Vereinte Kakophonie

Ignoriert und ungeachtet: Die Filmschaffenden stehen alleine da. Und statt vereint für ihre Interessen zu kämpfen, beharken sie sich gegenseitig. | Archivfoto

Ignoriert und ungeachtet: Die Filmschaffenden stehen alleine da. Und statt vereint für ihre Interessen zu kämpfen, beharken sie sich gegenseitig. | Archivfoto

Deutschlands Filmbranche ringt wieder um einen Tarifvertrag. Alle paar Jahre wiederholt sich die Prozedur, am Ergebnis scheiden sich meist die Geister. Ein Hauptstreitpunkt sind die Arbeitszeiten. Zwar konnte die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) vor zwei Jahren leicht höhere Gagen aushandeln, scheiterte aber beim Versuch, die Tagearbeitszeiten einzugrenzen. Die „pendeln sich allgemein bei 12 bis 14 Stunden pro Drehtag ein“, stellte schon vor zehn Jahren der damalige Vorstand der Bundesvereinigung der Filmberufsverbände, Hans Schlosser, fest.

Für die Produzenten ist das Thema „existentiell“, um bei Dreharbeiten „die notwendige Flexibilität zu erhalten und Beschäftigung zu sichern“, hatte nach der letzten Tarifrunde die Produzentenallianz erklärt, die auf der anderen Seite des Verhandlungstischs sitzt. Das ist ziemlich dicht an der Darstellung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, die „flexible Beschäftigungsformen“ generell als Vorteil für beide Seiten sieht, die nötige Flexibilität aber ausschließlich von den Arbeitnehmern erwartet.

Die Gewerkschaft tut sich schwer, die Interessen ihrer Mitglieder durchzusetzen. Das ist nicht allein ihre Schuld: Nicht mal jeder fünfte Arbeitnehmer in Deutschland ist gewerkschaftlich organisiert, rechnete die Frankfurter Allgemeine Zeitung vor einem Jahr vor – als Durchschnitt aller Branchen und Tarifbereiche. Noch niedriger ist der Organisationsgrad bei jüngeren und Teilzeitbeschäftigten. In der Filmbranche kann man das nur schätzen, denn Mitgliederzahlen nennt Verdi für diesen Bereich nicht, und nennt auch andere Zahlen: Mit 25.000 beziffert die Gewerkschaft die Beschäftigten in Kino- und Fernsehfilmproduktionen. Tatsächlich ist die Zahl doppelt so hoch. Demnach dürfte nicht mal jeder achte Filmschaffende in Verdi oder einem der vielen Berufsverbände der Branche organisiert sein.

Gewerkschaften sind nicht sexy. Das gilt auch für andere Branche, beim Film aber umso mehr. Die Gründe sind vielfältig und meist nicht rational: Die Gewerkschaftsbewegung ist eng verknüpft mit den festen und langfristigen Arbeitsstrukturen der Industrialisierung gegen Ende des vorletzten Jahrhunderts. Den Wechsel von der Arbeit in Fabriken in die Großraumbüros hatte dieses System noch geschafft, doch mit der  Wirklichkeit beim Film hat es wenig zu tun. Die meisten Filmschaffenden sind im Grunde Tagelöhner, die von einem Projekt zum anderen weiterziehen. Zudem sehen sich viele in erster Linie als „Kreative“, die der Kunst wegen auch auf manches zu verzichten bereit sind. Und letztlich ist Gewerkschaftsarbeit langwierig, mühsam und die Fortschritte oft unauffällig.

Das Bedürfnis ist dennoch da. Gerade in den jüngsten Jahren steigt der Drang, sich zu organisieren. Nur eben nicht in den traditionellen Strukturen. Gewerkschaften gelten vielen als Auslaufmodell, bräsig und altbacken wie ein Schrebergartenverein oder Kaninchenzüchter. Wer nun die Stirn runzelt, kann ja mal versuchen, auf der nächsten Party beim Küchentalk mit seiner Mitgliedskarte zu punkten. Auch die Berufsverbände bleiben von solchen Vorurteilen nicht verschont.

Netzwerke und Kollektive sind die neuen Zauberwörter und viel zeitgemäßer und den freien Geistern entsprechend. Dabei kommt es doch gar nicht auf die Form, sondern auf den Inhalt an.

Zugegeben, einige der neuen Gründungen sind effektiv, zumindest öffentlichkeitswirksamer als die alten Berufsverbände. Die #metoo-Bewegung in Schweden etwa oder hierzulande die Initiative Pro Quote Regie, inzwischen auf Pro Quote Film erweitert und umbenannt. Doch die haben ein klares eng gestecktes Anliegen, mit dem sie zudem auf einen Nerv treffen: Die einen kämpfen gegen sexuelle Übergriffe, die anderen für Gleichberechtigung. Berufsverbände müssen sich noch anderen Themen stellen, langwierig, mühsam und oft unauffällig.

Im vorigen Sommer hatte sich in Berlin die Allianz der Freien Künste vorgestellt – „ein offenes Bündnis“ von inzwischen 15 Bundesverbänden und Interessenvertretungen unterschiedlichster Gewerke von  Szenografie und Puppentheater über Jazzmusik und  Hörspielregie bis Komposition und Textdichtung. Das Medienecho war groß, das Ziel ebenfalls: Eine „Stimme und Plattform für die Freien Künste auf Bundesebene“ wolle man sein.

So weit war die Filmbranche auch schon mal. Seit den 1970er-Jahren rollte eine Gründungswelle durch die Filmlandschaft, inzwischen hat fast jedes Gewerk einen Berufsverband, zuletzt hatten sich 2007 die Stuntleute organisiert.

Unter den ersten waren die Regisseure und Kameraleute. Schon früh hatten Eberhard Hauff und Jost Vacano, die Vorstände der Bundesverbände Regie (BVR) und Kinematografie (BVK), zu einem Zusammenschluss der Berufsorganisationen aufgerufen. 1984 stellte man mit anderen gemeinsame Forderungen auf, doch es dauerte noch weitere elf Jahre, bis sich zwölf der lose kooperierenden Verbände zur Arbeitsgemeinschaft Die Filmschaffenden zusammenschlossen. Und weitere zwölf Jahre, bis sich sie sich während der Berlinale als Dachverband vorstellten. Vereinfacht ausgedrückt wurde aus der Europäischen Gemeinschaft die Europäische Union. Aber noch nicht Europa – jeder Berufsverband vertrat weiterhin auch seine eigenen Interessen. Wo nötig, auch gegen die anderen.

Die ersten Haarrisse in der fragilen Struktur zeigten sich schon auf der Pressekonferenz zur Gründung des Dachverbands 2007. Als dessen erster Präsident sprach Eberhard Hauff, während zur gleichen Zeit an anderem Ort sein BVR zu einer eigenen Veranstaltung rief.

Die Erwartungen waren dennoch hoch. Die Tariffähigkeit stand als Ziel in der Satzung. Die Filmschaffenden wollten ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen, von der Gewerkschaft fühlten sie sich in den Verhandlungen offenbar nicht gut vertreten. Allein nach Zahlen lässt sich das nachvollziehen: Um die zwei Millionen Mitglieder hat Verdi, nur rund 4.200 davon sollen Filmschaffende sein, will der Deutschlandfunk herausgefunden haben. Bestätigt wird diese Zahl nicht, im Gegenteil wird sie heftig angezweifelt; doch selbst bei einer solchen Mitgliederstärke würden die Filmschaffenden in der Gewerkschaft nur knapp über zwei Prozent ausmachen.

Allerdings teilten nicht alle Verbände dieses Misstrauen. In der neuen Satzung von 2011 [PDF] ist das Streben nach Tariffähigkeit nur als Möglichkeit formuliert, für die ein „gesonderter Beschluss der Mitgliederversammlung“ nötig ist.

Nun ist es nicht einfach, so viele unterschiedliche Interessen unter ein gemeinsames Dach zu bringen – siehe Europa. Als eine ihrer „Kernthesen“ führt die Bundesvereinigung in ihrem Wikipedia-Artikel noch immer an: „Filme entstehen grundsätzlich in Teamarbeit. Die Herausforderungen der Branche, ob national, europäisch oder global, lassen sich nur gemeinsam bewältigen.“ Das war ein bis dahin seltenes Konstrukt, und zwar weltweit. Der Dachverband nahm das mit dem Teamgeist sogar so ernst, dass jeder Mitgliedsverband eine Stimme hatte, egal, ob seine Mitgliederzahl im niedrigen zweistelligen Bereich oder um die 700 lag.

Schon bald zeichnete sich ab, dass nicht alle Verbände das Gleiche wollten. Für einige wenige stand das Urheberrecht an oberer Stelle, um das sie sich auch gegenseitig beharkten, andere waren davon überhaupt nicht betroffen und fanden sich im Dachverband nicht gut aufgehoben. Es dauerte etwa zwei Jahre bis zum „Regxit“, dann trat der BVR, Initiator des Dachverbands, aus seinem Projekt wieder aus. Genau lässt es sich nicht sagen, denn Die Filmschaffenden behandelten den Austritt stillschweigend.

Auch im Vorgehen herrschte Uneinigkeit im Team der Filmsschaffenden. Die einen gaben sich kämpferisch, die anderen vertrauten auf behutsame Kontakte in die Politik und freuten sich, wenn Parlamentarier ein Grußwort sprachen.

Mit einem lauteren Knall verabschiedete sich der nächstgrößere Mitgliedsverband BVK 2013. In einer Pressemitteilung äußerten die Kameraleute ihre „Enttäuschung über die […] Tatenlosigkeit der Bundesvereinigung.“ Der BVK wollte einen „selbstbewußten Auftritt des Dachverbands“ und „klare politische Forderungen“, hätte dafür aber keine Mehrheit gefunden.

Andere Verbände folgten, darunter die mitgliederstärksten. Heute ist vom Dachverband nur noch ein Rumpf aus sechs Verbänden übrig. Und das auch nur, weil im vorigen Jahr zwei neue Mitglieder hinzugekommen sind: der Interessenverband Synchronschauspieler und der Bundesverband Schauspiel (BFFS).

Letzterer ist einer der jüngsten Verbände – und der größte. Erst 2006 gegründet, vertritt er nach eigenen Angaben mehr als 2.800 Mitglieder. Zum Vergleich: Der Regieverband steht mit „über 700 Mitgliedern“ an zweiter Stelle in der Größenordnung. Zudem hat der BFFS, was die anderen Verbände nicht haben: prominente Gesichter, mit denen sich die Anliegen des Berufsverbands auch in die Öffentlichkeit tragen lassen. Dementsprechend selbstbewusst traten die Schauspieler auch auf. Der BFFS stand der Bundesvereinigung Die Filmschaffenden zwar immer wohlwollend gegenüber, trat über die Jahre aber nicht bei. Bis jetzt.

Ganz vergessen sind die alten Einigungsideen aber auch bei den anderen Verbänden nicht. Die Kameraleute haben sich seit drei Jahren mit Szenenbildnern und Editoren in der Arbeitsgemeinschaft Verbände Pro Tarif zusammengetan, „um filmspezifische arbeitnehmerrechtliche Fragen zu erörtern und Antworten darauf voran zu bringen“. Auch Verdi wolle man voll unterstützen, „sofern sie konsequent zugunsten und im Sinne der Film- und Fernsehschaffenden agiert und hart verhandelt.“

Allein die Filmkomponisten-Union (Defkom) und der Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD) hatten sich über all die Jahre von sämtlichen Vereinigungsgedanken ferngehalten. Was aber nicht heißen soll, dass der VDD nicht doch von Fall zu Fall Allianzen eingeht. Im Januar hatte der BVK mit RTL, wie zuvor schon mit anderen Sendern und großen Produktionsfirmen, Vergütungsregeln ausgehandelt [PDF]. Prompt reagierten VDD, BVR und BFFS mit einer eigenen Pressemitteilung: Die Vereinbarung sei ein „Muster ohne Wert“, die Kameraleute „wurden von RTL über den Tisch gezogen“. Die drei Verbände seien jedenfalls nicht bereit, mit RTL Vereinbarungen zu denselben Bedingungen abzuschließen.

Nun ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Berufsverband eigene Vergütungsregelungen aushandelt. Es ist auch nicht ungewöhnlich, dass sich Berufsverbände zu aktuellen Fragen und Ereignissen der Branche zu Wort melden, die quer durch die Gewerke die Branche insgesamt betreffen – Verdi kann nach jedem Tarifabschluss gleich mehrere Lieder davon singen. Neu ist allerdings, dass (in diesem Fall sogar gleich drei) Verbände eine Vereinbarung kommentieren, die ein anderer Verband ausschließlich für sich und seine Mitglieder ausgehandelt hat. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Allerdings hatte der Regieverband vor zwei Jahren gemeldet, dass eigene Verhandlungen mit RTL „auf gutem Weg“ seien, wie es weiterging, war nicht zu erfahren. Unsere Nachfrage bei den Verfassern nach ihren Beweggründen blieb unbeantwortet. Offenbar sind die Haarrisse inzwischen zur Kluft angewachsen.

Dass es auch anders geht, wird seit 30 Jahren im Nachbarland vorgelebt. Dort arbeiten im Dachverband der Österreichischen Filmschaffenden 13 Verbände der größten Gewerke für ihre Interessen zusammen – und zwar „konfliktfrei“, sagt die Medienwissenschaftlerin Lisa Basten, die die kreativen Arbeitswelten erforscht (cinearte 390).

Doch wen interessiert’s? Die Fernsehzuschauer jedenfalls nicht, und ebensowenig die Journalisten, die zwar gerne über Filmkunst schreiben, aber kaum, wie sie entsteht. Arbeitszeiten und Gagendumping quält die Branche seit vielen Jahren, doch Berichte darüber, wie es in den deutschen Traumwerkstätten zugeht, sind die Ausnahme. Geflügelzüchter und Aufbackbrötchenfabriken werden aufmerksamer beäugt als diejenigen, die allabendlich die Fernsehkanäle füllen, die jeder Deutsche im Durchschnitt fast vier Stunden am Tag konsumiert.

Da müssen schon ein paar bekannte Schauspieler beim Münchner Filmfest am Stachus aus Protest im Brunnen baden, damit die populärste Illustrierte im Lande darüber berichtet – und hatte nicht mal bemerkt, dass das Ereignis schon ein Jahr vorher stattgefunden hatte.

Auch die Quotenfrage hatte niemand gekümmert. Bis Maria Furtwängler mit einer eigenen Studie vor die Kameras trat, um Fakten zu verkünden: Regisseurinnen werden massiv benachteiligt, Schauspielerinnen spätestens ab Mitte 30 weniger besetzt und ohnehin nach fragwürdigen Klischees. Das hatten zwar schon einige andere vergeblich bemängelt, aber nun sprach eine beliebte „Tatort“-Kommissarin, die außerdem „immer attraktiver und erotischer“ wirkt, wie eine Autorin der „Bild am Sonntag“ fand.

Noch aufregender waren die Berichte über sexuelle Übergriffe bis hin zu Vergewaltigungen, denen sich vor allem Schauspielerinnen ausgesetzt sehen. Ans Licht kamen die ersten Vorfälle in den USA, als „New York Times“ und „New Yorker“ über die Eskapaden von Harvey Weinstein berichteten. Dass der Erfolgsproduzent ein fragwürdiges Gebahren hatte, seine Geschäftspartner drangsalierte und sogar regelrecht erpresste, war schon seit Jahren zu lesen, hatte aber keine Folgen. Aber dies war doch ein ganz anderes Kaliber. Dennoch steht zu befürchten, dass der „Weinstein-Skandal“ zumindest in Deutschland eine schlüpfrige Randnotiz geblieben wäre, hätte es nicht gleich darauf auch Vorwürfe gegen beliebte Schauspieler wie Kevin Spacey oder Dustin Hoffman gegeben. Dieser Artikel jedenfalls hatte noch drei Monate zuvor niemanden aufgeregt. Ohne Weinstein und #metoo würde sich Dieter Wedel heute wahrscheinlich nicht in den Nachrichten wiederfinden. Doch auch hier wird zwar sein allgemein selbstherrliches und unangenehmes Auftreten erwähnt, aber nicht weiter gefragt, wie wohl die ganz alltäglichen Arbeitsbedingungen unter einem solchen Regisseur gewesen sein mögen.

So zynisch es klingt: Sex sells –  für weniger aufregende Probleme dürfen die Filmschaffenden nicht auf die Öffentlichkeitsarbeiter hoffen, selbst wenn sie drangsaliert oder erpresst würden.

Auf die Branche selbst können sie schon gar nicht hoffen. Ausgerechnet die beiden öffentlich-rechtlichen Sender, größte Auftraggeber in der deutschen Produktionslandschaft, tragen ja kräftig zum Elend bei. Immer knapper kalkulieren sie die Budgets und Drehtage und setzen ihre Auftragsproduzenten unter einen Druck, den die an ihre Beschäftigten weitergeben.

Wenig Respekt vor den Filmarbeitern zeigten erst neulich wieder die vier größten Sender im Lande. Seit 1998 vergeben ARD, ZDF, RTL und Sat.1 gemeinsam den „Deutschen Fernsehpreis“ – fast ausschließlich an die eigenen Produktionen, und damit es nicht gleich jeder merkt, ist regelmäßig noch ein Gastsender unter den Preisträgern. Vor zehn Jahren schon gab es Proteste, dass die Auszeichnungen für die Einzelgewerke aus der Übertragung herausgeschnitten wurden (cinearte 173), zwei Jahre später wurden die meisten Einzelkategorien ganz abgeschafft. Die Filmschaffenden gründeten daraufhin die Deutsche Akademie für Fernsehen, die seit 2013 eigene Preise verleiht, weil man „das Fernsehen nicht allein den Sendern überlassen“ dürfe, erklärte der Vizevorsitzenden Jochen Greve der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Der „Süddeutschen Zeitung“ sagte er: „Wir wollen eine Stimme der Kreativen sein. Wir wollen den Leuten Würde geben.“

Auch der „Deutsche Fernsehpreis“ hat inzwischen wieder seine Einzelkategorien, trotzdem gab es Anlass zu meckern: „In den Kategorien ›Beste Mehrteiler‹, ›Bester Film‹ und ›Beste Drama-Serie‹ finden sich Beispiele hervorragender filmischer Erzählkunst“, doch kein Autor dieser Nominierungen sei zur Preisgala eingeladen, müsse vielmehr auf der Warteliste hoffen, kritisierte im Januar der Verband Deutscher Drehbuchautoren in einem Offenen Brief an die Ausrichter. Das sei „ein Sinnbild für eine immer noch grassierende Ignoranz in Teilen der Branche.“

Die Adressaten verstanden die Aufregung nicht: Nominiert würden in diesen Kategorien die Produzenten, Regisseure und Redakteure. Für die Autoren gebe es doch die Kategorie „Bestes Buch“.

Das gelte ja wohl auch für „Beste Regie“, gab der VDD zurück. „Dennoch sind die Regisseure aller nominierten Formate eingeladen, ebenso wie die Redakteure. Das mag Machtverhältnisse abbilden – nicht aber den künstlerischen Prozess, der hinter der Entstehung von Filmen und Serien steht. […] Jedem Fernsehverantwortlichen muss angesichts der Erfolge der amerikanischen, britischen, skandinavischen Anbieter klar sein: Die Zukunft des Erzählens sind die Erzähler! […] Wir sind nicht bloß Gäste. Wir denken uns das aus, was an diesem Abend gewürdigt wird. Autoren als Schöpfer Ihrer Programme gehören als Nominierte in jede Kategorie.“

Das verstanden schließlich auch die Sender und nominierten auch die Autoren – vielleicht lag’s aber auch daran, dass der Streit durch Presse und Soziale Medien wirbelte. Zwar ging es bei diesem Streit nicht um Sex oder Glamour, aber die Drehbuchautoren hatten in ihre Kritik geschickt ein anderes Trigger-Wort für Branche und Medien eingebaut: Fernsehserien! Der neue Maßstab für die Bewegtbildkunst.

Im Deutschlandfunk zog der Journalist Matthias Dell gleichwohl den Schluss aus dem Streit: „Daran zeigt sich, wie fundamental eine Branche nicht versteht, wovon sie lebt. Denn die Drehbuchautoren sind entscheidend für den Erfolg eines Films: Das Drehbuch, die Geschichte ist der Ausgangspunkt aller weiteren Arbeit. In diese Arbeit Zeit und Geld zu investieren und für diese Arbeit Freiheiten zu gestatten – das würde den deutschen Fernsehfilm besser machen. Aber davon hat die Branche keinen Begriff, wie die Einladungspolitik vorführt.“

Zum Glück gibt es ja Gesetze. Da dürfte der eine oder die andere Filmschaffende kurz die Stirn runzeln. Seit Jahren erklären Berufsverbände und Gewerkschaft, dass die an den Gegebenheiten der Branche vorbeigehen und drängen vergeblich auf Abhilfe – Stichwort Anwartschaftszeit: Zwar zahlen Filmarbeiter bei jedem Projekt den vollen Beitrag in die Arbeitslosenversicherung, Anspruch darauf haben aber nur wenige. Die Rechnung basiert nämlich auf ständigen Beschäftigungsverhältnissen, mit den vorübergehenden Produktionsdauern lassen sich die erforderlichen Arbeitstage nur selten erreichen. Zur Erinnerung: Rund um die vorige Berlinale hatten gleich mehrere Studien festgestellt, dass nur zwei von fünf Filmschaffenden von ihrem Beruf leben können.

Wenigstens hat die Filmförderungsansstalt (FFA) seit einem Jahr einen klaren Auftrag: Sie habe „darauf hinzuwirken, dass in der Filmwirtschaft eingesetztes Personal zu sozialverträglichen Bedingungen beschäftigt wird“, steht im neuen Filmförderungsgesetz (FFG). Wofür übrigens Verdi und SPD gesorgt haben.

Das gute Beispiel machte gleich Schule: Schon kurz bevor das neue FFG in Kraft trat, hatte die frischgewählte rot-rot-grüne Berliner Landesregierung in ihrem Koalitionsvertrag [PDF] festgeschrieben: „Fördermittel sollen in Zukunft durch das Medienboard nur noch vergeben werden, wenn das Projekt sozialverträglichen und ökologischen Standards gerecht wird.“ Gelten soll das ab diesem Jahr. Das wäre schön.

Und was macht die Filmförderungsanstalt? Die kümmert sich zwar seit einem Jahr darum, ihre Gremien gleichberechtigt zu besetzen (was ihr nun eindeutiger vorgeschrieben ist) und listet als kleine Fleißarbeit in den Fördermeldungen auf, wie viele der geförderten Projekte von Frauen inszeniert werden. Nur bei der Sozialverträglichkeit bleibt die sonst mitteilsame Institution zurückhaltend. Ähnlich weit wie das Medienboard solle die FFA ohnehin nicht gehen, hatte Kulturstaatsministerin Monika Grütters in den Debatten zum neuen Gesetz erklärt. Mit dem Hinwirken auf sozialverträgliche Bedingungen seien eher Informationsveranstaltungen und Broschüren gemeint – als müsse man ausgerechnet den Filmschaffenden die Problematik erst noch erklären. Dafür aber gibt es nach unseren Informationen kein Budget, und die Mitarbeiterin, der das Thema anvertraut wurde, geht demnächst in Mutterschutz. Wir fragten nach, was die Filmförderungsanstalt seit einem Jahr für die Filmschaffenden getan hat. Die FFA antwortete nicht. Nehmen wir’s als Antwort: Nichts.

Wer es bis jetzt noch nicht ahnte: Die Filmschaffenden stehen alleine da, Hilfe ist nicht zu erwarten (was übrigens zu erwarten war). Eine gemeinsame schlagkräftige Organisation wäre gut. Bloß wie? Darüber sprechen am Donnerstag, 15. Februar, in der Berliner Kulturbrauerei ab 16:30 Uhr Vertreter von Verbänden unterschiedlichster Branchen beim Diskussionsforum „Film but Fair“.

Die Veranstaltung wird außerdem per Livestream übertragen:

www.out-takes.de | www.facebook.com/crewunited

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