Organisierte Einzelkämpfer: Genossenschaft für Selbständige

Smart startet vor 20 Jahren in Belgien, inzwischen gibt es das Genossenschafts-Modell in neun europäischen Ländern: Selbstständige und ­Kollektive teilen sich als Mitglieder einer Genossenschaft die Kosten und Verantwortung für die Verwaltung und die administrative Abwicklung ihrer Projekte. Und abgesichert sind sie auch. | Foto © Screenshots

Smart startete vor 20 Jahren in Belgien, inzwischen gibt es das Genossenschafts-Modell in neun europäischen Ländern: Selbstständige und ­Kollektive teilen sich als Mitglieder einer Genossenschaft die Kosten und Verantwortung für die Verwaltung und die administrative Abwicklung ihrer Projekte. Und abgesichert sind sie auch. | Foto © Screenshots

Magdalena Ziomek, Sie sind Gründerin, Geschäftsführerin und Vorstandsmitglied der Genossenschaft SMartDe. In drei Sätzen: Was ist Smart?

Wir nennen uns eine Genossenschaft der Selbständigen. Smart verbindet die Freiheit eines Selbständigen mit der Sicherheit eines Angestellten. Als „Genosse“ kann man sich für die Dauer eines Projekts anstellen lassen und hat dann die entsprechenden Vorteile …

Das klingt wie ein Trick für Scheinselbständige.

Ganz und gar nicht! In jeder Firma können sich Inhaber*innen ja auch selbst einstellen und ein Gehalt zahlen. Bei uns haben alle Genoss*innen Anteil an der Firma. Sie sind Mitbestimmer, und zwar in einer höchst demokratischen Struktur: Jeder hat nur eine Stimme, unabhängig von der Zahl der gekauften Anteile. Die Generalversammlung ist ein übergeordnetes Organ. Unsere Genossen sind gleichzeitig Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Unternehmer und Mitbesitzer der Genossenschaft. 

Jetzt klingt es fast zu schön, um wahr zu sein.

Tatsächlich ist der Gedanke, den wir hier leben, ziemlich neu: Wir sind an die Trennung in Arbeitgeber und Arbeitnehmer gewöhnt. Doch die Zeiten haben sich geändert und die Arbeit auch. Vieles, gerade im Kulturbereich mit seinen befristeten Projekten, lässt sich nicht so gut im deutschen Arbeitszeitgesetz verankern. 

Die Digitalen Nomaden andererseits kennen oft nicht ihren Status oder die jeweiligen Regeln – was gilt etwa für Steuern oder Abgaben, wenn ich in Dubai arbeite … Wir versuchen, Antworten zu finden. 

Aber Genossenschaften, in denen Selbständige zusammenarbeiten, sind ja auch keine neue Erfindung. Wieso gibt es das erst jetzt?

Ja, Produktionsgenossenschaften sind bekannt. Wir aber sind eine „Arbeitnehmer“-Genossenschaft. Wir „produzieren“ Arbeit (lacht). Aber im Ernst: Smart gibt es in Belgien bereits seit 20 Jahren, in Frankreich seit 10 Jahren. Dort übrigens sind Genossenschaften für Existenzgründer populär. Da erhält, wer sich selbständig macht, nicht bloß eine Förderung, sondern ist auch bei den ersten Schritten nicht allein. Der Staat zahlt sogar Lohnzuschüsse für die Gründer, die in der Genossenschaft angestellt sind.  

Also gut, wie funktioniert das Genossenschaftsmodell? 

Es gibt viele Formen der Zusammenarbeit mit uns. Unsere Website liefert erste Informationen. Im ersten Kontakt ermitteln wir die Bedarfe, dann folgt ein persönliches Beratungsgespräch. Und persönlich ist so gemeint, dass man sich tatsächlich gegenübersitzt. Wenn alles passt, kauft man einen Anteil an Smart, und der Service ist eröffnet!

Welcher wäre?

Sobald uns ein Genosse die Auftragsbestätigung des Kunden vorlegt, geht’s los: Aus dem geplanten Budget kalkulieren wir Gehalt, Dauer des Projekts, kümmern uns um den Arbeitsvertrag, Rechnungsstellung, Mahnwesen, Zahlung der Gehälter, Steuern und Sozialabgaben …

Die Akquise muss ich aber selber machen?

Ja. Aber die Genossen helfen sich gegenseitig, reichen Aufträge weiter – ein wunderbarer Nebeneffekt der solidarischen Gemeinschaft.

Das alles für nur einen Anteil?

Nein. Smart erhält 7 Prozent des jeweiligen Auftragswerts. Natürlich nur von Aufträgen, die über uns laufen.

Ihre Anteilseigner arbeiten noch nebenbei?

Manche ja, manche machen alle Aufträge via uns. Man kann jederzeit aussteigen oder pausieren. Es gibt ja vielfältige Lebens-und-Arbeits-Modelle. Manche sind bei uns, weil sie nur arbeiten wollen und nicht auch noch organisieren und verwalten. Andere wollen lernen, um eine finanzielle Optimierung für sich rauszukitzeln … Wir bieten nur die Werkzeuge.

Aber für die Sozialabgaben gibt es doch schon die Künstlersozialkasse. Und die übernimmt sogar den Arbeitgeberanteil, also die Hälfte. Wieso brauche ich da noch Smart?

Die KSK ist auch wichtig. Wir prüfen das auch in der Beratung. Wenn eine KSK-Mitgliedschaft möglich ist, raten wir eher dazu. Zu dem Thema bieten wir außerdem eine eigene kostenlose Beratung, aber nur für international tätige Künstler*innen im Rahmen von Touring Artists Helpdeskservice. 

Doch für einige Tätigkeiten ist die KSK keine Option. Bei uns sind zum Beispiel auch Kuratoren, Übersetzer und Stadtführer. Da können wir einspringen. 

Solche Shared-Community-Netzwerk-Modelle sind ja recht beliebt. Warum entschieden sie sich für ein doch eher verstaubt klingendes Modell wie die Genossenschaft?

Weil wir unseren Mitwirkienden ein Bestimmungsrecht anbieten wollen. Das entspricht unserem solidarischen Prinzip. Alle stehen füreinander ein. Das bildet die Genossenschaft als Modell am besten ab. 

Die Genossenschaft ersetzt sogar Ausfälle, falls ein Kunde nicht zahlt?

Wenn der Auftrag von den Kunden bestätigt und von den Genossen erfüllt ist, aber nicht bezahlt wurde, ja.

Smart Belgien, die erste Gründung, wurde erst 2016 in von einer Gesellschaft auf Gegenseitigkeit in eine Genossenschaft umgewandelt. Was ist der Unterschied?

Das ist das Ergebnis eines 20 Jahre langen Erfahrungswegs. Smart begann in Belgien als Verein; dann wurde es eine Stiftung, dann eine GmbH. Im Laufe der Jahre wurden verschiedene Bereiche mit unterschiedlichen Strukturen entwickelt. Schließlich beriet man sich mit Kunden, Mitarbeitern und Mitgliedern, was am besten passen würde: Am Ende stand die Genossenschaft. 70.000 Mitglieder hat sie in Belgien. 

Smart wurde 1998 gegründet, 2009 kam Frankreich hinzu. Heute gibt es weitere Büros in den Niederlanden, Italien, Spanien, Schweden, Deutschland, Ungarn und Österreich. Nach welchen Kriterien läuft diese Expansion? 

Alle Länder arbeiten autark, jedes sucht nach seinem eigenen Service für die Selbständigen. Die Situationen, Probleme und Regeln sind ja auch unterschiedlich. In Spanien ist Smart ganz anders als in Deutschland und bietet andere Services.

Gemeinsam ist der Gedanke an Absicherung, Kontakt und gemeinsamen Nutzen der Administration. Julek Jurowicz, der Gründer von Smart, war aus Polen emigriert, ich bin Polin in Berlin, Smart Österreich leitet Sabine Kock, eine Deutsche … ich will nichts behaupten, aber vielleicht stellen wir als „Fremde“ andere Fragen, suchen nach neuen Wegen. 

Eine weitere Beobachtung: Je schlechter die Lage für unsere Leute in einem Land ist, desto schneller entwickelt sich Smart! In Spanien ist es noch prekärer, daher wächst Smart dort schneller.

Klingt gut. Kann ich jetzt Smart Irland gründen?

So einfach ist das nicht. Wir nutzen ja eine Marke, die geschützt werden muss. Sie müssen schon mit der belgischen Genossenschaft in Kontakt treten.

Mehr als 90.000 Selbständige sind schon Mitglieder im Netzwerk – wie viele sind es in Deutschland?

Fast 500. Wir haben zurzeit jeden Monat 15 neue Genossen.

In Frankreich gibt es inzwischen auch elf Co-Working Spaces. In Deutschland?

So etwas wollen wir auch bauen. Ende Oktober wissen wir mehr, Gespräche laufen. Es gibt definitiv Bedarf in Berlin. 

2012 hatte sich Smart in Belgien sogar in die Wahlen eingemischt: „Je vote culture“ – ich stimme für die Kultur. Sind Sie auch eine politische Bewegung? 

In Belgien und Frankreich vereint Smart 70.000 Menschen. Das ist schon eine Macht. Wir haben sind in Deutschland gerade mal 500. Wir denken gerne darüber nach, wenn wir 1.000 sind. Aber wir sprechen mit Verdi und anderen Gewerkschaften. Zurzeit haben wir erst noch viel anderes zu tun – wir müssen als Team wachsen. 

Wir suchen übrigens dringend eine/n Buchhalter*in. Ernsthaft!

 

 

 

Neue Organisationsformen für eine lebendige Filmkultur werden beim Symposium „Film/Coop 2019“ am 14. und 15. November in Halle vorgestellt und diskutiert: Genossenschaften seien „neue ­Modelle für Wertegemeinschaften, bei denen es nicht um maximalen Profit, sondern auch um Selbstverantwortung, Respekt vor der ­gegenseitigen Leistung und Solidarität geht“, schreiben die Veranstalter. Die Teilnahme kostet 49 Euro, für Anmeldungen bis zum 21. Oktober 39 Euro. 

 

 

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