A Song of an unknown Actress

Ganz so einfach ist es nicht...

Foto:© pet&flo

Die Dokumentation „A Song of an unknown Actress“ (unbegrenzt in der 3sat-Mediathek) folgt dem Alltag von fünf Schauspielerinnen in Los Angeles am unteren Ende der Karriereleiter. Den dokumentarischen Situationen stellt der Film Sequenzen gegenüber, in denen sich die Wünsche und Nöte der Protagonistinnen widerspiegeln. Jedes Jahr ziehen Tausende von jungen Frauen nach L.A., um den Durchbruch als Schauspielerin zu schaffen. Ihre Karrieren verlaufen zumeist in der Grauzone zwischen kleinen Nebenrollen in großen Filmen und großen Rollen in kleinen Filmen, den überlebensnotwendigen Restaurantjobs und einer Endlosschleife von Castings. Denn trotz aller Frustration und Verzweiflung über die konstante Ablehnung steckt in jedem Vorsprechen die eine große Chance. Und jede, die es in Hollywood zu etwas gebracht hat, musste durch diese Phase gehen. So schwebt das große Versprechen über dem grauen Alltag. In Los Angeles vermischen sich Vergangenheit und Zukunft, Träume und Wirklichkeit zu einer eigenen Form der Realität. Und selbst das Scheitern wird „bigger than life“. Als sich 1932 Peg Entwistle vom Hollywoodzeichen in den Tod stürzte, wurde sie zum ersten Symbol für die deprimierende Seite der Filmhauptstadt. Nun gilt sie als Schutzheilige der Erfolglosen in einer Stadt, in der normalerweise nur der Erfolg zählt. Durch die Jahrzehnte wurde das Bild der wehrlosen und verzweifelten Schauspielerin zu einer Gegengeschichte des Hollywood-Dreams auf und jenseits der Leinwand. Vom bitteren Ende Marilyn Monroes zum Sensationserfolg „La La Land“* hin zur #MeToo-Debatte: Das Ausgeliefertsein junger Frauen in der Filmindustrie wird immer wieder neu verhandelt und mehr oder minder differenziert zum Thema gemacht.

Fragen an die Regisseure Peter Göltenboth & Florian Giefer

Filme über Schauspielerinnen in Hollywood gibt es viele. Was hat euch an diesem Sujet gereizt?

Wir sehen es eigentlich weniger als einen Film über Hollywood, als einen Film über Lebensträume, die mit der Realität kollidieren. Und ein Film über den Konkurrenzdruck, dem immer mehr Menschen ausgesetzt sind, und die Frage, was es mit uns macht. Als Regisseure haben wir ja mit ganz ähnlichen Themen zu tun. Man muss sich in einem sehr kompetitiven Umfeld durchsetzen, und es gibt keine langfristigen Sicherheiten. Für Schauspieler ist das alles noch krasser. Wenn wir Werbungen drehen, gibt es manchmal riesige Castings mit Hunderten von Darstellern. Beim Sichten dieser Videos haben wir uns schon oft gefragt, was Menschen dazu bringt, sich in diese von außen unangenehme Situation zu begeben. Schutzlos sich dem Blick eines fremden Menschen zu öffnen, der nicht mal im Raum ist – er wird nur durch die Kamera vertreten. Innerhalb von Sekunden eine Emotion oder einen spezifischen Ausdruch zu liefern. Das ist schon eine Extremsituation. Uns hat interessiert, wie man in so einem Umfeld überleben kann. Die Filmszene in Los Angeles ist in ihrer Konkurrenz dann noch mal viel extremer als es hier ist – es ist wie ein Brennglas für alle diese Themen.

Die Ästhetik von „A Song of an unknown Actress“ ist ungewöhnlich. Euer Film bewegt sich zwischen Dokumentar- und Spielfilm, Alltagsbeobachtung und Stilisierung. War diese Gratwanderung von Anfang an Teil des Konzeptes?

In klassischen Reportagen wird oft sehr viel Wahrheit behauptet und man nimmt das Gesehene instinktiv als Wirklichkeit auf, obwohl es immer einem selektiven Blick des Filmemachers unterworfen ist. Und diese dokumentierte Wirklichkeit spart dann oft Momente aus, an denen man nicht teilhaben kann. Momente tief empfundener Einsamkeit, durchwachte Nächte voller Sorge, aber auch diffuse Träume und Wunschgedanken. Das kann man sich dann immer im Nachhinein erzählen lassen, aber dann ist es schon wieder etwas völlig anderes. Diesen emotionalen Teil der Wirklichkeit wollten wir in andere Bilder fassen. In einer Dokumentation über Wissenschaftler oder Fluglotsen kann man vielleicht diesen Teil der Realität schwierig umsetzen. Aber unsere Hauptpersonen sind Schauspielerinnen. Da war es natürlich naheliegend, mit ihnen gemeinsam diesen Teil ihrer Lebenswelt zu erkunden und sie „spielen“ zu lassen. Und vom filmischen Standpunkt her wollten wir die Bilderwelten Hollywoods, die man ja sozusagen verinnerlicht hat, dem gegenüberstellen, wie der Alltag sich tatsächlich gestaltet. Das ist nämlich oft sehr viel normaler, als man sich das so vorstellt. Man bringt also als Zuschauer schon sehr viele Erwartungen mit, auch was das Drama angeht, das man sich von so einem Thema erwartet.

Euer Film erzählt nicht nur aus dem Leben von fünf Schauspielerinnen, sondern verdichtet das Gezeigte und Gesagte zu einer kollektiven Erfahrung. Wie entstand die Idee hierzu?

Wir wollten tatsächlich nie eine Reportage über eine Handvoll Protagonistinnen machen, sondern darüber hinaus nach Mustern suchen. Und ich denke schon, dass es da eine Menge Anknüpfungspunkte gibt, und dass es viele Menschen auch in ganz anderen Berufen gibt, denen es ganz ähnlich ergeht. In unserem letzten Film, der Dokumentation „10 Wochen Sommer“, haben wir schon damit experimentiert und finden, dass es eine gute Art ist, sich einer allgemeineren Wahrheit anzunähern. Von daher wollten wir von Anfang an in anonymen Telefongesprächen Gedanken sammeln. Und um diese dann in einer stilisierten Form in den Film einzubringen, das war schon beinahe der Startpunkt für unser Konzept.

Wie gelang es Euch, Cherilyn MacNeil Kopf der Indie-Band „Dear Reader“, für die Idee zu begeistern, nicht nur den Soundtrack des Films zu komponieren, sondern auch den Kommentar zu sprechen?

Wir haben in den ersten Jahren ja beinahe ausschließlich Musikvideos gemacht und haben da immer noch eine Menge Kontakte. Wir haben früher sehr eng mit dem Indie-Label City Slang zusammengearbeitet. In diesem Fall war es dann auch Christof Ellinghaus von City Slang, der uns mit Cheri connected hat. Anna GearyMeyer, die die Texte geschrieben hat, lebt zurzeit auch in Berlin. Und durch den großen Zeitunterschied zu Los Angeles hat es sich dann ergeben, dass Cheri die Layouttexte eingesprochen hat. Und da haben wir dann plötzlich bemerkt, dass sie auch eine zauberhafte Sprechstimme hat und als Musikerin auch einen ganz engen Bezug zu den Gedichten.

„A Song of an unknown Actress“ ist zeitlich vor der #MeToo-Debatte entstanden, die zutage gefördert hat, was Eingeweihte lange vorher wussten und interessierte Beobachter bereits ahnten. Waren die Arbeitsbedingungen der Schauspielerinnen innerhalb des von Männern dominierten HollywoodSystems kein Thema in den Interviews, die Ihr mit ihnen geführt habt?

Die Planung für den Film war schon voll im Gange, als #MeToo losging und natürlich hat das die Gespräche und auch die Blickweise beeinflusst. Wir haben uns trotzdem dagegen entschieden, das als Aufhänger zu nehmen, weil es das Thema auf etwas reduziert, was ohnehin immer schon mitschwingt. Die Auseinandersetzung mit der Diskussion haben wir aber durchgängig geführt, und der Film ist sozusagen unser Beitrag zu der Debatte. Eine wichtige Diskussion, die aber in vielerlei Hinsicht noch sehr eng geführt wird, zum einen reduziert auf die sexuelle Komponente und auch sehr fokussiert auf die Tat an und für sich. Wenn man sich unseren Film ansieht, bekommt man ein Gefühl dafür, wie entbehrungsreich und hart es sein kann, seinen Traum zu leben. In so einem Umfeld entstehen natürlich Machtverhältnisse, die Missbrauch und Sprachlosigkeit begünstigen. Die erhöhte Aufmerksamkeit des Themas wird hoffentlich dazu führen, dass das in Zukunft anders sein wird. Aber die Grundproblematik bleibt, dass wenn Menschen ihre Träume leben wollen und nach Chancen suchen, ein potenziell gefährliches Machtgefälle entsteht.

Warum habt Ihr nur Schauspielerinnen porträtiert?

Das war am Anfang gar nicht unbedingt so geplant. Aber wir haben schnell festgestellt, dass es zwar um eine kollektive Erfahrung geht, man aber schon eine gewisse Vergleichbarkeit der Situationen haben muss. Deswegen sind auch alle ungefähr im selben Alter. Wir hatten zum Beispiel auch mit deutlich jüngeren Schauspielerinnen gedreht, die dann aber letztlich nicht im Schnitt gelandet sind, weil ihre Situation mit Anfang 20 einfach zu unterschiedlich war. Und die Frage nach Männern oder Frauen war insofern einfach, dass die Konkurrenz, über die wir erzählen wollen, so viel größer ist: Sehr viel mehr Frauen als Männer wollen Schauspieler werden, es gibt viel weniger Rollen, und das Zeitfenster, in dem eine Karriere Fahrt aufnehmen kann, ist für Frauen viel enger. Auch etwas, was sich hoffentlich im Zuge der #MeToo-Debatte verändern wird.

Wie ist es Euren Protagonistinnen seither ergangen?

Gina ist nach Minnesota gezogen und hat dort tatsächlich ein neues Leben angefangen. Und auch wenn sie noch manchmal die Wehmut überkommt, geht es ihr soweit gut. Taylor oder Charly, wie sie sich jetzt nennt, macht viel Musik. Für die anderen hat sich glaube ich nichts Dramatisches ereignet. Und so ist das normalerweise auch. Man hat immer das Gefühl, dass das ein super dynamisches System ist, in dem die Menschen im Wochentakt nach oben katapultiert oder auf den Boden geschleudert werden. Aber es ist viel kontinuierlicher, und man muss sehr lange arbeiten und sich bereithalten, um vielleicht irgendwann die Chance zu bekommen. Das ist die Realität.

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