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Cinema Moralia – Folge 157: Die Banalität des Dösens

Nach den neuen Leitlinien nicht mehr förderungwürdig: François Ozons FRANTZ – (c) X Verleih AG

50 Jahre FFG sind genug! Aber um das zu merken, muss man aufwachen – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 157. Folge

»Der schnelle Tag ist hin / die Nacht schwingt ihre Fahn /
Und führt die Sternen auff. Der Menschen müde Scharen
Verlassen feld und werck / Wo Thier und Vögel waren
Trawert itzt die Einsam­keit. Wie ist die zeit verthan!«

Andreas Gryphius, »Abend«

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»Ich bin in der Kriti­schen Theorie zu Hause. Die Kritische Theorie sagt, dass es immer einen Ausweg gibt. Wenn die Wirk­lich­keit den Menschen demütigt und entmün­digt, dann glauben wir eben nicht an diese Wirk­lich­keit. Dann behalten wir uns vor, eine andere zu wählen.« – so Alexander Kluge im aktuellen »Philo­so­phie Magazin« (4/2017). Diese Sätze enthalten alles, was deutsche Filme­ma­chen wissen müssen, um mit der Förderung ange­messen zu verfahren – wenn sie nicht Bomben
bauen wollen.
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Seit Jahren bereits betreibt die deutsche Film­för­de­rung eine Art Live-Selbst­mord, eine Selbst­ent­lei­bung vor Publikum. Man kann dabei zugucken, wie die Förderung sich selbst abschafft und zu einem Punkt führt, an dem keiner mehr begreift, wozu es sie überhaupt noch gibt. Dieser Punkt ist nahe. Nach der FFA-Entschei­dung vom Dienstag ist die deutsche Film­för­de­rung einen großen Schritt weiter – auf diesem Weg ohne Wieder­kehr, dem Weg in den Abgrund.
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Der FFA-Verwal­tungsrat hat am Dienstag neue Leit­li­nien für die Projekt­för­de­rung verab­schiedet. Es war immerhin keine einstim­mige Entschei­dung, sondern eine Kampf­ab­stim­mung. Schon der erste satz dieser Leit­li­nien ist – denkt man einen Augen­blick nach – komplett absurd:
»Die FFA sollte – im Rahmen der gesetz­li­chen Vorschriften – Kinofilme fördern, die einen hohen quali­ta­tiven Anspruch haben sowie glei­cher­maßen absolut und/oder relativ wirt­schaft­lich erfolg­reich im In- und Ausland ausge­wertet werden können (wirt­schaft­lich-kultu­reller Film­be­griff)«
Das »glei­cher­maßen« macht sprach­lich/gedank­lich keinen Sinn. Zudem kann wirt­schaft­li­cher Erfolg auch meinen: Ein Film der 1000 Euro gekostet hat, kann mit 1100 Euro Einnahmen, wirt­schaft­lich 10% Gewinn machen. Das meint die FFA aber nicht.
Endgültig ad absurdum führt den Satz das Wort »können«. Das heißt alles und nichts. Es meint ein Potential. Alle können. Entschei­dend bleibt subjek­tives Zutrauen. Weiterlesen

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Bei den deutschen Produ­zenten bewirkt die Pres­se­mit­tei­lung gelinde Panik. Die dürfte über­trieben sein. Die neuen FFA-Richt­li­nien sind nicht verbind­lich und werden an den herr­schenden Verhält­nissen leider auch zum Schlechten nichts ändern, Sie sind keine Revo­lu­tion von Rechts. Typisch für den deutschen Film ist das Weiter­wursch­teln im Schlechten.

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Der Film­pro­du­zent Martin Hagemann hat dazu gestern auf Facebook Tref­fendes gepostet:
»Welche Filme wollen wir? Wo ist unser Publikum? Der Verwal­tungsrat der FFA hat gestern entschieden, seinen Gremien Leit­li­nien an die Hand zu geben. Darin werden neben einigen EU-subven­tions-recht­li­chen Beschwich­ti­gungs­for­meln (»kultu­relle Erwä­gungen«) Marken gesetzt, nach denen in Zukunft erfolg­reiche von nicht-erfolg­rei­chen Projekten in den Förder­gre­mien unter­schieden werden sollen.
Förde­rungs­würdig sind nach Meinung des Verwal­tungs­rats Spiel­filme mit einem Budget ab 2.5mio€ und zu erwar­tenden 250.000 Zuschauern, beim Doku­men­tar­film sind es ein Mindest­budget von 500.000€ und 50.000 zu erwar­tenden Zuschauern.
Statt jetzt über diese für die FFA-Gremien nicht verbind­li­chen Leit­li­nien zu lamen­tieren, müssen halt dieje­nigen, die an einem leben­digen Kino und Filmen inter­es­siert sind, welche jenseits kurz­fris­tiger Renta­bi­litätsüber­le­gungen und Banal-Enter­tain­ment-Stra­te­gien entstehen, ihre Inter­essen außerhalb der heime­ligen Insti­tu­tionen selber in die Hand nehmen.
Die Inter­essen des leben­digen Kinos können gar nicht von dem soge­nannten selbst­er­nannten »Parlament des deutschen Films«, dem Verwal­tungsrat der FFA, vertreten werden; da helfen aber auch nicht die banal-ökono­mis­ti­schen Regio­nal­in­ter­essen vieler Länder­för­derer und da wird auch die erhöhte Förderung der BKM mit ihren »freien Jurys für den künst­le­ri­schen Film« nichts ändern, wenn die Autoren und Auto­rinnen, Regis­seu­rinnen und Regis­seure, Produ­zen­tinnen und Produ­zenten, die Filme­ma­cher und -mache­rinnen, die von der Notwen­dig­keit eines anderen Kinos und entschie­de­neren Filmen überzeugt sind, nicht anfangen, ihr Publikum zu suchen und hoffent­lich auch zu finden. Denn darin liegt die ganze Crux derje­nigen, die sich zu Recht über immer stumpfere Förder­po­litik und den immer stump­feren deutschen Film aufregen: der publi­kums­lose Festi­val­film ist dabei, ins Museum und auf die SVOD-Plattform zu wandern, mit denen es sich auch einrichten und eini­ger­maßen frei arbeiten lässt. Das verändert aber auch die Filme und ist dann nicht mehr Kino, ist nicht mehr Öffent­lich­keit, ist nicht mehr Filmkunst.«

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Um die Zahlen, die sich die Popcorn-Film­för­der­an­stalt als Kriterium gesetzt hat, zu verdeut­li­chen, hier die Liste der 2016 gestar­teten FFA-geför­derten Filme, geteilt in ERFOLGREICH / NICHT ERFOLGREICH (gemäß neuer FFA-Leitlinie).
Die Zuschau­er­zahl von 250.000 haben folgende 25 in 2016 gestar­tete FFA geför­derte Filme NICHT erreicht, Filme dieser Art sollen es in Zukunft nach Meinung des Vorstands, des Präsi­diums und des Verwal­tungs­rats bei der FFA schwerer haben:

God Of Happiness
Frauen
Die Reise mit Vater
Babai
Jonathan
LenaLove
Jeder stirbt für sich
allein

Liebe Halal
Ente gut! Mädchen allein zu Haus 
Wild
Die Mitte der Welt
Unsere Zeit ist jetzt
Mänge­l­ex­em­plar
Nebel im
August

Radio Heimat
Marie Curie
Antonio, ihm schmeckt’s nicht!
Gleißendes Glück
El Olivo – Der Oliven­baum
Grüße aus Fukushima
Verrückt nach Fixi
Robbi, Tobbi und das Flie­wa­tüüt
Frantz
Mullewapp
Ein Hologramm für den König

Die weiter unten stehenden 18 in 2016 gestar­teten und von der FFA geför­derten Filme, erreichten dagegen jeweils über 250.000 Zuschauer, es sollten nach Meinung des Verwal­tungs­rats in Zukunft solche Filme stärker gefördert werden.
Auffällig ist dabei der hohe Anteil an Kinder- und Jugend­filmen unter den nach Meinung der FFA erfolg­rei­chen deutschen Filmen. Genau die Hälfte der geför­derten und gemäß Leit­li­nien erfolg­rei­chen Filme sind für das jüngere und jüngste Publikum. Dies erinnert übrigens fatal an die Anfangs­jahre des FFG, ich erinnere mich (leider) noch gut an das »Lümmel von der ersten Bank« – Franchise der 60er.
Wenn man sich die derzei­tige Entwick­lung dieser spießigen deutschen Variante der ameri­ka­ni­schen Superhero-Fran­chises anschaut, kann man jetzt schon die Voraus­sage wagen, dass eine konse­quente Umsetzung der Leit­li­nien der FFA diese selber in den nächsten Jahren direkt Gegen die Wand setzen würde (letzterer Titel steht übrigens auch für eine Art von Film, die nicht mehr gefördert werden würde, da das Budget viel zu klein war).
Hanni & Nanni hatte in der Start­woche nur 135.000 Zuschauer, Conni & Co. 2 – Das Geheimnis des T-Rex ist nach 6 Wochen gerade mal bei 200.000 Tickets gelandet. In Zukunft mehr davon?
Hier die erfolg­rei­chen 2016er Filme nach FFA Auffas­sung:

Unfriend
Colonia Dignidad
Tschiller: Off Duty
Paula
Die Vampirsch­wes­tern 3 – Reise nach Trans­sil­va­nien
Das Tagebuch der Anne Frank
Rico,
Oskar und der Dieb­stahl­stein

Pettersson und Findus
Vier gegen die Bank
Die wilden Kerle – Die Legende lebt
Smaragd­grün
Conni und Co
Tschick
SMS für Dich
Toni Erdmann
Der geilste Tag
Bibi & Tina: Mädchen gegen Jungs
Will­kommen bei den Hartmanns

Für den Doku­men­tar­film sah es bei der FFA schon immer eher mau aus, hier zuerst die vier 2016 gestar­teten Doku­men­tar­filme, die zuvor FFA Förderung bekommen hatten und die nach den neuen Kriterien nicht mehr gefördert werden sollen (unter 50.000 Zuschauer und Budget zu klein)

Auster­litz
Cahier africain
Mali Blues
Transit Havanna

Auch der Film­preis­ge­winner »Bester Doku­men­tar­film« Cahier africain würde damit der »notwen­digen Selektion« (so bezog sich der Vorstand der FFA auf die Leit­li­nien), zum Opfer fallen.
Einziger FFA geför­derter und 2016 gestar­teter Doku­men­tar­film, der den neuen Kriterien genügte, war demnach:

Ein letzter Tango

Und die beiden anderen deutschen (nicht FFA geför­derten) Doku­men­tar­filme (von insgesamt 81 gestar­teten), die 2016 überhaupt die 50.000er Zuschau­er­schwelle über­springen konnten, waren:

Südafrika – Der Kinofilm
Power to Change – Die Ener­gie­re­bel­lion

Das ist die Lage. Bei allem Lamento müssen wir uns fragen, wo unser Publikum ist, und wie wir es in Zukunft erreichen wollen und können. Ange­sichts der Digi­ta­li­sie­rung helfen uns dabei nicht mehr 50 Jahre alte Insti­tu­tionen, in denen vorwie­gend ältere Herr­schaften einem Busi­ness­model hinterher trauern, das von dem Mangel an Filmen und dem Mehr­fach­ver­kauf dieser Filme über eine geregelte Auswer­tungs­kas­kade (Kino-DVD-payTV-freeTV) bestimmt war.
Ich bin der Meinung, dass in Zukunft gewähr­leistet werden muss, dass die Macher und Mache­rinnen der Film­ent­wick­lung und Produk­tion während dieser oft lang­jäh­rigen Arbeit von dieser leben können (deutlich mehr Geld in die Entwick­lung), dass die Förde­rungen in einem bundes­weit abge­stimmten intel­li­genten Mix aus auto­ma­ti­scher, erfolgs­be­dingter Förderung und Gremi­en­ar­beit ihre Arbeit gemeinsam machen (erster Schritt: jeder Erst­för­derer geht mit 35% in ein Projekt). Dazu
bedarf es der Politik, die das film­po­li­ti­sche Heft in die Hand nehmen muss. Dazu bedarf es aber auch der Bereit­schaft des noch leben­digen Teils der Branche, sich endlich über moderne Kriterien einer kultu­rellen Film­för­de­rung, die neben der Produk­tion auch all den Kinos hilft, die sich dem moderenen, publi­kums­nahen kultu­rellen Kino­ma­chen verschrieben haben, ausein­an­der­setzt.
50 Jahre FFG – 50 Jahre sind genug !
(disclo­sure: ich bin stell­ver­tre­tendes Mitglied im Verwal­tungsrat der FFA, war an der Abstim­mung über die Leit­li­nien beteiligt, ich bin ferner Stell­ver­treter in der BKM Verga­be­jury und Mitglied der AGDOK. Ich gehöre zu den älteren Semestern in diesen Insti­tu­tionen).

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Banalität ist ein gutes Stichwort. Es gäbe schon mal dein ganz einfaches – nicht zurei­chendes – Kriterium für bessere Film­för­de­rung. Die Produ­zenten, die die einge­reichten Zuschau­e­r­er­war­tungs­be­haup­tungen unter­schreiten, müssen im Verhältnis zur Unter­schrei­tung Förder­gelder zurück­zahlen. Das führt dazu, dass Produ­zenten in Zukunft nicht Zuschau­er­luft­schlösser malen, weil das auf sie selbst zurück­fällt.

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»Meine Haltung ist folgende: Wenn eine Wirk­lich­keit mich unwirt­lich behandelt, dann inter­es­siert mich nicht die Wirk­lich­keit oder die Wahrheit, sondern mich inter­es­siert der Ausweg. Wenn das Floß sinkt, können wir immer noch schwimmen lernen.« (Alexander Kluge)

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Das »Kurdische Film­fes­tival« in Berlin, das am Donnerstag-Abend eröffnet wird (bis einschließ­lich 21. Juni), findet zum 7. Mal statt. Aller­dings keines­wegs jährlich, sondern 2017 zum ersten Mal seit 2011. Grund dafür waren in erster Linie Geld­pro­bleme. In diesem Jahr ist das Festival vom Haupt­stadt­kul­tur­fonds gefördert. Es gibt aber weiterhin poli­ti­sche Schwie­rig­keiten: Die türkische Regierung protes­tiert und behindert das Festival erwar­tungs­gemäß, jene Erdogan-Versteher, die es sich nicht mit dem neuen Sultan von Ankara verderben wollen, reden dessen Menschen­rechts­ver­let­zungen klein, und unter­s­tützen keine Kurden, denn das könnte den Sultan erzürnen. Aber auch längst nicht alle Kurden­ver­treter unter­s­tützten in der Vergan­gen­heit das Festival.
Es laufen 28 Filme, davon 11 Spiel­filme, 8 Doku­men­tar­filme, 9 kurze und mittel­lange Filme im Programm, hinzu kommen drei längere Diskus­si­ons­pa­nels (über »Kurdische Identität im Kino«, »Filme­ma­chen im Krieg« und »Frauen im kurdi­schen Kino«) sowie eine Master­class mit der deutsch-kurdi­schen Regis­seurin Ayce Polat am Woche­n­ende.
Zuletzt waren 60 Prozent der Besucher Einwan­derer (größ­ten­teils kurdisch & türkisch), 40 Prozent Deutsche.

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Aber was überhaupt heißt »kurdisch«? Ist dies eine Sprache, eine Ethnie, eine Religion, eine Region, ein Staat? Dies genau ist das Problem, die Frage, die das Festival ausloten will. Es gibt größere Gruppen von Kurden in fünf Staats­ge­bieten: Der Türkei (= nach kurdi­scher Sprach­re­ge­lung »Nord-Kurdistan«; Syrien = »West-Kurdistan«; Irak = »Süd-Kurdistan«; Iran = »Ost-Kurdistan«; und im Gebiet der ehema­ligen UdSSR. Im Irak hat man de facto Unab­hän­gig­keit, auch weil die Staats­macht so schwach ist, da gibt es Versuche, einen eigenen Staat zu errichten. In Syrien herrscht Krieg und Kurden fungieren als Verbün­dete des Westens, in der Türkei dagegen sind sie »Terro­risten«, im Iran herrscht Totschweigen. In allen Regionen gibt es verschie­dene inner­kur­di­sche Fronten, auch Streit und unter­schied­liche Radi­ka­li­sie­rungs­grade: Manche wollen eigenen Staat, manche unab­hän­gige Regionen, wieder andere einfach Aner­ken­nung als Volks­gruppe. Es gibt ca 57 Mio Kurden in der Welt, ca ein Drittel im Exil. Es gibt am ehesten ethnische Homo­ge­nität, aber keine gemein­same Religion, kein klares rein kurdi­sches Gebiet.
Denn Filme, die hier laufen, geht es einer­seits darum, das Leben und den Alltag zu zeigen, die Norma­lität jenseits der Schlag­zeilen. Ande­rer­seits gibt es diese Norma­lität nur einge­schränkt: Vieles ist von Unter­drü­ckung, Krieg, von Exil geprägt. Das Festival wirft auch einen Blick auf die Hete­ro­ge­nität der Region: Es sind eben alle (Ausnahme Iran) Viel­völ­ker­staaten.
Die Filme zeigen auch einen Kampf um Deutungs­ho­heit des »Kurdi­schen«.

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Im »Philo­so­phie Magazin« 4/2017 findet sich ein sehr schönes Gespräch mit Alexander Kluge. Darin auch diese Beschrei­bung: »Ich sammle die Kräfte, die wir der Wirk­lich­keit entge­gen­setzen. Das findet in verschie­denen Formen statt. Wenn ich einen Film mache, muss ich mit vielen Leuten zusam­men­ar­beiten. Das ist beim Schreiben anders. Da bin ich Autokrat. Da kommt mir nichts in die Buch­staben, was ich nicht selbst vertrete. Aber abgesehen davon sind das nur verschie­dene Mittel, um mich auszu­drü­cken. Um Schuhe oder Mobil­te­le­fone herzu­stellen, brauchen wir Arbeits­tei­lung. Beim Denken hindert das. »

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Fernsehen ist tot – Es lebe das Geschichtenerzählen

pablo (21)

Im Herbst 2016 hat Oliver Schütte ein E-Book zur Zukunft des Fernsehens in Deutschland herausgebracht. Dabei analysiert er die Entwicklungen, die heute bereits in Ansätzen vorhanden sind und prolongiert sie in die Zukunft. Hier findet Ihr zusammengefasste Auszüge aus dem Buch „Fernsehen ist tot – Es lebe das Geschichtenerzählen“.

Bügelfernsehen und Kostendruck
Oliver Schütte prognostiziert, dass im Jahr 2025 das klassische Fernsehen nur noch ein „Nebenbei-Medium“ sein wird. So, wie es schon einmal dem Radio ergangen ist, das noch in den 1970er Jahren anspruchsvolle Hörspiele und Features gesendet hat, heute aber fast nur noch im Auto gehört und nicht mehr als eigenständiges Nutzungsobjekt wahrgenommen wird, reduziert sich auch das Fernsehen immer mehr zur Hintergrundberieselung. Das sei heute bereits am Programm vor 18:00 Uhr erkennbar (sogenanntes „Bügelfernsehen“). Die erzählerische Konsequenz dieser Entwicklung ist, dass fiktionale Sendungen auch ohne Bilder verstanden werden müssen. Es gilt also, alle wichtigen Informationen auf der Sprachebene zu vermitteln und komplexe Figuren oder Handlungsstränge zu vermeiden. Da nicht sehr viele Zuschauer diesem Programm folgen, müssen die Sendungen kostengünstig hergestellt werden. Schütte meint, dass der Kostendruck weiter zunehmen wird und auch das Programm am Abend, in der Prime Time, der eigentlichen Domäne des fiktionalen Erzählens, immer weniger kosten dürfe. Dies wird spürbare Auswirkungen auf die Qualität der Formate haben. Dann beginnt ein Teufelskreis, weil ein schlechtes Programm noch weniger Zuschauer anziehen wird. Die Zuschauer, die anspruchsvollen Filmen folgen wollen, werden das auf andere Weise tun. Dem abendlichen Fernsehen wird das gleiche Schicksal widerfahren wie dem vorabendlichen. Die Sender rühmen sich, dass die Nutzungsdauer des Fernsehens pro Tag gleich bleibt oder sogar steigt. Im April 2016 lag die tägliche Nutzungsdauer bei 223 Minuten. Geht man jedoch ins Detail, erkennt man, dass bei den Altersgruppen bis 49 Jahre der Fernsehkonsum zurückgeht. Der Anstieg ergibt sich aus Zuschauern der Altersgruppe über 50 Jahre. Die jüngere Generation schaut Filme wann und wo sie will. Weiterlesen

Streamingdienste
Wie so oft in der Geschichte der Bewegtbilder werden die Rezeptionsmöglichkeiten und die Vertriebswege von der technischen Entwicklung beeinflusst. Mit dem Internet kam auch das Videostreaming und der Nutzer hat die Möglichkeit, zu entscheiden, ob er Filme und Serien auf dem Smartphone, auf dem Tablet, auf dem Computer oder auf dem Fernseher ansieht. Das lineare Fernsehen ist ein Push-Produkt. So werden diejenigen Produkte bezeichnet, die wir erhalten, ohne explizit danach zu fragen. Pull-Produkte müssen wir uns dagegen holen. Streaming ist ein Pull-Produkt. Streaming bedeutet zunächst nur, dass die Nutzer das audiovisuelle Werk über das Internet sehen. Video-on-Demand bietet den Vorteil, dass das Werk ständig bereitgehalten wird und jederzeit abrufbar ist. Am meisten genutzt wird dies bei YouTube. Hinzu kommen sogenannte Subscription-Video-on-Demand-Dienste (SVoD), die ein Abo-Modell mit einem festgelegten Angebot anbieten, das uneingeschränkt abgerufen werden kann. Die beliebtesten Anbieter sind Netflix und Amazon, aber auch Hulu und HBO. In den USA besitzen 59 Prozent der Haushalte ein Abonnement eines SVoD-Anbieters, 47 Prozent begnügen sich dabei nicht mit einem einzigen Streamingdienst. Bei iTunes, die ebenfalls streamen, muss der Zuschauer für jedes Werk einzeln bezahlen, das er kaufen oder leihen kann. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, dass im Jahr 2020 die Zuschauer einen sehr großen Teil ihrer audiovisuellen Produkte per Stream empfangen werden. Streaming Dienste haben einen für Anbieter unschlagbaren Vorteil: Während klassische Fernsehsender nur quantitativ bestimmen können, wie viele Menschen ihre Sendungen gesehen haben, wissen diese Dienste, was jeder Zuschauer wann, wo und wie lange schaut. Sie kennen also den Geschmack jedes einzelnen Nutzers. Insofern ist es ihnen möglich, zu bestimmen, welche Schauspieler, welche Handlungen und welcher Look bei welchen Nutzern gut ankommt. Dies ermöglicht ihnen auch, auf die Zuschauer zugeschnittene Filme anzubieten. Das klassische Fernsehen versucht, mit seinen Sendungen ein möglichst breites, zahlenmäßig großes Publikum anzusprechen. ARD und ZDF legen die Quote als Überlebensmaßstab an. Sie versuchen die magischen zehn Prozent unter keinen Umständen zu unterschreiten. Denn dann, so die Angst, würde die Diskussion über die Rundfunkgebühren erst richtig losgehen. Das führt zu Produkten, die mit vielen Kompromissen versehen sind. Also nichts Zugespitztes, nichts Originelles. Das Programm, das den geringsten Widerstand erzeugt, wird ausgestrahlt. Streaming-Dienste haben ein anderes Modell als die klassischen Sender, sie wollen dieses breite Publikum gar nicht, weil sie mit jedem einzelnen Produkt eine ganz bestimmte Zielgruppe oder auch Nische treffen wollen und das reicht ihnen dann auch. Deshalb geben auch Netflix und Amazon die Zahlen über ihre Abonnenten nicht raus. Sie müssen sie ja auch keinem Werbekunden erklären. Ihr Geschäftsmodell: man spricht über das Programm, was man bei den Streamingdiensten sehen kann und dadurch gewinnen sie neue Abonnenten. Ihre Kunden müssen bereit sein, zu zahlen – derzeit im Durchschnitt 110,00 Euro im Jahr. Die Zuschauer werden diesen Preis nur zahlen, wenn sie bei dem jeweiligen Streaming-Dienst etwas bekommen, das sie nirgendwo anders sehen können. Dies sind weniger die eingekauften Spielfilme, die in den Kinos liefen, als vielmehr die eigenproduzierten Sendungen. Aber auch hier werden die Zuschauer nur neugierig, wenn sie das Gefühl haben, etwas Spezielles zu erhalten. Bei den frei empfangbaren linearen Sendern sehen sie Filme, die auf den Massengeschmack zugeschnitten sind. Die Streaming-Provider müssen also etwas anderes bieten. Es wird nicht einmal zehn Jahre dauern, bis sich Streaming vollständig durchgesetzt haben wird. Revolutionäre technische Veränderungen setzen sich sehr schnell durch, wie schnell können wir uns bewusst machen. Eine hinterhältige Frage lautet: „Was war die beliebtest App bei der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland?“ Die Antwort erstaunt die meisten. Damals im Jahr 2006 gab es noch keine Apps, weil es noch kein iPhone gab. Das kam erst 2007. Trotzdem kommt es uns heute vor, als existierte es bereits ewig und wir können uns an die Zeit davor kaum erinnern, wie wir ohne Apps zurechtkamen.

The Future of TV is Apps
Im September 2015 veranstaltete Apple eine seiner bekannten Keynotes, und der CEO des Unternehmens, Tim Cook, kündigte eine neue Revolution an: „The Future of TV is Apps“. Er stellte fest, dass sich das Prinzip des Fernsehens seit seinem Bestehen nicht geändert habe. Fernsehen wurde nach Sendern organisiert. Mehr als 50 Jahre galt der Grundsatz, dass die Zuschauer nur das sehen konnten, was die Programme ihnen anboten. Das Fernsehen wird in der Zukunft nicht mehr von Sendern bestimmt, sondern von Apps. Wenn das Fernsehgerät, das dem Zuschauer die Sender ins Haus bringt, nun auch Apps zur Verfügung stellt, dann wird sich das Nutzerverhalten ändern. Wenn auf den Smart-TVs jeder seine persönlichen Apps programmieren kann, wird es in wenigen Jahren auf dem Fernseher so aussehen wie auf den Smartphones, es werden die Logos vieler unabhängiger Anbieter zu sehen sein, die zu den unterschiedlichsten Themen Sendungen anbieten. Die Sender müssen sich damit einer weiteren Konkurrenz stellen, die zu ihrer Marginalisierung beitragen wird.

Was bleibt für das lineare Fernsehen?
Natürlich wird es auch im Jahr 2025 noch in vielen Haushalten ein Fernsehgerät geben und es wird auch noch Sender geben, die ihr Programm linear ausstrahlen. Es gibt immer Ereignisse, wie z.B. Fußballspiele, die nur live zu sehen wirklich Sinn machen. Singuläre Ereignisse, deren Reiz in ihrer Visualität besteht, erschaffen Momente, in denen Fernsehen seine Stärken haben wird. So wird das lineare Fernsehen versuchen, sich darauf zu konzentrieren, vor allem auf spannende Live-Berichterstattung und Sportveranstaltungen. Die Rechte an großen Veranstaltungen wie den Olympischen Spielen oder Fußballweltmeisterschaften werden jedoch immer teurer. Die Olympischen Spiele nach 2018 sind in Europa schon an den amerikanischen Konzern Discovery gegangen und werden nicht mehr exklusiv über ARD und ZDF ausgestrahlt werden. Daher kann man annehmen, dass das Fernsehen von 2020 noch mehr von Shows geprägt sein wird als heute bereits. Das klassische Fernsehen hat jahrzehntelang diese Events in Form von Unterhaltungsshows selbst geschaffen und wird versuchen, diese Shows noch weiter zu etablieren. (Siehe dazu auch den Artikel vom 4. November 2016 in der Süddeutschen Zeitung: „Im Fernsehen wird so viel gespielt wie nie zuvor“). Die dann noch bestehenden fiktionalen oder halbfiktionalen Programme werden überwiegend Billigproduktionen sein. Als Beleg dafür nimmt Oliver Schütte das Programm, das RTL heute schon ausstrahlt. Bis auf die amerikanischen Formate zeigt RTL ausschließlich billigst hergestellte Produktionen, bei denen die erzählerische Originalität nicht im Vordergrund steht. Werden ARD und ZDF 2020 ein anderes Programm anbieten? Eher nicht, denn ihre Zuschauer werden weniger und älter. Etwas wird sich allerdings ändern: Die privaten Sender haben sich dem Bundeskartellamt gegenüber verpflichtet, bis 2022 ihre Programme unverschlüsselt – also kostenfrei in der Standardauflösung – zu übertragen. Aber was kommt danach? Die HD Ausstrahlung ist schon heute eine lukrative Einnahmequelle. Dann werden höchstwahrscheinlich auch die privaten Sender zu Pay-TV werden.
Ausblick auf 2020 in Deutschland
Je diversifizierter der Markt sein wird, umso mehr gilt es für neue Anbieter Marken aufzubauen. Worüber kann sich eine Marke definieren? Das geht nur über eigenproduzierte Filme und Serien. Den Spielfilm von vor einem Jahr haben alle im Angebot. Das ist der Grund, warum Netflix und Amazon in eigenproduzierte Programme investieren und weitere Anbieter einsteigen. Ökonomisch und künstlerisch sind dabei Serien im Vorteil. Sie binden den Zuschauer für längere Zeit und können eine Marke aufbauen, die auch für das Marketing besser eingesetzt werden kann. Damit setzt sich das Zeitalter der Serien, das in den USA bereits vor einigen Jahren erfolgreich begonnen hat, fort (in den USA wurden 2015 doppelt so viele Serien produziert wie im Jahr 2009). Serienformate im linearen Fernsehen sind gezwungen, sich in ein festes Sendeschema einzufügen. Jede Folge muss auf die Sekunde genau die gleiche Länge haben. Dies führt dramaturgisch und erzählerisch zu künstlichen Filmen. Mal gilt es die Erzählung mit etwas Unwichtigem auszudehnen, dann wieder ist es notwendig zu streichen. Serien, die abgerufen werden, müssen sich nicht an so strikte Schemata halten. Dies hat weitreichende Folgen für das Geschichtenerzählen. Denn es wird automatisch komplexer. Diese Zunahme an Komplexität lässt sich an inhaltlichen und dramaturgischen Neuerungen festmachen, die die amerikanischen Serien schon heute prägen:

– ein großes Ensemble an Figuren
– ambivalente Figuren
– eine Vielzahl von Handlungssträngen
– Genrevielfalt
– kontroverse Themen, die z.T. im direkten Realitätsbezug aktueller Entwicklungen stehen
– nonlineares Erzählen

Während in den USA seit mehr als 15 Jahren sogenanntes „Quality TV” produziert wird, sind in Deutschland Filme oder Serien, die hier mithalten könnten, sehr sehr selten. Die öffentlich-rechtlichen Sender erklären schon seit Jahren, dass sie auch anspruchsvolle Serien machen wollen. Entscheidend für die Serien in Amerika ist, dass die Autoren bestimmen, was und wie erzählt wird. Hierzulande beharren die Produzenten und Sendervertreter jedoch immer noch auf ihre Entscheidungshoheit. Sie bestimmen, was gedreht und gezeigt wird, weil sie glauben, dramaturgisch ausgebildeter und kreativer zu sein als die Autoren. Es ist nicht abzusehen, dass sich das System bis 2020 von innen heraus ändern wird und anspruchsvolle, innovative Serien produzieren lässt. Bei den privaten Sendern ist dieser Anspruch gar nicht vorhanden. Die dadurch entstehende Lücke ist eine große Chance für Streamingdienste, die nun auch auf und für den deutschen Markt produzieren werden. Was die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland dringend bräuchten, ist eine auf längere Sicht geplante Qualitätsoffensive, eine Agenda 2025, die die Rahmenbedingungen für nachhaltige und positive Entwicklungen festlegt, vergleichbar der der BBC, die unter dem Titel „Delivering Quality First“ ihre Strategie so beschreibt: „BBC output should be distinctive.The BBC should regularly include output that breaks new ground, develops fresh approaches, sets trends, and takes creative risks, from drama and comedy to entertainment.“

Produzieren für Streamingdienste
Es dauerte bis deutsche Produzenten verstanden, was Netflix und Co. genau suchten. Jedenfalls nicht das, was in den letzten Jahren hierzulande produziert worden ist. Es lohnt sich, nur das anzubieten, was bei ARD und ZDF nicht gewollt ist. Auch wenn sich im Jahr 2020 Netflix und Amazon etabliert haben werden, werden sie in Deutschland nicht zu einem größeren Phänomen geworden sein. Denn jeder Haushalt zahlt in Deutschland mehr als 200,00 Euro pro Jahr an Gebühren für die öffentlich-rechtlichen Sender. Da ist eine zusätzliche Ausgabe von mindestens 100,00 Euro pro Jahr nicht für jeden bezahlbar. Die Schätzungen für 2020 lauten auf 10 Prozent der Haushalte, die einen Streaming- dienst abonniert haben werden. Das bedeutet, jeder Streaminganbieter wird höchstens zwei bis drei deutsche Serien im Jahr produzieren, also wahrscheinlich insgesamt sechs.

Die Zukunft des Kinos
Bei uns in Deutschland kann der Zuschauer einen Film zuerst nur im Kino sehen und erst sechs Monate später über Download-Portale beziehen. In Amerika ist die Frist kürzer und betrug einmal sogar nur 17 Tage. In Deutschland haben wir das Phänomen, dass die meisten Kinofilme von Sendern koproduziert wurden und damit auch fernsehtauglich entwickelt und eben auch im Fernsehen ausgestrahlt werden. Dass mehr Zuschauer dafür ins Kino gehen werden ist unwahrscheinlich. Da in Deutschland die Herstellung und der Verleih von Kinofilmen staatlich gefördert wird, besteht von Seiten der Filmemacher und Produzenten kaum Veränderungsbedarf. Die Gesetze des Marktes sind schon seit Jahrzehnten ausgehebelt. Ein normaler deutscher Film hat sich für die Produzenten schon bei der Fertigstellung wirtschaftlich gerechnet, so Schütte. Es besteht zwar der Ehrgeiz, viele Zuschauer zu generieren, aber nicht unbedingt die wirtschaftliche Notwendigkeit. Kaum ein Film spielt mehr als die Herstellungskosten ein. Darum wird es auch in Zukunft nicht zwingend notwendig sein, den Film gleichzeitig im Kino und bei einem Streamingdienst anzubieten. Streaming-Anbieter werden eine dem Kino untergeordnete Zweitverwertung bleiben. Im Jahr 2020 wird es in Deutschland weiterhin ausgesprochen erfolgreiche Filme geben, die sicherlich weiterhin von männlichen Schauspielstars dominiert werden und sich im Genre auf das erfolgreiche Muster der Komödie verlassen. Kurz und gut: Kino in 2020 wird nicht anders sein als heute.

schütteÜber Oliver Schütte: Nach dem Studium der Theaterwissenschaft, Publizistik und Soziologie arbeitete Oliver Schütte freiberuflich als Drehbuchautor. Zudem war er als Dramaturg tätig, drehte Nachrichtenfilme und leitete in dieser Zeit die Fernsehfachschule für TV-Journalisten, Kameraleute und Cutter in Schwerin. 1995 gründete er die Master School Drehbuch. Parallel begann er eine umfangreiche Lehrtätigkeit im In- und Ausland und war Mitbegründer der Development Agentur Script House. Im Jahr 2000 initiierte er das Scriptforum. 2001 und 2007 nahm er Einladungen als „Writer in-residence“ am Grinnell-College in den USA an. Neben vier Jahren bei der Auswahlkommission des Österreichischen Filminstituts war er Gründungsmitglied der Deutschen Filmakademie. oliverschuette.de

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Szene aus Das Leben der Anderen mit Sebastin Koch und Martina Gedeck | Foto © Wiedemann und Berg

Wer Regisseur oder Filmproduzent werden will, dem eröffnet sich in Deutschland eine Vielzahl von Möglichkeiten. Neben zahlreichen privaten Akademien und Schulen bieten sieben staatliche und zwei staatlich anerkannte private Filmhochschulen entsprechende Studiengänge an. Zur praktischen Ausbildung gehört naturgemäß auch das Drehen eigener Filme. Je nach Hochschule variieren Anzahl und Format der Eigenproduktionen. Zu den Projekten gehören kurze Übungsfilme mit einer Länge von wenigen Minuten – aber auch abendfüllende Abschlussfilme. Für ihre Produktionen sind die Studenten regelmäßig auf die Mitwirkung externer Gewerke angewiesen, da nicht alle erforderlichen Leistungen durch die Studenten selbst erbracht werden können. Insbesondere können naturgemäß nicht alle Rollen durch Schauspiel-Studenten besetzt werden, so dass die Liste erfahrener Schauspieler, die in Studentenproduktionen mitgewirkt hat, endlos lang ist.

Da für studentische Produktionen in der Regel nur minimale finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, erbringen Schauspieler ihre Leistungen regelmäßig unentgeltlich. Soweit solche Studentenproduktionen nicht für eine kommerzielle Verwertung vorgesehen sind, ist hieran grundsätzlich auch nichts auszusetzen. Beide Seiten profitieren von der Zusammenarbeit: Die Studenten lernen von der Arbeit mit professionellen Schauspielern – und den Schauspielern bieten studentische Produktionen immer wieder die Möglichkeit, ihr Können in besonderen Rollen zu zeigen, die ihnen im Rahmen von kommerziellen Produktionen nicht geboten werden. Weiterlesen

Nicht alle Studentenfilme verschwinden jedoch nach ihrer Fertigstellung im Archiv der Hochschule. Vor allem die abendfüllenden Abschlussfilme werden regelmäßig auch wirtschaftlich ausgewertet. In der Regel reichen die Erlöse aus einer solchen Verwertung zwar nicht annähernd zur Deckung der Produktionskosten – aber es gibt Ausnahmen. „Das Leben der Anderen“ war der Abschlussfilm von Florian Graf Henckel von Donnersmarck an der HFF München. Der Film wurde mit dem Deutschen Filmpreis, dem Bayerischen Filmpreis und dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet und spielte weltweit in den Kinos rund 77 Millionen US-Dollar ein. Roland Emmerichs Abschlussfilm „Das Arche Noah Prinzip“ lief 1984 auf der Berlinale und wurde in über 20 Länder verkauft.

Es steht außer Frage, dass es sich bei diesen Beispielen um absolute Ausnahmeerscheinungen handelt. Dennoch bot sich für den Fall, dass eine studentische Produktion für eine kommerzielle Auswertung z.B. im Kino oder im Fernsehen vorgesehen war, für den Schauspieler in der Vergangenheit die Möglichkeit, seine Leistung zwar zunächst unentgeltlich zu erbringen – vertraglich jedoch eine Beteiligung für den Fall zu vereinbaren, dass der Film kommerziell erfolgreich ist. Z.T. wurde insofern die Gage „zurückgestellt“, d.h. vereinbart, dass eine Gage erst dann bezahlt werden würde, wenn die Produktion bestimmte Erlöse verzeichnen konnte. Teilweise wurde auch eine Beteiligung an den Auswertungserlösen vereinbart.

Die Einführung des Mindestlohngesetzes in Deutschland zum 01.01.2015 stellte die Hochschulen und ihre Studenten jedoch plötzlich vor ein schwer lösbares Problem: Bei den Verträgen mit Schauspielern handelt es sich regelmäßig um Arbeitsverträge über sozialversicherungspflichtige Tätigkeiten. Nach dem neuen Gesetz hätten die Schauspieler somit in jedem Fall einen Anspruch auf den gesetzlichen Mindestlohn in Höhe von 8,50 EUR/Stunde. Selbst bei einem überschaubaren Cast sind die finanziellen Mittel hierfür regelmäßig nicht vorhanden. Auch die früher beliebten Rückstellungsvereinbarungen waren aufgrund des Mindestlohngesetzes nicht mehr möglich.

Die „Lösungsansätze“ der Hochschulen für diesen Konflikt sind vielfältig. Besonders beliebt ist das Konstrukt einer „ehrenamtlichen Tätigkeit“ des Schauspielers, da diese nach § 22 Abs. 3 des Mindestlohngesetzes vom Mindestlohn ausgenommen ist. Forderungen von Schauspielern und ihren Agenten, insbesondere bei größeren Produktionen, für die eine kommerzielle Auswertung geplant ist, eine Beteiligung des Schauspielers an den Auswertungserlösen zu vereinbaren, wurden unter Verweis auf die neue Gesetzeslage abgelehnt.

Diese neue Lage führt nach Ansicht unseres Verbandes zu einem nicht akzeptablen Ungleichgewicht. Selbstverständlich ist es wichtig, dass Schauspieler den Nachwuchs tatkräftig unterstützen und die Erfahrungen der Vergangenheit haben gezeigt, dass unzählige Schauspieler hierzu auch bereit sind. Eine solche Produktion kann dann zum beeindruckenden Ergebnis einer Teamleistung werden. Wenn mit dieser Teamleistung dann aber Erlöse erzielt werden, dann erscheint es nur angemessen, dass davon auch etwas an diejenigen zurückgegeben wird, die ihre Arbeitsleistung unentgeltlich zur Verfügung gestellt haben und häufig für den Erfolg des Films unersetzlich gewesen sind.

Zumindest in den Fällen, in denen eine kommerzielle Auswertung einer studentischen Produktion vorgesehen ist, hält unser Verband es für unangemessen, den gesetzlich vorgesehen Mindestlohn durch die Beschäftigung der Schauspieler als „ehrenamtliche Mitarbeiter“ zu umgehen und zugleich auch jegliche Beteiligung des Schauspielers an etwaigen Erlösen abzulehnen.

Nicht zu vernachlässigen ist auch ein anderer Gedanke: Welche Erfahrungen nehmen die Produzenten und Regisseure von morgen aus diesen Produktionen mit? Dass Filmproduktionen finanzielle Herausforderungen sind – ja sicher. Aber auch, dass die Leistung von Schauspielern nicht unbedingt etwas kosten muss, sondern dass es durchaus möglich ist, Schauspieler mit interessanten Rollen zur unentgeltlichen Mitwirkung zu gewinnen.

Unser Verband verkennt keineswegs die finanziellen Probleme der Hochschulen. Wir müssen uns daher dafür einsetzen, die finanzielle Situation der Filmhochschulen entscheidend zu verbessern. Bisher stehen für studentische Produktionen nur völlig unzureichende Geldmittel zur Verfügung. Zwar gibt es staatliche Förderungen – aber auch die sind im Zweifel nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Eine nicht unerhebliche Anzahl studentischer Produktionen wird zudem im Fernsehen ausgestrahlt. Wenn insbesondere öffentlich rechtliche Sender mit solchen Produktionen ihr Programm gestalten, dann sollten diese Sender auch – mehr als bisher – in die finanzielle Unterstützung der Filmhochschulen eingebunden werden.

Wenn wir dafür sorgen wollen, dass Studenten in Deutschland zu erfolgreichen Regisseuren und Produzenten ausgebildet werden, dann kann dies nicht allein dadurch erfolgen, dass hochschul-externe Gewerke unentgeltlich ihre Leistungen zu Ausbildungszwecken „ehrenamtlich“ zur Verfügung stellen.

Erforderlich ist zunächst eine bessere Transparenz im Hinblick auf die geplante Verwertung der Ausbildungsproduktionen. In der Regel wird dem Schauspieler, dem ein Vertrag über die Mitwirkung in einer studentischen Produktion angeboten wird, nicht mitgeteilt, ob und wie der Film ausgewertet werden soll. Gleichwohl verlangen die Hochschulen regelmäßig, dass der Schauspieler einer umfassenden Verwertung – von der Kino- über die Fernseh- bis zur DVD-Auswertung zustimmt.

Unser Verband hat sich im vergangenen Jahr an zahlreiche Hochschulen gewandt und gegen die Verpflichtung von Schauspielern als „ehrenamtliche Mitarbeiter“ oder in vergleichbaren Konstruktionen protestiert. Zusammen mit dem BFFS haben wir den Hochschulen angeboten, gemeinsam nach Lösungen zu suchen, die für beide Seiten akzeptabel sind. Leider haben bisher nur drei Hochschulen dieses Angebot angenommen: Mit der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf und der DFFB Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin fanden konstruktive Gespräche statt und es wird gemeinsam nach einer Möglichkeit gesucht, Schauspieler an einer kommerziellen Auswertung filmischer Produktionen zu beteiligen. Auch mit der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM) gab es Gespräche. Nach letzten Erfahrungen ist die KHM dazu übergegangen, mit den Schauspielern wieder „normale“ Arbeitsverträge abzuschließen und ihre Leistungen zu vergüten.

Es ist außerordentlich bedauerlich, dass die anderen Hochschulen unser Angebot, nach einer gemeinsamen Lösung zu suchen, bisher nicht angenommen haben. Wir werden unsere Versuche, auch mit diesen Hochschulen in Verbindung zu treten, in diesem Jahr weiter fortsetzen. Es geht dabei nicht allein darum, einen Konflikt widerstreitender Interessen zu lösen. Im Hinblick auf die schlechte finanzielle Ausstattung der Hochschulen bietet es sich vielmehr an, mit vereinten Kräften zu versuchen, die Lage zu verbessern. Eine tatkräftige Unterstützung der Hochschulen durch die Schauspieler und ihre Agenten sollte insofern auch im Sinne der Hochschulen sein.

Julia Bezzenberger, geschäftsführende Justiziarin der VdA

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Der Markt, die Kunst und der abendfüllende Dokumentarfilm

Arne Birkenstocks „Beltracchi – Die Kunst der Fälschung“ erhielt 2014 den Deutschen Filmpreis und lockte gut 35.000 Besucher ins Kino. Für einen Dokumentarfilm in Deutschland ein Traumergebnis.  | Foto © Senator

Arne Birkenstocks „Beltracchi – Die Kunst der Fälschung“ erhielt 2014 den Deutschen Filmpreis und lockte gut 35.000 Besucher ins Kino. Für einen Dokumentarfilm in Deutschland ein Traumergebnis. | Foto © Senator

Es erstaunt, wie viel provinzielle Nabelschau noch immer möglich ist in der Debatte rund um die Krise des abendfüllenden Kino-Dokumentarfilms in Deutschland. Da werden Tatsachen verdreht und Nebelkerzen geworfen, Schuldige ausgemacht und mit markigen Formulierungen bedacht. Was in der Diskussion fehlt, ist interessanterweise die ureigenste Stärke des Dokumentarfilms, nämlich die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit ist – bezogen auf die Filmbranche – dramatischen Veränderungen unterworfen, was Auswirkungen hat, die wir Dokumentarfilmer nun als erstes zu spüren bekommen, die aber unsere Kollegen vom fiktionalen Arthouse-Film ähnlich betreffen:

> Filme sind immer und überall in riesiger Auswahl verfügbar und werden auf jedwedem Endgerät zu jedweder Zeit konsumiert.
> Der lineare Konsum von Filmen und Serien im TV geht (nicht nur) bei jüngeren Zuschauern dramatisch zurück und wird zunehmend durch den non-linearen Konsum in Mediatheken, SVOD-Plattformen etc. ersetzt.
> „Neue“ Player wie Netflix oder Amazon Prime rollen den Markt auf, nutzen auch Dokumentarfilme zur Markenbildung und Imagepflege und bedrohen mit disruptiven Innovationen althergebrachte Geschäftsmodelle unserer Branche.
> International gibt es in der Folge eine verstärkte Nachfrage für große und hoch budgetierte Dokumentarfilme. Diese werden aufwändig und zum Teil mit Budgets entwickelt, mit denen hierzulande mancher Kino-Dokumentarfilm komplett produziert wird.
> Es gibt einen Trend zur zunehmenden Festivalisierung und Eventisierung des Kinos: Einfach „nur” einen Film zu zeigen reicht häufig nicht mehr, um die Säle zu füllen. Das Kino ist dabei längst nicht mehr der einzig mögliche Ort für kollektiven Filmgenuss: Viele Filme suchen ihr Publikum wortwörtlich auf und gehen dahin, wo die Zielgruppen sitzen.

Und wir hier in Deutschland?

> Wir geben jährlich viele Millionen für die Filmförderung aus, davon aber gehen bei den meisten Förderinstitutionen fast 90 Prozent in die Produktion, nur drei bis vier Prozent in die Entwicklung und nur um die acht Prozent in die Vermarktung und Auswertung der Filme. Das ist Irrsinn.
> Wir statten ein öffentlich-rechtliches Rundfunksystem mit jährlich über acht Milliarden Euro aus, erweitern die Macht dieses Oligopols noch durch Sitz und Stimme in fast allen Filmförderinstitutionen, erlauben eine schier unüberschaubares Geflecht aus Tochterfirmen und Beteiligungsunternehmen, geben den kreativen Kräften im Lande aber kaum Hilfestellung bei der Durchsetzung angemessener Vertragsbedingungen.
> Wir sehen dabei zu, wie sich dieses System mit selbstzerstörerischer Energie seines Markenkerns entledigt und sich allzu einseitig an der Messung des linearen Fernsehkonsums orientiert, wohl wissend, dass damit vor allem Zuschauer im Rentenalter erfasst werden.
> Wir „novellieren“ ein Filmfördergesetz, in dem wir alles beim Alten belassen und Marktteilnehmer zu einer Auswertung zwingen, die tatsächlich „brutal am Markt vorbeigeht“, um Leopold Hoesch zu zitieren. Obwohl Dokumentarfilme heute 90 Prozent ihrer Kinozuschauer in den ersten drei Wochen erreichen, werden die Sperrfristen der guten alten analogen Medienwelt dauerhaft einzementiert. Auch das ist absurd. Weiterlesen

Wenn Hoesch die Krise des Dokumentarfilms als eine „Wohlstandsverwahrlosung“ der durch Filmförderung satt und faul gewordenen Filmemacherinnen und -macher beschreibt und zugleich ARD und ZDF als „neue Zigarettenindustrie“ bedauert, die halt- und grundlos von jedermann beschimpft wird, muss man ihm leider entgegenhalten, dass er sein Thema dramatisch verfehlt und dabei auch Tatsachen verdreht und leugnet. Der Deutsche Filmpreis würdige nur Dokumentarfilme, die weniger als 1000 Zuschauer erreichen, behauptet Hoesch zum Beispiel. Er müsste es besser wissen, war er doch selbst 2015 mit dem Publikumserfolg „Nowitzki“ nominiert. Von „Pina“ (2011), über „Gerhard Richter Painting“ (2012), „More than Honey” (2013), „Beltracchi“ (2014) bis „Citizen Four“ (2015) waren in den letzten Jahren fast sämtliche Gewinner des Deutschen Filmpreises große Zuschauererfolge. 2016 hat mit „Above and Below“ ein junger, an der Kasse wenig erfolgreicher, aber ästhetisch und formal hochspannender Film gewonnen, und das ist gut so. Zuschauererfolge werden in Deutschland mit dem Branchentiger der FFA prämiert, der Deutsche Filmpreis orientiert sich an künstlerischen und qualitativen Kriterien, wie auch immer man diese im Einzelfall bewerten mag.

Hier liegt das Grundproblem an Hoeschs Aussagen: Es fehlt die Trennschärfe. Welchen „Markt“ meint er, wenn er konstatiert, dass an diesem vorbei produziert würde? Was ist für ihn ein „Erfolg“ und welche Kriterien definieren diesen? Darf der Dokumentarfilm künftig nur noch prominente Sportler porträtieren und Berglandschaften von oben abdrehen? Oder sind für ihn auch noch die leisen, nachdenklichen und hintersinnigen Filme möglich, die uns die Welt erschließen, den Blick auf unbequeme Wahrheiten richten und darauf verzichten, dem Publikum zu jedem Bild per Off-Kommentar nicht nur zu erklären, was es gerade sieht, sondern auch, was es davon zu halten hat? Kennt und sieht er den Unterschied zwischen einer TV-Dokumentation und einem Kinodokumentarfilm? Glaubt er wirklich, dass die einseitige Orientierung an die Formatierungen und Bedürfnisse der Fernsehanstalten, große, cineastische und international wettbewerbsfähige Filme hervorbringt? Sieht er, den mit lächerlichen 15.000 bis 30.000 Euro ausgestatteten, wöchentlichen Sendeplatz „Lucarne“ wie Bernd Mütter von Arte tatsächlich als Alternative zu den dramatisch reduzierten „Grand Formats“?

Der große und abendfüllende Dokumentarfilm ist für keinen Sender so sehr Markenkern wie für den deutsch-französischen Kulturkanal, der explizit dafür geschaffen wurde, auch solchen künstlerisch hochwertigen, audiovisuellen Werken eine Plattform zu geben, die dem höheren Quotendruck bei ARD und ZDF nicht standhalten können. Mit dem „Grand Format“ stellte Arte  bis vor kurzer Zeit jährlich mehr als 40 Sendeplätze zur Verfügung, um die sich die weltweit besten Dokumentarfilmproduktionen bewarben und denen der Sender dank zahlloser Erfolge bei Festivals und Preisen einen großen Teil seines Renommees verdankt. Diese nun auf insgesamt zwölf im Jahr (das macht sechs pro Jahr für ARD und ZDF zusammen) zu begrenzen, ist skandalös und der Hinweis auf „Lucarne“ als Alternative dazu ist in diesem Zusammenhang einigermaßen dreist.

Koproduktionsbeteiligungen von 10 Prozent und weniger am Gesamtbudget sind leider nicht nur bei „Lucarne“ immer häufiger. Das ist inakzeptabel und streift die Grenze zur Sittenwidrigkeit, wenn dafür Rechtepakete verlangt werden, die die Fernseh-Rechte für vier Länder, sowie umfassende Online-Lizenzen beanspruchen und weitere Rechte wie Pay-TV stark beeinträchtigen oder ganz sperren.

An dieser Stelle müssen ARD und ZDF Kritik ertragen und konstruktiv damit umgehen. Wer den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit der Zigarettenindustrie vergleicht, hat den Unterschied zwischen Tabaksteuer und Rundfunkbeitrag nicht verstanden. Während erstere der Zigarettenindustrie 75 Prozent des Verkaufspreises nimmt und an den Staat (und damit an uns Bürgerinnen und Bürger) gibt, finanzieren mit dem Rundfunkbeitrag die Bürgerinnen und Bürger die Sender. Das impliziert eine Verantwortung, der nicht mehr ausreichend nachgekommen wird. Ich bin ein Kind und ein Verfechter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Trotz oder gerade wegen meiner vielen positiven Erfahrungen aus meiner Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen bei ARD und ZDF übe ich Kritik an der Ausprägung des Systems, in dem sie arbeiten und wünsche mir einen konstruktiven und offenen Umgang damit, denn die kritische Reflexion liegt im Interesse der Sender selbst.

Der abendfüllende Dokumentarfilm gehört wie die „Sendung mit der Maus“, die „Tagesschau“, das „Heute-Journal“ und der „Tatort“” zum Markenkern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. ARD und ZDF verfügen über genügend Kanäle, um die besten Werke unseres Genres natürlich auch zur Primetime auszustrahlen – und dies mit entsprechender Bewerbung, Betrailerung und stolzgeschwellter Brust: „Wir zeigen die besten Dokumentarfilme der Welt, denn: Das können nur wir!” Dazu müssen aber auch die Rahmenbedingungen für die Sender verändert werden. Niemand kann von ARD und ZDF dauerhaft verlangen, dass sie sich mit hohen Budgets bei Kinofilmen engagieren, die sie dann aber erst vier, fünf oder sechs Jahre nach Vertragsabschluss ausstrahlen dürfen. Um die bei einigen Förderern bereits theoretisch mögliche, praktisch aber schwer durchsetzbare Verkürzung der entsprechenden Sperrfristen zu erreichen, müssen die Sender auch die Projekte identifizieren, bei denen sie sich in einem Umfang beteiligen, mit dem eine Sperrfristverkürzung legitimiert werden kann. Darüber sollten Filmemacher, Förderer und Programmverantwortliche dringend miteinander ins Gespräch kommen.

Allerdings kann die Misere des abendfüllenden Dokumentarfilms nicht nur und nicht einmal überwiegend den Sendern angelastet werden. Was fehlt im Deutschen Kino-Dokumentarfilm ist keinesfalls die „brutalstmögliche“ Orientierung am durchformatierten Fernsehmarkt. Was fehlt, ist künstlerische Ambition, ästhetische Größe und eine ideenreiche Auseinandersetzung mit möglichen Zielgruppen schon während Entwicklung und Produktion. Der abendfüllende Dokumentarfilm ist und bleibt eine Variante der Filmkunst. Allerdings – und da legt Leo Hoesch den Finger in die richtige Wunde – fehlt vielen der hierzulande produzierten Dokumentarfilme jedwede Ambition – künstlerisch und kommerziell.

Wenn zum Beispiel in Skandinavien sehr viel ambitioniertere und erfolgreichere Dokumentarfilme entstehen, dann hat das vor allem damit zu tun, dass dort weniger produziert und mehr entwickelt wird. Diese Entwicklungsarbeit beschränkt sich nicht nur auf die Recherche und Abfassung eines Treatments. Ganzheitliche Projektentwicklung bezieht auch Kamera und Schnitt zur Entwicklung einer visuellen Konzeption mit ein. Sie setzt sich mit Herausbringungspartnern und Marketingexperten auseinander, um die jeweiligen Zielgruppen auszumachen, deren Ansprache frühzeitig mitzudenken ist. Nur so entstehen innovative Auswertungsstrategien. Dafür braucht es nicht nur sehr viel höherer Entwicklungsbudgets, sondern auch die Bereitschaft der Filmemacher, derartige Überlegungen nicht als Freiheitsberaubung, sondern als Chance und Teil der kreativen Arbeit anzusehen. Dazu sind ein Paradigmenwechsel und ein Mentalitätswechsel dringend nötig. Mindestens 80 Prozent der Filmvorhaben, die mir in Fördergremien begegnen, sind dramatisch unterentwickelt. Und das hat vor allem damit zu tun, dass alle Anreize im deutschen Fördersystem den schnellstmöglichen Produktionsbeginn belohnen und ausführliche Entwicklungsarbeit eher bestrafen, bzw. viel zu gering finanzieren. Sind die Filme dann produziert, gehen sie zumeist in eine ebenfalls gnadenlos unterfinanzierte Auswertung, die zudem an einem Modell von Konsumentenverhalten orientiert ist, das heute nicht mehr existiert.

Viele Länder machen es besser: Dänemark hat gerade mal 5,7 Millionen Einwohner und schafft kontinuierlich Filme, die in den wichtigsten internationalen Wettbewerben reüssieren, Frankreich hat ein TV- und Fördersystem, welches etwa die dreifache Finanzierung mitbringt und wo Film- und TV-Autoren, anders als bei uns, durch entsprechende Sozialverträge finanziell abgesichert sind. Auch in der Schweiz oder Österreich gibt es kaum noch Kinodokumentarfilme mit Budgets unter 700.000 Euro, oft rein inländisch finanziert.

Auch hierzulande müssen alle Beteiligten größer denken. Das gilt für die Filmemacher selbst, wie für die Förderer und Sender. Dokumentarfilme müssen ganzheitlich entwickelt werden. Diese Entwicklung darf nicht zwangsläufig zur Produktion von vermeintlichen Kinofilmen führen. Entwicklung muss auch scheitern dürfen, indem Projekte ganz verworfen oder am Ende eben nicht für das Kino, sondern für Netz oder TV produziert werden. Die Alternativlosigkeit zur Kinoproduktion führt in diesem Lande zu einer absurd hohen Zahl von Dokumentarfilmen, die alljährlich den Flächenstart auf der großen Leinwand anstreben, obwohl sie dafür gar nicht gemacht sind.

Die Projekte aber, die nach ausführlicher Entwicklung, das künstlerische und/oder kommerzielle Potential für einen Kinofilm mitbringen, müssen dann auch mit Produktionsbudgets ausgestattet werden, mit denen sie auf der großen Leinwand funktionieren können und international wettbewerbsfähig sind. Ich bin der festen Überzeugung, dass es im Interesse des öffentlich-rechtlichen Rundfunks liegt, sich an solchen Projekten angemessen zu beteiligen. Wo dazu die Bereitschaft fehlt, müssen dann auch mal die Förderer einspringen und große, künstlerische Filmvorhaben eben ohne Beteiligung eines deutschen Senders finanzieren.

Zugleich müssen mehr Ressourcen und mehr kreative Energie in die Herausbringung investiert werden. Es fehlt an innovativen und zielgruppenorientierten Auswertungsstrategien. Während in anderen Ländern Impact-Producer und Outreach-Campaigner Dokumentarfilme mit cleveren Kampagnen und neuen Marketing-Tools zu ihrem Publikum (nicht nur im Kino) bringen, existieren diese Berufsgruppen hierzulande überhaupt nicht.

Ich glaube mit Leidenschaft an die Zukunft des abendfüllenden Dokumentarfilms, der in Zeiten gefühlter Wahrheiten und „alternativer“ Fakten wichtiger ist denn je. Ich glaube aber auch, dass wir dazu groß denken und produzieren müssen. In einer Welt, in der Filme auf allen möglichen Plattformen und Endgeräten konsumiert werden, hängt der Hammer sehr hoch für Dokumentarfilme, die sich nicht nur Kino-Dokumentarfilm nennen, sondern die Zuschauer tatsächlich auch noch im Kino erreichen wollen. Es ist dringend an der Zeit, dass wir die provinzielle Nabelschau beenden und uns den Chancen und Risiken zuwenden, die die „neue“ Medienwelt für uns bereithält. Wir müssen Möglichkeiten schaffen für die Entwicklung und Produktion künstlerisch und kommerziell erfolgreicher Filme. Wir müssen größer, nachhaltiger und innovativer denken, wenn wir Filme entwickeln, produzieren und auswerten. Die Mittel dazu sind da. Kaum ein anderes Land dieser Erde hat ein besser ausgestattetes Förder- und Rundfunksystem. Wir sollten konstruktiv darüber verhandeln, wie diese Ressourcen besser, zielgenauer und zukunftsgerechter eingesetzt werden können.

 

Dieser Gastbeitrag erschien zuerst auf www.DWDL.de, wo sich weitere Beiträge um die Lage und die Chancen des Dokumentarfilms drehen. Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von DWDL.de.

 

 

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„Dokumentarfilme sind fürs große Publikum.“

Voriges Jahr auf dem Dokfest in München. Das Kino merkt noch nicht so viel von der neuen Begeisterung für den Dokumentarfilm. Vielleicht braucht er ja neue Wege zum Publikum. | Foto  © Dokfest

Voriges Jahr auf dem Dokfest in München. Das Kino merkt noch nicht so viel von der neuen Begeisterung für den Dokumentarfilm. Vielleicht braucht er ja neue Wege zum Publikum. | Foto © Dokfest

Nie zuvor waren so viele Dokumentarfilme im Kino zu sehen wie in den vergangenen Jahren. Ein großer Erfolg für die oft verkannte Erzählform. Doch dieser Erfolg ist verbunden mit den berechtigten Klagen der Verleiher und Kinobetreiber, die mit Dokumentarfilmen nur wenig Publikum und damit Einnahmen generieren. Dabei haben gerade Dokumentarfilmfestivals in den vergangenen Jahren einen enormen Zuwachs an Zuschauern. Wie kann das sein? Warum wird der Dokumentarfilm in seiner Auswertung zahlenmäßig unter Wert verkauft? Und wie können wir das ändern?

Nicht die Filme, der Begriff Dokumentarfilm zielt am großen Publikum vorbei. Anfangen hat alles mit einem Irrtum: Dieser liegt in dem englischsprachigen Begriff „Documentary“ begründet. Dokumentarfilme waren nie ein Dokument der Wirklichkeit. Dokumentarfilme sind eine Form des filmischen Erzählens und beziehen ihr Material wie der Spielfilm, der Roman oder das klassische Theater aus einer vorfilmischen Wirklichkeit. Allein ihr Entstehungsprozess ist in besonderer Weise mit dieser vorfilmischen Wirklichkeit verknüpft. Aus diesem Prozess ergibt sich eine klare Erwartungshaltung und der vermeintliche Vertrag mit dem Zuschauer: Ein Dokumentarfilm hat die Wirklichkeit zu repräsentieren. Weiterlesen

John Grierson, einer der Gründerväter des Dokumentarfilms, hatte in den 30er-Jahren eine Definition parat, die (würde sie heute ernst genommen) so einige Missverständnisse aus dem Weg räumen könnte: Grierson bezeichnete den Dokumentarfilm als „a creative treatment of actuality“, eine kreative Abhandlung der Wirklichkeit. Auf der Pressekonferenz des Dokfests München vermeide ich grundsätzlich den Begriff Dokumentarfilm und ersetze ihn bei der Beschreibung einzelner Filme durch klassische Genrebegriffe: Drama, Tragikkomödie, Komödie, Lovestory oder Heldenreise. Ich plädiere dringlich für die Erneuerung oder gar Abschaffung des falsch verstandenen Begriffs Dokumentarfilm. Ich bleibe in diesem Text trotzdem bei dem durch die letzten Jahrzehnte geübten Begriff.

Dokumentarfilme sind künstlerisch so reif und wichtig wie nie zuvor. Der Dokumentarfilm ist meiner Meinung nach aktuell das künstlerisch reichste audiovisuelle Medium, um über den Zustand der Welt und die Lebensumstände der Menschen eine relevante Aussage zu treffen. Dokumentarfilme sind in ihrer Narration konkret und ihrer Ästhetik meist poetisch. Sie bieten sich auch als Informationsmedium an, ermöglichen aber darüber hinaus ein sinnliches, emotionales Evidenzerlebnis. Die Welt da draußen, mit all ihren mehr oder weniger dramatischen Geschichten muss und will in eine ästhetisch erfahrbare Form gebannt werden. Die Menschen sehnen sich nach Antworten und Trost in der Kunst. Der Dokumentarfilm lebt einerseits von seiner scheinbaren Unmittelbarkeit im Verhältnis zur äußeren Wirklichkeit und andererseits von der künstlerischen Interpretation dieser Wirklichkeit. Die narrativen und gestalterischen Freiheiten, die sich der Dokumentarfilm in den vergangenen beiden Jahrzehnten erarbeitet hat, machen ihn zur Kunst der Gegenwart.

Der Erfolg des Dokumentarfilms bezeugt die Glaubwürdigkeitskrise der Medien. Eine komplexe Welt will und muss in ihrer Komplexität dargestellt werden. Dabei wird die Welt dank der Medien gefühlt immer kleiner und übersichtlicher, die medialen Reize zunehmend zahlreicher und bezugsfreier, und die Konkurrenz der Medien untereinander immer größer. Die Geister, die wir riefen, werden wir nicht mehr los. Sie bringen uns der Erkenntnis und der ersehnten Erlösung kein Stück näher – ganz im Gegenteil. Diese Krise der Medien ist zu einem Teil die Ursache für den ideellen Erfolg des Dokumentarfilms. Auf der anderen Seite stehen das Interesse und die Neugierde der Menschen an dem Leben anderer Menschen. Die Begegnung mit Menschen auf Augenhöhe auf der Leinwand oder dem Bildschirm und die Reflexion über konkrete Lebensumstände bieten auch ein Koordinatensystem für das eigene Sein. Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Dokumentarfilm ist in einer immer komplexeren medialen Landschaft als Kompass für inhaltliche und künstlerische Relevanz und als Schule des Sehens begehrter und wichtiger denn je.

Erfolgreiche Dokumentarfilme benötigen ein echtes Budget. In Ländern mit kleineren Filmindustrien hat man längst verstanden, dass auch Dokumentarfilme Sichtbarkeit in der internationalen Filmlandschaft einbringen und sogar einen Zugang zum Weltmarkt ermöglichen können. In der Schweiz fährt man seit längerem zweigleisig und gut damit. Dänemark und Norwegen machen uns gerade vor, was sich mit der kulturpolitischen Strategie, auf den Dokumentarfilm zu setzen, alles erreichen lässt. Es vergeht kein Monat, in dem nicht eine internationale skandinavische Koproduktion weltweit für Aufsehen sorgt. Was wird dort anders gemacht? Die Skandinavier arbeiten nach dem Prinzip: Ein Dokumentarfilm, der auf dem internationalen Markt bestehen will, benötigt eingehende Recherche und Projektentwicklung, eine hohe Anzahl an Drehtagen sowie Montagezeit und darum ein Budget von etwa einer Million Euro. Das ist eine Summe bei der in Deutschland die Autoren und Produzenten leuchtende Augen bekommen und den Sender- und Förderverantwortlichen heftige Bauchschmerzen verursachen würde. In Deutschland setzt man weiterhin auf eine Vielzahl von kostenintensiv produzierten fiktionalem Mittelmaß, das auf dem internationalen Markt nicht besteht und auch national wenig einspielt. Die deutsche Filmindustrie, als eine vergleichsweise große, könnte mit der filmpolitischen Entscheidung, in stärkerem Maße auch auf den Dokumentarfilm zu setzen, zusätzliche Erfolge erzielen und international Renommee erwerben.

Die Kultur- und Senderpolitik ist gefordert. Die öffentlich-rechtlichen Sender und die diversen Filmförderinstitutionen in Deutschland sind nach wie vor an der Realisation eines abendfüllenden Dokumentarfilms zentral beteiligt. Auch wenn die Erzählform in der TV-Programmplanung leider nur eine untergeordnete Rolle spielt und gerne im Spätprogramm oder gar in den frühen Morgenstunden „versendet“ wird, gehen in Deutschland kaum Dokumentarfilme ohne die Unterstützung eines öffentlich-rechtlichen Senders und einer Filmförderinstitution in Produktion. Diese Institutionen sind jedoch allem Anschein nach nicht daran interessiert, über das Tagesgeschäft (sprich: die jeweilige Einschaltquote oder die Einnahmen an der Kinokasse) hinaus in die Zukunft zu planen. Das lineare Fernsehen und die Kinolandschaft, so wie wir sie seit Jahrzehnten kennen, wird in der näheren Zukunft stark an Bedeutung verlieren, und wir müssten jetzt Entscheidungen treffen, um diese Zukunft zu gestalten.

Der neue Markt. Die klassische Auswertungskette Kino, Fernsehen und DVD steht vor einem absehbaren Ende. In den jüngsten Jahren hat die digitale Technik neue Möglichkeiten eröffnet, deren Vorteile nicht mehr von der Hand zu weisen sind: Individuell, divers und publikumsfreundlich. Allerdings müssen wir im Internet mit Dokumentarfilmen endlich echtes Geld verdienen können.

Ein kurzer Ausflug in die Industriegeschichte sei an dieser Stelle erlaubt: Vom Auto bis zur Stereoanlage – alle Kulturgüter waren zu Beginn ihrer Erfolgsgeschichte teuer und wurden erst mit der Zeit für die breite Masse erschwinglich. Im Internet haben wir den Content jedoch von Anfang an kostenfrei zur Verfügung gestellt und uns schnell an die Gratiskultur gewöhnt. Jetzt stehen wir vor dem größten Irrtum der Kulturgeschichte, und eine Kehrtwende in unserem Mediennutzungsverhalten im Netz ist unerlässlich: Content im Netz hat seinen Wert und muss auch so bezahlt werden. Filme, auch Dokumentarfilme, müssen kostenaufwendig produziert werden und deshalb bei ihrer Auswertung Geld einspielen.

Netflix und Amazon haben das erkannt, arbeiten jedoch zu hundert Prozent marktorientiert und werden mit Sicherheit in Zukunft keine Projekte produzieren, die nicht entsprechend nachgefragt werden. Die Klickrate wird um ein Vielfaches erbarmungsloser sein als es die Quote aktuell ist. Wir können als Kreative und Mediennutzer mit gemeinnützigem Anspruch das Feld nicht allein der Eigendynamik und den Kräften des „freien Marktes“ überlassen. Angefangen bei Fragen des Urheberrechts bis hin zur Gestaltung der Arbeitsbedingungen. Auch dazu benötigt es zeitnah eine kulturpolitische Entscheidung aus Berlin.

Filmfestivals und andere Initiativen zur „Bereicherung“. International und national haben Dokumentarfilmfestivals in den vergangenen Jahren einen enormen Aufschwung erlebt und vermehrt Zuschauer mobilisieren können. Das Dokfest München etwa verzeichnete 2011 knapp 12.000 Besucher und schon 2016 beinahe 38.000 – mehr als dreimal so viel. Dieser Zuwachs in so kurzer Zeit kann nur bedeuten, dass das Interesse an Dokumentarfilmen extrem gestiegen ist. Denn niemand geht allein um des Festivals willen ins Kino. Von den Kommunikationsstrategien, die Festivals verfolgen, könnte aber auch die reguläre Auswertung im Kino, im Fernsehen und über VoD profitieren.

 

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10 Thesen zur Auswertung für Dokumentarfilme. Dokumentarfilme scheitern im Kino und Fernsehen nicht an ihrer Qualität, sondern an der Art und Weise, wie sie kommuniziert werden. Es existieren bereits zahlreiche Ideen und Ansätze für die Zukunft der Auswertung. Eine Zusammenfassung:

01 Wir sollten die Filmbranche verstärkt als einen Teil der Kulturbranche begreifen und mit der Kulturabgabe den Begriff Kulturförderung neu denken. Dazu wäre eine wirksame Entscheidung gefragt: Nicht aus der Branche, sondern aus der Politik des Bundes und der Länder.

02 Die dokumentarische Erzählform muss ernst genommen und ihre Zuschauer als harte Zielgruppe definiert werden.

03 Die Marketingetats für die Kinoauswertung, die TV-Ausstrahlung, die Auswertung auf einer VoD-Plattform müssten deutlich aufgestockt werden, um die Qualität der Filme gezielt zu kommunizieren.

04 Das BKM hat den Etat für die Förderung der Filmbranche im vergangenen Jahr beinahe verdoppelt – vorwiegend um Mittel für die Produktion. Die Film- und insbesondere die Dokumentarfilmbranche benötigt aber vor allem Unterstützung im Bereich der Distribution, damit die produzierten Filme auch ihr Publikum finden.

05 Dokumentarfilme finden selten Eingang in die überregionale Presse oder in die Kultursendungen von Radio und Fernsehen. Darum hat ein bundesweiter Kinostart oft keinen Sinn. Ein gestaffelter Start, möglicherweise in Verbindung mit einer Festivalpreview, könnte den Filmen dagegen vor Ort deutlich mehr Aufmerksamkeit verschaffen und somit ihre Auswertungserfolge im Kino erhöhen.

06 In einem weiteren Schritt könnten sich die Programm- und Arthouse Kinos mit VoD-Plattformen zusammenschließen und ihrem treuen Publikum die Filme für den gleichen „Eintrittspreis“ auch online zuhause anbieten. Ein VoD-Programm – kuratiert vom Kino des Vertrauens sozusagen.

07 Jährlich steigt die Zahl der Filmfestivals deutlich an. Das ist unter dem Aspekt der Grundversorgung mit Filmkunst zu begrüßen. Allerdings gelten Festivals der FFA weder als reguläre Auswertung noch sind sie üblicherweise finanziell genügend ausgestattet, um reguläre Screeningfees zahlen zu können. Das aber sollte eine Selbstverständlichkeit sein und bei der Festivalförderung berücksichtigt werden.

08 Dokumentarfilme bieten sich für Auswertungen jenseits der etablierten Verwertungskette an, in Kulturhäusern, Jugendzentren, Schulen etc. Die Zuschauer dieser Aufführungen, die oft nicht kostenfrei sind, sollten regulär gezählt werden und auf die Zählung der Referenzpunkte der FFA einzahlen.

09 Die Qualität der öffentlich-rechtlichen Sender besteht im Erfahrungsvorsprung, den gut ausgebildeten und kompetenten Mitarbeitern und der soliden finanziellen Ausstattung. Die Sender müssen ihr Potenzial nutzen, um sich vom analogen, linearen Fernsehen hin zur digitalen Onlineplattform zu entwickeln, „der Plattform unseres Vertrauens“. Diese Neuorientierung schließt den Dokumentarfilm als Qualitätsprodukt unbedingt ein.

10 Dabei gilt es dringend, das Modell der Mediathek zu verabschieden, um stattdessen den Rechteinhabern endlich reelle Online-Auswertungsangebote zu machen und diese Auswertung als selbstverständliches Geschäft zu verstehen. Dafür allerdings wäre eine Änderung des Rundfunkstaatsvertrages notwendig – na und?

Das Dokfest München eröffnet am kommenden Mittwoch, 3. Mai. Bis zur Preisverleihung am 14. Mai bringt das Festival 157 Dokumentar­filme aus 45 Ländern auf die Münchner Leinwände. Drei Wett­bewerbe versammeln aktuelle Höhepunkte des Dokumentarfilms. Die Retrospektive ist dem TV-Pionier und Dokumentaristen Georg Stefan Troller gewidmet, der seine Filme persönlich vorstellen wird. In der Reihe Dok Guest stellen Filmemacher aus Mexiko ihre ­Heimat aus dem eigenen Blickwinkel vor, die Fokusreihe Dok Euro Vision nimmt die Gegenwart und Zukunft Europas in den Blick, der Student Award präsentiert herausragendes Schaffen deutsch­sprachiger Filmhochschulen.

 

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SMS: Mein Traum – Neues aus der Traumfabrik
23. Juni CinemaxX München

SMS: Mein Traum – Neues aus der Traumfabrik Was hast Du geträumt, wovon träumst Du, was sind die Lebensträume die Dich leiten – oder die Alpträume, die Dich, womöglich, plagen? – Du träumst von Deinem eigenen Film? Dann mach ihn! Werde Filmfabrikant / Filmfabrikantin in Deiner eigenen Traumfabrik.

Auf ausgefeilte Filmtechnik kommt es nicht an, sondern auf Deine Kreativität, Fantasie zum Thema Traum und Deine Eigeninitiative. Deine Persönlichkeit soll im Zentrum stehen! Und das wollen wir dann auch feiern: mit einer Auswahl von 15 Shorties, die wir am 23. Juni 2017 um 14.00 Uhr im CinemaxX München zeigen. Anschließend ziehen wir weiter zum Get Together ins Vits – Die Kaffeerösterei gleich um die Ecke. Abends geht es für die, die noch weiter feiern möchten, zum Crew Call München. (Einladung und Anmeldung sind erforderlich!). Das wird ein besonderer Dreiklang während des Int. Münchner Filmfests 2017, auf den wir uns jetzt schon freuen.

Nur zwei Regeln – Mehr nicht!
*Einsendeschluss einhalten: Freitag 2. Juni 2017, 15.00 Uhr
*Länge des Traum-Shorties nicht über drei Minuten. – Es darf aber auch ausdrücklich kürzer sein!

Sehen und gesehen werden:
15 Shorties werden von der Fachjury ausgewählt und am Freitag, 23. Juni 2017, um 14.00 Uhr im CinemaxX München (Isartorplatz 8) groß präsentiert – und gefeiert. Das Publikum wählt noch vor Ort seine drei Lieblings-Shorties. Danach Get Together im Vits, Rumfordstraße 49.

Preise für die drei Lieblings-Shorties gibt’s auch:
1. Preis: 5 Jahre Premium Member video+ und 1 Jahr Premium-Bereich von casting network mit cast-box.
2. Preis: 3 Jahre Premium Member video+ und 1 Jahr Premium-Bereich von casting network mit cast-box.
3. Preis: 2 Jahre Premium Member video+ und 1 Jahr Premium-Bereich von casting network mit cast-box.
Anmerkung: Bei Teamarbeiten bis zu drei Beteiligten gelten die Preise für alle drei. Sind mehr Schauspieler beteiligt, werden die Preise für drei auf alle aufgeteilt.

Für die übrigen 12 ausgewählten Shorties: 1 Jahr Premium Member video+ für jeden am Traum-Shorty beteiligten Schauspieler.
Alle nominierten Shorties bleiben auf schauspielervideos abrufbar.

In diesem Jahr wartet auf die 3 Sieger noch ein ganz besonderer Überraschungspreis: Bevor Sie beim Crew Call München 2017 #ccmuc2017 bis in die Morgenstunden Ihren Erfolg feiern können, haben sie die wunderbare Gelegenheit, in einem feierlichen Ambiente viele Casting Directors persönlich kennenzulernen.

So kommen Eure Shorties zu uns: Bitte ladet Euren fertigen Film hier hoch: http://www.schauspielervideos.de/ecasting/bewerbung/sms-mein-traum-neues-aus-der-traumfabrik-mein-traum-self-made-shortie
(Hinweis für Schauspieler, die gemeinsam ein Shorty machen: Bitte nur einmal anmelden und den Weg zur Einreichung ohne Profil wählen. Bei allen Pflichtangaben (wie z.B. Geschlecht) bitte eine Option frei wählen. Die Namen (Vor- und Nachnamen zusammen) der beteiligten Schauspieler/-innen mit Kommas getrennt in die Felder für „Vorname“ und „Nachname“ so verteilt eintragen, dass beide Namensfelder gefüllt sind. Und bitte eine E-Mail-Adresse angeben, unter der die Einreichung für das gesamte Team abgewickelt wird. Als Foto am besten ein Gruppenbild hochladen. In der Nachricht an das Casting-Team sollten die Namen den Rollen zugeordnet werden bzw. kurz beschrieben werden, wer was macht.)

Die Auswahl. Alle Einsendungen werden auf einen Server hochgeladen und sind nur für die Jury einsehbar. Aus den Einsendungen wird eine Vorauswahl getroffen und diese zusätzlich in einer gemeinsamen Jurysitzung gesichtet, um die 15 Finalisten zu ermitteln.

Ein Traum: Die Jury 2017

Aus München: Franziska Aigner – kennt wahrscheinlich jede bayerische Schauspielerin, jeden bayerischen Schauspieler. Manche – und damit sie selbst – haben den neuen bayerischen Film geprägt: etwa mit dem Niederbayern-Triptychon Grießnockerlaffäre, Schweinskopf al dente und Winterkartoffelknödel. Deborah Congia aus Hamburg verbindet man sofort mit modernem Kino, mit Fatih Akins Filmen, neuerdings auch mit Christian Ulmens anarchischen TV-Umtrieben (Jerks). Wir freuen uns auf Susanne Ritter aus Köln, die für die Besetzung feiner und mutiger Kinofilme steht: siehe Tannöd oder Egoshooter. Das Regiefach ist mit einem Meister des Psycho-Dramas besetzt: Johannes Fabrick – siehe Zweimal lebenslänglich, Wenn es am schönsten ist, Die Tochter des Mörders. Dr. Liane Jessen ist mit Herz und Mut zum Risiko die Chefin der Spielfilmredaktion des Hessischen Rundfunks, einer Redaktion also, die noch selbst produziert. Sie verantwortet u.a. den „Tatort“ mit Ulrich Tukur, oft genug changierend zwischen (Alp)Traum und traumatischer Wahrhaftigkeit, wie Im Schmerz geboren. Mit Anita Schneider, OLGA FILM haben wir eine Produzentin und Produktionsfirma gewonnen, die für große Kino-Leidenschaft und feine Fernsehunterhaltung steht: Die Reihe Kommissarin Lucas, Vincent will Meer, zahlreiche Filme von Doris Dörrie u.v.m. Wer Florentine Schara gesehen hat, vergisst es nicht – das Problem mit der Katze. Bester Beweis für die Wirksamkeit eines SMS Shorties. Sie wurde damit Gewinnerin des letztens und somit Jurymitglied des aktuellen Festivals. Tim Seyfi hat es allen gezeigt: man muss, man kann an seinem Traum arbeiten, professionell, charmant, realistisch, optimistisch. In München kannten und schätzen ihn schon sehr viele  – jetzt kennt ihn ganz Deutschland, als „Kommissar Pascha“.

Was ist ein Selfmade-Shorty Ein selbstgemachter, kurzer Film, in dem man sich selbst in Szene setzt und als Schauspieler/in präsentiert

Für wen sind SMS – Self Made Shorties? Für alle, denen Showreel-Material fehlt – dann heißt unsere Devise: lieber selber machen – lieber selber etwas drehen und damit die Datenbanken bevölkern, als auf die große Gelegenheit, die tolle Rolle warten! Für diejenigen, die schon zig Rollen auf ihrem Showreel haben, kann ein Selfmade Shorty eine sinnvolle Ergänzung sein: „Super, jetzt zeig‘ ich mal eine Seite oder Fähigkeit von mir, die noch keiner kennt.“ Oder einfach: weil ich schon immer mal meinen eigenen Film machen wollte. Nützen sollen SMS – Self Made Shorties – allen , die Rollen besetzen: Casting Directors, Regisseuren, Redakteuren, Produzenten – weil man hier Persönlichkeiten entdecken kann und natürlich den Schauspieler und die Schauspielerin für die richtige Rolle.

Wie sollen die SMS aussehen – gibt es technische Vorgaben? Wir wollen keine Vorschriften machen, außer: weitgehend selbst konzipiert und gemacht. Es kommt auf Euch an – nicht auf das Knowhow von Regie-, Kamera- oder Schnittprofis. Und nicht länger als drei Minuten! Man kann mit Videokamera oder Webcam oder mit dem Handy drehen.

Wer darf mitmachen? Professionelle Schauspieler und Schauspielstudenten einer staatlich anerkannten Schauspielschule ab dem zweiten Jahrgang, keine Altersbeschränkung.

Wann erfahre ich, ob ich in der Auswahl bin? Beim Festival am 23. Juni 2017 um 14:00 Uhr im CinemaxX, München.

Wo gibt es Kinotickets für die Veranstaltung?
Kostenlose Tickets kann man ab Anfang Juni online bestellen. Die Adresse wird hier bekannt gegeben.

Noch eine Bitte: Verwendet Euer Traum Shorty öffentlich erst nach dem Festival am 23. Juni 2017, um die Spannung zu erhalten. Dann aber wo immer es geht!

Hier findet Ihr ein Interview mit den wunderbaren Siegern der SMS-Festivals 2013, 2015 und 2017: https://www.out-takes.de/index.php/2017/zeit-zum-traeumen/

Mit einem Lied präsentierte sich Nadine Wrietz 2011 und gewann den ersten SMS-Wettbewerb – an Weihnachten kommt sie als Hauptrolle ins Kino. Florian Hacke suchte 2013 ­vergeblich nach seinem Dialekt, ­gewann damit aber den Wettbewerb. Florentine Schara verzweifelte 2015 am Telefon an der Liebe, seither steht die Theaterschauspielerin mehr und mehr vor der Kamera (von links). | Fotos © Mirjam Knickriem | Nick Arthur Daniel | Joachim Gern

Mit einem Lied präsentierte sich Nadine Wrietz 2011 und gewann den ersten SMS-Wettbewerb – an Weihnachten kommt sie als Hauptrolle ins Kino. Florian Hacke suchte 2013 ­vergeblich nach seinem Dialekt, ­gewann damit aber den Wettbewerb. Florentine Schara verzweifelte 2015 am Telefon an der Liebe, seither steht die Theaterschauspielerin mehr und mehr vor der Kamera (von links). | Fotos © Mirjam Knickriem | Nick Arthur Daniel | Joachim Gern

Hier kann man einen Einblick gewinnen in das Festival 2015 – damals ging es um das große Thema Liebe: SMS Loveshorties – Das Festival des Liebesfilms.

Und hier noch einmal die nominierten Shorties von 2011 und 2013:
SMS Self Made Shorties 2011 – Die Nominierten
SMS Self Made Shorties 2013 – Die Nominierten

Casting Network wird wieder die Berichterstattung machen. Hier der Film über die Veranstaltung 2015:

Die Veranstaltung ist auch auf Facebook zu finden:
SMS Self Made Shorties 2017 auf Facebook

Kontakt für alle Anfragen rund ums Festival:
Bitte wendet Euch an Schauspielervideos.
E-Mail: (Aktiviere Javascript, um die Email-Adresse zu sehen), Fon: +49.30 – 99 19 49 70

Und nun viel Spaß und Erfolg mit Eurem Traum-Shorty

Daniel, David, Urs, Oliver und Vincent

Das 4. Self Made Shorties – Festival ist eine Veranstaltung von crew united & schauspielervideos in Kooperation mit casting-network und out takes, unterstützt von cinearte .

Grafische Gestaltung: Cernodesign

Konzeption und Beratung: ZAV Künstlervermittlung.

 

 

ZAV Künstlervermittlung Film / TV
Kapuzinerstr. 26,
80377 München
Tel +49 (0)89 381 707-19
mobil +49 (0)176 430 648 52
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»Die Frauen sind jetzt am Forderungsherd«

Heike-Melba Fendel (Foto: privat)

Heike-Melba Fendel, Autorin, Film­kri­ti­kerin und Agentin, über »Pro Quote Regie« und den soge­nannten weib­li­chen Blick

Eigent­lich wollten wir nur gemeinsam zu Mittag essen, und über Heike-Melba Fendels neuen Roman reden, »Zehn Tage im Februar«, der auch ein Buch über die Berlinale ist, und über das Kino. Doch dann wurde es ein Gespräch zur Lage der Frau und über die selbst­er­nannten Anwäl­tinnen der Frau­en­rechte im deutschen Film, »Pro Quote Regie«.
Ein offenes Gespräch mit einer unab­hän­gigen Autorin – die darauf besteht, keine Quote nötig zu haben.

Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland.

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Heike-Melba Fendel schreibt Essays, Storys und Kritiken für diverse Publi­ka­tionen und ist Kolum­nistin bei Zeit Online. Sie leitet die Künstler- und Veran­stal­tungs­agentur Barba­rella Enter­tain­ment. Außerdem ist sie Verfech­terin von selbst­ver­fassten Inter­views und versteht sich darin vor allem als Autorin, wie sie im Tages­spiegel offenbart. Das hier veröf­fent­lichte Interview wurde demgemäß von ihr »mitver­fasst«. Fendel mag es eben gerne, wenn sie die Kontrolle über die Dinge behält. [Anmerkung der Redaktion]

artechock: Mir scheint, dass öffent­liche Debatten in Deutsch­land gegen­wärtig sehr häufig von einer mehr­fa­chen Beflis­sen­heit regiert werden. Man traut sich Dinge nicht zu sagen: Aus Rücksicht und Scho­nungs­trieb gegenüber jenen, die es betrifft; aus Angst als Nest­be­schmutzer zu gelten, oder als Neid­hammel; aus Unlust, Spiel­ver­derber zu sein; aus Furcht vor Konse­quenzen. Darum traut sich kaum noch einer, etwas gegen »Pro Quote Regie« zu sagen, weil man dann – und frau erst recht – geradezu stali­nis­tisch abge­watscht und gebashed wird. Darum kriti­siert niemand die Förderer, ihre Entschei­dungen, ihre Richt­li­nien, die Besetzung der Kommis­sionen, weil man fürchtet, dass sich das beim nächsten Antrag rächt. Darum sagt kaum einer es öffent­lich, wenn er Toni Erdmann viel­leicht nicht für den besten deutschen Film des Jahres hält, weil man dann »ja nur neidisch« ist, und sich doch bitte auch mal freuen soll. So wie man immer für die deutsche Fußball­na­tio­nal­mann­schaft sein muss.
Kurzum: Es gibt keine Streit­kultur, keine Offenheit und Neugier auf kontro­verse Posi­tionen, keine Lust an der Debatte – nur die alles ersti­ckende Käseg­locke der political correct­ness.
Oder sind das alles Klischees? Soll man zum Beispiel öffent­lich auf die Lügen und Halb­wahr­heiten in den Pres­se­mit­tei­lungen der Film­för­derer reagieren und das zurech­trü­cken?

Heike-Melba Fendel: Natürlich…

artechock: Ellen Wietstock von der Black Box sagt das auch. Sie sagt, das Problem sei, dass sich keiner traut, offen über seine Erfah­rungen zu reden – es nutze aber niemandem, wenn er sich anpasst.

Fendel: Du weißt ja, mit wem du hier redest. Ich habe mir natürlich vor gut zwei Jahren überlegt, ob ich nochmal meine Kritik an »Pro Quote Regie« äußern soll. Ich mache in meinem Text im Tages­spiegel in gewisser Weise wieder, indem ich dieses Teppich­ge­döns bei der Berlinale »im Duktus einer sauer­töp­fi­schen Femi­nistin« geißele, wie man das dann gerne nennt, und ande­rer­seits zu kriti­sieren, dass »Pro Quote Regie« nur die »Pro Quote Regie«-Karte spielt – und so immer im Erwar­tungs­rahmen bleibt.
Muss ich also jetzt »schon wieder« so was machen? Ja, muss ich. Weil ich sonst schon Teil dessen werde, was man kriti­sieren muss:
Dass also überhaupt nicht mehr hinter­fragt wird, wieso eine Schau­spie­lerin auch für Arthouse-Filme unbe­setzbar ist, jeden­falls unbe­setzbar im Sinne der Förder­gre­mien, wenn sie dieses Spiel nicht mitspielt. Weiterlesen

Niemand würde einen teuren Film mit dem Theater- und Petzold-Star Nina Hoss besetzen, wenn Nina Hoss nicht ständig mit blondem Wallehaar und tief­de­kol­tierten Roben auf dem Roten Teppich auch die Glamour-Schiene bedienen würde? Das ist natürlich bescheuert: Denn sie macht das ja nicht für ihren Film, sondern für die Berlinale und die Berlinale-Sponsoren, damit die soge­nannte »Marken­bot­schaf­te­rinnen« für sich rekla­mieren können.

Wenn man denn einen femi­nis­ti­schen Stand­punkt hat, was ja die Pro-Quote-Frauen für sich in Anspruch nehmen, dann müssten sie meines Erachtens auch zu den Ritualen am Roten und das unter Gender-Aspekten.
Die FFA macht ja während der Berlinale eine Veran­stal­tung namens Unter der Gender-Lupe – die deutsche Film­branche. Da denke ich mir: Am Roten Teppich braucht ihr keine Lupe, da seht ihr lebens­groß, wie Künst­le­rinnen sich dem Primat der Spon­so­ren­in­ter­essen beugen und zu Produkten werden.
Es gibt eine insti­tu­tio­na­li­sierte Denk­ver­wei­ge­rung im Film­ge­schäft, ein Igno­rieren von Wider­sprüchen. Und ich denke, gerade Frauen, die sich besonders kämp­fe­risch in eigener Sache geben, müssen sich gefallen lassen, dass man ange­sichts dieser Ignoranz sagt: Mädels – nee!

artechock: Was wäre überhaupt das Ziel der Kampagne? Geht es um Gerech­tig­keit? Um die Förderung der Benach­tei­ligten? Oder geht es darum, dass man gar nicht mehr so genau hinschaut und gar nicht mehr den Unter­schied sieht zwischen den Geschlech­tern sieht?

Fendel: Ich inter­es­siere mich in erster Linie fürs Kino. Wenn mir mangelnde Soli­da­rität mit der Sache der Regis­seu­rinnen vorge­worfen wird, kann ich nur sagen, dass meine Soli­da­rität dem Kino gehört, denn das kommt in der Debatte zu kurz. Ich schreibe den ganzen Protest­kram nur, damit ich endlich in Ruhe Filme sehen kann, die mich wirklich inter­es­sieren.
Ich schreibe, um ein paar Struk­turen offen­zu­legen, die dazu führen, dass die deutschen Filme vielfach so schlecht sind. Wenn man auf der einen Seite ein unhin­ter­fragtes ausbeu­te­ri­sches Glamour-Ideal bedient und auf der anderen Seite ein rein ökono­mis­tisch geprägtes Gleich­stel­lungs-Gefordere ausstellt, dann ignoriert man beide Male den Kern dessen, was man als Filme­ma­cherin eigent­lich tun müsste: Nämlich Geschichten finden und eine Form, die ihnen standhält.

Es gibtaus meiner Sicht zu wenig Selbst­re­fle­xion in der deutschen Film­branche und eben auch bei den Filme­ma­che­rinnen und Schau­spie­le­rinnen. Wie kann man, wenn man so affir­mativ am Teppich ist – Teppich nehme ich jetzt mal stell­ver­tre­tend für das Prinzip Selbst­ver­mark­tung –, und zeit­gleich in der Pro-Quote-Blase so sozi­al­de­mo­kra­tisch-dogma­tisch – wie will man dann noch in der Lage sein, Geschichten zu erzählen, die heraus­for­dernd, eigen und divers sind.
Ich glaube, dass dieser Dogma­tismus der Frauen dann auch einen Dogma­tismus der Männer nach sich zieht. Egal, ob sie sich soli­da­risch oder feind­selig verhalten. Ich glaube, dass sich Geschlech­ter­kli­schees in eben dem Maße verfes­tigen, wie sie bekämpft werden. Der Kampf stellt sie nicht bloß, sondern aus.

artechock: Dein Roman handelt von der Welt, in der wir beide leben: Filme, Medien, Festivals und die Menschen, die sich darin aufhalten – aber er handelt auch von einer spezi­ellen Perspek­tive: der einer Frau auf der Berlinale.

Fendel: Eindeutig ist das Haupt­thema die Weltsicht einer Frau, die sehr, sehr, sehr intensiv glaubt, dass das richtig ist, was sie denkt und empfindet, die aber ständig was anderes denkt und empfindet – diese wetter­leuch­tende Sicht auf Welt hat mich total inter­es­siert.

Eigent­lich ist das auch die Chronik eines psychi­schen Ausnah­me­zu­stands, und wie eine Frau diesen Ausnah­me­zu­stand mithilfe des Kinos mal verstärkt und mal dämmt, weil Kino ja auch ein perma­nenter Ausnah­me­zu­stand ist. Insofern ist das eine Geschichte übers Kino, aber auch die Geschichte einer spezi­ellen Form von Irrsinn.
Diesen Irrsinn kann man auch als Liebes­kummer beschreiben. Aber genau nicht im Sinne des retar­die­renden Moments der Romcoms, bevor der »girl gets boy back«-Teil beginnt. Es gibt ja diesen Moment in Liebes­be­zie­hungen, wo eigent­lich klar ist: »das ist vorbei«, wo aber keiner von beiden diese Klarheit für sich zulässt.
Diese Verdrän­gung erzeugt seelische Ausnah­me­zu­stände, die meine Heldin sich ganz hart weigert zu erkennen.

artechock: Trotzdem hat das Buch ja etwas Univer­sales, das über den Liebes­kummer hinaus geht…

Fendel: Ja, ich glaube, dass man die Welt »in a nutshell« oder »in a nutperson«, das passt hier doppelt, erzählen kann. Mir geht es natürlich ganz klar um ein Frau­en­bild, das gras­sie­rende Frau­en­bilder konter­ka­riert.
Ich wollte eine Frau­en­figur entwerfen, die mit gängigen Bildern weder in ihrer Stärke noch in ihrer Schwäche zu greifen ist. Ich wollte bestimmte Bilder zertrüm­mern, anhand derer Frauen Identität konstru­ieren. Allen voran das der »Powerfrau«.

Denn es stimmt ja theo­re­tisch: toller Mann, toller Job, tolles Haus, glamourös, ange­kommen – das ist sie, also, an diesem Punkt, wo sowohl roman­ti­sche Komödien enden als auch die Träume von soge­nannten Karrie­re­frauen. Eigent­lich ist sie ja wie aus einem »Starke Frau«-Portrait in »Brigitte Woman« oder so, aber all das ist in ihrer Selbst­wahr­neh­mung total irrele­vant.

Deswegen sucht sie auch ständig Freun­dinnen. Das ist ja eine Frau auf der Suche nach Frauen, die ihr ein anderes Iden­ti­täts­mo­dell bieten können, als sie selbst in der Lage ist, für sich herzu­stellen. Deswegen hat sie diesen Wahn mit Jane Campion. Dass diese flusige Person sich so eine femi­nis­tisch konno­tierte Regis­seurin sich als Lebens­heldin und Takt­ge­berin ihres Daseins aussucht, finde ich lustig – deswegen muss sie aber auch enttäuscht werden. Weil an der Stelle der Femi­nismus versagt. Der Femi­nismus erkennt und erlöst nämlich sein eigenes Gegenüber nicht: die verwirrte Frau.

artechock: Woran liegt es eigent­lich, dass Jane Campion für sehr viele Frauen so ein beson­deres Role-Model ist?

Fendel: Naja zum einen die Eckdaten: eine Frau, die ihre Filme selber insze­niert, selber schreibt, und ein, zwei Welt­erfolge hatte und Jahr­zehnte im inter­na­tio­nalen Film­ge­schäft durch­ge­halten hat. So viele gibt es da ja nicht.
Zum zweiten, weil nahezu alle ihre Filme ja Frauen in den Mittel­punkt stellen und deren Erwe­ckungs­ge­schichten erzählen.
Das sind natürlich auch weibliche Entlas­tungs­phan­ta­sien, in denen, femi­nis­tisch umrahmt, sexuelle oder sonstige Erwe­ckungs­ge­schichten im geschützten Raum abge­ar­beitet werden können.

artechock: Findest du Das Piano auch Campions besten Film?

Fendel: Nee, ich finde In the Cut ihren besten Film. Sweetie war auch schon super. In the Cut ist natürlich ein verun­glückter Film, klar, aber ich finde ihn super. Der ist super in seiner Vers­tört­heit. Er passt auch gut zu meiner Haupt­figur – genauso balla­balla und von Flieh­kräften zerrissen. Das hat mich total inter­es­siert. Wenn man In the Cut gesehen hat, geht man mit einem Ener­gie­schub raus – das ist jetzt keine besonders film­kri­ti­sche Kategorie. Aber er ist halt nicht nicht weiner­lich.
Unin­ter­es­sant fand ich Bright Star. Ich fand ihn viel zu schön, viel zu alles. Sie viel zu kess, ihn zu elegisch, das Lila zu lila, die Geigen zu schluch­zend.
Das war ihrer nicht würdig. Das Piano muss man ein bisschen in seiner Zeit sehen. Wenn ich den jetzt sehe, denke ich auch: okay… Aber beim ersten Mal war er toll. Beim zweiten auch. Man sollte sich nicht rück­wir­kend um seine eigenen Seher­leb­nisse bringen.

artechock: Hast du eigent­lich mal Simone de Beauvoir gelesen?

Fendel: Ein bisschen.

artechock: Ich frage, weil Simone de Beauvoir auch als Iden­ti­fi­ka­ti­ons­figur taugt. Und weil sie die Themen berührt, die du berührst: Selbst­ver­ant­wor­tung von Frauen. Frauen könnten auch anders, wenn sie wollten und wenn sie nicht immer die Ausreden suchen würden…

Fendel: Die suchen Ausreden und sie vertrauen auf die Regel – das ist ja durchaus auch auto­ritäts­gläubig: Sie, also die Akti­vis­tinnen, wollen fünfzig Prozent von der Welt, die die Männer gebaut haben. »Fünfzig Prozent vom Himmel!« Was ist das denn, dieser Himmel? Und sie wollen diesen Himmel an Zahlen fest­ma­chen – wie die Männer alles an Zahlen fest­ma­chen.
Keine sagt, ja, ich will die Geschichten, die ich erzählen will, erzählen können zu dem Budget, das es für diese Geschichte braucht. Keine sagt: Ich will die optimale Bedingung für meinen Film haben, weil der wichtig ist.

artechock: Viele soge­nannte Femi­nis­tinnen argu­men­tieren gern so: »Es muss doch auch ohne Macht gehen. Es gibt doch weib­li­ches Filme­ma­chen. Wir wollen keine Stärke und Selbst­be­haup­tung, das ist doch blödes Gockel­ge­habe…«

Fendel: Ich schlaf jetzt schon ein, Rüdiger…

artechock: Ja, ok, aber für unsere Leser: Was ist denn an dieser Heran­ge­hens­weise falsch? Ist Macht etwa männlich?

Fendel: Mein Problem ist, dass ich es sowas von sinnlos und unin­ter­es­sant finde, »die Gender-Lupe« raus­zu­holen. Weil das so ein Neben­schau­platz ist. Wir leben in einer Welt – hier, jetzt, in Deutsch­land – wo jede Frau, die es auf die Kette kriegen will, es auch auf die Kette kriegen kann. Das mag zu flapsig klingen, aber ich finde es inter­es­santer zu schauen, was die Frauen, die sich durch­zu­setzen in der Lage wren, verbindet, als mich den Zahle­spielen zu widmen. Denn das ist weder politisch noch cine­as­tisch relevant und eins von beidem sollte es schon sein.
Ja: es gibt noch ein paar Probleme. Ja, es werden noch bestimmte Frauen für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt. Das ist falsch und das muss man ändern.
Aber das sind Auslauf­mo­delle struk­tu­reller Unge­rech­tig­keit. Da kann man jetzt dabei zugucken, wie sowas fällt. Das wird schon rein partei­po­li­tisch von niemandem mehr vertei­digt als viel­leicht von der AFD.
Und mich ärgert geradezu, dass das Gerech­tig­keits­thema, um das es im Kern ja hier geht, nicht mit weiteren Themen verknüpft wird. Das ist kein What-aboutism, sondern die plausible und notwen­dige Auswei­tung der Kampfzone.

Ich will von einer sich quoten­po­li­tisch äußernden Frau auch wissen, wie sie etwa zu der Frage der offenen Gesell­schaft und der offenen Grenzen steht, was sie vom Flücht­lings­deal mit der Türkei hält und von einer Deckelung von Manager-Gehältern und so weiter. Ich will wissen, wie sie sich mit einem »Wir« befasst, das uns alle meint. Das inter­es­siert mich viel mehr als die Frage, wie man jetzt den Pay-Gap schließen kann, denn der wird geschlossen.

Was mich daran ärgert: Frauen wurden lange Zeit struk­tu­rell klein­ge­halten und halten sich jetzt selbst struk­tu­rell klein, indem sie sich so schwung­voll die ganze Zeit mit ihrer Unter­drü­ckung und Benach­tei­li­gung und deren Über­win­dung befassen, ohne zu merken, dass damit eine neue Variante der Haus­frau­en­e­xis­tenz entsteht.

Im Haus der Gleich­be­rech­ti­gung stehen sie jetzt am Forde­rungs­herd. Sie köcheln sich ihre Forde­rungen, und sind damit schon wieder »von der Straße« weg, also dem Ort, wo ein weiter gefasstes und poli­ti­sches Weltbild geformt wird.

Vor allem aber erwarte ich von Filme­ma­che­rinnen, dass sie cine­as­ti­sche und ästhe­ti­sche Posi­tionen beziehen. Es müsste doch möglich sein, darüber zu reden, welche Filme sie auf welche Weise machen wollen, nicht darum, allein darüber zu reden, warum sie die Filme, die sie machen wollen (von denen wir leider gar nichts erfahren) jetzt nicht machen können oder erst werden machen können, wenn sie ihre fünfzig Prozent Förder­quote erzielt haben – das sind Neben­schau­plätze.

Versuch doch mal – ich pauscha­li­siere natürlich jetzt, aber denk das bitte einfach mit – versuch doch mal, mit Frauen ernsthaft, breit und fundiert über Kino, Film­ge­schichte oder Genre zu reden. Geh doch mal ins Film­mu­seum oder ins Arsenal in Film­reihen und Werk­schauen, wenn da jetzt nicht gerade eine Romantic Comedy läuft, und guck mal, wieviel Frauen da sitzen im Verhältnis zu den Männern? Geh doch mal in eine Festi­val­re­tro­spek­tive und guck dir alle zwanzig oder dreißig Filme an. Da gibt es immer etwa zwei Dutzend Männer, die da jeden Abend sitzen und sich alles ansehen – aber so gut wie keine Frau als Dauergast. Haben die auch alle, wie Dieter Kosslick, ein Heimkino?

Ich glaube, es gibt ein struk­tu­relles Dilemma, was Frauen und Kino betrifft, einen abwe­senden Diskurs. Es gibt ja auch relativ wenig Ton angebende Film­kri­ti­ke­rinnen, und es gibt auch wenig Regis­seu­rinnen, die sich öffent­lich auf fundierte Weise mit Kino ausein­an­der­setzen oder das als wichtig propa­gieren.

Von den Filme­ma­che­rinnen, die Pro-Quote-Forde­rungen in die Welt senden, möchte ich mal etwas über ästhe­ti­sche Maßstäbe und Film­ge­schichte hören. Natürlich nicht zur Legi­ti­ma­tion oder als Prüfung, aber um sie im Kontext ihrer Arbeit sprechen zu hören, nicht nur im Kontext der Arbeits­be­schaf­fungs­maß­nahme.

Es gab da für mich letztes Jahr eine exem­pla­ri­sche Podi­ums­dis­kus­sion in Köln an der KHM, also der Kunst­hoch­schule für Medien, die Anke Domscheit-Berg moderiert hat. Die ganze Zeit ging es um Geschlech­ter­gleich­heit bei IBM, bei BMW, also auf jeden Fall um Wirt­schafts­un­ter­nehmen. Und als dann die Regis­seurin Isabelle Suba und ich zwei Minuten lang über die Filme europäi­scher Regis­seu­rinnen geredet haben, hat die Mode­ra­torin das abge­blockt mit der Bemerkung: »Wir wollen das jetzt nicht vertiefen.«

Das war für mich beispiel­haft: Wenn zwei Frauen im Rahmen eines Gespräches über Regie­quote anfangen, inhalt­lich über Filme zu reden, über Kunst, dann werden sie von einer Frau abgewürgt. Weil wir ja über Prozente und Zugänge und Sicht­bar­keit reden sollen.

Natürlich sind reichlich inter­es­sante Filme­ma­che­rinnen unter den Akti­vis­tinnen, aber das, was sie inter­es­sant macht, nämlich ihre Arbeit, von der sprechen sie nicht.

Generell ist die Art und Weise, mit der deutsche Regis­seu­rinnen im dritten Jahr auf der Berlinale sichtbar werden – als Sticker vertei­lende, Prozent­punkte einkla­gende Akti­vis­tinnen im Frucht­bla­sen­zelt der »Pro Quote Akti­visten« identisch mit der Form, in der poli­ti­sche Partien für sich werben. Dass das die Form ist, mit der Frauen in Deutsch­land auf den Plan treten, wenn sie Fort­schritt meinen, erschreckt mich.

Wenn Dieter Kosslick wirklich cool wäre, würde er sagen: Lassen wir das mal mit den ganzen Pro-Quote-Zelten und Sonn­tags­reden – ich mache statt­dessen mal ein rein weib­li­ches Wett­be­werbs­pro­gramm. Schauen wir doch mal: Ein Jahr lang suchen und finden, und dann 20 Wett­be­werbs­filme nur von Frauen.

Das fände ich super. Würde mich total inter­es­sieren. Probieren wir es doch mal aus. Würde ich als Kampagne sofort unter­s­tützen. Steht aber auf keinem Aufkleber.

artechock: Vor allem würde man dann nicht jeden Film von einer Frau unter dem Gesichts­punkt betrachten, dass er von einer Frau ist…

Fendel: Genau, dann könnte man die mal auch wieder als Filme angucken. Das fände ich inter­es­sant. So, Dieter: 2019 ist dein letztes Jahr, mach doch mal.

artechock: Ist dieser ganze Diskurs über Frau­en­gleich­be­rech­ti­gung ein Ablen­kungs­dis­kurs?

Fendel: Nein es ist eher ein rein ökono­mi­scher Diskurs und als solcher in Ordnung. Es ist ja total okay, zu sagen, ich will mehr Geld verdienen. Es hat nur mit Kunst und Cine­philie nichts zu tun. Das wird aber unter­ge­hoben.

Wenn im Rahmen des Quoten­dis­kurses die Rede auf den soge­nannten »weib­li­chen Blick« kommt, dann wird es unsauber, anti-cine­as­tisch, ungenau. Wenn du da mal nach­bohrst, und fragst: Was meint ihr denn mit dem »weib­li­chen Blick« wird von größerer Diver­sität und dem Bestehen des langsam zu Tode zitierten »Bechdel-Tests« gespro­chen. Also von Frauen, die im Film über etwas anderes als Männer reden. Nun denke ich, dass man auch femi­nis­tisch-korrekt über Männer reden kann. (Ganz nebenbei glaube ich, dass auch Frau­en­gespräche im so genannten echten Leben eher selten den Bechdel-Test bestünden…)

Der erste Teil von Fifty Shades of Grey – von einer Frau geschrieben, von einer Frau insze­niert – war das kein weib­li­cher Blick? Oder der falsche?

Ist es denn wirklich so, dass Frauen andere Filme machen? Würde man bei einer Sichtung ohne Credits wirklich einen von einer Frau insze­nierten »Tatort« von dem eines Mannes unter­scheiden können?

Wir wollen mehr »Tatort«- oder »Groß­stadt­re­vier«-Regie­auf­träge bekommen, weil wir auch Geld verdienen wollen und müssen – das ist total okay. Aber wenn gesagt wird: Wir wollen mehr »Tatort« machen, damit der weibliche Blick zum tragen kommt, dann sage ich: Nee, lass stecken.

artechock: Ein ökono­mi­scher Diskurs, das wäre ja Politik. Da ginge es um Betei­li­gung an Pfründen, letztlich an Macht. Aber was ist demge­genüber der einge­klagte ästhe­ti­sche und cinephile Diskurs?

Da wir in diesen Tagen beide an einem Symposium des Filmbüro NRW zum Verhältnis von Film und Politik teil­nehmen, möchte ich mal fragen: Wo wird das Ästhe­ti­sche als Ästhe­ti­sches politisch? Beim Ökono­mi­schen ist das offen­sicht­lich, beim Ästhe­ti­schen nicht…

Fendel: Ich meine einen Diskurs, der zum einen das gewählte Medium aufgreift, also ganz einfach eine Ausein­an­der­set­zung mit dem, was Kino und Fernsehen für die Regis­seu­rinnen sind, was sie mögen, ablehnen, wie sie histo­ri­sche und aktuelle Arbeiten einordnen und bewerten. Wie sie die Arbeit der einzelnen Gewerke sehen, lesen und hören.

Zum anderen würde mich eine persön­liche Verortung inter­es­sieren, also welche Vorbilder und Prägungen die eigene Arbeit bestimmen. Ich denke, das sind ganz banale und nahe­lie­gende Dinge für jeden, der oder die Filme macht. Das wäre ja auch eine Macht, nicht umsonst spricht man ja von Deutungs­ho­heit, also das Führen von Diskursen und Besetzen film­kri­ti­scher Terrains. Ich habe aber tatsäch­lich in den vergan­genen zwei­ein­halb Jahren »Pro Quote Regie« keinen Satz zu cine­as­ti­schen Themen gehört oder gelesen.

Zum zweiten Teil deiner Frage: Wenn du nicht bloß abbildest oder Gelerntes repro­du­zierst – und wahr­schein­lich selbst dann – erzeugst du Welt. Diese Welter­zeu­gung bewusst zu voll­ziehen, ist für mich poli­ti­sches Handeln. Wann immer wir die Position des Konsu­menten verlassen und etwas hervor­bringen, das – auch – die Multi­pli­ka­tion zum Gegen­stand hat, indem es sich an Leser, Zuschauer usw. richtet, üben wir poten­tiell Macht aus.

Wenn wir Bilder entwerfen, Geschichten erzählen, Form wählen, produ­zieren wir Gegenwart. Ästhetik ist Einfluss­nahme.

artechock:Wie würdest du Godards berühmten Satz »Nicht poli­ti­sche Filme machen, sondern Filme politisch« ins gegen­wärtig Konkrete über­setzen?

Fendel: Im Kontext dessen, was ich grad gesagt habe, also sich der Wirkungs­macht jedes filmi­schen Gewerkes wie deren Summe jederzeit bewusst zu sein. So genannte kreative Entschei­dungen in Ursache und Wirkung zu reflek­tieren und idea­ler­weise auch diese Reflexion in der Arbeit spürbar werden zu lassen.

Inzwi­schen verstehen wir ja unter einem »poli­ti­schen« Film einen, der ein offiziell als politisch geltendes Thema hat. In dieser Logik posi­tio­niert sich ja die Berlinale als poli­ti­sches Filmfest, weil es Filme gibt, die inhalt­lich zu der Themen­aus­wahl der Tages­schau passen. Was Wirkungs­macht und Gegen­warts­ver­or­tung angeht, ist Fifty Shades of Grey aller­dings sicher poli­ti­scher als Fuoco­ammare.

artechock: Gibt es überhaupt Filme, die nicht-politisch sind? Wenn ja: Was ist dann dieses Nicht-Poli­ti­sche?

Fendel: Das Nicht-Poli­ti­sche wäre schlicht das Nicht-Wahr­nehmen des Poli­ti­schen. Das Unter­lau­fene.

artechock: Was heißt für dich poli­ti­sches Enga­ge­ment?

Fendel: Ganz einfach das Über­setzen meiner Über­zeu­gungen in Handeln. Konkret werden.

artechock: Und wie wäre eine (Film-)Kunst beschaffen, die sich engagiert, die aber das Poli­ti­sche nicht verrät?

Fendel: Hm, schwierig. Inter­es­sant, dass du engagiert und politisch sein in einen Wider­spruch stellst.
Viel­leicht indem sie den exakt anderen Weg geht als das persön­liche Enga­ge­ment. Indem sie sich der Konkre­tion verschließt. Georg Seeßlen hat in einer Kritik zu, ich glaube einem Western, mal sinngemäß gesagt, ein Filme­ma­cher müsse das Genre, das er gewählt hat, entweder bedienen oder tran­szen­dieren. Das Poli­ti­sche kann man wahr­schein­lich nur bedienen, indem man es tran­szen­diert, also von den Reflexen befreit bzw. Reflexe in Narration überführt.

artechock: Ich möchte noch mal meine Anfangs­frage sinngemäß wieder­holen: die fehlende Lust an der Debatte und der fehlende Mut zu streiten, die Unfähig­keit zur Streit­kultur. Man traut sich nicht, Dinge offen zu sagen… Auch aus falsch verstan­dener Gnade.
Was tun dagegen – gegen das gegen­sei­tige Belei­digt­sein und Persön­lich­nehmen und gegen die Feigheit der Massen vor der Macht?

Fendel: Das, Rüdiger, treibt mich um, wie wenig zweites. Und zwar als Autorin wie als Unter­neh­merin. Wo kämpfen, mit welcher Ausdauer und in welcher Härte. Jeder Tag ist eine Flos­kel­schwemme, sprach­lich sowieso, aber auch Verhal­tens­flos­keln – die Unter­wür­fig­keits-Exzesse sind da ganz weit vorn – nahezu alles, was wir sehen, erleben und konsu­mieren unter­wirft sich einer Normie­rung, die als »gelernt« firmiert. Also die Gebor­gen­heit im Ritual soge­nannter Erfolgs­ge­schichten. »Muss man das erstmal hinkriegen«, sagt man gerne, wenn irgendwas, das man selber nicht gut ist, großen Erfolg hat. Ob Til-Schweiger-Filme, Eckart-von-Hirsch­hausen-Bücher oder Helene-Fischer-Alben… Muss man alles erst mal hinkriegen.

Ah ja. Und dann findet man das alles doof und ist gleich Spaß­bremse. Oder unso­li­da­risch, wenn man etwa »als Frau« nicht auto­ma­tisch für Regie-Quoten ist. Oder, das aller­schlimmste: intel­lek­tuell. Ein intel­lek­tu­eller Politiker etwa ist längst ein Wider­spruch in sich. Wenigs­tens, solange er gewählt werden muss. Ein Norbert Lammert darf mit Geist prahlen, weil das politisch folgenlos ist, alle anderen befassen sich mit »den Menschen da draußen«. Draußen meint: vor der Tür des Geis­tes­ge­bäudes.

Tja und ich frage mich tatsäch­li­chen jeden Tag aufs Neue, in welche Arena steige ich rein: Wie oft sage ich meinen Mitar­bei­tern, dass ich das Wort »dürfen« nicht in Anschreiben lesen möchte, wie ehrlich sage ich »meinen« Künstlern, wie ich ihre Arbeit sehe und wie sehr wider­setze ich mich Kunden­vor­gaben.

Ich will nicht ständig zornig sein oder gar unglück­lich über diese »gelernten« Gewiss­heiten. Ich bin es aber. Ich fühle mich auch hilflos, wenn ich diesem Gelernten nur Unge­fähres entge­gen­halten kann: Such­be­we­gungen, Sehnsucht, Möglich­keiten, Aufbruch, Zwischen­töne, Schicksal, Verheißung.

Was also tun? Für mich kann es nur heißen, aus dieser Hilf­lo­sig­keit Wider­stand zu schmieden. Harten, schlag­kräf­tigen Wider­stand. Und vorher tief genug in die Trick­kiste der Macht­spiele zu greifen, damit die Menschen da draußen glauben, dass die Hand, die diese Schläge führt, einer mächtigen Frau gehört.

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Heike-Melba Fendel: »Zehn Tage im Februar«, Blumenbar Verlag, 18 Euro

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Cinema Moralia – Folge 150: Pro Quote Ästhetik!

Toni Erdmann: Ist nach der männlichen (!) Hauptfigur benannt. Ob er wohl ästhetischen Maßstäben gerecht wird?

Frauen vor Film­land­schaft – was der deutsche Film wirklich braucht; Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 150. Folge

Für mich ist jeder Tag Welt­frau­entag. Ich bin ein Feminist. Gleiche Rechte, gleiche Chancen, gleiche Bezahlung, das ist alles überhaupt nicht die Frage.
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Sehr wohl eine Frage ist aber die Perspek­tive. Worum geht es eigent­lich bei der ganzen Frauen-Quoten-Gleich­be­rech­ti­gungs-Political-Correct­ness-Debatte? Provo­kativ formu­liert: Nutzt es mir, wenn Frauke Petry genauso gut bezahlt wird, wie Björn Höcke?
Oder nutzt es mir mehr, wenn es einfach mehr gute Filme gibt? Egal, ob sie von Männern oder von Frauen kommen? Klar: Das war jetzt eine rheto­ri­sche Frage. Und eine pole­mi­sche.
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Frauen sollen auch das Recht haben, schlechte Filme zu machen – dies ist einer der dümmeren, dieser an klugen Sätze nicht sehr reichen Debatte.
Ich finde viele Argumente, die da aufge­bracht werden, irrele­vant, oft into­le­rant, gele­gent­lich stali­nis­tisch. Neulich hab ich zum Beispiel den Newspeak-Begriff »Cultural Appro­pria­tion« gelernt, »kultu­relle Aneignung«. Gemeint ist damit unter anderem, im Fasching als Indianer rumzu­laufen. Ist böse, weil man die Indianer nicht gefragt hat. Der Ausdruck wiederum ist bestimmt nicht gerechte Sprache. Nun inter­es­siert mich, ehrlich gesagt, gerechte Sprache nicht die Bohne. Schon deshalb, weil gerechte Sprache das Gegenteil von Gerech­tig­keit ist. Gerechte Sprache verfälscht die realen Verhält­nisse. Tarnt und maskiert und gibt den Spre­chenden noch ein gutes Gewissen. Gibt es weniger Rassismus, weil wir nicht mehr »Neger« sagen?
Es ist noch nichts auf der Welt besser geworden, weil wir unsere Sprache verändert haben. Was die Verhält­nisse besser macht, sind Verän­de­rungen der Macht­ver­hält­nisse.
Weil das die Linken nicht begreifen, gewinnen sie bei Wahlen nicht die Macht. Weiterlesen

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Keiner sollte das Recht haben, schlechte Filme zu drehen – weder Frauen noch Männer. »Recht« kann ja hier nichts Juris­ti­sches oder Mora­li­sches heißen, sondern »das ästhe­ti­sche Recht«. Natürlich gibt es keine Zensur, gut so: Jeder darf jeden möglichen Müll produ­zieren. Aber wem nutzt es?
Was wir brauchen ist nicht political correct­ness, sondern ästhe­ti­sche Maßstäbe. Es ist bezeich­nend für den Status Quo, dass noch nie die Frage nach dem Ästhe­ti­schen ernsthaft zum Thema wurde.

+ + +

Der deutsche Film, nein: Das Kino überhaupt braucht mehr Toleranz für Expe­ri­mente und mehr ästhe­ti­sche Strenge glei­cher­maßen.

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Worum geht es in diesen ganzen Debatten, diesen verqueren Debatten? In jedem Fall müssen Frauen Geld einfor­dern: ökono­mi­sche Gleich­be­rech­ti­gung.
Ansonsten sollte man darüber offen reden, dass Frauen in der Regel keine Frauen fördern. Wenn also viel weniger Frauen als Regis­seure Filme machen, dann liegt das auch daran, dass viele Frauen in den Förder­gre­mien und den Redak­ti­ons­stuben sitzen,
Wenn man Frauen nach ihren persön­li­chen, ganz konkreten Erfah­rungen fragt, kommt eigent­lich selten ein konkreter Beleg. Benach­tei­li­gung scheint diffus – was keines­wegs beweist, dass es sie nicht gibt.

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Viel zu wenig unter­schieden wird auch zwischen zwei anderen Möglich­keiten: Wollen die Frauen nun an die Fleisch­töpfe, also Betei­li­gung am System, oder wollen sie das System als solches verändern, also die Fleisch­töpfe auskippen und »weib­li­ches Filme­ma­chen« einführen?
Hier könnte man sich klarere Posi­tionen wünschen, derzeit wabert die Debatte zwischen beiden Polen hin und her. Das System im Prinzip ist überaus schrottig – aber zu revol­tieren traut sich dann doch keiner. Was sich ändern muss, so scheint es, ist doch nicht primär ein weib­li­ches oder männ­li­ches Verhalten, sondern vielmehr die Wahr­neh­mung und die Bewertung des Systems.

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Ein Gespräch mit einer hoch­ran­gigen ARD-Mitar­bei­terin über das Sparen in den Sendern. Gespart wird selbst­ver­s­tänd­lich an den falschen Stellen, nicht an Betriebs­renten, sondern am Archiv. Inzwi­schen sei es so weit, dass BR und NDR nicht einmal mehr das zurück­lie­gende Jahr anständig in die Archive einpflegen würden. »Ein Politikum«, sagte die Redak­teurin. Weil an der Doku­men­ta­tion gespart wird und am »Verschlag­worten« des Programms, ist seriöse Archi­v­re­cherche in manchen Sendern schon derzeit nicht mehr möglich.

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Gespräch mit einem Kino­be­treiber über die merk­wür­dige Politik der Verleiher: »Ich sympa­thi­siere mit Torsten Frehse« hatte ich gesagt. Der Satz provo­ziert offenbar: »Du sympa­thi­sierst mit Torsten Frehse?« Er kann es nicht fassen. »Der ist halt ein Zocker«. Und wir sprechen über die Vor- und Nachteile, die es hat, wenn Bruno Dumonts Die feine Gesell­schaft als Komödie vermarktet wird, in der Tradition jener fran­zö­si­schen Dödel­komö­dien, die in den letzten Jahren über dem deutschen Publikum ausge­gossen wurden. Und wenn zugleich fast alle Kopien in der deutschen Synchro­ni­sa­tion ins Kino kommen. Natürlich sei der Film lustig, aber doch ganz anders als etwa Monsieur Claude und seine Töchter. »Aber auf Deutsch ist es nicht komisch, wenn Juliette Binoche hyste­risch trällert… die, die den gesehen haben, finden ihn dann halt schlecht,.«
Allein in den letzten Wochen hat er sich oft geärgert: Farhadis The Salesman kam kaum mit Origi­nal­fas­sung ins Kino. Scorseses Silence außerhalb der Großs­tädte nur in OV oder synchro­ni­siert, »nie als OmU«. Schon Taran­tinos Django Unchained habe durch derartig dogma­ti­schen, unein­sich­tigen Umgang seiner­zeit viele Zuschauer verloren. »Aber wer versteht schon den Südstaa­ten­ak­zent von Leonardo Di Carpio?«
Da sieht man dann, wie dick der Sand im Getriebe des deutschen Kinos ist. Oben wird viel Geld hinein­ge­worfen, unten zerbrö­selt dann alles.

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Wie irre!! Jetzt muss der Mitar­beiter von »Price­wa­ter­house Coopers« (PwC) unter Poli­zei­schutz gestellt werden, weil er die Umschläge bei der Oscar-Verlei­hung falsch zuge­ordnet hat.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Artechock Berlinale-Tagebuch Folge 6: Die Berlinale zeigt heute weniger deutsche Filme als in den 90er Jahren

Die Perspektive »Neues deutsches Kino« auf der Berlinale: Ghetto fürs deutsche Kino? (Foto: Szene aus Mascha Schilinskis in der Perspektive laufenden Film Die Tochter)

Die Regis­seure werden immer älter, die Frauen nicht mehr und die Deutschen laufen im Ghetto – was tut Dieter Kosslicks Berlinale wirklich für den deutschen Film? Eine Münchner Studie liefert über­ra­schende Ergeb­nisse – Berlinale-Tagebuch, Folge 06

Die Berlinale ist das mit Abstand größte deutsche Film­fes­tival und auch eines der inter­na­tional bedeu­tendsten Film­fes­ti­vals der Welt. Dort laufen in über einem Dutzend Sektionen und Unter­sek­tionen Filme aus aller Welt, nicht zuletzt auch immer mehr Filme von Regis­seu­rinnen und immer mehr Filme aus Deutsch­land. Denn die Berlinale behauptet von sich, dass sie Frauen fördert und viel für das hiesige Kino tut, ein Schau­fenster für den deutschen Film ist.
»Wir haben 74 deutsche Filme in allen Programmen der Berlinale, das ist ja auch wichtig und drei im Wett­be­werb und mehrere deutsche Filme noch im ‘Berlinale-Spezial’.« Also sprach Berlinale Direktor Dieter Kosslick erst vor einer Woche, als er das dies­jäh­rige Programm vorstellte. Stimmt doch auch. Oder etwa nicht?
Es stimmt zumindest nicht ganz, muss man zugeben. Drei Wissen­schaftler der LMU, der Münchner Univer­sität und der HFF München, der Münchner Film­hoch­schule, Tanja C. Krainhöfer, Konrad Schreiber und Dr. Thomas Wiedemann,haben jetzt etwas genauer hinge­schaut, was wirklich an den voll­mun­digen Behaup­tungen und dem Selbstlob der Berlinale dran ist.
Das Ergebnis ist ernüch­ternd.
Die Wissen­schaftler haben 37 Jahre Berlinale-Programm gründlich unter die Lupe genommen und nach Herkunft, Alter und Geschlecht der Filme­ma­cher aufge­schlüs­selt. Weil im Gegensatz zu Cannes oder Venedig in Berlin die Leiter leicht die Amts­zeiten sowje­ti­scher Partei­funk­ti­onäre über­schreiten, werden damit genau­ge­nommen nur zwei Inten­danten mitein­ander vergli­chen: Der Schweizer Moritz de Hadeln, der 1980 die Leitung der Berlinale übernahm, und sein Nach­folger nach 21 Jahren,
Dieter Kosslick, der, wenn er im Jahr 2019 aufhört, auch 19 Jahre im Amt sein wird.
Was etwas trocken als »Unter­su­chung der Programm­di­ver­sität« – also der Programm­viel­falt – »der Inter­na­tio­nalen Film­fest­spiele Berlin« bezeichnet wird, ist
viel mehr nur eine enorme Fleiß­ar­beit – hinter allerlei Zahlen­ta­bellen und Diagrammen enthält der Text auch einigen kultur­po­li­ti­schen Spreng­stoff.
Das wich­tigste Ergebnis: Der Anstieg des deutschen Produk­ti­ons­auf­kom­mens spiegelt sich nicht in einer Erhöhung der program­mierten deutschen Produk­tionen wider. Gemessen am Gesamt­pro­gramm, das in den letzten Jahr­zehnten mehr als verdrei­facht wurde, hat der Anteil der deutschen Filme sogar abge­nommen. Weiterlesen

Die immer gern wieder­holte Selbst-Preisung des Direktors, er Dieter Kosslick habe auf seiner Berlinale so viel für die Präsenz des deutschen Films getan, ist auch in anderer Hinsicht einfach unwahr.

Denn abgesehen vom Wett­be­werb nimmt der Anteil der deutschen Filme in den wichtigen Sektionen »Panorama« und »Forum« sogar deutlich ab. Die relativ neue Sektion »Perspek­tive deutsches Kino« erweist sich als ein Ghetto für das deutsche Kino – in der Studie ist von einer »frag­wür­digen« »Abspal­tung« vom jungen inter­na­tio­nalen Programm die Rede.

Und noch mit einem weiteren Ergebnis übt die Studie deutliche Kritik: »Große Versäum­nisse sind … erkennbar, wenn es darum geht, die Vielfalt der deutschen Gesell­schaft im Programm wider­zu­spie­geln. Dies gilt einer­seits hinsicht­lich der Reprä­sen­tanz von Filme­ma­chern mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, ande­rer­seits aber auch im Hinblick auf den Anspruch auf Teilhabe von einzelnen Gruppen der deutschen Zuwan­de­rungs­ge­sell­schaft.«

Der multi­kul­tu­relle Alltag in Deutsch­land wird auf der Berlinale nicht sichtbar.

Auch in anderer Hinsicht genügt die Berlinale nicht ihren eigenen Ansprüchen bei genauerem Hinsehen nicht, jeden­falls nicht in Bezug auf das deutsche Kino: Die Gleich­stel­lung von Frauen.

O-Ton Dieter Kosslick auf der Pres­se­kon­fe­renz: »Das is’ ja heute wichtig: 124 Frauen sind im Programm der Berlinale vertreten, ja muss man sagen, die sind entweder mit Kamera, Produk­tion oder Regie vertreten. Wir sind auf gutem Wege«

Die Neben­be­mer­kung in Dieter Kosslicks Statement ist schon ein guter Hinweis. »Kamera und Produk­tion« – bei Männern würde der Berli­na­le­di­rektor das gar nicht erwähnen. Immerhin hat er Schau­spie­le­rinnen nicht auch noch mitge­zählt.

Was aber hinter den gut klin­genden 124 Frauen bei 370 Filmen nicht dazu gesagt wird: Die wenigsten sind Regis­seu­rinnen. Und wenn doch, dann kommen sie nicht aus Deutsch­land.

Aus der Münchner Studie wird Wider­sprüch­li­ches deutlich. Einer­seits steigt der Anteil der Regis­seu­rinnen konti­nu­ier­lich. Aber nur inter­na­tional. Deutsche Regis­seu­rinnen gibt es heute auf der Berlinale kaum häufiger, als vor 37 Jahren.

Und auch der allge­meine Anstieg ist vor allem ein statis­ti­scher Mittel­wert. Denn über die Jahre gibt es erheb­liche Schwan­kungen. Nur ein einziges Mal lag der Anteil von Regis­seu­rinnen im Programm höher als im aller­ersten Jahr 1980: 1999. Unter Dieter Kosslick lag er niemals so hoch wie unter seinem Vorgänger.

Mit solchen Fakten schütten die Münchner Wissen­schaftler etwas Wasser in den Wein des Festival-Marke­tings. Den Kater nach dem Berlinale-Rausch in ein paar Tagen wird das hoffent­lich mildern.

Das gesamte Berlinale-Tagebuch 2017 von Rüdige Suchsland finden Sie hier auf Artechock: http://www.artechock.de/film/text/special/2017/berlinale/index.htm

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Crew United: „Die Situation ist desolat“

Oliver Zenglein, einer der beiden Gründer und Geschäftsführer von Crew United (Foto: Steffi Henn)

Oliver Zenglein, einer der beiden Gründer und Geschäftsführer von Crew United (Foto: Steffi Henn)

Dieses Interview wurde von Jens Thomas geführt und am 9.2.3017 auf Creative City Berlin veröffentlicht.

Alle sind im Berlinale-Fieber. Das läuft. Wie gut ist es aber um die deutsche Filmbranche bestellt? Crew United hat gerade einen Aufruf zu „Faires Filmproduzieren“ veröffentlicht. Was meint faires Filmproduzieren? Was muss in der Branche passieren? Was kann jeder einzelne tun? Welche Rolle spielen die Gewerkschaften? Wir sprachen mit Oliver Zenglein, Co-Founder und Managing Partner von Crew United.

CCB Magazin: Hallo Oliver, ihr wollt die Arbeitsbedingungen für Filmschaffende in Deutschland verbessern. In Eurem Aufruf schreibt ihr: „Die Situation der deutschen Filmbranche und dem Großteil der Menschen, die darin arbeiten, ist desolat“. Was genau ist desolat?

Oliver ZengleinWirklich eine ganze Menge: Zunächst einmal fallen die meisten Beteiligten der Film- und Fernsehbranche durch das Raster des Sozialstaates, der keine fairen und angemessenen Lösungen für Arbeitnehmer jenseits des „klassischen Normalarbeitsverhältnisses“ bereithält. Ein Beispiel: Filmschaffende sind in der Regel mit Ausnahmen von beispielsweise Regisseuren oder Kameraleuten weisungsgebunden. Damit sind sie verpflichtet, ein befristetes sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis einzugehen. Folglich müssen sie Beiträge zur Arbeitslosenversicherung abführen. Seit 2005 müssen Antragsteller aber auf ALG 360 Sozialversicherungstage innerhalb einer Rahmenfrist von zwei Jahren nachweisen, um Arbeitslosengeld I (ALG I) zu erhalten. Vor 2005 betrug die Rahmenfrist drei Jahre. Immer mehr Film- und Fernsehschaffende werden darum unverschuldet zu Arbeitslosengeld II-Empfängern – trotz ihrer hohen Beitragszahlungen zur Arbeitslosenversicherung. Das ist im Grunde ein Euphemismus aus der Schröder-Zeit, denn es ist die Sozialhilfe und eben nicht die Arbeitslosenversicherung, in die sie eingezahlt haben. Ein weiteres Problem ist, dass nur knapp 12 Prozent aller Filmschaffenden über eine ausreichende Altersvorsorge verfügen. Drohende Altersarmut ist für einen großen Teil der Filmschaffenden vorprogrammiert. 

CCB Magazin:Ein Problem, das ihr ebenfalls benennt, ist der Faktor Zeit: „Es wäre viel einfacher, fair und nachhaltig Filme zu produzieren, wenn wir alle mehr Zeit hätten“. Wie bekommt man dieses Problem in den Griff?

Oliver ZengleinDas Problem ist, dass Budgets und Drehpläne meist so gestrickt sind, dass kaum Luft zum Atmen bleibt. Die Menschen, die Qualität der Filme und die künstlerische sowie wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit unserer Branche bleiben auf der Strecke. In der Filmbranche gibt es eben schon immer gute Gründe für lange Arbeitstage: Ein Motiv oder ein Schauspieler muss abgedreht werden, das Wetter und damit das Licht wechselt komplett usw. Sollte ja kein Problem sein. Ist es aber oft in vielfacher Weise.

CCB Magazin:Was ist denn das Problem im Kern? Weiterlesen

Oliver ZengleinZum einen werden Verträge pauschalisiert und die 11., 12., 13., 14. Stunde werden faktisch nicht gezahlt. Zum anderen wird die Ausnahme zur Regel und die Drehpläne werden schon inklusive Mehrarbeit kalkuliert. In die Tarifverträge wurde zwar ab 2010 der Begriff „Arbeitsbereitschaft“ im Zusammenhang mit Mehrarbeit integriert. Ein Begriff, der mit der Arbeitsrealität von Filmschaffenden aber nichts zu tun hat. Für einen „Tatort“ fallen plötzlich nur 19 statt noch vor Jahren 25 Drehtage an. Gearbeitet hat der Filmschaffende vielleicht sogar mehr, aber er hat weniger Geld, weniger Anwartschaftszeit für das Arbeitslosengeld, weniger Urlaubstage und auch weniger Rentenbeiträge.

CCB Magazin:Seit 2005 gibt es aber bereits eine Regelung im Tarifvertrag, die zur Führung eines Arbeitszeitkontos für jeden angestellten Filmschaffenden vorschreibt. So etwas bringt nichts?

Oliver ZengleinDas würde schon etwas bringen, aber viele halten sich nicht daran und an Selbstständigen geht diese Regelung völlig vorbei. Die Strukturen der deutschen Filmbranche, die maßgeblich durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und die Filmförderer geprägt werden, sind direkt und indirekt für die Situation mitverantwortlich. 

CCB Magazin:Inwiefern?

Oliver ZengleinDie Vergabe von, zum großen Teil, öffentlichen Geldern ist nicht an die Einhaltung sozialer Mindeststandards gebunden. Diese Standards werden ständig und massiv unterlaufen, die im Tarifvertrag benannte „Mindestgage“ für Anfänger wird als Normalgage behandelt oder unterboten usw. Bis vor kurzem hat das ZDF sogar noch zahlreiche Filmberufe in seinem jahrzehntealten Kalkulationsrahmen einfach nicht vorgesehen und damit nicht gezahlt, zudem wird bei TV-Auftragsproduktionen der Produzent eigentlich zum bloßen Budgetverwalter degradiert. Sein wirtschaftlicher Erfolg hängt nicht von der Qualität des Produkts ab, sondern entspricht genau dem Betrag des Budgets, das er nicht ausgibt.

CCB Magazin:Du sprichst von TV-Auftragsproduktionen. Betrifft das auch Kinoproduktionen?

Oliver ZengleinDa ist die Situation ähnlich. An der Verwertung ist der Produzent in der Regel erst ab einem Punkt beteiligt, der in den seltensten Fällen erreicht wird. Das Budget muss irgendwie reichen, um den Film und die in der Regel lange Entwicklungszeit zu finanzieren und die Firma am Leben zu erhalten. Filme werden einfach nicht besser, wenn sie billiger sind. Dadurch nimmt vielmehr die Selbstausbeutung in der Branche zu. Die immer noch verbreitete romantische Vorstellung, es würde zu einem Ausbruch an Kreativität kommen, wenn man einfach mal macht, egal wie viel Geld zur Verfügung steht, ist falsch und zynisch. 

CCB Magazin:Nur zwei von fünf Filmschaffenden können allein von ihrem Beruf leben – das belegt eine Umfrage des Bundesverbands „Die Filmschaffenden e.V.”, an der 3.827 Filmschaffende teilnahmen. Viele Filmschaffende sind freiberuflich. Muss man dann nicht einfach etwas anders machen, wenn man von seinem eigentlichen Job nicht leben kann?

Oliver ZengleinVielleicht wollen tatsächlich mehr Menschen beim Film arbeiten, als die Branche aufnehmen kann. Ganz sicher ist das im Bereich Schauspiel so, wo zirka 20.000 bis 25.000 Schauspieler auf Arbeit für ein paar Tausend treffen. Deshalb würde ich auch jedem Schauspieler von Anfang an raten, sich ein zweites Standbein aufzubauen. Das Problem würde sich aber nur zum Teil reduzieren, wenn einige die Branche verlassen. Hauptgrund für die prekäre Lage bleibt, dass die Arbeit zu schlecht bezahlt wird. Die Maxime maximaler Flexibilität nach dem Motto „Du wir müssen jetzt doch zwei Monate verschieben“ setzt eben voraus, dass allein der Filmschaffende das Risiko dafür trägt. …….

DAS RESTLICHE INTERVIEW KÖNNEN SIE HIER BEI CREATIVE CITY BERLIN LESEN:
http://www.creative-city-berlin.de/de/ccb-magazin/2017/2/9/interview-oliver-zenglein-crew-united

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„Ich stell’ mal eine ketzerische Frage“

Vorab eine Anmerkung des Autors: „In den Facebook-Kommentaren verstehen manche Menschen die Szene jetzt als so eine Art Generalabrechnung – nein, das sollte es nicht sein. Ich wollte nur keine staubtrockene Keynote als Diskussionseinstieg halten, sondern etwas Launiges, schließlich sind wir im Unterhaltungs-Business. Natürlich gründet sich das alles auf reale Erfahrungen von mir und von Kollegen – aber natürlich habe ich maßlos und bösartig übertrieben …“

Vorab eine Anmerkung des Autors: „In den Facebook-Kommentaren verstehen manche Menschen die Szene jetzt als so eine Art Generalabrechnung – nein, das sollte es nicht sein. Ich wollte nur keine staubtrockene Keynote als Diskussionseinstieg halten, sondern etwas Launiges, schließlich sind wir im Unterhaltungs-Business. Natürlich gründet sich das alles auf reale Erfahrungen von mir und von Kollegen – aber natürlich habe ich maßlos und bösartig übertrieben …“ | Illustration: cinearte

Stoffentwicklung in der Drehbuchhölle: Für die Fachtagung Film-Stoff-Entwicklung hatte der ­Drehbuchautor Robert Hummel im November seine Berufserfahrungen ironisch zusammengefasst.

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KONFERENZRAUM INNEN/TAG

Auf dem Tisch: Kekse, Wasser, Kaffee und ein Telefon. Der AUTOR (Mitte 40, blass, Rundrücken) kommt mit der DRAMATURGIN (Ende 20, wunderschön, Brille) herein.

DRAMATURGIN

Oder „True Detective“ … So was mal in Deutschland…!

AUTOR

Hab’ ich versucht. Der Sender sagte: Wenn es in Schweden spielen würde, ja – aber im Schwarzwald?

Die PRODUZENTIN (Ende 40, elegant) kommt herein.

PRODUZENTIN

So, nun kann’s losgehen. Alles gut?

Bevor der Autor antworten kann, erscheint der REGISSEUR, 50, Basecap.

REGISSEUR

Servus! Sie sind der Autor?

Der Autor nickt und schaut den Regisseur erwartungsvoll an.

REGISSEUR

Ah, ja.

PRODUZENTIN

Auf geht’s.

Die Dramaturgin stellt die telefonische Verbindung zur Redaktion her, die Redakteurin meldet sich über den Lautsprecher des Telefons.

REDAKTEURIN (per Telefon)

Hallo, Ihr Lieben!

Allgemeines Begrüßungsgemurmel.

REDAKTEURIN

Das ist so schade, daß ich nicht bei euch sein kann! Aber egal. Gehen wir doch gleich in medias res: Der Titel. Wir haben den Titel in der MaFo getestet. Abgrund Hamburg… ich find’s ja immer noch ganz großartig, aber in der MaFo kam er nicht so gut an. Zu düster.

PRODUZENTIN

Da finden wir sicher was Helleres. Ähm… was sagst du zur ersten Fassung des ­Pilotbuchs?

REDAKTEURIN

Fangt ihr doch heute mal an!

PRODUZENTIN

Ähm, ja… (zur Dramaturgin) Dorothea?

Die Dramaturgin ist überrumpelt, schaut hektisch in ihre Notizen.

DRAMATURGIN

Ja, also, ich, ähm…Want und Need unserer Heldin sind noch unklar. Die Wendepunkte finde ich nicht sehr prägnant, und ich habe auch nicht erkannt, wo die Weigerung der Heldin ist.

REGISSEUR

Was für eine Weigerung?

DRAMATURGIN

Im Modell der Heldenreise“ ist die Weigerung der Schritt vor der Begegnung mit dem Mentor.

AUTOR

Moment! Unsere Heldin ist Kriminalkommissarin, warum sollte sie sich weigern zu ermitteln?

DRAMATURGIN

Wenn ihr Need vielleicht wäre, daß sie, ähm…

PRODUZENTIN

Reden wir doch erst mal über die Big Points… Ich bin eigentlich ganz ­d’accord, nur die Hafenszene….

REGISSEUR

Die Hafenszene ist die einzige, die genauso bleiben kann!

Der Autor schluckt.

REGISSEUR

Kennt ihr Heat“ von Michael Mann? Wenn Pacino mit seinen Jungs da steht, und De Niro beobachtet ihn von oben? Sowas mach ich, aber besser! Mit ’ner Drohne! Ich fang über dem Hafen an, Hammer-Totale, wir fliegen über die Kräne, dann runter, zwischen den Containerstapeln durch – und peng! bin ich close auf dem Gesicht. Kino im Fernsehen! Geil!

PRDOUZENTIN

Weißt du, was dieser Drehtag im Hafen kostet?

REDAKTEURIN

Ich hatte das größte Problem mit dem Antagonisten. Der Anschlag auf die Elbphilharmonie, das ist schon sehr extrem.

AUTOR

Soll es doch auch sein!

REDAKTEURIN

All die Konzertbesucher… Also ich würde das nicht tun.

AUTOR

Natürlich nicht! Weil du eine glücklich verheiratete Frau bist und kein einsamer Ex-Elitesoldat, der seine Familie verloren hat!

DRAMATURGIN

Wenn wir vielleicht mehr aus der Backstory über sein Need erfahren würden?

REGISSEUR

Ich will da nicht irgendwelche Erklärbär-Dialoge, ich mache kein Bügelfernsehen!

AUTOR

Ich hab es genauso geschrieben wie im Treatment und da fanden es alle…

REDAKTEURIN

Das stimmt, aber unser Programmdirektor meint, wir müssen aufpassen, daß wir unsere Zuschauer da nicht zu sehr verschrecken.

AUTOR

Aber diese Übervorsicht ist doch genau der Grund, warum uns nur noch Leute über 60 zusehen! Wenn wir nach Amerika schauen…

PRODUZENTIN

Thomas, jetzt nicht wieder die Grundsatzrede, daß Autoren mehr Macht brauchen!

REDAKTEURIN

Was ich noch sagen wollte: Der Sendeplatz! Da gibt es eine kleine Unsicherheit: Wir wollen das ja eigentlich am Donnerstag in der Late Prime Time zeigen.

PRODUZENTIN

22:15, nach Mord in Berlin“.

REDAKTEURIN

Genau. Aber es könnte auch sein, daß wir auf die Access Prime Time am Dienstag gehen.

REGISSEUR

Access Prime Time?

REDAKTEURIN

Vor der Prime Time.

REGISSEUR

Vorabend???

REDAKTEURIN

Um Gottes Willen! 19 Uhr 30. Als Lead-in für Kinder, Küche, Kirche“.

AUTOR

Diese Comedy mit der Pfarrerin?

REDAKTEURIN

Dramedy! Aber das ist aber noch nicht entschieden. Ich sag’ euch – Programmplanung… das wollt ihr nicht wissen!

Das I-Phone des Regisseurs summt. Er schaut aufs Display und geht hinaus, um zu telefonieren.

REDAKTEURIN

Ich stelle mal eine ketzerische Frage …

Der Autor schluckt.

REDAKTEURIN
Könnten wir Abgrund Hamburg“ – oder wie auch immer – weniger düster und mehr, ich sag mal: komödiantisch erzählen?

Der Autor schaut die Produzentin entgeistert an.

REDAKTEURIN

Komödiantisch nicht im Sinne von Schenkelklopfen, sondern im Sinne von… ich sag mal… Rizzoli and Isles: Alltag, Beziehungsprobleme… also nicht Probleme im Sinne von Probleme, sondern im Sinne von Humor!

DRAMATURGIN

Vielleicht gibt es eine Unresolved Sexual Tension innerhalb unseres Teams?

REDAKTEURIN

Ja, es muß ja nicht Sexual im Sinne von Sexual sein, sondern im Sinne von…

AUTOR

Also tut mir leid, aber …

Der Autor stockt, weil die Produzentin hektisch mit den Händen wedelt.

AUTOR

Ähm…

REDAKTEURIN

Was?

Die Produzentin macht ein bittendes Gesicht zum Autor.

AUTOR

Gut, ich werde mal sehen …

DRAMATURGIN

Womit wir allerdings eine weitere Horizontale hätten?!

REDAKTEURIN

Oh ja … mhm … Also dann nur ganz klein!

PRODUZENTIN

Wie sieht’s denn mit der Besetzung aus?

REDAKTEURIN

Unser Programmdirektor hätte für den Antagonisten gern Elyas M’Barek.

Der Autor schaut entgeistert.

PRODUZENTIN

Ja … Macht der denn überhaupt Fernsehen?

REDAKTEURIN

Och … Wenn das Buch gut ist?! Was sagt unser Regisseur dazu?

PRODUZENTIN

Der ist … gerade kurz draußen.

Die Produzentin bedeutet der DRAMATURGIN gestisch, den Regisseur reinzuholen. Die Dramaturgin huscht hinaus.

PRODUZENTIN

Aber ich glaube, er findet das ganz okay.

AUTOR

Moment! Aber der Antagonist ist 50 und das muß er auch sein, wegen seiner Stasi-Backstory und…

REDAKTEURIN

Ach so, Stasi finde ich sowieso irgendwie….

Die DRAMATURGIN kommt wieder herein, ohne den Regisseur.

AUTOR

Aber die Stasi-Backstory hatten wir doch ausführlich besprochen?

REDAKTEURIN

Ja, aber es gab schon Weissensee“, und bald kommt Deutschland 86“ … Laßt uns das einfach noch mal ganz neu denken!

PRODUZENTIN

Du, immer gerne! Nur: Elyas M’Barek … Ich weiß nicht, ob unser Budget …

AUTOR

Moment, also selbst wenn, und selbst wenn ich die Rolle jünger mache – das ist ein traumatisierter Killer! Das paßt doch gar nicht zu Elyas M’Barek!

REDAKTEURIN

Zur Not nehmen wir Fahri Yardim!

Der Regisseur ist hereingekommen, hat das Letzte gehört.

REGISSEUR

Mit Fahri bin ich mal geflogen, super Typ!

DRAMATURGIN

Also, ich find’ den auch ganz süß, so…

REDAKTEURIN

Gut, Ihr Lieben, dann machen wir das so. Fein! Ich freu mich auf die nächste Fassung! In einer Woche?

Der Autor schüttelt entsetzt den Kopf, die Produzentin sieht ihn flehend an.

AUTOR

Ich… kann’s versuchen.

Die Produzentin lächelt erleichtert.

REDAKTEURIN

Super, danke euch für das schöne Gespräch, Tschü-hüs!

Alle atmen kurz durch. Aber dann hören sie die Stimme der…

REDAKTEURIN

Herr-gott…

Alle schauen auf das Telefon. Offenbar hat die Redakteurin vergessen aufzulegen.

REDAKTEURIN

Wenn das schief geht, lande ich wieder im Vorabend.

Die Produzentin beendet die Verbindung.

AUTOR

(zur Produzentin) Wieso sollte ich denn eben nichts sagen?

PRODUZENTIN

Unter uns: ich hab noch zwei Neunziger bei der Redaktion liegen, die noch kein grünes Licht haben, du verstehst?

Der Regisseur erhebt sich.

REGISSEUR

Ich muß. Mein Flieger.

PRODUZENTIN

Du hast weiter keine Anmerkungen?

REGISSEUR

Hauptsache visuell! Den Rest mache ich in der Regiefassung!

Der Autor schluckt. Der Regisseur geht hinaus.

PRODUZENTIN

Fein, dann ist ja alles klar: Hafen raus, Elyas rein. Stasi vielleicht, aber nicht wie in Weissensee“, Sexual Tension, aber nicht zu sexual, Horizontale ja, aber nur klein.

Der Autor schluckt.

PRODUZENTIN

Das wird gut, Thomas! Die großen Bögen sind jetzt klar, und wenn du Fragen hast, rufst du Dorothea an!

Die Produzentin rauscht hinaus. Die Dramaturgin schaut den Autor aufmunternd an.

DRAMATURGIN

Wollen wir noch mal über Want und Need der Heldin reden?

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Fortuna – Anmerkung zur aktuellen Förderentscheidung des MBB, Bereich Experimentalfilm

Fortuna, Gemälde von Tadeusz Kuntze 1754

Glücksgöttin Fortuna, auch als „Macht des Schicksals“ bekannt, verteilt ihre Gaben ohne Ansehen der Person. Aus ihrem Füllhorn schüttet sie Glück und Unglück über die Menschen, greift als Orakelgöttin in die Speichen vom „Rad des Lebens“. Millionen Menschen spielen Lotto, hoffen auf das große Los.

Wettbewerbe produzieren Gewinner und Verlierer. An Spielen, in denen es um Leben und Tod geht, vergnügen sich die Menschen zu allen Zeiten. Aktuell stehen im TV die „Tribute von Panem“ auf der Beliebtheitsskala ganz oben, es geht um Liebe und Tod und es gibt nur einen Gewinner bzw. eine Gewinnerin. So wie im US-Wahlkampf, der, eine fast perfekte Show, die Menschen gefesselt hat.

Der Rahmen ist eng, in dem es in Deutschland möglich ist, Dokumentarfilme zu realisieren. Fernsehen und Förderungen sind die Ansprechpartner, eine freie Filmwirtschaft gibt es nicht. Um Förderung zu bekommen, muss es bereits einen Fernsehvertrag oder mindestens eine Zusage geben. Außer beim MBB, dem Medienboard Berlin-Brandenburg, dort gibt es einen Topf für Experimentalfilmprojekte. Wenn ich mich richtig erinnere, wurde dieses Förderungsinstrument vor langer Zeit vor allem von Frauen erkämpft; da denke ich besonders an die unlängst verstorbene nimmermüde Kämpferin Tamara Wyss. Dieser Topf ist einmalig – eine Rarität, allerdings nur mit einem kleinen Etat ausgestattet. Weiterlesen

Für meinen neuen Experimentalfilm habe ich mich mit meiner Firma kinoglas-films um Förderung beworben und Fortuna hat sich gegen uns entschieden. Wie gesagt, Wettbewerbe produzieren Gewinner und Verlierer. Gewinner freuen sich, Verlierer sind mehrheitlich verärgert. Ich fühle mich verletzt, zurückgesetzt und auch sprachlos – nein nicht sprachlos, es fehlen die rechten Worte. Hätte ich gewonnen, würde ich als Sieger feiern und schweigen – Fortuna danken, dass sie ihr Füllhorn über unser Projekt ausgeschüttet hat. Vermutlich muss ich ihr insgeheim meinen Dank aussprechen, denn sie ist es, die mich durch ihre Ablehnung dazu anregt nachzudenken, was ich da tue, indem ich ihr Spiel akzeptiere.

Nur einmal im Jahr können beim MBB für den Bereich Experimentalfilm Anträge gestellt werden. Bei der Entscheidung 2016 hatten sich 23 Projekte beworben mit einer gesamten Fördersumme von 730.000 €. Gefördert wurden 8 Projekte mit einer gesamten Fördersumme von 180.000 €. Diese Entscheidung wirft Fragen auf. Wie hoch ist der Topf für die Experimentalfilmförderung? Das Medienboard hat eine Jahresetat von 26 Millionen €. Warum wurden davon nur 180.000 € von diesem in Deutschland einmaligen Fördergremium bereitgestellt? Bedacht werden muss, dass es viel mehr Bewerber*innen gab, denn in einem Vorgespräch werden Projekte zur Antragsstellung eingeladen oder nicht, sodass viele Projekte bereits im Vorfeld aussortiert werden.

In meinem neuen Experimentalfilm behandele ich das aktuell hochbrisante Thema der „Gesichtserkennung“. Was von dem Thema in der Öffentlichkeit verhandelt wird, ist pure Oberfläche, Propaganda der auf Sicherheit bedachten Regierungen. Und es ist besonders für Firmen ein großes Geschäft. Aktuell investiert die Deutsche Bahn 85 Millionen € in die Aufstellung von 5.000 neuen Kameras. Abgesehen davon, ob diese Form der Überwachung sinnvoll ist, müssen dieses Investitionsprojekt die Bahnkunden bezahlen. In diesen und in vielen anderen Fällen interessiert mich, was die Kameras tagaus, tagein sehen, wo die Bilder landen, wer sie sieht, ob sie gesehen werden oder ob das nur Sicherheitspropaganda ist. Da dieses Projekt der „Gesichtserkennung“ weltweit angelegt ist und so auch geforscht wird, Milliarden investiert werden und es noch keine überzeugenden Ergebnisse, Standards gibt, ist der ganze Vorgang eher ein Versprechen und wird mit größter Geheimhaltung behandelt

Als Filmemacher sehe ich in dem, was da rund um den Globus passiert, die Entstehung eines Medienschatzes – Milliarden von Bildern erzählen von unserem Leben und werden nach einer kurzfristigen Speicherzeit ungesehen gelöscht. Ich möchte die scheinbar banalen Bilder von Flughäfen, Bahnhöfen, Museen, Kaufhäusern sehen – dürfen. Ich sehe darin Kunst, strukturelle Kunst, moderne Paul Klees. Ich will hier nicht mein Filmprojekt ausführlich vorstellen und verteidigen; ich akzeptiere die Entscheidung, denn ich habe mich auf das Wettbewerbsverfahren eingelassen. Aber ich will sie kritisieren und will einen anderen Umgang mit dem, was unter Experimentalfilm verstanden wird.

Unser Projekt ist auf 96.000€ kalkuliert, davon hat bereits das BKM 40.000 zugesagt und unser Eigenanteil beträgt 25.000€. Die Förderung unseres Projektes wäre für das MBB ein gutes Geschäft gewesen: das MBB gibt 31.000€ für einen Film im Wert von 96.000.
Die 8 geförderten Projekte wurden mit einer Durchschnittsumme von etwas mehr als 20.000 bedacht – für jeden, der weiß, wie teuer heute die Herstellung eines anspruchsvollen, wettbewerbsfähigen Medienproduktes ist, zu wenig zum Leben oder Sterben.

Fortuna ist in dem Fall Kirsten Niehuus, seit 2004 Intendantin des MBB, seit zwölf Jahren dreht sie dort das Glücksrad, darf jährlich 26 Million € verteilen, produziert Gewinner und Verlierer: Die Medienbranche hat es so gewollt, eine Intendantin mit alleiniger Entscheidungsbefugnis. Eine Fördereinheit Experimentalfilm, die 180.000€ von 26 Millionen € vergibt – das ist weniger als 1% – verschenkt eine Chance auf ungewöhnliche Werke, die oft nur mit Hilfe dieser Förderung entstehen können. Dieser marginale Anteil empört. Zumal Anträge zum Experimentalfilm eingeladen wurden und dann 8 Videokunstprojekte gefördert worden sind, das verwirrt. Film – Video – Kunst.

AUFRUF
Ich möchte alle Einreicher*innen, deren Projekte nicht gefördert worden sind, kennenlernen, um gemeinsam nach Wegen zu suchen, wie das jeweilige Projekt dennoch realisiert werden kann. Wir, Kinoglas-films bekommen z.B. das Geld vom BKM nur, wenn wir die Förderung schließen können und das wird jetzt schwer – neue Wege müssen gefunden werden. Warum nicht gemeinsam danach suchen? Also bitte, alle 15 Antragsteller*innen, die ihr keine Förderung bekommen habt, meldet euch! Gemeinsam Überlegungen anzustellen, liegt im Trend.
Im Koalitionsvertrag der neuen Regierung von Berlin steht: „Die Koalition stockt die Mittel für das Medienboard auf – und das bestehende Fördersystem soll durch experimentelle Verfahren der Projektmittel ergänzt werden.“
Da könnten wir, die Abgelehnten, die Ersten sein, die solch ein Verfahren erarbeiten, praktizieren. Auf Zuschriften bin ich gespannt.
Gerd Conradt
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Cinema Moralia – Folge 145: »Wenn ich keinen Verleih finde, gründe ich meinen eigenen«

Eine Ausstellung in der Pasinger Fabrik widmet sich Zur Sache, Schätzchen, dem Kultfilm der 68er. Infos über die Rahmenveranstaltungen gibt es unter www.schamoni.de (Foto: Archiv Schamoni Film)

»Wenn Sie heute schrieben: hier an dieser Stelle: den ‘Werther'; die Epigramme und Elegien; Prome­theus auf Italie­ni­scher Reise: Sie stünden längst vor Gericht! Als Defaitist; als Erotiker; wegen Gottes­läs­te­rung; Belei­di­gung poli­ti­scher Persön­lich­keiten!«– Arno Schmidt, »Goethe und Einer seiner Bewun­derer« (1957)
»Ich lese immer die Morgen­post, um das Lokale mitzu­be­kommen.« – »Ich lese die NZZ, um dem Lokalen zu entgehen.«– Dialog in einem Café

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Pop pur – wer Uschi Glas nur daher kennt, weil er sie in den Nuller-Jahren mal gesehen hat, wie sie in Leder­hosen in irgend­einem Wiesn-Zelt auf der Bühne tanzt (wie ich dies mal an einem unver­gess­li­chen Abend gemeinsam mit Richard Oehmann gesehen habe, WIRKLICH gesehen habe, nicht nur im Rausch der fünften Mass), der kennt auch Uschi Glass nicht.
In die Münchner, die baye­ri­sche und die deutsche Film­ge­schichte ist sie einge­gangen und wird dort bleiben, weil sie in Zur Sache, Schätz­chen gespielt hat. Dieser Film, 1967 in München gedreht, reprä­sen­tiert mehr als viele Werke den Kino-Aufbruch der späten 60er Jahre, und das Lebens­ge­fühl der kultu­rellen Revolte und überhaupt der west­deut­schen Locke­rungen jener Jahre.
Es ist darum nur folge­richtig, dass die Pasinger Fabrik, in gestern eine Ausstel­lung zum Film eröffnet wurde, den Film in den Zusam­men­hang eines weiter ange­legten Projekts zum »Lebens­ge­fühl der 68er« stellt, dem sich in nächster Zeit viele Insti­tu­tionen und Museen widmen werden. Die Ausstel­lung, die bis zum 29.01.2017 läuft (mit Begleit­ver­an­stal­tungen), soll danach 2017/18 auch auf Reisen gehen.
Produ­ziert wurde Zur Sache, Schätz­chen bekannt­lich vom Münchner Filme­ma­cher Peter Schamoni. Weiterlesen

In dessen hinter­las­senem Archiv befinden sich die Produk­ti­ons­un­ter­lagen, Dreh­bücher, ca. 1000 6×6 Negative von größ­ten­teils unver­öf­fent­lichten Fotos der Dreh­ar­beiten, die Original-ARRI-Aufnah­me­ka­mera, das NAGRA-Aufnah­me­gerät und die Tonbänder vom Dreh, und alles mögliche sonstige Material. Auch Regis­seurin May Spils und Haupt­dar­steller Werner Enke haben ihre persön­liche Sammlung zur Verfügung gestellt – mit anderen Worten: die Ausstel­lung ist eine tolle Wunder­tüte. In der »Welt« schrieb Rüdiger Dilloo zum Filmstart am 12. Januar 1968: »May Spils und Schamoni treffen sich in der Ansicht, der junge deutsche Film dürfe bei aller L’art-pour-l’art-Spielerei und höchst­per­sön­li­cher Gesell­schafts­grü­belei ruhig auch die Kinokasse fixieren. ‘Kommer­ziell’ ist ihnen nicht a priori ein Schimpf­wort. Ihr Film lebt von seinem Tempo; der köstliche Jargon-Dialog, die optischen Einfälle folgen einander geradezu unöko­no­misch schnell: Martin (Werner Enke), dabei, seinen Geburtstag zu verschlafen, wird von Henry (Henry van Lyck) aus dem Bett geschmissen, albert im Schwimmbad, später mit einem dort aufge­ga­belten Mädchen (Uschi Glas) im Tierpark herum, schläft unver­bind­lich ein bisschen mit ihr, weil sie so kuschelig ist, und hat dazwi­schen ein paarmal Ärger mit der Polizei, weil er als Zeuge eines Einbruchs nicht aussagen will. Dazwi­schen: Kneipen, Zocken, Tisch­fuß­ball; und jeden­falls Prin­zi­pi­en­treue: Bloß nicht Geld verdienen, bloß nicht Familie, bloß nicht Bürger­sinn, Verant­wor­tung, Anpassung, Normal­sein. Zur Sache, Schätz­chen ist kein Film, der zu irgend­wel­chen Bewusst­se­in­s­ufern hinführt. Er ist einfach unter­hal­tend, komisch, dabei intel­li­gent.«
Man muss den Film jetzt deshalb zwar nicht zum »deutschen ‘AUSSER ATEM« hoch­jazzen.
Aber von da an ging es nicht nur mit Uschi Glas bergab.

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»Berlin verkauft Pfle­ge­heime für 420 Euro. Und was machen sie damit? Sanieren die Stadt­au­to­bahnen.« Auch das schnappte ich gerade erst im Café auf.
Sehr gern würde ich hier Veran­stal­tungen auch vom Rest der Republik ankün­digen, aber entweder schlafen die Pres­se­stellen, oder Berlin und München sind wirklich die einzigen Orte, an dem filmmäßig etwas passiert. Wie immer Anfang Dezember geben sich in der Haupt­stadt gleich zwei Festivals die Klinke in die Hand: Die Fran­zö­si­sche Filmwoche mit einem insgesamt etwas dünnen und braven Programm, in dem aber immerhin mit Paul Verhoevens Elle einer der besten Filme des Film­jahres läuft. Und »In 14 Films around the world«, eine Art Inde­pen­dent-Gegen­ber­li­nale von Bernhard Karl, den man in München als Programmer des Filmfests kennt. Dort hat am Samstag der andere der zwei besten Filme im dies­jäh­rigen Cannes-Wett­be­werb seine Berlin-Premiere: Personal Shopper von Olivier Assayas.

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Am heutigen Donnerstag gibt es bei »14 films« wieder den »deutschen Abend« und die jährliche Diskus­sion »Quo vadis deutsches Kino?«
Ab 18 Uhr im Kino in der KulturBrauerei geht es – tref­fen­der­weise bei freiem Eintritt! – um den Zustand der deutschen Verleih­land­schaft. Mit der ersten Trägerin des neuen »Heinz-Badewitz-Preises« in Hof, Regis­seurin Tini Tüllmann, mit dem frisch zum Ritter geschla­genen Verleiher und Kriti­ker­kri­tiker Torsten Frehse (Neue Visionen Film­ver­leih), und mit dem geschätzten Kollegen Martin Schwarz (Zitty und TIP) darf ich über das vergan­gene Filmjahr debat­tieren.
Die Mode­ra­tion übernimmt Felix Neun­zer­ling, ZOOM Medi­en­fa­brik.

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Das Thema Verleih brennt auf den Nägeln: Gefühlt kommt jeden Monat ein neuer Film­ver­leih in Deutsch­land auf den Markt – und verschwindet genauso regel­mäßig wieder. Die etablierten Verleiher gehen immer weniger Risiken ein, immer öfter bringen die Produ­zenten ihre Filme selbst heraus. Der letzte Akt der Selbst­aus­beu­tung folgt für viele unab­hän­gige Produk­tionen.

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Die Bilanz des Film­jahres ist nicht besser: Ohne Berück­sich­ti­gung der Kinder­filme liegt das Durch­schnitts­alter der Arthouse-Kino­be­su­cher (lassen wir die Proble­matik des blöden »Arthouse«-Begriffs einmal beiseite. Unter den fällt viel ameri­ka­ni­sches und nicht­ame­ri­ka­ni­sches Main­stream­kino wie Still Alice, »Der Staat gegen Fritz Bauer und Die Frau in Gold) bei über 50 Jahren. Mehr Selbst­stän­dige, weniger Studenten als im Besu­cher­durch­schnitt, mehr Frauen. Filmkunst ist eine Domäne der Großs­tädte und der ganz kleinen Städte.

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Außer den ca. drei Pres­se­mit­tei­lungen, die die Kultur­staats­mi­nis­terin täglich direkt verschickt, bekommt man auch noch regel­mäßig Pres­se­infos von der Kultur­stif­tung des Bundes. Aus der neuesten erfährt man, dass die Kultur­stif­tung »unter Vorsitz der Kultur­staats­mi­nis­terin Monika Grütters« insgesamt 41,5 Mio. Euro »für neue Vorhaben« verab­schiedet hat. Kaum über­ra­schend kommt der Film hier wieder einmal im Vergleich mit allen anderen Kunst­formen auffal­lend schlecht weg.
Aufgabe der Kultur­stif­tung des Bundes ist übrigens die Förderung »kultu­reller Leucht­türme« – merk­wür­diges Deutsch. Gefördert werden »kultu­relle Spit­zen­ein­rich­tungen und Veran­stal­tungs­reihen verschie­dener Sparten, die zum inter­na­tio­nalen Renommee von Kultur­ver­an­stal­tungen in Deutsch­land beitragen.« Unter diesem Bla-bla-Begriff finden sich die Berlin (!) Biennale (3 Mio. Euro
jährlich), das (Berliner !) Thea­ter­treffen (1,9 Mio. Euro), die Donau­eschinger Musiktage (252.000 Euro), die (Berliner !) trans­me­diale (550.000 Euro), das Ensemble Modern (250.000 Euro). Der alle drei Jahre statt­fin­dende Tanz­kon­gress bekommt 960.000 Euro. Die Kasseler documenta erhält bis 2022 eine Förderung von insgesamt 4,5 Mio. Euro. Weitere 5,5 Millionen Euro gehen im Zeitraum 2017 bis 2021 an den Fonds Doppel­pass für Koope­ra­tionen von freien Gruppen und festen Tanz- und Thea­ter­häu­sern. Am Beet­ho­ven­jahr 2020 beteiligt man sich mit 1,5 Mio. Euro für die Einrich­tung von zwölf andert­halb­jäh­rigen Resi­denzen für inter­na­tio­nale Künstler/innen.
Einzige Film­ver­an­stal­tung auf der Liste ist der »World Cinema Fund«, der Film­för­der­fonds der Berlinale, der gerade mal 360.000 Euro erhält.

+ + +

Ein weiteres Projekt klingt erstmal noch am inter­es­san­testen: »2 Mio. Euro stellt die Kultur­stif­tung des Bundes bis 2020 für das Projekt Neue Auftrag­geber nach dem Vorbild der in Frank­reich erfolg­rei­chen Initia­tive Nouveaux Comman­ditaires zur Verfügung. Lokal orga­ni­sierte Bürge­rinnen und Bürger werden dabei unter­s­tützt, mit inter­na­tional renom­mierten Künst­le­rinnen und Künstlern in Kontakt zu treten, um ein eigen­s­tän­diges Werk gleich welcher Sparte speziell für ihren Herkunftsort in Auftrag zu geben. Jedermann kann zum Auftrag­geber bedeu­tender Kunst­werke werden – so lautet das Credo der Neuen Auftrag­geber. Die Kultur­stif­tung des Bundes unter­s­tützt die in Deutsch­land in Gründung befind­liche Gesell­schaft der Neuen Auftrag­geber darin, die Entwick­lung von erst einmal max. 20 Projekten zu erproben. Sie fördert diese Vorhaben bis zur Erar­bei­tung eines konkreten künst­le­ri­schen Entwurfs. Die Akquise zur Finan­zie­rung der Produk­tion der Werke soll dann durch die lokalen Neuen Auftrag­geber orga­ni­siert werden.«
Für Filme­ma­cher scheint das aber schwer umzu­setzen.

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In der antrags­ge­bun­denen »Allge­meinen Projekt­för­de­rung« werden 5,7 Mio. Euro an 37 Projekte ausge­schüttet, also durch­schnitt­lich 154.000 Euro, und zwar an: Instal­la­tionen inter­na­tio­naler, zeit­genös­si­scher Künstler/innen unter dem Motto »Targeted Inter­ven­tions« am Militär­his­to­ri­schen Museum der Bundes­wehr in Dresden; die Ausstel­lung FMP: The Living Music Haus der Kunst in München; das Lite­ra­tur­haus Rostock für das Projekt »Reading the Baltic«,
Thea­ter­ma­cher/innen im Rahmen des Festivals für inter­na­tio­nale Neue Dramatik der Berliner Schau­bühne; das Centrum für Natur­kunde der Univer­sität Hamburg mit einer Ausstel­lung zum Klima­wandel und dem Schwinden der Arten­viel­falt; das Kunstfest Weimar mit dem Projekt Große Erzäh­lungen: 100 Jahre Kommu­nismus; ein inter­na­tio­naler Kongresses im Lite­ra­tur­haus Stuttgart; Spiel­motor München; das inter­na­tio­nale Festival für zeit­genös­si­sche Musik Acht Brücken | Musik für Köln.
Eine echte Film­ver­an­stal­tung ist dagegen nicht dabei. Anläss­lich des 85. Geburts­tages von Alexander Kluge richtet das Essener Museum Folkwang immerhin eine umfas­sende Werkschau aus, deren Schwer­punkt auf dessen virtuosen filmi­schen Bild­col­lagen liegt. Und mit viel Wohl­wollen kann man zum Film auch rechnen, dass die im Iran aufge­wach­sene, in den USA lebende Künst­lerin Shirin Neshat im Fokus einer Werkschau der Kunst­halle Tübingen steht.

+ + +

Nur dass man mal weiß, wo das Geld sonst noch so hingeht: Medialeis­tungen im Wert von 80.000 Euro erhält die Münchner Games­firma United Soft Media Verlag GmbH für das »Location-based-Artillery Game« »Steam­pump­kins«.
Aus der Pres­se­mit­tei­lung des FFF Bayern: »Als Spiel­fläche fungiert die Erde, die Spieler visieren jeweils mit einem Device per Sensor-Steuerung reale Ziele an und bewerfen sie mit Kürbissen oder anderen Früchten. Gespielt werden kann mit Freunden oder Unbe­kannten auf der ganzen Welt, einzeln oder im Team.«
Und dann wundert man sich über Trump und die AfD?

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»Kino verbindet.« Mit dem Projekt »Kino verbindet« will die AG Kino-Gilde einen Beitrag zur kultu­rellen Inte­gra­tion von jungen geflüch­teten Erwach­senen leisten. Gefördert vom Bundes­bil­dungs­mi­nis­te­rium können Kinos gemeinsam mit Orga­ni­sa­tionen, die unmit­telbar mit der Ziel­gruppe der jungen geflüch­teten Erwach­senen zu
tun haben, Projekte einrei­chen und Förder­mittel bekommen. Möglich sind zum einen mode­rierte Film­vor­füh­rungen speziell für junge Geflüch­tete, die medi­en­päd­ago­gisch vorbe­reitet und begleitet werden. Zum anderen besteht die Möglich­keit, Geflüch­tete in normale Film­vor­füh­rungen einzu­laden und gemeinsam mit Mode­ra­toren und Pädagogen Begeg­nungen mit der lokalen Bevöl­ke­rung zu schaffen. Gefördert werden können unter anderem die Honorare für Pädagogen, Mode­ra­toren und Über­setzer, aber auch Fahrt­kosten, Film­mieten und Werbe­ma­te­rial. Pro Maßnahme stehen 1.235,00€ zur Verfügung. Ziel ist es, möglichst einmal im Monat eine solche Maßnahme anzu­bieten.
»Durch »Kino verbindet« werden Kinos unter­s­tützt, die einen wichtigen Beitrag zur kultu­rellen Inte­gra­tion von Geflüch­teten leisten«, so AG Kino-Gilde Geschäfts­führer Felix Bruder. Weitere Infor­ma­tionen in der Geschäfts­stelle der AG Kino-Gilde e.V. bei Claudia Nowak (Aktiviere Javascript, um die Email-Adresse zu sehen)

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 144: »Mangel an Urteilskraft… Ignoranz… Zynismus in Reinkultur«

Nachruf in Filmen: Menschen am Sonntag – im Double Feature mit High Noon

Die uner­le­digten Aufgaben der Film­mi­nis­terin Monika Grütters und ihres heim­li­chen Vorge­setzten Günter Winands, der Ritter­schlag für einen Kommu­nisten und ein Nachruf in Filmen – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 144. Folge

»Ich glaube schon, dass Kino ein stärkeres Medium als Literatur ist. Ich weiß nicht, ob die Jugend in der Literatur die Leit­fi­guren findet, die sie braucht. Eddie Constan­tine zum Beispiel hatte eine solche Komik und Gelas­sen­heit, dass man von ihm, wenn man ihn öfter gesehen hat, Gelas­sen­heit lernen konnte. Gelas­sen­heit ist sehr wichtig.«
Ilse Aichinger

Ilse Aichinger ist gestorben, was mich aus vielen Gründen traurig gemacht hat. Einer davon ist, dass sie so großartig über Kino geschrieben hat, wie kaum jemand sonst in deutscher Sprache. Für sie war Kino nicht irgendwas, nicht Beiwerk, sondern das Essen­ti­elle. Eine Elemen­ta­rer­fah­rung, ein Teil des Lebens und darum dem Tod verbunden. Auch dass sie fast zeit­gleich starb, wie Leonard Cohen hat mich berührt, aber das ist eine Geschichte, über die muss ich später mal ausführ­li­cher schreiben.
Aichinger starb zehn Tage nach ihrem 95. Geburtstag. Wer etwas von ihrer Beziehung zum Kino erfahren möchte, sollte »Film und Verhängnis« lesen, eine Art Auto­bio­gra­phie mit dem Kino. Film als Hoff­nungs­zei­chen wird dort beschrieben, wunder­bare Sätze skiz­zieren die Kino­land­schaft des Vorkriegs-Wien zwischen »Sascha-Palast«, »Schwar­zen­berg­kino« und »Fasan«-Kino, mitten im Krieg, ange­sichts der Verfol­gung, war Kino mehr als Eska­pismus oder billiger Trost. »Die Erlösung war das Kino«.
Weiterlesen

Weil Aichinger bis ins höchste Alter gern ins Kino ging, wollte ihr das Film­mu­seum Austria eigent­lich zum 95. ein Geburts­tags­ge­schenk machen, das nun – könnte es passender sein! – zum Nachruf in Filmen geworden ist.
»Nach­mit­tags­kino« heißt die Reihe, die Filme von 1929 bis 1995 versam­melt, deren Auswahl alles sagt, und zum Beispiel neben  Liebelei und Before Sunrise auch den Western High Noon mit dem Weimarer Avant-Nouvelle-Vague-Film Menschen am Sonntag zum Double-Feature verknüpft. Warum wohl? Nicht wegen Godard, der beide Filme schätzte sondern wegen Fred Zinneman, der 1929 Regie­as­sis­tent war und bei den Menschen am Sonntag Regie führte. Do not forsake me, oh my darling…

+ + +

Flücht­linge, Gejagte, Außen­seiter – die stehen auch im Zentrum von »Haunted«, einem Film der Syrerin Liwaa Yazji, der am Freitag und am Montag im Berliner Kino Movie­mento aufge­führt wird.
Die Regis­seurin schreibt dazu: »Als die Bomben kamen, war das erste was wir taten, wegzu­laufen. Später erin­nerten wir uns daran, nicht zurück geschaut zu haben. Wir haben uns nicht verab­schieden können, von unserem Heim, unseren Erin­ne­rungen, unseren Fotos und dem Leben, das in ihnen wohnte. Unbehaust wie diese Räume sind wir geworden, mit unseren hastig gepackten Sachen, und den verges­senen Dingen, die uns nun heim­su­chen*c Der Flucht und Vertrei­bung aus Syrien folgt das ungewisse Dasein in einem physi­schen und mentalen Nirgendwo, einem Nicht-Raum zwischen gestern und morgen.«
Haunted erzählt vom Verlust von Heimat und Sicher­heit, von der realen und meta­pho­ri­schen Bedeutung, die ein Haus, ein Heim im Leben eines Menschen hat.
Hier ist der Trailer zum Film. Auf die Vorfüh­rung folgt ein Gespräch mit der Regis­seurin – am 25. November um 17 Uhr und am 28. November um 19 Uhr.

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Es erreichte uns heute einmal mehr eine Pres­se­mit­tei­lung der hoch­ge­schätzten Staats­mi­nis­terin für Kultur, Monika Grütters. Dem Wesen dieser Jubel-PR-Mittei­lung entspre­chend ist sie über­ti­telt mit »Aner­ken­nung für den Wert der Kultur – Haushalt steht für die Verant­wor­tung des Bundes«. Und darin liest man von der löblichen Stei­ge­rung des Gesamt­etats für Kultur und Medien im Jahr 2017 auf rund 1,63 Milli­arden Euro, also um rund 17 Prozent. Man liest wie die wackere Frau Grütters seit ihrem Amts­an­tritt 2013 den Etat um über 350 Millionen Euro, also 27,5 Prozent erhöht hat. Man liest Sätze von Frau Grütters über »das Bekenntnis zu freien, unab­hän­gigen Medien«, die »zu den Funda­menten unseres Selbst­ver­s­tänd­nisses« gehörten, über die Etat­er­höhung als »Ausdruck dieser Aner­ken­nung für die meinungs­bil­denden Milieus als tragende Säulen unserer Demo­kratie.« Über »das gesamt­ge­sell­schaft­liche Bewusst­sein für den Wert der Kultur als Modus unseres Zusam­men­le­bens«. Man erfährt: »Für eine gute Zukunft brauchen wir nicht nur die nüchterne Ratio­na­lität der Politik, sondern auch die orien­tie­rende, den Diskurs struk­tu­rie­rende Kraft der Medien und die schöp­fe­ri­sche Kraft der Kultur und Künste.«
Dann listet Grütters zum x-ten Mal ihre Lieb­lings­themen auf: »Neubau eines Museums für die Kunst des 20. Jahr­hun­derts«, »Stiftung Deutsches Zentrum Kultur­gut­ver­luste«, »Prove­ni­en­z­re­cherche und -forschung«, »NS-Raubkunst«, »Bauhaus­ju­biläum«, »Denk­mal­schutz«, »Humboldt Forum«, »Barenboim-Said-Akademie«, »Deutsche Buch­hand­lungs­preis«, »Thea­ter­preis«, usw, usf, man liest und liest. Die Millionen purzeln, hier über 70, da mehr als 76 Millionen Euro und sehr vieles davon findet übrigens in Berlin statt. Nur von einem liest man fast nichts, von der eigent­li­chen Haupt­zu­stän­dig­keit der Staats­mi­nis­terin, dem Kinofilm. Sie ist nämlich nicht Minis­terin für Denk­mal­schutz und Literatur, sondern für den Film.
Die Film­för­de­rung aber wird im Text nur ganz am Rande erwähnt, was Grütters Prio­ritäten recht gut kenn­zeichnet.

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»Das gesamte neue Film­för­de­rungs­ge­setz … ist kein großer Wurf, sondern im Grunde ein Flop.« – so kriti­siert auch einer der geschick­testen und mutigsten deutschen Verleiher, Torsten Frehse, der Gründer und Geschäfts­führer des Berliner Film­ver­leihs »Neue Visionen«. »Sehr schwach und letzten Endes nicht konse­quent zu Ende gedacht«, nennt Frehse im Interview mit Blick­punkt Film die neuen Film­för­der­re­ge­lungen, die von Grütters persön­lich und fast noch mehr von ihrem überaus einfluss­rei­chen, von der fach­li­chen Schwäche der Minis­terin profi­tie­renden Amtschef Günter Winandts  verant­wortet werden.
Frehse benennt viele wunde Punkte: »Manche Filme werden doch nur deshalb noch halb­herzig in die Kinos bugsiert, weil das aufgrund von Förder­re­gu­la­rien so sein muss. Ganz egal, wie klar allen Betei­ligten ist, dass diese Werke besten­falls die Leinwände verstopfen. Das ist doch völlig gaga! Nicht umsonst tritt die AG Verleih klar dafür ein, derartige gesetz­liche Start­ver­pflich­tungen abzu­schaffen.«
In seinem saftig zu lesenden, mutigen Rund­um­schlag kriti­siert Frehse neben der Filmflut auch Verleiher, die zu viel Ware in den Markt drücken und Kinos, die in ihrem Programm mehr auf Quantität denn Qualität setzen. »Ich denke, es würde nicht schaden, sich als Kino­ma­cher ein wenig genauer anzusehen, wer hinter einem Film steht, wer ihn heraus­bringt und was er dafür tut. Das könnte schon so manche Fehl­ent­schei­dung vermeiden helfen.«
Die Schlüs­sel­rolle spiele aber doch die Förderung. Am meiste kranke das neue FF-Gesetz daran, »dass am Status Quo nicht gerüttelt wird, dass es nicht gelungen ist, den einzelnen Betei­ligten mehr Verant­wor­tung abzu­ver­langen. Ich hätte ehrlich gesagt nicht gedacht, dass das FFG erneut mit derar­tigen Schwächen verlän­gert wird. Es gab zahl­reiche kluge Vorschläge – und dass sich davon kaum etwas im Gesetz findet, ist schon beinahe peinlich.«

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Passend zum 20. Firmen­ju­biläum erhält Frehse jetzt ausge­rechnet den »Ordre des Arts et des Lettres« der Fran­zö­si­schen Republik für sein Enga­ge­ment für die fran­zö­si­sche Film­kultur in Deutsch­land, und wird damit zum Ritter der Kunst und Literatur ernannt – »ausge­rechnet«, weil Frehse diese Gattung vor ein paar Jahren womöglich noch als »Junker« verspottet hätte. Denn der Verleiher war mal (oder ist noch?) beken­nender Kommunist, hat lesens­werte (leider vergrif­fene) Texte über das Arbei­ter­kino der Weimarer Republik geschrieben, und gehört auch zu den wenigen, die offen zu einer linken poli­ti­schen Position stehen: »Obwohl wir uns politisch ganz klar links posi­tio­nieren, wollen wir nicht rein dogma­tisch vorgehen. Natürlich ist unser Programm auch von ausdrück­lich poli­ti­schen und sozi­al­kri­ti­schen Filmen geprägt. Aber das Leben hat doch so viele Facetten…«

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Auf der nicht mehr ganz taufri­schen Website von »Neue Visionen« stehen viele Filme, auf die der Verleih stolz sein kann, manche, die heute applau­dieren, haben diese Anfänge vergessen: »großar­tige Filmkunst … Filme von Ken Loach und Jean-Luc Godard, … Filme auf der Höhe der Zeit … sowie ein starkes Reper­toire mit über 100 Film­klas­si­kern von Casablanca bis Tanz der Vampire, oder die Wieder­auf­füh­rung des surrea­lis­ti­schen Films Black Moon von Louis Malle.
»Keine teuren Empfänge, keine Börsen­kurse oder Output Deals, dafür Konti­nuität und gute Filme. Unsere Moti­va­tion, diese Filme erfolg­reich in die Kinos zu bringen, ist zudem die Grundlage unserer Ökonomie.«
»Wir finden es über unsere eigent­liche Verleih­ar­beit hinaus wichtig, uns film­po­li­tisch einzu­mi­schen. So sind wir zum Beispiel nicht nur Mitglied der AG Verleih unab­hän­giger Film­ver­leihe und des Verbandes der Film­ver­leiher, wir bestehen zudem darauf, in den Verbänden und bei anderen Möglich­keiten, wie Pres­se­ge­sprächen oder Podi­ums­dis­kus­sionen, unsere Posi­tionen zu vertreten.«
Zu denen gehört: »Immer noch gehen Millionen Kino­be­su­cher in die pein­lichsten Main­stream-Filme, und wir sind bereits stolz, dass wir mit einigen unserer Filme etwas mehr wahr­ge­nommen wurden als noch einige Jahre zuvor.«

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Schade nur, dass Torsten Frehse es in letzter Zeit nicht lassen kann, sich über die Film­kritik zu mokieren. Dass Kritiker seinen großen Kassen­er­folg Monsieur Claude und seine Töchter nicht so mochten, ist für ihn »ein Ausdruck von Engstir­nig­keit.« Und dann weiter »Ich glaube, dass etliche Kritiker gar nicht verstehen, wie viel Arbeit und Kunst­fer­tig­keit hinter einer guten Komödie stecken. Das sollte man ruhig auch einmal aner­kennen.« Das ist zu billig! Klar: Es gibt viele Kritiker, die von gar nichts irgendwas verstehen – aber unter diesen Trotteln gibt es auch viele, die Monsieur Claude und seine Töchter lobten. Ich könnte jetzt Namen nennen, aber die kennt Monsieur le Chevalier selber. Film­kritik spiegelt einfach den Stand der Film­kultur, also ist sie in Deutsch­land im Durch­schnitt so schlecht oder verbes­se­rungs­fähig, wie die Filme, die Film­po­litik, die Arbeit vieler Verleiher und vieler Kino­be­treiber.
Nein, auch Verleiher Frehse könnte »ruhig auch einmal aner­kennen« wie viel Arbeit und Kunst­fer­tig­keit hinter der Film­kritik steht. Gott spielen tun heute in der Film­branche nur noch wenige Produ­zenten und Verleiher. Und anderen gefühltes Aufmerk­sam­keits­de­fizit vorzu­halten steht gerade dem nicht unbedingt an, der wöchent­lich auf Podien sitzt, und sogar bei so einem Baller­bal­ler­ma­gazin wie »Blick­punkt Film« Gast­ko­lumnen schreibt. Nichts für ungut!

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Trotzdem lese ich auch immer wieder mal »Blick­punkt Film«, und zwar eigent­lich nur wegen der Gast­au­toren. So gab es nicht nur das schöne Frehse-Interview, sondern vor zwei Wochen auch einen exzel­lenten Text von Eberhard Junkers­dorf, einem der erfah­rensten Produ­zenten unseres Landes. Aus Anlass ihres 50. Jubiläums, dass die Murnau-Stiftung kommende Woche feiert, hält er der Kultur­staats­mi­nis­terin weitere ihrer uner­le­digten Aufgaben vor. Wir zitieren:
»Die Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung hat in den vergan­genen fünf Jahr­zehnten einen ganz entschei­denden Beitrag zum Erhalt und zur Veröf­fent­li­chung des deutschen Filmerbes geleistet. Durch ihre Arbeit sind uns Meis­ter­werke deutscher Filmkunst erhalten geblieben. Es sind Raritäten und Zeit­do­ku­mente von unschätz­barem kultu­rellem Wert, die noch viele Jahr­zehnte von zukünf­tigen Gene­ra­tionen gesehen und erlebt werden können.«
Bei so einer Erfolgs­story müsse man eigent­lich annehmen, dass der Tag ihres 50-jährigen Bestehens festlich begangen wird. »Das ist aber ganz und gar nicht so.«
Die deutsche Bundes­re­gie­rung kaufte einst etwa 6000 deutsche Filme (Stumm­filme, Tonfilme in Schwarz­weiß und Farbe, Kurzfilme, Anima­tions- und Werbe­filme) um sie vor US-ameri­ka­ni­schen Inter­es­senten zu retten, für den Spott­preis von 11,4 Mio. Mark!!! Das Geld wurde der frisch­ge­grün­deten Murnau-Stiftung »großzügig von der Bundes­re­gie­rung als Darlehen zur Verfügung gestellt«, das aus Einnahmen von Lizenz­ver­gaben zurück­ge­zahlt werden sollte – aller­dings hoch­ver­zinst
war. Die Folge: Die Stiftung zahlte nichts zurück, sondern häufte Schulden auf. Das Darlehen konnte dadurch erst 1996 nach 30 Jahren abgezahlt werden.

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Es macht großen Spaß zu lesen, mit welchem Biss Junkers­dorf den Skandal des Umgangs der Bundes­re­gie­rung mit der Murnau-Stiftung auf den Punkt bringt: Der Staat überträgt seine nationale Aufgabe an eine Stiftung, versieht diese Aufgabe mit unak­zep­ta­blen Kondi­tionen und zieht sich dann aus der Verant­wor­tung heraus, nämlich der Rettung des deutschen Filmerbes. Er gründet auch noch eine GmbH, die Transit-Film (Warum muss der Staat eine GmbH besitzen?), die sich um die Verkäufe der
Filme kümmern soll. Dafür darf sie ein Drittel des Verkaufs­preises behalten, muss sich aber nie an den Kosten der Instand­set­zung der Filme betei­ligen.
Die für die Kultur verant­wort­li­chen Politiker betonen zwar immer, dass Deutsch­land ein Kultur­staat ist, und das Filmerbe ein unver­zicht­barer Bestand­teil des natio­nalen Kultur­guts, wie Meis­ter­werke der Literatur, der Musik und der Malerei. Doch die Realität sieht leider ganz anders aus.
Auch Junkers­dorf drischt zu Recht auf den heim­li­chen Kultur­staats­mi­nister Günter Winands ein: »zunächst einmal kein Freund von aktuellen Filmen«, der blauäugig und unifor­miert Unsinn in die Welt setzt, wofür er von niemandem gemaß­re­gelt wird. Junkers­dorf: »Mangel an Urteils­kraft… Ignoranz… Zynismus in Rein­kultur«.
Neidisch erwähnt Junkers­dorf Frank­reich, das pro Jahr fast 70 Mio. Euro für den Erhalt seines Filmerbes zur Verfügung stellt, und folgert: »Deutsch­land ist ein reiches Land und ‘schafft’ es nicht, zehn Mio. Euro pro Jahr für sein Filmerbe zur Verfügung zu stellen und nimmt dafür in Kauf, dass immer mehr Filme irrepa­rabel verloren gehen?«
Der Murnau-Stiftung drohe die Insolvenz. Eberhard Junkers­dorf sieht offenbar keinen Ausweg, als zu flehen: »Der deutsche Film verkör­pert einen Teil unserer Identität, bildet Ausschnitte unseres Lebens ab und ist gleich­zeitig Spiegel und Schau­fenster von deutscher Realität. Ich appel­liere an unsere Kultur­staats­mi­nis­terin Monika Grütters: Machen Sie die Rettung der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung und des deutschen Filmerbes zur Chefsache! Verhin­dern Sie den Verfall von einem Teil
Deutscher Kultur! Deutsch­land ist ein Kultur­staat, und die Rettung des natio­nalen Filmerbes ist vorrangig eine staat­liche Aufgabe.«

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 143: Er will doch nur spielen!

King Kong und die weiße Frau (1933)

Wer hat Angst vor Donald Trump? Der neue US-Präsident und das Kino, die Medien und die Propa­ganda – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 143. Folge

»All you need in this life is igorance and confi­dence and then success is sure.«
Mark Twain
»Die wirkliche Welt ist in Wahrheit nur eine Karikatur unserer großen Romane.«
Arno Schmidt

Ganz ruhig bleiben, Leute! Es ist einfach nicht so wichtig, wer Amerika regiert. Das wird alles über­schätzt, gerade von den Amerika-hörigen Deutschen. In den 50er Jahren war der US-Präsident noch der »Führer der freien Welt«. Diese Zeiten sind glück­li­cher­weise vorbei. Politik ist kompli­zierter geworden, aber damit auch uname­ri­ka­ni­scher: Ameri­ka­ni­sche Verhält­nisse sind längst nicht mehr der Maßstab für die hiesige Demo­kratie. Das ist eine gute Nachricht.
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Viel­leicht geht es ja auch anderen so wie mir: Ich hätte viel dafür gegeben, heute Nacht Hillary Clintons Gesicht zu sehen, in dem Augen­blick, in dem ihr klar wird, dass sie die Wahl verloren hat. Ich geb’s zu: Ihr und den ihren geschieht es recht, da bin ich scha­den­froh.
Das ist wohl sowieso die entschei­dende Botschaft: Für Hollywood und das Kino ist die Wahl von Donald Trump eine gute Nachricht. Zwar haben die ganzen Star-Kampagnen gegen Trump nichts gebracht. Ich fand die der Avengers am besten, in denen Robert Downey Jr, Scarlett Johansson und viele andere ganz witzig gegen Trump agitieren. Aber es hat nichts geholfen. Dafür können die Leute jetzt Anti-Trump-Filme machen. Acht Jahre Obama waren acht Jahre ohne kritische Präsi­den­ten­filme. Weil Obama
irgendwie an Bambi erinnerte – da hatten alle Beiß­hem­mung. Aber jetzt. Wir warten auf Oliver Stones Reaktion, wir warten sogar auf Michael Moore. Was wird Eastwood machen, mit dem Mann, der sich vor dem Vietnam-Einsatz gedrückt hat (was uns Liberalen doch sympa­thisch sein könnte).
Wer könnte Trump spielen? Hillary wurde vor Jahren bereits von Merryl Streep verkör­pert, in Jonathan Demmes Remake von Fran­ken­hei­mers Manchu­rian Candidate.
Aber wer könnte Trump verkör­pern?
Natürlich erinnert Trump ein bisschen an King Kong, oder noch mehr an Godzilla – beide eher tolpat­schig als wirklich böse, verur­sa­chen sie doch Massen­panik. Mal sehen.
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Vor acht Jahren waren die Deutschen glücklich: Barak Obama hieß der neue Hoff­nungs­träger. Der erste schwarze Präsident der USA, das musste einfach ein Messias sein. Ein glän­zender Redner, versprach er mit Silber­zunge, dass alles anders werden würde: Guan­ta­namo geschlossen, das Klima gewandelt, der Kriegs­ein­satz im Nahen Osten und in Afgha­nistan beendet. Da war er: Der gute charis­ma­ti­sche Führer, von dem die Deutschen seit jeher träumen, ein Friedrich Barba­rossa mit dunkler
Haut.
Wenn man sich die Ergeb­nisse anschaut, ist aus den schönen Worten und Hoff­nungen so gar nichts geworden: Außer der Gesund­heits­re­form und der Norma­li­sie­rung der Bezie­hungen zu Kuba. Schluss, Aus! Dieser Präsident, der so hoch­ge­lobt und gefeiert worden ist, hat ansonsten nichts an realen Verbes­se­rungen gebracht: Ein Bluffer und leerer Schön­redner.
Jetzt gibt es wieder einen ameri­ka­ni­schen Politiker, der alle Phan­ta­sien der Deutschen bündelt: Er hat die rosig-weiße Haut des White Trash Amerikas und heißt Donald Trump. Trump ist nicht weniger wie Obama zu einem poli­ti­schen Körper geworden, bloß ist er aus europäi­scher Sicht der Anti-Hoff­nungs­träger, der Albtraum­träger. Weiterlesen

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Es ist unfassbar, was sich allein seit dem heutigen Mitt­woch­morgen für ein Medi­en­ge­witter an Angst. und Hysterie-Szenarien in Radio und Fernsehen über uns ergossen hat.
Was machen diese Medien bloß! Und mit welch’ exor­bi­tanter Einsei­tig­keit breiten sie Gefühle aus, anstatt zu analy­sieren, malen sie Affekt­ku­lissen anstatt aufzu­klären. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass sich die deutschen Qualitäts­me­dien in einer exis­ten­ti­ellen Krise befinden, dann ist es diese Reaktion.

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So wie alle bei Obama gewiss waren, dass er das Gute verkör­pert, wissen nun alle: Dieser Mann wird, wenn schon nicht den nächsten Weltkrieg entfes­seln, so doch uns alle ins Unglück stürzen. Aber diese Annahme ist so falsch, wie die vor acht Jahren. Die in Deutsch­land derzeit verbrei­tete reflex­hafte Ablehnung Trumps ist verkehrt. Es gibt nämlich gar keinen Grund für die Deutschen, Donald Trump zu fürchten. Dies aus drei zentralen Gründen:
– Zum einen »the human factor«. Trump ist ein analoger Politiker. Klar: Es ist anzu­nehmen, dass Trump seine Verspre­chungen nicht halten wird. Aber glaubt man ernsthaft, das wäre bei Clinton anders gewesen? Hat Obama seine Verspre­chungen gehalten? Guan­ta­namo ist weiterhin offen, US-Truppen stehen weiterhin in Afgha­nistan und im Irak, die Rassen­kon­flikte sind größer denn je seit den 60er Jahren, die Geset­zes­bre­cher aus dem Finanz­sektor, die 2008 die Banken­krise einge­leitet
haben, sind weiterhin auf freiem Fuß, die USA liegen am Boden.

Trumps Wähler, wie auch die Unter­s­tützer des unor­tho­doxen demo­kra­ti­schen Kandi­daten Bernie Sanders wollen keine weiteren vier Jahre dieses Status Quo, wie sie das Esta­blish­ment beider Parteien verspro­chen hat. Sie wollen Verän­de­rung um jeden Preis. Sie lehnen das etablierte Poli­tik­mo­dell grund­sätz­lich ab. Sie tole­rieren keine Halb­her­zig­keiten. Dagegen ist erst einmal überhaupt nichts zu sagen.

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Kleiner Exkurs am Rande: Was werden all die Demo­kraten fluchen, dass sie auf die abge­half­terte Hillary gesetzt haben, anstatt auf Bernie Sanders. Was wird auch Clinton selbst fluchen, dass sie nicht den Mut hatte, Sanders als Vize­prä­si­dent­schafts­kan­didat zu ernennen. Sanders hat nämlich, von denselben popu­lis­ti­schen Instinkten mal abgesehen, genau die Wähler ange­spro­chen, die jetzt den Ausschlag gegen Clinton gegeben haben: Weiße Prole­ta­rier.
Clintons Fall belegt, wie taktisch falsch es ist aus lauter Minder­heiten eine Mehrheit gegen die Mehrheit schmieden zu wollen. Wie stra­te­gisch falsch es von Clinton war, um die Stimmen von Frauen, Schwarzen, Latinos, Homo­se­xu­ellen zu werben, um damit weiße Männer zu besiegen. Post­mo­derne Theorie kann auch blind machen.
Sanders Anhänger hatten die Dele­gierten des demo­kra­ti­schen Nomi­nie­rungs­par­tei­tags bereits im Juni gewarnt: Wenn sie Hillary ernennen, wird der nächste Präsident Donald Trump heißen.
Jetzt ist das Motto der linken Demo­kraten wahr geworden: Bernie or bust!!!

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Donald Trump verspricht, den Algo­rithmen der Globa­li­sie­rung des Poli­ti­schen Paroli zu bieten. Er ist mensch­lich, kein von Marke­ting­stra­tegen und Poli­tik­be­ra­tern weich­ge­spültes Produkt, sondern die poli­ti­scher Körper gewordene Hoffnung der Wähler. Trump verspricht Ehrlich­keit. Die Wähler hassen die Political Correct­ness von all diesen sauber gestylten Promi-Kandi­da­ten­fa­mi­lien, den Clintons und den Bushs, vorge­führt zu bekommen. Sie haben es satt, das jede Kritik an ethni­schen Minder­heiten reflex­haft als rassis­tisch gebrand­markt, wird, dass Kritik an Frauen ebenso als vermeint­li­ches Machotum grund­sätz­lich unstatt­haft ist, dass man Partei­freunde nicht kriti­sieren darf, und die Medien natürlich auch nicht.
Vor allem dies: Trump wagt, was sich noch kein Politiker getraut hat: Er greift die Medien wegen ihrer Lügen an. Und die Medien sind dumm (pardon: ehrlich) genug, dies auch noch zu berichten. Trump greift auch das Esta­blish­ment an, vor allem Jeb Bush und Hillary Clinton. All das ist natürlich nur die eine Seite des jewei­ligen Themas, aber eben eine bisher öffent­lich margi­na­li­sierte. In Trump schlägt dieses Margi­na­li­sierte nun zurück.
Trump bietet einfache Antworten auf kompli­zierte Probleme. Das muss kein Fehler sein, und wie zu erkennen ist, schon gar kein Indiz für poli­ti­sche Erfolg­lo­sig­keit. Bei Reagan hat man auch gesagt: Was für ein Verein­fa­cher! Aber er hat sich als ein durchaus erfolg­rei­cher Präsident erwiesen. Und zudem ist Trump selbst­ver­s­tänd­lich viel raffi­nierter als er tut.
Aber Trump spricht die Emotionen an. Nichts scheint selbst­ver­s­tänd­li­cher, als die Aussage, dass Politik mit Emotionen zusam­men­hängt. Und doch mögen wir das nicht. Es bedeutet eine narziss­ti­sche Kränkung, weil über die Emotionen auch Unver­nunft in die Politik einzieht. Trump reduziert die Komple­xität der Politik auf einige wenige elemen­tare Posi­tionen. Er tut damit genau das, was jeder Marke­ting­be­rater, jeder Werbe­fach­mann raten würde. Nicht obwohl, sondern weil Trump als Stamm­tisch­po­li­tiker, also als »schreck­li­cher Verein­fa­cher« auftritt, wirkt er glaub­würdig und authen­tisch. Es ist ja nicht so, als würde nicht auch Obama gern »dem Isla­mi­schen Staat die Scheiße aus dem Leib bomben«. Nur sagt er es nicht so, dafür ist er sich zu fein.

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Zum zweiten vertritt Trump viele Posi­tionen, die auch die Mehrheit der Deutschen vertritt: Trump ist ganz klar gegen TTIP und andere Handels­ab­kommen, die Mehrheit der Deutschen ist auch dagegen. Wie die Deutschen ist Trump für Einhegung der Markt­kräfte und für Wirt­schafts­pro­tek­tio­nismus. In der Finanz­krise von 2008ff war Trump gegen einen »Bail-Out« des Staates für die Wall-Street. Er sah seiner­zeit die Wirt­schafts­krise als »Washing­tons Schuld« und forderte das Ende eines Systems, in dem die Reichen die Regeln machen. Trump ist für den Mindest­lohn und dafür die auf Steu­er­oasen geparkten Gewinne der Konzerne zurück­zu­holen.
Trump vertritt ein vergleichs­weise gemäßigtes, anti-inter­ven­tio­nis­ti­sches außen­po­li­ti­sches Programm: Trump ist das Gegenteil eines Kriegs­trei­bers. Er tritt dafür ein, die Militär­aus­gaben der USA zurück­zu­fahren. Er will die Ukraine eben nicht wie die derzei­tige Admi­nis­tra­tion in den Westen zwingen, in die NATO oder in die Europäi­sche Union, sondern favo­ri­siert eine neutrale Ukraine-Lösung unter Einbe­zie­hung der Russen. Auch ansonsten plädiert er für einen Ausgleich mit den Russen. Trump glaubt, dass Putin ein Politiker ist, mit dem man Deals machen kann, ob in der Ukraine oder in Syrien. Viele in Deutsch­land denken das auch. Trump war in der Vergan­gen­heit immer gegen den Irak-Krieg der USA, und Trump glaubt nicht an die offi­zi­elle Version von 9/11. Damit wäre er auch in Deutsch­land mehr­heits­fähig. Schließ­lich: Trump ist keine Mario­nette der Lobby­isten, sondern ökono­misch unab­hängig.

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Trump steht für einen Protest gegen das System als solches, für einen Protest, der seit Jahren in west­li­chen Ländern gärt, ob er nun Occupy Wall Street heißt oder Tea Party. Beide Gruppen stehen sich näher, als sie selbst und vor allem ihre Gegner in den großen Medi­en­häu­sern wahrhaben wollen: Sie sind Anti-Esta­blish­ment, sie sind Anti-Wall-Street, sie lehnen einen Staat ab, der Effi­zi­enz­pro­bleme hat und den Druck der Gruppe reprä­sen­tiert, einen Staat, der in den USA viel büro­kra­ti­scher, regu­lie­render, aggres­siver und pater­na­lis­ti­scher ist, als es die ganzen Fans des Kitsch von der großen Freiheit Amerikas zugeben möchten. Trumps Feind steht nicht rechts und nicht links, er steht oben: »corporate America«, die Verflech­tung von Wirt­schaft und Washington.

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Zum Dritten vertritt Trump viele Posi­tionen, die in der US-Gesell­schaft Mehr­heits­mei­nung sind. Er ist ein reprä­sen­ta­tives, unver­blümtes Abbild seines Landes. Darum bedeutet schon das Auftau­chen Trumps eine neue Ehrlich­keit. Vor allem im atlan­ti­schen Verhältnis. Mit Trump kann man sich nun über Amerika keine Illu­sionen mehr machen, mit einem Präsi­denten Trump muss man der Wahrheit Amerikas ins Auge sehen.
Ein Präsident Trump macht es den Amerika-Verste­hern in Deutsch­land in Zukunft schwerer, zu behaupten: »Amerika ist ganz anders«. Nein: Amerika ist genau so, jeden­falls auch so, wie Guan­ta­namo, Abu Ghraib, Ferguson, und vieles, was man hier auch noch nennen könnte.
Die schöne Maske Obama wird diesem Amerika jetzt herun­ter­ge­rissen, und es ist gut, das dahinter jetzt nicht »Hillary« zum Vorschein kommt, die dann als »die erste Frau im Weißen Haus« ein weiteres Symbol für unauf­halt­same Progres­si­vität, und Libe­ra­lität Amerikas geworden wäre, dafür »dass dort alles möglich ist« (Obwohl es stimmt, dort ist sehr vieles möglich. Auch Donald Trump!). Sondern mit Donald Trump wird die hässliche Fratze Amerikas sichtbar.

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Jetzt können wir Europäer uns nicht mehr so leicht schluch­zend an Mami-Amerikas Rock­zip­fel­chen klammern. Wir müssen selber handeln. Und für die Folgen gerade stehen.

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Warum hat Donald Trump diesen Erfolg? Zual­ler­erst: Er bietet eine gute Show. Er ist der Buffo der ameri­ka­ni­schen Politik. Ein Bariton, der fürs Komische zuständig ist. Trump ist manchmal wirklich lustig, er kann über sich selber lachen, und spielt in Talkshows auch bei Scherzen über sich selber mit.
Trump hat die poli­ti­sche Markt­lücke erkannt und sich posi­tio­niert. Die Markt­lücke des Klartext-Sprechers, des Selbst­be­wussten, dessen, der keine Angst hat, des Tabu­bre­chers, des Machers. Trump ist witzig, frech, volksnah.

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Zudem entlarvt er das Medien­system des Poli­ti­schen: Wer auffällt, über den wird berichtet. Wer lauter ist, als die Anderen, schriller, provo­kanter, der gewinnt die Aufmerk­sam­keit. Damit legt Trump die Finger in die Wunde unseres gegen­wär­tigen, auch unseres deutschen Polit-Betriebs. Es geht – siehe unten – nicht mehr wirklich um Inhalte, sondern um die Show.
Trump ist ein Populist und sein Erfolg steht auch für den gene­rellen Boom des poli­ti­schen Popu­lismus in den Demo­kra­tien des Westens. Er steht auch für den Bedeu­tungs­ver­lust von Wahlen, Verfahren und Posi­tionen – jeden­falls im Ansehen und in der Annahme immer breiterer Wähler­schichten.
Die Unter­s­tüt­zung für Trump belegt eine doppelte Angst der ameri­ka­ni­schen Gesell­schaft: Die Angst der weißen Männer, die ihre Stellung durch den sozialen Aufstieg der Latinos und Schwarzen bedroht sehen. Teile der weißen Bevöl­ke­rung fühlen sich fremd im eigenen Land – und genau das nutzt Trump aus. Und er verkör­pert die Angst breiter Gesell­schafts­kreise vor dem schlei­chenden Nieder­gang der ameri­ka­ni­schen Macht­po­si­tion. Trump verkör­pert das Verspre­chen der Restau­ra­tion der privi­le­gierten Stellung des weißen Amerika. Sein Erfolg ist eine Flucht vieler Wähler in das Phantasma der Wieder­her­stel­lung von Macht und Größe. Denn unüber­sehbar sind die USA in den letzten vier Jahr­zehnten innen­po­li­tisch und außen­po­li­tisch ein Land im Nieder­gang. Die alte Zeit der Welt­herr­schaft ist vorbei.
Donald Trump beant­wortet damit die zentrale Frage nach der ameri­ka­ni­schen Identität. Die Menschen der Welt wissen mit Donald Trump, was Amerika ist, und sie wissen damit nun zumindest auch, wer und was sie nicht sind.

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Trumps Wahl ist aus europäi­scher Sicht eine heilsame Schock-Therapie. Viel­leicht wird sie der Beginn einer Revo­lu­tion? Es ist in jedem Fall der Bruch mit der Konti­nuität, einer Konti­nuität, die von Bush zu Clinton zu Bush zu Obama die USA im letzten Vier­tel­jahr­hun­dert ins Unglück gestürzt hat. Trumps Gegen­kan­di­datin Hillary Clinton verkör­perte exakt diese Konti­nuität – das war der Grund, warum auch viele Anhänger der Demo­kraten zu ihr auf Distanz gingen. Clinton reprä­sen­tierte nicht nur – wie Trump – neureiche Verant­wor­tungs­lo­sig­keit, sie steht für schmut­zige Deals, für enge Nähe zur Wall Street, für außen­po­li­ti­sche Inkom­pe­tenz, sozi­al­po­li­ti­sches Miss­ma­nage­ment, ökono­mi­sche Fehl­ur­teile, für grund­sätz­liche Unehr­lich­keit.
Doch die Kommen­tar­kratie der Main­stream-Medien in Deutsch­land wie den USA hat entschieden, dass sie die Einzige ist, die die Welt noch vor dem bösen Trump retten konnte. Jetzt haben sie die Quittung.

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Til Schweiger kann bekannt­lich alles. Auch Restau­rant. Viel­leicht baut der ganz schön alt ausse­hende soge­nannte Star ja auch nur für die Zeit vor, in der ihn überhaupt keiner mehr sehen will. Sein neues Restau­rant belegt aber wieder mal, wie ober­pein­lich und zum Fremd­schämen Schweiger wirklich in nahezu jeder Hinsicht ist.
Die FAZ war jetzt bei der Eröffnung, und es muss echt ganz schön schlimm sein.

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Das Fernsehen der ARD, und das hat auch viel mehr mit Donalds Trump zu tun, als der ARD lieb sein kann, das Fernsehen der ARD ist, ob mit Plasbergs »Hart aber fair«, »Günther Jauch« oder »Anne Will« immer ganz vorne dabei, wenn es gilt, den Feinden der Demo­kratie ein Forum zu bieten, Posi­tionen hoffähig zu machen, die anti­de­mo­kra­tisch und den frei­heit­li­chen Werten des Westens entge­gen­ge­setzt sind. Jüngstes Beispiel: Der Auftritt einer voll­ver­schlei­erten Isla­mistin bei »Anne Will«. Aber schon länger wandeln sich die ARD-Talk-Shows zunehmend zum Krawall-Fernsehen und zum Popu­lismus, als dessen einziges Erfolgs­kri­te­rium die Fragen zählen: Wie ist die Quote? Reden alle darüber?

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Man traute seinen Augen nicht: Da saß ein Mensch, dessen Gesicht unkennt­lich gemacht wurde, wie sonst Miss­brauchsopfer oder Whist­leb­lower. Er redete ohne Mimik, ohne »Gesicht zu zeigen« – aus einer Black Box heraus.
Anne Will behaup­tete, es handle sich um die »Frau­en­be­auf­tragte« des »Isla­mi­schen Zentral­rats Schweiz«, Nora Illi. Ob sie da wirklich drinsaß, oder nicht vielmehr die Redak­ti­ons­prak­ti­kantin, die vorher ein paar Phrasen auswendig lernen musste, können wir
nur glauben, ebenso, ob da unter dem schwarzen Zelt überhaupt eine Frau saß, nicht ein Zwerg, oder der von Walter Benjamin beschrie­bene tückische »Schach­türke«, wir können nur hoffen, dass uns Anne Will nicht belogen hat.
Aber wenn ihre Aussagen zutreffen, ist nichts besser. Denn die Schlitz­trä­gerin wäre dann eine Vertre­terin den radikalen Isla­mismus. Es wurde die Stunde der Propa­ganda im NDR.

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Über fünf Millionen Zuschauer sahen zu, als die Isla­misten-Spre­cherin ihre Sicht auf die Welt erklärte. Kern ihrer Aussagen war die Verharm­lo­sung der ISIS und des Eintritts junger Europäer in die Terror­mi­lizen und den syrischen Bürger­krieg. »Die perfekte Propa­gan­distin eines nihi­lis­ti­schen Vernich­tungs­kults, weil sie die Unter­drü­ckung – insbe­son­dere die der Frauen – als Befreiung auszu­geben weiß.« (Michael Hanfeld, FAZ).
Über fünf Millionen Zuschauer sahen zu, wie sich die Frau unkri­ti­siert zum Opfer stili­sierte, gegen die angeb­liche Unter­drü­ckung von Muslimen in unserer Gesell­schaft redete und eine soge­nannte Werte­dis­kus­sion anzetteln wollte. Die Mode­ra­torin war ihrem Gast nicht gewachsen. Die im normalen Frage­duktus formu­lierte thera­peu­ti­sche Frage »Fühlen Sie sich unter­drückt?« ist eine naive Einladung für jemandem, der Unfrei­heit als Freiheit ausgibt.
Mode­ra­torin Anne Will betei­ligte sich auch ansonsten an der Rela­ti­vie­rung des Demo­kra­ti­schen und der Menschen­rechte, indem sie eine »Debatte über unser Werte­ver­s­tändnis« führen wollte, zu dem auch gehöre, »dass wir uns mit dem Werte­ver­s­tändnis anderer ausein­an­der­setzen.« Darin exakt liegt die Grat­wan­de­rung: In der Scheu, bestimmte Debatten und Infra­ge­stel­lungen auch einmal einfach nicht zuzu­lassen.
Es gab immerhin Gegen­reden: Imam Mohamed Taha Sabri, war eindeutig: Die ISIS sei Faschismus, nichts anderes, und begehe Verbre­chen gegen die Mensch­heit. Dass diese anderen, für sich genommen durchaus auch frag­wür­digen Talk-Gäste der Hass­pre­di­gerin entge­gen­traten, macht die Dinge nicht besser. Denn derartige Vertreter menschen­ver­ach­tender Ideo­lo­gien können auch diese Rolle als Opfer »der Anderen« für sich und poten­ti­elle Anhänger als Erfolg verbuchen.

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Erst nach der Sendung folgten die wirk­li­chen Fragen: Ist es nicht absurd, dass Voll­ver­schleie­rung auf diesem Weg hoffähig gemacht wird? Wieso muss man einer Bewegung, die Ressen­ti­ments und Hass schürt, Ausgren­zung und Mord propa­giert, das Wort erteilen? Warum sollte das öffent­lich-recht­liche Fernsehen einer Demo­kratie den Anti­de­mo­kraten und den Freunden und Sympa­thi­santen jener, die ihre Bürger in die Luft sprengen, überhaupt ein Forum bieten?
So war »Anne Will« vom Sonn­tag­abend ein Meilen­stein im Abstieg des öffent­lich-recht­li­chen Fern­se­hens, und in der Selbst­zer­stö­rung der demo­kra­ti­schen Verhält­nisse. Ein über­trie­benes Urteil?
Das wird erst die Zukunft zeigen. Klar ist aber schon jetzt, dass Talk-Shows als ein Edel­format des öffent­lich-recht­li­chen Fern­se­hens vor allem nach dem Prinzip der Aufmerk­sam­keit um jeden Preis und dem Quoten-Diktat funk­tio­nieren. Auch die Reak­tionen am Folgetag sind Teil eines zynischen Kalküls, das allein auf Aufmerk­sam­keit setzt. Nur in den seltensten Fällen geht es um jour­na­lis­ti­sche Qualität. Das zeigt schon die Tatsache, dass der »Isla­mi­sche Zentralrat der Schweiz«, dem die Nikab-Trägerin angehört, eine kleine und radikale Split­ter­gruppe mit 3.700 Mitglie­dern ist – weniger als ein Prozent der rund 400.000 Schweizer Muslime.

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Bereits der Auftritt der Pegida-Vertreter bei »Günther Jauch« im Januar 2015 war ein Tabubruch. Sichtlich stolz präsen­tierte Jauch die stam­melnde Wutbür­gerin Kathrin Oertel wie einen Ehrengast. Schnö­selig verband Jauch diese Präsen­ta­tion mit einer Kritik an den Demo­kraten: Deren Mut, mit Pegida-Vertre­tern zu disku­tieren, scheine ja begrenzt zu sein. Dabei war ein Präsi­di­ums­mit­glied der CDU und ein ehema­liger SPD- Bundes­tags­prä­si­dent zu Gast. Dabei könnte Jauch vor allem in den Sinn kommen, dass es bei der Frage einer Teilnahme nicht um Mutproben und öffent­liche Tapfer­keits­be­weise geht, sondern darum, klare Grenz­li­nien zu ziehen, darum, bestimmte poli­ti­sche Stand­punkte zu tabui­sieren. Dies wäre eigent­lich Aufgabe der öffent­lich-recht­li­chen Medien selbst. Gottes­läs­te­rung ist im Fernsehen verboten, Repu­blik­läs­te­rung und Demo­kra­tie­ver­ach­tung erlaubt.

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Dabei lohnt es sich, an alte Einsichten zu erinnern: Mit manchen Leuten spricht man nicht. Nicht alle Posi­tionen sind bloße Meinungen. Nicht jeder tenden­ziöse Kommentar ist ein Argument. Nicht jede Befind­lich­keitsäuße­rung ist eine berech­tigte Emotion, und muss zur »Sorge« oder »Wut« geadelt werden.
Nicht so der NDR: Immer wieder lud Jauch Pegi­disten und die Kryp­to­nazis der AfD in seine Sendung. Ein bisschen was von Zoo und Zirkus, von einer Freak-Show hatte das ganze auch. Und Jauch zele­brierte genüss­lich den eigenen Mut, genoß den Nerven­kitzel: Was werden die Rechts­aus­leger von sich geben? Werden sie sich provo­zieren lassen, irgend­wann beißen oder hand­greif­lich werden?

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Auch auf andere Weise machen öffent­lich-recht­liche Sender den Rechts­ra­di­ka­lismus hoffähig. Konse­quent sprechen sie im Zusam­men­hang mit der AfD und Pegida von »Recht­po­pu­lismus«, als wären die direkten Verbin­dungen und fließenden Übergänge zu Neuen Rechten und alten Nazis nicht längst Teil der Verfas­sungs­schutz­be­richte. Als wüsste man nicht, dass Popu­lismus ein Rela­ti­ons­be­griff ist, der in Gegen­satz­paaren arbeitet – Emotion gegen Vernunft, Volk gegen Elite, Wahrheit gegen Lüge –, aber program­ma­tisch und politisch substanzlos ist. Darum gibt es Rechts- wie Link­s­po­pu­lismus, darum gibt es demo­kra­ti­schen, wie auto­ritären Popu­lismus.
Im Zusam­men­hang mit der AfD müsste man aufgrund der Verbin­dung von Demo­kra­tie­kritik, Anti-Parla­men­ta­rismus, Auto­ri­ta­rismus und von ethno­zen­tri­schen, natio­na­lis­ti­schen und frem­den­feind­li­chen Posi­tionen und anderen Inhalten, aber auch von der Form ihrer medialen Auftritte, aber vor etwas anderem sprechen: Von Demagogie. Von Rechts­ra­di­ka­lismus, mit Ansätzen zum Rechts­ex­tre­mismus.
Die Arbeit an der Sprache ist die Arbeit am Gedanken. Die Kämpfe der Demo­kratie sind seman­ti­sche Kämpfe, keine substan­zi­ellen.
Nur ist schon das Wort »Radi­ka­lismus« verpönt. Das sagt man nicht. In der post­mo­dernen Demo­kratie ist Streit anstren­gend. Ablehnung und Feind­schaften sind verpönt. Statt­dessen herrscht univer­sale Toleranz und ein Plura­lismus der Meinungen, der längst auch Anti­re­pu­bli­ka­nismus, Demo­kra­tie­feind­schaft und Into­le­ranz toleriert.
Genau dies verbindet unseren öffent­li­chen, medialen Umgang mit Isla­mismus und Rechs­ra­di­ka­lismus.

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Natürlich kann man solche Diskus­sionen mit System­feinden, mit Rassisten oder reli­giösen Fana­ti­kern aushalten. Die Frage ist eher, warum man es tun sollte? Warum man nicht einfach sagt, dass einem bestimmte Themen zu blöd sind? Was spricht dagegen, bestimmte Debatten einfach zu verwei­gern? Man könnte zum Beispiel Vertre­tern der Todes­strafe gegenüber anstatt eine ARD-Themen­woche über das Für und Wider der Todes­strafe zu veran­stalten oder einen Thera­pietalk zur Frage »Warum wünschen junge Leute die Todes­strafe?« auch einfach mal sagen: Wir machen das so, und darüber gibt es keine Debatten. Und wem die Todes­strafe so wichtig ist, der kann ja in die USA auswan­dern.

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Ein weiterer Aspekt: Wozu gibt es überhaupt »Talk-Shows«? Das Fernsehen hätte lange Zeit geant­wortet (und manche Verant­wort­liche würden es immer noch tun): Zur Infor­ma­tion der mündigen Bürger, zur Aufklä­rung des Publikums, zum offenen Meinungs­aus­tausch. Heute müssen Talk-Shows Quote machen und unter­halten. Heute sind die Grenzen zwischen Infor­ma­tion und Unter­hal­tung fließend, gibt die Chimäre namens Info­tain­ment den Takt vor.
Das führt dann zu dem paradoxen Resultat, dass Satire-Sendungen wie die »Heute-Show« und »Neo-Magazin Royale« die einzigen echten Infor­ma­ti­ons­sen­dungen des deutschen Fern­se­hens sind, dass bei »Markus Lanz« oft kriti­scher nach­ge­fragt, schärfer kommen­tiert, und härter debat­tiert wird, als bei »Anne Will«, wo das Muster des Trash-TV und Krawall­fern­se­hens vorherrscht.
In unserer thera­peu­ti­schen Gesell­schaft dienen Talk-Shows aller­dings zunehmend nicht mehr der Aufklä­rung und Infor­ma­tion, sondern man will »die
Betrof­fenen« thera­pieren, man will »verstehen«, am besten »aus eigener Erfahrung«, »was Radi­ka­li­sie­rung bedeutet«. In diesem Fall, wieso Jugend­liche sich radi­ka­li­sieren, und gege­be­nen­falls für den »Isla­mi­schen Staat« nach Syrien in den Krieg ziehen.

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Mit dieser Haltung einer scheinbar für alles offenen Neugier, einer unstill­baren Toleranz graben sich die Medien ihre eigene Grube. Denn sie bieten jenen ein Forum, die einmal zur Macht gekommen, als erstes kritische Medien zum Schweigen bringen, Jour­na­listen drang­sa­lieren und verhaften werden. Deren Ziel ist die Gesell­schaft gleich­zu­schalten.
Das Ungarn Orbans, und die Türkei Erdogans machen es vor, Polen und eine FPÖ-Regierung in Öster­reich, eine Präsi­dentin Le Pen in Frank­reich werden es nach­ma­chen, wenn man ihnen dazu die Chance gibt.
Tatsäch­lich könnte man begreifen, dass Medien sich von der Gesell­schaft in der sie exis­tieren, nicht verab­schieden können – es sei denn, sie wollen diese Gesell­schaft verab­schieden.
Tatsäch­lich könnte man sagen, dass es die Aufgabe von Talkshows wie von allen Medien natürlich auch ist, einen gesell­schaft­li­chen Konsens und wünschens­wertes Verhalten zu formu­lieren, vorzu­leben und einzuüben.
Jeder
öffent­lich geför­derte Spielfilm würde daraufhin abgeprüft, ob die positiv gezeich­neten Figuren ein wünschens­wertes Verhalten vorleben. Wenn Film­fi­guren, die Menschen verachten, Menschen­rechte verletzen, morden und ander­weitig das Recht brechen, zu Helden stili­siert werden, würde man diesen Film als jugend­ge­fähr­dend einstufen und gege­be­nen­falls auf den Index setzen.
In Talk-Shows und poli­ti­scher Bericht­erstat­tung aber gibt man genau solchen Figuren eine Bühne.

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Die »Anne Will«-Talk-Show vom Sonn­tag­abend war deshalb ein Meilen­stein in der Selbst­zer­stö­rung der demo­kra­ti­schen Verhält­nisse, weil sie genau diesen Abschied von gesell­schaft­li­chen Werten prak­ti­zierte und das Kern­pro­blem vorführt: Die Unfähig­keit der Demo­kraten, die Demo­kratie selbst zu vertei­digen. Denn dazu bedürfte es Mittel, die selbst nicht mehr demo­kra­tisch sind. Die univer­sale Toleranz dagegen ist eine scharfe Waffe in der Hand der Feinde.
Auch der
vermeint­lich wackere Vertreter des demo­kra­ti­schen Konser­va­ti­vismus, der CDU-Talkshow-Beauf­tragte Wolfgang Bosbach stammelte ange­sichts des schwarzen Zelts nur: »Das ist ihre ganz persön­liche Entschei­dung, die habe ich nicht zu kommen­tieren, die habe ich nicht zu kriti­sieren.« Warum eigent­lich nicht? Könnte man nicht einmal sagen, dass man eine Entschei­dung für geschmacklos hält, für Schwach­sinn?

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Was lernen wir aus dieser Erfahrung? Man lädt solche Leute nicht in Talk-Shows ein. Denn sie werden ihre Thesen verkünden, sie werden eine Opfer­rolle spielen. Man redet nicht mit jedem. Wer mit den Feinden der offenen Gesell­schaft redet, und so tut, als sei ein freier, gleich­be­rech­tigter Diskurs möglich, der beteiligt sich an der Zers­tö­rung eben dieser offenen Gesell­schaft.

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»In der Über­fluß­ge­sell­schaft herrscht Diskus­sion im Überfluß, und im etablierten Rahmen ist sie weit­ge­hend tolerant. Alle Stand­punkte lassen sich vernehmen: der Kommunist und der Faschist, der Linke und der Rechte, der Weiße und der Neger, die Kreuz­zügler für Aufrüs­tung und die für Abrüstung. Ferner wird bei Debatten in den Massen­me­dien die dumme Meinung mit demselben Respekt behandelt wie die intel­li­gente, der Unun­ter­rich­tete darf ebenso lange reden wie der Unter­rich­tete, und Propa­ganda geht einher mit Erziehung, Wahrheit mit Falsch­heit. Diese reine Toleranz von Sinn und Unsinn wird durch das demo­kra­ti­sche Argument gerecht­fer­tigt, daß niemand, ob Gruppe oder Indi­vi­duum, im Besitz der Wahrheit und imstande wäre zu bestimmen, was Recht und Unrecht, Gut und Schlecht ist.«
Herbert Marcuse, »Kritik der reinen Toleranz«

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 140: Da da da oder: Coming out of age

»Gefühle runterbrechen…« – Netflix Serie THE GET DOWN

Die Rettung des deutschen Films durch Netflix – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 140. Folge

»Es hat ange­fangen ein neuer Akt der
gött­li­chen Komödie, und sein Leit­spruch
lautet: Die Menschen wissen, daß sie im
Himmel sind.«

Johannes Baader
»Wir leben unter einem mörde­ri­schen, absurden Regime, einer kanni­ba­li­schen Welt, die wir radikal ändern müssen.«
Jean Ziegler in dem Film »Jean Ziegler – l’optimisme de la volonté« von Nicolas Wadimoff
»Dada ist Netflix, Netflix ist Dada.«
Alte Bauern­regel

Wie erlangt man die ewige Seligkeit? Indem man Netflix sagt. Wie wird man berühmt? Indem man Netflix sagt. Mit edlem Gestus und mit feinem Anstand. Bis zum Irrsinn, bis zur Bewusst­lo­sig­keit. Wie kann man alles Aalige und Jour­na­lige, alles Nette und Adrette, alles Vermo­ra­li­sierte, Vertierte, Gezierte abtun? Indem man Netflix sagt. Netflix ist die Weltseele, Netflix ist der Clou, Netflix ist das beste nächste große Ding der Welt.
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Gespräch über ein Seri­en­pro­jekt. Natürlich für Netflix, wasnsonst. Es geht um ein Doku-Projekt zur Avant­garde nach der Jahr­hun­dert­wende: Dada. Im Raum: ein Regisseur, ein Autor, eine Produ­zentin, ein Produzent, zwei Producer.
Der Regisseur: gepflegter Bart, gepflegte Bräune, Ringel­so­cken: wurst­fin­ger­dicke blaue Streifen auf weiß, dazu ein Holz­fäl­ler­hemd und eine Fahr­rad­ku­rier­ta­sche, aber aus Leder, bestimmt 200 Euro, wahr­schein­lich mehr. Natürlich ein Apple Air Book.
Weiterlesen

Dada ist jung. Im Gespräch sagt der Regisseur darum immer »coming out of age«, er meint natürlich coming of age. Wenn’s nur das wäre. Aber er ist überhaupt ein großer Bluffer. Er hat schon alles gemacht, auch lange als Lektor gear­beitet, wow denke ich, Du bist ja ne Nummer. Darum versteht er auch Dreh­bücher sofort. Wichtig sind, sagt er, Ziele und Reflexion der Figuren. Er sagt andere, wichtige Dinge, denn er hat sie studiert:
»Auf einer akade­mi­schen Ebene ist Dada total inter­es­sant.« Damit meint er: Für Dada inter­es­siert sich heute keine Sau.
»Drama­turgie lebt von der Zukunft, von der Erwartung.« Will sagen: Wir können schon Dada machen, aber bitte ohne Vergan­gen­heit.
»Das ist halt das Gegenteil von einem Festi­val­film.« Will sagen: Halt Du Suchsland mal gleich die Klappe.
»Lachen, Weinen, Träumen und Mitfühlen, Empören auch.« Damit meint er: bloß nix denken. Fernsehen ist Gefühl.

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Irgend­wann hat der Regisseur eine origi­nelle, nein: eine richtig mutige Idee: »Künstler von heute und ihre Reflexion über Dada«.
Auf den Einwand, dass das ja schon mal jemand gemacht hätte, sagt der Regisseur: Ja, aber die fand ich alle doof, was die zum Dada zu sagen haben, ne Pups­nummer, alles Kacke.
Wir machen die Fenster auf.

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Der Produzent: schwarzer Anzug. Anthra­zi­t­hemd, bisschen zu glänzend. Der Produzent: Ein inter­na­tio­naler Film. Nur ein Gedanke und der Gedanke als Bewegung. Es ist einfach furchtbar. Wenn man eine Serie daraus macht, muss das bedeuten, man will Kompli­ka­tionen wegnehmen. Dada Psycho­logie, Dada Literatur, Dada Bour­geoisie und Du, lieber Autor, der Du immer mit den Worten…
Dada Revo­lu­tion – ja, möcht’ ich auch gern machen. Wirklich. Wirklich! Kauft nur keiner, sendet keiner. Leider. Echt.

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Der Produzent ist ein großer Naiver. Einer der wirklich glaubt, er hätte schon längst im Lotto gewonnen, wenn nur die Zahlen… er hatte ja die richtigen, aber dann… Eigent­lich ist eine Netflix-Serie ganz einfach erfahre ich. Man muss einfach »ein Gefühl, das jeder kennt«… Genau. Und dann: »runter­bre­chen«.

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Irgend­wann fragt der Produzent: »Könnte man nicht Dada ohne Dada machen?« – und freut sich einen Augen­blick über seine gute Idee.
Dann: Auf die Verbin­dung kommt es an, und dass sie vorher ein bisschen unter­bro­chen wird.

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Am Schluss dann: Es ist furchtbar einfach. Auf Wieder­sehen ein ander Mal! Ja, Sie haben Recht, so ist es. Jawohl, wirklich. Machen wir. Und so weiter.

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Vers­tänd­nis­frage: Geht es darum, etwas Origi­nelles (etwas Neues) zu machen, oder etwas Gutes zu machen?
Geht es darum die Autoren dazu zu bringen, dass sie etwas machen, was Erfolg hat (vermeint­lich, denn genau weiß man es erst, wenn es soweit ist), oder darum, die Autoren dazu zu bringen, dass sie machen, was sie machen wollen und den Autoren dazu zu verhelfen, dass sie das können?

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Alle reden von Netflix, aber keiner hat irgend­eine Ahnung. Dass das so ist, ist gut. Schon deshalb weil alle von Netflix reden, wird es nichts werden mit der Rettung des deutschen Films durch Netflix.
Der Spiegel übrigens redet nicht von Netflix. Die verkaufen denen nichts. Sie werden schon wissen warum.

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Der Produzent redet gern von Algo­rithmen, die angeblich wissen, was die Kunden sehen wollen. Die Algo­rithmen, sagen, dass sich die Netflix-Zuschauer für deutschen Geist nicht inter­es­sieren. Meint er wirklich Algo­rithmen?
Meine persön­li­chen Algo­rithmen sagen, dass Netflix deutsche Dokus aus den 70ern kauft, wie »Hitler – Eine Karriere« und die Helmut-Schmidt-Doku der ARD. Wenn die sowas senden, könnte man sich viel­leicht darauf einigen, dass eh keiner weiß, was Netflix will. Was die senden. Was Netflix-Zuschauer sehen wollen. Netflix ist daher der Ort eines großen Expe­ri­ments, einer Riesen­per­for­mance. Kein Ort der Checker, sondern ein Ort für Free­styler. Länger als fünf Jahre wird das nicht so gehen, aber jetzt geht es so. Den Erfolg bei Netflix kann man so sicher planen, wie einen Lotto­ge­winn.
Vergessen wir die Bescheid­wisser.
Vergessen wir nicht: Netflix ist Dada.

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»Jeder Student ist eine Chance, das System zu ändern.«. Dies ist der Titel der Abschrift einer Diskus­si­ons­ver­an­stal­tung bei den Kurz­film­tagen Ober­hausen zur Feier der ersten 50 Jahre dffb, die jetzt die Kollegen von critic.de veröf­fent­licht haben, und die die Ausein­an­der­set­zung lohnt.

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»Wir wollen über Frank­reich reden« sagen die 33. Fran­zö­si­schen Filmtage Tübingen (2. bis 9. November 2016) bei der Ankün­di­gung ihres dies­jäh­rigen Programms. »und über den Rest der Welt. … über gesell­schaft­liche Umbrüche, über Meinungs- und Pres­se­frei­heit. Die Welt ist nicht ruhiger geworden, im Gegenteil. Die Fragen und Unsi­cher­heiten gehen weiter: Warum ziehen Mädchen für den IS in den Dschihad? Wie können wir unsere Privat­sphäre im Zeitalter der NSA schützen? Wie können sich kleine Unter­nehmer gegen Groß­kon­zerne behaupten? Was dürfen und können die Medien? Was ist Familie? Das sind nur einige der poli­ti­schen, sozialen oder philo­so­phi­schen Fragen, die wir im Zusam­men­hang mit unseren Filmen disku­tieren wollen.«
Die Fragen sind groß, die Filme klein und ich bezweifle ob sie alle Fragen beant­worten können. Aber besser große Fragen, als gar keine. Und sie – die Filme wie die Fragen – machen Lust, endlich mal nach Tübingen zu fahren.
Zum Beispiel: La socio­logue et l*eourson von Étienne Chaillou und Mathias Théry.
»Irène Théry ist Sozio­login und Mitglied der Exper­ten­kom­mis­sion, die den Gesetz­ent­wurf für die Homoehe in Frank­reich erar­beitet hat. Ihr Sohn, der Filme­ma­cher Mathias Théry machte sich zusammen mit Étienne Chaillou daran, die Kontro­verse zu disku­tieren. Was ist hier eigent­lich los? Wer ist dafür, wer ist dagegen, und wieso? All das und noch viel mehr bespre­chen Irène und Mathias am Telefon. Mit Hilfe animierter Plüsch­tiere wird erklärt, dass das Vater-Mutter-Kind-Modell, das wir für die vermeint­lich „natür­liche*g Form der Familie halten, ein gesell­schaft­li­ches Konstrukt ist – noch dazu kein besonders altes. Der Begriff der Familie ist ein gesell­schaft­li­ches Konstrukt, das sich immer wieder verändert hat – und sich deshalb auch in Zukunft verändern kann. Ein origi­neller Doku­men­tar­film, der das erstaun­lich sensible Thema mit den Mitteln der „Sendung mit der Maus*g auf unge­wöhn­liche Weise, aber sehr diffe­ren­ziert zur Diskus­sion
stellt.«
Oder Nothing to hide von Marc Meil­las­soux und Mihaela Gladovic. »Haben Sie etwas zu verbergen? Nein? Schon nach wenigen Minuten fällt jedem ein, dass es Dinge gibt, die man nicht der ganzen Welt mitteilen möchte. Trotzdem geben wir unzählige Infor­ma­tionen über uns preis: Wir instal­lieren immer mehr Apps auf unserem Handy oder akzep­tieren Geschäfts­be­din­gungen, die Unter­nehmen Zugang zu unseren Daten geben. Aus Sicher­heits­gründen stellen wir unser Recht auf Privat­sphäre zurück. Dabei will niemand in einem Über­wa­chungs­staat leben, der einen die Freiheit raubt. Freiheit stirbt mit Sicher­heit, behaupten wir – und sind beruhigt, wenn möglichst viele Kameras uns beim Küssen in der U-Bahn-Station filmen. Haben wir überhaupt noch private Geheim­nisse? Was sagt es über uns und unsere Gesell­schaft aus, wenn wir uns an die Recht­fer­ti­gung klammern, dass wir nichts zu verbergen haben? „Nothing to hide*g widmet sich den gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Auswir­kungen dieser Über­wa­chungs­epi­demie. Der Doku­men­tar­film wurde von Kick­starter als Crowd­fun­ding-Projekt finan­ziert. …
Wir, die wir immer noch fest an die Welt­ver­bes­se­rungs­fähig­keit des Kinos glauben, freuen uns auf jede Menge zündenden Gesprächs­stoff, auf lebendige Ausein­an­der­set­zungen und neue Erkennt­nisse, auf Austausch und Kommu­ni­ka­tion und natürlich auf eine gute Zusam­men­ar­beit und eine großar­tige Medi­en­prä­senz, für die wir Ihnen schon jetzt herzlich danken. Für alle Rück­fragen, Bild­ma­te­rial, Inter­view­ter­mine und ausführ­li­cheren Infor­ma­tionen stehen wir Ihnen selbst­ver­s­tänd­lich gerne und jederzeit zur Verfügung.«

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 137: »Das geht doch nicht, da passiert ja gar nichts!«

Eine Welt im Ausnahmezustand zeigt Edward Zwick inThe Siege

Wir wollen ja nicht speku­lieren: Medien im Ausnah­me­zu­stand und die große Terror-Show der ARD – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 137. Folge

Immer weniger Menschen sterben an Terror­akten. Und doch lassen sich die Gesell­schaften des Westens, insbe­son­dere die deutsche, ins Bockshorn jagen. Wie das geht, hat uns das Kino schon lange erzählt.
Man könnte sich dazu Fritz Langs Mabuse-Filme ansehen, noch frap­pie­render ist aber der vor 9/11 entstan­dene The Siege (Ausnah­me­zu­stand) von Edward Zwick. Bruce Willis spielt darin einen Militär, der den realen Terror ausnutzt, um über den Ausnah­me­zu­stand eine faschis­toide Diktatur zu instal­lieren – New York sieht plötzlich aus wie Pinochets Chile. Und erschre­ckend aktuell sind die Inter­nie­rungs­lager und folternde Militärs.
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Weniger realis­tisch im Äußeren und der Form, dafür viel­leicht im Empfinden ist Roberto Rodriguez’ Planet Terror, gutes Schund­kino, das man in beide Rich­tungen lesen kann: Wenn Zombies abge­knallt werden und die Ekel­schwelle immer höher steigt, dann ist das ein Anti­ter­ror­kampf als Schlacht­platte. Aber viel­leicht ist der Film noch etwas cleverer: Viel­leicht macht er uns nur zu willen­losen Amok­schützen? »Sensa­tio­nell ist Rose McGowan, die ihr ampu­tiertes Bein mit einem Maschi­nen­ge­wehr ersetzt und damit zu unge­ahnter Effek­ti­vität und Attrak­ti­vität aufläuft«, schrieb Michael Althen zu dem Film vor neun Jahren in der FAZ, und weiter großartig: »Im Grunde befreit sich das Kino hier aus dem Abbil­dungs­t­error und schwingt sich zu abstrakter Kunst empor. Ein Fall für die Documenta.« Ja! Ein Fall für die Documenta – das könnte auch noch für so manches gelten, das sich in den letzten zwei Wochen ereignete.
Vorher soll aber erwähnt werden, dass Bruce Willis auch hier einen kleinen kurzen effek­tiven Auftritt hat. Weiterlesen

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»Uncertain States. Künst­le­ri­sches Handeln in Ausnah­me­zu­ständen« heißt passen­der­weise der Programm­schwer­punkt der Berliner Akademie der Künste in diesem Herbst. Thema ist die Fragi­lität des Status Quo, ausgelöst durch Kriege, Armut, Terro­rismus, Flucht und Zuwan­de­rung. Ein »Erfah­rungs­raum der Dinge« soll die Grund­struktur des drei­mo­na­tigen Programms bilden.
»Die Erfahrung von Ausnah­me­zu­ständen ist in die alltäg­liche Wirk­lich­keit Europas einge­kehrt. Mit ‘Uncertain States’ nehmen wir die aktuellen poli­ti­schen, gesell­schaft­li­chen und indi­vi­du­ellen Umbrüche und Unsi­cher­heiten in den künst­le­ri­schen Fokus und erinnern gleich­zeitig an die exis­ten­ti­ellen Notlagen, in die viele Kunst­schaf­fende nach 1933 gerieten. Ihr emotio­naler und ästhe­ti­scher Umgang mit Auswan­de­rung und Exil ist in den Archiven der Akademie der Künste beispiel­haft doku­men­tiert und wesent­li­cher Bezugs­punkt unserer Ausstel­lung«, sagt die Film­re­gis­seurin und Akademie-Präsi­dentin Jeanine Meerapfel.
Objekte und Dokumente stammen unter anderem auch von den im Film arbei­tenden Bertolt Brecht, Hanns Eisler, Valeska Gert, Lilian Harvey.

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Seit etwa 1988 sinkt der Terror in Europa. Mitte der 90er Jahre waren die Zahlen noch einmal höher – aber nur wenn man den Jugo­sla­wien-Krieg mitzählt. Die Zahlen der Todes­opfer 2015 und 2016 liegen nach einer aktuellen, u.a. über dpa verbrei­teten Statistik im Vergleich weit unter den Zahlen der 1970er- und 1980er-Jahre.
Der Grund dafür, dass zwischen der realen Gefahr und den tatsäch­li­chen Terror­op­fern in Europa einer­seits und der subjektiv empfun­denen Terror­ge­fahr in Deutsch­land eine signi­fi­kante Lücke klafft, ist reine Hysterie. Das belegt auch eine Umfrage des Pew Research Center: Die Menschen haben vergleichs­weise viel Angst vor Terror, vor Flücht­lingen und »dem Zuzug von Auslän­dern«. Sie haben auch Angst vor den Folgen von grie­chi­schen Schulden und Brexit für die Steu­er­zahler. Sie haben aber vergleichs­weise wenig Angst vor Krankheit oder davor im Alter ein Pfle­ge­fall zu werden – obwohl diese Aussicht die viel wahr­schein­li­chere ist.
Von den 4000 Verkehrs­toten reden wir jetzt mal gar nicht – oder herrscht viel­leicht Terror auf der Autobahn?

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Es war eine Kapi­tu­la­ti­ons­er­klä­rung erster Klasse, was da am vergan­genen Freitag im ARD-Fernsehen geschah. Da feilscht die ARD mit ihren Filme­ma­chern und Produ­zenten und Redak­tionen um jede Sende­mi­nute und dann wird einem – wie wir inzwi­schen wissen: rechts­ex­tremen – Quatsch­kopf eine Live-Sendezeit von über drei Stunden geboten! Was ist das für ein Signal an zukünf­tige Täter? Was für ein Signal an Sozi­al­ge­störte und Psycho­pa­then, denen die Warhol­schen »15 Minuten« nicht ausrei­chen, und die zum Stillen ihres Aufmerk­sam­keits­de­fi­zits einfach ein paar Menschen über den Haufen schießen müssen?
Jeder poten­ti­elle Mörder weiß nun, wie er es anstellen muss, um bei der ARD eine Live-Show zu bekommen.

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»Ein Fall für Zwei« im Ersten. Die längste »Tages­themen«-Sendung aller Zeiten, länger selbst als am 11.9.2001, von 21.15 Uhr bis 0.27 Uhr, länger als jedes Fußball-Cham­pi­ons­league-Spiel inklusive Verlän­ge­rung und Elfme­ter­schießen, und dann noch im Stehen, weil man ja im deutschen Fernsehen nicht mehr in sitzender Gelas­sen­heit, sondern nur noch hektisch auf dem Sprung die Nach­richten ablesen darf.
Als Terror-Show­master betä­tigten sich Thomas Roth und Georg Mascolo, einst »Spiegel«-Chef­re­dak­teur, jetzt soge­nannter »Terro­ris­mus­ex­perte« bei der ARD.
Der Eindruck drängte sich auf, dass man in manchen Redak­tionen heimlich darauf hoffte, es würde noch etwas passieren. Einem der dilet­tan­ti­schen ARD-Terror-Show­master entfuhr die Bemerkung: »Das geht doch nicht, da passiert ja gar nichts!« Und auch sonst, domi­nierte der Eindruck, als ob alle drauf gewartet und ein wenig gehofft hätten. Endlich! Hechel, hechel!! Immer wieder die rheto­ri­sche Geste des »Es musste ja so kommen« – und gleich­zeitig soo dilet­tan­tisch: Live­schal­tungen, die nicht funk­tio­nierten, wo aber keiner auf die Idee kam, den Leuten vor Ort – wenn es denn live sein muss – mal ein Mobil­te­lefon in die Hand zu drücken.
Oder jenen Moment, als sich die Terror-Show­master mit einem frisch servierten Handy-Video befassten, dass den Mörder zeigte, wie er sich mit einem Bewohner auf einem Parkdeck ein Wort­ge­fecht lieferte. Es war nicht unbedigt gewohnte ARD-Sprache, aber immerhin bereits beim ersten Mal deutlich vers­tänd­lich, was die Leute sich zubrüllten. Unter anderem rief der Mörder: »Scheiß-Ausländer«, »Ich bin Deutscher«, da hätte man schon vermuten können, dass der Mann Rechts­ex­tre­mist ist. Nur zwei Leute verstanden gar nichts: Roth und Mascolo. Und auch beim zweiten und beim dritten Anguck-Versuch brachen sie das Abspielen vorzeitig ab.
Da hatten sie über Stunden nur herum­ge­la­bert, nichts zu tun gehabt, geraten und gemutmaßt und Anekdoten erzählt, und endlich ein paar Fakten, die alle ihre Speku­la­tionen vom »Tages­themen«-Tisch wischten: keine Isis, keine Isla­misten, keine Flücht­linge, kein Ernstfall.
In der ganzen Zeit kein kriti­sches Wort zu der Panik, viel Speku­la­tionen über Gefahren, aber keine Speku­la­tion darüber, ob viel­leicht all das doch etwas über­trieben sein könnte.

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Deutsche Tote sind offenbar mehr wert als andere – wo war die Sonder­sen­dung für die 200 Toten bei Erdogans Ermäch­ti­gungs­putsch, äh, Reichs­tags­brand?

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Der ARD-Reporter brüstet sich noch damit, dass er an der Polizei vorbei hinter die Absper­rungen gegangen sei. Zu guter Letzt wird Angela Merkel dann noch vorge­worfen, dass sie sich erst infor­miert, sich nicht sofort das nächste Mikrophon schnappt – bloß weil der bescheu­erte US-Präsident sofort herum­get­wit­tert hat, als die Toten noch gar nicht gezählt waren.

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Das stellt dann immerhin gleich am nächsten Morgen Joachim Krause, Professor und Direktor des Instituts für Sicher­heits­po­litik an der Univer­sität Kiel im Deutsch­land­funk fest. »In erster Linie habe ich die Hysterie der Medien erlebt, und die, muss ich sagen, war nicht besonders gut. Gestern Abend habe ich den Eindruck gehabt, die Gelas­sen­heit fehlte, auch gerade bei den Medien. Ich hab mir drei Stunden ARD angetan und noch mal kurz ZDF, es war schlimm, muss ich sagen, weil es gab eigent­lich nichts zu berichten, und es wurde eigent­lich nur im Konjunktiv gespro­chen.« Krause traute sich auch den Einsatz der Polizei in München infrage zu stellen: »Das ist in dieser Größen­ord­nung etwas Neues, und ich weiß nicht, ob das tatsäch­lich gerecht­fer­tigt gewesen ist, aber… ich fand das schon ein bisschen sehr viel.«

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Das Ergebnis des Münchner Amok-Anschlags ist das Abbild einer infan­tilen, über­hys­te­ri­sierten Gesell­schaft, die zwischen Aufge­regt­heit und Schreck­haf­tig­keit changiert, und ihre Mitte immer noch nicht gefunden hat. Wir müssen lernen, Gelas­sen­heit zu entwi­ckeln, das haben wir hier in Deutsch­land überhaupt nicht.
Die Profi­teure warten schon: Die Medien machen mit alldem das Geschäft der Popu­listen der demo­kra­ti­schen Parteien und vor allem das Geschäft der Rechts­ex­tre­misten. Die wollen ein Angst­re­gime errichten. Sie nutzen den Terror, auch den rechts­ex­tremen, auch den nur vermeint­li­chen, für ihre Zwecke.

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Immerhin geht Thomas Roth im Herbst in den Ruhestand. Es wird höchste Zeit. Sein Nach­folger ist Ingo Zamperoni, ein Halbi­ta­liener und schon deswegen etwas cooler und mehr gewohnt.

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Werbung für einen Film: »Ein Film, der den Blutdruck senkt und das Gehirn entschleu­nigt. Dadurch wird der Kopf frei.«
Ja, dann geht doch alle ins Kloster!

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In der nach wie vor offenen Frage der CETA und TTIP Abkommen, die unter anderem die Künste und Medien schwer schädigen würden, will die EU-Kommis­sion nach dem Brexit-Reinfall jetzt offenbar mit dem Kopf durch die Wand. Ihr Plan: CETA und TTIP sollen im Eilver­fahren durch­ge­wunken werden, ohne dass die natio­nalen Parla­mente gefragt werden.
Das ginge nur, wenn es auf europäi­scher Ebene echte Demo­kratie gäbe.
CETA ist die Blaupause für TTIP, die Sonder­kla­ge­rechte für Konzerne und nied­ri­gere Umwelt- und Verbrau­cher­stan­dards bringen würde.
Die Bundes­kanz­lerin will offenbar mitspielen und den Bundestag lediglich »um eine Meinungs­bil­dung« bitten. Ob die EU-Kommis­sion mit ihren Plänen durch­kommt, die natio­nalen Parla­mente doch noch beteiligt werden oder CETA ganz gekippt wird – das entscheidet sich voraus­sicht­lich auf dem EU-Handels­gipfel in Bratis­lava am 22. und 23. September.
Wie sehr der Protest bereits wirkt, kann man dieser Tage bei der SPD bestaunen. Wirt­schafts­mi­nister Sigmar Gabriel (SPD), bisher TTIP- und CETA-Befür­worter, nennt Junckers Plan »unglaub­lich töricht.«
Mehr Infor­ma­tionen zu den über­par­tei­li­chen Initia­tiven hier:
www.campact.de/ttip-ebi
stop-ttip.org
www.volks­be­gehren.jetzt

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Und wäre Erdogan ein bildender Künstler, unser Beifall wäre ihm sicher. Und der der Documenta.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Ein Vierteljahr im Kino: Lasst die Wunden klaffen!

Fördermillionen und Trophäen gehen an Mainstream-Suchendes, Eigensinniges wie „Wild“ wird ignoriert oder erst gar nicht eingereicht. Die offizielle Filmszene liebt das Mittelmaß – alles andere wird an den Rand gedrängt. | Foto © NFP

Es liest sich wie nichts, eine Randnotiz in der Zeitung. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, fliegt anlässlich der „Oscars“ nach Hollywood. Deutsche Politiker in L. A., das ist in den letzten Jahren nicht unüblich. Auch wenn sie in der Regel zur Gala gar nicht eingeladen sind. Darüber macht sich die Zeitung auch ein wenig lustig, doch was die Reise des Regierenden für sie wirklich bemerkenswert macht, ist, dass dessen Tochter mitfährt. Allerdings betonen Müllers Sprecher sogleich, dass sie ihren Flug selbst bezahlt hat. Okay, ja, kann man klarstellen, ist so verkehrt nicht, sind ja Steuern. Aber es geht noch weiter: Die Tochter, so heißt es ganz offiziell, durfte auf keine Party mit.

Ist das nicht albern? Spaßbefreit? Jugendfeindlich? Ist unser Misstrauen oder der vorauseilende Gehorsam so groß? Es wird gute Gründe für diese Politik geben. Aber sie fühlen sich alles andere als richtig an. Überall Ethik, selbst wenn es ums Kino geht.

Aufgeblasen zur Großindustrie. Dabei könnte man schon mit einem kurzen Blick auf Müllers Politik was zum Lachen haben. Schon im vergangenen Jahr hat sein Adjutant, Senatskanzleichef Björn Böhning, das Wasser getestet für eine neue Filmpolitik. Jetzt hat auch Müller sie sich zu eigen gemacht: Im Vorfeld der Berlinale präsentierte er eine „Industriepolitik“, die so großkotzig klingt, wie sie leer ist. Deren Wiederholung auf höherer hierarchischer Ebene macht sie nicht richtiger. Eine „Industriepolitik“ für einen Wirtschaftszweig zu fordern, der so deutlich mittelständisch ist wie die hiesige Filmproduktion, das kann nur eine Nebelkerze sein. Weiterlesen

Aber was soll’s, wir wollen eben mitspielen in der ersten Liga der europäischen Sparmodelle für US-Produktionen. Berlin und Brandenburg pumpen sogar fleißig Kohle rein, damit der Hauptstadt-Hauptbahnhof seinen Quality-TV-Auftritt hat.

Und nicht nur das! Wenn die ehemalige Geheimagentin Carrie für die Showtime-Serie „Homeland“ durch Glas-Beton-Berlin läuft, dann geschieht etwas, das hat noch kein Berlinbesucher zuvor erlebt: Der Aufzug im Hauptbahnhof kommt, nicht nach drei bis fünf Minuten, sondern direkt, einfach weil er gerufen wurde. Servicemekka Deutschland. Wenn das die Folge ist, können deutsche Politiker meinetwegen gern öfter nach L. A. fliegen. Aber bitte, lasst die Kinder mit auf die Partys.

Filmförderung für US-Majors? „Stupid German Money“ nannte man früher deutsches Geld, das leichtfertig in US-Produktionen gepumpt wurde. Das sagt heute keiner mehr, schon weil es nach Yuppie-Neunzigerjahre klingt. Der Neid hat aber nicht nachgelassen, er kommt diesmal jedoch von überraschender Seite: Der vermutlich größte Profiteur der deutschen Filmförderung will noch größere Stücke vom Kuchen. Martin Moszkowicz, Vorstand der Fack-ju-Constantin-Film, findet, es müsse jetzt mal darüber gesprochen werden, wer überhaupt Anspruch auf Geld aus der Förderung hat. Weil seine Constantin, regelmäßig Nutznießerin Nummer eins, trotz der riesigen Kassenerfolge gerne noch mehr Null-Risiko-Geld will. Und so hat er sich vorgenommen, eine Debatte darüber anzustoßen, ob US-Majors wie Fox und Warner Bros. auch Geld bekommen müssen. Zum Glück lässt sich niemand auf eine so transparent eigennützige Diskussion ein.

Mein Vorschlag: Wer aus den Gewinnen eines Films seinen nächsten finanzieren kann, wird von der Förderung ausgeschlossen.

Wobei: ein solch gerechtes System, undenkbar in Deutschland. Da könnte ja niemand mehr neidisch sein – und man bräuchte sich nicht über einen Flop wie Til Schweigers „Kino-Tatort“ zu ärgern. Der hat gleichzeitig Höchstsummen aus ARD-Mitteln und der Filmförderung für sich beanspruchen können – und wird diese, wie’s ausschaut, niemals über die Kinokassen zurückzahlen.

Ein sensibles Thema, denn schnell wird einem ein Ungerechtigkeitsempfinden als Neid ausgelegt. Darin ist nicht zuletzt Til Schweiger Spezialist. Gerne wirft er Kritikern, die ihm künstlerisches Versagen attestieren, Missgunst vor. Doch diesmal bietet Schweiger eher Anlass zu Schadenfreude: Gerade mal 280.000 Besucher hat „Tschiller: Off Duty“ angelockt – „Honig im Kopf“ wollten mehr als sieben Millionen sehen, und auch die früheren „Tatorte“, die ins Kino kamen, waren um ein Vielfaches erfolgreicher.

Schummeln wie in China. Zu spät für Schweiger (aber hinterher ist man ja immer klüger) kommt die Nachricht von dem tollkühnen System, das in China die Besucherzahlen in die Höhe schnellen lässt. Für „Ip Man 3“ wurde der Verleiher einer schön abstrusen Methode überführt: Weil Erfolg Erfolg gebiert, versuchen findige Unternehmer seit jeher, die Charts zu manipulieren. Bei „Ip Man 3“ wurden die Verkaufszahlen nun anscheinend um knapp neun Millionen Dollar frisiert. Manche Kinos hätten dafür am Startwochenende im Zehn-Minuten-Rhythmus ausverkaufte Vorstellungen des Films gelistet – und das bis drei Uhr nachts. Faktisch unmöglich, aber doch immerhin erfinderisch.

Später stellte sich laut chinesischer Aufsichtsbehörde heraus, dass drei Betreiber von Ticketing-Systemen und 73 Kinos an dem Betrug beteiligt waren. Mehr als 7600 Vorstellungen des Films waren erfunden. Das machen deutsche Kinos so schnell nicht nach.

Rekordzahlen, Rekordpreise. Obwohl selbstverständlich zum Jahresbeginn wieder Erfolge gefeiert werden mussten. Mehr Geld, mehr Zuschauer, deutsches Kino, juchhu! Juchhu? Bemerkenswert an den Zahlen erscheint mir vor allem, dass Kinotickets schon wieder teurer geworden sind, um stolze 34 Cent. Der durchschnittliche Kinopreis feiert also ebenfalls Rekord: 8,39 Euro – wohlgemerkt, im Durchschnitt.

Unterdessen meldet das Studio Babelsberg, immer gut im Fabrizieren von neuen Unternehmen und anderer legaler Steuerspartricks, 2015 habe es wieder schwarze Zahlen geschrieben. Nur eine Dividende werde nicht ausgeschüttet, zu unsicher sei die Auftragslage.

Mal wieder ein Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung Politik? Oder ein Zeichen, dass keiner auf die Potsdamer Studios neidisch sein braucht? Obwohl es seit Anfang des Jahres noch einen Extra-Fördertopf für Großproduktionen und Serien gibt – mit dem so trottelig anbiedernd klingenden Namen German Motion Picture Fund.

Das Elend in der Mitte. Die Babelsberger Nachbarn, die Ufa-Chefs Nico Hofmann und Wolf Bauer, bemühen sich derweil, ihr völliges Desinteresse für Netflix glaubhaft unter Beweis zu stellen. Alle anderen Produktionsfirmen buhlen um deren Aufträge (Baran bo Odar soll es mit „Dark“ richten), und auch Amazon hat sich ein deutsches Projekt gesichert.

Derweil verschärft sich der Wettstreit der neuen mit den alten Playern. So kam es auf dem Sundance Film Festival im Januar zu einem spektakulären Bieterstreit: Netflix bot dem Vernehmen nach 20 Millionen US-Dollar für das Arthouse-Sklaverei-Drama „Birth of a Nation“. Am Ende erhielt Fox Searchlight für 17,5 Millionen Dollar den Zuschlag – auch das schon ein Rekordpreis für einen Sundance-Film.

Gleichzeitig zeigte Nicolette Krebitz auf dem Festival ihr unaufgeregtes, aber umso aufregenderes Drama „Wild“. Warum das nicht auf der Berlinale lief? Vielleicht auch, um diesen zarten, rohen, lustvollen und eigensinnigen Film vor den deutschen Heinis ein wenig zu schützen.

Neid zieht sich wie ein roter Faden durch die deutsche Filmbranche, manchmal als politische Strategie, wie bei Moszkowicz, öfter aber als Lähmung der Zustände: Bloß keine zu guten Filme für die „Deutschen Filmpreise“ nominieren, die Mittelmäßigkeit der Masse würde zu offensichtlich.

Neuestes Beispiel: Eigensinniges wie „Der Nachtmahr“ oder „Der Bunker“ wurde ignoriert – und ein kategoriensprengender Film wie „Wild“ erst gar nicht eingereicht. Die Deutsche Filmakademie und ihr Preis spiegeln in aller Ehrlichkeit die deutsche Filmbranche: Jedes Experiment, das nicht aus der Mitte entspringt, wird an den Rand gedrängt.Vielleicht schaffen es deshalb Personen wie Berlinale-Direktor Dieter Kosslick in der hiesigen Branche so weit: mit einer Position der Mitte, die unangreifbar (oder fast) das Gute propagiert, statt das Schöne und das Wahre. Das „Recht auf Glück“ für die Armen und Geflüchteten dieser Welt hat Kosslick in diesem Jahr zum Motto der Berliner Filmfestspiele erhoben. Man fühlt sich an Titos Versprechen vom Recht auf Arbeit erinnert, so sehr lässt dieses Motto Filme als Auftragsarbeit sozialdemokratischer Interessen erscheinen.

„Genug mit der Ethik, es werde Kino!“, möchte man da rufen. Und wenn das nicht möglich ist, dann vielleicht mal wieder über den Teich schauen und an die Amis halten. „Oscars“ für nur für weiße Darsteller und ein bisschen auf die Hautfarbe ausgerichtete Trailer für „Straight Outta Compton“, damit klar wird, wie schlecht es steht. Ich bin langsam so weit, dass sich das richtiger anfühlt: die Wunden einfach klaffen zu lassen.

Frédéric Jaeger hält in seiner Kolumne auf Spiegel online jetzt vier Mal im Jahr Rückschau auf das vergangene Quartal in der Filmbranche. Diese erste Folge erschien am 29.04.2016. Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Spiegel online.

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Öffentliche Ignoranz

Die ARD-Reihe „Die Diplomatin“ will seine Geschichten nah am Zeitgeschehen erzählen, schert sich aber nicht um Fakten. In der jüngsten Folge werden den Zuschauern die Philippinen präsentiert, doch Elefanten, Tuk-tuks und Linksverkehr gibt es erst zwei Länder weiter in Thailand. | Foto © ARD Degeto/Hans-Joachim Pfeiffer

Die ARD hat mit „Die Diplomatin“ eine neue Samstagabend-Reihe gestartet: Natalia Wörner ist Karla Lorenz, eine Troubleshooterin des Auswärtigen Amtes, die immer dann in ein Krisengebiet dieser Welt geschickt wird, wenn es dort für Deutsche brenzlig wird. Das Erste wagt sich auf internationales Parkett – und das geht gründlich schief. Hier soll es nicht um schauspielerische Leistungen oder künstlerische Qualitäten bei der Umsetzung eines TV-Movies gehen sondern um die Frage: Wie weit darf Fernsehen sich die Realität zurechtbiegen, wie authentisch muss Fiktion sein? Weiterlesen

„Entführung in Manila“ sollte vergangenen November der Auftakt sein für die neue Reihe, nach den Terroranschlägen von Paris entschied ARD-Programmdirektor Volker Herres, „Die Diplomatin“ kurzfristig aus dem Programm zu nehmen. Jetzt also ein neuer Anlauf, Ende April absolvierte die Sonderbeauftragten Lorenz in Tunis ihren ersten Einsatz, in der Folge vom 7. Mai werden vor der Küste der Philippinen zwei deutsche Urlauber von islamistischen Terroristen entführt. Ein Szenario von erschreckender Aktualität, vor gut einer Woche köpfte die Terrorgruppe Abu Sayyaf im Süden des Inselstaates die kanadische Geisel John Risdel, zwei weitere gekidnappte Touristen drohen die Extremisten zu töten. Die Fakten stimmen also, der Bürgerkrieg zwischen dem christlich geprägten Norden des Landes und dem muslimischen Süden schwelt weiter, ungeachtet einer im Jahr 2012 unterzeichneten Friedensvereinbarung der Konfliktparteien.

Der Film beginnt mit der Entführung von zwei Deutschen auf der Insel Basilan im Süden des Landes. Bewaffnete bringen die gefesselten Touristen aus der Stadt Isabela City in ein Versteck. Es braucht keine zwei Minuten, und es wird deutlich: Hier ist etwas faul. Im Inneren des Kleintransporters kleben verschnörkelte Schriftzeichen an Armaturen und Windschutzscheibe, der Van braust auf einer Küstenstraße aus der Stadt – auf der linken Fahrspur. Die Produktionsfirma Ufa Fiction hat „Entführung in Manila“ in Thailand gedreht – und das sieht man der Produktion von der ersten bis zur letzten Minute an, der Fernsehfilm hat so viel mit den Philippinen zu tun wie ein „Beer Festival“ in den USA mit dem Münchner Oktoberfest.

Es ist Routine im Filmgeschäft, nicht an Originalschauplätzen zu drehen. Die Karl-May-Filme entstanden im damaligen Jugoslawien, Marokko ist beliebter Schauplatz für alles was arabisch oder nach Wüste aussehen soll, und ein Toskana-Dörfchen lässt sich auch in den türkischen Bergen finden, wie ich bei einem Setbesuch lernte. Fördergeld, Infrastruktur, Genehmigungen und andere Faktoren entscheiden darüber, wo gedreht wird. Doch wenn schon geschummelt wird, sollte das Ergebnis zumindest annähernd deckungsgleich sein mit der Wirklichkeit, schließlich wird dem Zuschauer ein Versprechen gegeben: ihn mitzunehmen auf eine Reise zu anderen Orten, Kulturen und Menschen – auch wenn die Handlung Fiktion ist. Den Philippinen thailändische Schriftzeichen und Linksverkehr unterzujubeln sind eben keine Petitessen, sondern Ausdruck von Ignoranz. Bei „Entführung in Manila“ ziehen sich Missverständnis und Unverständnis gegenüber dem asiatischen Land wie ein roter Faden durch den Film.

Es reicht eben nicht aus, eine Landesfahne dekorativ in den Bildhintergrund zu rücken, um die Protagonisten in dem jeweiligen Land zu verorten. Wenn die Diplomatin Lorenz auf den Philippinen landet und am Flughafen in Manila von Botschaftsmitarbeiter Nikolaus Tanz (Jannik Schümann) empfangen wird, hätte sie genauso in Hongkong, Hanoi oder Hannover ankommen können. Nichts von der aufgeregten Atmosphäre, die am Ninoy Aquino Airport herrscht, wenn Filipinos nach Monaten, manchmal auch nach Jahren der Arbeit in Übersee in ihre Heimat zurückkehren, vollgepackt mit Geschenken und Erwartungen. Keine umständlichen Einreiseformalitäten mit Zetteln, die von grimmigen Beamten mit hohen Schirmmützen erst begutachtet und dann mit Nachdruck abgestempelt werden. Keine Taxiwerber vor dem Flughafengebäude, die jeden Weißen umschwirren wie ein Schwarm Moskitos. Hier hätte der Film eintauchen können in eine fremde, exotische Welt, wäre Gelegenheit gewesen zu zeigen, dass es in Manila keine Garküchen gibt und man nicht mit einem Tuk-Tuk (sondern mit einem Jeepney) fährt, dass die Bewohner der Philippinen selbst auf den entlegensten Inseln Englisch sprechen und man keine esoterische asiatische Flötenmusik hört sondern die Billboard Charts – und das möglichst laut.

Ein TV-Movie ist keine Dokumentation. Es geht auch nicht darum, das Haar in der Suppe zu finden und dieses triumphierend dem Kellner zu präsentieren. Es geht darum, was Zuschauer von einem öffentlich-rechtlichen Sender erwarten dürfen. Wer an der Wursttheke Salami bestellt, wird über Mett nicht erfreut sein. Der Franken-„Tatort“ sieht nach Franken aus, bei „Mordkommission Istanbul“ sieht der Zuschauer, dass die Handlung in der türkischen Metropole spielt, und in den „Donna Leon”-Krimis schippert Commissario Brunetti offenbar durch Venedig. Aber bei einem Film mit Schauplatz in einem asiatischen Land reichen eine quirlige Metropole mit Motorrädern, Palmen, Meer und schlitzäugige Menschen, und fertig ist das Setdesign?

Das unverhohlene Desinteresse von „Entführung in Manila“ am Original zeigt sich besonders deutlich, wenn Diplomatin Lorenz sagt: „Wissen Sie, wer den Tsunami als erstes gespürt hat? Nein? Die Elefanten.“ Weder gibt es auf den Philippinen Elefanten, noch erreichten 2004 die verheerenden Flutwellen den Inselstaat. Und den philippinischen Verteidigungsminister mit dem französischen Schauspieler David Asavanond zu besetzen, der mit einem anmutigen, nur leider völlig deplatzierten Akzent die Verhandlungen über die Freilassung der Geiseln führt, ist mehr als grotesk. In dem Film ist kein einziger Filipino zu sehen, auf die physiognomischen Unterschiede von Asiaten einzugehen, wäre von einer Produktion, die sich so wenig um Authentizität schert, wohl zu viel verlangt. In „Entführung in Manila“ bleibt ein Land mit seinen Menschen und seiner Kultur ein leeres Versprechen. Stattdessen werden einige Fakten mit gängigen Klischees angereichert – von dieser Mogelpackung dürfen sich die Zuschauer zurecht verschaukelt fühlen. Dann lieber noch eine weitere Krimi-Reihe aus der deutschen Provinz. Und wer das Manila sehen möchte, wie es wirklich ist, kann sich immer noch einen Film von Brillante Mendoza ansehen, der philippinische Regisseur ist mit „Ma’ Rosa“ wieder im Wettbewerb von Cannes dabei.

 

Der Autor ist Redakteur bei der Fachzeitschrift Blickpunkt:Film und reist seit über zehn Jahren regelmäßig auf die Philippinen. Während seines Sabbaticals lebte er 2014 mehrere Monate in deren Hauptstadt Manila.

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Geld für Überstunden

Wer Pauschalverträge unterschreibt, sollte ahnen, daß damit unbezahlte Überstunden auf ihn zukommen, meint das Arbeitsgericht. Zugleich kassierte es aber die Vereinbarung: Die „unangemessene Benachteiligung“ des Arbeitnehmers mache sie unwirksam. | Foto © Vincent Lutz

Das Arbeitsgericht Berlin hat vergangenes Jahr in einem von der Künstlerkanzlei Schmidt-Hug geführten Verfahren eine Berliner Produktionsfirma verurteilt, einem Filmschaffenden alle geleisteten Überstunden nachzubezahlen. Der Produzent vertrat zuvor die Ansicht, daß nach dem Vertrag „mit der vereinbarten außertariflichen pauschalen Vergütung“ alle Ansprüche abgegolten seien, zudem heiße es im Vertrag ausdrücklich, „der Vertragspartner hat keinen Anspruch auf Mehrarbeit (Überstunden, sechster Arbeitstag in der Woche, Nacht- und Sonntagsarbeit)“.
Mit Berufung auf das Bundesarbeitsgericht stellte das Gericht fest, daß der Arbeitnehmer bereits bei Vertragsschluß erkennen können muß, was gegebenenfalls „auf ihn zukommt“ und welche Leistung er für die vereinbarte Vergütung maximal erbringen muß. Bemerkenswerterweise konkretisierte das Gericht zum hier vorliegenden Fall der Pauschalvergütung in der Filmbranche ausdrücklich: „nach dem Inhalt der Regelung könnte der Arbeitnehmer mangels Festlegung irgendwelcher erkennbaren Begrenzungen theoretisch ,rund um die Uhr‘ arbeiten und unter Überschreitung der gesetzlichen Höchstarbeitszeiten, ohne hierfür eine zusätzliche Vergütung zu erhalten“. Dieser Regelung erteilte das Gericht eine deutliche Abfuhr und führte sie als „unangemessene Benachteiligung“ zur „Unwirksamkeit“ (Arbeitsgericht Berlin, Az.: 53 Ca 12217/14). Weiterlesen

Interessanterweise ging es in diesem Verfahren sogar um einen Filmschaffenden aus dem Bereich der Ausstattung. Bei diesen heißt es oftmals aus der Produktionsabteilung „Wir können Deine Arbeit ja gar nicht überprüfen“. In dem Gerichtsverfahren berief sich der Produzent entsprechend darauf, daß der Vertragspartner in der Gestaltung seiner „Arbeitszeit grundsätzlich ganz und gar frei gewesen sei … für den kleineren Teil am Drehort seien Terminabsprachen notwendig gewesen, was sich von selbst verstehe, ändere jedoch nichts daran, daß er seine Arbeitszeit habe frei gestalten können.“
Das Bemerkenswerte hierzu an dem Berliner Urteil ist eine Art Beweislastumkehr bei der Arbeitszeitdokumentation. Der Filmschaffende hatte seine Überstunden selbst aufgeschrieben und wöchentlich an die Produktionsabteilung geschickt. Der Produzent bestritt im Verfahren einfach die geleistete Mehrarbeit und berief sich darauf, daß die Produktionsleitung die Stundenaufzeichnungen nicht quittiert habe.
Dazu schrieb das Gericht der Branche ins Stammbuch: „dabei genügt der Arbeitnehmer seiner Darlegungslast, indem er vorträgt, an welchen Tagen er von wann bis wann Arbeit geleistet oder sich auf Weisung des Arbeitgebers zur Arbeit bereit gehalten hat. Auf diesen Vortrag muß der Arbeitgeber im Rahmen einer gestuften Darlegungslast substantiiert erwidern und im einzelnen vortragen, welche Arbeiten er dem Arbeitnehmer zugewiesen hat und an welchen Tagen der Arbeitnehmer von wann bis wann diesen Weisungen nachgekommen bzw. nicht nachgekommen ist.“
Da der Kläger zur Mehrarbeit im Rahmen ihrer Beweislast ihrer Verpflichtung der Arbeitszeitdokumentation nachgekommen ist, die Beklagte jedoch den ihr obliegenden Gegenbeweis nicht erbracht hat, verurteilte das Gericht die Produktionsfirma zur Nachzahlung aller Überstunden einschließlich aufgelaufener Zinsen.

Als Praxistip empfiehlt sich daher, auch bei einer (ohnehin unzulässigen) Pauschalgage im Vertrag (auch im Bereich der Ausstattung) gleichwohl, eine wöchentliche Stundenaufstellung zu machen und diese der Produktionsabteilung zu übermitteln (sehr bequem zum Beispiel mit der von Filmschaffenden entwickelten App Überstunden HD). Sollte sich dann am Ende der Produktion herausstellen, daß die Arbeit doch erheblich umfangreicher ist, als zunächst angenommen, sollte man (gegebenenfalls mit Hinweis auf das genannte Berliner ­Urteil) auf die Bezahlung der Mehrarbeit pochen.

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Realistischer kalkulieren

Es wird nachjustiert: Die ARD hat für Auftragsproduktionen einige Berufsgruppen erstmals anerkannt. Auch bei Vorsorge und Gagen sind Verbesserungen für die Filmschaffenden vereinbart. | Foto © Vincent Lutz

Nach zweijährigen Verhandlungen der Produzentenallianz mit der ARD hat diese nun im Januar eine neue „Selbstverpflichtungserklärung“ für künftige Auftragsproduktionen beschlossen. Die Produzenten konnten einige erhebliche Verbesserungen für sich erzielen. Manche davon bewirken mittelbar auch echte Verbesserungen für das Filmschaffen und die Filmschaffenden:

Unter dem Punkt „Kalkulationsrealismus“ haben die ARD-Anstalten nun zum einen die verbindliche Anerkennung des Tarifvertrages für Film- und Fernsehschaffende als Kalkulationsgrundlage erklärt, einschließlich der Mehrkosten für das Zeitkonto sowie Feiertags- und Nachtzuschläge. Künftig kann es also keine Ausflüchte mehr zu Sonn-, Feiertags- und Nacht­zuschlägen geben.

Dabei ist zu beachten, dass diese steuer- und sozialabgabenfrei sind, also brutto wie netto ausgezahlt werden. Daher sollte man sich bei Vertragsverhandlungen auch nicht statt dieser Zuschläge auf eine höhere Pauschalgage einlassen, weil die Hälfte der dadurch höheren Gage von Steuer- und Sozialversicherung „aufgefressen“ wird.

  Weiterlesen

Noch interessanter ist, dass die Sender die Bezahlung von Zuschlägen für immerhin zwei Überstunden pro Tag für das Produktionsteam einkalkulieren, folglich zehn Stunden Mehrarbeit in der Woche. Für die Vertragsverhandlungen sollten daher die in der Gagentabelle der Künstlerkanzlei in der zweiten Spalte bereits auf die 60 Stunden samt Zuschläge umgerechneten Gagen herangezogen werden.

 

Weitere Möglichkeiten gibt es für die Berufsgruppen der Abteilungsleiter. So heißt es in dem Eckwertpapier: „Angesichts der Tatsache, dass die sogenannten ,Heads of Department‘ (Stabgagen wie zum Beispiel Kamera, Schnitt, Szenenbildner) in aller Regel übertariflich vergütet werden, erklärt sich die ARD dem Prinzip der realistischen Kalkulation folgend bereit, diese zukünftig mit den effektiven Gagen zu kalkulieren.“ Somit dürfte für die Abteilungsleiter künftig die dritte beziehungsweise vierte Spalte der Künstlerkanzlei-Gagentabelle relevant sein.

 

Manche Berufsgruppe wurde nun überhaupt erst von den Sendern offiziell anerkannt, darunter: Continuity, Materialassistenz, Szenenbildassistent, Kostümbildassistent und Locationscout. Die oft verwendete Argumentation, diese Kollegen müssten aus dem jeweiligen Etat bezahlt werden, dürfte damit der Vergangenheit angehören.

 

Erfreulicherweise stellten die Sender auch die Erstattung der Beiträge an die Pensionskasse Rundfunk klar. Damit dürfte es kaum mehr Zweifel an der Bezahlung dieser so wichtigen ergänzenden Altersvorsorge geben. Noch nicht endgültig geklärt ist, wie die Erstattung der Beiträge bei den geförderten Fernsehproduktionen beziehungsweise bei Produktionen mit einem Senderanteil geringer als 65 Prozent erfolgt.

Für die Mitglieder der Pensionskasse gilt der satzungsgemäße Anspruch gegenüber der Produktionsfirma für alle Projekte, die „für“ die öffentlich-rechtlichen Anstalten gemacht werde. Bis die Erstattung durch die Sender verbindlich geregelt wird, ist aber höchste Vorsicht vor geförderten TV-Produktionen angesagt. Also diese entweder meiden oder sich die Beitragszahlung zur Pensionskasse im Vertrag oder Deal-Memo bestätigen lassen.

 

Die Produzenten erzielten auch sonst noch Verbesserungen ab 2017 bei den Positionen Herstellungsleiter (Gage ein Drittel über Produktionsleiter), Producer (in der Regel ein Prozent der Netto-Fertigungskosten), Head-Autor (bei Serien ab sechs Folgen) und Anerkennung der Positionen Assistenz der Filmgeschäftsführung und Motiv-Aufnahmeleiter.

 

Zudem wurde sogar die Höhe der Erstattung für Rechtsberatung genau geregelt. Allerdings gilt dies nur für Produzenten, leider nicht für die Rechtsberatung der Filmschaffenden.

 

Aus Produzentensicht ist nicht zuletzt die Beteiligung an Rechten der Auftragsproduktionen ein Erfolg sowie eine Erlös-Beteiligung an der Verwertung der Fernsehproduktionen durch DVD, Pay-TV, Video on Demand, Auslandsverkäufe in Höhe von 16 Prozent. Es bleibt abzuwarten, wieviel davon bei den eigentlichen Fernseh-Machern, den Kreativen, am Ende ankommt.

 

Sogar eine „Erfolgsprämierung“ der besten zehn Produktionen eines Jahres wird es geben. Anhand der gewonnenen („Grimme-“ und anderen) Preise sowie der Anzahl der TV-Ausstrahlungen erhalten die Produzenten der „Top-Ten“-Projekte jedes Jahr einen „Bonus“ von 60.000 Euro in Gestalt eines Entwicklungsvertrages für ein (damit quasi garantiertes) weiteres Projekt. Ob der Erfolgsautor oder -regisseur davon auch etwas hat, wird man ebenfalls beobachten müssen.

Die gesamte Vereinbarung zwischen ARD und Produzentenallianz findet sich hier.

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Cinema Moralia – Folge 129: Blau ist die kälteste Farbe…

Bücher als Bedrohung einer Ideologie in Fahrenheit 451

Poli­ti­sche Farben­lehre, Ausstel­lung für Bücher­freunde, der Kino­st­ar­be­trieb und der Kampf ums Filmerbe – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 129. Folge – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 129. Folge

»Wer von uns wacht hier und warnt uns, wenn die neuen Henker kommen? Haben sie wirklich ein anderes Gesicht als wir?«
aus »Nacht und Nebel« von Alain Resnais

Es ist zwar ein kaltes, helles, unfeines Blau, kein warmes, aber eben ein Blau, nicht Braun oder zumindest Grau, wie einst bei Franz Schön­hu­bers REPs, mit dem dem bei den Wahl­sen­dungen der öffent­lich-recht­li­chen Sender die Zahlen der rechts­ex­tremen AfD markiert werden. Warum eigent­lich? Warum nicht Braun oder Grau? Das Argument, die Partei hätte diese Farbe auf ihren Plakaten, zählt nicht, denn die CDU wird schließ­lich auch mit Schwarz markiert, obwohl ihre Plakat-Farbe Orange ist.
Man sollte solche Symbole nicht unter­schätzen, es zwar nur kleine Gesten, aber markante. Und es sind die vielen kleinen Gesten, mit denen man den Wolf im Schafs­pelz oder Bürger­pelz sichtbar macht. Oder eben nicht. Es ist auch bemer­kens­wert. wie oft die Bericht­erstatter von »Rechts­po­pu­listen« reden, nicht von »Rechts­ra­di­kalen«, »Rechts­ex­tre­misten« oder gar »post­fa­schis­tisch«. Wenn es dagegen um die LINKE geht, habe ich von den gleichen Leuten noch nie das Wort »Link­s­po­pu­listen« gehört. Die sind natürlich »am linken Rand«, oder »links­ra­dikal« oder »post­kom­mu­nis­tisch.«
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Die Frage wäre auch einmal zu stellen, ob Unab­hän­gig­keit der Medien überhaupt möglich ist. Man könnte argu­men­tieren, dass zumindest der öffent­lich-recht­liche Rundfunk (die privaten Print­me­dien viel­leicht nicht) eine Pflicht zur Partei­nahme pro Demo­kratie habe. Dass er die sehr wohl in Anspruch nimmt, wenn es um die NPD geht, oder um Putin oder Assad oder andere.
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Diese Thema­ti­sie­rung der AfD hat durchaus auch im engeren Sinn etwas mit Kino zu tun, denn die AfD, das sind auch die Kino­zu­schauer. Für die werden Filme gemacht, schon bisher. Viel­leicht sollte man endlich auch wieder Filme machen, um die Zuschauer zu erziehen und umzu­er­ziehen. Umer­zie­hung heißt auf Englisch Reedu­ca­tion, das war mal eine gute Sache. Und Politik lässt sich von Ästhetik sowieso nicht trennen.
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Bei einer Film­sich­tung habe ich einen Haufen Fern­seh­filme vor mir. Von ZDF und DEGETO so schlecht wie lange nicht. Das Resümee nach den ersten zwei Tagen: Felicitas Woll und Rosalie Thomas kämpfen gerade um die Nachfolge von Veronika Ferres als »starke Frau« des deutschen Fern­se­hens.
+ + + Weiterlesen

Ein anderes Medien­thema, ebenfalls schon erstaun­lich: Nicht Film­kri­tiker, sondern Kunst­kri­tiker oder Kunst­pro­fes­soren bespra­chen vergan­gene Woche zum Filmstart in vielen Zeitungen Alexander Sokourovs Fran­co­fonia. Erstmal ist dagegen nichts zu sagen: Inter­dis­zi­pli­na­rität ist etwas Tolles. Man muss sich das aller­dings einmal umgekehrt vorstellen: Da malt ein Maler einen Filmset, oder ein Kino­re­gis­seur oder Thomas Struth photo­gra­phiert das Gebäude eines Holly­wood­stu­dios, und dann wird das ganze nicht mehr als bildende Kunst beurteilt, sondern von einem Film­kri­tiker auf seinen Realis­mus­ge­halt als Film­re­por­tage abge­klopft.
So erlebt man einen Aufmarsch der Kunst­his­to­riker, die sich als Muse­ums­wächter gerieren. Was Swantje Karich und Walter Grasskamp dabei verbindet, ist, dass sie von Kino offenbar wenig verstehen. Sie möchte einen braven Doku­men­tar­film sehen, und den will ihnen Sokourov nicht servieren.

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»To learn how to find, one must first learn how to hide.«
Guy Montag (Oskar Werner) in Fahren­heit 451

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Über den Zusam­men­hang von Politik und Kino, genauer dem Kino­st­ar­be­trieb hat auch meine Freundin Heike-Melba Fendel geschrieben, in ihrer Kolumne im »Frauen-Blog«, der mal bei der FAZ war und derzeit von der Zeit gehostet wird.

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Fahren­heit 451 erzählt von den bildungs­feind­li­chen Feuern einer dysto­pi­schen Diktatur, die die Bücher als Bedrohung der eigenen Ideologie ansieht: Dieses Szenario, das an die Bücher­ver­bren­nungen der Nazis erinnert, entfaltet Ray Bradbury in seinem großen Science-Fiction-Roman »Fahren­heit 451«. 1966 hat ihn Francois Truffaut verfilmt. Dem Schre­ckens­sze­nario der Auslö­schung der Kultur stellt die Story die »Bücher­men­schen« entgegen: Sie retten die Texte, indem sie komplette Werke memo­rieren und sozusagen in ihrem Kopf in die Zukunft tragen. Mit dieser idea­lis­ti­schen Idee, dass Menschen selbst zum Medium der Bewahrung und Vermitt­lung von Kunst werden, arbeitet nun ein ambi­tio­niertes Ausstel­lungs­pro­jekt, das das Museum für Moderne Kunst (MMK) in Frankfurt veran­staltet. Zusammen mit dem Centre Pompidou und der Tate London zeigt man vom 24. März bis 4. September 2016 eine Auswahl von Haupt­werken der drei Museen, die Kunst von den 1920er-Jahren bis in die Gegenwart umfasst, und lädt die Besucher dazu ein, die ausge­stellten Werke nach dem Vorbild der »Bücher­men­schen« zu memo­rieren. Nach Ende der Laufzeit wird die Ausstel­lung noch einmal für ein Woche­n­ende (10./11.9) in leeren Räumen eröffnen; und die Besucher, die die verschwun­denen Werke »auswendig gelernt« haben, sollen als lebendige Stell­ver­treter an diese
erinnern.

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Der Kampf ums Filmerbe geht weiter. Die großar­tige Initia­tive »Filmerbe in Gefahr« meldet sich zu Wort. In einer lesens­werten Analyse zur Entwick­lung in der Frage der Digi­ta­li­sie­rung nimmt die Initia­tive Stellung zum PwC-Gutachten zur Ermitt­lung des Finanz­be­darfs, einem Posi­ti­ons­pa­pier des Kine­ma­theks­ver­bundes und der Antwort der Bundes­re­gie­rung auf eine parla­men­ta­ri­sche Anfrage der Grünen. Es besteht Diskus­si­ons­be­darf, und wir werden an diese Stelle bald mitdis­ku­tieren.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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So weit kommt`s noch: Filmförderung fördert Altersarmut

© https://buffer.com/pablo

Darf das denn wahr sein? ARD und ZDF brüsten sich mit geförderten Sendungen und zum „Dank“ werden wir, die eigentlichen Macher der Sendung, mit Verweis auf diese Förderung um unsere wichtigste Altersversorgung gebracht?

Eigentlich ist alles geregelt:

Der Bürger zahlt Rundfunkgebühren.
Die Länder haben 1970 die Rundfunkgebühren erhöht und seitdem einen Teil davon für die sogenannten „Anstaltsbeiträge“ zur betrieblichen Altersvorsorge der „freien“ Fernseh- und Rundfunkschaffende bestimmt.
Damit sind ARD und ZDF in der Verantwortung, sich um die betriebliche Altersvorsorge der „freien“ Fernseh- und Rundfunkschaffenden zu kümmern. Dafür gibt es die Pensionskasse Rundfunk.
Laut der Statuten der Pensionskasse Rundfunk müssen – unabhängig, ob vollfinanziert, teilfinanziert oder gefördert – in allen Fällen Anstaltsbeiträge fließen, wenn Sendungen für ARD oder ZDF hergestellt werden.

Schön wär’s!

Die Schwachstelle sind die Produktionsfirmen. Sie hängen am Tropf hauptsächlich von ARD und ZDF und sollen für sie die Anstaltsbeiträge an die Pensionskasse Rundfunk weiterleiten. Aber weil die Produzenten fürchten, auf den Kosten sitzenzubleiben, kommt keine rechte Begeisterung auf, sich für die Pensionskasse Rundfunk und unsere betriebliche Altersvorsorge in die Pflicht nehmen zu lassen. Weiterlesen

Dieser Konflikt spitzt sich nun zu – durch die eigentlich begrüßenswerte Filmförderung.

Denn in den jüngst vereinbarten Terms of Trades zwischen ARD und Produzentenallianz versprechen zwar die ARD-Sender den Produzenten, ihnen die Kosten für die Anstaltsbeiträge zu erstatten. Aber das soll ausdrücklich nicht für geförderte Fernsehfilme gelten. Auch wenn der Löwenanteil der Finanzierung von den Sendern kommt, die mit den ambitionierten Filmen ihrem öffentlich-rechtlichen Auftrag erfüllen.

Die Produzenten denken nicht daran einzuspringen, wollen sich nicht an die derzeitigen Statuten der Pensionskasse Rundfunk halten und drohen mit Kündigung aus dieser sozialen Verpflichtung.

Aber welche Rolle wollen ARD und ZDF spielen? Wie wollen sie dafür Sorge tragen, dass ihre „Freien“, ohne die sie keine einzige Minute Programm zeigen könnten, nicht in den sozial freien Fall geraten? Ausgerechnet durch die Unterstützung öffentlich-rechtlicher Filmförderung?

Denn diese „Freien“ sind besonders schutzbedürftig.

Erstens genießen wir nicht den sozialen Halt einer festen Anstellung und zweitens dürfen die meisten von uns „Freien“ nicht einmal direkt für die durch Gebühren stabilisierten ZDF- und ARD-Anstalten arbeiten, sondern sind ausgelagert an Produktionsfirmen, die selbst ums Überleben kämpfen müssen. Diese Produktionsfirmen haben so gut wie keine feste Belegschaft, keinen Betriebsrat und meist keinen Sinn, sich um die sozialen Belange ihrer flüchtig engagierten „Freien“ zu kümmern.

Dieses Problem war schon damals heiß umstritten und landete beim Bundesverfassungsgericht. Dürfen gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten sich der Arbeit von „Freien“ bedienen, aber sie sozial im Stich lassen? Was wiegt mehr, Rundfunkfreiheit oder Arbeitnehmerschutz?

Im Interesse der verantwortlichen Bundesländer, der Rundfunkanstalten und natürlich der damaligen Gewerkschaft RFFU (heute bei ver.di) wurde der Konflikt entschärft:

Für die „Freien“ wurde mit der Pensionskasse Rundfunk zumindest eine betriebliche Altersvorsoge geschaffen, die durch die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten garantiert sein sollte und deren Finanzierung durch einen Teil der Rundfunkgebühren sichergestellt wurde. Die Pensionskasse Rundfunk bildet das eigentliche Standbein der Altersversorgung für uns „Freie“.

Diese Zusammenhänge scheinen im Laufe der Jahre leider in Vergessenheit geraten zu sein. Anders ist nicht zu erklären, dass im Hintergrund allen Ernstes gefeilscht wird, bei gefördertem Fernsehprogramm sich der Pflicht zur Zahlung von Anstaltsbeiträgen entziehen zu dürfen. Wenn diese Kräfte sich durchsetzen, ist die Altersarmut der „Freien“ vorprogrammiert. Dann liegen wir am Ende dem Staat und damit den Steuerzahlern auf der Tasche, die als Rundfunkgebührenzahler dafür eigentlich schon genügend zur Kasse gebeten wurden.

So leicht dürfen Bürger, Filmförderanstalten und wir, die „Freien“ nicht gegeneinander ausgespielt werden. Darum wenden wir uns an alle Mitglieder der Fernseh- und Rundfunkräte, alle Rundfunkpolitikerinnen und -politiker der Länder sowie des Bundes, an alle Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten und fordern Sie auf, unsere Hauptforderungen zu unterstützen.

  • Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten sollten, wie früher üblich, nur mit Produktionsfirmen zusammenarbeiten, die Anstaltsmitglied der Pensionskasse Rundfunk sind bzw. Produktionsfirmen, sofern Sie noch nicht Anstaltsmitglied der Kasse sind, vertraglich zur Mitgliedschaft verpflichten. Nur so wird sichergestellt, dass wir, die „Freien“, auch unseren Anspruch auf Anstaltsbeiträge durchsetzen können und die Gelder, die der Bürger zur Altersvorsorge der „Freien“ zahlt, auch zu diesem Zweck bei der Pensionskasse Rundfunk ankommen.
  • Unabhängig ob vollfinanziert, teilfinanziert, ko-produziert oder gefördert – ARD und ZDF müssen in allen Fällen eine anteilig geregelte Beitragspflicht gewährleisten!

Denn gerade die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, die so stolz ihre geförderten Filme präsentieren, müssen ihrer sozialen Verantwortung gegenüber den Machern dieser Filme gerecht werden. Sonst könnte jede Nominierung eines geförderten Fernsehfilms an die Austrickserei unserer Altersversorgung erinnern – soweit muss es nicht kommen.

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Stellungnahme zu zwei tagesspiegel-Artikeln über die deutsche Agenturenlandschaft

Matthias Brandt und Michael Mendl in ‘Im Schatten der Macht’ – © 2016 ZIEGLER FILM GmbH & Co. KG

Hintergrund: Im Rahmen der Berlinale erschienen im tagesspiegel zwei Artikel über die deutsche Agenturenlandschaft „Nur wer reingelassen wird, ist drin“? und „Das Gesetz des Marktes?“. Dazu ergab sich eine größere Debatte in Fachkreisen. Sibylle Flöter, neue Vorstandsvorsitzende vom Verband der Agenturen (VdA), resümiert.

Ich weiß nicht, ob man dem Artikel „Nur wer reingelassen wird, ist drin“ nicht zu viel Bedeutung beimisst, wenn man seine Inhalte noch weiter verbreitet. Es war ein leider nachlässig recherchierter, inhaltlich fehlerhafter, reißerisch geschriebener Text, der zudem in einer gewollten Tendenz zugespitzt formuliert war. Aufgrund seiner an der Oberfläche bleibenden Argumentation sollte er jedoch – wie ich finde – auch nicht all- zu ernst genommen werden. Nun darf man sicher nicht die Erwartung haben, dass am Tag der Eröffnung der Berlinale, eine tagesaktuelle Zeitung eine grundlegende ausgewogene Abhandlung über die Vielfalt der deutschen Agenturenlandschaft veröffentlicht. Während der Berlinale kommt sich Berlin immer ein bisschen wie Hollywood vor und da schwebte dem Autor wahrscheinlich vor, von Glamour und Macht zu schreiben.

Der Artikel erwähnte den Berlinale Empfang, den 6 Mitgliedsagenturen gemeinsam unter dem Begriff „FULL HOUSE“ (weil es ursprünglich nur 5 waren) veranstalten. Es stimmt, was Lutz Schmökel als einer der Agenten in diesem Artikel sagt: „Das Event ist mittlerweile als eine der zentralen Veranstaltungen etabliert und wird von sehr vielen interessanten Leuten besucht“. Und warum ist das so?
Weil diese Agenturen unter ihren Klienten zahlreiche Hauptrollenspieler der Oberliga haben. Alles gefragte, gut beschäftigte Schauspieler, Regisseure, Kameraleute, Drehbuchautoren, an denen Redakteure und Produzenten ein gesteigertes Interesse haben. Weil ihre Klienten wichtig sind, werden diese Agenturen auch wichtig genommen. Weiterlesen

Aber die Behauptung des Autors, dass, wer zu diesem Empfang nicht eingeladen ist, nicht zu denen gehört, die in Deutschland Fernsehen und Film prägen, ist absurd und schnell als maßlose Übertreibung zu entlarven, denn man kann mindestens genauso viel Schauspielerprominenz aufzählen, die sich von anderen Agenturen vertreten lässt. Das im Untertitel kurz angedeutete Thema: „Die Fernsehsender besetzen nur die ohnehin prominenten Namen“ wurde im Weiteren gar nicht inhaltlich ausgeführt.

Viele Kollegen empörten sich über die Behauptung, dass die sog. FULL HOUSE Agenturen mit ihren Klienten im deutschen Fernsehen und Film tonangebend seien.
Wie ist das zu verstehen?

Ich habe lange darüber nachgedacht und kann es mir nur so erklären:
Stellen wir uns eine kleine bis mittlere Agentur vor, die vielleicht nur ein oder zwei Hauptrollenspieler in der Klientele hat und dazu vielleicht ein oder zwei junge Talente, die sie aufgebaut hat und die gerade ihre ersten Erfolge verzeichnen können. Und man muss die Begehrlichkeiten kennen, die in Schauspielerherzen und -seelen schlummern. Wenn in der Presse steht, dass man nur „rein“ kommt, wenn man in diesen Agenturen Klient ist, dann will doch jeder Schauspieler von diesen Agenturen vertreten sein, egal wie gut er bisher mit seinem Agenten ausgekommen ist. Und da, bei Schauspielern schnell der Gedanke aufkommt, vielleicht verbessert sich für mich alles, wenn ich die Agentur wechsle, stellt so eine unbedachte Pressebehauptung eine latente Gefahr für manche Agenturen dar. Das erklärt vielleicht, warum ein eigentlich unbedeutender Pressebeitrag so stark wahrgenommen und so wütend kommentiert wurde.

Und es zeigt natürlich auch, wie abhängig der Agent in seinem beruflichen Erfolg von seinen Klienten ist. Ein Agent mit 35 prominenten Namen auf der Klientenliste ist nicht automatisch der bessere Agent gegenüber jemanden, der nur wenige oder keine Prominenz vertritt. Aber durch seine Klienten wird er stärker wahrgenommen, hat Zugang zu anderen Hierarchiestufen im Besetzungsprozess und kann stärker Einfluss nehmen.

Und deswegen ist der Weggang eines prominenten Schauspielers nicht nur ein finanzieller sondern auch ein Bedeutungsverlust. für eine Agentur. Und das Schlimme ist, so eine Trennung kann jederzeit erfolgen, selbst wenn man alles richtig gemacht hat. Das sind die Gesetze des Marktes, mit denen ich im zweiten Tagesspiegelartikel zitiert werde.

Aber auch das gehört zum Beruf und das muss ein Agent aushalten können, persönlich und geschäftlich. Es gibt Kollegen, die fordern, dass Agenten den Schauspieler auf eine gewisse Zeit vertraglich an sich binden können müssen. Aber in dieser Hinsicht, finde ich, hat der Gesetzgeber richtig entschieden, dass Freiheit für beide Seiten dringend erforderlich ist und eine Trennung jederzeit möglich sein muss.

Und wie wirken die Gesetze des Marktes im Fernsehen, wo wir angeblich immer die gleichen Gesichter sehen?
Ganz stimmt es ja nicht, sonst wären die Fernsehformate in ihren Besetzungen längst überaltert. Es gibt ja auch für „Stars“ immer wieder Nachwuchs.
Sich aus der Masse herauszuheben und bis zur Spitze durchzudringen ist jedoch immer schwieriger geworden, seitdem weniger Formate gedreht werden. Der Wegfall vieler Serienformate erschwert es zum einen, den Einstieg zu finden und dann auch mit längerfristigen Serien einem breiten Publikum bekannt zu werden. Die Reduzierung von Fernsehspielen verringert die Möglichkeiten, sich in formattragenden Rollen zu profilieren.
Und so nehmen wir durch die Besetzungen im Fernsehen die Schauspieler nicht mehr als eine breit aufgestellte, langsam ansteigende Pyramide wahr sondern eher wie den Eiffelturm, mit einer breiten Basis, aber sehr schnell schmal werdend und mit einer dünnen Spitze. Und hat es jemand geschafft, sich aus der breiten Basis durch eine funktionierende Rolle bis knapp unter die Spitze zu katapultieren, dann setzt ein Automatismus ein, für den die Redaktionen verantwortlich gemacht werden können: plötzlich wollen alle, dass dieser Hoffnungsträger die Hauptrolle in ihrem Projekt spielt, selbst wenn es vom Stoff her eigentlich nicht passt.

Ein schönes Beispiel dafür, wie es laufen kann, ist Matthias Brandt. Bis 2002 kannte ihn nur das Publikum großer Schauspielhäuser. Auch Oliver Storz kannte ihn nicht, als er seinen Mehrteiler „Im Schatten der Macht“ besetzte. Nur als er ihn kennen gelernt hatte und in der Rolle von Günter Guillaume besetzen wollte, die in diesem großen Ensemblefilm nicht einmal die Hauptrolle war, musste er ihn bei den Redaktionen der finanzierenden Sendern mit seiner ganzen Autorität als gestandener, renommierter Regisseur durchdrücken, weil alle meinten, „den kennt doch keiner.“ Hier zeigt sich, dass mit Blick auf die Quote, nach bekannten Namen zu besetzen, nur ausgehebelt werden kann, wenn der Regisseur sehr stark ist oder die Redaktion mutig. Ab 2003, als der Film herauskam, kannte man dann Matthias Brandt und war begeistert von seiner Darstellungskraft. Er drehte in den folgenden Jahren häufig, viel und groß. 2010 wurde er Kommissar im bayerischen Polizeiruf und gehört seither zu den gefragtesten Schauspielern Deutschlands. Nun will ich gar nicht abstreiten, dass es unter den vielen noch nicht fürs Fernsehen entdeckten Schauspielern auch solche gibt, die rein vom schauspielerischen Können mit Matthias Brandt gleich ziehen könnten. Aber wenn ich als Regisseur, Redakteur oder Produzent Matthias Brandt haben kann, warum soll ich dann noch nach anderen suchen? Es spricht doch nichts gegen ihn. Wenn bei uns jedoch mehr produziert würde, käme auch ein Matthias Brandt oder Devid Striesow oder Lars Eidinger, um einige Namen mehr zu nennen, an seine Kapazitätsgrenzen und man müsste sich nach mehr Schauspielern ihres Kalibers in der noch unentdeckten Menge umsehen.

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Serien-Trends: Jetzt geht’s den Tabus an die Wäsche

Jonathan Webdale (Journalist), Marcus Ammon (Sky Deutschland), Antony Root (HBO Europe) und Diego Suarez (Sony Pictures Television) beim Drama Series Days der Berlinale (Bild: Oliver Möst/Berlinale)

Bei den Drama Series Days der Berlinale drehte sich alles um die langen Erzählformate. Einig waren sich die Experten in einem Punkt: Der Boom geht weiter – und es wird radikaler erzählt werden.
Der Serien-Boom geht weiter, legt vielleicht sogar noch eine Schippe drauf. An Nachschub mangelt es heute schon nicht, in den USA wurden vergangenes Jahr 409 fiktionale Serien ausgestrahlt. Dass der Trend weiter nach oben zeigt, wurde bei den “Drama Series Days”, die am 15. und 16. Februar im Rahmen der Berlinale stattfanden, deutlich. Beispiel HBO: Der Pay-TV-Serienpionier ist in Europa in gut einem Dutzend Länder als eigenständige Marke und Plattform aktiv. Für seine Ableger in Mittel- und Osteuropa hat HBO eigene Serien in Auftrag gegeben. “Burning Bush – Die Helden von Prag” in Tschechien, “Umbre” in Rumänien, weitere in Polen und Ungarn. Demnächst steigt HBO für seine Plattform in Skandinavien in Eigenproduktionen ein, bestätigte Antony Root, bei HBO Europe für das Programm verantwortlich, in Berlin. Jetzt sind Schweden oder Dänemark keine weißen Flecken in der internationalen Serienlandschaft, im Gegenteil, keiner beherrscht die Kunst des seriellen Erzählens in Europa besser als die Skandinavier. HBO muss sich also etwas einfallen lassen, will man in Nordeuropa erfolgreich Abos verkaufen. Die Lösung: eigenproduzierte Serien mit einer üppigen Portion Lokalkolorit, um Dänen, Schweden oder Norweger zu ködern. “Aktuell prüfen wir Drehbücher”, so HBO-Manager Root. Weiterlesen

Noch jemand, der in Europa mit eigenproduzierten Serien Gas geben will, ist Sky Deutschland. “Pay-TV in Deutschland ist reif für die nächste Stufe”, sagte Sky-Programmchef Marcus Ammon in Berlin. Wird auch Zeit. Die Sky-Kollegen in Italien haben mit “Gomorrah” längst vorgelegt, auf der Insel lässt die Pay-TV-Plattform ohnehin längst fleißig seriell produzieren. Jetzt sind die Deutschen dran. Kurz vor Berlinale-Start gab Sky mit viel Tamtam den Drehstart von “Babylon Berlin” bekannt, nach zweieinhalb Jahren Vorbereitungszeit darf Tom Tykwer ab April mit knapp 40 Mio. Euro 16 Folgen realisieren. Noch eine Serie. Der Druck auf dem Projekt ist enorm. Es ist die erste deutsche Sky-Serie. Um das Mammutvorhaben zu realisieren, bandelt der Pay-TV-Anbieter sogar mit ARD Degeto an, der ungleichen Koalition gehören noch X Filme und Beta Film an. “Sky alleine hätte das Projekt nicht finanzieren können”, gab Ammon zu Bedenken.

“Der Markt verändert sich gerade komplett. Es entsteht eine neue Welt”, urteile Bruce Tuchman bei den Drama Serial Days. Er ist bei den US-Sendermarken AMC und Sundance für die internationalen Plattformen verantwortlich. AMC ist mit Serien wie “Mad Men” Clip und “Breaking Bad” selbst einer der Väter des Serienbooms, Sundance strahlte “Deutschland 83″ Clip in den USA in Originalsprache aus. Angefeuert wird der Wandel im Fernsehgeschäft durch neue Player wie Netflix und Amazon. Das Streamingportal Amazon Prime Video nutzte Berlin geschickt als PR-Plattform, um im Vorfeld des Filmfestivals mit “Wanted” seine erste deutsche Original Serie bekanntzugeben. Diego Suarez, SVP International Television Production, hält Netflix “für eine große Bedrohung für das Pay-TV in Europa”. Weil die Formel lautet: mehr Abspielkanäle ist gleich mehr Serien schwillt der Strom an Seriellem weiter an. Und wie schaffen es die einzelnen Produktionen, aus der Produktflut herauszuragen? Sie müssen anders sein. Dass “Babylon Berlin” kein nostalgischer Spaziergang durch Berlin der 1920er wird, daran ließ Ammon von Sky keine Zweifel: “Wir müssen mit ‘Babylon Berlin’ radikaler und expliziter sein”. Mehr Gewalt, mehr Sex, mehr Authentizität.

Der Wettbewerb um die originellste Geschichte wird nicht zwangsläufig mit Geld entschieden. Darauf wies Caroline Benjo von der französischen Produktionsfirma Haut et Court hin. Die Europäer sollten nicht den Fehler machen und US-Serien kopieren, sondern aus ihrer eigenen reichhaltigen Kultur schöpften, die genügend Stoff hergebe für gute Serien. Das wird von den Dänen konsequent umgesetzt. Piv Bernth vom öffentlich-rechtlichen Sender des Landes erstaunte mit dem Bekenntnis, DR setze keine Literaturvorlagen, Formate aus anderen Ländern oder Spielfilme als Serien um sondern nur Originalstoffe. “Wir ermutigen unsere Autoren, ihre Geschichten gründlich zu recherchieren”, so Bernth. Die Strategie zahle sich aus, die Autoren schreiben über ein Sujet, das ihnen vertraut ist. Der Sender wird für seine mutigen Fiction-Stoffe regelmäßig mit Einschaltquoten von über 50 Prozent am Sonntagabend belohnt.

Serieneigenproduktionen als Marketinginstrument: Um Abos zu verkaufen, Marktanteile zu steigern, oder das Image aufzupolieren. Letzeres war offenbar mit ausschlaggebend, dass RTL die Miniserie “Deutschland 83″ beauftragte. “Die Serie sollte das Image des Senders ändern; auch mit dem Ziel, Kreative zu ermutigen, für uns zu arbeiten”, sagte RTL-Fiction-Chef Philipp Steffens. Diese Vorgabe dürfte “Deutschland 83″ erfüllt haben, Qualität und künstlerisches Ergebnis sind durchweg positiv aufgenommen worden. Steffens betonte daher in Berlin einmal mehr, weiter eine Fortsetzung der Serie zu prüfen. Der Produktionsboom bei Serien hat einen Wettbewerb um die besten Talente losgetreten – vor und hinter der Kamera. Streamingriese Netflix betont gerne, seinen Kreativen möglichst große künstlerische Freiheiten zu lassen. In ein ähnliches Horn stoßen die “Babylon Berlin”-Akteure, wenn sie kurzerhand zwei Staffeln in einem Rutsch bestellen, wo in der Branche doch sonst erst gerne mit einem Piloten die Zuschauerresonanz ausgelotet wird.

Und in den USA lassen sich Zuschauer sogar darauf ein, Serien in Originalsprache und mit Untertitel zu schauen – vorausgesetzt, die Qualität stimmt, wie Tuchman von AMC/Sundance betont. Er rechnet damit, dass vor allem Streamingplattformen mehr Programm im Original zeigen werden. Nachschub jedenfalls gibt es reichlich – auch aus Deutschland.

Dieser Artikel wurde zuerst veröffentlicht in Blickpunkt:Film.

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Pensionskasse Rundfunk – Was läuft seit langem schief und warum?

Was ist die Pensionskasse Rundfunk?
Die Pensionskasse Rundfunk ist eine betriebliche Altersversorgung für freie Fernseh- und Rundfunkschaffende. Das sind auf die Dauer einer Produktion befristete Angestellte (z. B. Schauspielerinnen und Schauspieler oder Produktionspersonal), arbeitnehmerähnlich Beschäftigte (z. B. Journalistinnen und Journalisten) oder Selbständige (z. B. Autorinnen und Autoren), die bei der Herstellung öffentlich-rechtlicher Sendungen mitwirken. Sie arbeiten entweder direkt bei öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten oder – immer öfter – indirekt für sie. Denn „Freie“ werden zunehmend über Produktionsfirmen beschäftigt, da inzwischen ein Großteil öffentlich-rechtlicher Inhalte als Auftragsproduktionen hergestellt wird.
Die Pensionskasse-Rundfunk-versicherten „Freien“ heißen „ordentliche Mitglieder“. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, beigetretene Tochterunternehmen sowie Produktionsfirmen heißen „Anstaltsmitglieder“.
Weil das unregelmäßige Erwerbsleben der „Freien“ lückenhafte oder fehlende Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung bedingt, kann sie den Lebensabend der „Freien“ kaum absichern.

Die Pensionskasse Rundfunk ist das eigentliche Standbein der Altersversorgung für „Freie“!

Wie funktionieren die Beitragszahlungen?
Laut Pensionskasse-Rundfunk-Satzung herrscht Beitragspflicht, wenn ordentliche Mitglieder an Produktionen mitwirken, die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten entweder selbst herstellen oder für sie von Produktionsfirmen hergestellt werden. In allen anderen Fällen (z. B. bei Kinofilmen) herrscht keine Beitragspflicht – es können aber trotzdem Beiträge für ordentliche Mitglieder gezahlt werden. Weiterlesen

Besteht Beitragspflicht, zahlen „Freie“ normalerweise 7% ihres Bruttohonorars als Arbeitnehmeranteil. Das gleiche zahlen die Anstaltsmitglieder als Arbeitgeberanteil. Es sei denn, die „Freien“ sind rentenversicherungspflichtig, dann zahlen die Anstaltsmitglieder nur noch 4%. Die „Freien“ können dann dauerhaft zwischen 4% oder 7% wählen.

Die Beitragspflicht der Pensionskasse Rundfunk ist maßgeschneidert für die wechselhafte Erwerbsbiographie der „Freien“!

Wie und warum ist die Pensionskasse Rundfunk entstanden?

Ab Ende der sechziger Jahre gerieten die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten unter Druck, weil sie neben Festangestellten vermehrt auch „Freie“ einsetzen wollten, die bis dahin sozial völlig ungeschützt waren. Das Bundesverfassungsgericht hatte abzuwägen zwischen Rundfunkfreiheit und sozialer Verantwortung gebührenfinanzierter öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten. Als Ausweg aus dieser misslichen Situation gründeten die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zusammen mit der RFFU (heute Fachgruppe Medien in ver.di) für die Altersversorgung der „Freien“ die Pensionskasse Rundfunk. Die für den Rundfunkstaatsvertrag verantwortlichen Ministerpräsidenten griffen den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten unter die Arme, in dem sie sich für die Erhöhung der Rundfunkgebühren einsetzten mit der Auflage, die Altersvorsorge der „Freien“ zu sichern. Nun waren die „Freien“ gegenüber den „Festen“ nicht mehr allzu sehr sozial benachteiligt und auch das Bundesverfassungsgericht hatte keine Bedenken mehr gegen den Einsatz von „Freien“.

Walter Schumacher und Iris Gebing von der Pensionskasse Rundfunk, Credit: casting-network

Seit 1. Januar 1970 sind im Bestand der Rundfunkgebühr auch Anteile für die soziale Absicherung der „Freien“ enthalten!

Warum traten die Produktionsfirmen der Pensionskasse Rundfunk bei?

Als die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in den Folgejahren begannen, die Herstellung ihrer Sendungen auszulagern, reichten sie den beauftragten Produktionsfirmen nicht nur die „Freien“, sondern auch die Pflicht weiter, für sie Pensionskasse-Rundfunk-Anstaltsbeiträge zu zahlen. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten waren damals noch unter sich. Um von ihnen beauftragt zu werden, waren die Produktionsfirmen gehalten, der Pensionskasse Rundfunk beizutreten. Nachteile mussten sie nicht befürchten, weil auch die Konkurrenzfirmen Pensionskasse-Rundfunk-Anstaltsmitglieder wurden.

Produktionsfirmen und öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten wurden ihrer sozialen Verantwortung gegenüber den „Freien“ gerecht!

Was bedeutet „Erstattung auf Nachweis“?

Die langjährige und vernünftige Praxis war, die Pensionskasse-Rundfunk-Anstaltsbeiträge nicht zu den kalkulierten Herstellungskosten zu rechnen. Stattdessen wies ein Auftragsproduzent gegenüber den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten die satzungsmäßig gezahlten Pensionskasse-Rundfunk-Beiträge nach und bekam sie erstattet.

Die Produzenten haben bei Erstattung auf Nachweis keine finanziellen Nachteile und kein Risiko!

Was läuft seit langem schief und warum?

Seit 1984 sind auch Privatsender auf dem deutschen Markt. Sie sind (bisher) nicht der Pensionskasse Rundfunk beigetreten und die von ihnen beauftragten Produktionsfirmen sehen von daher ebenfalls keine Veranlassung, sich diesem Altersversorgungssystem für „Freie“ anzuschließen.

Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten erstatten die Pensionskasse-Rundfunk-Anstaltsbeiträge immer seltener auf Nachweis. Stattdessen werden sie bei vielen Produktionen pauschal in die Herstellungskosten einkalkuliert – ohne dass die Mittel dafür entsprechend aufgestockt werden. Das schafft bei den Produzenten falsche Anreize, möglichst keine Pensionskasse-Rundfunk-versicherten „Freie“ zu engagieren. Außerdem wollen zunehmend Produktionsfirmen der Pensionskasse Rundfunk den Rücken kehren.

Besonders kritisch ist die Praxis, von Filmfördererinstituten bezuschusste TV-Produktionen als Ko-Produktionen zu bezeichnen, um so der Pensionskasse-Rundfunk-Pflicht zu entgehen. Entgegen der Satzung stufen viele Produktionsfirmen Ko-Produktionen als nicht beitragspflichtig ein.

Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben diese Entwicklung lange Zeit hingenommen. Wenn Produktionsfirmen die Pensionskasse-Rundfunk-Pflicht – legal oder illegal – abwimmeln, können sich auch die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ihrer Verantwortung leicht entledigen, Anstaltsbeiträge zu erstatten.

Auf den dafür vorgesehenen Teil der Rundfunkgebühren möchten die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten vermutlich nicht so leicht verzichten.

Was ist aus Sicht von BFFS und ver.di dringend erforderlich?

Produktionsfirmen und öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten müssen wieder ihrer sozialen Verantwortung gegenüber den „Freien“ gerecht werden:

  • Einheitliche Praxis „Erstattung auf Nachweis“
  • realistische Kalkulation der Kosten für die Pensionskasse Rundfunk
  • Anteilige Pensionskasse-Rundfunk-Pflicht auf alle Produktionen, die überwiegend von öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten finanziert werden
  • Auftragsvergabe nur an Produktionsfirmen mit Pensionskasse-Rundfunk-Mitgliedschaft

Dieser Artikel wurde zuerst auf der Seite des Bundesverband Schauspiel e.V. veröffentlicht.

Weiter Beiträge zur Pensionskasse Rundfunk auf Out Takes:

* Die Pensionskasse Rundfunk: Altersvorsorge in Eigenregie

* Was ist eigentlich eine Pensionskasse?

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Cinema Moralia – Folge 127: Bravo, Frau Kulturstaatsministerin!

Fack ju Göthe 2 © 2016 Constantin Film

Im Winter unseres Miss­ver­nü­gens… – Monika Grütters bricht eine erste Lanze für die kultu­relle Film­för­de­rung, wider die Fürsten der herr­schenden Verhält­nisse, und sie könnte für die deutschen Film- und Fern­seh­bonzen noch zur eisernen Lady werden – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 127. Folge

»Es freut mich, dass wir gemeinsam Wege gefunden haben, um kreative und künst­le­ri­sche Aspekte bei der wirt­schaft­li­chen Film­för­de­rung noch stärker zu berück­sich­tigen. Denn ich bin überzeugt: Lang­fristig zahlt es sich aus, nicht immer allein die Maxi­mie­rung des Ertrags, sondern auch den Mut zum Expe­ri­ment, mehr neue, gute Ideen zu fördern.« – Monika Grütters, 11.2.16, Empfang der Produ­zen­ten­al­lianz

Der Tag war nicht blendend gesetzt. Oder gerade doch, denn viel­leicht haben wir alle Monika Grütters ein bisschen unter­schätzt.
Jeden­falls war mit der Pres­se­mit­tei­lung der Beauf­tragten für Kultur und Medien (BKM) klar, dass es in den Feuil­le­tons und Film­zeit­schriften der Republik erst einmal unter­gehen würde, dass erst recht die – über­ra­schenden – zustim­menden Reak­tionen und die gar nicht über­ra­schenden eiligen Ableh­nungs­be­scheide der soge­nannten »deutschen Film­branche« erst einmal ins Leere verpuffen würden.
Es war auch klar, dass mit ihr ein Gesprächs­thema für die Berlinale gesetzt war, ein Thema, das an den folgenden Tagen an vielen der kleinen runden Steh­ti­sche der Film­branche auftauchte und heiß disku­tiert wurde.

+ + +

Was war geschehen? Das BKM hatte ein paar »Eckpunkte« zur Kultu­rellen Film­för­de­rung und zur Stärkung des künst­le­risch und kulturell heraus­ra­genden deutschen Kinofilms veröf­fent­licht.
Als Ziel­set­zung benennt Grütters »ein unab­hän­gi­geres Arbeiten als bisher« und das Vermeiden künst­le­ri­scher Kompro­misse, die »so gering wie möglich« gehalten werden sollen.
Die für 2016 zusätz­lich zur Verfügung gestellten Mittel für Maßnahmen der kultu­rellen Film­för­de­rung (15 Mio. €) sollen haupt­säch­lich in die Produk­ti­ons­för­de­rung der BKM im Bereich des Langfilms (Spiel-, Doku­mentar-, Kinder­film) fließen. Darüber hinaus steht die gezielte Stärkung der unab­hän­gigen Stof­fent­wick­lung für Spiel- und Doku­men­tar­filme im Fokus, um früh­zeitig Kino­qua­lität zu fördern und zu sichern, sowie die Unter­s­tüt­zung des Abspiels zur
Sicht­bar­ma­chung dieser Filme.
Die Maßnahmen sehen eine »deutliche Aufsto­ckung der Mittel für die Produk­ti­ons­för­de­rung« ebenso vor, wie zukünftig getrennte Förder­töpfe für Spiel-, Doku­mentar- und Kinder­film, die Vervier­fa­chung der bishe­rigen Förder­höchst­summe auf bis zu 1 Mio. Euro, um »dem soge­nannten Förder­tou­rismus entgegen zu wirken.«
Auch die Dreh­buch­för­de­rung wird quan­ti­tativ und quali­tativ ausgebaut, völlig neu ist die Einfüh­rung einer Stof­fent­wick­lungs­för­de­rung »für Doku­men­tar­filme, die die ausführ­liche und fundierte Recherche für besonders kino­re­le­vante programm­fül­lende Doku­men­tar­filme von Auto­ren­fil­mern unter­s­tützt.«
Die Förder­praxis wird flexibler durch Erhöhung der Einreich­ter­mine und Einfüh­rung eigen­s­tän­diger unab­hän­giger Jurys und die Verklei­ne­rung der bishe­rigen Jurys.

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Zwei Probleme hat das Papier aus meiner Sicht: Vom Fernsehen ist gar nicht die Rede. Dabei muss vor allem die Stellung und Betei­li­gung der Sender an der Förderung verändert werden.
Das zweite ist die Aufsto­ckung der Verleih­för­de­rung. Gegen Aufsto­ckungen ist im Prinzip nichts zu sagen. Aber die Verleiher sind die einzigen, die überhaupt noch Geld im Kino verdienen. Wenn man sie fördern will, sollte man die Heraus­gabe bestimmter Filme fördern, von Filmen, deren Sicht­bar­keit gewünscht ist. Nicht die aller Filme.
Und wenn Grütters schreibt, die bishe­rigen Antrags­vor­aus­set­zungen für Verleih­för­de­rungen würden »gemeinsam mit der Branche überprüft und an die Markt­ent­wick­lungen der letzten Jahre (insb. im Hinblick auf die Digi­ta­li­sie­rung) angepasst«, dann ist das schön formu­liert. Gemeint ist: Die viel­ge­lobte Digi­ta­li­sie­rung schadet den kleinen Verlei­hern. Jetzt können alle Star Wars spielen.
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Wenn Kino­pro­gramm­prei­sprä­mien aufge­stockt werden, sollte stärker darauf geachtet werden, wer mit seinem ach so schönen Programm auch tatsäch­lich Zuschauer ins Kino bringt. Und wo es nur hübsch auf dem Einreich­for­mular aussieht. Ich kenne zum Beispiel Filme­ma­cher, die geben ihre Filme ungern ins Hamburger »Abaton«, obwohl das als eines der besten Programm­kinos in Deutsch­land gilt. Ihre Begrün­dung: »Da gehen die Filme unter, weil sie ›nicht gepflegt‹ werden«, zwar gespielt, aber immer zu wech­selnden und absurden Zeiten, und kaum beworben.
Man merkt: Die Dinge sind nicht so einfach zu bewerten.

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Mit ihrer über­ra­schend klaren Aufwer­tung der kultu­rellen Film­för­de­rung wendet sich Grütters demons­trativ gegen deren zuletzt zuneh­mende Abschaf­fung. Die ist von den Groß­kop­ferten der Branche gewünscht.
Sie hat auch keine Rücksicht auf die Länder­för­derer genommen, die von Grütters’ »Eckpunkten« aus der Zeitung erfahren haben. Gut! Weiter so Frau Minis­terin!

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Ähnliches tut sich beim Bundes­film­preis. Dort wird die ausrich­tende und verge­bende Film­aka­demie darauf achten müssen, dass der Preis in Zukunft – notfalls gegen den begrenzten Geschmack der Mitglieder – wieder stärker der Kultur­preis wird, der er sein soll. Wie zu hören war, hat Grütters um ein Haar der Akademie den Preis aus der Hand geschlagen und wäre wieder zum Jury­system zurück­ge­kehrt.
Es gab einen Bera­tungs­termin mit drei Redak­teuren namhafter Medien, die zu Ende 2012 den Unter­zeich­nern eines akademie- und film­preis­ver­ga­be­kri­ti­schen Briefs gehörten.

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Grütters’ Erhöhung des Drucks führt auch zu spürbaren Reak­tionen bei den Betrof­fenen. Die Film­aka­demie etwa schließt sich jetzt den etwa vom Verband der deutschen Film­kritik schon länger formu­lierten Forde­rungen an, die Fern­seh­sender nicht mehr zu Türste­hern der Film­för­de­rung zu machen. Heute entscheiden Sender­be­tei­li­gungen de facto über die Chance auf Förderung. Das muss schleu­nigst abge­schafft werden.

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Thomas Frickel, Vorsit­zender und Geschäfts­führer der AG DOK begrüßte die »starken Impulse« des Papiers. Schon mit der Bereit­stel­lung weiterer 15 Millionen Euro habe die Staats­mi­nis­terin ja ein deut­li­ches Zeichen zugunsten der kultu­rellen Film­för­de­rung des Bundes gesetzt. »Die jetzt vorge­legten Grundzüge neuer Förder-Richt­li­nien verspre­chen neue Akzente in der Förder­po­litik, die hoffent­lich auch bald auf andere Förder­ein­rich­tungen ausstrahlen werden.«
Gewünscht wird, Low-Budget-Produk­tionen künftig von der Verpflich­tung zum Nachweis von Eigen­mit­teln zu befreien. Die Vorschrift zur Übernahme eigener Finan­zie­rungs­an­teile ist für die schlechte Eigen­ka­pi­tal­aus­stat­tung vieler deutscher Produk­ti­ons­firmen mitver­ant­wort­lich und wurde in den Förder­sys­temen fast aller europäi­scher Nach­bar­länder längst abge­schafft.

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Nicht weniger inter­es­sant war die Rede der Kultur­staats­mi­nis­terin beim Auftakt­emp­fang der Produ­zen­ten­al­lianz am 11. Februar. Grütters spricht da von »Neure­ge­lung zum Eigen­an­teil«.
Nicht ohne Süffisanz sagt sie der Allianz der Film­wurst­ver­käufer ins Gesicht: »Es freut mich, dass wir gemeinsam Wege gefunden haben, um kreative und künst­le­ri­sche Aspekte bei der wirt­schaft­li­chen Film­för­de­rung noch stärker zu berück­sich­tigen.«
Vor allem aber sagt sie: »Künstler, auch Film­künstler, sind jeden­falls dann am besten, wenn sie nicht zwangs­läufig gefallen müssen, wenn sie nicht vom Publi­kums­ge­schmack und vom Profit her planen müssen, sondern origi­nelle Ideen entfalten können. Wenn sie damit dann auch noch Publi­kums­er­folge feiern, umso besser! … Ziel ist, die künst­le­ri­sche Freiheit zu stärken: Wir wollen unab­hän­giges Filme­ma­chen ermög­li­chen, und zwar ohne künst­le­ri­sche Kompro­misse und ohne zwingende Regio­nal­ef­fekte. … Mutige Filme brauchen eben nicht nur mutige Filme­ma­cher, sondern auch mutige Film­för­derer und mutige Förde­r­ent­schei­dungen.«
Mit diesen mehr­fa­chen kleinen Ohrfeigen an die Betei­ligten und die Fürsten der herr­schenden Verhält­nisse hat sie auf den Punkt gebracht, worauf es zu allererst ankommt.
Die Branche ist im Zugzwang.

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Die Bonzen der Branche hatten zum gleichen Zeitpunkt wieder ein »Rekord­jahr« gefeiert. Wenn man das so liest – »mehr Zuschauer, mehr Umsatz, der höchste deutsche Markt­an­teil« – dann denkt man: Dem deutschen Film geht es super. Ökono­misch mag das zutreffen, aber kulturell und quali­tativ geht es dem deutschen Film so schlecht wie seit Jahren nicht. Und das ohne Aussicht auf Besserung.
Nun gut: Die Bundes­bürger sind 2014 im Schnitt etwa 1,7 mal ins Kino gegangen. Das ist einer der besten Werte seit Einfüh­rung der heutigen Film­för­de­rung. Zur Zeit des viel­ge­schmähten »Papas Kino« war das aber gar nichts: Im Rekord­jahr 1956 gingen die (West-)Deutschen im Schnitt über 14,5 mal pro Jahr ins Kino! Vor allem aber: In Frank­reich ist der heutige Wert fast dreimal so hoch, wie hier, in Dänemark sogar sechsmal so hoch. Die Kinos hatten mit gut 139 Millionen Besuchern so viele Besucher wie zuletzt vor sechs Jahren.
Ein Ticket kostet im Schnitt 8,39 Euro. Da sagt die Kino­branche: »So viel wie nie.« Mag sein. Aber da vergisst man, dass die Kino­preise im Vergleich zu anderen Kultur­gü­tern, aber auch Verg­nü­gungs­ein­rich­tungen extrem niedrig sind. Selbst der billigste Winter-Stehplatz in der Bundes­liga kostet 11 Euro. Ein Thea­ter­be­such 20 Euro, ein Buch 26, Konzerte wie Oper im Schnitt über 30, ein Musi­cal­be­such gar 60 Euro im Schnitt. Auch das muss man sehen, wenn man über diese Themen
redet.

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Der Markt­an­teil des deutschen Films lag 2015 bei 27,5 Prozent – auch dies ein Rekord. Aber zustande kam er vor allem mit einem einzigen Titel: Fack ju Göhte 2 sahen fast 7,7 Millionen Zuschauer. Damit kommt man nicht nach Cannes – und noch nicht mal ins normale Kino unserer Nach­bar­länder.
Kulturell wertvoll ist auch der zweit­s­tärkste deutsche Kinofilm nicht: Til Schwei­gers Honig im Kopf verklebte auch die Hirn­win­dungen des Publikums. Dass sich FFA-Chef Peter Dinges dann nicht zu schade ist, zu behaupten, Filme deutscher Regis­seure und Produ­zenten seien zu einer »Qualitäts­marke« bei den Kino­be­su­chern geworden, tut mir leid für ihn. Dinges ist viel zu klug für solche Sprüche, zu denen ihn auch keiner zwingt, er weiß es besser. Und darum tut er der deutschen Film­wirt­schaft einen schlechten Dienst, wenn er die Verhält­nisse derart schön­redet.

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Was die Öffent­lich­keit mehr als alles andere verlangen kann: Eine komplette Aufde­ckung aller Förder­zah­lungen und -rück­zah­lungen. Und deren Aufschlüs­se­lung nach Besuchern. Wer zahlt was zurück? Und welche Euros sind am effek­tivsten einge­setzt? Die Behaup­tung steht im Raum: Je größer die Firmen, um so weniger wird zurück­ge­zahlt. Die betrof­fenen Unter­nehmen könnten den Gegen­be­weis führen, indem sie frei­willig die Zahlen veröf­fent­lichten – wetten, dass sie das nicht tun?

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Britta Steinwachs: Abstruse Drehbücher schaffen mediale Zerrbilder

Standbild aus ‘Mitten im Leben’ © RTL

Britta Steinwachs über die Inszenierung einer „Unterschicht“ in Fernsehsendungen des so genannten „Scripted Reality“. Britta Steinwachs ist Soziologin und befasst sich ideologiekritisch mit popkulturellen Phänomenen. Das Interview führte Patrick Schreiner[*].
Der Beitrag steht auch als Podcast zur Verfügung.

Sie befassen sich in Ihrem Buch „Zwischen Pommesbude und Muskelbank“[**] mit der „Inszenierung der Unterschicht“ im Fernsehen. Was ist Scripted Reality, und welche Rolle spielt sie bei eben dieser Inszenierung?

Britta Steinwachs: Scripted Reality ist ein Sammelbegriff für eine in den vergangenen Jahren aufgekommene Vielzahl an Fernsehformaten, die pseudo-dokumentarische Techniken mit einer klar vorstrukturierten Erzählung verbinden. Viele kennen da sicher Sendungen wie „Mitten im Leben“ oder „Familien im Brennpunkt“. Im Scripted Reality werden drehbuchbasierte Geschichten erzählt, die wie mitten aus dem alltäglichen Leben gegriffen wirken sollen. Dabei werden einerseits Techniken des Dokumentarfilms angewendet, wie zum Beispiel verwackeltes Filmen mit einer Handkamera. Auf diese Weise wird der Eindruck erweckt, es handle sich um authentische Szenen, bei denen „nur die Kamera draufgehalten wird“. Andererseits arbeiten diese Formate gezielt mit Laiendarsteller_innen, deren Körper und Wohnort zum Spielball einer zwiespältigen Inszenierung zwischen fiktiver Konstruktion und lebensweltlicher Authentizität wird. All das, was sich mit dem klassenspezifischen Habitus der Darsteller_innen umreißen lässt (also zum Beispiel spezifisches Körperempfinden und Körpersprache sowie Kleidungsstil), wird damit als zentrales Gestaltungselement in den medialen Produktionsprozess integriert.

Welche Funktion oder Rolle nimmt dieser „klassenspezifische Habitus“ ein?

Britta Steinwachs: Die in den Sendungen dargestellten Verhaltensweisen und Geschmäcker der Akteur_innen sind keine zufälligen Besonderheiten einzelner Charaktere, sondern verweisen immer auch auf gesellschaftliche Strukturen. Dem Habitus kommt also eine symbolische Dimension zu: Wenn man einen unbekannten Menschen im Fernsehen sieht und dort gezeigt wird, wie er sich kleidet, spricht, artikuliert usw., dann lässt sich daraus stets mehr als das direkt Gezeigte ablesen. Mit einem intuitiven Sinn erkennt das Publikum – oft auch unbewusst – meist sofort, welcher sozialen Klasse das Gegenüber angehört. Wenn im Fernsehen nun mithilfe von Laiendarsteller_innen vermeintlich realistische Alltagsgeschichten erzählt werden, ergibt sich daraus die besondere Konstellation, dass sich hier der „reale“ Habitus von Menschen mit einer fiktiven Erzählung verwebt. Aus diesem Grund wirken die Figuren in ihrer halbrealen und halbfiktiven Körperlichkeit authentisch. Dies ist auch ein Grund für den großen Erfolg dieser Formate. Weiterlesen

Welche Motivation haben die Laiendarsteller, sich für solche Sendungen zur Verfügung zu stellen?

Britta Steinwachs: Darüber lässt sich nur spekulieren. Die Medienwissenschaftlerin Martina Schuegraf nahm im Rahmen ihrer Habilitation an einem Casting teil. Ihrer Einschätzung nach nehmen einige aus Neugierde teil, die meisten wollen sich aber ein Zubrot verdienen.

Kommen wir zu dem von Ihnen genauer in den Blick genommenen Beispiel. Sie haben zwei Folgen der RTL-Sendung „Familien im Brennpunkt“ detailliert untersucht. Was ist das Besondere an diesem Format, und welche gesellschaftspolitische Aussage wird dort transportiert?

Britta Steinwachs: Die Sendung „Familien im Brennpunkt“ startete im August 2009 und war über Jahre hinweg quotenträchtig im täglichen Nachmittagsprogramm im Fernsehen zu sehen. Thematisch stehen vermeintlich familiäre Alltagsprobleme der deutschen Bevölkerung im Vordergrund. Die beiden 45-minütigen Sendungen, die ich untersucht habe, befassen sich speziell mit dem Leben der sogenannten „Unterschicht“. In den Sendungen werden gesellschaftlich wichtige Fragen verhandelt, die in einem Pro-Kontra-Aufbau dramaturgisch auf einen Höhepunkt zulaufen. Die Charaktere der dargestellten Familien werden dabei so inszeniert, dass sie sich stets so verhalten, wie es den bürgerlichen Konventionen zuwiderläuft. Abstruse Drehbücher schaffen mediale Zerrbilder von einer verrohten und vom normativen gesellschaftlichen Diskurs abgekoppelten „Unterschicht“. Dieses Zerrbild lebt von stereotypen und plakativen Darstellungen der „Unterschichts-Charaktere“, die Gymnasiast_innen abgrundtief hassen, es peinlich finden, Spaß am Lernen zu haben, und das knappe Geld für Muskelbänke, Zigaretten und Pommes Frites ausgeben. Interessant ist, dass diese Schicksale dann konsequent in einer institutionellen Disziplinierung münden. Ob Gericht, Jobcenter oder Jugendamt: Den handelnden Personen wird dank der richtenden staatlichen Intervention doch noch klar, wie der sozial erwünschte Weg auszusehen hat, nämlich in der Anpassung an bürgerliche Werte zum Beispiel in Form einer Schul- oder Berufsausbildung.

Ein Einzelfall ist das aber nicht: Expertinnen und Experten, die den Menschen erklären, wie sie im Neoliberalismus zu leben haben, gibt es viele. Denken wir an die massenhafte Ratgeberliteratur, entsprechende Trainings und Coachings, Zeitschriftenartikel, Filmchen auf Youtube, Therapeutinnen und Therapeuten… Was ist in dieser Hinsicht das Spezifische an den Expertinnen und Experten in der von Ihnen untersuchten Sendung?

Britta Steinwachs: Es ist richtig, dass die Sendungen Teil eines gesamtgesellschaftlichen Diskurses um erwünschte Normalität in der Leistungsgesellschaft sind. Das Besondere an diesem und anderen unterhaltungsorientierten Formaten ist, dass das disziplinierende Moment hier im Gegensatz zu den genannten Beispielen im Mantel des niedrigschwelligen Massenunterhaltungs-Angebots daherkommt und somit eine andere Wirkmacht entfalten kann. Hier werden auch keine expliziten, zukunftsweisenden Ratschläge, Tipps oder Trainings vermittelt, sondern es wird vielmehr der Eindruck erweckt, eine bereits so alltäglich stattfindende Realität abzubilden. Damit spricht dieses Format nicht wie die Ratgeberliteratur ein Publikum an, welches aktiv seinen Erfolg steigern will, sondern wendet sich an eine breite Masse zuhause auf dem Fernsehsessel. Hier geht es weniger um eine Aneignung des herrschenden Wissens zur Selbstoptimierung. Zuschauer_innen werden in den Sendungen mit dem Scheitern fremder Menschen konfrontiert. Dadurch werden soziale Ängste davor geschürt, selbst gesellschaftlich geächtet zu werden, weil man sich nicht genug an die Regeln und Anforderungen der Gesellschaft angepasst hat.

Welcher Zusammenhang besteht zwischen solchen TV-Sendungen und der Debatte um eine angebliche „Unterschicht“, wie sie Anfang der 2000er Jahre begann?

Britta Steinwachs: Die medial erzählten Geschichten im Unterhaltungs-TV sind ein wirkmächtiger Bestandteil eines gesamtgesellschaftlichen Diskurses um soziale Ungleichheit, wie er in der breiten gesellschaftlichen Debatte um die „Neue Unterschicht“ aufkam. Die Sendungen stellen massenwirksam und niedrigschwellig gesellschaftliche Fragen an die kapitalistische Leistungsgesellschaft und beantworten sie quasi beiläufig. Die „Unterschicht“ hat nach dieser Lesart ihr Recht auf gesellschaftliche Teilhabe verwirkt, da sie nicht bereit sei, sich geltenden Normen und Werten unterzuordnen. Soziale Ungleichheit erscheint so als gerecht und selbstverschuldet.

Sie nehmen also einen Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und der Debatte um eine „neue Unterschicht“ an. Worin besteht dieser Zusammenhang? Führt er dazu, dass in Sendungen wie „Familien im Brennpunkt“ auch soziale Ungleichheit thematisiert wird?

Britta Steinwachs: Die Debatte um die „neue Unterschicht“ basiert auf der gesellschaftlichen Verhandlung der Frage nach sozialer Gerechtigkeit. Im Kern der Debatte steht ja die Annahme, dass sich die so genannte Unterschicht auf Kosten der Allgemeinheit ein schönes Leben mache und von sich aus überhaupt kein Interesse daran habe, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Ihre politische Brisanz entfaltet diese Annahme jedoch erst dann, wenn sie in den moralischen Kontext der Leistungsgerechtigkeit eingebettet wird. Also nach dem Motto: „Warum darf der sich auf unsere Kosten einen schönen Lenz machen, während wir hart Arbeitenden dafür jeden Tag schuften gehen müssen?“ Die soziale Ungleichheit ist also der Nährboden für diese klassendiskriminierende Debatte, weil das medial gezeichnete Bild der „faulen Unterschicht“ mit herrschenden Gerechtigkeitsvorstellungen in der Leistungsgesellschaft radikal bricht. Mediale Figuren wie die „Unterschichtsfamilien“ im Scripted-Reality-TV verkörpern also, dass nach dieser Lesart ohne Gegenleistung ganz bewusst die soziale Fürsorge der Allgemeinheit ausgenutzt werde. Insofern behandeln natürlich auch Sendungen wie „Familien im Brennpunkt“ die Frage der sozialen Ungleichheit und deren Legitimität.

Können Sie ein Beispiel dafür nennen, wie diese „Unterschichten“-Debatte in „Familien im Brennpunkt“ nachwirkt?

Britta Steinwachs: Man kann etwa die absurde TV-Erzählung um einen Vater nennen, der seinem Sohn heimlich das durch Nachhilfestunden hart erarbeitete Geld klaut, um sich selbst einen Stadionbesuch beim Lieblings-Fußballverein 1. FC Köln zu gönnen. Das lässt sich nicht vom sozio-politischen Kontext der „Unterschichtsdebatte“ loslösen, man muss dies vielmehr als Bestandteil und Fortführung eben dieser Debatte begreifen. Der „Unterschichtsvater“ verwehrt seinem Sohn bewusst die Bildung und sabotiert ihn sogar dabei, sich aktiv dieser Ressource selbst zu ermächtigen. Er repräsentiert den Prototypen passiver Hartz-IV-Empfänger_innen, die sich vermeintlich in der „sozialen Hängematte“ ausruhen und kein Interesse daran hätten, sich anzupassen. Mehr noch: Der egoistische „Unterschichtsproll“ wird zum Integrationshindernis für die gesamte Gesellschaft stilisiert. Die Allgemeinheit hat demnach die Aufgabe, ihre Kinder vor den Verfehlungen der abgekoppelten „Unterschichtkultur“ zu schützen. Diese Interpretation untermauert klassendiskriminierende Aussagen wie etwa die Äußerung des ehemaligen Gesundheitsministers Daniel Bahr, wonach in Deutschland „die Falschen“ die Kinder bekämen, nämlich die „sozial Schwachen“.

Gibt es Untersuchungen über das Publikum? Wer schaut solche Sendungen an, und wie werden die darin vermittelten Ideologien letztlich wahrgenommen?

Britta Steinwachs: Es gibt einige Studien, die sich mit der Wirkung von Scripted-Reality-Sendungen auf Kinder und Jugendliche auseinandersetzen. Darin zeigt sich, dass eine große Mehrheit das Gesehene für real oder zumindest realistisch hält. Darüber, wie sich das Publikum dieser Sendungen genau zusammensetzt, gibt es keine Untersuchungen. Laut den Angaben einer Produktionsfirma lockten aber allein ihre eigenen Scripted-Reality-Formate im Jahr 2014 täglich rund 15 Millionen Zuschauer_innen vor die Bildschirme.


[«*] Patrick Schreiner lebt und arbeitet als hauptamtlicher Gewerkschafter in Hannover. Er schreibt regelmäßig für die NachDenkSeiten zu wirtschafts-, sozial- und verteilungspolitischen Themen.

[«**] Britta Steinwachs: Zwischen Pommesbude und Muskelbank. Die mediale Inszenierung der „Unterschicht“. Erschienen im Dezember 2015 bei edition assemblage.

Dieser Text erschien zuerst auf den “NachDenkSeiten – die kritische Website“. Die Verwertung durch uns erfolgt im Rahmen der Creative Commons Lizenz 2.0 Non-Commercial, unter welcher er publiziert wurde.

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Es geht nicht ums Geld

Noch steht er im Hintergrund, aber gleich wird der Regisseur Axel Ranisch eine Rede halten. Mit dem „Fair Film Award“ zeichnen die Berufsverbände der Branche alljährlich vorbildliche Produktionsbedingungen aus. | Foto © Stefan Maria Rother

Meinen ersten Kinofilm „Dicke Mädchen“ habe ich vor fünf Jahren gedreht. Mit einem aberwitzigen Budget von 517,32 Euro. Ich habe von vielen Filmschaffenden dafür Ärger bekommen. Ich versaue die Preise auf dem Markt, ich schüre den Glauben, dass man ohne Geld Filme drehen kann. Das mag vielleicht sogar sein. Aber, liebe Kollegen, was hätte ich denn machen sollen? Ich hab es doch versucht. Aber mich kannte doch keiner. Niemand hätte mir Geld gegeben, um mein Team und meine Schauspieler anständig zu bezahlen, ohne, dass ich mich und den Film, den ich drehen wollte, hätte dafür verbiegen müssen.
Ich kenne überhaupt keinen einzigen Filmemacher, der nicht unter Ausbeutung seines Teams und der eigenen Ressourcen angefangen hat Filme zu drehen. Das lässt doch nur eine Schlussfolgerung zu: Wir bekommen dieses beschissene unfaire Verhalten anerzogen. Es gibt, so weit ich weiß, an keiner deutschen Filmhochschule einen Workshop über faires Produzieren. Mir hat man noch vor meinem Studium beigebracht: Wenn du zum Film willst, dann arbeitest du die ersten zehn Jahre umsonst; und wenn du dieses Opfer nicht aufbringen willst, dann bist du falsch in der Branche. Also warum wundern wir uns dann über die beschissenen Arbeitsbedingungen, wenn so eine Moral herrscht? Weiterlesen

Ich kann auch 14 Jahre nach meinem ersten Kurzfilm und fünf Jahre nach meinem ersten Kinofilm noch niemandem, der mit mir zusammenarbeiten will, einen tarifgemäßen Vertrag anbieten. Dabei sind meine Schauspieler und meine Filmfamilie das Wertvollste was ich habe. Das macht mich fertig.
Aber die Gage ist, meiner Ansicht nach, auch nur das Eine. Man kann auch mit weniger Gage sehr glücklich sein, wenn die Arbeitsbedingungen stimmen. Es gibt aber ein paar Dinge, auf die kann und will ich komplett überhaupt nicht verzichten, und das sind: Gegenseitige Wertschätzung, Lob, Herzlichkeit, Offenheit, Transparenz und Gerechtigkeit.
Aber genau diese Dinge haben wir in unserer Branche offensichtlich verlernt. Diesen Eindruck gewinne ich jedenfalls oft, je tiefer ich Einblick erhalte. Ich finde es so unerträglich, wenn Gagen ungerecht verteilt werden und sich wenige auf den Rücken vieler bereichern. Ich finde es weder geschickt noch bewundernswert, wenn Verträge oder Absprachen intransparent getroffen werden, wenn stattdessen geschachert und taktiert wird, verschwiegen und geschummelt. Ich finde es so was von zum Kotzen, das es in unserer Branche immer nur um das Selbe geht: um Einschaltquoten, Einspielergebnisse, Erfolg und Geld.
Ganz ehrlich. Dafür bin ich nicht Filmemacher geworden. Ich will einfach nur mit meinem ganzen Herzblut Geschichten erzählen über Menschen und mit Menschen, die ich liebe und bewundere. Schade, dass das nicht reicht.
Aber deswegen ist dieser Preis heute Abend von so unschätzbarer Bedeutung. Er fragt nämlich all die Menschen, die mit ihrer Lebenszeit und Kraft den Film aus dem Boden gestampft haben, ob sie sich dabei wohl gefühlt haben und ob sie fair behandelt wurden.
31.000 Kollegen aus allen Gewerken konnten über Crew United abstimmen. Sechs Produktionen wurden nominiert. Alle sechs haben eine glänzende Eins auf dem Zeugnis. Herzlichen Glückwunsch dafür. Eine dieser sechs Produktionen wurde nach nochmaliger Befragung der Mitarbeiter zum Sieger gekürt. Und den darf ich jetzt verraten.

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Cinema Moralia – Folge 126: 5,2 Millionen für Tschiller

Symptomatische Angst – Till Schweiger in Tschiller: Off Duty © 2016 Warner

Wie klein muss einer sein: Was Dieter Kosslick und Til Schweiger gemeinsam haben, 5,2 Millionen für Tschiller und natürlich die leider unbe­merkte Bank­rotter­klä­rung der deutschen Film­för­de­rung – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 126. Folge
Von Rüdiger Suchsland (Aktiviere Javascript, um die Email-Adresse zu sehen)

»Die gefor­derte neue Film­kritik kriti­siert die Gesell­schaft, aus der der Film hervor­geht.«
Enno Patalas und Wilfried Berghahn in der Zeit­schrift »Film­kritik«, 3/1961
»Germans do always try to copy American charac­ters; Greeks try not to show too much about Greek charac­ters.«
Hans W. Geißen­dörfer auf der Abschluß­ver­an­stal­tung des »Grie­chi­schen Filmfests« in Berlin.

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Stefanie Stap­pen­beck gehört zu den deutschen Schau­spie­le­rinnen, die ich schon immer ein bisschen unter­schätzt fand. In manchem schlechten Film ist sie der einzige Licht­blick. Und einiges Pech hat sie auch gehabt: Als sie 2009 endlich eine Serien-Haupt­rolle im ARD-Poli­zeiruf bekam, die überaus inter­es­sante und unge­wöhn­liche Figur des Hauptmann Ulrike Steiger, einer deutschen Generals Daughter, die in Uniform in der Bundes­wehr ermittelt, und dann, enttäuscht vor allem vom eigenen
Vater, die Bundes­wehr verlässt, aber mit dem ganzen über­holten Disziplin-Befehl&Gehorsams-Müll im Kopf, zur Münchner Polizei kommt – da hätte das mit der Stap­pen­beck das Zeug gehabt, eine würdige Edgar-Selge-Nachfolge-Polzeiruf-Reihe zu werden. Doch ihr Partner Jörg Hube starb nach der ersten Folge und anstatt dann etwas draus zu machen, das reale Leben als Chance der Fiktion zu sehen, stellte die ARD alles und damit auch die Stap­pen­beck-Figur ein.
Vier Jahre später dann spielte sie im neuen Hamburger Tatort, aber nur die Frau, noch dazu geschie­dene, des Ermitt­lers. Und ausge­rechnet an der Seite von Til Schweiger. OMG, die Arme dachte ich als Stap­pen­beck-Sympa­thi­sant, und dann, als sie, natürlich weil der doofe Dödel Nick Tschiller schuld hatte, kurz vor Sylvester erschossen wurde, war das ein tiefer Stich ins Herz. Der Trost kam dann ein paar Tage später, als klar wurde: Für sie ist der Tod als Schweiger-Frau ein Aufstieg. Denn im
Sommer spielt sie dann im ZDF wieder eine Ermitt­lerin.
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Gleich zu Anfang eine Ankün­di­gung in eigener Sache: Nächste Woche fängt ja nicht nur am, Donnerstag die Berlinale an, und einen Tag vorher etwa gleich­zeitig mit der nächsten regulären artechock-Ausgabe, sondern bereits ab Montag gibt’s ein artechock-Berlinale-Special mit täglich neuen Texten, und einigen Über­ra­schungen. Und das nicht nur hier, sondern auch auf Facebook, und viel­leicht noch in anderer Form. Es lohnt sich also, regel­mäßig nach­zu­schauen.
+ + +
Es wird die 66. Berlinale überhaupt und erst die 15. mit Dieter Kosslick – obwohl man den Eindruck haben könnte, der Mann sei schon ewig da. Immerhin wird er in paar Wochen länger im Amt sein, als Helmut Kohl Bundes­kanzler war, und im Gegensatz zum Pfälzer scheint den Berlinale-Chef die Macht eher jung zu halten. Wahr­schein­lich würde er selber sagen, dass das alles an Yoga und seinem Vege­ta­rismus liegt, aber wer Kosslick am Dienstag auf der dies­jäh­rigen Berlinale-Pres­se­kon­fe­renz beob­ach­tete, der merkte, wie schön es sein muss, wenn einem überhaupt niemand mehr wider­spricht. Diese Stufe hat Kosslick inzwi­schen erreicht. Die, die ihn blöd finden, haben es inzwi­schen aufge­geben, weil man sach­be­zo­gene Debatten mit dem Mann sowieso nicht führen kann. Und die, die ihn anhimmeln, himmeln ihn an.
Weiterlesen

Es gibt auch innerhalb der Berlinale-Orga­ni­sa­tion natürlich gar nicht so wenige, die einem hinter vorge­hal­tener Hand erzählen (und natürlich auch weil sie wissen, dass ich es gern höre), wie furchtbar und autoritär der Mann im persön­li­chen Umgang sei, und dass sein Essens-Fana­tismus offenbar so weit geht, dass er Fleisch­ge­richte auch in seiner Umgebung nicht duldet, weil er den Geruch nicht erträgt. Aber all das wäre natürlich wurscht, wenn die Berlinale ein gutes Programm hätte. Das finden in diesem Jahr aber noch nicht mal die, auf die sich Kosslick bisher immer verlassen konnte, schon weil eine von ihnen im Auswahl­gre­mium sitzt: Die Kollegen von »deutsch­land­radio kultur«.

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Ein tref­fender Kommentar war dort jetzt von Patrick Wellinski zu hören. »Die gesell­schaft­lich rele­vanten Stoffe in allen Ehren, lange blieb in den letzten Jahren dabei die Filmkunst auf der Strecke.« sagt Wellinski. Und stellt fest: »Jenseits der Berlinale spielt deutsches Kino keine Rolle.«
Tatsäch­lich ist diesmal nur ein deutscher Film im Wett­be­werb vertreten – das ist an sich nicht schlimm und man glaubt ja sofort, dass es einfach nicht viel gute, wett­be­werbstaug­liche deutsche Filme gibt. Es ist auch gut zu wissen, dass damit im kommenden Jahr »die vielen deutschen Filme, die auf der Berlinale laufen« keine Ausrede mehr sein werden, für die vielen deutschen Filme die auf keinem inter­na­tio­nalen Festival laufen.
Nur: Was sagt uns das eigent­lich über ein Festival, dessen Leiter ange­treten ist mit der doppelten gewagten Behaup­tung, dass es viele tolle deutsche Filme gebe, und dass es, indem er die jetzt auch endlich zeigen werde, bald alle merken? Vor 15 Jahren, im ersten und recht guten Kosslick-Jahr, liefen vier deutsche Wett­be­werbs­bei­träge.
Seitdem ist offenbar nichts besser geworden, und vieles viel­leicht sogar schlechter.

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Diese jetzt noch offen­kun­diger gewordene Krea­tiv­krise des deutschen Kinos ist auch eine Bank­rotter­klä­rung der deutschen Film­för­de­rung. Und zwar auf allen Ebenen. Natürlich arbeiten da viele gute, sach­ver­s­tän­dige Menschen. Natürlich können die Förderer nichts für das, was einge­reicht wird. Schon eher muss man aber manchmal fragen, warum bestimmte Projekte nicht oder nur unzu­rei­chend gefördert werden, während man einem Film das Geld hinter­her­wirft, sobald ein Schau­spieler Regie führt oder als Dreh­buch­autor genannt wird. Nein, ich meine nicht Til Schweiger und Matthias Schweig­höfer. Die auch, ok. Aber eigent­lich dachte ich an Florian David Fitz. Oder, jüngstes Beispiel, an Karoline Herfurth. Warum müssen die überhaupt selber Filme machen? Und warum muss man es ihnen so viel leichter machen, wie den »ganz normalen Regis­seuren?
Ich behaupte mal, dass deren Filme die Krea­tiv­krise des deutschen Kinos auch nicht lösen.

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Es war eine Horror­kom­bi­na­tion am letzten Sonntag im »Doppel­pass«, dem »Sport 1«-Fußball­stamm­tisch. Da saß nicht nur Johann Baptist Kerner, was eigent­lich bei mir genügt, gleich abzu­schalten, sondern auch Til Schweiger, was mich dann doch wieder zugucken ließ, denn ich wollte schon wissen, was da jetzt kommt. Ich hätte ahnen müssen, dass Schweiger auch über Fußball nicht inter­es­santer redet, als über Film, aber meistens im Gegensatz dazu, wenn man ihn nach Film fragt, immerhin
achsel­zu­ckend zugab, er wisse es jetzt auch nicht.
Das Wort, was er am meisten benutzte, was »Scheiße«, das klang dann etwa so: »Was ist denn das für eine Scheiße mit dem Abseits – das müssen wir abschaffen. Dann wird das Spiel viel attrak­tiver. Ohne Abseits würd’ die Post abgehen!«

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Immerhin will Schweiger jetzt nicht auch noch Fußball­re­porter werden. Er will einfach – und schlimm genug, dass »Sport 1« da in dieser Form mitmacht – seinen neuen Film vermarkten.
Das tut er vor allem, indem er sich am Kinn kratzt, und wenn er gerade nicht selber redet, seinen Blick gedan­ken­ver­loren über die Sitz­reihen schweifen lässt, als ginge ihn das alles nichts an.

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Irgendwie passt es gut, dass jetzt in einer einzigen Woche erst Kosslick seine Jahres­pres­se­kon­fe­renz gibt, und dann auch noch Til Schwei­gers neuester Film, der »Tatort«-Ripp-Off Tschiller: Off Duty in die Kinos kommt. Das schreibe ich jetzt nicht, weil ich die Frage stellen will, warum Schwei­gers Film nicht im Wett­be­werb läuft. Da hab ich schon so meine Vermu­tungen.
Aber im Grunde haben Schweiger und Kosslick ja eine ganze Menge gemeinsam: Sie sind egoman, eitel, können weder mit Kritik umgehen, noch sie überhaupt vertragen. Und sie haben keinen Geschmack.
In alldem sind sie leider recht sympto­ma­tisch für das deutsche Kino, für den Weg, den es in den letzten 20 Jahren genommen hat: Ein Weg in die Bedeu­tungs­lo­sig­keit. Aber weil alle sich hier ja selbst ganz toll finden, redet man sich die Sache und sich selber schön. Wie das geht, kann man von Schweiger und Kosslick lernen.

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Sympto­ma­tisch ist die Angst. Vor allem bei Til Schweiger ist sie jederzeit spürbar, je auftrump­fender er auftritt, desto deut­li­cher. Typisch, dass er Kritiker nicht nur einfach doof oder belanglos findet, sondern es nötig hat, öffent­lich dauernd zu erklären, wie unwichtig sie seien.
Til Schweiger ist der einzige deutsche Regisseur, der zu feige ist, Filme in denen er mitspielt, der Presse zu zeigen. Statt­dessen gibt es »Friends & Familiy«-Vorstel­lungen, in denen dann natürlich doch ein paar Jour­na­listen sitzen dürfen. Aber nur solche, die Schweiger persön­lich selek­tiert hat, weil sie dem tollen Herrn offenbar gefällig genug formu­lieren. Wie klein muss einer sein!
Aller­dings muss man es bei der Gele­gen­heit auch sagen: Jeder Jour­na­list, der das faule Spiel mitspielt, hat alle Verach­tung verdient.

+ + +

Der berühmte »Tatort«-Vorspann, den Til Schweiger so verab­scheut, ist weg. Kein blau-weißes Faden­kreuz, kein Klaus Doldinger. Sondern Rap. Dass die ARD das mit sich machen lässt, ist aber ihre Sache. Aber schade natürlich schon, dass man dort offenbar glaubt, ein Schau­spieler sei wichtiger als die eigene Marke, obwohl die doch eines der wenigen Dinge sind, die der ARD noch geblieben ist, obwohl ohne Til Schweiger mehr Leute hingucken, als mit ihm.
So gibt man Schweiger die »Tatort« als Spielzeug, und wie kleine Kinder so sind, nimmt er sie erstmal in den Mund und lutscht daran, und dann ausein­ander, um zu gucken, was drin ist. Und dann haut er kräftig drauf. Schweiger ist respektlos. Wie gegenüber allem. Aber nicht aus Bosheit, sondern eher aus Naivität. Er will ja nur spielen.

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Denn das Problem der Til-Schweiger-Tatorte sind ja noch nie die Filme gewesen. Ob das noch irgendwie »Tatorte« sind, darüber kann man natürlich streiten. Aber es sind immer anstän­dige Polizei-Action-Filme gewesen. Ihr Regisseur Christian Alvart ist extrem begabt, einer der besten deutschen Regis­seure. Was aber leider niemand zugibt: Das größte Problem dieser Filme ist ihr Haupt­dar­steller. Schweiger bringt’s einfach nicht. Er spielt schlecht, und wie schlecht, zeigt gerade der Kontrast zu Fahri Yardim, dem Darsteller seines Kollegen. Man glaubt Schweiger kein Wort.

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Da wird es dann kurios, wenn Schweiger wie nach den schlechten Quoten für den letzten Doppel-Tatort geschehen, sein Publikum beschimpft.
Kurios ist auch, wenn Schweiger behauptet, dass zu viel Geld die Freiheit eines Filme­ma­chers gefährdet, und sich selbst »unab­hängig« nennt.
Denn wir alle finan­zieren aus Haus­halt­ge­bühren und Steu­er­gel­dern, dass Til Schweiger weiter dummes Zeug reden und Kritiker beschimpfen kann: Tschiller: Off Duty wurde von der FFA mit etwa einer Million Euro gefördert (556 000 Euro für Produk­tion, 250 000 Euro für den armen Verleih, 200 000 Euro für »Medialeis­tungen«, also dafür, dass Schweiger für sich Werbung machen
darf).
Außerdem hat das Medien­board Berlin Bran­den­burg in den Film 800.000 Euro gesteckt. Die Film­för­de­rung Hamburg Schleswig-Holstein – komplett steu­er­fi­nan­ziert – hat weitere 280.000 Euro dazu­ge­stopft. Und aus dem Deutsche Film­för­der­fonds der Kultur­staats­mi­nis­terin kommen weitere 1.116 Millionen Euro für Tschiller/Schweiger.
Komplett wird die Rechnung aber erst, wenn man die zwei Millionen Euro dazu zählt, die der NDR gezahlt hat – wie für jeden Schweiger-Tatort. Denn der »Star« genießt auch hier Sonder­be­hand­lung und Extra­wur­strechte: Norma­ler­weise darf ein »Tatort« nur 1,4 Millionen kosten.
Fazit: Gut 5,2 Millionen plus Sonder­rechte für Schweiger. Wir sind gespannt auf das Ergebnis.

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Fragen darf man, warum die öffent­li­chen Auftrag­geber ihren Auftrag­nehmer nicht einmal darauf verpflichten können, wie alle anderen Film­pro­duk­tionen auch, den Film vorab in Pres­se­vor­füh­rungen öffent­lich zu machen.
Fragen darf man auch, wie sich Geballer und Gekrache mit dem Kultur­auf­trag vertragen. Denn den haben die Förderer – ihr vieles Geld soll vor allem solche Produk­tionen fördern, die sonst keine Chance auf Finan­zie­rung hätten.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 125: Das Medium, in dem der Film Resonanz erzeugt…

‘Was für ein Schlamassel’ – The Hateful 8 © 2015 Weinstein

Unter­schei­dungs­ver­mögen, Leiden­schaft, Subjek­ti­vität: Der Film­kri­tiker als Zeit­ge­nosse – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 125. Folge

»Prak­ti­sche Antwort eines sowje­ti­schen Künstlers auf gerechte Kritik«
Titel der 5.Symphonie von Dimitri Shosta­ko­vitsch

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Eine Studentin, die eine Arbeit über Film­kritik im Wandel der Medien­land­schaft schreibt, und darin versucht, mit sozio­lo­gi­scher Genau­ig­keit durch Publi­kums­be­fra­gung neue »Nutzer­typen« zu erkennen, befragt mich und bittet um Charak­te­ri­sie­rung meiner Arbeit. Der Ansatz ihrer Arbeit ist wichtig, weil sie einmal das Publikum in den Blick nimmt. Das ist die erste Voraus­set­zung zu einer unbedingt nötigen Kritik des Publikums. Denn es stimmt nicht, dass das Publikum »immer recht« hätte und es ist ein Miss­ver­s­tändnis von Demo­kratie, alles Elitäre zu verachten und zu glauben, dass das »Volk« oder gar »die Mehrheit« immer recht habe. Viele User neuer Medien über­schätzen die neuen User­par­ti­zi­pa­ti­ons­mög­lich­keiten syste­ma­tisch, weil sie selbst User sind, also aus schlichter Selbstüber­schät­zung, die sehr mensch­lich ist.
Nehmen User durch Bewer­tungen und Kommen­tare eine immer bedeu­ten­derer Rolle ein? Nein. Denn auch User, die bloggen, sind Publikum, und die werden nur dann zu Film­kri­ti­kern, wenn sie Film­kri­tiken verfassen. Ansonsten sind sie Teil des Meinungs­schwarms. Und der mag denken, was er will. So wenig eine Quote im Fernsehen etwas über Sendungs­qua­lität aussagt, so wenig dieser Schwarm und seine Meinungen.
Über Kunst, ihren Gehalt, ihre Aussage, ihre Qualität und ihren Wert kann man nicht demo­kra­tisch abstimmen.
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Nicht alle Zuschauer sind klug. Das Miss­trauen, das manche etwa gegen Film­kri­tiker äußern, weil sie »bezahlt« seien ist genauso absurd unin­for­miert wie das Vertrauen in Schwar­min­tel­li­genz und Ratings (etwa imdb) naiv ist. So etwas kann man genauso indus­triell orga­ni­sieren, wie eine positive Kritik – und das passiert auch.
Mich erschüt­tert oft der Ernst, der in uns und unsere Texte hinein­pro­ji­ziert wird. Zu wenige erkennen das Spie­le­ri­sche einer Film­kritik, überhaupt eines Textes. Wir sind eben gerade keine Wissen­schaftler, wir produ­zieren keine objek­tiven Aussagen, sondern Subjek­ti­vität. Wir sind ein Medium, auf dem der Film Resonanz erzeugt. Film­kri­tiken sind emotio­nale, intel­lek­tu­elle und stilis­ti­sche Reso­nanzen eines Films. Der Film erzwingt eine bestimmte Kritik von mir – das sagt so viel über mich, wie über den Film.
Aber manchmal spiegelt mein Text auch eine Debatte, einen reinen Teil­as­pekt eines Films, der für mich zu kurz kam. Oder ich betone etwas über Gebühr, weil es bisher unter den Tisch fiel.
Leser scheinen dagegen oft eine Objek­ti­vität zu erwarten und auch zu verlangen, die ich gar nicht liefern will. Wenn sie dann mitunter auch noch behaupten zu wissen, was »guter« oder »schlechter« Jour­na­lismus sei, wird es lächer­lich, dann ist ihr Urteil oft dumm und dreist. Sie verkennen, dass Film­kritik so wenig Reportage ist, wie Wirt­schafts­teil Ergeb­nis­dienst. Es ist Feuil­leton, also spie­le­risch, lite­ra­risch, künst­le­risch. Weiterlesen

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Gefragt nach meiner Einschät­zung zur Macht der Film­kritik, antworte ich: Print mag aussterben, die Film­kritik nicht. Die Macht der Film­kritik liegt in ihrer Qualität, nicht in der Quantität der Auflage oder der Leser. Das heißt: Film­kritik spricht wichtige Leute an, nämlich die, die sich aktiv um Infos bemühen, und deswegen mit Aussagen der Film­kritik anders umgehen. Sie spricht nicht zuletzt Fachleute an, also Förderer, Kino­be­treiber, andere Redak­teure, die sich an ihr orien­tieren.Das, was man heute so Multi­pli­ka­toren nennt.

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Film­kritik ist wichtig und wird das auch bleiben, weil wir als Scharnier und Vermitt­lungs­in­stanz zwischen mehreren Bereichen fungieren: zwischen Publikum, Film­wis­sen­schaft und Film (bzw. Machern). Alle drei Gruppen versuchen, Film­kritik für eigene Inter­essen zu instru­men­ta­li­sieren. Das Publikum hat höchst wider­sprüch­liche Wünsche: Zwischen Empfeh­lungen die Consu­m­er­gui­de­cha­rakter haben, Infos zum Film selbst (mitunter aber bitte ohne Spoiler).
Daher ist die Zukunft der Film­kritik gesichert – sie wird immer irgendwo überleben, solange es Filme gibt. Ein Problem sind aber Ausdif­fe­ren­zie­rung und schlechte Spezia­li­sie­rung: Man unter­scheidet heute gern Kino­kritik, Fernseh-Kritik, Medi­en­kritik. Alle drei Typen können unter Umständen Film­kritik sein.
Auch Film­kri­tiker selbst haben Berüh­rungs­ängste: Das Kino wird heilig­ge­spro­chen, der Rest verachtet. Dabei müsste man heute von Film reden (weil die meisten Filme digital sind) und dann von Abspiel­me­dien. Kino ist das schönste und beste Abspiel­me­dium, aber nicht das einzige. Viele Filme sind gar nicht mehr ausschließ­lich fürs Kino gemacht. Umgekehrt fehlt dem Publikum und Teilen der Film­kritik oft der Sinn für das Spezi­fi­sche des Kinos. Für feine Unter­schiede, für Material und Form.
Meine eigene Erfahrung: Print hat die geringste Wirkung, aber Nach­hal­tig­keit, weil es dem Autor Renommee und Achtung gibt. Radio sollte auch Renommee haben, weil öffent­lich-rechtlich hat aber nur welche in Fach­kreisen, weniger beim breiten Publikum. Es wird aber am besten bezahlt. Internet hat die meiste Nach­hal­tig­keit, weil Texte auch nach Jahren gelesen und gefunden werden, es Reak­tionen auf sie gibt. Bisher aber am wenigsten Geld, daher kanni­ba­li­siert sich das Medium.
Auch Zuschauer schätzen Niveau, können Film­kritik und bloße Publi­kums­mei­nung unter­scheiden. Sie werden erst wirklich merken, was ihnen fehlt, wenn Profi­au­toren aus dem Netz verschwinden, da sie dort zu schlecht bezahlt werden.
Viel­leicht brauchen Film­kri­tiker aber heute auch Netz-Profis, die uns vermarkten, die als eine Art Netz-Agenten fungieren.

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Was ich von neuen Formaten und User­par­ti­zi­pa­ti­ons­mög­lich­keiten halte? »Filmblogs« können alles sein, tolle Film­kritik, und platteste Meinungs­äuße­rung – das kommt drauf an. »Neue Darstel­lungs­formen wie Youtube­kri­tiken (Trailer kombi­niert mit der Einschät­zung eines »Film­ex­perten«)« sind so neu nicht, denn im Fernsehen macht man das schon lang, im Radio nur mit Ton noch länger. Das Problem ist: Was macht die Experten zu Experten? Nicht jeder ist einer. »Waren­test­prin­zi­pien« sind keine Film­kritik. Denn Film als Ware gehört in den Wirt­schafts­teil. Wir schreiben über Film als Kunst. Und »IMDB« ist ein Algo­rithmus. Auch keine Film­kritik. Das alles sind ergän­zende, keine erset­zenden Formate.
Film­kritik distan­ziert sich immer von ihrer gerade klas­si­schen Form und findet neue. Am Ende geht es darum, dass einer ins Kino geht und möglichst inter­es­sant erzählt, was er gesehen hat, was der Film mit ihm macht.

+ + +

Wenn der Mensch unin­ter­es­sant ist, wird seine Kritik nicht inter­es­sant sein.

+ + +

Für wen schreibe ich? Außer für die, die mich bezahlen, für Menschen, die das Kino lieben, vorschnelle Urteile hassen, und darum auch in einem Film­kritik-Text lieber das Umtasten eines Films, dessen Entfal­tung in Textform schätzen, als das eindeu­tige Urteil. Dieses bleibt von guten Texten am wenigsten. Jeder gute Kritiker hat schon schlimm geirrt, was sein Urteil angeht.
Und wenn die Menschen wirklich nicht länger als sechs Minuten lesen wollen, ist das kein Argument, dass ein Text nicht zwölf Minuten brauchen darf. Denn woher weiß ich, dass jemand am Anfang anfängt, dass er den Text nicht über­fliegt?
Ein Text ist ein Angebot, nicht eine Aufgabe, die beflissen gelöst werden muss.

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Grund­sätz­lich gilt:
1. Jedes Publikum hat die Film­kritik, die es verdient.
2. Aber auch umgekehrt: Die Film­kritik hat das Publikum, das sie verdient.
3. Die so genannte »Krise der Film­kritik« ist keine. Sie ist eine Krise der tradi­tio­nellen Medien, hervor­ge­rufen durch die Medi­en­re­vo­lu­tion der Digi­ta­li­sie­rung aller Lebens­ver­hält­nisse.
4. Neue Medien werden eine neue Kunst­kritik erzeugen. Das Prinzip der Kritik werden sie nicht abschaffen. Denn es ist Teil des Mensch­li­chen.

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»Siebzig Milli­meter Ultra Pana­vi­sion! Eine Ansage durchs Format, die bedeuten soll: großes Kino. Zumindest die Erin­ne­rung daran. Ein Werk, das nicht aufs Smart­phone passt. Von einem Filme­ma­cher, der sich seine Visionen nicht schmälern lässt, einem, der mit einer Handvoll anderer, in Liebe zu ihren Erin­ne­rungen ein bisschen wahn­sinnig gewor­dener Kollegen eine Firma, nämlich Kodak, dazu bringt, Rollfilm in dieser Breite (und in einer Länge von 600 Metern für ausführ­liche,
unge­schnit­tene Szenen) herzu­stellen, und eine andere, nämlich Pana­vi­sion, in ihren Kellern graben zu lassen, um die entspre­chenden Objektive zu Tage zu fördern. Was für ein Aufwand! Und dann gibt es kaum mehr Kinos, in denen noch die entspre­chenden Projek­toren stehen. Manchmal ist, wenn die Projek­toren da sind (wie in den Film­mu­seen), die Leinwand zu klein. Was für ein Schla­massel!«
Verena Lueken, FAZ vom 27.01.2016

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»Was soll das Theater?« disku­tierte die »Akademie der Künste« in Berlin über die »Rolle der Bühnen in der Gesell­schaft«. Diese Diskus­sion ist fürs Kino und für uns Kritiker, Kuratoren, Künstler inter­es­sant, weil sie ein Abgrund trennt von der deutschen Filmszene. Sie wäre dort schlicht unmöglich. Und darum zeigt sie uns auf, was fehlt. Denn schon über die »Rolle des Films in der Gesell­schaft« würden wenige unserer Filmleute disku­tieren. Oder darüber was das Kino in Zeiten von Flucht­be­we­gungen und Rechts­ex­tre­mismus, von Terro­rismus und Sicher­heits­terror, von Popu­lismus und Medi­en­ver­sagen zu sagen und zu tun hat.

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Ulrich Matthes, Schau­spieler und Direktor der Sektion Darstel­lende Kunst der Akademie der Künste, bilan­zierte ernüch­ternd seinen eigenen Beruf. Dem Theater geht es noch schlechter als dem Kino: Immer mehr Menschen gehen gar nicht hin. Die Antwort ist »Arti­vismus«, ein künst­le­risch insze­nierter poli­ti­scher Akti­vismus. Das Theater ist ungleich mehr und vor allem viel höher, als das Kino öffent­lich subven­tio­niert. Das genügt aber kaum, um ihm Bedeutung und Legi­ti­ma­tion zu verleihen.
Oder hat staatlich subven­tio­nierte Kunst nicht gerade auch einen poli­ti­schen Auftrag? Das Theater als Hort des deutschen Bildungs­bür­ger­tums kann und muss eine Schicht akti­vieren. Die ganze Gesell­schaft spricht es gar nicht mehr an. Wie ist das mit dem Film? Bildet Film in Kino oder Fernsehen eine Gesell­schaft ab und formt Identität? Will es das? Soll es das?

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Wir sind noma­di­sche Gesell­schaften geworden. Nicht nur Flücht­linge wandern und sind obdachlos, sondern wir alle. Kulturell und geistig. Das ist ein Fort­schritt, aber was bedeutet das für den Ort Kino?

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Burkhard Kosminski, Intendant am Natio­nal­theater Mannheim, berich­tete über die Einbin­dung von Flücht­lings­gruppen in die Insze­nie­rungen seines Theaters. Warum wagt das Kino solche Expe­ri­mente nicht? Warum fühlt das deutsche Kino, die ganze Filmszene keinerlei poli­ti­sche Verpflich­tung, sondern schleift sich rund und puffert sich, aus Angst, anzuecken?
Dabei geht es nicht um große Thesen und Posi­tionen. Was Kunst und Kritik aber heute tun müssen, was ihre poli­ti­sche Funktion in diesem Moment ist, ist einfach, eine selbst­ver­s­tänd­liche, liberale, empa­thi­sche Haltung öffent­lich zu arti­ku­lieren, und damit auszu­drü­cken: Das ist die normale Haltung in dieser Welt.

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Wolfgang Engler, Direktor der Ernst-Busch-Schau­spiel­schule, erzählte von Studenten, die sich immer häufiger weigerten, bestimmte Texte zu sprechen, weil sie ihre poli­ti­schen Empfind­lich­keiten berührten. Seine These:
»Je weniger eine Insti­tu­tion wie das Theater die Kraft hat, gegen den Strom der Zeit zu schwimmen und sich als das Andere zur Wirk­lich­keit hin zu defi­nieren, in desto höherem Grade setzt es sich denselben Wahr­neh­mungen wie das wirkliche Leben aus. Dann wird das Theater unter dem Gesichts­punkt wahr­ge­nommen, ist das politisch in Ordnung – wie eine poli­ti­sche Äußerung. Ist das frau­en­feind­lich, ist das sexis­tisch, ist das so so so und so richtig? Und ich kann nur sagen: Das kotzt mich an.«
Können wir uns vorstellen, hier statt »Theater« das Wort »Kino« einzu­setzen?

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Ist es legitim einen Text aus poli­ti­schen Gründen abzu­lehnen? Ulrich Matthes gab sich zunächst noch selbst­iro­nisch: »Psycho­lo­gi­scher Realismus, boäh, gähn!« Dann aber schil­derte er seine Heran­ge­hens­weise an eine Figur: »Ich muss die Figur zunächst mal vertei­digen.« Aber was heißt das, wenn man im »Untergang« den Goebbels spielt? »Ich hatte irrsin­nige Skrupel, mich mit meinem Körper diesem Massen­mörder zur Verfügung zu stellen.«
Vers­tänd­lich.

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Immer wieder kommt es bei »Cinema Moralia« zu Einsei­tig­keiten. Das ist Programm. Mal geht es eine Weile um die Urhe­ber­rechts­de­batte, mal um die DFFB, und immer wieder sehr viel um Politik. Die 125. Ausgabe – danke liebe Leser für zahl­rei­ches Feedback, danke artechock dafür, dieses großzügige und tolerante Forum zu bieten – ist ein guter Anlass, ein paar Dinge zum Selbst­ver­s­tändnis ein mal wieder öffent­lich klar­zu­ma­chen. Dies nicht als Recht­fer­ti­gung, sondern als Erklärung und auch immer wieder mal fällige Selbst­ver­ge­wis­se­rung, was »Cinema Moralia« eigent­lich sein will. Ich glaube im Übrigen auch bestimmt nicht, dass jede Ausgabe in einem objek­tiven Sinn »gelingt«. Und Feedback aller Art, also auch kriti­sches – je konkreter, desto besser –, und andere Formen der Ausein­an­der­set­zung mit den Inhalten von »Cinema Moralia« sind will­kommen. So wie es manche Leser gibt, die mir zu mindes­tens jeder dritten, vierten Folge eine unter­schied­lich lange Mail schreiben, die ich auch brav beant­worte.

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Was »Cinema Moralia« natürlich schon immer war und von Anfang an auch sein sollte, ist zumindest dreierlei: Ein »Tagebuch«, also etwas sehr persön­li­ches, das diese Subjek­ti­vität in Reinform, unge­fil­tert, also auch in temporären Inter­essen, Ansichten, Einsei­tig­keiten spiegelt; sozusagen meinen geistigen und emotio­nalen Zustand abbildet.
Zweitens eine Reihe, die einen flanie­renden, also offenen, vom Zufall mitbe­stimmten Blick auf die Welt wirft, wie sie sich im und jenseits des Kinos zeigt. Die das Kino also in (s)einen Zusam­men­hang stellt.
Schließ­lich habe ich »Cinema Moralia«, wo es ja selten zu echter Film­kritik kommt, immer vor allem als Medi­en­re­fle­xion etwas allge­mei­nerer Art verstanden, die von Produk­tions- und Rezep­ti­ons­be­din­gungen der Filme (übrigens auch jenseits des Kinos) und von Kunst (also auch jenseits von Film) handelt. Dazu gehört für mich neben dem ästhe­ti­schen, dem ökono­mi­schen und dem film­po­li­ti­schen auch das gesell­schaft­liche Umfeld, in dem Kino statt­findet. Dass Kino politisch und
philo­so­phisch ist, und ich in »Cinema Moralia« immer wieder mit schwan­kendem Erfolg neu versuche, diesen Zusam­men­hang von Kino mit Politik und Philo­so­phie auszu­loten, versteht sich von selbst.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Neropa: NEutrale ROllen PArität für mehr Rollenvielfalt

„Das Beste an einem Film ist sich mit den Figuren identifizieren zu können.”
Geena Davis, US-amerikanische Schauspielerin. GDIGM.

Ein schöner Gedanke! Und bei der Masse an Film- und Fernsehfilmen, die Jahr für Jahr in Deutschland produziert werden, sollte auch für alle etwas dabei sein. Oder etwa nicht?

Die Ausgangslage: Deutlich weniger Frauenfiguren

In Deutschland leben 51 % Frauen und 49 % Männer, im deutschen Fernsehen wird dieses Verhältnis aber nicht annähernd gespiegelt.
Abbildung 1 zeigt die Hauptcasts von je drei ARD und ZDF Sendereihen (erstausgestrahlte Filme, 20.15 Uhr) aus dem Jahr 2015:

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Das sind die Durchschnittswerte für jeweils 31 – 40 Filme. Eine generelle Männerlastigkeit ist evident, einzig in der Herzkinoreihe gibt es eine fast ausgeglichene Verteilung: 49 zu 51. Reicht das als Gegengewicht zu den männerstrotzenden Krimis?

Männerdominierte Casts sind kein neues Phänomen, siehe dazu auch FilmMittwoch im Ersten: „Nur Fiktion”? und Zweimal werden wir noch wach.

Die folgende Abbildung zeigt alle Filme der sechs 2015er Reihen, in deren Hauptcasts ein Geschlecht mindestens doppelt so häufig vorkommt wie das andere:

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Mehr als ein Viertel der 208 Filme hatten mindestens doppelt so viele Männer- wie Frauenrollen im Hauptcast, davon 18 zwischen drei und sechsmal so viele. An der Spitze stehen DIE SEELEN IM FEUER (ZDF, 1 F – 11 M) und NACKT UNTER WÖLFEN (0 F – 15 M).
Insgesamt gab es aber nur vier Filme, die ein 2 bis 3-faches Frauenübergewicht hatten, darunter findet sich jedoch kein Herzkinofilm, es scheint also möglich zu sein, ein Geschlecht schwerpunktmäßig ins Zentrum zu stellen ohne das andere außen vor zu lassen, – im Gegenteil, für diesen Sendeplatz weist die Analyse 5 männerlastige Filme aus.

Selbstverständlich spricht nichts gegen Filme, die Geschichten mit einem großen Männerrollenübergewicht erzählen oder gegen Filme, die nur von Männern handeln. Nur, wo bleibt der Ausgleich? Weiterlesen

1000 Frauen- gegenüber 1400 Männerrollen sind alarmierend. Und das sind nur die Hauptcasts, dazu kommen noch die kleinen, nicht im Abspann genannten Rollen, die – oft namenlos – häufig als Männer im Drehbuch stehen (Busfahrer, Nachbar, Gerichtsvollzieher usw). Und es wurden außerdem nur 6 Filmgruppen untersucht, es gibt ja noch weitere Sendeplätze für Fernsehfilme und andere fiktionale Formate. Wenn wir also die kompletten Casts betrachten und das gesamte Programm von ARD und ZDF – inklusive der zahllosen (Krimi-)Wiederholungen, auch auf den Dritten Programmen und den ZDF-Nebenkanälen – dann können wir davon ausgehen, dass jedes Jahr ein Übergewicht von mehreren Tausend fiktionalen Männerfiguren über das öffentlich-rechtliche Fernsehen in die heimischen Wohnzimmer gestrahlt wird.
Als zweite Bevorzugung von Männern ist die Altersdiskriminierung von Frauen zu sehen. Die nächste Grafik zeigt die Altersverteilung der im Hauptcast besetzten Schauspielerinnen und Schauspielern für die 32 erstausgestrahlten ARD Mittwochsfilme 2014:

SchspIN_Neropa_4

Ein ähnliches Bild lieferten die Tatorte 2013 und die ZDF Fernsehfilme der Woche 2013, auch dort waren die Schauspielerinnen im Hauptcast deutlich jünger als ihre Kollegen, ihr Zenit war mit 40 überschritten, der der Schauspieler erst bei 50 bzw. 55.
Zum Vergleich: in Deutschland lebten am 31.12.2014 insgesamt 41,4 Mio. Frauen und 39,8 Männer. Die stärksten Gruppen sind die 46 bis 50- und die 51 bis 55-Jährigen, bei beiden Geschlechtern.

Zwischenfazit

Es ist nicht Aufgabe des Fernsehens, in den Besetzungslisten oder Filmstoffen ein 1 zu 1-Abbild der Bevölkerung zu liefern.
Allerdings, wenn die Hälfte der Bevölkerung immer wieder wesentlich seltener und meist jünger vorkommt als die andere Hälfte ist das auch nicht mit dem Auftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens vereinbar.
Weniger Frauen bedeuten weniger potenzielle Identifikationsfiguren, weniger berufliche Vielfalt bedeutet weniger Vorbilder und Anregungen für Mädchen und junge Frauen in ihrer Berufswahl, die Geschichten werden einseitig und ärmer (ich nenne das Männer reden, Frauen hören zu – Männer agieren, Frauen sehen schön aus).
Diese ungünstige künstliche Realität wird natürlich nicht nur über die fiktionalen Formate verbreitet, auch Talkshows mit ihren Panels, Dokumentarfilme und die Sportberichterstattung zeigen eine ähnliche bis teilweise noch stärkere Männerzentriertheit.
Darüberhinaus muss auch über Filminhalte und Geschlechterstereotype gesprochen werden. Aber jetzt geht es darum, die Repräsentanz von Frauen im fiktionalen Fernsehen zu erhöhen, und zwar schnell, unkompliziert, ohne großen Aufwand und ohne grundsätzliche Veränderung der Plots – denn dann wird es am ehesten gemacht.
Das Ergebnis kann zu ungewohnten Seherfahrungen führen („Nanu, seit neuestem gibt es ja ständig Frauen in den Filmen!“), es kann spannende oder zumindest interessante Auswirkungen auf die Dynamik zwischen Figuren haben, und vor alllem liefert es dem gesamten Publikum ein wesentlich vielschichtigeres Frauenbild als es einzelne Protagonistinnen in einem männerlastigen Cast vermögen. Frauen werden neue, normale Berufe haben bzw. über eine Tätigkeit definiert (Hausmeisterin, die wartende Frau an der Bushaltestelle) und nicht mehr nur über ihre Beziehung zu einer anderen Figur (Ehefrau, Mutter, Geliebte, Tochter).

Mein Vorschlag: Neropa – Neutralerollenparität

Neropa ist ein Besetzungstool beziehungsweise eine Vorgehensmethode, auf die eine Produktion sich zu Beginn festlegt. So geht es weiter:

1. Die Verantwortlichkeit für die Durchführung von Neropa wird einem Team übertragen, bestehend z.B. aus Caster/in, Regisseur/in, Produzent/in und Redakteur/in.

2. Vor dem ersten Teamtreffen überprüft jede/r für sich die Rollenliste des Films, und markiert, welche Rollen im Drehbuch männlich und welche weiblich sind – ohne etwas zu ändern, d.h. Journalist 1 ist männlich, denn er heißt nicht Journalistin 1, ebenso ist Dr. Meier, Biologe als männlich zu kennzeichnen.

3. Im zweiten Schritt werden alle Rollen, die jedes Geschlecht haben könnten, als neutral gekennzeichnet. Auch das machen alle aus dem Team einzeln für sich.
4. Das erste Teamtreffen: Die Verantwortlichen vergleichen ,ihre’ Listen und einigen sich auf die Neutralen Figuren.

5. Diese werden nun im Wechsel als Frauen bzw. Männer festgelegt, begonnen wird mit einer weiblichen Figur.

6. Fertig! Die endgültige Rollenliste steht, die Besetzungsarbeit kann beginnen.

Die nächste Abbildung erläutert dies an einem fiktiven Beispiel: Die linke und die mittlere Liste zeigen die Vorarbeit, und die rechte Liste das Ergebnis der Teameinigung: die beiden Spalten geben die endgültigen Rollengender wieder.
in der Liste sind weibliche Rollen hellblau und männliche rosa gekennzeichnet, die neutralen Rollen hellgrün. Dunkelgrün sind die größeren Rollen, für die ein Rollentausch vorgeschlagen wird.

SchspIN_Neropa_5

Neropa kann auch angewandt werden, wenn zu Beginn die Besetzung der Hauptrollen bereits feststeht. Sie macht auch Sinn, wenn nur 4 oder 5 ,neutrale Rollen’ ermittelt werden, die vorher männlich waren.
Bei Neropa, bei der Ausweisung der ,neutralen’ Rollen geht es um das Durchbrechen geschlossener Systeme, um die Schaffung von mehr Frauenfiguren, denn diese sind seit Jahren und vermutlich Jahrzehnten unterrepräsentiert. Deshalb können im Drehbuch bereits vorhandene Frauenrollen nicht als ,neutral’ gekennzeichnet werden.

Die Neropa-Methode spart viel Zeit, denn wenn die Verantwortlichen sich auf die neutralen Rollen geeinigt haben gibt es keine weiteren Diskussionen. Es steht nun fest, dass jede Rolle sowohl weiblich als auch männlich besetzt werden kann, und das sture F – M – F – M – Prinzip wird angewendet, was auch gleichzeitig bedeutet, dass bei einer ungerade Zahl neutraler Rollen (ob 3 oder 13) auf jeden Fall mehr weibliche Rollen geschaffen werden.

Je mehr Produktionen mitmachen, umso deutlicher wird sich das Fernsehbild ändern. Frauen werden vielseitiger vorkommen, sie werden häufiger einen Beruf haben und der prozentuale Anteil von Nur-Ehefrauen / Nur-Müttern, von halbbekleideten Mädchen und Frauen, von Prostituierten und Gewaltopfern wird zurückgehen. Vermutlich werden die Frauen auf dem Bildschirm auch älter.

Natürlich gibt es auch namenlose Rollen, die ein bestimmtes Geschlecht haben müssen, z.B. die Bettnachbarin auf der Wöchnerinnenstation, die Teilnehmer einer Bischofskonferenz oder beim Männergebet in einer Moschee, der Kabinennachbar in einer Samenbank, die beste Freundin, der Trauzeuge, den der Bräutigam schon seit Jungeninternatstagen kennt, der Bergmann unter Tage oder die Teilnehmer*innen an einem Sportwettbewerb…. Aber wenn diese Methode erst einmal ernsthaft und offen angewendet wird lässt sich bestimmt feststellen, dass es wesentlich mehr Rollen gibt, die genauso gut eine Frau sein könnten, als dies bisher bei Drehbuchbesprechungen aufkam. Da ist es ja meist auf die Initiative einer Casterin oder eines Casters zurückzuführen, wenn der berühmte Taxifahrer zu einer Taxifahrerin umgeschrieben wird.

Der erste Schritt ist also, die vielen kleinen neutralen Rollen paritätisch zu besetzen. Der zweite Schritt ist, auch über die größeren Rollen zu sprechen. Da gibt es ja seit vielen Jahrzehnten erfolgreiche Rollenwechsel-Vorbilder (siehe auch Berliner Theatertreffen 2015. Und Rollentausch). An dieser Stelle zwei potenzielle Beispiele der Gegenwart:

1. der Wiesbaden-Tatort WER BIN ICH? mit Ulrich Tukur vom 27.12.2015, in dessen Vorspann 9 Männer und 2 Frauen genannt wurden. Hier war das Geschlecht vieler Hauptrollen vorgegeben, da es reale Personen bzw. etablierte Krimifiguren waren. Aber was hätte eigentlich dagegen gesprochen, die beiden Polizisten Kugler und Kern zu Polizistinnen zu machen? Es hätte auch dramaturgisch reizvoll sein können, den drei Kommissar-Buddies zwei Ermittlerinnen gegenüberzustellen.

2. Die Serie WEISSENSEE. Mit welchen Figuren hätte sich Geena Davis da identifizieren können? Im Zentrum stehen zwei Brüder und deren Vater, ihre Kolleg*innen sind Männer. Drei der wichtigeren Frauen waren Alkoholikerinnen (Dunja, Vera und Nicole), die kränkelnde Mutter Marlene ist meist still im Hintergrund und Underdog Julia lange im Knast bevor sie jung stirbt. Erst in der letzten Staffel kam eine stärkere, autonome Frauenfigur dazu, die westdeutsche Lisa. Wie hätte die Serie ausgesehen, wenn es nicht um zwei Brüder sondern um Bruder und Schwester gegangen wäre? Und / oder wenn deren Mutter Marlene eine anfangs überzeugte ranghohe Stasimitarbeiterin gewesen wäre, und nicht der Vater?

Aber zurück zum Anfang, dem Neropa-Check der kleineren Rollen. Das geht auch schneller und verursacht weniger Diskussionen. Ich sage nicht „keine Diskussionen“, denn es wird Besetzungsneuland betreten, wenn regelmäßig und grundlegend das Geschlecht der Rollen, aller Rollen!, in einem Drehbuch thematisiert wird, wenn auch nur kurz.

Eine Auseinandersetzung mit dem Rollenungleichgewicht könnte auch in Drehbuchklassen der Filmhochschulen stattfinden, ebenso kann Neropa unmittelbar nach Abschluss eines Buches angewendet werden, sinnvollerweise in einem Team aus mehreren Leuten. Denkbar wäre auch, dass Drehbuchsoftware einen statistischen Gendercheck für Rollen enthält, große Ungleichgewichte sind vielleicht auch Nachlässigkeit und keine bewusste Entscheidung? (das wäre z.B. ein gutes Feature für das Programm DramaQueen).

Einschätzung

„Ich glaube NEROPA würde ein hervorragendes Hilfsinstrument für die Verbesserung der Geschlechterverteilung bei Film- und Fernsehbesetzungen sein. Es hat das Potenzial, besonders auch die Chancen für ältere Schauspielerinnen zu verbessern, deren Karrieren sich wenn sie älter werden aufgrund des zurückgehenden Rollenangebots ausnahmslos verschlechtern.
Im Vereinigten Königreich treten seit vielen Jahren Schauspielerinnen wie Emma Thompson für ein “gender blind casting“ ein, aber die Situation verbessert sich nur sehr langsam. Allerdings, wenn wir Produzent*innen und Sender überreden können, diesen guten methodischen Vorschlag als Norm anzuwenden, dann bin ich überzeugt, dass wir eine spannende Verbesserung beobachten werden. Viel Glück!“
Jean Rogers, Schauspielerin.

Jean ist seit über 20 Jahren gewähltes Ratsmitglied von EQUITY UK; 2004-2014 war sie Vizepräsidentin. Aktuell ist sie Mitglied im Equity und im TUC Women’s Committee und der Gender Equality Steering Group der Internationalen Schauspielföderation FIA.

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Dieser Artikel ist die Kurzfassung eines Textes, der im Blog SchspIN unter dem Titel „Das Besetzungstool Neropa“ erschienen ist.

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Cinema Moralia – Folge 124: Das Panik-Orchester

The Revenant starring Leonardo DiCaprio as explorer Hugh Glass who, after a brutal bear attack, is left for dead by his own party. – © 20th Century Fox

Die Medi­en­ma­schine des Terrors – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 124. Folge

»Dass es so bleibt, ist die Kata­strophe.« – Walter Benjamin

»Die Bezeich­nung ‘Isla­mo­phobie’ hätte ohne die oft schwach­sin­nige Kompli­zen­schaft der Medien nicht diesen aber­wit­zigen Erfolg. (…) Der Islam, den die Medien ihren Konsu­menten aufti­schen, kommt notwen­di­ger­weise radikal und voll­bärtig daher. Tatsäch­lich ist das, was die großen Medien als Infor­ma­tion über den Islam ausgeben, häufig eine Karikatur. (…) Kurz gesagt, der Jour­na­list trägt dazu bei, ein Problem aufzu­bau­schen, um dann anschließend so zu tun, als wundere er sich über die Existenz und das Fort­be­stehen dieses Problems.« – CHARB, »Brief an die Heuchler – und wie sie den Rassisten in die Hände spielen«, Paris 2015 (Stuttgart 2015)
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Fragen des Jahres: Wer ist eigent­lich »wir«? Was heißt »das«? Und was meint sie mit »schaffen«?
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»So grandios, dass dieje­nigen, die sie fertig sehen, uns für wahn­sinnig halten.« So schrieb Ferdinand III. von Kastilien im Jahr 1248 in seinem Beschluss zum Bau der Kathe­drale von Sevilla. So wurde die dritt­größte Kathe­drale nach dem Petersdom und St. Pauls in nur 70 Jahren gebaut.
So muss man heran­gehen, an Kunst, an Politik, an Film. Wahn­sinnig! Wir brauchen mehr Wahnsinn!
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»Geheim­dienst warnte vor Anschlag« – auch so eine Dumm­beu­tel­schlag­zeile, die heute wieder zu lesen war und die nach jedem Anschlag mittlerer Größe hoch­ploppt. So auch heute. Irgendein Geheim­dienst hat immer irgend­etwas vorher gewusst, zumindest nach Ansicht irgend­wel­cher Medien.
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Das einzig Gute an dem Attentat von Istanbul und am Tod David Bowies in dieser Woche war die Stille danach: Für einen halben Tag war mal Ruhe mit Köln, Sylvester und den Frauen. Dann schwoll das Rauschen wieder an. Der CDU-Gene­ral­se­kretär, dessen Namen man auch nach über zwei Jahren im Amt einfach nicht kennt und der es deswegen besonders nötig hat, forderte »tausend Abschie­bungen am Tag«.
Das Schlimme daran ist nicht, dass Peter Tauber das gesagt hat. Zumindest ich erwarte nach wie vor nichts Besseres von einem Gene­ral­se­kretär der CDU, als dass er den Rechts­po­pu­listen hinter­her­läuft. Das Schlimme ist, dass davon berichtet, es nach­druckt, gesendet und damit ernst genommen wird. Das Schlimme ist die Energie, die damit draufgeht, von Jour­na­listen und in den Redak­tionen, der Platz in Zeitungen, die Sende­mi­nuten in Radio und Fernsehen, die anderem fehlen, das es mehr verdient hätte. Das Schlimme ist die Verkom­men­heit und der Dilet­tan­tismus von Medien, die von der »Vierten Gewalt« zu Sound­ver­s­tär­kern verkommen sind.
»Tausend Abschie­bungen pro Tag« – wieviel Selbst­ver­ach­tung muss ein Politiker haben, bevor er so etwas öffent­lich von sich gibt? Aber wieviel Selbst­ver­ach­tung brauchen erst Jour­na­listen und ihre Medien, um den Stuss noch zu beachten? Weiterlesen

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»Das Zurück­wei­chen vor einer verschwin­dend geringen Minder­heit, die nur sich selbst vertritt, zeigt ihre Macht. Die Radikalen entmün­digen den Islam und jeder meint, sie hätten Recht. Der Islam besteht also nicht mehr aus Millionen von Gläubigen, die niemandem auf den Wecker gehen, ob sie nun ihre Religion prak­ti­zieren oder nicht, sondern er besteht aus einer Handvoll laut­starker Hetzer. Schuld daran sind nicht die Muslime, sondern die bürger­li­chen Dummköpfe, die sich verkrie­chen, weil ihnen die Vorstel­lung, die sie sich von den Muslimen machen, Angst einflößt.
(…) Bedeu­tende Intel­lek­tu­elle voller Angst, alte Moral­apostel und schwach­sin­nige Jour­na­listen fragen sich allen Ernstes, ob die Veröf­fent­li­chung der Kari­ka­turen Mohammeds ‘im gegen­wär­tigen Kontext’ ange­bracht war. (…) Die Selbst­zensur ist auf dem Weg, zu einer hohen Kunst zu werden.« – CHARB, »Brief an die Heuchler«

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Die Golden Globes sind die ersten großen Film­preise eines neuen Filmjahrs. Alljähr­lich im Januar vergibt die »Hollywood Foreign Press Asso­cia­tion«, also die Verei­ni­gung der in Hollywood ansäs­sigen Auslands­film­presse, seit 1944 diese Preise in nicht weniger als 26 Kate­go­rien. Die Golden Globes werden auch deshalb mit Spannung erwartet, weil sie immer auch als Oscar-Barometer gelten.
Das Sympa­thi­sche am Golden Globe ist, dass die Preise von einer über­schau­baren Gruppe von unab­hän­gigen Fach­leuten vergeben wird, von inter­na­tio­nalen Film­kri­tiker. Dass es Preise für Komödien gibt und welche fürs Fernsehen.

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Zum Wesen des wahren Aben­teuers gehört, dass es so ziemlich das Gegenteil eines Aben­teu­er­ur­laubs ist. Kein Thermomix, kein Schlaf­sack im »Black Canyon«- oder »Mumien«-Schnitt, auch kein Hage­but­tentee hilft hier der Haupt­figur des Films beim Überleben, noch nicht einmal jene Bären­tatzen, die in der Erin­ne­rung eines jeden Karl-May-Lesers in den Büchern des säch­si­schen Phan­tasten als Leib­ge­richt vom Sam Hawkins verklärt wurden, gibt es hier – jeden­falls nicht als
Abend­mahl­zeit, eher schon in die Fr… Es ist arschkalt und nahrungsarm im Herbst von South Dakota.

Das tiefere Thema von The Revenant, von dem hier die Rede ist, ist hinter­gründig sehr aktuell: Es gibt um einen Über­le­bens­kampf. Es geht darum, warum Menschen zu töten bereit sind, und wofür sie das Sterben riskieren. Es geht um die Frage, was eigent­lich war, bevor die Zivi­li­sa­tion kam. Und was ist eigent­lich, wenn sie ausein­an­der­fällt?
Iñárritus Antwort scheint klar: Es waren Rache, Hass und Gewalt, Furcht und Eigennutz. Der Film zeigt eine sinnlose Welt, eine Welt als barba­ri­sches Inferno aus Dreck und Amoral, menschen­feind­li­cher Natur und Menschen, die einander selbst zum wilden Tier werden. Warum sieht man sich das an?
Der Film macht sich wichtig damit, die primi­tiven Wurzeln der Ameri­kaner zu zeigen, und ein »kriti­scher Western« zu sein. Das kann man so sehen. Es stimmt zwar, dass sich Iñárritu mit seiner Geschichte auf das Terrain großer Klassiker begibt: Irgendwo zwischen John Fords The Searchers und Man in the Wilder­ness, zwischen Spiel mir das Lied vom Tod und Little Big Man liegt auch dieser Film. Und Western, das war schon immer und gerade auch in diesen Spät­wes­tern die Sehnsucht nach Vorges­tern, nach den Wonnen der Einfach­heit, des Barba­ri­schen, der klaren Regeln und einfachen Gefühle. Western ist Reduktion von Komple­xität.
Gut möglich also, dass The Revenant, der von der Rückkehr zu solchen einfachen Wahr­heiten handelt, von der Sehnsucht nach dem Archai­schem, nach Primi­ti­vität, nach der Natur und dem Sieg der Natur über die Zivi­li­sa­tion, vor allem ein Indiz dafür ist, dass unsere Epoche in ihrem Unter­be­wusst­sein diese Sehnsucht teilt.

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»Verkommen sind sie alle«, sagt der 70-jährige Herr mit den langen weißen Haaren am Neben­tisch, Axel Walter, Mitglied der Berliner Akademie der Künste. »Die Entpo­li­ti­sie­rung der Künste hat eine Dimension erreicht… Das rechte Zeug ist in der Mitte ange­kommen.« »Ich will sie hier nicht haben« sagt seine Gesprächs­part­nerin – während ich das hier schreibe.
Lügen­presse? Nein, das zwar nicht. Noch nicht. Aber Dumm­presse? Schon lange. Wie ernst soll man Medien eigent­lich nehmen, die so etwas ernst nehmen? Die es nicht entweder kalt igno­rieren, oder kühl konternd in einen Zusam­men­hang stellen. Also anmerken, dass diese Zahl ernst­ge­nommen auf 365.000 Abschie­bungen pro Jahr hinaus­liefe. 2014 wurden gerade 10.000 Menschen abge­schoben.

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Die erste Frage ist bereits die, ob man auf das Phänomen der Lügen­presse-Vorwürfe überhaupt reagieren muss? Eigent­lich nicht. Aber wohl schon, denn diese Vorwürfe gegen die Medien sind eines der belieb­testen Medien-Themen des vergan­genen Jahres.
So münzen die Medien das für sie ungüns­tige Phänomen des de facto schwin­denden Vertrauen großer Teile des klassisch-bürger­li­chen Publikums in die Bericht­erstat­tung der Qualitäts­me­dien.

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Über 200 Algerier wurden 1962 in Paris von der Polizei totge­schlagen und in die Seine gekippt. War das die europäi­sche Kultur? Oder die christ­liche?

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Wer wie ich seit bald 20 Jahren die Entwick­lung von Fernsehen, Print und Hörfunk beob­achtet und die Verän­de­rungen, die die Digi­ta­li­sie­rung mit sich bringt, der hat schon drei Medi­en­krisen erlebt. Die letzte, die 2008 begann, dauert noch an. Die Pres­se­kon­zen­tra­tion nimmt zu, die Meinungs­viel­falt nimmt ab. Man erlebt den Stel­len­abbau in den Redak­tionen bei gleich­zei­tiger Arbeits­ver­dich­tung. Statt Recherche gibt es einen Trend zum Herden­jour­na­lismus. Gerade jetzt
wieder sind extreme Einsei­tig­keiten und durch Vorur­teile beein­flusste, blind gewordene Bericht­erstat­tung zu konsta­tieren.

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»Wir haben in der Sozi­al­for­schung inter­es­sante Studien, gute Studien, die sagen: Diese Akade­miker, die zum Teil aus mittel­inken Eltern­häu­sern der 68er herkommen und jetzt plötzlich in Wohl­stands­be­rufe des wissen­schaft­li­chen, des kultu­rellen Sektors hinein­wachsen, wie zum Beispiel die Jour­na­listen. Die haben eine sehr starke, neue, besitz­bür­ger­liche, besitz­stands­wah­rende, aufstiegs­ori­en­tierte Menta­lität, eine große Verach­tung gegenüber allem was links, oder mittel­inks ist. Das langweilt die, das ödet die an. Und deswegen kann man sagen, dass syste­ma­tisch eigent­lich die mittel­inken Themen – Ungleich­heit, Wirt­schafts­macht, Ausge­grenzt­sein – aus den Medien raus ist, aus deren Weltbild. Nur ab und zu kommt so ein Hype – da gibt’s dann mal im Feuil­leton so eine Kapi­ta­lis­mus­de­batte, die bleibt aber kulturell. Aber im normalen Weltbild kommen eben Sozi­al­leis­tungen, worauf die Bürger einen Rechts­an­spruch haben, als soziale ‘Wohltaten’ in dieser Sprache rüber. Da wird eine bestimmte Sicht der Welt verbreitet, die eigent­lich sehr besitz­bür­ger­lich geprägt ist.« – Thomas Meyer, emeri­tierter Poli­tik­pro­fessor und Mitglied der Grund­wer­te­kom­mis­sion der SPD.

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Die Medien sagen dann, man dürfe den Leser nicht unter­schätzen. Echt? Die Deutschen kümmern sich um kalo­ri­en­armes Esssen, um korrekte Glüh­birnen, Müll­tren­nung und Rauch­verbot, aber nicht um Menschen­rechte außer den eigenen, und nicht um ihre Neonazis. Nur 5,3 Millionen Menschen in Deutsch­land bezeichnen sich als Vege­ta­rier oder als »Menschen, die wenig Fleisch essen«, etwa 2 Millionen davon leben in Berlin. Aber 47 % der ZEIT Leser behaupten (Ausgabe vom 17.12.15), man dürfe Tiere nicht essen. 37 % meinten auch, das Regen­würmer ein Bewusst­sein haben. Sogar 77 % der gleichen Gruppe behauptet allen Ernstes, das Mäuse ein Ich-Bewußt­sein hätten. Zugegeben: Es handelt sich um frei­wil­lige Teil­nehmer an einer ZEIT-online-Umfrage, also primär verren­tete Akade­miker mit viel zu viel Zeit.

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Die an der Realität vorbei­schram­menden neuen Trans­pa­renz­ge­setze der Sender und Medien sind auch nur ein weiteres Mittel der Selbst­ab­schaf­fung des Jour­na­lismus. Der Trans­pa­renz­wahn stärkt nicht die Unab­hän­gig­keit sondern die Abhän­gig­keit vom Sender oder Verlag und von der Gunst irgend­wel­cher Redak­teure.

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Geheime Träume für 2016: Dass die Engländer wirklich endlich aus der EU austreten. Dass Polen und Ungarn und Tschechen mitmachen. Dass Mossad oder Russen nicht nur Hamas-Führer, sondern vor allem den Moslem­bruder im Präsi­den­ten­pa­last von Ankara ausschalten.

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Vorsicht: Miss­trauen ist geboten, wenn ausge­rechnet der »Bund der deutschen Industrie« die Flücht­linge begrüßt. Ausbeuten und downsizen der Alten? Das ist hier die Frage.

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Das Blog-Projekt der FAZ über Flücht­linge heißt »Hier. Und jetzt?«

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Die FAZ, unter anderem Kader­schmiede für AfD-Politiker – Alexander Gauland, Konrad Adam, aber auch Karl Feldmeyer sind lang­jäh­rige FAZ-Autoren bzw. Redak­teure – hat neuer­dings pro Ausgabe hat die FAZ neuer­dings auch einen Pegida-Panik-Artikel im Blatt. Da heißt es dann zum Beispiel: »Dänemark macht die Grenze zu Deutsch­land dicht«, wenn die Dänen de facto nur Grenz­kon­trollen einge­führt haben. Derweil wird Erdogan das neue Vorbild für Europa, nach dem Motto: Wenn die Türken nicht der EU beitreten dürfen, dann tritt Europa halt der Türkei bei.

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Der FFF Bayern hat seine Richt­li­nien erneuert. Mit rund 32 Mio. unter­s­tützte der FFF neue Projekte. 16,7 Mio. Zuschauer sahen FFF-geför­derte Filme im Kino. Fünf geför­derte Filme wurden Besu­cher­mil­lionäre. Aber was für Filme: Fack ju Göhte 2 war mit 7,6 Mio. Besuchern sogar der erfolg­reichste deutsche Film des Jahr­zehnts. Die Komödie Der Nanny sahen 1,7 Mio., Ostwind 2 1,2 Mio. und Fünf Freunde 4 1,03 Mio. Besucher im Kino.
Neue europäi­sche Regu­la­rien haben eine Verän­de­rung der FFF-Förder­richt­li­nien notwendig gemacht. Gleich­zeitig wurden diese inhalt­lich fort­ent­wi­ckelt. Mit den am 1. Juli 2015 in Kraft getre­tenen neuen Richt­li­nien können beim FFF auch Produ­zenten Anträge auf Dreh­buch­för­de­rung einrei­chen und Treat­ments für doku­men­ta­ri­sche Kinofilme unter­s­tützt werden. Einge­führt wurden das Slate-Funding im Bereich Projekt­ent­wick­lungs­för­de­rung und die Unter­s­tüt­zung trans­me­dialer und inno­va­tiver digitaler Erzähl­formen. Die neue Höchst­för­der­summe für die Herstel­lung von Kino­filmen beträgt 2 Mio. Euro, für die Herstel­lung von Fern­seh­filmen 600.000 Euro, für das Slate-Funding 150.000 Euro, für die Entwick­lung von Dreh­büchern 30.000 Euro.

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»Es gibt keinen athe­is­ti­schen Terro­rismus im 21. Jahr­hun­dert. Atheisten werden fast überall in der Welt verfolgt, aber keiner zerstört die Kunst­werke, die Gläubige zu Ehren Gottes geschaffen haben. Mehr noch: Diese dummen Atheisten sind oft sogar die ersten, die den Schutz der reli­giösen Stätten vor frommen Barbaren verlangen. … Also los: Nur Mut! wagt es einfach über die zu lachen, die ihr für eure Feinde haltet.« – CHARB

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»Einfach weg aus Deutsch­land!« Das müsse man den jungen Leuten raten. Mittwoch Abend, in der S-Bahn zwischen Potsdam und Berlin. Vier ältere Herr­schaften, offen­sicht­lich gut vernetzte Wissen­schaftler unter­halten sich über Verfalls­er­schei­nungen an den Univer­sitäten. Jüngere Wissen­schaftler, so ist der Tenor, hätten keine Chance, überall sei es besser, als hier, man könne jüngeren Kollegen nur raten, ins Ausland zu gehen. »Und es war eine SPD-Minis­terin, die die Gesetze verändert hat.« Als ob die SPD noch trösten könnte.
Es geht darum, dass Univer­sitäts­leiter wie ein Kauf­haus­di­rektor agieren, dass an Univer­sitäten schon Vereine gegründet werden, um vernünf­tige Entschei­dungen durch­zu­setzen, wenn die Univer­sitäts­ver­wal­tung zu viel Ärger macht, und Leute einzu­stellen, wenn es gerade Einstel­lungs­stops gibt. »Es ist doch unwürdig, dass man so tricksen muss, dass man legale Wege finden muss, um das Gesetz zu umgehen.«
Klingt wie deutsche
Film­fi­nan­zie­rung. Es ist kein Trost, dass es in anderen Kultur­be­rei­chen nicht besser ist als beim Film.

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Eine lustige Web-Site heißt »Ist der BER schon fertig?«. Die ist nicht nur für Berliner und Tegel-Fans attraktiv, sie illus­triert auch trefflich einen neuen deutschen Trend: Das Scheitern der Ankün­di­gungen.

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»Lieber stehend sterben, als auf Knien leben!« – CHARB

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Schein oder wirklich? Die Selbständigkeit der Kreativ-Departments in der unabhängigen Filmproduktion

„Steenbeck flatbed 16mm ST 921 (6498659541)“ von DRs Kulturarvsprojekt from Copenhagen, Danmark – Steenbeck flatbed 16mm ST 921Uploaded by palnatoke. Lizenziert unter CC BY-SA 2.0 über Wikimedia Commons

Zur Klärung dieses mittlerweile bei vielen Selbständigen vergällten Themas des eigenen „Status“ und zur sozialen Absicherung derjenigen, die – zur Einsparung von Sozialabgaben in eine Selbständigkeit gedrängt werden, obwohl sie abhängig Beschäftige sind – dafür gibt es das Statusfeststellungsverfahren.

Fast jeden freien Editor, oft seit den 90er-Jahren selbständig – als noch der Befreiungsschein von der Rentenversicherungspflicht durch die damalige BfA (heute Deutsche Rentenversicherung Bund) die Selbständigkeit bestätigte, insbesondere Kameraleute, die auf Rechnung arbeiten, aber auch Maskenbildner und zunehmend alle weiteren kreativen Departments trifft es.
Aus Angst vor den Betriebsprüfungen der Rentenversicherungsträger tendieren immer mehr Produktionen dazu, die Durchführung des Statusfeststellungsverfahren von Rechnungsstellern zu verlangen. Leider geht es (teilweise regional) so weit, dass unabhängige Produktionsfirmen von vornherein grundsätzlich nur noch befristete Anstellungen für Rechnungssteller anbieten. Diese Entwicklung kann jedoch nicht die Lösung sein, denn sie geht allein zu Lasten derjenigen, die sich aus Überzeugung für eine selbständige Tätigkeit als Film- und Kulturschaffender auf dem freien Markt entschieden haben. Für den Nachwuchs kann das künftig bedeuten, dass es keine Selbständigkeit mehr als Editor, Kamerafrau/-mann, Masken- , Kostüm- oder auch Szenenbildner geben wird. Ob das gut oder schlecht ist hängt wiederum von entsprechenden (derzeit nicht branchengerechten) Regelungen im Sozialgesetzbuch ab, die alle nicht-„schöpferischen“, weisungsgebundenen Filmschaffende nur zu gut kennen und Arbeitslosen- und ggf. gesetzliche Rentenansprüche trotz unsteter, befristeter Beschäftigung regeln.
Langfristig können hier nur entsprechend sachgerechte Vereinbarungen der Spitzenverbände Lösungen bringen – mittelfristig kann jedoch nur durch eine gefestigte Rechtsprechung mehr Rechtssicherheit erlangt werden, die Einfluss auf entsprechende politische Entscheidungen haben kann – und die gibt es bisher leider nur vereinzelt und scheint (beiderseits) vermieden zu werden.

Was ist das Statusfeststellungsverfahren?
Durch das Gesetz zur Förderung der Selbständigkeit hat der Gesetzgeber in § 7a SGB IV das sogenannte Anfrage- oder auch Statusfeststellungsverfahren eingeführt. Das Verfahren dient der Klärung des sozialversicherungsrechtlichen Status oder anders, ob eine Versicherungspflicht in den einzelnen Zweigen der Sozialversicherung (Kranken-, Renten-, Arbeitslosen- und Pflegeversicherung) besteht.
Die Richtigkeit der Beitragszahlungen und der Meldepflichten – auch zur Künstlersozialabgabe wird bei den Arbeitgebern im Rahmen der Betriebsprüfung nach § 28p SGB IV mindestens alle vier Jahre überprüft.
Das gesetzgeberische Anliegen zur Einführung des Antragsverfahrens war vor allem die Verhinderung der „Scheinselbständigkeit“. Mittlerweile scheint es allerdings auch der Bekämpfung von Selbständigkeit innerhalb des Filmsektors zu dienen. Hier kämpfen nämlich nicht mehr nur scheinselbständige freie Mitarbeiter um ihre soziale Absicherung, sondern die DRV auch um die Beiträge von seit Jahren Selbständigen. Weiterlesen

Für die betroffenen selbständigen Filmschaffenden ist das zunehmende Drängen in eine abhängige Beschäftigung und die Zahlung der entsprechende Beiträge in die Arbeitslosen- und Rentenversicherung „verbranntes“ Geld, denn es bestehen oft bereits seit Jahren private Modelle zur Altersvorsorge. Zur Überbrückung von Zeiten mit schlechter Auftragslage fehlen dann die für den Arbeitslosenanspruch notwendigen Tage.
Das eigentliche Ziel, nämlich eine schnelle und unkomplizierte Klärung der Statusfrage und die divergierende Entscheidungen der verschiedenen Sozialversicherungsträger zu vermeiden, scheitert an den oft unzureichenden Kenntnissen der DRV über die Gegebenheiten der Filmproduktion, das pauschale undifferenzierte Bewerten von Berufsbildern vorbei an den tatsächlichen Verhältnissen der Filmbranche, die nur nach außen glänzt.



Die fünf wichtigsten Fragen zum Statusfeststellungsverfahren

1. Wer muss beziehungsweise sollte es durchführen?
Innerhalb der Filmbranche sind vor allem die Berufsgruppen betroffen, die nicht vom Abgrenzungskatalog der Spitzenverbände für den Bereich Theater, Orchester, Rundfunk- und Fernsehanbieter, Film- und Fernsehproduktionen tätige Personen vom 05.07.2005 erfasst sind. Zu nennen sind derzeit vor allem Kameraleute, deren Status höchst umstritten ist wie auch Editoren, es kann aber auch Maskenbilder und Tonmeister betreffen. Alle diejenigen Berufsgruppen, die nach den Abgrenzungskatalog der KSK – Künstersozialversicherung sowohl selbständig als auch abhängig beschäftigt sein können.
Entscheidend für das Vorliegen der selbständigen Tätigkeit ist dabei der eigenschöpferische Anteil der Leistung.

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FIRST STEPS AWARD – die ersten Schritte der Regiekarriere

Die Preisträger 2015 (v.l.n.r. Knut Elstermann, Levin Peter, Johannes Waltermann, Andrina Mracnikar, Sebastian Thaler, Ju Lee, Simon Schwarz, Simon Riedl, Alexandra Staib) © Jirka Jansch

Die Deutsche Filmakademie verleiht seit 2000 jährlich einen Nachwuchspreis für Abschlussfilme von Studierenden an den Filmschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Der Preis, der auf eine Initiative der Produzenten Bernd Eichinger und Nico Hofmann zürückgeht, „präsentiert der Branche das hohe kreative Potenzial des Nachwuchses und erleichtert den Absolvent/innen die ,ersten Schritte’ in den Beruf.“ heißt es auf der Webseite der Filmakademie, und die folgende Auswertung der letzten 15 Jahre soll genau dies überprüfen, in den drei – von insgesamt sieben – Kategorien Abendfüllender Spielfilm, Mittellanger Spielfilm (bis 60 min.), und Kurzfilm / Animation, also den fiktionalen Formaten.

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Die meisten Preise gingen an die Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg, die auch am häufigsten nominiert wurde. Anders sieht eine getrennte Betrachtung der drei Filmgruppen aus. Spitzenreiterin bei den Nominierungen zum Abendfüllenden Film ist mit Abstand die DFFB (29), gefolgt von der HFF München (17). Die Filmakademie Ludwigsburg und die HFF München führen das Mittellange Feld an, und im Kurz-/Animationsfilm stehen gleich vier Filmschulen an der Spitze mit jeweils 11 Nominierungen: die Filmakademie Ludwigsburg, die Media School Hamburg, die Kunsthochschule für Medien Köln und die Zürcher Hochschule der Künste, die in keiner anderen Spielfilmrubrik nominiert wurde. Hier lässt sich erahnen, dass Filmhochschulen bezüglich der Grundfinanzierung der Abschlussfilme ziemlich unterschiedlich ausgestattet sind. Weiterlesen

Freie Produktionen außerhalb des Hochschulkontextes kommen immerhin auf 13 Nominierungen, darunter sechs für abendfüllende Filme – mit einer Auszeichnung im Jahre 2003 für den Film FREMDER FREUND von Elmar Fischer. Acht Filmschulen, die nicht dem Internationalen Filmhochschulverband angehören, sind mit elf Nominierungen vertreten, sechs davon finden sich in der Kategorie Kurz-/ Animationsfilm und nur eine in der Kategorie Langfilm.
Wie lang oder kurz ein nominierter Abschlussfilm ist beeinflusst nicht zwangsläufig die weiteren Schritte im Beruf. Marc-Andreas Borchert, der 2000 für seinen Kurzfilm KLEINGELD nominiert wurde, arbeitete in der Folge rund zwanzig Mal für das Fernsehen, Anne Høegh Krohn, im selben Jahr mit FREMDE FREUNDIN unter den langen Spielfilm-Nominierungen, hat seitdem einen TV- und einen Kinofilm gedreht. Insofern ist eine Auswertung der Nominierungen und Folgearbeiten der Regisseur*innen nach Geschlecht sinnvoll.

Abbildung 2 zeigt die prozentuale Verteilung von weiblichen und männlichen Nominierten in den fiktionalen Kategorien von 2000 bis 2015 mit der Referenzlinie 42 %, dem durchschnittlichen Frauenanteil unter den Absolvierenden an den deutschen Filmhochschulen der letzten 20 Jahre (Quelle: Pro Quote Regie). Der Anteil für nominierte Dokumentarfilme ist ebenfalls ergänzt.

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Abbildung 3 zeigt den Frauenanteil unter den Nominierten und Gewinnerfilmen für die drei fiktionalen Kategorien:

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Filme von Frauen sind also keineswegs schlechter als die ihrer Kollegen, wenn Juryentscheidungen ein Maßstab sind, im Gegenteil: der Frauenanteil unter den Preisträger*innen (40,4 ) ist höher als der unter den Nominierungen (34,3 ). Dieses Phänomen gibt es nicht nur bei Abschlussfilmen, wie eine Untersuchung des Instituts für Medienforschung der Universität Rostock zum Festivallauf von Filmen herausfand:

„Nur jeder fünfte Film (22 %) der Jahre 2009 bis 2013 wurde von einer Frau inszeniert. Diese Filme bestechen offensichtlich durch eine hohe Qualität, denn Filme von Frauen erhalten häufiger Filmpreise und laufen viel erfolgreicher auf Festivals. Dieser Erfolg ist bemerkenswert, bedenkt man neben der Unterrepräsentanz von Frauen in der Filmproduktion, dass ihre Filme in der Regel finanziell schlechter ausgestattet sind. (…) Im Mittelwert erhält ein Film, den eine Frau inszeniert hat ca. 660.000 Euro Filmförderung, während ein Film, den ein Mann inszenierte, über 1.000.000 Euro erhielt.“ (Quelle: Elizabeth Prommer / Skadi Loist, Wer dreht deutsche Kinofilme? Genderreport 2009-2013, Februar 2015).

Und wie sieht es mit der erwähnten „Erleichterung der ersten Schritte“ der Nachwuchsregisseur*innen aus? Um dies herauszufinden habe ich verglichen, wie viele Filme (Kinofilme, TV-Filme bzw. TV-Serien) die Regisseur*innen der nominierten Filme innerhalb der ersten sieben Jahre nach Nominierung für den FIRST STEPS AWARD inszeniert haben.

Es überrascht zunächst, wie viele Nominierte bei Null stehen; 17 von 43 Regisseurinnen (= 40 %) und 28 von 93 Regisseuren (= 30 %) haben in ihren ersten sieben Jahren weder Kino- noch Fernsehspielfilme noch Fernsehserien inszeniert.

Die meisten übrigen drehten ihren nächsten Kinofilm innerhalb der sieben Jahre (Regisseurinnen im Schnitt 1,1 Filme, Regisseure 1,0). Der große Karriereunterschied kommt durch das Fernsehen. Bei Filmen erreichen die Männer hier einen Durchschnittswert von 0,9 gegenüber den 0,5 der Frauen, bei Serienformaten sind die Werte 0,5 bzw. 0,3 pro Person über die sieben Jahre. Das heißt, dass die nominierten Regisseure fast doppelt so häufig Fernsehaufträge bekommen wie ihre Kolleginnen.

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Spitzenreiter Hannu Salonen drehte neun Fernsehfilme in den ersten sieben Jahren nach seinem Abschluss, darunter drei Tatorte und zwei Polizeirufe, allerdings keinen Kinofilm. Vanessa Jopp, die wie Salonen 2000 ihren Abschluss machte und den FIRST STEPS AWARD für VERGISS AMERIKA gewann, drehte im gleichen Zeitraum einen Tatort und zwei Kinofilme.

Woher kommen diese Unterschiede? Haben Regisseure und Regisseurinnen unterschiedliche Ambitionen? Oder werden sie von Beginn an unterschiedlich gefördert? Was motiviert eigentlich Sender und Redaktionen, Nachwuchsregisseur*innen und No-Names ein großes Projekt, sei es einen Tatort oder einen Fernsehfilm, anzuvertrauen? Ist es das Charisma? Die Qualität des Abschlussfilms? Die Filmhochschule? Vitamin B? Ist Geschlecht das erste (Ausschluss-)Kriterium?

Ich habe Hannu Salonen nach dem Beginn seiner Fernsehkrimikarriere gefragt, die ihn nur wenige Jahre nach seinem Nicht-Krimi-Abschlussfilm DOWNHILL CITY bereits zu den ersten drei von bisher rund elf Tatorten führte: DER VIERTE MANN (Berlin 2003), FEUERTAUFE (Leipzig 2004) und STERNENKINDER (Kiel 2005). Er antwortete u.a.:

„DOWNHILL CITY war festivaltechnisch durchaus ein Erfolg, für mich persönlich zeigte sich eine eher schwierige Seite des Kunstkinos: letzlich sahen den Film nur wenige Leute und ein recht auserwähltes und so weit auch ein elitäres Publikum. Ich entdeckte den Filmemacher in mir, der Massen erreichen wollte – nicht nach dem Motto „Koste was es wolle“, aber so, dass die Filme jeweils Unterhaltsamkeit mit Anspruch verbinden. Ich wollte von da an möglichst viele Leute erreichen.
Es gibt aber noch etwas, was mir letzlich den Stoß in jene „kommerzielle“ Richtung gab. Es war mein Hintergrund, meine finnische Heimat. Ich wuchs in der Nähe von grossen, dunklen Wäldern und Wikingergräbern – das war meine seelische Heimast. Sie war stes mystich, spannend und dunkel. Natur spielt darin eine grosse Rolle – bis heute. Diese Welt, die wir nicht rational beherrschen können, hat mich immer fasziniert. Erst nach meiner „Kunstphase“ an der dffb fand ich mich zurück zu meinen Ursprüngen, zu Filmen, die nicht den Alltag schilderten, sondern eine mythische Narrative hatten und oft böse und blutig endeten.“

Der Wunsch des Regisseurs, seine Filme einem größeren Publikum zu zeigen und die Entscheidung, sich deshalb vom Arthousekino zum Fernsehen zu wenden ist nachvollziehbar. Erfreulich ist gleichzeitig, dass es geklappt hat und er von Beginn seiner Karriere an Aufträge für Fernsehfilme, für Fernsehkrimis bekam.

Wer dies ermöglicht hat habe ich leider nicht herausfinden können. Allerdings ist Salonen kein Einzelfall. Es wird immer Regisseur*innen geben, die aus verschiedenen Gründen einen besseren Start haben als andere. Nur, wenn Männer in ihren ersten sieben Karrierejahren mehrheitlich deutlich mehr Fernsehaufträge bekommen als Frauen, dann kann neben eventuell unterschiedlichen Vorlieben eine strukturelle Benachteiligung vermutet werden.

Die gesellschaftliche Realität, die von deutlich weniger Frauen als Männern in politischen und wirtschaftlichen Führungspositionen, in Talk-Shows, Kongresspanels u.a.m. gekennzeichnet ist, sowie eine quantitativ und qualitativ unterschiedliche Darstellung der Geschlechter im fiktionalen Fernsehprogramm („Männer handeln, Frauen hören zu“) umgibt auch die Entscheidungsträger*innen bei den Sendern. Für sie ist es auch ,normal’, dass Frauen kaum vorkommen, deshalb merken sie vielleicht gar nicht, wie stark Regisseurinnen und Drehbuchautorinnen bei der Auftragsvergabe benachteiligt werden.

Und damit zurück zu den FIRST STEPS AWARDS: Nachwuchsförderung im Allgemeinen und Frauenförderung im Speziellen sind auch im Regiebereich wichtig, um dem Kino- und Fernsehpublikum ein möglichst vielfältiges Sehangebot zu machen, das hat u.a der Diversitätsbericht des Regieverbands gezeigt. Und es macht ja auch Sinn, die aufwändig ausgebildeten Absolvent*innen an Filmhochschulen nicht nur mit einer nominellen Auszeichnung zu versehen, sondern ihnen eine praktische Starthilfe für ihre berufliche Laufbahn zu geben. Wie meine Analyse gezeigt hat, sind unter den Nominierten/Gewinnern des FIRST STEPS AWARDS nur wenige, die darauf folgend auch erfolgreich Fuß auf dem Film- und Fernsehmarkt gefasst haben. Warum sollte auf neue Talente verzichtet werden? Also, wie wäre es, allen in den fiktionalen FIRST STEPS-Kategorien Nominierten innnerhalb von sieben Jahren – oder besser noch einer kürzeren Zeitspanne – die Realisierung eines regulären Fernsehfilms zu garantieren, Männern wie Frauen?

Natürlich nur den Regisseur*innen, die an einer Arbeit für das Fernsehen interessiert sind. Ob es da grundlegende Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt – Arthouse gegen Kommerz – wäre eine interessante Frage für die nächste Umfrage unter Studierenden.

Dieser Text ist die Kurzfassung des im Blog SchspIN – Gedanken einer Schauspielerin erschienenen Textes Als Hannu Salonen anfing, Fernsehkrimis zu drehen

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Es brennt: Dramatische Gagen- und Arbeitssituation in der Filmwirtschaft

Es brennt!

Berufsverband Kinematografie kritisiert unhaltbare Zustände und warnt vor gravierenden Folgen: Unser Produktionsstandort und die Qualität des Filmschaffens in Deutschland ist in Gefahr! Filmschaffende gehen wegen Unterlaufens des Tarifvertrags und häufiger Auftragskrisen in die Altersarmut! Ohne schärfere Kontrollen droht ein Ausverkauf durch Dumping!

Der bestehende Tarifvertrag für Film- und Fernsehschaffende (TV FFS) legt Mindestgagen fest, die das Minimum für Berufsanfänger und Low Budget Produktionen darstellen, aber selbstverständlich nach oben offen sind. Die Tarifgage stellt keineswegs die Normalgage dar, vielmehr markiert sie die verbindliche Gagen-Untergrenze, die nicht unterschritten werden darf, wenn man nach dem Tarifvertrag arbeiten will, über den z.B. die Arbeitszeit geöffnet wird. Lange Arbeitszeiten schätzt man in der Film- und Fernsehwirtschaft sehr, aber faire Kompensation auf Basis des Tarifvertrags wird häufig nicht einmal angeboten – geschweige denn korrekt erfüllt. Für andere Filmschaffende, die als Rechnungssteller arbeiten, gilt der TV FFS garnicht!

Sogar die tarifliche Mindestgage wird häufig unterschritten, weil sich die öffentlich-rechtlichen Auftraggeber und die Filmförderinstitutionen weigern, auf der Einhaltung des Tarifvertrages als der verbindlichen Grundvoraussetzung zu bestehen. Institutionen und Sender müßten die Mindestleistungen nach dem Tarifvertrag schlicht vorschreiben und sich die Rückforderung von Zahlungen vorbehalten, falls unterhalb des Tarifstandards gearbeitet wird. In anderen Branchen (z.B. Bauwirtschaft) ist dies längst der Fall, wenn öffentliche Aufträge vergeben werden. Dem Gagendumping wird Vorschub geleistet, wenn Produktionen unterfinanziert arbeiten müssen – bei über Jahre allenfalls nominal gleichbleibenden oder sogar sinkenden Budgets. Die Ansprüche der Auftraggeber steigen aber von Jahr zu Jahr! Produktionen brauchen Luft zum Atmen und eine adäquate finanzielle Ausstattung, damit sie Mitarbeiter anständig, also mindestens nach dem Tarif, vergüten können.

Es gibt klare Ursachen für die unhaltbaren Zustände! Weiterlesen

Leider ist der Tarifvertrag für Film- und Fernsehschaffende nicht allgemeinverbindlich, und kann es auch nicht werden. Die Voraussetzungen hierfür sind nicht erfüllt. Auf Seiten der Produzenten ist der verbandliche Organisationsgrad zwar hoch, doch in ver.di sind von den Zehntausenden von Filmschaffenden in Deutschland nur wenige organisiert. Zahlenmäßige „Mächtigkeit“ in der Vertretung der Interessen von Filmschaffenden haben hierzulande allenfalls die Berufsverbände.
Skandalös ist die von manchen Firmen betriebene Abdrängung von Filmschaffenden in die Selbständigkeit. Einige wenige Filmberufe können in der Tat selbständig ausgeübt werden. Die Systematik aber, mit der man Risiken auf die regelmäßig schwächsten Marktteilnehmer abwälzt, ist zynisch und perfide. Besonders prekär ist die Situation für Filmschaffende im dokumentarischen Bereich. Hier werden manchmal Gagen von nur 50% der Tarifgage aufgerufen. Rechnungssteller müssen zudem für Sozial- und Rentenleistungen alleine aufkommen. Der Tarifvertrag macht aber keinen Unterschied zwischen fiktionaler und non-fiktionaler Produktion! Nur weil es viel zu viele Filmschaffende im Lande gibt, zu denen die zahlreichen Ausbildungsstätten jährlich Hunderte hinzufügen, wird der Binnenkannibalismus in verschiedenen Berufsfeldern schamlos zur Kostensenkung bei den Produktionen ausgenutzt. Das unstrukturierte und oft von kommerziellen Interessen geprägte Ausbildungsangebot im Bereich Film und TV führt im Verbund mit fehlenden Standards bei Qualifikation und Bezahlung zu grotesken Marktverwerfungen mit bereits heute beängstigenden Armutsfolgen für tausende Filmschaffende in Deutschland.
Natürlich wird das Gagengefüge möglichst unterlaufen, indem bei zeitlich kürzeren Produktionen aufgrund der Produktivitätsverdichtung in langen Drehtagen möglichst willige und billige Filmschaffende eingesetzt werden. Die Gewerkschaft hat durch das Konstrukt von „Bereitschaftszeit“ erheblich zur Misere beigetragen: Der Tarifvertrag behauptet, „dass in die werktägliche Arbeitszeit des an einer Film- oder Fernsehproduktion mitwirkenden Film- oder Fernsehschaffenden regelmäßig und in erheblichem Umfang bezahlte Arbeitsbereitschaft … fällt.“ Jedem Praktiker ist klar, daß es sich hierbei um eine dreiste Lüge handelt. Ver.di jedoch unterschreibt als Gewerkschaft Derartiges und ermöglicht damit, daß 11-,12-, 13-Stunden-Tage abzuarbeiten sind. Ein Tarifvertrag als Freibrief für Arbeitszeitausweitungen, von denen man natürlich gerne Gebrauch macht! Arbeitnehmerfreundliche Bestimmungen des Tarifvertrages werden aber oft nicht oder nur teilweise eingehalten, indem man etwa auswärtige Filmschaffende kurzerhand zu Ortsansäßigen erklärt, um Spesenzahlung zu umgehen, oder Arbeitszeiten kreativ verschoben werden, um Pausen und Ruhezeiten nicht einhalten zu müssen, etc.

Wir sind Zeugen eines rapide fortschreitenden Sittenverfalls in der freien Medienbranche. An die Stelle des fairen Miteinander und verläßlicher professioneller Partnerschaft ist die Ellenbogenmentalität getreten. Filmschaffende sind immer öfter nicht mehr in der Lage, sich und ihre Familie zu ernähren, oder für Alter und Krankheit vorzusorgen. Dadurch wird das Niveau der deutschen Filmwirtschaft mittelfristig einbrechen: Deutsche Filme werden an Qualität verlieren, da billige Arbeitskräfte nicht dauerhaft qualifiziert mittragen. In- und ausländische Produktionen werden nicht mehr so gut bedient werden. Die arbeitslosen Filmschaffenden werden in andere Branchen drängen oder Grundsicherung benötigen. Sie werden die Gesellschaft, welche sie so behandelt, spätestens im Alter finanziell belasten.

Wir rufen die Politiker und alle Akteure der hiesigen Film- und Fernsehwirtschaft – vor allem aber die öffentlich-rechtlichen Sender und Filmförderinstitutionen – auf, ihren selbstverständlichen Verpflichtungen gegenüber den Filmschaffenden, die das Programm tragen, gerecht zu werden!
Wir fordern ganz konkret:
• die öffentlich-rechtlichen Auftraggeber und Filmförderinstitutionen müssen auf der Einhaltung des Tarifvertrages als der verbindlichen Mindestvoraussetzung bestehen!
• die dreiste “Bereitschaftszeitlüge” ist aus dem Tarifvertrag ersatzlos zu streichen!
• die Abdrängung von Filmschaffenden in die Selbständigkeit muß verboten werden!
• die Budgets der einzelnen Produktionen müssen ein realistisches Niveau aufweisen!
• die unzumutbaren Produktionsverdichtungen müssen rückgängig gemacht werden!
• fikitionale und non-fiktionale Produktionen müssen gleichberechtigt behandelt werden!
• die Rahmenfrist für den Anspruch auf ALG 1 muß auf 36 Monate verlängert werden!

Unter großer Verantwortung für die Realisierung der Projekte und mit ihrem professionellen Einsatz sorgen Filmschaffende für die Erfolge der deutschen Produktionswirtschaft. Es ist unsozial und inhuman, wenn Beschäftigungsbedingungen in einem Wirtschaftsbereich so verkommen, dass aus Arbeit Schinderei wird – oft nicht einmal fair vergütet.

Es ist höchste Zeit für Korrekturen – und für scharfe Kontrollen der zuständigen Behörden!

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cn-kolumne: Ein Interview mit der Schauspielmanagerin Sibylle Breitbach

Steckbrief Sibylle Breitbach
Sibylle Breitbach ist das Gesicht hinter Wasted Management. Eine Frau, die schon immer den Austausch mit anderen Menschen und Kulturen geschätzt und gepflegt hat. Bereits als Geschäftsführerin des Kölner Hotels Chelsea förderte sie talentierte Künstler. Unbewusst streute sie damit bereits den Samen für ihre Zukunft, denn die Begegnung mit Heike Makatsch sollte Sibylle Breitbachs Leben für die kommenden 20 Jahre prägen. Der beidseitige Wunsch nach einer Zusammenarbeit legte das Fundament für Wasted Management. Heute kann sich Sibylle Breitbach mit einigen Namen rühmen, die unter ihren Fittichen zu Film- und Fernsehgrößen gewachsen sind. Dennoch bleibt sie genügsam und geht vorurteilslos auf die Suche nach Talenten, die zu ihr passen. Sibylle Breitbach ist ein Bauchmensch mit Köpfchen, dem Herz am rechten Fleck und eigentlich eine eher interviewscheue Persönlichkeit. Wir haben uns umso mehr über die Zusage zu einem persönlichen Gespräch gefreut.

Seit 20 Jahren bist Du als Schauspielmanagerin im „Business“ tätig. Wie kam es dazu?
Ich habe zu der Zeit das Hotel Chelsea in Köln geleitet, wo wir auch gerade sitzen. Das war eine wahnsinnig aufregende Zeit, in der ich die Freiheit hatte, mich kreativ austoben zu können. Das Hotel war sozusagen meine Plattform, wo ich mit Musikern, Plattenfirmen und Künstlern zusammenarbeiten konnte. Ich organisierte im Chelsea oft Ausstellungen bildender Künstler. Martin Kippenberger, Walter Dahn oder Joesph Kosuth zum Beispiel zahlten teilweise mit ihren Bildern bzw. Installationen. So erhielt das Chelsea im Laufe der Zeit eine recht umfangreiche Kunstsammlung. Es machte mir damals schon viel Spaß, direkt mit Künstlern und Kreativen zusammenzuarbeiten. Als der Inhaber des Hotels nach einigen Jahren Auslandsaufenthalt dauerhaft zurück nach Deutschland kam, führte er andere Strukturen im Hotel ein. Das war der Zeitpunkt, wo mir klar wurde, dass sich das in eine Richtung verändert, die nicht mehr die meine ist. Weiterlesen

Es war auch die legendäre Viva-Zeit, als Du das Chelsea geleitet hast?
Genau. Über Steve Blame, der zu der Zeit von MTV London nach Köln kam, um VIVA II aufzubauen, lernte ich dort Heike Makatsch kennen. Wir mochten uns auf Anhieb und beschlossen, zusammenzuarbeiten, ohne zu wissen, was daraus werden könnte. So nahm vor 20 Jahren alles seinen Anfang.

Wie sah die Zusammenarbeit am Anfang aus?
Heike war eine der ersten Moderatorinnen bei VIVA und das Medieninteresse war gigantisch. Es gab damals Agenturen wie Pool Position, die zum Beispiel Stefan Raab vertreten haben. Heike suchte aber nach etwas anderem. Als wir uns kennenlernten, hatte sie das Gefühl, das in mir gefunden zu haben, und wir fingen einfach an. Zu Beginn musste ertastet werden, was wir machen wollen und was nicht. Das Interesse an Heike als Schauspielerin entstand durch ihre Präsenz bei VIVA. An Dorthe Braker lud sie zum Casting für Detlev Bucks Kinofilm „Männerpension“ ein – und sie bekam die Rolle. Dadurch hat sie ihre Leidenschaft für die Schauspielerei entdeckt.

Würdest Du sagen, dass so ein Pool wie damals bei VIVA, wo Nachwuchs gefördert und diese als Ikonen wahrgenommen wurden, heute fehlt?
Ich denke, das war eine ganz andere Zeit, in der noch Platz und Raum für Vorbilder, Ideale oder Ikonen, wie Du es nennst, war. Heute ist alles schnelllebiger, heute ist alles ausgerichtet auf Formate wie zum Beispiel DSDS oder das Supertalent, wo es sich um eher kurzfristigen „Ruhm“ handelt. Es ist völlig klar, dass, aufgrund der medialen Entwicklung, so ein Konzept wie bei MTV und VIVA heute nicht mehr funktioniert.

War damals die Zeit unbeschwerter?
Ich weiß nicht, ob die Zeiten unbeschwerter waren, wir waren unbeschwerter. Es war eine Zeit, in der man viel mehr experimentieren konnte.

Hast Du dich gleich als Managerin vorgestellt?
Nein, ich habe erst mal gesagt: „Heike Makatsch und ich arbeiten zusammen.“ Es war auch schwierig, einen Namen für die Agentur zu finden, aber irgendwann konnte ich meine Telefonnummer nicht mehr nur auf irgendwelche Zettel schreiben. Es musste eine konkrete Firmierung her. Für den Namen Wasted Management habe ich mich rückblickend mit ein wenig Selbstironie entschieden. Es war der Versuch auszudrücken, dass man sich selbst, mit dem was man tut, nicht zu ernst nehmen sollte. Dass wir unsere Sachen machen, und das hoffentlich gut, und mehr ist es nicht.

Wie kam es schlussendlich zu dem Begriff Management?
Ich habe den Begriff „Management” nicht bewusst gewählt. Mir war damals gar nicht klar, was der Unterschied zwischen „Management“ und „Agentur“ ist. Natürlich bekam ich mit, dass es verschiedene Agenturen gab. Da war Pool Position, die sich auf Moderatoren spezialisiert hatten, und Players, als Schauspieler-Agentur. Für mich war das alles noch sehr neu.

Du hast ja wirklich alles hinter Dir gelassen und Dich in einem Beruf selbstständig gemacht, in dem Du noch gar keine Erfahrung hattest. Konntest Du dort etwas von Deinen bisherigen Tätigkeiten nutzen?
Die Ausbildung und Berufserfahrung im Justizministerium haben mir eine gute Basis mitgegeben und die fünf Jahre im Hotelmanagement waren mein kreatives Spielfeld, wo ich ausprobieren konnte, was mir noch liegt. Auch, wenn es eine ganz andere Branche war, eine andere Herangehensweise, konnte ich vieles von dem anwenden, was ich im Justizministerium, wo alles von einem sehr klaren, strukturierten Ablauf bestimmt war, gelernt hatte. Dadurch konnte ich zum Beispiel Verträge verstehen und verhandeln. Der Rest war ein bisschen Freestyle, was ich aber im Hotel rund um die Uhr hatte. Das hat mir dann die innere Sicherheit und Zuversicht gegeben, dass das alles schon klappt.

Dein Schwerpunkt heute ist ja der Filmbereich. Wie kam es dazu?
Das hat sich alles sehr organisch entwickelt. Heike Makatsch war, wie erwähnt, eine der ersten Moderatorinnen bei VIVA und kam durch „Männerpension” zur Schauspielerei. Sie wusste vorher nicht, ob ihr die Schauspielerei liegt, hat es ausprobiert und ihre Leidenschaft dafür entdeckt. Es war ein ganz natürlicher Prozess, dass wir uns in diesem Bereich orientierten und etablierten.

Du hast ja auch noch andere Klienten, Sibel Kekilli zum Beispiel.
Sibel Kekilli und ich haben uns vor fast elf Jahren über den Film „Gegen die Wand” kennengelernt. Ich hatte den Film auf der Berlinale damals nicht gesehen, aber natürlich gehört, dass Fatih Akin dafür mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde. Ralph Schwingel, damals Produzent bei Wüste Film, stellte den Kontakt zwischen Sibel und mir her, ich sah mir „Gegen die Wand an” und war wahnsinnig beeindruckt von ihrer unglaublichen Präsenz und der Intensität ihres Spiels. Daraufhin haben wir uns getroffen und arbeiten seitdem zusammen.

Gibt es eine besonders positive Erfahrung für Dich in den letzten 20 Jahren?
Wenn ich die 20 Jahre Revue passieren lasse, dann gab es viele tolle Erfahrungen, und es gab natürlich auch weniger tolle. Ein Highlight war auf jeden Fall die erste Zusammenarbeit mit David Enthoven, dem Manager von Robbie Williams. Mit ihm während der Deutschlandtour von Robbie Williams zusammenzuarbeiten, war geprägt von großem Vertrauen, das er mir von Anfang an entgegen gebracht hat. Er ist jemand, der einen unglaublich motiviert und inspiriert, der sich für die Arbeit, die man macht, immer wieder bedankt und sich mit einem über die Erfolge, die man erzielt, freut. Das war schon eine ganz besondere und sehr ungewöhnliche Erfahrung. Das Schöne ist, dass es bei allen weiteren Konzerten ebenso war.

Du hast ja mehrere Klienten zu betreuen. Wie machst Du das?
Ich habe mich bewusst dafür entschieden, mit nur wenigen Klienten zu arbeiten. Das hat sich, wie gesagt, sehr organisch und aus der Zusammenarbeit mit Heike Makatsch heraus entwickelt. Dadurch, dass ich mit nur wenigen Klienten zusammenarbeite, habe ich die Möglichkeit, ganz individuell zu arbeiten. Denn die Künstler, die ich vertrete, sind sehr unterschiedliche und sehr eigene Persönlichkeiten, was für mich sehr wichtig und auch sehr spannend ist. Dadurch bin ich ganz anders gefordert und kann gemeinsam mit ihnen viel genauer überlegen, wo wir hinwollen und was wir machen wollen. Ich verstehe die Zusammenarbeit mit meinen Klienten als Teamwork.

Wie viele Drehbücher liest Du in der Woche und gibt es bei Dir auch mal eine Pause?
Das ist sehr unterschiedlich. Und ja, Pausen gibt es bei mir auf jeden Fall – die finde ich extrem wichtig.

Wo wir gerade bei Drehbüchern sind, Du hast ja auch eine Drehbuchautorin unter Deinen Klienten. Wie ist da die Zusammenarbeit entstanden?
Ich habe Miriam Dehne über gemeinsame Bekannte kennengelernt. Ich fand damals schon ihren Film „Little Paris” ganz besonders und finde generell die Art, wie sie schreibt und die visuelle Umsetzung dessen unglaublich schön. Sehr speziell und mit einer sehr eigenen Poesie in allem, was sie macht.

Ich würde gerne noch auf zwei neue Klienten von Dir eingehen, die Schauspielerinnen Pheline Roggan und Violetta Schuralow.
Beide sind sehr unterschiedlich. Ich weiß noch als ich Pheline Roggan in „Soul Kitchen” gesehen habe, da war ich hin und weg. Über die Jahre hatte ich sie ein bisschen aus den Augen verloren. Es war dann eine wunderbare Fügung, dass mich Mia Abadi von Prag PR anrief und fragte: „Möchtest Du Dich nicht mal mit Pheline Roggan treffen? Sie hat eine tolle Agentur, aber ein Management könnte für ihre weitere Entwicklung einfach nochmal eine andere Richtung vorgeben.” Wir lernten uns kennen und haben dann beschlossen, miteinander zu arbeiten. Wir befinden uns noch in der sogenannten Richtig-Kennenlernen-Phase, und ich finde die Entwicklung, die momentan stattfindet, sehr aufregend und sehr vielversprechend.

Bei Violetta Schurawlow war es so, dass sie auf mich zukam. Wir haben uns getroffen, und ich fand sie auf Anhieb interessant. Sie hat eine faszinierende Ausstrahlung und dazu gleichzeitig etwas total Bodenständiges. Ich dachte, sie ist wieder ein ganz anderer Typ als meine anderen Klienten, aber ich hatte keine Ahnung, wie sie vor der Kamera wirkt, weil es noch nichts von ihr zu sehen gab. Dann hatte mir die Produktion von Til Schweiger eine Szene mit ihr aus „Honig im Kopf” zur internen Ansicht zur Verfügung gestellt und danach war für mich klar, dass ich mit ihr zusammenarbeiten will. Sie hat großes Talent und ich finde es spannend, mit ihr diesen Weg zu gehen und zu sehen, was wir alles gemeinsam machen und erreichen können.

Wie ist das bei Deinen Klienten mit Absagen, nehmen sie diese persönlich?
Natürlich ist eine Absage immer erst mal eine Enttäuschung, aber wenn die Absage nicht persönlich, sondern inhaltlich begründet ist, dann ist alles okay.

Du hast also so eine Art Ruhe und Gelassenheit entwickelt, im Laufe der Jahre?
Die Gelassenheit habe ich nach 20 Jahren tatsächlich, weil ich weiß, es geht immer weiter, und wir kriegen das alles hin. Das ist bei mir ganz tief verankert. Ich bin dankbar dafür, mit den Klienten, die ich vertrete, zusammenzuarbeiten und in einem ständigen Entwicklungsprozess zu sein. Ich denke, dass Dinge immer einen Sinn haben, auch wenn man ihn oft erst im Nachhinein begreift. Diese Erkenntnis macht alles leichter. Man lernt, dass jede Veränderung auch eine neue Chance birgt.

Vielen Dank für das Gespräch zum 20-jährigen Jubiläum!

www.wasted-management.de

Das Gespräch führte: Tina Thiele | Ausarbeitung: Catharina Chlupaty, Madlen Scheffler & Carla Schmitt

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Cinema Moralia – Folge 113: Ist hier das Positive?

Der einzige deutsche Film in Locarno: Der Staat gegen Fritz Bauer mit Burghart Klaußner. Außer Konkurrenz – © Alamode Filmdistribution

Einfalt und Vielfalt der Film­för­de­rung, Schwar­ze­negger statt Depardieu, Verfas­sung­s­chützer als Verfas­sungs­feinde? – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 113. Folge

»Die Schere zwischen den Reichsten und den Ärmsten wird sich schließen – das haben wir in der Geschichte oft genug gesehen. Entweder durch Revo­lu­tion, oder durch höhere Steuern, oder durch Krieg.«
Paul Tudor Jones II, Hedge­fonds­ma­nager, US-Milli­ardär auf Rang 106 der reichsten Ameri­kaner (ca 3,6 Milli­arden Dollar)
»Durch­su­chungen und Beschlag­nahmen in einem Ermitt­lungs­ver­fahren gegen Pres­se­an­gehö­rige sind verfas­sungs­recht­lich unzu­lässig, wenn sie ausschließ­lich oder vorwie­gend dem Zweck dienen, die Person des Infor­manten zu ermitteln.
Die bloße Veröf­fent­li­chung eines Dienst­ge­heim­nisses im Sinne des § 353 b StGB durch einen Jour­na­listen reicht im Hinblick auf Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG nicht aus, um einen den straf­pro­zes­sualen Ermäch­ti­gungen zur Durch­su­chung und Beschlag­nahme genü­genden Verdacht der Beihilfe des Jour­na­listen zum Geheim­nis­verrat zu begründen. …
Die Pres­se­frei­heit umfasst auch den Schutz vor dem Eindringen des Staates in die Vertrau­lich­keit der Redak­ti­ons­ar­beit sowie in die Vertrau­ens­sphäre zwischen den Medien und ihren Infor­manten. …
Die Freiheit der Medien ist konsti­tu­ie­rend für die frei­heit­liche demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung. Eine freie Presse und ein freier Rundfunk sind daher von beson­derer Bedeutung für den frei­heit­li­chen Staat. … Geschützt sind nament­lich die Geheim­hal­tung der Infor­ma­ti­ons­quellen und das Vertrau­ens­ver­hältnis zwischen Presse bezie­hungs­weise Rundfunk und den Infor­manten. Dieser Schutz ist unent­behr­lich, weil die Presse auf private Mittei­lungen nicht verzichten kann, diese Infor­ma­ti­ons­quelle aber nur dann ergiebig fließt, wenn sich der Informant grund­sätz­lich auf die Wahrung des Redak­ti­ons­ge­heim­nisses verlassen kann.«
Bundes­ver­fas­sungs­ge­richt, Leitsätze zum Urteil des Ersten Senats vom 27. Februar 2007.
Wo bleibt das Positive? fragen wir mal wieder mit Tucholsky. Verdammt nochmal! Ich will wirklich nicht, dass diese Kolumne hier zur Mecke­r­ecke mutiert, und ich zum Mecker­fritzen. Aber es ist gar nicht so einfach, das in die Tat umzu­setzen.. Weiterlesen

Am Woche­n­ende saß ich mit Freunden zusammen, die sich alle für Kino und Fernsehen inter­es­sieren, darunter eine durchaus gut beschäf­tigte Schau­spie­lerin und eine Produ­zentin. Meine Frage in die Runde: Erzählt mir doch mal, was ihr alles am deutschen Kino gut findet?
Antwort erstmal Schweigen. Dann Kommen­tare, die mit »Also ich find’ schlecht, dass…« oder »Scheiße ist zum Beispiel…« oder »Gut? Ja, finde ich gut?« beginnen.
Dann redeten wir über Victoria von Sebastian Schipper. Den fanden wir wirklich alle gut.

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Anderen geht es offenbar genauso. Beim Film­fes­tival von Locarno, das heute Abend eröffnet wird – mit dem Film Ricki and the Flesh von Jonathan Demme, der vor 25 Jahren mit Das Schweigen der Lämmer welt­berühmt wurde. Meryl Streep spielt darin eine Rock­sän­gerin, die für ihre Showbiz-Karriere vieles aufge­geben hat, und jetzt nach Hause zurück­kehrt, und ihre Familie zurück­ge­winnen will. Bericht folgt – bei diesem Festival läuft wieder mal kein einziger deutscher Film im Wett­be­werb. Co-Produk­tionen mit mehr oder weniger cleverem deutschem Geld zählen hier nicht, die gehören nur in Pres­se­mit­tei­lungen der Funk­ti­onäre. Wir reden von Auto­ren­kino, also deutsche Regis­seure und viel­leicht noch Drehbuch, oder wenigs­tens deutsche Sprache, Stoffe und Mehr­heits­an­teile einer deutschen Produk­tion.
Immerhin auf der Piazza Grande, also außer Konkur­renz, kommt Der Staat gegen Fritz Bauer von Lars Kraume, in dem Burghart Klaußner den berühmten Nazi-Jäger spielt. Auf den bin ich sehr erwar­tungs­freudig gespannt, weil ich Kraumes Filme mag, und Burghart Klaußner toll finde.
Jenseits dessen aber gibt es nur ein paar Filme in den Neben­reihen.
Wer jetzt glaubt, die seien alle in Venedig, den muss man enttäu­schen. Während letztes Jahr immerhin drei deutsche Filme in Venedig liefen (ich weiß, ich hab hier besonders gut reden, den Von Caligari zu Hitler war einer davon), gibt es in diesem Jahr keinen einzigen! Und für San Sebastian sieht es nach allem was man hört nicht viel besser aus.

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Das ist ein Problem. Denn woran wir alle, unab­hängig von unserem Geschmä­ckern und Vorlieben und unserer persön­li­chen Vorstel­lung von deutschem Kino ja inter­es­siert sein sollten, ist doch, dass der deutsche Film inter­na­tional wahr­ge­nommen wird, dass er inter­na­tional in den Hirnen der Nicht­deut­schen statt­findet. Mit natio­nalem Dumpfsinn hat das nichts zu tun, noch nicht mal mit Patrio­tismus. Sondern mit Eigen­in­ter­esse. Die deutsche Gesell­schaft selbst braucht den Dialog mit anderen Film­kul­turen, und wenn man will, dass das Kino hier besser ist, muss raus aus dem Schre­ber­garten, auf Festivals in anderen Ländern. Wenn sich kein deutscher Filme­ma­cher dem Blick der anderen und der Konkur­renz mit auslän­di­schem Kino stellt, wird hier zuhause nichts besser.
Insofern haben wir ein Problem.

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Schon in den letzten Jahren sah es bei inter­na­tio­nalen Festivals zunehmend schlechter aus. Deutsches Kino findet nicht mehr in der ersten Reihe statt, sondern nur in der zweiten oder dritten. Sprich: Bei nach­ran­gigen Festivals oder besten­falls in Neben­s­ek­tionen.
Mal ein Wenders hier, mal ein Petzold da, aber selbst der Glanz der Altmeister und die inter­na­tio­nale Attrak­ti­vität der Berliner Schule verblassen spürbar.
Man sieht an dieser erschüt­ternd schwachen Bilanz auch, dass man die Teilnahme am Wett­be­werb eines A-Festivals als als ernst­haftes Kriterium für Refe­renz­för­de­rung vergessen kann. Das ist nicht mehr als eine Sonn­tags­reden-Floskel. ein Feigen­blatt für Nichtstun. Funkt­ki­onäre und Politiker sagen dann gern: »Je, wenn die Filme nicht über­zeugen, ist das schade, aber es ist eben so«, um dann im nächsten Absatz ihrer Rede auf »die Stärke des deutschen Kinos« hinzu­weisen.
Die entspre­chenden Refe­renz­gelder gibt es zur Zeit allein noch für Berlinale-Wett­be­werbs­filme, womit man nicht nur Dieter Kosslick eine Macht als Förder­fürst gibt, die ihm nicht zusteht, sondern ein System subtiler Selbst­be­die­nung und Kumpanei etabliert, dass allen Betei­ligten peinlich sein müsste.

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Nicht nur wir mögen Sebastian Schippers Victoria, auch Kirsten Niehuus, die Förder­in­ten­dantin des Medien­boards Berlin-Bran­den­burg. Der war nämlich ihr Lieb­lings­ge­gen­bei­spiel­bei­spiel – ich glaube auch, ihr einziges – in einem Gespräch mit der Sendung »Fazit« im Deutsch­land­radio Kultur, in dem es aus Anlass der Locarno-Eröffnung ebenfalls darum ging, warum eigent­lich kaum mehr ein Film in inter­na­tio­nalen Wett­be­werben läuft. Niehuus schlug sich den schlechten Umständen entspre­chend gut. Das Gespräch belegt vor allem, dass jetzt allmäh­lich die schwe­lende Debatte über eine Reform der Film­för­de­rung auch öffent­lich ins Rollen kommt.
Das Gespräch sollte man sich unbedingt anhören, unter diesem Link kann man es abrufen.

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Den Verweis auf die Berlinale finde ich aller­dings falsch. Denn wenn die vielen deutschen Filme im Berlinale-Wett­be­werb eine zurei­chende Erklärung für die Abwe­sen­heit deutscher Filme in anderen A-Wett­be­werben wären, dann dürfte es ja logi­scher­weise keine fran­zö­si­schen Filme jenseits von Cannes und keine italie­ni­schen jenseits von Venedig geben. Es gibt sie aber zuhauf – drei Italiener in Cannes zum Beispiel. Und sind argen­ti­ni­sche, japa­ni­sche, öster­rei­chi­sche und dänische Filme nur deshalb inter­na­tional so stark, weil es bei denen zuhause kein A-Festival gibt?
Nein, die Ursachen liegen viel tiefer. Sie liegen in einer falsch konstru­ierten, einseitig an ökono­mi­schen Erfolgs-Erwar­tungen (Erwar­tungen!!! Hoff­nungen und Speku­la­tionen) orien­tierten und fern­seh­ver­seuchten Film­land­schaft und am Fehlen einer echten Film­kultur, die diffe­ren­ziert, streit­lustig, dabei offen und neugierig ist.

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Einen wichtigen Punkt hat die Kultur­staats­mi­nis­terin Monika Grütters erkannt und glück­li­cher­weise offen ange­spro­chen: Den unseligen Förder­tou­rismus, und die Tatsache, dass Produ­zenten zu Entschei­dungen gezwungen sind, die die Filme teurer machen und künst­le­risch kontra­pro­duktiv sind. Die zentra­lis­ti­scheren, mehr an Kultur und den Wünschen der Filme­ma­cher orien­tierten Systeme in Frank­reich, Dänemark und Öster­reich zeigen, wie man erfolg­reiche Kino begründen kann.

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Eine der größten Fehl­leis­tungen des jetzigen Film­för­der­ge­setzes ist, dass es in der Refe­renz­för­de­rung keinen Unter­schied zwischen Großen und Kleinen macht – einen echten Mittel­stand gibt es in unserer Film­land­schaft ja leider gar nicht, sondern nur verschieden kleine Firmen neben den Großen, die man an einer Hand abzählen kann. Im Ergebnis bekommen dann wegen der unseligen »Schwellen« die Großen alles Geld, und die Kleinen nichts – denn wer schafft heute schon 50.000 Zuschauer?
Mit einer Belohnung von ökono­mi­schem Erfolg hat das gar nichts zu tun. Denn oft ist ein Film in Prozent­sätzen gerechnet sehr erfolg­reich, obwohl er wenige Zuschauer hat. Zudem gibt es in der Vergan­gen­heit einige Beispiele für Filme in A-Wett­be­werben, die trotzdem dann nicht die Schwelle für Refe­renz­gelder erreichen.
Hier ist das System grund­sätz­lich faul.

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Jeder hat es mitbe­kommen: Die zweite und die dritte Macht des Staates streiten sich um die vierte. Ein Bundes­an­walt betreibt selber Politik, wirft das aber anderen vor. Er fordert eine Trennung von Politik und Recht – als ob sie möglich wäre. Poli­ti­sche Justiz: Man möchte von solchen Leuten nicht regiert und nicht geschützt werden.
Einmal mehr erlebt man an den Reak­tionen in der Affaire um BfV und »netz­po­litik.org« die Folgen des traurigen Erbe des Rechts­po­si­ti­vismus und der Natur­rechts­ver­ach­tung in Deutsch­land. Und fast in Verges­sen­heit gerät das Offen­sicht­liche: Unsere Geheim­dienste sind weder geheim noch dienen sie. Besser gesagt: Sie geben sich geheim vor den Bürgen und dienen den Mächtigen, aber nicht ihren Auftrag­ge­bern.

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Natürlich hat diese Affaire sowieso mit uns zu tun, weil wir alle Bürger sind. Sie hat aber auch mit uns als Medium zu tun: Internet-Autoren und Blogger sind auch Jour­na­listen, auch wenn das einigen nicht gefällt. Und alle Ansätze, die es leider auch in der deutschen Politik gibt, nicht nur in de Türkei des Popu­listen und De-facto-Diktators Erdogan, dazu, der Presse zu erklären, was sie darf und was nicht, worüber sie schreiben darf und worüber nicht, muss man bekämpfen – im Eigen­in­ter­esse. Und im Interesse einer funk­tio­nie­renden Öffent­lich­keit, die mehr denn je Infor­manten, Whist­leb­lower und den tugend­haften Verrat, ja eine Kultur des Verrats braucht.
Die BfV-Affaire hat auch mit dem deutschen Kino zu tun: Wer sitzt jetzt an einem Polit­thriller, der die Verfas­sung­s­chützer als Verfas­sungs­feinde zeigt? Die Whist­leb­lower als Helden allein gegen alle? Wer traut sich, das zu fördern und mit Fern­seh­ge­büh­ren­geld zu finan­zieren?

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Eine typisch deutsche Lach­nummer ist die plötz­liche Aufregung um die Betei­li­gungs­ge­sell­schaften unserer Fern­seh­sender. Musste da wirklich erst die FAZ mit einem Medi­en­wis­sen­schaftler kommen, damit wir erfahren, dass Produk­ti­ons­firmen und Fern­seh­sender »auf irrsin­nige Weise mitein­ander verwoben« sind? Das hat jetzt Harald Rau einer stau­nenden deutschen Öffent­lich­keit offenbart. Dann teilen es alle schön unkom­men­tiert auf facebook. Als wüssten wir nicht längst, dass es ist wie es ist.
Hier kann man alles nachlesen.

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Auch die Ukraine amputiert gerade einen Teil ihrer eigenen Kultur und Geschichte. In dem ach so freien, west­li­chen, welt­of­fenen Land, das in fünf Jahren EU-Mitglied werden möchte, hat das Kultur­mi­nis­te­rium zwei Listen mit Namen auslän­di­scher Künstlern veröf­fent­licht. Auf einer »schwarzen Liste«, die inzwi­schen dem ukrai­ni­schen Geheim­dienst übergeben worden ist, stehen die Namen von 117 Künstlern, die nach Ansicht des Kultur­mi­nis­te­riums von Kiew »eine Gefahr für die Sicher­heit der Ukraine« darstellen.
Diese Künstler dürfen nicht mehr in der Ukraine auftreten. Das ukrai­ni­sche Fernsehen darf keine Filme mehr zeigen, an denen sie beteiligt waren – gleich welchen Inhalts. So sind in der Ukraine jetzt viele Klassiker des sowje­ti­schen Kinos verboten, aber auch Filme mit Gérard Depardieu. Denn der fran­zö­si­sche Schau­spieler mit russi­schem Pass ist der promi­nen­teste der in Ungnade gefal­lenen Künstler. Zur Krise in der Ukraine hat er seiner­zeit erklärt, er liebe die Ukraine, aber für ihn sei nicht mehr als ein Teil Russlands.
Eine soge­nannte »weiße Liste« nennt Personen, die in der Ukraine ausdrück­lich will­kommen sind. Unter ihnen Arnold Schwar­ze­negger.
Zusätz­lich wurden in der Ukraine bis jetzt fast 400 russische Filme und Fern­seh­se­rien verboten. Will­kommen im neuen Europa!

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 112: Wie lässt sich Qualität bei einem Film erkennen?

Ein Film, bei dem man die »Qualität« gleich erkennt: Gia Coppolas PALO ALTO – Bestandteil des diesjährigen heißen & tollen Kinosommers…

Fragen für die Sommer­fe­rien, ein verrä­te­ri­scher Kommentar auf »Blick­punkt Film«, eine Pres­se­mit­tei­lung der Grünen, »neue Gewich­tungen« beim BR und zukünf­tige »Sender ohne Intendanz« – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 112. Folge

»Ihr jungen Leute solltet nie feige sein! Wenn ihr was sagen wollt, sagt es. Wenn ihr was tun wollt, tut es. Wenn ihr weinen wollt, weint!«
Ein alter Fischer in »Still the Water« (Futatsume no mado) von Naomi Kawase
Was für ein Monat, dieser Juli! Was für ein Kino­sommer. Ein toller Film jagt den nächsten, und trotz heißen und heißesten Sommer­wet­ters und trotz großer Ferien müssen Sie, geschätzte artechock-Leser, einfach folgende Filme sehen, wenn Sie sich selbst etwas Gutes tun und weiterhin ohne rot zu werden, morgens in den Spiegel gucken wollen: It Follows, Tokyo Tribe, ab dieser Woche Still the Water und irgendwie auch Palo Alto.
Über Letzteren werde ich hier noch mehr schreiben, für heute nur so viel:
Palo Alto ist der erste Film von Gia Coppola, der Tochter von Francis Ford Coppolas ältestem Sohn Gian-Carlo, der 1986 bei einem Boots­un­fall ums Leben kam, als seine einzige Tochter noch nicht geboren war. Trotzdem, betont Gia Coppola, habe sie ihren ersten Film ganz ohne Unter­s­tüt­zung der Familie gemacht. Auch wenn der Name gewiss nicht geschadet hat, glaube man ihr das sofort – und wenn nicht, ist es auch egal: Ein Coppola-Film, nach Kurz­ge­schichten von James Franco, der bei den Film­fest­spielen von Venedig 2013 Premiere hatte, und derzeit exklusiv in wenigen deutschen Kinos läuft. Nahezu zeit­gleich ist Palo Alto, eine großar­tige, bewegende Suburbia-Geschichte mit James Franco, Emma Roberts und Jack Kilmer, aber bereits jetzt auf DVD und Blue Ray erschienen: beim Label »Capelight Pictures«.
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In einem höchst unfair und zudem irre­füh­rend formu­lierten, einfach frechen Text macht sich »Blick­punkt Film« ein weiteres Mal zum Sprach­rohr der dümmeren Hälfte des deutschen Films.
Weiterlesen

»Grüne blasen zum Sturm auf die Film­för­de­rung« heißt es da. Und dann werden der medi­en­po­li­ti­schen Spre­cherin von Bündnis 90/Die Grünen, Tabea Rößner, »eklatante Schwächen in der Argu­men­ta­tion« vorge­worfen. Der Grund: Rößner hat offenbar das Tabu gebrochen, dass man öffent­lich nicht erwähnen darf, dass die soge­nannte wirt­schaft­liche Film­för­de­rung gar nicht wirt­schaft­lich ist, sondern dass es sich um versteckte Subven­tionen handelt.
Denn tatsäch­lich hat ja selbst unter den geför­derten deutschen Besu­cher­mil­lionären nur jeder fünfte Film in den letzten zehn Jahren die FFA-Projekt­film­för­de­rung zurück­ge­zahlt. Zudem fordert Rößner, dass die Film­för­de­rungs­an­stalt endlich ihre Zahlen offenlegt. »Gerade vor der anste­henden Novelle des Film­för­de­rungs­ge­setzes muss die FFA von unab­hän­giger Seite unter­sucht werden.« Das gefällt der Söld­ner­truppe von Blick­punkt Film natürlich nicht.
Statt­dessen folgt dann ein Ablen­kungs­an­griff offen­sicht­li­cher, trotzdem übler Sorte, der vor allem das Niveau dieses Magazins offenbart: »Versandt wurde die Pres­se­mit­tei­lung von Tabea Rößner von ihrem wissen­schaft­li­chen Mitar­beiter Frédéric Jaeger, der gleich­zeitig als geschäfts­füh­render Vorstand des Verbands der deutschen Film­kritik fungiert. Jaeger hatte zuvor bereits in ähnlicher Form im Vorfeld der Verlei­hung des Deutschen Film­preises in der Berliner Zeitung unter der Über­schrift ‘Syste­ma­ti­scher Betrug am Kino’ gegen die Film­för­de­rung gewettert.«

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Immerhin wurde die Erklärung Rößners nament­lich gekenn­zeichnet, was man vom erwähnten Blick­punkt-Film-Kommentar nicht behaupten kann.
Aber bei »Blick­punkt Film« haben sie es offenbar bitter nötig. Nach ihren Troll-Attacken gegen die deutsche Film­för­de­rung, die sie dafür verant­wort­lich machen wollten, dass deutsche Filme nicht in Cannes laufen, stürzen sich die Zombies des soge­nannten »Bran­chen­ma­gazin«, das tatsäch­lich laut eigenen Media­daten nicht einmal mit 4000 Exem­plaren gedruckt wird, (geschweige denn gelesen), nun etwas aggrohaft auf alle Kritiker der herr­schenden Verhält­nisse – anschei­nend möchte man sich bei den Anzei­gen­kunden lieb Kind machen.

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Manchmal fragt man sich ja, ob es »Blick­punkt Film« überhaupt noch gibt. Und, dann, gleich als nächstes, warum eigent­lich? Nach dieser reflex­haften Reaktion weiß man wieder warum. Obwohl die BF-Redaktion offenbar nicht merkt, dass eine derartige plumpe Reaktion eher ein Ritter­schlag für die Pres­se­mit­tei­lung der GRÜNEN ist.
Da fragt man sich eher, ob Blick­punkt Film womöglich neben dem diversen indi­rekten Spon­so­ring auch direkte Förder­gelder bekommt? Weil sie doch so viel tun für den deutschen Film?
Zur Sache hat der famose Kommentar im Übrigen nichts beizu­tragen.
Denn das eigent­liche Thema der Film­för­de­rung liegt woanders. Sieht man einmal von der bekannten und schlecht gelösten Frage des Verhält­nisses zwischen kultu­reller und wirt­schaft­li­cher Förderung ab, vergisst man einmal für Augen­blicke, dass kaum Geld in die kultu­relle Förderung fließt und fast alles in die wirt­schaft­liche, dann bleibt die Frage, ob denn Wirt­schaft­lich­keit überhaupt derzeit ein Kriterium ist? De facto spielt Wirt­schaft­lich­keit bei der exis­tie­renden Förderung nur dort eine theo­re­ti­sche Rolle, wo es um hohe Summen geht und viel Geld. Bei kleineren Projekten geht es nicht darum. Förder­schwellen jeder Art sind unfair. Filme, die mehr als ihre Herstel­lungs­kosten einspielen, sind natürlich erfolg­reich, aber was ist mit Filmen, die immerhin 80, 90 oder 95% ihrer Herstel­lungs­kosten wieder einspielen? Sie sind doch zumindest relativ wirt­schaft­lich – die Förder­ge­setze berück­sich­tigen das aber an keiner Stelle.

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Davon abgesehen hier noch mein Ceterum Censeo: Wirt­schaft­lich­keit ist völlig nach­rangig und meinet­wegen sollte gar nix zurück­ge­zahlt werden, wenn nur mal richtig gute oder inter­es­sante Filme raus­kommen. Das ist unser Problem.

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Eine öffent­liche Debatte über die Qualität des deutschen Films wollen die Berliner »Akademie der Künste« (www.adk.de) und der »Verband der deutschen Film­kritik« führen. Hierzu veröf­fent­lichten beide jetzt einen Aufruf, über den wir in den nächsten Wochen nach­denken werden müssen: »»Nach welchen Kriterien wollen wir Filme bewerten?« heißt es da, »Nach welchen Kriterien entscheidet das Publikum? Hat die Kritik einen anderen Zugang zur siebten Kunst? Was verstehen Produzent*innen, Regisseur*innen, Autor*innen, Cutter*innen, Schau­spieler*innen, Kame­ra­leute unter einem guten Film? Wie lässt sich Qualität bei einem Film erkennen? Was macht die Qualität eines Filmes aus?« Weiter heißt es: »Bitte nehmen Sie sich die Zeit, diese Frage bis zum 10. September auf höchstens einer halben Seite aus ihrer Sicht zu beant­worten und schicken Sie sie an die Akademie der Künste, Ulrike Roesen: (Aktiviere Javascript, um die Email-Adresse zu sehen)
Auch wir von artechock freuen uns über Antworten, und sie dürfen auch länger sein. Auszüge, viel­leicht auch ganze Texte, veröf­fent­li­chen wir gern und leiten sie auch an die Zustän­digen der adk weiter.

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Viel­leicht sagt uns schon das hier etwas über den Stand der Dinge: »Sehr geehrte Damen und Herren, er ist Kino- und Opern­re­gis­seur, Schau­spieler, Dreh­buch­autor, Libret­tist, Produzent – und jetzt moderiert er auch noch die Verlei­hung der FIRST STEPS Awards: AXEL RANISCH!
Wir freuen uns sehr, dass der unver­gleich­liche Axel Ranisch die 16. Verlei­hung der FIRST STEPS Awards am 14. September 2015 in Berlin im Stage Theater am Potsdamer Platz mode­rieren wird. Der Regisseur, Schau­spieler und Dreh­buch­autor Axel Ranisch, dessen Tragi­komödie Alki Alki gerade auf dem Filmfest München seine Welt­pre­miere feierte, war 2012 mit seinem legen­därem Abschluss­film »Dicke Mädchen« für den FIRST STEPS Award nominiert.
Musi­ka­lisch begleitet wird Axel Ranisch bei seinem Mode­ra­ti­ons­debüt vom deutsch-fran­zö­si­schen Under­ground-Pop-Duo STEREO TOTAL, in deren Musik sich Berliner genialer Dilet­tan­tismus und fran­zö­si­sches »Je m’en fous“ spiegeln. Françoise Cactus und Brezel Göring treffen zwar nicht den Geschmack der Mehrheit, das aber seit 20 Jahren und auf allen fünf Konti­nenten.
»FIRST STEPS ist ne ganz schön große Nummer. Mein Herz bubbert vor Freude und Stolz, vor Neugier und Nervo­sität. Dass ich meine geliebte Oma Ruth Bickel­haupt neben mir auf der Bühne weiß, beruhigt mich. Und mit unglaub­li­chem Glück erfüllt mich, dass ich mit zwei Idolen meiner Kindheit (neben Beethoven und Rach­ma­ni­noff) durch den Abend führen darf: Françoise Cactus und Brezel Göring von Stereo Total!« (Axel Ranisch)
Axel Ranisch wurde 1983 als dickes Kind zweier Leis­tungs­sportler in Berlin-Lich­ten­berg geboren. Mit 18 Jahren erkrankte er unheilbar am Virus Film. 2011 beendete er sein Regie­stu­dium an der Hoch­schule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babels­berg mit dem No-Budget-Spielfilm Dicke Mädchen (geschätzte Produk­ti­ons­kosten: 517 Euro), der weltweit zahl­reiche Preise gewann und für den FIRST STEPS Award nominiert war. Weitere Spiel­filme folgten bald: Ich fühl mich Disco, ReuberAlki Alki. Axel Ranisch war Mitautor der Rosa-von-Praunheim-Hommage  Rosa­kinder und Mitbe­gründer der Produk­ti­ons­firma »Sehr gute Filme«. Seit 2013 insze­niert er außerdem Opern und verkör­pert in der Krimi­reihe »Zorn« den fleißigen Krimi­nal­kom­missar Schröder.«
Der Deutsche Nach­wuchs­preis FIRST STEPS wurde 1999 als private Initia­tive der Film­wirt­schaft von den Produ­zenten Bernd Eichinger und Nico Hofmann ins Leben gerufen. Er wird heute veran­staltet von der Deutschen Film­aka­demie e.V. mit Unter­s­tüt­zung der vier Grün­dungs­partner UFA FICTION, Mercedes-Benz, ProSie­benSat.1 TV Deutsch­land und Spiegel TV. Allen gemeinsam ist der Wunsch, den Film­nach­wuchs sinnvoll und effektiv zu fördern.
Bei Fragen oder Inter­view­wün­schen wenden Sie sich gerne an unsere betreu­ende Pres­se­agentur SCHMIDT SCHUMACHER.
Weitere Infor­ma­tionen finden Sie unter www.first­s­teps.de.

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Der Süddeut­schen tropfte fast der Speichel aus dem Mund vor Erregung: »Kurz vor seinem Tod« hechelte es, »plante Bernd Eichinger, Groß­träumer des deutschen Kinos, noch eine radikale Version des Nibe­lun­gen­lieds. Vier Seiten aus seinem unver­filmten Drehbuch »Zorn«.
Mein Gott! Erschüt­tert wischten wir die Brille ab und lasen weiter, dass Eichinger »schon in der Film­hoch­schule« das Skript »Der Morgen von Walhalla« verfasste. Mitte der Sieb­zi­ger­jahre gab er das Projekt zunächst auf und ließ es ruhen. Offenbar wusste er schon, dass ihn die Götter durch die Urgründe deutscher Geschichte, durch Unter­gänge und Baader-Meinhof-Morgen­röten führen würden, bevor sie ihn noch einmal schreiben ließen: »Erst 2010 setzte er sich wieder daran, berichtet seine Witwe Katja Eichinger« – die, gar nicht wissen kann, ob er nicht auch in den Jahren zwischen 1974 und 2009 auch schon mal dransaß – »und schrieb ein neues Drehbuch mit dem Titel »Zorn«, dessen erste vier Seiten wir hier abbilden – Faksimile einer unda­tierten, nicht finalen Arbeits­fas­sung aus dem Bestand der Deutschen Kine­ma­thek.« Unglaub­liche Enthül­lungen folgen: »Das schöne Gesicht einer Frau BRUNHILD, ca 35. Sie sieht uns aus magisch anmu­tenden tief­blauen Augen
DIREKT an. Ihr flachs­far­benes helles Haar ist zu dicken Zöpfen geflochten: »(Brunhild, bestimmt) Der Beginn birgt das Ende und das Ende den Beginn« So gehts los, das Drehbuch »Zorn«, das das Herz des SZ-Erzählers erobert hat, und ihn zu dem Satz motiviert: »Das ist Eichinger pur, direkt und schnör­kellos, schwel­ge­risch, feti­schis­tisch … Es geht um Radi­ka­lität, Maßlo­sig­keit, sehr viel Kampf und Tod…«
Man würde das Drehbuch gern lesen – es klingt eher wie Courths-Maler-Kitsch, ich kann nicht glauben, dass Eichinger solche Sätze verfilmt hätte.
Und ja, so soll das deutsche Kino sein: pur, direkt und schnör­kellos, schwel­ge­risch, feti­schis­tisch, radikal, maßlos. Aber wann wären das Eichin­gers Filme je gewesen?

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Ungleich gespannter erwarten wir am Freitag die Premiere der Nibe­lun­gen­fest­spiele in Worms, erstmals unter der Intendanz von Filme­ma­cher Nico Hofmann. Gegeben wird das Stück »Gemetzel«, das der Münchner Autor Albert Oster­maier schrieb, insze­niert wird es von Regisseur Thomas Schadt. Eine spannende Kombi­na­tion und Verschmel­zung von Film und Theater. Und bestimmt weniger schwülstig, als die magisch anmu­tenden tief­blauen Augen von Eichin­gers Brunhilde mit ihrem flachs­far­benen hellen…«

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Dem öffent­lich-recht­li­chen Rundfunk, also dem Radio geht es gut. Eigent­lich. Aber während die Media­daten gerade auch anspruchs­volle Radio­re­dak­tionen in ihrem Beharren auf Qualität uner­wartet stärken, wird bei einem bestimmten Sender abgebaut: dem Baye­ri­schen Rundfunk (BR). Bei BR-Mitar­bei­tern herrscht schon seit einiger Zeit Unruhe über die soge­nannte »Programm­re­form«, der eine Struk­tur­re­form um das Wort »Trime­dia­lität« herum beige­mischt wird. Denn das schöne alte Wort Reform, das einmal Aufbruch, Fort­schritt und Besserung verhieß, ist längst zum Codewort für das allge­meine Down­si­zing verkommen.
Beim BR sieht das mit der Reform dann so aus: Die in der Kino­branche hoch­an­ge­se­hene bisherige Fern­seh­di­rek­torin Bettina Reitz verließ über­ra­schend den Sender – nach nur fünf Jahren. Offenbar spielte es keine Rolle, dass sie viele Film-Preise nach München holte. Grund war nach allem was man hört, dass Wilhelm für sie nach der Struk­tur­re­form keinen Platz mehr hatte. Jetzt wird sie Präsi­dentin der Münchner Hoch­schule für Fernsehen und Film und kann beweisen, dass sie nicht, wie natürlich auch vom BR gestreut wird, »in allem geschei­tert« ist.

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Überall wird der Rotstift angesetzt. Die Redak­tionen müssen drei Prozent ihres Budgets einsparen, bei stei­genden Kosten und stei­genden Gebühren. Denn die sprudeln wie ein Fass beim Stark­bier­an­stich. 1,5 Milli­arden Euro Über­schuss werden aus der »Haus­halts­ab­gabe« genannten Rund­funk­ge­bühr bis Ende 2016 erwartet. Doch das Geld liegt derzeit nicht bei den Sendern, sondern auf einem Sonder­konto.
Das dient BR-Intendant Ulrich Wilhelm als – will­kom­mener? – Vorwand für eine radikale Umge­stal­tung des Senders. Gekürzt wird auch vom CSU-Mann Wilhelm einmal mehr bei der Kultur: Offiziell wird zwar von »neuen Gewich­tungen« gespro­chen, de facto aber geht es den letzten Lite­ra­tur­sen­dungen des Baye­ri­schen Fern­se­hens an den Kragen, »Lese­zei­chen« und »Lido« sollen zum Ende des Jahres einge­stellt werden.
Gegen die Abschaf­fung richtet sich jetzt eine Petition von Autoren, Kultur­jour­na­listen, Verlags­leuten, Buch­händ­lern und Lite­ra­tur­in­ter­es­sierten. Hier
kann man unter­schreiben
. Es muss schnell gehen, bereits an diesem Donnerstag, 30. Juli, soll im Rund­funkrat darüber entschieden werden.

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Eine weitere »neue Gewich­tung« betrifft den Kanal BR Klassik. Die Philo­so­phin und Jour­na­listin Carolin Emcke berich­tete in ihrer SZ-Kolumne vom Samstag darüber, dass es einen BR-Beschluss gibt, nachdem BR-Klassik seine KW-Frequenz zugunsten des BR-Jugend­pro­gramms »Puls« verlieren soll. Was irgendwie lustig ist, weil gerade die Kids doch angeblich alle Digi­tal­funk und Inter­ne­tradio hören, nicht Old-School-UKW.
Viel los ist aber offenbar nicht beim mit unglaub­lich viel Gebüh­ren­geld propa­gierten Digi­tal­funk. Bislang hören gerade mal 2, 1 Prozent der baye­ri­schen Bevöl­ke­rung digitales Radio.
Emcke fasst zudem alle Gründe zusammen, die klar machen, was für ein Wind beim BR weht, und wie der Sender seinen – nicht ökono­mi­schen, sondern kultu­rellen, sozialen und poli­ti­schen – Auftrag mit Füßen tritt. Treffend schreibt sie über das »kaum verhoh­lene ökono­mi­sche Kalkül, mit dem Jugend­kanal die soge­nannten werbe­re­le­vanten Ziel­gruppen anzu­spre­chen«, und dass dies kein rele­vantes Kriterium für eine öffent­lich-recht­liche Anstalt sein sollte. Sie schreibt über den »Fetisch der Quote (oder seine rheto­ri­sche Hülle: die Reich­weite)«.
»Quantität bezeugt an und für sich erst einmal nur Quantität. Sonst nichts. Es entspricht in Wirk­lich­keit auch nicht dem an die Gebüh­ren­fi­nan­zie­rung gekop­pelten Bildungs­auf­trag, das eigene grandiose Programm (und die Redak­teu­rinnen und Redak­teure, die es erstellen) absicht­lich in die kultu­relle und gesell­schaft­liche Bedeu­tungs­lo­sig­keit zu exilieren. Warum ein anspruchs­volles Programm nicht auch als ökono­mi­sche Strategie gedacht werden kann, wo es doch das ist, wofür die
Sender bezahlt werden, bleibt ein Rätsel.«

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Und schließ­lich kommt das Kern­ar­gu­ment, das über den BR hinaus gerade auch fürs Fernsehen gilt: Dass die Sender sich, offenbar ohne es zu merken, oder – schlimmer noch – sehenden Auges gerade selbst abschaffen. Denn Emcke schreibt auch, was passiert, wenn sich der Baye­ri­sche Rundfunk nicht noch einmal besinnt und sich der eigenen Stärken beraubt: »Ansonsten braucht es von 2018 an womöglich einfach einen Piraten-Sender für klas­si­sche Musik. Er könnte »Radio Freie Klassik« oder »Cool Classic Republic« oder »Sender ohne Intendanz« heißen und klas­si­sche Musik in all ihrer beglü­ckenden Schönheit, aber auch subver­siven Kraft zeigen. Ein kreativer, lebendig-anspruchs­voller Piraten-Sender für alle Gene­ra­tionen, der, wie Hans Blumen­berg es einmal in seinen »Begriffen in Gedanken« formu­liert hat, Bildung nicht als »Arsenal« begreift, sondern als »Horizont«.

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Nächste Woche in Locarno werden wir unseren Freund und Kollegen Ugo Brus­aporco wieder­sehen. Zuvor hat der italie­ni­sche Tausend­sassa aber auch noch sein eigenes Festival über die Bühne gebracht, das »San Giò Verona Video Festival«, dem er als »direttore e fondatore« vorsteht. Auch Verona meldet Ugo unter anderem folgende Preise: Beste Kurzfilm-Regie für Hinde Boujemaa und Et Romeo épousa Juliette (Tunisien/Belgien 2014), der offenbar ganz besonders nach Verona passt, »for the clever ironic game, between lightness and gravity, in portraying an intimate situation and social of great urgency.«
Bester Film wurde L’ultima voce, Guido Notari von Enrico Menduni (Italia, 2015). Begrün­dung: »Through the story of a »voice«, the film reveals the traces of conti­nuity between the Fascist Italy and that Repu­blican, inves­ti­ga­ting the rela­ti­onship between media and power, up to question the current tech­no­lo­gical revo­lu­tion.«
Und den Preis mit dem besonders hübschen Titel: »Premio SOAVE WAYS« (For the film that best expresses the sweetness of life) bekam Picking the musical von Gerard Veltre und Simon Green (Australia, 2014), »A delicate film that takes place in the vineyards of an Austra­lian farm and that is a hymn to the joys of life: love, music, wine, frien­dship, communion and the mixture of people.«

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 108: Seismographen der Gegenwart

Durch den Rost der Massenabstimmung gefallen: Geliebte Schwestern von Dominik Graf – © Senator Film Verleih

Lehren aus dem Filmpreis, das anste­hende Münchner Filmfest und wer entscheidet eigent­lich über den deutschen Film – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 108. Folge

»Es sind doch die Filme­ma­cher, die die Filme machen! Oder?« so fragt keck und leicht rheto­risch der Verband der deutschen Film­kritik (VDFK) und das ausge­rechnet noch auf dem Filmfest München, dem Festival mit der aller­meisten Bran­chen­nähe.
An diesem Samstag (27.06.) findet im Rahmen des 33. Filmfests München ein vom VDFK veran­stal­tetes Panel zur deutschen Film­pro­duk­tion statt, das unter der Leitfrage steht: »Wer entscheidet über den deutschen Film?« (Ab 11 Uhr, in der Black
Box im Gasteig (Rosen­heimer Str. 5, 81667 München), immerhin der Eintritt ist frei.)
Die Frage ist berech­tigt. Denn natürlich sollten die Filme­ma­cher entscheiden, also Regis­seure, Autoren und unter Umständen noch die Produ­zenten. Aber jeder weiß, dass in Deutsch­land viel mehr mitreden, wenn Filme gemacht werden. Viel­leicht sind es genau diese vielen Köche, die den Brei verderben, viel­leicht ist es das mangelnde Vertrauen, umgekehrt das gras­sie­rende Miss­trauen, dass noch eine
Dreh­buch­fas­sung, noch einen Erzähl­strang und doch noch einen Star verlangt, damit der Film auch »sicher« ein Erfolg wird, das verhin­dert, dass der deutsche Film je abhebt, und mehr Filme entstehen, wie Sebastian Schippers Victoria. Weiterlesen

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»In Deutsch­land hat man es nicht gern, wenn Freunde zusammen Filme machen«, sagt Franz Müller, der mit seinem neuen Film im Programm des Filmfest München vertreten ist, und an der Debatte teilnimmt. Gleich­zeitig kommt nächste Woche Müllers letztes Werk, die Film-im-Film-Komödie Worst Case Scenario ins Kino. Bereits diese Woche war Müller auf dem Festival des deutschen Films in Ludwigs­hafen. Zu den Produk­ti­ons­ver­hält­nissen im deutschen Film zog er beim dortigen Filmtalk zu seinem Film den Vergleich mit den USA: »Da machen Freunde mit Freunden Filme. Und nur unter Freund­schafts­be­din­gungen gibt es genug Vertrauen, um sich zu öffnen. Vertrauen kommt einem Film zugute.« Das habe man in Deutsch­land noch nicht begriffen, sagt Franz Müller: »Da bekommt man dann zu hören: ‘Du willst ja nur mit Deinen Freunden einen Film machen.’«
Als ob wir es nicht alle besser wüssten, nicht wüssten, dass Fort­schritte im Kino immer aus Gruppen und Zusam­men­hängen geboren wurden, aus persön­li­chen Bezie­hungen zwischen Regis­seuren, Dreh­buch­au­toren, Produ­zenten und Schau­spie­lern: Man denke an die »Hongkong New Wave«, an »New Hollywood«, an die »Nouvelle Vague«, an den italie­ni­schen »Neorea­lismus« oder in Deutsch­land an einen Film wie Menschen am Sonntag von 1929, für den gleich fünf Regis­seure verant­wort­lich waren.

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Eine Gruppe ist natürlich nicht mit einer diffusen Menge zu verwech­seln: Viel­leicht ist es also genau dieses dauernde Rein­ge­quat­sche und Mitges­abbel der Redak­tionen und Förder­gre­mien, die die deutschen Filme schlechter machen, als sie sein müssten.
Das VDFK-Panel jeden­falls fragt, ob die wahren Entscheider des deutschen Films nicht viel­leicht woanders sitzen, als unter den Filme­ma­chern, ob Produ­zenten und Regis­seure nicht Mario­netten sind, die von unsicht­baren Puppen­spie­lern in öffent­lich-rechtlich finan­zierten Büros gesteuert werden.
»Welche Einflüsse hat die Förderung, welche Rolle spielen Fern­seh­sender, wie wichtig sind Publikum und Film­kritik?« Sogar nach »Geschmack und Lust…, Bildung und Inter­essen« wird gefragt. »Wer entscheidet, dass es so sein soll, wie es ist?« Denn der VDFK zumindest glaubt: »Der deutsche Film kann noch viel besser sein.«
Hinter­grund von all dem bildet auch die anste­hende FFG-Novelle.
Unter der Mode­ra­tion des hoch­ge­schätzten Carlos Gers­ten­hauer von »BR Kino Kino« disku­tieren Cornelia Ackers, BR-Redak­teurin und eine der besten, inter­es­san­testen Fern­seh­ma­che­rinnen, Carl Bergen­gruen, der neue Geschäfts­führer der MFG Film­för­de­rung Baden-Würt­tem­berg (und Ex-SWR-Redakteur und Studio-Hamburg-Chef), Christoph Gröner vom Filmfest, Frédéric Jaeger, von critic.de und VDFK-Vorstand, sowie wie erwähnt Franz Müller, Regisseur, Dreh­buch­autor und Produzent in Perso­nal­union,
damit wenigs­tens einer von der kreativen Seite auch vertreten ist.

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Das alles ergibt dann im Zusam­men­spiel jene »Diktatur des Mittelmaß«, über die Lars Henrik Gass, Leider der Kurz­film­tage Ober­hausen in der FAZ vor einigen Wochen geschrieben hat. Unter dem Titel lief auch ein Radio-Streit­ge­spräch in der Reihe des SWR 2 »Forum«, bei dem ich das Vergnügen hatte, mit Klaus Schaefer, Leiter des FFF Bayern eine knappe Stunde live über die deutschen Film-Zustände zu streiten.
Ich muss da meinem Kontra­henten ein Kompli­ment machen: Schaefer war gut vorbe­reitet, und hat geschickt argu­men­tiert,
auch manchen Hügel gleich frei­ge­geben zugunsten einer Art Front­be­gra­di­gung. Für mich über­ra­schend war, dass Schaefer in den ersten Minuten schon die wirt­schaft­liche Film­för­de­rung quasi komplett über Bord warf, als ob das nicht gerade in Bayern eine Rolle spielen würde.
Für mich über­ra­schend war auch, wie kämp­fe­risch Schaefer war, wie oft er mich auch unter­brach – da hatte ich ihn zuge­ge­be­ner­maßen vorab für passiver, bequemer, und auch satu­rierter gehalten.

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Vergeben wird in München auch der »Siegfried Kracauer Preis für Film­kritik«. Man darf gespannt sein, ob die dies­jäh­rigen Preis­träger auch Kracauers Abspruch erfüllen können, dass gute Film­kritik wie ein Seis­mo­graf der Gegenwart funk­tio­nieren muss. Film­kritik sollte konkret sein und den Mut zu Aussagen haben, über die man streiten kann. Film­kritik ist keine Film­wis­sen­schaft und sollte auch nicht mit ihr verwech­selbar sein. Zumal die derzei­tige Film­wis­sen­schaft, jeden­falls in Deutsch­land, sich doch sehr in ihren eigenen Elfen­bein­turm zurück­ge­zogen hat, dort gern sitzen bleibt und, sowohl sprach­lich als auch in den Kate­go­rien, mit denen sie arbeitet, »Glas­per­len­spiele« betreibt.
An Kracauers Person kann man hingegen zeigen, wo genau heute das Manko liegt: Gute Film­kritik ist immer auch politisch und gesell­schaft­lich relevant. Wenn sie nur ästhe­tisch ist, dann wird sie ästhe­ti­zis­tisch. Natürlich kann man einen Film immer so angucken, als ob er jenseits poli­ti­scher, kultu­reller, sozialer und zeit­geist­li­cher Umstände gemacht wurde. Aber das ist eben nur die eine Seite eines Kunst­werkes. Insofern macht es sehr viel Sinn, dass der neue Preis, der erst seit Ende 2013 vom VDFK zusammen mit der MFG vergeben wird, Kracauer-Filmpreis heißt, und nicht irgendwie anders.

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Sechs Bundes­film­preise für Victoria, das geht natürlich voll in Ordnung. Hoffent­lich hilft es dem Film, der in der ersten Woche mit 25.000 Zuschauern beschä­mende Zahlen »gemacht« hatte. Beschä­mend jeden­falls ange­sichts der Qualität des sehr unge­wöhn­li­chen Film und seiner Werbe­kam­pagne.
Ande­rer­seits hat der Verleih diesen schwachen Start selbst zu verschulden:
Es war ein Fehler, dauernd über die »eine Einstel­lung« zu reden, den Film über seine Technik zu vermarkten, statt über Drama und die großar­tigen Schau­spieler. Wer geht schon in einen Film, weil er in einer Einstel­lung gedreht ist? Die Machart ist eher ein Thema für Seminare.
Falsch ist es auch, dass der Verleih den Film den Programm­kinos erst in der zweiten Start­woche gegeben hat, und Victoria zuerst im Cineplexx gespielt wurde. Nur ein Beweis, dass der Verleih seinen eigenen Film nicht verstanden hat. Immer wieder wundere ich mich über solche für noch schwer vers­tänd­liche Entschei­dungen. »Victoria« ist ein Film, der nicht von selber geht, der die Pflege durch gute Kinos braucht. Programm­kinos eben. Sebastian Schipper musste darunter leiden.

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Der Filmpreis war wieder im Palais am Funkturm, das war schon mal richtig. Weit weg von der City, aber ein guter Ort. Zurück ins alte West-Berlin, weg von den Touris in Mitte. Da gehört der deutsche Film eher hin, als zu den Go-go-Girls in den Fried­rich­stadt­pa­last.
Neben Victoria war wieder viel Quatsch nominiert. Filme, die keines­falls die Preise hätten bekommen dürfen. Das Haupt­pro­blem des Film­preises sind aber ja gar nicht die Nomi­nierten, sondern die, die bei der Massen­ab­stim­mung durch den Rost gefallen sind. Dass Die geliebten Schwes­tern von Dominik Graf und Phoenix von Christian Petzold schlechter sein sollen, als Wir sind jung. Wir sind stark., Jack und Zeit der Kanni­balen ist natürlich eine absurde Vorstel­lung.

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Die »Staats­mi­nis­terin für Kultur und Medien« Monika Grütters sagte bei der Verlei­hung dann ein paar inter­es­sante Dinge: »Großes Kino« defi­nierte sie geschickt als »Leiden­schaft. Mut. Sensi­bi­lität. Ausdrucks­stärke. Expe­ri­men­tier­freude.« Das seien »Qualitäten, die Filme zu Kunst­werken machen. Diese Qualitäten zeichnen wir mit dem Deutschen Filmpreis aus«. Der mit insgesamt 3 Millionen Euro höch stdo­tierte Kultur­preis des Landes werde an Ideen verliehen. Und dann: »Deshalb ist
es wichtig, dass nicht nur die Maxi­mie­rung des Ertrags, sondern auch der Mut zum Expe­ri­ment gefördert wird. Nicht zwangs­läufig gefallen zu müssen – das ist künst­le­ri­sche Freiheit, und darum geht es bei der kultu­rellen Film­för­de­rung, die für den deutschen Film nicht weniger wichtig ist als die wirt­schaft­liche.«

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Ob die deutschen Filme des Filmfest München dem gerecht werden? Mal abwarten. Auch dort wird nominiert. Die Jury ist in diesem Jahr die inter­es­sante Mischung aus dem Produ­zenten Peter Rommel (Feucht­ge­biete), der Schau­spie­lerin Johanna Wokalek (Die Päpstin) und Regisseur und Schau­spieler Sebastian Schipper (Victoria). In der Preis­an­kün­di­gung macht das Filmfest vor lauter Stolz gleich Jan-Ole Gerster gleich auch zum Gewinner obwohl Oh Boy ja gerade nicht als bester Film oder beste Regie gewann, sondern nur fürs Drehbuch.
Aber egal, so kleinlich wollen wir nicht sein. Schliess­lich geht’s um 70.000 Euro.

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Nachdem der unter­schied zwischen Fernsehen und Kino eh schon immer mehr aufge­weicht wird, gibt es nun auch »Tatort« im Kino: Unter dem Arbeits­titel Kino­tatort Hamburg drehen Til Schweiger und Christian Alvart einen Krimi für die große Leinwand. Andreas Dresen dreht jetzt endlich auch mit der Constantin. Der Kinder­buch­klas­siker »Timm Thaler« wird neu verfilmt.

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43 Prozent des Haupt­pro­gramms der ARD werden mit fiktio­nalen Programmen gefüllt. Jetzt nehmen die Prozent­zahlen noch zu – oder war »Günther Jauch« schon immer Fiktion? Jeden­falls trotz des behaup­teten Infor­ma­ti­ons­ge­halts keine doku­men­ta­ri­sche Sendung. Die sind mit weniger als zehn Prozent im Programm vertreten. Wenn Jauch jetzt verschwindet und »Anne Will«, die man im Gegensatz zu Jauch gern sieht, wieder an ihren Ursprungs­platz zurück­geht, wird der frei­ge­wor­dene
Mittwoch für noch mehr Fiktion verwendet. »Mit dieser Program­ment­schei­dung unter­gräbt die ARD ihre eigenen Bemühungen zur Außen­dar­stel­lung ihrer Doku­men­tar­film-Kompetenz.« findet Thomas Frickel, Vorsit­zender und Geschäfts­führer der »Arbeits­ge­mein­schaft Doku­men­tar­film«.
Die ARD habe eine Chance vertan, »die falschen Verspre­chungen wett­zu­ma­chen, mit denen sie bei Einfüh­rung der »Talkshow-Leiste« 2010 die Öffent­lich­keit täuschten: das Mengen­gerüst doku­men­ta­ri­scher
Sendungen, so hieß es damals, bleibe unver­än­dert.«
Die AG Dok nimmt das zum Anlass, die ARD und ihre Zuschauer mit Zahlen zu konfron­tieren. Daraus gehe hervor, so Frickel, »wie sich der öffent­lich-recht­liche Rundfunk schritt­weise von seinem Infor­ma­ti­ons­auf­trag verab­schiedet«.
Auf der Website der AG Dok (www.agdok.de) kann man die Zahlen nachlesen und belieb verwenden. Die Lang­fas­sung steht unter: http://agdok.de/de_DE/das-gebro­chene-wort

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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SMS: Love Shorties – Das Festival des Liebesfilms
3. Juli im Mathäser Filmpalast

Filmt Euch, zeigt Euch, präsentiert Euch! SMS: Self Made Shorties – Das Festival der Showreelhits geht in die dritte Runde! Wieder heißt es: Wartet nicht auf die Szene, die Ihr für Euer Showreel benutzen könnt, sondern nehmt die Kamera selbst in die Hand – setzt Euch selbst in Szene in Eurem eigenen Shorty. Auf ausgefeilte Filmtechnik kommt es nicht an, sondern auf Eure Kreativität, Spontanität, Fantasie, Initiative, Persönlichkeit. Und das wollen wir dann auch feiern: mit einer Auswahl von 15 Shorties, die wir im Rahmen des Int. Münchner Filmfestes 2015 am 3. Juli um 14.00 Uhr im Mathäser Filmpalast zeigen, und mit einem anschließenden Get Together!

Das Motto diesmal: SMS – Love Shorties – Das Festival des Liebesfilms

Liebe – ein großes Thema: was oder wen, mit wem? Tragisch wie DIE „Love Story“,
dramatisch, katastrophal, neurotisch, sehnsuchtsvoll, erfüllt oder
unerhört. Verliebt, verlobt, verlassen, zu zweit, zu dritt, allein oder zu
zweit allein…

Zwei Regeln – mehr nicht:
* Einsendeschluss einhalten: Mittwoch, 10. Juni 2015, 12.00 Uhr Mittag.
* Länge des Love Shorties nicht über 3 Minuten.

Sehen und gesehen werdendas Festival:
15 Love Shorties werden von der Fachjury ausgewählt und am Freitag, 3. Juli 2015, um 14.00 Uhr im Rahmen des Münchner Filmfestes im Mathäser München groß präsentiert – und gefeiert. Das Publikum wählt seine drei Lieblings-Shorties.

Preise für die drei Lieblings-Shorties gibt’s auch:
1. Preis: 5 Jahre Premium Member video+ und 1 Jahr Premium-Bereich von casting network mit cast-box.
2. Preis: 3 Jahre Premium Member video+ und 1 Jahr Premium-Bereich von casting network mit cast-box.
3. Preis: 2 Jahre Premium Member video+ und 1 Jahr Premium-Bereich von casting network mit cast-box.
Anmerkung: Bei Teamarbeiten bis zu 3 Beteiligten gelten die Preise für alle 3. Sind mehr Schauspieler beteiligt, werden die Preise für 3 auf alle aufgeteilt.

Alle übrigen 12 ausgewählten Love Shorties: 1 Jahr Premium Member video+ für jeden am Love Shorty beteiligten Schauspieler.
Alle nominierten Shorties bleiben auf schauspielervideos abrufbar.

So kommen Eure Shorties zu uns: Bitte ladet Euren fertigen Film hier hoch: https://ssl.schauspielervideos.de/ecasting/bewerbung/sms-love-shorties-das-festival-des-liebesfilms-love-shorty
(Hinweis für Schauspieler, die gemeinsam ein Shorty machen: Bitte nur einmal anmelden und den Weg zur Einreichung ohne Profil wählen. Bei allen Pflichtangaben (wie z.B. Geschlecht) bitte eine Option frei wählen. Die Namen (Vor- und Nachnamen zusammen) der beteiligten Schauspieler/-innen mit Kommas getrennt in das Feld für „Vorname“ oder „Nachname“ eintragen. Dabei wenigstens einen Namen in das andere Feld eintragen, damit beide Namensfelder gefüllt sind. Und bitte eine E-Mail-Adresse angeben, unter der die Einreichung für das gesamte Team abgewickelt wird. Als Foto am besten ein Gruppenbild hochladen. In der Nachricht an das Casting-Team sollten die Namen den Rollen zugeordnet werden bzw. kurz beschrieben werden, wer was macht.)

Die Auswahl. Alle Einsendungen werden auf einen Server hochgeladen und sind nur für die Jury einsehbar. Aus den Einsendungen wird eine Vorauswahl getroffen und diese zusätzlich in einer gemeinsamen Jurysitzung gesichtet, um die 15 Finalisten zu ermitteln.

Die Jury (Stand 04.05.15):
Jule Ronstedt – Schauspielerin
Anna Ewelina – Schauspielerin
Alexander Held – Schauspieler
Iris Baumüller – Casting Director, Köln, Die Besetzer
Rebecca Gerling – Casting Director, Hamburg, Network Movie
Mai Seck – Casting Director, Berlin
Daniela Tolkien – Casting Director, München
Charlotte Siebenrock – Casting Director, Berlin, UFA Serial Drama
Birgit Metz – Redakteurin, BR Spielfilmredaktion
Ewa Karlström – Produzentin, SamFilm
Uli Aselmann – Produzent, die film gmbh
Oliver Haffner  – Regisseur
Nadine Wrietz – Schauspielerin und Siegerin des SMS-Festivals 2011
Florian Hacke – Schauspieler und Sieger des SMS-Festivals 2013

Was ist ein Shorty? Ein selbstgemachter, kurzer Film, in dem man
sich selbst in Szene setzt und als Schauspieler/in präsentiert.

Für wen sind SMS – Self Made Shorties? Für alle, denen für ihr Showreel Material fehlt – dann ist unsere Devise: lieber selber machen – lieber selber etwas drehen und damit die Datenbanken bevölkern, als auf die große Gelegenheit, die tolle Rolle warten! Für diejenigen, die schon zig Rollen auf ihrem Showreel haben, können SMS eine sinnvolle Ergänzung sein: „Super, jetzt zeig‘ ich mal eine Seite oder Fähigkeit von mir, die noch keiner kennt.“ Nützen sollen SMS – Self Made Shorties allen, die Rollen besetzen: Casting Directors, Regisseuren, Redakteuren, Produzenten – weil man hier Persönlichkeiten entdecken kann und natürlichen den Schauspieler und die Schauspielerin für die richtige Rolle.

Wie sollen die SMS aussehen – gibt es technische Vorgaben? Wir wollen keine Vorschriften machen, außer: weitgehend selbst konzipiert und gemacht und nicht länger als drei Minuten! Man kann mit Videokamera oder Webcam oder mit dem Handy drehen.

Wer darf mitmachen? Professionelle Schauspieler und Schauspielstudenten einer staatlich anerkannten Schauspielschule ab dem zweiten Jahrgang, keine Altersbeschränkung.

Wann erfahre ich, ob ich in der Auswahl bin? Beim Festival am 03. Juli um 14:00 Uhr im Mathäser, München.

Wo gibt es Kinotickets für die Veranstaltung?
Kostenlose Tickets gibt es ab Mitte Juni hier: http://sms.crew-united.com

Noch eine Bitte: Verwendet Euer Love Shorty öffentlich erst nach dem Festival am 3. Juli, um die Spannung zu erhalten. Dann aber wo immer es geht!

Und hier noch einmal die nominierten Shorties von 2011 und 2013:
SMS Self Made Shorties 2011 – Die Nominierten
SMS Self Made Shorties 2013 – Die Nominierten

Casting Network wird wieder die Berichterstattung machen. Hier der Film über die Veranstaltung 2013:
SMS Self Made Shorties 2013 – Das Festival

Die Veranstaltung ist auch auf Facebook zu finden:
SMS Self Made Shorties 2015 auf Facebook

Kontakt für alle Anfragen rund ums Festival:
Bitte wendet Euch an schauspielervideos.
E-Mail: (Aktiviere Javascript, um die Email-Adresse zu sehen), Fon: +49.30 – 99 19 49 70

Wir danken für die großzügige Unterstützung der Pensionskasse Rundfunk, einem wichtigen Partner für das SMS-Festival, aber vor allem für die Altersvorsorge aller Filmschaffenden!

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Das 3. Self Made Shorties – Festival ist eine Veranstaltung von crew united & schauspielervideos in Kooperation mit casting-network und out takes, unterstützt von cinearte, corduafilm, dem Int. Filmfest München und cernodesign.

Konzeption und Beratung: ZAV Künstlervermittlung.

 

 

ZAV Künstlervermittlung Film / TV
Kapuzinerstr. 26,
80377 München
Tel +49 (0)89 381 707-19
mobil +49 (0)176 430 648 52
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Cinema Moralia – Folge 102: »Til, ich beneide Dich!!!«

Til Schweiger in Honig im Topf – © Warner Bros.

Die Guten ins (Honig-)Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen; aber besser kein Honig im Topf, als Nebel im Hirn: Die einsei­tige Erfolgs­hö­rig­keit des deutschen Films ist sein größter Fehler; und das Neueste von der dffb – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 102. Folge

»Ehrlich gesagt, Til, ich beneide dich darum, dass du weißt, wie es geht. Ich beobachte dich dabei und versuche zu lernen.« Also sprach Ralph Schwingel, erfolg­rei­cher deutscher Produzent, bei der Deutschen Film­aka­demie. Das Zitat ist vermut­lich schon ein paar Jahre her. Wir haben es ausge­graben, weil Schwingel diese Woche plötzlich und uner­wartet aus ganz anderen Gründen im Gespräch ist. Dazu weiter unten mehr.
Es erscheint uns aber inter­es­sant im Zusam­men­hang mit einem zweiten Statement.

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Das stammt von Medien­board-Chefin Kirsten Niehuus, und wurde uns von Studenten aus anderen Städten als Berlin (das muss man hier ja mal dazusagen) als Gedächtnis-Protokoll einer Rede über­mit­telt, die Niehuus am Studen­tentag während der letzten Berlinale gehalten hat, und über die sie als Menschen die den warm­her­zigen Berliner Ton nicht gewöhnt sind, doch etwas scho­ckiert waren. Zitate nicht ganz wort­wört­lich aber sinngemäß: »Wenn ihr Film­för­de­rung wollt, guckt doch mal, wo ihr zuhause seid und versprecht euch nicht zuviel von Berlin Bran­den­burg. … Ich guck ja eher so Formate wie ‘True Detective’ und ‘Big Bang Theory’, und ich will ja nicht so direkt dafür werben, dass alle nur noch Til-Schweiger-Filme schreiben, aber man muss sich schon fragen, warum der fünf Millionen Zuschauer hat, … es wäre schon gut, wenn man an sein Publikum denkt und auch fünf Millionen Zuschauer bekommt – und solche Stoffe möchte ich gerne auf meinem Schreib­tisch finden.
Über Genia­lität freuen sich die Eltern, nach der Ausbil­dung kommt harte Arbeit. …« Weiterlesen

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Allein über den letzten Satz, könnte man lange reden, und eine ganze Psycho­logie des deutschen Kunst­ver­hält­nisses und -vers­tänds­nisses entwi­ckeln. Genia­lität und Leich­tig­keit steht unter Verdacht, wenn es dagegen nach Männer­schweiß riecht, dann imponiert das offenbar. Dabei könnte sich doch auch eine Förder­chefin über geniale Stoffe freuen…

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Aber es geht uns um etwas anderes. Um dieses voll­kommen einsei­tige und – pardon! – verblö­dete Erfolgs­ver­s­tändnis der Film­branche. Was macht denn Til Schweiger richtig? Doch eigent­lich gar nicht so viel, außer dass er viele Zuschauer bekommt. Worüber man sich freuen kann, weil das den Kino­be­trei­bern hilft, worüber man nicht lamen­tieren muss, weil das ein Bestand­teil einer funk­tio­nie­renden Kino­kultur ist. Was man aber auch nicht anbeten muss.

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Schon klar, es heißt dann gern mal Kunst, Kunst, Kunst, Cannes, Cannes, Cannes. Aber am Ende des Tages zählen nur die Zuschauer. Oder große inter­na­tio­nale Auto­ren­fil­mer­namen.
Das aber ist das richtig schmer­zhafte grund­sät­z­liche Problem des deutschen Films: Dass alle so einseitig auf Zuschauer fixiert sind, (bzw. beim Fernsehen auf Quoten). Dass keiner fragt, womit die Quote gemacht wird, dass keiner wissen will, in welche Filme die Zuschauer gehen und warum, das ist die Armselige. Egal für was und womit, Haupt­sache, die Zahlen stimmen.

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Da schert sich dann auch niemand mehr darum, wozu Film­för­de­rung da ist. Folgt man nämlich den Gesetzen, dann geht es primär (!) nicht um Wirt­schaft­lich­keit, sondern um die – Film­för­de­rungs­ge­setz § 1(1) – »kreativ-küst­le­ri­sche Qualität des deutschen Films als Voraus­set­zung für seinen Erfolg im Inland und im Ausland«.

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Ich habe gar nicht so viel gegen Til Schweiger. Aber gegen diese Erfolgs­hö­rig­keit der anderen. Dass sie sich nicht schämen vor Schweiger so zu buckeln. Schweiger selbst dürfte so ein anbie­derndes Verhalten übrigens am meisten verachten. Und die Film­aka­demie will sich, soweit ich gehört habe, auch erst mal noch nicht in Til Schweiger-Akademie umbe­nennen.
Also habt doch bitte etwas mehr Rückgrat!
Natürlich ist Publikums-Erfolg ein Kriterium. Aber doch nicht das einzige! Und zudem muss dann zwischen kurz­fris­tigem Erfolg und lang­fris­tigem, nach­hal­tigem Erfolg diffe­ren­ziert werden, zwischen Filmen, die in fünf Jahren vergessen sind, und jenen die in zwanzig Jahren in Retro­spek­tiven laufen. Es muss auch zwischen inlän­di­schem und auslän­di­schem Erfolg diffe­ren­ziert werden, und zwischen Festi­val­er­folgen und Kassen­er­folgen. Es muss um Relevanz des Erfolges gehen, auch um Nach­hal­tig­keit.

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Aufge­schnappt von einer öffent­lich-recht­li­chen Redak­teurin: »Event­fern­sehen kann man ja nur mit Nico Hofman und mit Berben machen.« Na dann! Wenn man nur denen die Aufträge gibt, werden es die anderen auch nie lernen.

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»Film ist eine Operation, wo wir ganz viel Ungeduld für brauchen und ganz viel Geduld. Kein Mensch, der nicht leiden­schaft­lich ist, kann einen Film machen. Ich glaube trotzdem, man braucht auch das Stoische, man braucht auch das Genau-Hingucken. Und ich denke, es braucht in diesem Diskurs immer jemanden, der die Rolle spielt, sich zu fragen: Funk­tio­niert das auch?«
Auch das sagte Ralph Schwingel. Kann ich unter­schreiben. Aber bedeutet »funk­tio­nieren« nur: bei der Masse? Manche Filme funk­tio­nieren doch auch, wenn sie eine kleinere Gruppe erreichen – weil sie für diese Menschen gemacht sind. Und weil sie relativ wenig kosten.
Das wird nämlich immer übersehen: »Erfolg« ist relativ. Erfolg ist abhängig von Kosten für Produk­tion und Heraus­brin­gung. Zuschauer-Erfolg misst sich nie allein an der nackten Zahl der Kino­zu­schauer. Sondern am Verhältnis zur vom Verleih einge­set­zten Kopi­en­zahl und zur Menge der Vorstel­lungen und zum für Marketing und PR einge­set­zten Budget, sowie zum Produk­ti­ons­etat.

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Und: Hat die Masse denn immer recht? Kann das Publikum per se nicht irren? Kann man ein Publikum nicht bilden? Und hängen dessen Entschei­dungen nicht ab von Sehge­wohn­heiten und dem, was man früher mal Erziehung nannte. Frühere Gene­ra­tionen hätten beim Angucken eines Til-Schweiger-Films ein schlechtes Gewissen gehabt. Und dass sie sich heute nicht ganz andere Dinge mit gutem Gewissen rein­ziehen, ist nicht unbedingt ein Indiz für kultu­rellen Fort­schritt.

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Wie sich vergan­gene Woche schon ange­deutet hat, geht es jetzt tatsäch­lich an der dffb drunter und drüber. Man muss es hier für alle, die nicht so auf dem Laufenden sind, und das viel­leicht auch gar nicht sein möchten, nochmal knapp zusam­men­fassen: Ein neuer Direktor wird gesucht. Dafür gibt es ein Verfahren, das nicht zu dem von Berliner Politik und den im Hinter­grund agie­renden Funk­ti­onären der deutschen Film­branche gewünschten Ergebnis geführt hat. Zwei Kandi­daten, die man gern durch­ge­wunken hatte (um die unge­liebte Kandi­datin Sophie Maintigneux zu verhin­dern) wurden verschlissen, nicht zuletzt zu deren eigenem Schaden. Jetzt versucht man am Verfahren und der dffb vorbei einen dritten Kandi­daten, der sich bislang gar nicht beworben hatte, ins Amt zu hieven.
Das wirklich Bemer­kens­werte, Üble, und Unak­zep­table daran ist die Tatsache, dass die komplette (!) Studen­ten­schaft und die (zumindest offiziell) komplette Dozen­ten­schaft und die Studi­en­lei­tung der dffb alle an einem Strang ziehen, und dieses Verfahren nicht wollen, das ihnen von Außen aufge­zwungen wird – von einem Kura­to­rium, dem nicht ein einziger Regisseur angehört, aber zwei Fern­seh­re­dak­teu­rinnen (gegen die gar nichts zu sagen ist) und ein US-Main­stream­stu­dio­ver­leiher, Sony-Deutsch­land-Chef Martin Bachmann, der meines Wissen in seinem Leben noch keinen deutschen Studen­ten­film verliehen hat.

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Das war die Kurz­fas­sung. Letzte Woche hatten wir auf Björn Böhnings einseitig indus­trie­fi­xierte Rede aufmerksam gemacht. Heute wollen wir daran erinnern, dass der Mann eigent­lich die dffb-Findungs­kom­mis­sion führen sollte. Sein Verhalten in dieser Frage lässt einen mitunter an sinistre Verschwö­rungs­theo­rien glauben, dann wieder daran, dass der Mann schlicht über­for­dert ist.
Gefordert ist hier aller­dings sein Dienst­vor­ge­set­zter, der neue Berliner Regie­rende Bürger­meister Michael Müller. Der könnte Boehning zumindest mal darauf hinweisen, dass die dffb kein Spiel­platz zum Große-Politik-Üben ist.
Klar: Für Müller gibt es bestimmt wich­ti­gere Themen, als dieses hier. Aber ande­rer­seits hat es gerade die SPD nötig, kultur­po­li­tisch wieder einmal sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Flagge zu zeigen, und zu beweisen, dass man einen eigenen Kultur­be­griff besitzt, der mögli­cher­weise etwas mit sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Werten zu tun hat: Mit Frei­heit­lich­keit, Gerech­tig­keit, Demo­kra­ti­sie­rung, Trans­pa­renz. Durch­winken von oben herab ist nicht sozi­al­de­mo­kra­tisch, und Strip­pen­ziehen mit dem Kapital sollte es zumindest nicht sein.
Björn Boehning will natürlich in dert SPD noch Karriere machen, aber viel­leicht sollte man ihm mal zeigen, dass er das nicht tut, wenn er zum Toten­gräber der SPD-Gründung dffb und/oder ihrer Satzung wird.
Wo sind eigent­lich die Genos­sinnen und Genossen vom SPD-Kultur­forum?

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Und: Wo ist übrigens Pro-Quote-Regie bei dieser Debatte? »Frauen werden bei gleicher Quali­fi­ka­tion bevorzugt« heißt es in der dffb-Ausschrei­bung.

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Am Sonntag erreichte uns zunächst einmal eine Pres­se­mit­tei­lung der Studenten. Daran, wie knapp und kühl sie formu­liert war, war der Ernst der Lage erkennbar.
Die Studenten infor­mierten darin über Böhnings neuesten Schachzug: Ralph Schwingel, der zuvor nicht an der regulären Ausschrei­bung teil­ge­nommen hatte, sei der neue Wunsch­kan­didat. All das – intrans­pa­rente Verfahren, Wunsch­kan­di­daten par ordre de Mufti, Gemau­schel hinter den Kulissen, der Versuch mit laufenden Verfah­ren­sän­de­rungen die anderen Betei­ligten auszu­schalten, die Ignoranz gegenüber dem erklärten Willen der eigent­lich Betrof­fenen – ist keine Provin­z­posse mehr, es erinnert an eine Bana­nen­re­pu­blik.
Und es zeigt, dass Kino bei uns nichts zählt. Wäre all das die Besetzung eines Thea­ter­in­ten­danten oder Muse­ums­di­rek­toren, wäre Böhning längst angezählt. Wenn nicht zurück­ge­treten.

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Die Pres­se­er­klä­rung schließt dann so: »Wir, die Studen­ten­schaft der dffb, distan­zieren uns von diesem Versuch, unde­mo­kra­ti­sches Handeln zu legi­ti­mieren. Wir werden das Vorgehen Björn Böhnings unter dem Gesichts­punkt der Wett­be­werbs­verz­er­rung juris­tisch prüfen lassen.« Das kann ja noch lustig werden.

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Die gesamte dffb wollte bislang ein trans­pa­rentes und öffent­li­ches Bewer­bungs- und Beru­fungs­ver­fahren, in dem sich ein offener und öffent­li­cher Diskurs über die Kandi­daten sich hätte entwi­ckeln können. Mit dem Ziel, dass nur Kandi­daten mit einer breiten und sicheren Unter­s­tüt­zung seitens der dffb selbst vom Kura­to­rium hätten berufen werden können.

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Auch die dffb-Dozenten regen sich wieder, obwohl dort Furcht und Oppor­tu­nismus aus Karrie­re­denken heraus natur­gemäß weit verbreitet ist. Aus deren Kreisen wird nun mitge­teilt, dass sich Ralph Schwingel am Freitag, 6.3. jenseits aller Verfah­rens­re­geln auf Böhnings Einladung hin dem dffb-Kura­to­rium vorstellen wird. Am Ende der Sitzung soll noch keine Berufung statt­finden, sondern nur ein grund­sät­z­li­ches Ja oder Nein das Ergebnis sein.
Noch vor Ostern möchte sich Schwingel mit einer Art Antritts­vor­le­sung persön­lich an der dffb vorstellen. Danach soll es dann zu seiner Berufung kommen. Unter­s­tützt und empfohlen wurde Schwingel offenbar von einzelnen dffb-Dozenten – genannt werden von mehreren Personen (neben einer nicht nament­lich genannten »Person außerhalb der dffb«) der Produzent Peter Rommel und der Regisseur Andres Veiel.

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Diese letzte Mittei­lung konnte ich bisher nicht über­prüfen. Sie hat mich über­rascht, weil ich beide bis zum Beweis für demo­kra­tisch gesinnte Charak­tere halte, die nicht an Studenten und Dozenten vorbei Hinter­zim­mer­po­litik betreiben. Ich teile sie hier trotzdem mit, weil die Nachricht bereits teilöf­fent­lich ist, und ich fest davon überzeugt bin, dass gegen Intrans­pa­renz, Klatsch und Gerede (und das gibt es in der Causa viel) nur völlige Öffent­lich­keit hilft.

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Wenn das alles so stimmt, ist es ein Skandal – aber das wissen die Betei­ligten ja selber. Ob Ralph Schwingel aller­dings auch weiß, auf was er sich da einge­lassen hat? Ich will und kann es nicht glauben.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 101: Von der Rolle

Nackt-Protest von DFFB-Studenten auf dem Roten Teppich der Berlinale – © http://dffbjetzt.blogspot.de

Die Sozi­al­de­mo­kratie, die Kunst und ihr Tod: Die dffb, halb­ver­kauft, vor der Entschei­dung über ihr Selbst­ver­s­tändnis und die Berliner SPD im intel­lek­tu­ellen Koma – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 101. Folge

»Art is by so much the most exiting thing in the world.«
Philip Larkin, 15. Juni 1943
»A little mouse of thought appears in the room, and even the mightiest poten­tates are thrown into panic.«
Winston Churchill (»The Defence of Freedom and Peace (The Lights are Going Out)«)
»Warum muss die dffb gerettet werden?«, fragte Oskar Roehler, so wie es schon Erna Kiefer (NRW-Film­stif­tung) und Kathrin Stein­brenner (EFM-Presse) am Eingang gefragt hatten. Und als dann auch noch Stefan Arndt mich fragte: »Warum muss die dffb gerettet werden?«, da spätes­tens wusste ich, dass es die richtige Entschei­dung gewesen war, mir während der Berlinale den Sticker »SAVE dffb!« anzuste­cken.
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Die Studenten der dffb, der Berliner »Deutschen Akademie für Film und Fernsehen« proben seit einigen Wochen den Aufstand. Bisher hätte ich in dieser Formu­lie­rung unbedingt das Wort »Aufstand« betont, gerade möchte ich lieber von Probe sprechen. Denn im Augen­blick sieht es so aus, als ob die Studenten in Gefahr laufen, sich von den Macht­ha­bern der soge­nannten Berliner Film­kultur, die den Prozess aussitzen wollen, über den Tisch ziehen zu lassen, von den Funk­ti­onären und ihren Wasser­trä­gern, aus Naivität, mindes­tens, und vers­tänd­li­cher Furcht, und vieles von dem, was sie in den letzten Wochen aufgebaut und erreicht haben, krachern wieder zunichte werden zu lassen. Weiterlesen

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Wer bisher noch nicht verstanden hat, was die Studenten wollen oder Protest sowieso blöd findet, und meint, die sollen besser mal Filme machen, der hat zwar meiner Ansicht nach ganz prin­zi­piell ein paar Dinge nicht gelernt, aber zumindest das dffb-Kapitel kann er jetzt nachholen: Denn der vom Wowereit-Nach­folger frisch wieder in seinem Posten verlän­gerte Chef der Berliner Staats­kan­zlei, Björn Böhning, nominell Sozi­al­de­mo­krat, tatsäch­lich Lobbyist kultur­po­li­ti­schen Neoli­be­ra­lismus’ hat die Maske hinter seinem netter-Schwie­ger­sohn-Gesicht fallen lassen. In einer Rede auf dem »Deutschen Produ­z­en­tentag«, die an recht versteckter Stelle komplett nach­zu­lesen ist, formu­liert Böhning nichts Gerin­geres als eine Bank­rotter­klä­rung sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Kultur­po­litik.

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»Wandel als Chance« heißt die Rede, die Böhning am 5. Februar 2015 hielt – ein erschre­ckendes, und nicht nur, aber insbe­son­dere für Sozi­al­de­mo­kraten erschüt­terndes Dokument: In seiner Essenz begreift diese Rede Film als ausschließ­liche Wirt­schaftsgut. Die Bemer­kungen zur Kultur sind wenige Halbsätze, reine Lippen­be­kennt­nisse, formu­liert in abwie­gelnder Rhetorik: »Film und Fernsehen sind ein Kulturgut – das wissen wir.«
Direkt danach folgt das Entschei­dende:
»Wir müssen uns aber noch konse­quenter ange­wöhnen, Film und Fernsehen als Indus­trie­zweig zu betrachten.«
Zur »Zukunfts­fähig­keit als Indus­trie­standort« gehöre, behauptet Böhning, »eine ständige Evalu­ie­rung der Förderung nach wirt­schaft­li­chen Kriterien.« Film­för­de­rung müsse »Teil einer indus­trie­po­li­ti­schen Strategie« sein. »Das heißt: Die Förder­po­litik muss sich danach richten, dass die größt­mög­li­chen Wachstums- und Beschäf­ti­gungs­ef­fekte erzielt werden.

+ + +

Erschüt­ternd ist nicht dass Böhning »eine Indus­trie­po­litik für den Film« fordert – so etwas gehört seit 30 Jahren zum Stan­dar­dar­senal sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Rhetorik: »Indus­trie­po­litik« ist da ein Synonym für »staat­liche Steuerung der Wirt­schaft« und »Staats­an­teile in Schlüs­sel­in­dus­trien«.
Das Erschüt­ternde ist die Kultur­lo­sig­keit die in dieser Rede deutlich wird, die völlige Anwe­sen­heit irgend­wel­cher kultu­reller Ideen oder Vorstel­lungen, die etwas mit Kunst­för­de­rung oder auch nur Kulturö­ko­nomie zu tun haben.
Dieser Sozi­al­de­mo­krat hat offen­kundig überhaupt keine Vorstel­lung von Kunst und Kultur – noch nicht mal eine falsche. Er sieht in Kultur keinen Zweck, sondern nur ein Mittel für »Wachstum und Entwick­lung, zukunfts­fähige Arbeits­plätze, wirt­schaft­liche Zukunfts­chancen nicht nur für die Haupt­stadt­re­gion, sondern für das ganze Land« zu schaffen.
Das ist ein Armuts­z­eugnis. Es fällt auf den Mann selbst
und seine Partei zurück.

+ + +

Alles, was Böhning sagt, ist auch hoch­gradig naiv: Böhning fordert zwar recht forsch »ein neues Denken«. Man man müsse »Konzepte entwi­ckeln, um unsere Erfolgs­ge­schichte fort­zu­schreiben.« Mit neuem Denken hat so etwas aber in der Sache nichts zu tun, vielmehr ist es abge­stan­dene Suppe aus dem sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Vorrats­keller.
Schon vor über 60 Jahren, 1953, schrieb Gunter Groll, seinerzeit Film­kri­tiker der »Süddeut­schen Zeitung«, zu solchen Ideen in wenigen Sätzen,
warum die Alter­na­tive Kultur gegen Wirt­schaft erstens falsch gedacht und zweitens gar nicht das Problem ist: »Natürlich wird immer der künst­le­ri­sche Film die Ausnahme sein. Doch auch der Gebrauchs­film (…) unter­steht dem Gesetz der Gattung auf seine Weise, auch er kann, auf seine Weise, glanzvoll oder jammer­voll sein. Auch er kann originell sein, oder Schablone.«
Die Aufgabe selbst einer wirt­schaft­lich orien­tierten Kultur­po­litik müsste Qualitäts­si­che­rung oder -stei­ge­rung sein.

+ + +

Böhnings Ausfüh­rungen zeigen aber, wes Geistes Kind der Mann ist. Ausge­rechnet dieser Mann entscheidet auch – als Vorsitz­ender des Kura­to­riums – maßgeb­lich über die Neube­set­zung des Direk­to­ren­pos­tens der dffb. Sein falsches Vers­tändnis von Film­po­litik wirkt sich fatal auf den Entschei­dungs­prozess aus.
Diese Entschei­dung ist mitt­ler­weile zu einer Hänge­partie geworden. Es ist aus dem, was bisher bereits öffent­lich wurde, oder zu erfahren war, deutlich geworden, dass es im Kura­to­rium ein großes Interesse daran gibt, den Charakter der dffb massiv zu verändern. Eine Kunst­aka­demie mit beson­derer, einma­liger Geschichte soll zerstört und in ein zweites Ludwigs­burg verwan­delt werden. Nun ist Ludwigs­burg eine sehr gute Film­schule, aber eben ein völlig anderes Modell. Wozu muss man das kopieren und eine gewach­sene, überdies sehr erfolg­reiche Insti­tu­tion zerstören? Wer in Ludwigs­burg studieren möchte, kann sich dort bewerben.
Ganz offen­kundig setzten Böhning, aber auch andere an einer indus­trie­nahen Lösung inter­es­sierte Kura­to­ri­ums­mit­glieder, auf Zeit. Und auf die Trägheit des Publikums: Man hofft und setzt darauf, dass die Proteste der Studenten – die seit immerhin über zehn Wochen höchst pene­trante und dadurch erfolg­reiche Mahn­wa­chen vor Böhnings Büro im Roten Rathaus abhalten, abflauen. Und darauf, dass die Öffent­lich­keit es nicht merkt, wenn das Kura­to­rium in diesen Tagen eine Entschei­dung
fällen sollte.

+ + +

Was glauben Böhning und seine Verbün­deten eigent­lich? Sie haben es nicht geschafft, ihren Wunsch­kan­di­daten zu instal­lieren, einen eigens ange­fragten, bekannten, gut vernet­zten Herren aus dem Herz der deutschen Filmszene – aus Gründen, die wir hier nicht erörtern wollen, um dem betref­fenden Herrn nicht weiter zu schaden, wurde das nichts. Daraufhin wurde ein zweiter ebenfalls ange­fragter Kandidat zum Wunsch­kan­di­daten. Dessen Name Julian Pölsler wurde bekannt – kurz
darauf baten ihn die komplette dffb-Studen­ten­schaft und die Dozenten der dffb darum, seine Bewerbung zurück­zu­ziehen. Pölsler, ein vermut­lich ehren­werter und durchaus sympa­thi­scher Mann wurde von den Verant­wort­li­chen schlicht und einfach aufs Übelste verheizt, als Kano­nen­futter in einem Feldzug, in dem es erkennbar darum ging, die andere Kandi­datin, die Filme­ma­cherin Sophie Main­ti­gneux, Dozentin an der dffb und Kölner KHM, und Wunsch­kan­di­datin der Dozenten und Studenten der
dffb, nicht zum Zug kommen zu lassen.

+ + +

Kultur­po­li­tisch ist der ganze Vorgang, für den Böhning mass­geb­lich verant­wort­lich zeichnet, frag­würdig. Rechtlich als gemein­nüt­zige GmbH orga­ni­siert, ist die dffb ihrem von allen getra­genen Selbst­ver­s­tändnis nach eine Kunst­hoch­schule, deren Profil und Leitung eine kultur­po­li­ti­sche Ange­le­gen­heit ist. Derartige Kultur­po­li­ti­sche Entschei­dungen müssen auch öffent­lich debat­tiert und in trans­pa­rentem Verfahren getroffen werden. Bisher hat Björn Böhning keinerlei Konzept für die Zukunft der dffb erkennen lassen. Das Verhalten des Chefs der Senats­kan­zlei ist, das teilt die Studen­ten­schaft der dffb mit, »auf jeder Ebene unver­ant­wort­lich.«

+ + +

Davor, vor solchen Nicht-Verfahren und vor solchen Verant­wor­tungs­trä­gern muss die dffb gerettet werden.

+ + +

Einen einzigen bemer­kens­werten und viel­ver­spre­chenden Punkt enthält die erwähnte Böhning-Rede aller­dings auch noch: »Da sich das Geschäft immer mehr hin zu den digitalen Verbrei­tungs­wegen verlagert, ist ein logischer Schluss die Einfüh­rung neuer Abga­be­pflichten für Kabel­netz­be­treiber und Anbieter von Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­dienst­leis­tungen. Das ist eine Frage der Abga­ben­ge­rech­tig­keit.«
Inter­es­sant ist daran, dass endlich ein SPD-Vertreter die Forderung vertritt,
Netz­be­treiber zur Kasse zu bitten. Das ist über­fällig. Böhnings grober Denk­fehler liegt aber darin, dass er diese Abgaben in die Film­för­der­töpfe fließen lassen will. Das ist sach­li­cher Unsinn (denn im Netz wird ja nicht nur mit Filmen, und schon gar nicht nur mit geför­derten Filmen Geld verdient), es ist aber de facto auch eine neuer­liche Aushe­be­lung der Urheber.

+ + +

Tja, von Frank­reich kann man vieles lernen. Gerade als ich das wieder mal dachte, flattert die eine Pres­se­mit­tei­lung herein: Nicht nur, dass der frisch­ge­ba­ckene Oscar-Gewinner Ida oder Abder­rah­mane Sissakos Timbuktu in Frank­reich locker zehnmal so viele Kino-Zuschauer haben wie in Deutsch­land. Sondern sogar die Einspiel­ergeb­nisse von Christan Petzolds Phoenix über­steigen in Frank­reich schon nach zehn Tagen die an den deutschen Kino­kassen. Gratu­la­tion! Aber auch traurig.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 100: Jeder macht so, was er macht

Ein Film, der überfällig ist: Elser

Selbst­ver­schul­dete Unmün­dig­keit, deutsches Geld für deutsche Filme, fran­zö­si­sieren wir uns – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 100. Folge

»Der einzige Weg mit einer unfreien Welt umzugehen, besteht darin, absolut frei zu sein.« hat Albert Camus gesagt. Étienne de la Boétie (fran­zö­si­scher Hoher Richter von 1530 – 1563) drückt es noch etwas besser aus, wenn er sagt:
»Der Unter­drü­cker hat weiter nichts als die Macht, die ihr ihm zugesteht, um Euch zu unter­drü­cken.
Woher hat er genügend Augen, Euch auszu­kund­schaften, wenn Ihr sie ihm nicht selbst liefert?
Woher soll er die vielen Arme haben, Euch zu schlagen, wenn er sie sich nicht von Euch ausborgt?
Wo bekommt er die Füße her, Eure Städte nieder­zu­tram­peln, wenn es nicht Eure eigenen sind?
Wie kann er Gewalt über Euch haben, wenn nicht durch Euch selbst?
Wie könnte er es wagen, Euch zu über­fallen, wenn nicht durch Eure eigene Mitwir­kung?“
+ + +
Erstens, damit das auch einmal gesagt ist: Dieser Text und diese Kolumne sind nicht isla­mo­phob. Zweitens: Jeder hat das Recht, isla­mo­phobe Texte zu schreiben, soviel er will.
+ + + Weiterlesen

Ja, heute hätten wir eigent­lich die Nummer 100 dieser Kolumne mit einigen zeitlosen Einsichten feiern wollen. Aber das Wesen dieser Kolumne ist ja gerade seine Zeit­ge­bun­den­heit, und spätes­tens die Pariser Attentate hatten allen anderen Absichten den Schwung genommen.
Und dann noch der Hype um PEGIDA. PEGIDA – was heißt das eigent­lich nochmal? Provinz­deppen, Prozess­hansel, Egoisten, Eigen­brötler, Grantler, Islam­hasser, Idioten, Dumpf­ba­cken, Anti­se­miten, Auslän­der­feinde, Angst­hasen. Da wird man schnell zum Anti­deut­schen, ohne das wir das jetzt im Einzelnen ausführen wollen. Kann ja jeder mal den Begriff googlen.

+ + +

In unserer Aufrufs- und Erregungs- und Iden­ti­fi­zie­rungs­ge­sell­schaft (und über das Iden­ti­täts­be­kenntnis »Je suis Charlie Hebdo« lohnte sich das Nach­denken) war klar, dass es jetzt wieder etwas geben muss, wo jeder unter­schreiben darf. Auch das Selbst­ver­s­tänd­liche. Weil ich diesen Mani­fes­tismus zwar für Quatsch halte, in der Sache aber natürlich nicht dagegen bin, leite ich also den Aufruf hier pflicht­schul­digst weiter:
»Fanatiker haben in Paris zwölf Menschen, zumeist Jour­na­listen des Sati­re­ma­ga­zins ‘Charlie Hebdo’ ermordet. Wir fühlen mit den Angehö­rigen der Opfer. Diese blutige Tat wendet sich gegen Demo­kratie und Toleranz, sie zielt auf Meinungs- und Pres­se­frei­heit. Muslime auf der ganzen Welt verur­teilen die Morde. Doch gleichz­eitig versuchen die rechten Demagogen von Pegida die Tat zu instru­men­ta­li­sieren, um gegen Menschen isla­mi­schen Glaubens und Flücht­linge zu hetzen. Wer dies tut, befeuert die Spirale aus Hass – und spielt den Tätern in die Hände.
Kommenden Montag will Pegida in Dresden wieder demons­trieren und die Morde benutzen, um Hass und Frem­den­feind­lich­keit zu schüren. Die toten und verlet­zten Jour­na­listen können sich gegen diese Instru­men­ta­li­sie­rung nicht wehren. Daher müssen wir in Soli­da­rität mit den Opfern von Paris gegen die schreck­liche Gewalttat aufstehen. Und uns gleichz­eitig den rechten Demagogen von Pegida entge­gen­stellen. Wir Bürger/innen treten ein für ein fried­li­ches Zusam­men­leben aller Menschen
und Reli­gionen.
Deshalb starten wir heute unseren Bürger-Appell ‘Wir sind Charlie – wir sind nicht Pegida!’.
Hier kann man unterz­eichnen.

+ + +

Die inter­es­san­tere Frage aber ist für uns diese: Was hat PEGIDA eigent­lich mit dem deutschen Film zu tun? Oder anders: Ist es eigent­lich noch zeitgemäß, dass die Film­för­de­rung unaus­ge­spro­chen nach dem Blut&Boden-Prinzip funk­tio­niert, Motto: »Deutsches Geld für deutsche Filme«.
Eine neue Film­för­de­rung, die sowieso bald kommen wird, weil die alte gerade implo­diert, ist nur als europäi­sche denkbar. Da wird sich aber mancher hier umgucken.

+ + +

Im Zeichen der deutsch-fran­zö­si­schen Freund­schaft – erinnern wir uns: wie Merkel sich an Hollande lehnte. Das Bild wird bleiben, wie der Hand­schlag von Verdun – könnte man bei diesen beiden Ländern einen Anfang machen. Fran­zö­si­sieren wir uns!!

+ + +

Patrio­tismus, auch falsch­ver­stan­dener und deutscher Film sind jeden­falls ein dankbares Thema. Auch der Erfolg, den ein Film wie Monsieur Claude bei uns hat, wäre mal vor dem Hinter­grund der Dresdner Nazi-Demos zu betrachten. Da geht die selbst­ver­schul­dete Unmün­dig­keit auf die Straße und ist noch stolz drauf. Aber auch ein Film wie Monsieur Claude, obschon anders gemeint, bedient nur billigste und dümmste Ressen­ti­ments. Wie schon anderes vorher. Fuck you, Voltaire!

+ + +

Das sind die schönsten Preise: Die, wo den Film noch niemand gesehen hat. Die kann ja einfach niemand schlecht finden. Darum ist der Baye­ri­sche Filmpreis fast immer der schönste Filmpreis des Jahres. Denn fast immer gibt es mindes­tens einen Film, der viele Preise bekommt, obwohl ihn außer den Machern keiner gesehen hat. Zumindest dann, wenn man ihn überhaupt einen Filmpreis nennen will und nicht eine Spezi­al­ver­an­stal­tung jener typischen baye­ri­scher Machart, für die der Freistaat wirklich ein Allein­stel­lungs­merkmal hat, wenn die Restre­pu­blik sich auch noch so viel Mühe gibt.
Ach ja, die »Jury« gibt’s ja auch noch. Ganz unab­hängig von der Baye­ri­schen Staats­kan­zlei ausge­sucht. Wer ist da drin? Kann man irgendwo nachlesen. Inter­es­siert aber niemand. Weiß auch keiner.

+ + +

Schade, dass das einem Film wie Elser gleich schon mal ein Geschmäckle gibt. Elser, also Georg Elser, das ist nämlich, liebe Film­freunde, nicht der Vater von Hannelore Elsner, sondern der Mann, der um ein Haar Hitler umge­bracht hätte, beim Attentat 1938 im Münchner Bürger­bräu­keller. Nur durch im Wortsinn unwahr­schein­li­ches Glück (durch »die Macht der Vorsehung« meinte er) entging Hitler dem Attentat. Wäre er getötet worden… – ob dann alles besser gewesen wäre mit Göring oder Himmler an der Spitze, das ist keines­wegs sicher und daher eher eine akade­mi­sche Frage, so wie die, ob Hitler, hätte ihn die Reichs­wehr 1934 oder 1935 wegge­putscht, wohl als ein großer deutscher Politiker in die Geschichte einge­gangen wäre.
Aber dass über den jetzt endlich ein Film gemacht wird – wenn das der Führer wüsste! – ist über­fällig, denn im Fall von Elser gilt wie bei den Scholls und Stauf­fen­bergs. Nicht der Erfolg ist das Entschei­dende, sondern der Versuch.
Wenn nur auch Kino so funk­tio­nieren könnte!

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Schließ­lich: eine Zufalls­be­geg­nung und ein kurzes Gespräch in der Berliner U-Bahn mit einer bekannten deutschen Film­funk­ti­onärin (jetzt darf jeder raten). Wir reden über die leidige DFFB-Situation, wo man unfähig ist, einen kompe­tenten Nach­folger zu finden, weil aus den Wunschlö­sungen nichts wird, und jetzt die Angst regiert. Im Augen­blick passiert gar nichts – eine unmög­liche Situation! Auch meine Gesprächs­part­nerin freut sich nicht auf die Berlinale, auch sie sehnt den Tag herbei, an dem Dieter Kosslick nicht mehr Festi­val­leiter ist. Wir reden über mögliche Nach­folger und speku­lieren, obwohl Alfred Holighaus bessere Chancen hat, oder Forums-Leiter Christoph Terhechte, der am ehrgei­zigsten ist und am deut­lichsten darauf hinar­beitet.
Da werden wir noch ein paar Jahre speku­lieren müssen.

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Sie verab­schiedet sich auf dem Weg zu einer der vielen Gremien, in denen sie sitzt, mit dem schönen Satz, der natürlich nicht nur für sie gilt: Jeder macht so, was er macht.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 98: Gekrümmte Horizonte, Galaxien und schwarze Löcher

Blick in die Zukunft: Interstellar von Christopher Nolan

Jungs und Frauen: Die fröhliche Wissen­schaft des Sehens im Kinojahr 2014 – Ein etwas anderer Jahres­rück­blick in drei Teilen. Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 99. Folge

»Was wir Sinn nennen, wird verschwinden.«
Max Horkheimer, vor ziemlich genau 45 Jahren, im lesenswerten Spiegel-Interview am 5.1.1970
Fehlenden Mut zum Neuar­tigen und »eine fast depres­sive Grund­stim­mung« führe dazu, »dass Bauherren sich nicht trauen, eine mutige Archi­tektur zu machen, und Archi­tekten keine Aufträge für mutige Archi­tektur bekommen«, so klagte der Archi­tek­tur­wis­sen­schaftler Friedrich von Borries, der an der Hamburger Hoch­schule für bildende Künste lehrt. Durch einen konser­va­tiven Umschwung in den 1980er-Jahren sei das Vertrauen in die Archi­tektur als Zukunfts­motor verlo­ren­ge­gangen.
Die HfbK ist bekanntlich auch eine Filmhochschule, und das, was Borries sagt, könnte man genauso über das Kino sagen: seit den 80ern gibt es viel Spektakel, aber wenig Mut. Man redet dem breiten Volk nach dem Mund, will Beifall statt Irritation. Es gilt für die Kunst wie für die Politik, wie für unsere gesamten Lebensverhältnisse. Und dieser Befund belegt nur einmal mehr: Das Kino ist ein gesellschaftliches Phänomen.
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Eine Woche nach dem letzten »Wetten das…?« starb Udo Jürgens. Sagt uns das irgend­etwas? Der Tod der 70er Jahre viel­leicht?
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Jetzt ist sie schon fast wieder vorbei, die Zeit der Jahres­rück­blicke. Auch von mir kommt noch einer, klar. Weiter unten dann, ganz konven­tio­nell. Zuerst aber ein etwas anderer Blick zurück, einer, der aller­dings nicht weniger erzählt, als die dankens­werten und geschät­zten Listen mit den besten, inter­es­san­testen und schlimmsten Film­er­leb­nissen und den »Magischen Momenten«.
I.Teil: 604 Filme sind immer noch zu wenig
»Human kind cannot bear very much reality.«
T. S. Eliot: »Four Quartets: I. Burnt Norton«
604 Filme kamen 2014 in die deutschen Kinos. Krasse Zahl, kaum zu glauben. Die aller­meisten von ihnen hat niemand gesehen. Und vieles, was wir gesehen haben, ist schon wieder vergessen. Manchmal zu Unrecht, oft zu Recht, in beiden Fällen.
Wer erinnert sich zum Beispiel noch an The Zero Theorem, an The Green Prince, die erst vor einem Monat starteten ? Oder Weiterlesen

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Gut 50 neue Filmtitel sind es also pro Monat. Im Juni waren es WM-bedingt nur 36, im Februar – wohl wegen der Berlinale?! – gar nur 30, im August 32. Auch im Dezember wenig. Dafür brachten die Verleiher im Oktober 80 Filme heraus!!! Im November immer noch 64!
Beim Blick in die nackte Statistik kann man auch andere Zahlen nicht fassen: Jeweils 18 Filme starteten am 18. November und wieder nur zwei Wochen später am 2.Oktober. Darunter unter anderem: Schoß­ge­bete; Sin City 2: A Dame to Kill for; A World Not Ours; Der Anstän­dige; Wenn ich bleibe; Concerning Violence; Schö­ne­feld Boulevard; Gemma Bovery; Heli; Nowitzki. Der perfekte Wurf; War of the Worlds – Goliath; Istanbul United; Gone Girl – Das perfekte Opfer; Anderson; Hüter der Erin­ne­rung – The Giver; Land der Wunder; Pierrot Lunaire.
Alle diese Filme haben Publikum verdient, aber sie bekommen nicht das Publikum, dass sie verdienen.

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An einem ein und demselben Tag im letzten Januar starteten The Wolf of Wall Street von Martin Scorsese, 12 Years a Slave von Steve McQueen, Nebraska von
Alexander Payne, A Touch of Sin von Jia Zhang-Ke und Das radikal Böse von Stefan Ruzo­witzky, alles inter­es­sante, sehens­werte Filme, und egal wie man sie im einzelnen beur­teilen möchte, sicher nichts zum Vergessen. Daneben noch sieben andere, deren Titel wir uns wirklich nicht merken müssen.
Am 6. November starten Inter­stellar von Christopher Nolan, Mr. Turner – Meister des Lichts von Mike Leigh, Citiz­en­four von Laura Poitras, und die deutschen Filme Im Labyrinth des Schwei­gens von Giulio Ricciarelli, White Shadow von Noaz Deshe und Dragan Wende – West Berlin von Lena Müller, Dragan von Petrovic.
Warum müssen diese fünf Filme an einem einzigen Tag starten?
Gewiss gibt es bestimmt für jeden Einzelfall tolle marketingstrategisch ausgeklügelte Begründungen. Trotzdem kann mir keiner erzählen, dass man da nicht viele Filme besser rausbringen könnte: Das Ergebnis ist eindeutig und erschreckend: Immer mehr Filme haben immer weniger Zuschauer. Von vielen Filmen bekommen die Zuschauer gar nicht mit, dass sie starten.
Deutschland hat ein Verleiherproblem!

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Zugleich ist ein nicht weniger klarer Befund: Es gibt sehr viele Filme, immer mehr gute, die ihren Weg erst gar nicht ins deutsche Kino finden. Filme, die woanders Erfolg haben, und in Deutsch­land keinen Verleih bekommen. Nehmen wir nur Jonathan Glazers Under the Skin. Gefeiert im Wett­be­werb von Venedig 2013. Von vielen ameri­ka­ni­schen Film­kri­ti­kern unter ihre persön­liche Top Ten gewählt, gar nicht selten an erster Stelle. Ein Film mit Scarlett Johannson in der Haupt­rolle – und das auch noch nackt!
Aber Senator – zur Erinnerung für die die es vergessen haben: Das ist jener famose Verleih, der sogar in dem Jahr, in dem sie den Hit Ziemlich beste Freunde ins Kino brachten, noch einen Verlust machten! –, Senator dieses Aushängeschild der tollen deutschen, nur leider de facto völlig inexistenten Filmindustrie, setzte den angekündigten Filmstart ab und verkloppte den Film auf DVD. Aus Angst, ihre schon vergessene Kino-Bückware durch Kunst zu beschädigen. Dann kam der Film in einige tapfere unabhängige Kinos, die ihn kurzerhand auf DVD oder Blu-ray zeigten – vor oft ausverkauften Häusern
Es gibt viele andere Filme, die ein noch schlimmeres Schicksal teilen, weil sie oft noch nicht mal auf DVD in Deutschland zu sehen sind. Was ist etwa mit Naomi Kawase Still the Water, der in Cannes weit mehr bezauberte, als der vergleichsweise brave Palmen-Sieger Winter­schlaf? Was ist mit Jean-Luc Godards Adieu au Language, Godards wagemutiger 3D-Dekonstruktion? Was ist mit Lissando Alonsos Jauja, in dem immerhin Viggo Mortensen die Hauptrolle spielt? Auch Stars und große Namen helfen den Verleihern offenbar nicht mehr, über ihren Schatten zu springen, und den Hintern hoch zu kriegen. Nur für den Verleihförderungsantrag reicht es immer.
Was ist mit dem feministischen Psychothriller Algunas Chicas, in dem der argentinische Regisseur Santiago Palavicino Cesare Paveses Roman »Le Amiche« adaptiert, der bereits vor 60 Jahren Antonioni zu einem wundervollen Film inspiriert hat? Was ist mit Fabrice Du Welz Alleluia? Mit dem iranischen Fantasy-Noir-Serienkiller-Poem A Girl Walks Home Alone at Night von Ana Lily Amirpour? Mit Our Sunhi von Hong Sang-soo? Und mit Sono Sions Why Don’t You Play In Hell?
Deutschland hat ein Verleiherproblem. Und die die gute Verleiher fördern sollten, machen ihre Arbeit nicht.

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II.Teil: Die fröhliche Wissen­schaft

»Go, go, go, said the bird: human kind
Cannot bear very much reality.
Time past and time future
What might have been and what has been
Point to one end, which is always present.«
T. S. Eliot: »Four Quartets: I. Burnt Norton«

Eine jahre­lange Reise in die unend­li­chen Weiten unseres Sonnen­sys­tems irgend­wohin weit hinter den Ringen des Saturn. Eine Reise durch soge­nannte »Wormw­holes« und »schwarze Löcher«, über gekrümmte Horizonte und fünf Dimen­sionen, in andere Galaxien – voller Mut zum Utopi­schen, zum wilden Denken, ein laby­rin­thi­scher Film pro Wissen­schaft, pro Aufklä­rung, durch­zogen von frei­heit­li­chem Denken.
Christopher Nolans bahnbrechender Science-Fiction-Film Inter­stellar ist für mich persönlich der Film des Jahres: Durch seine großartige Bild-Ästhetik, seine nostalgische Lust am alten analogen Filmmaterial das zu erkennen, keinen Expertenblick erfordert. Weil ich so einen Film von Nolan nie und nimmer erwartet hätte, weil mich dieser Film von meinem prinzipiellen Nolan-Skeptizismus für erste jedenfalls kuriert hat. Weil er genau die richtige Dosis Kitsch in der richtigen Form präsentiert. Vielleicht ist es auch gar kein Kitsch, sondern nur eine bestimmte Form unschuldiger Emotion, die ich gern im Kino als allererster unter Verdacht stelle, die ich aber gleichzeitig gern sehe. Solche Paradoxien sind das täglich Brot eines Kinogängers.

+ + +

Ein bisschen war das ganze Jahr 2014 für einen leiden­schaft­li­chen Kino­be­su­cher wie ein Abenteuer aus den unend­li­chen Weiten des Weltalls. Die sage und schreibe 604 Filme sind ein unüber­schau­barer Regen unbe­kannter Flug­körper, die meist stern­schnup­pengleich nach kurzem Aufleuchten im Dunkel des Kinos verglühten. Wer soll das alles sehen? Wie soll man die wenigen Fixsterne erkennen, die bedeu­tenden Kometen aus der Masse heraus­fil­tern?

Zu den Erleb­nissen, an die man sich gewiss noch lange erinnern wird, gehört Boyhood: Richard Linkla­ters toll­kühnes Unter­fangen, 12 Jahre lang mit den gleichen Darstel­lern die Lebens­ge­schichte eines Jungen zu drehen, und die Szenen zu einem einzigen rasanten Fluß der Kindheit zusam­men­zufügen, lockte in Deutsch­land über 300.000 Zuschauer ins Kino – mit einem Bruchteil an Kopi­en­zahl und Werbeetat eine viel größere Unter­neh­mens­leis­tung als allen Hobbit- und Super­hel­den­filmen zusammen gelang. Boyhood, Boyhood, Boyhood – nein, so ist es nicht. Der Film muss nicht einmal auf meiner persön­li­chen Ten-Best-Liste auftau­chen. Ein schöner Film, den man auch zwei, dreimal sehenn kann, das ist es dann.
Ein zumindest ökonomischer Erfolg gelang dem Berliner Verleih »Neue Visionen« mit der französischen Klamotte Monsieur Claude und seine Töchter. Ein französischer Film, der Millionen in die Kassen spülte – das sollte der klagefreudigen Szene Mut machen, statt auf jeden durchschnittlichen Hollywoodfilm lieber auf europäisches Kino zu setzen. Zumal es mit den Superhelden weiter bergab geht: Prequelitis und Sequelitis klingen schon wie Krankheiten, immer höhere Kosten, immer geringere Einnahmen – der erste Misserfolg dürfte auf die Studios wirken wie ein Meteoriteneinschlag in Los Angeles.

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Das ist es dann aber auch, was man über Monsieur Claude und seine Töchter Positives sagen kann – das Negative wäre hier am falschen Platz. Tolle Erfolge feierten in Europa vor allem zwei Kinoländer: Aus Schweden kam am ersten des soeben begonnen Jahres der Gewinner des Goldenen Löwen Roy Anders­sons Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach und ein paar Wochen vorher Ruben Östlunds Höhere Gewalt – zwei Tragi­komö­dien über den Alltag in west­eu­ropäi­schen Wohl­fahrts­staaten. Und die Goldene Palme ging an die Türkei – ausge­rechnet im hundertsten Jahr des Türki­schen Kinos gewann Nuri Bilge Ceylans Winter­schlaf in Cannes, ein hoch­po­li­ti­sches Kammer­spiel, und ein künst­le­ri­scher Wider­stand gegen Erdogans Abbau demo­kra­ti­scher Frei­heiten.
Eine Galaxie für sich ist das französische Kino – ob der oben erwähnte erste 3D-Film des unverwüstlichen, unermüdlichen Jean-Luc Godard der sich in Adieu au Langage mal eben von der Sprache verabschiedete und aus einer fünften Dimension des Filmemachens allen dreidimensional beschränkten Kinodeppen eine lange Nase drehte.Oder der nicht minder kluge, witzige, originell verschachtelte Die Wolken von Sils Maria von Olivier Assayas – die Franzosen setzen die Masstäbe des Weltkinos à la Hollywood. Und in diesen beiden Filmen steht der Philosoph Friedrich Nietzsche Pate: Kino als eine fröhliche Wissenschaft des Sehens!

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Das deutsche Kino war hingegen bis auf Dominik Grafs Die geliebten Schwes­tern oft ein Schwarzes Loch: Statt Zukunft mehr Vergan­gen­heit denn je: Ob in Phoenix oder dem Im Labyrinth des Schwei­gens – zwei Filme, die mehr schlechte Fragen aufwerfen, als gute Antworten geben. Die neue Kultur­staats­mi­nis­terin Grütters kürzt die Gelder ausge­rechnet in dem Bereich, in dem sie gestalten könnte; nach Dieter Kosslick wird die Berlinale 2019 dann vermut­lich von seinem Klon geleitet, und in Berlin wickelt gerade die SPD aus Torheit die Film­schule DFFB ab.
Dabei stammen die besten originellsten deutschen Filme von Filmhochschulen und heißen: Das merk­wür­dige Kätzchen, Fräulein Else und Patong Girl. Sie stammen allerdings von einem Schweizer, einer Österreicherin und einer Finnin.
Aber ein zweiter Oh Boy ist nicht in Sicht, schon gar kein deutsches Boyhood. So bleibt dem Kinoliebhaber nur Inter­stellar. Dort lernt man auch, wie man per Wurmloch durch die Zeit reisen kann. In wenigen Tagen könnte man so 120 Jahre überbrücken. Und landet in der Zukunft.

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III.Teil: Listen, Listen, Listen

»Time present and time past
Are both perhaps present in time future,
And time future contained in time past.
If all time is eternally present
All time is unredeemable.
What might have been is an abstraction
Remaining a perpetual possibility
Only in a world of speculation.
What might have been and what has been
Point to one end, which is always present.
Footfalls echo in the memory
Down the passage which we did not take
Towards the door we never opened
Into the rose-garden. My words echo
Thus, in your mind.«
T. S. Eliot: »Four Quartets: I. Burnt Norton«

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1. Die 20 besten Filme 2014

1. Inter­stellar – USA, GB 2014. Regie: Chris­to­pher Nolan
2. Die Wolken von Sils Maria – F, CH, D 2014. Regie: Olivier Assayas
3. Die geliebten Schwes­tern – D 2013. Regie: Dominik Graf
4. The Drop – Bargeld – USA 2014. Regie: Michael R. Roskam
5. Verführt und verlassen – USA 2013. Regie: James Toback
6. Höhere Gewalt – S, DK, F, NO 2014. Regie: Ruben Östlund
7. Heli – MEX 2013. Regie: Amat Escalante
8. Das merk­wür­dige Kätzchen – D 2012. Regie: Ramon Zürcher
9. Like Father, Like Son – JP 2013. Regie: Hirokazu Koreeda
10. Fräulein Else – Ö, D, IND 2013. Regie: Anna Martinetz
11. Gone Girl – Das perfekte Opfer – Das perfekte Opfer – USA 2014. Regie: David Fincher
12 Grand Budapest Hotel – USA 2014. Regie: Wes Anderson
13. Belt­racchi – Die Kunst der Fälschung – D 2013. Regie: Arne Birkenstock
14. Feuerwerk am hell­lichten Tage – CN, HOK 2014. Regie: Diao Yinan
15. A Touch of Sin – JP, CN 2013. Regie: Jia Zhang-Ke
16. Die Frau des Poli­zisten – D 2013. Regie: Philip Gröning
17. Winter­schlaf – TR, F, D 2014. Regie: Nuri Bilge Ceylan
18. Sauacker – D 2014. Regie: Tobias Müller,
19. Patong Girl – TH, D 2014. Regie: Susanna Salonen
20. Dragan Wende – West Berlin – West Berlin – D 2013. Regie: Lena Müller, Dragan von Petrovic

2. Fünfzehn wunder­schöne guilty pleasures

The Equalizer – USA 2014. Regie: Antoine Fuqua
The Riot Club – GB 2014. Regie: Lone Scherfig
20.000 Days on Earth – GB 2014. Regie: Iain Forsyth, Jane Pollard
Arteholic – D 2014. Regie: Hermann Vaske
Deutsch­boden – D 2013. Regie: André Schäfer
Snow­piercer – ROK, USA, F 2013. Regie: Bong Joon-ho
Zulu – F 2013. Regie: Jérôme Salle
Das radikal Böse – D, Ö 2013. Regie: Stefan Ruzowitzky
Über-Ich und Du – D, CH, Ö 2014. Regie: Benjamin Heisenberg
Die Schöne und das Biest – F, D 2014. Regie: Christophe Gans
The Wolf of Wall Street – USA 2013. Regie: Martin Scorsese
Blut­glet­scher – Ö 2013. Regie: Marvin Kren
DeAD – D 2012. Regie: Sven Halfar
Der Samurai – D 2014. Regie: Till Kleinert
Wolfs­kinder – D 2013. Regie: Rick Ostermann

3. Unter­schätzt & inter­es­sant, aber nicht perfekt

Banklady – D 2013. Regie: Christian Alvart
Diplo­matie – F, D 2014. Regie: Volker Schlöndorff
Der Schmet­ter­lings­jäger – D, CH 2012. Regie: Harald Bergmann
Lifelong – Hayatboyu – TR, D, NL 2013. Regie: Asl? Özge
Freiland – D 2013. Regie: Moritz Laube
Kofelg­schroa – Frei. Sein. Wollen. – D 2014. Regie: Barbara Weber
Dieses schöne Scheiß­leben – D 2014. Regie: Doris Dörrie
Good Luck Finding Yourself – D, CN, PK, IND 2014. Regie: Severin Winzenburg
Zeit der Kanni­balen – D 2014. Regie: Johannes Naber
Staudamm – D 2013. Regie: Thomas Sieben
Oktober November – Ö 2013. Regie: Götz Spielmann
Boyhood – USA 2014. Regie: Richard Linklater
The Unknown Known – USA 2013. Regie: Errol Morris
Der blinde Fleck – D 2013. Regie: Daniel Harrich
Le passé – Das Vergan­gene – F 2013. Regie: Asghar Farhadi
Bethlehem – ISR, D, B 2013. Regie: Yuval Adler
Youth – ISR, D 2012. Regie: Tom Shoval
Stiller Sommer – D 2013. Regie: Nana Neul
Die uner­schüt­ter­liche Liebe der Suzanne – F 2013. Regie: Katell Quillévéré
Tao Jie – Ein einfaches Leben – HOK 2011. Regie: Ann Hui
Offene Türen, offene Fenster – AR, CH, NL 2011. Regie: Milagros Mumenthaler
Anderson – D 2014. Regie: Annekatrin Hendel
Finding Vivian Maier – USA 2013. Regie: John Maloof, Charlie Siskel
Das große Museum – Ö 2014. Regie: Johannes Holzhausen
Ruhet in Frieden – A Walk Among the Tombs­tones – USA 2014. Regie: Scott Frank
Exodus: Götter und Könige – GB, USA 2014. Regie: Ridley Scott
The Cut – D 2014. Regie: Fatih Akin
Die Erfindung der Liebe – D 2013. Regie: Lola Randl
Meine Schwes­tern – D 2013. Regie: Lars Kraume
Und morgen Mittag bin ich tot – D 2013. Regie: Frederik Steiner
Kreuzweg – D 2014. Regie: Dietrich Brüggemann
Amma & Appa – D 2014. Regie: Franziska Schönenberger, Jayakrishnan Subramanian
Jack – D 2014. Regie: Edward Berger
Einmal Hans mit scharfer Soße – D 2013. Regie: Buket Alakus
Der Brand – D 2011. Regie: Brigitte Bertele
5 Zimmer Küche Sarg – USA 2014. Regie: Jemaine Clement, Taika Waititi

4. So lala

Nympho­ma­niac 1 – F, B, DK, D 2013. Regie: Lars von Trier
Nympho­ma­niac 2 – DK, B, F, D, GB 2014. Regie: Lars von Trier
Her – USA 2013. Regie: Spike Jonze
The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro – USA 2014. Regie: Marc Webb
Lauf Junge lauf – F, D, PL 2014. Regie: Pepe Danquart
Yves Saint Laurent – F 2014. Regie: Jalil Lespert
Vergiss mein Ich – D 2014. Regie: Jan Schomburg
Wie der Wind sich hebt – JP 2013. Regie: Hayao Miyazaki
A Most Wanted Man – USA, GB, D 2013. Regie: Anton Corbijn
Maps to the Stars – CA, USA, F, D 2014. Regie: David Cronenberg
Phoenix – D 2014. Regie: Christian Petzold

5. völlig über­schätzte Filme

Monsieur Claude und seine Töchter – F 2014. Regie: Philippe de Chauveron
Das finstere Tal – Ö, D 2013. Regie: Andreas Prochaska
Love Steaks – D 2013. Regie: Jakob Lass
Ai Weiwei: The Fake Case – DK, CN, GB 2013. Regie: Andreas Johnsen
12 Years a Slave – USA 2013. Regie: Steve McQueen
Nebraska – USA 2013. Regie: Alexander Payne
Night Moves – USA 2013. Regie: Kelly Reichardt
Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste – D 2013. Regie: Isabell Suba
Jimmy’s Hall – GB 2014. Regie: Ken Loach
Zwei Tage, eine Nacht – B, F, IT 2014. Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
White Shadow – TZ 2013. Regie: Noaz Deshe
Mr. Turner – Meister des Lichts – GB 2014. Regie: Mike Leigh
Im Labyrinth des Schwei­gens – D 2014. Regie: Giulio Ricciarelli
Night­crawler – Jede Nacht hat ihren Preis – USA 2014. Regie: Dan Gilroy
Am Sonntag bist du tot – IRL, GB 2014. Regie: John Michael McDonagh
Hin und weg – D 2014. Regie: Christian Zübert

6. Nervig bis schrottig

Noah – USA 2014. Regie: Darren Aronofsky
Mandela – Der lange Weg zur Freiheit – USA 2013. Regie: Justin Chadwick
Kathe­dralen der Kultur – D 2014. Regie: Karim Aïnouz, Michael Glawogger …
Schoß­ge­bete – D 2013. Regie: Sönke Wortmann
Die Einsam­keit des Killers vor dem Schuss – D 2014. Regie: Florian Mischa Böder
The Homesman – USA 2014. Regie: Tommy Lee Jones
Serena – USA 2013. Regie: Susanne Bier
Im Keller – Ö 2014. Regie: Ulrich Seidl
Der Hobbit: Die Schlacht der fünf Heere – NZ, USA 2014. Regie: Peter Jackson
Zwischen Welten – D 2014. Regie: Feo Aladag
Grace of Monaco – F, B, USA, IT 2013. Regie: Olivier Dahan

7. Leider nicht gesehen

Godzilla – USA, JP 2014. Regie: Gareth Edwards
Ida – PL, DK 2013. Regie: Pawel Pawlikowski
American Hustle – USA 2013. Regie: David O. Russell
300: Rise of an Empire – USA 2013. Regie: Noam Murro
Watch­tower – TR, D 2012. Regie: Pelin Esmer
Gabrielle – (k)eine ganz normale Liebe – CA 2013. Regie: Louise Archambault
Trans­cen­dence – USA 2014. Regie: Wally Pfister
Zärt­lich­keit – F, B 2013. Regie: Marion Hänsel
Homefront – USA 2013. Regie: Gary Fleder
Die Karte meiner Träume – F, USA 2013. Regie: Jean-Pierre Jeunet
Hüter der Erin­ne­rung – The Giver – USA 2014. Regie: Phillip Noyce
Planet der Affen – Revo­lu­tion – USA 2014. Regie: Matt Reeves
Titos Brille – D 2014. Regie: Regina Schilling
Timbuktu – F 2014. Regie: Abderrahmane Sissako
Mary – Königin von Schott­land – CH, F 2013. Regie: Thomas Imbach
The Unfor­given – JP 2013. Regie: Lee Sang-il
Norte, The End of History – PH 2013. Regie: Lav Diaz

8. Hab ich mir vorsichts­halber erspart

Beste Chance – D 2014. Regie: Marcus H. Rosen­müller
Jersey Boys – USA 2014. Regie: Clint Eastwood
Stromberg – Der Film – D 2014. Regie: Arne Feldhusen
Der Hundert­jäh­rige, der aus dem Fenster stieg und verschwand – S 2013. Regie: Felix Herngren
Molière auf dem Fahrrad – F 2013. Regie: Philippe Le Guay
Wer ist Thomas Müller? – D 2013. Regie: Christian Heynen
Irre sind männlich – D 2014. Regie: Anno Saul
Bezie­hungs­weise New York – F 2013. Regie: Cédric Klapisch
Honig im Kopf – D 2014. Regie: Til Schweiger

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Filmverbände – Repräsentanz – Genderpolitik

BFFS-Mitgliederversammlung 2014: Der Saalname als gutes Omen? Foto: SchspIN

Das Kabinett der Bundesregierung hat am 11. Dezember die Einführung einer 30 % Genderquote für die Aufsichtsräte der 108 stärksten DAX-Unternehmen ab 2016 beschlossen.
Wie sieht es eigentlich in Bezug auf Mann/Frau-Repräsentanz in den Filmverbänden und ihren Vorständen aus, und wirkt sich eine größere Repräsentanz von Frauen in Vorständen auf die Genderpolitik des Verbands aus? Dazu zwei Beispiele, der Regieverband BVR und der Schauspielverband BFFS.

DIE FILMVERBÄNDE UND IHRE VORSTÄNDE

Die Filmverbände und auch ihre Vorstände sind unterschiedlich groß. Verbände mit weniger als 100 Mitgliedern sind beispielsweise Casting (37 Mitglieder), Locationscouts (43), Stunt (97) und Animationsfilm (24). Die beiden Zweige vom VSK haben 75 (Szenenbild) bzw. 45 (Kostümbild) Mitglieder. Am mitgliederstärksten sind der Verband Deutscher Tonmeister (1970 Mitglieder) und der Bundesverband Schauspiel (2512 Mitglieder).

Prozentual gendermäßig relativ ausgeglichene Mitgliederzahlen weisen die Verbände Produktion, Drehbuch, Requiste/Set Decorator, Locationscouts, Filmschnitt, Schauspiel, Animation und Dokfilm auf. ,Typische Frauengewerke’ sind Kostüm und Maske, ,typische Männergewerke’ sind Kamera / Fernsehkamera, Beleuchtung, Ton und Stunt (,typisch’ bedeutet mehr als 80 %).
Die einzelnen Vorstände bestehen aus 3 bis 12 Leuten. Weiterlesen

Frauen und Männer in den Vorständen von 18 Filmverbänden

Diese Zahlen sind nur bedingt aussagekräftig, weil sie nicht in Relation zu den Frauen- bzw. Männeranteilen unter den Mitgliedern stehen. Die proportionale Repräsentanz lässt sich allerdings über den FVM-Quozienten ersehen. Hat dieser den Wert 1, ist der Frauenanteil im Vorstand genauso groß wie im Verband, egal ob es jeweils 60 % Frauen sind oder nur 10 %. Ist der Frauenanteil im Vorstand höher als unter den Mitgliedern ist auch der FVM-Quozient > 1, ist er niedriger dann ist der FVM-Quozient < 1. [caption id="attachment_5420" align="alignleft" width="573" caption="Relative Repräsentanz von Frauen in Vorständen"][/caption]

Die drei Verbände mit FVM-Quozienten von 0 sind ,typische’ Männergewerke. Beleuchtung, Ton und Fernsehkamera. In den 3 ,typischen’ Frauengewerksverbänden BVC, Maske und Kostüm sind die Männer in den Vorständen jeweils überrepräsentiert (deshalb FVM-Werte unter 0, denn die zeigen ja die relative Frauenrepräsentanz).

Die höchsten FVM-Quozienten haben die Bundesverbände Filmton (4,2) und Regie (1,9). Ganz unten – nach Abzug der 3 Verbände ohne Frauen im Vorstand – kommt leider schon der BFFS mit FVM = 0,3! Nur 14 % Frauenanteil (1 von 7 Sitzen) im Vorstand bei fast 52 % Schauspielerinnen unter den Mitgliedern, was rechnerisch 3,6 Sitzen entsprechen würde.

Ein stärker weiblich besetzter Vorstand bedeutet nicht zwangsläufig, dass sich Gedanken zur – eventuell benachteiligten – Situation von Frauen gemacht werden. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die umfassende Beschäftsumfrage, die der Verband der Filmschaffenden Anfang 2014 veröffentlichte und in der das Geschlecht nicht abgefragt wurde, und das obwohl der Verband mehrere Frauen in Verbandsspitze und Geschäftsstelle hat.
Aber wenn fast oder gar keine Frauen in einem Vorstand vertreten sind, dann stehen die Chancen definitiv schlecht für eine Thematisierung der Situation weiblicher Filmschaffender im jeweiligen Gewerk, schlecht für eine Analyse, schlecht für Aktionen. Dies wird im folgenden anhand von zwei Beispielen betrachtet – den Regisseur/innen (BVR: VFM = 1,9) und den Schauspieler/innen (BFFS: VFM = 0,3).

(DER BUNDESVERBAND) REGIE UND GENDER/-POLITIK

Der Bundesverband Regie (BVR) vertritt Film- und Fernsehregisseur/innen (zZt. 132 Frauen, 439 Männer), auch als Drehbuchautor/innen und Produzent/innen, sowie Regieassistent/innen und Script/Continuities – allerdings keine Theaterregisseur/innen

Von der Mitgliederversammlung im Februar 2014 wurde außerdem mit überwältigender Mehrheit die Erstellung eines Regie-Diversitätsberichts beschlossen, der die Regievergabepraxis in den fiktionalen Primetime-Programmen – d.h. zwischen 18 und Uhr – von ARD und ZDF 2010 bis 2013 sowie die in diesen Jahren im Kino ausgewerteten Spiel- und Dokumentarfilme analysieren sollte.
9 Monate später, im November 2014, wurde dieser umfangreiche und sehr informative Bericht anlässlich der TAGE DER REGIE in München den BVR-Mitgliedern und der Öffentlichkeit vorgestellt.

„Viele Redaktionen und Produktionsfirmen sind sich aufgrund eines fehlenden Diversitäts-Monitorings bisher nicht über die niedrige Beschäftigungsrate von Regisseurinnen in den eigenen Serien, Reihen und Fernsehfilmen bewusst.“ heißt es in dem Bericht, der außerdem anregt, dass Sender und Filmförderanstalten künftig das Monitoring selber in die Hand nehmen.

Zwei Zahlen, stellvertretend für viele:
• Lediglich 11 % der Gesamtsendeminuten aller fiktionalen Primetime-Programme von 2010-13 wurden von Regisseurinnen inszeniert.
• Mehr als die Hälfte der untersuchten Serien hatten in den vier Jahren keine Regisseurin, in keiner Folge.

Wie kommt es zu einer Regievergabe, ist das der berühmte Zufall? Bewerben sich schlicht kaum Regisseurinnen? Wird auf Altbewährte, Bekannte zurückgegriffen, so dass Neue gar nicht erst in den Regie-Kreislauf kommen (Vorabendserie, große Serie, TV-Reihe, Fernsehfilm, Kino)? Ist etwas dran an den Gerüchten, dass manche Redaktionen grundsätzlich keine Regisseurinnen engagieren, und dass manche Serien-Hauptdarsteller nicht bereit sind, mit Regisseurinnen zusammenzuarbeiten? Fragen über Fragen..

Der Diversitätsbericht soll in Zukunft jährlich erscheinen, und nächstes Mal zusätzlich den ethnisch-kulturellen Hintergrund und die Altersstruktur der Regisseur/innen auswerten.

Vielleicht kann außerdem der Frage von Regisseurin Connie Walther nachgegangen werden (siehe taz vom 27.11.14, „Es wäre ein Leichtes”): „Wie viele Regisseure verbergen sich eigentlich hinter den knapp 90 Prozent? Ich vermute: Es gibt ein, zwei Handvoll Regisseure, die arbeiten bis zum Umfallen und die anderen schauen komplett in die Röhre“.

Doch zurück zu diesem ersten Diversitätsbericht. Was kann er bewirken, was sind mögliche Konsequenzen?
Einzelne Regisseur/innen haben sich bereits öffentlich geäußert, und auch der BVR-Geschäftsführer Dr. Jügen Kasten („Kaum Regisseurinnen bei ARD und ZDF – Das männliche Treueprinzip“, taz 10.11.14):

„Der BVR weiß noch nicht, welche politischen Forderungen er aus der Studie ableitet. Eine Quote lehnen die meisten Mitglieder aber ab. In einem künstlerischen Metier könne sie keine Lösung sein, meint BvR-Geschäftsführer Jürgen Kasten. „Wir müssen vermeiden, dass ein Riss in den Verband kommt. Wir vertreten Männer und Frauen gleichermaßen und dürfen nicht mit der politischen Forderung ’Quote‘ die Beschäftigungssituation der Männer gefährden.“

Das mit der Quote ist so eine Sache, denn sie wurde weder auf der Mitgliederversammlung 2014, die den Diversitätsbericht beschloss, diskutiert noch hat es seitdem eine Umfrage dazu gegeben. Und wie geht ,mehr Jobs für Frauen ohne den Männern welche wegzunehmen’? Aber vielleicht ist mit „gefährden“ ja nur gemeint, dass es zu keiner Umkehrung der Verhältnisse kommen soll, also nicht zu 89 % Regisseurinnen- und 11 % Regisseure-Sendeminuten, sondern zu mehr Chancengleichheit und weniger Einseitigkeit?
Eine Möglichkeit wäre – rein theoretisch! -, einfach mehr Filme und Serien zu produzieren, die dann anstelle der ewigen Wiederholungen und internationaler Importe / Wiederholungen gesendet würden, dann stünden logischerweise mehr Regieposten zur Verfügung. Das würde natürlich teuer. Wenn aber nicht mehr produziert wird, bedeuten mehr Regiesessel für Frauen zwangsläufig: weniger für Männer. Ist klar.

Das Stichwort Quote ist bereits gefallen, deshalb ein kurzer Exkurs zu der 2014 von Regisseurinnen gegründete Initiative Pro Quote Regie, die ihre knappere Analyse der deutschen Regiesituation in einen internationalen Kontext stellt und klare Forderungen aufstellt:

• eine Studie zu Werdegang und beruflicher Situation von Regisseurinnen, sowie zur Vergabepraxis von Sendern und Fördergremien
• eine paritätische Besetzung der Entscheidungsgremien aller Filmförderungen
• eine Quote für die Vergabe von Regie-aufträgen im Fernseh- und Filmbereich:
o 30% Frauenquote in 3 Jahren,
o 42% in 5 Jahren und
o 50% in 10 Jahren.

Die erste Forderung ist besonders wichtig, denn im Augenblick kann über Gründe für den Status Quo nur spekuliert werden. 42 % Frauenanteil unter den Absolvierenden an Filmhochschulen im Regiefach, aber nur 23 % aktive Regisseurinnen in der crew united Datenbank und nur 11 % Frauenanteil an den gesendeten Primetime-Fernsehminuten – wie kommt das? Kann es an der Qualität liegen („Regisseure sind einfach besser“), wenn fast genauso viele Frauen wie Männer an Filmhochschulen angenommen werden und diese erfolgreich abschließen? Auch die Vermutung „Die kriegen dann Kinder und wollen nicht mehr so viel oder gar nicht mehr arbeiten“ steht nur so im Raum, ohne Nachweis.

Den Aufruf von Pro Quote Regie haben bislang über 250 Regisseurinnen unterschrieben, und (leider erst) rund 10 Regisseure mit ihrer Unterschrift unterstützt, darunter Edgar Reitz, Anno Saul und Volker Schlöndorff. Vielleicht bezieht sich die Aussage von BVR-Geschäftsführer Kasten auf diesen Mangel an Regisseursunterschriften?
Auch eine breite Unterstützung durch Filmschaffende anderer Gewerke, geschweige denn durch Vorstände anderer Verbände, blieb bislang aus. Lediglich vom BFFS Vorstand gibt es eine Unterschrift (Julia Beerhold, einzige Frau im 7-Leute-Vorstand). Warum?

Quote ist ja leider für viele ein Reizwort – das zeigen aktuell die Diskussionen um die Einführung der Genderquote für Aufsichtsräte der Top DAX Unternehmen. Aber wie bereits angemerkt, es geht um Teilhabe, um relative Repräsentanz, um Vielfalt und um besseres Fernsehen – und das sind weder Kampfbegriffe noch weibliche Provokation.

(DER BUNDESVERBAND) SCHAUSPIEL UND GENDER/-POLITIK

Beim BFFS ist im Vergleich zum BVR alles so ziemlich anders, was nur geht. Der Verband hat wesentlich mehr Mitglieder (über 2.500), unter denen Frauen und Männer grob 50:50 verteilt sind. Im Vorstand (beim BVR 4 Frauen, 5 Männer) sitzen 6 Männer und 1 Frau. Logischerweise gibt es aktuell da auch keinen wachsenden Frauenanteil, im Gegenteil, vor 2 oder 3 Jahren wurden die Sitze von 6 auf 7 erhöht, und der Neue war wieder ein Mann. Eine Gemeinsamkeit gibt es aber: auch der BFFS hat eine männliche Geschäftsführung, wobei es ,bei uns’ (ja, ich bin Mitglied) gleich zwei geschäftsführende Justiziare gibt. Dazu hat der BFFS auch noch einen Beirat, in den der Vorstand kürzlich Helmut Markwort (Jg. 1936) berief, Jobst Plog (Jg. 1941) war vorher schon drin.

Angesichts dieser geballten Männlichkeit (die einzige Vorstandfrau nimmt aktuell eine mehrmonatige Auszeit) erstaunt nicht wirklich, dass es keine bemerkbare Genderpolitik des Verbands gibt – und das heißt in diesen Fall: seitens des Vorstands, denn der BFFS ist tendenziell oligarchisch strukturiert.

Aber können die Mitglieder nicht trotzdem etwas tun? Der Antrag zum BVR-Diversitätsbericht kam ja auch aus der Mitte der Mitglieder und wurde von fast allen angenommen (und dann zügig umgesetzt). Also könnte die BFFS-MV etwas ähnliches beantragen, oder noch viel mehr, einfach weil wir es können, denn wir sind ja viel mehr!

„Ja natürlich!“ diese Antwort liefert ein Blick in die Satzung. Mitglieder können Anträge stellen (und werden sogar dazu angehalten, dazu später mehr), denn es heißt in § 20 „Durchführung der Mitgliederversammlung“ Punkt 10: „Anträge zur Mitgliederversammlung werden nur behandelt, wenn der jeweilige Antragsteller in der Mitgliederversammlung anwesend ist und seinen Antrag begründet.“
Besonders gefällt mir § 12 „Pflichten der Mitglieder“: „Die Pflichten aller Mitglieder sind, die Zwecke und Ziele des Vereins nach besten Kräften zu fördern, (…).“
Nichts mit Beschlüsse und Berichte vom Vorstand bloß abnicken, Mitgestalten ist gefordert.
Und schließlich ein dritter lobenswerter Paragraph, „§ 28 Beiträge, Gebühren und Umlagen“: „Mitgliedsbeiträge und Umlagen werden von der Mitgliederversammlung im Rahmen einer Beitragsordnung festgesetzt.“ Auch gut und wichtig!

Das Ganze hat bloß einen Schönheitsfehler: die Zitate stammen nicht aus der BFFS- Satzung, sie stehen in der Satzung des BdS e.V., des Bundesverbands der Stuntleute, also quasi unserer Stiefgeschwister, denn sie sind die einzigen anderen professionellen Filmschaffenden, die neben uns Schauspieler/innen – bzw. oftmals für uns – vor der Kamera stehen.

Und die Stuntleute gehen noch einen Schritt weiter: Wenn der Termin für die MV erstmals an die MItglieder verschickt wird – die klassische „save the date“-Vorankündigung – steht die Aufforderung, Vorschläge und Anträge einzubringen mit dabei, und wenn dann die förmliche Einladung kommt steht auf dem Antwortformluar nicht nur „ich nehme teil / nicht teil“ sondern außerdem zwei freie Felder für Vorschläge und Anträge.

Laut BFFS-Satzung können Mitglieder keine Anträge für die Mitgliederversammlung stellen (und die MV setzt auch nicht die Mitgliedsbeiträge fest, das macht der Vorstand, der auch alleine den Beirat bestellt). Das ist aber nicht nur auf dem Papier so, ich habe das mit dem Antrag vor 2 Jahren probiert, als ich frisch im Verband war und die Satzung nicht gelesen hatte – Anträge gehen an den Vorstand und der entscheidet, was aus ihnen wird.

Diese Satzung und die jahrelange Praxis haben meines Erachtens im Schauspielverband dazu geführt, dass die Politik des BFFS, die Ausrichtung, die Schwerpunktthemen einzig durch den Vorstand bestimmt und größtenteils durch ihn gestaltet werden. Den Mitgliedern (sie werden in der BFFS-Satzung nicht extra erwähnt, es gibt nur § 2 Mitgliedschaft und § 6 Mitgliederversammlung) bleibt – zugespitzt formuliert – das Abnicken und das Masse-Darstellen.
Das kann funktionieren, und auf diese Art und Weise hat der BFFS ja auch schon viel erreicht. Aber ich finde es nicht demokratisch, wenn eine Handvoll die Linie der Verbandspolitik bestimmen. Denn das heißt auch, dass sie entscheiden, für welche Themen gerade kein Platz ist. Natürlich gibt es sehr viele Bereiche in denen es für uns Schauspieler/innen aktuell ,brennt’. Aber die benachteiligte und alarmierende berufliche Situation für Schauspielerinnen – wohlgemerkt, für die Hälfte der Mitglieder und für Hälfte aller in unserer Berufsgruppe – ist schon zu lange auf die lange Bank geschoben worden. 2010 – schon ne Weile her – wurde im Auftrag des BFFS von Bührmann et al. eine Studie durchgeführt (siehe dazu: Kino, Kinder Karriere?), aus der deutlich hervorging, dass die wirtschaftliche Situation für Schauspielerinnen noch schlechter ist als die für Schauspieler. Hatte dieser Aspekt der Studie – es ging primär um andere Fragen – irgendeine Konsequenz, führte das zu einer speziellen Presseerklärung, zu einer Kampagne, irgendwas? Ja sicher, es soll demnächst mal wieder eine Studie geben. Aha.

Dass es seit diesem Sommer die Unequal Pay-Kampagne beim BFFS gibt, nun, das war einer meiner geplanten Anträge damals für die Mitgliederversammlung, wo sie ja nie landeten und folglich auch nicht diskutiert wurden. Und ich glaube eine Kampagne hätte objektiv nach außen und innerhalb des Verbands einen anderen Stellenwert, wenn sie von der Mitgliederversammlung initiiert und beschlossen wird. Nicht von oben – per Vorstandsbeschluss – sondern von der Basis, klassische Demokratie. Wobei ich mich natürlich sehr freue, dass Vorstandsfrau Julia Beerhold dem Vorschlag nach kurzer Zeit sehr aufgeschlossen gegenüberstand und die Kampagne vermutlich auch im Kreise ihrer Kollegen durchgesetzt hat. Aber sie ist nun mal die alleinige Frau im Vorstand, und es wirkt so, als ob alles, was unter „Frauenthema“ gefasst werden könnte ihr obliegt – wobei die Retro Reality im Fernsehen – d.h. deutlich mehr Männer- als Frauenrollen, ein Verschwinden von Frauenrollen ab 40, antiquierte Geschlechterstereotype – kein Frauenthema ist, sondern ein gesellschaftliches, ökonomisches, politisches.

Zur Mitgliederversammlung 2014 waren weniger als 100 Mitglieder gekommen. Als nach 4, 5 Stunden der Vorstand (wieder-)gewählt wurde, waren gerade noch 88 Stimmen über Anwesende und Stimmrechtsübertragung vertreten. Das sind 3,5 % aller Mitglieder. Fairerweise muss gesagt sein, dass der Vorstand auch unglücklich oder eher unzufrieden mit der schwachen Anwesenheit war. Aber mal ganz unter Dass es seit diesem Sommer die Unequal Pay-Kampagne beim BFFS gibt, nun, das war einer meiner geplanten Anträge damals für die Mitgliederversammlung, wo sie ja nie landeten und folglich auch nicht diskutiert wurden. Und ich glaube eine Kampagne hätte objektiv nach außen und innerhalb des Verbands einen anderen Stellenwert, wenn sie von der Mitgliederversammlung initiiert und beschlossen wird. Nicht von oben – per Vorstandsbeschluss – sondern von der Basis, klassische Demokratie. Wobei ich mich natürlich sehr freue, dass Vorstandsfrau Julia Beerhold dem Vorschlag nach kurzer Zeit sehr aufgeschlossen gegenüberstand und die Kampagne vermutlich auch im Kreise ihrer Kollegen durchgesetzt hat. Aber sie ist nun mal die alleinige Frau im Vorstand, und es wirkt so, als ob alles, was unter „Frauenthema“ gefasst werden könnte ihr obliegt – wobei die Retro Reality im Fernsehen – d.h. deutlich mehr Männer- als Frauenrollen, ein Verschwinden von Frauenrollen ab 40, antiquierte Geschlechterstereotype – kein Frauenthema ist, sondern ein gesellschaftliches, ökonomisches, politisches.

Zur Mitgliederversammlung 2014 waren weniger als 100 Mitglieder gekommen. Als nach 4, 5 Stunden der Vorstand (wieder-)gewählt wurde, waren gerade noch 88 Stimmen über Anwesende und Stimmrechtsübertragung vertreten. Das sind 3,5 % aller Mitglieder. Fairerweise muss gesagt sein, dass der Vorstand auch unglücklich oder eher unzufrieden mit der schwachen Anwesenheit war. Aber mal ganz unter uns: wem ist zu verübeln, nicht dagewesen zu sein? Die Aufgabe der Mitgliederversammlung (neben Wahl und Entlastung des Vorstands) ist die „Entgegennahme des Berichts des Vorstands über die Vereinstätigkeit“ (§ 6 BFFS-Satzung). Und das ist – um es wiederum überspitzt zu formulieren – in der epischen Länge, die sich der Vorstand dafür nimmt ziemlich anstrengend. Alle die mehr oder weniger regelmäßig die BFFS-Newsletter lesen und ab und zu die regionalen Stammtische besuchen sind bereits über das meiste informiert. Das ist kein Plädoyer für eine Abschaffung des Berichts, aber wie wäre es mit 1 statt 4 Stunden Dauer für diesen Punkt? Dann wäre Zeit für richtige Diskussionen, für mehr Mitgliederbeteiligung und -engagement.
Dass die Vorstandswahl eigentlich keine Wahl war (es sei denn, Friss-oder-stirb ist eine Wahl), hat mir übrigens auch nicht gefallen.

Der neue BFFS-Vorstand. Foto: Martin Becker

Es geht um Vorstände und Genderrepräsentanz. Und dazu gehört auch die Sache der Außendarstellung. Als letztes Beispiel die DSP-Verleihung 2014 (der Preis mit dem ungeschickten Namen). Im Laufe des Abends waren viele Vorstandsmänner einmal auf der Bühne, sie hielten Ansprachen, sangen oder bekamen einen Preis verliehen. Die einzige Vorstandsfrau des BFFS, Julia Beerhold, trat bei dieser für viele wichtigsten Außendarstellung des Verbandes in der Branche nicht in Erscheinung, sie saß irgendwo im Publikum. Generell sind ihre – sehr wichtigen! – Arbeitsbereiche nach Innen gerichtet. Wenn die BFFS-News und -Pressespiegel es richtig wiedergeben, dann sitzen bei den Tarifverhandlungen, bei den Gesprächen mit Politiker/innen, bei den wichtigen Interviews – immer nur die Männer.

EPILOG

• Elisabeth Selbert: Du sag mal Kalle, ich finde in den Herrenchiemsee-Protokollen gar nichts zu dem Thema Gleichberechtigung. Wo habt Ihr das denn besprochen?
• Carlo Schmid: Gar nicht. Da waren ja nur Herren anwesend. Da musst Du schon auf Frauenchiemsee warten.

Sternstunde ihres Lebens. 2014. Regie Erica von Moeller, Buch Ulla Ziemann.

Dieser Text ist die gekürzte Zusammenfassung von 3 Blogtexten:

27.11.14: Wer vertritt hier wen? Teil 1: Die Filmverbände
18.12.14: Filmverbände und Gender Teil 2: Der BVR
22.12.14: Filmverbände und Gender Teil 3: Der BFFS

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Cinema Moralia – Folge 96: Die gestörte Kultur des Ämterwechsels oder: Kosslick forever?

»Man muss natürlich immer gegen die Tyrannei kämpfen.« (Fritz Lang)

Man muss natürlich immer gegen die Tyrannei kämpfen und wie Bernd Neumann Monika Grütters’ einmal eine Chance gab, und sie diese ohne Not verspielte – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 95. Folge

Jean-Luc Godard: Sie heißen Fritz Lang und ich Jean-Luc Godard. Sie haben viel mehr Filme gedreht als ich… Wissen Sie, wieviele?
Fritz Lang: Nein.
Godard: Aber ich. Sie haben 42 Filme gedreht.
Lang: Mein Gott!
Dialog am Beginn eines langen Gesprächs, das Godard im November 1964 mit Fritz Lang führte, für die Fern­seh­serie »Cineastes de notre temps ». Godard war damals 34 Jahre alt, Lang 74 Jahre.

+ + +
Kurze Zeit später in diesem wunder­baren Gespräch zwischen Godard und Lang, das uns an eine Kino­kultur erinnert, die leider inzwi­schen fast verschwunden ist, weil weder Publikum, noch Kultur­po­litik an ihr auch nur halb im Ernst inter­es­siert wären, kurze Zeit später in diesem Gespräch sagt Fritz Lang den Satz »Wenn man älter wird, hat man Angst, den Kontakt zur Jugend zur verlieren, das ist in allen Berufs­sparten so. Ich jeden­falls hatte Angst davor.«
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Die Verlän­ge­rung von Dieter Kosslicks Vertrag als Berlinale-Chef, die vor einer Woche, da war ich gerade auf dem Weg zur IDFA in Amsterdam, vom BKM, dem Bundes­staats­mi­nis­te­rium für Kultur bekannt gegeben wurde, ist eine sehr schlechte Nachricht.
Es ist eine schlechte Nachricht für die Berlinale selbst, eine schlechte Nachricht für das deutsche Kino. Und eine schlechte Nachricht für die deutsche Kultur­szene.
Warum? Zur Berlinale und den Folgen des derz­ei­tigen Berlinale-Kurses für das deutsche Kino, und das Kino-Vers­tändnis des breiten Publikums haben wir bei anderer Gele­gen­heit schon oft geschrieben, und neue Gele­gen­heiten werden bis mindes­tens 2019 noch viel zu viele kommen. Konz­en­trieren wir uns also auf den letzten Punkt. Weiterlesen

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Was passiert eigent­lich, wenn der liebe Gott Kosslick 101 Jahre alt werden lässt, so alt wie Leni Riefen­stahl? Was wir ihm persön­lich wirklich von Herzen wünschen. Aber ist er dann, im Jahr 2049 immer noch Berlinale Chef? Das wünschen wir der Berlinale nämlich, und Dieter Kosslick nicht. Aber wie funk­tio­niert das überhaupt, ein Ämter­wechsel? Wenn Kosslick nicht von selber aufhören will?

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Dieter Kosslick ist seit dem Jahr 2002 Chef der Berlinale. Schon jetzt wird er mit der bevor­ste­henden Berlinale 2015 14 Festivals geleitet haben. Mit der Verlän­ge­rung bis 2019 werden es 18 Festivals gewesen sein. Dieter Kosslick hat bereits jetzt das Renten­alter über­schritten. 2019 wird er 71 Jahre alt sein. Gibt es in Deutsch­land denn nur einen, der die Berlinale leiten kann?
Oder will umgekehrt keiner diesen Job haben? Weil Kosslick die Berlinale margi­na­li­siert hat, weil er Quantität vor Qualität stellt, und dieses Festival Ausländer immer weniger inter­es­siert, und viele deutsche Profes­sio­nelle auch nicht?

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Kosslicks Beispiel belegt jeden­falls: Der Vertrag des Berlinale-Chefs ist wie der anderer vergleich­barer Kultur­posten, längst zum Auto­ma­tismus geronnen.
Mit der quasi auto­ma­ti­sierten,, in der Öffent­lich­keit weder debat­tierten, noch in den sozialen Insti­tu­tionen öffent­lich geprüften Vertrags­ver­län­ge­rung legt die neue Kultur­staats­mi­nis­terin Monika Grütters einen mindes­tens nach­läs­sigen Umgang mit ihrer poli­ti­schen Verant­wor­tung an den Tag. Sie nimmt die Verant­wor­tung tatsäch­lich gar nicht wahr. Sie prak­ti­ziert Politik nach Guts­her­renart, von oben herab, und straft alle ihre eigenen Sonn­tags­reden Lügen, nach denen sie in ihrem Handeln an Plura­lismus und Offenheit, an Vielfalt und kreativen Kontro­versen inter­es­siert sei.

Völlig unge­achtet von der Dauer einer Amtszeit und der Befähi­gung eines Kandi­daten sollten derartige Stellen – ein über­wie­gend öffent­lich finan­ziertes Kultur­er­eignis ersten Ranges – vor einer Verlän­ge­rung öffent­lich ausge­schrieben werden. Viel­leicht gäbe es noch andere Bewerber? Mit noch besseren Quali­fi­ka­tionen, besseren Ideen, besserer Eignung.

Viel­leicht würde eine Bewerbung mehrerer Kandi­daten den handelnden Kultur­po­li­ti­kern und der kriti­schen Öffent­lich­keit neue und diverse Perspek­tiven aufzeigen, Perspek­tiven, an die sie nicht mal im Traum gedacht gaben. Einer solchen Chance verschließt sich Grütters ohne Not, und sie verschließt eine solche Debatte auch der Öffent­lich­keit.

Aber um die Öffent­lich­keit – um »alle, die Bürger wie die Kultur wie die Berlinale-Besucher – geht es, nicht immer nur um die Person des Leiters.

Eine solche Debatte könnte ja zum Ergebnis haben, dass Kosslicks Vertrag verlän­gert wird. Sie würde dann aber auch Kosslick nützen. Er müsste sich erklären, er könnte sich nicht auf Routine und »Business as usual« zurück­ziehen, müsste sich anstrengen. Davon würde die Berlinale in jedem Fall profi­tieren, und um die muss es doch gehen, oder Frau Grütters?

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Die Berlinale ist weder Kosslicks Erbhof, noch der Privat­be­sitz von Frau Grütters, in dem sie ihren Verwalter nach Gutdünken bestellen darf, noch ein Konzern, der seine Vorstände hinter geschlossen Türen bestimmt, und keine demo­kra­ti­sche Rechen­schaft schuldig ist. Aber selbst die Aktionäre eines börsen­no­tierten Unter­neh­mens haben in Deutsch­land mehr Macht als alle, die etwas mit Kultur zu tun haben, als im Fall der Berlinale die Film­brache, die Verbände, die Beob­achter und das Publikum.

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Dies ist ein prin­zi­pi­elles Argument: Wie bestimmen wir die Posi­tionen, insbe­son­dere Leitungs­posten in derar­tigen Insti­tu­tionen? Wie wollen wir in Zukunft Vielfalt, Abwechs­lung und Inno­va­tion sichern?
Müssen die jewei­ligen Amts­in­haber erst frei­willig zurück­treten, oder arbeits­un­fähig werden, oder sterben, damit es einen Wechsel der Spitz­en­po­si­tionen überhaupt geben kann?
Was für eine gestörte Kultur, die den regel­mäßigen Wechsel nicht als etwas Selbst­ver­s­tänd­li­ches akzep­tieren kann? Und im konkreten Fall: was für eine Anstands­lo­sig­keit, für eine perverse Selbst­wahr­neh­mung Dieter Kosslicks, dass er selbst nicht merkt, dass es genug ist, oder schlimmer noch: dass es ihm egal ist.

Derart lange Amts­z­eiten tun niemandem gut. Nicht der Insti­tu­tion, nicht dem Amt, nicht der Person. Kosslick wird länger amtiert haben als der Berliner regie­rende Bürger­meister Klaus Wowereit und länger als Helmut Kohl als Bundes­kan­zler. Nun kann man die Belastung dieser Ämter bei allem Respekt vor Kosslicks Arbeits­ver­mögen zwar nicht mitein­ander verglei­chen. Aber es steht einer demo­kra­ti­schen Insti­tu­tion nicht gut an, wenn Amt und Person mitein­ander verschmelzen. Gerade im Bereich der Kultur sind Wechsel und Abwechs­lung eine Tugend, frischer Wind und Inno­va­ti­ons­kraft. Wie soll einer, der 14 Jahre den gleichen Beruf macht, sich und vor allem das Festival, um das es schließ­lich geht, immer neu erfinden können? Wie soll er Altes infrage stellen und für nicht, überholt, oder unzeit­gemäß erklären können, das er doch selbst geschaffen und mit warmen Worten als etwas Neues ins Leben gerufen hat.

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Unter Kosslick hat die Berlinale an inter­na­tio­naler Bedeutung verloren. Die Bericht­er­stat­tung ist auch inter­na­tional seit Jahren einhellig negativ. Die Filme, die dort laufen, sind größ­ten­teils irre­le­vant. Als Veran­stal­tung tritt sie auf der Stelle, es gibt bereits seit langer Zeit keine Inno­va­tion.

Hätte Monika Grütters sich für die Sache und die Person Dieter Kosslick inter­es­siert und nicht nur auf ihre offen­kundig inter­es­se­ge­lei­teten Berater gehört, oder sich selbst von schlechten, sach­fernen Inter­essen leiten lassen, hätte sie noch nicht einmal mit anderen Personen und Verbänden sprechen müssen, Sie hätte nicht mit bekannten Kritikern Kosslicks reden müssen, auch nicht auf Filme­ma­cher und Kino­be­treiber und Film­kri­tiker hören, die die Berlinale seit Jahren als
Teil­nehmer erleben.

Sie hätte einfach einmal bei lang­jäh­rigen Berlinale-Mitar­bei­tern vertrau­liche Gespräche führen können, und sich aus der Vielfalt dieser Stimmen ein runderes Bild machen können. Sie hätte danach Kosslick zum Beispiel fragen können, warum zu einem Film­fes­tival Edel-Köche von Los Angeles per First-Class-Flug einge­flogen werden, man einem Regisseur, der einen Film auf der Berlinale hat, aber das Bahn­ti­cket nicht bezahlen will. Dies nur als ein konkretes Beispiel, stell­ver­tre­tend für viele, die ich hier aufführen könnte.

Zusam­men­ge­fasst: Dieter Kosslick steht für das Gegenteil von Offenheit, Vielfalt und kreativen Kontro­versen. Er steht für nahezu alles, was am Gegen­warts­kino schlecht ist.

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Der vorherige Kultur­staats­mi­nister Bernd Neumann wusste, warum er Kosslicks letzten Vertrag nur bis 2015 verlän­gerte. Neumann zum Beispiel erklärte frei­willig und ohne Druck nach zwei Amts­pe­ri­oden, er wolle nicht weiter­ma­chen. Er wollte seiner Nach­fol­gerin die Chance geben, in Ruhe einen Neuanfang zu wagen und vorzu­be­reiten. Das war klug. Neumann verstand eben etwas vom Kino. Grütters hätte ein Jahr dafür Zeit gehabt. Jetzt hat sie diese Chance verspielt. Mit ihrem Verhalten
erweist Grütters weder der Berlinale noch dem deutschen Kino noch ihrem Amt einen Dienst.

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Godard: Ich denke da etwas anders. Meiner Meinung nach ist van Gogh bedeu­tender als der Schreiner, der die Staffelei herge­stellt hat, auf der van Gogh malte, selbst wenn es eine sehr schöne Staffelei war.
Lang: Sie haben natürlich recht, das ist ein extremes Beispiel. Viel­leicht habe ich nicht recht, mag sein…
Godard: Aber Sie betrachten sich lieber als Schreiner denn als…
Lang: …nein, nicht als Schreiner, aber als Arbeiter. Das Publikum glaubt, dass das, was man tut, einem zuge­flogen ist, dass das ein Vergnügen ist. Es weiß nicht, dass das harte Arbeit ist… Ich glaube, dass wir etwas gemeinsam haben. Ich glaube, dass Sie ein Roman­tiker sind, und ich bin es auch. Ich weiß nicht, ob es gut ist, heut­zu­tage ein Roman­tiker zu sein.
Godard: Heut­zu­tage ist das schlecht, glaube ich.
Gespräch zwischen Jean Luc Godard und Fritz Lang, November 1964; »Cineastes de notre temps«

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In den Reden von Monika Grütters wimmelt es von vielen schönen Metaphern, überhaupt vielen Metaphern. Buch­hand­lungen seien »Tank­stellen« und Verlage »Anker­punkte« haben ihr ihre Reden­schreiber formu­liert. Oder war’s umgekehrt?
Ein Film­fes­tival würde sie in dieser Diktion jeden­falls viel­leicht eine »Lade­sta­tion« nennen. Wenn wir in dieser Metapher bleiben wollen, dann ist Kosslicks Akku leer. Er hat fertig.

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Lang: Ich glaube, dass unser Metier, das Kino, nicht nur die Kunst unseres Jahr­hun­derts ist. Es ist auch die Kunst der jungen Leute.
Godard: Sie glauben, das ist die Kunst der Jugend? Ich glaube es auch. … Wenn das Kino die Kunst der Jugend ist, dann maßregelt man es viel­leicht wegen seiner Jugend. Man ist mit ihm strenger als mit anderen. Ich würde gerne von Ihnen erfahren, wie wir uns verhalten sollen gegenüber… sagen wir nicht Zensur, nennen wir es Tyrannei. Müssen wir, wie die Kinder, alles zerstören, alles kaputt machen, oder sollte man sie eher austricksen?
Lang: Ich verstehe nichts von Kindern.
Godard: Und von der Tyrannei?
Lang: Man muss natürlich immer gegen die Tyrannei kämpfen.
Gespräch zwischen Jean Luc Godard und Fritz Lang, November 1964; »Cineastes de notre temps«

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 93: Das Recht auf Selbstbestimmung

»Do what you want!« – das lernt auch Marieme in Bande De Filles, Celine Sciammas diesjährigem Cannes-Film über vier starke, schwarze Girls aus Paris.

Mitten im Leben, vom Tode umgeben: Warum ich Feminist bin und für das Recht auf einen freien Tod, und was das mitein­ander zu tun hat – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 93. Folge

»’Where should I go?’ said Alice.
‘That depends on where you want to end up.’ replied The Cheshire Cat.«
Alice in Wonder­land
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Es wäre sehr lustig, wenn es nicht so grotesk gewesen wäre und auch ein bisschen traurig: Pres­se­kon­fe­renz im Berliner Arsenal. Ich kam etwas zu spät, es hat gerade schon ange­fangen. Zehn Frauen sitzen vorne, wie die Hühner auf der Stange. Im Saal weitere 29, bis zum Ende der Veran­stal­tung kommen noch drei dazu. Dazwi­schen genau zwei Männer. Ich bin der dritte.
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Dienstag, 14.10., 11 Uhr vormit­tags. Vorge­stellt wird der Aufruf »Pro Quote Regie« in Form einer Pres­se­kon­fe­renz. Es läuft etwas falsch, scheint mir, wenn die Redak­tionen (darunter diverse Redak­teu­rinnen) zu so einem Termin dann nur die Frauen schicken. Redak­teu­rinnen waren übrigens gar nicht vertreten, sofern ich niemanden übersehen habe.
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Den Aufruf haben bislang rund 200 Regis­seu­rinnen unterz­eichnet, aus allen Gene­ra­tionen und Stil­rich­tungen, darunter sehr bekannte Namen des deutschen Kinos, die meisten, aber nicht alle von ihnen Deutsche. Männer dürfen übrigens nicht unter­schreiben, wohl damit das Ganze weiterhin »Aufruf der Regis­seu­rinnen« betitelt werden kann. Es gibt aber eine zweite Liste, auf der sich Unter­s­tützer beiderlei Geschlechts finden. Gefordert wird in dem Aufruf »die Einfüh­rung verbind­li­cher Frau­en­quoten« in den öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk­an­stalten, den Film­för­de­rungen des Bundes und der Länder, sowie in alle »Insti­tu­tionen … in denen öffent­liche Mittel für Produk­tions- und Regie­auf­träge vergeben werden.« Man wünscht einen Anteil von 30 Prozent bis zum Jahr 2017, und 42 Prozent bis 2019 – das entspricht dem aktuellen Anteil von Frauen mit Regie-Diplom.
Gefördert wird weiterhin eine wissen­schaft­liche Studie »zu Werdegang und beruf­li­cher Situation von Regis­seu­rinnen in Deutsch­land sowie zur Verga­be­praxis von Rund­funk­an­stalten und Förder­gre­mien.« Man bietet den Verant­wort­li­chen bei Förder­gre­mien und Sendern einen Dialog an. Sie glauben: »Eine gerech­tere Film- und Fern­seh­för­de­rung kann nur gemeinsam mit der Politik und den Verant­wort­li­chen in den Sende- und Förder­an­stalten erreicht werden.« Mal abwarten.
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Ich geb’s zu: Als ich zuerst davon gelesen hatte, dachte ich: Was für ein Schwach­sinn! Muss das sein? Gibt es nicht wich­ti­gere Fragen als eine Frau­en­quote? Weiterlesen

Wäre es nicht viel besser, die Film­branche würde gemeinsam dafür sorgen, dass die Filme besser werden, sich zusam­mentun, anstatt zu spalten? Wäre es nicht besser, zumindest die progres­siven Kräfte der Kinoszene würden für Ästhetik und Inhalte kämpfen, für Geld, um die bisher arg begren­zten Fleisch­tröge und Arbeits­mög­lich­keiten zu vergrößern, als für Zugangs­rechte zu diesen Fleisch­trögen? Auf alle Fälle wäre all das besser. Stimmt schon: Es könnte alles ganz anders sein. Ist es aber nicht. Die deutsche Filmszene, auch die mit Verstand und Geschmack, besteht über­wie­gend aus Solisten. Sie sollten sich zusam­mentun, hätten das tun können, haben es aber nicht. Die Frauen dagegen haben sich zusam­men­getan, und etwas auf die beine gestellt. Sie kämpfen für ihre Inter­essen. Pech, Jungs! Schaut Euch an, wie man es macht.

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Die Argumente für den Aufruf sind einfach überz­eu­gend. Denn die Zahlen sind in einem krassen Miss­ver­hältnis: Aktuell werden über 85 Prozent aller Regie­auf­träge in Deutsch­land an Männer vergeben, obwohl 42 Prozent aller Regie-Absol­venten von Film­hoch­schulen Frauen sind. Man muss also gar nicht die weibliche Perspek­tive beschwören, und bloß nicht im Jargon eines neoli­be­ralen Control­lers von Wett­be­werb reden. Es geht schlicht um klas­si­sche Werte: Gleich­heit, Gerech­tig­keit, Chancen und Teilhabe.

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Ich bin eigent­lich auch gegen Quoten. Wenn überhaupt, müsste es eine Quote für den IQ geben, und für Geschmack, wenn man den messen könnte. Ich bin überzeugt, dass Kunst mit Demo­kratie nicht das Geringste zu tun hat, eher schon mit Autorität, und dass man über Kunst, über Stil, über Ästhetik, über Qualität und Niveau oder auch über Geschmack nicht demo­kra­tisch entscheiden oder gar abstimmen kann, und dass die Demo­kratie der Kunst oft schweren Schaden zufügt. Mit der Einschrän­kung, dass Kunst zwar keine Sicher­heit braucht, aber ein Minimum an Freiheit.
Jeder meint zudem, wenn er »Quote« sagt, etwas anderes. Ich stelle mir bei Quote ein Schut­z­system für Filme vor, für welche aus Europa, aus Asien und Latein­ame­rika, und vor allem überhaupt für künst­le­risch Schutz­wür­diges. Analog zu den Mindest­quoten für korea­ni­schen Film, die den Aufstieg des Filmlands Korea überhaupt erst möglich machten. Oder denen für Fran­zö­si­sches in Frank­reich: Die exception cultu­relle. »Quote« bedeutet hier: Minder­hei­ten­schutz. Für Fern­seh­in­ten­danten sind Quoten dagegen ein Argument um den neuesten Abstieg im Niveau ihres Senders zu recht­fer­tigen. Um zu erklären, warum die ARD an einem Abend erst den »Gemüse-Check« bringt, dann vom »Mais-Wahn« erzählt und nicht nur den Leuten, sondern sich selbst einredet, das sei »Service«. »Die Leute wollen es ja so« heißt es dann, in einmal mehr miss­ver­stan­dener Demo­kratie. »Quote« ist in diesem Fall eine Waffe. Das Mittel einer relativ großen Gruppe, die meistens auch keine Mehrheit ausmacht, um alle anderen kleineren Gruppen zum Schweigen zu bringen, sie zu margi­na­li­sieren.
Die Quote wie sie hier und in allen Fällen einer sozialen Quote verstanden wird, ist etwas Drittes: Ein Teil­ha­be­mi­nimum. Sie bezeichnet einen Prozent­satz, bezieht sich auf eine bestimmte soziale Teil-Gruppe und einen Bereich, in dem diese Gruppe unter­re­prä­sen­tiert ist. Die Quote soll den Anteil erhöhen. Quoten, wenn man sich einmal auf sie geeinigt hat, sind ein gutes Mittel dazu.

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Denkt man diesen Gedanken eines Teil­ha­be­mi­ni­mums aller­dings konse­quent zu Ende, dann kommt eine Gesell­schaft heraus, in der ich nicht leben will. Eine unfreie, hoch­re­gu­lierte Gesell­schaft. Eine Gesell­schaft, die sich nicht über Indi­vi­duen definiert, sondern über Grup­pen­iden­tität. Denn warum sollten eigent­lich ausge­rechnet Frauen quotiert sein? Warum nicht Alte und Junge? Rassen? Reli­gionen? Kulturen? Einkommen? Bildungs­grad? Poli­ti­sche Posi­tionen? Behin­derte? Sexuelle Minder­heiten? Ausländer? Oder doch IQ? Und so weiter. Ein unend­li­ches Mosaik von Zugehö­rig­keits­quoten wäre die Folge, und unsere Gesell­schaft sähe aus wie ein Fern­sehrat, ein gemain­streamtes Patchwork, in dem nur eines fehlt: Das Indi­vi­du­elle und das Indi­vi­duum, das sich keiner Gruppe fügt, nicht in sie passt, weil es eben bereits qua Begriff unteilbar ist.
Kann man das wünschen? Das kann man nicht wünschen!

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Aber darum geht es auch gar nicht. Wenn ich die Initia­toren und ihr Auftreten auf der Pres­se­kon­fe­renz richtig verstehe, dann wollen sie das auch gar nicht, denn sie wissen ganz genau, dass eine Quote im Kino- und Fern­seh­film praktisch völlig unmöglich ist. Wie soll das auch gehen? In einer Filmwelt, in der Filme von mehreren Länder­för­de­rern und Fern­seh­an­stalten finan­ziert werden müssen, weil man sie sonst gar nicht machen kann. Wer die Quote wirklich will, der müsste zunächst mal die Film­för­de­rung revo­lu­tio­nieren. Das könnte ja schon mal inter­es­sant werden – wenn wir denn diese Revo­lu­tion wollten. Tatsäch­lich sollten wir an einer anderen Film­för­der­re­vo­lu­tion inter­es­siert sein.
Worum es dem Aufruf tatsäch­lich geht, ist Bewusst­seins­bil­dung. Über eine Schief­lage, die einen rele­vanten Teil der Gesell­schaft vom Filme­ma­chen struk­tu­rell ausschließt. Die einem de-facto-Berufs­verbot gleich­kommt. Die Regis­seu­rinnen Maria Mohr und Connie Walther haben es treffend ausge­drückt: Frauen müssen schlechte Filme machen dürfen. Wenn sie das heute tun, war es ihr letzter Film, während man bei Männern von einem Ausrut­scher spricht.
Es geht im Aufruf auch darum, auch mit dem Märchen aufzu­hören, dass Frauen die besseren Menschen seien. Angela Merkel beweist täglich das Gegenteil. Man könnte aber auch darauf hinweisen, dass die Mehrzahl der Länder-Förde­rungen nach wie vor von Frauen geleitet werden. Bis Ende 2013 waren nur der baye­ri­sche FFF und die ostdeut­sche MDM in männ­li­cher Hand. Seit diesem Jahr auch wieder Hessen und die MFG. Ein gesell­schaft­li­cher Roll-Back.
Aber auch unter weib­li­cher Führung sind die Ergeb­nisse nicht befrie­di­gend. Zudem wenn man berück­sich­tigt, dass viele Förder­re­fe­renten- und TV-Redak­teur­stellen weiblich besetzt sind. Es hat sich nicht positiv ausge­wirkt. Weder sind die Themen besonders weiblich, noch die Entschei­dungen sehr frau­en­freund­lich. Bei einzelnen Personen, ob aus München, Frankfurt oder Berlin wird sogar offen von »Stuten­bis­sig­keit« und »Zickentum« gespro­chen. es gibt Fern­seh­re­dak­teu­rinnen, die haben noch nie in ihrem Leben eine Frau gefördert, es gibt Förde­r­ent­schei­de­rinnen, da ist es ein offenes Geheimnis, dass bestimmte Männer-Typoen die besten Chancen auf Förderung haben.

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Aber all das ist kein Argument gegen die Quote: Im Gegenteil: Die gerechte Betei­li­gung von Frauen wird nicht mehr verändern, als die von manchen Frau­en­be­wegten selbst­ge­pflegten und gern kulti­vierten Mythen, Frauen seien irgendwie anders. Erst die gerechte Betei­li­gung von Frauen wird mit dieser falsch verstanden Frau­en­be­we­gung so aufräumen, wie es die Betriebs­räte mit den Mythen der Arbei­ter­be­we­gung getan haben. Danach erst kann man sich dann viel­leicht wieder auf die Lage der Mensch­heit konz­en­trieren, anstatt diese in Iden­ti­täts­gruppen zu spalten.

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So weit sind wir aber noch nicht. Wer all dies nicht glaubt, der kann sich ja einmal die Erfah­rungen zu Gemüte führen, die mehrere Dutzend Film-Frauen (so nenne ich sie jetzt mal, denn sie sind längst nicht nur Film-Regis­seu­rinnen) jetzt für ein Buch formu­liert haben. Es ist der Sammel­band »Wie haben Sie das gemacht? Aufz­eich­nungen zu Frauen und Filmen« [http://www.schueren-verlag.de/programm/titel/407–wie-haben-sie-das-gemacht-aufz­eich­nungen-zu-frauen-und-filmen.html]
Einige von ihnen sind mit den Unter­s­tützern des Aufrufs identisch, andere unter­s­tützen den Aufruf dezidiert nicht. Der Band, den Claudia Lenssen und Bettina Schoeller-Boujou heraus­ge­geben haben, wird am Donnerstag-Abend in der Berliner Akademie der Künste vorge­stellt. Es geht darin auch um eine Zwischen­bi­lanz, ein Resümee des poli­ti­schen Kampfes um Gleich­be­rech­ti­gung und Selbst­be­stim­mung von Frauen.
Die span­nenden Texte des Buches machen einmal mehr klar, dass die Debatten keines­wegs zu Ende sind. Die Frage der Frauen wird uns auch hier in den nächsten Wochen und Monaten weiter beschäf­tigen.

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Bei der Frau­en­frage geht es um nicht weniger, als ein zentrales Grund­recht: Art. 3 des Grund­ge­setzes [http://www.gesetze-im-internet.de/gg/] ist deutlich genug: »(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.: (2) Männer und Frauen sind gleich­be­rech­tigt. Der Staat fördert die tatsäch­liche Durch­set­zung der Gleich­be­rech­ti­gung von Frauen und Männern und wirkt auf die Besei­ti­gung beste­hender
Nachteile hin.«
Noch Fragen?

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Beim Film­fes­tival von Cannes gab es in diesem Jahr übrigens einen hervor­ra­genden Film zum Thema: Er stammt – nicht zufällig, so scheint mir – aus Frank­reich und zwar von der Regis­seurin Celine Sciamma, und heißt Bande De Filles (inter­na­tional aka GIRLHOOD), was natürlich nichts anderes ist als eine offene Anspie­lung auf Godard. Es geht um vier starke, schwarze Girls aus der Vorstadt. Sie haben nichts, also nehmen sie sich alles: Style, Stolz, Freiheit. Ein Film, der uns vorführt (nicht erklärt, warum Freiheit womöglich mehr mit Ästhetik zu tun hat als mit Moral, mehr mit Pop als mit political correct­ness, mit Musik und Mut und ganz bestimmt gar nichts mit Quoten. Das Motto: »Do what you want!«
Die junge Marieme, die es auch nicht leicht hat, zum Beispiel mit ihrem kaputten Bruder, wird Mitglied einer Frauen-Gang. Sie sind unkon­ven­tio­nell und witzig, sie prügeln sich, wenn es sein muss, und zeigen uns, was Femi­nismus wirklich heißt: Selbst-Bewusst­sein. Es geht um das Verhältnis zwischen Selbst- und Fremdbild – darum gucken sich die Girls auch fort­wäh­rend im Spiegel an, Filmen sich, beur­teilen sich gegen­seitig. »Bande de Filles« zeigt uns, was das eigent­liche Problem ist, das meiner Ansicht nach auch für viele deutsche Frauen gilt, auch für nicht wenige, die das Papier »Pro Quote Regie« unter­schrieben haben: Fehlende Härte, fehlender Mut. Das sind eben keine »männ­li­chen Werte«, sondern univer­sale.
Früher nannte man das alles ja Eman­zi­pa­tion. Auch so ein altehr­wür­diger Ausdruck, der etwas demodé geworden ist. Dabei kommt es doch genau darauf an: Sich zu eman­zi­pieren von Rollen­sche­mata, übrigens auch von manchen der Frau­en­be­we­gung und zum Indi­vi­duum zu werden.

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Wenn solche Filme, Filme wie Bande De Filles oder die von Sofia Coppola endlich mal auch in Deutsch­land gemacht werden, dann dürfen Frauen unbedingt auch schlechte Filme machen und das immer wieder. Verspro­chen!

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Aber es gibt auch noch andere Themen: Letzte Woche hatten wir an dieser Stelle zur Teilnahme an der offi­zi­ellen Europäi­schen Bürger­initia­tive gegen TTIP und CETA aufge­rufen. Wir tun das hiermit noch einmal. Denn auch die Produ­z­en­ten­al­lianz hat sich gegen TTIP posi­tio­niert. Die Produ­z­enten sind zwar nicht gegen alles, was man an TTIP kriti­sieren könnte und lehnen das Abkommen auch nicht rundweg ab, aber sie fordern gravie­rende Ände­rungen, die die Ameri­kaner ablehnen: Vor allem eine »kultu­relle Ausnahme« für Audio­vi­su­elles und Medien. »Auch wir Produ­z­enten sind natürlich für einen fairen Wett­be­werb«, erklärt Alexander Thies von der Allianz Deutscher Produ­z­enten. »Dass die europäi­sche Film­in­dus­trie im Gegensatz zur ameri­ka­ni­schen Förderung braucht und bekommt, verzerrt nicht den Wett­be­werb, sondern macht ihn erst möglich. Ohne Förderung, ohne ‚kultu­relle Ausnahme‘ gäbe es den europäi­schen Film nämlich gar nicht mehr, keine Oscar-Gewinner wie ‘Liebe’ oder europäi­sche Block­buster wie ‘Ziemlich beste Freunde’. Gerade weil wir für fairen Wett­be­werb sind, brauchen wir die ‘kultu­relle Ausnahme« für Audio­vi­su­elles und Medien … Die ‘kultu­relle Ausnahme’ auch in dem TTIP-Abkommen ist unver­zichtbar.«
Wer die Initia­tive gegen TTIP unterz­eichnen will, kann dies hier tun:
https://www.campact.de/Stop-TTIP-EBI
https://www.lobby­con­trol.de/ttip-stoppen

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Es gibt aller­dings auch noch andere Grund­ge­setz-Artikel. Noch vor Artikel 3 kommen 1 und 2. Dort heißt es: »Art 1:
(1) Die Würde des Menschen ist unan­tastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflich­tung aller staat­li­chen Gewalt.
(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unver­let­z­li­chen und unver­äußer­li­chen Menschen­rechten als Grundlage jeder mensch­li­chen Gemein­schaft, des Friedens und der Gerech­tig­keit in der Welt.
(3) Die nach­fol­genden Grund­rechte binden Geset­z­ge­bung, voll­zie­hende Gewalt und Recht­spre­chung als unmit­telbar geltendes Recht.
Art 2
(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfal­tung seiner Persön­lich­keit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfas­sungs­mäßige Ordnung oder das Sitten­ge­setz verstößt.
(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körper­liche Unver­sehrt­heit. Die Freiheit der Person ist unver­let­z­lich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes einge­griffen werden.«
Zual­ler­erst also Würde; dann Entfal­tungs­frei­heit, Freiheit zu tun, und zu lassen, was man will, das was Werte­pre­diger gern als »Hedo­nismus« zu diffa­mieren versuchen. Diese Reihen­folge markiert auch eine Hier­ar­chie der Werte, und die hat uns im Folgenden zu inter­es­sieren.

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Aus Münchner Urzeiten her kannten wir ihn noch, hatten ihn sogar ein paarmal persön­lich erlebt: Udo Reiter. Er war so einer von denen, die gern mal mit Quoten argu­men­tierten, den Inten­dan­ten­quoten, Minder­heits­tot­schlags­quoten oder mit anderen groben Klötzen. Aber er hatte auch den Charme eines Machos alter Schule, eine offene ehrliche Haut, der kein Blatt vor den Mund nahm, political correct­ness und andere Benimm­re­geln hasste, der innerlich nie borniert war, auch wenn manche seiner Entschei­dungen, vor allem als Hörfunk­di­rektor des CSU-Haus­sen­ders BR in den guten alten Zeiten des großen Vorsitz­enden FJS manchmal diesen Eindruck erwecken konnten. So kam er denn Anfang der 90er zum MDR, um den Osten auf Linie zu bringen – und tat es dann doch etwas anders als gedacht. Denn Udo Reiter war sich zu schade, für die Union den Stasi-Putzmann zu spielen.

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Er war auch der erste öffent­liche Roll­stuhl­fahrer, jeden­falls der erste, der mir begegnete. Lange vor Wolfgang Schäuble. Ein guter Typ, wenn ich das mal so schreiben darf, das zeigte auch die Art, wie er mit seiner Behin­de­rung umging, ironisch und doch sensibel.
Vor zwei Wochen war Reiter, seit einigen Jahren nicht mehr MDR-Intendant, sondern Ruhe­ständler, in der ZDF-Talkshow »Maybrit Illner« [http://www.youtube.com/watch?v=IW9HnmKbLq0]. Disku­tiert wurde da über Ster­be­hilfe. Reiter spielte die beste, sympa­thischste Rolle, er war relativ still, aber zwischen lauter Funk­ti­onären und Meinungs­puppen, zwischen den Pastoren Käßmann (Alkohol) und Hintze (CDU) war er der einzige Authen­ti­sche, der einzige, dem das, was er sagte, exis­ten­ti­elles Anliegen war. Das konnte man spüren.

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Der entschei­dende Punkt zielt auf das Grund­ge­setz: »Ich finde, wenn man das Recht auf Selbst­be­stim­mung, das ja die Grundlage unserer Verfas­sung ist, für das ganze Leben einfor­dert, dann muss mir erstmal jemand erklären, warum das gerade für die letzte Phase, für das Sterben nicht gelten soll. Ich finde, das müssen wir verlangen.«

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Udo Reiter sagte außerdem: Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass ich nicht als Pfle­ge­fall enden möchte, nicht als jemand, der langsam sein Ich verliert, der von anderen dann gewaschen und gebürstet und gewindelt wird, und ich möchte auch nicht als gutmü­tiger oder bösar­tiger Idiot vor mich hindäm­mern, sondern möchte recht­zeitig sagen können: Es ist sehr schön gewesen. Es hat mich sehr gefreut, aber jetzt möchte ich gehen. … Es sind in Deutsch­land immerhin 10.000 Leute, die sich jährlich das Leben nehmen. Die Hälfte davon hängt sich an Bäumen oder Fens­ter­kreuzen auf, drei werfen sich jeden Tag vor die Eisenbahn… Ich finde, das ist ein unwür­diger Zustand, das muss nicht sein, da muss es Hilfe geben, und zwar profes­sio­nelle Hilfe, ärztliche Hilfe zum selbst­be­stimmten Sterben. … Mir geht es um die Leute, die selbst­be­stimmt sterben wollen. Da muss es doch irgend­einen Weg geben, dass man human rauskommt. … 70 Prozent der Bevöl­ke­rung wollen das.«

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Worum geht es: Der Staat, die Gesell­schaft, die selbst­er­nannten Fürsorger greifen exzessiv in unser Leben ein – zu unserem Besten natürlich. Sie verordnen gesundes Essen, Sport, Rauch­verbot, Glüh­birnen (die giftig sind), Fahr­rad­helme, und ächten den Freitod.
Wir dürfen theo­re­tisch noch selbst­be­stimmt leben, aber dürfen wir auch selbst­be­stimmt sterben? Schwer­kranke Menschen haben nur die Gewiss­heit uner­träg­li­cher Schmerzen, eines fort­schrei­tenden Verfalls und eines qual­vollen Sterbens. Wenn einem das Leben zur Last wird, warum soll man es dann nicht beenden dürfen? Es muss möglich und erlaubt sein, selbst über sein Leben zu verfügen, selbst bestimmen zu können, wann man dem Leben ein Ende setzt, und zwar völlig unab­hängig davon, ob man todkrank ist, oder nicht: Mein Tod gehört mir.
Der Tod gehört zur Würde des Menschen, die zu achten und zu schützen ja Frau Merkel verfas­sungs­gemäß verpflichtet ist, was sie nicht davon abhält, ameri­ka­ni­sche
Folter­ge­fäng­nisse und andere Menschen­rechts­ver­let­zungen zu tole­rieren.

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Keiner hat das Recht sich hier einzu­mi­schen. Schon gar nicht Gestalten wie die Physi­kerin Merkel, der Bauer Kauder, der Versager de Maiziere oder der Pfarrer Hintze. Ihnen fehlt jedes Recht, auch nur stell­ver­tre­tend über meine letzten Stunden zu entscheiden, meinen Weg aus dem Leben zu gehen. Was für eine unsäg­liche, infame Anmaßung dieser dritt­klas­sigen Knall­chargen, die schon mit viel schlich­teren Fragen über­for­dert sind!

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Wir sollten das ernst nehmen. Es gibt Menschen, die wollen sterben, ohne dass sie verrückt sind, oder gestört. Freitod kann ein Teil von humaner Kultur, kann ein Ausdruck unserer Würde sein. Eine Woche nach der ZDF-Sendung hat Udo Reiter sich auf der Terrasse seines Hauses erschossen. Wir werden ihm gerecht, wenn wir das nicht klein­reden, oder inter­pre­tieren.

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Was den Protest der Frauen mit diesem letzten Akt Udo Reiters verbindet, ist nicht allein der Wunsch nach Freiheit und Selbst­be­stim­mung, die Forderung, dass es mit der Fremd­be­stim­mung endlich ein Ende haben muss. Es ist noch mehr eine sehr prin­zi­pi­elle, aber am Ende doch auch ganz einfache Einsicht: Man darf nicht warten, bis einem andere das Recht geben. Man muss sich das Recht nehmen. Selbst.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Anspruch und Wirklichkeit: Rundfunkstaatsvertrag, Fernsehrat, Sport, Mord und Show

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„Und so etwas wird mit meinen GEZ-Gebühren finanziert?” – diese Frage haben bis vor kurzem die meisten von uns sicher schon mal gehört oder gestellt. Seit dem 1. Januar 2013 heißt es nun: „Und so etwas wird mit meinem Rundfunkbeitrag finanziert?“ oder einfach „Dürfen die Sender das überhaupt?“

Grundsätzlich gelten natürlich auch für die Macher/innen in den gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten das Recht auf freie Meinungsäußerung, die Pressefreiheit, die Freiheit für Kunst und das Verbot der Zensur (Art. 5 GG). Ihren Auftrag gibt der Rundfunkstaatsvertrag vor (§ 11 RStV):

(1) Auftrag der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ist, als Medium der öffentlichen Meinungsbildung zu wirken und dadurch die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen. (Sie) haben einen umfassenden Überblick über das internationale, europäische, nationale und regionale Geschehen in allen wesentlichen Lebensbereichen zu geben.

(2) Die Rundfunkanstalten haben die Grundsätze der Objektivität und Unparteilichkeit der Berichterstattung, die Meinungsvielfalt sowie die Ausgewogenheit ihrer Angebote zu berücksichtigen.

Darüberhinaus haben ARD und ZDF eigene Staatsverträge, so regelt beispielsweise der § 5 ZDF StV die Gestaltung der Sendungen:

(1) In den Sendungen des ZDF soll insbesondere ein umfassendes Bild der deutschen Wirklichkeit vermittelt werden. Die Sendungen sollen eine freie individuelle und öffentliche Meinungsbildung fördern.

(2) Das Geschehen in den einzelnen Ländern und die kulturelle Vielfalt Deutschlands sind angemessen im Programm darzustellen.

(3) Die Sendungen sollen dabei vor allem die Zusammengehörigkeit im vereinten Deutschland fördern sowie der gesamtgesellschaftlichen Integration in Frieden und Freiheit und der Verstän¬digung unter den Völkern dienen und auf ein diskriminierungsfreies Miteinander hinwirken.

Frauen werden zwar nicht explizit erwähnt, sind aber vermutlich in irgendeinem Punkt mitgemeint. Weiterlesen

Auf dem Papier sind alle Menschen in Deutschland, d.h. die 41,7 Mio. Frauen und die 40,3 Mio. Männer gleich, aber ihre gesellschaftliche Realität unterscheidet sich leider immer noch sehr. Dies wird auch vom Staat so gesehen, deshalb heißt es in Artikel 3 GG:

(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

In gewisser Weise stellen die öffentlich-rechtlichen, fiktionalen Programme eine Fortsetzung dieser Benachteiligung mit anderen Mitteln dar. Natürlich sind fiktionale Formate, also Fernsehfilme, Reihen, Serien, ja genau das: fiktional, ausgedacht. Spielfilme sind keine Alltagsdokumentationen, sondern sie erzählen außergewöhnliche, bemerkenswerte, besondere Geschichten, die so passieren, passierten oder passieren könnten, im Positiven wie im Negativen, sie setzen Zukunftvisionen filmisch um, sie liefern fantastisch erfundene Inhalte.
Allerdings gibt es keinen schlüssigen Grund, warum diese erfundenen Geschichten eher von Männern handeln, und Frauen zur Randgruppe und Minderheit werden müssen. Ich nenne das Retro-Realität, und beschreibe sie über drei Parameter:

• 1 zu 2: deutlich weniger Frauen- als Männerrollen
• 40minus: Verschwinden von Frauen ab 40 Jahren
• 1950er: antiquierte Geschlechterstereotype und Schmonzettisierung

Wie konnte es dazu kommen, wenn doch der Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sender ist, ein UMFASSENDES Bild der deutschen Wirklichkeit zu vermitteln?

Die Rundfunkräte – wer passt (nicht) auf?
Darüber, dass die Sender ihren Auftrag erfüllen und in der Programmgestaltung berücksichtigen, wachen die 9 Rundfunkräte der ARD und der ZDF-Fernsehrat. Diese Räte sind Kontrollgremium und Vertretung der Gesellschaft in einem.

Die Zusammensetzung der 9 Rundfunkräte der ARD werde ich in Kürze in meinem Blog behandeln, heute geht es um den ZDF-Fernsehrat. In diesem Gremium, das „die in der Gesellschaft bestehende Meinungsvielfalt zum Ausdruck bringen“ soll (ZDF Webseite), sitzen 22 Frauen und 55 Männer, die „im Sinne der Zuschauer/innen“ zu beraten und beschließen, „für die Sendungen des ZDF Richtlinien aufzustellen und den Intendanten in Programmfragen zu beraten“ haben (§ 20 ZDF StV). Gewählter Vorsitzender ist seit 2002 Ruprecht Polenz, Jurist und 1994-2013 MdB für die CDU.

Bild 1 zeigt die Zusammensetzung des Fernsehrates:

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Die letzte Gruppe, die „übrigen“, heißt in Wirklichkeit „Erziehungs- und Bildungswesen, Wissenschaft, Kunst, Kultur, Filmwirtschaft, Freie Berufe, Familienarbeit, Kinderschutz, Jugendarbeit, Verbraucherschutz und Tierschutz“ und hat 16 Plätze im Rat. Fast die Hälfte – 10 – der 22 weiblichen Fernsehratmitglieder sind hier zu finden (Bild 2).

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Die größte Gruppe im Fernsehrat sind Politiker/innen bzw. Staatsvertreter/innen. Alle 16 Landesplätze werden von Männern eingenommen, das sind z.B. Staatssekretäre, Minister, Landesvorsitzende von Parteien. Das ist erstaunlich, denn in allen Landesparlamenten gibt es auch weibliche Abgeordnete, in allen Landesregierungen gibt es auch Ministerinnen, und in vier Bundesländern auch Ministerpräsidentinnen.
Vom Bund werden auch 3 Politiker/innen geschickt, dazu kommen 12 Vertreter/innen von Parteien. Auch unter den „Übrigen“ sind 6 Politiker/innen.
Natürlich sind Politiker/innen und Staatsbedienstete, also Vertreter/innen der Legislative und der Exekutive, auch Teil der Gesellschaft und des Fernsehpublikums. Aber es ist schon beachtlich, dass ungefähr die Hälfte des 76-köpfigen Gremiums Politiker/innen sind. Das Bundesverfassungsgericht hat diese Politiklastigkeit des Fernsehrats und anderer ZDF-Gremien in seiner Entscheidung vom 25. März 2014 kritisiert:

2. Die Organisation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks muss als Ausdruck des Gebots der Vielfaltsicherung dem Gebot der Staatsferne genügen. Danach ist der Einfluss der staatlichen und staatsnahen Mitglieder in den Aufsichtsgremien konsequent zu begrenzen.
a) Der Anteil der staatlichen und staatsnahen Mitglieder darf insgesamt ein Drittel der gesetzlichen Mitglieder des jeweiligen Gremiums nicht übersteigen.

Der Fernsehrat muss als demnächst umbesetzt werden, so dass Politiker/innen und andere staatsnahe Menschen nur noch maximal ein Drittel stellen – wie wäre es, wenn gleichzeitig der Frauenanteil im Gremium auf 50 % angehoben würde?

Praxistest für den Fernsehrat – drei Fallbeispiele
Der Fernsehrat tagt viermal im Jahr, dreimal in Mainz und einmal in Berlin – dort zuletzt am 18./19.9.. Die Plenumssitzungen sollen ab 2015 (zum Teil) öffentlich sein. Darüber hinaus hat der Fernsehrat verschiedene Ausschüsse, z.B. den Programmausschuss und den Ausschuss Chefredaktion, und Arbeitsgruppen. Die jüngste wurde gerade eingesetzt, die Arbeitsgruppe Transparenz mit 6 Mitgliedern.
Der Fernsehrat hat also klare Aufgaben und Strukturen. Aber wie effektiv arbeitet er? Bringt er eine Meinungsvielfalt in die Arbeit des ZDF ein, stellt er tatsächlich Programmrichtlinien auf und berät den Intendaten in Programmfragen? Wie sieht „im Sinne der Zuschauer/innen“ agieren in der Praxis aus?

SPORT: erstens ziemlich teuer, zweitens Männersache
2010 bis 2013 lag der Anteil von Sportsendungen im Hauptprogramm des ZDF zwischen 5,7 und 7,4 %, mit durchschnittlichen jährlichen Kosten von 227 Mio. €. (Quelle ZDF) 2014 dürften sie weitaus höher liegen.

Von den 227 Mio. € wurden im Schnitt 171 Mio. € für Nutzungsrechte gezahlt, das sind 62 % der Sportausgaben. Einen sehr großen Teil davon machen die Übertragungsrechte der Fußballchampionsleague (CL) – der Männer – aus, hier zahlt das ZDF jährlich vermutlich gut 50 Millionen € seit 2012/13, der aktuelle Vertrag wurde gerade bis 2017/18 verlängert. Zuvor wurden diese Spiele im Free TV von Sat1 übertragen.
Um einmal die Relation zu sehen, 50 Millionen € entsprechen jeweils

• der Produktion von 125 Folgen der ZDF-Vorabendserien,
• gut 35 ZDF Fernsehfilmen für den Hauptabend,
• 31 Samstagabend-Eventshows à 150 min.,
• 208 ,großen Prime-Time Dokumentationen,
• der Hälfte der täglichen Nachrichten und tagesaktuellen Informationsmagazine im ZDF.

Wie denken die Mitglieder des Fernsehrates über die hohen Ausgaben für die CL? Haben sie die einstimmig oder mehrheitlich gebilligt? Wurde der Fernsehrat überhaupt in die Entscheidung über eine Rechteverlängerung einbezogen?

Und noch mehr teurer Fußball:
Dieses Jahr wurde in Brasiien die WM der Männer ausgetragen, alle Spiele wurden von ARD und ZDF übertragen und von Experten teilweise mehrere Stunden vor- und nachbereitet. ARD und ZDF haben – vermutlich sehr hohe – Beträge für die WM-Übertragungsrechte gezahlt. Zusätzlich zu den eigenen Nutzungsrechten mussten sie auch die Pay TV-Übertragungsrechte kaufen, da diese „von der FIFA nur in Form eines einzigen, alle Rechte umfassenden Pakets für Deutschland angeboten“ wurden (Auskunft ZDF).

ARD und ZDF konnten die Pay TV-Rechte allerdings nicht weiterverkaufen (warum eigentlich nicht? Die Spiele der eben erwähnten Champions League der Männer auch parall von ZDF und SKY übertragen.) Dies ist ärgerlich und am Ende ein teurer Spaß.
Ärgerlich ist auch, dass in der ZDF-WM-Berichterstattung kein Platz für Frauen war. Alle Spiel wurden von Männern kommentiert, nicht einmal die erfahrene ZDF-Sportreporterin Claudia Neumann durfte ans Mikro. Auch die Expertise in der Nachbetrachtung kam nur von Männern, von ehemaligen Fußballprofis zum Beispiel. Natürlich gäbe es auch jede Menge turniererfahrene Expertinnen, z.B. aktuelle oder ehemalige Nationalspielerinnen, – die DFB-Frauen gewannen bekanntlich 2003 und 2007 die WM, und halten aktuell schon zum 6. Mal seit 1995 den EM-Titel. Aber ARD und ZDF blieben ihrer reinen Männerlinie treu.

Hat das den ZDF-Fernsehrat beschäftigt, gab es im Nachhinein eine kritische Betrachtung der WM-Zeit? Wurde im Zusammenhang mit dem öffentlich-rechtlichen Auftrag für ein ausgewogenes Programm darüber gesprochen, dass es tatsächlich Menschen in Deutschland gibt, die sich nicht für Fußball interessieren, oder denen es reichte, nur die Spiele zu sehen? Menschen, die auch während der 4-Wochen WM noch Spiel- und Dokumentarfilme, politische Magazine, Reportagen sehen wollten, und das zu guter Sendezeit? Wurde über die immensen Ausgaben für Rechte und Berichterstattung von ARD und ZDF gesprochen? Gab es Fragen zu den fehlenden Frauen? Oder war für den Intendanten und den Programmdirektor und den Fernsehrat mit seinen 2/3 männlichen Mitgliedern alles in Ordnung, Fußball ist König (sic!), es kann gar nicht genug Sendungen geben, kein Preis ist zu hoch und wenn nur Männer darüber reden ist alles in Ordnung?

Ich vermute, dass solche Beratungen nicht stattgefunden haben, denn als ich die Herren Polenz und Bellut (ZDF-Intendant) auf der Pressekonferenz nach der Fernsehratssitzung am 19.7. auf die fehlenden Kommentatorinnen ansprach reagierten sie ziemlich überrascht. Herr Bellut sagte: „Ich kann es wirklich nicht beantworten. Ich müsste jetzt philosophieren darüber.“ Und Herr Polenz fiel „als weibliche Fußballkommentatorin auch nur Frau Töpperwien“ ein.
Aber mir geht es in keiner Weise darum, Bellut und Polenz vorzuführen, sondern um den Hinweis auf ein verbreitetes Phänomen. Viele Männern in verantwortlicher Position sind so gewöhnt an Männermonokulturen, dass sie völlig ratlos, wenn nicht gar abwehrend reagieren, werden sie auf fehlende Frauen angesprochen. Da kommt schnell ein „gibt es nicht, gibt es nirgends“ – wie auch in diesem Fall. Dabei hat der Pay TV-Sender erfolgreich vorgemacht, wie einfach es letztlich ist, kompetente Kommentatorinnen zu finden. (Die Pressekonferenz und die Sky-Geschichte habe ich ausführlicher beschrieben in Live dabei: Die ZDF-Fernsehrat Pressekonferenz vom 19.9.14

Thomas Bellut und Ruprecht Polenz. Foto: SchspIN

KRIMIS: viel mehr Morde als im wirklichen Leben
Die höchste Einschaltquote für fiktionale Formate im deutschen Fernsehen haben die ARD-TATORTE, also scheinen Krimis eine gute Bank zu sein.

Nun kann das ZDF natürlich nicht den TATORT einkaufen, aber eigene Kriminalfilme drehen, z.B. für die Montagabendschiene (FERNSEHFILM DER WOCHE) oder die Samstagskrimis oder die Serien im Vorabendbereich.

ZDF und ZDFneo senden zu jeder Tages- und Nachtzeit Krimiformate, deutsche, internationale und Ko-Produktionen, alles von neuen 90-Minüter-Premieren bis zu jahrzehntealten Serienwiederholungen.
Laut Fernsehprogramm liefen in der 34. Woche (18.-24.8.14) im ZDF 26 deutsche und 10 internationale Krimis sowie ein deutsch-internationaler. In der gleichen Woche gab es bei ZDFneo 52 Krimis: 19 deutsche, 32 internationale und 1 ko-produzierten. Das sind insgesamt 37 + 52 = 89 Krimis bzw. Krimifolgen, darunter 45 deutsche Produktionen. Niedrig geschätzt würde ich im Durchschnitt pro Krimi/Krimifolge einen Mord annehmen, also zeigten ZDF und ZDFneo zusammen mehr als 12 Morde täglich. Dazu gibt es noch die Krimis in ARD und den dritten Programmen, nicht zuletzt die vielen wiederholten TATORTE. Zum Vergleich: In Deutschland gab es im Jahr 2012 laut Polizeistatistik 2.126 registrierte Morde, das sind durchschnitt 40 pro Woche oder knapp 6 pro Tag.

Es ist schon erstaunlich, wie viele Geschichten im Fernsehen über Krimis erzählt werden. Fehlen die Ideen es anders zu machen, ist das einfach Gewohnheit oder ein vermeintliches ,auf Nummer sicher gehen’?
Wird so etwas in Sitzungen des Fernsehrats thematisiert? Wird darüber gesprochen, wenn es schon wieder einen neuen Soko-Ableger in der Vorabendschiene geben soll? Wird gefragt, warum unter der Marke „Fernsehfilm der Woche“ so viele Krimis laufen? (2013 waren von 46 Filmen 15 Krimis und 17 Thriller. (Siehe ZDF Fernsehfilme der Woche 2013).

Und selbst wenn, haben Diskussionen im Fernsehrat überhaupt irgendwelche Auswirkungen auf das Programm?

SHOWS: Right or Wrong, My Einschaltquote
Die Ergebnislisten der ZDF-Ratingshows DEUTSCHLANDS BESTE MÄNNER und DEUTSCHLANDS BESTE FRAUEN sind gezielt manipuliert worden, d.h. bestimmte Männer oder Frauen wurden auf den veröffentlichten Listen höher platziert als ihrem Ranking entsprach.
Das ist nicht neu, es ging unmittelbar nach der Sendung Anfang Juli durch die Medien. Interessant finde ich es nur in Hinblick auf den Fernsehrat, denn der musste sich in seiner aktuellen Sitzung mit diesem Fall beschäftigen. Ich schreibe extra „musste“, denn das Prozedere bis hin zur formalen Missbilligung der Sendung gab der Sender, gab Intendant Thomas Bellut vor. (“Alles, was entschieden wurde, ist von mir entschieden worden” – so Bellut gegenüber der SZ.)

Bereits am 17.7.20134 hieß es in einer ZDF-Pressemitteilung: „Das ZDF wird die Reihe „Deutschlands Beste!“ nicht fortsetzen und dem Programmausschuss des Fernsehrats, der am 25. Juli tagt, Maßnahmen vorschlagen, mit denen eine Wiederholung eines solchen Falls ausgeschlossen wird.“
Jetzt in der Fernsehratsitzung wurde dann in der Tat die Ausstrahlung der beiden Sendungen misbilligt, und „die gründliche Aufarbeitung der redaktionellen Manipulationen durch die Leitung des Hauses“ begrüßt. Gleichzeitig stellte Bellut im Fernsehrat neue Regeln vor, um „künftig Verstöße gegen die Programmrichtlinien und Angriffe auf die Glaubwürdigkeit des Senders“ zu verhindern. „Bereits unmittelbar nach den Vorfällen waren grundlegende strukturelle und organisatorische Veränderungen vorgenommen worden.“ (ZDF Pressemitteilungen, 19.9.14).

Ja, der Fernsehrat hat die Sendungen missbilligt, und so etwas kommt nur sehr selten vor, aber das war in diesem Fall wohl das zwingende Prozedere „nach den Regularien des Hauses“ (so Intendant Bellut auf der Pressekonferenz).
Insofern wirkt das Ganze doch eher wie eine Krise innerhalb des ZDF, die das ZDF auch eigenständig gelöst hat. Vom Fernsehrat kam nichts Überraschendes, nicht Eigenes dazu, nach den Motiven der Manipulation wurde nicht groß gefragt, die offizielle – erwiesenermaßen in einigen Punkten falschen – ZDF-Stellungnahme, wurde nicht infrage gestellt.
Der Fernsehrat als Abnickgremium?

Übrigens hatte auch der NDR seinen Skandal um manipulierte Rankingshows. Dort wurden Abstimmungsergebnisse (Rankings) nachträglich verändert, um „eine bessere Sendungs-Dramaturgie zu erzielen oder ansprechenderes Bildmaterial verwenden zu können” (Zapp, 8.8.14).

Abstimmungs- oder Wahlergebnisse manipulieren ist natürlich immer schlecht. Es erstaunt aber schon etwas mehr, wenn so etwas bei öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten passiert, die nicht dem gleichen Einschaltquotendruck unterliegen wie die werbefinanzierten Privatsender (siehe auch: Um Himmels Willen, die TV-Quoten!) Das soll aber jetzt keine Verdächtigung gegenüber den Privatsendern sein, sie würden eher Sendungen manipulieren!

Horizontal statt vertikal denken
Allen drei Beispielen – SPORT, MORD und SHOW – ist gemeinsam, dass das Streben nach einer hohen Einschaltquote die Programmentscheidungen und –konzipierungen stark beeinflusst. Das heißt, es wird auf eine größtmögliche Einschaltquote für eine einzelne Sendung oder Sendungsgruppe hingearbeitet – der Sportevent, die Megashow usw. – anstatt ein ausgewogenes vielfältiges Programm zu verschiedenen Tageszeiten und damit gleichzeitig für verschiedene Publikumsgruppen anzubieten, innerhalb von 24 Stunden oder innerhalb einer Woche. 4 Wochen Fußballdauerberieselung, 89 Krimis in einer Woche, das wirkt nicht wirklich vielseitig.

Es wäre schön, wenn sich die Mitglieder des Fernsehrats etwas emanzipieren und für qualitative Breite stark machen, anstatt die Pläne und Ausgaben der Sender für hohe Einschaltquotenspitzen abzunicken.
Mit Emanzipation ist auch etwas mehr Distanz zur Verwaltung des ZDF gemeint. Auf der besagten Pressekonferenz wechselten sich Polenz und Bellut mit den den Antworten ab, die sich stets ergänzten und nie hakten. Die beiden wirkten nicht wie der Vertreter eines Kontrollgremiums und der Vertreter des kontrollierten Senders Wobei ich sowieso schon nicht ganz einleuchtend finde, warum der Intendant überhaupt bei der Pressekonferenz des Fernsehrates anwesend ist.

Rundfunk- und Fernsehräte sind eine gute Sache. Sie sind aber was ihre Zusammensetzung, ihre Arbeitsweise und ihre Kompetenzen betrifft noch deutlich verbesserbar.

Dies ist die aktualisierte Kurzfassung des Blogtexts Fernsehen: der öffentliche Anspruch

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Status und Sozialstaat

Wie steht die Kunst? Nicht nur für Kreative hat sich die Arbeitswelt in den letzten 20 Jahren radikal verändert und tut es weiter. Höchste Zeit, die Sozialsysteme der neuen Wirklichkeit anzupassen. | Illustration © cinearte

Die deutsche Sozialgesetzgebung gilt als vorbildlich. Ihr Ziel ist soziale Sicherheit für die Menschen, die diese nicht aus eigener Kraft erlangen können. Die klassische Sozialversicherung folgt dem Gedanken, Menschen sozial aufzufangen, die aus dauerhaften Arbeitsverhältnissen vorübergehend oder permanent ausscheiden und deshalb kein eigenes Arbeitseinkommen erzielen können. Die Logik dieser klassischen Sozialpolitik ist jedoch, dass ein dauerhaftes Arbeitsverhältnis die Grundlage der Existenz bildet und deren Ausnahmen, sofern sie aus nicht selbst verantworteten Gründen entstehen (Krankheit etwa oder Alter), eben sozialversicherungsrechtlich abgesichert werden müssen.

Nun hat sich in der Arbeitswelt seit Bismarck, aber auch seit den Zeiten der Gründung der Bundesrepublik, einiges geändert: Die Markt- und Produktionsbedingungen haben sich gewandelt, Berufsbilder, die eine lebenslange Tätigkeit in einem Unternehmen oder doch in der gleichen Branche ermöglichen, werden immer seltener. Zu schnell und allgegenwärtig ist der Wechsel der nachgefragten Produkte, deren Herstellung jeweils unterschiedliche Fähigkeiten erfordert. Aber auch die gesamtwirtschaftliche Nachfragestruktur verschiebt sich. Ein immer kleinerer Teil der Wertschöpfung findet im industriellen Bereich statt, zugleich werden immer mehr Kultur-, Kunst- und Unterhaltungsprodukte nachgefragt, Produkte der sogenannten Kreativwirtschaft“. Weiterlesen

2002 veröffentlichte der us-amerikanische Politikwissenschaftler Richard Florida sein Buch „The Rise of the Creative Class. And How It’s Transforming Work, Leisure and Everyday Life („Der Aufstieg der kreativen Klasse. Und wie er Arbeit, Freizeit und Alltag verändert“). Die Dotcom-Blase war zwei Jahre zuvor mit lautem Knall zerplatzt, und mit ihr der Traum von einer „neuen Ökonomie“ mit flachen oder gar keinen Hierarchien, die von Ideen statt Maschinen angetrieben wird und in der sich Arbeit und Freizeit harmonisch ineinander verflechten. Der Traum vom Arbeitsparadies ist freilich zu alt und zu verlockend um völlig aufgegeben zu werden, und Florida hatte ihm die Fakten und Daten (die entsprechend heftig diskutiert wurden) gegeben. Seither wird die „Kreative Klasse“ als Fortschrittsmotor angesehen. Die „Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung“, im Jahr 2007 ins Leben gerufen, will deshalb „die Kultur- und Kreativwirtschaft als eigenständiges Wirtschaftsfeld und als Wachstumsbranche […] etablieren und deren Wettbewerbsfähigkeit […] stärken.“

Allerdings tut sich zwischen Wunsch und Wirklichkeit eine tiefe Kluft auf. Die österreichische Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Mayerhofer beschreibt den kreativen Sektor so, wie wir ihn auch kennen: „Atypische Beschäftigungsverhältnisse herrschen vor, instabile Projektarbeit ist die Regel. Zweit- und Nebenbeschäftigungen außerhalb des Kernberufes müssen zum Überleben angenommen werden.“ Der Soziologe Christoph Behnke spricht von den „spezifischen, mit der Ressource Kreativität verbundenen Arbeitsbedingungen, die sich durch Mobilität, Flexibilität, Projektorientierung und Selbstprekarisierung auszeichnen.“

Kein neues Problem. Dominik Graf thematisiert es zur Zeit auch in seiner Schiller-Biografie „Die geliebten Schwestern“: Auch der spätere Dichter-Fürst und seine Freunde sind ständig auf die Unterstützung reicher Gönner angewiesen, oft Gönnerinnen, denen sie nicht nur mit schönen Versen danken – von Prostitution ist einmal gar unverblümt die Rede. Alle sind auf der Jagd nach einer Festanstellung, die ihnen den Freiraum bietet, daneben ihre Kunst auszuüben.

Ganz so schlimm ist es heute nicht mehr. Aber auch nicht völlig anders. Oberflächlich betrachtet, scheint es in der Natur der kreativen Arbeit zu liegen, dass die Produktion von Kulturgütern selten in festen Arbeitsverhältnissen stattfindet. Ein Mitarbeiter wird für einen Film eingestellt – wer weiß schon, ob wir ihn für den nächsten Film auch noch brauchen werden oder wollen? Oder ob wir den nächsten Film überhaupt finanzieren können?

Der Weg, den die Unternehmen (Filmproduzenten und Fernsehanstalten, aber im Prinzip alle Unternehmen der Kultur- und Kreativbranche) gehen, ist, die benötigten Mitarbeiter möglichst im Status der „Selbständigkeit“ zu beschäftigen. Diese werden im Prinzip für einen Auftrag eingesetzt und dürfen darüber eine Rechnung schreiben. Das spart die Sozialabgaben, die den Mitarbeiter gegen die Risiken von Krankheit, Arbeitslosigkeit und Alter schützen sollen – und sie können jederzeit wieder freigesetzt werden. Leider wird dieser Staus besonders oft von jungen und unerfahrenen Kreativen akzeptiert, die nur das Geld auf der Hand sehen und nicht abschätzen können, welche Risiken, die sich aus Änderungen der Lebenssituationen ergeben, sie selbst in Zukunft tragen müssen.

Aber der Einsatz der Kräfte als „Selbständige“ entspricht oft nicht der Definition der Bundesanstalt für Arbeit: „Selbständig ist im Allgemeinen jemand, der unternehmerische Entscheidungsfreiheit genießt, ein unternehmerisches Risiko trägt sowie unternehmerische Chancen wahrnehmen und hierfür Eigenwerbung betreiben kann.“ Um dieser Vermeidungsstrategie der Unternehmen etwas entgegenzusetzen, gibt es eine Kampagne gegen die „Scheinselbständigkeit“. Die DRV (Deutsche Rentenversicherung Bund) prüft im Zweifelfall im Rahmen einer „Statusfeststellung“ inhaltlich bei jeder Tätigkeit eines einzelnen Mitarbeiters, ob diese wirklich der Definition des „Selbständigen“ entspricht.

Selbständige arbeiten in immer neuen Projekten in jeweils unterschiedlichen Vertragsverhältnissen. Die jeweils im Prinzip rechtliche Prüfung des sozialversicherungsrechtlichen Status’ – Sozialversicherungspflichtig oder Selbständig – ist für alle Beteiligten sehr aufwendig, sowohl für die Beschäftigung suchenden Menschen als auch für die in der Kreativwirtschaft tätigen Unternehmen und auch für die DRV selbst. Aber jenseits dieses bürokratischen Aufwandes ist der menschliche Schaden noch viel höher einzuschätzen: Wenn jedes Vertragsverhältnis ein neues Verfahren hinsichtlich des sozialversicherungsrechtlichen Status’ möglich macht, wird der soziale Stand des Menschen stets erneut in Frage gestellt. In dieser Unsicherheit ist kein Aufbau einer stabilen, selbständigen  Existenz möglich. Der Zweck der Sozialgesetzgebung wird konterkariert, die Lebensverhältnisse bleiben im Wortsinn prekär.

Gerade die Produktion von Kultur-und Unterhaltungsgütern findet oft unter unsicheren, immer zeitlich limitierten Arbeitsbedingungen statt. Die Beschäftigen müssen sich von einem Projekt zum anderen bewerben und ihre ökonomische Existenz ist immer zerbrechlich. Der Wandel hin zu befristeten, oft mobilen Aufgabenstellungen bringt eben besonders im kreativen Bereich eben solche Beschäftigungsverhältnisse mit sich, mit all den beschriebenen Folgen.

Also wächst die Zahl von Kollegen, die unser Sozialsystem in Frage stellen, weil sie durch die gegenwärtige Praxis in ihrem beruflichen Status stets neu verunsichert werden. Hier müsste die Gesetzgebung der Weiterentwicklung der Gesellschaft Rechnung tragen, und da kann es nur politische Lösungen geben. Denn in ihrem Internetformular erklärt die DRV zwar, „das Statusfeststellungsverfahren ist Zweifelsfällen vorbehalten.“ Doch dem widerspricht das Ergebnis einer Umfrage zur aktuellen Arbeitssituation der Filmschaffenden vom September 2013, auf die mehr als 1.500 Betroffene geantwortet hatten: Rund 40 Prozent der Rechnungssteller haben demnach Erfahrung mit dem Statusfeststellungsverfahren der DRV, das heißt, dass mindestens jeder Vierte in der Branche im Zweifel ist, was seinen sozialrechtlichen Status betrifft.

Daraus ergeben sich mehrere praktische Nachteile:

> Der Arbeitsaufwand, den Status feststellen zu lassen, ist immens (auch für die DRV). Manche Kollegen haben bis zu 50 verschiedene Aufträge im Jahr.

> Teilweise erhalten die Vertragspartner erst nur einen Bruchteil ihres Honorars. Auf den Rest müssen sie dann bis zu einem halben Jahr warten, bis ihr Status geklärt ist.

> Eine Einschätzung als Nichtselbständiger kann die berufliche Existenz gefährden. Wiederholt kommt es dazu, dass Auftraggeber zum Beispiel nur Kameraleute mit positivem Bescheid weiter buchen.

> Gegen Entscheidungen der DRV Bund bleibt nur der Klageweg, erneut verbunden mit einem enormen bürokratischen und zeitlichen Aufwand.

Laut Umfrage arbeiten mehr als 45 Prozent der Filmschaffenden in der Regel, weitere rund 15 Prozent fallweise auf Rechnung, das heißt, im Status der Selbständigkeit. In erster Linie sind dies Masken-, Szenen- und Kostümbildner, Kameraleute (aktuelle Berichterstattung), Standfotografen, O-Tonmeister mit eigenem Equipment, Sounddesigner, Autoren, Komponisten, Stuntchoreografen, Editoren (Schnittmeister). In einzelnen Sparten wie Aktuelle Berichterstattung und Dokumentation, Werbung und Musikvideo sind die Teams kleiner, und den Kollegen kommt noch mehr Eigenverantwortung (sprich: Selbständigkeit) zu. Hier setzen die Firmen fast ausschließlich auf Rechnungssteller. Betroffen aber sind auch alle Produktionsfirmen. Bei nachträglicher Änderung des Status’ müssen sie unter Umständen die gesamten Sozialversicherungsbeiträge für die vergangenen fünf Jahre nachentrichten – auch die Anteile der Rechnungssteller.

Dabei ist eine reine Einzelfalluntersuchung des jeweiligen Auftrags nicht nur zu aufwendig, sondern weder sachlich begründet noch zielführend. Denn wir haben es mit entwickelten, qualifizierten Berufsbildern zu tun, deren Tätigkeiten sich nun mal aus einer Vielzahl von Einzelaufträgen zusammensetzt. Die Statusfeststellung muss also stärker auf die Person als auf das einzelne Vertragsverhältnis abheben. Nur so kann Auftraggebern und Auftragnehmern eine berechenbare Existenzgrundlage gegeben werden.

Was wäre die Lösung? Eine Statusfeststellung sollte fragen: Wie ist das Berufsbild des Beschäftigten? Ist der Beschäftigte in der Lage, für seine soziale Absicherung langfristig selbst zu sorgen? Unter diesem Aspekt müssen die bisher gültigen Abgrenzungskriterien betrachtet werden. Aufgrund einzelner Kriterien in einzelnen Vertragsverhältnissen darf ein bewährter Berufsstatus nicht in Zweifel gezogen werden.

Es muss (auch im Sinne der Produzenten) Rechtssicherheit geschaffen werden, indem eine einmal erfolgte Statusfeststellung in demselben Berufsbild für künftige Aufträge und Auftraggeber ohne erneute Einzelfallprüfung gilt. Indizien für ein solches selbständiges, verantwortungsbewusstes Verhalten hinsichtlich sozialer Absicherung sind unter anderem

> das Vorliegen einer Berufsunfähigkeitsversicherung,

> das Bedienen einer Rentenversicherung oder

> die Mitgliedschaft in der Pensionskasse Rundfunk und der KSK,

> die eigene Versicherung bei einer Berufsgenossenschaft.

Eine entsprechende Bescheinigung der Clearingstelle der Deutschen Rentenversicherung Bund sollte etwa für drei oder fünf Jahre gelten. Dadurch wird die DRV in Sachen Statusfeststellung entlastet. Kurzfristig sind die Kriterien der Statusfeststellung gesetzlich an die Akteure und Arbeitsabläufe anzupassen statt umgekehrt. Der soziale Status der vielgelobten Kreativen muss gesichert werden.

Das sind die Forderungen, die die Filmschaffenden-Verbände in einem Brief an die Bundestagsabgeordneten gerichtet haben. Langfristig sind aber andere, grundlegende Anpassungen notwendig.

Der Sozialstaat ist gerade in Zeiten zu verteidigen, in denen traditionelle Arbeitsverhältnisse durch neue Kooperationsformen ersetzt werden. Die sozialen Widersprüche haben sich in den letzten 20 Jahren signifikant verstärkt – Menschen in unteren Einkommensgruppen und die in prekären Arbeitsverhältnissen haben keine Chancen, der Altersarmut zu entgehen. Die Entwicklungen in der „kreativen Klasse“ nehmen die Veränderung in anderen Bereichen der Wirtschaft nur vorweg.

Die bisherige Arbeitslosen-, Kranken- und Rentenversicherung bedarf einer grundlegenden Revision. Hierzu hat die Vereinte Dienstleitungsgewerkschaft (Verdi), „Personengruppe Selbständige“, im April zur sozialen Absicherung Forderungen aufgestellt, den „Solo-Selbstständigen“ eine ähnliche Absicherung zu gewähren, wie sie bisher abhängig Beschäftigten vorbehalten ist.

Die SPD strebt eine Ausweitung der Rentenversicherung zu einer Erwerbstätigenversicherung an, in der dann auch alle Selbständigen pflichtversichert sind. In einem Leitantrag unter dem Titel „Neuer Fortschritt: Für den Wert der Arbeit und ein besseres Leben“ auf dem Parteitag 2011 heißt es: „Die Ausweitung des Versichertenkreises in der gesetzlichen Rentenversicherung auf bisher nicht pflichtversicherte Selbstständige ist ein Gebot der Solidarität, zugleich aber auch ein Schritt zu einer Rentenversicherung, in der langfristig alle Erwerbstätigen unter gleichen Bedingungen für das Alter und bei Erwerbsminderung versichert sind.“

Konzepte wie die „Bürgerversicherung“ oder das „Schweizer Drei-Säulen-System“ erscheinen jedoch als weitergehende, sinnvollere Alternativen. Danach müssen alle Einkommensarten, auch die der Selbständigen und der Beamten und selbstverständlich auch die Kapitaleinkommen, in die Sozialversicherung einbezogen werden.

Angesichts der Produktions-, Beschäftigungs- und Lebensverhältnisse der „Kreativen Klasse“ kann die Regelung, wie sie zur Zeit herrscht, nicht mehr lange gut gehen. Welcher halbwegs kluge Mensch, der für seine eigene Existenz und die seiner Familie verantwortlich ist, wird sich dieser Unsicherheit aussetzen? Da bleiben uns in der Filmwirtschaft bald nur noch die Dummen und die Abenteurer.

 

Reinhold Dienes, der Autor dieses Beitrags, ist Geschäftsführender Vorstand der Bundesvereinigung »Die Filmschaffenden«, der zwölf Berufsverbände der Branche angehören.

 

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Cinema Moralia – Folge 88: Nur ein Aktivist bekämpft den Mist…

Kohlhaas Oder Die Verhältnismäßigkeit Der Mittel

Und auch der Film­aka­demie würden Flug­blätter gut tun – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 88. Folge

»Es gibt keine Grenzen, aber man kann welche ziehen.«
Witt­gen­stein
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Es gibt ein Papier, das nicht Manifest genannt werden will, sondern Flugblatt. Viel­leicht hat man sich da inspi­rieren lassen von den Papier­flie­gern, die bei den dies­jäh­rigen Ober­hau­sener Kurz­film­tagen über die Leinwand huschten. Mit Flug­blät­tern beginnen Refor­ma­tionen und Revo­lu­tionen und so wollen wir diesem Papier Glück wünschen auf seinem Flug durch die Szene.
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Man kann es hier nachlesen und sollte es auch. Denn auch wer sich an manchen Unschärfen in Ausdruck, Ansicht und Stoß­rich­tung stört, oder den Begriff »Akti­vismus« doof findet, der wird doch zugeben müssen, dass die Ziel­rich­tung stimmt.
Die wichtigen Probleme werden benannt: die Lüge des Prag­ma­tismus. Das zum Stammeln herun­ter­ge­kom­mene Reden über Film. Beklagt wird da ganz selbst­kri­tisch der Verfall der Kritik, ihre Zurich­tung auf Dienst­leis­tungen, ihre erzwun­gene Anpassung an Markt­ge­ge­ben­heiten. Der Markt hat aber nicht recht, sondern ist der Feind, das wird hier deutlich. Weiterlesen

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Wichtig auch, dass es nicht bei Selbst­kritik bleibt. Denn andere haben wesent­lich mit Schuld: Film­ver­leiher und Kino­be­treiber, die das Programm­kino bewusst und geplant kaputt gemacht haben, Programm­kinos, die keine mehr sind. Programm­ma­cher, die meist noch nicht mal wissen, und mitunter nicht wissen wollen, dass Arthouse das Gegenteil von Kunst ist.
Festivals über­nehmen noch gele­gent­lich punktuell die Aufgabe von Programm­kinos. Gleichz­eitig gehen auch viele von ihnen auf den Strich aus Spon­so­ren­zwängen, Verlei­her­kom­pro­missen, Förder­dik­tatur und den Fürs­tinnen der Sender­pro­vinzen. Sie unter­werfen sich der Markt­logik anstatt ihr entgegen zuar­beiten – das Filmfest München wird hier alsbald das beste Beispiel geben.

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Mit dem Fahrrad durch Köln. Was lese ich an einem Fenster: »Nichts wie weg mit dem deutschen Qualitäts­kino« steht fett auf einem Poster. Schau da: Es ist die KHM.

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Es war dann aber doch Dominik Graf. Ein Zitat aus seinem »Zeit«-Artikel von 2012. Und ein Projekt der Film­werk­statt.

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Solches Qualitäts­kino werden wir bald wieder feiern müssen. Am Freitag verleiht die Film­aka­demie in ihrer uner­schöpfli­chen Weisheit die Bundes­film­preise, und schon die Nomi­nie­rungen machen klar, dass dabei wenig heraus­kommt, was der Rede auch nur wert ist.
Edgar Reitz, sonst wenig.
Ein als Italo-Western verklei­deter Heimat­film. Die sich ihren eigenen Stand­punkt verleug­nende Satire Fins­ter­world wird immerhin Deutsch­land gerecht, und ist meilen­weit besser als der Rest.

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Man denkt jedes Jahr, es könnte nicht schlimmer kommen mit den Nomi­nie­rungen zum Bundes­film­preis. Und fast jedes Jahr wird man eines Besseren belehrt. Was ist das für ein Auswahl­ver­fahren, was für eine »Film­aka­demie«, bei der es nicht eine Nomi­nie­rung gibt für einen einzigen formal ambi­tio­nierten Film? Wie Die Frau des Poli­zisten? Wie Kreuzweg? Wie Kohlhaas oder die Verhält­nis­mäßig­keit der Mittel? Die aber einen Massen­schwach­sinn wie Fack ju Göhte zu einem der besten sechs Filme des Jahres erklärt? Der besten??? Halloo!!
Ich meine jetzt nicht die Tatsache, dass sich die Menschen häufen, die einem zutu­scheln, Jakob Lass’ Love Steaks »hätte ich fünfmal abgelehnt … da kann ich so abkotzen«. Nein, sondern die Tatsache, dass jeder Preis für diesen Film die Preise im letzten Jahr für Oh Boy nach­träg­lich demen­tiert. Denn beide Filme gut finden oder für die Zukunft des deutschen Kinos halten kann nur, wer Tomaten auf den Augen hat, eine Gehirn­wä­sche hinter sich oder das WM-Trickot der deutschen Fußball­na­tio­nal­mann­schaft entworfen hat.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Von der Seifenoper zur Kunstform

Während sich die inhaltliche Diskussion in Deutschland nach wie vor um die Frage dreht, wie man auch in unserer Fernsehlandschaft horizontal erzählte Serien mit nicht uneingeschränkt sympathischen Hauptfiguren erzählen könnte, geht die Entwicklung der Serien in den USA bereits einen Schritt weiter, wie Matt Zoller Seitz in einem äußerst lesenswerten Artikel auf Vulture zeigt.

Die Renaissance der Fernsehserie wurde letztlich durch das Aufbrechen der in sich geschlossenen Episodenstruktur hin zu staffelübergreifender, horizontaler Erzählweise ausgelöst, die es ermöglicht, wesentlich komplexere Geschichten und tiefere Figurenentwicklungen zu erzählen. Erst dadurch konnte das künstlerisch bis dato eher belächelte Erzählformat Fernsehserie eine erzählerische Kraft entfalten, die an die der besten Romane heranreicht.

Allerdings hat sich schnell gezeigt, dass die horizontale Erzählweise im Umkehrschluss auch bedeutet, dass man eine Serie nicht mehr beliebig lang, open-end, fortsetzen kann. Denn wenn es eine horizontale Entwicklung der Figuren gibt, dann muss die auch irgendwann zu einem Ende kommen, wenn es  nicht hanebüchen werden soll. Weiterlesen

Das selbe gilt für die Handlung: “Homeland” hat eindrucksvoll gezeigt, wie man eine Serie ruinieren kann, wenn man die Prämisse einer Geschichte überdehnt und auf Teufel hinaus versucht, Staffel um Staffel aus ihr herauszupressen.

Im Gegensatz dazu beruht die herkömmliche Fernsehserie mit ihren abgeschlossenen Episoden im Wesentlichen darauf, dass am Ende einer Episode wieder die Ausgangssituation hergestellt ist. Man hat es hier letztlich mit statischen Figuren zu tun, die sich über die einzelnen Episoden hinweg gar nicht oder nur kaum verändern. Erzählerisch bleibt man damit in einer einmal etablierten Ausgangssituation und erzählt nur immer wieder nur neue Episodengeschichten, in denen nichts wirklich Bahnbrechendes passieren darf, weil das nur die Zuschauer irritieren würde, die diese Folge verpasst haben.

Kein Wunder also, dass die horizontal erzählten Serien das Publikum so beeindrucken: sie eröffnen eine völlig neue Dimension des Geschichtenerzählens.

 

Die Form wird aufgebrochen

 

Das alles geschah bislang aber immer noch innerhalb einer relativ rigiden Struktur, die sich aus dem Programmschema der linearen Fernsehsender ergab: Episoden von 50 Minuten Länge, Staffeln aus acht bis zwölf Folgen – und davon möglichst viele.

Diese formale Limitierung wird bei den neuesten amerikanischen Serien immer mehr aufgebrochen: “True Detective” erzählt in jeder Staffel einen anderen Fall mit einem anderen Ermittlerteam in einer anderen Stadt. “Fargo”besteht aus zehn nur lose miteinander verknüpften, eigenständigen Geschichten. Die meisten Folgen der letzten Staffel von “Sons of Anarchy” waren deutlich länger als 50 Minuten und das Finale kam, wie bei “Breaking Bad”, in Spielfilmlänge.

Möglich wird diese formale Experimentierfreude durch die veränderten Sehgewohnheiten der Zuschauer, die sich per Stream oder DVD lieber eine Folge nach der anderen ansehen, anstatt eine ganze Woche zu warten, bis im Fernsehen gerade mal eine weitere Folge ausgestrahlt wird.

Dass sich das starre Erzählschema aufzulösen beginnt, ist damit auch ein Zeichen dafür, wie stark das klassische lineare Fernsehen inzwischen an Einfluss verloren hat. Es sind nicht mehr die Fernsehsender, die aus programmlichen Gründen diktieren, wie eine Serie auszusehen hat – es ist zunehmend die Geschichte selbst, die ihre Erzählform bestimmt, befeuert durch ein Publikum, das nach außergewöhnlichen Geschichten dürstet.

Wie Seitz schreibt, erobert das Fernsehen damit nicht unbedingt Neuland, vielmehr kehrt es zu seinen Ursprüngen zurück. Wie neu und revolutionär uns diese Erzählformen heute vorkommen, zeigt vor allem, wie durchkonfektioniert und zielgruppenoptimiert das lineare Fernsehen seit den 80er Jahren geworden ist.

 

Das Schwere Erbe der Seifenoper

 

Auch in Deutschland gab es bis in die 90er Jahre hinein horizontal erzählte Serien, die vielschichtige Figuren und komplexe Geschichten erzählt haben – und beim Publikum ankamen: die 13-teilige Serie “Rote Erde” etwa, die die Geschichte einer Bergarbeiterfamilie zwischen dem Ende des 19. und der Mitte des 20. Jahrhunderts im Ruhrgebiet erzählte. Oder Edgar Reitz’ Serie “Heimat” von 1984, die in elf Episodenin unterschiedlichen Längen zwischen 58 und 138 Minuten erzählt wurde und ein riesiges Publikum erreichte (bevor sich Reitz mit den weiteren “Staffeln” zunehmend dem Publikum verweigerte).

Dass es in Deutschland keine Serientradition gebe, wie immer mal wieder behauptet wird, ist also schlicht und einfach falsch. Wir haben es nur verlernt. Erst mit dem Aufkommen des Privatfernsehens ist es durch konsequente Quoten- und Profitmaximierung zu einer auf Massengeschmack getrimmten Vereinheitlichung des fiktionalen Erzählens gekommen, die das Publikum heute mehrheitlich langweilt.

Das geht aber nicht nur uns so, sondern auch dem amerikanischen Publikum. Denn die erzählerische Massenkonfektionierung ist nur die logische Konsequenz eines sich aus Werbeeinnahmen finanzierenden linearen Fernsehens. Schließlich geht es dem nicht darum, dem Publikum ein möglichst attraktives Produkt in Form möglichst guter Geschichten zu liefern, sondern darum, ein möglichst großes homogenes Publikum für ihre Werbung zu generieren. Die daraus als Werberahmenprogramm entstandenen Seifenopern prägen bis heute die Dramaturgie der Fernsehserie der Mainstream-Sender: in sich geschlossene Episoden ohne größere horizontale Entwicklungen mit sympathischen Hauptfiguren und Geschichten, die niemanden verschrecken. Wie bei allen werbefinanzierten Unternehmungen ist eben auch beim kommerziellen Fernsehen das Publikum das Produkt – der Kunde ist der Werbetreibende.

Nur durch die einzigartige wirtschaftliche Dynamik des amerikanischen Kabelfernsehmarktes konnte der Zuschauer wieder zum Kunden und die Serie wieder zum Produkt werden, das der sich aussucht. Erst die künstlerische Befreiung von der Diktatur der Quote hat zum neuen goldenen Zeitalter des Fernsehens geführt – und findet deshalb auch nach wie vor weitgehend abseits des klassischen linearen Fernsehens statt, dessen Abhängigkeit von der Quote durch stetig sinkende Marktanteile eher noch größer wird.

Streaming-Anbieter wie Netflix und Amazon werden diesen Trend noch ungemein verstärken. Ohne das Gefängnis des rigiden Programmschemas der linearen Fernsehsender sind sie perfekt dazu in der Lage, dem Publikum das zu bieten, was es will. Wie hat Kevin Spacey es so schön auf den Punkt gebracht? “Give people what they want, when they want it, in the form they want it in.”

Die große Hoffnung, die das deutsche Publikum in einen Start von Netflix in Deutschland setzt, gründet sicherlich auch in der diffusen Ahnung, dass nur finanzstarke Akteure mit einem neuen Geschäftsmodell in der Lage sein werden, die verkrusteten Erzählkonventionen der deutschen Fernsehserie aufzubrechen.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, aber der Erfolg der neuen amerikanischen Serien beweist vor allem eines: Erst wenn sich die Fernsehserie vom Fernsehen emanzipiert, kann sie ihr volles Potential entfalten. Befreit von formalen wie inhaltlichen Erzählzwängen hat sie das Zeug dazu, zur bedeutendsten Kunstform unserer Zeit zu werden. Die Entwicklung zeigt klar in diese Richtung.

Das goldene Zeitalter der Fernsehserie hat erst begonnen.

Zuerst erschienen auf Drama-Blog.de

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Kino, Kinder, Karriere?

Belinde Ruth Stieve

Kürzlich las ich auf einer Zugfahrt die Titelstory von mobil (dem Magazin der Deutschen Bahn, Märzausgabe) „DER SCHON WIEDER“. Darin hieß es: „Wotan Wilke Möhring ist einer der meistbeschäftigten Schauspieler – und alle schauen hin. Wer so fleißig arbeitet, braucht eine kleine Auszeit. Die Drehpause nutzte mobil für ein entspanntes Gespräch über Kinder und Karriere, den deutschen Film und darüber, wie es sich anfühlt, von Beginn an einen Lauf zu haben.“

Möhring, 46 Jahre alt, hat 3 kleine Kinder und ist in der Tat in Film und Fernsehen zur Zeit sehr präsent, 2013 sah man ihn u.a. als norddeutschen Tatortkommissar (FEUERTEUFEL), als Hauptfigur in den Kinofilmen DAS LEBEN IST NICHTS FÜR FEIGLINGE und MANN TUT WAS MANN KANN, in der TV-Familiensaga DAS ADLON und allein sechs mal in den 2013er ZDF Fernsehfilmen der Woche: in OBENDRÜBER, DA SCHNEIT ES und in EINE FRAGE DES VERTRAUENS sowie in vier STRALSUND-Krimis.

Möhring gehört zu einer Minderheit, weil er viel dreht, und weil er drei Kinder hat. Denn 6 von 10 Schauspieler/innen in Deutschland sind kinderlos, von denen mit Kindern haben lediglich 14 % mindestens drei, und nur 2 % vier oder mehr Kinder (Bührmann und andere, 2010).

Dabei gibt es gerade unter den renommierten Schauspielern einige mit großen Familien: Devid Striesow (4 Kinder), Til Schweiger (4 Kinder), Axel Prahl (4 Kinder), Jan-Josef Liefers (4 Kinder) und Jürgen Vogel (5 Kinder) beispielsweise, und aus der älteren Generation kämen noch Uwe Ochsenknecht (4 Kinder) und Helge Schneider (6 Kinder) dazu.
Bei den Topschauspielerinnen sieht es anders aus, die meisten haben deutlich weniger oder gar keinen Nachwuchs. – da sind Maria Simon und Corinna Harfouch mit je 4 Kindern schon große Ausnahmen.

Woran liegt das? Dass wenn Väter drehen, ihre Partnerinnen für die Kinder da sind, aber umgekehrt nicht? Dass Väter nicht zwangsläufig mit (all) ihren Kindern zusammen leben, Mütter aber meistens schon, und so beide in ihrer Berufsausübung unterschiedlich beeinflusst sind? Dass Schauspielerinnen fürchten müssen, durch Babypause und Doppelbelastung zu lange von Bildschirm und Leinwand zu verschwinden, und so ihre beruflichen Chancen und die Dauer ihrer Karriere noch stärker zu verkürzen? (Die Altersschere: ab 40 nehmen Frauenrollen deutlich ab, Männerrollen erst 10 bis 15 Jahre später).

Im deutschen Fernsehen ist häufig von Familie die Rede: wenn es ums Programm geht, oder ums Publikum, und in der Werbung sowieso. Aber wie ist das innen, wie familienfreundlich ist das Fernsehen als Arbeitsplatz? Weiterlesen

Die Bundesvereinigung der Filmschaffenden-Verbände führte letztes Jahr eine großangelegte Befragung durch, die jetzt als „Status Bericht 2013 – Umfrage zur aktuellen Arbeitssituation der einzelnen Gewerke im Filmgeschäft“ veröffentlicht wurde. 1.543 Leute nahmen teil und gaben 22.532 Einzelantworten. In dem Bericht wird u.a. festgestellt, dass

  • seit etwa fünfzehn Jahren die Gagen der Filmschaffenden real sinken
  • pro Projekt immer weniger Drehtage zur Verfügung stehen
  • ca. 70% der berechtigten Filmschaffenden ihre Überstunden selten oder nie bezahlt bekommen
  • viele Filmschaffende aus einem Arbeitsverhältnis direkt in Arbeitslosengeld 2 (Hartz IV) fallen

Diese Entwicklung gilt für alle, nur inwieweit Männer und Frauen, Eltern und Kinderlose unterschiedlich betroffen sind wurde leider nicht untersucht, denn nach Familienstand und (möglichen) Kindern nicht gefragt, und noch nicht einmal das Geschlecht der befragten Filmschaffenden erfasst.

Etwas mehr Aufschluss gibt die Auswertung der „bundesweiten Befragung von selbstständigen und auf Produktionsdauer Beschäftigten in der Film- und Fernsehbranche“ (Satzer 2007). In ihr sprachen 871 Filmschaffende über ihre Arbeitsbedingungen, darunter waren ein Drittel Frauen. Das ist ncht repräsentativ, aber immerhin ein Ausgangspunkt. Wie Abbildung 1 zeigt, lebt ein Drittel der befragten Filmschaffenden in Familien.

Abbildung 1: Lebensformen der Filmschaffenden

In der gleichen Umfrage sagten 56 %, dass ihr durchschnittlicher Arbeitstag 12 – 14 Stunden oder mehr dauert. 43,7 % gaben an, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben stark belastet ist, 24,4 % sahen sie sogar sehr stark belastet, – das sind insgesamt über zwei Drittel aller Befragten. Leider gibt es dazu auch wieder keine Aufschlüsselung nach Frauen und Männern oder Eltern und Nicht-Eltern.
Diese Informationen wären jedoch wichtig, denn „Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf stellt für viele Frauen und Männer eine besondere Herausforderung dar. Sie steht in engem Zusammenhang mit dem Ziel der Gleichstellung der Geschlechter in der Gesellschaft.“ (Keller / Haustein, Statistisches Bundesamt 2013).

Sind die Geschlechter in der Filmbranche gleichgestellt? Sind Familie und Filmarbeit vereinbar?

Eine Schauspielerin hat es da eventuell etwas leichter als eine Kamerafrau, denn sie muss in der Regel – abgesehen von Telenovelas u.a. – nur einen Teil der Produktionszeit am Set sein und hat dort auch immer wieder Wartezeiten. Also wird für die Drehtage eine Ganztagskinderbetreuung aus eigener Kasse bezahlt und z.B. das Baby mit an den Set genommen und in Drehpausen gestillt, wie es Anneke Kim Sarnau mit ihrem ersten Kind beim Rostocker Polizeiruf machte. Auch in fortgeschrittener 2. Schwangerschaft konnte sie noch drehen, mit kaschierender Garderobe und geschickten Kameraeinstellungen. Wie es mit zwei kleinen Kindern weitergeht ist eine andere Frage. Und im Fall der Krimireihe „Unter anderen Umständen“ wurde sogar die die Schwangerschaft von Hauptdarstellerin Natalia Wörner in die Handlung eingebaut.

Das ist aber nur eine Seite der Medaille, denn mit dem Drehtag ist die Arbeit der Schauspielerin nicht getan, und es gibt jede Menge Film- und Fernsehprojekte, die nicht mit einer jungen Familie vereinbar sind, nicht zuletzt auswärtige bzw. Auslanddrehs, und spätestens wenn Kinder eingeschult werden klappt das auch nicht mehr mit den langen Abwesenheiten oder Kindern in der Nähe des Drehorts. Darüberhinaus betreiben Filmproduktionen bei kleinen Rollen vermutlich weniger Aufwand als für eine Hauptrolle. Da kann der Bauch der Schwangeren ein Besetzungsausschlusskriterium sein, und für für eine Tagesrollenschauspielerin mit Säugling wird vermutlich auch eher selten ein ruhiger Ort und flexible Pausenzeiten am Set möglich gemacht, – für eine stillende Kamerafrau, Maskenbildnerin oder Produktionsassistentin noch weniger, zumal die Crew in der Regel über die gesamte Produktionszeit beschäftigt wird. Dazu kommen womöglich noch Arbeitsschutzvorschriften, die die Beschäftigung von Schwangeren am Set in Gewerken mit starker körperlicher Arbeit einschränken oder verbieten.

Es gibt Fernsehformate, die noch nie eine Regisseurin hatten und andere, die fast keine beschäftigen (2013 war der Regisseurinnenanteil in den Tatorten nur 5,6 % und in den ZDF Fernsehfilmen der Woche nur 9 %) – genauso wird es vermutlich Produktionen geben, die sich zu Arbeitssituation von Filmschaffenden mit kleinen Kindern schlicht noch nie Gedanken gemacht haben. Aber das ist ein anderes Thema.

Die bereits genannten langen Drehtage sind im Tarifvertrag geregelt:

„Die maximale Tagesarbeitszeit beträgt 13 Stunden, es sei denn Ausnahmesituationen rechtfertigen an einzelnen Tagen eine Überschreitung
dieser Arbeitszeit mit Zustimmung der Filmschaffenden.“ (Tarifvertrag für auf Produktionsdauer beschäftigte Film- und Fernsehschaffende § 6.2, gültig bis 31.12.2013)

Diese Woche, am 7. April, gab es in der 5. Verhandlungsrunde über den neuen Tarifvertrag, für den die Gewerkschaften unter anderem 12 Stunden als maximale Tagesarbeitszeit forderten, eine Einigung. Unter anderem wurde eine Gagenanhebung um 4,7 % und eine neue Arbeitszeitregelung vereinbart:

„Das Verhandlungsergebnis sieht für den Manteltarifvertrag vor, dass die maximale Arbeitszeit von 12 Stunden nun an deutlich weniger Drehtagen auf 13 Stunden pro Tag verlängert werden kann, bei Fernseh-Produktionen künftig nur noch an 40 Prozent und bei Kinoproduktionen an 80 Prozent der Drehtage. Zudem verlängern sich die Pausenzeiten, denn die Hauptpause wird von 30 auf 45 Minuten verlängert und die zweite Pause bei langen Arbeitszeiten auf eine weitere halbe Stunde, die insgesamt nicht zur Arbeitszeit zählen.“

Wird das für filmschaffende Eltern kleiner Kinder einen Unterschied machen? Es gibt keine Daten aus der Branche, stattdessen ein Blick auf die allgemeine gesellschaftliche Situation. (Grundlage: Mikrozensus 2012)

Abbildung 2: Erwerbsfähigkeit: Frauen und Männer, mit und ohne Kinder.

Kurz zu den Begrifflichkeiten: Als erwerbsfähig werden alle im erwerbsfähigen Alter von 15 bis 64 Jahren erfasst, das sind gut 23,1 Mio Frauen und knapp 22,1 Mio Männer. Als aktiv erwerbstätig wird bezeichnet, wer in der letzten Woche vor der Befragung wenigstens 1 Stunde für Lohn gearbeitet hat.

Was fällt auf? Zum einen, es sind mehr Frauen als Männer (23,1 Mio gegenüber 22,1 Mio), aber bei den Aktiv Erwerbstätigen überwiegen deutlich die Männer (16,4 Mio. gegenüber 14,4 Mio.).
Zum zweiten, wesentlich mehr Frauen als Männer sind nicht erwerbstätig: 5,9 Mio. gegenüber 2,7 Mio. Nicht erwerbstätig sein bedeutet, weder erwerbstätig, noch erwerbslos, noch vorübergehend beurlaubt – aufgrund von Krankheit, Kur, Altersteilzeit, Streik, Elternzeit und Mutterschutz – zu sein.
Und zum dritten, wesentlich mehr Frauen als Männer arbeiten in Teilzeit – 6,9 Mio. gegenüber 1,3 Mio. Hier besteht ein direkter Zusammenhang zur Elternschaft, gut 2/3 der vollzeitarbeitenden Frauen haben keine Kinder, knapp 2/3 der teilzeitarbeitenden Frauen schon. Auf die Arbeitszeit der Männer haben eigene Kinder wenig Einfluss, Männer ohne Kinder arbeiten zu 90 % Vollzeit, Väter sogar zu 95 %. Etwas detaillierter zeigt dies die folgende Abbildung:

Abbildung 3: Erwerbstätige Mütter und Väter, in Vollzeit und Teilzeit.

Die ersten beiden Säulen bilden ab, dass 60 % aller Mütter erwerbstätig sind und von ihnen wiederum der Großteil (70 %) in Teilzeit, und dass fast alle (94 %) der 84 % erwerbstätigen Väter in Vollzeit arbeiten. Es folgen die Erwerbstätigkeitsquoten der Mütter und Väter in Abhängigkeit vom Alter des jüngsten Kindes. Bei den Müttern geht wenig überraschend in den ersten Jahren nach der Geburt die Erwerbstätigkeitsquote enorm zurück (31,5 % in der Gruppe bis 3 Jahre). Die Quote der Väter ist relativ konstant, egal wie alt das jüngste Kind ist.

In dem Zusammenhang noch ein Satz zum Elterngeld: 95 % der Mütter der im Jahr 2011 geborenen Kinder haben Elterngeld beansprucht gegenüber 27,3 % der Väter. Die Väter bezogen durchschnittlich 3,3 Monate Elterngeld (75 % nur 2 Monate), die Mütter durchschnittlich knapp ein Jahr. (Statistisches Bundesamt 2013).

Zwischenfazit: Mütter schränken ihre Berufstätigkeit wesentlich deutlicher ein als Väter, aus welchen Gründen, Wünschen oder Zwängen auch immer. Hierbei macht allerdings die jeweilige Lebensform einen Unterschied: „Lebenspartnerinnen mit Kindern wiesen 2012 mit 46 % die höchsten Vollzeitquoten auf, gefolgt von alleinerziehenden Müttern (44 %). Erwerbstätige Ehefrauen mit Kindern waren nur zu 26 % vollzeitbeschäftigt.“ (Keller / Haustein 2013). Letzteres kann mit dem sog. Ehegattensplitting und der ungünstigen Steuerklasse zusammenhängen, die mehrheitlich die Ehefrauen bekommen, aber das ist nur eine Vermutung.

Was zeigt dieser Exkurs? Er zeigt, dass in Deutschland weiterhin die Mütter die Hauptverantwortung der Kindererziehung tragen. Und zum zweiten zeigt er, dass in der derzeitigen Aufgabenverteilung Mütter Teilzeitarbeitsplätze brauchen.
Zurück zur Filmbranche.
Wenn nicht Kinder automatisch das Filmkarriereaus bedeuten sollen, was lässt sich ändern? Sind Teilzeitarbeit und Halbtagsstellen überhaupt möglich außerhalb der Verwaltung, also am Set? Lässt sich ein 12 Stunden-Drehtag halbieren, kann es eine Halbtagsaufnahmeleiterin geben, oder zwei Maskenbildner/innen, Regie- oder Kameraassistent/innen, die sich eine Stelle teilen? Wie sieht es mit einer Ganztagskinderbetreuung am Set aus, also nicht nur für die Kinder, die vor der Kamera stehen, sondern für die Kinder von Cast und Crew? Wären Betriebskindergärten und –horte bzw. Tagesmütter auf Zeit denkbar? Die Bavaria hat einen Betriebskindergarten für Kinder der Festangestellten. Könnte der befristet Kinder aufnehmen? Und reichen Ganztagsplätze überhaupt aus, oder geht es bei den Drehtagslängen schon eher um setnahe Kinderferienheime für Vorschulkinder? Sollte eine Familienabgabe seitens der Produktionsfirmen zur Bezuschussung von Betreuungskosten eingeführt werden, damit Alleinerziehende nicht nur arbeiten sondern auch Geld verdienen können?

Yes, let’s talk about money. Nicht über das Geld, das solche Maßnahmen kosten würden, sondern das Geld, das Filmschaffende verdienen. Satzer (2007) ermittelte für 2006 ein durchschnittliches Bruttojahresentgelt von 38.878 € für männliche, und von 30.119 € für weibliche Filmschaffende. Die Männer verdienen – laut dieser nichtrepräsentativen Umfrage – also 29 % mehr als die Filmfrauen. Diese Gender Pay Gap bestätigen auch Bührmann / Dierschke in ihrer Studie zum ALG I-Bezug von Film – und Fernsehschaffenden 2012. Woran liegt das? Werden frauentypische Gewerke schlechter bezahlt? Handeln Frauen individuell schlechtere Verträge aus? Können Frauen – vielleicht wegen der Familie – nur in weniger Produktionen im Jahr arbeiten? Würden angesichts dieser Zahlen Teilzeitgehälter überhaupt ausreichen, um über das Hartz IV-Niveau hinauszukommen?

Und vor der Kamera? Nach der Untersuchung von Bührmann u.a. (2010) hatten 72 % der Frauen und 64,7 % der Männer 2009 ein Bruttojahreseinkommen von weniger als 30.240 € (aus Film-, Theater- und Synchronarbeit usw). Es folgt eine Klassifizierung in in 5000 Euro Schritten, diese ist aber leider nicht nach Geschlechtern aufgeschlüsselt. Die Studie liefert einen weiteren Hinweis auf die schlechtere Situation von Schauspielerinnen: So können 18,5 % der Männer aber 25,7 % der Frauen ihren Lebensunterhalt nicht vom Schauspielen bestreiten.

In Deutschland haben 20 % der Frauen zwischen 40 bis 44 keine Kinder. Wie sieht dieser Wert in der Filmbranche aus, vielleicht sogar differenziert nach Tätigkeitesbereichen? Ist er ähnlich, oder deutlich höher? Wie viele Schauspieler/innen, wieviele Filmschaffende entscheiden sich bewusst gegen Kinder, und inwieweit hängt das mit der Filmarbeit zusammen? Da stehen noch differenzierte Untersuchungen aus. Wer wird diese in Auftrag geben?

Eine andere Frage in Bezug auf die Film- und Fernsehbranche und Mütter ist, wie (berufstätige) Mütter in deutschen Fernsehen dargestellt werden.
In einem Interview mit der “Süddeutschen Zeitung” bemerkte Facebook-Chefin Sheryl Sandberg, dass Männer mehrere Attribute bekommen, also Väter UND Experten, Politiker UND Autoren sind, während Frauen entweder gute Mütter ODER respektierte Expertinnen sein können, aber nicht beides zugleich. „Bricht man das auf eine alltägliche Szene im Fernsehen herunter, ist die arbeitende Mutter stets Quell von Problemen, von Stress und Hysterie.“ (Heide Aichinger: „Sheryl Sandberg kämpft gegen Stereotype.“ der standard 2.4.2014)
Aber das ist ein Thema für einen anderen Tag.

Dieser Text erscheint in leicht veränderter Form im Blog SchspIN

Quellen (Auszug):

Rolf Satzer: „Ausgeleuchtet – Vom Arbeiten und Leben in der Filmindustrie“. 2007. Auf Initiative des ver.di-Projekts connexx-av und des BundesFilmVerbands. 871 Teilnehmerinnen (33,6 % Frauen, 66,4 % Männer) .

Andrea D. Bührmann, Nina Wild, Marko Heyse, Thomas Dierschke: „Viel Ehre, aber kaum Verdienst – Erhebung zur Arbeits- und Lebenssituation von Schauspielerinnen und Schauspielern in Deutschland.“ 2010. Auf Initiative des BFFS. 751 Teilnehmer/innen (47,7 % Frauen, 52,3 % Männer)

Andrea D. Bührmann / Thomas Dierschke: „Abgedreht und abgelehnt – Studienergebnisse zum ALG I-Bezug von Film – und Fernsehschaffenden. 2012. Auf Initiative des BundesFilmVerbands in ver.di. 375 Teilnehmer/innen (43,5 % Frauen, 56,6 % Männer).

Statistisches Bundesamt: Geburtentrends und Familiensituation in Deutschland. 2012

Matthias Keller / Thomas Haustein: „Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ergebnisse des Mikrozensus 2012.“ Statistisches Bundesamt, Wirtschaft und Statistik. 2013

Bundesvereinigung der Filmschaffenden-Verbände e.V.: „Status Bericht 2013 – Umfrage zur aktuellen Arbeitssituation der einzelnen Gewerke im Filmgeschäft“. Überarbeitete Fassung vom 13.02.2014. 1.543 Teilnehmer/innen (das Geschlecht wurde nicht erfasst)

Statistisches Bundesamt: Öffentliche Sozialleistungen. Statistik zum Elterngeld
Beendete Leistungsbezüge für im Jahr 2011 geborene Kinder. 2013

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Cinema Moralia – Folge 85: Im finsteren Tal…

Klaus Lemkes Kein Großes Ding, einer von vielen Filmen made in Berlin, die jetzt bei »achtung berlin« laufen

Erin­ne­rungen an Menschen am Sonntag und die Neunziger Jahre; der X-Filmpreis und der öffent­liche Selbst­mord des ZDF – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 85. Folge

Längst hat der Berlin-Hype ein Ende, auch unter Filme­ma­chern. Noch vor fünf Jahren gab es gute objektive Argumente für die Letzten der deutschen Filmszene, nach Berlin zu ziehen: Eine vibrie­rende, moderne, unspießige Haupt­stadt­kultur, dazu billige Mieten, billiges Leben, viele freie Wohnungen, und eine großzügige, vergleichs­weise stark an Kunst und Inde­pen­dent-Kultur inter­es­sierte Film­för­de­rung. Mit alldem ist es vorbei: Die Kultur hat schon lange den Charme der Wendezeit und der 90er verloren, der noch bis in die frühen Nuller­jahre anhielt. Heute muss man in den Kneipen von Berlin-Mitte – falls man da zwischen den ganzen Back­pa­ckern überhaupt einen Platz bekommen hat – und auch in Kreuzberg früher reingehen als in München, weil sonst die Nachbarn anrufen. Die Küche macht dann auch gleich zu. Die Mieten werden immer teurer, die Lokale immer doofer. Und die Film­för­de­rung, die vor Jahren noch stolz darauf war, »kleine schmut­zige Berlin-Filme« zu fördern, hat für derglei­chen kein Interesse mehr. Gefördert werden die Groß­kop­ferten von »X-Filme« und den zwei, drei anderen größeren Verlei­hern, die Firma Teamworxx und die Ameri­kaner. Aber selbst dieje­nigen Inde­pen­dent-Filme­ma­cher, die nach meiner Ansicht schon vor Jahren nur noch als Feigen­blatt die ganz anderen Pläne des Medien­board ein wenig verdecken sollten, bekommen heute ihre Projekte nicht mehr finan­ziert, von anderen erstaun­li­chen Entschei­dungen einmal ganz zu schweigen. Kein Wunder, wenn man allein schon daran denkt, dass der RBB der einzige soge­nannte »Haus­sender« des Medien­boards ist – lassen wir es mal bei dieser sach­li­chen Fest­stel­lung, ohne weiteren Kommentar.
Weiterlesen

Wer die Förde­rungen der ohnehin besser ausge­stat­teten Film­stif­tung NRW oder auch die der kleineren Förder­an­stalten in Baden-Würt­tem­berg, Hessen oder Mittel­deutsch­land einmal anguckt, erkennt unter anderem, das gerade viele Berliner Filme­ma­cher ihre Filme nicht mehr in Berlin machen können. Toller Länder­ef­fekt!

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Eine der wenigen Hoff­nungs­schimmer im finstren Tal der deutschen Kino­si­tua­tion ist Monika Grütters, die neue Kultur­staats­mi­nis­terin. Grütters ist nicht unbedingt filmaf­finer als ihr Vorgänger Bernd Neumann, der zwei­fellos seine Verdienste hat, aber sie ist bestimmt weniger mit den ganzen Film-Lobbys verban­delt, als ihr CDU-Partei­ge­nosse, was bei Neumann auch zunehmend ein Problem war.
Im Haus­halts­ent­wurf der Bundes­re­gie­rung ist der Etat des Deutschen Film­för­der­fonds (DFFF) gleich um ein sattes Siebtel von 70 auf 60 Millionen Euro gekürzt worden. Das mag den Catering-Unter­nehmen von Potsdam und manchen beim Medien­board die Tränen in die Augen treiben, für den deutschen Film könnte diese Kürzung aber eine gute Nachricht sein.
Denn der DFFF, der anfangs mal als »Anreiz zur Stärkung der Film­pro­duk­tion in Deutsch­land« gedacht war, nutzte dieser in den letzten Jahren zunehmend weniger. Statt­dessen verkam er zunehmend zum »stupid German money« für Hollywood. Zuletzt gab es allein 8,4 Millionen für »Monuments Men« und 3,2 Millionen Euro für »Grand Budapest Hotel«. Reine Hollywood-Produk­tionen. Oder was ist an Wes Andersons und George Clooneys ilmen deutsch außer ein paar Statisten und Hand­wer­kern auf den unteren Ebenen der Depart­ments? Und natürlich der Förder­in­ten­dantin auf den Fotos von Dreh und Premiere. Was könnte man umgekehrt mit 11,6 Millionen Euro alles tun, wenn man sie deutschen Film­pro­du­z­enten geben würde?
Was hat der deutsche Film – also alle, die »ganze Familie« – vom DFFF? Auf George Clooney können wir doch wirklich verzichten, auf der Leinwand sehen wir ihn eh, und in Berlin auch dann nicht, wenn er drei Monate hier dreht.

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Hoffent­lich lässt sich Grütters durch die ansetz­enden Neben­geräu­sche nicht irri­tieren. 60 Millionen sind immer noch zu viel, für das, was gemacht wird. Denn dem deutschen Film geht es schlecht, gut geht es nur denen, die schlechte Filme machen.
Natürlich wird jetzt gejammert, dass der arme George demnächst woanders drehen muss. Wenn er’s tut, dann scheint es mit dem tollen Know-how der Deutschen ja doch nicht so weit her zu sein.

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Es war mal alles anders in der Haupt­stadt. »Berlin im Film der Neunziger Jahre« heißt eine tolle Retro­spek­tive, die seit diesem Mittwoch im Rahmen des Festivals »achtung berlin« im Berliner Babylon-Kino läuft. Da laufen 14 Spiel­filme, 2 Doku­men­tar­filme und 10 Kurzfilme, die aus verschie­densten Blick­win­keln das Lebens­ge­fühl und die Aufbruch­stim­mung der Stadt im Jahrzehnt nach dem Mauerfall in Erin­ne­rung rufen – eine leider längst vergan­gene Ära. Natürlich erinnern wir uns noch an Das Leben ist eine Baustelle von Wolfgang Becker, der seinerzeit über 400.000 Zuschauer bekam – heute eine Zahl, die kaum ein vernünf­tiger deutscher Kinofilm erreichen kann, was mehr über den Verfall der hiesigen Film­kultur erzählt, als alle Jubel­mel­dungen inter­es­sierter Insti­tu­tionen zusammen. Aber wer erinnert sich noch an Sperrmüll von Helke Missel­witz, und wer hat je Berlin – Pren­zlauer Berg von Petra Tschörtner, Die blaue Stunde von Marcel Gisler oder Chronik des Regens von Michael Freerix gesehen? Ich nicht. Was aber auch dem klar wird, der die Filme noch nicht kennt: Was für tolle Filme mal hier gemacht wurden. Filme die etwas über die Stadt erzählen, über das Land und über die Wirk­lich­keit. Halloooooo Medien­booooooard!!!! Aufwachen!!!!!

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Eröffnet wird die Retro­spek­tive mit der roman­ti­schen Komödie Oben – unten von Joseph Orr, in der man 1995 unter anderen auch Sophie Rois und Torsten Merten in frühen Auftritten begegnet. Es geht um einen Altein­ge­ses­senen, der sich nicht von der Großbau­stelle namens Mitte vertreiben lassen will, um die Liebe und um die Invasion der Vege­ta­rier – einen sehr gegen­wär­tiger Film also.
Beglei­tend zum Film­pro­gramm präsen­tiert »achtung berlin« zudem das Panel: »Stadt im Umbruch« am Samstag, 12.4., ab 18:00 Uhr. Es disku­ti­eten Michael Klier, RP Kahl, Matl Findel, Frieder Schlaich, Katrin Schlösser und Johannes Novy – die Richtigen also, auch wenn die Besetzung sich etwas ostlastig anhört…

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Wenn man dann schon da ist, kann man am Samstag auch gleich dableiben. Zur Zeit zeigt das Kino Babylon Mitte nämlich jeden Samstag einen »Stummfilm um Mitter­nacht«, der live von der Musikerin Anna Vavilkina begleitet wird. Das Ganze kostet Null Euro! Aber wer jetzt glaubt, Stumm­filme seien nichts wert, der darf soviel Geld bezahlen, wie er für ange­messen hält.
Diese Woche läuft Menschen am Sonntag von 1929, der nicht nur einer schönsten Filme der Film­ge­schichte ist, und der Weimarer Republik sowieso, sondern auch einer der inter­es­san­testen: Ein Kollek­tiv­film, gedreht unter anderem von Robert Siodmak und Billie Wilder, gelenkt von den Prin­zi­pien der Neuen Sach­lich­keit und des Zufalls, Nouvelle Vague, 30 Jahre vor Godard und
Truffaut. Und gedreht ohne Film­för­de­rung.

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Übrigens: Wenn Monika Grütters Lust haben sollte, in den nächsten Wochen noch andere zu ärgern, dann könnten wir ihr ein paar Tipps geben. Zum Beispiel wäre es an der Zeit, einmal die Namen derje­nigen zu über­prüfen, die bei der Abstim­mung zur Nomi­nie­rung zum Deutschen Filmpreis für bestimmte Filme gestimmt haben – und falls vorhanden gleich noch die IP-Adressen dazu.
Denn nicht nur mir fällt auf, dass es immer ganz bestimmte Produ­z­enten und Verleiher sind, die jedes Jahr besonders viele Nomi­nie­rungen abstauben, und das mit Filmen, die, nun ja, im Zusam­men­hang Kunst und Deutscher Filmpreis etwas befrem­dend anmuten. Wir haben an dieser Stelle oft genug gesagt, dass man über Kunst nicht demo­kra­tisch entscheiden kann und dass Jurys viele bessere Ergeb­nisse produ­zieren, als eine Massen­ab­stim­mung, aber noch schlech­tere Ergeb­nisse kommen raus, wenn Lobbys und Inter­essen verdeckt mitmi­schen. Und wenn man sich die dies­jäh­rigen Nomi­nie­rungen und auch die Liste der Nicht­no­mi­nierten so anguckt, dann wundert man sich, auch wenn man die Bedeutung des schlechten Geschmacks gar nicht hoch genug misst.

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Dass für den höchst­do­tierten Kultur­preis, den Deutsch­land zu vergeben hat, die ästhe­tisch inter­es­san­testen Filme des letzten Jahres – Die Frau des Poli­zisten von Philip Gröning und Kreuzweg von Dietrich Brüg­ge­mann nicht eine einzige Nomi­nie­rung bekommen, dafür so ein Schwach­sinn wie Fack ju Göhte ein halbes Dutzend und so ein merk­wür­diges Werk wie Love Steaks angeblich einer der sechs künst­le­risch besten deutschen Filme sein soll – spricht Bände über das was in den Köpfen der soge­nannten »Branche« vorgeht.
Wobei mir die Nomi­nie­rung für Love Steaks auch nur vorkommt wie ein Feigen­blatt fürs schlechte Gewissen. Was Love Steaks aller­dings mit Fack ju Göhte verbindet, ist das mangelnde Form­be­wusst­sein. Auch wenn sie sich einen formalen und konz­ep­tio­nellen Anstrich geben, fehlt beiden ein elemen­tares Gefühl für Ästhetik. Das ist durch »Kraft«, »Energie«, »Schwung« und derglei­chen nicht wett­zu­ma­chen. Und Form­lo­sig­keit, da muss man gar nicht Adorno oder Nietzsche fragen, Sloter­dijk genügt auch, ist immer der Beginn des kultu­rellen Verfalls.

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Wir hätten jetzt gern noch etwas ausführ­li­cher über das ZDF geschrieben, aber da passiert ja derzeit so viel, da kommt man mit Lesen und Schreiben gar nicht nach. Erst killt das Verfas­sungs­ge­richt den ZDF-Fern­sehrat, und während der Colt noch raucht, killt eben dieser Fern­sehrat »Wetten, das…?«. Das ist nun einer­seits viel­leicht nicht so schlimm, aber eben dann doch ein verhee­rendes Zeichen. Denn tatsäch­lich handelt es sich um nicht weniger als den öffent­li­chen Selbst­mord des ZDF.
Natürlich weiß man auch in Mainz, dass der Sender irgend­wann mit seinen Zuschauern ausstirbt. Aber was ist es für ein Zeichen, wenn der öffent­lich-recht­liche Rundfunk sein einziges Programm einstellt, das – außer Live-Fußball – noch in de Lage ist, eine relevante Menge des TV-Publikums gemeinsam zur gleichen Zeit am gleichen Ort vor der Glotze zu versam­meln?
Der Grund für die Einstel­lung: Der lang­jäh­rige Moderator trat zurück, der neue hat’s nicht gepackt, und ein anderer fand sich nicht. Auch im Fernsehen herrscht also das Caudillo-Prinzip einer durch­schnitt­li­chen Diktatur: Alles hängt an einer Person, nicht an Insti­tu­tionen oder Ideologie. Wenn die Person abtritt, muss man gleich den Laden dicht machen.
Wäre das ZDF konse­quent, würde es gleich sämtliche Programm­ma­cher mitent­lassen. Denn ihre Aufgabe, Programm zu machen, erfüllen sie offenbar nicht. Man lässt einfach Mode­ra­toren, die »ankommen«, so lange live reden, bis sie den Sender wechseln, oder das Publikum sie satt hat, und ansonsten sendet man Fußball (mit im Übrigen desaströsen Inter­views und das im Fall der einst besten Sport­re­dak­tion des Fern­se­hens). Krea­ti­vität gibt es absolut gar keine.
Wo stünde das ZDF, wenn sich plötzlich keiner mehr für Fußball inter­es­sierte?

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Vor zehn Tagen erschien ein toller Text in der »Süddeut­sche Zeitung«. »Der blinde Fleck« vom Schrift­steller Ingo Schulze. Der beginnt so: »In den letzten Wochen ist ein Wort in Umlauf gekommen, das ich bisher nicht kannte. Zuerst begegnete es mir als Singular maskulin: der Russ­land­ver­steher. Nun, da es offenbar mehrere dieser Gattung zu geben scheint, kommt häufig der Plural zur Anwendung: die Russ­land­ver­steher. Und sicher­lich wird es auch hier und da eine Russ­land­ver­ste­herin geben.
Beim erst­ma­ligen Hören hatte ich geglaubt, Russ­land­ver­steher würde aner­ken­nend gebraucht, der Ausdruck bezeichne also jemanden, der Russland versteht, der um die Beweg­gründe der russi­schen Politik weiß und der all denje­nigen, die der russi­schen Politik ratlos gegenüber­stehen, diese erklären kann. Was mich über­raschte und verwun­derte, war der herab­setz­ende Sinn, in dem dieses Wort gebraucht wurde. Russ­land­ver­steher wird nicht nur kritisch, sondern abwertend verwendet, mitunter sogar als Schimpf­wort.
Es ist kein gutes Zeichen, wenn das Wort »verstehen« negativ besetzt wird. Der Versuch, jemanden oder etwas zu verstehen, ist eine unab­ding­bare Voraus­set­zung, wenn man selbst agieren will. Nur wer etwas versteht, kann sich ange­messen dazu verhalten und zwischen Zustim­mung und Wider­spruch abwägen.«
Das ist schon mal ein guter Anfang, den wir hier schon deswegen zu schätzen wissen, weil man uns gele­gent­lich »Auto­ren­film­ver­steher« oder »Berliner-Schule-Versteher« genannt hat.
Aber es geht bei Schulze noch weiter mit einer wunder­baren poli­ti­schen Fantasie: »Wie lange würden Demons­tranten bei einer unge­neh­migten Kund­ge­bung auf dem Berliner Alex­an­der­platz aushalten können, die den Sturz von Merkel und ihrem Kabinett (und am besten auch gleich noch von Gauck) fordern, weil Merkel nichts gegen die NSA unter­nimmt und maßgebend dazu beiträgt, dass Europa durch das Frei­han­dels­ab­kommen mit den USA den Welt-Konzernen ausge­lie­fert wird? Zudem fordern die Demons­tranten, dass Edward Snowden, der letzte westliche Selbst­auf­klärer, einen Ort im Westen findet, an dem er unbe­hel­ligt leben kann. Unter­s­tützt werden die Proteste mit Millionen oder Milli­arden Rubeln und Yuan, und ab und zu tauchen der russische und chine­si­sche Außen­mi­nister auf, verteilen Glücks­kekse und Pelmeni, applau­dieren den Demons­tranten und rufen unter der Weltz­eituhr: Angela Merkel, deine Zeit ist vorbei!«

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»Es geht ein Riss durch deutsche Redak­tionen. Nicht etwa unter­schied­liche Ansichten zu Russland sind es, zum Euro oder zum Fall Edathy, die zu diesem Zerwürfnis führen. Nichts scheidet deutsche Jour­na­listen mehr als das Substrat, auf dem sie publi­zieren: Selbst Print- und Onli­ne­re­dak­teure desselben Verlags­hauses leben oft in unter­schied­li­chen Sphären und pflegen die Ressen­ti­ments gegenüber der anderen Seite.«
So beginnt die ZEIT letzte Woche (14/2014; 26. März 2014) einen Text mit »12 Thesen zu Print und Online«. Ganz allgemein konsta­tieren die Autoren Bernd Ulrich und Jochen Wegner einen »Dünkel der Tradition« gegen die »Arroganz des Fort­schritts«. Zu großen Teilen geht es in dem Text leider nur um interne Probleme der Redak­tionen, um nichts was »die Leute« inter­es­siert. Denn das Konstrukt eines Konflikts zwischen »Print­re­dak­teuren mit Einsteck­tuch« und Onlinern »im Kapuz­en­pulli« mag bei der ZEIT virulent sein, inter­es­siert aber eh nur die schwin­dende Zahl fest­an­ge­stellter Redak­teure. Freie Jour­na­listen arbeiten für beide – und das sind die aller­meisten, die schreiben, Redak­teure »planen« nämlich nur, sitzen auf Konfe­renzen, und mahnen zur frühen Abgabe, damit sie »planen« und »redi­gieren« und vor allem um 18 Uhr nach Hause gehen dürfen.
Die Vorherr­schaft ist ja längst entschieden: Online erreicht mehr Leser als Print, und diese Leser sind jünger und haben mehr Geld, sind also für Werbe­kunden inter­es­santer.

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Inter­es­sant ist aber, wo die eigent­liche Front ausge­macht wird: Zwischen Jour­na­listen und den Kanni­balen: Facebook und Twitter, Google und iTunes, WhatsApp und Snapchat.
Und dann weiter: »Was vom Jour­na­lismus bleibt, sind seine Prin­zi­pien. … Jour­na­lismus unter­scheidet sich nur noch durch seine Prin­zi­pien von allem anderen, was online steht, durch seine Haltung, sein Streben nach Wahrheit. Jour­na­listen sind jene, die sich alle erdenk­liche Mühe geben, diesen Prin­zi­pien zu folgen.«

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Einen großen Fehler machen aber all jene, die glauben, Jour­na­lismus hätte vor allem etwas mit Infor­ma­tion zu tun, und die Idee einer Meinungs­ho­heit sei obsolet geworden, weil unde­mo­kra­tisch. Alles daran ist falsch: Infor­ma­tion gibt es im Netz schneller und ausführ­li­cher. Jour­na­lismus beginnt bei der gut geschrie­benen Seite 3, also einem gut geschrie­benem Text, und beim Meinungs­ar­tikel oder Kommentar, also bei der Kura­tie­rung von Infor­ma­tion. Die ist nicht etwa unde­mo­kra­tisch, hier bei Kritik & Ästhetik fangen Demo­kratie, also Meinungs­bil­dung und infor­miertes Urteil, erst an.
(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 82: Das Kunstkartell schlägt zurück

Arne Birkenstocks Beltracchi – Die Kunst der Fälschung

Die Kunst der Fälschung: Wie ein Doku­men­tar­film skan­da­li­siert wird – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 82. Folge

»Ein Kritiker muss dem Main­stream wider­stehen, er sollte die Seite stark machen, die in der öffent­li­chen Debatte gerade schwach ist. Ein Kritiker ist nur dann einer, wenn er sich als Anti-Esta­blish­ment versteht.«
Susan Sontag, mal wieder, diesmal in einer Szene in Martin Scorseses Untiteled New York Review of Books Project, der als »work in progres« auf der Berlinale lief.

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Empörung an sich mag vers­tänd­lich sein, ist aber immer auch etwas frag­wür­diges. Sehr nach­voll­ziehbar kriti­sierten gerade deutsche Medien in den letzten Jahren Empö­rungs­ten­denzen in der deutschen und inter­na­tio­nalen Öffent­lich­keit. Wenn es um die »Wutbürger« von Stuttgart ging, um Sarrazins Geschwätz von den Kopf­tuch­mä­dels, um euro­pa­feind­liche D-Mark-Freunde, um Recht­po­pu­listen oder zuletzt um Schweizer Frem­den­feinde – da standen die deutschen Jour­na­listen instinkt­si­cher gegen solch’ vermeint­lich »gesundes Volks­emp­finden«, plädierten für Vernunft, Diffe­ren­zie­rung, Objek­ti­vität. Mit anderen Worten: Für Aufklä­rung.
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Gefähr­lich wird es dann aber schnell, wenn sich Jour­na­listen einmal selbst empören. Dann kennen sie keine Gnade, dann trieft Moral und Recht­schaf­fen­heit aus jeder ihrer Zeilen, so, als sei man froh, endlich einmal das offenbar so schwere Joch der Skepsis abwerfen und ganz subjektiv drauf­los­le­dern zu dürfen. So, als fürchte man auch ein wenig die eigenen Zweifel, den eigenen Verstand, und müsse daher um so lauter sich krakee­lend gebärden. Weil es natürlich sie selbst betrifft.
So geschehen vor Jahren beim »Fall Tom Kummer«, jenem SZ-Jour­na­listen, der Inter­views frei erfunden hatte. Dass dazu immer auch ein paar Leute gehörten, die sie ihm gern und gegen alle Zweifel abkauften, wurde schnell vergessen. Erst recht die Frage, ob diese Inter­views womöglich gut und inter­es­sant zu lesen waren, ob sie in gewissem Sinn »Kunst­werke« waren, und ob die ganze Geschichte womöglich einige tiefere Wahr­heiten über den Medien­be­trieb verriet.
Noch einmal ging es so, als dann ein Film über Kummer gemacht wurde.
Und jetzt gibt es endlich wieder einen Anlass: Diesmal sind es vor allem Kunst­kri­tiker und Kunst­jour­na­listen, die mit Schaum vorm Mund und wie gleich­ge­schaltet, mit unter auch recht hirnlos und in jedem Fall ohne eine Spur Humor und Gelas­sen­heit über einen Film reden und schreiben: Die Kunst der Fälschung ist ein Doku­men­tar­film, der kommende Woche in die deutschen Kinos kommt. Er handelt von dem Fall des Malers und Kunst­händ­lers Wolfgang Belt­racchi und all den inter­es­santen Geschichten, die dazu­gehören: Belt­racchi hat über Jahrzehnte Gemälde erfunden und diese Werke als angeb­liche Originale für hohe Summen verkauft. 2010 flog der Fall auf, 2011 wurde Belt­racchi wegen gewerbs­mäßigen Betrugs zu sechs Jahren Haft verur­teilt, und in der Öffent­lich­keit zum »Jahr­hun­dert­fäl­scher« erklärt. Weiterlesen

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Über­ra­schend ist für den, der den Film gesehen hat, nicht unbedingt, dass er bei manchen auf heftige Ablehnung stößt. Über­ra­schend ist aber sehr wohl, wie einhellig und hyste­risch im Ton diese Ablehnung ist, und wie falsch sich hier oft die Redak­ti­ons­lei­tungen verhalten.

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Falsch ist erst einmal etwas Grund­sät­z­li­ches, das immer wieder geschieht, wenn es um Kino geht: Die Tatsache, dass die Film­kritik auf stillem Weg ausge­schaltet wird, wenn ein Film scheinbar von einem »Thema« handelt. Wie oft hat man das erlebt: Handelt ein Film von Fußball oder Bobfahren, schreibt plötzlich der Sport­re­porter die Film­kritik, geht es um einen Kompo­nisten darf der Musik­re­dak­teur ran, bei Ziemlich beste Freunde die Frank­reich-Korre­spon­dentin, oder die Literatur-Redak­teurin, die Roma­nistik studiert hat, bei Die Mühle und das Kreuz die Kunst­re­dak­teurin, und bei Harry Potter die Mode­fach­frau, die einfach Fan ist.

Das ist einer­seits ein vertret­barer Ansatz und soll auch gar nicht grund­sät­z­lich verdammt werden. Es belegt aber die Gering­s­chät­zung des Kinos als Kunst, es beweist die Tatsache, dass man der Ansicht ist, von Film müsse man eigent­lich nicht mehr verstehen, als jeder im Publikum, um das Werk beur­teilen zu können, von Kunst (oder Literatur, oder Frank­reich oder Fußball) aber schon. Wäre es anders müsste dann ja konse­quen­ter­weise, wenn umgekehrt Harun Farocki im Museum Ludwig ausstellt, oder Haneke eine Oper insz­e­niert, oder Petzold ein Thea­ter­stück, dann »der Film­kri­tiker« zuständig sein. Das ist aber keines­wegs der Fall.

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Die Kunst der Fälschung wird nun in den ersten Berichten konse­quent von Kunst­kri­ti­kern bespro­chen, nicht von Film-Experten. Das Ergebnis ist fatal. Zum einen ist es überaus ober­fläch­lich: Regisseur Arne Birken­stock wird ständig überaus billigen persön­li­chen Anfein­dungen und Unter­stel­lungen ausge­setzt – er ist nämlich der Sohn von Belt­rac­chis Anwalt, was ihm
überhaupt einen Vertrau­ens­vor­schuss und den Zugang zu diesem verschaffte. Natürlich hat er sich damit auch Blößen gegeben, und gewis­ser­maßen angreifbar gemacht. Ande­rer­seits ist die Sippen­haft in Deutsch­land abge­schafft, und die ande­ren­orts doch so unpar­tei­ischen und unvor­ein­ge­nom­menen Kollegen scheinen zu vergessen, dass der Anwalts­beruf nichts ehren­rüh­riges ist. Selbst gestän­dige Verbre­cher haben das Recht auf best­mög­liche Vertei­di­gung.
Zumindest könnte man ja Arne Birken­stock einmal die Frage stellen, warum und inwiefern er sich eigent­lich für unbe­fangen hält, oder wie er mit möglicher Befan­gen­heit umgeht.
Das fragt aber keiner, statt­dessen wird der Film behandelt wie eine Fort­set­zung des Plädoyers der Vertei­di­gung.

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Dafür müsste man den Film aller­dings erst mal überhaupt angucken. Was nicht ausrei­chend geschieht: Mit mehr als einer Handvoll Redak­teuren habe ich allein an diesem Mittwoch über den Fall Belt­racchi und über Birken­stocks Film disku­tiert – kein einziger hatte den Film gesehen, aber alle wussten Bescheid: Es gehe doch nicht, dass man einem Krimi­nellen auch noch den Roten Teppich ausrolle, meinte eine, ein anderer erzählte vom »Hype« um Belt­racchi, und davon, dass er »durch alle Talkshows gereicht« werde. Ist das Neid auf die Kollegen, oder gar Belt­racchi selbst. Man könnte das zum Anlass einer geist­rei­chen Betrach­tung über die Seele im medialen Zeitalter nehmen: Ist eigent­lich die Talkshow schuld, oder der Talk­show­gast?

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Statt dass man über diesen Film vernünftig und sach­ori­en­tiert debat­tiert, trium­phieren Halb­wissen und plumpe Gesinnung. Alles ist dermaßen einseitig, mit immer denselben Gesich­tern soge­nannter »Experten« – der offenbar sehr medi­en­af­fine Ermittler, und ein unbedingt medi­en­af­finer Buchautor, die ihre immer­glei­chen Sätze in alle Kameras sagen, egal, ob die ihnen nun von »Aspekte« oder von »ttt« vor die Nase gehalten werden.
Gesinnung trium­phiert. Main­stream-Gesinnung.

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Was dieser Fall eigent­lich belegt, ist, dass die Debatten- und Streit­kultur in Deutsch­land auf den Nullpunkt gekommen ist. Verstanden sich Jour­na­listen einst als Hecht im Karpfen­teich, war es Berufs­ehre, »Anti-Esta­blish­ment« (Susan Sontag) zu sein, schwimmen sie heute am liebsten im Schwarm, denn da ist es wärmer.
Sie sind Mitmacher.
»Manu­fac­tu­ring Consent« – was Noam Chomsky vermeint­lich ein bisschen paranoid für die Privat­fern­seh­sender der 80er-Jahre beschrieben hat, trifft längst auch auf große Teile der europäi­schen Medien, auf viele öffent­liche Sender und soge­nannte Qualitäts­z­ei­tungen zu: Überall steht das Gleiche, man verstärkt nur gegen­seitig den Lärm.
Selten habe ich mich so an Chomsky erinnert gefühlt wie dieser Tage.

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Die herr­schenden Empörer stellen die andere Seite gleich als Gegner moralisch in die dunkle Ecke und ersticken jede ernst­hafte Debatte im Keim. Ist ja klar, wer die Guten sind. Weil die Empörer ihre Meinung mit Gesinnung verwech­seln, und aus einem facet­ten­rei­chen Thema eine Grund­sat­zfrage machen, bei der die Moral­keule ausge­packt und drauf­los­ge­dro­schen wird.

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In diesem Fall geht es aber noch um etwas anderes, nicht um Moral, sondern um ihre hässliche Schwester, die Unmoral: Der Kunst­szene wurden Belt­racchi und sein Fall zum Objekt großer Aggres­sionen, schwan­kend zwischen Hass und Verach­tung. Das liegt ganz offen­kundig nicht allein daran, dass sie von Betracchi an der Nase herum­ge­führt wurde, oder an den hohen Beträgen, die von Galerien, Museen und Sammlern auf seine Konten flossen – denen übrigens noch weit höhere Einnahmen auf der Händ­ler­seite nach­folgten, von denen Belt­racchi nichts hatte. Sie liegt mindes­tens ebenso sehr in der Tatsache begründet, dass der Fall Belt­racchi und seine Folgen plötzlich grelles Licht auf eine Szene warfen, die selbst sehr daran inter­es­siert ist, ihren Geschäften in einem diffusen Halb­dunkel aus Diskre­tion und Insi­der­wissen, Heim­lich­tuerei und persön­li­chen Bezie­hungen, gegen­sei­tigen Gefallen und Exper­ten­krä­merei, Barzah­lung und Gerücht zu nach­zu­gehen. So ist es für nahezu alle Beob­achter kaum zu glauben, dass über drei Jahrzehnte niemand Verdacht schöpfte, keiner nach­fragte, was es mit der Herkunft der plötzlich auftau­chenden Belt­racchi-Bilder auf sich hatte. Auch bleibt unver­s­tänd­lich, wie sich namhafte Kenner, ob der geschäft­s­tüch­tige Max-Ernst-Experte Werner Spies oder die Leitung des Kunsthaus’ Lempertz über Jahre täuschen ließen – es sei denn, man stellt die Tatsache in Rechnung, dass sie mit bezahlten Gutachten und lukra­tiven Aukti­ons­er­geb­nissen noch weit mehr verdienten, als die Fälscher.
Zudem steht ein zentraler Verdacht, der neben der Kompliz­en­schaft womöglich noch wichtiger ist, weiterhin unwi­der­legt im Raum: der, dass die größte Zahl der von Belt­racchi gefer­tigten Bilder weiterhin unent­larvt als vermeint­li­ches Original in Museen und Samm­lungen hängt. Ohne Frage haben hier viele Seiten kein Interesse an echter Aufklä­rung.

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Man hat hier also den unbe­dingten Eindruck, dass das Kunst­kar­tell zurück­schlägt, und gut orga­ni­siert einen Film, den es nicht verhin­dern konnte, nun auf anderem Weg fertig­zu­ma­chen versucht.

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Die Jour­na­listen, die über Kunst und Galerien und die Kunst­szene berichten, nagen an den Knochen, die von diesen reich gedeckten Tafeln abfallen. Manche dürfen sogar selbst am Tisch Platz nehmen. Sie brauchen das Wohl­wollen und die Gunst der Szene. Dass sie sich diese nicht verscherzen wollen, dass sie sogar etwas tun, um ihre Position zu verbes­sern, oder viel­leicht mal selbst ein hübsches Gutachten oder einen Kata­log­auf­satz zu schreiben, oder einen Kura­tor­sessel zu wärmen, kann man ihnen noch nicht einmal unbedingt verdenken. Auch wenn es nicht hübsch aussieht.

Schuld haben hier die Redak­tionen und Verlage, die sie nicht aus der Schuss­linie nehmen, die ihre Position nicht derart sichern, dass derlei Gunster­weise undenkbar wird. Eine Ursache ist auch, dass man offenbar gar nicht mehr den Willen und die Lust hat, aufzu­klären und einmal das System Kunst­be­trieb ehrlich in den Blick zu nehmen. Dass alle nur dabei sein und dazu­gehören wollen.

Ursache ist also letztlich das auf den Hund gekommene Selbst­ver­s­tändnis der Kritik. Von uns allen natürlich. Denn Film­kri­tiker sind nicht besser. Viele von uns verraten die Profes­sion genauso schnell, wenn es mit Macht und Geld gelohnt wird. Wir bieten kein Bild, dass die Kunst­kritik-Kollegen zwingen könnte, sich ein Beispiel zu nehmen.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 80: Die alten Ängste der jungen Frauen

Korinna Kraus als Fräulein Else | © HFF & Anna Martinetz 2013

Soll das wirklich die Zukunft des deutschen Kinos sein? Große Vorbilder, Deutsche und die Filmwelt, Genre­mo­tive und verspielte Zukunft: Das beste deutsche Kino liegt jenseits der Arte-Povera – und andere Beob­ach­tungen beim beim 36. »Festival Max-Ophüls-Preis« – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 80. Folge

»War is an uncertain thing. The enemy has a brain, they adapt and adjust, and as Dwight Eisenhower said ‘the planning is important, but the plan is nothing.’«
Donald Rumsfeld
»Aber ich liebe Euch doch alle!«
Erich Mielke
»…und dann und wann ein weißer Elephant.«
Rilke

Schwarze Tage an der Börse, mal wieder. Else, ein Mädchen aus gutem Haus, verwöhnt gewiss, aber weder dumm noch abgehoben, wird von ihren Eltern den Gläu­bi­gern zum Fraß vorge­worfen: Sie soll einen Reichen heiraten, damit der Kredit der Alten weiter fließt – ein Opfergang von ganz irdischem, also unge­heurem Ausmaß. Arthur Schnit­zler schrieb seine auch heute noch atem­be­rau­bende Novelle Fräulein Else im Jahr 1924, also noch vor der großen Welt­wirt­schafts­krise – voller Vorahnung und auch als Kunstwerk seiner Zeit voraus, handelt es sich doch um den ersten inneren Monolog der Lite­ra­tur­ge­schichte. Das ist schwer für Filme­ma­cher und im Gegensatz zu anderen Schnit­zler-Stoffen wurde diese Novelle kaum verfilmt. Nur Paul Czinners Stummfilm von 1928, noch zu Schnit­z­lers Lebzeiten mit Elisabeth Bergner, blieb im Gedächtnis.
Anna Martinetz hat es jetzt für ihren Münchner Regie-Abschluss gewagt, mit wunder­barem Ergebnis, den die Regis­seurin nicht zuletzt ihrem Mut zu verdanken hat. Im Wett­be­werb des Saar­brü­cker »Festival Max-Ophüls-Preis« hatte Martinetz’ Version jetzt Premiere, die den Stoff unter Deutschen in einem post­ko­lo­nial-deka­denten, zugleich pracht­voll traum­ver­wun­schenen Indien spielen lässt, in dem alles dem Verfall preis­ge­geben scheint – bis auf die Natur, die hier in Gestalt von Tigern und Elefanten so wild wie überlegen auftritt. Dies ist so phan­tas­tisch wie klug wie fürs Publikum mitreißend – es stach zudem ins Herz der Zeit, weil Martinetz eine moralisch korrupte Eltern­ge­ne­ra­tion zeigt, die die Zukunft ihrer Kinder verspielt. Nicht die Erben sind das Problem, sondern die Erblasser.
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Dieser beste Film im Wett­be­werb wurde aber leider von der Jury ebenso ignoriert, wie Johanna Moders High Perfor­mance, der immerhin den Publi­kums­preis bekam und Rick Oster­manns Wolfs­kinder, High­lights in einem starken Saar­brü­cker Jahrgang, der viele Filme voller Kraft, Spiel­freude, Farben und Liebe zum Kino bot.
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Statt­dessen folgte man bei den Preisen dem neuesten Trend des deutschen Kinos: Sowohl Jakob Lass’ Outsider-Amour-Fou Love Steaks (Ophüls-Preis) als auch Isabel Subas Filmszene-Satire Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste (»Preis für den gesell­schaft­lich rele­vanten Film«; »Preis der Jugend­jury«) verbinden Newcomer-Charme und aktiv ausge­stellten Unab­hän­gig­keits­gestus mit einem, am ehesten von den Briten Ken Loach und Mike Leigh beein­flussten Sozi­al­rea­lismus und hoffent­lich nur ökono­misch bedingter Arte Povera. Das ist sympa­thisch, clever gemacht und gut anzusehen; aber soll das wirklich die Zukunft des deutschen Kinos sein? Trotz allem Indie-Flair sind beide Filme viel mehr auf der sicheren Seite, als anderes: WOLFSKINDER etwa gelingt zwar längst nicht alles, doch dafür versucht Rick Ostermann immerhin viel mehr als viele andere: Seinem Film sieht man an, dass er Rossel­lini ebenso kennt, wie Malick, und dass er sich nicht naiver stellt, als er ist – vielmehr versucht Oster­maann in dieser Geschichte um eine Gruppe eltern­loser Kinder im Nach­krieg­s­chaos 1946 (die bereits im Sommer in Venedig Premiere hatte), mit beschei­denen Mitteln an die großen Vorbilder anzuknüpfen. In manchen Momenten gelingt das Unter­fangen.

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Große Vorbilder haben auch Johanna Thalmann (München), die mit Mute eine Kurz­ge­schichte von Stephen King verfilmte, und die Berli­nerin Lisa Violetta Gaß: A Promissed Rose Garden spielt unter den 20.000 Viet­na­mesen, die in Berlin eine wenig bekannte eigene große Community bilden und verbindet gekonnt das Gangs­ter­genre mit dem Melodram – ein leiden­schaft­li­cher Film. Auch »Mute« ist eine sehr souveräne Fingerübung, der Horror­film
mit Roadmovie-Motiven mischt. Beide mittel­langen Werke vereint das unter­grün­dige Sujet des ‘Desperate Housewife’, verzwei­felter, nicht mehr ganz junger Frauen, sozusagen erwachsen gewor­dener Fräulein Elses – und weil beides von Regis­seu­rinnen stammt, muss man vermuten, dass hier auch eigene Ängste vor Liebes­schmerz und weib­li­cher Abhän­gig­keit in Männer­welten verar­beitet werden. So oder so waren das zwei heraus­ra­gende filmische Visi­ten­karten – wieder einmal erweist sich Saar­brü­cken jenseits aller Jury­ge­schmä­cker als beste, verläss­lichste Talent­schmiede und Nach­wuchs­schau des deutschen Films.

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Mittel­lange Filme sind Spiel­filme im Kleinen – abge­speckt, oft konz­en­trierter, verdich­teter, als die 80+X-Minuten-Filme, von denen jeder zweite zu lang geraten ist.

Ein grund­sät­z­li­ches Problem des dies­jäh­rigen Wett­be­werbs liegt woanders: Saar­brü­cken ist ein zu gutes und zu wichtiges Festival, als dass man Love Steaks, der bereits vor sieben Monaten in München vier Preise gewann und weitere danach, hier noch einmal zusammen mit neuen Filmen nach­spielen sollte – mit dem Verzicht auf Erst­auf­füh­rung tut sich dieses ansonsten tolle Festival einen Bären­dienst an.
Sonst sieht man dann immer wieder den gleichen Film, die gleichen Preise.
Eine weitere Beob­ach­tung: Berliner Schule ist out! Kein einziger Film im Wett­be­werb lernt auch nur annähernd beim Stil der Berliner. Ob das gut ist? Warten wir’s ab. Allemal gibt es dann nun bald auch die billige Ausrede des Berliner-Schule-Bashings nicht mehr. Und die entschei­dende Frage ist natürlich: Wo wenn nicht dort, liegt denn dann die Zukunft des deutschen Kinos?

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Wie Love Steaks soll auch HIGH PERFORMANCE impro­vi­siert wirken, ohne es zu sein, nimmt sich im Vergleich aber weit weniger ernst.

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Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste ist wirklich impro­vi­siert. Ein merk­wür­diger Film, der auch nicht unbedingt zwei Preise hätte gewinnen müssen, aber immer anregend ist. Am Anfang bekommt man einen Schreck, weil man Minuten lang Leuten zusieht, die schlecht aussehen und sich schlecht benehmen, einander nur anschreien. »Lustig, lustig« signa­li­siert die Musik – so was ist auch immer kein gutes Zeichen.

Es ist dann so ein Film, in dem Filme­ma­cher beim Festival in Cannes einen Film über das Festival gedreht haben – ein gefähr­li­ches Unter­fangen, dem man nicht deshalb schon alles verzeiht, weil es wahn­sinnig anar­chis­tisch tut, und viel­leicht sogar ist. Denn wie auch immer sieht man schon nach fünf Minuten Agnes Varda, ohne das der Film irgendwas draus macht – soviel Mut hatten sie dann doch nicht. Als ob die Filme­ma­cher nicht wussten, wer das da ist. Was sie natürlich wussten. So sehen wir einen Film, der in jedem Sinn sehr sehr deutsch ist, und vor allem deshalb inter­es­sant, weil er unbewusst vor allem von dem Problem­feld »Deutsche und die Filmwelt« erzählt, und alle Komplexe enthält, die Deutsche gegenüber Cannes immer noch haben. Am besten funk­tio­niert dies dennoch als ungelenke Hommage AN DAS MEKKA DES KINO. Und natürlich dieses ewige Klischee von den Ober­fläch­lich­keiten der Filmwelt, auf dem hier endlos herum­ge­ritten wird.
Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste macht sich über den Glamour von Cannes lustig und zehrt doch von ihm.

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Alles bleibt chaotisch und ziemlich Hand­ar­beit, erinnert darin an Muxmäu­schen­still, der irgendwie ganz gut war und irgendwie von Anfang an über­schätzt, auch so ein Ex-Saar­brü­ckener one-hit-wonder, von dem man später nie wieder was gehört hat.

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Ich finde, es reicht jetzt mit Love Steaks! Ich finde diesen Erfolg über­trieben. Extrem über­trieben und in der Summe ungerecht. Das sind zu viele Preise und zu viel Preisgeld im Vergleich zur Qualität des Films und im Vergleich ungerecht gegenüber denen, die da leer ausgehen, oder auch gegenüber einem Film wie OH BOY, der sehr viel mehr filmische Qualitäten hat.
Ich geb’s zu: Ich verstehe nicht, warum Love Steaks einen derar­tigen Erfolg hat. Manche, man kann das nicht anders sagen, fallen da auf Effekte herein. Mein persön­li­cher Verdacht ist, dass Love Steaks deshalb so erfolg­reich ist, weil er die feuchten Träume aller Film­för­derer ebenso bedient, wie das Ressen­ti­ment ihrer Gegner. Denn dies ist ein Film, der kaum was kostet und viel Geld verdient. Das wollen Förderer. Und der diesen »einfach machen«-Gestus hat, den man sich immer wünscht, der Film­för­de­rung ignoriert.
Zugleich ist es so einer jener typischen Filme, in denen sich ein Festi­val­pu­blikum lustig macht über Leute, die unter ihnen stehen. Deutscher Humor.

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»Der Film stört keinen« sagt ein Freund, den ich nach einer Erklärung frage. Ich finde den Film nicht schlecht und in vielem ganz inter­es­sant: Unge­wöhn­liche Figuren, gutes Setting, spannende Machart, unver­kenn­bare Leiden­schaft. Ok. Was anderes muss man aber auch sagen: Ich hab ihn jetzt zweimal gesehen, und will ihn wirklich nicht zum dritten Mal gucken. Mir ist diese völlige, totale Abwe­sen­heit von Glamour fremd – dies ist einfach nicht die Art von Kino, die ich wirklich gern sehe, wegen der ich Film­kri­tiker geworden bin.

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Eine kurze knappe Bemerkung noch zur Entschei­dung des Bundes­ver­fas­sungs­ge­richts zur Film­för­de­rung gestern: Das Urteil ist gut und richtig, löst aber kein einziges Problem. Denn es bestätigt nur das Soli­da­rität­s­prinzip der Förderung und die Verant­wor­tung des Bundes, die dieser nicht wahrnimmt.
Der Verband der deutschen Film­kritik (VdFk) begrüßt in seiner Pres­se­er­klä­rung das Karls­ruher Urteil. »Soli­da­rität ist gerade in Kultur­fragen ein wichtiger Maßstab. Es kann nicht sein, dass sich wenige reiche und mächtige Unter­nehmen aus der Soli­dar­ge­mein­schaft des Kinos verab­schieden.« erklärt Frédéric Jaeger vom VdFk.
Klar ist uns allen ab er auch, dass diese positive Nachricht nicht von den bekannten vorhan­denen Miss­ständen ablenken darf. Vor allem die Position der Autoren und Regis­seure muss jetzt gestärkt werden, ebenso die Position der Produk­ti­ons­un­ter­nehmen gegenüber den Verwer­tern. Allen Ebenen muss auch die Unab­hän­gig­keit des Kinos gegenüber der Einfluss­nahme des Fern­se­hens gestärkt werden. Die im europäi­schen Vergleich einmalige Umklam­me­rung des Kinos durch das Fernsehen muss ein Ende haben.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Cinema Moralia – Folge 79: Mas que nada – die Kunst der Maskerade

Otto Gebühr in der Rolle Friedrich des Großen

Der Schau­spieler denkt, die Rolle lenkt: Aneig­nungen, Abgren­zungen, Verschmel­zungen – wenn Schau­spieler unter die Haut von Promi­nenten schlüpfen – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 79. Folge

Bevor wir uns heute mal komplett der Kunst des Schau­spiels zuwenden, ist ein drin­gender Hinweis nötig: Auf die Howard Hawks Retro­spek­tive, die noch bis zum 30. Januar im Berliner Arsenal zu sehen ist. Wem der Weg zu weit ist, dem empfehlen wir den Gang zur Videothek. Denn bei Hawks kann man auch viel über Schau­spiel­füh­rung lernen. Und das ist unser Thema.
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Der Mensch ist das nach­ah­mende Tier. Auch wenn Forschungen längst belegt haben, dass Nach­ah­mung bei Tieren nicht vorkommt, gilt weiterhin: Das »Nachäffen« wird Kindern schon verboten, die Schau­spieler müssen es im Fall des Falles mühsam lernen. Ihnen zu Hilfe kommt die Masken­kunst, neuer­dings auch Compu­ter­technik. Der Mensch also – ein masken­bil­dender Affe?
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Der Mensch, schrieb der protes­tan­ti­sche Pfarrer Johann Caspar Lavater im 18. Jahr­hun­dert in seinen »Physio­gno­mi­schen Frag­menten«, bestehe aus Ober­fläche und Inhalt. Das Äußere sei aller­dings nichts als der Ausdruck des Innern. Auch wenn Lavater diese Grund­an­nahme dann zu einer eher schlichten Moral­theorie weiter­ent­wi­ckelte, die allzug­rad­linig vom »Häss­li­chen« aufs »Böse« schloss, lohnt es sich, einen Moment bei ihr zu verweilen.
Nicht nur enthält sie implizit eine frühe Theorie des »Method Acting« – die hat Lavaters Schema nur umgedreht, und demzu­folge mehreren Schau­spiel­er­ge­ne­ra­tionen weis­ge­macht, um einen Charakter wirklich gut spielen zu können, müsse auch der Darsteller selbst sich in ihn verwan­deln, müsse er die Leiden, die Traumata oder das Glück seiner Figur selbst empfinden und also weniger »spielen« als »sein«. Das ging in der Praxis dann bekannt­lich bis zu körper­li­chen Entstel­lungen: Fress- oder Abnehmor­gien, antrai­nierte Muskeln und abtrai­niertes Fett schinden bei Schau­spiel­preis­jurys bis heute oft mehr Eindruck, als Nuancen und Subti­litäten. Weiterlesen

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Da steht er, der Schau­spieler, mit feuer­rotem Kunst­stoff über größeren Partien seines Kopfes. Auch der Anzug, den er trägt, ist knallrot, bis auf die dicken Werbe­banner, auf denen »Ferrari« zu lesen ist, und das gelb­schwarze Wappen der italie­ni­schen Autofirma. Sein Unter­kiefer ist leicht zurück­ge­zogen, so dass die Schnei­de­zähne auch zu ahnen sind, wenn er nicht spricht. Und wenn er es tut, dann ist es ein leicht ätzender, unver­kennbar niederös­ter­rei­chi­scher Dialekt, der in knappen Sätzen, langsam und doch stoßweise seine schmalen Lippen verlässt – das muss einfach Niki Lauda sein, denkt man; es ist aber dann doch Daniel Brühl in einem eindrucks­vollen Auftritt in der Rolle der »Formel 1«- Legende in Ron Howards RUSH, der im letzten Herbst ins Kino kam.
Schau­spiel­kunst, das ist unter anderem die Kunst des Typischen und des Typi­sie­rens – und gerade wo sie mit der Nach­ah­mung einer allgemein bekannten, medial präsenten Person verbunden ist, ist es auch die Kunst der Reduktion auf ganz wenige Gesten und Eigen­schaften. Es geht um schnelle, eindeu­tige Wieder­er­kenn­bar­keit, um Verschmel­zung mit dem Vorbild.

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Mehr denn je ist Schau­spiel­kunst heute aber auch die Kunst der Maske. Viel­leicht liegt es am schieren tech­ni­schen Fort­schritt, der das Handwerk des Masken­bild­ners zunehmend in eine Gesichts­chir­urgie zweiter Ordnung verwan­delt, in plas­ti­sches Design, unter­s­tützt noch durch die neuen Möglich­keiten der compu­ter­gra­phi­schen Mani­pu­la­tion von Bildern. Das Kino, das einst als Medium der Wahr­haf­tig­keit, der »Errettung der äußeren Wirk­lich­keit« (Siegfried Kracauer) antrat, ist dies allein schon längst nicht mehr – es ist ebenso das Medium ihrer Verän­de­rung, der Vortäu­schung einer anderen, zweiten Welt.
Viel­leicht liegt es auch am »Visual Turn«, an der schieren Menge der Bilder, ihrer Dauer­prä­sen