Filme ohne Grenzen

Das Publikum soll ja möglichst ­viele ­europäische Produktionen ­sehen, meinen die Hersteller. Aber die Sender sollen dafür auch den angemessenen Preis zahlen. | Foto © Archiv

Das Publikum soll ja möglichst ­viele ­europäische Produktionen ­sehen, meinen die Hersteller. Aber die Sender sollen dafür auch den angemessenen Preis zahlen. | Foto © Archiv

Europa will den gemeinsamen Markt auch für digitale Inhalte: Fernsehsender müssten dann die ­Onlinerechte eines Films nur noch für ein Mitgliedsland erwerben, dürften sie aber in der gesamten EU anbieten. 411 Unternehmen und Verbände aus ganz Europa haben sich in einem Offenen Brief dagegen erklärt – darunter auch die Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO) mit ihrem ­Präsidenten Alfred Holighaus.

Herr Holighaus, Europa ringt um Einheit und den Wegfall der Grenzen, und bislang waren es gerade auch und vor allem „Kreative“, die sich dafür einsetzen. Nun formt sich ausgerechnet hier eine Allianz aus der gesamten EU, um die nationale Grenzen aufrechtzuerhalten. Wie passt das alles zusammen?
Gar nicht. Muss es aber auch nicht, weil das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Keines der Filmunternehmen und kein Branchenverband spricht sich gegen Europa und die vier Grundfreiheiten des Europäischen Binnenmarktes aus. Im Gegenteil: Wir arbeiten als Filmwirtschaft so europäisch und international zusammen wie kaum eine andere Branche. So wird die Hälfte der deutschen Kinofilme als europäische Koproduktionen produziert und finanziert. Und dafür brauchen wir den Europäischen Binnenmarkt, für den wir uns auch einsetzen. Mit anderen Worten: Auf der Arbeitsebene, der Produktionsebene verwirklichen wir das europäische Motto „In Vielfalt geeint“ in Perfektion.
Das hat aber nichts mit der Frage zu tun, ob die deutschen und europäischen Filmemacher und Filmproduzenten nach den Vorstellungen der Europäischen Kommission und den Wünschen von Verbraucherschützern, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, den Kabelnetzbetreibern und großen Plattformen mit der Lizenz für ein EU-Mitgliedsland das Recht erwerben sollten, den Film in allen Mitgliedsstaaten ausstrahlen oder über ihre Mediatheken zugänglich machen zu können. Denn mit dieser Politik wird Europa lizenzrechtlich und somit erlöstechnisch auf nur ein Mitgliedsland reduziert.
Um es auch noch einmal an Zahlen zu verdeutlichen: Ein rein deutsch finanzierter Kinofilm hat ein durchschnittliches Produktionsbudget von 2,3 Millionen Euro, ein international koproduzierter Kinofilm von 11,3 Millionen Euro. Solche hohen Budgets sind möglich, weil europäische Koproduzenten zum Beispiel aus Frankreich oder Italien jeweils durch Rechteverkäufe in ihren Lizenzgebieten und nationale Fördermittel weitere Finanzmittel für die Produktion zur Verfügung stellen können. Gleichzeitig wird das Risiko der Filmherausbringung auf mehrere Schultern verteilt. Diese Möglichkeiten haben wir nicht mehr, wenn nur noch für ein Land lizenziert werden muss, um europaweit ausstrahlen zu können. Deshalb ist es für uns existenziell, innerhalb Europas unterschiedliche Gebietslizenzen für bestimmte Nutzungsarten auch exklusiv für einen bestimmten Zeitraum vergeben zu können.

So ähnlich haben auch die Mobilfunkanbieter im Streit um die Roaming-Gebühren argumentiert. Dennoch werden solche Zusatzkosten ab Juni abgeschafft, Verbraucher zahlen Für Telefonate und SMS künftig europaweit den Preis, den sie mit ihrem nationalen Anbieter vereinbart haben. Wieso sollte für die Filmbranche anderes gelten?
Mit ihrem Beispiel vergleichen Sie nicht etwa Äpfel mit Birnen, sondern Äpfel mit Autos. Der Mobilfunkmarkt ist ein ganz anderer als der der Filmwirtschaft. Wir haben noch drei Mobilfunk­anbieter in Deutschland, aber mehr als 1.500 Produktionsunternehmen in der Filmwirtschaft. Hinzukommen Filmverleiher, Filmtheater und Videoprogrammanbieter mit mehr als 160.00 Beschäftigten.
Die europäische Politik läuft zurzeit aber darauf hinaus, dass sie die Konzentrationsprozesse auch im Kultur- und Medienbereich fördert, anstatt eine lebendige und unabhängige Produktions- und Medienlandschaft zu erhalten. Wenn das Politik und Verbraucher nicht begreifen, dann müssen sie auch die Konsequenzen verantworten: nämlich weniger Filme und damit weniger Arbeitsplätze für Kreativschaffende.

Der aktuelle Zustand ist, jedenfalls aus Sicht des Publikums, keineswegs ideal: Wenn ich Freunde in Österreich besuche, habe ich etwa auf die Mediathek des ZDF nur beschränkt oder mit dubiosen Tricks Zugriff, obwohl ich immer noch deutscher Gebührenzahler bin. Sitze ich dagegen im Hotel, kann ich zumindest die aktuellen Sendungen auch jenseits der Grenze problemlos mitverfolgen, denn der Rundfunk darf seine Inhalte weltweit versenden. Erklären Sie mir das.
Das erkläre ich Ihnen gerne. Erstens: Sie zahlen keine persönliche Nutzungsgebühr für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, sondern eine Haushaltsabgabe. Die Haushaltsabgabe ist nicht an Sie, sondern an die Wohnung gebunden, in der Sie den öffentlichen-rechtlichen Rundfunk empfangen können. Ob Sie alleine oder in einer WG wohnen, ist dabei unerheblich, genauso wie die Frage, ob Sie überhaupt ein Empfangsgerät nutzen. Haben Sie zwei Wohnungen oder eine separate Arbeitsstätte, müssen Sie auch zweimal die Haushaltsabgabe leisten, obwohl Sie sich nicht an beiden Orten gleichzeitig aufhalten können. Wenn Sie also ins Ausland fahren, deckt Ihre in Deutschland gezahlte Haushaltsgabe nicht die Nutzung der ZDF-Mediathek in Österreich ab, weil ihr Freund für seine österreichische Wohnung keine deutsche Haushaltsabgabe entrichtet hat. Mit anderen Worten: Über die Zahlung einer Abgabe für eine deutsche Wohnung kann man nicht den Empfang des ZDF in Österreich gebührenrechtlich rechtfertigen. Genauso wenig wie die österreichische Autobahnvignette ihre österreichischen Freunde berechtigen wird, die deutschen Autobahnen gebührenfrei zu nutzen, wenn denn die Maut in Deutschland eingeführt werden sollte.
Zweitens: Sie können einige Programmbestandteile in den Mediatheken nicht finden, weil der Programmauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bestimmte Sendungen dort nicht vorsieht oder aber der Sender ganz einfach nicht die erforderlichen Rechte lizenziert hat.
Drittens: Der Rundfunk (privat oder öffentlich-rechtlich) darf seine Inhalte nur weltweit senden, wenn er über die weltweiten Nutzungsrechte verfügt. Bei seinen selbstproduzierten Inhalten ist das in der Regel der Fall, bei Koproduktionen oder angekauften Spielfilmen und Serien allerdings nicht. Das ist eine Frage des Lizenzgebietes und der Lizenzgebühr.
Viertens: Was ist der ideale Zustand für das Publikum? Nach unserer Auffassung, auf eine Vielzahl von Filmen unterschiedlichster Genres über die verschiedensten Plattformen und Vertriebswege zurückzugreifen. Vor 15 Jahren konnten wir Filme im Kino oder Fernsehen sehen, uns in der Videothek einen Film ausleihen oder uns eine DVD kaufen. Heute kommen europaweit mehr als 3.000 digitale Plattformen dazu, über die wir Filme abrufen können. Das sind tolle neue Möglichkeiten. Wenn jetzt aber forciert wird, dass das Publikum jederzeit auf jeden Film vorzugsweise in den Mediatheken von ARD und ZDF zugreifen soll, dann wird es in Europa nur noch Produktionen geben, die von wenigen Sendeanstalten oder großen Playern in Auftrag gegeben werden. Dann wird es für Konsumenten eine geringere Filmauswahl geben und für die Filmschaffenden weniger Beschäftigung. Das muss man sich einfach vergegenwärtigen.

Vertreten Sie da nicht ein Bild sowohl von Europa als auch von der Mediennutzung, das jetzt schon überholt ist?
Nein, denn wir stärken die Kreativwirtschaften in Deutschland und Europa in ihrer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit, indem wir für Filmschaffende und Produzenten die Möglichkeit erhalten wollen, auf unterschiedliche Weise ihre kreativen Vorstellungen zu verwirklichen. Das Urheberrecht gewährt uns heute die Freiheit, innerhalb und außerhalb der EU an unterschiedlichen Lizenznehmern Gebietslizenzen zu vergeben. Wir haben dadurch und nur dadurch die Möglichkeit, eine Filmidee zu verfolgen und Finanzierungspartner zu finden, die zwar nicht bereit sind, das volle wirtschaftliche Risiko im Sinne einer Auftragsproduktion zu tragen, aber einen Teil des wirtschaftlichen Risikos im Sinne eines Koproduzenten zu übernehmen. Dieses Risiko übernehmen Koproduzenten nur, wenn ihre Investitionen durch entsprechende Verwertungsrechte gesichert werden, die ihnen zur Auswertung überlassen werden. Und wenn es dann Territorien gibt, für die sich keine Investoren finden und auch keine Verleihunternehmen, dann können diese Filme auch heute schon auf Plattformen für einzelne oder alle Territorien freigegeben werden. Diese unternehmerische Freiheit wollen wir nicht verlieren, weil nur sie die Vielfalt der Filme, ihrer Themen und die jeweiligen Produktionsbedingungen gewährleisten kann.

Folgen wir dem Szenario, dass in wenigen Jahren die meisten Inhalte als Stream via Internet konsumiert werden, dann konkurrieren die traditionellen Fernsehsender im Netz mit Anbietern wie Netflix und Amazon, die längst auf aufwendige Eigenproduktionen umstellen, denen keine Grenzen gesetzt sind. Die mediale Kleinstaaterei schränkt sie nicht nur ein, sondern schwächt auch für die Produzenten den Vertriebskanal.
Es ist genau anders herum. Die Abhängigkeit der Produzenten von ein paar wenigen Fernsehanstalten, Vertriebsfirmen oder Plattformen schwächt die Produzenten und gefährdet die kulturelle Vielfalt, also das Herzstück, Europas. Hätten wir nur noch fünf Filmverleiher in Deutschland, wäre Toni Erdmann nie ins Kino gekommen, weil zunächst keiner den Film ins Kino bringen wollte. Es gibt immer wieder künstlerische Werke, die nur deshalb produziert und veröffentlicht werden, weil wir eine Vielzahl von Produzenten und Vertriebsunternehmen haben, die sich jeweils mit unterschiedlichem Gespür, künstlerischem Interesse und verschiedenen wirtschaftlichen Schwerpunkten der Produktion von Filmen unterschiedlichster Gattungen und Genres widmen.
Eine europaweite Regelung sollte doch auch im Interesse von Produzenten und Vertrieb sein. Sie müssen nicht mehr Land für Land erschließen, den Filmen wird automatisch ein größerer Markt eröffnet. Viele Filme laufen ja, wenn überhaupt, nur in einzelnen europäischen Ländern.
Der europäische Binnenmarkt steht bereits heute allen Produzenten und Vertrieben automatisch offen und wir nutzen ihn. Sie er­schließen nur keinen Zuschauermarkt, indem Sie ihr Produkt auf irgendeine Plattform stellen. Da gehört etwas mehr dazu, als irgendwo einen File hochzuladen.

„Die Kreativen“ seien wichtig für Demokratie und Gesellschaft, haben Die Grünen vor kurzem in einem Positionspapier betont. Im Augenblick sind sie da gerade in Europa besonders gefordert. Wie stehen Sie zu dieser Verantwortung?
Wir können diese Verantwortung am besten übernehmen, wenn wir die Möglichkeit haben, möglichst wertvolle Filme aus unterschiedlichen Perspektiven herzustellen. Dazu brauchen wir vernünftige Rahmenbedingungen wie das Urheberrecht, mit denen wir arbeiten können. Die Partei der Grünen beschränkt mit ihren politischen Forderungen zum Urheberrecht jedoch die Möglichkeiten für Produzenten, Urheber und ausübenden Künstler, von ihrem kreativen Schaffen leben zu können. Da wird eine Berufsgruppe in die staatsbürgerliche Pflicht genommen, der man gerade die berufliche Lebensgrundlage erschwert.

Abgesehen von diesem staatsbürgerlichen Appell – wäre ein gesamteuropäischer Markt ohne Grenzen nicht oberstes Interesse der Branche, auch im Hinblick auf die Marktmacht aus den USA?
Das ist zu kurz gedacht. Der Marktmacht der USA oder Chinas oder Indiens können wir nicht beikommen, in dem wir noch größere Medienkonzentrationen fördern als in den genannten Ländern. Das kann auch kein wirtschaftspolitisches Ziel sein. Wir haben in Deutschland in den letzten Jahreszehnten so gut wie kaum ein anderes Land auf der Welt Wirtschaftskrisen bewältigt, weil wir eine mittelständische Wirtschaftsstruktur haben, die schnell und flexibel auf Veränderungen reagieren kann und nicht von einigen wenigen Großunternehmen abhängig ist. Für die Kultur- und Kreativwirtschaft ist diese Struktur nicht nur wirtschaftlich sinnvoll, sondern auch gesellschaftlich notwendig, um die kulturelle und mediale Vielfalt zu gewährleisten.

„One World – One Screen“ ist auch der Slogan von Pantaflix

, der Streaming-Tochter von Matthias Schweighöfers Pantaleon Films. Trotzdem hat deren CEO Dan Maag den Offenen Brief mitunterzeichnet. Wie übrigens auch die Constantin, die ebenfalls über Pantaflix streamt. Genau genommen unterzeichneten sie sogar dreifach, denn beide sind Mitglied der Produzentenallianz, die ebenfalls unterzeichnet hat, und die wiederum ist Mitglied der SPIO.
„Gerade deswegen“ muss es heißen, nicht „trotzdem“. Es geht um vielfältige Ausspielwege und Verwertungsmöglichkeiten. Mit Pantaflix ist eine weitere vielversprechende Plattform hinzugekommen, deren Geschäftsmodell einzig und alleine auf der Möglichkeit basiert, Lizenzen für verschiedene Territorien erwerben zu können. Das Angebot von Pantaflix würde nicht geben, wenn es nur eine europaweite Lizenz gäbe.
Pantaleon und Constantin sind Produzenten, die sowohl Auftragsproduktionen für Fernsehsender, Netflix, Amazon & Co. herstellen, als auch Kino- und Fernsehproduktionen unabhängig von diesen großen Playern verwirklichen. Und für diese Möglichkeiten setzen sie sich zusammen mit uns ein, damit auch die Kreativen und Filmschaffenden weiterhin die Möglichkeit haben, mit ihrem Beruf Geld zu verdienen und ihre künstlerischen Ideen verwirklichen zu können.

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Eine Antwort auf Filme ohne Grenzen

  1. Das mit dem Streaming soll aber demnächst wohl entfallen, so wie ich gehört habe. Geo-Blocking soll dann wohl abgeschafft werden, sodass man europaweit seine Serien durch Abos etc. schauen kann.
    Das mit den Lizenzgebühren hört sich allerdings dann schon bisschen suboptimal an. Irgendwo muss ja dann die Differenz herkommen. Wird das Kino oder DVDs/BluRays noch teurer?

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