Änderung ist möglich!

Oliver Zenglein von Crew United - Foto: (c) Julia Nimke

Vor der Berlinale-Eröffnung ging es in der Berliner Kulturbrauerei wieder zur Sache: Wie können die Filmschaffenden am besten für ihre Interessen einstehen? Crew-United-Geschäftsführer Oliver Zenglein appellierte in seiner Begrüßung, sich stärker zu organisieren.

Text: Oliver Zenglein

Herzlich willkommen bei Film but Fair!

Ich möchte mit einem Dankeschön beginnen, bei den Menschen, die diese Veranstaltung heute möglich gemacht haben: Zuallererst bei unseren Gästen, die diese Veranstaltung als Impulsgeber, Diskussionspartner oder Laudator mitgestalten. Wir freuen uns, dass Ihr alle gekommen seid. Herzlichen Dank! Bei der großartigen Band Die höchste Eisenbahn, bei Lisa Basten und Rüdiger Suchsland, unseren wunderbaren Moderatoren, bei Christian Dosch, zuständig für Nachhaltigkeit und Fairness bei Crew United, der diese Veranstaltung so toll organisiert hat. Und natürlich bei meinem Crew United Partner Vincent Lutz und dem gesamten Team von Crew United.

Gleich geht es los mir einer hoffentlich spannenden und inspirierenden Diskussion und danach werden wir die fairsten Produktionen 2017 auszeichnen. Das macht üblicherweise die Bundesvereinigung der Filmschaffenden-Verbände DIE FILMSCHAFFENDEN, mit der wir seit vielen Jahren eine Partnerschaft pflegen und für die wir die Umfrage zu den Arbeitsbedingungen seit der zweiten Preisverleihung 2012 durchführen. In diesem Jahr ist es ihr aber aus organisatorischen Gründen nicht möglich. Doch der Preis und das, wofür er steht, ist in der Branche in den letzten Jahren ins Bewusstsein vorgedrungen. Wir alle finden, dass wir nicht nachlassen sollten und der Preis gerade jetzt (und unbedingt) Kontinuität braucht. Deshalb hat Crew United auch die heutige Preisverleihung organisiert.

Das wirklich Großartige dabei: Wir können den Preis in diesem Jahr nicht nur im Namen von Die Filmschaffenden und ihren derzeit 4 Mitgliedsverbänden vergeben, sondern im Namen von über 30 Verbänden, Organisationen. Und im Namen von Verdi. Wir können uns nicht erinnern, dass diese vielen unterschiedlichen Interessenvertretungen sich jemals so einmütig und ohne Streit gemeinsam zu einer Sache bekannt haben: Heute ist die Premiere – der Einsatz für Fairness vereint uns alle! Vielleicht kann dies ein Anfang einer dauerhaften Annäherung sein!

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Weiterhin gilt aber, dass dieser Preis keine glamouröse Angelegenheit sein soll und kann. Mehr noch: Ziel dieses Preises bleibt ja ganz klar eines – sich selbst abzuschaffen! Sobald es in der Branche durch die Bank fair zu geht, braucht kein Mensch mehr diesen Preis.

Damit so eine Veranstaltung möglich ist, brauchen wir Unterstützung. Wir freuen uns daher sehr, dass wir mit der Pensionskasse Rundfunk einen treuen Partner gefunden haben. Herzlichen Dank! Kurze Frage: Wer hier ist noch nicht Mitglied in der Pensionskasse?

Wenn Ihre Eure Altersarmut ein wenig abfedern möchtet, solltet Ihr Euch gleich später beim Umtrunk bei Iris Gebing oder Walter Schuhmacher melden. Oder auch gleich beim Chef der Pensionskasse, Martin Schrader, der ist natürlich auch da.

Auch möchten wir dem Medienboard Berlin/Brandenburg danken, das diese Veranstaltung fördert. Im Vorfeld wurde ich – vielleicht auch nicht ganz ernsthaft – vom Medienboard gefragt: “Hoffentlich mit einem Panel ohne Förderer-Bashing?” Das konnten wir nicht mit einem einfachen Nein beantworten, sondern hielten uns an die Wahrheit: “Förderer-Bashing gab es bei uns nie. Aber wir bemühen uns um Mechanismen, die sicherstellen, dass geförderte Produktionen unter sozialverträglichen Bedingungen entstehen. Und sanktionieren, wenn das nicht so ist. Den ersten Ansatzpunkt für solche Mechanismen sehen wir direkt bei den Förderern selbst. Unsere Bemühungen werden sicherlich erst enden, wenn es in der Filmbranche sozialverträglich zugeht, zumindest bei den Projekten, in die öffentliches Geld fließt. Und da ohne Ausnahme.” Das fanden sie wohl okay.

Aber ein bisschen Bashing muss vielleicht doch sein! Einer der Nominierten für die fairste Produktion in der Rubrik Spielfilm wurde vom Medienboard gefördert: “Das schönste Mädchen der Welt”. Aber die offensichtlich mit Abstand unfairste Produktion des Jahres 2017 – ”Berlin I love You“ von der Walk on Water GmbH – eben auch. Diese Produktion hat geschafft, was bisher noch keine geschafft hat: Mit einem wirklich katastrophalen Bewertungsdurchschnitt von 5,25 den letzten Platz zu erreichen!

Tatsächlich ist es sogar so, dass die Produktion auch nach Monaten immer noch nicht alle Mitarbeiter und Dienstleister bezahlt hatte, obwohl sie auch vom DFFF mit fast einer Million Euro öffentlicher Gelder gefördert worden ist.

Was nichts anderes zeigt, als dass es nicht reicht, nur das Geld zu geben, wenn man das neue Filmförderungsgesetz ernstnehmen möchte. Die Filmförderungsanstalt verwaltet den DFFF. Und ihre Aufgabe laut Filmförderungsgesetz ist es seit mehr als einem Jahr – ich zitiere aus dem aktuellen FFG “darauf hinzuwirken, dass in der Filmwirtschaft eingesetztes Personal zu sozialverträglichen Bedingungen beschäftigt wird.”

Nur hat es die FFA in diesen letzten 14 Monaten anscheinend nicht für notwendig gehalten, dafür Ressourcen zu schaffen und diese Vorgabe in irgendeiner Weise umzusetzen . Jedenfalls ist uns bis heute davon nichts bekannt. Und wir haben uns wirklich bemüht, waren dort, haben monatelang nachtelefoniert, haben konkrete Vorschläge gemacht usw. Ist der FFA Fairness und Sozialverträglichkeit vielleicht einfach nicht wichtig genug?

Ihr merkt schon, das wird hier keine Wohlfühlveranstaltung und soll es auch nicht werden. Noch eine Veranstaltung, in der nur geredet, die Schuld auf andere abgewälzt oder einfach nur gejammert wird, braucht kein Mensch und schon gar nicht diese Branche. Es würde ganz anders aussehen, wenn jedes einzelne Mitglied dieser Branche statt Jammern, Streiten, Schuld-von-sich-weisen, Nur-auf-den-eigenen-Vorteil-bedacht-sein usw., sich für die Branche engagieren würde. Und wenn jeder in einem Verband wäre. Und wenn jeder bei Verdi wäre. Und zwar ohne zuallererst zu fragen: Was nützt das mir?

Jeder Filmschaffende, jede Filmschaffende, ob Produzentin, Schauspieler, Beleuchter, Editorin, Drehbuchautor, ganz egal, der oder die nicht zufrieden ist mit den Bedingungen der Branche oder Zeuge ist, wie Kollegen unter Bedingungen der Branche leiden und nichts dagegen unternimmt, ist mitverantwortlich dafür. Dafür, dass sich die Bedingungen nicht verbessern; dass man selbst oder andere in einer Situation sind, die im besten Fall Unzufriedenheit und in vielen Fällen zu prekären Lebenssituationen führt.

Es geht um Fairness heute! Darum, was Fairness alles heißen kann! Darum, wie man Fairness erreichen kann! In seiner Bedeutung ist Fairness noch gar nicht ausgelotet! Wir können und müssen darüber sprechen, was Fairness alles heißen kann oder muss: Es ist ja nicht nur die faire Bezahlung und die gerechte Beteiligung! Fairness könnte auch Sichtbarkeit und Anerkennung bedeuten! Eine grundsätzliche Art des Umgangs. Fairness in der Filmbranche heißt auch: Abbau von Hierarchien, mehr Transparenz, weniger Geklüngel, weniger “übliche Verdächtige”, weniger “eigenes Süppchen kochen”, mehr Gemeinsinn, mehr Mitziehen der Schwachen durch die Starken, weniger Angst, mehr Mut!

Wo bei alledem das bleibt, für das wir alle leben, arbeiten und uns begeistern – die Geschichten, die wir in Bildern und Tönen erzählen – ist nochmal eine ganz andere Frage. Film, erst recht das Kino, ist immer etwas Besonderes, auch eine besondere Arbeit: Persönlicher, also verletzlicher, aber auch erfüllender.

Erwartet nicht, dass jemand die Zustände für Euch verändert! Das müsst Ihr schon selbst machen. Oder zumindest darauf aufmerksam machen, wenn Zustände untragbar sind! Den Mund aufmachen. Wenn also nach dieser Veranstaltung zumindest einer seinen Arsch hoch bekommt und nicht so weiter macht wie vorher, war sie nicht umsonst. Wenn es viele tun, war sie erfolgreich. Und wenn sich die Vielen dann noch zusammenschließen, dann könnte tatsächlich etwas passieren. Denn so kann es ja nicht weitergehen. Darf es nicht weitergehen.

Änderung ist möglich. Zuallererst muss sie gedacht werden, denkbar sein. Lasst uns eine Filmbranche denken, die alle Menschen und Fairness ernst nimmt.

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