Publizierungen von: Fabian Eder

Machtmissbrauch: Aus den Hinterzimmern der Traumfabriken

Die Filmwelt hat strenge Hierarchien – was Machtmissbrauch begünstigt. Die beschränkt sich nicht allein auf Belästigungen und Übergriffe. In Österreich haben Filmschaffenden-Verbände und Produzenten eine gemeinsame Anlaufstelle installiert. | Foto © RKO

Die Filmwelt hat strenge Hierarchien – was Machtmissbrauch begünstigt. Die beschränkt sich nicht allein auf Belästigungen und Übergriffe. In Österreich haben Filmschaffenden-Verbände und Produzenten eine gemeinsame Anlaufstelle installiert. | Foto © RKO

Als die Me-Too-Bewegung durch den Harvey-Weinstein-Skandal die breite Öffentlichkeit erreichte, entstand auf einmal ein Bewusstsein für die sexuellen Übergriffe, denen viele Frauen aus allen Schichten und in allen Berufsgruppen der Gesellschaft häufig, um nicht zu sagen permanent ausgeliefert sind.

Während sich die Wirkung sehr rasch medial verbreitete, diskutierten wir den Fall natürlich auch auf unseren Sets, in unseren Verbänden und in unseren Gremien und verfolgten die Entwicklungen aufmerksam. Allen, die zu diesem Zeitpunkt schon ein paar Jahre beim Film arbeiteten, war klar, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sich auch im deutschsprachigen Raum Frauen zu Wort melden würden, die über sexuelle Übergriffe, denen sie ausgeliefert waren, öffentlich berichten würden.

Und viele von uns wissen, dass es mit dem Fall Dieter Wedel keineswegs getan sein wird. Wir sollten uns nichts vormachen: Während die Öffentlichkeit gebannt die unglaublichen Enthüllungen aus den Hinterzimmern der Traumfabriken verschlingt, beobachten andere sehr genau, wer wann wozu schweigt.  Weiterlesen

Viele dieser genauen Beobachter sitzen in sicheren Schlüsselpositionen und wissen sehr genau, was unter den Teppich gekehrt dort modert, sie haben wieder und wieder weggesehen und tun es noch, es war oder ist nicht opportun, es passt nicht in den Karriereplan, Schwierigkeiten zu machen.

Leidensfähigkeit mag eine Eigenschaft sein, die manche Künstler benötigen, um schöpferisch tätig sein zu können. Sie von anderen zu verlangen, weil man selbst nicht in der Lage dazu ist, ohne sie zu schaffen, ist aber bereits ein Übergriff. Sie zum unausgesprochenen Dogma einer Branche zu machen, ist ein Verbrechen. Wegschauen ist Mittäterschaft.

Bereits ein Jahr, bevor Me Too die Schlagzeilen beherrschte, hatten wir in Österreich eine Studie zur sozialen Lage der Filmschaffenden durchgeführt, die uns einige Problemfelder überdeutlich aufgezeigt hat.

So gaben unter anderem über 80 Prozent der Befragten an, dass immer wieder gesetzliche Reglungen nicht eingehalten würden, und niemand die Einhaltung beispielsweise kollektivvertraglicher Regelungen überprüfen könne und wolle. Missstände auszusprechen oder sich gegen sie zu stellen, bedeute dabei ein großes Risiko für den Einzelnen, da sie oder er gerade in der kleinen Branche in Österreich befürchten müsste, nicht mehr beschäftigt zu werden. Im Gegensatz zu Deutschland haben wir nur einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der aber genauso seine Schatten auch weit in die Kinoproduktion wirft, und nur wenige Produktionsfirmen arbeiten im fiktionalen Bereich. 

Das ist nur ein Beispiel, wie in einem Segment der Branche überaus steile Hierarchien resultieren und Abhängigkeitsverhältnisse, die einschüchternd sein können. Das lässt sich auf jedes andere Feld – vom Dokumentarfilm bis zur TV-Studioproduktion oder der Teambeistellung genauso umlegen.

Natürlich bedeutet das nicht, dass diese Verhältnisse andauernd ausgenutzt werden, und es bedeutet auch nicht, dass Machtmissbrauch zwangsläufig an der Tagesordnung steht – es wäre nicht richtig, das zu behaupten, weil wir schlichtweg diesbezüglich über keine Zahlen verfügen.  Im Moment sind es die Opernbühnen, die mit Kuhn, dem mittlerweile ehemaligen Leiter der Festspiele in Erl, und Placido Domingo in den Schlagzeilen stehen. Im Rahmen der Salzburger Festspiele definiert die Sängerin Elisabeth Kulmann dieses Problem als Machtproblem und schätzt, dass ein Drittel (!) ihrer Kolleginnen davon betroffen ist. Doch selbst Kulmann spricht „nur“ von den Sängerinnen, die im Rampenlicht stehen, und es gewohnt sind, nicht nur mit Applaus, sondern auch mit Öffentlichkeit umzugehen. Doch was ist mit den Garderoberinnen, die die Herren ankleiden? Mit den Assistentinnen, die ihnen die Partituren nach Hause nachtragen? Oder den Maskenbildnerinnen, die sie aus dem Alltag in die jeweilige Rolle hinein begleiten, bevor sie die Bühne betreten oder vor der Kamera agieren – als Despoten, Liebhaber, strahlende Helden?

Nur um das klarzustellen: Für jede dieser Sängerinnen und Schauspielerinnen ist es ein unwahrscheinlich großer, mutiger und tapferer Schritt, sich in der Öffentlichkeit hinzustellen und diese Missstände anzuklagen – und es ist von größter gesellschaftlicher Bedeutung.

Die größte Gefahr für diese Bewegungen stellt dabei aber gleichzeitig der Missbrauch der Bewegung selbst dar. In dem Moment, wo ein vermeintlicher Täter in den sozialen Medien nachweislich zu Unrecht medial verurteilt und damit irreversibel beschädigt würde, kann das die öffentliche Stimmungslage zum Kippen bringen.

Für uns stand die Frage im Mittelpunkt, was wir konkret tun können, und zwar nicht gesamtgesellschaftlich, sondern nur in unserer vergleichsweise sehr kleinen Branche. Und dabei erkannten wir, dass Machtmissbrauch ein weiteres Feld beschreibt und vom sexuellen Übergriff über Diskriminierung auf Grund von Geschlecht, Hautfarbe oder sexueller Orientierung oder Ungleichbehandlung bei der Bezahlung genauso dazu gehören, wie die machtbedingte Ausbeutung durch Arbeitszeiten, welche den gesetzlichen Regelungen widersprechen, oder die Nichteinhaltung von Ruhestunden, die fallweise vom Arbeitnehmer erwartet wird. Der oder die Einzelne, der sich weigern möchte, wird dann in der Dynamik eines Produktionsteams als schwarzes Schaf identifiziert, der nicht nur gegen die Produktion oder das Werk des Regisseurs, sondern gegen das ganze Team und damit gegen die Kollegen handelt.

Gleichzeitig ist uns bewusst, dass die steile Hierarchie weder bei Regisseur*innen endet, noch bei den Produzent*innen – auch diese finden sich oft in einem Machtgefüge gegenüber Sendern und Redakteuren wieder, die nicht selten ihre Macht benutzen, beispielsweise um durchaus persönliche und damit nicht nachvollziehbare Vorlieben durchzusetzen – bei Besetzungen, Drehbuchinhalten, Musik, Kostüm oder anderen wesentlichen gestalterischen Elementen der Filmproduktion, die in Wahrheit ausschließlich in die Hände des zuständigen künstlerischen Personals gehören. Dieses Einmischen in die Kompetenzen eines Künstlers und die Durchsetzung der eigenen Meinung des Redakteurs mit Hilfe seiner Machtposition ist ein massiver persönlicher Übergriff, der auf Machtmissbrauch beruht – und ganz nebenbei der Grund für viele schlechte Filme.

Wir erkannten, dass auf der einen Seite das einzelne Schicksal steht, bei dem ganz individuelle Hilfe benötigt wird – von der psychologischen über die medizinische bis zur juristischen. Aus vielen Gesprächen, die wir, wie es so schön heißt, „off the records“ geführt habenen, wissen wir, wer alles betroffen ist, und dass es für viele (übrigens auch für sehr viele Prominente) mit Sicherheit nicht in Frage kommt, ihre Geschichte öffentlich auszubreiten, geschweige denn Fälle aufzurollen, die 20 oder 30 Jahre zurückliegen.

Auf der anderen Seite sahen wir, dass die Me-Too-Bewegung wohl einige Heldinnen hervorbrachte, aber sich gleichzeitig viele Opfer nicht in der Rolle der vermeintlichen Heldin wiederfinden, oder viele verständlicherweise auch einfach nicht als Opfer dastehen wollen.

Für unsere Anlaufstelle gegen Machtmissbrauch sollte also die Garantie der Anonymität das oberste Gebot sein. Anonymität ist aber nur möglich, wenn diese Anlaufstelle von branchenfremden Personen betrieben wird. So weit, so gut – aber genau das machen ohnehin die Gleichbehandlungsstellen und -anwaltschaften. Um aber strukturell etwas verändern zu können, brauchen wir Zahlen. Wir müssen wissen, in welchen Settings welche Personengruppen betroffen sind, und wie die Machtübergriffe entstehen können.

Darum haben wir unsere eigene Anlaufstelle eingerichtet, welche den Auftrag hat, uns einmal im Jahr einen Bericht zu erstellen, aus dem sich kein Opfer identifizieren lässt, das uns allen gemeinsam (Produzent*innen und Filmschaffenden) hilft, strukturelle Verbesserungen gezielt dort herbeizuführen, wo diese notwenig sind.

Nicht nur ich kenne, wie die meisten von uns, persönlich Kolleginnen und Kollegen, die Opfer von sexuellen, aber auch anderen Übergriffen wurden. Wir sind ja bisweilen mit hochkomplexen psychologischen Vorgängen konfrontiert, die gerade bei der Erschaffung der szenischen Darstellung zwischenmenschlicher Beziehungen unvermeidlich sind – und zwar von der Idee bis zu Umsetzung. Unmenschlich lange und mental und körperlich erschöpfende Arbeitssituationen schaffen aber auch hinter der Kamera psychische Extremsituationen, die wir im positiven Fall als das unbeschreiblich schöne Gefühl des Teamgeistes wahrnehmen. Im positiven Fall.

Ich kann mich gut daran erinnern, als ich als junger Kameramann erstmals Zeuge eines Übergriffs wurde, und mich schlagartig in einer Rolle wiederfand, für die meine Berufsausbildung keinen Leitfaden beigesteuert hatte. Da es sich sowohl um einen psychischen wie offen physischen Übergriff (also körperliche Gewalt) handelte, stand auf einmal buchstäblich die ganze Produktion am Spiel, und ich erinnere mich, dass auch die Polizei involviert war. Jeder versuchte, das Richtige zu tun, aber keiner wusste, was er tat. Die Art und Weise, wie das Problem damals geregelt wurde, rettete die Produktion. Heute weiss ich allerdings, dass damals schwere Fehler gemacht wurden. Auch von mir – und dass ich nicht der einzige war, ist dabei nur ein schwacher Trost. Richtiges Handeln hätte spätere Übergriffe desselben Täters verhindern können.

Ein Teil der #we_do!-Initiative besteht daher auch darin, dass die beiden Coaches Meike Lauggas und Norbert Pauser, die unsere Anlaufstelle betreiben, mit den Verbänden zusammenarbeiten und Workshops anbieten, in denen definiert wird, was ein Übergriff ist, und was nicht. Den Kolleg*innen werden Werkzeuge in die Hand zu geben, die ihnen einerseits helfen, sich gegebenenfalls persönlich effizient zu wehren, und anderseits auch richtig zu reagieren, wenn sie Zeugen eines solchen Übergriffs werden.

Ganz bewusst wollen wir aber, dass sich Kolleg*innen auch dann melden, wenn sie sich nicht sicher sind, ob sie einem Machtübergriff oder auch einer Arbeitsrechtsverletzung ausgesetzt waren. Jeder, der in der Interessenvertretung tätig ist, weiß, dass Kolleg*innen manchmal Dinge als unrecht oder ungerecht wahrnehmen, obwohl sie dem Buchstaben des Gesetzes genüge tun. Unsere Anlaufstelle soll diesbezüglich aber nicht nur aufklären, sie soll auch diese Fälle aufzeichnen und auswerten. Wenn ein Umstand zwar dem Gesetz entspricht, aber dennoch von einer Gruppe als Unrecht empfunden wird, so existiert ein Problem, mit dem wir uns auseinandersetzen wollen – und müssen! Das können wir aber nur, wenn wir aus dem Hörensagen herauskommen und uns auf die konkreten Zahlen des Berichts stützen können.

Besonders wichtig ist mir dabei der Hinweis, dass wir diese Stelle gemeinsam mit den Filmproduzenten ins Leben gerufen haben, und diese auch rein branchenintern zu gleichen Teilen von den beiden Verwertungsgesellschaften VdFS (für die Filmschaffenden) und VAM (für die Produzenten) finanziert wird. Das demonstriert, dass es uns nicht ums Anprangern geht, sondern um Hilfestellung und Veränderung.

Für alles andere sind Gerichte zuständig.

Unsere Anlaufstelle #we_do! ist also ein Tool, um den Zustand einer Branche zu monitoren, die aus vielen, fragmentierten Beschäftigungsverhältnissen besteht, die in ganz unterschiedlichen Settings stattfinden. Die Art und Weise, wie wir unsere Berufe ausüben, ist so einzigartig, wie sie in keiner anderen Branche in dieser Form vorkommt. Die Idee zu #we_do! wurde von einer großen Gruppe von Filmleuten in vielen Diskussionen geformt. Manchmal werde ich gefragt, ob sich „nur“ Leute aus der Filmbranche melden dürfen, in der Theaterszene oder bei den Journalisten gäbe es doch ähnliche Probleme. Wir sind natürlich gerne bereit, unsere Erfahrungen und Ideen mit allen zu teilen, die sich interessieren. Wirken können und wollen wir nur für unsere Branche.

#we_do! steht daher allen Filmschaffenden offen, die in Österreich arbeiten – egal, woher sie kommen, und egal, in welchem Feld sie tätig sind – auf Festivals, in Ausbildungsstätten, als Produzent*in oder Beleuchter*in. Dabei ist der Zugang niederschwellig – man kann anrufen, eine E-Mail schreiben oder ein persönliches Gespräch mit Meike Lauggas oder Norbert Pauser führen. Man kann eine Beratung in Anspruch nehmen, oder einfach nur seinen Fall berichten – und zwar nicht nur aktuelle, sondern auch solche, die weiter zurückliegen.

All das geschieht immer unter absoluter Wahrung der Anonymität – aber mit der Gewissheit, dass jede Meldung eine positive Auswirkung auf unsere gemeinsame Arbeitswelt hat.

 

 

Senden Empfehlen

FREIHEIT – Ein Kommentar zur Abstimmung der EU-Urheberrechtsrichtlinie

pablo (5)

Ich habe 2013/14 einen Film über die europäische Flüchtlingspolitik gemacht, nicht nur als Regisseur, sondern auch als Produzent, der ORF hat mit ca. 20% koproduziert und gemäß des dadurch bestehenden Vertrages wurde der Film auch in ORF2 ausgestrahlt. Um den von mir persönlich eingebrachten Produktionskostenanteil abzudecken, haben wir den Film auch anderweitig verkauft und zum Streaming über eine Plattform angeboten, die es uns ermöglichte, konform zu unseren Verträgen einen kleinen Geldbetrag dafür einzuheben.

UPLOADFILTER
Am Tag nach der Erstausstrahlung fand ich den Film inklusive ORF Senderkennung auf Youtube, hochgeladen von einer politisch aktiven Userin, die ohne jede böse Absicht den Film toll und sehenswert fand und ihren »Followern« zeigen wollte. Ich habe mich also schweren Herzens hingesetzt, und Youtube und einigen anderen illegalen Streaming – Plattformen geschrieben, auf denen der Film aufgetaucht war, mich als Rechteinhaber ausgewiesen und erreicht, dass der Film nach ca. einer Woche offline gestellt wurde. Eine Wochen Schaden! Bei der Ausstrahlung durch andere Sender ging das ganze Spiel von vorne los. Ein Aufwand, der schon bei einem einzigen Film die Kapazitäten einer kleinen Firma wie der unseren vollkommen übersteigt. War ich also ein Uploadfilter? Weiterlesen

GRATIS, UMSONST, WERTLOS
Dem User wird dabei vorgemacht, der Inhalt sei gratis, aber er bezahlt mit seinen Daten, seinem Kaufverhalten und zuletzt mit seiner Meinung. Die Profiteuere sind Google, Facebook und andere Giganten, die auf diese Art und Weise nicht nur enorme Reichtümer, sondern auch eine schier unfassbare Macht angehäuft haben. Aus Inhalten, die User in Glauben etwas Gutes zu tun, herschenken. Oder aus Inhalten, die sich Google holt, ohne zu fragen. Oder aus Inhalten, die einfach nur geklaut sind. Geld, das nicht in Europa versteuert wird, Macht, die unsere Demokratie nachhaltig gefährdet. Dabei bestimmen nämlich die Plattformen, ob und wer den Inhalt des einzelnen Users zu sehen bekommt, die Plattform fungiert als Herausgeber, aber sie stellt sich dieser Verantwortung nicht. Diese heute schon tatsächlich angewendeten Uploadfilter interessieren die Kritiker dabei offenbar nicht, im Gegenteil, in teils abenteuerlichen Kampagnen beschützen sie genau diese, während sie die Freiheit in Gefahr sehen. Wie paradox.
Ein Rechteinhaber muss die Möglichkeit muss, selbst zu entscheiden, wo und wie er seinen Werk auswertet. Wie jeder Film hatte auch meiner noch andere Urheber, einen Komponisten, einen Kameramann, einen Schnittmeister etc. – sie alle haben mir, dem Regisseur und Produzenten, das Recht eingeräumt, das Werk auszuwerten. Die Richtlinie ermöglicht es mir als Rechteinhaber nämlich nun, den vom User geposteten Content auf YouTube stehen zu lassen, und gemeinsam mit allen Urhebern an der Auswertung des Werkes gemäß unseren Ansprüchen zu partizipieren. Das ist nicht nur ein Bestandteil unseres Einkommens, sondern ermöglicht auch in Zukunft die Produktion solcher Inhalte neben Mainstream und Populismus. Aber es geht nicht nur ums Geld.

DONALD TRUMPS URENKEL
Nehmen wir einmal an, aus meinem Film, für den ich auf eigene Kosten nach Lampedusa gereist bin, würde ein rechtsradikaler User eine oder mehrere Einstellungen rausnehmen, diese in einen fremdenfeindlichen Kontext setzen und sie über eine Massenplattform wie Youtube verbreiteten. Soll ich dazu verdammt sein, tatenlos zusehen zu müssen, wie das von mir sorgsam gestaltete Material in einen vollkommen anderen Zusammenhang gesetzt wird, der meinen Intentionen fundamental widerspricht? Bis mir das gelingt, sitzt bereits der Urenkel von Donald Trump durch Erbfolge im Weißen Haus. In Zeiten von Deepfakes werden wir nämlich noch ganz anderen Manipulationen ausgesetzt sein. Das scheinen die Technologieexperten, die Uploadfilter mit Contentidentifikation gleichsetzen und allen Ernstes behauten, dass aufwendig produzierter Qualitätscontent mit Amateurvideos verwechselt werden könnte, zu entgehen. Wer die Richtlinie aufmerksam gelesen hat, weiß, dass die Identifizierung der Inhalte ausdrücklich in angemessener Weise und in Zusammenarbeit mit den Rechteinhabern zu erfolgen hat, also mit uns, den Urhebern und unseren Vertretungsorganen. Genauso intendiert die Richtlinie auch, dass in Zukunft der User das Recht bekommen soll, seine Ansprüche gegenüber solchen Plattformen geltend zu machen, was bisher nicht möglich war. Wer jetzt das Lied der bösen Verwertungsgesellschaften anstimmen will, den verweise ich auf das Verwertungsgesellschaftengesetz 2016, das im übrigen erst durch eine Richtlinie des EU Parlaments möglich wurde.

VIELFALT
Gerade Kleinstproduzenten, zu denen auch ich mich zähle, die zusammen mit Urhebern, Filmern, Autoren, Musikern, Schauspielern Initiativen ergreifen, und Dinge machen, die sie für notwendig halten, die für die Vielfalt genauso wichtig sind, wie für die Kritik, müssen fortan nicht mehr durch die Finger schauen, wenn alle anderen mit ihren Inhalten Geld verdienen, oder diese umgestalten können, wie es Putin passt, um’s polemisch zu formulieren.
Die Richtlinie ist keine Vorgabe eines einzelnen oder einer einzigen Fraktion, sondern Ergebnis eines breiten demokratischen Diskurses, in den sich neben den konservativen auch die sozialdemokratischen Kräfte konstruktiv eingebracht haben. Gerade das EP ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich solche konstruktive Mehrheiten auch abseits von Klubzwängen finden lassen, was übrigens auch auf nationaler Ebene wünschenswert wäre, weil dadurch Lösungen in Sachfragen jenseits des ideologischen Betons eher möglich sind. Dass beinahe 2/3 der MEPs für die Richtlinie gestimmt haben, spricht dabei für die Qualität des erzielten Kompromisses.

DEMOKRATIE
Die Richtlinie ist einer erster, wichtiger, aber kleiner Schritt zu einer fairen Remuneration von Urhebern, sondern auch in Richtung eines demokratischeren Internets. Warum also gerade die österreichischen Abgeordneten von Neos und Grünen gegen diese Richtlinie und damit gegen die Urheber gestimmt haben, bedarf gerade im Angesicht der anstehenden EU Wahl einer gesonderten Erklärungen. Vielleicht hilft ihnen aber auch einfach die Lektüre von »Change the Game« von Corinna Millborn und Markus Breitenecker um zu erkennen, von wem die Freiheit des Users im Netz wirklich bedroht ist.
Von den Urhebern jedenfalls nicht.

Senden Empfehlen

“Alles diskutieren den 12-Stunden-Tag. Wir kennen ihn.”

8stundentag

Film ist ohne flexible Arbeitszeit nicht möglich. Wer zum Film geht, entscheidet sich für Flexibilität. Die meisten von uns wollen auf diese Flexibilität nicht verzichten, sie wollen aber auch nicht dafür bestraft werden. In unserer Branche wurden in den letzten Jahrzehnten gravierende Fehler gemacht, nicht absichtlich, sondern aus Mangel an Erfahrung, vielleicht auch aus Leichtsinn. Fehler, die nicht wiederholt werden müssen.

1. Die Ausnahme wird die Regel.
Anfang der 1980er Jahre haben die Sozialpartner Regeln für flexible Arbeitszeiten im Kollektivvertrag für Filmschaffende festgeschrieben. Neben der 40 Stunden Woche (5×8 Stunden) kann eine 60 Stunden Woche angesetzt werden (von Freiwilligkeit keine Rede), in der die Arbeitszeit vom Produzenten zwischen Montag und Samstag in 5×12 oder 6×10 Stunden aufgeteilt werden kann. Was als Ausnahme gedacht war, wurde zur Regel. Dass bei dieser 60 Stunden Woche die 41. bis zur 60. Arbeitsstunde um rund 25% geringer bezahlt wird, als die ersten 40 Stunden, ist absonderlich. In einem harten internationalen Wettbewerb kann es sich aber längst kein Produzent mehr leisten, verbilligte Arbeitszeit herzuschenken. Zu glauben, dass ein Arbeitnehmer in koordinierten Herstellungsprozessen frei über seine Arbeitszeit entscheiden könne, ist, mit Verlaub, kindisch. Weiterlesen

2. Heute arbeiten, morgen frei, ein Irrtum.
Dauerhaft kann kein Unternehmer einen Angestellten zwei Wochen lang bezahlen (und versichern), wenn dieser nur eine Woche arbeitet. Die zur Regel gewordene 60 Stunden Woche hat eine deutliche Verkürzung der Produktionszeiträume bewirkt. Woran früher 30-36 Tage gedreht wurde, wird heute in 20-22 Tagen erledigt. Dass die reale Arbeitszeit auch mal bei 80 Stunden pro Woche liegt, kümmert mittlerweile keinen. Die gesundheitlichen Auswirkungen haben wir dabei noch gar nicht erhoben – viele Kollegen bei Serienproduktionen arbeiten 7 Monate und mehr am Stück unter diesen Bedingungen.

3. Arbeitszeit ist nicht Versicherungszeit.
Ansprüche, insbesondere für Pensions- und Arbeitslosenversicherung, generieren sich aus Versicherungszeiten, allerdings wird der Versicherungszeitraum nicht in Stunden berechnet, sondern in Tagen. Ein 12h Tag zählt in der Sozialversicherung gleich viel, wie ein 8h Tag. Erst heute erkennen wir das Problem der Altersarmut, weil viele nicht ausreichend lange Versicherungszeiten erwerben konnten. Die kolportierten Änderungsvorhaben der Regierung bei Arbeitslosengeld und Notstandshilfe wären die Quadratur des Übels – was bei rund 5000 Filmschaffenden nicht ins Gewicht fällt, aber wenn das in einigen Jahren auf hunderttausende Arbeitnehmer zutrifft, stehen unsere Kinder vor einem gewaltigen Problem.

4. Qualifikation ist gut, aber sie allein schützt nicht.
Laut der 2016 durchgeführten “Studie zur sozialen Lage der Filmschaffenden” ist die Qualifikation unserer Arbeitnehmer extrem hoch, gleichzeitig ist die Armutsgefährdung 4 mal so hoch als beim Durchschnitt der Bevölkerung, und das obwohl die meisten mehr als einen Beruf ausüben, um ihr Auslangen zu finden. Die Digitalisierung wird noch mehr Arbeitnehmer in die Kreativwirtschaft drängen, deren Realität bereits heute ist: Mehrere Berufe, flexibelste Anstellungs- und Arbeitsverhältnisse, kombiniert mit selbstständigen Tätigkeiten. Darauf ist unser Sozialversicherungssystem nicht vorbereitet.

5. Mehr Arbeit, weniger Sex.
75% aller Filmschaffenden leben in Haushalten ohne Kinder. Die Studie zitiert eine Kollegin: »Bei einer Arbeitszeit von 12 Stunden sind Kinder undenkbar! (…) Sollten wir es je in Erwägung ziehen Kinder zu bekommen, müssen wir uns einen anderen Job suchen.« Wer 12 Stunden arbeitet, braucht mindestens 13, wenn nicht 14 Stunden Kinderbetreuung. Mangels Angebot müssen die Betroffenen die Kinderbetreuung selbst bezahlen. Das kostet deutlich mehr, als sie durch die Mehrarbeit dazu verdienen können. Ist man aber einmal in dieser Zwickmühle flexibilisierter Arbeit, wird die viel zitierte Freiwilligkeit zu blankem Hohn und die Möglichkeit der individuellen Freizeitgestaltung als Trugbild enttarnt – nur leider zu spät.

6. Arbeitszeit ist Lebenszeit.
Viele Frauen nehmen von Filmberufen Abstand, Frauen, die uns künstlerisch und inhaltlich dringend fehlen. Ein normales Sozial- oder gar Familienleben ist bei uns nicht möglich. Damit kommen Männer in unserer Gesellschaft deutlich leichter zurecht. Heute versuchen wir mit finanziellen Anreizen und sogar Zwängen den Frauenanteil von 32% auf 50% zu heben. Ohne Änderungen bei Arbeitszeit, Versicherung und Kinderbetreuung wird das wenig bewirken, und schon gar nicht für eine gleiche Bezahlung bei gleicher Arbeit sorgen. 63% der filmschaffenden Frauen leben alleine. Noch Fragen?
Die Politik muss nicht unsere Arbeitszeit flexibilisieren, das geschieht von allein. Sie muss vielmehr die Voraussetzungen schaffen, dass unsere Lebenszeit mit diesen Anforderungen kompatibel ist. Und davon kann keine Rede sein.

Links zur Studie:
https://www.vdfs.at/files/langfassung_studie_arbeits-_u._lebenssituation_filmschaffende.pdf
https://www.vdfs.at/files/kurzfassung_studie_arbeits-_u._lebenssituation_filmschaffende.pdf
https://www.vdfs.at/files/pressemappe_studie_arbeits-_u._lebenssituation_filmschaffende.pdf

Dieser Gastkommentar erschien zuerst in der Wiener Zeitung unter dem Titel “Die Filmbranche als mahnendes Beispiel”.

Senden Empfehlen