Wie geht’s weiter?

Auf dem Podium (von links): der Produzent Thomas Kufus, der Regisseur Volker Schlöndorff, Moderator Philipp Weinges, die Präsidentin der HFF München, Bettina Reitz, der Regisseur Christoph Hochhäusler und Christiane Peitz („Tagesspiegel“). | Foto © Bundesregierung/Koall

Auf dem Podium (von links): der Produzent Thomas Kufus, der Regisseur Volker Schlöndorff, Moderator Philipp Weinges, die Präsidentin der HFF München, Bettina Reitz, der Regisseur Christoph Hochhäusler und Christiane Peitz („Tagesspiegel“). | Foto © Bundesregierung/Koall

Deutschlands größtes Filmfestival braucht eine neue Leitung. Noch zweimal wird Dieter Kosslick zur Berlinale laden, dann läuft sein Vertrag aus, und über 70 wird er dann ja auch schon sein. Und so ist in den jüngsten Wochen eine Diskussion in Gang gekommen, wer ihm denn wohl nachfolgen könnte oder sollte oder müsste …

Debattiert wird freilich nur in den Filmspalten im Kulturteil, denn so sehr interessieren sich dann doch nur die Wenigsten fürs Hauptstadt-Festival mit Weltrang oder die öffentliche Personalpolitik. Dafür sind die Positionen umso klarer und fest: Die Berlinale habe kein Profil, der Wettbewerb keine Inspiration, das Renommee hätten andere Festivals, lassen sich die kritischen Stimmen grob zusammenfassen.

Mitunter erinnern die Vorwürfe an die späten 1990er-Jahre, als Kosslicks Vorgänger Moritz de Hadeln vom Hof gejagt wurde. Eine neue Ära brach an, die Berlinale wurde plötzlich wieder sexy. „Ohne Dieter Kosslick wäre die Berlinale nicht das heutige herausragende Filmkunstereignis mit internationaler Strahlkraft, auf das wir in Berlin so stolz sind“, sagt Monika Grütters, die Staatsministerin für Kultur und Medien (BKM). Und die ganze Diskussion habe zudem „kampagnenhafte Züge“, kritisiert zugleich der Aufsichtsrat der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin (KBB), der für die Berlinale zuständig ist. Dreihundertdreißigtausend verkaufte Karten, eine halbe Million Besucher – was soll es da zu meckern geben?

Doch das Problem der Berlinale ist ein anderes als die Rekordzahlen, die Funktionäre und Politiker so lieben, und „seit langem offensichtlich. Dieses Festival ist nicht zu groß, es ist zu breit. Unter Kosslick hat sich die Anzahl der einzelnen Sektionen mehr als verdoppelt“, rechnete der Filmjournalist Andreas Kilb in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vor. „Eine neue Festivalchefin müsste das Gewicht des Wettbewerbs stärken und das der Sektionen reduzieren.“

Kann man also über die Berlinale reden, ohne gleich in eine Personaldiskussion zu verfallen? Das muss man sogar sogar, denn in zwei Jahren wird Kosslick nicht mehr da sein, die Berlinale aber schon – und ihre Probleme. Denn auch wenn gerne ein anderer Eindruck erweckt wird: Ein Mensch allein macht kein Festival, da dürfte allein schon die Sichtung der Filme fürs Programm (365 wurden in diesem Jahr ausgewählt) den persönlichen Zeitplan sprengen.

50 Filmemacher hatten es versucht, also über Sinn und Inhalt und Sebstverständnis des Festivals zu reden – und waren prompt zwischen die filmpolitischen Fronten geraten. Im Mai, die Berlinale war vorbei und allmählich sickerte ins Bewusstsein, dass demnächst ein Wechsel anstünde, hatten sie der Kulturstaatsministerin einen ersten „Gesprächsanstoß“ geschickt, aber unveröffentlicht. Ende November, inzwischen war es 79 Unterschriften, veröffentlichte Spiegel Online die Erklärung „exklusiv“ unter dem Titel „Streit um Kosslick-Nachfolge: Filmemacher wollen Berlinale revolutionieren“.

Streit und Revolution oder gar Kosslick selbst lassen sich nur mit viel Willen und Absicht in die fünf Sätze hineinlesen. Es reichte dennoch, dass einige der Unterzeichner sich eilig wieder von ihrer Unterschrift distanzierten – Dominik Graf etwa und Andreas Dresen: „Es ging uns weder um Abrechnung noch um Kritik noch um die Kampagne, die daraus gemacht wurde. Die ganze Debatte ist in höchstem Maße unfair.“

Was sie unterschrieben hatten, war folgendes: „Die Berlinale ist eines der drei führenden Filmfestivals weltweit. Die Neubesetzung der Leitung bietet die Chance, das Festival programmatisch zu erneuern und zu entschlacken. Wir schlagen vor, eine internationale, zu gleichen Teilen mit Frauen und Männern besetzte Findungskommission einzusetzen, die auch über die grundlegende Ausrichtung des Festivals nachdenkt. Ziel muss es sein, eine herausragende kuratorische Persönlichkeit zu finden, die für das Kino brennt, weltweit bestens vernetzt und in der Lage ist, das Festival auf Augenhöhe mit Cannes und Venedig in die Zukunft zu führen. Wir wünschen uns ein transparentes Verfahren und einen Neuanfang.“

Wer wollte da nicht unterschreiben?

Am Montag dieser Woche stand die Diskussion im Berliner Haus der Kulturen der Welt zur Diskussion: „Filmfestivals heute“ war die Veranstaltung benannt, doch darum ging es nicht, sondern allein um die Berlinale. Auf dem Podium, moderiert vom Drehbuchautor Philipp Weinges: Der Regisseur Christoph Hochhäusler als einer der Initiatoren des Aufrufs, der Produzent ­Thomas Kufus, der Regisseur Volker Schlöndorff, die Kulturchefin des Tagesspiegels Christiane Peitz. Kirsten Niehuus, die Geschäftsführerin des Medienboards Berlin-Brandenburg, war ebenfalls angekündigt, statt ihr erschien aber Bettina Reitz, die Präsidentin der Hochschule für Film und Fernsehen München. Geballte Fachkompetenz also, und das sogar ohne einen einzigen Festivalmacher. Ginge es ums deutsche Raumfahrtprogramm, sollte man sich dennoch wünschen, dass wenigstens ein Astrophysiker oder eine Raketeningenieurin hinzugezogen wird.

Vielleicht war es ja auch das, was die Filmemacher mit Transparenz meinten. Oder dass die BKM ihre Veranstaltung erst als nicht-öffentlich konzipiert hatte und erst angesichts der geschilderten Diskussionen öffentlich machte. In ihrer Begrüßungsrede bügelte die Kulturstaatsministerin sie denn auch wenig dezent ab, und mit der Transparenz sei das auch nicht so einfach, Diskretion „notwendig“. Das Auswahlverfahren solle ja niemanden beschädigen.

Statt über Inhalte zu reden, „beeilte sich die Podiumsrunde, Hochhäuslers Vorwürfe abzumoderieren“ („FAZ“). Schlöndorff, der selbst mitunterzeichnet hatte, schlug seinem Kollegen gar vor, einfach noch eine Sektion einzuführen, für die Filme, die sich die Filmemacher so vorstellen. Also etwa das, was einst unter De Hadeln das Forum gewesen sein soll oder unter Kosslick die Perspektive Deutsches Kino sein zu wollen hoffte.

Ein „stumpf geführtes Gespräch“, beschrieb Matthias Dell im Freitag“ und den Unwillen, auf die Kritik einzugehen. Zur Einführung hatten Christoph Hochhäusler und Thomas Heise ihre Zweifel vorgetragen. Doch damit „konnte eine Podiumsroutine, die ihr eigenes Reden eh als wirkungslos begreift, weil es danach noch Häppchen gibt, überhaupt nichts anfangen.“

Was die Ministerin in ihrer Rede aber auch ankündigte: Für die Nachfolge Kosslicks werde die KBB „wie in vergleichbaren Fällen“ eine Findungskommission „mit Mitgliedern aus seinem Kreis“ einrichten. Sieh an: Solch eine Findungskommission, die Grütters hier als üblich darstellt, hatten schon die Filmemacher gefordert. Doch bei einem Treffen zwei Wochen vor der Bundestagswahl habe die Ministerin diesen Wunsch noch „dem Vernehmen nach“ abgelehnt, berichtet „Die Welt“.

Am Dienstag nun vermeldeten BKM und KBB, dass tatsächlich eine Kommission mit Suchen und Finden einer neuen Festivalleitung betraut werde, die Entscheidung solle noch im kommenden Jahr fallen. Laut Pressemitteilung scheint die Kommission nur aus drei Mitgliedern zu bestehen, die die Interessen von Bund, Land und KBB vertreten: Neben Grütters sind das Björn Böhning, Chef der Berliner Senatskanzlei, und Mariette Rissenbeek von German Films. Fachlich lasse sich die Kommission von Sachverständige aus der Branche beraten … doch halt – in der Mitteilung ist das etwas anders fomuliert: man werde die Branche „beratend hinzuziehen.“ Da lässt sich erahnen, unter welchem Geist die Findung verlaufen wird.

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