Publizierungen von: Peter Hartig

Eine einfache Frage

Wenn der deutsche Film Erfolge­ ­feiert, freuen sich auch die deutschen ­Filmförderer und lassen sich gerne publikumswirksam ablichten. Unter welchen Produktionsbedingungen mancher Erfolg möglich wurde, ­interessiert die Förderung freilich nicht. | Foto © Deutscher Filmpreis

In der Filmwelt rumort es – zumindest im Untergrund. Der rote Teppich endet für die meisten Filmschaffenden spätestens hinter den Kulissen, da, wo es ums Geld geht. Was in vielen Berufszweigen undenkbar ist, überrascht in der Filmbranche niemanden mehr: Man arbeitet für lau. Nicht immer, aber immer wieder und immer in der Hoffnung auf den nächsten, hoffentlich bezahlten Job. Oder man wird nur im Erfolgsfall bezahlt. Rückstellungsvertrag nennt sich das, wenn der Arbeitnehmer das unternehmerische Risiko mitträgt. Immer noch besser, als gar keine Arbeit zu haben. Obwohl man da durchaus anderer Meinung sein kann. Und längst betrifft das nicht nur Low-Budget- oder Studentenfilme.

„Viel Ehre, doch kaum Verdienst“: Zu diesem Schluss kam auch eine Studie der Forschungsgruppe BEMA der Universität Münster aus dem Sommer 2010. Wenngleich diese Studie vom Bundesverband für Film- und Fernsehschauspieler in Auftrag gegeben wurde, ist sie mit 710 Teilnehmern doch recht groß angelegt. Die Hälfte der Befragten schätzt dort den eigenen finanziellen Status als eher schlecht ein. Fast zwei Drittel verdienten von Sommer 2009 bis 2010 etwa 2.520 Euro im Monat. Der Rest: 833. Das entspricht laut Statistischem Bundesamt in Wiesbaden dem Existenzminimum in Deutschland. Laut BFFS-Studie können über die Hälfte der Befragten die neuen Bedingungen für das Arbeitslosengeld (ALG I) nicht erfüllen. Sie rutschen gleich ins ALG II, die beschönigende Bezeichnung für das, was früher Sozialhilfe hieß und heute gemeinhin „Hartz 4“ genannt wird.

Selber schuld, könnte man sagen – organisiert Euch halt. Nicht mal 4.000 Filmschaffende im Land sind Mitglied eines der Berufsverbände der Branche oder der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) – das ist vielleicht jeder zehnte. Wie soll da genügend Druck aufgebaut werden, wenn man mit der anderen Seite um Gagen und Arbeitszeiten streitet? Und dort sieht es auch nicht viel besser aus: Die Mitglieder der Produzentenallianz können frei entscheiden, wie sie’s mit dem Tarifvertrag halten, den ihr Verband ausgehandelt hat. Viele Filmschaffende halten es darum für besser, Einzelkämpfer zu bleiben in einer Branche, die sich selbst uneins ist und in der jeder nach seinen eigenen Regeln spielt. Und so wird es im Untergrund wohl noch lange weiter rumoren, ohne dass sich etwas ändert. Weiterlesen

Dabei geht es der Branche gar nicht mal so schlecht – ungeachtet aller Diskussionen um die Qualität des deutschen Films und Fernsehens, lässt sich der Zustand des deutschen Films als stabil beschreiben. Er ist vielleicht nicht gerade quicklebendig, siecht aber auch nicht dahin. Nach dem Jahresbericht der Filmförderungsanstalt des Bundes (FFA) sahen in den vergangenen beiden Jahren rund 20 Prozent der Kinobesucher heimische Produktionen. Und nicht nur die FFA überschlug sich zum Jahresanfang mit Erfolgsmeldungen: „Als großartiges Land fürs Filmemachen“ lässt die Film- und Medienstiftung ihr Nordrhein-Westfalen loben, Bayerns Filmfernsehfond jubelt über „Millionenerfolge mit großen 3D-Projekten“, und das Medienboard Berlin-Brandenburg freut sich über das „Comeback“ ihrer „internationalen Filmmetropole“. Wo immer ein Preisregen einsetzt, ein Überraschungserfolg gelingt oder ein Film die erste Million Zuschauer ins Kino gezogen hat, sind die deutschen Fördereinrichtungen als erste zu Stelle und gebärden sich, als wäre es ihre Produktion (Doppelnennungen sind möglich). Und wenn’s gar nicht anders geht, lobt man eben ein „erfolgreiches Förderjahr“ (dann wurde viel Geld in viele Filme gesteckt) oder den tollen Ländereffekt (dann kam durch die Produktion dieser Filme ein Vielfaches der Förderung wieder an den Standort zurück). Was will man machen. Wenigstens die deutsche Filmförderung ist halt eine Erfolgsgeschichte. Das betont ja auch Kulturstaatsminister Bernd Neumann immer wieder.

Sie haben ja recht. Filmförderung gibt es auch anderswo auf der Welt. Aber das Geld, das die staatlichen Institutionen in Deutschland alljährlich in die Filmwirtschaft pumpen, macht doch einen beeindruckenden Anteil der Umsätze aus. Zwar fließt nicht alles, was die Förderer verteilen, unmittelbar in die Produktion von Kinofilmen; umgekehrt sind auch die Zahlen zu den Budgets, die die Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO) in ihrem „Filmstatistischen Jahrbuch 2011“ liefert, Durchschnittswerte, Hochrechnungen und die Dokumentarfilme nicht berücksichtigt. Doch für einen groben Eindruck reichen die Angaben: Rund 500 Millionen Euro betrug das Gesamtbudget der deutschen Kinospielfilmproduktionen und -koproduktionen im vorigen Jahr. Rund 200 Millionen gaben FFA, Deutscher Filmförderfonds und die fünf größten regionalen Förderungen für die Produktion aus (die Feuilletonchefin des Berliner „Tagesspiegels“, Christiane Peitz, kam in einem Artikel für die Zeitschrift „Cicero“ sogar auf 300 Millionen). Auch wenn sich die Zahlen bei genauerer Auflistung noch verschieben mögen: Die öffentliche Hand mischt kräftig mit im deutschen Filmgeschäft.

Und trotzdem läuft etwas falsch im Filmland – grenzenlose Überstunden und Gagendumping verderben vielen Filmschaffenden die Lust an der Arbeit. Selbst „oscar“-und filmpreisgekrönte Erfolge sind nur durch den Idealismus minderbezahlter Fachkräfte möglich geworden, für die Fortsetzung von Kassenerfolgen wird die Crew um eine Woche Gratisdienstleistung gebeten. Kaum einer wagt aufzumucken, aus Furcht, dass schon billiger Ersatz vor der Tür steht.

Dabei könnte es doch ganz einfach sein. Schließlich geht kaum eine deutsche Produktion ohne die staatliche Hilfe über die Rampe. „Ohne Förderung geht es also nicht und wird es auch auf absehbare Zeit nicht gehen“, folgert der Filmemacher Hagen Myller in einem Essay. Ob Autoren­dokumentarfilm oder großes Epos für den Weltmarkt: Fast alle hängen sich an die Fördertöpfe, die mit Steuergeld gefüllt werden. Da sollte man nicht nur erwarten, dass dafür auch die Spielregeln eingehalten werden, sondern sollte es zur Bedingung machen: Keine Förderung für Dumping-Filme! Es macht nur keiner. Warum eigentlich nicht?

Die böse Antwort: Weil’s niemanden interessiert, unter welchen Bedingungen Filme gemacht werden. Nur sagt das keiner. „Der Gesetzgeber will gar keine Überprüfung der Förderungsbedingungen, weil das angeblich nicht möglich ist“, meint Hans Schlosser, Geschäftsführender Vorstand der Bundesvereinigung Die Filmschaffenden, in der 14 Berufsverbände der Branche zusammenarbeiten. Dabei wäre das gar nicht das Problem: Schon vor sechs Jahren hatte die Bundesvereinigung ein Meldesystem zur Tariftreue installiert, das funktioniert, aber noch zu wenig genutzt wird. Was möglicherweise auch daran liegt, dass die Bundesvereinigung das auf ihrer Website ziemlich gut versteckt hat.

Teil des Problems sei auch, dass es sich bei der FFA etwa um eine branchenfinanzierte Förderung handelt und nicht um eine öffentliche, erklärt Angelika Krüger-Leißner, medienpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Bundestag auf Nachfrage. Das Jahresbudget von 76 Millionen Euro kommt durch Abgaben der Fernsehsender, Kinobetreiber und Videovermarkter zusammen. „Die Filmabgabe ist eine wirtschaftsverwaltungsrechtliche Ausgleichsabgabe, die als Selbsthilfemaßnahme der Film- und Videowirtschaft ausgestaltet ist. Über Steuermittel verfügt die FFA nicht“, wird darum auch in der Selbstdarstellung auf der Website der FFA betont.

Dagegen lässt sich schwer argumentieren. Auch wenn die FFA eine Bundesanstalt des öffentlichen Rechts ist, wie auch die Sender ARD und ZDF, die gut ein Fünftel des FFA-Budgets bestreiten und ihre Einkünfte zwar nicht über Steuern, aber ähnliche Abgaben erzielen. Auch wenn die Arbeit der FFA durch ein eigenes Filmförderungsgesetz (FFG) geregelt ist. Auch wenn Bundestag und -rat ihre Vertreter im Verwaltungsrat der FFA sitzen haben.

Bei der größten Förderung im Land sieht es allerdings schon anders aus: 60 Millionen Euro verteilt der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien (BKM) alljährlich im Deutschen Filmförderfonds. Aus Steuermitteln. Zuständig dafür ist – die FFA. Und egal, ob das Geld nun aus der Branche kommt wie bei der FFA oder aus den Steuereinnahmen des Staats wie beim DFFF: geregelt wird bei beiden viel. Unter welchen Bedingungen ein Film gefördert wird, schreibt Paragraf 15 des FFG vor: Wohnsitz des Produzenten, Sprachfassung des Drehbuchs, Sitz der Ateliers und Dienstleister, Anteil der Studioaufnahmen im Ausland, Nationalität des Regisseurs (oder ersatzweise die der anderen Filmschaffenden), Wahl der Motive, reihenweise inhaltliche und thematische Vorgaben, und schließlich eine Audiodeskription mit deutschen Untertiteln für Hörgeschädigte. Ob gültiges Arbeitsrecht eingehalten wird, ist kein Kriterium.

Warum auch? Der Verwaltungsrat der FFA hat 36 Mitglieder, die zum größten Teil von Politik und Kirchen, Produzenten und Verwertern gestellt werden. Lediglich die Berufsverbände der Regisseure, Drehbuchautoren und Dokumentarfilmer haben jeweils einen Sitz. Alle übrigen Filmgewerke haben hier nichts zu melden. Andererseits darf der Deutsche Journalistenverband (gemeinsam mit Verdi) im Verwaltungsrat mitmischen. In der Vergabekommission ist die Gewichtung ähnlich.

Eine Verbesserung will die SPD vor drei Jahren versucht haben, berichtet Angelika Krüger-Leißner: „Als Arbeitsmarkt- und Filmpolitikerin stelle ich mir bereits seit Jahren die Frage nach den Möglichkeiten, wie wir die Einhaltung sozialer und tariflicher Standards bei Filmproduktionen an die Förderung binden können.“ Bei der FFG-Novelle 2009 wollte ihre Fraktion das als Förderbedingung ins Gesetz schreiben.  Am Ende stand etwas, das die Politikerin einen Kompromiss nennt, aber mit der ursprünglichen Absicht soviel zu tun hat wie eine Expedition zum Jupiter mit der Fotokopie einer gebrauchten Straßenbahnfahrkarte: Im Paragraf 2 des FFG, der die Aufgaben der Filmförderungsanstalt beschreibt, wurde der zweite der sieben Punkte mit einem Halbsatz erweitert. Da hieß es bislang: „…die gesamtwirtschaftlichen Belange der Filmwirtschaft in Deutschland zu unterstützen.“ Jetzt kam ein kompromissloses „einschließlich ihrer Beschäftigten“ hinzu.

Wie man sich diese Unterstützung der Beschäftigten vorstellt, wird an der Stelle übrigens auch erklärt: „insbesondere durch Maßnahmen zur Marktforschung und zur Bekämpfung der Verletzung von urheberrechtlich geschützten Nutzungsrechten sowie zur Filmbildung junger Menschen“ – wieder kein Wort über Produktionsbedingungen. Krüger-Leißner nennt die neue Formulierung trotzdem „ein klares Signal“ an die Branche: „Im Rahmen einer Selbstverpflichtung der Filmhersteller sollte eine Berücksichtigung sozialer Mindeststandards selbstverständlich sein.“

Dass dies nicht reicht, weiß auch die Politikerin. Bei der aktuellen Novellierung des Filmförderungsgesetzes will Krüger-Leißner das Thema „mit dem Ziel einer befriedigenderen Regelung“ noch einmal auf den Tisch bringen: Es sollte in den Förderbedingungen „eindeutig adressiert und mögliche Sanktionen formuliert werden.“

Ähnlich leidenschaftslos wie die Förderung des Bundes halten es auch die Institutionen der Länder. Die fünf umsatzgrößten hatten wir um eine Stellungnahme gebeten. Nordrhein-Westfalen und Berlin-Brandenburg antworteten auch auf Nachfragen nicht. Die anderen haben zwar durchaus Verständnis für faire Arbeitsbedingungen, sehen die Verantwortung aber in der Branche selbst: Wer Lohndumping und endlose Überstunden mitmacht, ist selber schuld. Den Förderern seien da die Hände gebunden, meint etwa Gabriele Pfennigsdorf in Bayern. Man sei „keine Filmpolizei“.

In Baden-Württemberg beruft man sich außerdem auf das Filmförderungsgesetz. Da würden zwar Regelungen zur „sparsamen Wirtschaftsführung“ getroffen, aber keine zu „angemessenen Gagen und Arbeitszeiten“.

Doch dass die Fördereinrichtungen als Polizei auftreten, verlangt ja auch niemand. Vielmehr geht es um die Verantwortung, was mit dem Geld geschieht, das man der Branche zur Verfügung stellt. Ob Gagen realistisch und fair kalkuliert werden, lässt sich anhand von Tarifen, Stablisten und Drehtagen relativ einfach überschlagen. Und diejenigen Produktionsfirmen, die das ernst nehmen, würden ebenfalls ünterstützt, berücksichtigte man das bei der Prüfung der Förderanträge. Denn in anderen Bereichen sind die Förderungen weniger zimperlich: Dass etwa der Regionaleffekt erfüllt wird, sieht Pfennigsdorf sogar als „besondere Verpflichtung“, da der FFF sich „maßgeblich auch aus Steuergeldern“ finanziere.

Und nicht nur in Bayern werden Kalkulationen und Abrechnungen von unabhängigen Wirtschaftsprüfern genau unter die Lupe genommen. Wer sich nicht an die Regeln hält, dem droht eine Anzeige wegen Subventionsbetrugs. Bedingungen stellen und kontrollieren, dass sie eingehalten werden, das tun die Förderer schon längst und mit allem Recht. Auch ohne Film­polizei.

 

Kleiner Anhang: Wieso gelten Regionaleffekte und Firmensitz als Kriterien für eine Förderzusage, nicht aber die Garantie angemessener Gagen und Arbeitszeiten? Wir haben die fünf größten regionalen Förderinstitutionen gefragt. Drei haben geantwortet:

 

MFG Baden-Württemberg: Die für unsere Juroren maßgeblichen Regularien finden sich in der Vergabeordnung der MFG Filmförderung Baden-Württemberg, die sich wiederum am FFG orientiert. Zudem beziehen wir uns auf die Richtlinien zum FFG, in denen zwar Regelungen zur „sparsamen Wirtschaftsführung“ getroffen wurden, jedoch keine zu „angemessenen Gagen und Arbeitszeiten“.

In eine Förderentscheidung und in die mit den Förderempfängern vereinbarten Darlehensverträge können aus unserer Sicht solche Regelungen nicht im Voraus einfließen. Konkreten Beschwerden von Betroffenen, die direkt an uns gerichtet sind, gehen wir selbstverständlich nach und fordern gegebenenfalls den  Förderempfänger (Produzenten) zur Stellungnahme auf. Möglicherweise könnte das Ergebnis einer solchen Prüfung im Einzelfall (über das wir das zuständige Vergabegremium unterrichten) dann bei einer erneuten Antragstellung des Produzenten negativen Einfluss auf die Förderentscheidung haben.

Uwe Rosentreter, Verleih-/Vertriebsförderung, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

 

FFF Bayern: Die Verabredung von angemessen Gagen und Arbeitszeiten obliegt im Rahmen der Tarifverhandlungen den Tarifpartnern. Wenn trotzdem Verträge zwischen Filmschaffenden und Produzenten geschlossen werden, die sich außerhalb der Tarifabschlüsse bewegen, so ist dies eine Entscheidung des Filmschaffenden, so bedauerlich die Umstände hierfür auch sein mögen. Der FFF Bayern und auch die mit der Prüfung der Kalkulation und den Herstellungskosten beauftragte unabhängige Prüfungsinstitution haben darauf keinen Einfluss und auch kein Überprüfungsrecht. Weder der FFF noch die Prüfungsinstitution haben eine Möglichkeit, in Verträge einzugreifen, die zwischen dritten Parteien einvernehmlich untereinander geschlossen wurden. Daraus erklärt sich, warum der FFF Förderentscheidungen nicht davon abhängig machen kann, ob in jedem Einzelfall und bei jedem Kalkulationsposten angemessene Gagen bezahlt werden oder Arbeitszeitvereinbarungen tatsächlich einhalten wurden. Er könnte dies auch nicht überprüfen.

Selbstverständlich verbindet sich mit jedem FFF geförderten Projekt die Annahme, dass der verantwortliche Produzent sich an die bestehenden arbeits- und tarifrechtlichen Vorschriften hält. Wenn er es nicht tut, sind dem FFF jedoch die Hände gebunden, denn er ist keine Filmpolizei.

Bei Verstößen gegen die tariflich vereinbarten Rahmenbedingungen ist auch weiterhin jeder einzelne Filmschaffende selbst gefordert. Er ist der Vertragspartner des Produzenten und nur er hat die die Mittel, gegen Verstöße rechtlich vorzugehen. Weiterhin obliegt es den Berufsverbänden, sich gegen Missstände zu wehren und diese gegebenenfalls auch öffentlich zu machen. „Schwarze Schafe“ schaden nicht nur den betroffenen Filmschaffenden, sondern der ganzen Branche.

Gabriele Pfennigsdorf, Förderreferentin Fernsehfilm (Produktion, Projektentwicklung)

 

Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein: Die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein ist sehr wohl interessiert, dass die Beschäftigung von Schauspielern und Stab bei von uns geförderten Filmproduktionen zu fairen, tariflich festgelegten Bedingungen erfolgt. Förderentscheidungen werden in Kenntnis der Kalkulation getroffen, offensichtliche Abweichungen von marktüblichen Gagen werden auch hinterfragt.

Uns ist aber bewusst, dass Filme gerade im Nachwuchsbereich oftmals nicht zustande kämen, würden nicht Schauspieler und Stab Teile ihrer Gage zurückstellen oder darauf verzichten.

Heike Goede, Assistenz der Geschäftsführerin

 

(Der Artikel von Silke Kandzora und Peter Hartig erschien in cinearte 264 vom 19. April 2012)

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Was ist Kunst wert? Sven Regener und das Urheberrecht

„Kopieren ist nicht stehlen“ lautet die bunte und fröhliche Hymne der freien Kultur im Netz. Und weil wir das ernst nehmen, gibt’s auch keinen Copyright-Hinweis zum Standbild, das wir mal eben kopiert haben.

Das passiert ja auch nicht oft, daß ein Radiomoderator sprachlos ist. Auf Bayern 2 wollte Erich Renz eigentlich nur ein knackiges Statement zum Urheberreicht einholen. Da war er bei Sven Regener aber an den Falschen geraten. Oder hatte einfach nur den falschen Moment erwischt. Oder besser den richtigen: Der Sänger der Band Element of Crime (und Autor der verfilmten Bücher „Herr Lehmann“ und „Neue Vahr Süd“) hob stattdessen zu einer mehr als fünf Minuten langen Philippika an, der man ruhig mal zuhören sollte.

Ich fand’s jedenfalls klasse. Nicht nur wegen der Ansichten, die Regner als einer äußert, dessen Existenz letztlich davon abhängt, daß seine Leistungen und Rechte als Urheber respektiert werden. Sondern weil er es wunderbar auf den Punkt bringt: „Eine Gesellschaft, die so mit ihren Künstlern umgeht, ist nichts wert.“

Über Respekt habe ich neulich geschrieben. Und dass er fehlt, zeigt sich eben nicht nur da, wo böse Produzenten ihre Belegschaft ausbeuten, sondern auch am anderen Ende der Verwertungskette, wo Leute meinen, das Netz sei ein Selbstbedienungsladen ohne Kasse. Auf dem Thema möchte ich eigentlich gar nicht weiter herumreiten. Erstens habe ich das hier ja schon einige Male versucht, zweitens wirkt man ja, wie auch Regener anmerkt, leicht uncool, wenn man aufs Urheberrecht pocht. Und drittens sind Wiederholungen langweilig. Also schaut das Video an, genießt es oder regt euch auf. Punkt.

Wer sich freilich noch ein bißchen mit mir gemeinsam aufregen möchte, kann ja hier weiterlesen: Weiterlesen

Denn andererseits kann man von dem Thema wohl nie genug bekommen, wie die Reaktionen auf den Radiobeitrag zeigen. Und dass man damit sogar prima bei Wahlen punkten kann, wenn man das Urheberrecht cool angeht, hatte im vorigen September die Piraten-Partei gezeigt, als sie das Berliner Abgeordnetenhaus enterte – mit wenig mehr, als das Thema „Internet“ hergibt, das allerdings kräftig aufgeblasen um Datenschutz, Bürgerrechte, Mitmachdemokratie und freien Zugang zu Kultur und Wissen. Wobei man sich letzteres so vorstellt, dass das Urheberrecht sich mal locker machen soll, weil es sowas wie geistiges Eigentum eh nicht gebe und das alles nur ein Trick der Verwertungsindustrie sei.

Na sowas! Datenschutz, Bürgerrechte und Mitmachdemokratie waren doch bislang Sache einer anderen Partei? Da durfte man sich bei den Grünen schon mal Sorgen machen, dass man vielleicht einen Anschluss verpasst: Weil sich hier offensichtlich eine politische Marktlücke auftut, voller Wähler, die sich für die klassischen grünen Themen begeistern. Also kam es, dass ein Teil der Grünen, beeindruckt vom Erfolg der neuen Protestpartei, die besseren Piraten sein wollten und zur 33. Ordentlichen Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen ein „Netzpolitischer Leitantrag“ vorlag, der schon vorher für begründete Aufregung sorgte.

Der Versuch ging dann doch ein bisschen anders aus, weil bei den Grünen auch Leute sitzen, die ein bisschen andere Ansichten zum Urheberrecht haben. Und was dann vorläufig beschlossen wurde, war 16 Seiten lang und größtenteils gar nicht so schlecht. Was aber nur ich meine und viele andere nicht. Und dann wurde es mir langsam zu blöd: Weil offenbar sich niemand mit dem Thema der grenzenlosen Möglichkeiten alles und überall zu kopieren wirklich auseinandersetzen will, sondern nur das schön redet, was man tut: „Wir wollen aber nun mal kopieren, also darf das nicht schlecht sein.“ Also sagt man, die Industrie sei schuld oder die Zeiten seien halt so, und wer das nicht begreift, habe einfach keine Ahnung. Darüber kann man schlecht diskutieren. Also habe ich den Blogbeitrag, den ich damals dazu geschrieben hatte, nicht veröffentlicht.

Jetzt schreibe ich doch noch mal darüber, weil die Reaktion auf Regeners zornige Rede prompt kam und auf die übliche Weise und mit den immergleichen Argumenten, die nicht wirklich welche sind. Als da wären:

 

Die Welt hat sich geändert und ist heute digital, nicht mehr analog. Wer den Unterschied nicht begriffen hat, ist ein Dinosaurier. Das ist ein tolles Totschlagargument, da braucht man auch gar nicht mehr auf das einzugehen, was so ein Dinosaurier zu sagen hat, sondern schwurbelt einfach daher, was die eigenen Anhänger so freut, wie das der Sprecher der Piraten tut, der an der gleichen Stelle wie Regener auf der Website zu Wort kommt.

Vermutlich bin ich auch ein Dinosaurier, weil ich nur wenig jünger bin als der Sänger. Andererseits habe ich den Unterschied zwischen digital und analog ziemlich gut begriffen, und kann Piraten, Bloggern und anderen Revolutionären mit höherem Coolness-Faktor versichern: Die Welt ist nicht digital, sondern analog. Das merkt man, wenn man mal für ein paar Stunden den Laptop zuklappt, das iPhone abschaltet und aus der Tür geht. Trinkt ein Bier oder einen einen Latte Macchiato mit viel Haselnusssirup, spaziert durch den Park, geht ins Kino, schaut euch einen Sonnenaufgang an oder habt meinetwegen Sex. Das Meiste geht auch digital, ist aber irgendwie nicht das selbe. Und für beide Welten gelten die gleichen Regeln: Seid nett zueinander und lasst die Finger von Sachen, die euch nicht gehören.

Auf so putzige Gedanken kann man vielleicht nur kommen, wenn man ein Dinosaurier ist. Wenn das Alter aber ein Argument sein soll, will ich wenigstens darauf hinweisen, dass wir Dinosaurier schon mit knarzenden Modems durchs frühe Internet gerumpelt sind, als die coolen Piraten von heute noch analoge Panini-Bildchen getauscht haben.

 

Durch die Digitalisierung haben sich die Produktionsmittel und Vertriebswege demokratisiert. Das finde ich auch prima. Aber glaubt doch nicht, daß früher alles schlechter war. Es gab schon ein Leben vor dem Internet, und das war auch schon ziemlich demokratisch, nur halt analog. Musiktausch und Bootlegs gab’s auch damals, es gab Indie-Labels und Plattenläden samt Leuten darin, die Ahnung hatten. Die Rock Family Trees zum Beispiel gab es schon vor 30 Jahren, und die sind ziemlich cool. Heute gibt es sie auch im Internet als eine Art elektronische Faksimile der alten Drucke. Sinnigerweise hat die Netzkultur bis heute keine eigene Variante davon entwickelt, die die neuen technischen Möglichkeiten nutzt.

Bloß, auch wenn es toll klingt, mit Demokratie hat all das weniger zu tun, sondern mit Technik. Was sich verändert hat, ist die Möglichkeit, jederzeit und ohne Aufwand größtmögliche Mengen an Musik und Filmen zu kopieren. Die Kopiererei war auch früher nicht schön, hielt sich aber in Grenzen, die die analoge Realität zog: Erstens mußte man jemanden finden, bei dem man kopieren konnte, zweitens kosteten Musikcassetten Geld, drittens mußte man fürs Kopien einen leichten Qualitätsverlust in Kauf nehmen. Wenigstens konnte man, wenn man einen Gedanken daran verschwendete, sein Gewissen etwas damit beruhigen, dass ja für jede Leerkassette eine Art symbolischer Entschädigung an die Verwertungsgesellschaften und die Künstler gezahlt wurde.

„Genau!“ rufen da die Kopierer von heute, das tun wir ja auch. Genau, bloß passt auf eine Festplatte von heute wesentlich mehr als auf eine Kassette von damals, und wenn man danach die Abgabe berechnen würde, gäbe es ein ziemliches Geschrei.

 

Es ist doch nicht unsere Schuld, wenn die Industrie sich kein vernünftiges Bezahlsystem ausdenkt. Als gäbe es keinen iTunes-Store oder Online-Videotheken. Klar muss da noch vieles anders werden, aber was soll mit dem Argument eigentlich gerechtfertigt werden? Ich komme einfach nicht drauf … Und so lange muss ich einfach akzeptieren, dass die Industrie vielleicht einfach nichts verkaufen möchte, was zwar dumm wäre, aber ihr gutes Recht, nicht aber mein Recht, dieses Recht in die eigenen Hände zu nehmen. Vielleicht habe ich aber nur etwas grundlegend falsch verstanden, weil ich mich geistig in der falschen Welt bewege. Für die digitale Bohème gelten andere Regeln. Nämlich:

 

Kopieren ist kein Diebstahl. Das ist das tollste Argument von allen: Wer klaut, nimmt einem anderen etwas weg, und der steht dann mit leeren Händen da. Der moderne Pirat aber kopiert. Da hat der andere sein Original noch, nur ist es jetzt doppelt da. Wer kopiert, tut also sogar Gutes für die Welt.

Darüber kann man sich freuen, hat den Unterschied zwischen digital und analog aber nicht begriffen – beziehungsweise, dass es keinen Unterschied gibt. Wenn ich mir in der analogen Welt ein Buch kaufe oder eine Schallplatte, bezahle ich nicht für das Trägermaterial. Was will ich auch mit einem Stapel Papier, der noch dazu auf beiden Seiten bedruckt ist? Oder mit einem Klumpen Vinyl, den jemand zu einer Scheibe gepreßt hat? Ich bezahle für eine Geschichte, die ich lese, oder für Lieder, die ich hören will (weshalb auch bei Neuerscheinungen zehn bis zwölf Lieder auf CD mehr kosten als ein Film auf DVD, obwohl die Hülle kleiner ist). In der digitalen Welt entfallen Papier und Plastik, was mich freut, weil ich nun weniger Platz im Regal brauche. Das, wofür ich zahle, bleibt aber dasselbe. Und ich bezahle das, weil ich die Arbeit des Künstlers respektiere und möchte, dass er noch mehr davon produziert, was er aber nur kann, wenn er nicht Pizza ausliefern muss, um seine Miete zu bezahlen, weil seine Werke ja zum Wohl der Welt an ihm vorbei vervielfältigt werden.

Denn wer jetzt richtig aufpasste, hat längst begriffen, dass die Sache mit dem Vervielfältigen das eigentliche Geschäft ist. Der Musiker, der ein Lied komponiert, um es zu verkaufen, verkauft ja gar nicht das Lied, sondern gibt auch nur eine Kopie weiter – ob nun als Schallplattenrille oder als Internetstream. Das Lied hat er ja trotzdem noch. Mit der Kopie verdient er sein Geld. Wenn nun ein Pirat Kopien dieses Lieds weitergibt, behält der Künstler ebenfalls sein Original. Nur kann der Künstler eben an einige Leute keine Kopien mehr verkaufen. Er verdient also weniger Geld. Und das ist es, was der Pirat ihm mit der Kopiererei wegnimmt.

Es ist nicht leicht, das besonders denen zu erklären, die wohl am eifrigsten kopieren. Der Musiker und Schauspieler Jack Black hat’s auf die lockere Art versucht, doch lest mal die Kommentare. Aber selbst wenn einer mal richtig zuhören würde – wie sollen Halbwüchsige die Grundzüge ökonomischer Zwänge verstehen? Wo doch grade mal jeder Dritte selbst sein Geld für den Spaß verdient. Unterkunft und Verpflegung sind noch umsonst, die Wäsche macht Mutti, Vati schafft das Taschengeld heran (jedenfalls im Rollenverständnis der Dinosaurier), und der Strom für den Rechner kommt aus der Steckdose.

Schlimm wird’s aber, wenn auch, wer es besser wissen sollte, nichts davon wissen will. Komischerweise geht diese wohlfeile Mischung aus Exkulpation und Bigotterie meist nur bis zur eigenen Geldbörse. Die selbsternannte „Hymne der freien Kultur“, der tolle Clip über die Segnungen des wilden Kopierens am Anfang dieses Abschnitts, ist ein gemeinsames Werk des Komponisten Nik Phelps und der Animationskünstlerin Nina Paley. Letztere nimmt die Sache wirklich ernst. Ihren eigenen Film „Sita Sings the Blues“ verbreitet sie umsonst im Netz. Ihr Partner aber verdient sich mit seiner Musik vermutlich seinen Lebensunterhalt, jedenfalls verkauft Phelps auf seiner Website seine neue CD. Für 16 Dollar. Wieso eigentlich? Kann man doch kopieren.

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Faire Geschäfte

Seit über zehn Jahren spielt Nina Hoss ständig die Hauptrolle in den Filmen von Christian Petzold. Hinter der Kameralinie sieht es nicht viel anders aus. Auch das ist ein Zeichen, dass die Arbeitsbedingungen stimmen. | Foto © Christian Schulz, Piffl Medien

Wer mal echten „Production Value“ sehen will, sollte zur Zeit ins Kino gehen. Da läuft seit Donnerstag Christian Petzolds neues Drama „Barbara“, für das der Regisseur auf der diesjährigen Berlinale einen „Silbernen Bären“ erhielt und das auch sonst die Kritiker verzückte.

Das allein macht den Film aber nicht so herausragend, dass ich hier noch mal darauf hinweise, sondern ein anderer Preis, der ebenfalls auf der Berlinale vergeben wird. Nur wird darüber weniger berichtet, weil die meisten auf die Leinwände und roten Teppiche starren und mit der Arbeit am Set nicht so viel anzufangen wissen wollen. Der „Hoffnungsschimmer“ ist nämlich eine Auszeichnung, die von der Bundesvereinigung Die Filmschaffenden verliehen wird. Das ist die Dachorganisation von 14 Berufsverbänden der Branche, und dementsprechend trocken, weil praxisbezogen, ist das, was da gelobt wird: die Arbeitsbedingungen. Der „Hoffnungsschimmer“ ist für eine Produktion bestimmt, die sich vorbildlich an Gagen, Arbeitszeiten und -bedingungen gehalten hat – also eigentlich etwas Selbstverständliches im Drehalltag umsetzt, weshalb das Ganze ein Preis ist, den es eigentlich nicht geben sollte. Weiterlesen

Muß es anscheinend aber doch. Oder soll es. Denn im vorigen Jahr, als die Bundesvereinigung ihren neuen Preis vorstellte, erklärte sie dazu, ein positives Zeichen setzen zu wollen. Grund und Beispiele zum Nörgeln gibt es ja genug. Allerdings war es damals nicht ganz einfach gewesen, einen Preisträger zu ermitteln. Für die erste Auszeichnung waren nur wenige Produktionen in die engere Auswahl gekommen.

Im zweiten Jahr legte man die Entscheidungsfindung breiter an und tat sich deshalb mit dem Netzwerk Crew United zusammen. Im Internet konnten Mitglieder von Cast und Crew aus 668 Film- und Fernsehproduktionen, die übers Jahr entstanden waren, denjenigen anonym Schulnoten geben, an denen sie mitgewirkt hatten. Fünf landeten auf der Nominierungsliste. Aus diesen wurde schließlich durch eine E-Mail Befragung aller Team-Mitglieder der Gewinner ermittelt: Mit einer Durchschnittsnote von 1,0 wurde „Barbara“, eine Produktion der Schramm Film, Koerner & Weber, zur fairsten Film- und Fernsehproduktion 2011 gewählt – die anderen vier lagen auch nicht so weit hinter dem Klassenbesten.

Soweit ist das also eine feine Sache, und ich habe ja eingangs schon gemeckert, dass das noch zu wenige wirklich interessiert, obwohl Filme nicht auf dem roten Teppich oder den Empfängen der diversen Fördereinrichtungen und Fernsehsender entsteht. Doch warum sollen Bürokraten, Kritiker oder gar das Publikum sich für etwas interessieren, was selbst den meisten Filmschaffenden egal zu sein scheint, obwohl es sie unmittelbar angeht? Rund 22.000 Filmschaffende sind bei Crew United registriert, etwa 2.500 in der den Verbänden der Bundesvereinigung organisiert – doch gerade mal 1.400 machten bei der Abstimmung mit. Ein bisschen mehr Engagement an der Basis wäre sicherlich noch nötig, um einen Preis wie den „Hoffnungsschimmer“ tatsächlich überflüssig zu machen.

Was sind nun diese „fairen Arbeitsbedingungen“? Dass die Honorare stimmen und die Arbeitszeiten eingehalten werden, klar. So klar aber anscheinend doch nicht, wie immer wieder aus Erfahrungsberichten in der Branche herauszulesen ist. Auch das ist der Sinn des „Hoffnungsschimmer“: Auf diesen Missstand hinzuweisen und dass der Begriff „Low Budget“ längst nicht so romantisch ist, wie das auf manchen, der nicht unter solchen Bedingungen arbeiten muss, wirken mag. Es geht aber nicht nur um Zeit und Geld, das stellte auch Dorissa Berninger, Produktionsleiterin bei „Barbara“ in ihrer Dankesrede klar: „Das Problem ist die Haltung und der Respekt.“ Das betrifft nicht nur manche böse Produktionsfirma: Die eigentliche Arbeit am Film findet in den Feuilletons noch immer zu wenig Beachtung (was ich jetzt schon zum dritten Mal anmerke – mag nerven, ist aber so).

In anderen Branchen ist das anders. Da kann der falsche Umgang mit den Mitarbeitern, wenn er öffentlich wird, sogar die Existenz eines Unternehmens gefährden. Und die Fluktuation der Mitarbeiter ist auch ein Qualitätsmaßstab für die Unternehmenskultur.

Dieses Kriterium passt auch auf „Barbara“ – beziehungsweise Christian Petzold: Mit den meisten seiner „Heads of Department“ arbeitet der Regisseur seit vielen Jahren zusammen. DoP Hans Fromm hat bislang alle seine Filme fotografiert, Nina Hoss spielte  seit 2001 die Hauptrolle in allen Kinoproduktionen, nicht anders sieht es bei Montage, Musik und Szenenbild aus…

Nachdenklich machte mich lediglich der Schlußsatz in der Rede der Produktionsleiterin: „Wir werden immer Filme unter Tarif machen, sonst könnten wir sie nicht machen.“ Wahrscheinlich muss sie das sagen, weil sie auch mal wieder über Produktionen verhandeln muss, bei denen das Budget mehr als knapp ist. Und weil sie als Produktionsleiterin die Arbeitsbedingungen in der Branche kennt – die ja letztlich auch die Produktionsfirmen selbst treffen. Allerdings stehe ich nicht am Set, sondern sitze am Schreibtisch. Deshalb frage ich mich, ob es solche Filme, die man nur machen kann, indem man sie unter Tarif macht, tatsächlich geben sollte.

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Impressionen Berlinale 2012: Podiumsdiskussion Bundesverband Regie (BVR) – Online-Verwertung von Filmen und Fernsehwerken!

Die traditionelle Berlinale-Podiumsdiskussion des Bundesverband Regie (BVR) widmet sich in diesem Jahr dem brandheißen Thema: Online-Verwertung von Filmen und Fernsehwerken.

Background:
Die Europäische Kommission hat als einen Schwerpunkt der EU-Medienpolitik für die kommenden Jahre die Förderung der transnationalen Vermarktung und Verbreitung sowie die Unterstützung des Auf- und Ausbaus flexibler neuer Vertriebswege im Internet ausgegeben. Außerdem hat die Kommission zu den damit in Verbindung stehenden komplexen technischen, rezeptionsästhetischen, ökonomischen und rechtlichen Aspekten des digitalen Medienumbruchs jüngst ein Grünbuch veröffentlicht und um Stellungnahmen gebeten.

Zentrales Instrument des Vertriebs wie des Konsums von Film- und Fernsehwerken dürfte zukünftig die Online-Verbreitung werden. Es ist wahrscheinlich, dass dies weit über die bereits bestehenden, in Deutschland bisher nur zögerlich angenommenen on Demand-Dienste hinausgehen wird. Die Wahrnehmung von Film- und Fernsehwerken wird in stärkerem Maße jenseits der bisher gewohnten räumlichen und zeitlichen Gebundenheit eines Fernseh- oder Kinoprogramms stattfinden. Darüber sind sich die meisten Fachleute wohl einig. Wenig Einigkeit besteht in der Vorhersage des Tempos und der Art und Weise dieser Veränderung, die am Ende ihrer Entwicklung die Rezeption von Filmen und Fernsehwerken neu gestalten könnte. Dass feste Programmstrukturen zumindest in den nächsten Jahren weiterhin ihre Bedeutung haben werden, ist aber nicht nur für das älter werdende Publikum anzunehmen. Damit wird auch das Programm-Fernsehen sehr wahrscheinlich keineswegs obsolet werden.

Zu diesem aktuellen medienpolitischen Zukunftsfeld standen folgende Fragen im Raum:

  1. Wie, in welchem Umfang, unter welchen Programm- und werkästhetischen Bedingungen und unter welchen wirtschaftlichen und rechtlichen Voraussetzungen kann die online-Distribution von Film- und Fernsehwerken erfolgen?
  2. Werden sich feste Programmformen und -orte auflösen und welche Anordnungen treten an deren Stelle?

Diskutanten von rechts nach links:

  • Dr. Urban Pappi (gf. Vorstand VG Bild-Kunst)
  • Alexander Thies (Vorsitzender ProduzentenAllianz Film und Fernsehen)
  • Ansgar Heveling (MdB, CDU)
  • Helga Trüpel (MdEP, Grüne)
  • Hans W. Geißendörfer (Produzent & Regisseur | BVR)
  • Peter Weber (Justiziar ZDF)

Moderation | Mitte:

  • Jobst Oetzmann (Regisseur, Vorstand BVR)

www.regieverband.de

Hier ein paar Impressionen des Panels vom 14. Februar in der Landesvertretung des Saarlandes.

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Impressionen Berlinale 2012: Diskurs Deutsche Akademie für Fernsehen (DAfF) – Stell Dir vor, es ist Quote und keiner zahlt!

Unter dem Thema „Stell Dir vor, es ist Quote und keiner zahlt!“ – anlässlich der Berlinale 2012 – hat die Deutsche Akademie für Fernsehen (DAfF) zum Diskurs geladen.

Keynote:

  • Hans Zischler (Schauspieler)

Diskutanten von rechts nach links:

  • Aelrun Goette (Regisseurin)
  • Claudius Seidl (Journalist FAZ)
  • Bettina Reitz (Geschäftsführerin der Degeto Film | ab Juni 2012 Fernsehdirektorin des BR)
  • Hubertus von Lobenstein (Partner bei der Berliner Werbeagentur Aimaq von Lobenstein)

Hubertus Meyer-Burckhardt (Geschäftsführer der Polyphon-Gruppe) konnte leider nicht kommen.

Moderation in der Mitte:

  • Lutz Hachmeister (Direktor des Instituts für Medien und Kommunikationspolitik | IfM)

Die Akademie versteht sich als „die Stimme der Fernsehschaffenden in der öffentlichen Diskussion über die Medien und ihre Inhalte“.
Sie will ein Bewusstsein schaffen für die kreativen und künstlerischen Leistungen derjenigen, die Fernsehprogramme gestalten:
www.deutscheakademiefuerfernsehen.de

Hier die Keynote und ein paar weitere Impressionen der interessanten Diskussion vom 13. Februar im NH Hotel.

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Impressionen Berlinale 2012: Preisverleihung Hoffnungsschimmer

Für faire Produktionsbedingungen wurde von der Bundesvereinigung der Filmschaffenden Verbände zum zweiten Mal der Preis „Hoffnungsschimmer“ – anlässlich der Berlinale 2012 – vergeben.

22.000 Filmschaffende konnten über das Netzwerk crew united ihre fairsten Film- und Fernsehproduktion, bei der sie mitgewirkt haben, bewerten. Ca.1.400 Filmschaffende nutzen diese Möglichkeit aus 668 Filmen ihre fairste Produktion auszuwählen. 5 Filme wurden nominiert.

Preisträger 2011: Barbara von Christian Petzhold | Produktionsleitung: Dorissa Berninger Wettbewerb Berlinale 2012 | Kinostart: 8. März 2012

Hier ein paar Impressionen vom 11. Februar in der Vertretung des Landes Baden Württemberg.

Die auftretenden Personen in chronologischer Reihenfolge:

* Marion Kracht (Schauspielerin, Laudatorin)
* Rolf Becker (Schauspieler, Laudator)
* Florian Koerner von Gustorf (Produzent | Schramm Film, Koerner & Weber von „Barbara“)
* Dorissa Berninger (Produktionsleiterin von „Barbara“)
* Angelika Krüger-Leißner (medienpolitische Sprecherin der SPD Bundestagsfraktion)

www.die-filmschaffenden.de


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Wen interessiert’s? Europa verteilt seine Filmpreise

Heute werden in Berlin die „Europäischen Filmpreise” verliehen. Wahrscheinlich guckt wieder keiner zu wie schon vor vier Jahren beim Jubiläum. Die Gala ist glamourös, doch wie man sich selbst inszeniert, muss Europas Filmwelt noch lernen. | Foto © Europäische Filmakademie

Wenn demnächst mal wieder einer über Hollywood lästert, könnte man entgegnen, dass sich wenigstens das Publikum dafür interessiert. Drum müssen Hollywoods Produktionen auch zuerst mal im eigenen Land ihr Budget wieder einspielen, der Rest der Welt kommt dann als Extra dazu.

Sogar eine trockene Preisverleihung wird zum Großereignis, das dann (wie man hier ab der fünften Minute sehen kann) auch wieder für die eigenen Produkte adaptiert wird. Kurz: Wenn Hollywood sich selber feiert, schaut man gerne zu – und nicht nur im eigenen Land, sondern rund um die Welt.

Auch ein deutscher Privatsender schickt sein Team zur „Oscar“-Verleihung, um live am Roten Teppich brandheiße Statements einzufangen und die schönsten Abendroben zu bewundern. Und es gibt Leute, die sich gerne mitten in der Nacht vor den Fernseher legen und vier Stunden lang zuschauen, wie bekannte Filmstars auf der Bühne Witzchen reißen, die ihnen Drehbuchautoren aufgeschrieben haben. Auf Englisch, ohne Untertitel, und wenn die Sonne aufgeht, ist es Montag. Mehr als eine halbe Million sollen das in diesem Jahr gewesen sein – doppelt so viele wie im Jahr zuvor.

Das gesamteuropäische Gegenstück gibt es seit 24 Jahren. Anfangs hatte er sogar einen richtigen Namen, heute heißt er weniger zauberhaft nur noch „Europäischer Filmpreis“, hat aber wenigstens eine Gala, die auch nicht so viel bescheidener ist als die in Los Angeles. Nur guckt kaum einer hin. Wieso auch, wenn die Hälfte der Filme, die auf der Auswahlliste stehen, eh keiner kennt, weil sie entweder nie zu sehen waren oder zwar filmkunstbegeisterte Kritiker auf Festivals erfreuen, aber filmkunstbegeisterte Kinobetreiber in den Ruin treiben? Weiterlesen

Das schreibe ich jetzt übrigens nicht als passionierter Mainstream-Fuzzi. Denn auch sowas hat mich fasziniert, und einer der schönsten Filme dieser Dekade sieht für mich so aus.

Wieso auch sollte einer zugucken, wenn der beste Regisseur und der beste Schauspieler des Jahres es nicht mal zur Verleihung des größten Filmpreises der Alten Welt schaffen, wie im vorigen Jahr geschehen? Im Jahr davor waren sogar drei der fünf nominierten Schauspielerinnen gar nicht erst zur Gala erschienen. Davor wurde sogar das Lebenswerk eines „Kultregisseurs“ in dessen (und einiger anderer Preisträger) Abwesenheit geehrt, wie das halt schon seit Jahren so geht. Wieso also sollte sich das Publikum für einen Preis für Filmschaffende interessieren, der selbst die Filmschaffenden nicht zu interessieren scheint.

Und wieso auch, wenn es den eigenen Medien ziemlich egal ist? Die Europäische Gala wird von Fernsehsendern rund um die Welt übertragen. Nur eben nicht live, sondern zeitversetzt, zum Teil um eine Woche, falls das dann noch jemanden interessieren sollte. In Deutschland läuft das Ganze sogar ziemlich früh, nämlich nur einen Tag später – am Sonntag um halb elf auf Arte.

Über den Filmzauber muss Europa noch ein bisschen lernen.

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Menschen und Märkte: Wie viele Menschen arbeiten denn am Deutschen Film?

Manchmal ist es schwer den Überblick zu behalten: Wie viele Leute arbeiten wohl an diesem Set? | Illustration © cinearte

Denk ich an Deutschland – fällt mir zum Beispiel seine Automobilindustrie ein. Oder Siemens. Das deutsche Ingenieurwesen ist eine dieser Sachen, für die das Land in der Welt immer wieder bewundert wird. Eine andere ist seine Verwaltung: Sogar deutsche Gesetze sind Exportschlager. Es hilft halt, wenn alles bis ins Kleinste irgendwie genormt, geregelt und in Zahlen gefaßt wird, damit man den Überblick behält. Was für Schmähungen mußte sich dagegen noch unlängst Griechenland gefallen lassen, wo man angeblich nicht mal wußte, wie viele Beamte der Staat überhaupt beschäftigt. Sowas kann ja nicht gut gehen.

Vor acht Jahren stellte ich mir wieder mal eine Frage. Wie viele Leute arbeiten eigentlich in unserer Filmindustrie? Jetzt kann man natürlich gleich zurückfragen, warum das einer wissen wollte, und liegt damit sogar im Trend. Denn so simpel, wie die Frage klingt: Die Antwort ist es nicht. Weiterlesen

Solcher Kniffelei setzt man sich natürlich nicht freiwillig aus, weil man gerade nichts Besseres zu tun hat. Ich hatte damals die Idee, einen Nachrichtendienst für Filmschaffende aufzubauen. Auf die gute Idee folgt jedoch zuerst die Marktanalyse, ehe man sich an die Umsetzung macht – so bekommt man’s in zahllosen Ratgebern zur Geschäftsgründung beigebracht, denn alles andere wäre unprofessionell: Wer seinen Markt nicht kennt, fliegt raus.

Die Großen machen’s ja auch nicht anders. Viele Firmen haben sogar ganze Abteilungen, die sich mit nichts anderem befassen als der Marktforschung. Für den deutschen Film macht das vor allem die Filmförderungsanstalt (FFA), die über ziemlich viel Bescheid weißt, was seit kurz vor der Jahrtausendwende passiert ist. Zum Beispiel, wie oft die Deutschen überhaupt ins Kino gehen, welche Filme wie viele Zuchauer hatten, was in den einzelnen Bundesländern im Durchschnitt eine Kinokarte kostet oder wie viele Säle die 27 Kinos in Hamburg zusammen haben. Irgendwo gab’s auch mal Einzelheiten zur Bestuhlung. Aber nichts zu der Frage, wie viele Leute eigentlich die Filme machen. Interessiert wohl keinen …

Sollte man jedenfalls meinen, wenn man weitersuchte. Die Spitzenorganisation der deutschen Filmwirtschaft, die man schon allein wegen ihres Namens toll finden muß, ist der Dachverband mehrer Verbände, deren Mitglieder mit Filmen Geld verdienen – von der Herstellung bis zum Verleih. Die „Spio“ gibt als „unverzichtbare Informationsquelle für die deutsche Filmwirtschaft“ seit mehr als einem halben Jahrhundert schon ein Jahrbuch mit Statistiken heraus, die verraten, wie viele Produktionsfirmen an einem Film beteiligt waren oder was über die Jahre die durchschnittlichen Produktionskosten waren. Wer aber all die Filme macht, mit denen das Geld verdient wird, kann die „Spio“ auch nicht sagen.

Nicht, daß es die Filmarbeiter selber wüßten. Die meisten ihrer Berufsverbände haben ja schon vor längerem in einer eigenen Dachorganisation zusammengefunden, die sich Die Filmschaffenden nennt. Aber wie viele Filmschaffende es insgesamt im Lande gibt? „Da können Sie sich nur bei mir und meinen Kollegen bei allen Verbänden einzeln durchfragen, und wir schätzen das dann“, meinte einer der Geschäftsführer mit einiger Ironie.

Zum Glück gibt es ja auch staatliche Stellen, und Deutschland ist bekannt für seine Verwaltung und die Freude an präzisen Zahlen. Weshalb vielleicht die Arbeitsagentur Bescheid wissen könnte, es aber nicht tut, oder das Statistische Bundesamt eigentlich Bescheid wissen sollte, es aber nicht tut. Zwar erstellt man dort regelmäßig die Einkommenssteuerstatistik, doch: „im Rahmen der amtlichen Statistik werden die von Ihnen gewünschten Daten nicht erhoben, wir können Ihnen keine auskunftsfähige Stelle nennen“, lautete die Antwort auf die Nachfrage.

Ganz fruchtlos war die Suche am Ende aber doch nicht, sogar zweimal wurde ich fündig: Nach einer Studie von 1999 waren in der Filmwirtschaft insgesamt 34.000 Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, nach einer anderen drei Jahre später sogar 38.700 – plus 50 000 „projektgebundene freie Mitarbeiter, einschließlich des künstlerischen Personals“.

Das ist ja schon mal was, auch wenn die Zahlen nur Hochrechnungen aus amtlichen Statistiken und eigenen Befragungsergebnissen sind. In anderen Berufsfeldern kennen sich Arbeitgeber, Gewerkschaften und Lobbys besser aus. Ist ja auch im eigenen Interesse, wenn man die Wichtigkeit der eigenen Branche hervorheben will. Oder weiß, was da überhaupt los ist. Der Produzent fühlt sich ja auch wohler, wenn er weiß, was er demnächst an Gagen überweisen muss, und der Geräteverleiher, wenn er den Überblick hat, wie viele Kameras zurzeit so im Umlauf sind.

Neulich habe ich mir die Frage wieder gestellt. Diesmal nicht zur Marktforschung, sondern weil ich nach meinem letzten Blogeintrag eine kleine Diskussion über den Tarifvertrag hatte, beziehungsweise wann der gilt und wann nicht. Denn gültig ist so ein Tarifvertrag nur unter bestimmten Voraussetzungen. Eine davon wäre, dass das Bundesministerium für Arbeit ihn für allgemein gültig erklärt, was es aber nur selten tut. Unter anderem auch nur dann, wenn die Mehrheit der Firmen oder Beschäftigten in dieser Branche organisiert ist. Das ist sehr wahrscheinlich nicht der Fall, um das aber bestimmt zu sagen, müsste man zum Beispiel wissen, wie viele Leute eigentlich in unserer Film- und Fernsehwirtschaft arbeiten. Immer noch eine simple Frage, doch siehe da, die vergangenen acht Jahre sind nicht nutzlos verstrichen – es gibt neue Antworten: Nämlich 418.500!

Huch? Man muss es ja nicht gleich übertreiben und auch noch die Kartenabreißer als Filmschaffende mitzählen. Dann tut’s vielleicht auch nur ein Elftel davon oder gar noch weniger, denn wenn man zur letzten Zahl die Freiberufler dazuzählt, kommt man irgendwie wieder auf ein ähnliches Ergebnis, das ja nur zehn Prozent drüber liegt.

Die gute Nachricht: Offenbar liefern jetzt auch Statistisches Bundesamt und Arbeitsagentur Zahlen, aus denen man dann mit ein wenig Weiterrechnen zu einem Ergebnis kommt.

Und jetzt versuche ich mir mal vorzustellen, die FFA würde ihre Filmhitlisten nach dem gleichen Muster erstellen. Dann hätte der erfolgreichste deutsche Film des vorigen Jahres fast 1,6 Millionen Besucher in die Kinos gelockt. Oder ein Elftel davon. Oder zehn Prozent mehr.

Aber zum Glück kennt die Branche wenigstens ihren Markt. An sich selbst muss sie noch ein bisschen arbeiten.

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Böser Onkel: Was ist No-Budget-Filmern die Arbeit anderer wert?

Independent Spirit: Bei der Produktion des Schweizer No-Budget-Films „Der böse Onkel“ soll es immer noch nicht mit rechten Dingen zugehen, klagen einige der Beteiligten. | Foto © Nordwest Film

In Hof laufen die Hofer Filmtage, und das ist für deutsche Filmemacher immer ein besonderes Ereignis, weil hier, am obersten Rand von Oberfranken, also ziemlich abgelegen, und damals sogar noch abgelegener, vor 45 Jahren ins Leben gerufen wurde, was sich heute „das bedeutendste Festival für den Deutschen Nachwuchsfilm“ nennt. Das aber nur versteckt, denn man hat’s lieber ein wenig bescheidener und gemütlicher und spricht deshalb gerne vom „Familientreffen des deutschen Films“, das aber dafür bei jeder Gelegenheit. Beides ist auch gar nicht so verkehrt, denn der Reiz des Festivals besteht gerade in der Übersichtlichkeit fernab vom üblichen Trubel, wo sich Filmemacher zum Filmegucken und darüber reden treffen. Deshalb hat Hof auch nicht den üblichen Wettbewerb und vergibt auch nicht die üblichen Preise. Das mit den Preisen machen dafür andere, doch auch deren Preise sind nicht das Übliche, sondern auf den Nachwuchs und sonst gerne übersehene Gewerke abgestellt. Filmemachen pur, könnte man sagen. Oder auch, dass die Festivalmacher mehr „für den deutschen Film getan haben als die Berlinale, Oberhausen, München und Mannheim zusammen.“

Darum ist es natürlich prima für einen Filmemacher, wenn er nach Hof eingeladen wird, nicht nur Nachwuchs- und nicht nur deutsche: „Wir freuen uns, dass ,Der böse Onkel‘ an diesem wichtigsten Schaufenster des deutschsprachigen Independentfilms Welturaufführung feiert“, verkündete Anfang des Monats die Schweizer Produktionsfirma. Und was sollte auch besser passen zum Festival jenseits des Mainstreams als ein „abgefahrener, durchgedrehter Film, der polarisiert wie kein zweiter“, so „provokant, irritierend, clever, rasend schnell, splitternackt und gnadenlos ehrlich“? Weiterlesen

Das ist jetzt ganz schön viel des Guten, muss aber wohl so sein, wenn man das eigene Werk anpreist. An anderer Stelle wird die Produktionsfirma hintergründiger, denn für die anstehende Kinoauswertung nach der Weltpremiere in Hof suchte man schon mal eine Teilzeitkraft für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: „Zu oft muß die Kunst vor Macht, Geld, Quoten, Zensur und stirnrunzelnden Geldgebern kuschen. Darum arbeiten wir bei ,Der böse Onkel‘ mit der Null und machen den Film, der uns gefällt.“

Womit man offenbar vorher schon begeistern konnte, denn „die ganze 87köpfige Crew und über hundert Dienstleister und Firmen verzichten aus Freude an diesem schnellen, neuartigen und selbstbestimmten Filmprojekt auf Gage und Geldfluss. Nach dem Kinostart werden alle Erlöse an die Beteiligten sieben Jahre lang ausgeschüttet.“

Wobei die Zahl der Begeisterten nun wohl auf 80 reduziert werden muss. Denn vorige Woche reagierten sieben der Schauspieler namentlich auf die Einladung nach Hof. Was genau sie daran stört, schildern die sieben deutlich und ausführlich. Etwa, dass sie schon seit dem ersten Drehtag (14. Juli 2009) einem ordentlichen Vertrag hinterherrennen „als geringste Gegenleistung für die Gagenrückstellung und als geringste Anerkennung ihrer Arbeitsleistung.“ Oder dass der Film in Hof gezeigt wird, obwohl man die Festivalleitung informiert habe, dass die Schauspieler ihre Bildrechte nicht freigegeben haben – eben weil die Verträge fehlen, was in den Kommentaren auch andere Beteiligte aus Cast und Crew beklagen. Was aber eben auch fehle, sei das Geld, um juristisch dagegen vorzugehen.

Da wäre nun interessant zu erfahren, was wohl Produzenten und Festivalleitung dazu sagen? Nämlich gar nichts, wie ein Kollege schon gestern erfahren hat. Anscheinend interessiert das Thema Filmemacher doch nicht wirklich.

Was ich auch deshalb ein bisschen schade finde, weil ich die Formulierungskünste aus der Produktionsfirma ziemlich abgefahren und clever finde und nicht zufällig so ausgiebig zitiere. Weshalb ich mir aber die neuerliche Nachfrage auch sparen kann und stattdessen Zeitung lese, wo zu erfahren ist, dass der Regisseur und Produzent da einen heiklen Fall auf die Leinwand bringt, von dem er aber gar nicht gewusst haben will, als er sich ans Drehbuch setzte, obwohl er schon vor zehn Jahren gesagt habe, dass dieser Fall ihn nie mehr loslassen würde. Und dass nicht nur Schauspieler, sondern auch eine Autorin und Komparsen nicht so richtig glücklich mit der Produktion wurden.

Und dabei geht’s gar nicht ums Geld, von dem ja jedem klar war, dass es nicht da ist. Sondern schlicht, wie sich in vielen Kommentaren wiederholt: Um die Wertschätzung der Leistung. So sieht es übrigens auch die Produktionsfirma auf ihrer Website in gnadenloser Ehrlichkeit, weil „so ein ungewöhnliches Arbeitskonzept nur funktionieren kann, wenn alle hinter und vor der Kamera sich in hohem Masse respektieren und wertschätzen […] und wenn Spaß eine Hauptmotivation der Zusammenarbeit ist.“ Ach ja …

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Vorher gründlich googeln: Wie die Filmarbeit wahrgenommen wird

Wen interessiert’s? Hauptsache, große Filmkunst entsteht. Die Arbeitsbedingungen in der Branche taugen nur selten als Nachricht. Und leider ist oft die falsche Botschaft wichtiger als der Inhalt. | Foto © Archiv (Kolorierung: Alberto d’Arce)

Es fällt ja nicht allzu schwer, über die Dunkelheit zu klagen, die hinter den gleißenden Scheinwerfern herrscht. Gelegentlich richtet dann aber doch mal jemand die Kamera in die schattigeren Bereiche und zeigt, dass nicht alles nur so toll ist wie angehende Top-Models und Superstars sich das vorstellen. Das geschah bislang zwar eher selten, in diesem bereits auslaufenden Jahr aber schon mehrmals, weshalb ich versucht bin, einen Trend darin sehen zu wollen …

Falls ich da nichts übersehen habe, machte den Anfang der NDR mit seinem Dritten Programm, und das überrascht mich nicht, weil ich dort trotz mancher Ausrutscher noch die letzten Funken öffentlich-rechtlichen Selbstverständnisses vermute und eh in den Dritten gewagt wird, was man dem Publikum nicht richtig zuzumuten traut, bis es dann überraschend ein Erfolg wird und gnadenlos in der ersten Reihe zu Tode formatiert und gesendet wird, weil halt manches einfach nicht fürs Public Viewing taugt – Matthäus 7, 6.

Jedenfalls widmete sich die Arthouse-Abteilung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gleich zweimal der Lage von Filmschaffenden. Einmal den Schauspielern, die sich trotz merkbarer Bildschirmpräsenz mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten müssen, ein anderes Mal der Frage, warum freie Mitarbeiter seit Jahren gleich schlecht bezahlt werden, während ringsumher die Preise steigen, sie also tatsächlich immer weniger verdienen. Das Schönste daran: Beide Sendungen finden ihre Beispiele im eigenen Sender! Vielleicht hat sich da einer die Recherche allzu leicht gemacht, und keiner hat’s gemerkt. Viel besser gefällt mir aber der Gedanke, dass dahinter Absicht steckt, weil das zeigen würde, wozu die Werktätigen in der Film- und Fernsehbranche fähig sind, wenn sie Hand in Hand arbeiten – bis in die Redaktionsstuben. Weiterlesen

Auch der öffentlich-rechtliche Mainstream hat das Phänomen neulich aufgegriffen, wenn auch mit weniger Klassenbewußtsein, damit auch ja keiner vom Traumschiff kippt (obwohl, das als kleine Anregung, man damit eine ganze Woche lang sämtliche Quasselrunden-Formate füllen könnte). Immerhin packte das ZDF es in seine Schicksals-Doku-Marke „37 Grad“. Und weil’s da titelgerecht mächtig menscheln muss, wurde daraus „Prominent – aber pleite. Stars in der Schuldenfalle“.

Drei Protagonisten führt die Dokumentation an: Die Komödiantin Tanja Schumann („RTL Samstag Nacht“), die Schauspielerin und Synchronsprecherin Bettina Kenter und Franz Trojan, ehemaliger Schlagzeuger der Spider Murphy Gang. Alle drei haben gute oder sogar bessere Zeiten hinter sich, die aus verschiedenen Gründen vorbei sind: Naivität (Ostimmobilien als Steuersparanlage), widrige Umstände (längere Krankheit) oder schlichte Dummheit (Koks und leichte Mädchen). Das an lebenden Menschen festzumachen, um die Zuschauer beim Gefühl zu packen, ist ein üblicher Kunstgriff, ein bisserl auf Neid und Schadenfreude zu setzen, mag das Interesse zusätzlich anheizen – aber irgendwie klingt das Ganze dann auch zu sehr nach Pleiten, Pech und Pannen und bleibt an der Oberfläche eines persönlichen Promi-Schicksals. Und somit eine Ausnahme, klar, sonst wäre es ja keine Sendung wert.

Wer aber zum Beispiel unser Interview mit Bettina Kenter und ihre Erfahrungsberichte aus der Welt von Hartz IV gelesen hat, mag ahnen, was hier an Themen verschenkt wurde. Dass ein Untertitel wie „Stars in der Schuldenfalle“ nur so dumm wie perfide ist, weil er vielleicht Zuschauer herbeikitzelt, aber nur vorführen will und nicht fragt, was hier eigentlich los ist.

Das fragte neulich auch „Die Welt“, deren Filmbeiträge ich wegen des Kollegen Hans-Georg Rodeck immer wieder gerne lese. Und so freute ich mich erst recht, als dort ein anderer Kollege darüber stolperte, warum denn amerikanische Produktionen in Deutschland ihre mitgebrachten Mitarbeiter besser bezahlen als die deutschen. Schön, dass sich mal jemand vor größerem Publikum mit der Frage befasst, dachte ich und fand es beim ersten Durchlesen auch interessant, weil ich das auch noch nicht wusste: Seit Jahren versuchen mir ja die vereinigten Filmförderer von FFAMedienboard und der BKM weißzumachen, dass der Deutsche Filmförderfonds (DFFF) mit seinem Jahresbudget von 60 Millionen Euro reihenweise Hollywood-Produzenten in die Hauptstadtregion magnetisiert, was wiederum toll für das Filmschaffenden der Hauptstadtregion ist, weil der Fördereffekt bei 618 Prozent liege.

Hui! Selbst Bayern, der ewige Streber unter den Bundesländern, wenn’s darum geht, irgendeine Leistung in eine Rangliste zu packen, schafft nicht mal halb so viel, Köln knapp über ein Drittel, Hamburg noch etwas weniger.

Jetzt weiß ich außerdem, dass die Amerikaner zwar auch kommen, weil sie zu diesem Zweck mit deutschem Steuergeld gemietet werden, vor allem aber, weil sich auch in Hollywood schon herumgesprochen hat, dass die deutschen Filmschaffenden gerne mal für lau arbeiten. Studio Babelsberg also so eine Art Sweatshop der Filmindustrie ist.

Was die einzelnen Fakten betrifft, liegt der Autor gar nicht so daneben. Gut, vielleicht hätte er mal jemanden fragen sollen, etwa bei der organisierten Arbeitnehmervertretung, oder wenigstens mal kurz googeln, ehe er behauptet, die deutschen Filmschaffenden dürften keine Überstunden machen, weil das Arbeitszeitgesetz das verbiete. Das ist zwar korrekt, soweit es das Arbeitszeitgesetz betrifft, doch dieses gilt ja nur, wo kein Tarifvertrag anderes regelt. Und einen Tarifvertrag für die Filmbranche gibt es. Der wurde zwar gerade gekündigt, ist aber natürlich für die Dauer der Verhandlungen weiter in Kraft und selbst dann schnell zu finden, wenn man unter Recherche nicht mehr versteht als zwei Wörter bei Google einzutippen. Da bietet schon die erste Trefferseite drei Links zum Dokument.

Wenn also, liebe „Welt“, geleistete Überstunden bei deutschen Filmschaffenden nicht abgerechnet werden, dann eben nicht „oft schon deshalb, weil sie gegen diese Bestimmungen verstoßen.“ Weil nämlich „diese Bestimmungen“, also das Arbeitszeitgesetz, hier nicht gelten. Aber falls es gälte, wären Überstunden durchaus möglich, allerdings sehr begrenzt. Und selbstverständlich müssten die abgerechnet werden, weil, wer gegen dieses Gesetz verstößt, eine Ordnungswidrigkeit oder gar eine Straftat begeht. Auch da bietet als Ersatz für eine Recherche der Blick in die Wikipedia eine erste Orientierung.

Nun tut das Arbeitszeitgesetz aber eh nichts zur Sache, sondern der Tarifvertrag, und auch da sind Überstunden und Vergütung geregelt. Also: wenn geleistete Überstunden bei deutschen Filmschaffenden nicht abgerechnet werden, dann allein aus dem Grund, dass sie nicht abgerechnet werden. Das mag jetzt erstmal verwirrend klingen, sollte gerade deshalb aber für jemanden, der darüber schreiben will, Anlass sein, sich vorher ein wenig eingehender mit dem Thema zu beschäftigen. Google, Wikipedia und so…

Ich versteh ja, dass die Arbeitsbedingungen eine ziemlich trockene Sache sind und deshalb für Filmjournalisten noch weniger attraktiv als der thailändische Gewinner einer „Goldenen Palme“ in Cannes, aber da zeigt man ja auch keine Hemmungen, das seinem arglosen Publikum ans Herz zu legen. Wenn’s um die Filmpraxis geht, sind die Herausforderungen freilich noch ein bisschen höher, als zwei Stunden im dunklen Kinosaal wachzubleiben. Dafür ist die Suche nach der Antwort auch spannender. Was wohl auch der reißerische Titel („Hollywoodglanz zum Mexikanertarif“) und Vorspann in der „Welt“ vermitteln soll, wo es um „Hollywood-Blockbuster“ und „systematische Ausbeutung“ geht, die hoffentlich „Projekte wie Tom Tykwers neuer Film“ beenden mögen. Wie das gehen soll, verrät der Text gegen Ende: Weil bei Tykwer (und vorher schon Roland Emmerich) nämlich endlich auch deutsche Filmschaffende an die besseren Jobs kämen und sich nicht mehr „derart unter Wert“ verkaufen müssten, um auch mal mit den großen Jungs aus Hollywood spielen zu dürfen.

Tja, so ist das mit den Fakten … auch wenn man alle Teile beisammen hat, sollte man sie schon richtig zusammensetzen. Puzzlen geht halt nicht mit Schere und Hammer, zumindest nicht richtig. Denn leider ist in der „Welt“ die Perspektive schief, und die Sache gar nicht so reißerisch, sondern ernüchternd simpel: Nicht die Amerikaner werden planmäßig besser bezahlt als die Deutschen, sondern die Amerikaner bekommen ihre üblichen Gagen, die Deutschen halt das, was für sie vorgeschrieben ist oder worauf sie sich einlassen. Die Schuld für die „systematische Ausbeutung“ kann man allem möglichen geben, aber sicherlich nicht den „Hollywood-Blockbustern“.

Stattdessen wäre dieses (unser altes Thema) die richtige Frage gewesen: Warum haben wir solche Zustände? Für ungerechte Arbeitsbedingungen brauchen wir keine internationalen Produktionspartner. Das schaffen wir auch alleine. Liest sich nur nicht so gut.

Weshalb auch zum Beispiel der „Stern“, sonst engagiert, wenn es um die Rechte der Unterdrückten geht, bislang noch keine Zeile für das Thema verschwendet hat. Aber eine seiner edleren Federn zum Setbesuch schickte, um über die Dreharbeiten zu „Die drei Musketiere“ zu berichten. Bekanntlich ist ja die wer-weiß-wievielte-und-trotzdem-gelungene Adaption des Abenteuer-Klassikers nur zum Teil in den Sweatshops von Babelsberg, überwiegend aber an Originalschauplätzen im Filmstreberland Bayern entstanden, die im Film, der ja nicht in Bayern spielt, sondern überwiegend in Frankreich, folglich als Kulissen nur in Rollen schlüpfen. Was wissen konnte, wer die wer-weiß-wie-oft-erzählte Geschichte kennt oder nur die Ankündigungen gelesen hatte – also ziemlich jeder, außer Deutschlands beliebtestes Wochenmagazin: „Denn so stolz sich 6.000 Würzburger als Statisten beworben haben und so groß die Hoffnung sein mag, ihre Stadt in den Kinos von Tokio bis Rio zu zeigen – ätsch, nix Würzburg, nix Bamberg, nix Deutschland.“ Alles „ins 17. Jahrhundert zurückgeschminkt“ mitunter für „eine Szene nur, etwa vier Sekunden im Film.“ Und das, obwohl doch die deutschen Filmförderanstalten der Produktion 11,4 Millionen Euro „spendiert“ hätten. Aber so ist das eben, denn „jetzt ist Hollywood hier, und Hollywood verlegt Kabel“ erklärt der „Stern“ und schwadroniert vom „zynischen“ Umgang mit der Wirklichkeit, wenn „Hollywood daraus einen Film machen will.“

Bloß hat Hollywood mit alldem überhaupt nichts zu tun, sondern die deutsche Constantin produzierte mal wieder den teuersten europäischen Film aller Zeiten. Der britische Koproduzent: eine 100prozentige Constantin-Tochter; Cast und Crew: überwiegend aus beiden Ländern. So stand’s auch im Presseheft. Oder, für gewiefte Rechercheure, hier.

Auch das ist ein Problem der deutschen Filmemacher: Dass diejenigen, die sich von Berufs wegen mit ihrer Arbeit beschäftigen, sich offenbar einen Dreck dafür interessieren.

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Ideen, die die Welt nicht braucht: der „Deutsche Fernsehpreis“

Unterhaltungswert hat der »Deutsche Fersehpreis« schon: Marcel Reich-Ranitzky etwa saß 2008 gut zwei Stunden in der Gala, um sich ehren zu lassen, als er plötzlich merkte, dass er Fernsehen gar nicht mag. | Foto © ZDF, Stefan Menne

Irgendwann im vorigen Jahrhundert, kurz vor Ende der Siebziger, tauchte in den Gesprächen während der Großen Pause der Computer auf, und ich fragte, was man damit machen könne. Ein Klassenkamerad, der sich auskannte, erklärte es mir ausführlich: „Briefeschreiben, zum Beispiel. Adressen verwalten oder Rezepte.“ Blöde Idee, entgegnete ich, es gibt doch Schreibmaschine, Karteikasten und Kochbücher! „Wirst schon sehen“, kam die Antwort. „Bald steht in jedem Haushalt so ein Rechner. Und wenn erstmal jeder einen hat, gibt’s auch viele neue Möglichkeiten.“ Das dauerte zwar noch ein bisschen länger als erwartet, aber ich begegnete unterdessen dem Anrufbeantworter (blöde Idee, warum soll ich für ein Heidengeld jemanden zurückrufen, wenn der doch etwas von mir will?) und dem Händi (blöde Idee, warum soll ich für eine Mark fünfzig die Minute – Grundgebühr nicht eingerechnet – unterwegs telefonieren, wenn doch an jeder zweiten Straßenecke eine Telefonzelle steht?). Seitdem halte ich lieber meine Klappe – ich erkenne eine bahnbrechende Innovation ja nicht mal, wenn sie blinkend vor mir steht und mich antutet.

Aber man lernt ja. Zum Beispiel, dass auch blöde Ideen, die die Welt nicht braucht, schon ihren Weg finden. Man muss sie nur machen lassen – beziehungsweise sie richtig vermarkten. Dann kann man auch aus einer alternativen Liebhaberei einen weltumspannenden Konzern basteln, der Heißgetränke zu Wucherpreisen in Pappbechern verkauft (noch so eine blöde Idee – Capuccino gibt’s doch beim Italiener, sogar besser und billiger). Oder lappige Brötchen mit Wurstbelag (am besten gleich zwischen Metzger und Bäckerei). Man kann das hippe urbane Publikum sogar für frühindustrielle Produktionsbedingungen begeistern oder ihm gleich Fäkalien verkaufen. Hauptsache, man klebt ein cooles Logo drauf. Weiterlesen

Womit wir endlich beim Thema wären. Irgendwann im vorigen Jahrhundert nämlich, schon kurz vor der Jahrtausendwende, begegnete mir ein Preis, den die Welt nicht braucht. Der bekam einen nicht ganz so coolen Namen, klingt aber wichtig: »Deutscher Fernsehpreis«. Blöde Idee, dachte ich, sowas gibt es doch schon. Und zwar ziemlich lange und außerdem respektiert. Nur war das den vier größten Fernsehsendern im Lande nicht genug, die zwar ihre hauseigenen Preise hatten, welche aber niemanden interessierten. Also warfen ARD und ZDF ihren „Telestar“, RTL seinen „Goldenen Löwen“ zusammen, holten Sat.1 dazu, und fertig war ein neues Prädikat, um „großartiges Fernsehen auszuzeichnen und die vorhandene Qualität der deutschen Fernsehprogramme weiter zu fördern.“ Als Vorbild nannte man den „Emmy“ in den USA.

Die vier größten Sender plus ein feierlicher Anspruch plus eine bekannte Marke – besser hätte sich das wohl keine Marketingabteilung ausdenken können. Nur ging die Rechnung irgendwie nicht auf. Vielleicht liegt’s ja doch am Programm. Vielleicht auch daran, dass es keinen Zuschauer interessiert, wenn das Fernsehen sich selber feiert.

Man durfte sich zwar wundern, dass die unabhängige Jury immer nur Produktionen der üblichen vier verdächtigen Sender nominiert und auszeichnet, nur hin und wieder durch einen Außenseiter ergänzt (oder auch nicht), der dann aber auch wieder zu einer der Senderfamilien gehört, aber gegen die geballte Programmmacht ist weder Kritik gewachsen noch organisierte Zuschauerproteste gegen seltsame Werbemaßnahmen oder die medienwirksame Schelte von einem, der erstaunlich lange gebraucht hat, um zu kapieren, was er da jahrelang selber mitfabriziert hat.

Obwohl ja gar nicht alles schlecht war. Weil man vom „Emmy“ abgekupfert hatte, wurden erstmals im Fernsehen auch diejenigen mit Preisen bedacht, die für die vorhandene Qualität im großartigen Fernsehen sorgen – nämlich die einzelnen Filmgewerke. Und das war mal eine echte Innovation in der deutschen Fernsehlandschaft.

Was die Sender von ihren Qualitätslieferanten tatsächlich halten, machten sie freilich schon früh klar. Vor drei Jahren etwa übertrug das ZDF die Gala nur teilweise. Die Ehrung der Filmschaffenden selbst fiel bis auf drei Ausnahmen unter den Schneidetisch. Darunter so überflüssige Gewerke wie Kamera, Montage, Musik und Ausstattung (womit Szenen- und Kostümbild gemeint sind).

Vielleicht waren die Sender die anschließenden Proteste leid. Jedenfalls verkündete man im vorigen Jahr dass der „Deutsche Fernsehpreis“ gründlich reformiert werde. Reform – so nennt man alles, was weh tut, aber gut klingen soll, weil aufgeschlossene Menschen dann erstmal an die Abschaffung der Folter und der Leibeigenschaft, allgemeines Wahlrecht oder Emanzipation denken. Heute sind damit aber eher Hartz IV und Riester-Rente gemeint, die eh keiner bekommt.

Beim „Fernsehpreis“ heißt Reform: Farewell, Emmy – die Einzelkategorien werden abgeschafft, denn auch Fernsehfilme seien ja Teamarbeit. Während man gleichzeitig ein ganz anderes Team für seine Verdienste um die Qualität des deutschen Fernsehprogramms ehrt. Aber wenigstens  für die hauptdarstellenden Schauspieler war das mit der Teamarbeit nicht so ganz ernst gemeint, die behalten ihre Einzelehrung – schließlich braucht man ja noch jemanden, den man publikumswirksam über den Roten Teppich schicken kann, ehe man ihn bittet, auch mal für weniger Geld zu arbeiten.

Aber wie eigentlich, wenn Fernsehen ohne all die anderen Gewerke doch irgendwie so aussieht? Oder so.

Und damit ist der „Deutsche Fernsehpreis“ endlich das, was er immer schon sein sollte: Eine Dauerwerbesendung fürs eigene Programm. Bloß, wer braucht sowas?

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Das kleine Trauerspiel: Wie das ZDF vom Nachwuchs profitiert

Von wegen klein! Das kleine Fernsehspiel ist heuer auch schon 48. Da kann man sich schon so seine Gedanken machen, wieso es immer noch so gerne mit den kleinen Filmemachern abhängt. | Foto © ZDF

Der Nachwuchs liegt den öffentlich-rechtlichen Sendern besonders am Herzen. Seit 1963 hat das ZDF „Das kleine Fernsehspiel“ und ist dafür schon oft und reichlich gelobt worden. Nicht nur die kleinen Fernsehspiele selbst gewinnen regelmäßig Preise, auch die „Nachwuchsredaktion im ZDF“ ist für ihre Verdienste um die Filmkultur schon ausgezeichnet worden.

Das konnte auch die ARD irgendwann nicht mehr auf sich sitzen lassen, und dachte sich 2001, zusätzlich zum bisherigen Engagement in den Dritten Programmen, ihr „Debüt im Ersten“ aus – für „interessante und spannende Erstlingswerke junger Filmemacher“, als die zwar auch noch deren zweite Filme gelten, was aber ansonsten gar nicht übertrieben ist, wie ein Blick ins bisherige interessante und spannende Werkverzeichnis zeigt.

In der Handhabung sind sich beide Reihen ähnlich, aber doch nicht ganz: Das ZDF sendet beinahe wöchentlich übers ganze Jahr, die ARD beschränkt sich auf einen Block in den Sommermonaten, wo zuletzt elf Filme liefen. Das sind Filme, an denen ein oder mehrere Sender der ARD als Koproduzenten beteiligt waren, die Filme werden zuerst im Kino ausgewertet (sofern sich ein Verleih findet), und erst nachträglich unter der Marke zusammengefasst. Zwischen Kinostart und dem Debüt im Ersten können ein paar Jahre vergehen. Weiterlesen

Das ZDF definiert seine Produzentenrolle wesentlich stärker. Nicht alles ist für die große Leinwand gedacht beziehungsweise landet nach einer Festivalpremiere gleich auf dem Bildschirm, wie es sich für ein Fernsehspiel ja auch gehört. Was doch vorher ins Kino kommt, kann nach vier Monaten schon im öffentlich-rechtlichen Nachtprogramm auftauchen. Mitunter hat man den Lauf der Dinge auch schon umgekehrt und strahlte einen Film auch gerne mal kurz vor Kinostart aus – es wird sich schon noch einer finden, der sich trotzdem eine Eintrittskarte kauft. Falls es bei dieser Form der Nachwuchsförderung darum geht, die nächste Generation ganzheitlich für den Filmmarkt fit zu machen, ist das vielleicht nicht die geschickteste Terminplanung. Es scheint aber ohnehin eine Ausnahme gewesen zu sein.

Problematischer ist die Zeitplanung an sich. Beide Sender geben sich nämlich größte Mühe, ihr Engagement, auf das sie so stolz sind, im Programm möglichst so zu verstecken, dass es auch ja niemand mehr sehen kann – wochentags in der Nähe von Mitternacht das ZDF, die ARD eine Stunde früher. Da will zwar ein unbekannter Autor der Wikipedia eine „zweite Prime Time“ verorten, doch das ist Unsinn, weil es die nur in Ländern gibt, wo die Tagesabläufe etwas verschoben sind, also die Zuschauer später ins Bett gehen, weil sie auch später aufstehen – womit die Schiene zwischen 22 Uhr und Mitternacht deren erste Prime Time ist. Besser gesagt: einzige. Weil die flockige Prime Time ja nichts anderes ist als die gute, alte Hauptsendezeit. Und wie viele „Erste Zeiten“ kann ein Sender wohl haben?

Wie auch immer – wochentags nach zehn ist ganz schlecht, will man ein möglichst großes Publikum erreichen, weil die einen dann lieber ins Bett, die anderen noch ein bisschen was trinken gehen. Und weil das hoffentlich auch Fernsehredakteure wissen, steckt vermutlich Absicht dahinter, wenn zur (echten) Prime Time lieber Schmonzetten vor englischen Küsten, schwedischen Wäldern oder bayerischen Bergen gesendet werden, bis auch der letzte Gebührenzahler ausgestorben ist.

Vermutlich traut man also dem eigenen Engagement nicht so ganz und fürchtet, die Restzuschauer zu überfordern. Dabei drehen sich längst nicht alle Debüts und Fernsehspiele um alleinerziehende Alkoholiker in Plattenbausiedlungen (obwohl sowas auch nicht schlecht sein muss), sondern sind kluganrührendlustiganregendecht, also all das, was die Prime Time hin und wieder vertragen könnte. Und ja, ich weiß von den Mediatheken beider Sender, die neuerdings das zeitsouveräne Nachschauen erlauben, genauso wie ich Video- und Festplattenrekorder handhaben kann, was man Pilcher-Fans aus irgendwelchen Gründen nicht zumuten will. Doch darum geht’s nicht, sondern darum, welches Selbst- und Zuschauerverständnis das öffentlich-rechtliche Fernsehen über Sendeplätze wiedergibt. Und wie ernst man den Nachwuchs wirklich nimmt. Sat.1 ist da mit seinen neuen Plänen etwas mutiger.

Das Engagement, das so gerne gelobt wird, entzaubert sich so leicht zur reinen Eigenwerbung. Zumal ja gerade das ZDF sich mit den Fernsehspielen auch die Sendezeiten seiner Subkanäle füllt. 26 neue Produktionen entstehen zur Zeit im Jahr, allein 40 Montagnächte werden mit den Fernsehspielen bedient. Und das alles noch recht günstig, weil die „Nachwuchsfilme“ entsprechend niedrig budgetiert werden – da lernen die neuen Filmemacher ja noch und sollen lieber stolz sein: Sie werden ja gesendet.

Genau, höre ich es da rufen, was gibt’s denn da zu meckern? Nun, nicht viel, bis auf das, was ich bereits zur Schelte gegen Sat.1 angemerkt habe. Natürlich könnte das ZDF auch anderes an dieser Stelle senden. Aber das wäre dann eben anders, und keine Romantische Komödie aus Kasachstan, die reihenweise Festivalpreise eingesammelt hat und gar für den „Europäischen Filmpreis“ nominiert war, und auch kein Wettbewerbsbeitrag der Berlinale, der aktuelle Themen mit einigem Unterhaltungswert darstellt, sondern vermutlich doch nur wieder sowas oder sowas.

Soll heißen: Die kleinen Fernsehspiele bringen frischen Wind ins Programm, davon hat auch das ZDF etwas. Wenn der Sender das sonst nicht senden will, ist er selber schuld. Wer allerdings gerne für weniger arbeitet, auch. Das sehen übrigens die meisten Berufsverbände in der Branche genauso.

Tatsächlich ist das Förderprogramm fürs ZDF sogar ein lohnendes Geschäft. Zum einen, weil man wenig Geld ausgibt. Heike Hempel, einstige Leiterin des Kleinen Fernsehspiels gab mal die Herstellungskosten pro Projekt mit „maximal einer Million Euro“ an, wobei „unsere Beteiligung bei höchstens 500.000 Euro“ liege. Denn „wir arbeiten ausschließlich im Low-Budget-Bereich.

Das klingt, als wäre man stolz drauf. Low-Budget, das hat ja auch so einen wild-romantischen Touch, jedenfalls für diejenigen, die so nicht selber Filme machen müssen. Und die überschlagen sich dann mitunter in gedankenlosen Schwärmereien wie: Das kleine Fernsehspiel „überzeugt immer wieder mit Produktionen, die ein niedriges Budget mit hoher Qualität vereinbar machen“ oder finden da „umso erstaunlicher die Tatsache, dass mit einem Etat von zirka 10 Millionen DM Mitte der 90er Jahre etwa 40 Produktionen jährlich realisiert werden konnten (mehr als 2.000 seit der Gründung).“

Sieh an, wofür andere getadelt werden, bringt dem ZDF Lob oder sogar noch einen Preis. Aber die qualitative Überzeugungsarbeit leistet natürlich nicht der Sender oder seine Superredaktion, die hoffentlich nicht allzu weit unter Tarif arbeiten muss, weil die Redakteure so stolz sind, dass sie überhaupt senden dürfen. Sondern die Filmemacher, die trotz (und nicht wegen) knapper Budgets noch etwas Brauchbares zustande bekommen. Mehr als 2.000 Mal seit der Gründung. Überzeugend sind solche Produktionsbedingungen aber nicht, wie etwa hier auf Seite 6 schon vor 15 Jahren gewarnt wurde.

Denn eigentlich ist es noch viel schlimmer. Von der Obergrenze sind die meisten Produktionen weit entfernt. Obwohl offizielle Zahlen kaum veröffentlicht sind, ist bei den kleinen Fernsehspielen meist von Budgets zwischen 100.000 und 300.000 Euro zu hören (auch da die Tendenz eher zum unteren Rand), für eine Dokumentarfilmreihe hatte die Redaktion gar mal 80.000 Euro pro Projekt veranschlagt.

Mein absolutes Lieblingszitat, das einiges über das Einfühlungsvermögen der Nachwuchsförderer verrät, war aber vor acht Jahren in der „Blackbox“ zu lesen. Das ist ein filmpolitischer Newsletter, der von der Journalistin Ellen Wietstock herausgegeben wird. Und weil Das kleine Fernsehspiel damals 40 wurde, gab es auch ein Interview, über das ich neulich wieder gestolpert bin. Das heißt, gestolpert bin ich über eine Antwort der damaligen kleinen Fernsehspielleiterin Heike Hempel, als Wietstock folgendes feststellte: „Filmemacher und Produzenten beanstanden, daß Kleine Fernsehspiele nur unter Selbstausbeutung realisierbar sind.“ Heike Hempel: „Low-Budget kann in der Tat heißen: Man mobilisiert all seine Freunde, nutzt deren Autos und Wohnungen. Es ist klar, daß solche Produktionsbedingungen nur bei ein oder zwei Filmen durchzuhalten sind. Aber manch ein Regisseur, der dann später mit 80 Wohnwagen und dem Verleiher im Nacken arbeiten muß, sehnt sich zuweilen danach, wieder einen kleinen Film zu drehen. Geld kann auch behindern.“

Die drei Pünktchen sollen meine vorübergehende Sprachlosigkeit ausdrücken. Tatsächlich ist die Bettelmasche aber Programm. Denn zur gleichen Zeit stellte Claudia Tronnier, die Hempel inzwischen auf den Posten gefolgt ist, fest: „Alle Filme sind Low-Budget-Produktionen, die zum Teil einen erheblichen Mehrwert durch die Zusammenarbeit mit Förderungen und anderen Kooperationen erzielen.“

Und wer meinte, das sei alles schon ziemlich skandalös, kann nach diesem Satz noch etwas mehr lernen. Zum Beispiel wurde „Kiss and Run“, das Regiedebüt von Annette Ernst von 2002, nach einem Drehbuch von Maggie Peren, in der Reihe gefördert. Gefördert wurde es aber vor allem von den Institutionen, die für sowas eigentlich zuständig sind: Mit (von Mark umgerechnet) rund 50.000 Euro vom Kuratorium junger deutscher Film, 30.000 Euro von der MFG Baden-Württemberg, 102.200 Euro vom Medienboard Berlin-Brandenburg (damals noch FBB), die zur Hälfte bereits als ZDF-Mittel ausgewiesen sind, 179.000 Euro vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und 5.000 Euro von der Hessischen Filmförderung (anteilig umgerechnet aus einer Anschubförderung über 30.000 Mark, die der neugegründeten Produktionsfirma für ihre ersten drei Filme bewilligt worden war). Den „Thomas-Strittmatter-Drehbuchpreis“ über 25.000 Euro, den die MFG Maggie Peren verliehen hatte, rechne ich nicht ein und komme trotzdem auf eine Summe von 366.200 Euro. Allzu teuer kann die »kleine wilde Low-Budget-Spielfilmproduktion« das ZDF da wohl nicht mehr gekommen sein. So macht man Programm.

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Ein Sendeplatz für kleine Tiere: Wie Sat.1 für den Nachwuchs sorgt

Joachim Kosack hat den Nachwuchs fest im Blick: „Junge Talente zu fördern, ist für uns eine echte Herzensangelegenheit“, sagt der Fiction-Chef von ProSiebenSat.1. | Foto © Holger Raunet, ProSiebenSat.1

Als neulich die „First Steps“ verliehen wurden, hielt auch Joachim Kosack, eine Rede. Das darf er, schließlich ist er Mitgeschäftsführer von Sat.1, einem der vier Ausrichter des Nachwuchspreises, der sicherlich einer der wichtigsten seiner Art ist (der Preis), wenn auch bei weitem nicht der einzige. Außerdem nennt sich Kosack „Senior Vice President Deutsche Fiction der ProSiebenSat.1 TV Deutschland GmbH“, ist also verantwortlich für die deutsche Spielfilmproduktionen der Sendergruppe und kennt sich da auch praktisch aus.

In seiner Rede verteidigte Kosack das jüngste Engagement seiner Sender für den Nachwuchs: Die Gruppe hat mit der Filmakademie Baden-Württemberg eine Kooperation vereinbart. Zwei Filme sollen pro Jahr mit jungen Regisseuren entwickelt und produziert und zur besten Sendezeit um 20:15 Uhr ausgestrahlt werden. Damit sie, die jungen Regisseure, die Chance haben, „sich mit ungewöhnlichen Ideen und außergewöhnlichen Plots im Fernsehmarkt zu etablieren“, hatte Kosack dazu erklärt. Denn „junge Talente zu fördern, ist für uns eine echte Herzensangelegenheit.“ Weiterlesen

Nun ist zwar Kosack offenbar einer von den Guten, aber da hatte er vielleicht ein bißchen dick aufgetragen. Denn für die Pläne gab es nicht nur Lob: Weil die Projekte mit einem geringeren Budget als üblich versehen sind, kam der Vorwurf, Pro Sieben und Sat.1 wollten sich am Nachwuchs bereichern, indem sie an den Gagen sparen und so bequem und billig ihre besten Sendeplätze füllen.

„Die Annahme ist falsch“, antwortete Kosack darauf in einer Pressemitteilung, die seine Rede zusammenfasst: „Nachwuchsfilme sind für uns nicht ertragreich, es geht hier also nicht um materiellen Gewinn.“ Sat.1 engagiere sich schon länger, nicht nur über die „First Steps“, sondern auch mit Wettbewerben zur Drehbuchentwicklung und Preisen für die Stoffentwicklung „an diversen Filmhochschulen“. Die neue Initiative ist da nur ein weiterer Schritt. Mit der Ludwigburger Produktionsfirma Zum Goldenen Lamm wird gerade der erste Film fertiggestellt, zwei weitere sind in Vorbereitung – einer mit Wiedemann & Berg, einer mit Teamworx. Der erste soll noch im Herbst zu sehen sein: „Die Stimmen der Vergessen“, ein 90minütiger „Mystery-Movie“ für Pro Sieben und das Fernseh-Debüt für den Regisseur Lars Henning Jung, selbst Absolvent der Filmakademie. Für Jung, Jahrgang 1977, ist es der erste Film „in freier Wildbahn“, aber der zweite Langfilm: Sein Abschlußfilm „Höhere Gewalt“ war vor drei Jahren bei den „First Steps“ nominiert.

Gedreht wurde im vorigen Herbst in Stuttgart, 27 Tage lang. Insofern stimmt eigentlich alles, und dass Sat.1 den Nachwuchs fördern will, wie es ARD und ZDF schon länger tun, ist doch eigentlich ein feiner Zug. Es ist auch wenig dagegen einzuwenden, wenn man dafür den „First-Steps“-Pool nutzt – das ist mehr oder weniger auch erklärtes Ziel der Veranstaltung. Trotzdem klagt Kosack, man bemerke „immer ein gewisses Zögern, wenn es um die Teilnahme an diesen Filmen geht.“

Warum? Offenbar misstraut man dem Geld, wie sein „Appell an alle Darsteller, aber auch an ihre Agenten, Manager und an alle Caster“ verrät: „Gebt uns dieselbe Chance wie den Öffentlich-Rechtlichen und spielt auch bei uns für eine geringere Gage bei einem erfolgversprechenden Projekt. Helft uns, dem Nachwuchs zu helfen. Und das zur besten Sendezeit.“

Da wird er am Ende zwar wieder ein bisschen dramatisch, aber die Aussage finde ich doch recht aufschlussreich. Besser gesagt, ich war hin- und hergerissen. Prinzipiell finde ich es nämlich gut, wenn der Nachwuchs und überhaupt alle anderen auch Chancen bekommen, da muss das nicht mal eine Herzensangelegenheit sein. Und gut finde ich auch, wenn sich Sat.1 als – meines Wissens – erster Privatsender die Chancenförderung für den Nachwuchs so zu Herzen nimmt. Denn das müsste man ja nicht tun. Ein Privatsender hat ja nicht mal, wie man leicht sehen kann, einen Kulturauftrag (obwohl, wie ich gerade feststelle, die richtig schlimmen Sachen eh bei der Konkurrenz laufen), sondern nur einen: Geld zu verdienen. Nichts weiter. Das kann man blöd finden oder ändern wollen, aber Sat.1 hat sich das System auch nicht ausgedacht.

Auf der anderen Seite wird mir immer ganz komisch, wenn ich etwas von „geringeren Gagen“ höre, erst recht, wenn im gleichen Satz ein Wort wie „erfolgversprechend“ auftaucht. Oder „wichtig“, „neuartig“, „schön, wahr, gut“… (und demnächst werde ich mal einen Blog zur Frage schreiben, ob wahre Kunst wirklich nur entsteht, wenn die Künstler richtig leiden oder ob das nur ein praktisches Klischee für Honorarverhandlungen ist, versprochen). Klar bringt jeder wahre Künstler gerne Opfer, damit wahre, große Kunst entstehen kann. Die Münchner Produktionsfirma Wiedemann & Berg, die hier auch wieder mitmischt, hat das ja schon mal bei einem Spielfilmdebüt vorgemacht und damit Großes vollbracht – sieben LolasCésarBaftaGuldbaggeRobert, drei Europäische Filmpreise und den Oscar hat das „Das Leben der Anderen“ erhalten. Seitdem sind die Produzenten gut im Geschäft und konnten auch öffentlichkeitswirksam Fördermittel zurückzahlen, der Nachwuchsregisseur dreht in Hollywood mit idealer Besetzung, sein Beleuchter aber nicht.

Man muss anerkennen, dass die beiden Produzenten sich da auf ein Projekt eingelassen hatten, das kaum einer für erfolgversprechend gehalten hatte. Das taten allerdings auch andere Beteiligte, indem sie sich auf geringere Gagen einließen. Rückstellungen gab’s ja keine, wie die Produzenten in „cinearte“ 120 erklärt hatten. Und, um dem Idealismus noch eins draufzusetzen: Nein, er habe nach dem unerwarteten Erfolg keine Nachvergütung erwartet, erklärte mir neulich jemand aus der Crew, der ebenfalls zur geringeren Gagen dem Nachwuchsfilm geholfen hatte. Aber über eine kleine Team-Party nach dem Oscar-Gewinn hätte man sich schon gefreut…

Nun war Wiedemann & Berg damals eine noch recht junge Produktionsfirma, die zwar einige beachtliche Kurzfilme produziert hatte und mit „Das Leben der Anderen“ selbst ihr langes Kinodebüt vorlegte und noch zu strampeln hatte. Bei einem großen Sender wie Sat.1 sieht die Sache aber doch ein bisschen anders aus. Da klingt die Aufforderung, ein wenig zurückzustecken, um bei etwas Großem mitzuwirken, doch stark nach dem, was Berufseinsteiger gerne beim Vorstellungsgespräch zu hören bekommen (und man kann sein halbes Leben nach diesem Prinzip verbringen, wie nicht nur Dauerpraktikanten erfahren: Auch mancher Filmschaffende hat ja seine Probleme mit der Marktwirtschaft).

Zumal das „erfolgversprechende Projekt“ ja nicht irgendein ambitioniertes Wagnis ist, daß der Filmemacher da schon jahrelang am Herzen trägt, das Prime-Time-Publikum aber verschrecken könnte. Nein, „Mystery-Movie“ nennt Sat.1 einen Krimi, der sich alsbald um übernatürliche Vorgänge dreht – was also zur Zeit doch ziemlich in Mode ist. Zweimal im Jahr kann man sich sowas schon mal „zur besten Sendezeit“ leisten, ohne gleich pleite zu gehen. Und, ganz ehrlich, was der Sender da sonst an Eigenproduktionen ausstrahlt, legt die Meßlatte ja auch nicht immer in unerreichbare Höhen.

Hoppla, hier geht’s ja um Pro Sieben. Da läuft um diese Zeit natürlich ganz was anderes.

Vor allem stellt sich aber die Gretchenfrage, warum man sich hier überhaupt so auf die Schulter klopft. „Nachwuchs“ klingt zwar toll nach Talentsuche und -förderung. Aber die hat da doch längst stattgefunden. Nach dem Selbstverständnis deutscher Filmhochschulen verlassen vollends ausgebildete Regisseure, Produzenten und Drehbuchautoren ihre Ausbildungsstätten, oft sogar mit ihrem ersten Langfilm als Abschlussarbeit. Manchem mag die Berufspraxis unter realen Bedingungen fehlen – doch es sind Berufseinsteiger, kein Nachwuchs mehr. Es sei denn, die Filmhochschulen hätten ein wenig übertrieben, dann müsste man sich freilich fragen, was die ganze Ausbilderei überhaupt soll.

Wenn es aber um den Berufseinstieg geht, ist es doch eigentlich normal, wenn ein Regieneuling seinen ersten Spielfilm inszeniert, und liegt im Interesse jedes Auftraggebers, der sich das neue Talent hoffentlich vorher genauer angesehen hat, ehe er ein Budget auf es setzt. Auch Lars Henning Jung  hat schon einiges vorgewiesen, und schließlich steht der „Nachwuchs“-Regisseur nicht allein am Set. Auch bei „Die Stimmen der Vergessen“ hat er Heads of Department mit langen Filmografien zur Seite. Man muss sich deshalb also nicht gleich loben. Der Kameramann, der einen neuen Materialassistenten anheuert, feiert sich ja auch nicht als Nachwuchsförderer (obwohl das in diesem Fall sicherlich angemessener wäre).

Bei den kommenden beiden Projekten sieht es schon anders aus. Die nämlich entstehen tatsächlich während des Studiums über den Stoffwettbewerb an der Ludwigsburger Filmakademie, erklärte Kosack meiner Kollegin Tina Thiele: „Wir haben die Studenten aufgefordert, für diese Sendeplätze Genre- beziehungsweise Mainstream-Stoffe zu entwickeln. Diesen Preis gibt es jährlich, der ist auch dotiert, und so kommen wir in den Kontakt zu Stoffen und zu Studenten, die sich vielleicht weniger im Arthaus-, sondern mehr im narrativen Mainstream-Kino tummeln. Das Ganze ist schon auf mehrere Jahre angelegt, es geht um wirklich nachhaltiges Arbeiten.“

Die Drehstartmeldungen für die beiden Projekte sind noch nicht raus, ich wollte aber schon wetten, dass sie kein Student inszeniert und auch über die Drehbücher nochmal ein erfahrener Autor oder Dramaturg drübergeht, als ich einen der Titel erfahren habe. Und siehe da (zum Glück gibt es ja eine zuverlässige Datenbank): Ganz falsch lag ich nicht. Nicht nur die Verantwortlichen für Casting und Szenenbild haben eine lange Filmografie, sondern auch Regisseur und Kameramann, auch wenn die anscheinend beide noch studieren. Beide haben für ihre Arbeiten schon Preise gewonnen, der Regisseur unter anderem auch bei „First Steps“. Und sein „Koautor“ ist alles andere als unbekannt, sondern im deutschen Fersehkrimi ziemlich gegenwärtig, was doch recht erfolgversprechend klingt. Das Risiko zur besten Sendezeit lässt sich also kalkulieren, wenn der Nachwuchs nur die Ideen liefert, die Stoffe dann von Profis weiterentwickelt werden. Auch eine Form von nachhaltigem Arbeiten.

Die Budgets seien ähnlich wie beim Kleinen Fernsehspiel des ZDF oder dem Debüt im Ersten. „Genauso sind dann auch die Gagengefüge“, sagt Kosack. Allerdings überlege man, auch wegen der Kritik von Agenten und Schauspielern, wie man bei Erlösbeteiligung und Rückstellungen nachbessern könne.

Das ist zwar noch recht vage formuliert, in einem hat Kosack freilich recht: Wer all das bei den Öffentlich-Rechtlichen akzeptiert, darf bei Sat.1 nicht wegen der Gage meckern.

Weshalb ich mir zum nächsten Mal die Sender mit Kulturauftrag anschaue.

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TV-Tipp: Traumberuf Fernsehen?

„Natürlich hätten wir die Sender gerne mit Beispielen konfrontiert, aber die Betroffenen wollten nicht konkret werden …“ endet die Moderation. Trotzdem ist es fürs Erste schon konkret genug, was vorgestern im Medienmagazin „Zapp“ über die Situation freier Fernsehmitarbeiter zu sehen war. Übrigens schon das zweite Mal in jüngster Zeit, dass der NDR auch sich selber kritisch an die Nase fasst. Hut ab!

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Idealisten und Selbstausbeuter – vom Leben und Arbeiten für den Film

„Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“ ist ein gern zitierter Spruch von Karl Valentin. Denn er gilt immer noch. | Foto © Archiv cinearte

Miniserien gibt es nicht nur im Fernsehen. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ hat sich im Juni mal mit der deutschen Filmförderung befasst und sechs Personen aus der weiteren Filmlandschaft nach ihren Erfahrungen befragt. Zusammengestellt sind die Zeugen als irgendwie repräsentativer oder sonstwie ausgewogener Querschnitt: Publikumsliebling, Produzent, hoffnungsvolle Jungfilmer (Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilm), Festivalleiter und Förderfunktionärin. Weiterlesen

Kritische Töne soll man da nicht erwarten. Schließlich will es sich keiner öffentlich mit der Förderung verderben. Und natürlich wird die Gelegenheit auch für ein bisschen Eigenwerbung genutzt: Da lobt Petra Müller, Geschäftsführerin der Filmstiftung NRW, den Ländereffekt am Rhein, wie sie das schon in gleicher Funktion in Berlin getan hat, weil das ein „quantitativer Maßstab erfolgreicher Förderung“ sei. Und Andreas Ströhl, langjähriger Leiter des Filmfests München, meint, dass „Festivals und die damit verbundenen Auszeichnungen … zu einem wichtigen Marketinginstrument geworden“ seien.

Man merkt es schon: Auch wenn’s drübersteht – um Filmförderung geht es weniger in den Stellungnahmen. Stattdessen geben sie einen Einblick, dass es gar nicht so einfach ist, Filme zu machen. Dass „Filmemachen ein Risiko, für alle Beteiligten“ ist (Petra Müller). Dass Ausbildung und Wirklichkeit, Fördersummen und Qualität sich stark unterscheiden (Andreas Ströhl). Dass „erste Projekte wohl immer viel mit Selbstausbeutung zu tun haben“ (die Kurzfilmer Jonas und Jakob D. Weidemann) und „Geldverdienen sicher der unwichtigste Antrieb“ ist (der Regisseur Markus Sehr). Dass „die Zeiten, in denen Produzenten sich ein Vermögen schaffen konnten, lange vorbei“ sind (der Produzent Herbert Schwering).

Gut, der eine oder andere Filmemacher hat das vielleicht selber schon geahnt, aber „Die Zeit“ ist auch keine Fachzeitschrift. Schön also, wenn auch das Publikum mal was anderes erzählt bekommt als üblich und sieht, dass hinterm schönen Schein der Filmwelt nicht nur einiges an Arbeit steckt, sondern die manchmal auch ganz schön schwierig ist – auch für den aktuellen Kinokassenkönig: Seinen „1½ Ritter“ erzählt Til Schweiger, sahen zwar 1,8 Millionen Zuschauer, trotzdem „habe ich als Produzent noch Geld hineingesteckt und nichts verdient. Insofern konnte ich bisher zwar alle Filme, die ich gerne machen wollte, realisieren, aber immer mit einem hohen eigenen finanziellen Risiko.“

Wer jetzt an soviel Idealismus nicht glauben mag, kann gerne nochmal hier weiterlesen. Wer allerdings ein wenig tiefer ins Thema tauchen möchte, wird nebenan in Österreich fündig, wo es auch nicht sehr viel anders zugeht. Dort hatte die Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt den „Umgang mit Ambivalenzen in der Kreativwirtschaft“ untersucht. Ein Ergebnis ist die Website „Die kollaborative Wirtschaft“, wo die Antworten ausnahmsweise mal nicht nach Zahlen ausgewertet sind, sondern als Interviews stehen, die zum Stöbern und Schmökern einladen sollen: Geschichten erzählen als Modus der Informationsvermittlung, nennen das die Betreiber und fragen nach Arbeit und Karriere wie nach der persönlichen Lebensführung – beziehungsweise wie sich alles gegenseitig beeinflusst. Und weil die 100 Gespräche anonym gehalten sind, geht es auch mal deutlicher zur Sache: von Förderwillkürunfreiwilligen Warteschleifen und der Kunst, 70-Stunden-Woche und Familie irgendwie zusammen zu bekommen. Oder überhaupt weiterzumachen. „Wir werden nicht aussterben“, sagt eine Regisseurin, „aber grundsätzlich wird sich etwas ändern müssen, grob, weil das wird so einfach nicht funktionieren.“

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Klassenkampf im Auenland: Wie Peter Jackson und sein Hobbit Neuseeland in Aufruhr versetzten

Neuseeland und die 13 Zwerge: Die Verfilmung des „Hobbit“ durch Peter Jackson ließen die Nation um ihr junges Filmerbe zittern. | Foto © Warner Brothers, James Fisher

Vorige Woche wurde die PR-Maschine in Gang geschmissen: Jippieh! „Der kleine Hobbit“ wird verfilmt! Für Filmfreunde natürlich keine ganz so neue Nachricht. Die Vorgeschichte vom „Herrn der Ringe“ war ja schon im Gespräch, als die Fantasy-Trilogie selbst noch tüchtig Kasse machte, und auch wir haben wiederholt von Plänen, Rückschlägen und neuen Plänen in „cinearte” berichtet. Jetzt ist es aber offiziell, weil erstens in Neuseeland die erste Klappe geschlagen wurde und zweitens die ersten offiziellen „Filmfotos“ in alle Welt verschickt wurden. Das sind zwar keine richtigen Produktionsbilder, sondern nur ein paar hübsch fotografierte Aufnahmen von schwerbewaffneten Zwergen im Fotostudio, doch die wurden trotzdem begeistert aufgenommen und bevölkerten in kürzester Zeit webseitenweise das Internet. Zum Beispiel hier oder hier, gleich neben den Neuigkeiten wie „Hugh Hefner: So heiß sind seine Häschen“ und „Amy Winehouse: Sie hatte ihren Tod vorausgeahnt“. Na und? dachte ich bei der zweiten Meldung. Das tue ich auch! Abgesehen davon, dass die ganze Nachricht aus der wirren Anekdote eines „ehemaligen Mitbewohners“ besteht, der sich offenbar auch dann nicht blöd vorkommt, wenn er mit knallroter Sonnenbrille auf einer Beerdigung herumsteht. Aber so sieht sie wohl auch aus, die Informationsgesellschaft im grenzenlosen Internet – Hauptsache, die Sonnenbrille knallt richtig. Da kann „Der Hobbit“ doch locker mithalten, schließlich wird „kaum ein Film seit Jahren so sehnsüchtig erwartet.“ Weiterlesen

Wer’s ein wenig genauer wissen will, muss trotzdem woanders hinblicken. Vergnüglich sind auch Peter Jacksons eigene Video-Blogs über die Dreharbeiten, in denen er auf Youtube durchs Auenland stapft und hinter die Kulissen führt. Jedenfalls die, die er uns sehen lassen will. Zum Glück ist das Internet grenzenlos, wenigstens für diejenigen, die genügend Englisch können.

Damit nun kein falscher Eindruck entsteht: Das finde ich alles ganz toll, weil ich „Den Herrn der Ringe“ unzählige Male gesehen, dann die Bücher gelesen habe, danach die Filme immer noch klasse finde und mich freue, dass es nun irgendwie weitergeht, und sei es mit einem Prequel als Zweiteiler. Selbst, wenn wir darauf noch bis Weihnachten nächstes Jahr warten müssen.

Ehe uns bis dahin aber die Vorfreude völlig übermannt und wir uns verzaubern lassen von Gute-Laune-Videos mit glücklichen Filmschaffenden an schönen Sets, die sich alle liebhaben und schwärmen, was für ein tolles Erlebnis das war, als gäbe es einen Ersten Preis für DVD-Bonus-Material: Ganz so märchenhaft ist die Entstehungsgeschichte des „Hobbit“ nicht. Der Blick, den wir in cinearte 226 hinter die Kulissen warfen, zeigte, dass es Filmschaffende nicht nur in Deutschland schwer haben können, sondern auch am fast genauen anderen Ende der Welt.

Dort befindet sich bekanntlich die legendäre Welt von Mittelerde, seit Peter Jackson es fertiggebracht hatte, dort „Der Herr der Ringe“ zu verfilmen. Quasi im Alleingang hatte er damit seine Heimat Neuseeland, bis dahin allenfalls berühmt für Landschaft, Schafe und Kiwis, zum Filmstandort gemacht. Dass auch die Fortsetzung, also die Vorgeschichte, hier entstehen sollte, stand eigentlich außer Frage. Beziehungsweise war es nur noch eine Frage der Produktionsbedingungen, also wie viel sich das Land die Standortwerbung kosten lassen wolle. Darum war allerdings lange gefeilscht worden, gegen Ende vergaß Jackson alle Heimatliebe und drohte, einfach woanders zu drehen, Osteuropa oder so, wenn er das nicht zu seinen Bedingungen tun dürfte. Knackpunkt war vor allem die Forderung der Gewerkschaft Media, Entertainment and Arts Alliance (MEAA) nach einem einheitlichen Vertrag für alle Mitwirkenden, denn da gibt es ziemlich unterschiedliche Regelungen zu Arbeitsbedingungen und Bezahlung, wie Jackson selbst einräumt.

Denn am Set endet offenbar der neuseeländische Filmtraum: „Die Leute werden praktisch gezwungen, Bedingungen zu akzeptieren, die kein Schauspieler in irgendeinem anderen englischsprachigen Land ertragen muss“ sagt etwa der Schauspieler Roy Billing, der seine Heimat schon vor 20 Jahren verließ, um in Australien zu arbeiten, wo es Tarifverträge gibt. Sein Landsmann Jon Woolf, der als Key Grip an den Miniaturen für alle drei Teile vom ,Herrn der Ringe‘ mitwirkte, hatte zuvor 24 Jahre in Hollywood gearbeitet. Dort sei er bei jeder Produktion angestellt gewesen – „das ist die übliche Praxis in den USA.“ Aber beim „Herrn der Ringe“ gab es gar nichts zu verhandeln: „Ich bekam praktisch die Pistole auf die Brust gesetzt, wurde angeschrieen, dass ich unterschreiben müsse. Ich hatte eine Familie zu ernähren, also unterschrieb ich.“

Diese Position wurde von anderen Organisationen im Ausland unterstützt. Schauspielergewerkschaften in Kanada, Großbritannien und den USA, wie die einflussreiche Screen Actors Guild, riefen ihre Mitglieder auf, nicht am „Hobbit“ mitzuwirken. Die Branchenzeitschrift „Hollywood Reporter“ beschrieb Neuseeland als „wunden Punkt“ der Schauspielgewerkschaften in der englischsprachigen Welt.

Das zeigt sich auch so: Die MEAA ist eine australische Organisation, hat aber in Ermangelung landeseigener Alternativen einen neuseeländischen Zweig. Woraufhin Jackson wieder zum Patrioten wurde und  gegen den „Einfluss einer zerstörerischen Organisation“ wetterte, „die niemals die Interessen der Neuseeländer voranstellen wird“ und angetreten sei, „das große Herz herauszureißen, das in unseren Filmen schlägt.“ Tausende Neuseeländer folgten im vorigen Jahr dem Ruf, und demonstrierten, als Hobbits, Orks oder Gandalfs verkleidet, auf Straßen und Plätzen des Landes für Mittelerde – was voriges Jahr nicht nur hier sogar noch als Video zu sehen war, ehe die Informationsfreiheit des Internets mal wieder ihre Grenzen fand. Sogar Filmschaffende protestierten gegen die australische Einmischung. Neuseelands Premierminister John Key machte den Kampf um den Filmstandort zur Chefsache. Das Parlament verabschiedete im Oktober ein Notgesetz, das an den üblichen Ausschüssen vorbei die Realisierung der beiden Hobbit-Filme sicherstellen soll. Neben diesem „Hobbit-Gesetz“ sollte auch das Arbeitsrecht den Bedürfnissen der Produktion angepasst werden. Am Ende ließ man sich den Filmtraum mehr als 58 Millionen Euro kosten, die als Steuererleichterungen, Marketingzuschüsse und sonstiges an Warner Brothers gezahlt werden.

Wer keine Fremdsprachen mag, hat auch im Informationszeitalter seine Probleme. Denn auf deutschsprachigen Seiten musste man sich schon tief ins Netz klicken, um über all das zu lesen und blieb dennoch ziemlich an der Oberfläche aus zusammengedengelten Agenturmeldungen, die das eigentliche Problem der Arbeitsbedingungen souverän streiften und dann ignorierten. Lediglich „Die Welt“ interessierte sich für eine nachhaltige Berichterstattung, auch wenn ihr gelegentlich Perspektive und Fokus verrutschten.

Das sieht jetzt ganz anders aus. Fotos von Zwergen sind halt größere Nachrichten als die Probleme von Filmschaffenden.

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Zeit für Mord und Totschlag: Warum werden eigentlich kaum Krimis fürs Kino gedreht?

So sieht allen Ernstes ein Exportschlager aus. Und wenn schon „Derrick“ die Massen im Fernsehen begeistert, sollte das Kino das doch besser machen können. | Foto © ZDF

Wir wollen nicht bloß meckern, haben wir zum Start unseres Blogs versprochen. Das können andere eh viel besser und vor allem kurzweilig. Dass ich die Randnotizen des Kollegen Rüdiger Suchsland erst jetzt entdeckt habe, ist eigentlich ein Grund zum Schämen, aber sie sind auch gut versteckt. Was dort bei Artechok auf starre HTML-Seiten gemeißelt steht, ist eigentlich ein prima Blog und würde auch mehr Bewegung auf die Filmseite bringen, die ich in meiner Münchner Zeit sehr geschätzt habe. Die Technik ist heute weiter, nutzt sie! möchte ich nach München rufen – aber was rede ausgerechnet ich…

Auf die kleine Perle gestoßen bin und sogleich festgelesen habe ich mich bei der Suche nach ganz was anderem, nämlich einer Antwort: Wo steckt eigentlich der deutsche Krimi? Weiterlesen

Gut, die Frage mag überraschen, doch auf sowas kann man schon mal kommen, wenn man nach dem Kino so in der Buchhandlung sitzt und durch eine Fernsehzeitschrift blättert. Wie viele wissen, ist unser Volk versessen auf Mord und Totschlag – aus welchem Grund auch immer. Vom „Ostfriesenblut“ bis zum „Eifelschnee“ zieht das Verbrechen seine bücherdicke Spur durch die Republik, es gibt kaum eine Stadt oder Region ohne ihren eigenen Lokalkrimi.

Beim Fernsehen weiß man das. Der „Tatort“ zum Sonntag, die Regionalreihe schlechthin, ist auch nach 40 Jahren noch ein Straßenfeger, dem sich auch die unzähligen Konkurrenzkanäle ergeben, und wer die politischen Streitgespräche danach nicht spannend findet, kann nahtlos ins ZDF umschalten, wo skandinavische und britische Kollegen mit deutscher Koproduktionshilfe das Böse bekämpfen. Auch unter der Woche im Vor- und Abendprogramm, in Reihen und Serien, öffentlich-rechtlich und privat, aus den USA importiert oder selbst produziert tummeln sich die Hüter des Gesetzes. Mal besser, mal schlechter, mitunter hervorragend, aber meistens vor Publikum. Nicht zu vergessen die erfolgreichste Reihe von allen, die trotz ihres eher drögen Titelhelden zum Exportschlager wurde und es auf 281 Folgen brachte. Was immer man davon auch halten mag: Selbst Kojak und die coolen Jungs von „Miami Vice“ schafften nicht mal die Hälfte.

Aber was läuft im Kino? Der letzte deutsche Film mit Verbrechern und Kommissaren, an den ich mich da erinnern kann, ist „Das letzte Schweigen“, der außerdem ein „Kleines Fernsehspiel“ des ZDF ist. Doch die gefühlte Erinnerung reicht nicht. Also schauen wir auf die „Hitliste“ der Filmförderungsanstalt, die regelmäßig die 100 besucherstärksten deutschen Filme (also ab 8.000 Zuschauer) eines Kinojahrs zusammenstellt und damit einen recht guten Überblick des Gesamtschaffens gibt: Voriges Jahr hatten 119 deutsche Spielfilme ihre Erstaufführung.

Das Krimiangebot der jüngsten fünf Jahre ist übersichtlich: Wegen der deutschen Beteiligung, die man ihnen nicht ansieht, sind ein paar internationale Koproduktionen darunter wie 2009 „Der Ghostwriter“, 2009 „The International“, 2008 „Transsiberian“ oder 2006 „Der ewige Gärtner“, nicht aber die Filme der Millenium-Trilogie. Dann zwei Komödien („Jerry Cotton“ und „Mord ist mein Geschäft, Liebling“) und zwei Dramen („Knallhart“ und „Der Räuber“), die man mit viel gutem Willen dem Genre zurechnen könnte. Ansonsten steht da lediglich „Tannöd“, im vorigen Jahr mit rund 268.000 Besuchern auf Rang 34. Also ein Krimi in fünf Jahren, gesehen von einem aus 300 Deutschen. Der Rest sind gewichtige Dramen, leichte Komödien und Kinderfilme.

Woran liegt’s? Dass die Deutschen eifrige Krimifans sind, aber träge, wenn’s ins Kino gehen soll? Und dies gerade anderthalb Mal im Jahr hinbekommen – also einer schafft den zweiten Besuch, der andere dreht unterwegs um oder landet auf halbem Wege in der Kneipe. Na, was soll er auch machen? Es läuft halt nur ein Krimi in diesem Jahr.

Nicht, daß es die Literatur soviel besser hätte und die Leute lieber ein gutes Buch läsen. Um die 380 Millionen werden pro Jahr im Land verkauft – nicht mal fünf Bücher pro Kopf. Die großen Leser sind wir also auch nicht. Aber jedes vierte Buch unter all den Ratgebern und Geschenkbändchen ist immerhin ein Krimi.

Die Verleger haben erkannt, was ihr Publikum will. Die Filmemacher tun sich da noch schwer – gar nicht mal mit dem Genre, wo Rainer Kaufmann und viele andere Beachtliches abgeliefert hatten. Stefan Ruzowitzky hatte im Genre seinen Durchbruch erlebt (was ihn später bis zum „Oscar“ führte), Robert Schwentke empfahl sich mit einem Thriller für Hollywood. Andere haben sich am Kino die Finger verbrannt, wie Dominik Graf, der seit „Die Sieger“ lieber fürs Fernsehen arbeitet oder Nico Hofmann, der sich nach „Solo für Klarinette“ aufs Produzieren konzentriert und statt mit Kinokrimis mit Doppel-Event-Fernsehspielen größere Erfolge feiert. Beide haben aber vorher und hinterher gezeigt, was im Genre möglich ist, obwohl (auch das spielt eine Rolle) der Deutsche Film da nicht die gleiche lange Tradition hat wie etwa Frankreich oder die USA. Und: Alle dieser Produktionen waren durchweg prominent besetzt, mit Gesichtern, die auch wiedererkennen könnte, wer nur anderthalb mal im Jahr ins Kino geht.

Wir wollen gemeinsam nach Lösungen suchen, haben wir zum Start unseres Blogs versprochen. Hier ist ein Vorschlag. Die Zielgruppe wartet auf halbem Weg in der Kneipe.

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Für die freie Verfügbarkeit fremden Eigentums! Kino.to ist zurück im Netz

Ladendieb

Stimmt: Filme sind keine Tütensuppen. Filme kann man „im Internet herunterladen“. Die Suppe muss man schon selber klauen. | Illustration © cinearte

Ach ja: Kino.to ist wieder da. Das ist keine Überraschung. Nachdem das halb-, viertel- oder illegale oder sonstwie in der Grauzone rechtlicher und moralischer Vorstellungen blühende Filmportal und einige andere abgeschaltet wurden, dauerte es nur gefühlte zwei Mausklicks, bis die Nachfolger ausgemacht waren. Wie hilflos der Schlag der Justiz war, lässt sich in einer schönen Überschrift zusammenfassen.

Das Netz ist halt rasend schnell, die Nachfrage offenbar groß, und man kann fleißig diskutieren, ob das nun daran liegt, dass die Filmbranche in Europa kein legales Portal zustande bekommt und da den USA weit hinterherhinkt, wie das sogar die EU-Kommission bemängelt, oder weil Filmverleiher und Kinobetreiber allesamt Ausbeuter sind, die fürs Anschauen ihrer Filme auch noch Geld verlangen, oder die Leute einfach nur gerne nehmen, was sie umsonst bekommen, egal woher es kommt, was es taugt oder wem es gehört. Weiterlesen

Die Betreiber von Kino.to selbst hatten sich gleich nach dem Abschalten mit einiger Rechtschreibschwäche als eine Art Guerilla der guten Sache selbstdargestellt, wahlweise auch als Freiheitskämpfer im Internet oder wurden gleich von trauernden Fans selig gesprochen. Tatsache ist: Das System dahinter ist gut organisiert  und brachte gutes Geld. Auch denen, die unerlaubt die Filme von anderen hochgeladen hatten.

Logisch also, wenn man das erfolgreiche Geschäftsmodell nicht so einfach aufgeben will. Jetzt ist auch die alte Oberfläche, angeblich mit kompletter Datenbank, wieder online, in der Webadresse lediglich um einen Buchstaben erweitert. Eigentlich sollten wir für sowas nicht auch noch Werbung machen. Weil es aber eh überall steht, können wir uns die Bedenken schenken. Auf der neuen Website machen die alten Betreiber nämlich wieder heftig Stimmung gegen „überteuerte Kinovorstellungen und verspätete Serien-DVD-Releases“, gegen „fanatische Geldgeier-Organisationen“ und den „Wahn“ von „Filmindustrie und Staat“ mit „haufenweise Geld“ (selbst wenn sich da Politik und Industrie selbst nicht ganz einig sind), die „harmlose Webseitenbetreiber auf eine Stufe mit Mördern und Vergewaltigern gestellt“ hätten.

So ganz stimmt das nicht, weil Mörder es doch ein bisschen schwerer haben, aus der Untersuchungshaft entlassen zu werden als harmlose Webseitenbetreiber, erst recht, wenn letztere geständig sind. Wer harmlos ist, dürfte zwar nicht allzu viel zu gestehen haben, „verarscht“ fühlen sich die Webseitenbetreiber trotzdem: „Für was finanzieren wir euch jeden Monat? Damit ihr uns verarscht?!“ Genau! Für was finanziert Kino.to… oder, Moment mal, sollte man nicht besser zurückfragen: Womit? Womit genau will Kino.to eigentlich jeden Monat die undankbaren Geldgeier von Staat und Filmindustrie finanziert haben?

Zugegeben, ich bin ein wenig anderer Meinung: 12,99 Euro für einen ofenfrischen Film auf DVD, den ich mir dann in Endlosschleife angucken kann, halte ich für akzeptabel, und wenn er ein halbes Jahr später weniger als die Hälfte kostet, sogar für günstig – wie offenbar viele andere, was auch meinen Drogeriemarkt seit einigen Jahren immer mehr freut. Wenn ich das nicht mag, kann ich ja immer noch leihen. Wenn auch nicht mehr lange, weil den Videothekaren die Kunden im Internet verloren gehen, wo sie die Filme umsonst gucken können wollen. Oder bevor sie auf DVD starten – besonders die Fernsehserien, die ja eh dauernd verspätet herauskommen, also erst, nachdem sie im Fernsehen liefen, obwohl das ja eigentlich ihre namensgebende Daseinsberechtigung ist. Oder weil sie den Film lieber in Originalversion sehen wollen als in der uncoolen deutschen Synchronisation, aber vielleicht an der Fernbedienung des DVD-Spielers der Knopf kaputt ist, mit dem man das Sprachmenü anwählen kann… Wie jetzt, Sprachmenü?

Einverstanden, die überdurchschnittlichen Preise im Multiplex ärgern mich genauso wie die ganze buntlackierte Supermarktarchitektur, die wenig Lust zum Bleiben weckt. Das lässt sich aber einfach vermeiden, indem man in ein richtiges Kino geht, wo die Cola zum Film nicht in ballermann-großen Eimern ausgeschenkt wird. Was auch den Vorteil hat, dass man nicht so oft aufs Klo muss (das in normalen Kinos außerdem recht gut zu Fuß zu erreichen ist) und mehr vom Film mitbekommt, sich also möglicherweise eine zweite Vorstellung sparen kann, um die Handlung zu verstehen. Manchmal sind sogar die Kommentare besser und die Händis bleiben aus. Gut, das letzte war ein Scherz – wie sollte ich denn sonst gleich nach dem Vorspann auf mein Facebook-Profil posten, dass ich irgendwie in einen französischen Krimi geraten bin, der aber voll @&%¡#* ist, weil da Russell Crowe nicht mitspielt und ich keinen von den anderen Typen kenne außer dem Tranigen, der da irgendwo in „Godzilla“ oder so zu sehen war und doch auch schon mal so einen ziemlich coolen Killer gespielt hat, hier aber auch nicht dabei ist. Außerdem ist das US-Remake eh besser, das konnte ich mir neulich schon im Internet ansehen. Ist vielleicht doch eine feine Sache, auf Kino.to…

Um es auch den Tausenden von Filmliebhabern klarzumachen, die sich über die Auferstehung des „legendären Online-Stream-Portals“ (Eigenwerbung Kino.to) freuen, brechen wir das virtuelle Phänomen mal auf eine fiktive Wirklichkeit herunter, in der Art Haus als echter Filmliebhaber ein kleines Programmkino betreibt. Davon allein kann er freilich nicht richtig leben, weil die meisten seiner potenziellen Besucher lieber ins Multiplex gehen, um sich über die Preise zu ärgern und größere Cola-Becher zu kaufen. Weil Art aber nicht nur Filmliebhaber, sondern auch Geschäftsmann ist, denkt er sich noch etwas Neues aus und richtet nebenan ein Filmcafé und eine Videothek ein. Jetzt muss er sich aber auch noch darum kümmern und ist bisweilen abgelenkt. Das bringt Ingo To., der nebenan eine Imbissbude betreibt und seinen Nachbarn eh für einen Geier mit haufenweise Geld hält, der wild in die Gegend expandiert, auf eine pfiffige Geschäftsidee: Wenn Art im Café bedient oder Videos verleiht, sperrt Ingo die alte Brandschutztür in seinem Keller auf. Durch den Spalt können seine Gäste dann die neuesten Filme umsonst gucken, und der Würstchenumsatz steigt deutlich. Und wenn Art abends nach Hause geht zum Champagnerbaden mit Luxusprostituierten oder die Nachmittage auf dem Golfplatz verspielt oder was expandierende Kinobetreiber sonst so treiben, wird’s noch toller: Dann schleicht sich Ingo nach nebenan, legt einfach die Rolle noch mal ein und lädt seine Kumpels und deren Kumpels zur Gratis-Sondervorstellung – nur Würstchen und Cola müssen sie bei ihm kaufen. Vielleicht sponsort auch noch der Gebrauchtwagenhändler um die Ecke. Nur Art wundert sich, warum vermeintlich immer weniger Leute ins Kino gehen.

Richtig Erfolg hat Ingo mit seiner tollen Idee trotzdem nicht, weil erstens die Kumpels ihn für einen Geldgeier halten, der immer noch zu viel an seinen Würstchen verdient und viel zu kleine Becher hat, und zweitens Art irgendwann pleite ist und aus dem Kino ein Discountladen für Schuhe wird, die für Halbe-Cent-Beträge von Grundschülern auf Sri Lanka zusammengeklebt werden, die dann deutsche Schuhfabrikarbeiter kaufen, weil ihnen die eigenen Produkte zu teuer sind und Schuhfabrikanten eh alle Geldgeier. Natürlich sind die singhalesischen Grundschüler gar keine mehr, weil sie ja Schuhe zusammenkleben müssen, statt zu lernen, und deshalb nie eine eigene Fabrik haben werden, sondern immer für wenig Geld Schuhe zusammenkleben, bis sie, nach drei, vier Jahren, durch andere Grundschülern ersetzt werden. Natürlich haben auch die deutschen Arbeiter bald keine Fabrik mehr und stehen an für Hartz IV. Zum Glück sind wenigstens die Schuhe billig…

Die DVD in der Videothek könnten Ingos Kumpel eigentlich auch gleich so einstecken – sind ja eh viel zu teuer, die Dinger. Aber sowas macht keiner. Das wäre ja Diebstahl.

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Sex und Gewalt – was wollen uns Youtube und Hollywood eigentlich erzählen?

Sein Kurzfilm „Cashback“ hätte Sean Ellis beinahe einen „Oscar“ eingebracht. Einen Highschool-Lehrer brachte der Lobgesang auf die weibliche Schönheit um den Job. | Foto © Tobis

Manchmal ist das Leben tatsächlich wie ein Film. Bear Capron erlebte das vor zwei Jahren, als er sich unversehens in den Szenarien von „Der Club der toten Dichter“ und „Mona Lisas Lächeln“ wiederfand. Der Mann mit dem kunstvollen Namen unterrichtete mehr als 20 Jahre lang Dramaturgie an der Castilleja-Schule in Palo Alto bei San Franzisko in den USA und leitete die dortige Theatergruppe. Die Castilleja liegt nahe dem Campus der renommierten Stanford-Universität und ist eine der jener privaten sogenannten Prep Schools, die den Nachwuchs derjenigen, die es sich leisten können, auf die großen Universitäten des Landes vorbereiten. Für umgerechnet rund 2.000 Euro im Monat gibt’s kleine Klassen mit mehr als 60 Lehrern für die 415 Schülerinnen und reihenweise Extrakurse – kurz: hier wird die kommende Elite der freien Welt ausgebildet. Das „Wall Street Journal“ sah die Castilleja 2007 sogar unter den 50 führenden Einrichtungen ihrer Art – weltweit (wobei sich die Welt hier bis auf zwei Ausnahmen in den USA befindet und Südkorea eine Stadt ist). Und Capron war dort offenbar einer der beliebtesten Lehrer. Bis zum Oktober 2009. Weiterlesen

In diesem Monat kam er auf die Idee, seinen Schülerinnen der 9. Klassen einen Kurzfilm zu zeigen, der für den „Oscar“ nominiert gewesen war und auf einigen Festivals, wie dem Tribeca, Preise gewonnen hatte: In seiner romantischen Komödie „Cashback“ erzählt der Engländer Sean Ellis 2004 von einem Kunststudenten, der nach einer gescheiterten Beziehung an Schlaflosigkeit leidet und die freie Zeit in der Nachtschicht eines Supermarkts verbringt. In diesem Biotop entdeckt er, dass er die Zeit anhalten kann, beobachtet seine mehr oder weniger schrägen Kollegen, sinniert über die Schönheit fremder Frauen und findet irgendwie sogar die Liebe wieder. Wer mag, kann das als eine jüngere und kleinere Variation von François Truffauts „Der Mann, der die Frauen liebte“ sehen. Die Produktionsfirma jedenfalls machte, durch den Erfolg ermutigt, mit dem gleichen Team sogar einen Langfilm daraus, in den der Kurzfilm unverändert übernommen wurde. In Deutschland hat der Spielfilm die Altersfreigabe „FSK 12“, ist also schon für Zwölfjährige freigegeben, in den USA ist er „R“ eingestuft, was heißt, dass Kinder unter 17 den Film nur mit erwachsener Begleitung schauen dürfen, denn es sind nackte Frauenkörper zu sehen.

Für Capron war das kein Problem. Er hatte in Amsterdam studiert und dort bis zur Rückkehr ins auch recht liberale Kalifornien Mitte der 80er Jahre gelebt, steht offen zu seiner Homosexualität und ist seit langem mit dem klassischen Komponisten Alva Henderson verheiratet. Und es war auch nicht das erste Mal, dass seine Schülerinnen Filme mit dieser Altersfreigabe zu sehen bekamen. Aber Capron ist auch ein erfahrener Lehrer und macht darum alles richtig: Holte vorab die schriftliche Einverständnis der Eltern ein und stellte den Schülerinnen frei, der 18minütigen Vorführung fernzubleiben. Es half nichts – unmittelbar nach der Unterrichtsstunde wurde Capron ohne die Angabe von Gründen entlassen und von der Website der Schule gelöscht.

Es half auch nicht der Sturm, der daraufhin losbrach. In einem Offenen Brief protestierten Schülerinnen, Eltern und Absolventinnen gegen die Entlassung, forderten eine Erklärung der Schulleitung und unterzeichneten eine Petition. Dies sei nicht der liberale Geist, den sie mit ihrer Schule verbinden, und den die Castilleja selbst mit ihren fünf C auf ihrer Website propagiert: „Conscience, Courtesy, Character, Courage, and Charity“ (Gewissen, Höflichkeit, Charakter, Mut und Wohltätigkeit). Eine Ehemalige, inzwischen Studentin in Harvard, gab aus Protest ihren Preis im Lateinwettbewerb zurück, die Künstlerin Eliza K. Jewett, ebenfalls Castilleja-Absolventin, forderte ihre Leihgabe an die Schule ein.

Die verlangte Erklärung lieferte die Schulleiterin nicht – außer der vagen Formulierung, es habe unterschiedliche Ansichten über die Unterrichtsgestaltung gegeben. Blieben nur Spekulationen: Wurde Capron entlassen, „weil er schwul ist?“ mutmaßte eine Schülerin. Aber doch nicht in Kalifornien! Wahrscheinlicher ist die Hypothese einer späten Rache, für die die Unterrichtsstunde nur den Vorwand gab. Zwei Jahre vorher hatte Capron für die jährliche Schulaufführung „Lysistrata“ gegen den Widerstand der Schulleitung durchgedrückt. Der Klassiker aus dem fünften Jahrhundert v. Chr. ist das dritte der pazifistischen Stücke des griechischen Dramatikers Aristophanes: Um den Krieg zwischen Sparta und Athen zu beenden, verbünden sich die Frauen beider Lager und verweigern ihren Männern den Beischlaf, bis endlich wieder Frieden herrsche.

Für die Schulaufführung wurde das Stück gleichwohl zensiert. Was zum einen daran liegen mag, dass das Original recht deftig ist. Vielleicht aber auch, dass solche Geschichten unpatriotisch wirken können, wenn die Nation gerade geschlossen rund um die Welt ihren Krieg gegen den Terrorismus führen soll. Capron selbst macht kein Geheimnis daraus, dass er Pazifist, Vegetarier und Buddhist ist.

Als im August 2010 eine neue Schulleiterin kam, änderte das trotz neuer Appelle nichts. Im Gegenteil: Die Geschichte des Konflikts, bis dahin noch in der englischsprachigen Wikipedia dokumentiert, wurde im November stillschweigend gestrichen. Der Versuch, in diesem April die Passage wieder einzusetzen, gleich darauf rückgängig gemacht. Auch das Mitmach-Internet ist keine Garantie für die Freiheit der Informationen.

Bear Capron jedenfalls arbeitet inzwischen für das Kindertheater in Palo Alto, und auch wenn sein Herz gebrochen ist, wie er auf seiner Facebook-Seite schreibt, ist das ein kleines Happy End. Weshalb uns der interne Zwist an einer teuren Privatschule für Höhere Töchter am anderen Ende der Welt eigentlich herzlich egal sein könnte. Gäbe es das Corpus Delicti nicht auch auf Youtube zu sehen – allerdings nur zur Hälfte, denn dann hört auch für Youtube der Spaß auf.

Nicht etwa wegen der Urheberrechte, die Googles Video-Plattform mehr oder weniger ernst nimmt, sondern weil es gegen ihre Richtlinien verstoße. Womit hier nackte Körper gemeint sind. Mit anderen „expliziten“ Darstellungen hat man auf Youtube wie im Kino überhaupt keine Probleme.

Was dort geschieht, sollte uns keinesfalls egal sein. Vor kurzem hatte das weltweit größte Onlineportal verkündet, zu einer Art Fernsehsender werden zu wollen. Fünf bis zehn Stunden an Unterhaltungsformaten sollen pro Woche professionell produziert werden, um neue Zuschauer ins Netz zu locken. Rund 100 Millionen Dollar wolle man sich das kosten lassen. Laut dem „Wall Street Journal“ spricht Youtube bereits mit Hollywood-Agenten, um die nötigen Inhalte zu beschaffen.

Von dort kommen ja schon länger skurrile Bilder auf uns zu. Die merkwürdig geschnittene Bettwäsche etwa, die bei Frauen die Brust verdeckt, ihrem Partner nebenan aber erlaubt, seinen Sixpack zu zeigen. Oder das Pärchen, das sich nach vollzogenem Liebesakt in kompletter Unterwäsche aus dem Bett schält. Den durchschnittlichen, nach 1968 aufgewachsenen Europäer amüsieren solche Darstellungen bestenfalls. Authentische Nacktheit ist kein wirkliches Problem mehr, seit die Päpste die bloße Schönheit der Kunst wiederentdeckt haben.

Bemerkenswerter sind die gesellschaftlichen Diskussionen, die Hollywood in die Kinos der Alten Welt bringt. Da werden Teenager an einer Highschool noch mit 16 ganz erregt beim Gedanken, eine ihrer Mitschülerinnen könne „es“ schon „getan“ haben. Da wird das Böse stets als so unbeirrbar niederträchtig oder unheilbar krank dargestellt, dass die Frage nach der Todesstrafe gar keine Frage mehr sein kann, sondern nur eine Notwendigkeit. Da werden militärische Präventivschläge in anderen Ländern als friedenserhaltend und persönliche Rachefeldzüge als „alternativlos“ gepriesen, wenn sie dem guten Zweck dienen und der legale Weg, also der Rechtsstaat, eine Sackgasse zu sein scheint.

So ist halt Hollywood? Nein, ist es nicht. Auch amerikanische Filme versuchen den normalen Umgang mit dem eigenen Körper bis hin zu gewagteren Szenen im Dienste der Erzählung, auch wenn mancher wieder nur das eine darin sehen kann, und Youtube seine Schwierigkeiten damit hat.

Die meisten der Geschichten um Sex und Gewalt stellen im Gegenteil sogar all diese Tabus und falschen Ideale in Frage, aber Hollywood, das zuerst für den Binnenmarkt und danach erst für den Rest der Welt produziert, muss nun mal auf andere Befindlichkeiten Rücksicht nehmen. Zum Beispiel Todesstrafe: Spätestens seit Tim Robbins 1995 mit „Dead Man Walking“ auf der Leinwand darüber nachdachte, ist er vielen seiner Landleute als „Liberaler“ verdächtig. Sein Kollege Tom Hanks beeilte sich vier Jahre darauf nach seinem Auftritt im ähnlich nachdenklichen Drama „The Green Mile“, zu beteuern, dass es sicherlich einige Verbrechen gebe, die nach der Todesstrafe verlangen. Klingt blöd, dafür ist er aber auch heute noch Hollywoods kassenstärkster Schauspieler.

Bloß: Was hat das europäische Publikum mit der Todesstrafe am Hut? Oder andersrum gefragt: Wie viele Schwerstverbrecher kann es im Kino noch ertragen, bis die ersten sich das doch wieder als Mittel des Strafvollzugs vorstellen wollen. Oder Präventivschläge und Rachefeldzüge… All dies sind Diskussionen, die Europa schon lange durchgestanden und auf die es nur mit einigen Mühen (und amerikanischer Inspiration und Hilfe) seine Antworten gefunden hat. Warum tun wir sie uns so gerne noch einmal an, obwohl sie uns gar nicht mehr angehen? Demnächst auch noch auf Youtube.

Übrigens: Unzensiert gibt es „Cashback“ auf einer europäischen Plattform zu sehen.

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Independentfilme: Der Mythos von der Unabhängigkeit

Das waren noch gute wilde Zeiten: Tom DiCillo (links) und ein sehr junger Brad Pitt in seiner ersten Hauptrolle bei den Dreharbeiten zu „Johnny Suede“ 1991. | Foto © Filmfest München

Das Münchner Filmfest ist zu Ende und mit ihm der Independentfilm. So ist das jedes Jahr, weil sich das zweitgrößte Festival der Republik schon sehr früh dieser Spielart des US-Kinos mit einer eigenen Programmreihe verschrieben hat. Regisseure wie Steven Soderbergh, Jonathan Demme, Richard Linklater, die Coen-Brüder oder Tom DiCillo hatten sich hier erstmals einem größeren und internationalen Publikum vorgestellt.

Independentfilm – das klingt aber auch toll. Eben nach Freiheit und lauter jungen Idealisten, die einfach mal ihr Ding durchziehen. Unabhängig von großen Konzernen, Multis, Global Playern und was sonst noch den Kapitalismus verdächtig macht. Nicht fürs Geld, sondern wegen der tollen Idee. Weiterlesen

Ein wenig Erfolg kann trotzdem nicht schaden, weshalb so manches Independent-Start-up inzwischen selbst ein Global Player ist. Der Nimbus von einst strahlt immer noch, in allen Branchen: Apple, Starbucks, Body Shop, Virgin…

Den Filmemachern geht es auch nicht anders. Soderbergh, Demme, Linklater, die Coens und viele andere sind längst bekannte Namen auch fürs nicht ganz so spezialisierte Publikum. Tom DiCillo vielleicht weniger, dabei hätte er einiges zu erzählen, wie nicht nur die Retrospektive des Filmfests in diesem Jahr zeigte. Etwa, warum es mit dem Independentfilm tatsächlich zu Ende ist: Er sei gestorben, „als er begann, die gleichen Götter wie Hollywood zu verehren: Die Kinokasse und das Startwochenende; Zahlen, Dollar, Zahlen“, sagt der Schöpfer von „Living in Oblivion“ im Interview: „Heute gibt es in den USA keinen Independent-Film mehr. Das ist längst Indiewood oder Hollydent geworden, je nachdem, welchen Ausdruck man über die Lippen bringt ohne vor Wut auszurasten oder in Tränen auszubrechen.“

Muss man aber nicht: „Der Independentfilm ist nicht tot. Aber manchmal muss man ein paar Steine umdrehen, um ihn zu finden“, widersprach in München Amy Seimetz, Filmemacherin der nächsten Generation, die je nach Bedarf mal inszeniert, produziert, beim Kostümbild oder hinter der Kamera aushilft oder öfter noch als Schauspielerin davorsteht – ziemlich independent eben.

Im Grunde ist das normal. Wer sich nicht gerade mit einem Reisekoffer voll Geld in Hollywood oder sonstwo eingekauft hat, um sich einen seiner Träume zu erfüllen, wie der Milliardenerbe Howard Hughes, fängt mal klein an. Und mit dem Erfolg kommen die Möglichkeiten, mit größeren Budgets und Teams zu arbeiten. Letztlich ist auch Hollywood selbst das Ergebnis vieler Independent-Bewegungen, die sich mit jeder Generation wiederholten, wie wir in „cinearte XL 013“ auf Seite 109 schon mal dargestellt hatten. Und letztlich ging es immer um den Widerspruch von Kunst und Geld, neuen Ideen und alten Strukturen. Ob Geld tatsächlich den Charakter verdirbt und Kunst leiden muss, um wahrhaftig zu sein, diskutieren wir ein anderes Mal. Künstler wie Julian Schnabel oder John Ford, die mit einem Reisekoffer voll Geld ihren Traum vom Filmemachen recht unabhängig erfüllen konnten, sind mit ihren Ergebnissen jedenfalls wohlwollend aufgenommen worden.

Trotzdem umweht die „Indies“ der Mythos von der wahren Filmkunst, dem sich auch die Wikipedia nicht entziehen will: Sie seien „zumeist ,kleine‘ Filme: Sie sind mit geringem Geldeinsatz und unter hohem Zeitdruck hergestellt, dafür gehen sie kreativ mit ihren Geschichten um und erzählen, ohne den Hollywood-Erzählmustern zu folgen.“

Das klingt toll, nach Herzblut, Low-Budget und Autorenfilm, die da munter mithineingemengt werden und gerade in Europa die Herzen schneller schlagen lassen. Dabei sagt der Begriff „Independent“ nicht mehr und nicht weniger, als dass die Werke ohne Mitwirkung der großen Studios von Hollywood entstanden sind. Als Qualitätskriterium taugt das wenig. Allerdings als Marke. Und deshalb haben die großen Studios von Hollywood auch längst eigene „Independent“-Töchter, die deshalb natürlich keine mehr sind: Walt Disney kaufte Miramax, 20th Century Fox gründete Searchlight, MGM schickte die Tochter United Artists wieder auf den Independentfilmmarkt, Warner Brothers hat New Line. Weniger wegen des Autorenfilms oder seines Herzbluts, sondern wegen der Low-Budget-Idee: Für die eigenen Produktionen sind die Studios an Vereinbarungen mit den Gewerkschaften der Filmbranche gebunden, von denen hiesige Filmschaffende nur träumen können. Bei ihren „Indies“ sind sie freier und dürfen jeden anstellen – zu ihren Arbeitsbedingungen und Gagen.

Die Budgets sind deshalb nicht unbedingt geringer. „Der englische Patient“ und die Trilogie „Der Herr der Ringe“ sind solche Produktionen. Und unabhängig ist bis heute der größte Independent-Filmer von allen: George Lucas hat um seine Krieg-der-Sterne-Trilogien eine Galaxie aus Studios und Firmen gebaut, um sich die kreative Unabhängigkeit zu sichern.

Aber auch durchschnittliche US-Indies hantieren mit Budgets, von denen eine vergleichbare deutsche Großproduktion nur träumen kann, der es natürlich erstmal um Kreativität und die Geschichte geht und dann erst um den Erfolg. So gesehen sind wir also alle Independent-Filmer. Ausgenommen vielleicht, wenn man im Auftrag des Fernsehens produziert. Oder Filmförderung beantragt…

Man muss wohl doch noch ein paar Steine umdrehen, um den echten deutschen Independentfilm zu finden.

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Gigantisches Vorbild – BVR vergibt Regiepreis Metropolis

Ganz großes Kino: Oben gibt Fritz Lang seine Anweisungen, unten steht sein Team im Wasser. Die Dreharbeiten zu „Metropolis“ waren eine Strapaze. | Foto © Murnau-Stiftung

Es gibt einen neuen Preis fürs Filmschaffen, und dagegen kann man eigentlich gar nichts haben. Zwischen all den „Bambis“ und „Golden Globes“ die an die immergleichen massenmedial bekannten üblichen Verdächtigen verteilt werden, kann man sich nur freuen, wenn sich jemand mal mit der Arbeit am Set beschäftigt. „Metropolis“ heißt der neue Preis, und vergeben wurde er gestern abend vom Bundesverband Regie (BVR), einem der mitgliederstärksten Interessenverbände der Branche.

Was erklärt, warum der „Metropolis“ vom BVR als „Regie-Preis“ bezeichnet wird und an solche Leistungen in fünf Kategorien vergeben wird: Fernsehen, Kino, Serie, Nachwuchs und Lebenswerk, für das zum Auftakt Peter Lilienthal geehrt wurde, der vor zwei Jahren seinen 80. Geburtstag feierte.

Nun gehören Regisseure unter allen „unsichtbaren“ Filmschaffenden zwar zu denjenigen, die noch am ehesten mal Beachtung finden, aber warum soll ein Verband sich nicht selber einen Preis stiften, wenn er meint, dass es der „Förderung der Qualität der Arbeit seiner Mitglieder“ dient? Weiterlesen

Obwohl freilich der BVR auch die Interessen von Regieassistenten und Continuity vertritt, für die aber keine eigenen Kategorien übrig hat. Dafür aber Produzent, Redakteur, Darsteller und Darstellerin, die allesamt ebenfalls einen „Regie-Preis“ erhalten.

Ganz so sehr muss man sich darüber nicht wundern. Schließlich wurde der „Metropolis“ erstmals kurz vor der Berlinale in einer Pressemitteilung vorgestellt. Damals kochte noch der Unmut in der Branche, weil die größten Fernsehsender des Landes im Herbst bei ihrem sogenannten „Deutschen Fernsehpreis“ mal eben fast alle Einzelkategorien einschließlich Nebenrollen gestrichen hatten, weil sowas ja eh keinen interessiere.

Wenn keiner uns loben will, machen wir das eben selber, ist deshalb gar keine schlechte Idee. Erst recht, wenn man noch ein paar andere mit ins Boot holt, die es dabei ebenfalls erwischt hatte, und mit denen Regisseure gerne und eng zusammenarbeiten (dazu gehören offenbar aber nicht Drehbuch, Musik, Montage, Bildgestaltung, Szenen- und Kostümbild und Visuelle Effekte).

Und es ist auch nicht dumm, dafür einen schicken Namen zu wählen, weil man damit noch ein bisschen mehr Aufmerksamkeit erhält. „Metropolis“! Das ist der erste Film, der in das Weltdokumentenerbe der Unesco aufgenommen wurde! Fritz Langs wegweisende Utopie, die das Science-Fiction-Genre (mit seiner Musik, Montage, Bildgestaltung, Szenen- und Kostümbild und Visuellen Effekten) bis heute beeinflußt! Der große deutsche Monumentalfilm der Ufa! Und nebenbei auch eines der ersten Beispiele, wie ein Regisseur mit gewaltiger Vision seine Mitarbeiter in die Erschöpfung trieb und die Produktionsfirma beinahe in den Ruin.

Natürlich hilft es auch, wenn man die richtigen Leute nominiert. Was man jetzt bloß nicht falsch verstehen soll: Alle Preisträger, für die die verbandsinterne Jury sich entschied, haben ihre Auszeichnung verdient, und ich will ihnen an dieser Stelle endlich gratulieren: Feo Aladag (Kategorie Nachwuchs mit „Die Fremde“), Ralph Huettner (Kinofilm für „Vincent will Meer“), Aelrun Goette (Fernsehfilm für „Keine Angst“), Dominik Graf (Serie für „Im Angesicht des Verbrechens“) – doch alle Werke sind schon mehrfach ausgezeichnet und alles andere als Überraschungen. Auch Regisseure haben offenbar keinen anderen Blick aufs Kino als Kritiker und Publikum. Oder die Kollegen beim „Bambi“.

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Wo bleiben die Filmkünste?

Nicht ablenken lassen: Achten Sie bei „Das Blaue vom Himmel“ mal auf die Filmgewerke. | Foto © Die Film GmbH

Seit drei Wochen läuft Hans Steinbichlers neuer Film „Das Blaue vom Himmel“ in den Arthouse-Kinos und gehört da zu den besucherstärksten Filmen. Nicht nur, weil er dieses Jahr mit dem „Bayerischen Filmpreis“ als beste Produktion ausgezeichnet wurde: Die Reise von Mutter und Tochter an die lettische Ostseeküste ist ein „bewegendes Familienmelodram“ um Liebe und Verrat, Erinnerung und Vergessen, das zum großen Teil von seinen drei Hauptdarstellerinnen getragen wird (wobei ich ausnahmsweise mal nicht Juliane Köhler und Hannelore Elsner hervorheben möchte, sondern Karoline Herfurth, die die verzweifelte Zickigkeit ihrer Figur beängstigend verkörpert) und die Männer im Film zu Nebenrollen macht. Das ist auch in Ordnung so, denn die Hauptrolle spielen Männer im Kino ja oft genug, und gegen gute Nebenrollen wie in diesem Film ist auch nichts einzuwenden.

Abgesehen von den darstellerischen Leistungen hat „Das Blaue vom Himmel“ aber noch einiges mehr zu bieten. Weiterlesen

Was auch daran liegt, daß der Film ausschließlich auf zwei Zeitebenen in der Vergangenheit spielt: 1991 und kurz vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg: Da ist zuerst einmal das Drehbuch von Josephin und Robert Thayenthal, die mit den historischen Hintergründen mit einer nüchternen Distanz umgehen, die sich abhebt von den gefühlsduseligen TV- und Kinoevents um „Flucht“ und „Untergang“, die Gut und Böse so simpel darstellen, daß es auch der Letzte noch kapiert. Das Casting von Nina Haun, die erstaunliche Ähnlichkeiten zwischen den Darstellern der gleichen Figuren jung und alt zum Vorschein bringt. Das Szenenbild von Eva Maria Stiebler (und hier nicht mal so sehr bei den deutlich historischen Teilen, sondern in den noch gar nicht so lange vergangenen Szenen von 1991), das Kostümbild von Katharina Ost mit dem Maskenbild von Waldemar Pokromski und Anette Keiser. Oder die leichte Bildgestaltung von  Bella Halben, die Mona Bräuer wunderbar montiert hat … Kurz: So kann es aussehen, wenn die vielen Gewerke vor und hinter der Kameralinie zusammenwirken. Und damit habe ich noch gar nicht alle aufgezählt – immerhin aber mehr, als die Produktion selber es tut.

„Das Blaue vom Himmel“ beginnt nämlich nur mit einem halben Vorspann: Angeführt werden lediglich die Namen der Schauspieler sowie die koproduzierenden Fernsehsender und die Filmförderer, von denen Geld kommt. Selbst der Regisseur taucht nur deshalb auf, weil es „ein Film von …“ ist. Zugegeben, die wenigsten Zuschauer interessieren sich für das, was nicht auf der Leinwand zu sehen ist. Weil „cinearte“ aber gerade dahin ein wenig mehr Aufmerksamkeit lenken will, wollte ich es doch auch ein wenig genauer wissen. Der kurze Vorspann habe „künstlerische Gründe“, so die Antwort der Produktion: „Weshalb wir uns dafür entschieden haben, alle ,Head-ofs‘ im Vorspann wegzulassen. Es wäre doch nochmal eine große Anzahl an Titeln gewesen, und da wir nicht selektieren wollten, haben wir uns für die klare Aufteilung entschieden.“

Nun hätten aus meinem Blickwinkel vom Kinosessel die ersten Szenen zwar genügend Zeit und Raum für die gesamten üblichen Credits gelassen, aber gegen eine künstlerische Entscheidung ist wenig einzuwenden, zumal die Produzenten sich da selbst nicht ausgenommen haben und ebenfalls erst im Abspann erscheinen. Es geht auch nicht darum, eine Produktionsfirma zu schimpfen, nur weil ich diese Entscheidung für nicht so glücklich halte. Sondern ich frage mich, welchen Stellenwert diese Filmkünste eigentlich innerhalb der Branche haben? Warum man auf ein gelungenes Gesamtwerk nicht so stolz sein will, dass man auch draufschreibt, wessen Talente man dafür gewinnen konnte und bezahlt hat – das machen andere ja auch so. Man kann sich aber auch einfach mal vorstellen, dass der Film bei der nächstbesten Gelegenheit gerade für eine dieser künstlerischen Einzelleistungen ausgezeichnet wird, die hier erst im Abspann angeführt werden.

In Hollywood gibt es diese künstlerische Freiheit nicht – da ist genau geregelt, wie die Credits aussehen müssen und führt mitunter zu eigenen kleinen Meisterwerken. In Ländern wie Mexiko, Guatemala oder Peru ist das gesetzlich geregelt, man braucht aber gar nicht so weit zu reisen: Auch in Österreich schreibt das Urheberrecht in Paragraf 21, Absatz 11 vor, wer auf jeden Fall genannt werden muss.

Da haben die deutschen Berufsverbände offenbar noch aufzuholen. Die Schauspieler vielleicht ausgenommen. Denn dass sie hier im Vorspann aufgeführt wurden, lag nicht nur an ihrer Werbewirkung: „Hier gibt es vertraglich festgehaltene Verabredungen“, erklärt die Produktionsfirma dazu.

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Online-Krimi: Die tollsten Gründe, Kino.to zu gucken

Das Ende der illegalen Online-Videothek kino.to zeigt auch, wie wenig das Urheberrecht verstanden wird.

„Online-Jäger“ gegen „Raubkopier-Mafia“! Dass die „Bild“-Zeitung den Lauf der Welt gerne in so einfache wie dramatische Bilder packt, weiß man ja, und ein bisschen bewundere ich sie auch für ihr Sprachgefühl. Es hatte ja was von einem Krimi, wie vorige Woche eine der beliebtesten Websites des Landes abgeschaltet wurde: „Vier Millionen Nutzer täglich“ sollen auf der Website Kino.to nach neuen und alten Filmen, Serien in Deutsch oder Originalversion und sogar Dokumentarfilmen gesucht haben, weil es die da umsonst zu gucken gab. Das Problem daran: Weiterlesen

Kino.to hatte keine Rechte an den betreffenden Werken.

Mussten sie auch nicht, meinten die Betreiber, die auf der Website extra betonten, dass sie diese Filme nicht selbst anbieten, sondern lediglich auf die Server sogenannter Streamhoster verlinkten, wo die Filme zu finden seien – allerdings mit ausführlichem Service wie Inhaltsangabe und Datenbank mit Suchfunktion, an denen sich auch offizielle Online-Videotheken etwas abgucken konnten. Auch die Serverbetreiber waschen sich die Hände in Unschuld: Sie könnten ja nicht kontrollieren, was ihre Nutzer so auf ihre Speicherplätze hochladen.

Rechtlich befindet man sich in einer sehr dunkelgrauen Zone, in der sich prächtig Geld verdienen ließ. Millionen Euro soll Kino.to mit Werbung für Erotik-Dienste, Pokersites und Online-Spiele verdient haben, während die Streamhoster am anderen Ende des Links ihren Besuchern gerne kostenpflichtige Abonnements unterschoben. »Das System Kino.to wurde nur zu dem Zweck etabliert, Geld zu machen – mit Material, das andere produziert haben«, meint Christine Ehlers, die Sprecherin der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzung (GVU), die seit drei Jahren versuchte, das Filmportal zu schließen. Die Betreiber selbst stellten sich lieber als Retter der Entrechteten und Unterdrückten dar, weil doch „bei sieben Millionen Hartz-IV-Empfängern die Preise für jegliches Medium definitiv zu hoch“ seien.

Ähnlich sehen es Anti-Lobbyisten wie ein gewisser Anton Schellong, der spontan eine Demonstration gegen die Abschaltung organisiert hatte, weil man nicht zulassen könne, dass das Internet durch veraltete Institutionen zerstört wird: „Kino.to hat die größere Auswahl geboten als die Content Mafia. In einer Marktwirtschaft ist es doch folgendermaßen: Der, der das bessere Angebot hat, gewinnt. Und dann wundert sich die Filmindustrie noch, warum ihre Gewinne einbrechen?“

An gleicher Stelle meldet sich auch Volkes Stimme zu Wort. Hier in Gestalt eines pensionierten Radfahrers: „Also ich mache ja auch illegale Dinge im Internet […] Eigentlich ist das natürlich so halb-legal. Ich lade Musik runter, ohne etwas zu bezahlen. Aber selbstverständlich mache ich das mit legalen Programmen.“

Ein bißchen Unsicherheit scheint da mitzuschwingen, obwohl, wer es wissen wollte, es schon vorher an populärer Stelle nachlesen konnte.

Viel spannender finde ich aber die Diskussionen zum Thema. Die „Bild“ hatte ihre Meldung zur Razzia gleich mit einer Umfrage versehen, in der die Sympathie-Frage etwas verklausuliert gestellt wurde: Ob man „überrascht“ über die hohen Besucherzahlen auf Kino.to sei. Die mitgelieferte Begründung bei der Nein-Antwort ist ein Argument, dass auch Herstellern von Cabrios und Sportschuhen zu denken geben sollte: „Bei den unverschämten Kino-Preisen ist das kein Wunder!“.

Fündig wird man auch im Forum von „Spiegel online“ – „Spiegel“-Leser wissen ja bekanntlich mehr. Und manche können auch prima agumentieren. Hier meine Top Ten, mit dem Spitzenreiter für alle überbezahlten Filmschaffenden ganz oben (alles Zitate – Rechtschreibung und Zeichensetzung habe ich stillschweigend korrigiert, Ergänzungen zum Verständnis der Zusammenhänge und Auslassungen in Klammern gesetzt):

1. Schauspieler kassieren im Schnitt 10 Millionen für einen Film. REM erhielt 80 Millionen für 5 CD, MJ über 100 Millionen von Sony.

2. Film- und Musikindustrie – alles Abzocker. Sollen sich nicht wundern, dass es alles umsonst im Netz gibt. Ist auch richtig so.

3. Wenn ich weiß, dass ein CD-Rohling nur 2 Cent kostet, warum soll ich 19 Euro für die gleiche CD zahlen? Die Preise sind nicht gerechtfertigt.

4. Viele, die bewußt illegal schauen, würden nie Originale kaufen: [Es gibt also] keine Neukunden durch [das] Schließen von illegalen Angeboten.

5. Ich weiß auch, dass, was ich mache, Diebstahl ist, darum geht es auch nicht, jeder, der downloaded, weiß das. Die Frage ist, ob es einen interessiert. Und ich habe keine Probleme damit, mein Gewissen plagt mich nicht. Warum auch? Ich als kleiner User werde bestraft, und andere (Politiker/ Stars/Superreiche etc.) können Verträge brechen, wie sie wollen beziehungsweise Gesetze auslegen, wie Sie wollen. Das gleiche mache ich dann auch.

6. [Bei Musik kostet der legale] Download als MP3 ca. 1 Euro je Song, bei einem Album wieder ca. 15 Euro wie eine CD. Und das in schlechterer Qualität! Und es gibt keine Herstellungs-, Transport- und Vertriebskosten, das heißt, es wird mehr Gewinn gemacht, anstatt diese Einsparungen an die Kunden weiterzugeben.

7. Wenn ich mir eine BD oder DVD kaufe, ärgere ich mich jedesmal über die unnötig lange Aufklärung, dass Raubkopien illegal sind, bei den illegalen Filmen ist das alles rausgeschnitten. Da werden nur die ehrlichen Kunden unnötig gegängelt.

8. Oder die Regionalcodes bei DVD und BD [Blu-ray].

9. Im Kern geht’s doch immer das Gleiche: nämlich um die Pfründe-Erhaltung riesiger Konzerne, die den einschlägigen Markt unter nahezu vollständiger Kontrolle haben (was beinhaltet, dass es kein Markt mehr ist…). Und sorry – ich finde, wir haben da wesentlich wichtigere und drängendere Probleme als den Schutz irgendwelcher Konzern-Interessen…

10. Bei diesen (sicherlich verfolgungswürdigen) Urheberrechtsverletzungen trifft nichts, aber auch gar nichts auf den Straftatbestand „Raub“ zu: Es wird keine Gewalt angewendet. Es wird nicht gedroht. Es wird sich keine fremde bewegliche Sache angeeignet. Faktisch werden Bits & Bytes einfach illegal kopiert und dann illegal verbreitet. Klar das klingt jetzt völlig langweilig, lapidar und unspektakulär. Also nennen wir es doch einfach „Raubkopieren“, das klingt richtig actionreich, gefährlich und bösartig. Widerliche Polemik ist das!

Ende der Zitate. Übrigens, auch in der Diskussion um die Argumente zeigt man sich versiert. Etwa bei diesem Einwand:

„Ja, die Einkommen der Schauspieler und Musiker sind tatsächlich aberwitzig hoch, und Preise für Kino, DVDs, Blu-rays etc. sind auch für mein Empfinden zu teuer. Nun ergibt das aber immer noch nicht das Recht, mir das Werk stattdessen illegal zu beschaffen.“

Was reagiert man auf so etwas? Zum Beispiel mit einer unnachahmlichen Argumentations-Pirouette:

„Nein, das Recht habe ich nicht. Aber es ist ein Mittel, sich gegen zu hohe Preise zu wehren.“

Und ein bisschen bewundern wir den „Spiegel“-Leser für diese rethorische Eleganz.

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Lektürehinweis: Berufsberatung

Was macht eigentlich ein Location-Scout? Oder ein Drehbuchautor? „Spiegel“-Leser wissen mehr, und das finden wir richtig schön. Befremdlich, um nicht zu sagen sonderbar fanden wir allerdings, wie die Fotogalerie zum Thema betitelt ist. Anderseits leisten die beiden da einem leibhaftigen Dombaumeister Gesellschaft, und damit hat ja alles seine göttliche Fügung…

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Video-Tipp: El hombre de Chinatown

Wenn das Werk bekannter ist als der Künstler, ehrt das vermutlich den Künstler. Was die Kunst des John A. Alonzo ausmachte, haben Stephanie Bahr und Axel Schill mit ihrem Dokumentarfilm herausgearbeitet. Auch wenn der Titel des Films über sein Leben und seine Arbeit nicht seinen Namen trägt, sondern erst einmal erklären muss, wer dieser Alonzo überhaupt war: „The Man Who Shot Chinatown“. Weiterlesen

Man könnte es auch anders sagen: Einer der größten „directors of photography“, die Hollywood je hatte. So heben zumindest die vielen, meist prominenten Zeitzeugen im Film an, um sich dann langsam in ihrer Begeisterung zu steigern. „Chinatown“ (Roman Polanski, 1974), „Harold and Maude“ (Hal Ashby, 1971), „Scarface“ (Brian de Palma, 1983) oder „Internal Affairs“ (Mike Figgis, 1990) und fast 80 weitere Filme hat John A. Alonzo fotografiert – und Filmgeschichte gemacht: „Chinatown“ ist der erste Film, für den im Nationalarchiv der USA auch der Name des Kameramanns aufgenommen wurde.

Bahr und Schill hatten den Kameramann noch als Nachbarn in Los Angeles kennengelernt, ehe er 2001, mit 66 Jahren, überraschend starb. Unterstützt von Alonzos Witwe, aber ohne einen Sender im Rücken, wagten sie sich an das Abenteuer, erstens als kleine deutsche Produktion, zweitens in Hollywood, drittens einen Dokumentarfilm, viertens über einen Kameramann zu drehen. Trotzdem zog sich die Produktionszeit nur über drei Jahre hin, ein großer Teil davon Schreibtischarbeit. Das Budget von 400.000 Euro zu finanzieren war da nur das erste Problem – die größte Schwierigkeit waren die Lizenzrechte. An rund 30 Filmausschnitten stellen Schill und Bahr dar, mit welchem Sinn für Szene, Kadrage, Bewegung, Licht und Schatten Alonzo die Filme seiner Regisseure gestaltete.

Im Grunde wäre sowas ganz klar unter das Zitatrecht gefallen. Doch darauf wollte sich Bahr in ihrer zweiten Rolle als Produzentin nicht verlassen: Der Film sei auf eine internationale Vermarktung angelegt, und dafür müssten die Rechte „wasserdicht“ sein, erklärt sie. Die großen Studios verlangten allerdings bis zu 10.000 US-Dollar pro Minute, die Filmemacher mussten geschickt verhandeln – und die richtigen Regelungen kennen. Bei den Verhandlungen half das Argument, daß die Studios es mit solchen Preisen unmöglich machten, ihre eigene Geschichte aufzuarbeiten. Eine hilfreiche Regelung ist das „Most Favoured Nations Agreement“ (MFN). Darin haben sich viele Studios geeinigt, dass die Bedingungen, die eines von ihnen ausgehandelt hat, auch von den anderen akzeptiert werden (der offizielle Trailer jedenfalls unterscheidet sich von dem auf dieser Seite: Er verzichtet auf die Filmzitate).

Schließlich musste noch mit allen Schauspielern, die in dem jeweiligen Ausschnitt, auf Fotos oder Postern zu sehen sind, geklärt werden, ob sie der Nutzung des Materials für diesen Film zustimmen. Nach monatelangen Recherchen und endlosen Telefonaten hatten die meisten einer unentgeltlichen Nutzung zugestimmt.

Einige von ihnen sind nun neben Alonzo zu sehen. Denn der DoP hatte, ehe er endlich seine Traumposition beim Film erreichte, selbst gut 20 Mal vor der Kamera gestanden. In „Die glorreichen Sieben“ war er „der dritte Mexikaner von links“, wie es der Produzent Robert E. Relya beschreibt. Der Western zeigt den allmählichen Umbruch exemplarisch. Immerhin hatte Alonzo hier nicht nur eine Sprechrolle, die zudem aus mehr als drei Wörtern besteht, sondern stellt einen Charakter dar. Hinter den Kulissen war es für einen Sohn mexikanischer Einwanderer noch schwerer. Durch seine Abstammung hatte er große Schwierigkeiten, in die Gewerkschaft aufgenommen zu werden. Dahinter steckte weniger Rassismus, vermutet der Filmkritiker Roger Ebert, als einfach Vetternwirtschaft. Ohne diese Mitgliedschaft konnte man aber nicht für die großen Studios arbeiten.

Alonzo fand den Weg über den Dokumentarfilm. Seine Arbeiten fürs Fernsehen, auch die zeigen Schill und Bahr, zeigen bereits das Gespür für Szenen und Momente, und prägten seinen Stil. So war es denn auch eine lange Handkamera-„Fahrt“, mit der er 1965 James Wong Howe auf sich aufmerksam machte: Alonzo war mehr oder weniger zufällig am Set von „Seconds“ zu Stelle, als Howe nachts um vier einen zusätzlichen Operator brauchte. Die Gewerkschaft schäumte. Später erfuhr Alonzo, daß der DoP und Regisseur John Frankenheimer ihn durchgesetzt hatten. Mit der Kamera auf der Schulter in langer Bewegung sollte er auch noch viele weitere Filme prägen – „Norma Rae“ (Martin Ritt, 1979) etwa oder „Black Sunday“ (1976).

Auf einer Party vertraute Howe ihm schließlich sein gesamtes Wissen an. Drei Stunden saßen sie zusammen, es sprudelte nur so aus dem Älteren heraus, erzählte Alonzo: „Er verriet mir jeden einzelnen Trick zu jedem Film, den er gemacht hatte”, erinnerte sich Alonzo. Von diesem Vorbild und aus der Anfangszeit im Dokumentarfilm mag es kommen, dass Alonzo nur so viel Technik wie unbedingt nötig einsetzte und am liebsten selbst an der Kamera stand. Die Nähe zur Technik machte ihn schließlich auch zu einem der HD-Pioniere in Hollywood. Deshalb (und wegen der vielen Interviews mit prominenten Zeitzeugen aus Hollywood) schien es folgerichtig, im HD-Cam-Format zu drehen. Kameramann Volker Gläser benutzte die Sony „900-F“ mit Panavision-Objektiven, in der Hoffnung, so die Postproduktion zu erleichtern.

Falsch gedacht: Die unterschiedlichen Ausgangsmaterialien – von 35 Millimeter bis Super-8 und Videoformate – in HD zu konvertieren erwies sich als schwieriger, als gedacht. Ja, sogar einige der 35-Millimeter-Ausschnitte hätten nicht die Qualität gehabt, die das hochauflösende Format brauchte. Und wegen der Empfindlichkeit des Aufnahmeformats wollten auch die Interviews gut geplant werden.

Der HD-Online-Schnitt dauerte drei Wochen – aber auch nur, weil die Filmemacher den Schnitt zwei Monate lang offline mit „Final Cut Pro“ vorbereitet hatten – um die Kosten niedrig zu halten.

Die Hommage an John Alonzo wurde im Dezember 2006 beim „Cinematographer’s Day“ in Los Angeles im kleinen Kreis vorgestellt. In Deutschland startete er 2007 in den Kinos. Wer ihn verpasst hat, kann das jetzt nachholen: 3 Sat zeigt „The Man Who Shot Chinatown“ am heutigen Dienstag um 22.25 Uhr.

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Qualitätsprogramm

So zauberhaft ist Qualitätsfernsehen: „Das große Quiz der Volksmusik" | Foto © MDR/Format Film/Axel Berger

Der Staatsminister für Kultur und Medien hat eine Rede gehalten. Das tut er oft und meistens gut, aber allein deshalb beginnen wir unseren Blog nicht mit Deutschlands oberstem Filmförderer. Sondern weil, was Bernd Neumann am 24. Mai bei der Media-Night der CDU in Berlin (wenn auch sehr allgemein) vortrug, einfach wunderbar die Themen von out takes zusammenfaßt: Digitalisierung der Medienwelt, Niveau und Qualität der Inhalte, Schutz des geistigen Eigentums, Tantiemen und die Existenz von Medienschaffenden überhaupt. Weiterlesen

Dabei lobte Neumann gleich vorweg die neue „Deutsche Content-Allianz“, die sich Mitte April in Berlin vorgestellt hatte, um „für den realen Wert medialer Inhalte zu sensibilisieren.“ Das hört sich toll an und hat offenbar auch den Kulturstaatsminister beeindruckt. Aber was nach Qualitätsoffensive klingt, ist tatsächlich ein neuer Lobbyverein in eigener Sache: Der Allianz gehören der Verband Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT), die Sender ARD und ZDF, die Allianz Deutscher Produzenten – Film & Fernsehen, die Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO), der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der Bundesverband Musikindustrie und die GEMA an – Interessenverbände und Institutionen, die für alles stehen, was traditionell durch Radio, Fernsehen und Buchhandlungen vermarktet wurde, und sich jetzt auch prima alleine im Internet tummelt. Und folglich geht es der Allianz auch weniger um die Qualität im  „Content“ (die wird einfach vorausgesetzt), sondern darum, wie man den „Content“ schützen kann. Gegen Internetpiraten und all die anderen, die meinen, nichts dafür bezahlen zu müssen (den „Content“ verschenkt man lieber selbst). Und daß die Politiker, wenn es ums Internet geht, nicht immer nur an Technik denken, sondern auch an diejenigen denken, „die neue Technologien und Infrastrukturen erst mit Leben erfüllen“.

Wahre Worte, die da auf der Website der ARD nachzulesen sind. Aber wer klickt schon auf die eigene Website? Die Durchschnittsbudgets für  den „Tatort“, immerhin Flagschiff und Quotenbringer der Senderfamilie, stagnieren seit 15 Jahren – trotz „erheblich gestiegener Produktionskosten! Die Zahl der Drehtage ist von seinerzeit 23 auf jetzt 20 gesunken,“ rechnete die Produzentenallianz im Juni vorigen Jahres vor.

So wird der Wert der kreativen Leistung geschätzt. Doch dem fertigen Werk geht es auch nicht besser. Ein Beispiel für den Umgang mit eigenem Qualitätsprogramm lieferten vor kurzem die Marktforscher von Media Control, nachdem sie von Anfang Januar bis Mitte April ferngesehen hatten: Nach ihren Worten fristen deutsche Spielfilme im deutschen Fernsehen ein „Nischendasein“. Ihr Anteil an den Gesamt-Spielfilmminuten der fünf quotenstärksten Sender (ARD, ZDF, RTL, Sat 1 und Pro Sieben) habe in den ersten 14 Wochen des Jahres lediglich neun Prozent betragen. US-Produktionen kamen auf 62 Prozent. Zum Vergleich: Im Kinojahr 2010 lagen die Marktanteile deutscher Filme bei 20,9 Prozent – mehr als doppelt so hoch.

Dabei hatten die Marktforscher noch gar nicht mal auf die Sendezeiten geschaut: Auch heimische Produktionen mit guter Kinoerfahrung versendet man gerne mal wochentags kurz vor Mitternacht.

Vielleicht hatte der Kulturstaatsminister ja all diese Zahlen im Sinn, als er gegen Ende seiner Rede sagte: „Der Qualitätsanspruch richtet sich zuallererst an die öffentlich-rechtlichen Anstalten, aber auch der private Rundfunk hat eine gesellschaftliche Verantwortung und sollte auf Qualität im Programm nicht völlig verzichten.“

Warum nur meinte er, die Sender extra darauf hinweisen zu müssen?

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