Cinema Moralia – Folge 145: »Wenn ich keinen Verleih finde, gründe ich meinen eigenen«

Eine Ausstellung in der Pasinger Fabrik widmet sich Zur Sache, Schätzchen, dem Kultfilm der 68er. Infos über die Rahmenveranstaltungen gibt es unter www.schamoni.de (Foto: Archiv Schamoni Film)

»Wenn Sie heute schrieben: hier an dieser Stelle: den ‘Werther'; die Epigramme und Elegien; Prome­theus auf Italie­ni­scher Reise: Sie stünden längst vor Gericht! Als Defaitist; als Erotiker; wegen Gottes­läs­te­rung; Belei­di­gung poli­ti­scher Persön­lich­keiten!«– Arno Schmidt, »Goethe und Einer seiner Bewun­derer« (1957)
»Ich lese immer die Morgen­post, um das Lokale mitzu­be­kommen.« – »Ich lese die NZZ, um dem Lokalen zu entgehen.«– Dialog in einem Café

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Pop pur – wer Uschi Glas nur daher kennt, weil er sie in den Nuller-Jahren mal gesehen hat, wie sie in Leder­hosen in irgend­einem Wiesn-Zelt auf der Bühne tanzt (wie ich dies mal an einem unver­gess­li­chen Abend gemeinsam mit Richard Oehmann gesehen habe, WIRKLICH gesehen habe, nicht nur im Rausch der fünften Mass), der kennt auch Uschi Glass nicht.
In die Münchner, die baye­ri­sche und die deutsche Film­ge­schichte ist sie einge­gangen und wird dort bleiben, weil sie in Zur Sache, Schätz­chen gespielt hat. Dieser Film, 1967 in München gedreht, reprä­sen­tiert mehr als viele Werke den Kino-Aufbruch der späten 60er Jahre, und das Lebens­ge­fühl der kultu­rellen Revolte und überhaupt der west­deut­schen Locke­rungen jener Jahre.
Es ist darum nur folge­richtig, dass die Pasinger Fabrik, in gestern eine Ausstel­lung zum Film eröffnet wurde, den Film in den Zusam­men­hang eines weiter ange­legten Projekts zum »Lebens­ge­fühl der 68er« stellt, dem sich in nächster Zeit viele Insti­tu­tionen und Museen widmen werden. Die Ausstel­lung, die bis zum 29.01.2017 läuft (mit Begleit­ver­an­stal­tungen), soll danach 2017/18 auch auf Reisen gehen.
Produ­ziert wurde Zur Sache, Schätz­chen bekannt­lich vom Münchner Filme­ma­cher Peter Schamoni. Weiterlesen

In dessen hinter­las­senem Archiv befinden sich die Produk­ti­ons­un­ter­lagen, Dreh­bücher, ca. 1000 6×6 Negative von größ­ten­teils unver­öf­fent­lichten Fotos der Dreh­ar­beiten, die Original-ARRI-Aufnah­me­ka­mera, das NAGRA-Aufnah­me­gerät und die Tonbänder vom Dreh, und alles mögliche sonstige Material. Auch Regis­seurin May Spils und Haupt­dar­steller Werner Enke haben ihre persön­liche Sammlung zur Verfügung gestellt – mit anderen Worten: die Ausstel­lung ist eine tolle Wunder­tüte. In der »Welt« schrieb Rüdiger Dilloo zum Filmstart am 12. Januar 1968: »May Spils und Schamoni treffen sich in der Ansicht, der junge deutsche Film dürfe bei aller L’art-pour-l’art-Spielerei und höchst­per­sön­li­cher Gesell­schafts­grü­belei ruhig auch die Kinokasse fixieren. ‘Kommer­ziell’ ist ihnen nicht a priori ein Schimpf­wort. Ihr Film lebt von seinem Tempo; der köstliche Jargon-Dialog, die optischen Einfälle folgen einander geradezu unöko­no­misch schnell: Martin (Werner Enke), dabei, seinen Geburtstag zu verschlafen, wird von Henry (Henry van Lyck) aus dem Bett geschmissen, albert im Schwimmbad, später mit einem dort aufge­ga­belten Mädchen (Uschi Glas) im Tierpark herum, schläft unver­bind­lich ein bisschen mit ihr, weil sie so kuschelig ist, und hat dazwi­schen ein paarmal Ärger mit der Polizei, weil er als Zeuge eines Einbruchs nicht aussagen will. Dazwi­schen: Kneipen, Zocken, Tisch­fuß­ball; und jeden­falls Prin­zi­pi­en­treue: Bloß nicht Geld verdienen, bloß nicht Familie, bloß nicht Bürger­sinn, Verant­wor­tung, Anpassung, Normal­sein. Zur Sache, Schätz­chen ist kein Film, der zu irgend­wel­chen Bewusst­se­in­s­ufern hinführt. Er ist einfach unter­hal­tend, komisch, dabei intel­li­gent.«
Man muss den Film jetzt deshalb zwar nicht zum »deutschen ‘AUSSER ATEM« hoch­jazzen.
Aber von da an ging es nicht nur mit Uschi Glas bergab.

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»Berlin verkauft Pfle­ge­heime für 420 Euro. Und was machen sie damit? Sanieren die Stadt­au­to­bahnen.« Auch das schnappte ich gerade erst im Café auf.
Sehr gern würde ich hier Veran­stal­tungen auch vom Rest der Republik ankün­digen, aber entweder schlafen die Pres­se­stellen, oder Berlin und München sind wirklich die einzigen Orte, an dem filmmäßig etwas passiert. Wie immer Anfang Dezember geben sich in der Haupt­stadt gleich zwei Festivals die Klinke in die Hand: Die Fran­zö­si­sche Filmwoche mit einem insgesamt etwas dünnen und braven Programm, in dem aber immerhin mit Paul Verhoevens Elle einer der besten Filme des Film­jahres läuft. Und »In 14 Films around the world«, eine Art Inde­pen­dent-Gegen­ber­li­nale von Bernhard Karl, den man in München als Programmer des Filmfests kennt. Dort hat am Samstag der andere der zwei besten Filme im dies­jäh­rigen Cannes-Wett­be­werb seine Berlin-Premiere: Personal Shopper von Olivier Assayas.

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Am heutigen Donnerstag gibt es bei »14 films« wieder den »deutschen Abend« und die jährliche Diskus­sion »Quo vadis deutsches Kino?«
Ab 18 Uhr im Kino in der KulturBrauerei geht es – tref­fen­der­weise bei freiem Eintritt! – um den Zustand der deutschen Verleih­land­schaft. Mit der ersten Trägerin des neuen »Heinz-Badewitz-Preises« in Hof, Regis­seurin Tini Tüllmann, mit dem frisch zum Ritter geschla­genen Verleiher und Kriti­ker­kri­tiker Torsten Frehse (Neue Visionen Film­ver­leih), und mit dem geschätzten Kollegen Martin Schwarz (Zitty und TIP) darf ich über das vergan­gene Filmjahr debat­tieren.
Die Mode­ra­tion übernimmt Felix Neun­zer­ling, ZOOM Medi­en­fa­brik.

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Das Thema Verleih brennt auf den Nägeln: Gefühlt kommt jeden Monat ein neuer Film­ver­leih in Deutsch­land auf den Markt – und verschwindet genauso regel­mäßig wieder. Die etablierten Verleiher gehen immer weniger Risiken ein, immer öfter bringen die Produ­zenten ihre Filme selbst heraus. Der letzte Akt der Selbst­aus­beu­tung folgt für viele unab­hän­gige Produk­tionen.

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Die Bilanz des Film­jahres ist nicht besser: Ohne Berück­sich­ti­gung der Kinder­filme liegt das Durch­schnitts­alter der Arthouse-Kino­be­su­cher (lassen wir die Proble­matik des blöden »Arthouse«-Begriffs einmal beiseite. Unter den fällt viel ameri­ka­ni­sches und nicht­ame­ri­ka­ni­sches Main­stream­kino wie Still Alice, »Der Staat gegen Fritz Bauer und Die Frau in Gold) bei über 50 Jahren. Mehr Selbst­stän­dige, weniger Studenten als im Besu­cher­durch­schnitt, mehr Frauen. Filmkunst ist eine Domäne der Großs­tädte und der ganz kleinen Städte.

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Außer den ca. drei Pres­se­mit­tei­lungen, die die Kultur­staats­mi­nis­terin täglich direkt verschickt, bekommt man auch noch regel­mäßig Pres­se­infos von der Kultur­stif­tung des Bundes. Aus der neuesten erfährt man, dass die Kultur­stif­tung »unter Vorsitz der Kultur­staats­mi­nis­terin Monika Grütters« insgesamt 41,5 Mio. Euro »für neue Vorhaben« verab­schiedet hat. Kaum über­ra­schend kommt der Film hier wieder einmal im Vergleich mit allen anderen Kunst­formen auffal­lend schlecht weg.
Aufgabe der Kultur­stif­tung des Bundes ist übrigens die Förderung »kultu­reller Leucht­türme« – merk­wür­diges Deutsch. Gefördert werden »kultu­relle Spit­zen­ein­rich­tungen und Veran­stal­tungs­reihen verschie­dener Sparten, die zum inter­na­tio­nalen Renommee von Kultur­ver­an­stal­tungen in Deutsch­land beitragen.« Unter diesem Bla-bla-Begriff finden sich die Berlin (!) Biennale (3 Mio. Euro
jährlich), das (Berliner !) Thea­ter­treffen (1,9 Mio. Euro), die Donau­eschinger Musiktage (252.000 Euro), die (Berliner !) trans­me­diale (550.000 Euro), das Ensemble Modern (250.000 Euro). Der alle drei Jahre statt­fin­dende Tanz­kon­gress bekommt 960.000 Euro. Die Kasseler documenta erhält bis 2022 eine Förderung von insgesamt 4,5 Mio. Euro. Weitere 5,5 Millionen Euro gehen im Zeitraum 2017 bis 2021 an den Fonds Doppel­pass für Koope­ra­tionen von freien Gruppen und festen Tanz- und Thea­ter­häu­sern. Am Beet­ho­ven­jahr 2020 beteiligt man sich mit 1,5 Mio. Euro für die Einrich­tung von zwölf andert­halb­jäh­rigen Resi­denzen für inter­na­tio­nale Künstler/innen.
Einzige Film­ver­an­stal­tung auf der Liste ist der »World Cinema Fund«, der Film­för­der­fonds der Berlinale, der gerade mal 360.000 Euro erhält.

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Ein weiteres Projekt klingt erstmal noch am inter­es­san­testen: »2 Mio. Euro stellt die Kultur­stif­tung des Bundes bis 2020 für das Projekt Neue Auftrag­geber nach dem Vorbild der in Frank­reich erfolg­rei­chen Initia­tive Nouveaux Comman­ditaires zur Verfügung. Lokal orga­ni­sierte Bürge­rinnen und Bürger werden dabei unter­s­tützt, mit inter­na­tional renom­mierten Künst­le­rinnen und Künstlern in Kontakt zu treten, um ein eigen­s­tän­diges Werk gleich welcher Sparte speziell für ihren Herkunftsort in Auftrag zu geben. Jedermann kann zum Auftrag­geber bedeu­tender Kunst­werke werden – so lautet das Credo der Neuen Auftrag­geber. Die Kultur­stif­tung des Bundes unter­s­tützt die in Deutsch­land in Gründung befind­liche Gesell­schaft der Neuen Auftrag­geber darin, die Entwick­lung von erst einmal max. 20 Projekten zu erproben. Sie fördert diese Vorhaben bis zur Erar­bei­tung eines konkreten künst­le­ri­schen Entwurfs. Die Akquise zur Finan­zie­rung der Produk­tion der Werke soll dann durch die lokalen Neuen Auftrag­geber orga­ni­siert werden.«
Für Filme­ma­cher scheint das aber schwer umzu­setzen.

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In der antrags­ge­bun­denen »Allge­meinen Projekt­för­de­rung« werden 5,7 Mio. Euro an 37 Projekte ausge­schüttet, also durch­schnitt­lich 154.000 Euro, und zwar an: Instal­la­tionen inter­na­tio­naler, zeit­genös­si­scher Künstler/innen unter dem Motto »Targeted Inter­ven­tions« am Militär­his­to­ri­schen Museum der Bundes­wehr in Dresden; die Ausstel­lung FMP: The Living Music Haus der Kunst in München; das Lite­ra­tur­haus Rostock für das Projekt »Reading the Baltic«,
Thea­ter­ma­cher/innen im Rahmen des Festivals für inter­na­tio­nale Neue Dramatik der Berliner Schau­bühne; das Centrum für Natur­kunde der Univer­sität Hamburg mit einer Ausstel­lung zum Klima­wandel und dem Schwinden der Arten­viel­falt; das Kunstfest Weimar mit dem Projekt Große Erzäh­lungen: 100 Jahre Kommu­nismus; ein inter­na­tio­naler Kongresses im Lite­ra­tur­haus Stuttgart; Spiel­motor München; das inter­na­tio­nale Festival für zeit­genös­si­sche Musik Acht Brücken | Musik für Köln.
Eine echte Film­ver­an­stal­tung ist dagegen nicht dabei. Anläss­lich des 85. Geburts­tages von Alexander Kluge richtet das Essener Museum Folkwang immerhin eine umfas­sende Werkschau aus, deren Schwer­punkt auf dessen virtuosen filmi­schen Bild­col­lagen liegt. Und mit viel Wohl­wollen kann man zum Film auch rechnen, dass die im Iran aufge­wach­sene, in den USA lebende Künst­lerin Shirin Neshat im Fokus einer Werkschau der Kunst­halle Tübingen steht.

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Nur dass man mal weiß, wo das Geld sonst noch so hingeht: Medialeis­tungen im Wert von 80.000 Euro erhält die Münchner Games­firma United Soft Media Verlag GmbH für das »Location-based-Artillery Game« »Steam­pump­kins«.
Aus der Pres­se­mit­tei­lung des FFF Bayern: »Als Spiel­fläche fungiert die Erde, die Spieler visieren jeweils mit einem Device per Sensor-Steuerung reale Ziele an und bewerfen sie mit Kürbissen oder anderen Früchten. Gespielt werden kann mit Freunden oder Unbe­kannten auf der ganzen Welt, einzeln oder im Team.«
Und dann wundert man sich über Trump und die AfD?

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»Kino verbindet.« Mit dem Projekt »Kino verbindet« will die AG Kino-Gilde einen Beitrag zur kultu­rellen Inte­gra­tion von jungen geflüch­teten Erwach­senen leisten. Gefördert vom Bundes­bil­dungs­mi­nis­te­rium können Kinos gemeinsam mit Orga­ni­sa­tionen, die unmit­telbar mit der Ziel­gruppe der jungen geflüch­teten Erwach­senen zu
tun haben, Projekte einrei­chen und Förder­mittel bekommen. Möglich sind zum einen mode­rierte Film­vor­füh­rungen speziell für junge Geflüch­tete, die medi­en­päd­ago­gisch vorbe­reitet und begleitet werden. Zum anderen besteht die Möglich­keit, Geflüch­tete in normale Film­vor­füh­rungen einzu­laden und gemeinsam mit Mode­ra­toren und Pädagogen Begeg­nungen mit der lokalen Bevöl­ke­rung zu schaffen. Gefördert werden können unter anderem die Honorare für Pädagogen, Mode­ra­toren und Über­setzer, aber auch Fahrt­kosten, Film­mieten und Werbe­ma­te­rial. Pro Maßnahme stehen 1.235,00€ zur Verfügung. Ziel ist es, möglichst einmal im Monat eine solche Maßnahme anzu­bieten.
»Durch »Kino verbindet« werden Kinos unter­s­tützt, die einen wichtigen Beitrag zur kultu­rellen Inte­gra­tion von Geflüch­teten leisten«, so AG Kino-Gilde Geschäfts­führer Felix Bruder. Weitere Infor­ma­tionen in der Geschäfts­stelle der AG Kino-Gilde e.V. bei Claudia Nowak (Aktiviere Javascript, um die Email-Adresse zu sehen)

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Christian Dosch über „Grünes Drehen“

Christian Dosch betreut in Zukunft die Themen „Fairness“ und „Nachhaltiges Drehen“ für crew united und macht sich parallel mit Spurfinder als freier Projektleiter selbstständig. Motiv: Christian Dosch | credit: crew-united

Christian Dosch betreut in Zukunft die Themen „Fairness“ und „Nachhaltiges Drehen“ für crew united und macht sich parallel mit Spurfinder als freier Projektleiter selbstständig. Nachdem er sieben Jahre die Film Commission Region Stuttgart geleitet hat, wechselt er nun wieder auf die Projektseite. Vor seinem An- kommen in Stuttgart hat er bei Kino- und TV-Spielfilmprojekten in München und Berlin mitgearbeitet und u.a. als Motiv-Aufnahmeleiter „Die Welle“ (Casting: Franziska Aigner, Zusatzcasting Kinder & Jugendliche: Uwe Bünker | BVC) und „Wickie und die starken Männer“ (Casting: Daniela Tolkien | BVC) betreut.

Ein neuer Ansatz beim Themenkomplex Nachhaltigkeit ist es Fairness und Nachhaltigkeit bzw. „Grünes Drehen“ gemeinsam zu denken. Kurz gesagt: ohne Fair, kein Grün. Wichtige Mitstreiter sind der Regisseur Christian Lerch sowie die Nachhaltigkeitsberaterin Nicola Knoch, die in München einen wirklich motivierenden „Runden Tisch” zum Thema „Grünes Drehen” gestartet haben. Gleichzeitig sind Die Filmschaffenden involviert, mit denen crew united in den letzten Jahren den Fair Film Award entwickelt hat. Weiterlesen

INTERVIEW:

Sie sind neuer Projektleiter des Themenkomplexes Nachhaltigkeit bei crew united. Wie kam es dazu?
Ich habe mich Mitte des Jahres nach sieben Jahren Leitung der Film Commission Region Stuttgart selbstständig gemacht und kannte Oliver Zenglein und Vincent Lutz von crew united bereits aus der Zeit. Ich schätze die Arbeit des crew united-Teams sehr, sie bieten nicht nur die wichtigste Branchen-Plattform im deutschsprachigen Raum an, sondern nehmen auch eine Haltung zu Branchenthemen ein. Da mir Nachhaltigkeit und vor allem Fairness ein persönliches Anliegen sind, haben die beiden mich gefragt, ob ich Lust hätte mit an Bord zu gehen.

Was sind Ihre Aufgaben?
Unser Ansatz ist es, die Initiative zielgerichtet, aber auch behutsam und partizipativ, wachsen zu lassen. Einerseits strukturieren wir uns im Moment, andererseits können wir mit dem überarbeiteten Kriterienkatalog für die Fair Film-Umfrage von crew united ab Anfang Dezember auch schon konkrete Zwischenergebnisse zeigen. Meine Aufgabe würde ich ganz pragmatisch sehen: Ich unterstütze dort, wo ich gebraucht werde und bringe mein Wissen um Projektentwicklung und Finanzierung ein.

Was sind für Sie Kriterien für faires und nachhaltiges Filmschaffen?
Vieles von meinem Fairness-Verständnis ist in die Kriterien eingeflossen. Wir sehen diese als Einladung zum Gespräch und freuen uns über Feedback und Diskussion. Ich persönlich habe ein sehr breites Verständnis von Fairness. Es geht sicher um Tarifgagen und Arbeitszeiten, aber eben nicht ausschließlich. Wertschätzung, Arbeitsklima, Professionalität, Gleichbehandlung und berufliche Perspektiven zählen auch dazu. Fairness und Nachhaltigkeit sind beides Konzepte, die zum Glück nicht für klassische Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Konflikte taugen. Das ist vielleicht das Schöne: Filmproduzenten, Film-Dienstleister und Filmschaffende engagieren sich gemeinsam.

Wo sehen Sie aktuell die größten Mängel und was sind die Ursachen dafür?
Der größte Mangel ist der fehlende Austausch zu Fairness- und Nachhaltigkeitsthemen in der Branche. Viele Filmschaffende nehmen den Status Quo hin. Ein Grund dafür ist sicher, dass der Joballtag so anspruchsvoll und zeitintensiv ist, dass keine Zeit für Reflektion bleibt. Es kann nicht im unseren Sinne sein – und es ist alles andere als nachhaltig – einen hoch motivierten und kreativen Nachwuchs an Film- und Medienhochschulen auszubilden, sie etwa 5 bis 10 Jahre in Filmprojekten zu verbrennen, so dass am Ende nur der Branchenausstieg bleibt. Wir brauchen eine Branche, die langfristige Berufs- und Lebensperspektiven bietet.

Wie sahen bisher die Reaktionen der Berufsverbände auf Ihr erweitertes Konzept aus?
crew united hat auf der Internationalen Fachmesse für Filmtechnik und Postproduktion (CINEC) in München eine spannende Podiumsdiskussion veranstaltet, bei der auch Vorstände der Berufsverbände dabei waren. Dort war zu spüren, dass die Branche selbst ganz konkrete Vorschläge zu den Themen zu machen hat. Es geht darum, dass soziale, ökologische und ökonomische Themen gemeinsam gedacht werden. Die Themen sind verbunden durch die Haltung, mit der wir Mitmenschen und der Umwelt begegnen. Wir hoffen die Bundes- verbände von diesem integrierten Ansatz überzeugen zu können.

Welche Verantwortung tragen die Förderanstalten in Ihren Augen?
Das ist eine sehr spannende Frage, die man auch noch allgemeiner stellen kann. Tragen öffentliche Auftrag- geber oder Förderer mit der Beauftragung bzw. Förderung von Projekten und Dienstleistern nicht auch eine Verantwortung für eine ethische und faire Mittelverwendung? Oder konkreter: Können sich in einer Branche, die durch TV-Gelder öffentlich-rechtlicher Sender und durch öffentliche Filmförderung maßgeblich bestimmt wird, diese Institutionen wirklich aus der Diskussion um Fairness und Nachhaltigkeit heraushalten und auf Tarifautonomie und freien Wettbewerb verweisen? Meiner Meinung nach geht das nicht.

Stichpunkt Nachhaltigkeit und Umweltschutz – was wurde in der Vergangenheit falsch gemacht?
Unser Ansatz ist es, gerade nicht zu werten, wir sind weder Besserwisser noch Richter. Wir wollen ein Projekt starten, in den Erfahrungen, Beiträge, Ideen und Perspektiven der Branchenteilnehmer gesammelt werden. Aus der Branche, mit der Branche, für die Branche. Wir können einer Branche, die unter hohem Zeitdruck Filme produziert nicht weitere Vorschriften oder Richtlinien vorsetzen, die nicht gemeinsam entwickelt wurden. Wir können es nur umdrehen, fragen und sammeln: Welche Ideen habt ihr, Filmproduktionen nachhaltiger und fairer zu gestalten? crew united kann mit über 33.000 registrierten Filmschaffenden das Netzwerk dafür bieten.

Gibt es auch einen Preis, der faires Filmschaffen belohnt?
Der Bundesverband Die Filmschaffenden hat in den letzten Jahren gemeinsam mit crew united den ursprünglich Hoffnungsschimmer genannten Preis zum Fair Film Award weiterentwickelt. Dieser wird jährlich im Rahmen der Berlinale verliehen. Die Grundlage dafür ist die Fairness-Umfrage von crew united. Die Umfrage für den Fair Film Award 2016 begann am 1. Dezember 2016.

Wie kann man Fairness messen und wie viel Aufwand ist das?
Ein guter Gradmesser sind aus unserer Sicht die Projektbeteiligten selbst, am Ende eines Projekts hat man in der Regel ein ganz gutes, persönliches Gefühl für die Projektfairness. Aktuell können Filmschaffende die Filmprojekte, an denen Sie mitgearbeitet haben, am Ende des Kalenderjahres bewerten. Dies ist natürlich ein Anfang und kann z.B. im Rahmen der Relaunches zu einer kontinuierlichen Fairness-Bewertung ausgebaut werden. Natürlich bewerten im Moment auch lediglich die Filmschaffenden das Filmprojekt und die Frage, ob der Filmproduzent mit dem vorgegebenen Produktionsbudget bzw. der Anzahl an Drehtagen die Chance hatte das Filmprojekt fair herzustellen, ist damit noch nicht beantwortet. Auch sind zum Zeitpunkt der Umfrage einige Projekte noch in der Postproduktion, so dass z.B. manchmal auch die Perspektive der VFX-Dienstleister und Artists zu kurz kommt. Perspektivisch und abhängig von möglichen Finanzierungen wäre crew united sehr offen dies gemeinsam mit Partnern weiterzuentwickeln.

Wie ist die Resonanz von der Produzentenseite?
Viele Filmproduzenten sehen in der Fairness-Umfrage ein wertvolles Feedback-Tool und sind geknickt bei schlechten Fairness-Noten. Sie können ihre eigene Einschätzung überprüfen, erhalten eine ungefilterte Rückmeldung und können auf der Grundlage Entscheidungen treffen, wie sie in Zukunft Filmprojekte aufstellen wollen. Fairness ist ein Wert und ein Ziel, dass die meisten Filmschaffende und Filmproduzenten teilen. Es ist keine Einbahnstraße, schwarze Schafe gibt es auf beiden Seiten.

Haben Sie bereits positive Entwicklungen ausmachen können?
Meine persönliche – und überhaupt nicht empirisch beweisbare – Erfahrung ist die, dass ich gerade viel mit engagierten Menschen darüber spreche, wie sie sich Leben vorstellen und welchen persönlichen Beitrag sie für eine nachhaltigere Welt leisten möchten. Ich würde behaupten, dass die meisten Filmschaffenden, aber auch Filmproduzenten nicht aus ökonomischen Gründen die Branche gewählt haben. Es war eher die Begeisterung für Filmkunst, die Lust an kreativer Arbeit, der Wunsch durch Filme etwas zu bewegen und das Leuchten in den Augen beim Kinobesuch. Die zentrale Frage ist doch, welchen ökonomischen, sozialen und ökologischen Rahmen wir gemeinsam definieren, damit das Leuchten nicht erlischt.

Wenn Sie einen Appell an die Filmbranche richten könnten…
Mehr Utopie. Lasst uns nicht nur utopische Welten in den Filmen kreieren, sondern auch gemeinsam eine andere Arbeitswelt erfinden. Wenn wir es denken können, können wir es auch umsetzen.

Vielen lieben Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte: Tina Thiele | Ausarbeitung: Mariam Misakian

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Luftnummer FFG – 3: Die FFA und die Werktätigen

Noch so ein deutscher Erfolgsfilm. In den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts sang der dritte Zwerg von links noch von „verbesserten ­humanen menschlichen Arbeitsbedingungen am Fließband: Es gibt – bunte Schraubenzieher. Und darüber freut sich Susi Sorglos und sitzt jetzt zuhause und föhnt ihr Haar…“ | Foto © Universal

Doch das Thema Förderung und Tariftreue sickerte allmählich in die Diskussionen. 2012 hatten wir bei den fünf größten regionalen Förderern angefragt, die tatsächlich mit Steuergeld wirtschaften: Medienboard Berlin-Brandenburg und Filmstiftung NRW antworteten nicht und ignorierten auch die Nachfrage. FFF Bayern, MFG Baden-Württemberg und Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein erklärten sich in der Sache für nicht zuständig und beriefen sich auf FFG oder Tarifhoheit. Dabei stünde es ihnen doch frei, ihre Spielregeln selbst zu bestimmen. Wenn sie nur wollten.

Nun soll der Satz doch im Gesetz stehen. Also nicht ausdrücklich das böse Wort „Tarif”, aber sowas in der Art. Ende vorigen Jahres hatte die BKM den Verbänden der Filmbranche und den „sonstigen beteiligten Kreisen” einen „Diskussionsentwurf” eines neuen Filmförderungsgesetzes vorgelegt und um Stellungnahmen gebeten. Sofern die Adressaten damit einverstanden waren, ist ihre Antwort auf der Website der FFA veröffentlicht. Unter den 28 Stellungnahmen sind von den Verbänden der Filmschaffenden lediglich die Dokumentarfilmer, Drehbuchautoren, Regisseure und Film­editoren vertreten. Die ersten beiden sind von Tariffragen ohnehin (fast) nicht betroffen, der Regieverband äußerte sich ebensowenig dazu, auch wenn dies einen kleinen Teil seiner Mitglieder direkt angeht.

Auch die Deutsche Filmakademie, die sich mit ihren 1.800 Mitgliedern als „der größte Zusammenschluss von Filmschaffenden in Deutschland” und „,Think Tank’ der Branche” anpreist, denkt über das Thema nicht nach: Ausführlich wird die Stärkung der Produzenten angeregt, kurz mal die zur Zeit stark diskutierte „Gendergerechtigkeit” angemahnt und ein Sitz für den exklusiven Filmschaffendenclub im Präsidium der FFA gefordert. Nur zu den Arbeitsbedingungen will der Akademie nichts einfallen. Weiterlesen

Lediglich der Bundesverband Filmschnitt Editor hatte Stellung bezogen und darauf hingewiesen, dass zwar „die überwiegende Mehrheit” der Filmarbeiter in den Geltungsbereich des Tarifvertrags für Film- und Fernsehschaffende falle, dessen Vereinbarungen würden allerdings „selbst bei geförderten Filmproduktionen nicht immer eingehalten.” Das neue FFG solle darum „stärker als bisher darauf hinwirken, die Einhaltung von Sozial- und Tarifstandards bei den nach diesem Gesetz geförderten Filmproduktionen nachhaltig und nachweislich sicherzustellen”, schrieb der Verband mit blumiger Höflichkeit. Denn wieso „stärker als bisher”? Bisher hatte das FFG doch gar nichts dergleichen getan.

Noch deutlicher hatte die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) verlangt, dass „der Hersteller darlegt, ob für die Filmproduktion ein Tarifvertrag unmittelbar gilt und zugleich die Einhaltung der darin enthaltenen Mindestregelungen gegenüber den Beschäftigten gewährleistet.” Häufig werde nämlich auch bei nicht tarifgebunden Produktionen mit den Gagen und Beschäftigungsbedingungen des Tarifvertrags kalkuliert, ohne dessen Mindestansprüche für alle Beschäftigten zu gewähren – etwa bei der Abgeltung von Mehrarbeit über Zeitkonten. Das sei auch ein Nachteil für Produktionen, die sich an den Tarifvertrag halten.

Gut gemacht? Leider gilt für die Gewerkschaft dasselbe wie für die Ministerin: Klappern gehört zum Geschäft, ganz egal, was es tatsächlich bringt: Die Einhaltung von Sozialstandards und Tarifbindung rücke in den Fokus, jubelte Verdi Ende Oktober, nachdem das FFG durch den Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestags „nachgebessert” wurde. Der vorherige Regierungsentwurf zum FFG hatte die von Verdi geforderten Auskunftspflichten über die Tarifbindung von Filmproduktionen, die von der Filmförderungsanstalt (FFA) Mittel erhalten, noch nicht vorgesehen.
 Ab 2017 müssen nun Filmhersteller nach dem FFG-Entwurf bei der Beantragung von Förderungen bei der FFA darlegen, ob für die Beschäftigten des konkreten Filmprojekts ein Branchentarifvertrag gilt oder auf anderem Weg die Einhaltung solcher sozialer Standards vereinbart wurde. Sonst… ist das auch nicht schlimm. Denn eine falsche Antwort scheint es nicht zu geben. Doch Frank Werneke, stellvertretender Verdi-Vorsitzender, ist sich sicher, dass dadurch das Bewusstsein der Förderinstitutionen steige, „dass diejenigen, die ein Filmwerk durch ihre Kreativität und Arbeit möglich machen, auch angemessen entlohnt und abgesichert werden müssen.”

Zeit für eine kurze Kunstpause.

Wieso schreit hier niemand auf? Ist die Branche schon so abgestumpft, hoffnungsverloren, schicksalsergeben, dass niemand stutzt, sich wundert, die Fassung verliert? Dass Filmförderer erst noch lernen sollen, dass Menschen für ihre Arbeit anständig bezahlt werden? Dass ein Gewerkschafter das offenbar für normal hält? Dass ein solcher Satz überhaupt in ein Gesetz geschrieben werden muss, soll, darf – im 21. Jahrhundert in einem der wohlhabendsten und wirtschaftlich entwickeltsten Länder der Erde?

Wohlgemerkt: Tarifgagen sind Mindestlöhne! Sie sind keine Bonuszahlungen für kreative Selbstverwirklicher, sondern sollen den Werktätigen das nackte Überleben sichern. Nur zwei von fünf Filmschaffenden können allein von ihrem Beruf leben, hat eine aktuelle Studie der Bundesvereinigung einmal mehr herausgefunden.

Vielleicht ist eine solche Gesetzesaussage ein echter Fortschritt in Ausbeuterstaaten und Bananenrepubliken, die sich wohl ebensowenig um die Menschrechte scheren. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948, Artikel 23, Absatz 3: „Jeder, der arbeitet, hat das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert, gegebenenfalls ergänzt durch andere soziale Schutzmaßnahmen.” Deutschland muss sich so etwas ins Filmförderungsgesetz schreiben, damit „das Bewusstsein dafür steige”…

Und leider ist selbst dieser Satz das Klopapier nicht wert, auf den man ihn ebenso gut drucken könnte, das hat die Bundesregierung schon klargestellt. Am 13. Mai 2016 hatte der Bundesrat in seiner Stellungnahme zum Gesetzesentwurf verlangt, den Passus anzufügen, die FFA habe „darauf hinzuwirken, dass in der Filmwirtschaft eingesetztes Personal zu sozialverträglichen Bedingungen beschäftigt wird.” In ihrer Begründung führte die Länderkammer aus, dass die FFA im Rahmen ihrer Fördermaßnahmen auf Tariftreue und faire und angemessene Vertragsbedingungen zwischen Produktionsunternehmen und Beschäftigten Einfluss nehmen könne.

Die Bundesregierung stimmte dem Vorschlag am 1. Juni vor dem Bundestag zu, wies dennoch darauf hin, dass dies keine Verpflichtung der FFA bedeute, im Rahmen der Filmförderung die Arbeitsbedingungen zu überprüfen oder zu überwachen. Dies würde die FFA „deutlich” überlasten. Zumal dies ja nicht allein Filmproduktionen beträfe, sondern auch weitere filmwirtschaftliche Unternehmen bis zu den Kinos. Der Passus sei also einfach ganz anders zu verstehen: „Ein Hinwirken der Filmförderungsanstalt auf die Schaffung und Einhaltung sozialverträglicher Bedingungen für das in der Filmwirtschaft eingesetzte Personal kann dagegen insbesondere darin bestehen, allgemeine Maßnahmen wie die Erstellung empirischer Studien oder die Durchführung von Konferenzen, Tagungen und Fortbildungen zu arbeitsrechtlichen und sonstigen relevanten Themen zu unterstützen.”

Na sowas! So schwammig stand es doch schon im bisherigen FFG? Laut Paragraf 2, Absatz 2 habe die FFA die Aufgabe, „die gesamtwirtschaftlichen Belange der Filmwirtschaft in Deutschland einschließlich ihrer Beschäftigten zu unterstützen, insbesondere durch Maßnahmen zur Marktforschung […]” Doch darum hat sich die FFA bislang nie geschert. Zwar veröffentlicht sie regelmäßig zahllose Studien zu Kinobesuch, Umsatzerfolg und was immer die Produktions- und Verwertungsschiene an Zahlen braucht, aber kein Wort zur Lage der Filmschaffenden. Mit wenigen Mausklicks sind hier die Kinosäle nach Sitzplätzen samt Getränkekonsum minderjähriger Zuschauer zu erfahren. Aber nicht mal, wie viele Menschen überhaupt die Branche am Laufen halten.

Und hatte nicht Verdi auch angeregt, diese Aufgabenbeschreibung zu erweitern, damit es fortan um die „Verbesserung der Struktur der deutschen Filmwirtschaft und ihrer Beschäftigungssituation” ginge? Tatsächlich beschrieb dann der Regierungsentwurf als Aufgabe der FFA, „die gesamtwirtschaftlichen Belange der Filmwirtschaft in Deutschland einschließlich ihrer Beschäftigten und unter Berücksichtigung ökologischer Belange zu unterstützen.” Im Ausschuss für Kultur und Medien wurden die Belange der Beschäftigten wieder gestrichen; wenigstens die Umwelt blieb im FFG-Entwurf.[Korrektur: Sie wurden aus Paragraf Absatz 2 gestrichen, erhielten aber einen eigenen Absatz 9].

Doch selbst wenn man nun noch irgendetwas davon glauben wollte, was nicht mal versprochen wird: Hustensaft auf der Krebsstation zu verteilen, wäre effektiver. Als gäbe es noch nicht genügend Studien, die seit Jahren belegen, was jeder weiß: Der größere Teil der Filmschaffenden kann von seinem Job nicht leben! Und selbst wer nach der dritten Fortbildung mehr über seine Rechte weiß, hat nicht die Macht, sie durchzusetzen. Die FFA freilich, auf deren Zuwendungen die deutsche Produktionslandschaft gebaut ist, könnte das. Wenn man wollte.

Die Fortsetzung folgt am nächsten Donnerstag: „Das FFG und die Frauen“.

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Luftnummer FFG – 2: Selbsthilfe für die FFA

Wer Kultur schafft, soll auch davon leben können, predigt die Kulturstaatsministerin bei jeder Gelegenheit. Aber wenn nicht, ist es ihr auch egal. | Foto © cinearte

Auch an weiteren Stellen ist die Pressemitteilung der BKM zum neuen Filmförderungsgesetz mit einer verblüffenden Arglosigkeit formuliert: Die Förderung werde mit dem neuen Gesetz effizienter gestaltet, die Gremien verschlankt und professionalisiert, das Abgabeaufkommen der FFA gesichert. Da fragt keiner, wie die Förderanstalt denn wohl vorher gearbeitet hat (nebenbei: die korrekte PR-Floskel wäre „noch effizienter“). Zu mitreißend rasseln und klingeln die Worthülsen aus der schönen neuen Wirtschaftswelt aus dem Text: „effizient“… „konzentriert“… „erhöht“… „Spitzenförderung“! Auch das soziale Gewissen wird gestreichelt: Menschen mit Behinderungen sollen am Gemeinschaftserlebnis teilnehmen, mehr Frauen in den Gremien mitentscheiden, sozialverträgliche Arbeitsbedingungen… nun ja, nicht unbedingt plötzlich selbstverständlich werden, aber irgendwie soll die FFA „darauf hinwirken“, das die Filmwirtschaft ihre Leute anständig behandelt und bezahlt. Förderbedingung ist das nicht.

Warum verteilen Filmförderungen öffentliches Geld, das sie an alle möglichen Bedingungen knüpfen, nur nicht an die, dass auch Arbeits- und Sozialgesetze eingehalten werden? Als wir uns vor acht Jahren zum ersten Mal darüber wunderten, gab es nur verständnislose Blicke: Weil die FFA über die Filmabgabe finanziert wird, und das sei „eine wirtschaftsverwaltungsrechtliche Ausgleichsabgabe, die als Selbsthilfemaßnahme der Film- und Videowirtschaft ausgestaltet ist. Über Steuermittel verfügt die FFA nicht“, so die Selbstdarstellung, die auch quer durchs Netz zu finden ist. Weiterlesen

Dagegen lässt sich schwer argumentieren. Augenwischerei ist das trotzdem: Die FFA ist eine Bundesanstalt des öffentlichen Rechts, wie auch die Sender ARD und ZDF, die gut ein Fünftel des FFA-Budgets bestreiten – das Geld dafür verdienen sie nicht selbst, sondern erhalten sie durch den Rundfunkbeitrag, eine gesetzlich vorgeschriebene Pflichtabgabe der Bürger. Die anderen Organisationen und Institutionen, die die FFA finanzieren, tun das auch nicht unbedingt freiwillig, wie mehrere, jahrelange Rechtstreite mit den Kinobetreibern zeigten.

89,2 Millionen Euro betrug das Budget der FFA im Jahr 2013. Eine beeindruckende Summe, gleichwohl dürfte sie keinen in wirtschaftliche Schwierigkeiten bringen: Höchstens 3 Prozent ihres Kartenumsatzes zahlen die Kinobetreiber als Filmabgabe an die FFA, die Videoanbieter bis zu 2,3 Prozent. Privatsender zahlen weniger als 1 Prozent ihrer entsprechenden Werbeumsätze, Bezahlsender 0,25 Prozent ihrer Abo-Gebühren, die Öffentlich-Rechtlichen 2,5 Prozent der Ausgaben, die sie für die Ausstrahlung von Kinofilmen aufwenden. Das übliche Trinkgeld in der Gastronomie ist doppelt bis viermal so hoch. Aber das ist eine freiwillige Zahlung – die Filmabgabe hingegen ist eine Art Bedienungszuschlag: Sie ist in jeder Eintrittskarte, jedem Abo-Vertrag, jeder DVD und Werbesekunde einkalkuliert und wird vom Endkunden bezahlt. Von wegen „Selbsthilfemaßnahme”.

Die Rhetorik, juristisch abgestützt, reicht jedoch, die FFA von etwaiger Verantwortung abzuschirmen. Zwar werden Ausgaben, Ländereffekte und alles mögliche Weitere bei einer Förderzusage genau geprüft, nicht aber, ob die Arbeitsbedingungen stimmen. Das sei auch gar nicht gewollt, meinte 2012 Hans Schlosser, damaliger Geschäftsführender Vorstand der Bundesvereinigung Die Filmschaffenden, in der 13 Berufsverbände der Branche zusammenarbeiten.

Im Januar 2014 hatte Grütters im Rahmen der Regierungserklärung ihre anstehenden Aufgaben als neue Kulturstaatsministerin dargelegt. „Wer künstlerische Leistungen in Anspruch nimmt, der muss auch dafür Sorge tragen, dass Künstler von ihrer Arbeit nicht nur knapp überleben können, sondern angemessen bezahlt und sozial abgesichert werden.“ [PDF] Halt! Das war der falsche Link – da wiederholte sie den Satz ein Jahr später bei einer Tagung in Berlin. Hoppla, nochmal falsch: das war erst vorigen Januar beim Neujahrsempfang des CDU-Kreisverbands Coesfeld und dies im Februar beim wirtschaftspolitischen Frühstück der IHK Berlin [PDF]. Und das hier wieder 2014, als Grütters mehr Geld für den DFFF als „einer der wichtigsten Grundpfeiler der Filmförderung in Deutschland“ ankündigte, der dann stattdessen aber doch nur gekürzt wurde. Zum Glück sind Filmförderer keine Architekten.

Spaß beiseite: Dies wäre der richtige Link, das ist aber auch egal. Denn mehr als „Künstlersozialversicherung“ und „Leistungsschutzrechte“ wusste die Ministerin da eh nie anzuführen, und für die angemessene Bezahlung hat sie sich nie bemerkbar gemacht. Vielleicht ist ihr das alles ja auch nur egal.

Teil 3 folgt am Donnerstag hier.

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Cinema Moralia – Folge 144: »Mangel an Urteilskraft… Ignoranz… Zynismus in Reinkultur«

Nachruf in Filmen: Menschen am Sonntag – im Double Feature mit High Noon

Die uner­le­digten Aufgaben der Film­mi­nis­terin Monika Grütters und ihres heim­li­chen Vorge­setzten Günter Winands, der Ritter­schlag für einen Kommu­nisten und ein Nachruf in Filmen – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 144. Folge

»Ich glaube schon, dass Kino ein stärkeres Medium als Literatur ist. Ich weiß nicht, ob die Jugend in der Literatur die Leit­fi­guren findet, die sie braucht. Eddie Constan­tine zum Beispiel hatte eine solche Komik und Gelas­sen­heit, dass man von ihm, wenn man ihn öfter gesehen hat, Gelas­sen­heit lernen konnte. Gelas­sen­heit ist sehr wichtig.«
Ilse Aichinger

Ilse Aichinger ist gestorben, was mich aus vielen Gründen traurig gemacht hat. Einer davon ist, dass sie so großartig über Kino geschrieben hat, wie kaum jemand sonst in deutscher Sprache. Für sie war Kino nicht irgendwas, nicht Beiwerk, sondern das Essen­ti­elle. Eine Elemen­ta­rer­fah­rung, ein Teil des Lebens und darum dem Tod verbunden. Auch dass sie fast zeit­gleich starb, wie Leonard Cohen hat mich berührt, aber das ist eine Geschichte, über die muss ich später mal ausführ­li­cher schreiben.
Aichinger starb zehn Tage nach ihrem 95. Geburtstag. Wer etwas von ihrer Beziehung zum Kino erfahren möchte, sollte »Film und Verhängnis« lesen, eine Art Auto­bio­gra­phie mit dem Kino. Film als Hoff­nungs­zei­chen wird dort beschrieben, wunder­bare Sätze skiz­zieren die Kino­land­schaft des Vorkriegs-Wien zwischen »Sascha-Palast«, »Schwar­zen­berg­kino« und »Fasan«-Kino, mitten im Krieg, ange­sichts der Verfol­gung, war Kino mehr als Eska­pismus oder billiger Trost. »Die Erlösung war das Kino«.
Weiterlesen

Weil Aichinger bis ins höchste Alter gern ins Kino ging, wollte ihr das Film­mu­seum Austria eigent­lich zum 95. ein Geburts­tags­ge­schenk machen, das nun – könnte es passender sein! – zum Nachruf in Filmen geworden ist.
»Nach­mit­tags­kino« heißt die Reihe, die Filme von 1929 bis 1995 versam­melt, deren Auswahl alles sagt, und zum Beispiel neben  Liebelei und Before Sunrise auch den Western High Noon mit dem Weimarer Avant-Nouvelle-Vague-Film Menschen am Sonntag zum Double-Feature verknüpft. Warum wohl? Nicht wegen Godard, der beide Filme schätzte sondern wegen Fred Zinneman, der 1929 Regie­as­sis­tent war und bei den Menschen am Sonntag Regie führte. Do not forsake me, oh my darling…

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Flücht­linge, Gejagte, Außen­seiter – die stehen auch im Zentrum von »Haunted«, einem Film der Syrerin Liwaa Yazji, der am Freitag und am Montag im Berliner Kino Movie­mento aufge­führt wird.
Die Regis­seurin schreibt dazu: »Als die Bomben kamen, war das erste was wir taten, wegzu­laufen. Später erin­nerten wir uns daran, nicht zurück geschaut zu haben. Wir haben uns nicht verab­schieden können, von unserem Heim, unseren Erin­ne­rungen, unseren Fotos und dem Leben, das in ihnen wohnte. Unbehaust wie diese Räume sind wir geworden, mit unseren hastig gepackten Sachen, und den verges­senen Dingen, die uns nun heim­su­chen*c Der Flucht und Vertrei­bung aus Syrien folgt das ungewisse Dasein in einem physi­schen und mentalen Nirgendwo, einem Nicht-Raum zwischen gestern und morgen.«
Haunted erzählt vom Verlust von Heimat und Sicher­heit, von der realen und meta­pho­ri­schen Bedeutung, die ein Haus, ein Heim im Leben eines Menschen hat.
Hier ist der Trailer zum Film. Auf die Vorfüh­rung folgt ein Gespräch mit der Regis­seurin – am 25. November um 17 Uhr und am 28. November um 19 Uhr.

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Es erreichte uns heute einmal mehr eine Pres­se­mit­tei­lung der hoch­ge­schätzten Staats­mi­nis­terin für Kultur, Monika Grütters. Dem Wesen dieser Jubel-PR-Mittei­lung entspre­chend ist sie über­ti­telt mit »Aner­ken­nung für den Wert der Kultur – Haushalt steht für die Verant­wor­tung des Bundes«. Und darin liest man von der löblichen Stei­ge­rung des Gesamt­etats für Kultur und Medien im Jahr 2017 auf rund 1,63 Milli­arden Euro, also um rund 17 Prozent. Man liest wie die wackere Frau Grütters seit ihrem Amts­an­tritt 2013 den Etat um über 350 Millionen Euro, also 27,5 Prozent erhöht hat. Man liest Sätze von Frau Grütters über »das Bekenntnis zu freien, unab­hän­gigen Medien«, die »zu den Funda­menten unseres Selbst­ver­s­tänd­nisses« gehörten, über die Etat­er­höhung als »Ausdruck dieser Aner­ken­nung für die meinungs­bil­denden Milieus als tragende Säulen unserer Demo­kratie.« Über »das gesamt­ge­sell­schaft­liche Bewusst­sein für den Wert der Kultur als Modus unseres Zusam­men­le­bens«. Man erfährt: »Für eine gute Zukunft brauchen wir nicht nur die nüchterne Ratio­na­lität der Politik, sondern auch die orien­tie­rende, den Diskurs struk­tu­rie­rende Kraft der Medien und die schöp­fe­ri­sche Kraft der Kultur und Künste.«
Dann listet Grütters zum x-ten Mal ihre Lieb­lings­themen auf: »Neubau eines Museums für die Kunst des 20. Jahr­hun­derts«, »Stiftung Deutsches Zentrum Kultur­gut­ver­luste«, »Prove­ni­en­z­re­cherche und -forschung«, »NS-Raubkunst«, »Bauhaus­ju­biläum«, »Denk­mal­schutz«, »Humboldt Forum«, »Barenboim-Said-Akademie«, »Deutsche Buch­hand­lungs­preis«, »Thea­ter­preis«, usw, usf, man liest und liest. Die Millionen purzeln, hier über 70, da mehr als 76 Millionen Euro und sehr vieles davon findet übrigens in Berlin statt. Nur von einem liest man fast nichts, von der eigent­li­chen Haupt­zu­stän­dig­keit der Staats­mi­nis­terin, dem Kinofilm. Sie ist nämlich nicht Minis­terin für Denk­mal­schutz und Literatur, sondern für den Film.
Die Film­för­de­rung aber wird im Text nur ganz am Rande erwähnt, was Grütters Prio­ritäten recht gut kenn­zeichnet.

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»Das gesamte neue Film­för­de­rungs­ge­setz … ist kein großer Wurf, sondern im Grunde ein Flop.« – so kriti­siert auch einer der geschick­testen und mutigsten deutschen Verleiher, Torsten Frehse, der Gründer und Geschäfts­führer des Berliner Film­ver­leihs »Neue Visionen«. »Sehr schwach und letzten Endes nicht konse­quent zu Ende gedacht«, nennt Frehse im Interview mit Blick­punkt Film die neuen Film­för­der­re­ge­lungen, die von Grütters persön­lich und fast noch mehr von ihrem überaus einfluss­rei­chen, von der fach­li­chen Schwäche der Minis­terin profi­tie­renden Amtschef Günter Winandts  verant­wortet werden.
Frehse benennt viele wunde Punkte: »Manche Filme werden doch nur deshalb noch halb­herzig in die Kinos bugsiert, weil das aufgrund von Förder­re­gu­la­rien so sein muss. Ganz egal, wie klar allen Betei­ligten ist, dass diese Werke besten­falls die Leinwände verstopfen. Das ist doch völlig gaga! Nicht umsonst tritt die AG Verleih klar dafür ein, derartige gesetz­liche Start­ver­pflich­tungen abzu­schaffen.«
In seinem saftig zu lesenden, mutigen Rund­um­schlag kriti­siert Frehse neben der Filmflut auch Verleiher, die zu viel Ware in den Markt drücken und Kinos, die in ihrem Programm mehr auf Quantität denn Qualität setzen. »Ich denke, es würde nicht schaden, sich als Kino­ma­cher ein wenig genauer anzusehen, wer hinter einem Film steht, wer ihn heraus­bringt und was er dafür tut. Das könnte schon so manche Fehl­ent­schei­dung vermeiden helfen.«
Die Schlüs­sel­rolle spiele aber doch die Förderung. Am meiste kranke das neue FF-Gesetz daran, »dass am Status Quo nicht gerüttelt wird, dass es nicht gelungen ist, den einzelnen Betei­ligten mehr Verant­wor­tung abzu­ver­langen. Ich hätte ehrlich gesagt nicht gedacht, dass das FFG erneut mit derar­tigen Schwächen verlän­gert wird. Es gab zahl­reiche kluge Vorschläge – und dass sich davon kaum etwas im Gesetz findet, ist schon beinahe peinlich.«

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Passend zum 20. Firmen­ju­biläum erhält Frehse jetzt ausge­rechnet den »Ordre des Arts et des Lettres« der Fran­zö­si­schen Republik für sein Enga­ge­ment für die fran­zö­si­sche Film­kultur in Deutsch­land, und wird damit zum Ritter der Kunst und Literatur ernannt – »ausge­rechnet«, weil Frehse diese Gattung vor ein paar Jahren womöglich noch als »Junker« verspottet hätte. Denn der Verleiher war mal (oder ist noch?) beken­nender Kommunist, hat lesens­werte (leider vergrif­fene) Texte über das Arbei­ter­kino der Weimarer Republik geschrieben, und gehört auch zu den wenigen, die offen zu einer linken poli­ti­schen Position stehen: »Obwohl wir uns politisch ganz klar links posi­tio­nieren, wollen wir nicht rein dogma­tisch vorgehen. Natürlich ist unser Programm auch von ausdrück­lich poli­ti­schen und sozi­al­kri­ti­schen Filmen geprägt. Aber das Leben hat doch so viele Facetten…«

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Auf der nicht mehr ganz taufri­schen Website von »Neue Visionen« stehen viele Filme, auf die der Verleih stolz sein kann, manche, die heute applau­dieren, haben diese Anfänge vergessen: »großar­tige Filmkunst … Filme von Ken Loach und Jean-Luc Godard, … Filme auf der Höhe der Zeit … sowie ein starkes Reper­toire mit über 100 Film­klas­si­kern von Casablanca bis Tanz der Vampire, oder die Wieder­auf­füh­rung des surrea­lis­ti­schen Films Black Moon von Louis Malle.
»Keine teuren Empfänge, keine Börsen­kurse oder Output Deals, dafür Konti­nuität und gute Filme. Unsere Moti­va­tion, diese Filme erfolg­reich in die Kinos zu bringen, ist zudem die Grundlage unserer Ökonomie.«
»Wir finden es über unsere eigent­liche Verleih­ar­beit hinaus wichtig, uns film­po­li­tisch einzu­mi­schen. So sind wir zum Beispiel nicht nur Mitglied der AG Verleih unab­hän­giger Film­ver­leihe und des Verbandes der Film­ver­leiher, wir bestehen zudem darauf, in den Verbänden und bei anderen Möglich­keiten, wie Pres­se­ge­sprächen oder Podi­ums­dis­kus­sionen, unsere Posi­tionen zu vertreten.«
Zu denen gehört: »Immer noch gehen Millionen Kino­be­su­cher in die pein­lichsten Main­stream-Filme, und wir sind bereits stolz, dass wir mit einigen unserer Filme etwas mehr wahr­ge­nommen wurden als noch einige Jahre zuvor.«

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Schade nur, dass Torsten Frehse es in letzter Zeit nicht lassen kann, sich über die Film­kritik zu mokieren. Dass Kritiker seinen großen Kassen­er­folg Monsieur Claude und seine Töchter nicht so mochten, ist für ihn »ein Ausdruck von Engstir­nig­keit.« Und dann weiter »Ich glaube, dass etliche Kritiker gar nicht verstehen, wie viel Arbeit und Kunst­fer­tig­keit hinter einer guten Komödie stecken. Das sollte man ruhig auch einmal aner­kennen.« Das ist zu billig! Klar: Es gibt viele Kritiker, die von gar nichts irgendwas verstehen – aber unter diesen Trotteln gibt es auch viele, die Monsieur Claude und seine Töchter lobten. Ich könnte jetzt Namen nennen, aber die kennt Monsieur le Chevalier selber. Film­kritik spiegelt einfach den Stand der Film­kultur, also ist sie in Deutsch­land im Durch­schnitt so schlecht oder verbes­se­rungs­fähig, wie die Filme, die Film­po­litik, die Arbeit vieler Verleiher und vieler Kino­be­treiber.
Nein, auch Verleiher Frehse könnte »ruhig auch einmal aner­kennen« wie viel Arbeit und Kunst­fer­tig­keit hinter der Film­kritik steht. Gott spielen tun heute in der Film­branche nur noch wenige Produ­zenten und Verleiher. Und anderen gefühltes Aufmerk­sam­keits­de­fizit vorzu­halten steht gerade dem nicht unbedingt an, der wöchent­lich auf Podien sitzt, und sogar bei so einem Baller­bal­ler­ma­gazin wie »Blick­punkt Film« Gast­ko­lumnen schreibt. Nichts für ungut!

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Trotzdem lese ich auch immer wieder mal »Blick­punkt Film«, und zwar eigent­lich nur wegen der Gast­au­toren. So gab es nicht nur das schöne Frehse-Interview, sondern vor zwei Wochen auch einen exzel­lenten Text von Eberhard Junkers­dorf, einem der erfah­rensten Produ­zenten unseres Landes. Aus Anlass ihres 50. Jubiläums, dass die Murnau-Stiftung kommende Woche feiert, hält er der Kultur­staats­mi­nis­terin weitere ihrer uner­le­digten Aufgaben vor. Wir zitieren:
»Die Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung hat in den vergan­genen fünf Jahr­zehnten einen ganz entschei­denden Beitrag zum Erhalt und zur Veröf­fent­li­chung des deutschen Filmerbes geleistet. Durch ihre Arbeit sind uns Meis­ter­werke deutscher Filmkunst erhalten geblieben. Es sind Raritäten und Zeit­do­ku­mente von unschätz­barem kultu­rellem Wert, die noch viele Jahr­zehnte von zukünf­tigen Gene­ra­tionen gesehen und erlebt werden können.«
Bei so einer Erfolgs­story müsse man eigent­lich annehmen, dass der Tag ihres 50-jährigen Bestehens festlich begangen wird. »Das ist aber ganz und gar nicht so.«
Die deutsche Bundes­re­gie­rung kaufte einst etwa 6000 deutsche Filme (Stumm­filme, Tonfilme in Schwarz­weiß und Farbe, Kurzfilme, Anima­tions- und Werbe­filme) um sie vor US-ameri­ka­ni­schen Inter­es­senten zu retten, für den Spott­preis von 11,4 Mio. Mark!!! Das Geld wurde der frisch­ge­grün­deten Murnau-Stiftung »großzügig von der Bundes­re­gie­rung als Darlehen zur Verfügung gestellt«, das aus Einnahmen von Lizenz­ver­gaben zurück­ge­zahlt werden sollte – aller­dings hoch­ver­zinst
war. Die Folge: Die Stiftung zahlte nichts zurück, sondern häufte Schulden auf. Das Darlehen konnte dadurch erst 1996 nach 30 Jahren abgezahlt werden.

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Es macht großen Spaß zu lesen, mit welchem Biss Junkers­dorf den Skandal des Umgangs der Bundes­re­gie­rung mit der Murnau-Stiftung auf den Punkt bringt: Der Staat überträgt seine nationale Aufgabe an eine Stiftung, versieht diese Aufgabe mit unak­zep­ta­blen Kondi­tionen und zieht sich dann aus der Verant­wor­tung heraus, nämlich der Rettung des deutschen Filmerbes. Er gründet auch noch eine GmbH, die Transit-Film (Warum muss der Staat eine GmbH besitzen?), die sich um die Verkäufe der
Filme kümmern soll. Dafür darf sie ein Drittel des Verkaufs­preises behalten, muss sich aber nie an den Kosten der Instand­set­zung der Filme betei­ligen.
Die für die Kultur verant­wort­li­chen Politiker betonen zwar immer, dass Deutsch­land ein Kultur­staat ist, und das Filmerbe ein unver­zicht­barer Bestand­teil des natio­nalen Kultur­guts, wie Meis­ter­werke der Literatur, der Musik und der Malerei. Doch die Realität sieht leider ganz anders aus.
Auch Junkers­dorf drischt zu Recht auf den heim­li­chen Kultur­staats­mi­nister Günter Winands ein: »zunächst einmal kein Freund von aktuellen Filmen«, der blauäugig und unifor­miert Unsinn in die Welt setzt, wofür er von niemandem gemaß­re­gelt wird. Junkers­dorf: »Mangel an Urteils­kraft… Ignoranz… Zynismus in Rein­kultur«.
Neidisch erwähnt Junkers­dorf Frank­reich, das pro Jahr fast 70 Mio. Euro für den Erhalt seines Filmerbes zur Verfügung stellt, und folgert: »Deutsch­land ist ein reiches Land und ‘schafft’ es nicht, zehn Mio. Euro pro Jahr für sein Filmerbe zur Verfügung zu stellen und nimmt dafür in Kauf, dass immer mehr Filme irrepa­rabel verloren gehen?«
Der Murnau-Stiftung drohe die Insolvenz. Eberhard Junkers­dorf sieht offenbar keinen Ausweg, als zu flehen: »Der deutsche Film verkör­pert einen Teil unserer Identität, bildet Ausschnitte unseres Lebens ab und ist gleich­zeitig Spiegel und Schau­fenster von deutscher Realität. Ich appel­liere an unsere Kultur­staats­mi­nis­terin Monika Grütters: Machen Sie die Rettung der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung und des deutschen Filmerbes zur Chefsache! Verhin­dern Sie den Verfall von einem Teil
Deutscher Kultur! Deutsch­land ist ein Kultur­staat, und die Rettung des natio­nalen Filmerbes ist vorrangig eine staat­liche Aufgabe.«

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Luftnummer FFG – 1: Die Chefin und der Deutsche Film

Verarschen können wir uns selber? Die BKM kann’s besser. | Foto © API, Michael Tinnefeld für Deutsche Filmakademie

Im neuen Jahr soll auch ein neues Filmförderungsgesetz (FFG) gelten, und offenbar gefällt allen, was am 10. November nach zweiter und dritter Lesung im Bundestag beschlossen wurde. Natürlich hat die Opposition zu meckern: Es sei „die Chance vertan, die deutsche Filmlandschaft vielfältiger und gerechter zu gestalten“, sagt die filmpolitische Sprecherin der Grünen, doch schon ihr Kollege von der Linken gibt sich koalitionsbereiter und nennt es „zaghafte Schritte in die richtige Richtung.“

Im Dezember soll das neue Gesetz auch den Bundesrat passieren und gibt dann für die nächsten fünf Jahre die Rahmenbedingungen für die Filmförderungsanstalt (FFA) vor. Und womöglich nicht nur für die, denn auch Fördereinrichtungen der Länder orientieren sich mehr oder weniger daran. Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), Monika Grütters, selbst nannte das Gesetz „ausgewogen und gelungen“ und lobte bei der Gelegenheit den Deutschen Film: Mit einem Besucheranteil von 27,5 Prozent habe er 2015 nicht nur das beste Ergebnis seit Erfassung dieser Daten erzielt, lässt sie in einer Pressemitteilung verbreiten, sondern auch internationale Strahlkraft. Beleg dafür ist das Mantra dieses Sommers: „Toni Erdmann“, „der jetzt für einen Auslands-,Oscar‘ nominiert ist.”

Hier irrt die Kulturstaatsministerin: Nominiert ist noch gar keiner, „Toni Erdmann“ ist lediglich als deutscher Kandidat eingereicht worden – neben denen von 84 weiteren Ländern. Über die fünf Nominierungen wird bekanntlich immer erst im Januar entschieden. Bislang ist die Strahlkraft, was den „Oscar“ angeht, also eher nur national und ein kühner Wunsch. Stattdessen hätte Grütters ja darauf hinweisen können, dass der Film von Maren Ade auch bei den „Europäischen Filmpreisen“ im Dezember antritt, die auch ganz schön international sind. Da ist „Toni Erdmann“ sogar richtig nominiert und das gleich in sechs Kategorien. Weiterlesen

Dass Grütters den Deutschen Film gut darzustellen versucht, ist nachvollziehbar – dann hat sie wohl auch alles richtig gemacht als Deutschlands oberste Filmförderin. Bloß: Wenn alles so toll läuft, wozu braucht’s dann ein neues Filmförderungsgesetz?

124 Produktionen hat die FFA im Jahr 2015 gefördert. In den großen Filmwettbewerben dieser Welt, den 15 sogenannten A-Festivals, war davon wenig zu sehen. Lediglich der Dokumentarfilmer Thorsten Schütte gewann in San Sebastian in der Nebensektion Zabaltegi-Tabakalera mit „Eat that Question: Frank Zappa in His Own Words“. In Locarno, Montreal und Warschau gab’s Sonderpreise der Jury für Filme, bei denen zwar deutsche Koproduzenten mitgewirkt hatten, die aber keiner für „deutsche” Filme halten könnte, sondern für das, was sie sind: kurdisch, arabisch, rumänisch. Tatsächlich hat 2007 in Schanghai zum letzten Mal ein deutscher Beitrag den Wettbewerb eines A-Festivals gewonnen – rund 150 weitere solcher „A“-Wettbewerbe gab es seither.

Kaum anders sieht’s beim „Europäischen Filmpreis“ aus. Wie „deutsch“ sind Michael Hanekes „Liebe“ oder Roman Polanskis „Ghostwriter“? Da muss man schon sieben Jahre zurückblicken, um für Hanekes „Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte“ einen Preis für den besten Film zu entdecken. Wenn „Toni Erdmann“ nun in allen sechs Kategorien gewinnen sollte und noch dazu den Auslands-„Oscar“, wäre das toll für den Film, und seine Regisseurin Maren Ade dürfte zu Recht strahlen. Aber was sagt das über die Strahlkraft des Deutschen Films an sich und insgesamt aus?

Aber der Marktanteil! 27,5 Prozent für deutsche Filme im Jahr 2015 sind neuer Rekord! Das klingt tatsächlich beachtlich. Zumal nur vier Filme schon mehr als die Hälfte der 37 Millionen Besucher anlockten. Auf Platz drei nach „Fack ju Göhte 2“ und „Honig im Kopf“ übrigens der letzte Teil von „Die Tribute von Panem – Mockingjay Teil 2“. Der ist zwar ohne deutsche Darsteller in den tragenden Rollen und ohne deutsche Heads of Department, dennoch irgendwie eine deutsche Produktion, weil Grütters’ Deutscher Filmförderfonds fast vier Millionen Euro für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen dazugegeben hat. Ohne diesen Titel wäre das Gesamtergebnis des „Deutschen Films” unter dem des Vorjahres geblieben. So aber gab es Anlaß zum Jubeln, schließlich wurde gab’s schon im Vorjahr einen „Rekord“, der damit nochmal übertroffen wurde: 2014 war mit 26,7 Prozent der „zweithöchste Marktanteil aller Zeiten für den deutschen Film“ erzielt worden, jubelte die FFA und erklärte mal eben elf Jahre zur Ewigkeit, denn diese Daten werden erst seit 2004 erhoben. Als „Beleg für die erfolgreiche Filmpolitik des Bundes“, wertete das Grütters damals, und ihr Vorgänger Bernd Neumann, nun Präsident der FFA meinte: „Der deutsche Film kann sich sehen lassen.“

Aber lieber nicht in Europa: Da kam Frankreich im Jahr 2014 auf 44 Prozent, und Deutschland hielt mit seinem Rekordergebnis gerade einen Mittelplatz im Verfolgerfeld aus zehn weiteren Ländern. Die Türkei verzeichnete übrigens sogar 59 Prozent.

Doch über Nutzen und Wert der Förderung sagen diese Zahlen eh nichts aus, hatte der Verband der deutschen Filmkritik in seiner Stellungnahme zum Entwurf des neuen Fördergesetzes im März 2015 angemerkt: Durch das bestehende FFG seien weder die Marktchancen deutscher Kinofilme im vorigen Jahrzehnt erkennbar erhöht, noch Filme produziert worden, „die dem deutschen Kino konstante internationale Präsenz sichern, von internationalen Preisen oder Kassenerfolgen gar nicht zu reden. ,Kreativ-künstlerische Qualität‘ des deutschen Kinos, so sie denn besteht, bleibt international unsichtbar.” Und wenn über 90 Prozent aller Fördermittel (nach den eigenen Angaben der Förderinstitutionen) nicht zurückgezahlt werden, sei das eine klassische Subvention, meint der Kritikerverband. „Die Zielsetzung von wirtschaftlichem Erfolg ,des deutschen Films’ ist eine fromme Lüge.“

Was freilich auch anerkannte Qualitätsmedien wie „Zeit“ oder „Süddeutsche Zeitung“ nicht davon abhält, die Werbezahlen aus dem Ministerium und der FFA kommentarlos nachzudrucken. Da kann man sich ruhig auch mal mit der „Oscar“-Nominierung vertun – gut klingt’s allemal, und vielleicht merkt’s ja keiner. Richtig gedacht.

Ums nicht falsch zu verstehen: Der Deutsche Film kann auch strahlen. Vielleicht nicht blenden, aber funkeln und glänzen. Nur tut er das nicht unbedingt da, wo die Ministerin hinzeigt. Die Liebe zum Deutschen Kino sei gewachsen, auch internationale Festivals würden allmählich wach, sagte etwa Christoph Gröner, der beim Filmfest München die Reihe „Neues Deutsches Kino“ betreut, im Sommer im Deutschlandradio: „Es ist eine Superphase für das deutsche Kino, aber das sage ich auch schon ein paar Jahre.“

Welchen Stellenwert sie dem Deutschen Film gibt, hatte Grütters ausgerechnet bei „Toni Erdmann“ demonstriert: Da war nach vielen Jahren endlich mal wieder ein deutscher Film in den Wettbewerb eingeladen, und ausgerechnet die Kulturstaatsministerin war nicht dabei, um zu sehen, wie er seine Strahlkraft entfaltet. Mit „privaten Gründen“ wurde ihre Abwesenheit entschuldigt. Für andere Termine freilich hatte die Ministerin während der zwölf Tagen, die das Festival dauert, Zeit.

Die laufenden Bilder stehen offenbar nicht ganz oben auf ihrer Liste der schützenswerten Kulturgüter. Das belegte Grütters erst vor zwei Wochen aufs Neue: Der Haushaltsausschuss des Bundestags hatte am 10. November zusätzlich 280 Millionen Euro für den Kulturetat 2017 bewilligt – 17 Prozent mehr als im laufenden Jahr und der größte Aufwuchs des Kulturhaushalts seit ihrem Amtsantritt, rechnete das Ministerium vor. Eine gute Nachricht, schließlich war in ihrer Amtszeit der Deutsche Filmfernsehfonds von anfangs 60 auf 50 Millionen Euro im Jahr gekürzt worden, obwohl doch das Erfolgsmodell eine Gelddruckmaschine sein soll: „Für jeden Euro Förderung wurden rund sechs Euro in Deutschland investiert“, erklärt Grütters auf der Website des DFFF.

Den Fördertopf nun wenigstens wieder auf die einstige Größe aufzustocken (unter ihrem Amtsvorgänger war er 2013 sogar auf 70 Millionen Euro gestiegen), sei nicht geplant, teilte das Ministerium auf Anfrage von „cinearte“ mit: „Zunächst einmal sieht der Bund die Länder in der Pflicht, in Wahrnehmung ihrer ,Kulturhoheit‘ den Film bei Bedarf stärker zu unterstützen. Sollten sich darüber hinaus weitere Notwendigkeiten ergeben, würde der Bund sicherlich eine Erweiterung der Fördermöglichkeiten prüfen.“ Soll heißen: Von den 280 Millionen Euro, die jetzt hinzugekommen sind, bekommt der Deutsche Film … nichts.

Die Fortsetzung folgt hier.

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Symposium der Deutschen Akademie für Fernsehen 2016 – Panel I: Nachwuchsförderung vs. Altersdiskriminierung

Von links nach rechts: Jörg Winger, Simone Stewens, Annette Reeker, Carola Raum, Gesine Enwaldt, Birgit Kniep-Gentis

Wir schließen die Reihe mit dem 1. Panel: Nachwuchsförderung vs. Altersdiskriminierung / Über Kollegialität und Konkurrenz

Moderation: Annette Reeker, Produzentin (nominiert für: “Cape Town”)

Teilnehmer:

Birgit Kniep-Gentis, Szenenbildnerin (nominiert für: “Schwarzach und die Hand des Todes”)

Carola Raum, Kostümbildnerin (nominiert für: “Mein Schwiegervater, der Stinkstiefel”)

Jörg Winger, Produzent (nominiert für: “Deutschland 83″)

Simone Stewens, Geschäftsführerin, ifs internationale filmschule köln gmbh

Gesine Enwaldt, freie Autorin (nominiert für: “Fast perfekt – Anke Engelke und die Selbstoptimierer”)

Herzlichen Dank an die Akademie und an Preproducer, dass wir die Aufzeichnung hier auch für alle, die nicht dabei sein konnten, zeigen können.

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Symposium der Deutschen Akademie für Fernsehen 2016 – Panel II: Mordopfer Genrevielfalt

Von links nach rechts: Philipp Steffens, Dr. Gabriela Sperl, Patrick Simon und Dr. Barbara Buhl

Es geht weiter mit dem 2. Panel: Mordopfer Genrevielfalt / Über die Auswirkungen der Krimiflut

Moderation: Dr. Gabriela Sperl, Produzentin (nominiert für: „Mitten in Deutschland: NSU – (Die Trilogie)“)

Teilnehmer:
Dr. Barbara Buhl, Leiterin der Programmgruppe Fernsehfilm und Kino, Westdeutscher Rundfunk

Philipp Steffens, Leitung Fiction, RTL Television GmbH (nominiert für: “Duell der Brüder – Die Geschichte von Adidas und Puma“)

Patrick Simon, Programm-Manager, ProSiebenSat.1 TV Deutschland GmbH (nominiert für: “Mordkommission Berlin 1″)

Herzlichen Dank an die Akademie und an Preproducer, dass wir die Aufzeichnung hier auch für alle, die nicht dabei sein konnten, zeigen können.

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Symposium der Deutschen Akademie für Fernsehen 2016 – Panel III: Mitten in Deutschland – Ein Werkstattgespräch mit Christian Schwochow über Regiearbeit

Christian Schwochow (links) und Stephan Wagner im Gespräch

Aus in diesem Jahr veranstaltete die Deutsche Akademie für Fernsehen vor der abendlichen Preisverleihung ein Symposium mit 3 spannenden Panels. Wir veröffentlichen diesmal nicht alle drei auf einmal, sondern schenken nur immer einem unsere Aufmerksamkeit. Beginnen möchten wir mit dem sehr interessanten Gespräch mit einem beeindruckenden Christian Schwochow, der zu diesem Zeitpunkt der Aufzeichnung natürlich noch nicht wissen konnte, dass er am Abend dann für seinen Film Mitten in Deutschland: NSU – Die Täter: Heute ist nicht alle Tage mit dem Preis für die Beste Regie ausgezeichnet werden wird. Herzlichen Dank an die Akademie und an Preproducer, dass wir die Aufzeichnung hier auch für alle, die nicht dabei sein konnten, zeigen können.

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Cinema Moralia – Folge 143: Er will doch nur spielen!

King Kong und die weiße Frau (1933)

Wer hat Angst vor Donald Trump? Der neue US-Präsident und das Kino, die Medien und die Propa­ganda – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 143. Folge

»All you need in this life is igorance and confi­dence and then success is sure.«
Mark Twain
»Die wirkliche Welt ist in Wahrheit nur eine Karikatur unserer großen Romane.«
Arno Schmidt

Ganz ruhig bleiben, Leute! Es ist einfach nicht so wichtig, wer Amerika regiert. Das wird alles über­schätzt, gerade von den Amerika-hörigen Deutschen. In den 50er Jahren war der US-Präsident noch der »Führer der freien Welt«. Diese Zeiten sind glück­li­cher­weise vorbei. Politik ist kompli­zierter geworden, aber damit auch uname­ri­ka­ni­scher: Ameri­ka­ni­sche Verhält­nisse sind längst nicht mehr der Maßstab für die hiesige Demo­kratie. Das ist eine gute Nachricht.
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Viel­leicht geht es ja auch anderen so wie mir: Ich hätte viel dafür gegeben, heute Nacht Hillary Clintons Gesicht zu sehen, in dem Augen­blick, in dem ihr klar wird, dass sie die Wahl verloren hat. Ich geb’s zu: Ihr und den ihren geschieht es recht, da bin ich scha­den­froh.
Das ist wohl sowieso die entschei­dende Botschaft: Für Hollywood und das Kino ist die Wahl von Donald Trump eine gute Nachricht. Zwar haben die ganzen Star-Kampagnen gegen Trump nichts gebracht. Ich fand die der Avengers am besten, in denen Robert Downey Jr, Scarlett Johansson und viele andere ganz witzig gegen Trump agitieren. Aber es hat nichts geholfen. Dafür können die Leute jetzt Anti-Trump-Filme machen. Acht Jahre Obama waren acht Jahre ohne kritische Präsi­den­ten­filme. Weil Obama
irgendwie an Bambi erinnerte – da hatten alle Beiß­hem­mung. Aber jetzt. Wir warten auf Oliver Stones Reaktion, wir warten sogar auf Michael Moore. Was wird Eastwood machen, mit dem Mann, der sich vor dem Vietnam-Einsatz gedrückt hat (was uns Liberalen doch sympa­thisch sein könnte).
Wer könnte Trump spielen? Hillary wurde vor Jahren bereits von Merryl Streep verkör­pert, in Jonathan Demmes Remake von Fran­ken­hei­mers Manchu­rian Candidate.
Aber wer könnte Trump verkör­pern?
Natürlich erinnert Trump ein bisschen an King Kong, oder noch mehr an Godzilla – beide eher tolpat­schig als wirklich böse, verur­sa­chen sie doch Massen­panik. Mal sehen.
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Vor acht Jahren waren die Deutschen glücklich: Barak Obama hieß der neue Hoff­nungs­träger. Der erste schwarze Präsident der USA, das musste einfach ein Messias sein. Ein glän­zender Redner, versprach er mit Silber­zunge, dass alles anders werden würde: Guan­ta­namo geschlossen, das Klima gewandelt, der Kriegs­ein­satz im Nahen Osten und in Afgha­nistan beendet. Da war er: Der gute charis­ma­ti­sche Führer, von dem die Deutschen seit jeher träumen, ein Friedrich Barba­rossa mit dunkler
Haut.
Wenn man sich die Ergeb­nisse anschaut, ist aus den schönen Worten und Hoff­nungen so gar nichts geworden: Außer der Gesund­heits­re­form und der Norma­li­sie­rung der Bezie­hungen zu Kuba. Schluss, Aus! Dieser Präsident, der so hoch­ge­lobt und gefeiert worden ist, hat ansonsten nichts an realen Verbes­se­rungen gebracht: Ein Bluffer und leerer Schön­redner.
Jetzt gibt es wieder einen ameri­ka­ni­schen Politiker, der alle Phan­ta­sien der Deutschen bündelt: Er hat die rosig-weiße Haut des White Trash Amerikas und heißt Donald Trump. Trump ist nicht weniger wie Obama zu einem poli­ti­schen Körper geworden, bloß ist er aus europäi­scher Sicht der Anti-Hoff­nungs­träger, der Albtraum­träger. Weiterlesen

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Es ist unfassbar, was sich allein seit dem heutigen Mitt­woch­morgen für ein Medi­en­ge­witter an Angst. und Hysterie-Szenarien in Radio und Fernsehen über uns ergossen hat.
Was machen diese Medien bloß! Und mit welch’ exor­bi­tanter Einsei­tig­keit breiten sie Gefühle aus, anstatt zu analy­sieren, malen sie Affekt­ku­lissen anstatt aufzu­klären. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass sich die deutschen Qualitäts­me­dien in einer exis­ten­ti­ellen Krise befinden, dann ist es diese Reaktion.

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So wie alle bei Obama gewiss waren, dass er das Gute verkör­pert, wissen nun alle: Dieser Mann wird, wenn schon nicht den nächsten Weltkrieg entfes­seln, so doch uns alle ins Unglück stürzen. Aber diese Annahme ist so falsch, wie die vor acht Jahren. Die in Deutsch­land derzeit verbrei­tete reflex­hafte Ablehnung Trumps ist verkehrt. Es gibt nämlich gar keinen Grund für die Deutschen, Donald Trump zu fürchten. Dies aus drei zentralen Gründen:
– Zum einen »the human factor«. Trump ist ein analoger Politiker. Klar: Es ist anzu­nehmen, dass Trump seine Verspre­chungen nicht halten wird. Aber glaubt man ernsthaft, das wäre bei Clinton anders gewesen? Hat Obama seine Verspre­chungen gehalten? Guan­ta­namo ist weiterhin offen, US-Truppen stehen weiterhin in Afgha­nistan und im Irak, die Rassen­kon­flikte sind größer denn je seit den 60er Jahren, die Geset­zes­bre­cher aus dem Finanz­sektor, die 2008 die Banken­krise einge­leitet
haben, sind weiterhin auf freiem Fuß, die USA liegen am Boden.

Trumps Wähler, wie auch die Unter­s­tützer des unor­tho­doxen demo­kra­ti­schen Kandi­daten Bernie Sanders wollen keine weiteren vier Jahre dieses Status Quo, wie sie das Esta­blish­ment beider Parteien verspro­chen hat. Sie wollen Verän­de­rung um jeden Preis. Sie lehnen das etablierte Poli­tik­mo­dell grund­sätz­lich ab. Sie tole­rieren keine Halb­her­zig­keiten. Dagegen ist erst einmal überhaupt nichts zu sagen.

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Kleiner Exkurs am Rande: Was werden all die Demo­kraten fluchen, dass sie auf die abge­half­terte Hillary gesetzt haben, anstatt auf Bernie Sanders. Was wird auch Clinton selbst fluchen, dass sie nicht den Mut hatte, Sanders als Vize­prä­si­dent­schafts­kan­didat zu ernennen. Sanders hat nämlich, von denselben popu­lis­ti­schen Instinkten mal abgesehen, genau die Wähler ange­spro­chen, die jetzt den Ausschlag gegen Clinton gegeben haben: Weiße Prole­ta­rier.
Clintons Fall belegt, wie taktisch falsch es ist aus lauter Minder­heiten eine Mehrheit gegen die Mehrheit schmieden zu wollen. Wie stra­te­gisch falsch es von Clinton war, um die Stimmen von Frauen, Schwarzen, Latinos, Homo­se­xu­ellen zu werben, um damit weiße Männer zu besiegen. Post­mo­derne Theorie kann auch blind machen.
Sanders Anhänger hatten die Dele­gierten des demo­kra­ti­schen Nomi­nie­rungs­par­tei­tags bereits im Juni gewarnt: Wenn sie Hillary ernennen, wird der nächste Präsident Donald Trump heißen.
Jetzt ist das Motto der linken Demo­kraten wahr geworden: Bernie or bust!!!

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Donald Trump verspricht, den Algo­rithmen der Globa­li­sie­rung des Poli­ti­schen Paroli zu bieten. Er ist mensch­lich, kein von Marke­ting­stra­tegen und Poli­tik­be­ra­tern weich­ge­spültes Produkt, sondern die poli­ti­scher Körper gewordene Hoffnung der Wähler. Trump verspricht Ehrlich­keit. Die Wähler hassen die Political Correct­ness von all diesen sauber gestylten Promi-Kandi­da­ten­fa­mi­lien, den Clintons und den Bushs, vorge­führt zu bekommen. Sie haben es satt, das jede Kritik an ethni­schen Minder­heiten reflex­haft als rassis­tisch gebrand­markt, wird, dass Kritik an Frauen ebenso als vermeint­li­ches Machotum grund­sätz­lich unstatt­haft ist, dass man Partei­freunde nicht kriti­sieren darf, und die Medien natürlich auch nicht.
Vor allem dies: Trump wagt, was sich noch kein Politiker getraut hat: Er greift die Medien wegen ihrer Lügen an. Und die Medien sind dumm (pardon: ehrlich) genug, dies auch noch zu berichten. Trump greift auch das Esta­blish­ment an, vor allem Jeb Bush und Hillary Clinton. All das ist natürlich nur die eine Seite des jewei­ligen Themas, aber eben eine bisher öffent­lich margi­na­li­sierte. In Trump schlägt dieses Margi­na­li­sierte nun zurück.
Trump bietet einfache Antworten auf kompli­zierte Probleme. Das muss kein Fehler sein, und wie zu erkennen ist, schon gar kein Indiz für poli­ti­sche Erfolg­lo­sig­keit. Bei Reagan hat man auch gesagt: Was für ein Verein­fa­cher! Aber er hat sich als ein durchaus erfolg­rei­cher Präsident erwiesen. Und zudem ist Trump selbst­ver­s­tänd­lich viel raffi­nierter als er tut.
Aber Trump spricht die Emotionen an. Nichts scheint selbst­ver­s­tänd­li­cher, als die Aussage, dass Politik mit Emotionen zusam­men­hängt. Und doch mögen wir das nicht. Es bedeutet eine narziss­ti­sche Kränkung, weil über die Emotionen auch Unver­nunft in die Politik einzieht. Trump reduziert die Komple­xität der Politik auf einige wenige elemen­tare Posi­tionen. Er tut damit genau das, was jeder Marke­ting­be­rater, jeder Werbe­fach­mann raten würde. Nicht obwohl, sondern weil Trump als Stamm­tisch­po­li­tiker, also als »schreck­li­cher Verein­fa­cher« auftritt, wirkt er glaub­würdig und authen­tisch. Es ist ja nicht so, als würde nicht auch Obama gern »dem Isla­mi­schen Staat die Scheiße aus dem Leib bomben«. Nur sagt er es nicht so, dafür ist er sich zu fein.

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Zum zweiten vertritt Trump viele Posi­tionen, die auch die Mehrheit der Deutschen vertritt: Trump ist ganz klar gegen TTIP und andere Handels­ab­kommen, die Mehrheit der Deutschen ist auch dagegen. Wie die Deutschen ist Trump für Einhegung der Markt­kräfte und für Wirt­schafts­pro­tek­tio­nismus. In der Finanz­krise von 2008ff war Trump gegen einen »Bail-Out« des Staates für die Wall-Street. Er sah seiner­zeit die Wirt­schafts­krise als »Washing­tons Schuld« und forderte das Ende eines Systems, in dem die Reichen die Regeln machen. Trump ist für den Mindest­lohn und dafür die auf Steu­er­oasen geparkten Gewinne der Konzerne zurück­zu­holen.
Trump vertritt ein vergleichs­weise gemäßigtes, anti-inter­ven­tio­nis­ti­sches außen­po­li­ti­sches Programm: Trump ist das Gegenteil eines Kriegs­trei­bers. Er tritt dafür ein, die Militär­aus­gaben der USA zurück­zu­fahren. Er will die Ukraine eben nicht wie die derzei­tige Admi­nis­tra­tion in den Westen zwingen, in die NATO oder in die Europäi­sche Union, sondern favo­ri­siert eine neutrale Ukraine-Lösung unter Einbe­zie­hung der Russen. Auch ansonsten plädiert er für einen Ausgleich mit den Russen. Trump glaubt, dass Putin ein Politiker ist, mit dem man Deals machen kann, ob in der Ukraine oder in Syrien. Viele in Deutsch­land denken das auch. Trump war in der Vergan­gen­heit immer gegen den Irak-Krieg der USA, und Trump glaubt nicht an die offi­zi­elle Version von 9/11. Damit wäre er auch in Deutsch­land mehr­heits­fähig. Schließ­lich: Trump ist keine Mario­nette der Lobby­isten, sondern ökono­misch unab­hängig.

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Trump steht für einen Protest gegen das System als solches, für einen Protest, der seit Jahren in west­li­chen Ländern gärt, ob er nun Occupy Wall Street heißt oder Tea Party. Beide Gruppen stehen sich näher, als sie selbst und vor allem ihre Gegner in den großen Medi­en­häu­sern wahrhaben wollen: Sie sind Anti-Esta­blish­ment, sie sind Anti-Wall-Street, sie lehnen einen Staat ab, der Effi­zi­enz­pro­bleme hat und den Druck der Gruppe reprä­sen­tiert, einen Staat, der in den USA viel büro­kra­ti­scher, regu­lie­render, aggres­siver und pater­na­lis­ti­scher ist, als es die ganzen Fans des Kitsch von der großen Freiheit Amerikas zugeben möchten. Trumps Feind steht nicht rechts und nicht links, er steht oben: »corporate America«, die Verflech­tung von Wirt­schaft und Washington.

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Zum Dritten vertritt Trump viele Posi­tionen, die in der US-Gesell­schaft Mehr­heits­mei­nung sind. Er ist ein reprä­sen­ta­tives, unver­blümtes Abbild seines Landes. Darum bedeutet schon das Auftau­chen Trumps eine neue Ehrlich­keit. Vor allem im atlan­ti­schen Verhältnis. Mit Trump kann man sich nun über Amerika keine Illu­sionen mehr machen, mit einem Präsi­denten Trump muss man der Wahrheit Amerikas ins Auge sehen.
Ein Präsident Trump macht es den Amerika-Verste­hern in Deutsch­land in Zukunft schwerer, zu behaupten: »Amerika ist ganz anders«. Nein: Amerika ist genau so, jeden­falls auch so, wie Guan­ta­namo, Abu Ghraib, Ferguson, und vieles, was man hier auch noch nennen könnte.
Die schöne Maske Obama wird diesem Amerika jetzt herun­ter­ge­rissen, und es ist gut, das dahinter jetzt nicht »Hillary« zum Vorschein kommt, die dann als »die erste Frau im Weißen Haus« ein weiteres Symbol für unauf­halt­same Progres­si­vität, und Libe­ra­lität Amerikas geworden wäre, dafür »dass dort alles möglich ist« (Obwohl es stimmt, dort ist sehr vieles möglich. Auch Donald Trump!). Sondern mit Donald Trump wird die hässliche Fratze Amerikas sichtbar.

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Jetzt können wir Europäer uns nicht mehr so leicht schluch­zend an Mami-Amerikas Rock­zip­fel­chen klammern. Wir müssen selber handeln. Und für die Folgen gerade stehen.

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Warum hat Donald Trump diesen Erfolg? Zual­ler­erst: Er bietet eine gute Show. Er ist der Buffo der ameri­ka­ni­schen Politik. Ein Bariton, der fürs Komische zuständig ist. Trump ist manchmal wirklich lustig, er kann über sich selber lachen, und spielt in Talkshows auch bei Scherzen über sich selber mit.
Trump hat die poli­ti­sche Markt­lücke erkannt und sich posi­tio­niert. Die Markt­lücke des Klartext-Sprechers, des Selbst­be­wussten, dessen, der keine Angst hat, des Tabu­bre­chers, des Machers. Trump ist witzig, frech, volksnah.

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Zudem entlarvt er das Medien­system des Poli­ti­schen: Wer auffällt, über den wird berichtet. Wer lauter ist, als die Anderen, schriller, provo­kanter, der gewinnt die Aufmerk­sam­keit. Damit legt Trump die Finger in die Wunde unseres gegen­wär­tigen, auch unseres deutschen Polit-Betriebs. Es geht – siehe unten – nicht mehr wirklich um Inhalte, sondern um die Show.
Trump ist ein Populist und sein Erfolg steht auch für den gene­rellen Boom des poli­ti­schen Popu­lismus in den Demo­kra­tien des Westens. Er steht auch für den Bedeu­tungs­ver­lust von Wahlen, Verfahren und Posi­tionen – jeden­falls im Ansehen und in der Annahme immer breiterer Wähler­schichten.
Die Unter­s­tüt­zung für Trump belegt eine doppelte Angst der ameri­ka­ni­schen Gesell­schaft: Die Angst der weißen Männer, die ihre Stellung durch den sozialen Aufstieg der Latinos und Schwarzen bedroht sehen. Teile der weißen Bevöl­ke­rung fühlen sich fremd im eigenen Land – und genau das nutzt Trump aus. Und er verkör­pert die Angst breiter Gesell­schafts­kreise vor dem schlei­chenden Nieder­gang der ameri­ka­ni­schen Macht­po­si­tion. Trump verkör­pert das Verspre­chen der Restau­ra­tion der privi­le­gierten Stellung des weißen Amerika. Sein Erfolg ist eine Flucht vieler Wähler in das Phantasma der Wieder­her­stel­lung von Macht und Größe. Denn unüber­sehbar sind die USA in den letzten vier Jahr­zehnten innen­po­li­tisch und außen­po­li­tisch ein Land im Nieder­gang. Die alte Zeit der Welt­herr­schaft ist vorbei.
Donald Trump beant­wortet damit die zentrale Frage nach der ameri­ka­ni­schen Identität. Die Menschen der Welt wissen mit Donald Trump, was Amerika ist, und sie wissen damit nun zumindest auch, wer und was sie nicht sind.

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Trumps Wahl ist aus europäi­scher Sicht eine heilsame Schock-Therapie. Viel­leicht wird sie der Beginn einer Revo­lu­tion? Es ist in jedem Fall der Bruch mit der Konti­nuität, einer Konti­nuität, die von Bush zu Clinton zu Bush zu Obama die USA im letzten Vier­tel­jahr­hun­dert ins Unglück gestürzt hat. Trumps Gegen­kan­di­datin Hillary Clinton verkör­perte exakt diese Konti­nuität – das war der Grund, warum auch viele Anhänger der Demo­kraten zu ihr auf Distanz gingen. Clinton reprä­sen­tierte nicht nur – wie Trump – neureiche Verant­wor­tungs­lo­sig­keit, sie steht für schmut­zige Deals, für enge Nähe zur Wall Street, für außen­po­li­ti­sche Inkom­pe­tenz, sozi­al­po­li­ti­sches Miss­ma­nage­ment, ökono­mi­sche Fehl­ur­teile, für grund­sätz­liche Unehr­lich­keit.
Doch die Kommen­tar­kratie der Main­stream-Medien in Deutsch­land wie den USA hat entschieden, dass sie die Einzige ist, die die Welt noch vor dem bösen Trump retten konnte. Jetzt haben sie die Quittung.

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Til Schweiger kann bekannt­lich alles. Auch Restau­rant. Viel­leicht baut der ganz schön alt ausse­hende soge­nannte Star ja auch nur für die Zeit vor, in der ihn überhaupt keiner mehr sehen will. Sein neues Restau­rant belegt aber wieder mal, wie ober­pein­lich und zum Fremd­schämen Schweiger wirklich in nahezu jeder Hinsicht ist.
Die FAZ war jetzt bei der Eröffnung, und es muss echt ganz schön schlimm sein.

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Das Fernsehen der ARD, und das hat auch viel mehr mit Donalds Trump zu tun, als der ARD lieb sein kann, das Fernsehen der ARD ist, ob mit Plasbergs »Hart aber fair«, »Günther Jauch« oder »Anne Will« immer ganz vorne dabei, wenn es gilt, den Feinden der Demo­kratie ein Forum zu bieten, Posi­tionen hoffähig zu machen, die anti­de­mo­kra­tisch und den frei­heit­li­chen Werten des Westens entge­gen­ge­setzt sind. Jüngstes Beispiel: Der Auftritt einer voll­ver­schlei­erten Isla­mistin bei »Anne Will«. Aber schon länger wandeln sich die ARD-Talk-Shows zunehmend zum Krawall-Fernsehen und zum Popu­lismus, als dessen einziges Erfolgs­kri­te­rium die Fragen zählen: Wie ist die Quote? Reden alle darüber?

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Man traute seinen Augen nicht: Da saß ein Mensch, dessen Gesicht unkennt­lich gemacht wurde, wie sonst Miss­brauchsopfer oder Whist­leb­lower. Er redete ohne Mimik, ohne »Gesicht zu zeigen« – aus einer Black Box heraus.
Anne Will behaup­tete, es handle sich um die »Frau­en­be­auf­tragte« des »Isla­mi­schen Zentral­rats Schweiz«, Nora Illi. Ob sie da wirklich drinsaß, oder nicht vielmehr die Redak­ti­ons­prak­ti­kantin, die vorher ein paar Phrasen auswendig lernen musste, können wir
nur glauben, ebenso, ob da unter dem schwarzen Zelt überhaupt eine Frau saß, nicht ein Zwerg, oder der von Walter Benjamin beschrie­bene tückische »Schach­türke«, wir können nur hoffen, dass uns Anne Will nicht belogen hat.
Aber wenn ihre Aussagen zutreffen, ist nichts besser. Denn die Schlitz­trä­gerin wäre dann eine Vertre­terin den radikalen Isla­mismus. Es wurde die Stunde der Propa­ganda im NDR.

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Über fünf Millionen Zuschauer sahen zu, als die Isla­misten-Spre­cherin ihre Sicht auf die Welt erklärte. Kern ihrer Aussagen war die Verharm­lo­sung der ISIS und des Eintritts junger Europäer in die Terror­mi­lizen und den syrischen Bürger­krieg. »Die perfekte Propa­gan­distin eines nihi­lis­ti­schen Vernich­tungs­kults, weil sie die Unter­drü­ckung – insbe­son­dere die der Frauen – als Befreiung auszu­geben weiß.« (Michael Hanfeld, FAZ).
Über fünf Millionen Zuschauer sahen zu, wie sich die Frau unkri­ti­siert zum Opfer stili­sierte, gegen die angeb­liche Unter­drü­ckung von Muslimen in unserer Gesell­schaft redete und eine soge­nannte Werte­dis­kus­sion anzetteln wollte. Die Mode­ra­torin war ihrem Gast nicht gewachsen. Die im normalen Frage­duktus formu­lierte thera­peu­ti­sche Frage »Fühlen Sie sich unter­drückt?« ist eine naive Einladung für jemandem, der Unfrei­heit als Freiheit ausgibt.
Mode­ra­torin Anne Will betei­ligte sich auch ansonsten an der Rela­ti­vie­rung des Demo­kra­ti­schen und der Menschen­rechte, indem sie eine »Debatte über unser Werte­ver­s­tändnis« führen wollte, zu dem auch gehöre, »dass wir uns mit dem Werte­ver­s­tändnis anderer ausein­an­der­setzen.« Darin exakt liegt die Grat­wan­de­rung: In der Scheu, bestimmte Debatten und Infra­ge­stel­lungen auch einmal einfach nicht zuzu­lassen.
Es gab immerhin Gegen­reden: Imam Mohamed Taha Sabri, war eindeutig: Die ISIS sei Faschismus, nichts anderes, und begehe Verbre­chen gegen die Mensch­heit. Dass diese anderen, für sich genommen durchaus auch frag­wür­digen Talk-Gäste der Hass­pre­di­gerin entge­gen­traten, macht die Dinge nicht besser. Denn derartige Vertreter menschen­ver­ach­tender Ideo­lo­gien können auch diese Rolle als Opfer »der Anderen« für sich und poten­ti­elle Anhänger als Erfolg verbuchen.

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Erst nach der Sendung folgten die wirk­li­chen Fragen: Ist es nicht absurd, dass Voll­ver­schleie­rung auf diesem Weg hoffähig gemacht wird? Wieso muss man einer Bewegung, die Ressen­ti­ments und Hass schürt, Ausgren­zung und Mord propa­giert, das Wort erteilen? Warum sollte das öffent­lich-recht­liche Fernsehen einer Demo­kratie den Anti­de­mo­kraten und den Freunden und Sympa­thi­santen jener, die ihre Bürger in die Luft sprengen, überhaupt ein Forum bieten?
So war »Anne Will« vom Sonn­tag­abend ein Meilen­stein im Abstieg des öffent­lich-recht­li­chen Fern­se­hens, und in der Selbst­zer­stö­rung der demo­kra­ti­schen Verhält­nisse. Ein über­trie­benes Urteil?
Das wird erst die Zukunft zeigen. Klar ist aber schon jetzt, dass Talk-Shows als ein Edel­format des öffent­lich-recht­li­chen Fern­se­hens vor allem nach dem Prinzip der Aufmerk­sam­keit um jeden Preis und dem Quoten-Diktat funk­tio­nieren. Auch die Reak­tionen am Folgetag sind Teil eines zynischen Kalküls, das allein auf Aufmerk­sam­keit setzt. Nur in den seltensten Fällen geht es um jour­na­lis­ti­sche Qualität. Das zeigt schon die Tatsache, dass der »Isla­mi­sche Zentralrat der Schweiz«, dem die Nikab-Trägerin angehört, eine kleine und radikale Split­ter­gruppe mit 3.700 Mitglie­dern ist – weniger als ein Prozent der rund 400.000 Schweizer Muslime.

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Bereits der Auftritt der Pegida-Vertreter bei »Günther Jauch« im Januar 2015 war ein Tabubruch. Sichtlich stolz präsen­tierte Jauch die stam­melnde Wutbür­gerin Kathrin Oertel wie einen Ehrengast. Schnö­selig verband Jauch diese Präsen­ta­tion mit einer Kritik an den Demo­kraten: Deren Mut, mit Pegida-Vertre­tern zu disku­tieren, scheine ja begrenzt zu sein. Dabei war ein Präsi­di­ums­mit­glied der CDU und ein ehema­liger SPD- Bundes­tags­prä­si­dent zu Gast. Dabei könnte Jauch vor allem in den Sinn kommen, dass es bei der Frage einer Teilnahme nicht um Mutproben und öffent­liche Tapfer­keits­be­weise geht, sondern darum, klare Grenz­li­nien zu ziehen, darum, bestimmte poli­ti­sche Stand­punkte zu tabui­sieren. Dies wäre eigent­lich Aufgabe der öffent­lich-recht­li­chen Medien selbst. Gottes­läs­te­rung ist im Fernsehen verboten, Repu­blik­läs­te­rung und Demo­kra­tie­ver­ach­tung erlaubt.

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Dabei lohnt es sich, an alte Einsichten zu erinnern: Mit manchen Leuten spricht man nicht. Nicht alle Posi­tionen sind bloße Meinungen. Nicht jeder tenden­ziöse Kommentar ist ein Argument. Nicht jede Befind­lich­keitsäuße­rung ist eine berech­tigte Emotion, und muss zur »Sorge« oder »Wut« geadelt werden.
Nicht so der NDR: Immer wieder lud Jauch Pegi­disten und die Kryp­to­nazis der AfD in seine Sendung. Ein bisschen was von Zoo und Zirkus, von einer Freak-Show hatte das ganze auch. Und Jauch zele­brierte genüss­lich den eigenen Mut, genoß den Nerven­kitzel: Was werden die Rechts­aus­leger von sich geben? Werden sie sich provo­zieren lassen, irgend­wann beißen oder hand­greif­lich werden?

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Auch auf andere Weise machen öffent­lich-recht­liche Sender den Rechts­ra­di­ka­lismus hoffähig. Konse­quent sprechen sie im Zusam­men­hang mit der AfD und Pegida von »Recht­po­pu­lismus«, als wären die direkten Verbin­dungen und fließenden Übergänge zu Neuen Rechten und alten Nazis nicht längst Teil der Verfas­sungs­schutz­be­richte. Als wüsste man nicht, dass Popu­lismus ein Rela­ti­ons­be­griff ist, der in Gegen­satz­paaren arbeitet – Emotion gegen Vernunft, Volk gegen Elite, Wahrheit gegen Lüge –, aber program­ma­tisch und politisch substanzlos ist. Darum gibt es Rechts- wie Link­s­po­pu­lismus, darum gibt es demo­kra­ti­schen, wie auto­ritären Popu­lismus.
Im Zusam­men­hang mit der AfD müsste man aufgrund der Verbin­dung von Demo­kra­tie­kritik, Anti-Parla­men­ta­rismus, Auto­ri­ta­rismus und von ethno­zen­tri­schen, natio­na­lis­ti­schen und frem­den­feind­li­chen Posi­tionen und anderen Inhalten, aber auch von der Form ihrer medialen Auftritte, aber vor etwas anderem sprechen: Von Demagogie. Von Rechts­ra­di­ka­lismus, mit Ansätzen zum Rechts­ex­tre­mismus.
Die Arbeit an der Sprache ist die Arbeit am Gedanken. Die Kämpfe der Demo­kratie sind seman­ti­sche Kämpfe, keine substan­zi­ellen.
Nur ist schon das Wort »Radi­ka­lismus« verpönt. Das sagt man nicht. In der post­mo­dernen Demo­kratie ist Streit anstren­gend. Ablehnung und Feind­schaften sind verpönt. Statt­dessen herrscht univer­sale Toleranz und ein Plura­lismus der Meinungen, der längst auch Anti­re­pu­bli­ka­nismus, Demo­kra­tie­feind­schaft und Into­le­ranz toleriert.
Genau dies verbindet unseren öffent­li­chen, medialen Umgang mit Isla­mismus und Rechs­ra­di­ka­lismus.

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Natürlich kann man solche Diskus­sionen mit System­feinden, mit Rassisten oder reli­giösen Fana­ti­kern aushalten. Die Frage ist eher, warum man es tun sollte? Warum man nicht einfach sagt, dass einem bestimmte Themen zu blöd sind? Was spricht dagegen, bestimmte Debatten einfach zu verwei­gern? Man könnte zum Beispiel Vertre­tern der Todes­strafe gegenüber anstatt eine ARD-Themen­woche über das Für und Wider der Todes­strafe zu veran­stalten oder einen Thera­pietalk zur Frage »Warum wünschen junge Leute die Todes­strafe?« auch einfach mal sagen: Wir machen das so, und darüber gibt es keine Debatten. Und wem die Todes­strafe so wichtig ist, der kann ja in die USA auswan­dern.

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Ein weiterer Aspekt: Wozu gibt es überhaupt »Talk-Shows«? Das Fernsehen hätte lange Zeit geant­wortet (und manche Verant­wort­liche würden es immer noch tun): Zur Infor­ma­tion der mündigen Bürger, zur Aufklä­rung des Publikums, zum offenen Meinungs­aus­tausch. Heute müssen Talk-Shows Quote machen und unter­halten. Heute sind die Grenzen zwischen Infor­ma­tion und Unter­hal­tung fließend, gibt die Chimäre namens Info­tain­ment den Takt vor.
Das führt dann zu dem paradoxen Resultat, dass Satire-Sendungen wie die »Heute-Show« und »Neo-Magazin Royale« die einzigen echten Infor­ma­ti­ons­sen­dungen des deutschen Fern­se­hens sind, dass bei »Markus Lanz« oft kriti­scher nach­ge­fragt, schärfer kommen­tiert, und härter debat­tiert wird, als bei »Anne Will«, wo das Muster des Trash-TV und Krawall­fern­se­hens vorherrscht.
In unserer thera­peu­ti­schen Gesell­schaft dienen Talk-Shows aller­dings zunehmend nicht mehr der Aufklä­rung und Infor­ma­tion, sondern man will »die
Betrof­fenen« thera­pieren, man will »verstehen«, am besten »aus eigener Erfahrung«, »was Radi­ka­li­sie­rung bedeutet«. In diesem Fall, wieso Jugend­liche sich radi­ka­li­sieren, und gege­be­nen­falls für den »Isla­mi­schen Staat« nach Syrien in den Krieg ziehen.

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Mit dieser Haltung einer scheinbar für alles offenen Neugier, einer unstill­baren Toleranz graben sich die Medien ihre eigene Grube. Denn sie bieten jenen ein Forum, die einmal zur Macht gekommen, als erstes kritische Medien zum Schweigen bringen, Jour­na­listen drang­sa­lieren und verhaften werden. Deren Ziel ist die Gesell­schaft gleich­zu­schalten.
Das Ungarn Orbans, und die Türkei Erdogans machen es vor, Polen und eine FPÖ-Regierung in Öster­reich, eine Präsi­dentin Le Pen in Frank­reich werden es nach­ma­chen, wenn man ihnen dazu die Chance gibt.
Tatsäch­lich könnte man begreifen, dass Medien sich von der Gesell­schaft in der sie exis­tieren, nicht verab­schieden können – es sei denn, sie wollen diese Gesell­schaft verab­schieden.
Tatsäch­lich könnte man sagen, dass es die Aufgabe von Talkshows wie von allen Medien natürlich auch ist, einen gesell­schaft­li­chen Konsens und wünschens­wertes Verhalten zu formu­lieren, vorzu­leben und einzuüben.
Jeder
öffent­lich geför­derte Spielfilm würde daraufhin abgeprüft, ob die positiv gezeich­neten Figuren ein wünschens­wertes Verhalten vorleben. Wenn Film­fi­guren, die Menschen verachten, Menschen­rechte verletzen, morden und ander­weitig das Recht brechen, zu Helden stili­siert werden, würde man diesen Film als jugend­ge­fähr­dend einstufen und gege­be­nen­falls auf den Index setzen.
In Talk-Shows und poli­ti­scher Bericht­erstat­tung aber gibt man genau solchen Figuren eine Bühne.

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Die »Anne Will«-Talk-Show vom Sonn­tag­abend war deshalb ein Meilen­stein in der Selbst­zer­stö­rung der demo­kra­ti­schen Verhält­nisse, weil sie genau diesen Abschied von gesell­schaft­li­chen Werten prak­ti­zierte und das Kern­pro­blem vorführt: Die Unfähig­keit der Demo­kraten, die Demo­kratie selbst zu vertei­digen. Denn dazu bedürfte es Mittel, die selbst nicht mehr demo­kra­tisch sind. Die univer­sale Toleranz dagegen ist eine scharfe Waffe in der Hand der Feinde.
Auch der
vermeint­lich wackere Vertreter des demo­kra­ti­schen Konser­va­ti­vismus, der CDU-Talkshow-Beauf­tragte Wolfgang Bosbach stammelte ange­sichts des schwarzen Zelts nur: »Das ist ihre ganz persön­liche Entschei­dung, die habe ich nicht zu kommen­tieren, die habe ich nicht zu kriti­sieren.« Warum eigent­lich nicht? Könnte man nicht einmal sagen, dass man eine Entschei­dung für geschmacklos hält, für Schwach­sinn?

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Was lernen wir aus dieser Erfahrung? Man lädt solche Leute nicht in Talk-Shows ein. Denn sie werden ihre Thesen verkünden, sie werden eine Opfer­rolle spielen. Man redet nicht mit jedem. Wer mit den Feinden der offenen Gesell­schaft redet, und so tut, als sei ein freier, gleich­be­rech­tigter Diskurs möglich, der beteiligt sich an der Zers­tö­rung eben dieser offenen Gesell­schaft.

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»In der Über­fluß­ge­sell­schaft herrscht Diskus­sion im Überfluß, und im etablierten Rahmen ist sie weit­ge­hend tolerant. Alle Stand­punkte lassen sich vernehmen: der Kommunist und der Faschist, der Linke und der Rechte, der Weiße und der Neger, die Kreuz­zügler für Aufrüs­tung und die für Abrüstung. Ferner wird bei Debatten in den Massen­me­dien die dumme Meinung mit demselben Respekt behandelt wie die intel­li­gente, der Unun­ter­rich­tete darf ebenso lange reden wie der Unter­rich­tete, und Propa­ganda geht einher mit Erziehung, Wahrheit mit Falsch­heit. Diese reine Toleranz von Sinn und Unsinn wird durch das demo­kra­ti­sche Argument gerecht­fer­tigt, daß niemand, ob Gruppe oder Indi­vi­duum, im Besitz der Wahrheit und imstande wäre zu bestimmen, was Recht und Unrecht, Gut und Schlecht ist.«
Herbert Marcuse, »Kritik der reinen Toleranz«

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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LIVE! Symposium & Verleihung der Auszeichnungen der Deutschen Akademie für Fernsehen 2016

Am 12. November 2016 finden zum vierten Mal Symposium und Preisverleihung der DEUTSCHEN AKADEMIE FÜR FERNSEHEN im Filmforum NRW im Museum Ludwig, Köln, statt.

Der Nachmittag vor der abendlichen Preisverleihung bietet mit intensiven Diskussionen und Werkstatt-Gesprächen, mit nominierten Kreativen aus allen Gewerken, Einblicke in die Rahmenbedingungen des Arbeitens für das Fernsehen.
In der festlichen Abendveranstaltung werden die Auszeichnungen in 21 Kategorien verliehen.
Die Preisträger werden von den rund 800 Mitgliedern der AKADEMIE gewählt:

Eine Auszeichnung von Fernsehschaffenden für Fernsehschaffende.

Hier geht es zu den Nominierungen 2016: http://www.deutscheakademiefuerfernsehen.de/rl/nominierten-fuer-ihre-preisverleihung-2016/

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Continuity: Zwei Augen mehr

Axel Schill ist seit Februar als Vorstandsmitglied für die Belange von Script-Continuitys zuständig. Er hat das Gewerk in Los Angeles gelernt und unterrichtet jetzt selbst. | Foto © privat

Herr Schill, der Bundesverband Regie (BVR) hat im Februar seinen Vorstand erweitert. Nun vertreten Sie dort die Script-Continuitys. In den letzten Jahren hat sich der Verband überwiegend zum Urheberrecht geäußert, was Ihre Abteilung nun gar nicht betrifft. Zu den Tarifverhandlungen andererseits hatte man im vorigen Jahr nichts gehört.

Tatsächlich waren deshalb auch viele meiner Kollegen frustriert, auch wenn die Mehrheit der Mitglieder Regisseure sind. Wir haben nun seit Sommer einen Koordinator für die Belange von Script-Continuitys, Regie-Assistenten und Synchron-Regisseuren. Dies ist eine neue Position innerhalb des BVR, und mit einem ebenfalls neuen Sitz im Vorstand sind nun zwei weitere Personen im Verband vorhanden, die sich um unsere Belange kümmern. Das hat viele Außenstehende überzeugt. Die Zahl der Mitglieder aus unserem Feld konnten wir mit der personellen Erweiterung innerhalb des BVR verdoppeln.

Zudem ist anzumerken: Den Tarifvertrag für Film- und Fernsehschaffende, dem auch Script-Continuitys unterfallen, wird von Verdi verhandelt, der BVR ist bisher eher ein Zaungast. Wir hoffen, dass sich das zur nächsten Tarifrunde 2018 ändern lässt.

Wie haben Sie denn diesen Zulauf geschafft? Die meisten Verbände klagen eher, dass zu viele Filmschaffende sich nicht organisieren wollen.

Wir haben vor allem mit der Aussicht geworben, dass sich dadurch Script-Continuitys mehr Gehör im großen Verband verschaffen können. Und der Zulauf lag an den Argumenten: Wir haben mit den Leuten geredet. Wenn ich in Hamburg gedreht habe, habe ich dort die Kollegen darauf angesprochen. In München und Berlin genauso.

Dass die Filmszene in Deutschland so zerstreut ist, ist ein Problem. Die Leute wissen zu wenig voneinander, können den Wert ihrer Arbeit nicht untereinander vergleichen. Das wird immer wieder benutzt, um sich von der Produktionsseite übervorteilen zu lassen. Und wer nach einigen Drehwochen wieder zu Hause ist, will auch mal seine Ruhe haben. Überdurchschnittlich lange Drehtage über mehrere Wochen machen die Leute nicht kommunikativer. Auf der anderen Seite will man doch von dem Beruf richtig leben und eine Familie ernähren können. Das ist immer noch für viele eine Unmöglichkeit.

Viele Filmschaffende scheinen aber zu bezweifeln, dass Berufsverbände da helfen. Schnell überschlagen, ist gerade mal jeder Fünfte in einem Verband oder der Gewerkschaft. Weiterlesen

Ich bin seit neun Jahren im BVR, und das hat mir viel gebracht. Die Rechtsberatung war mir immer ein guter Rückhalt bei Gagen- oder Vertragsverhandlungen. Man strahlt von vornherein mehr Selbstbewusstsein aus, denn man kennt seine Spielräume. Das hinterlässt schon am Anfang einen professionellen Eindruck und macht sich auch bei der Gage bemerkbar. Kein Filmschaffender möchte sich wirklich mit seinem Arbeitgeber gerichtlich auseinandersetzen. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass ein Großteil der Filmschaffenden gerne und mit viel Leidenschaft in dieser Branche arbeitet, und mit Sicherheit bereit ist jedem Produzenten innerhalb eines machbaren Kompromisses entgegenzukommen. Doch es gibt auch Grenzen und Spielregeln. Und eine Mitgliedschaft im BVR beinhaltet immer die Option, sich professionell gegen ein unfaires Verhalten zu wehren.

Haben es andere Länder besser?

Ich habe das Gefühl, in Frankreich und Großbritannien haben die Filmschaffenden in Gesellschaft und Politik einen besseren Stand.

Wie viele Filmschaffende leben denn hier von dem Beruf Script-Continuity?

Nach unserer Schätzung etwa 100 bis 120 in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Knapp 60 davon sind im BVR.

Der Regie-Guide auf der Website zeigt nur 25 an.

Das liegt an den neuen Mitgliedern, die sich noch nicht selber registriert haben. Ein weiteres kleines Beispiel dafür, wie mühsam es ist, Menschen in einem Berufsverband auf einen Nenner zu bringen.

Bei dem Zulauf hätten Sie auch gleich einen eigenen Verband gründen können, in dem Ihre Belange im Mittelpunkt stehen.

In Nordrhein-Westfalen hatten wir tatsächlich mal versucht, etwas Eigenes aufzubauen. Bald waren so 80 Leute in ganz Deutschland zusammengekommen. Aber einen Verband aufzubauen, erfordert viel Arbeit und Erfahrung. Es ist filmpolitisch effizienter, das im BVR zu machen. Der Zugang zu brancheninternen Informationen und das filmpolitische Know-how und Netzwerk müsste man sich über Jahre erarbeiten. Ehrenamtlich ist so etwas gar nicht denkbar. Wir sind alle im Beruf. Wer soll das machen?

Und wir gehören doch zur Regie. Zugleich hat der Verband auch gemerkt, dass sich bei den Script-Continuitys in Deutschland etwas tut. Das hat natürlich auch zu einem Nachdenken geführt, und: Das muss man wirklich anerkennen – der BVR hat sich bewegt!

Sie und die Regieassistenten stellen nun je einen Vorstand, die anderen neun sind Regisseure. Was gibt Ihnen das für einen Spielraum?

Und von den anderen neun steht einer für die Dokumentarfilm- und einer für die Synchronregisseure. Dass wir dabei sind, ist schon mal ein Erfolg und lässt uns selbstbewusster auftreten. Bislang hat sich, grob formuliert, um unsere Belange gekümmert, wer gerade mal Zeit hatte. Jetzt gibt es einen festen Ansprechpartner. Zuerst einmal wollen wir ein regelmäßiges Kommunizieren über Stammtische aktivieren. Und zwar in ganz Deutschland. In Hamburg, in Köln, in München und in Berlin. Soziales brennt den Leuten mehr und mehr auf den Nägeln. Und wir wollen Workshop-Reihen im Bereich Arbeitsrecht und Fortbildung anstoßen, und mit diesen Veranstaltungen mehr auf die Mitglieder zugehen, im wörtlichen Sinne, indem wir konkret in diese Städte kommen.

Abgesehen von den branchenüblichen Problemen – haben Script-Continuitys noch andere Themen, die zu bearbeiten sind?

Wir wollen auf jeden Fall mehr Aufmerksamkeit darauf richten, was wir da tun. Eine Fragebogenumfrage unter Kollegen hat ergeben, dass es immer noch zu viele Produktionsleiter, Herstellungsleiter und Produzenten gibt, die unseren Job nicht wirklich voll verstehen – und entsprechend nicht voll respektieren. Genauso müssen wir uns in den Tarifrunden gegenüber Verdi und der Produzentenallianz mehr Gehör verschaffen. Ich vermute mal, dass es in den letzten 25 Jahren keinen Script-Continuity gegeben hat der in einer Tarifrunde für seinen Berufsstand gesprochen hat. Entsprechend sind wir bei den Gagentarif-Verhandlungen, die federführend Verdi mit der Prodzentenallianz führt, schlecht weg gekommen, wenn ich mir zum Beispiel unser Gehalt gegenüber einem DIT oder einem 1. Kameraassistenten anschaue. Bei Script-Continuitys wie bei Regieassistenten wäre eine Strukturanpassungs-Erhöhung aufgrund einer Aktualisierung des Berufsbildes überfällig. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Wir haben nichts gegen die aktuelle Gage dieser beiden zuvor genannten Berufe, aber unsere Profession ist in den letzten Jahren zunehmend bedeutsamer geworden, weil mit weiteren, neuen Aufgaben versehen. Und das sollte entsprechend anerkannt werden.

Damit einhergehend haben wir uns auch an eine Überarbeitung des Berufsbildes gemacht. Dabei geht es nicht nur um eine Angleichung an die Anforderungen, die durch die Digitalisierung des Filmemachens entstanden sind, sondern wir wollen einmal klare Grenzen um diesen Beruf ziehen, damit von außen keine falschen Erwartungshaltungen an uns gestellt werden.

Da scheint Ihre Branche selbst ihre eigene Vorstellung zu haben. Ganz früher hieß Ihr Beruf mal „Ateliersekretärin“. Und wenn im Film Drehteams gezeigt werden, ist das Script Girl meist ein gewissenhaftes Mauerblümchen, das auch noch den Kaffee holen muss, wenn sie Pech hat…

Tja, und irgendwann hat man hierzulande auch noch beide Berufe zusammengelegt, aber das Gehalt wurde dadurch nicht höher. Da hätten wir wieder das Thema. Ich würde die Position aufgrund des neuen Berufsbildes auch sofort in „Script Supervisor“ umbenennen. International anerkannt, und dort auch entsprechend respektiert. So können wir uns langfristig realistischer und besser positionieren.

Klingt auf jeden Fall toll.

Ich habe den Beruf in den USA erlernt und finde, der Begriff beschreibt die Aufgaben passender. Ein Script Supervisor ist ein zusätzliches Paar Augen für alle Gewerke am Set: Er übernimmt buchhalterische Aufgaben, achtet, ob die Produktion noch im Plan ist, und muss technisches Verständnis haben – mit darauf achten, dass bei den Anschlüssen mit den Schauspielern wie in der Szene alles stimmt, ob die Kamera­achse richtig ist und so weiter… Das ist eine komplexe Aufgabe.

Gibt es da Unterschiede in der Verantwortung?

Wenn ich mit sehr erfahrenen und sehr guten Regisseuren und Kameramännern arbeite, gibt es wenig anzumerken, da geht es häufig um Kleinigkeiten. Die verstehen ihr Handwerk. Bei Berufsanfängern, die gerade von der Filmhochschule kommen, kann das schon mal ganz anders sein. Da sind wir dann viel mehr gefragt und müssen viel mehr beraten, und haben somit auch viel mehr Verantwortung.

Wenigstens Ihr Verband zollt Ihnen auch öffentlich Respekt: Der Regiepreis „Metropolis“, der alljährlich an BVR-Mitglieder vergeben wird, sei auch „für einige der wichtigsten Mitstreiter der Regie“ gedacht, heißt es nun. Aufgelistet werden aber wieder nur die Regisseure. Es wird nicht einmal erwähnt, welche Berufsfelder diese „wichtigsten Mitstreiter“ stellen.

Das hängt vom jeweiligen Regisseur ab, wie er oder sie das Team präsentiert. Aber ich wüsste auch gar nicht, wie man die anderen Beiträge bewerten wollte. Ich kenne nur im englischsprachigen Raum einen Preis für Script Supervisor in England, aber der wurde. glaube ich, für das Lebenswerk verliehen [2005 erhielt Angela Allen von der Britischen Film- und Fernsehakademie (BAFTA) den „Preis für außerordentliche britische Beiträge zum Kino“; 2007 vergab die Guild of British Camera Technicians einen Preis fürs Lebenswerk an June Randall, und Libbie Barr wurde von der BAFTA Schottland ausgezeichnet. Red.]. Im Übrigen: Der Preis für den, wie Sie sagen, „wichtigsten Mitstreiter“ der Regie ist im letzten Jahr der Kamera und in diesem Jahr dem Schnitt gewidmet. Es ist ein revolvierender Preis.

Sie plädieren, dass sich Filmschaffende organisieren sollen, und fühlen Ihre Berufsgruppe im größeren Regieverband besser vertreten als im Alleingang. Wäre es da nicht folgerichtig, der BVR würde sich wieder der Bundesvereinigung der Filmschaffenden-Verbände anschließen, die er vor einigen Jahren verlassen hat? Zumal dort doch gerade die Themen diskutiert werden, die Script-Continuitys betreffen.

Ich kann den Austritt verstehen. Wir kennen Kollegen aus dem BVR, die einmal versucht haben, über den Dachverband Die Filmschaffenden Gehaltsforderungen gegen eine große Produktionsfirma durchzusetzen. Die Filmschaffenden sind eingeknickt wie die Papiertiger. Das Ergebnis war nicht zufriedenstellend – ganz im Gegenteil: Erreicht wurde nichts.

Und dann ist da noch die Frage der Parität, wenn jeder Verband dieselbe Stimmenzahl hat. Egal, ob es 600 Regisseure plus 200 Regieassistenten und Script-Continuitys sind oder 40 Requisiteure. Das ist dann doch eine etwas schiefe Wichtung. Zumal diese Wichtung ja in den Mitgliedsbeiträgen vorgenommen wird. Leider ließen sich die BVR-Vorschläge nach einem gewichteten Stimmrecht im Filmschaffenden-Verband nicht umsetzen. Das hat dann dazu geführt, dass auch der [Kameraverband] BVK ausgeschert ist und der [Schauspielerverband] BFFS lange Zeit nicht den Zugang gefunden hatte. Die größten Verbände der Branche waren beziehungsweise sind damit außen vor. Das sollte man nicht nur diesen Verbänden anlasten.

Wenn’s um Arbeitsverträge geht, wird es ja auch schwierig…

Eine Kollegin wurde in diesem Jahr drei Tage vor Drehbeginn rausgeschmissen, weil sie einen arbeitsrechtlich bedenklichen Arbeitsvertrag nicht unterschreiben wollte. Wir haben das auf einer internen Mailing-Liste unter allen uns Bekannten Kollegen publik gemacht. 90 Leute in der Gruppe, die alle untereinander reden – so was wirkt schon von ganz alleine. Und zwar nicht nur unter allen Script-Continuitys, sondern auch auf der anderen Seite. Ich glaube der betreffende Produktionsleiter hat den Gegenwind gespürt. Aber letztlich wollen wir keine Einzelkämpfer bleiben. Wenn wir uns als Gruppe in einem Berufsverband aufstellen, ist der Einzelne in dieser Gruppe mit seinem Anliegen erfolgreicher, wenn er kompetente vertrags-, arbeits- und sozialrechtliche Unterstützung hat. Und das bietet der BVR.

 

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Daniel Philippen und die Ausbildungsoffensive der ZAV

daniel

Über die Vermittlung von Schauspielern hinaus ist für die ZAV Berufsberatung ein wichtiges Arbeitsfeld. Dem widmet sich Vermittler Daniel Philippen mit einem besonderen Programm für die Ausbildung junger Schauspieler: der Ausbildungsoffensive16/20.

STECKBRIEF
Daniel Philippen
, aufgewachsen in Aachen, Studium der Neuen Geschichte, Literatur-, Musik- und Theaterwissenschaft. Danach Dramaturg am Theater in der Josefstadt in Wien, am Theater Hannover und am Bayerischen Staatsschauspiel. Parallel hier- zu Arbeiten mit freien Schauspielgruppen: u.a. Performance Review Committe (PRC) und Beinhardt Ensemble. Außerdem Producer der neuen deutschen Filmgesellschaft (ndF) und bei der die film gmbh und Dramaturg. Seit 2001 Arbeitsvermittler für Film und Fernsehschauspieler in der ZAV Künstlervermittlung München. Weiterlesen

Die ZAV Künstlervermittlung gibt es seit über sechzig Jahren. Sie ist eine Institution der Bundesagentur für Arbeit und vermittelt Künstler aller darstellenden Berufe, so auch Film- und Fernsehschauspieler und auch alle „Gewerke” hinter der Kamera. Wie es auf der Website heißt, kommen Film-Vermittler selbst aus der Filmbranche, verfügen über ein engmaschiges Beziehungsnetzwerk und begleiten ihre „Kunden” in den Niederlassungen Berlin, Hamburg, Köln und München mitunter ein ganzes Berufsleben lang. Die Vermittlung ist provisionsunabhängig.

INTERVIEW
2015 hat allein die ZAV Film/Fernsehen in München Schauspielgagen über rund 3,8 Millionen Euro aus annähend 500 Vermittlungen mit circa 2.000 Drehtagen vermittelt. Über die Vermittlung hinaus ist Berufsberatung ein wichtiges Arbeitsfeld. Dem widmet sich Vermittler Daniel Philippen mit einem besonderen Programm für die Ausbildung junger Schauspieler: der Ausbildungsoffensive16/20.

Du hast dieses Jahr in der ZAV Künstlervermittlung ein neues Programm ins Leben gerufen: die Aus- bildungsoffensive. Was kann man sich darunter vorstellen?
Die Ausbildungsoffensive ist ein Workshop-Angebot der ZAV Künstlervermittlung Film-Fernsehen für alle Studentinnen und Studenten der staatlichen Hochschulen und Akademien für Darstellende Kunst. Die Film- und Fernsehbranche ist selbst für Profis ab und zu gerne mal unübersichtlich. Die Fragen angehender Schauspieler sind daher vielfältig: Wie bewerbe ich mich? Wie gehe ich mit Datenbanken um? Wer entscheidet über mich? Wie bereite ich mich auf einen Dreh vor? Was wird von mir erwartet und wer erwartet mich am Drehort? Was soll ich und, mysteriöser noch, muss ich eigentlich nicht machen? Wie betreibe ich effizientes Marketing in eigener Sache? Und mit den ersten Film-Engagements kommen auch wieder Fragen: Steuern, Sozialversicherung, Krankenkasse, Pensionskasse, KSK, GVL, SGB III, Rente, Gagen, Rechte und Verträge. Zugegeben, das muss angehende Schauspieler noch nicht brennend bis ins Detail interessieren – aber ausweichen wird man diesen weniger künstlerischen Themen nicht können. Schauspielerei ist ein Beruf, mit dem man sein Leben meistern können soll. Auf Amerikanisch: How to make a living. Nicht schlecht, wenn sich in der Ausbildung schon klären lässt, wo es langgehen könnte und wo Hilfe zu finden ist.

Wie entstand die Idee zu diesem „Workshop-Angebot“?
Berufsberatung und Vermittlung sind tragende Säulen unserer Arbeit in der ZAV. So weit, so gut. Doch wir können uns auf unseren institutionellen Status allein nicht verlassen, sondern müssen immer wieder raus mit Serviceangeboten. Die Ausbildungsoffensive ist ein solches Angebot. Die Zeit ist günstig. Es hat sich mittlerweile die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Ausbildung nicht allein auf die Bühne fokussiert sein kann, du musst später als Schauspieler mehrere Pfeile im Köcher haben. Und nicht wenige Ausbildungsinstitute haben die schwierige Umstellung von Diplom- auf Masterstudiengänge genutzt, um gleichzeitig auch ihre Lehrpläne in ideellem Sinne zu reformieren – mit sehr professionellen Angeboten im Filmbereich. Hier können wir mit unserem Know-how prima ansetzen.

Was ist das Ziel der Ausbildungsoffensive?
Wir wollen den Blick der jungen Schauspieler erweitern, so dass sie ein Gefühl für die Zusammenhänge der gesamten Branche entwickeln. Es gab ja immer schon vereinzelte Workshops mit Experten aus der Branche. Das ist als Ergänzung total sinnvoll und spannend. Uns ist aber der Allround-Blick auf die Branche wichtig. Dazu gehört auch, dass die Studenten erkennen, dass sie bestimmte Rechte haben, dass ihnen Leistungen des Staates zustehen – übrigens auch unsere als Künstlervermittlung. Wir wollen den selbstbewussten Schauspieler, der nicht auf andere angewiesen ist. Wir wollen nicht erst dann Orientierung bieten, wenn sich nach dem Diplom die Fragen türmen, und der Weg zu uns erst mühsam gefunden werden muss. Wir wollen auf Studenten zugehen, begleitend, schon von Beginn an. Deshalb machen wir ihnen ein Angebot.

Wie läuft das Ganze ab?
Wir bieten über das Studium verteilt aufeinander aufbauende Module an, mehrstündige Workshops, die Schauspielern aller Semester freistehen zu besuchen. Positiver Nebeneffekt dieser Workshops ist, dass die Studenten uns kennenlernen und schon frühzeitig wissen, an wen sie sich in allen Fragen bezüglich der Film- und Fernsehbranche wenden können – auch dann noch, wenn das Studium beendet ist und erste Engagements auf der Bühne oder vor der Kamera warten.

Studenten dürfen also schon sehr früh an der Ausbildungsoffensive teilnehmen?
Ja! Wir wollen so früh wie möglich anfangen. Zunächst dachte ich, manche Inhalte sind für die ganz jungen Studenten uninteressant, etwa Renten-, Versicherungs- und Vertragsfragen. Aber im Gegenteil. Genau diese „trockenen Themen“ werden besonders nachgefragt. Und von Lehrerseite heißt es: „Das ist ein Beruf – das können die nicht früh genug erfahren.“ Da hat sich also auch etwas im Bewusstsein verändert.

Welche Universitäten bzw. Hochschulen nutzen dieses Angebot bisher?
Bis jetzt die Musik und Kunstuniversität Wien, die Universitäten Linz und Graz, die Akademie Ludwigsburg, BTA München, die Folkwang Universität der Künste, die Hochschulen in Hannover und Hamburg und die UdK Berlin – übrigens auch die Musicalklassen. Das sind eben jene Institute, die sich auch neu aufgestellt haben. Bei anderen stellen wir uns gerade vor. Wir sind ja noch am Anfang.

Warum sind private Schauspielschulen und ihre Schüler ausgeschlossen?
Wir sind eine staatliche Behörde und somit ist das vorgestellte Programm auch beschränkt auf die staatlichen Schauspielschulen und damit ausgerichtet auf jene Studenten, die einen Master-Abschluss ablegen werden.

Wäre ein solches Angebot nicht auch für ältere, gestandene Schauspieler, wichtig?
Total. Die meisten sind ja in Bezug auf den Filmberuf Autodidakten, beziehen ihr Wissen vom Hören-Sagen und aus Erlebtem. Nichtwissen ist das Feld für Vorurteile, Bevormundung, Minderwertigkeitskomplexe. Da gerät man leicht in die Passivitäts- und Resignationsfalle und es kostet viel Geld, auf das man Anspruch gehabt hätte. Deshalb ist uns die Berufsberatung so wichtig. Jeder kann diese in Anspruch nehmen. Und rausgehen soll er kenntnisreicher und damit freier, selbstbewusster und motivierter. Darüber hinaus würde ich gerne neue Möglichkeiten zum gegenseitigen Austausch in der ZAV einführen: so eine Art regelmäßigen ZAV „Konvent“, wo unserer Schauspieler Themen einbringen können. Auch Online müssen wir uns in diese Richtung bewegen.

Welchen Nutzen verspricht sich die ZAV?
Wir können uns im Vermittlungsalltag auf die individuellen Fragen und die jeweilige berufliche Situation der Schauspieler konzentrieren, weil das Grundwissen bereits vorhanden ist. Man muss sich außerdem immer wieder selbst auf den neuesten Stand bringen. Und nicht zuletzt lernen wir auch von den Studenten: Wie und was denken die über Film, Theater, Kunst, das Leben. Aktuell ist eine wahnsinnig computeraffine Generation am Start. Dieser Zeitgeist zeigt sich ja auch im permanenten digitalen Wandel der Datenbanken. Hier muss man dranbleiben, um mithalten zu können als Berater und auch als Vermittler. Diese Verantwortung habe ich übrigens auch gegenüber meinem eigenen Arbeitgeber: der Bundesagentur für Arbeit. Die muss sich darauf verlassen können, dass öffentliche Mittel passgenau eingesetzt werden, um den Einstieg junger Schauspieler in den sogenannten Ersten Arbeitsmarkt „Theater, Film und Fernsehen“ zu fördern.

Du bist ja außerdem so etwas wie der „Vater“ des Self-Made-Shorty. Wie kam es dazu?
Das ist der glamouröse Teil der Arbeit, dem liegt aber auch ein konkretes Vermittlungsanliegen zu Grunde. Ich wollte uns alle aus der lähmenden Mystifizierung des Showreels befreien. Mein Gott, das ist lediglich ein Hilfsmittel fürs Besetzen, und dabei geht es um die Person, nicht ums Showreel selbst, also: Mach’ es persönlich, mach’ es selbst, selfmade eben! Selbstgemachte Showreels gab es übrigens durchaus schon, aber diejenigen, die sie gemacht haben, haben selbst nicht daran geglaubt. Irgendwann ist mir dann der Kragen geplatzt, und ich hab gesagt: „So, das Ding ist klasse, das ist sexy, das ziehen wir jetzt mal ganz groß auf. Auf die Kinoleinwand damit und dann wird gefeiert!“ Mittlerweile ist das Shorty etabliert als Besetzungswerkzeug fernab des Festivals, und Schauspieler werden darüber besetzt.

Für die bisherigen Gewinner bedeuteten SMS einen nicht unerheblichen Karriere-Boost. Wie erklärst Du Dir den Erfolg dieses Projektes?
Wir machen doch alle den Beruf, weil wir mit Menschen, mit Künstlern, zu tun haben wollen. Das ist auch schauspielervideos & crew united wichtig, mit denen wir das ja mittlerweile zusammen aufziehen. Wir wollen doch alle in der Branche mit Leuten umgehen, die was zu sagen oder im besten Sinne etwas Merkwürdiges haben. Über ein Self Made Shorty kann man solche Leute entdecken und möchte sie näher kennenlernen. Man kann damit Vorschläge hervorragend kommunizieren. Es macht einfach Spaß, vor allem übrigens Regisseuren, ein Shorty anzuschauen und es mit anderen zu teilen. So kommt man dann ins Gespräch und wird besetzt. Das habe ich nun schon oft erlebt. Eigentlich war das, egal in welchem Beruf, immer mein Ziel: jemandes Fähigkeiten erkennen, diese anderen vermitteln und so, jemanden in Arbeit bringen. Darum heißt es ja auf der Visitenkarte schlicht, einfach und treffend: „Künstlervermittlung“ und in der E-Mail: (Aktiviere Javascript, um die Email-Adresse zu sehen)

Hast Du schon Informationen zu den SMS 2017?
2017 machen wir wieder ein SMS-Festival und verbinden noch den crew call von crew united damit: Filmfest, SMS, Party – ein Dreiklang an einem Tag und die ZAV mit ihren Klienten – denen vor und hinter der Kamera: Schauspieler und Stab/Technik mittendrin. Das wird ein Hot Spot beim Filmfest München, auf den ich mich jetzt schon freue. Das Thema geben wir im Frühjahr bekannt.

Mehr zur Ausbildungsoffensive der ZAV-Künstlervermittlung: PDF

Das Gespräch führte Tina Thiele.

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Cinema Moralia – Folge 140: Da da da oder: Coming out of age

»Gefühle runterbrechen…« – Netflix Serie THE GET DOWN

Die Rettung des deutschen Films durch Netflix – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 140. Folge

»Es hat ange­fangen ein neuer Akt der
gött­li­chen Komödie, und sein Leit­spruch
lautet: Die Menschen wissen, daß sie im
Himmel sind.«

Johannes Baader
»Wir leben unter einem mörde­ri­schen, absurden Regime, einer kanni­ba­li­schen Welt, die wir radikal ändern müssen.«
Jean Ziegler in dem Film »Jean Ziegler – l’optimisme de la volonté« von Nicolas Wadimoff
»Dada ist Netflix, Netflix ist Dada.«
Alte Bauern­regel

Wie erlangt man die ewige Seligkeit? Indem man Netflix sagt. Wie wird man berühmt? Indem man Netflix sagt. Mit edlem Gestus und mit feinem Anstand. Bis zum Irrsinn, bis zur Bewusst­lo­sig­keit. Wie kann man alles Aalige und Jour­na­lige, alles Nette und Adrette, alles Vermo­ra­li­sierte, Vertierte, Gezierte abtun? Indem man Netflix sagt. Netflix ist die Weltseele, Netflix ist der Clou, Netflix ist das beste nächste große Ding der Welt.
+ + +
Gespräch über ein Seri­en­pro­jekt. Natürlich für Netflix, wasnsonst. Es geht um ein Doku-Projekt zur Avant­garde nach der Jahr­hun­dert­wende: Dada. Im Raum: ein Regisseur, ein Autor, eine Produ­zentin, ein Produzent, zwei Producer.
Der Regisseur: gepflegter Bart, gepflegte Bräune, Ringel­so­cken: wurst­fin­ger­dicke blaue Streifen auf weiß, dazu ein Holz­fäl­ler­hemd und eine Fahr­rad­ku­rier­ta­sche, aber aus Leder, bestimmt 200 Euro, wahr­schein­lich mehr. Natürlich ein Apple Air Book.
Weiterlesen

Dada ist jung. Im Gespräch sagt der Regisseur darum immer »coming out of age«, er meint natürlich coming of age. Wenn’s nur das wäre. Aber er ist überhaupt ein großer Bluffer. Er hat schon alles gemacht, auch lange als Lektor gear­beitet, wow denke ich, Du bist ja ne Nummer. Darum versteht er auch Dreh­bücher sofort. Wichtig sind, sagt er, Ziele und Reflexion der Figuren. Er sagt andere, wichtige Dinge, denn er hat sie studiert:
»Auf einer akade­mi­schen Ebene ist Dada total inter­es­sant.« Damit meint er: Für Dada inter­es­siert sich heute keine Sau.
»Drama­turgie lebt von der Zukunft, von der Erwartung.« Will sagen: Wir können schon Dada machen, aber bitte ohne Vergan­gen­heit.
»Das ist halt das Gegenteil von einem Festi­val­film.« Will sagen: Halt Du Suchsland mal gleich die Klappe.
»Lachen, Weinen, Träumen und Mitfühlen, Empören auch.« Damit meint er: bloß nix denken. Fernsehen ist Gefühl.

+ + +

Irgend­wann hat der Regisseur eine origi­nelle, nein: eine richtig mutige Idee: »Künstler von heute und ihre Reflexion über Dada«.
Auf den Einwand, dass das ja schon mal jemand gemacht hätte, sagt der Regisseur: Ja, aber die fand ich alle doof, was die zum Dada zu sagen haben, ne Pups­nummer, alles Kacke.
Wir machen die Fenster auf.

+ + +

Der Produzent: schwarzer Anzug. Anthra­zi­t­hemd, bisschen zu glänzend. Der Produzent: Ein inter­na­tio­naler Film. Nur ein Gedanke und der Gedanke als Bewegung. Es ist einfach furchtbar. Wenn man eine Serie daraus macht, muss das bedeuten, man will Kompli­ka­tionen wegnehmen. Dada Psycho­logie, Dada Literatur, Dada Bour­geoisie und Du, lieber Autor, der Du immer mit den Worten…
Dada Revo­lu­tion – ja, möcht’ ich auch gern machen. Wirklich. Wirklich! Kauft nur keiner, sendet keiner. Leider. Echt.

+ + +

Der Produzent ist ein großer Naiver. Einer der wirklich glaubt, er hätte schon längst im Lotto gewonnen, wenn nur die Zahlen… er hatte ja die richtigen, aber dann… Eigent­lich ist eine Netflix-Serie ganz einfach erfahre ich. Man muss einfach »ein Gefühl, das jeder kennt«… Genau. Und dann: »runter­bre­chen«.

+ + +

Irgend­wann fragt der Produzent: »Könnte man nicht Dada ohne Dada machen?« – und freut sich einen Augen­blick über seine gute Idee.
Dann: Auf die Verbin­dung kommt es an, und dass sie vorher ein bisschen unter­bro­chen wird.

+ + +

Am Schluss dann: Es ist furchtbar einfach. Auf Wieder­sehen ein ander Mal! Ja, Sie haben Recht, so ist es. Jawohl, wirklich. Machen wir. Und so weiter.

+ + +

Vers­tänd­nis­frage: Geht es darum, etwas Origi­nelles (etwas Neues) zu machen, oder etwas Gutes zu machen?
Geht es darum die Autoren dazu zu bringen, dass sie etwas machen, was Erfolg hat (vermeint­lich, denn genau weiß man es erst, wenn es soweit ist), oder darum, die Autoren dazu zu bringen, dass sie machen, was sie machen wollen und den Autoren dazu zu verhelfen, dass sie das können?

+ + +

Alle reden von Netflix, aber keiner hat irgend­eine Ahnung. Dass das so ist, ist gut. Schon deshalb weil alle von Netflix reden, wird es nichts werden mit der Rettung des deutschen Films durch Netflix.
Der Spiegel übrigens redet nicht von Netflix. Die verkaufen denen nichts. Sie werden schon wissen warum.

+ + +

Der Produzent redet gern von Algo­rithmen, die angeblich wissen, was die Kunden sehen wollen. Die Algo­rithmen, sagen, dass sich die Netflix-Zuschauer für deutschen Geist nicht inter­es­sieren. Meint er wirklich Algo­rithmen?
Meine persön­li­chen Algo­rithmen sagen, dass Netflix deutsche Dokus aus den 70ern kauft, wie »Hitler – Eine Karriere« und die Helmut-Schmidt-Doku der ARD. Wenn die sowas senden, könnte man sich viel­leicht darauf einigen, dass eh keiner weiß, was Netflix will. Was die senden. Was Netflix-Zuschauer sehen wollen. Netflix ist daher der Ort eines großen Expe­ri­ments, einer Riesen­per­for­mance. Kein Ort der Checker, sondern ein Ort für Free­styler. Länger als fünf Jahre wird das nicht so gehen, aber jetzt geht es so. Den Erfolg bei Netflix kann man so sicher planen, wie einen Lotto­ge­winn.
Vergessen wir die Bescheid­wisser.
Vergessen wir nicht: Netflix ist Dada.

+ + +

»Jeder Student ist eine Chance, das System zu ändern.«. Dies ist der Titel der Abschrift einer Diskus­si­ons­ver­an­stal­tung bei den Kurz­film­tagen Ober­hausen zur Feier der ersten 50 Jahre dffb, die jetzt die Kollegen von critic.de veröf­fent­licht haben, und die die Ausein­an­der­set­zung lohnt.

+ + +

»Wir wollen über Frank­reich reden« sagen die 33. Fran­zö­si­schen Filmtage Tübingen (2. bis 9. November 2016) bei der Ankün­di­gung ihres dies­jäh­rigen Programms. »und über den Rest der Welt. … über gesell­schaft­liche Umbrüche, über Meinungs- und Pres­se­frei­heit. Die Welt ist nicht ruhiger geworden, im Gegenteil. Die Fragen und Unsi­cher­heiten gehen weiter: Warum ziehen Mädchen für den IS in den Dschihad? Wie können wir unsere Privat­sphäre im Zeitalter der NSA schützen? Wie können sich kleine Unter­nehmer gegen Groß­kon­zerne behaupten? Was dürfen und können die Medien? Was ist Familie? Das sind nur einige der poli­ti­schen, sozialen oder philo­so­phi­schen Fragen, die wir im Zusam­men­hang mit unseren Filmen disku­tieren wollen.«
Die Fragen sind groß, die Filme klein und ich bezweifle ob sie alle Fragen beant­worten können. Aber besser große Fragen, als gar keine. Und sie – die Filme wie die Fragen – machen Lust, endlich mal nach Tübingen zu fahren.
Zum Beispiel: La socio­logue et l*eourson von Étienne Chaillou und Mathias Théry.
»Irène Théry ist Sozio­login und Mitglied der Exper­ten­kom­mis­sion, die den Gesetz­ent­wurf für die Homoehe in Frank­reich erar­beitet hat. Ihr Sohn, der Filme­ma­cher Mathias Théry machte sich zusammen mit Étienne Chaillou daran, die Kontro­verse zu disku­tieren. Was ist hier eigent­lich los? Wer ist dafür, wer ist dagegen, und wieso? All das und noch viel mehr bespre­chen Irène und Mathias am Telefon. Mit Hilfe animierter Plüsch­tiere wird erklärt, dass das Vater-Mutter-Kind-Modell, das wir für die vermeint­lich „natür­liche*g Form der Familie halten, ein gesell­schaft­li­ches Konstrukt ist – noch dazu kein besonders altes. Der Begriff der Familie ist ein gesell­schaft­li­ches Konstrukt, das sich immer wieder verändert hat – und sich deshalb auch in Zukunft verändern kann. Ein origi­neller Doku­men­tar­film, der das erstaun­lich sensible Thema mit den Mitteln der „Sendung mit der Maus*g auf unge­wöhn­liche Weise, aber sehr diffe­ren­ziert zur Diskus­sion
stellt.«
Oder Nothing to hide von Marc Meil­las­soux und Mihaela Gladovic. »Haben Sie etwas zu verbergen? Nein? Schon nach wenigen Minuten fällt jedem ein, dass es Dinge gibt, die man nicht der ganzen Welt mitteilen möchte. Trotzdem geben wir unzählige Infor­ma­tionen über uns preis: Wir instal­lieren immer mehr Apps auf unserem Handy oder akzep­tieren Geschäfts­be­din­gungen, die Unter­nehmen Zugang zu unseren Daten geben. Aus Sicher­heits­gründen stellen wir unser Recht auf Privat­sphäre zurück. Dabei will niemand in einem Über­wa­chungs­staat leben, der einen die Freiheit raubt. Freiheit stirbt mit Sicher­heit, behaupten wir – und sind beruhigt, wenn möglichst viele Kameras uns beim Küssen in der U-Bahn-Station filmen. Haben wir überhaupt noch private Geheim­nisse? Was sagt es über uns und unsere Gesell­schaft aus, wenn wir uns an die Recht­fer­ti­gung klammern, dass wir nichts zu verbergen haben? „Nothing to hide*g widmet sich den gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Auswir­kungen dieser Über­wa­chungs­epi­demie. Der Doku­men­tar­film wurde von Kick­starter als Crowd­fun­ding-Projekt finan­ziert. …
Wir, die wir immer noch fest an die Welt­ver­bes­se­rungs­fähig­keit des Kinos glauben, freuen uns auf jede Menge zündenden Gesprächs­stoff, auf lebendige Ausein­an­der­set­zungen und neue Erkennt­nisse, auf Austausch und Kommu­ni­ka­tion und natürlich auf eine gute Zusam­men­ar­beit und eine großar­tige Medi­en­prä­senz, für die wir Ihnen schon jetzt herzlich danken. Für alle Rück­fragen, Bild­ma­te­rial, Inter­view­ter­mine und ausführ­li­cheren Infor­ma­tionen stehen wir Ihnen selbst­ver­s­tänd­lich gerne und jederzeit zur Verfügung.«

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Die richtige Einstellung

Steinig und beschwerlich ist der Weg zu anderen Produktionsweisen. Die Münchner Lieblingsfilm drehte ihr Jugenddrama „Alpenbrennen“ möglichst umweltverträglich – und ist überzeugt, dass dieser Ansatz auch besser für die Arbeit im Team ist. | Foto © Lieblingsfilm

Vor ein paar Jahren, die Diskussion um Gagen und Arbeitszeiten war heftig im Gange, stellte die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein ihren „Grünen Drehpass“ vor. Was viele jeden Tag zu Hause tun, soll auch am Set Wirklichkeit werden. Müll vermeiden, Energie sparen, regional essen… Kurz drauf zog die MFG Baden-Württemberg nach, inzwischen gibt es auch auf Europa-Ebene Nachhaltigkeits-Richtfäden für Filmteams bis hin zur CO2‐Bilanz.

Die Absicht ist gut, und irgendwas mit Umwelt kann ja nie schlecht sein. Aber Hand auf Herz: Hat der Deutsche Film nicht andere Sorgen? Und damit sind nicht mal allein Gagen und Arbeitszeiten gemeint: In der globalisierten Filmwelt ist Deutschland ein Schwellenland, die meisten der mehr als hundert Kinoproduktionen im Jahr laufen vor eher übersichtlichem Publikum und sind dann oft mit Budgets zustande gekommen, über die die globale Konkurrenz nur lächeln kann. Aber gut – stellen wir halt ein paar Gelbe Säcke vors Catering, wenn’s der Umwelt hilft. Thema erledigt.

Das ist es natürlich nicht, denn so ist „Grünes Drehen“ nicht gemeint. Weiterlesen

Die Filmförderung Hamburg Schleswig‐Holstein erwartet, dass von Ausstattung bis Technik, Transport und Verpflegung, am Set und im Produktionsbüro Energie und Material gespart wird, kurz umweltbewusst gedreht wird. Das ist schön, macht aber viel Arbeit. Und kostet erstmal mehr. Der Gegenwert außer einem guten Gewissen? Der „Grüne Drehpass“ könne die Kommunikation mit den Motivgebern erleichtern und vereinfache „die Kooperation mit städtischen Genehmigungsgebern“, verspricht man in Hamburg. Und sonst? Als Marketing-Instrument taugt er kaum – bei Kaffee und Kleidung mag ein Öko-Siegel kaufentscheidend sein, beim Kinobesuch interessiert sowas nicht. Da braucht es schon einigen Idealismus, um als Produzent da mitzumachen. Als bräuchte es nicht schon fürs Filmemachen an sich den ganzen Idealismus.

Es sei ja noch „relativ einfach, etablierte Standards einzuhalten“, berichtet einer der großen unabhängigen Geräteverleiher: „Mülltrennung, Batterie- und Leuchtmittelsammelstationen, Strom von Greenpeace, Solaranlage auf dem Dach und so weiter … Schwieriger wird es dann bei der Leistung, die wir anbieten.“ Nachhaltigkeit komme nur gut an, wenn die Produktionsfirma einen direkten Nutzen davon habe. Zum Beispiel Folien: Die gab’s früher nur als ganze Rollen, und was nicht gebraucht wurde, schmiss man nach dem Dreh einfach weg. Inzwischen verkaufe er Folien als Meterware, erklärt der Verleiher. „So eine Idee wird natürlich gerne von Produktionsfirmen angenommen, weil sie zugleich Geld damit sparen kann.“

Eine „wirklich große Investition“ in ein umweltfreundlicheres Stromaggregat andererseits hätten ihn in seinem Idealismus etwas resignieren lassen: „Nicht einer Produktion“ sei dies 20 Euro mehr Miete am Tag wert gewesen. Und damit wäre das Thema ein zweites Mal erledigt.

Man könnte das Thema freilich auch anders beleuchten. Im Januar hatte die Münchener Lieblingsfilm zu einem Treffen zum Thema „Grüner Drehen“ eingeladen. Initiatoren waren der Regisseur, Schauspieler und Drehbuchautor Christian Lerch („Wer früher stirbt, ist länger tot“) und die Ingenieurin Nicola Knoch, Beraterin rund um das Thema Nachhaltigkeit. Ihnen ging es um einen ersten Erfahrungsaustausch im noch jungen Thema: „Alle reden von Nachhaltigkeit“, heißt es in der Einladung. „Aber nur wenige tun aufrichtig etwas dafür. Doch es gebe auch eine große Verunsicherung bei diesem Thema, meint Nicola Knoch.

Sie hätten bei solchen Versuchen bisher Unterschiedlichstes erlebt: Genervte Teammitglieder, verzweifelte Caterer, Berichte, CO2‐Bilanzen. Aber auch Teams, die mit Freude „grüne“ und neue Themen umsetzen und in den Produktionsprozess einbinden. Da böten Leitfäden, wie sie die Förderung im Norden herausgibt, eine gute erste Orientierung. Aber, sagt die Ingenieurin: „Ich glaube aus Erfahrung in anderen Branchen nicht, dass dies allein besonders sinnvoll ist. Wenn man strikt bloß eine Liste abarbeitet, wird das Ganze leicht zum Etikett. Es geht aber nicht um Sparen oder Geld, sondern um eine Grundhaltung – letztlich auch gegenüber den Mitarbeitern.“

Das betonte neulich auch der Dokumentarfilmer Carl A. Fechner in einem Interview mit der Zeitschrift „Film & TV Kameramann“: „Vor der nachhaltigen Herstellung eines Films muss zunächst die Firma insgesamt nachhaltig aufgestellt werden“, erklärt da der Filmemacher, der sich mit Dokumentationen wie „Die 4. Revolution“ und „Power to Change – Die Energie-Rebellion“ mit einigem Erfolg auf Nachhaltigkeitsthemen spezialisiert hat – „Die 4. Revolution“ war 2010 der mit Abstand besucherstärkste deutsche Kinodokumentarfilm und wurde in 28 Sprachen übersetzt.

Beispiele aus der Praxis liefert er im ­Gespräch viele, bleibt bei allem aber hart an Maßeinheiten und Zahlen: Kilowattstunden, Euro, Kilometer… Grün drehen ist technisch und wirtschaftlich machbar. Aber was Nachhaltigkeit darüber hinaus bedeutet, wird nicht erklärt.

 

Tatsächlich wird es etwas kniffliger, zu verstehen, wasbei Lieblingsfilm Knoch und Lerch und mit ihnen der Produzent Thomas Blieninger und die Produktionsleiterin Cecile Lichtinger darüber zu sagen haben. Denn wenn man „Grünes Drehen“ nur in Checklisten und Ökobilanzen sieht, klingt das Meiste bekannt. Gewiss, ein tolles Engagement, aber es beantwortet nicht die grundlegende Frage: Warum sollte man das tun? Und was meint eigentlich ein Produzent, wenn er sagt: „Für mich war weniger der Öko-Aspekt ausschlaggebend, sondern die Frage: Ist die Art, wie wir seit zehn Jahre Filme machen, richtig? Oder geht es auch besser?“

In einem Seminar an der Hochschule für Fernsehen und Film München illustrierte Knoch das, worum es ihr wirklich geht, mit einem grob vereinfachten Modell aus drei Kreisen: In der Mitte ist der kleinste Kreis: die Gesellschaft. Darum ein größerer: die Umwelt. Beide umschließt der größte: die Wirtschaft. Sie ist zur Zeit das übergeordnete System – die beiden kleineren Kreise „füttern“ jeweils die größeren. Unter dem Primat der Wirtschaft steht das individuelle Interesse über allem anderen.

Im Gegenmodell ist die Wirtschaft ganz nach unten gerückt. Ganz oben steht die Umwelt, zwischen beiden die Gesellschaft, der Mensch. Das gemeinschaftliche Interesse steht über allem anderen, die Wirtschaft muss die Abhängigkeiten von Umwelt und Gesellschaft anerkennen – und kann zum übergeordneten System einen starken Beitrag leisten, glaubt Knoch.

Es geht aber nicht bloß um eine lineare Rangfolge – alles hängt mit allem zusammen. Grob vereinfacht gesagt: Wer nicht nur an Profit denkt, sondern sich um die Umwelt sorgt, sorgt auch für seine Mitmenschen. Und wer „grün“ Drehen will, muss dafür auch sein Team begeistern können. „Die Arbeit selbst bleibt gleich, ob man nun eine Zugfahrt bucht oder einen Flug“, sagt Lichtinger. „Aber man redet mehr miteinander, weil es plötzlich nicht nur um Gagen und Arbeitszeiten, sondern auch um die Herangehensweise geht: Was ist der Firma wichtig am Prozess des Drehens und wie sieht das das einzelne Teammitglied?“

Die Lösung wurde bis jetzt nach vier runden Tischen und einer Produktion auch noch nicht gefunden, erklären alle Vier wiederholt. Ihre Suche sei auch keine Kritik an anderen Ansätzen. „Aber wir wollen mehr im Blick haben als den bloßen Produktionsablauf“, erklärt Lerch zu den Dreharbeiten zum Kinderdrama „Alpenbrennen“, das von Mai bis Juli in Berlin und Südtirol gedreht wurde: „Es geht um Wertschätzung gegenüber dem Team. Das grüne Ding ist da ein Einfallstor: Es erweitert den Teamgeist. Bei dieser Produktion etwa sollte das Team möglichst die ganze Zeit vor Ort bleiben und nicht an den Wochenenden heimfahren. Dafür mussten wir uns halt etwas einfallen lassen, wie eine große Wanderung. Das schafft auch Gemeinschaft.“

„Bei Veranstaltungen wie der Wanderung ging es uns vor allem darum, die Kommunikation zwischen den Leuten zu fördern und zwar jenseits von Warm-up, Bergfest und so weiter“, ergänzt Blieninger. „Obwohl sich die Beteiligung in Grenzen hielt, lernten sich die Leute besser kennen und wurden von den Coaches Lerch und Knoch auch herausgefordert, etwas von sich zu erzählen beziehungsweise die Kollegen genauer zu beobachten.“

Alles in allem habe man Knoch und Lerch nicht als Umwelt-Coaches gesehen, sondern mehr als Sozial-Coaches. Die Grundidee war auch, dass sich Teammitglieder nicht nur mit Anregungen, sondern auch mit Problemen an sie wenden konnten. Blieninger: „Das wurde zwar wenig, aber spürbar angenommen, und es wurde klar, dass es schon sinnvoll sein kann, bei Kommunikationsproblemen mit Vorgesetzten oder Kollegen einen Menschen dazwischenzuschalten, der neutraler an die Sache ranging. Das hat ansatzweise gut funktioniert, und ich würde auch gerne versuchen, das weiter auszubauen. Wobei dazu eine Beständigkeit in der Präsenz der ,neutralen‘ Personen vorhanden sein muss. Ich bin mir inzwischen sicher, dass alle Teammitglieder bis hin zu Produktionsleitung und auch Produzenten von einem Blick von außen profitieren können.“

Schaffen glückliche Teams bessere Filme? Mit ihren Produktionen braucht sich die Lieblingsfilm jedenfalls nicht zu verstecken: Ob die eben mit „Smaragdgrün“ abgeschlossene Edelstein-Trilogie oder die Kinderbestsellerreihe um Rico und Oskar. Und die Statistik bestätigt die Annahme: 2014 hat die Lieblingsfilm den „Fair Film Award“ gewonnen, mit dem die beteiligten Filmschaffenden alljährlich die Arbeitsbedingungen benoten. In den übrigen Jahren war die Produktionsfirma regelmäßig unter den Klassenbesten.

Auf den neuen Weg wagte sich Lieblingsfilm nun mit „Alpenbrennen“. Für die Expedition hatte die Produktion ein „Nachhaltigkeitskonzept“ geschrieben. „Die Drehzeit soll für das Team die gleiche Qualität und Relevanz haben wie das Ergebnis“, erklärt Blieninger da. „Diesen Prozess tragen wir alle gemeinsam – Wertschätzung und Räume für Reflektion sollen zentrale Punkte sein. Dazu gehört nicht nur das gemeinsame ­Arbeiten, sondern auch das gemeinsame Er­leben.“ Nachhaltigkeit, steht im Konzept weiter zu lesen, gehe nur gemeinsam. Es brauche „ein vertrauensvolles Klima, in dem Ideen wachsen, blühen und gedeihen können“, und diese Verbundenheit, um nach anderen Kriterien zu entscheiden, als nur nach Zeit und Geld.

Auf den folgenden Seiten sind die „Handlungsfelder“ beschrieben: Kommunikation, Catering, Mobilität, Beschaffung, Material, CO2/Energie, Abfallmanagement; zu jedem die nötigen Maßnahmen in Vorbereitung, Dreh, Auswertung und Werbung. Es war dennoch ein offener Prozess. „Das gesamte Team konnte Ideen einbringen, sagen, wenn es nicht passt“, sagt Blieninger.

Einfach ist die Überzeugungsarbeit nicht. Knoch kennt die Vorbehalte: Erklär mal dem Team, dass es an zwei Tagen nur vegetarisch gibt… Wenn’s beim Dreh hektisch wird, klappt das sowieso nicht… Unsere Schauspieler sind doch gewohnt zu fliegen… Alles Argumente, die auch zeigen: Es geht nicht nur um die Daten und Fakten, um CO2-Ausstoß und Abfallmengen, sondern viel mehr um die eigene Haltung: „Hier beginnt echte Veränderung“, meint Knoch.

Praxisbeispiel „Buddy“, Deutschland 2013: „Wir müssen das doch auch anders machen können. Ich möchte wissen, was möglich ist”, sagte Michael „Bully“ Herbig als Produzent, Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller. Soziale und ökologische Ansatzpunkte sollten beim Dreh integriert werden, das Team sollte eingebunden sein, die Themen sichtbar sein und die Entscheidungen nachvollziehbar. „Der Produzent muss seine Motivation deutlich machen, wenn er nicht überzeugt ist, werden die anderen nicht mitmachen“, erklärt Knoch und: „Das Team muss dabei sein, sonst hilft auch das beste Konzept nichts.“

Unter anderem setzte man bei Buddy auf Hybrid-Autos, Ökotaxis und reiste mit der Bahn, verwendete Bioprodukte fürs Make-up und Umweltmaterialien im Büro, trennte Abfall und blieb möglichst papierlos und plastikfrei – besonders im Catering mit regionalem und saisonalem Essen. Das Team erhielt „Geschenke mit Bezug und zur aktiven Nutzung beim ,grünen Dreh‘“ (schicke Trinkflaschen für die Arbeit und danach) und kostenlose Leihfahrräder.

Diese Ideen nahm man auch bei „Alpenbrennen“ wieder auf und war mit dem Ergebnis zufrieden, sagt Bleininger: „Zwar wurden auch die Leihräder nicht ständig benutzt, aber immer wieder, und wir hatten schon den Eindruck, dass dieser logistische Aufwand gewürdigt wurde im Sinne von: Hier machen sich Leute Gedanken, wie das Team seine Zeit außerhalb der Drehstunden verbringen kann.“

Was es bringt, lässt sich mit vertretbarem Aufwand ermitteln. Abfallmenge, CO2-Bilanz und Recyclingquote sind als Zahlen rasch zur Hand, ob das Thema das Team auch wirklich interessiert und gar an dessen Haltung etwas verändert hat, lässt sich erfragen. Das verstärkt sogar die Beteiligung des Teams und schafft umgekehrt durch eine hohe Beteiligung an der Befragung belastbare Daten, die zeigen, wo noch mehr möglich oder nötig ist. Dabei muss man’s bloß nicht übertreiben, sagt Knoch: „Die Bilanzierung hilft, um Themen sichtbar zu machen, aber es gilt die 80/20-Regel! 20 Prozent Aufwand reichen aus, um ein 80prozentiges Ergebnis zu erzielen.“ Damit werden schon die Hebel sichtbar.

Bei Buddy wurden die 120 Tonnen CO2 eingespart, die Hälfte des üblichen Mülls vermieden und das Team „voll mitgenommen“, listet Knoch die Ergebnisse auf. Die Erkenntnisse in Stichpunkten: Es geht noch viel mehr, wir sind es nur anders gewohnt. Ein Konzept hilft. Ohne das Team geht gar nichts. CO2-Bilanzierung ist gut, aber halt es einfach. Denn so eine Bilanz kostet ja auch wieder Material und Energie. Und „die tatsächliche Ökobilanz eines Films zu berechnen, kostet Jahre, weil man alle Details berücksichtigen muss. Solche Bilanzen sind Krücken, und sie sind der Killer, wenn man stur danach vorgeht. Alles hat Vor- und Nachteile, man muss immer wieder abwägen.“

Zum Abwägen gehört auch, immer wieder alles zu hinterfragen. Und den Frust auszuhalten, dass beim konkreten Dreh nicht alles klappt, was sich in der Theorie so gut angehört hat. Oder sich von Vornherein nicht umsetzen lässt. Beim Dreh zu „Alpenbrennen“ etwa mussten zwei Pick-ups her, die mit normalem Sprit fahren. „Das ging in den Bergen über 2.000 Metern gar nicht anders“, erklärt Blieninger. „Wir mussten jeden Tag 800 Höhenmeter überwinden, mit Equipment. Elektroautos etwa sind im Moment nur bei Stadtdrehs sinnvoll, wo es genügend Ladestationen gibt – in den Alpen ist es da noch schwierig.“ Und natürlich müsse er bei allem immer auch an die Wirtschaftlichkeit denken.

Bei den Maßnahmen unterscheidet sich „Alpenbrennen“ kaum von anderen „grünen Produktionen“. Cecile Lichtinger zählt auf: „Das fängt beim Kleinsten an: Das Papier – sofern es sich nicht generell vermeiden lässt. Ich muss keine zwanzig Drehbücher ausdrucken, wenn ich nur fünf brauche. Der Müll wird reduziert, wir benutzen kein Einweggeschirr. Weniger Flüge: Alle Schauspieler sind mit dem Zug zum Dreh angereist. Die Bereitschaft mitzumachen, ist da.“ Und tatsächlich hätten auch fast alle mitgemacht, wo „Alpenbrennen“ noch einen Schritt weiterging: An den Wochenenden reiste fast keiner nach Hause zurück. Da muss sich eine Produktion allerdings auch Gedanken machen, wie sie dem Team das schmackhaft macht.

Überraschend ist lediglich der Befund zum Catering. Nach all den Kochshows im Fernsehen und Gourmet-Imbisswägen auf der Straße sollte man meinen, bio, saisonal und regional sei inzwischen verbreiteter Standard. Tatsächlich scheinen sich die Filmverpfleger noch schwer zu tun mit der Nachhaltigkeit. Ausgerechnet das Catering, laut Nachhaltigkeitskonzept „das emotionale Herz jeder Produktion“, wo sich „die Stimmungslage des Teams deutlich sehen“ lässt, dem „Gradmesser für das Funktionieren unserer Herangehensweise.” Lichtinger: „Wir mussten suchen. Schon das Geschirr war ein Problem.“

Auch darum veranstaltet die Produktionsfirma auch weiterhin ihre Runden Tische zum Thema, erklärt Lerch: „Wir hatten schon mal einen Anlauf unternommen, ,grün‘ zu drehen, das ging aber nicht gut – wir sind da nur an der Oberfläche geblieben. Wir wollten es noch einmal versuchen.“ Dazu lädt man sich Gäste ein; der vierte Runde Tisch ist gerade gelaufen.

„Die erste Stunde lang sind die Gespräche noch recht allgemein, dann gehen sie aber ziemlich in die Tiefe“, beschreibt Blieninger den Austausch und wünscht sich, dass die Diskussion um eine andere Produktionsweise im Gang bleibt. „Wir haben bei unserer Produktion auch vieles nicht geschafft, was wir uns vorgenommen hatten. Aber wir werden sicherlich bei kommenden auf solchen Erfahrungen aufbauen.“

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