Publizierungen von: Frédéric Jaeger

Kann mal jemand an die Zukunft denken?

In welche Zukunft Blickt der Deutsche Film? Klein-Hollywood scheint die Zuschauer jedenfalls nicht zu interessieren. Tom Tykwers Roman­verfilmung Ein Hologramm für den König lockte trotz Starbesetzung gerade mal 212.964 Kinogänger im Lande (ein Fehler übrigens). | Foto © X-Verleih

In welche Zukunft Blickt der Deutsche Film? Klein-Hollywood scheint die Zuschauer jedenfalls nicht zu interessieren. Tom Tykwers Roman­verfilmung Ein Hologramm für den König lockte trotz Starbesetzung gerade mal 212.964 Kinogänger im Lande (ein Fehler übrigens). | Foto © X-Verleih

Wird es bald Obergrenzen für Filme geben? Ein deutsches Protektorat? Einige der einflussreichsten Förderbürokraten Deutschlands haben sich was Neues ausgedacht, und es klingt seltsam bekannt. Die Verantwortlichen der Filmförderungsanstalt, kurz FFA, wollen die „Flut“ an Filmen eindämmen, die über die Kinos hereinbricht. Und sie glauben, dass man angesichts zu vieler günstiger Filme mit Grenzwerten in absoluten Zahlen weiter kommt.

Was denn bitte noch? Auffanglager für „kleine, schwierige Filme“? FFA-Vorstand Peter Dinges hat sich schon mal bereit erklärt, künftig Filme auszusortieren: „Einer muss vorangehen, auch wenn die Selektion eine harte Aufgabe ist“, sagte er vielleicht etwas unbedacht beim Filmtheaterkongress im Mai. Unbedacht nicht nur wegen des CSU-Flüchtlingsabwehr-Klangs, sondern auch, weil die Förderentscheidungen gar nicht seine sind.

Oder macht sich der Vorstand ehrlich, und gesteht ein, dass er nicht nur Verwalter, sondern längst Politiker mit Agenda ist? Das wäre eine folgenschwere Kursänderung. Die FFA ist schließlich eine Institution, die, weil sie das Geld (fast) aller verwaltet, die mit Kinofilmen Umsatz machen, sich immer einen Anstrich von Demokratie und Interessenausgleich gegeben hat. Ganz zu schweigen davon, dass die Gremien, die über die Förderungen entscheiden, noch immer frei in ihren Entscheidungen sind und mit Vernunft, Kinokenntnis und Neugierde fördern sollten. Aber Neugierde für Filme, das klingt in manchen Ohren wohl viel zu gefährlich. Weiterlesen

Die von Dinges zusammen mit FFA-Präsident Bernd Neumann vorbereiteten und Mitte Juni gegen viel Widerstand verabschiedeten Leitlinien schränken die Auswahl nun deutlich ein: Danach sollen nur noch Spielfilme gefördert werden, die mindestens 2,5 Millionen Euro kosten und ein „Potenzial“ von 250.000 Besuchern im Kino haben. Zum Vergleich: 2016 erreichten genau 21 von rund 250 deutschen Filmen solche Zuschauerzahlen [PDF]. Mehr als die Hälfte waren Sequels, Bestseller-Adaptionen oder Remakes. Man muss nicht lange raten, wem für die Zukunft Zuschauer-Potenzial zugestanden werden wird: Wendy 2, Bibi & Tina 5 und irgendwas mit Hape Kerkeling.

Es ist schon bezeichnend, dass die FFA sich ausgerechnet jetzt solch umstrittene Leitlinien gegeben hat: Seit Anfang des Jahres nämlich ist das Gesetz in Kraft, das mit kleineren rotierenden, noch dazu paritätisch besetzten Gremien dafür sorgen soll, dass es bei der Mittelvergabe gerechter und offener zugeht. Entscheidungen also nicht nur nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner getroffen werden. Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat es vorbereitet, der Bundestag hat es beschlossen – das konnte die FFA wohl nicht auf sich sitzen lassen. Nun lässt sie just die Regel einführen, die Experimente weitgehend ausschließt und noch dazu erwiesenermaßen die größte Hürde für Regisseurinnen ist: Nirgends ist der Anteil von Frauen im Regiefach so gering wie bei hochbudgetierten Filmen.

Die FFA kennt die Zahlen, sie hat ja nichts anderes im Kopf. Sie weiß, dass Maria Schraders Vor der Morgenröte“, der 2016 knapp unter den 250.000 Zuschauern blieb, um ein Vielfaches erfolgreicher war als Til Schweigers Tschiller: Off Duty, der knapp darüber gelandet ist. Raten Sie mal, welcher Film mehr Geld aus der Gemeinschaftskasse erhalten hat?

Wenn die FFA jetzt sagt „Klasse statt Masse“, meint sie leider „klotzen, nicht kleckern“. Dabei ist es doch kein Geheimnis, dass ein 8 Millionen Euro teurer Action-Krimi anders bewertet werden muss als das Historien-Tableau für 5,5 Millionen. Und dass Tom Tykwers Bestseller-Verfilmung Ein Hologramm für den König bei 14 Millionen Euro Kosten mit gut 200.000 Zuschauern sich in seinem „Potenzial“ wohl ordentlich verrechnet hat.

Den Ansatz mit absoluten Zahlen moniert auch die Arbeitsgemeinschaft Kino (AG Kino), der Verbund, der in Deutschland die meisten Arthouse- und Programmkinos vertritt. Ein widersprüchlicher Verein: Im internen Newsletter rühmen sie sich einerseits, selbst am Ursprung der Leitlinien beteiligt zu sein. Andererseits kritisieren sie, dass ihr Vorschlag nicht angenommen wurde, Fortsetzungen von der Förderung auszuschließen.

Dabei wäre das nicht nur eine Kleinigkeit, es wäre vermutlich der einzige Weg gewesen, bei den begrenzten Mitteln Slots für Unerwartetes zu garantieren. So aber heißt es auch 2017 wieder: Die Höchstförderung geht an Fack Ju Göhte3“. Unbenommen der Tatsache, dass Sequels beste Chancen bei Länderförderern haben und sie bei der FFA ohnehin über Referenzmittel der früheren Kassenerfolge verfügen.

Warum aber setzt sich dann die AG Kino noch für diese Leitlinien ein? Man könnte etwa hoffen, dass sie dabei helfen, auch künstlerisch ambitionierte Produktionen mit ordentlichen Budgets auszustatten. Doch wahrscheinlicher ist, dass die kleine Kinobetreiberlobby etwas anderes im Auge hat, sie nennt das Stichwort selbst: „Crossover“. Arthouse-Kinos spielen längst regelmäßig kommerzielle Filme mit mehr oder weniger kulturellem Anstrich, Originalversionen aus dem Mainstream, deutsche Komödien oder Wohlfühlkino aus Frankreich.

Da können Filme, die nicht von vornherein den großen Erfolg versprechen, lästig werden. Also ab mit den anspruchsvolleren (und deshalb schwieriger zu finanzierenden) Filmen an den Katzentisch: Ihnen soll es reichen, bei der Kulturstaatsministerin Monika Grütters (kurz BKM) eine Chance auf Förderung zu haben, schreibt die AG Kino. Und Dinges sieht die FFA endlich davon befreit, „BKM-Aufgaben [zu] übernehmen“.

Die Kultur hier, die Wirtschaft dort? Das unterstellt, dass kleinere Filme nicht genauso mehrere Finanzierer brauchen – und propagiert, dass nur Filmklotze wirtschaftlich sind. Anstatt sich zu freuen, dass der Bund kompensiert, wo die Länderförderer für Künstlerisches ausfallen, will sich die FFA noch weiter aus ihrer Verantwortung eines Marktausgleichs stehlen. Die Kleinen wird es ohnehin immer geben, deshalb lieber eine Umverteilung von unten nach oben. Ja, danke auch. Mit den Worten von Peter Dinges: „Die Vielfalt hat dort ihre Grenzen, wo es zu einer Übersättigung kommt!“ Wer aber ist hier bitteschön satt? Da hilft auch die Alibi-Leitlinie nichts mehr, nach der ein Portfolio-Gedanke bei der FFA beibehalten werden soll.

Wenn sich alte Industrien nach dem Motto „Das Boot ist voll“ abschotten, dann kann man darauf wetten, wie lange es dauern wird, bis sie von der Konkurrenz überholt werden. Bei der überwiegend auf öffentliche Mittel angewiesenen Filmproduktion mag das länger dauern als anderswo. Die Zeichen stehen dennoch auf Wandel, denn natürlich liegt etwas im Argen im deutschen Kino. Wenn sich aber Zuschauer von hiesigen Filmen abwenden, dann doch nicht, weil sie zu wenig Klein-Hollywood sind. Sondern, weil sie ihre Eigenheiten zu selten pflegen. Weil sie verwechselbar, wenn nicht sogar austauschbar sind. Die Hoffnung von Kinobetreibern und Förderern, dass es wieder weniger Filme geben könnte, wie früher, denkt den Medienwandel mit Rückspultaste. Und ignoriert, wie toll es ist, als Zuschauer ein größeres Filmangebot zu haben.

Exklusivität scheint momentan überhaupt en vogue zu sein. So ist in den letzten Monaten die gesamte Kinobranche in Aufruhr geraten – wegen einer doch erst einmal sehr verlockenden Vorstellung: dass die ARD-Mediathek auch aus Neapel, Marseille und Rotterdam frei zugänglich sein könnte. Was bisher nur in einem einzigen Land kostenlos gestreamt werden kann und für alle anderen wegen Geoblocking hinter Ländersperren verschwindet, soll, so die Vorstellung nicht weniger Parlamentarier, allen EU-Bürgern zur Verfügung stehen. Es ist die Rede von einem digitalen Binnenmarkt für die EU. Klingt doch plausibel: Wenn wir es mit der Abschaffung der Grenzen ernst meinen, dann ja wohl auch derer im Netz.

Mit alarmierenden Pressemitteilungen und einer regelrechten Presse-Kampagne haben die verschiedensten Leute davor gewarnt: „Verschenken Sie nichts, was Ihnen nicht gehört!“, rief die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok) den EU-Parlamentariern zu, und die Frankfurter Allgemeine Zeitung titelte „Die EU zerstört Europas Filmwirtschaft“. Die Angst: Europäische Koproduktionen wie Das weiße Band oder Toni Erdmann könnten gar nicht erst finanziert werden, wenn sie keine Lizenzen mehr für einzelne Länder verkaufen könnten. Und nationalen Produktionen breche eine ganz entscheidende Einnahmemöglichkeit weg.

Das stimmt zweifelsohne und liegt vor allem daran, dass Filme in der EU oft erst viele Monate, wenn nicht gar Jahre später im Nachbarland erscheinen, zu einem Zeitpunkt, an dem die Verfügbarkeit in der Mediathek (in aller Regel 24 Monate nach Kinostart, immer öfter aber auch früher) schon in greifbare Nähe rückt.

Wie es so ist, wenn Besitzstand gewahrt werden soll, ist nur leider wenig die Rede von der Zukunft. Viel zu selten geht es um neue Finanzierungsmodelle und, brennender, die Zuschauergewinnung. Man kann sich zurückwünschen in Zeiten, in denen dritte Sender ganz regelmäßig verlässliche Partner von Filmemachern waren. Oder man sucht und schafft Alternativen zu dieser Abhängigkeit.

Am kürzeren Hebel zu sitzen, rächt sich schließlich ein ums andere Mal: Bei den Verträgen mit den Sendern über die Mediatheken-Auswertung müssten Filmhersteller doch ein gewichtiges Wort mitzureden haben. Das wird aber zumindest für die finanzschwächeren Firmen nie der Fall sein, wenn sich nicht insgesamt etwas an der Gemengelage ändert. Und das heißt nicht mehr Geld und Einfluss vom Fernsehen, sondern weniger. Wie wär’s zum Beispiel mit einem direkt von der Haushaltsabgabe gespeisten Kinofilmfonds? Dann macht auch die Freizügigkeit in der EU weniger Angst.

Wäre es nicht ohnehin viel spannender, über die Chancen zu sprechen, die darin schlummern, wenn europaweit Filme zugänglich werden, die bisher viel zu wenig reisen? Es kommt darauf an, Potenziale zu denken – nicht von der Vergangenheit her, sondern von der Zukunft. Das gilt für die FFA, genauso wie für Mediatheken. Den Zuschauern muss dabei nichts geschenkt werden, aber etwas geboten bekommen sollten sie schon.

 

Frédéric Jaeger hält in seiner Kolumne auf Spiegel online  vier Mal im Jahr Rückschau auf das vergangene Quartal in der Filmbranche. Diese Folge erschien am 11. Juli 2016. Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Spiegel online.

 

 

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Ein Vierteljahr im Kino: Lasst die Wunden klaffen!

Fördermillionen und Trophäen gehen an Mainstream-Suchendes, Eigensinniges wie „Wild“ wird ignoriert oder erst gar nicht eingereicht. Die offizielle Filmszene liebt das Mittelmaß – alles andere wird an den Rand gedrängt. | Foto © NFP

Es liest sich wie nichts, eine Randnotiz in der Zeitung. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, fliegt anlässlich der „Oscars“ nach Hollywood. Deutsche Politiker in L. A., das ist in den letzten Jahren nicht unüblich. Auch wenn sie in der Regel zur Gala gar nicht eingeladen sind. Darüber macht sich die Zeitung auch ein wenig lustig, doch was die Reise des Regierenden für sie wirklich bemerkenswert macht, ist, dass dessen Tochter mitfährt. Allerdings betonen Müllers Sprecher sogleich, dass sie ihren Flug selbst bezahlt hat. Okay, ja, kann man klarstellen, ist so verkehrt nicht, sind ja Steuern. Aber es geht noch weiter: Die Tochter, so heißt es ganz offiziell, durfte auf keine Party mit.

Ist das nicht albern? Spaßbefreit? Jugendfeindlich? Ist unser Misstrauen oder der vorauseilende Gehorsam so groß? Es wird gute Gründe für diese Politik geben. Aber sie fühlen sich alles andere als richtig an. Überall Ethik, selbst wenn es ums Kino geht.

Aufgeblasen zur Großindustrie. Dabei könnte man schon mit einem kurzen Blick auf Müllers Politik was zum Lachen haben. Schon im vergangenen Jahr hat sein Adjutant, Senatskanzleichef Björn Böhning, das Wasser getestet für eine neue Filmpolitik. Jetzt hat auch Müller sie sich zu eigen gemacht: Im Vorfeld der Berlinale präsentierte er eine „Industriepolitik“, die so großkotzig klingt, wie sie leer ist. Deren Wiederholung auf höherer hierarchischer Ebene macht sie nicht richtiger. Eine „Industriepolitik“ für einen Wirtschaftszweig zu fordern, der so deutlich mittelständisch ist wie die hiesige Filmproduktion, das kann nur eine Nebelkerze sein. Weiterlesen

Aber was soll’s, wir wollen eben mitspielen in der ersten Liga der europäischen Sparmodelle für US-Produktionen. Berlin und Brandenburg pumpen sogar fleißig Kohle rein, damit der Hauptstadt-Hauptbahnhof seinen Quality-TV-Auftritt hat.

Und nicht nur das! Wenn die ehemalige Geheimagentin Carrie für die Showtime-Serie „Homeland“ durch Glas-Beton-Berlin läuft, dann geschieht etwas, das hat noch kein Berlinbesucher zuvor erlebt: Der Aufzug im Hauptbahnhof kommt, nicht nach drei bis fünf Minuten, sondern direkt, einfach weil er gerufen wurde. Servicemekka Deutschland. Wenn das die Folge ist, können deutsche Politiker meinetwegen gern öfter nach L. A. fliegen. Aber bitte, lasst die Kinder mit auf die Partys.

Filmförderung für US-Majors? „Stupid German Money“ nannte man früher deutsches Geld, das leichtfertig in US-Produktionen gepumpt wurde. Das sagt heute keiner mehr, schon weil es nach Yuppie-Neunzigerjahre klingt. Der Neid hat aber nicht nachgelassen, er kommt diesmal jedoch von überraschender Seite: Der vermutlich größte Profiteur der deutschen Filmförderung will noch größere Stücke vom Kuchen. Martin Moszkowicz, Vorstand der Fack-ju-Constantin-Film, findet, es müsse jetzt mal darüber gesprochen werden, wer überhaupt Anspruch auf Geld aus der Förderung hat. Weil seine Constantin, regelmäßig Nutznießerin Nummer eins, trotz der riesigen Kassenerfolge gerne noch mehr Null-Risiko-Geld will. Und so hat er sich vorgenommen, eine Debatte darüber anzustoßen, ob US-Majors wie Fox und Warner Bros. auch Geld bekommen müssen. Zum Glück lässt sich niemand auf eine so transparent eigennützige Diskussion ein.

Mein Vorschlag: Wer aus den Gewinnen eines Films seinen nächsten finanzieren kann, wird von der Förderung ausgeschlossen.

Wobei: ein solch gerechtes System, undenkbar in Deutschland. Da könnte ja niemand mehr neidisch sein – und man bräuchte sich nicht über einen Flop wie Til Schweigers „Kino-Tatort“ zu ärgern. Der hat gleichzeitig Höchstsummen aus ARD-Mitteln und der Filmförderung für sich beanspruchen können – und wird diese, wie’s ausschaut, niemals über die Kinokassen zurückzahlen.

Ein sensibles Thema, denn schnell wird einem ein Ungerechtigkeitsempfinden als Neid ausgelegt. Darin ist nicht zuletzt Til Schweiger Spezialist. Gerne wirft er Kritikern, die ihm künstlerisches Versagen attestieren, Missgunst vor. Doch diesmal bietet Schweiger eher Anlass zu Schadenfreude: Gerade mal 280.000 Besucher hat „Tschiller: Off Duty“ angelockt – „Honig im Kopf“ wollten mehr als sieben Millionen sehen, und auch die früheren „Tatorte“, die ins Kino kamen, waren um ein Vielfaches erfolgreicher.

Schummeln wie in China. Zu spät für Schweiger (aber hinterher ist man ja immer klüger) kommt die Nachricht von dem tollkühnen System, das in China die Besucherzahlen in die Höhe schnellen lässt. Für „Ip Man 3“ wurde der Verleiher einer schön abstrusen Methode überführt: Weil Erfolg Erfolg gebiert, versuchen findige Unternehmer seit jeher, die Charts zu manipulieren. Bei „Ip Man 3“ wurden die Verkaufszahlen nun anscheinend um knapp neun Millionen Dollar frisiert. Manche Kinos hätten dafür am Startwochenende im Zehn-Minuten-Rhythmus ausverkaufte Vorstellungen des Films gelistet – und das bis drei Uhr nachts. Faktisch unmöglich, aber doch immerhin erfinderisch.

Später stellte sich laut chinesischer Aufsichtsbehörde heraus, dass drei Betreiber von Ticketing-Systemen und 73 Kinos an dem Betrug beteiligt waren. Mehr als 7600 Vorstellungen des Films waren erfunden. Das machen deutsche Kinos so schnell nicht nach.

Rekordzahlen, Rekordpreise. Obwohl selbstverständlich zum Jahresbeginn wieder Erfolge gefeiert werden mussten. Mehr Geld, mehr Zuschauer, deutsches Kino, juchhu! Juchhu? Bemerkenswert an den Zahlen erscheint mir vor allem, dass Kinotickets schon wieder teurer geworden sind, um stolze 34 Cent. Der durchschnittliche Kinopreis feiert also ebenfalls Rekord: 8,39 Euro – wohlgemerkt, im Durchschnitt.

Unterdessen meldet das Studio Babelsberg, immer gut im Fabrizieren von neuen Unternehmen und anderer legaler Steuerspartricks, 2015 habe es wieder schwarze Zahlen geschrieben. Nur eine Dividende werde nicht ausgeschüttet, zu unsicher sei die Auftragslage.

Mal wieder ein Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung Politik? Oder ein Zeichen, dass keiner auf die Potsdamer Studios neidisch sein braucht? Obwohl es seit Anfang des Jahres noch einen Extra-Fördertopf für Großproduktionen und Serien gibt – mit dem so trottelig anbiedernd klingenden Namen German Motion Picture Fund.

Das Elend in der Mitte. Die Babelsberger Nachbarn, die Ufa-Chefs Nico Hofmann und Wolf Bauer, bemühen sich derweil, ihr völliges Desinteresse für Netflix glaubhaft unter Beweis zu stellen. Alle anderen Produktionsfirmen buhlen um deren Aufträge (Baran bo Odar soll es mit „Dark“ richten), und auch Amazon hat sich ein deutsches Projekt gesichert.

Derweil verschärft sich der Wettstreit der neuen mit den alten Playern. So kam es auf dem Sundance Film Festival im Januar zu einem spektakulären Bieterstreit: Netflix bot dem Vernehmen nach 20 Millionen US-Dollar für das Arthouse-Sklaverei-Drama „Birth of a Nation“. Am Ende erhielt Fox Searchlight für 17,5 Millionen Dollar den Zuschlag – auch das schon ein Rekordpreis für einen Sundance-Film.

Gleichzeitig zeigte Nicolette Krebitz auf dem Festival ihr unaufgeregtes, aber umso aufregenderes Drama „Wild“. Warum das nicht auf der Berlinale lief? Vielleicht auch, um diesen zarten, rohen, lustvollen und eigensinnigen Film vor den deutschen Heinis ein wenig zu schützen.

Neid zieht sich wie ein roter Faden durch die deutsche Filmbranche, manchmal als politische Strategie, wie bei Moszkowicz, öfter aber als Lähmung der Zustände: Bloß keine zu guten Filme für die „Deutschen Filmpreise“ nominieren, die Mittelmäßigkeit der Masse würde zu offensichtlich.

Neuestes Beispiel: Eigensinniges wie „Der Nachtmahr“ oder „Der Bunker“ wurde ignoriert – und ein kategoriensprengender Film wie „Wild“ erst gar nicht eingereicht. Die Deutsche Filmakademie und ihr Preis spiegeln in aller Ehrlichkeit die deutsche Filmbranche: Jedes Experiment, das nicht aus der Mitte entspringt, wird an den Rand gedrängt.Vielleicht schaffen es deshalb Personen wie Berlinale-Direktor Dieter Kosslick in der hiesigen Branche so weit: mit einer Position der Mitte, die unangreifbar (oder fast) das Gute propagiert, statt das Schöne und das Wahre. Das „Recht auf Glück“ für die Armen und Geflüchteten dieser Welt hat Kosslick in diesem Jahr zum Motto der Berliner Filmfestspiele erhoben. Man fühlt sich an Titos Versprechen vom Recht auf Arbeit erinnert, so sehr lässt dieses Motto Filme als Auftragsarbeit sozialdemokratischer Interessen erscheinen.

„Genug mit der Ethik, es werde Kino!“, möchte man da rufen. Und wenn das nicht möglich ist, dann vielleicht mal wieder über den Teich schauen und an die Amis halten. „Oscars“ für nur für weiße Darsteller und ein bisschen auf die Hautfarbe ausgerichtete Trailer für „Straight Outta Compton“, damit klar wird, wie schlecht es steht. Ich bin langsam so weit, dass sich das richtiger anfühlt: die Wunden einfach klaffen zu lassen.

Frédéric Jaeger hält in seiner Kolumne auf Spiegel online jetzt vier Mal im Jahr Rückschau auf das vergangene Quartal in der Filmbranche. Diese erste Folge erschien am 29.04.2016. Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Spiegel online.

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