Fördern ohne Fantasie – wie der DFFF seine Chancen vertut

Stefan Zweig trifft Tim und Struppi: „The Grand Budapest Hotel“ ist eine irre Hommage an das alte Mitteleuropa, wie sie das Kino noch nicht erlebt hat. Da musste erst ein Texaner kommen, um zu zeigen wie das geht… Foto © 20th Century Fox

Die Berlinale hat ihre Bären verteilt, und wie immer sind solche Entscheidungen erstens auch Geschmackssache, zweitens meist das Ergebnis langer Diskussionen und schwerer Gedanken und drittens neigen die Jurys in Berlin meist zu Werken exotischerer Art beziehungsweise aus exotischeren Filmländern, wie das Festival selbst gerne vom Weltkino träumt. Weshalb man darüber auch gar nicht diskutieren soll. Am Gewinner des „Goldenen Bären“ gibt’s wohl heuer auch nichts auszusetzen – und man merkt an dieser Formulierung: Yinan Diaos Serienmörder-Krimi aus China ist einer der wenigen Wettbewerbsbeiträge, die ich nicht gesehen habe, weshalb ich erst recht nichts dazu sage.Will ich auch nicht, weil ich schon auf den „Silbernen Bären“ blickte, den „Großen Preis der Jury“, den Eröffnungsfilm des Festivals, dem ich gute Chancen auf noch mehr eingeräumt hätte, zugleich aber doch nicht, weil er doch zu locker und fröhlich daherkommt für eine mittlerweile staatstragende Veranstaltung wie die Berliner Festspiele. Und schon mutmaße ich, ob es den Juroren nicht vielleicht ebenso ging, und ihr „Großer Preis“ sowas ist wie die Geheimauszeichnung für den Film, den sie sich dann später zu Hause doch ein bisschen lieber nochmal angucken als all die anderen …

„The Grand Budapest Hotel“ also. Für mich bislang Wes Andersons schönster Film, weil er seiner (wenn auch simplen) Geschichte durchweg folgt, ohne sich inmitten der irren Ideen, von denen der Regisseur und Drehbuchautor bekanntlich unendlich viele hat, zu verlieren. Und weil bislang noch kein Filmemacher einen solchen Abgesang auf das Mitteleuropa zwischen den Weltkriegen, jene vergangene polyphone Multikultur angestimmt hat. Angeregt von Stefan Zweig sei er gewesen, schrieb Anderson in den Abspann; aber ebenso viel „Tim und Struppi“ ist in der Die Geschichte aus der Fantasie-Republik Zubrowska zu finden. Weshalb sich europäische Filmemacher schon fragen dürfen, warum erst ein Kollege aus Texas anreisen muss, um ihnen diese Epoche wieder in Erinnerung zu rufen. Vielleicht braucht es diese Distanz auch … obwohl sich die Kollegen in der Literatur da leichter tun.

Aber schön: „Die Welt wie in einer Schneekugel“ ist trotzdem auch eine deutsche Produktion, wie ja oft genug vor dem Festival erwähnt wurde: Gedreht in Görlitz, koproduziert vom Studio Babelsberg und darum auch mit mehr als fünf Millionen Euro deutscher Filmförderung versehen, allein dreieinviertel davon durch den Deutschen Filmförderfonds (DFFF), der erklärtermaßen ein „Anreiz zur Stärkung der Filmproduktion in Deutschland“ sein, sprich Studio Babelsberg am Laufen halten soll. Was offenbar auch gelungen ist, wenn man noch zum Abspann sitzen bleibt und mitliest. Im Film selbst merkt man nicht soviel davon. „The Grand Budapest Hotel“ ist ein Fest der Film- und Schauspielkünste, doch all die bekannten Gesichter und Heads of Department kommen von überall her, nur nicht aus Deutschland.

Weshalb ich doch noch mal nachrechnete, denn für den DFFF hat man sich ein hochkomplexes System ausgedacht, welche Bedingungen ein Film erfüllen muss, um gefördert zu werden. Einer der Produzenten muss seinen Sitz in Deutschland haben, für vieles weitere wird ein irgendwie gearteter Bezug zum Land mit Punkten belohnt: Handlung und Drehorte, Schauspieler und Filmkünstler, Postproduktion und Sprachfassung … 48 von 94 möglichen Punkten muss ein Spielfilm erreichen.
Nicht alles lässt sich ohne weiteres nachprüfen, trotzdem ist klar, dass „The Grand Budapest Hotel“ die Vorgaben locker erfüllt hat. Was aber auch daran liegt, dass die „Kreativen Talente“ vor und hinter der Kameralinie, ebenso gut aus einem Staat des Europäischen Wirtschaftsraums stammen können – was auf alle außer dem Regisseur zutrifft. Als guter Europäer wollte ich auch darüber nicht diskutieren, zumal ja für alle anderen Filmschaffenden genügend Arbeit da war – zeigten die Förderer hier nicht erschreckende Fantasielosigkeit. Der DFFF mit seinen 60 Millionen Euro im Jahr ist ein mächtiges Instrument für die Filmwirtschaft und nicht bloß eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme! Wes Anderson hat als Regisseur eine Fangemeinde, sein Film wird rund um die Welt ein Publikum finden – die Gelegenheit, der Welt ein oder zwei Schauspieler der heimischen Filmlandschaft wenigstens in Nebenrollen vorzustellen. Wie das übrigens im anderen Babelsberger Wettbewerbsbeitrag (außer Konkurrenz) George Clooneys Monuments Men getan hat.
Oder vor vier Jahren ein anderer „Kultregisseur“, der damit gar keine so schlechten Erfahrungen machte: Für seinen Auftritt in „Inglourious Basterds“ erhielt Christoph Waltz seinen ersten „Oscar“ und hatte Quentin Tarantino wohl so gut gefallen, dass er gleich in seinem nächsten Film wieder mitspielte – und noch einen „Oscar“ gewann.

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3 Antworten auf Fördern ohne Fantasie – wie der DFFF seine Chancen vertut

  1. Christoph Waltz ist keine deutscher sondern ein oesterreichischer Schauspieler. Und die Oesterreicher scheinen sowieso mehr richtig zu machen was Filmfoerderung angeht. Das sieht man auch an Filmen die in Cannes und bei den Golden Globes ausgezeichnet werden wie “Amour” und “Das weisse Band”.

  2. Oh, habe ich mich so unklar ausgedrückt? Dann bitte ich um Entschuldigung. Aber welchen meiner Misserfolge meinen Sie denn, den ich da vermeintlich rechtfertige? Die Preisverleihung diente nur als zufällig gegebener Anlass, und vielleicht hätte ich besser zum Kinostart von „The Grand Budapest Hotel“ gewartet. Denn tatsächlich ging’s mir doch nur um diesen Film und den DFFF (siehe Überschrift und Foto). Und der „große Bullshit“, den ich mir dazu „aus den Fingern sauge“ (was ich mir aber gar nicht visualisieren mag), dreht sich um die Frage, warum man Millionen zur Stärkung des deutschen Films ausgibt, aber keinen Gedanken daran verschwendet, dass man den deutschen Film auch und nachhaltiger stärkt, indem man Schauspieler und andere kreative Kräfte in der Welt bekannter macht – was wiederum sehr einfach wäre, würde man darauf achten, bei den solchermaßen geförderten Filmen (siehe vorletzter Absatz) „ein oder zwei Schauspieler der heimischen Filmlandschaft wenigstens in Nebenrollen vorzustellen“. Was ja wohl auch irgendwie mal eine der Ideen hinterm DFFF gewesen sein dürfte, wenn man einen Blick in den Kriterienkatalog wirft.

  3. Das ist doch bitte nicht euer Ernst, anhand einer Jury-Entscheidung (Zumal der Preisträger nicht einmal gesehen wurde, der im übrigen ebenfalls eine lakonisch humorvolle Hommage an das Kino ist) dermaßen großen Bullshit aus den Fingern zu saugen. Man kann seinen eigenen Misserfolg doch nicht ständig durch die Entscheidungen anderer rechtfertigen!