Ausstiegsszenario: Kameraleute wollen keine Filmschaffenden mehr sein

Filmschaffende aller Gewerke vereinigt euch? Das war einmal. Die Kameraleute haben die Bundesvereinigung der Branchen-Berufsbände verlassen. | Illustration © cinearte

Wenn in den Kulissen der deutschen Filmwirtschaft etwas passiert, findet das bekanntlich so viel Beachtung wie ein Sack Reis, der in China umfällt. Oder eher noch in Nepal, weil der alte Spruch nicht mehr wirklich gilt, denn tatsächlich kann heute keiner mehr in China irgendetwas umschmeißen, ohne dass es Beachtung fände und gleich der Kollaps der gesamten Weltwirtschaft befürchtet wird. So als würde Deutschland plötzlich aus der EU austreten, nur schlimmer. Und ungefähr das ist vorige Woche in der deutschen Filmwirtschaft passiert.

Zugegeben, das ist jetzt der Dramaturgie wegen etwas überhöht, aber doch auf seine Weise nicht so fern von der Wirklichkeit. Und Hand aufs Herz: Bei einem Satz wie „Bundesvereinigung der Filmschaffenden ohne BVK“ oder „Berufsverband Kinematografie verläßt den Dachverband“ hätte wohl kaum einer aufgemerkt; so viele Reissäcke hätte ich gar nicht umstoßen können. Aufmerken sollte man aber, weil die Angelegenheit an sich doch ziemlich dramatisch ist.

Die Bundesvereinigung an sich ist nämlich ein besonderes Konstrukt, das es so oft auch nicht gibt auf der Welt: 14 Berufsverbände haben sich hier zusammengeschlossen, um die Interessen ihrer Mitglieder und Gewerke besser durchsetzen zu können. Zuerst, seit Mitte der 1990-er Jahre, als lose Arbeitsgemeinschaft, seit 2007 als „Bundesvereinigung“ mit richtigem Vorstand, wobei jeder Verband weiterhin unabhängig ist. Wenigstens der Anschaulichkeit halber kann man das also mit der Entwicklung über die Europäische Gemeinschaft zur Europäischen Union vergleichen – eine große Idee mit all den Schwierigkeiten, der Schwerfälligkeit und den Kompromissen, die es mit sich bringt, 14 Meinungen unter einen Hut zu bringen. Und wenn ich in diesem Bild den Verband der Kameraleute, der sich seit vorigem Jahr „Berufsverband Kinematografie“ nennt, mit Deutschland vergleiche, dann schon deshalb, weil dieser BVK der mitgliederstärkste der vereinigten Verbände ist. Durch den Austritt wird die Bundesvereinigung um etwa ein Fünftel schrumpfen. Schlimm ist das auch deshalb, als der BVK Gründung und Ausbau des Dachverbands selbst eifrig vorangetrieben hatte.

Wie übrigens auch der Regieverband (BVR), der (mit offiziell noch mehr Mitgliedern), schon zwei Jahre zuvor entschieden hatte, dass die Regisseure (und mit ihnen Regieassistenten und Continuity) keine Filmschaffenden mehr sein wollten. Das mag nun auf den ersten Blick wie eine Parallele aussehen, zumal ja der Regisseur Eberhard Hauff und der Kameramann Jost Vacano, damals Vorstände ihrer jeweiligen Verbände, schon seit den 1970er Jahren auf einen Zusammenschluss aller Filmgewerke hingearbeitet hatten; jedoch laufen die beiden Fälle in unterschiedliche Richtungen. Nicht nur, weil der Austritt des BVR damals stillschweigend abgehandelt wurde, während der BVK den seinen in der vorigen Woche mit einer Pressemitteilung kundtat. Sondern weil die Motivationen völlig gegensätzlich sind: „Filme entstehen grundsätzlich in Teamarbeit“, ist eine der Kernthesen der Bundesvereinigung. „Die Herausforderungen der Branche, ob national, europäisch oder global, lassen sich nur gemeinsam bewältigen.“ Doch der Regieverband sah das ein bißchen anders und hatte in den Jahren vor seinem Austritt wiederholt Positionen vertreten, die denen der übrigen Filmschaffenden widersprachen, und zudem für seine Berufsgruppe ein gewisses Primat am Set beansprucht.

Diese Entfremdung zeigte sich am deutlichsten just zur Gründung der Bundesvereinigung: Während der Berlinale 2007 stellte man den Zusammenschluss und das dreiköpfige Präsidium vor, zu dem auch der damalige BVR-Vorsitzende Eberhard Hauff zählte. Dessen Verband aber hielt zur selben Zeit an anderem Ort eine eigene Veranstaltung ab. So ähnlich ging es weiter, und schließlich meinte man, die eigenen Interessen besser im Alleingang erledigen zu können. Ob sich das bewahrheitet, sei mal dahingestellt.

Bei den Kameraleuten jedenfalls ist es umgekehrt: Als Grund für den Ausstieg nennt der BVK die „Enttäuschung über die mangelhafte Innen- und Außenkommunikation und die Tatenlosigkeit der Bundesvereinigung.“ Es gebe „fortgesetzte Unstimmigkeiten“ über die Ausrichtung und die Rolle des Dachverbandes. Der BVK wollte einen „selbstbewußten Auftritt des Dachverbands“ und „klare politische Forderungen“, fand dafür aber keine Mehrheit. So sieht es der BVK.

Es gibt freilich auch andere Filmschaffende, denen gerade das zu weit ging. Zu aggressiv seien die Kameraleute aufgetreten und hätten Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit anderen Organisationen gestört. Womit wohl vor allem die mit der Vereinigten Dienstleitungsgewerkschaft (Verdi) und ihrer Filmabteilung gemeint ist. Das Verhältnis zwischen beiden Organisationen ist ziemlich verspannt, seit der BVK sich vor gut zehn Jahren mit Verdi zusammengetan hatte, auch in der Hoffnung, durch die große Gewerkschaft in den anstehenden Tarifverhandlungen besser vertreten zu werden. Nicht viel länger hielt auch die Liaison – der BVK sah sich enttäuscht und machte Schluß. Andere Berufsverbände unter den Filmschaffenden pflegen offenbar weiterhin ein gutes Verhältnis zu Verdi und lassen sich von der Gewerkschaft als Tarifpartner vertreten.

Wer wem da nun was vorzuwerfen hat, muß man gar nicht beurteilen. Fest steht aber: Von dem, was die Bundesvereinigung eigentlich erreichen wollte, ist sie noch weit entfernt. Nicht weniger als die Erlangung der Tariffähigkeit hatten ihr die Filmschaffenden als Zweck und Aufgabe in die Satzung geschrieben. Doch wie soll das gehen, wenn man sich lieber von anderen vertreten lässt?

Dabei hatten Die Filmschaffenden durchaus tolle Ideen. Den „Hoffnungsschimmer“-Preis etwa, mit dem faire Produktionsbedingungen hervorgehoben werden. Oder die Meldestelle zur Tariftreue, die ein effektives System zu Kontrolle sein könnte, wenn sie zum einen weniger gut versteckt, zum anderen nur ausreichend genutzt würde. Denn dass es mit der Durchsetzung der Interessen noch hapert, liegt nicht allein an der Bundesvereinigung, sondern an sämtlichen Filmschaffenden der Branche.

Daher ist es gar nicht mal dramatisch, daß zwei der größten Berufsverbände der Branche ihrem eigenen Gemeinschaftswerk den Rücken gekehrt haben – es ist schlicht tragisch! Beim Bundesverband Kinematografie wenigstens bleibt vorerst noch ein Hoffnungsschimmer: Die Kündigung wird erst im Juni wirksam. Bis dahin kann sie zurückgenommen werden.

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3 Antworten auf Ausstiegsszenario: Kameraleute wollen keine Filmschaffenden mehr sein

  1. Sehr guter Artikel und alles super erklärt. So soll es sein! :)

    Meine Meinung dazu ist, dass der Rückzug als Druckmittel eingesetzt wird und das man sich am Ende dann doch anders entscheidet. Merkt euch meine Worte ;-)

  2. Als Vertreter des BVK im Vorstand der Filmschaffenden ist im Februar Jörg Geißler gewählt worden. Da Jörg Geissler noch auf Kuba ist, konnte sich der neue Vorstand noch nicht konstituieren. Dass der BVK in diese Situation hinein austritt, lässt sehr auf Unstimmigkeiten innerhalb des Kameraverbandes schließen! Schade, dass das nun alle ausbaden sollen. Und der IDS wird wohl nachziehen.

  3. Danke für diesen Blog!

    Tragödie ist genau die richtige Beschreibung für die Entwicklung innerhalb der Filmschaffenden.
    Statt für uns Alle gemeinsam etwas zu erreichen scheitert eine gute Idee hier an den Egoismen alter Männer (und Frauen).

    Es ist eine Schande.