Glanz und Elend des Deutschen Films VI: Einstellung

Alles eine Frage der Einstellung: Mit Produktionen aus dem eigenen Land sind Publikum wie Kritiker besonders streng. Oder schauen erst gar nicht mehr hin. Das Historiendrama „Pool“ etwa hatte nicht mal 130.000 Besucher im Kino. | Foto © Piffl Medien

Wer sein Kind liebt, der züchtigt es“, glaubt nicht nur die Bibel: „Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, nimmt ihn früh in Zucht.“ Heutige Pädagogen mögen da schwerste Bedenken äußen, doch wer  als deutscher Filmkritiker etwas auf sich hält, der ist mit dem deutschen Film besonders streng und sagt Sätze wie „Ich ertrage höchstens drei deutsche Filme am Stück”, wenn er auf der Berlinale mit Kollegen am Nebentisch fachsimpelt. Man kann aber ebenso gut die Kritiken, Blogs und Kommentare zu einem beliebigen deutschen Film nachschlagen – irgendwo findet sich garantiert der Vergleich „für einen deutschen Film …“

… wirklich gelungen,

… ungewöhnlich lustig und realistisch,

… erfrischend anders und unkonventionell,

… besonders.

Was man umkehrschließen kann, um zu wissen, was der Deutsche Film anscheinend sonst so sei.

Anderntags sitze ich im Kino, um das neue Werk eines deutschen Regisseurs zu sehen. Könnte spannend werden, ist prominent und interessant besetzt, vor allem hatte mir aber sein Debüt gefallen, weshalb ich auf den zweiten Film neugierig bin.

Neben mir nimmt ein deutscher Filmkritiker Platz, wie ich annehme, weil er erstens das schwarze Modell der Filmkritikerbrille trägt (die gibt es eckig mit schwarzem Gestell oder rund randlos), zweitens wir in einer Pressevorstellung sitzen. Davon gibt es viele an einem Berlinale-Tag, weshalb man zwischendurch leicht mal die Orientierung verlieren kann. „Was sehen wir denn jetzt?“ fragt er darum seine beiden Begleiterinnen auf Englisch, denn es sind Französinnen. Auf die Anwort entgegenet er ohne zögern: „Ah, diesen Regisseur mag ich gar nicht!“ Wie ein Vater, der seinen Sohn richtig gerne hat.

Dann beginnt der Film, und der Kritiker schläft rasch ein, obwohl es dafür keinen Grund gibt. Eine gute halbe Stunde später wird er wieder wach und beginnt unmittelbar, über das, was auf der Leinwand geschieht, herzuziehen. Was gar nicht so einfach ist, weil die Handlung schon absichtlich ein wenig verwirrend angelegt ist und man besser die erste halbe Stunde gesehen haben sollte, um zu verstehen, was da vor sich geht.

Dann ist der Film aus, der Kritiker erhebt sich feixend und fühlt sich in seinem Vor-Film-Urteil bestätigt. Er mußte nicht mal richtig hingucken. Lesen Sie mal, was einer der angesehensten deutschen Filmkritiker vor vielen Jahren dazu geschrieben hat.

Mitunter kommt es mir so vor, als hinge das Kind kopfüber am Klettergerüst, jogliert mit fünf Orangen und rezitiert das „Hildebrandslied“ im Original – doch Papa schaut gar nicht hin. Er weiß ja, dass sein Nachwuchs eh nichts kann.

Wenn’s auch nach dieser Anekdote so aussehen mag – die Kritiker selbst sind nicht das Problem, sie schreiben nur, was viele denken. Denn die Vorurteile gegen deutsche Produktionen sind ja weiter verbreitet, mit dem eigenen Kind sind anscheinend alle strenger als mit denen anderer. Gute Leistungen werden da leichthin übersehen, und jeder noch so gute Kritiker schreibt die Aufmerksamkeit nicht herbei. Darum zum Abschluss (willkürlich und unkommentiert) zehn deutsche Filme aus den vergangenen zehn Jahren, denen ich im Kino mehr Zuschauer gewünscht hätte. Nicht dass sie alle perfekt wären, aber jeder war auf seine Weise gelungen, ungewöhnlich lustig oder realistisch, erfrischend anders und besonders. Und jeden gibt es noch als Video:

The International (695.575 Besucher),
Shoppen (333.902 Besucher),
Wer ist Hanna? (295.831 Besucher),
Der Rote Baron (252.944 Besucher),
Hotel Lux (163.221 Besucher),
Merry Christmas (150.485 Besucher),
Poll (129.736 Besucher),
Die vierte Macht (100.856 Besucher),
Schwerkraft (50.697 Besucher)
Habermann (8.816 Besucher).

Ein aufschlussreiches Detail am Rande: Für den letzten Titel gibt’s nicht mal einen Eintrag in der deutschen „Wikipedia“ – da muss man schon aufs Englische ausweichen.

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Eine Antwort auf Glanz und Elend des Deutschen Films VI: Einstellung

  1. Ich bin davon überzeugt, das wahre und geschulte Filmenthusiasten aus Deutschland bei ausländischen Filmen nicht weniger streng sind als bei deutschen. Vielleicht lässt man sich manchmal zu sehr von der opulenten Ausstattung und den großen Budgets und Namen blenden, aber wenn die Story mist ist, werden dies auch die großen Schauwerte nicht lange Zeit übertünchen können.

    Dass das deutsche Publikum – übrigens wie jedes andere auch – die “eigenen” Filme an den Hollywoodproduktionen mißt und sie mit ihnen vergleicht, liegt in der Natur der Sache und ist auch gut so. Niemand käme jemals auf die Idee zu Yogi Löw zu sagen: “Auch wenn dein Team wie Togo, Nepal oder Samoa spielt – wir haben euch trotzdem ganz doll lieb.”

    Und wenn eine staatliche Anzahl deutscher Schaupieler – darunter sehr viele der sogenannten “Stars” – mimisch zu nicht mehr als zwei emotionalen Regungen im Stande ist, dann darf man das gefälligst kritisieren. Genauso wie man sagen darf und muss, dass die meisten deutschen “Top-Filme” den amerikanischen “Top-Filmen” in Punkto Tempo, Schauspielkunst, dramaturgischer Einfallsreichtum, emotionaler Tiefe usw. um Welten einfach unterlegen sind.

    Die ganze Welt ist ein einziger Vergleich, und warum sollten ausgerechnet deutsche Künstler oder Kreative und ihre Produkte davon ausgenommen werden?

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