Grün Fair Film

Endlich finden die Belange der Filmschaffenden auch eine Bühne. Ulrike Gote (links), medienpolitische Sprecherin der bayerischen Grünen, erhoffte sich Anregungen für die Politik. Neben ihr sitzen (von links nach rechts): Klaus Schaefer, Geschäftsführer des FFF Bayern; Uli Aselmann, Produzent und Vorstandsmitglied der Produzentenallianz; die Drehbuchautorin Natja Brunckhorst, die CRS-Beraterin Nicola Knoch und Bettina Ricklefs, Leiterin Spiel-Film-Serie beim BR. | Foto © Grüne Fraktion Bayern

Endlich finden die Belange der Filmschaffenden auch eine Bühne. Ulrike Gote (links), medienpolitische Sprecherin der bayerischen Grünen, erhoffte sich Anregungen für die Politik. Neben ihr sitzen (von links nach rechts): Klaus Schaefer, Geschäftsführer des FFF Bayern; Uli Aselmann, Produzent und Vorstandsmitglied der Produzentenallianz; die Drehbuchautorin Natja Brunckhorst, die CRS-Beraterin Nicola Knoch und Bettina Ricklefs, Leiterin Spiel-Film-Serie beim BR. | Foto © Grüne Fraktion Bayern

Die Bundestagswahlen stehen an, die Parteien sortieren sich. Auch die Grünen haben ihre Klientel wiederentdeckt: Die „Kreativen“, meist Freiberufler, die sich oft in den Rahmenbedingungen des klassischen Arbeitsmarktes nicht mehr wiederfinden. Ausgerechnet dieser Gruppe hatten die Grünen vor sechs Jahren mit einer recht freizügigen Einstellung zum Urheberrecht vor den Kopf gestoßen. Inzwischen machen sie wieder Boden gut. Vor kurzem hatte die grüne Bundestagsfraktion ein Positionspapier verabschiedet, das weitergeht als alle andere Konzepte – sofern es die überhaupt gibt. Und auch die Fraktion im bayerischen Landtag hat nun den Nerv der Branche getroffen. Am 15. Mai lud sie in München zur öffentlichen Podiumsdiskussion „Grün Fair Film“ über Nachhaltigkeit in der Filmwirtschaft – Teil 1: soziale Aspekte. Geschätzt 120 Filmschaffende kamen an dem Montagabend in den Landtag [Stream hier].
Zur Einführung fasst Lisa Basten, deren Studie über die Lage der Kreativen zurzeit ausgiebig diskutiert wird, die Situation zusammen. Der Kern des Problems: Gewerkschaften, Sozialsysteme, Organe seien auf die steten, abhängigen Arbeitsverhältnisse abgerichtet, wie sie seit der Industrialisierung vorherrschten. „Wir befinden uns aber in einer neuen Revolution der Arbeit.“ Die Probleme sind bekannt.
Auf der Podiumsdiskussion von Crew United während der Berlinale [Stream hier] vor drei Monaten  schienen Förderer und Sendervertreter noch völlig überrascht von den Schreckensmeldungen aus der Branche. Hier in München redet man nicht herum – gleichwohl schien sich mit Beginn der Diskussion augenblicklich ein ­unsichtbarer Graben aufzutun samt einer Mauer dahinter: Förderung, Sender gegen den Rest, die Produzenten beschwichtigend an ihrer Seite.
Wir gehen davon aus, dass der Mindestlohn eingehalten wird, sagt Klaus Schaefer, Chef der bayerischen Filmförderung, Bettina Ricklefs, Leiterin Spiel-Film-Serie beim BR, hakt nach: „Fair“ heiße aber auch, dass man die Qualität erhält, die schon in sehr frühen Stadium vereinbart war. Auch Uli Aselmann, Produzent und Vorstandsmitglied der Produzentenallianz, versucht anfangs die klassische Abwehr: Er habe wohl gehört, dass es Kollegen gebe, die es mit den Arbeitsbedingungen nicht so genau nähmen, aber Verdi nenne ihm keine Namen.
Dabei räumt doch sein eigener Verband ein, dass nur ein Teil seiner Mitglieder sich an den Tarifvertrag gebunden fühlt. Der Versuch war ohnehin vergebens. „Wenn alles prima ist, warum sitzen wir dann hier vor so viel Publikum?“ fragt Nicola Knoch, die als Ingenieurin und CSR-Beraterin bereits in anderen Branchen mit Unternehmen die Themen Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung erarbeitet hat und das auch für Filmproduktionen anbietet.
Wer vom Thema betroffen ist, füllt den Saal, hat aber vorne auf nur einem Stuhl Platz. Für den „Rest“, also all die Filmschaffenden, saß lediglich Natja Bruckhorst auf dem Podium. Die Schauspielerin („Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“) und Drehbuchautorin („Tatort – oben und unten“) berichtete von den ganz normalen Nöten, die wohl die meisten ihrer Kollegen kennen, und steht zu ihrer Berufsentscheidung: „Ich werde nicht reich, aber es ist okay.“ Der Satz wird im Laufe des Abends noch zweimal zu oft fallen, um nicht doch ein leichtes Bedauern zu verraten.
Man sollte an dieser Stelle wissen: Es gab noch nicht viele solcher Veranstaltungen. Interne Treffen, bei denen die Filmschaffenden unter sich sind, gewiss. Aber bei den großen Empfängen der Förderer für ihre Filmschaffenden etwa stehen soziale Fragen nicht auf dem Programm. Fernsehen und Zeitungen ist ihre Lage kaum mal eine Meldung wert, obwohl es schon länger nicht so gut läuft. Wenn dann endlich mal einer fragt, wie es einem geht …
So wird es im Publikum auch zunehmend unruhig, während auf dem Podium nicht bloß Positionen verteidigt werden, sondern auf einmal verschiedene Wahrnehmungen und Perspektiven der gleichen Welt aufeinanderprallen. Als Brunckhorst vom schönen, aber mühsamen Autorenleben erzählt, kommt der Zwischenruf aus dem Publikum: „Alles Blödsinn! Es gibt Drehbuchautoren, die verdienen Millionen …“ Schließlich muss die Moderatorin Ulrike Gote, Landtags-Vizepräsidentin und medienpolitische Sprecherin der bayerischen Grünen, mit aller Energie den Ablauf wiederherstellen.
Aselmann musste das Podium leider schon nach Kurzem verlassen, so fehlte die Produzentensicht. Doch mit den anschließenden Meldungen aus dem Publikum, die den zweiten Teil der Veranstaltungen bildeten, zeigte sich ein guter Querschnitt der Branche. Und ein weiteres grundlegendes Problem: Die Tellerränder sind ziemlich hoch.
Da zieht die Schauspielerin eine Linie zwischen Künstlern (Schauspieler) und Technikern (all die anderen), der Regisseur plädiert für die Freiheit der Selbstausbeutung für die Kunst („Wir wollen alle Filme machen. ,Love Steaks‘ wäre nicht entstanden, wenn nicht alle sich geopfert hätten. Oder ,Der Nachtmahr‘.“); für den Cutter sind die Gewerkschaften „leider Pfeifen. Die kommen aus der Industrie und haben keinen Blick für die Branche.“ Selbst die Redakteure haben’s am vermeintlichen Gipfel der Nahrungskette nicht leicht und sind ständig unter Druck, dass die Sendeminuten nicht zu teuer werden, klagt Ricklefs.
„Ich sehe nur Einzelinteressen“, sagt Nicola Knoch, als sie nach ihrer Einschätzung gefragt wird. Eine Lösung, mit der alle leben könnten, finde sich nach ihrer Überzeugung aber nur gemeinsam – und schon gar nicht ohne Förderer und Sender. Dafür müsse man sich aber erst mal zuhören.
Das will erstmal niemand hören, sondern Dampf ablassen. Doch die Chancen sind da. Nach dem ersten Tumult wird es ruhiger, mehr als ein Beitrag mündet in der Aufforderung, sich zu organisieren, und trotzige Begeisterung mischt sich mit stiller Resignation. „Ich komme aus einer Branche, von der man nicht mal leben kann, wenn man erfolgreich ist“, stellt sich ein Dokumentarfilmer vor. Beifall im Publikum. „Wo sind die Berufsverbände auf dem Podium?“ fragt er nach vorne. Und in den Saal: „Wir haben eine Dok-Abteilung im Regieverband. Die hat 70 Mitglieder. Wo seid ihr anderen?“
„Wir machen Seelennahrung. Das wird aber nicht geschätzt“, stellt Brunckhorst, die Drehbuchautorin fest. Sie wisse auch keine Lösung. „Ich will einfach gute Filme machen.“ Auch das zeigt die Haltung von Filmschaffenden. Doch immer wieder stecken in Schilderungen kleine Vorwürfe nach Irgendwo, die spüren lassen, wie uneins sich die Filmschaffenden selbst sind, dass es einfach nicht gelingen will, eine gemeinsame Stimme zu finden. „Das ist wie vorm Fischgeschäft in einem kleinen gallischen Dorf“, sagt einer später beim Hinterherdiskutieren im Foyer. „Bloß interessieren sich die Römer nicht dafür…“
Nur einer jammert und streitet nicht. Schaefer, an den als Wächter der Fördermillionen ein großer Teil der Fragen geht. Geschickt laviert er sich um die Gretchenfrage: Wie hältst Du’s mit der sozialverträglichen Arbeit?
Nicht meine Baustelle, sagt er – freilich mit anderen Worten, die nicht mal ein Bedauern nötig machen. Die Rechtslage gebe das nun mal nicht her, sagt der Jurist Schaefer.
Damit ist alles gesagt. Schaefer lässt sich dennoch auf die Diskussion ein. Anträge würden nach den Förderrichtlinien geprüft, aber nicht unter dem Aspekt der sozialverträglichen Beschäftigung. Für Verstöße gegen Arbeitszeitgesetz oder Mindestlohn seien andere Behörden zuständig. Falls aber einem Projekt abgesagt werde, schade das doch zuerst den Mitarbeitern. Das ist ein nobler Gedanke, aber nicht ganz nachvollziehbar: Verzichten wir etwa auf den Jugendschutz, weil sonst die Kellner arbeitslos würden?
Er habe aber auch Bedenken wegen des Datenschutzes. Öffentliche Förderung, so Schaefer, rechtfertige nicht den Eingriff in Individualrechte. Andere Branchen machten das doch auch nicht.
Der Datenschutz gilt freilich nicht, für das, was die Förderung interessiert. Kalkulationen und Abrechnungen werden selbstverständlich geprüft. Und andere Branchen können dazu noch ganz andere Lieder singen – von Kosmetik bis Computer, von Mode bis Spielzeug. Die großen Marken kontrollieren streng die Arbeitsbedingungen ihre Zulieferer, weil jeder Skandal ihnen schaden könnte. Und wenn’s nach den Grünen und anderen geht, soll sich das bald auch in politischen Vorgaben zum Verbraucherschutz niederschlagen. Denn Datenschutz ist für Menschen. Unternehmen und Institutionen hingegen brauchen Transparenz – zumindest in dem Bereich, wo sie mit fremdem Geld wirtschaften.
Doch es ist müßig, darüber zu diskutieren: Arbeitsbedingungen sind kein Bewilligungskriterium in der deutschen Förderlandschaft, auch nicht nach dem neuen Filmförderungsgesetz, auch nicht in Bayern. Dafür können auch die Förderer nichts.
Was sagt man in so einem Moment, wenn man plötzlich vor einer Wand steht? „Die Politik muss agieren“, sagt Ricklefs. Und in diesem Fall ist das sogar richtig.
So leicht das geht, hat das erste Filmfördungsgesetz schon vor 50 Jahren vorgemacht: „Die Anstalt stellt im Rahmen von Richtlinien über die Gewährung von Förderungshilfen sicher, dass bei der Verwendung der Förderungshilfen die Grundsätze sparsamer Wirtschaftsführung beachtet werden.“ Fertig.
Im neuen FFG steht ja nun etwas in der Art, doch das ist für Schaefer „noch ein zahnloser ­Tiger.“ Ungewohnt freimütig äußert er sich in seinem Schlußplädoyer: Wir seien nun mal alle in einer Branche, die keinen Markt habe, der nach Angebot und Nachfrage funktioniert. Im Gegenteil: Die Zuschauer wollten nicht mehr Fernsehgebühren bezahlen, ins Kino gehen sie auch nicht, selbst wenn es wieder einen neuen Zuschauerrekord für deutsche Filme gegeben habe. „Alle hängen letztlich an der Förderung.“
Das sind deutliche Worte. Gote hatte sich für ihre Partei von der Veranstaltung „konkrete Anregungen“ für die politische Arbeit versprochen. Das, räumte sie ein, sei ihr „noch nicht gelungen.“ Die „vehemente“ Diskussion habe aber doch Perspektiven gezeigt, wo es hingehen kann. Und sie griff, wie zuvor schon Riklefs, Lisa Basten Vorschlag von einem runden Tisch mit allen Betroffenen auf: „Ich glaube nicht, dass wir das den Filmschaffenden und der Branche selbst überlassen können. Ich glaube, hier sind die Politiker gefordert, den Auftrag zu geben, wo es hinggeht. Und wir müssen dafür sorgen, dass soziale Standards in unserer Gesellschaft gelten und umgesetzt werden.“

Weiter geht’s am kommenden Montag, 29. Mai. Ab 18 Uhr dreht sich die Diskussion um die ökologischen Aspekte des nachhaltigen Filmemachens: »Perfekter Film und ökologisch-soziale Filmproduktion ¬ eine unbezahlbare Utopie?« diskutieren Christian Dosch, Koordinator Fairness & Nachhaltigkeit bei Crew United, Birgit Heidsiek, Herausgeberin Green Film Shooting, und der Rental-Unternehmer Josef Wollinger. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung erforderlich.

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