewertungskriterien für faire Arbeits- und Produktionsbedingungen sind:

Arbeitszeiten und Arbeitsschutz
Die Arbeits-, Pausen, -Ruhe und Reisezeiten werden team- und familienfreundlich
gestaltet. Das Arbeitszeitgesetz, die Regelungen der Tarifverträge zur Weiterlesen

Arbeitszeit und die Arbeitsschutzgesetze und -Vorschriften werden eingehalten.

Vertrag, Gagen und Entgelte
Der Vertrag wird rechtzeitig und persönlich verhandelt und die wichtigsten
Eckdaten werden umgehend schriftlich (Dealmemo) festgehalten und ausgehändigt.
Der endgültige Arbeitsvertrag liegt möglichst noch vor Arbeitsbeginn vor.
Es werden mindestens Tarifgagen gezahlt, die tarifvertraglichen Regelungen
werden als Mindeststandards eingehalten. Leistungen von Freischaffenden,
Dienstleistern und Filmschaffenden, für deren Beruf es noch keinen
Gagentarifvertrag gibt, werden nach branchenüblichen Standards entlohnt.
Kreativität wird angemessen honoriert. Urheber- und Leistungsschutzrechte
bleiben gewahrt. Gagen und Entgelte werden pünktlich ausgezahlt.

Kommunikation und Arbeitsklima
Das Arbeitsklima ist geprägt von der gemeinsamen Anstrengung, das bestmögliche
Ergebnis zu erreichen. Die Kommunikation zwischen Gewerken und Hierarchien
ist ergebnisorientiert, gewaltfrei, offen, motivierend, respektvoll,
funktional und strukturiert. Jeder Projektbeteiligte trägt seinen “wichtigen”
Teil zum Ganzen bei und wird dafür wertgeschätzt. Eine angemessene Versorgung
mit Essen, Trinken, evtl. Wärmekleidung, Schutzkleidung usw. wird unaufgefordert
gewährleistet.

Professionalität
Das Filmprojekt wird unter Berücksichtigung der finanziellen, organisatorischen
und gesetzlichen Möglichkeiten und Grenzen fachmännisch geplant, vorbereitet,
gestaltet und durchgeführt. Dazu kommt professionelles Personal zum Einsatz,
reguläre Positionen werden nicht durch Praktikanten besetzt.

Konflikte
Konflikte werden zeitnah, direkt und zielorientiert im Sinne des Projekts
gelöst. Entscheidungen, die das gesamte Team betreffen (z.B. unerwarteter
Überstundenfall) werden nicht nur mit Teilen des Teams besprochen.

Gleichbehandlung
Projektpersonal, Dienstleister und weitere Ressourcen werden nach Qualifikation
und ökonomischer Notwendigkeit ausgewählt und eingesetzt. Eine Diskriminierung
aufgrund Herkunft, Geschlecht, Sexualität oder Religion findet nicht statt.

Die nominierten Produktionen und das Umfrageergebnis werden in der ersten Januarwoche bekanntgegeben.Der Gewinnerproduktion und allen daran beteiligten Mitarbeitern wird die Auszeichnung während der Berlinale am 7.2.2015 in einem Festakt überreicht. (Pressemitteilung)

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Cinema Moralia – Folge 96: Die gestörte Kultur des Ämterwechsels oder: Kosslick forever?

»Man muss natürlich immer gegen die Tyrannei kämpfen.« (Fritz Lang)

Man muss natürlich immer gegen die Tyrannei kämpfen und wie Bernd Neumann Monika Grütters’ einmal eine Chance gab, und sie diese ohne Not verspielte – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 95. Folge

Jean-Luc Godard: Sie heißen Fritz Lang und ich Jean-Luc Godard. Sie haben viel mehr Filme gedreht als ich… Wissen Sie, wieviele?
Fritz Lang: Nein.
Godard: Aber ich. Sie haben 42 Filme gedreht.
Lang: Mein Gott!
Dialog am Beginn eines langen Gesprächs, das Godard im November 1964 mit Fritz Lang führte, für die Fern­seh­serie »Cineastes de notre temps ». Godard war damals 34 Jahre alt, Lang 74 Jahre.

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Kurze Zeit später in diesem wunder­baren Gespräch zwischen Godard und Lang, das uns an eine Kino­kultur erinnert, die leider inzwi­schen fast verschwunden ist, weil weder Publikum, noch Kultur­po­litik an ihr auch nur halb im Ernst inter­es­siert wären, kurze Zeit später in diesem Gespräch sagt Fritz Lang den Satz »Wenn man älter wird, hat man Angst, den Kontakt zur Jugend zur verlieren, das ist in allen Berufs­sparten so. Ich jeden­falls hatte Angst davor.«
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Die Verlän­ge­rung von Dieter Kosslicks Vertrag als Berlinale-Chef, die vor einer Woche, da war ich gerade auf dem Weg zur IDFA in Amsterdam, vom BKM, dem Bundes­staats­mi­nis­te­rium für Kultur bekannt gegeben wurde, ist eine sehr schlechte Nachricht.
Es ist eine schlechte Nachricht für die Berlinale selbst, eine schlechte Nachricht für das deutsche Kino. Und eine schlechte Nachricht für die deutsche Kultur­szene.
Warum? Zur Berlinale und den Folgen des derz­ei­tigen Berlinale-Kurses für das deutsche Kino, und das Kino-Vers­tändnis des breiten Publikums haben wir bei anderer Gele­gen­heit schon oft geschrieben, und neue Gele­gen­heiten werden bis mindes­tens 2019 noch viel zu viele kommen. Konz­en­trieren wir uns also auf den letzten Punkt. Weiterlesen

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Was passiert eigent­lich, wenn der liebe Gott Kosslick 101 Jahre alt werden lässt, so alt wie Leni Riefen­stahl? Was wir ihm persön­lich wirklich von Herzen wünschen. Aber ist er dann, im Jahr 2049 immer noch Berlinale Chef? Das wünschen wir der Berlinale nämlich, und Dieter Kosslick nicht. Aber wie funk­tio­niert das überhaupt, ein Ämter­wechsel? Wenn Kosslick nicht von selber aufhören will?

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Dieter Kosslick ist seit dem Jahr 2002 Chef der Berlinale. Schon jetzt wird er mit der bevor­ste­henden Berlinale 2015 14 Festivals geleitet haben. Mit der Verlän­ge­rung bis 2019 werden es 18 Festivals gewesen sein. Dieter Kosslick hat bereits jetzt das Renten­alter über­schritten. 2019 wird er 71 Jahre alt sein. Gibt es in Deutsch­land denn nur einen, der die Berlinale leiten kann?
Oder will umgekehrt keiner diesen Job haben? Weil Kosslick die Berlinale margi­na­li­siert hat, weil er Quantität vor Qualität stellt, und dieses Festival Ausländer immer weniger inter­es­siert, und viele deutsche Profes­sio­nelle auch nicht?

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Kosslicks Beispiel belegt jeden­falls: Der Vertrag des Berlinale-Chefs ist wie der anderer vergleich­barer Kultur­posten, längst zum Auto­ma­tismus geronnen.
Mit der quasi auto­ma­ti­sierten,, in der Öffent­lich­keit weder debat­tierten, noch in den sozialen Insti­tu­tionen öffent­lich geprüften Vertrags­ver­län­ge­rung legt die neue Kultur­staats­mi­nis­terin Monika Grütters einen mindes­tens nach­läs­sigen Umgang mit ihrer poli­ti­schen Verant­wor­tung an den Tag. Sie nimmt die Verant­wor­tung tatsäch­lich gar nicht wahr. Sie prak­ti­ziert Politik nach Guts­her­renart, von oben herab, und straft alle ihre eigenen Sonn­tags­reden Lügen, nach denen sie in ihrem Handeln an Plura­lismus und Offenheit, an Vielfalt und kreativen Kontro­versen inter­es­siert sei.

Völlig unge­achtet von der Dauer einer Amtszeit und der Befähi­gung eines Kandi­daten sollten derartige Stellen – ein über­wie­gend öffent­lich finan­ziertes Kultur­er­eignis ersten Ranges – vor einer Verlän­ge­rung öffent­lich ausge­schrieben werden. Viel­leicht gäbe es noch andere Bewerber? Mit noch besseren Quali­fi­ka­tionen, besseren Ideen, besserer Eignung.

Viel­leicht würde eine Bewerbung mehrerer Kandi­daten den handelnden Kultur­po­li­ti­kern und der kriti­schen Öffent­lich­keit neue und diverse Perspek­tiven aufzeigen, Perspek­tiven, an die sie nicht mal im Traum gedacht gaben. Einer solchen Chance verschließt sich Grütters ohne Not, und sie verschließt eine solche Debatte auch der Öffent­lich­keit.

Aber um die Öffent­lich­keit – um »alle, die Bürger wie die Kultur wie die Berlinale-Besucher – geht es, nicht immer nur um die Person des Leiters.

Eine solche Debatte könnte ja zum Ergebnis haben, dass Kosslicks Vertrag verlän­gert wird. Sie würde dann aber auch Kosslick nützen. Er müsste sich erklären, er könnte sich nicht auf Routine und »Business as usual« zurück­ziehen, müsste sich anstrengen. Davon würde die Berlinale in jedem Fall profi­tieren, und um die muss es doch gehen, oder Frau Grütters?

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Die Berlinale ist weder Kosslicks Erbhof, noch der Privat­be­sitz von Frau Grütters, in dem sie ihren Verwalter nach Gutdünken bestellen darf, noch ein Konzern, der seine Vorstände hinter geschlossen Türen bestimmt, und keine demo­kra­ti­sche Rechen­schaft schuldig ist. Aber selbst die Aktionäre eines börsen­no­tierten Unter­neh­mens haben in Deutsch­land mehr Macht als alle, die etwas mit Kultur zu tun haben, als im Fall der Berlinale die Film­brache, die Verbände, die Beob­achter und das Publikum.

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Dies ist ein prin­zi­pi­elles Argument: Wie bestimmen wir die Posi­tionen, insbe­son­dere Leitungs­posten in derar­tigen Insti­tu­tionen? Wie wollen wir in Zukunft Vielfalt, Abwechs­lung und Inno­va­tion sichern?
Müssen die jewei­ligen Amts­in­haber erst frei­willig zurück­treten, oder arbeits­un­fähig werden, oder sterben, damit es einen Wechsel der Spitz­en­po­si­tionen überhaupt geben kann?
Was für eine gestörte Kultur, die den regel­mäßigen Wechsel nicht als etwas Selbst­ver­s­tänd­li­ches akzep­tieren kann? Und im konkreten Fall: was für eine Anstands­lo­sig­keit, für eine perverse Selbst­wahr­neh­mung Dieter Kosslicks, dass er selbst nicht merkt, dass es genug ist, oder schlimmer noch: dass es ihm egal ist.

Derart lange Amts­z­eiten tun niemandem gut. Nicht der Insti­tu­tion, nicht dem Amt, nicht der Person. Kosslick wird länger amtiert haben als der Berliner regie­rende Bürger­meister Klaus Wowereit und länger als Helmut Kohl als Bundes­kan­zler. Nun kann man die Belastung dieser Ämter bei allem Respekt vor Kosslicks Arbeits­ver­mögen zwar nicht mitein­ander verglei­chen. Aber es steht einer demo­kra­ti­schen Insti­tu­tion nicht gut an, wenn Amt und Person mitein­ander verschmelzen. Gerade im Bereich der Kultur sind Wechsel und Abwechs­lung eine Tugend, frischer Wind und Inno­va­ti­ons­kraft. Wie soll einer, der 14 Jahre den gleichen Beruf macht, sich und vor allem das Festival, um das es schließ­lich geht, immer neu erfinden können? Wie soll er Altes infrage stellen und für nicht, überholt, oder unzeit­gemäß erklären können, das er doch selbst geschaffen und mit warmen Worten als etwas Neues ins Leben gerufen hat.

+ + +

Unter Kosslick hat die Berlinale an inter­na­tio­naler Bedeutung verloren. Die Bericht­er­stat­tung ist auch inter­na­tional seit Jahren einhellig negativ. Die Filme, die dort laufen, sind größ­ten­teils irre­le­vant. Als Veran­stal­tung tritt sie auf der Stelle, es gibt bereits seit langer Zeit keine Inno­va­tion.

Hätte Monika Grütters sich für die Sache und die Person Dieter Kosslick inter­es­siert und nicht nur auf ihre offen­kundig inter­es­se­ge­lei­teten Berater gehört, oder sich selbst von schlechten, sach­fernen Inter­essen leiten lassen, hätte sie noch nicht einmal mit anderen Personen und Verbänden sprechen müssen, Sie hätte nicht mit bekannten Kritikern Kosslicks reden müssen, auch nicht auf Filme­ma­cher und Kino­be­treiber und Film­kri­tiker hören, die die Berlinale seit Jahren als
Teil­nehmer erleben.

Sie hätte einfach einmal bei lang­jäh­rigen Berlinale-Mitar­bei­tern vertrau­liche Gespräche führen können, und sich aus der Vielfalt dieser Stimmen ein runderes Bild machen können. Sie hätte danach Kosslick zum Beispiel fragen können, warum zu einem Film­fes­tival Edel-Köche von Los Angeles per First-Class-Flug einge­flogen werden, man einem Regisseur, der einen Film auf der Berlinale hat, aber das Bahn­ti­cket nicht bezahlen will. Dies nur als ein konkretes Beispiel, stell­ver­tre­tend für viele, die ich hier aufführen könnte.

Zusam­men­ge­fasst: Dieter Kosslick steht für das Gegenteil von Offenheit, Vielfalt und kreativen Kontro­versen. Er steht für nahezu alles, was am Gegen­warts­kino schlecht ist.

+ + +

Der vorherige Kultur­staats­mi­nister Bernd Neumann wusste, warum er Kosslicks letzten Vertrag nur bis 2015 verlän­gerte. Neumann zum Beispiel erklärte frei­willig und ohne Druck nach zwei Amts­pe­ri­oden, er wolle nicht weiter­ma­chen. Er wollte seiner Nach­fol­gerin die Chance geben, in Ruhe einen Neuanfang zu wagen und vorzu­be­reiten. Das war klug. Neumann verstand eben etwas vom Kino. Grütters hätte ein Jahr dafür Zeit gehabt. Jetzt hat sie diese Chance verspielt. Mit ihrem Verhalten
erweist Grütters weder der Berlinale noch dem deutschen Kino noch ihrem Amt einen Dienst.

+ + +

Godard: Ich denke da etwas anders. Meiner Meinung nach ist van Gogh bedeu­tender als der Schreiner, der die Staffelei herge­stellt hat, auf der van Gogh malte, selbst wenn es eine sehr schöne Staffelei war.
Lang: Sie haben natürlich recht, das ist ein extremes Beispiel. Viel­leicht habe ich nicht recht, mag sein…
Godard: Aber Sie betrachten sich lieber als Schreiner denn als…
Lang: …nein, nicht als Schreiner, aber als Arbeiter. Das Publikum glaubt, dass das, was man tut, einem zuge­flogen ist, dass das ein Vergnügen ist. Es weiß nicht, dass das harte Arbeit ist… Ich glaube, dass wir etwas gemeinsam haben. Ich glaube, dass Sie ein Roman­tiker sind, und ich bin es auch. Ich weiß nicht, ob es gut ist, heut­zu­tage ein Roman­tiker zu sein.
Godard: Heut­zu­tage ist das schlecht, glaube ich.
Gespräch zwischen Jean Luc Godard und Fritz Lang, November 1964; »Cineastes de notre temps«

+ + +

In den Reden von Monika Grütters wimmelt es von vielen schönen Metaphern, überhaupt vielen Metaphern. Buch­hand­lungen seien »Tank­stellen« und Verlage »Anker­punkte« haben ihr ihre Reden­schreiber formu­liert. Oder war’s umgekehrt?
Ein Film­fes­tival würde sie in dieser Diktion jeden­falls viel­leicht eine »Lade­sta­tion« nennen. Wenn wir in dieser Metapher bleiben wollen, dann ist Kosslicks Akku leer. Er hat fertig.

+ + +

Lang: Ich glaube, dass unser Metier, das Kino, nicht nur die Kunst unseres Jahr­hun­derts ist. Es ist auch die Kunst der jungen Leute.
Godard: Sie glauben, das ist die Kunst der Jugend? Ich glaube es auch. … Wenn das Kino die Kunst der Jugend ist, dann maßregelt man es viel­leicht wegen seiner Jugend. Man ist mit ihm strenger als mit anderen. Ich würde gerne von Ihnen erfahren, wie wir uns verhalten sollen gegenüber… sagen wir nicht Zensur, nennen wir es Tyrannei. Müssen wir, wie die Kinder, alles zerstören, alles kaputt machen, oder sollte man sie eher austricksen?
Lang: Ich verstehe nichts von Kindern.
Godard: Und von der Tyrannei?
Lang: Man muss natürlich immer gegen die Tyrannei kämpfen.
Gespräch zwischen Jean Luc Godard und Fritz Lang, November 1964; »Cineastes de notre temps«

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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cn-special: Around the World in 14 Films 2014 – Sieben Fragen an Festivalleiter Bernhard Karl

Titelseite des diesjährigen Programmheftes

Vom 28. November bis 7. Dezember 2014 werden 14 (+6) cineastische Höhepunkte des jungen Weltkinos aus 14 Ländern in Berlin gezeigt. Wir sprachen mit dem Festivalleiter über das cineastische Jahr 2014 in all seinen Facetten und das aktuelle Festivalprogramm. Weiterlesen

STECKBRIEF BERNHARD KARL
Konzept, Leitung und Programm

© Christian Riss

Studium der Kunstgeschichte, Regieassistent an der HFF München und an den Münchner Kammerspielen bei Dieter Dorn und Peter Zadek, als Theaterregisseur Inszenierungen in Ulm, Oberhausen, Zürich und Berlin, seit 2001 Arbeit als Casting Director bei Anja Dihrberg. Seit 2008 Internationaler Programm-Kurator bei Filmfest München. Seit 2012 Leitung F.I.N.D.plus an der Schaubühne Berlin.

 

Welche Filmregion hat Dich 2014 besonders beschäftigt?
Das Kino Osteuropas. Wie so häufig ist die kreative Vielfalt im osteuropäischen Kino Ausdruck eines umgreifenden gesellschaftlichen Wandels, was nicht nur die erweiterte Aufarbeitung der Vergangenheit betrifft, sondern auch der Gegenwart. Bestes Beispiel dafür ist unser russischer Eröffnungsfilm „Leviathan“ Andrey Zvyagintsev, der ein unhaltbar korruptes amoralisches Gesellschaftsgefüge im Heute zeigt, das so keine Zukunft mehr haben kann.

Dein Lieblingsfilm 2014?
Wie immer: mehrere. Und natürlich genau die 20, die in diesem Jahr bei uns im Programm sind (lacht). Aber – die Länge ist hier auch Programm: Wer die 5 Stunden und 40 Minuten von Lav Diaz’ Gewinnerfilm von Locarno „From What is Before“ erlebt hat, wird mir zustimmen. Das ist vielleicht das größte Kinoerlebnis des Jahres. Es stellt sich aber nur mit etwas ein, was auch mir in dieser Zeit oft schwerfällt – mit anachronistischer Geduld!

Wer gehört zur Zielgruppe des Festivals?
Eigentlich Alle. Natürlich, wer kein Englisch spricht, oder nicht englisch lesen kann, und keinerlei Er-fahrung mit komplexeren filmischen Erzählweisen hat, wird es bei uns schwer haben. Man wünscht sich mehr Interesse bei den Menschen, die sonst nicht ins Kino gehen und hier das besondere Live-Erlebnis suchen. Um diese zu gewinnen, bedürfte es mindestens eines zentralen Beitrags in den „Tagesthemen“, am besten am Sonntag vorm „Tatort“ (lacht), oder einer flächendeckendende Berichterstattung.

Die Überraschung des Jahres?
„The Tribe“ aus der Ukraine. Ein Erstlingswerk. Jetzt auch nominiert als „European Discovery“ bei den European Film Awards. Ein Film, der 130 Minuten komplett in Gebärdensprache erzählt wird. Ohne Untertitel. Ein Film, der zu den Wurzeln des Kinos zurückführt und in seiner Zeichnung einer unzivilisierten, verrohten Gesellschaftsorganisation fast archaisch wirkt.

Welcher Schauspieler oder Schauspielerin hat Dich 2014 nachhaltig berührt?
Melisa Sözen, die in Nuri Bilge Ceylans „Winterschlaf“ mit wenigen Auftritten das gesamte weibliche Geschlecht zu verkörpern scheint, und dem vergleichsweise dumpf-verkopft-eitlen „Männlichen“ widersteht und die 17-jährige Jun Yoshinaga, die in Naomi Kawases naturmystischem Bilderkosmos „Still the Water“ pure Liebe verkörpert. Außerdem das gesamte US-Männerensemble in Bennett Millers „Foxcatcher“.

Dein Nachwuchstalent im Bereich Regie 2014?
Der israelische Filmemacher Nadav Lapid, der mit seinem zweiten Film „The Kindergarten Teacher“ die für mich künstlerisch schlüssigste Antwort auf die Aporie des Nahost-Konflikts formuliert. Menschen wie sein Protagonist führen keine Kriege.

Welche Tendenzen erkennst Du im Weltkino des Jahres 2014?
Das künstlerische Kino ist mehr denn je Ausdruck der gesellschaftlichen Pressionen in der Folge des kapitalistischen „Freibriefs“ nach dem Kollaps der weltweit relevanten kommunistischen Regimes.
Sagen wir es lakonisch: Es geht eben nur ums Geld. Mit Geldproblemen ist oft die Totalerosion von spirituellen Inhalten verbunden, von fundamentalistisch pervertierten Glaubensideen gar nicht zu sprechen. Das künstlerische Kino versucht, manchmal fast zu häufig, eine quasi-Realität wiederzugeben. Deshalb kommt jeder zweite „Festivalfilm“ von der Erzähl- und Bildgestaltung her, meist „dokumentarisch“ daher.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview erschien am 19. November 2014 im cn-special von casting-network!
Website: www.14films.de

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Cinema Moralia – Folge 93: Das Recht auf Selbstbestimmung

»Do what you want!« – das lernt auch Marieme in Bande De Filles, Celine Sciammas diesjährigem Cannes-Film über vier starke, schwarze Girls aus Paris.

Mitten im Leben, vom Tode umgeben: Warum ich Feminist bin und für das Recht auf einen freien Tod, und was das mitein­ander zu tun hat – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 93. Folge

»’Where should I go?’ said Alice.
‘That depends on where you want to end up.’ replied The Cheshire Cat.«
Alice in Wonder­land
+ + +
Es wäre sehr lustig, wenn es nicht so grotesk gewesen wäre und auch ein bisschen traurig: Pres­se­kon­fe­renz im Berliner Arsenal. Ich kam etwas zu spät, es hat gerade schon ange­fangen. Zehn Frauen sitzen vorne, wie die Hühner auf der Stange. Im Saal weitere 29, bis zum Ende der Veran­stal­tung kommen noch drei dazu. Dazwi­schen genau zwei Männer. Ich bin der dritte.
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Dienstag, 14.10., 11 Uhr vormit­tags. Vorge­stellt wird der Aufruf »Pro Quote Regie« in Form einer Pres­se­kon­fe­renz. Es läuft etwas falsch, scheint mir, wenn die Redak­tionen (darunter diverse Redak­teu­rinnen) zu so einem Termin dann nur die Frauen schicken. Redak­teu­rinnen waren übrigens gar nicht vertreten, sofern ich niemanden übersehen habe.
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Den Aufruf haben bislang rund 200 Regis­seu­rinnen unterz­eichnet, aus allen Gene­ra­tionen und Stil­rich­tungen, darunter sehr bekannte Namen des deutschen Kinos, die meisten, aber nicht alle von ihnen Deutsche. Männer dürfen übrigens nicht unter­schreiben, wohl damit das Ganze weiterhin »Aufruf der Regis­seu­rinnen« betitelt werden kann. Es gibt aber eine zweite Liste, auf der sich Unter­s­tützer beiderlei Geschlechts finden. Gefordert wird in dem Aufruf »die Einfüh­rung verbind­li­cher Frau­en­quoten« in den öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk­an­stalten, den Film­för­de­rungen des Bundes und der Länder, sowie in alle »Insti­tu­tionen … in denen öffent­liche Mittel für Produk­tions- und Regie­auf­träge vergeben werden.« Man wünscht einen Anteil von 30 Prozent bis zum Jahr 2017, und 42 Prozent bis 2019 – das entspricht dem aktuellen Anteil von Frauen mit Regie-Diplom.
Gefördert wird weiterhin eine wissen­schaft­liche Studie »zu Werdegang und beruf­li­cher Situation von Regis­seu­rinnen in Deutsch­land sowie zur Verga­be­praxis von Rund­funk­an­stalten und Förder­gre­mien.« Man bietet den Verant­wort­li­chen bei Förder­gre­mien und Sendern einen Dialog an. Sie glauben: »Eine gerech­tere Film- und Fern­seh­för­de­rung kann nur gemeinsam mit der Politik und den Verant­wort­li­chen in den Sende- und Förder­an­stalten erreicht werden.« Mal abwarten.
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Ich geb’s zu: Als ich zuerst davon gelesen hatte, dachte ich: Was für ein Schwach­sinn! Muss das sein? Gibt es nicht wich­ti­gere Fragen als eine Frau­en­quote? Weiterlesen

Wäre es nicht viel besser, die Film­branche würde gemeinsam dafür sorgen, dass die Filme besser werden, sich zusam­mentun, anstatt zu spalten? Wäre es nicht besser, zumindest die progres­siven Kräfte der Kinoszene würden für Ästhetik und Inhalte kämpfen, für Geld, um die bisher arg begren­zten Fleisch­tröge und Arbeits­mög­lich­keiten zu vergrößern, als für Zugangs­rechte zu diesen Fleisch­trögen? Auf alle Fälle wäre all das besser. Stimmt schon: Es könnte alles ganz anders sein. Ist es aber nicht. Die deutsche Filmszene, auch die mit Verstand und Geschmack, besteht über­wie­gend aus Solisten. Sie sollten sich zusam­mentun, hätten das tun können, haben es aber nicht. Die Frauen dagegen haben sich zusam­men­getan, und etwas auf die beine gestellt. Sie kämpfen für ihre Inter­essen. Pech, Jungs! Schaut Euch an, wie man es macht.

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Die Argumente für den Aufruf sind einfach überz­eu­gend. Denn die Zahlen sind in einem krassen Miss­ver­hältnis: Aktuell werden über 85 Prozent aller Regie­auf­träge in Deutsch­land an Männer vergeben, obwohl 42 Prozent aller Regie-Absol­venten von Film­hoch­schulen Frauen sind. Man muss also gar nicht die weibliche Perspek­tive beschwören, und bloß nicht im Jargon eines neoli­be­ralen Control­lers von Wett­be­werb reden. Es geht schlicht um klas­si­sche Werte: Gleich­heit, Gerech­tig­keit, Chancen und Teilhabe.

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Ich bin eigent­lich auch gegen Quoten. Wenn überhaupt, müsste es eine Quote für den IQ geben, und für Geschmack, wenn man den messen könnte. Ich bin überzeugt, dass Kunst mit Demo­kratie nicht das Geringste zu tun hat, eher schon mit Autorität, und dass man über Kunst, über Stil, über Ästhetik, über Qualität und Niveau oder auch über Geschmack nicht demo­kra­tisch entscheiden oder gar abstimmen kann, und dass die Demo­kratie der Kunst oft schweren Schaden zufügt. Mit der Einschrän­kung, dass Kunst zwar keine Sicher­heit braucht, aber ein Minimum an Freiheit.
Jeder meint zudem, wenn er »Quote« sagt, etwas anderes. Ich stelle mir bei Quote ein Schut­z­system für Filme vor, für welche aus Europa, aus Asien und Latein­ame­rika, und vor allem überhaupt für künst­le­risch Schutz­wür­diges. Analog zu den Mindest­quoten für korea­ni­schen Film, die den Aufstieg des Filmlands Korea überhaupt erst möglich machten. Oder denen für Fran­zö­si­sches in Frank­reich: Die exception cultu­relle. »Quote« bedeutet hier: Minder­hei­ten­schutz. Für Fern­seh­in­ten­danten sind Quoten dagegen ein Argument um den neuesten Abstieg im Niveau ihres Senders zu recht­fer­tigen. Um zu erklären, warum die ARD an einem Abend erst den »Gemüse-Check« bringt, dann vom »Mais-Wahn« erzählt und nicht nur den Leuten, sondern sich selbst einredet, das sei »Service«. »Die Leute wollen es ja so« heißt es dann, in einmal mehr miss­ver­stan­dener Demo­kratie. »Quote« ist in diesem Fall eine Waffe. Das Mittel einer relativ großen Gruppe, die meistens auch keine Mehrheit ausmacht, um alle anderen kleineren Gruppen zum Schweigen zu bringen, sie zu margi­na­li­sieren.
Die Quote wie sie hier und in allen Fällen einer sozialen Quote verstanden wird, ist etwas Drittes: Ein Teil­ha­be­mi­nimum. Sie bezeichnet einen Prozent­satz, bezieht sich auf eine bestimmte soziale Teil-Gruppe und einen Bereich, in dem diese Gruppe unter­re­prä­sen­tiert ist. Die Quote soll den Anteil erhöhen. Quoten, wenn man sich einmal auf sie geeinigt hat, sind ein gutes Mittel dazu.

+ + +

Denkt man diesen Gedanken eines Teil­ha­be­mi­ni­mums aller­dings konse­quent zu Ende, dann kommt eine Gesell­schaft heraus, in der ich nicht leben will. Eine unfreie, hoch­re­gu­lierte Gesell­schaft. Eine Gesell­schaft, die sich nicht über Indi­vi­duen definiert, sondern über Grup­pen­iden­tität. Denn warum sollten eigent­lich ausge­rechnet Frauen quotiert sein? Warum nicht Alte und Junge? Rassen? Reli­gionen? Kulturen? Einkommen? Bildungs­grad? Poli­ti­sche Posi­tionen? Behin­derte? Sexuelle Minder­heiten? Ausländer? Oder doch IQ? Und so weiter. Ein unend­li­ches Mosaik von Zugehö­rig­keits­quoten wäre die Folge, und unsere Gesell­schaft sähe aus wie ein Fern­sehrat, ein gemain­streamtes Patchwork, in dem nur eines fehlt: Das Indi­vi­du­elle und das Indi­vi­duum, das sich keiner Gruppe fügt, nicht in sie passt, weil es eben bereits qua Begriff unteilbar ist.
Kann man das wünschen? Das kann man nicht wünschen!

+ + +

Aber darum geht es auch gar nicht. Wenn ich die Initia­toren und ihr Auftreten auf der Pres­se­kon­fe­renz richtig verstehe, dann wollen sie das auch gar nicht, denn sie wissen ganz genau, dass eine Quote im Kino- und Fern­seh­film praktisch völlig unmöglich ist. Wie soll das auch gehen? In einer Filmwelt, in der Filme von mehreren Länder­för­de­rern und Fern­seh­an­stalten finan­ziert werden müssen, weil man sie sonst gar nicht machen kann. Wer die Quote wirklich will, der müsste zunächst mal die Film­för­de­rung revo­lu­tio­nieren. Das könnte ja schon mal inter­es­sant werden – wenn wir denn diese Revo­lu­tion wollten. Tatsäch­lich sollten wir an einer anderen Film­för­der­re­vo­lu­tion inter­es­siert sein.
Worum es dem Aufruf tatsäch­lich geht, ist Bewusst­seins­bil­dung. Über eine Schief­lage, die einen rele­vanten Teil der Gesell­schaft vom Filme­ma­chen struk­tu­rell ausschließt. Die einem de-facto-Berufs­verbot gleich­kommt. Die Regis­seu­rinnen Maria Mohr und Connie Walther haben es treffend ausge­drückt: Frauen müssen schlechte Filme machen dürfen. Wenn sie das heute tun, war es ihr letzter Film, während man bei Männern von einem Ausrut­scher spricht.
Es geht im Aufruf auch darum, auch mit dem Märchen aufzu­hören, dass Frauen die besseren Menschen seien. Angela Merkel beweist täglich das Gegenteil. Man könnte aber auch darauf hinweisen, dass die Mehrzahl der Länder-Förde­rungen nach wie vor von Frauen geleitet werden. Bis Ende 2013 waren nur der baye­ri­sche FFF und die ostdeut­sche MDM in männ­li­cher Hand. Seit diesem Jahr auch wieder Hessen und die MFG. Ein gesell­schaft­li­cher Roll-Back.
Aber auch unter weib­li­cher Führung sind die Ergeb­nisse nicht befrie­di­gend. Zudem wenn man berück­sich­tigt, dass viele Förder­re­fe­renten- und TV-Redak­teur­stellen weiblich besetzt sind. Es hat sich nicht positiv ausge­wirkt. Weder sind die Themen besonders weiblich, noch die Entschei­dungen sehr frau­en­freund­lich. Bei einzelnen Personen, ob aus München, Frankfurt oder Berlin wird sogar offen von »Stuten­bis­sig­keit« und »Zickentum« gespro­chen. es gibt Fern­seh­re­dak­teu­rinnen, die haben noch nie in ihrem Leben eine Frau gefördert, es gibt Förde­r­ent­schei­de­rinnen, da ist es ein offenes Geheimnis, dass bestimmte Männer-Typoen die besten Chancen auf Förderung haben.

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Aber all das ist kein Argument gegen die Quote: Im Gegenteil: Die gerechte Betei­li­gung von Frauen wird nicht mehr verändern, als die von manchen Frau­en­be­wegten selbst­ge­pflegten und gern kulti­vierten Mythen, Frauen seien irgendwie anders. Erst die gerechte Betei­li­gung von Frauen wird mit dieser falsch verstanden Frau­en­be­we­gung so aufräumen, wie es die Betriebs­räte mit den Mythen der Arbei­ter­be­we­gung getan haben. Danach erst kann man sich dann viel­leicht wieder auf die Lage der Mensch­heit konz­en­trieren, anstatt diese in Iden­ti­täts­gruppen zu spalten.

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So weit sind wir aber noch nicht. Wer all dies nicht glaubt, der kann sich ja einmal die Erfah­rungen zu Gemüte führen, die mehrere Dutzend Film-Frauen (so nenne ich sie jetzt mal, denn sie sind längst nicht nur Film-Regis­seu­rinnen) jetzt für ein Buch formu­liert haben. Es ist der Sammel­band »Wie haben Sie das gemacht? Aufz­eich­nungen zu Frauen und Filmen« [http://www.schueren-verlag.de/programm/titel/407–wie-haben-sie-das-gemacht-aufz­eich­nungen-zu-frauen-und-filmen.html]
Einige von ihnen sind mit den Unter­s­tützern des Aufrufs identisch, andere unter­s­tützen den Aufruf dezidiert nicht. Der Band, den Claudia Lenssen und Bettina Schoeller-Boujou heraus­ge­geben haben, wird am Donnerstag-Abend in der Berliner Akademie der Künste vorge­stellt. Es geht darin auch um eine Zwischen­bi­lanz, ein Resümee des poli­ti­schen Kampfes um Gleich­be­rech­ti­gung und Selbst­be­stim­mung von Frauen.
Die span­nenden Texte des Buches machen einmal mehr klar, dass die Debatten keines­wegs zu Ende sind. Die Frage der Frauen wird uns auch hier in den nächsten Wochen und Monaten weiter beschäf­tigen.

+ + +

Bei der Frau­en­frage geht es um nicht weniger, als ein zentrales Grund­recht: Art. 3 des Grund­ge­setzes [http://www.gesetze-im-internet.de/gg/] ist deutlich genug: »(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.: (2) Männer und Frauen sind gleich­be­rech­tigt. Der Staat fördert die tatsäch­liche Durch­set­zung der Gleich­be­rech­ti­gung von Frauen und Männern und wirkt auf die Besei­ti­gung beste­hender
Nachteile hin.«
Noch Fragen?

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Beim Film­fes­tival von Cannes gab es in diesem Jahr übrigens einen hervor­ra­genden Film zum Thema: Er stammt – nicht zufällig, so scheint mir – aus Frank­reich und zwar von der Regis­seurin Celine Sciamma, und heißt Bande De Filles (inter­na­tional aka GIRLHOOD), was natürlich nichts anderes ist als eine offene Anspie­lung auf Godard. Es geht um vier starke, schwarze Girls aus der Vorstadt. Sie haben nichts, also nehmen sie sich alles: Style, Stolz, Freiheit. Ein Film, der uns vorführt (nicht erklärt, warum Freiheit womöglich mehr mit Ästhetik zu tun hat als mit Moral, mehr mit Pop als mit political correct­ness, mit Musik und Mut und ganz bestimmt gar nichts mit Quoten. Das Motto: »Do what you want!«
Die junge Marieme, die es auch nicht leicht hat, zum Beispiel mit ihrem kaputten Bruder, wird Mitglied einer Frauen-Gang. Sie sind unkon­ven­tio­nell und witzig, sie prügeln sich, wenn es sein muss, und zeigen uns, was Femi­nismus wirklich heißt: Selbst-Bewusst­sein. Es geht um das Verhältnis zwischen Selbst- und Fremdbild – darum gucken sich die Girls auch fort­wäh­rend im Spiegel an, Filmen sich, beur­teilen sich gegen­seitig. »Bande de Filles« zeigt uns, was das eigent­liche Problem ist, das meiner Ansicht nach auch für viele deutsche Frauen gilt, auch für nicht wenige, die das Papier »Pro Quote Regie« unter­schrieben haben: Fehlende Härte, fehlender Mut. Das sind eben keine »männ­li­chen Werte«, sondern univer­sale.
Früher nannte man das alles ja Eman­zi­pa­tion. Auch so ein altehr­wür­diger Ausdruck, der etwas demodé geworden ist. Dabei kommt es doch genau darauf an: Sich zu eman­zi­pieren von Rollen­sche­mata, übrigens auch von manchen der Frau­en­be­we­gung und zum Indi­vi­duum zu werden.

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Wenn solche Filme, Filme wie Bande De Filles oder die von Sofia Coppola endlich mal auch in Deutsch­land gemacht werden, dann dürfen Frauen unbedingt auch schlechte Filme machen und das immer wieder. Verspro­chen!

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Aber es gibt auch noch andere Themen: Letzte Woche hatten wir an dieser Stelle zur Teilnahme an der offi­zi­ellen Europäi­schen Bürger­initia­tive gegen TTIP und CETA aufge­rufen. Wir tun das hiermit noch einmal. Denn auch die Produ­z­en­ten­al­lianz hat sich gegen TTIP posi­tio­niert. Die Produ­z­enten sind zwar nicht gegen alles, was man an TTIP kriti­sieren könnte und lehnen das Abkommen auch nicht rundweg ab, aber sie fordern gravie­rende Ände­rungen, die die Ameri­kaner ablehnen: Vor allem eine »kultu­relle Ausnahme« für Audio­vi­su­elles und Medien. »Auch wir Produ­z­enten sind natürlich für einen fairen Wett­be­werb«, erklärt Alexander Thies von der Allianz Deutscher Produ­z­enten. »Dass die europäi­sche Film­in­dus­trie im Gegensatz zur ameri­ka­ni­schen Förderung braucht und bekommt, verzerrt nicht den Wett­be­werb, sondern macht ihn erst möglich. Ohne Förderung, ohne ‚kultu­relle Ausnahme‘ gäbe es den europäi­schen Film nämlich gar nicht mehr, keine Oscar-Gewinner wie ‘Liebe’ oder europäi­sche Block­buster wie ‘Ziemlich beste Freunde’. Gerade weil wir für fairen Wett­be­werb sind, brauchen wir die ‘kultu­relle Ausnahme« für Audio­vi­su­elles und Medien … Die ‘kultu­relle Ausnahme’ auch in dem TTIP-Abkommen ist unver­zichtbar.«
Wer die Initia­tive gegen TTIP unterz­eichnen will, kann dies hier tun:
https://www.campact.de/Stop-TTIP-EBI
https://www.lobby­con­trol.de/ttip-stoppen

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Es gibt aller­dings auch noch andere Grund­ge­setz-Artikel. Noch vor Artikel 3 kommen 1 und 2. Dort heißt es: »Art 1:
(1) Die Würde des Menschen ist unan­tastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflich­tung aller staat­li­chen Gewalt.
(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unver­let­z­li­chen und unver­äußer­li­chen Menschen­rechten als Grundlage jeder mensch­li­chen Gemein­schaft, des Friedens und der Gerech­tig­keit in der Welt.
(3) Die nach­fol­genden Grund­rechte binden Geset­z­ge­bung, voll­zie­hende Gewalt und Recht­spre­chung als unmit­telbar geltendes Recht.
Art 2
(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfal­tung seiner Persön­lich­keit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfas­sungs­mäßige Ordnung oder das Sitten­ge­setz verstößt.
(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körper­liche Unver­sehrt­heit. Die Freiheit der Person ist unver­let­z­lich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes einge­griffen werden.«
Zual­ler­erst also Würde; dann Entfal­tungs­frei­heit, Freiheit zu tun, und zu lassen, was man will, das was Werte­pre­diger gern als »Hedo­nismus« zu diffa­mieren versuchen. Diese Reihen­folge markiert auch eine Hier­ar­chie der Werte, und die hat uns im Folgenden zu inter­es­sieren.

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Aus Münchner Urzeiten her kannten wir ihn noch, hatten ihn sogar ein paarmal persön­lich erlebt: Udo Reiter. Er war so einer von denen, die gern mal mit Quoten argu­men­tierten, den Inten­dan­ten­quoten, Minder­heits­tot­schlags­quoten oder mit anderen groben Klötzen. Aber er hatte auch den Charme eines Machos alter Schule, eine offene ehrliche Haut, der kein Blatt vor den Mund nahm, political correct­ness und andere Benimm­re­geln hasste, der innerlich nie borniert war, auch wenn manche seiner Entschei­dungen, vor allem als Hörfunk­di­rektor des CSU-Haus­sen­ders BR in den guten alten Zeiten des großen Vorsitz­enden FJS manchmal diesen Eindruck erwecken konnten. So kam er denn Anfang der 90er zum MDR, um den Osten auf Linie zu bringen – und tat es dann doch etwas anders als gedacht. Denn Udo Reiter war sich zu schade, für die Union den Stasi-Putzmann zu spielen.

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Er war auch der erste öffent­liche Roll­stuhl­fahrer, jeden­falls der erste, der mir begegnete. Lange vor Wolfgang Schäuble. Ein guter Typ, wenn ich das mal so schreiben darf, das zeigte auch die Art, wie er mit seiner Behin­de­rung umging, ironisch und doch sensibel.
Vor zwei Wochen war Reiter, seit einigen Jahren nicht mehr MDR-Intendant, sondern Ruhe­ständler, in der ZDF-Talkshow »Maybrit Illner« [http://www.youtube.com/watch?v=IW9HnmKbLq0]. Disku­tiert wurde da über Ster­be­hilfe. Reiter spielte die beste, sympa­thischste Rolle, er war relativ still, aber zwischen lauter Funk­ti­onären und Meinungs­puppen, zwischen den Pastoren Käßmann (Alkohol) und Hintze (CDU) war er der einzige Authen­ti­sche, der einzige, dem das, was er sagte, exis­ten­ti­elles Anliegen war. Das konnte man spüren.

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Der entschei­dende Punkt zielt auf das Grund­ge­setz: »Ich finde, wenn man das Recht auf Selbst­be­stim­mung, das ja die Grundlage unserer Verfas­sung ist, für das ganze Leben einfor­dert, dann muss mir erstmal jemand erklären, warum das gerade für die letzte Phase, für das Sterben nicht gelten soll. Ich finde, das müssen wir verlangen.«

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Udo Reiter sagte außerdem: Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass ich nicht als Pfle­ge­fall enden möchte, nicht als jemand, der langsam sein Ich verliert, der von anderen dann gewaschen und gebürstet und gewindelt wird, und ich möchte auch nicht als gutmü­tiger oder bösar­tiger Idiot vor mich hindäm­mern, sondern möchte recht­zeitig sagen können: Es ist sehr schön gewesen. Es hat mich sehr gefreut, aber jetzt möchte ich gehen. … Es sind in Deutsch­land immerhin 10.000 Leute, die sich jährlich das Leben nehmen. Die Hälfte davon hängt sich an Bäumen oder Fens­ter­kreuzen auf, drei werfen sich jeden Tag vor die Eisenbahn… Ich finde, das ist ein unwür­diger Zustand, das muss nicht sein, da muss es Hilfe geben, und zwar profes­sio­nelle Hilfe, ärztliche Hilfe zum selbst­be­stimmten Sterben. … Mir geht es um die Leute, die selbst­be­stimmt sterben wollen. Da muss es doch irgend­einen Weg geben, dass man human rauskommt. … 70 Prozent der Bevöl­ke­rung wollen das.«

+ + +

Worum geht es: Der Staat, die Gesell­schaft, die selbst­er­nannten Fürsorger greifen exzessiv in unser Leben ein – zu unserem Besten natürlich. Sie verordnen gesundes Essen, Sport, Rauch­verbot, Glüh­birnen (die giftig sind), Fahr­rad­helme, und ächten den Freitod.
Wir dürfen theo­re­tisch noch selbst­be­stimmt leben, aber dürfen wir auch selbst­be­stimmt sterben? Schwer­kranke Menschen haben nur die Gewiss­heit uner­träg­li­cher Schmerzen, eines fort­schrei­tenden Verfalls und eines qual­vollen Sterbens. Wenn einem das Leben zur Last wird, warum soll man es dann nicht beenden dürfen? Es muss möglich und erlaubt sein, selbst über sein Leben zu verfügen, selbst bestimmen zu können, wann man dem Leben ein Ende setzt, und zwar völlig unab­hängig davon, ob man todkrank ist, oder nicht: Mein Tod gehört mir.
Der Tod gehört zur Würde des Menschen, die zu achten und zu schützen ja Frau Merkel verfas­sungs­gemäß verpflichtet ist, was sie nicht davon abhält, ameri­ka­ni­sche
Folter­ge­fäng­nisse und andere Menschen­rechts­ver­let­zungen zu tole­rieren.

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Keiner hat das Recht sich hier einzu­mi­schen. Schon gar nicht Gestalten wie die Physi­kerin Merkel, der Bauer Kauder, der Versager de Maiziere oder der Pfarrer Hintze. Ihnen fehlt jedes Recht, auch nur stell­ver­tre­tend über meine letzten Stunden zu entscheiden, meinen Weg aus dem Leben zu gehen. Was für eine unsäg­liche, infame Anmaßung dieser dritt­klas­sigen Knall­chargen, die schon mit viel schlich­teren Fragen über­for­dert sind!

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Wir sollten das ernst nehmen. Es gibt Menschen, die wollen sterben, ohne dass sie verrückt sind, oder gestört. Freitod kann ein Teil von humaner Kultur, kann ein Ausdruck unserer Würde sein. Eine Woche nach der ZDF-Sendung hat Udo Reiter sich auf der Terrasse seines Hauses erschossen. Wir werden ihm gerecht, wenn wir das nicht klein­reden, oder inter­pre­tieren.

+ + +

Was den Protest der Frauen mit diesem letzten Akt Udo Reiters verbindet, ist nicht allein der Wunsch nach Freiheit und Selbst­be­stim­mung, die Forderung, dass es mit der Fremd­be­stim­mung endlich ein Ende haben muss. Es ist noch mehr eine sehr prin­zi­pi­elle, aber am Ende doch auch ganz einfache Einsicht: Man darf nicht warten, bis einem andere das Recht geben. Man muss sich das Recht nehmen. Selbst.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Anspruch und Wirklichkeit: Rundfunkstaatsvertrag, Fernsehrat, Sport, Mord und Show

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„Und so etwas wird mit meinen GEZ-Gebühren finanziert?” – diese Frage haben bis vor kurzem die meisten von uns sicher schon mal gehört oder gestellt. Seit dem 1. Januar 2013 heißt es nun: „Und so etwas wird mit meinem Rundfunkbeitrag finanziert?“ oder einfach „Dürfen die Sender das überhaupt?“

Grundsätzlich gelten natürlich auch für die Macher/innen in den gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten das Recht auf freie Meinungsäußerung, die Pressefreiheit, die Freiheit für Kunst und das Verbot der Zensur (Art. 5 GG). Ihren Auftrag gibt der Rundfunkstaatsvertrag vor (§ 11 RStV):

(1) Auftrag der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ist, als Medium der öffentlichen Meinungsbildung zu wirken und dadurch die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen. (Sie) haben einen umfassenden Überblick über das internationale, europäische, nationale und regionale Geschehen in allen wesentlichen Lebensbereichen zu geben.

(2) Die Rundfunkanstalten haben die Grundsätze der Objektivität und Unparteilichkeit der Berichterstattung, die Meinungsvielfalt sowie die Ausgewogenheit ihrer Angebote zu berücksichtigen.

Darüberhinaus haben ARD und ZDF eigene Staatsverträge, so regelt beispielsweise der § 5 ZDF StV die Gestaltung der Sendungen:

(1) In den Sendungen des ZDF soll insbesondere ein umfassendes Bild der deutschen Wirklichkeit vermittelt werden. Die Sendungen sollen eine freie individuelle und öffentliche Meinungsbildung fördern.

(2) Das Geschehen in den einzelnen Ländern und die kulturelle Vielfalt Deutschlands sind angemessen im Programm darzustellen.

(3) Die Sendungen sollen dabei vor allem die Zusammengehörigkeit im vereinten Deutschland fördern sowie der gesamtgesellschaftlichen Integration in Frieden und Freiheit und der Verstän¬digung unter den Völkern dienen und auf ein diskriminierungsfreies Miteinander hinwirken.

Frauen werden zwar nicht explizit erwähnt, sind aber vermutlich in irgendeinem Punkt mitgemeint. Weiterlesen

Auf dem Papier sind alle Menschen in Deutschland, d.h. die 41,7 Mio. Frauen und die 40,3 Mio. Männer gleich, aber ihre gesellschaftliche Realität unterscheidet sich leider immer noch sehr. Dies wird auch vom Staat so gesehen, deshalb heißt es in Artikel 3 GG:

(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

In gewisser Weise stellen die öffentlich-rechtlichen, fiktionalen Programme eine Fortsetzung dieser Benachteiligung mit anderen Mitteln dar. Natürlich sind fiktionale Formate, also Fernsehfilme, Reihen, Serien, ja genau das: fiktional, ausgedacht. Spielfilme sind keine Alltagsdokumentationen, sondern sie erzählen außergewöhnliche, bemerkenswerte, besondere Geschichten, die so passieren, passierten oder passieren könnten, im Positiven wie im Negativen, sie setzen Zukunftvisionen filmisch um, sie liefern fantastisch erfundene Inhalte.
Allerdings gibt es keinen schlüssigen Grund, warum diese erfundenen Geschichten eher von Männern handeln, und Frauen zur Randgruppe und Minderheit werden müssen. Ich nenne das Retro-Realität, und beschreibe sie über drei Parameter:

• 1 zu 2: deutlich weniger Frauen- als Männerrollen
• 40minus: Verschwinden von Frauen ab 40 Jahren
• 1950er: antiquierte Geschlechterstereotype und Schmonzettisierung

Wie konnte es dazu kommen, wenn doch der Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sender ist, ein UMFASSENDES Bild der deutschen Wirklichkeit zu vermitteln?

Die Rundfunkräte – wer passt (nicht) auf?
Darüber, dass die Sender ihren Auftrag erfüllen und in der Programmgestaltung berücksichtigen, wachen die 9 Rundfunkräte der ARD und der ZDF-Fernsehrat. Diese Räte sind Kontrollgremium und Vertretung der Gesellschaft in einem.

Die Zusammensetzung der 9 Rundfunkräte der ARD werde ich in Kürze in meinem Blog behandeln, heute geht es um den ZDF-Fernsehrat. In diesem Gremium, das „die in der Gesellschaft bestehende Meinungsvielfalt zum Ausdruck bringen“ soll (ZDF Webseite), sitzen 22 Frauen und 55 Männer, die „im Sinne der Zuschauer/innen“ zu beraten und beschließen, „für die Sendungen des ZDF Richtlinien aufzustellen und den Intendanten in Programmfragen zu beraten“ haben (§ 20 ZDF StV). Gewählter Vorsitzender ist seit 2002 Ruprecht Polenz, Jurist und 1994-2013 MdB für die CDU.

Bild 1 zeigt die Zusammensetzung des Fernsehrates:

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Die letzte Gruppe, die „übrigen“, heißt in Wirklichkeit „Erziehungs- und Bildungswesen, Wissenschaft, Kunst, Kultur, Filmwirtschaft, Freie Berufe, Familienarbeit, Kinderschutz, Jugendarbeit, Verbraucherschutz und Tierschutz“ und hat 16 Plätze im Rat. Fast die Hälfte – 10 – der 22 weiblichen Fernsehratmitglieder sind hier zu finden (Bild 2).

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Die größte Gruppe im Fernsehrat sind Politiker/innen bzw. Staatsvertreter/innen. Alle 16 Landesplätze werden von Männern eingenommen, das sind z.B. Staatssekretäre, Minister, Landesvorsitzende von Parteien. Das ist erstaunlich, denn in allen Landesparlamenten gibt es auch weibliche Abgeordnete, in allen Landesregierungen gibt es auch Ministerinnen, und in vier Bundesländern auch Ministerpräsidentinnen.
Vom Bund werden auch 3 Politiker/innen geschickt, dazu kommen 12 Vertreter/innen von Parteien. Auch unter den „Übrigen“ sind 6 Politiker/innen.
Natürlich sind Politiker/innen und Staatsbedienstete, also Vertreter/innen der Legislative und der Exekutive, auch Teil der Gesellschaft und des Fernsehpublikums. Aber es ist schon beachtlich, dass ungefähr die Hälfte des 76-köpfigen Gremiums Politiker/innen sind. Das Bundesverfassungsgericht hat diese Politiklastigkeit des Fernsehrats und anderer ZDF-Gremien in seiner Entscheidung vom 25. März 2014 kritisiert:

2. Die Organisation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks muss als Ausdruck des Gebots der Vielfaltsicherung dem Gebot der Staatsferne genügen. Danach ist der Einfluss der staatlichen und staatsnahen Mitglieder in den Aufsichtsgremien konsequent zu begrenzen.
a) Der Anteil der staatlichen und staatsnahen Mitglieder darf insgesamt ein Drittel der gesetzlichen Mitglieder des jeweiligen Gremiums nicht übersteigen.

Der Fernsehrat muss als demnächst umbesetzt werden, so dass Politiker/innen und andere staatsnahe Menschen nur noch maximal ein Drittel stellen – wie wäre es, wenn gleichzeitig der Frauenanteil im Gremium auf 50 % angehoben würde?

Praxistest für den Fernsehrat – drei Fallbeispiele
Der Fernsehrat tagt viermal im Jahr, dreimal in Mainz und einmal in Berlin – dort zuletzt am 18./19.9.. Die Plenumssitzungen sollen ab 2015 (zum Teil) öffentlich sein. Darüber hinaus hat der Fernsehrat verschiedene Ausschüsse, z.B. den Programmausschuss und den Ausschuss Chefredaktion, und Arbeitsgruppen. Die jüngste wurde gerade eingesetzt, die Arbeitsgruppe Transparenz mit 6 Mitgliedern.
Der Fernsehrat hat also klare Aufgaben und Strukturen. Aber wie effektiv arbeitet er? Bringt er eine Meinungsvielfalt in die Arbeit des ZDF ein, stellt er tatsächlich Programmrichtlinien auf und berät den Intendaten in Programmfragen? Wie sieht „im Sinne der Zuschauer/innen“ agieren in der Praxis aus?

SPORT: erstens ziemlich teuer, zweitens Männersache
2010 bis 2013 lag der Anteil von Sportsendungen im Hauptprogramm des ZDF zwischen 5,7 und 7,4 %, mit durchschnittlichen jährlichen Kosten von 227 Mio. €. (Quelle ZDF) 2014 dürften sie weitaus höher liegen.

Von den 227 Mio. € wurden im Schnitt 171 Mio. € für Nutzungsrechte gezahlt, das sind 62 % der Sportausgaben. Einen sehr großen Teil davon machen die Übertragungsrechte der Fußballchampionsleague (CL) – der Männer – aus, hier zahlt das ZDF jährlich vermutlich gut 50 Millionen € seit 2012/13, der aktuelle Vertrag wurde gerade bis 2017/18 verlängert. Zuvor wurden diese Spiele im Free TV von Sat1 übertragen.
Um einmal die Relation zu sehen, 50 Millionen € entsprechen jeweils

• der Produktion von 125 Folgen der ZDF-Vorabendserien,
• gut 35 ZDF Fernsehfilmen für den Hauptabend,
• 31 Samstagabend-Eventshows à 150 min.,
• 208 ,großen Prime-Time Dokumentationen,
• der Hälfte der täglichen Nachrichten und tagesaktuellen Informationsmagazine im ZDF.

Wie denken die Mitglieder des Fernsehrates über die hohen Ausgaben für die CL? Haben sie die einstimmig oder mehrheitlich gebilligt? Wurde der Fernsehrat überhaupt in die Entscheidung über eine Rechteverlängerung einbezogen?

Und noch mehr teurer Fußball:
Dieses Jahr wurde in Brasiien die WM der Männer ausgetragen, alle Spiele wurden von ARD und ZDF übertragen und von Experten teilweise mehrere Stunden vor- und nachbereitet. ARD und ZDF haben – vermutlich sehr hohe – Beträge für die WM-Übertragungsrechte gezahlt. Zusätzlich zu den eigenen Nutzungsrechten mussten sie auch die Pay TV-Übertragungsrechte kaufen, da diese „von der FIFA nur in Form eines einzigen, alle Rechte umfassenden Pakets für Deutschland angeboten“ wurden (Auskunft ZDF).

ARD und ZDF konnten die Pay TV-Rechte allerdings nicht weiterverkaufen (warum eigentlich nicht? Die Spiele der eben erwähnten Champions League der Männer auch parall von ZDF und SKY übertragen.) Dies ist ärgerlich und am Ende ein teurer Spaß.
Ärgerlich ist auch, dass in der ZDF-WM-Berichterstattung kein Platz für Frauen war. Alle Spiel wurden von Männern kommentiert, nicht einmal die erfahrene ZDF-Sportreporterin Claudia Neumann durfte ans Mikro. Auch die Expertise in der Nachbetrachtung kam nur von Männern, von ehemaligen Fußballprofis zum Beispiel. Natürlich gäbe es auch jede Menge turniererfahrene Expertinnen, z.B. aktuelle oder ehemalige Nationalspielerinnen, – die DFB-Frauen gewannen bekanntlich 2003 und 2007 die WM, und halten aktuell schon zum 6. Mal seit 1995 den EM-Titel. Aber ARD und ZDF blieben ihrer reinen Männerlinie treu.

Hat das den ZDF-Fernsehrat beschäftigt, gab es im Nachhinein eine kritische Betrachtung der WM-Zeit? Wurde im Zusammenhang mit dem öffentlich-rechtlichen Auftrag für ein ausgewogenes Programm darüber gesprochen, dass es tatsächlich Menschen in Deutschland gibt, die sich nicht für Fußball interessieren, oder denen es reichte, nur die Spiele zu sehen? Menschen, die auch während der 4-Wochen WM noch Spiel- und Dokumentarfilme, politische Magazine, Reportagen sehen wollten, und das zu guter Sendezeit? Wurde über die immensen Ausgaben für Rechte und Berichterstattung von ARD und ZDF gesprochen? Gab es Fragen zu den fehlenden Frauen? Oder war für den Intendanten und den Programmdirektor und den Fernsehrat mit seinen 2/3 männlichen Mitgliedern alles in Ordnung, Fußball ist König (sic!), es kann gar nicht genug Sendungen geben, kein Preis ist zu hoch und wenn nur Männer darüber reden ist alles in Ordnung?

Ich vermute, dass solche Beratungen nicht stattgefunden haben, denn als ich die Herren Polenz und Bellut (ZDF-Intendant) auf der Pressekonferenz nach der Fernsehratssitzung am 19.7. auf die fehlenden Kommentatorinnen ansprach reagierten sie ziemlich überrascht. Herr Bellut sagte: „Ich kann es wirklich nicht beantworten. Ich müsste jetzt philosophieren darüber.“ Und Herr Polenz fiel „als weibliche Fußballkommentatorin auch nur Frau Töpperwien“ ein.
Aber mir geht es in keiner Weise darum, Bellut und Polenz vorzuführen, sondern um den Hinweis auf ein verbreitetes Phänomen. Viele Männern in verantwortlicher Position sind so gewöhnt an Männermonokulturen, dass sie völlig ratlos, wenn nicht gar abwehrend reagieren, werden sie auf fehlende Frauen angesprochen. Da kommt schnell ein „gibt es nicht, gibt es nirgends“ – wie auch in diesem Fall. Dabei hat der Pay TV-Sender erfolgreich vorgemacht, wie einfach es letztlich ist, kompetente Kommentatorinnen zu finden. (Die Pressekonferenz und die Sky-Geschichte habe ich ausführlicher beschrieben in Live dabei: Die ZDF-Fernsehrat Pressekonferenz vom 19.9.14

Thomas Bellut und Ruprecht Polenz. Foto: SchspIN

KRIMIS: viel mehr Morde als im wirklichen Leben
Die höchste Einschaltquote für fiktionale Formate im deutschen Fernsehen haben die ARD-TATORTE, also scheinen Krimis eine gute Bank zu sein.

Nun kann das ZDF natürlich nicht den TATORT einkaufen, aber eigene Kriminalfilme drehen, z.B. für die Montagabendschiene (FERNSEHFILM DER WOCHE) oder die Samstagskrimis oder die Serien im Vorabendbereich.

ZDF und ZDFneo senden zu jeder Tages- und Nachtzeit Krimiformate, deutsche, internationale und Ko-Produktionen, alles von neuen 90-Minüter-Premieren bis zu jahrzehntealten Serienwiederholungen.
Laut Fernsehprogramm liefen in der 34. Woche (18.-24.8.14) im ZDF 26 deutsche und 10 internationale Krimis sowie ein deutsch-internationaler. In der gleichen Woche gab es bei ZDFneo 52 Krimis: 19 deutsche, 32 internationale und 1 ko-produzierten. Das sind insgesamt 37 + 52 = 89 Krimis bzw. Krimifolgen, darunter 45 deutsche Produktionen. Niedrig geschätzt würde ich im Durchschnitt pro Krimi/Krimifolge einen Mord annehmen, also zeigten ZDF und ZDFneo zusammen mehr als 12 Morde täglich. Dazu gibt es noch die Krimis in ARD und den dritten Programmen, nicht zuletzt die vielen wiederholten TATORTE. Zum Vergleich: In Deutschland gab es im Jahr 2012 laut Polizeistatistik 2.126 registrierte Morde, das sind durchschnitt 40 pro Woche oder knapp 6 pro Tag.

Es ist schon erstaunlich, wie viele Geschichten im Fernsehen über Krimis erzählt werden. Fehlen die Ideen es anders zu machen, ist das einfach Gewohnheit oder ein vermeintliches ,auf Nummer sicher gehen’?
Wird so etwas in Sitzungen des Fernsehrats thematisiert? Wird darüber gesprochen, wenn es schon wieder einen neuen Soko-Ableger in der Vorabendschiene geben soll? Wird gefragt, warum unter der Marke „Fernsehfilm der Woche“ so viele Krimis laufen? (2013 waren von 46 Filmen 15 Krimis und 17 Thriller. (Siehe ZDF Fernsehfilme der Woche 2013).

Und selbst wenn, haben Diskussionen im Fernsehrat überhaupt irgendwelche Auswirkungen auf das Programm?

SHOWS: Right or Wrong, My Einschaltquote
Die Ergebnislisten der ZDF-Ratingshows DEUTSCHLANDS BESTE MÄNNER und DEUTSCHLANDS BESTE FRAUEN sind gezielt manipuliert worden, d.h. bestimmte Männer oder Frauen wurden auf den veröffentlichten Listen höher platziert als ihrem Ranking entsprach.
Das ist nicht neu, es ging unmittelbar nach der Sendung Anfang Juli durch die Medien. Interessant finde ich es nur in Hinblick auf den Fernsehrat, denn der musste sich in seiner aktuellen Sitzung mit diesem Fall beschäftigen. Ich schreibe extra „musste“, denn das Prozedere bis hin zur formalen Missbilligung der Sendung gab der Sender, gab Intendant Thomas Bellut vor. (“Alles, was entschieden wurde, ist von mir entschieden worden” – so Bellut gegenüber der SZ.)

Bereits am 17.7.20134 hieß es in einer ZDF-Pressemitteilung: „Das ZDF wird die Reihe „Deutschlands Beste!“ nicht fortsetzen und dem Programmausschuss des Fernsehrats, der am 25. Juli tagt, Maßnahmen vorschlagen, mit denen eine Wiederholung eines solchen Falls ausgeschlossen wird.“
Jetzt in der Fernsehratsitzung wurde dann in der Tat die Ausstrahlung der beiden Sendungen misbilligt, und „die gründliche Aufarbeitung der redaktionellen Manipulationen durch die Leitung des Hauses“ begrüßt. Gleichzeitig stellte Bellut im Fernsehrat neue Regeln vor, um „künftig Verstöße gegen die Programmrichtlinien und Angriffe auf die Glaubwürdigkeit des Senders“ zu verhindern. „Bereits unmittelbar nach den Vorfällen waren grundlegende strukturelle und organisatorische Veränderungen vorgenommen worden.“ (ZDF Pressemitteilungen, 19.9.14).

Ja, der Fernsehrat hat die Sendungen missbilligt, und so etwas kommt nur sehr selten vor, aber das war in diesem Fall wohl das zwingende Prozedere „nach den Regularien des Hauses“ (so Intendant Bellut auf der Pressekonferenz).
Insofern wirkt das Ganze doch eher wie eine Krise innerhalb des ZDF, die das ZDF auch eigenständig gelöst hat. Vom Fernsehrat kam nichts Überraschendes, nicht Eigenes dazu, nach den Motiven der Manipulation wurde nicht groß gefragt, die offizielle – erwiesenermaßen in einigen Punkten falschen – ZDF-Stellungnahme, wurde nicht infrage gestellt.
Der Fernsehrat als Abnickgremium?

Übrigens hatte auch der NDR seinen Skandal um manipulierte Rankingshows. Dort wurden Abstimmungsergebnisse (Rankings) nachträglich verändert, um „eine bessere Sendungs-Dramaturgie zu erzielen oder ansprechenderes Bildmaterial verwenden zu können” (Zapp, 8.8.14).

Abstimmungs- oder Wahlergebnisse manipulieren ist natürlich immer schlecht. Es erstaunt aber schon etwas mehr, wenn so etwas bei öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten passiert, die nicht dem gleichen Einschaltquotendruck unterliegen wie die werbefinanzierten Privatsender (siehe auch: Um Himmels Willen, die TV-Quoten!) Das soll aber jetzt keine Verdächtigung gegenüber den Privatsendern sein, sie würden eher Sendungen manipulieren!

Horizontal statt vertikal denken
Allen drei Beispielen – SPORT, MORD und SHOW – ist gemeinsam, dass das Streben nach einer hohen Einschaltquote die Programmentscheidungen und –konzipierungen stark beeinflusst. Das heißt, es wird auf eine größtmögliche Einschaltquote für eine einzelne Sendung oder Sendungsgruppe hingearbeitet – der Sportevent, die Megashow usw. – anstatt ein ausgewogenes vielfältiges Programm zu verschiedenen Tageszeiten und damit gleichzeitig für verschiedene Publikumsgruppen anzubieten, innerhalb von 24 Stunden oder innerhalb einer Woche. 4 Wochen Fußballdauerberieselung, 89 Krimis in einer Woche, das wirkt nicht wirklich vielseitig.

Es wäre schön, wenn sich die Mitglieder des Fernsehrats etwas emanzipieren und für qualitative Breite stark machen, anstatt die Pläne und Ausgaben der Sender für hohe Einschaltquotenspitzen abzunicken.
Mit Emanzipation ist auch etwas mehr Distanz zur Verwaltung des ZDF gemeint. Auf der besagten Pressekonferenz wechselten sich Polenz und Bellut mit den den Antworten ab, die sich stets ergänzten und nie hakten. Die beiden wirkten nicht wie der Vertreter eines Kontrollgremiums und der Vertreter des kontrollierten Senders Wobei ich sowieso schon nicht ganz einleuchtend finde, warum der Intendant überhaupt bei der Pressekonferenz des Fernsehrates anwesend ist.

Rundfunk- und Fernsehräte sind eine gute Sache. Sie sind aber was ihre Zusammensetzung, ihre Arbeitsweise und ihre Kompetenzen betrifft noch deutlich verbesserbar.

Dies ist die aktualisierte Kurzfassung des Blogtexts Fernsehen: der öffentliche Anspruch

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cn-kolumne: Die Pensionskasse Rundfunk – Altersvorsorge in Eigenregie

Walter Schumacher, Iris Gebing Motiv: Walter Schumacher, Iris Gebing, Credit: casting-network

Für freie Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks existiert ein besonderes Modell der Altersabsicherung, das vielen potenziellen Nutznießern nicht bekannt ist. Ein Interview mit Iris Gebing und Walter Schumacher soll Abhilfe schaffen.

Im Gespräch mit Tina Thiele erläuterten die beiden Vertreter der Pensionskasse Rundfunk die Vorzüge der von ihnen angebotenen Altersvorsorge. Unter anderem winken den Mitgliedern dieses speziellen Anlagesystems beträchtliche Zuschüsse durch den Arbeitgeber!

Weiterlesen:
www.casting-network.de

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cn-klappe: BVC Panel – 3 Schauspieler fragen, 3 Casting Directors antworten

© Holger Borggrefe

Bei der diesjährigen Podiumsdiskussion des Bundesverbandes Casting (BVC) im Rahmen des Filmfestes München stellten sich drei etablierte Casting Directors den Fragen von drei prominenten Schauspielern. In einer lockeren Atmosphäre gewährten die Casting-Profis tiefe Einblicke in ihren Alltag und die Entscheidungsprozesse in der Besetzungsphase. In diesem Zusammenhang wurde auch besprochen, wie Schauspieler ihre eigenen Chancen verbessern können.

Im Namen der Schauspieler wurden Fragen gestellt von:
Michael Kranz (BFFS)
Christina Hecke (BFFS)
Heio von Stetten (BFFS)

Die Casting Directors waren vertreten durch:
Iris Baumüller (BVC)
Daniela Tolkien (BVC)
Susanne Ritter (BVC)

Es moderierte Stephen Sikder (Vorstand BVC)

Link zum Video-Beitrag:
www.casting-network.de

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Praktisch unbezahlbar

Eigentlich soll ein Praktikum ja dazu dienen, die eigenen Erfahrungen auszuprobieren und die Praxis kennenzulernen. Nach Meinung der Produzentenallianz sind Praktika auch Ersatz für fehlende Ausbildungsgänge. Die dürfen deshalb auch schon mal länger dauern und ruhig weniger kosten – schließlich würden die Praktikanten ja auch nicht richtig arbeiten. | Foto © cinearte, Thomas Thieme

Wie viel ist Arbeit wert? Kaum eine Diskussion ist in den vergangenen Jahren so leidenschaftlich geführt worden wie die um eine angemessene Bezahlung. Der Mindestlohn war Thema in mehreren Wahlkämpfen und spaltet noch heute die Meinung der Großen Koalition. Gleichwohl hat die Bundesregierung nun einen Gesetzentwurf vorgelegt: Ab dem  1. Januar 2015 soll ein Mindestlohn von brutto 8,50 Euro je Zeitstunde gelten.

Und sogleich regt sich Widerstand. Die Produzentenallianz, der mit rund 220 Mitgliedern der Großteil der deutschen Film- und Fernsehproduktionsfirmen angehört, verlangte eine Sonderregelung: »Filmwirtschaft braucht für Praktikanten Ausnahmen vom Mindestlohn«, hatte der Interessenverband eine Stellungnahme vom 20. Mai übertitelt. Weiterlesen

Vom Gesetzentwurf sind nämlich unter anderem auch Praktikanten betroffen: Im Sinne des Paragrafen 26 des Berufsbildungsgesetzes, so der Regierungsentwurf, gelte für Praktikanten die gleichen Regeln wie für die übrigen Arbeitnehmer. Ausgenommen seien lediglich Praktika bis sechs Wochen Dauer zur Berufsorientierung oder im Rahmen einer regulären Ausbildung; die »Aneinanderreihung« mehrerer solcher Praktika beim selben Arbeitgeber ist nicht möglich.

Die Produzentenallianz fürchtet dadurch »massive Auswirkungen auf den Nachwuchs bei der deutschen Film- und Fernsehproduktion«: Anders als Industriebereiche mit klassischen Ausbildungen sei die Branche von beruflichen Quer-, Seiten- und Wiedereinsteigern geprägt«, schrieben Alexander Thies, Vorsitzender des Produzentenallianz-Gesamtvorstands, und Produzentenallianz-Geschäftsführer Christoph Palmer an die Bundesministerin für Arbeit und Soziales, Andrea Nahles. Für viele Produktionsberufe wie zum Beispiel im Bereich der Aufnahmeleitung existierten keine Schul- oder Universitätsausbildungen; »die notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten werden im Job gelernt. Ein Praktikum sei meist der einzige Weg für junge Menschen zum Job in Film und Fernsehen und für Unternehmen zu Nachwuchs.«

Die Produzentenallianz möchte darum den Zeitraum auf bis zu sechs Monate bei einem Unternehmen oder von bis zu zwölf Monaten bei maximal zwei Unternehmen derselben Branche ausweiten. Bei Tätigkeiten, die über die zwölf Monate hinaus gehen, solle sichergestellt werden, daß der Mindestlohn über die Dauer von zwei Jahren insgesamt nicht unterschritten werde. »Es geht uns nicht darum, den Mindestlohn auszuhebeln und junge Leute möglichst lange möglichst schlecht zu bezahlen,« erklärt Thies, »aber die Berufsausbildung als regelrechte ›Lehre‹ – wie in anderen Branchen – geschieht in der Film- und Fernsehproduktion eben über das Praktikum. Und das muß natürlich länger als sechs Wochen dauern, um eine Ausbildung über den gesamten Produktionsprozeß hinweg gewährleisten zu können. Sollte das nicht mehr finanzierbar sein, würden den jungen Menschen massiv Chancen genommen, anstatt ihnen Chancen zu geben.«

Kritik an der Position des Verbands blieb nicht aus: Praktikanten würden beim Film »über viele Monate und mit hohem Engagement Leistung erbringen«, doch die Produzentenallianz wolle sie »ohne auch nur halbwegs angemessene Bezahlung abspeisen«, meinte die Vereinigte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi), die auch für die Filmbranche zuständig ist: »Aus Sicht der Filmwirtschaft ist das ein attraktives Geschäftsmodell – für die Betroffenen jedoch ein unerträgliches Ausmaß an fehlender Wertschätzung für ihre Arbeit. Und es ist zu befürchten, dass dann in den Produktionsfirmen und am Film-Set noch mehr Praktikanten eingesetzt werden.«

Die Produzentenallianz legte drei Tage nach ihrer ersten Stellungnahme unter der Überschrift »Mindestlohn für Lernende wird Branche nachhaltig schädigen« nochmal nach: »Die äußert angespannte wirtschaftliche Lage der deutschen Produktionswirtschaft läßt es schlicht nicht zu, daß Nachwuchskräfte in der Ausbildung so bezahlt werden wie Arbeitnehmer in anderen Branchen. Die Kritiker unseres Vorschlags kennen die Situation offenkundig nicht oder wollen sie nicht zur Kenntnis nehmen. Die Bundesregierung will den Mindestlohn einführen, um Lohndumping für ›normale‹ Beschäftigte zu unterbinden, Praktikanten sind jedoch keine normal Beschäftigten. Auch wenn sie in der Produktion wichtige Funktionen haben, befinden sie sich in der Lernphase und können genauso wenig nach Mindestlohn bezahlt werden wie Auszubildende in anderen Branchen. Mit der Tariftreue der Produzentenallianz hat diese Forderung nichts zu tun: Übernehmen Praktikanten tatsächlich bei einer Produktion einmal Aufgaben, für die der Gagentarifvertrag Mindestgagen vorsieht, so sind sie natürlich auch entsprechend zu vergüten.«

Ganz schlüssig ist diese Argumentation nicht: Im ersten Satz wird erklärt, daß die Filmbranche anders sei, und es sich nicht leisten könne, so zu bezahlen, wie es andere Branchen tun. Gegen Ende kommt die Behauptung, Auszubildende könnten generell in allen Branchen nicht nach Mindestlohn bezahlt werden. Was aber doch – siehe der erste Satz – zumindest für Praktikanten anscheinend nicht der Fall ist. Anders gesagt: Der Vergleich funktioniert nur, wenn man Praktikanten beim Film mit Auszubildenden in anderen Branchen gleichsetzt, wie es die Produzentenallianz tut. Nur haben die Filmpraktikanten denen gegenüber oft bereits eine abgeschlossene Ausbildung voraus, umgekehrt gehört zu üblichen Ausbildungsgängen bekanntlich noch etwas mehr als die Arbeit in der Praxis – deren Kombination mit Berufsschule und Prüfungen nennt sich Duale Ausbildung und ist ein System, auf das gerne mit einem gewissen Stolz verwiesen wird, weil die wenigsten Länder so etwas hätten. Und: wie wären dann die Praktikanten in jenen anderen Branchen einzustufen, deren Bezahlung dort offenbar keine Probleme bereitet?

Blickpunkt Film, das Branchenblatt der deutschen Produzenten, hatte noch am selben Tag die Position des Verbandes verbreitet, und auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) gab Thies’ Argumentation an diesem Montag Raum. »Angriff auf die Generation Praktikum« ist der Artikel überschrieben, im dem auch Angehörige anderer Berufszweige ihre Skepsis äußern: Knapp 1.400 Euro im Monat für orientierungsuchende Studenten seien nach Ansicht von Florian Haller, Chef der Münchner Agentur Serviceplan, schlicht »Irrsinn«. Viele Unternehmen würden wohl eher die Zahl der Praktika reduzieren, so die FAZ. Am Ende könne das geplante Gesetz der jungen Generation mehr schaden als nutzen.

Auch hier steckt der Teufel im Detail, besser gesagt in der raffinierten Formulierung. Denn was ist unter »Orientierungssuche« zu verstehen? Ein Student, der nur mal sehen will, ob das Berufsfeld für ihn das Richtige ist, kann sich in sechs Wochen schon ein gutes Bild machen – und braucht dafür auch keinen Mindestlohn. Es scheint, als würde die Debatte um den Mindestlohn an sich hier im Kleinen mit den gleichen Argumenten fortgesetzt: Die eine Seite fürchtet Lohndumping, die andere den massiven Wegfall von Arbeitsplätzen – und jede Seite kann die entsprechenden Studien vorlegen, nach denen die Befürchtungen oder Hoffnungen der Gegenseite sich nicht bewahrheitet haben.

Was dann unterm Strich bleibt, sind einige nackte Zahlen: Im Juli 2013 hatten 21 von 28 Mitgliedstaaten der Europäischen Union einen gesetzlich festgelegten Mindestlohn, darunter auch Großbritannien, das in wirtschaftlichen Fragen bekanntlich lieber auf die Kräfte des Wettbewerbs vertraut. Und selbst in den USA, der Heimat des freien Wettbewerbs, haben 45 der 50 Bundesstaaten eigene Mindestlöhne festgeschrieben, in fast der Hälfte davon liegt sogar er über der Vorgabe der Regierung in Washington.

Europäische Ausnahmen machen die deutschsprachigen und die skandinavischen Länder, die sich vor allem auf die Tarifautonomie beziehen. Doch während in Dänemark, Finnland und Schweden die Tarifbindung bei über 90 Prozent liegt, arbeiteten in Deutschland im Jahr 2012 nur noch rund 50 Prozent der Beschäftigten in Betrieben, für die ein Branchentarifvertrag galt, so eine neue Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

Dessen ist sich auch die Regierung bewußt. Das Vorhaben zum Mindestlohn ist zwar als »Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Tarifautonomie« überschrieben, doch schon eingangs wird klargestellt, daß darauf »in Zeiten sinkender Tarifbindung« nicht mehr zu vertrauen sei. Bislang kann ein Tarifvertrag nur dann für allgemeinverbindlich erklärt werden, wenn die tarifgebundenen Arbeitgeber mindestens 50 Prozent der Arbeitnehmer beschäftigen, nun gelte das »öffentliche Interesse« als alleiniges Kriterium.

Gerade die Filmbranche tut sich schwer mit dem Thema Tarifvertrag. Zwar gibt es mal immer wieder einen, doch es mangelt an der Umsetzung. Nur ein kleiner Teil der Beschäftigten ist organisiert, so daß er sich darauf berufen könnte, und auch die Produzentenallianz handelt zwar die Bedingungen aus, muß aber einräumen, daß nur ein Teil ihrer Mitglieder sich daran gebunden fühlt. Die beschworene Tarifautonomie ist beim Film noch schwächer als in anderen Bereichen. Für das weite Feld »Kunst, Unterhaltung, Erholung« kam das Statistische Bundesamt im vorigen Sommer gar nur auf eine Tarifbindung von 38 Prozent im Jahr 2010, für die Filmbranche selbst kann es gar keine Angaben machen.

Doch über all dies hinaus könnte das neue Gesetz noch eine ganz andere Auswirkung auf die Branche haben. Denn die Einhaltung der Mindestlöhne soll sich auch bei öffentlichen Aufträgen auswirken: Wer gegen das Gesetz  verstößt, muß dann nicht nur Strafe zahlen, sondern wird auch von öffentlichen Ausschreibungen ausgeschlossen. Ob das auch für staatliche Fördermittel gelten soll, dürfte die Berufsverbände und Gewerkschaften interessieren. Bislang hatten sich die öffentlich-rechtlichen Förderinstitutionen und Fernsehsender im Land nicht darum geschert, ob bei der Verwendung ihres Gelds, das aus Steuern und Gebühren stammt, auch staatliche Vorschriften eingehalten halten – bei Arbeitszeiten und Honoraren verwies man da regelmäßig auf die Tarifautonomie, und sei sie noch so schwach ausgeprägt (cinearte 264). Im Gegenteil haben die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender bei ihrer Auftragsvergabe über die vergangenen Jahre die Budgets immer weiter verknappt und damit das unterbezahlte Praktikum als eigenes Berufsfeld in der Branche mit etabliert.

So gesehen, wäre es eigentlich im Sinne der Produzenten, daß sie, statt gegen den Mindestlohn zu wettern, »gemeinsam mit den Filmschaffenden zusammenstehen und solchen politischen Druck aufbauen, damit die Sender zu allererst in die Pflicht genommen werden.« So eine Anregung aus der Branche, den der Produzent und Professor an der HFF »Konrad Wolf« Martin Hagemann am 26. Mai auf seiner Facebook-Seite zitiert: »Die Zwangsfinanzierer, die die Verluste tragen, die Gewinne nicht bekommen, wollen wissen, was genau mit ihrem Geld geschieht und wofür es eingesetzt wird. Ganz sicher für einen Mindestlohn (der mit 8,50 Euro allein schon realitätsfremd ist, falls man einen eigenen Haushalt hat und mehr als die ersten beiden Stunden nur für den Rundfunkbeitrag, sprich Arbeitgeber schaffen muß).«

Zum Glück für die Branche wird auch diese Diskussion voraussichtlich jenseits der Sets und Produktionsbüros niemanden interessieren. Sonst würde sich der unbeteiligte Betrachter wohl die Wundermütze tief über die Augen ziehen, mit welcher Selbstverständlichkeit und ohne Widerspruch hier Langzeitpraktika als Ausbildungsersatz gehandhabt werden: Und das in einem Land, wo selbst Straßenwärter eine dreijährige Ausbildung durchlaufen – und in einer Branche, die international wettbewerbsfähig sein will.

 

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Cinema Moralia – Folge 88: Nur ein Aktivist bekämpft den Mist…

Kohlhaas Oder Die Verhältnismäßigkeit Der Mittel

Und auch der Film­aka­demie würden Flug­blätter gut tun – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 88. Folge

»Es gibt keine Grenzen, aber man kann welche ziehen.«
Witt­gen­stein
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Es gibt ein Papier, das nicht Manifest genannt werden will, sondern Flugblatt. Viel­leicht hat man sich da inspi­rieren lassen von den Papier­flie­gern, die bei den dies­jäh­rigen Ober­hau­sener Kurz­film­tagen über die Leinwand huschten. Mit Flug­blät­tern beginnen Refor­ma­tionen und Revo­lu­tionen und so wollen wir diesem Papier Glück wünschen auf seinem Flug durch die Szene.
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Man kann es hier nachlesen und sollte es auch. Denn auch wer sich an manchen Unschärfen in Ausdruck, Ansicht und Stoß­rich­tung stört, oder den Begriff »Akti­vismus« doof findet, der wird doch zugeben müssen, dass die Ziel­rich­tung stimmt.
Die wichtigen Probleme werden benannt: die Lüge des Prag­ma­tismus. Das zum Stammeln herun­ter­ge­kom­mene Reden über Film. Beklagt wird da ganz selbst­kri­tisch der Verfall der Kritik, ihre Zurich­tung auf Dienst­leis­tungen, ihre erzwun­gene Anpassung an Markt­ge­ge­ben­heiten. Der Markt hat aber nicht recht, sondern ist der Feind, das wird hier deutlich. Weiterlesen

+ + +

Wichtig auch, dass es nicht bei Selbst­kritik bleibt. Denn andere haben wesent­lich mit Schuld: Film­ver­leiher und Kino­be­treiber, die das Programm­kino bewusst und geplant kaputt gemacht haben, Programm­kinos, die keine mehr sind. Programm­ma­cher, die meist noch nicht mal wissen, und mitunter nicht wissen wollen, dass Arthouse das Gegenteil von Kunst ist.
Festivals über­nehmen noch gele­gent­lich punktuell die Aufgabe von Programm­kinos. Gleichz­eitig gehen auch viele von ihnen auf den Strich aus Spon­so­ren­zwängen, Verlei­her­kom­pro­missen, Förder­dik­tatur und den Fürs­t