Am Ende mit der Kunst

Gehen oder weitermachen? Irgendwann im Laufe ihrer Karriere stehen die meisten Künstler erneut vor der Grundsatzentscheidung. Die ZAV-Künstlervermittlung will ihnen dabei mit dem Projekt Transition zur Seite stehen. Die drei Berater kommen selbst aus der Praxis. | Foto © ZAV

Gehen oder weitermachen? Irgendwann im Laufe ihrer Karriere stehen die meisten Künstler erneut vor der Grundsatzentscheidung. Die ZAV-Künstlervermittlung will ihnen dabei mit dem Projekt Transition zur Seite stehen. Die drei Berater kommen selbst aus der Praxis. | Foto © ZAV

Die Eltern hatten Jonas ja gewarnt. Vor der „Schauspielerei” und überhaupt der ganzen brotlosen Kunst. Und ob er sich das auch gut überlegt habe?

Natürlich hatte er das. Oder konnte gar nicht anders. Kunst macht man ja der Kunst wegen. Nicht wegen des Geldes oder wegen des Ruhms … naja, ein bisschen Ruhm ist schon auch nicht schlecht. Aber wen interessieren mit Anfang 20 schon Rentenansprüche oder Krankenversicherung, wenn’s um echte Leidenschaft und Berufung geht?

Nochmal 20 Jahre später ist die Leidenschaft immer noch da. Bloß an der Berufung sind allmählich Zweifel gewachsen. Ums nicht falsch zu verstehen: Jonas war kein Träumer. Dass die Zahl der Absolventen, die jedes Jahr von öffentlichen und privaten Schauspielschulen ausgespuckt werden, nicht so recht mit der Zahl von Engagements und Rollen zusammenpassen will, hätte er auch ohne Mathe-Leistungskurs bemerkt. Aber wenn man nur mit der richtigen Leidenschaft der Berufung folgt, sollte es schon gehen, dachte er sich. Wie die vielen anderen auch.

Das geht auch lange gut. Nebenbei zu kellnern, während man sich an der Kunst abarbeitet und auf den Durchbruch hofft, gehört dazu. Oder besser, scheint die Bedingung, ohne die das Schöne, Wahre und Gute gar nicht auszudenken wäre. So scheint es jedenfalls in den Köpfen eingebrannt, spätestens seit 1849 der Franzose Henri Murger sein Künstlerleben als Roman vorgestellt hatte und Giacomo Puccini 50 Jahre später eine Oper daraus komponiert hatte. Die Vorstellung vom bittersüßen Leben der „Bohème“ lässt vor allem das Kino nicht los. Unzählige Filme haben dem Traum vom Leiden für die Kunst ein Denkmäler gesetzt: Von Ein Stern geht auf (A Star Is Born) und „Du sollst mein Glücksstern sein“ („Singin’ in the Rain“) bis „The Artist“ und „La La Land∑. Oft ist das Hollywood sogar einen „Oscar” wert. Murger ist übrigens mit gerade mal 38 Jahren gestorben. Mittellos, doch viele weitere Romane hat er hinterlassen.

Auch Jonas haben wir uns nur ausgedacht – real ist er trotzdem. Und im wahren Leben reicht’s irgendwann mit der falschen Romantik. Die harten Auswahlrituale um einen Platz an der Schauspielschule waren ja noch eine schöne Bestätigung, jedenfalls für diejenigen, die auserwählt wurden. Ebenso das erste Engagement im Ensemble eines Stadttheaters. Nach drei Jahren Ausbildung endlich auf die Bühne! Jonas wollte ja immer nur spielen. Da spielte es auch keine Rolle, dass die Abende und Wochenenden der Arbeit gehörten, und auch nicht, dass er als Einsteiger mit Hochschulabschluss gerade mal die Mindestgage bekam – inzwischen 2.000 Euro im Monat. Brutto. Es würden schon noch bessere Zeiten kommen. Außerdem arbeitete er ja nicht des Geldes wegen, sondern für die Kunst … Und irgendwann hatte er dann auch die Gage, die laut dem Deutschen Bühnenverein Schauspieler im Durchschnitt erhalten: 2.800 Euro im Monat ist der Wert des Erfolgs, knapp unter dem Durchschnittsverdienst im Deutschland von 2017. Wohl dem Kreativen, der da keine Familie zu ernähren hat. Oder besser einen Partner hat, der das ausgleicht und gerne mitmacht. Oder gleich eine Erbschaft oder sonstiges Vermögen.

Woran wohl keiner denken mag, wenn einen der Ruf der Kunst ereilt. Talent und Fleiß und Leidenschaft müssen doch reichen auf dem Weg zum Erfolg. Dass diese Faktoren gar nicht so entscheidend sind, wollen italienische Wirtschaftswissenschaftler in einer Computersimulation herausgefunden haben: Es komme vor allem auf Glück an, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Wer den Dankesreden bei der „Oscar”-Verleihung genau zuhört oder Interviews liest, die ein wenig tiefer graben, merkt, dass viele der Erfolgreichen das wissen – sie sind oft selbst lange genug auf der Karriere-Achterbahn gefahren.

Der Schauspieler Christoph Waltz etwa, zweifach mit dem „Oscar” ausgezeichnet, sagte erst im Januar im Interview mit dem „SZ-Magazin“: „In Zeiten relativen Misserfolges habe ich gelernt, dass es auf mich überhaupt nicht ankommt. Mache ich denn irgendetwas besonders gut, was das alles zur Folge hat? Was dieses Resultat unausweichlich macht? Unter Garantie nicht. Letztlich ist mein Erfolg eine reine Glücksfrage.”

Oder sein Kollege Moritz Bleibtreu im April in der Hamburger Morgenpost: „Ich halte mich für ein absolutes Sonnenkind und bete immer, dass mir morgen nicht der Himmel auf den Kopf fällt, weil es mir so gut geht. Ich habe so wahnsinnig viel Glück gehabt – mit allem, was mir passiert ist. Natürlich steckt hinter vielem auch harte Arbeit, aber ich würde trotzdem niemals so weit gehen, dass ich sage: Das habe ich mir verdient. Ich bin schon ein sehr vom Glück geküsstes Kind.”

Also: ein bisschen Talent und Fleiß und Leidenschaft spielen schon auch eine Rolle. Doch es fällt auf, dass es ganze Schauspielerdynastien gibt, wie die von Bleibtreu, oder dass etwa Hollywoods Filmfamilie oft tatsächlich auch eine biologische ist.

Ja, auch dem größten Talent helfen eine gute Ausbildung und ein wirkungsvolles Netzwerk. Aus der Wirtschaft ist das Phänomen längst bekannt und untersucht: Wer aus dem Großbürgertum stammt, hat dreimal bessere Chancen auf eine Spitzenfunktion als Arbeitersöhne, hatte der Soziologe Michael Hartmann vor 15 Jahren herausgefunden und brachte es auf den Punkt: „Zum Manager wird man geboren.” Doch an den richtigen Beziehungen allein liegt das nicht. Eine wichtige Rolle, meint Hartmann, seien die „Soft Skills”, die quasi mit der Muttermilch eingesaugt werden. Die geborenen Manager kennen die Dress- und Benimmcodes, das richtige Auftreten und Verhalten und haben durch ihren familiären Hintergrund die nötige Selbstsicherheit. Sie sind damit aufgewachsen und haben sie verinnerlicht, denn sie wurden eine Jugend lang darauf vorbereitet. Aufsteiger aus der Mittel- und Arbeiterschicht mit Talent und Fleiß müssen dieses Wissen erst noch erlernen. Doch selbst wenn sie es perfekt beherrschen: Es ist nicht ihre „Muttersprache”.

Als „Praxissinn“ hatte dies der französische Soziologe Pierre Bourdieu beschrieben. Der zeige sich nicht nur bei den „Eliten”, die ihre Zöglinge an einschlägige Bildungsinstitute schicken, um sie auf ihre zukünftige Rolle vorzubereiten. Auch das Kind aus einer Gastronomenfamilie oder vom Bauernhof hat in seinem Bereich ein anderes Vorwissen als das Akademikerkind, das irgendwann vielleicht vom Aussteigen träumt und mit seinen romantischen Vorstellungen vom eigenen Café oder der kleinen Ökofarm unsanft gegen die Wirklichkeit prallt.

Was nicht heißen soll, dass es niemand schaffen kann, aus seiner Kaste auszubrechen. Es ist nur wesentlich schwieriger. Ganz besonders da, wo die Luft dünner und die Stellen rarer werden. Und da unterliegen die Karrieren im oberen Management, in der Wissenschaft und der Kunst sehr ähnlichen Regeln. Mit Fleiß und Talent kann man weit kommen, mit etwas Glück noch ein Stückchen weiter, doch bis zur Spitze ist man auf sich selbst gestellt. Die „boundaryless Career”, die „entgrenzte Karriere” verläuft nicht unbedingt immer nur in eine Richtung steil nach oben. Auch Seitwä̈rtsbewegungen und Rückschritte gehören dazu – trotz Auslandssemestern, Fremdsprachenkenntnissen und der Bereitschaft, mit echter Hingabe acht Tage die Woche 26 Stunden lang zu arbeiten (Bereitschaftszeiten nicht eingerechnet). Nicht einmal der Erfolg schützt davor, im Gegenteil kann er sogar bremsen: „Ich werde schon gar nicht mehr angefragt, weil alle denken, ich sei zu teuer”, berichtet der renommierte Kameramann, nachdem er die „Lola” erhalten hat, und dem Nachwuchsregisseur mit dem „Studenten-Oscar” im Regal geht es auch nicht besser.

„Geschafft” hat man’s auf diesem Weg nie. Nicht nur Hollywood ist voll mit Stars, die einst jahrelang  für volle Kassen gesorgt hatten und plötzlich über Nacht erloschen waren. Manche, wie John Travolta, schafften ein Comeback – ein sicheres Happy End ist das aber nicht. Das Leben ist kein Film, sondern eine Serie.

Ein Beispiel aus Deutschland: Ingo Naujoks, „einer der beliebtesten und gefragtesten deutschen Schauspieler”. So hat ihn erst im April der NDR vorgestellt. Mit Detlev Bucks „Karniggels“ hatte der Schauspieler seinen Durchbruch gehabt, dem breiten Publikum wurde er durch den „Tatort“ aus Hannover bekannt. Acht Jahre lang spielte er in 16 Folgen spielte er „Martin Felser”, den Sidekick von Maria Furtwängler. Trotzdem wunderte sich damals das „Kulturjournal“ des NDR, wieso ein so bekannter Darsteller wieder über Provinzbühnen tingelte. Und der rechnete vor: Nicht mal eine Handvoll Drehtage hatte er für jeden „Tatort“-Auftritt, bei zwei Folgen im Jahr nicht genug zum Überleben. Die Drehzeiten musste er sich dennoch freihalten. 2010 stieg er aus: „Es ging für den Charakter von Martin einfach nicht mehr weiter”, begründete er die Entscheidung. Vorläufiges Happy End: Kurz darauf übernahm Naujoks eine Hauptrolle in der Krimiserie „Morden im Norden“ – und spielt sie bis heute.

Wo nicht mal auf den Erfolg Verlass ist, selbst wenn er einem auf dem Schoß sitzt, kommt es umso mehr auf die „Soft Skills” an, auf Ausdauer und Selbstvertrauen. Wohl dem, der nicht aufs Geld und den Erfolg angewiesen ist und sich allein der Kunst widmen kann. Oder wer von Kleinauf diese Unwägbarkeiten erfahren hat und darum weiß. Und hier kommt ein weiterer Faktor ins Spiel, der bislang noch nicht im Fokus der Forschung steht: das soziale Umfeld.

Wie wichtig diese „Anerkennungsprozesse und Selbstverhältnisse” sind, hat Felix Hanselmann in seiner Doktorarbeit [PDF]am Beispiel der Kunstszene Zürich dargestellt: Künstler aus der Oberschicht könnten „durch ihr milieubedingtes, kulturelles Kapital und durch ihr klassenspezifisches Selbstverhältnis in der Regel mit der Zeit oft sehr gute Positionen” erreichen. Künstler aus der Mittelschicht „scheinen insgesamt am härtesten zu arbeiten und können dadurch ebenfalls häufig gute Positionen im Feld besetzen.” Für Künstler aus der Unterschicht sei „die Produktion von Kunst am deutlichsten an sich ein Gewinn oder sie halten Kunst sogar für etwas, das sie tun müssen. Auch mit dieser Ausgangslage und klassenassoziierten Einstellung können jedoch Positionsgewinne im Feld erzielt werden.”

Der Erfolg komme, wenn überhaupt, langsamer. „Das Einzige, was man machen kann, ist, an seiner eigenen Arbeit dranzubleiben”, sagen die Künstler, die Hanselmann befragt hat. Wichtig seien die eigenen „Peers”: „Also die Leute, die man um sich herum hat, die vielleicht jetzt nicht das Museum of Modern Art sind. […] Aber Leute, die jetzt auch daran interessiert sind, was man macht.”

Auf dem Weg durchs Ungewisse braucht man eine dicke Haut und langen Atem. Doch wie bei jedem Marathon wird die Haut immer dünner, der Atem immer kürzer. Wachsen tun nur die Zweifel, ob man es wirklich schaffen kann. Dem Künstlerkind war das alles schon vorher klar, und auch seine Familie weiß, was es leidet und wie wankelmütig der Erfolg ist – und kann mitfühlen.

Jonas hingegen steht mit seinen Erfahrungen alleine da. Auch wenn er sich nicht um den schönen Schein schert und einfach seiner Kunst nachgeht, bleiben doch die Zweifel: Habe ich mich genügend angestrengt? Habe ich mir das mit dem Talent nur eingebildet? Hätte ich doch gleich etwas anderes machen sollen? Das hätten ihm auch seine Eltern sagen können … (auch Detlev Buck hatte übrigens von seiner Mutter den Rat bekommen, Polizist zu werden – er machte lieber „Karniggels“ daraus).

Umgekehrt hat’s freilich auch der Sprößling der Schauspielerfamilie schwerer, den Eltern zu erklären, warum er plötzlich zum Physiotherapeuten umsatteln will.

Nun muss man ja nicht unbedingt ganz hoch hinaus und kann sich unterwegs irgendwo ganz gut einrichten. Wer auf dem Weg zum Bankdirektor als Abteilungsleiter hängen geblieben ist, hat sich vielleicht den Stolz etwas angekratzt, aber doch ein abgesichertes Leben. Und mitunter reicht das Geld trotzdem für die E-Klasse und die Zeit dafür, die frühere Leidenschaft, gegen die sich die „Vernunft” entschieden hatte, als Hobby auszuleben.

Das geht offenbar auch bei „richtigen” Schauspielern: Harry Dean Stanton („Paris, Texas“) etwa hatte in seinem 91-jährigen Leben in mehr als 200 Filmen gespielt. Sein Kollege M. Emmet Walsh kommt sogar auf 220. Nur selten spielten sie eine Hauptrolle. Doch der berühmte Filmkritiker Roger Ebert formulierte nach ihnen die „Stanton-Walsh-Regel”: Ein Film, in dem einer der beiden eine Nebenrolle spiele, könne nicht völlig schlecht sein.

Auch Christoph Waltz hat seine „Oscars” schließlich als bester Nebendarsteller gewonnen. Mit Neben- und Tagesrollen allein fällt es vielen aber schwer, über die Runden zu kommen, wer nebenher noch kellnert, hat’s schwerer, Kunst zu machen. Zur finanziellen Unsicherheit kommen die oft diskutierten Gegebenheiten der Branche. Immer wieder suchen Filmschaffende aus allen Gewerken einen Neuanfang irgendwo ganz anders.

Auch damit hat die ZAV-Künstlervermittlung schon seit einigen Jahren zu tun. Sie ist eine Service-Einrichtung der Bundesagentur für Arbeit unter dem Dach der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) und hat eigentlich die Aufgabe, Schauspieler und andere Filmschaffende aus den „künstlerisch-technischen Berufen rund um Bühne und Kamera” zu vermitteln.

Die Not aufzuhören ist offenbar so groß, dass die Künstlervermittlung ihr Angebot erweitert hat. Zum Jahresanfang startete sie das „ZAV-Transition-Projekt“, um Aussteigern beim Ausstieg aus der Branche zu helfen. „Beruflich neu aufstellen”, umschreibt das die ZAV etwas freundlicher.

Die ZAV hatte sich ein solches Angebot schon länger gewünscht, weil eben entsprechende Anfragen ständig zugenommen hätten, erzählt Christina Kühnreich. Seit Januar berät sie Schauspieler beim Umstieg, ihre beiden Kollegen Bettina Horvath und Thomas Burger sind für die darstellenden Künstler in den Sparten Tanz/Artistik und Musiktheater/Orchester zuständig. Alle drei kommen selbst aus den Berufsfeldern, die sie beraten, und sind damit auch selbst Beispiele für den Umstieg. Kühnreich etwa ist Jahrgang 1972 – das typische Alter der meisten ihrer „Kunden” wie die Hilfesuchenden bei der ZAV genannt werden. Und sie ist auch ein Beispiel dafür, dass es nicht gleich das komplette Hartz-IV-Katastrophenprogramm braucht, um sich neu zu orientieren. Mit Engagements bei Film und Fernsehen, an Bühnen und als Sprecherin war Kühnreich gut beschäftigt. „Irgendwann aber merkt man, dass es nach oben nicht mehr weitergeht”, sagt sie. „Manche richten sich ein zwischen vielen Neben- und Tagesrollen, doch andere „wollen irgendwann raus aus den befristeten Arbeitsverhältnissen und der lebenslangen ständigen Suche nach dem nächsten Engagement.

Vorangegangen war ein halbes Jahr, in dem recherchiert, Netzwerke geknüpft und am Konzept gearbeitet wurde, ehe das Projekt startete. Nun beraten die drei von Köln aus bundesweit, vorerst für ein Jahr, dann fällt die Entscheidung, ob und wie es weitergeht. Ginge es allein nach der Nachfrage, wäre die Entscheidung jetzt schon klar. Etwa 100 Kunden betreut Transition seit Januar. „Nicht jeder geht den ganzen Weg”, sagt Kühnreich, weshalb die individuelle Beratung auch so wichtig sei. „Wir unterstützen sowohl diejenigen, die völlig umsatteln wollen, als auch diejenigen, die in ihrem Beruf bleiben wollen und ein zweites Standbein suchen.”

Dabei geht es nicht bloß um Nebenjobs, sondern Tätigkeiten, in denen die eigene Ausbildung und Erfahrungen von Vorteil sind. Als Personal Trainer etwa ist einer ihrer Kunden inzwischen außerdem beschäftigt; als Schauspieler bringt er dafür Fähigkeiten mit, die andere nicht haben. Doch „oft fehlt Künstlern das Selbstvertrauen, dass sie auch für den nicht-künstlerischen Arbeitsmarkt interessant sind. Gleichzeitig denken auch Unternehmen bei der Stellenbesetzung nicht an diesen Personenkreis”, erklärt Annette Tigges-Thies, Geschäftsbereichsleiterin der ZAV: „Beiden Seiten fehlen Informationen”, die ZAV übernehme darum „eine Lotsenfunktion an der Schnittstelle zwischen dem Künstler und den Arbeitgebern.”

Der große Zulauf und die fachgerechte Beratung sind auch die Gründe, warum zur Zeit fast nur darstellende Künstler zu den Kunden zählen, doch auch Regisseure oder Dramaturgen befinden sich darunter, die eigentlich (noch) nicht vermittelt werden. Oder der Bühnenbildner, der nach 20 Jahren nun ins Museum wechseln möchte. „Daran hatte er selbst nicht gedacht”, erzählt Kühnreich, die hilft, über die Tellerränder hinauszublicken.

Ebenso wichtig wie die Beratung ist für Kühnreich, die Kunden oder Kollegen in Krisenzeiten zu unterstützen. Allein der Gedanke an einen Ausstieg, und sei er auch nur teilweise, mag manchem schon wie ein Verrat am eigenen Lebenstraum vorkommen. Doch die Welt draußen vor der Tür ist noch gnadenloser: Aussteigen, das klingt oft nach Aufgeben – wieder einer, der es nicht geschafft hat! Als ließe sich die Welt allein mit Talent, Fleiß und Leidenschaft aus den Angeln heben.

Wer Hilfe sucht, ruft erst bei Transition an und erhält am Telefon erste Tipps. Nach etwa zwei Wochen folgt ein persönliches Orientierungsgespräch: Rund anderthalb Stunden lang fragt Kühnreich nach den Vorstellungen und Ideen, klopft Kompetenzen und Soft Skills ab. Soll es weitergehen, werden als nächster Schritt geeignete Umschulungen und Weiterbildungen und mögliche finanzielle Unterstützung gesucht – oder gleich die passende Stelle. Wenn alles gut geht, ist aber noch längst nicht Schluss: „Nachhaltig” sei die Betreuung, sagt Kühnreich, denn mancher Umsteiger stürzt in der neuen Stelle mitunter in die nächste Sinnkrise. Loslassen ist schwer.

Ganz oben ist der neue Service auch schon angekommen. Vorige Woche meldete die ZAV auf ihrer Homepage, dass Kulturstaatsministerin Monika Grütters die Schirmherrschaft über das Transition-Projektübernommen hat. Dem Projekt selbst und seiner Zukunft mag das nützen, dennoch bleibt ein schaler Beigeschmack: Man stelle sich ein Projekt vor, das defizitäre Kinos in Einkaufszentren umwandelt, oder eine Recyclinganlage für alte Filmstreifen, weil kein Geld mehr da ist, um das Filmerbe zu retten.

Kühnreich sieht das „positiver”: „Eine künstlerische Ausbildung ist ein Geschenk. Der künstlerische Berufsalltag allerdings verlangt dem Künstler sehr viel ab. Außerdem können sich auch persönliche Interessen verändern. Theater und Familiengründung zum Beispiel – das passt schlecht zusammen. Es gibt viele Gründe, warum sich Künstler beruflich verändern möchten. Wir sollten aufhören, das als persönliches Scheitern zu begreifen. Es gibt auch interessante Herausforderungen jenseits der Bühne.”

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