Cinema Moralia – Folge 76: Kennedys Hirn

Paul Giamatti in PARKLAND

»Bigger than life«: Kennedy, Kracauer, der PR-Overkill und der letzte Tango des klassischen Autorenkino – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 76. Folge

Ein ähnliches Verhältnis wie unsereins zum 11.September 2001 hatte die Generation davor zum 22. November 1963, dem Tag des Mordes an US-Präsident John F. Kennedy in Dallas. Fast jeder, den man fragt, der seinerzeit erwachsen war, weiß, wo ihn damals vor 50 Jahren die Nachricht vom Attentat erreichte. Eine erinnernswerte Anekdote hierzu erzählte vor Jahren einmal der im Sommer verstorbene FAZ-Autor Henning Ritter. Er studierte seinerzeit in Heidelberg, unter anderem Philosophie bei Dieter Henrich, Spezialist für Hegel und die Bewusstseinsphilosophie, auch älteren Studenten der Münchner LMU noch gut bekannt, und heute Emeritus der dortigen Philosophen. Am Abend im Henrich-Seminar wurde nicht Hegel gelesen, sondern Henrich war von der Nachricht, die ihn soeben erreicht hatte – erst gegen 20 Uhr deutscher Zeit war der Tod Kennedys bekannt geworden – erkennbar bewegt, sinnierte, und begann dann eine längere Rede darüber, wo sich jetzt denn wohl Kennedys Hirn befinde…
Eine Frage, an die ich jedes Mal denken muss, wenn ich mich an den Kennedy-Mord erinnere, weil sie so selbstverständlich ist, wie krude, so esoterisch, wie konkret.
Denn natürlich ist nicht die Materie gemeint, nicht die Hirnmasse des Präsidenten, sondern das, was man früher problemlos als Geist bezeichnet hätte, heute aber kaum noch so schreiben kann. Also mehr als sein Bewusstsein, aber auch dieses, doch zugleich der Anteil am Überpersönlichen, und vielleicht auch das, was ihn außergewöhnlich machte, faszinierend für Zeitgenossen.
Hegel, der Napoleon den »Weltgeist zu Pferde« genannt hatte, hätte vielleicht auch in Kennedy so etwas wie die Person gewordene Weltgeschichte erkannt. Wo geht sie hin, was ist mir ihr, wenn sie gewaltsam mitten aus ihrer Bahn gerissen wird?

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Diese Vorstellung, dass Kennedy etwas Besonderes war, etwas Einmaliges, dass er zu jenen seltenen Menschen gehörte, die der Geschichte eine Wendung geben oder sie auf eine neue Stufe heben könnten, mag ja falsch sein, und ich fürchte, dass sie in den Augen vieler heutiger Zeitgenossen (und Leser) als Unsinn erscheint. Aber sie wurde doch zumindest von vielen Zeitgenossen Kennedys geteilt – und sie macht die Faszination für die Person und ihren Tod, aber weit über diesen hinaus, bis heute aus.
Die Umstände des Mordes tun ein Übriges. Darum ist Kennedy bis zum heutigen Tag ein so großartiger Kinostoff. Denn das Kino handelt letzten Endes von Mythologie, und ohne Mythologie ist das Kino nichts. Das ist es, was der Spruch vom Kino als »bigger than life« eigentlich meint.
Kennedy war »bigger than life«, noch im Tode.

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Die besten Kennedy-Filme? Am Ende wohl zwei Filme, in denen er gar nicht vorkommt: Oliver Stones JFK, und Otto Premingers großartiger Adcide & Consent, ein Film, der außer vom Washingtoner Politbetrieb eher – ohne den Namen zu nennen – von Johnson handelt, also von einem Vizepräsident, der plötzlich an die Macht kommt.
Daneben Thirteen Days über die Kuba-Krise. Love Field von Jonathan Kaplan mit Michelle Pfeiffer über den Tag des Attentats. Der in Venedig gelaufene Parkland über das Hospital in dem zunächst Kennedy, dann Oswald starben, ist interessant, aber aufgeblasen.
Und dann Wolfgang Petersens paranoider In the Line of Fire. Zu all dem Paranoia-Kram müssen wir ein andermal noch mehr schreiben, für heute nur soviel: Das Schlimmste sind all jene TV-Dokumentationen, die Kennedy als schwachen Sohn eines übermächtigen Vaters beschreiben, als notorischen Schürzenjäger, und jetzt pseudopsychologisch aufklären über Joe und Jack, die Rivalität mit dem Bruder, der Vater, der ihn nicht liebte – oft genug politisch motivierte Schmutzkampagnen mit Pseudo-Entlarvungsgestus

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Endlich gibt es einen vernünftigen Preis für gute Filmkritiken und gute Filmkritiker. Und einen perfekten Namensgeber. Siegfried Kracauer, der wichtigste deutsche Filmkritiker der Zeit vor 1945 und bis über die Gegenwart hinaus eines der wenigen echten Vorbilder für unsere Zunft ist der Namensgeber eines Preises, der von der MFG, der Filmförderung Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit dem Verband der deutschen Filmkritik (VDFK) am kommenden Wochenende erstmals verliehen wird. Ich bin froh, mit manchen Hinweisen auf »Cinema Moralia« die Bedeutung und Aktualität Kracauers wieder mit ins Gedächtnkis gerufen zu haben.
Man muss der MFG, namentlich der scheidenden MFG-Chefin Gabriele Röthemeyer für diese Tat dankbar sein, ebenso für eine großzügige Dotierung mit insgesamt 15.000 Euro. Die Namensgebung ist aber selbstverständlich auch Verpflichtung für die Preisstifter – Larifari-Texte, Leserservice und Mainstreammanifeste wird man mit diesem Namen nicht auszeichnen dürfen.

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Im Zusammenhang mit der Preisverleihung findet am kommenden Samstag im Berliner Arsenal auch eine Podiumsdiskussion statt, die nach dem Beitrag der Kritik für die Kinokultur forscht. Teilnehmer sind Regisseurin Jutta Brückner, Lars Henrik Gass, Leiter der Kurzfilmtage Oberhausen, Dominik Kamalzadeh, Redakteur Der Standard und kolik.film, sowie Mitglied der Preisjury, Cristina Nord, Redakteurin der taz und Bernard Payen, Kurator der Cinémathèque Francaise, und der Semaine de la Critique in Cannes. Nähere Informationen auf vdfk.de. Der Eintritt ist frei. Anmeldung für die Preisverleihung ist erforderlich.

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Mit diesen beiden Namen verbinden sich Sternstunden des europäischen Autorenfilms: Roman Polanski und Bernardo Bertolucci. Der eine, ein polnisch-französischer Filmemacher, der als Junggenie in Europa reüssierte, später nach Hollywood emigrierte, und Filme wie Chinatown mit Stars wie Jack Nicholson machte, und noch später als Flüchtling wieder in Paris landete, von wo aus er seit über 30 Jahren weiterhin Filme macht. Und der Revoluzzer des Italienischen Kinos, der seit 1968 zum einzigen legitimen Erben der ganz großen italienischen Regisseurs-Generation um Rosselini, Antonioni und Visconti wurde, und doch mit Meisterwerken Der Letzte Tango Von Paris und Novecento ganz eigene, neue Akzente zu setzen verstand, die über die großen Vorbilder hinaus gingen.
Beiden gemeinsam ist eine wechselvolle, aber immer ehrenwerte Karriere; beiden gemeinsam ist, dass sie als Vertreter des Kinos der 70er Jahre gelten, des Kinos, der jüngeren Generation des Autorenkinos, die nach der großen Revolte kam, nach Neorealismus und Nouvelle Vague, und die das Politische nun vor allem im Privaten fand. Die Filme von Polanski wie Bertolucci interessieren sich stärker für Sex und Gewalt, sie vollzogen die Tabubrüche, die ihre bürgerlicheren Väter oft nur andeuteten, auch sichtbar auf der Leinwand – ihr Kino ist im Zweifel Zeigen statt Reden, mehr Aktion als Reflexion, ohne dass es dadurch weniger komplex und intelligent wäre.
Heute gehören sie zu den wenigen der letzten, noch aktiven ihrer Generation, zwei Dinosaurier eines Typus des europäischen Autorenkinos, das schon fast ausgestorben ist.

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Der Zufall der Verleihpolitik will es, dass nun auch die beiden neuesten Werke von Polanski und Bertolucci am gleichen Tag ins deutsche Kino kommen. Und – dies ist kein Zufall – in der Zusammenschau ergeben sich bemerkenswerte Gemeinsamkeiten: Zwei Kammerspiele; zwei dunkle Innenräume – eine Theaterbühne, ein vollgestopfter Keller –, in denen sich zwei bislang einander Unbekannte durch Zufall begegnen, und einen intensiven Austausch miteinander beginnen. Das Ergebnis sind zwei möglicherweise letzte Filme, zwei konzentrierte Selbstreflexionen ihrer Regisseure, in denen sie fast beiläufig auch die Summe ihrer Lebenswerke ziehen.

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Venus im Pelz von Roman Polanski ist eine Literaturverfilmung der Vorlage von Leopold von Sacher-Masoch, des Namensgebers, wenn nicht Ahnherren des Masochismus. Doch von dem Buch bleibt außer dem Titel nicht viel übrig: Thomas, gespielt vom Franzosen Mathieu Amalric, sieht nicht nur dem Polanski der 70er zum Verwechseln ähnlich, er ist auch ein Regisseur, in diesem Fall an einer Theaterbühne. Und Polanskis Frau, die Schauspielerin Emmanuelle Seigner spielt die Schauspielerin Vanda, die zu spät zum Casting kommt, und sich mit dem Regisseur in eine rede-Duell verstrickt, einen Zweikampf mit Worten zwischen einem Intellektuellen und einer Proletarierin, in den sich zunehmend auch Polanski Vita einschreibt.
Es geht dabei um den Zusammenhang und Analogien zwischen Kunst und Leben, um Kontrollverlust und Rollenspiel.

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Einmal mehr entfaltet Polanski zudem in einem Film ein klaustrophobisches Szenario: War es in Der Pianist ein einziger im Untergrundgrundversteck, waren es in Der Tod und das Mädchen (1994) drei und in Der Gott des Gemetzels (2012) vier Charaktere – immer wieder geht es in Polanskis Filmen um Eingeschlossene in eigenen wie äußerlichen Gefängnissen. Auch solchen Situationen entwickelt der Regisseur Kammerspiele mit geringstmöglichem äußerem Aufwand, aber hoher innerer Intensität.
Es liegt allzu nahe, in derartigen Szenarien auch Kurzschlüsse zu Polanskis Biographie und seinen traumatischen Erfahrungen zu ziehen – zu seiner Kindheit im Krakauer Ghetto, zur deutschen Besatzung mit ihren permanenten Todesdrohungen, zum Mord an der Mutter in Auschwitz. Wir Zuschauer werden in Venus im Pelz Zeugen einer konzentrierten Selbstreflexion des Regisseurs, in der er fast beiläufig auch die Summe seines Lebenswerks zieht: Eros und Aggression und ihr Zusammenhang, die untrennbare Vermischung von Polanskis künstlerischem Werk und seinem eigenen Privatleben – in der biographische Kurzschlüsse, auch jetzt etwa zwischen der sadfomasochistoschenm Sexpraktiken im Film und Polanskis eigenen Bett-Gepflogenheiten trotzdem das Dümmstmögliche wären.

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Auch Ich und Du ist eine Romanverfilmung. Im Buch von Niccolo Ammaniti geht es um den 14-jährigen Lorenzo, der eine Klassenfahrt schwänzt und sich für zwei Wochen im Keller versteckt. Zufällig wird er dort von seiner älteren Halbschwester Olivia entdeckt. Sie ist drogensüchtig, und versteckt sich aus anderen Gründen. Im Folgenden geht es um die allmähliche, inzestuös eingefärbte Annäherung der beiden – eine romantizistische Erziehung der Gefühle und Sinne, die an Bertoluccis Die Träumer ebenso erinnert wie an seinen Letzten Tango
Beide Filme lohnen unbedingt – nicht nur für Fans der Regisseure. Sondern auch, weil man nach Betrachtung eine andere Frage kaum verdrängen kann: Die melancholische Ahnung, hier auch dem letzten Tanz eines europäischen Autorenkinos zugeschaut zu haben, das Sinnlichkeit mit anspruchsvoller Intelligenz verbindet, das verführerisch sein will, aber nicht unter Niveau.
Gibt es heute unter den 20, 30-jährigen wirkliche legitime Nachfolger eines Bertolucci oder Polanski?

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Je kleiner die Bedeutung, um so größer die Datei – das ist ein ganz guter Richtwert zur schnellen Beurteilung von Pressemitteilungen. Gerade in den letzten Wochen nahm es überhand: In nur zwei Wochen Ende Oktober kamen Mails von den Festivals aus Cottbus, Hof, Leipzig, Mannheim, Tübingen, Lübeck, Lünen, vom Prix Europa, dazu jeder zweite Film jedes dieser Festivals (inklusive der Kurzfilme und jede Filmhochschule mit einer eigenen Agentur, die Förderer mit ihren Jubelmeldungen, die Sender mit ebenfalls eigenen Jubelmeldungen zu den gleichen Filmen, und alle davon zu groß – das sind ohne jede Übertreibung am Tag locker 50 MB für die Löschtonne.
Dazu die normalen Filmstarts – bei zehn Filmen pro Woche im Schnitt mit drei bis acht Mails pro Film, ein paar Buchverlage, dazu das übliche Tagesgeschäft eines Journalisten, also Pressekonferenzen, der liebe Kulturstaatsminister nicht zu vergessen… Wenn man mal zwei Tage offline war, muss man manchmal löschen, um Mails überhaupt öffnen zu können… Ein absoluter Wahnsinn an Datenschrott und PR-Overkill.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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