Glanz und Elend des Deutschen Films V: Kanon

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Ganz schön modern: Drei junge Filmemacher ziehen mit der Kamera in die Stadt und drehten mit Laiendarstellern einen der ersten Independent-Filme. Das gab’s schon 1929. Gesehen? Wie auch? | Foto © Archiv cinearte

Der Videorecorder, das Privatfernsehen, das Internet… die Evolution trieb den Zuschauer unaufhaltsam in ein Paradies der Programmvielfalt und des zeitsouveränen Hinguckens. Das ist natürlich gut, weil ein Fortschritt aus der öffentlich-rechtlichen Knechtschaft, als es nur drei Kanäle gab und keine Fernbedienung.

Die Einschränkung hatte freilich auch Vorteile: Einfach rumzappen war nicht – weniger wegen der eingeschränkten Auswahl, sondern weil jeder Programmwechsel wohlüberlegt sein wollte; man musste ja die gesamten drei Meter vom Sofa bis zum Fernseher zu Fuß zurücklegen und wieder zurück. So bekam man, ob man wollte oder nicht, immer wieder Perlen und auch weniger gelungene Beispiele aus lange vergessenen Jahrzehnten der Filmgeschichte vorgestellt. Und die auch noch am Stück von Anfang bis Ende samt komplettem Abspann.

Bekanntlich hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen diese Bildungsmission inzwischen aufgegeben, haben viele Zuschauer inzwischen das öffentlich-rechtliche Fernsehen aufgegeben. Die einen gucken lieber hin, wo’s bunter klingt und nicht zu kompliziert wird, die anderen gucken ganz woanders hin. Der Zuschauer heute sieht fast nur noch, was er kennt oder was ihm vom Verleiher mit dem größten Marketingbudget bekannt gemacht wurde. Und wer die schwarzweißen Klassiker sucht, weil er wer-weiß-woher von ihnen wissen mag, muss sie sich selber kaufen. Die Online-Videothek führt nur die wenigsten.

Das ist gewissermaßen der „weiche“ Aspekt einer Diskussion, die schon seit einigen Jahren die Branche beschäftigt: Die Rettung des nationalen Filmerbes. Nach der rufen nicht nur die organisierten Filmkritiker, auch die Fraktionen im Bundestag, von rechts bis ganz links haben sich ihrer in seltener Einmütigkeit angenommen, es gab sogar mehrere Petitionen und der vorherige Kulturstaatsminister hatte sich dafür besonders stark gemacht, die Archivbestände zu digitalisieren, um sie vor dem Zerfall zu retten. Nur eine schlüssige Erklärung habe ich nirgends gefunden, was schlimm daran sein soll, wenn „80 Prozent aller Stummfilme verschollen oder endgültig verloren […] rund ein Viertel aller vor 1950 produzierten Tonfilme […] nicht mehr auffindbar“ sind und „die Verluste bis in die 1990er Jahre hinein“ reichen. Offenbar hält man das Problem für selbsterklärend genug.

Ich will es hier auch nicht erklären müssen. Sicherlich kann man immer noch seinen Spaß im Kino haben, ohne Klassiker zu kennen. Es kann aber auch nicht schaden, einmal zum Beispiel „Menschen am Sonntag“ gesehen zu haben, das Werk einiger junger Filmenthusiasten, die 1929 schon einfach einen Low-Budget-Film wagten über ein paar junge Leute, die sich durch Berlin treiben ließen, um zu sehen, was schon alles war vor Neorealismus, Nouvelle Vague, Autorenkino, Berliner Schule, Youtube und was noch alles kommen wird (ohne all deren Errungenschaften schmälern zu wollen).

Doch was nützt ein gerettetes Filmerbe, wenn es dann doch keiner zu sehen bekommt? Dieser „weiche“ Aspekt wird im ganzen Digitalisierungsgeschäft völlig ignoriert.

Das ist die eine Seite. Die andere zeigte mir vor kurzem ein 30jähriger Bekannter: Er habe neulich durch Zufall einen tollen „Klassiker“ gesehen und berichtete angeregt über einen Film von 1995! Hoppla, dachte ich, den habe ich noch am Starttag im Kino gesehen. Und viele echte „ Klassiker“ zuvor … Das Filmerbe, nicht nur das eigene, türmt sich immer weiter auf und mit ihm neue Klassiker. Das ist für jede neue Generation noch weniger zu bewältigen. Die Chance, dass zwei Leute den selben alten Film gesehen haben, nimmt mit jedem Jahr ab – zumal auch die Chancen, sie gezeigt zu bekommen, nicht zunehmen.

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Eine Antwort auf Glanz und Elend des Deutschen Films V: Kanon

  1. Lieber Peter Hartig,

    dieser Artikel lässt mich mehr als ratlos zurück.(Pointiert formuliert) lese ich folgende Aneinanderreihung von Thesen:

    1. Fernsehen ist nicht mehr das was es mal war. Konkurrenz von allen Seiten.

    2. Alte Filme retten. Wozu?

    3. Es gibt übrigens coole alte Filme.

    4. Filme aus den 90ern gelten Manchen schon als Klassiker.

    5. Wann soll man das denn alles sehen.

    Ja und? frag ich mich nach dem Lesen dieser Zeilen. Wo drückt der Schuh?

    “Klassiker” oder nicht, das sind doch auch nur Schubladen. Und die gesamte Weltliteratur haben ja auch die allerwenigsten komplett gelesen………… den darum geht es ja auch gar nicht.

    Und: Vielleicht sollte man “alte Filme” und die “Klassiker” nicht in einen Topf werfen? Genauso wie das “nationale Filmerbe” und ein Kanon nicht das Gleiche sind.

    Ein Kanon ist auch nur eine Möglichkeit, mit der schieren Masse an Vergangenheit umzugehen. Man könnte sich genauso gut nur einer bestimmten Epoche oder einem bestimmten Jahrzehnt widmen, die 1890er zum Beispiel, und wäre sein Leben lang beschäftigt.

    Ist die These des Textes: “Wozu Filme aufbewahren, wenn es eh ständig neue gibt?”
    Oder: “Es gibt gute alte Filme, aber müsse wir denn wirklich alles aufheben?”
    Oder: “Wie um alles in der Welt sollen wir das jemals alles angucken?”

    Vielleicht habe ich auch etwas übersehen?

    In hochgradiger Verwirrung aber mit beste Grüße,
    Georg

    P.S.: Hm. Warum leisten wir uns eigentlich Nationalarchive. Liest doch eh keiner, oder? ;-)

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