Alles beim Alten

Auf dem Podium bei den Regietagen (von links): Skadi Loist, von der Universität Rostock, Moderatorin Margrét Rún, HFF-Präsidentin Uschi Reich, die Regisseurin Julia von Heinz, Claudia Tronnier, Leiterin des „Kleinen Fernsehspiels“, und Studio-Hamburg-Chef ­Michael Lehmann. | Foto © BVR, Stella Boda

Auf dem Podium bei den Regietagen (von links): Skadi Loist, von der Universität Rostock, Moderatorin Margrét Rún, die Produzentin Uschi Reich, die Regisseurin Julia von Heinz, Claudia Tronnier, Leiterin des „Kleinen Fernsehspiels“, und Studio-Hamburg-Chef ­Michael Lehmann. | Foto © BVR, Stella Boda

2016 war das Jahr der Regisseurinnen, war 2016 zu lesen. Maren Ade hatte mit „Toni Erdmann“ in Cannes die Herzen erobert, Maria Schrader mit „Vor der Morgenröte“ begeistert, Nicolette Krebitz mit „Wild“ überrascht. „Toni Erdmann“ gewann sechs „Europäische Filmpreise“ und in diesem Jahr noch mal fünf „Lolas“, jeweils auch in den Kategorien für den besten Film und die beste Regie. Wo übrigens beim „Deutschen Filmpreis“ drei der sechs nomierten Filme von Frauen inszeniert waren, drei der vier nominierten Regisseure Frauen waren. Na bitte, geht doch! Und alles ohne offizielle Quote.

Hinter den Blitzlichtern ist die Freude nicht mehr so groß. Auf den Regietagen Anfang November hatte der Bundesverband Regie (BVR) seinen „Diversitätsbericht für das Jahr 2016“ [PDF] vorgestellt. Es ist bereits der vierte. Untersucht wird nicht weniger als die „Regievergabepraxis in Deutschen fiktionalen Primetime-Programmen von ARD, ZDF, RTL Sat1 und Vox sowie in deutschen Kinospielfilmen.“ Wer dreht oder darf drehen, was am meisten und liebsten gesehen wird?

Vornehmlich Männer, hatte der BVR in seinem ersten Diversitätsbericht vom November 2014 herausgefunden. Für die Jahre 2010 bis 2013 war der prozentuale Anteil von Regisseurinnen bei fiktionalen Primetime-Sendeplätzen im deutschen Fernsehen lediglich 11 Prozent. Bei Kinospielfilmen lag er zwar doppelt so hoch, doch bei den hohen Budgets sah es auch nicht besser aus als im Hauptabendprogramm des Fernsehens. An fehlendem Interesse könne das nicht liegen, es seien doch 42 Prozent der Regieabsolventen deutscher Filmhochschulen Frauen.

Wahrscheinlicher ist, dass man sie nicht lässt. Eine weitere Studie der Universität Rostock zeigte, dass Regisseurinnen meist finanziell schlechter ausgestattet seien und nur zwei Drittel der Fördersumme erhielten, die Männer bekamen.

Ohne Quote geht’s wohl doch nicht. Nach diesen ersten Zahlen hatten sich mehr als 370 Regisseurinnen im Lande zu „Pro Quote Regie“ zusammengeschlossen, wie es bereits Journalistinnen und Ärzte für ihre Berufe getan hatten, und verwiesen auf Schweden, wo sich dank Quotenregelung der Anteil der Frauen in Schlüsselpositionen bei Filmproduktionen ungefähr dem Bevölkerungsanteil angeglichen habe. Inzwischen haben sich auch die öffentlich-rechtlichen Sender und mehrere Fördereinrichtungen dem Thema verschrieben, die Gleichberechtigung ist als Ziel ins neue Filmförderungsgesetz (cinearte 385) geschrieben worden und wird auch über die Branche hinaus diskutiert.

Gut ist damit noch lange nichts. 44 Prozent Regieabsolventinnen, also sogar zwei Prozentpunkte mehr als vor drei Jahren, zählt die jüngste Studie für das Jahr 2016. Zwar ist deren Anteil im Fernsehen nun fast doppelt so hoch wie vor drei Jahren, im Kino ist aber alles beim Alten, einschließlich der geringeren Budgets und Fördermittel. 29 Kinofilme mit einem (geschätzten) Budget über fünf Millionen Euro starteten im vorigen Jahr im Kino. Nur vier davon hatte eine Frau inszeniert, ein weiterer entstand mit einer gemischten Regiespitze. Es ist auch nicht zu erwarten, dass im nächsten Jahr andere Zahlen kommen: Auch das, was zur Zeit produziert wird, folgt der selben Quote, offenbart ein Blick in die Datenbank von Crew United, der freilich noch nicht wissenschaftlich bearbeitet ist.

Woran liegt’s? Das diskutierte die Regisseurin Margrét Rún auf dem Podium mit Skadi Loist vom Institut für Medienforschung, Universität Rostock, die Regisseurin Julia von Heinz, die Produzentin Uschi Reich, Claudia Tronnier, Leiterin des Kleinen Fernsehspiels beim ZDF und Michael Lehmann, Chef der Studio Hamburg Productions Group. Zumindest für ihre Redaktion wollte Tronnier die Zahlen der Studie nicht bestätigen. Die nämlich berücksichtigten ja nur die fiktionalen Programme. „Das kleine Fernsehspiel“ aber beauftrage etwa zur Hälfte Regisseurinnen, wenn man Dokus und Mischformen mitzähle. Und sendet sie, muss man hinzufügen, möglichst weit weg von jeder Primetime, montags gegen Mitternacht, wenn keiner mehr guckt.

Zudem muss diese Quote relativ neu sein. Ein (ebenfalls grober) Rückblick in die Datenbank auf die jüngsten zehn Jahre zeigt: Bei den aufgeführten 185 Projekten des „Kleinen Fernsehspiels“, vom Spielfilm bis zur Doku-Reihe, war das Regieverhältnis etwa 2:1 – zu Gunsten männlicher Regisseure.

Auch Lehmann kennt die Probleme, gibt sich aber optimistisch. Der Bericht sage nicht aus, wie sich die Branche, jenseits der Zahlen, gerade verändere – seine Kolleginnen schritten seit zwei Jahren „forsch voran“. Ein Stück Wegs haben sie dabei wohl noch vor sich: 30 Firmen listet der Diversitätsbericht auf, die im Untersuchungszeitraum mindestens sechs Sendungen produziert hatten – gewissermaßen der Dax der Filmbranche. Nur 18 davon hatte überhaupt mit Regisseurinnen gearbeitet, Studio Hamburg ist auf Platz 15. Seltsam, denn angeführt wird die Liste mit 42,9 Prozent Regisseurinnen-Anteil von der eigenen Tochterfirma Cinecentrum ­Berlin.
Dennoch scheinen die Zahlen Lehmann zu bestätigen: Insgesamt, wieder nur grob aus der Datenbank gefischt, hat Studio Hamburg mit seinen Töchtern im Zehn-Jahres-Durchschnitt jedes vierte Projekt von einer Frau inszenieren lassen; Tendenz steigend: 14,29 Prozent betrug die Regisseurinnen-Quote 2006, im vorigen Jahr hatte sie sich beinahe verdoppelt: 26,58 Prozent.

Es gibt, wurde auf dem Podium festgestellt, eine Kluft nach dem Debütfilm, in die so viele der 44 Prozent Regieabsolventinnen hineinstürzen. Und Frauen bekommen viel früher als Männer gar keine Jobs mehr. Ein Erklärungsversuch: Da draußen herrschen andere Bedingungen und Produzenten als an der Filmhochschule. Und vielleicht wird Frauen dort tatsächlich weniger zugetraut. 930 „Tatorte“ sind zur Zeit bei Crew United gelistet, fast alle erst seit den 1990er Jahren. Nicht mal ein Zehntel davon hatte eine Frau inszeniert. Wie eine gesamte Werkschau der Krimireihe seit den frühen 70er-Jahren aussehen würde, mag ein jedes sich selbst vorstellen. Dem Diversitätsbericht zufolge gelten Frauen wohl vor allem für die Primetime, Krimis und 90-Minüter als Risiko.

Das ist kein deutsches Phänomen. Auf der englischsprachigen Website shitpeoplesaytowomendirectors.tumblr.com erzählen Regisseurinnen, eben dies: was sie sich im Alltag so an Blödsinn anhören müssen. Und wäre ihnen nicht allmählich der Humor vergangen, könnten sie aus den Anekdoten eine böse Komödie zusammenstricken. Diese hier bringt es auf einen Punkt: „Ich hatte ein Meeting mit einer Produzentin, die zuvor verkündet hatte, sie wolle mehr weibliche Regisseure für ihre Serie. Auf meine Nachfrage, eine Folge zu inszenieren, sagt sie: ,Wir haben für diese Staffel schon zwei Frauen beauftragt. Je nachdem, wie sie sich anstellen, könnte es möglich sein, eine Frau für eine Episode in der nächsten Staffel zu engagieren.‘ Sie nahm also an, dass die Arbeit einer Frau die Fähigkeiten von allen Frauen widerspiegele. Ich wusste nicht mal, wie ich das Gespräch fortsetzen sollte.“

Für Reich, lange Jahre Chefin der heutigen Bavaria Filmproduktion, liegen die Gründe aber nicht nur in etwaigen Strukturen und Vorurteilen: Der Regieberuf erfordere eine „aktive Selbstpräsentation“. Männer, habe sie beobachtet, schlössen sich schon früh während des Studiums zusammen, gründeten Firmen und hätten gleich Projekte nach dem Abschluss. Frauen werkelten unterdessen meist alleine vor sich hin. Ihr Fazit: Man müsse bei der „Bewusstseinsbildung“ ansetzen.

Zum Beispiel auch für die eigene Sache: Das Publikum im Saal war, nun ja, sehr überschaubar, trotz einer Frauenquote von fast 75 Prozent. „Ich vermisse meine Studentinnen“, sagte Julia von Heinz, die auch Professorin an der HFF ist. „Die sind so blauäugig, zu glauben, das betrifft sie nicht.“

Argumente für die Quote hat dieser Tage eine weitere Studie gefunden: „Frauen in Kultur und Medien“, von der Kulturstaatsministerin finanziert, vergleicht die Lage in sechs Ländern. Deutschland steht in diesem europäischen Vergleich gar nicht mal so schlecht da, hängt aber in der Entwicklung hinterher. „Wertvolle Orientierungshilfe“ böten da Frankreich, die Niederlande und Schweden, die mit Quoten und weiteren Maßnahmen auf eine geschlechtergerechte Gesellschaft hinarbeiteten. In Frankreich etwa müssen seit diesem Jahr, alle Positionen, die vom Kulturministerium finanziert werden, zu 40 Prozent mit Frauen besetzt werden. Denn, so kommentiert es die „Berliner Zeitung“, ohne staatliche Regelungen passiert nicht viel!

Ein weiteres Argument dafür lieferten die öffentlich-rechtlichen Sender selbst: Die ARD hat sich eine Regisseurinnen-Quote von 20 Prozent zum Ziel gesetzt und dies mit 19,3 Prozent nur knapp verfehlt. Das ZDF hingegen vertraut auf eine „freiwillige Selbstverpflichtung“ und erreichte lediglich 14,4 Prozent.

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