cn-kolumne: Ein Interview mit Corinna Glaus (BVC)

Corinna Glaus (BVC) | © Livio Piatti

Anfang des Interviews:

Seit 1997 führen Sie erfolgreich ein Casting Büro in der Schweiz. Wie sind Sie überhaupt zum Casting gekommen?
Zum Casting bin ich wie die meisten meiner Kollegen über Umwege gekommen. Nach dem Abitur habe ich mit dem Studium in den Fächern Ethnologie und Volkskunde angefangen, immer mit der Idee, dass ich gerne am Theater arbeiten möchte! Schlussendlich habe ich das dann auch in Deutschland realisiert. Zurück in der Schweiz habe ich zunächst selbst in der freien Szene Stücke inszeniert und bin irgendwann zum Film gekommen. In der Schweiz gab es bis dahin keinerlei professionelle Casting-Büros. Beim Fernsehen gab es bis dahin eine eher vernachlässigte Schauspielerdatei, die nur ab und zu mal von Produktionsleitern gefüttert wurde.

Mögen Sie an dieser Stelle Ihre und die Geschichte des Schweizer Castings skizzieren?
Ganz klar ist die Geschichte von Wellen geprägt: In den 1950er Jahren gab es, allen voran, Filme, die in schweizerdeutscher Sprache gedreht wurden. Diese wurden dann teilweise mit deutschen Schauspielern besetzt, die sich bemühten, Schweizerdeutsch zu sprechen (lacht). Lange Zeit wurde dann nur noch in „Hochdeutsch“ gedreht und die Schweizer Produktionen haben ausschließlich in Deutschland gecastet. In den 1990er Jahren gab es – zumindest in der deutschsprachigen Schweiz – eine Wiederentdeckung unserer Sprache: Sowohl Kino- als auch Fernsehfilme wurden in Originalsprache, also Schweizerdeutsch, gedreht. In dieser Zeit war ich als Regieassistentin tätig und mit einem Schauspieler liiert, so dass viele Regisseure auf mich zukamen und fragten: „Du kennst doch so viele Schauspieler. Weißt du nicht noch jemanden?” – da habe ich diese Marktlücke realisiert. Zudem hatte ich ein Kind und wollte nicht mehr ständig auf Dreh sein, also habe ich entschieden: Ich steige da ein und versuche das aufzubauen. Weiterhin als Regieassistentin tätig, habe ich parallel versucht, als Casterin Fuß zu fassen. Ganz klar, es war eine ziemlich harte Aufbauarbeit, denn die ersten Jahre konnte ich nicht davon leben. Ein neuer Meilenstein, war das Jahr 1998: Das Schweizer Fernsehen hatte Ruth Hirschfeld als feste Casterin engagiert und Casting als Beruf wurde immer mehr wahrgenommen und professionalisiert.

In welchen speziellen Bereichen sind Sie als Casting Director tätig?
Ich kann es mir natürlich nicht immer aussuchen und würde manchmal auch gerne absagen… doch ich bin selbstständig und das heißt auch, Kompromisse zu machen. Grundsätzlich besetze ich Spielfilme für Kino und Fernsehen – aktuell mehr Kinoproduktionen als fürs Fernsehen. Ab und zu kommt es vor, dass Regisseure, mit denen ich beim Film arbeite, Werbe-Produktionen machen und mich für die Besetzung anfragen, was für mich dann auch Sinn macht. Ebenfalls hat es sich ergeben, dass ich Jugendliche für Hauptrollen besetzen sollte und mich so in das Spezialgebiet des Jugend-Castings eingearbeitet habe. Gerade in diesem Bereich braucht man viel Zeit und Raum.

Was verstehen Sie persönlich unter Casting?
Meine Arbeit verstehe ich als künstlerische Dienstleistung an Regie und Produktion mit dem Ziel dem Auftraggeber bei der Realisierung seines Filmes, so gut als irgend möglich, mit meinem Wissen und Können zu helfen. Das Casting ist der erste Moment, bei dem die Regie mit den Schauspielern zusammen kommt. Diese erste Begegnung von Künstlern ist ein sehr sensibler Moment, insbesondere, wenn der Regisseur auch noch der Drehbuchautor des Projekts ist. Nach jahrelangem Schreiben hat er bestimmte Figuren im Kopf…und plötzlich kommt da ein Schauspieler daher und bringt diese Figur zum Leben. Dieser erste Moment der wechselseitigen Begegnung ist für mich ein unglaublich spannender Augenblick, geradezu ein Schlüsselmoment. Denn nicht selten kommt es vor, dass Regisseure oder Autoren hier schon fast physische Widerstände oder aber auch extreme Freude entwickeln. Hier wird sozusagen eine Geschichte vom Papier lebendig… Es geht also bei einem Casting nicht darum, herauszufinden ob der Schauspieler gut ist oder nicht, sondern ob er die Regie zu dieser Figur und zu einer Zusammenarbeit inspirieren kann – und ob er oder sie in das ganze Puzzle, also Ensemble, hineinpasst.

Vollständiges Interview:
http://www.casting-network.de/

Das Interview führte:
Alexander Krebs | Ausarbeitung: Tina Thiele & Carla Hörschler

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