Für die freie Verfügbarkeit fremden Eigentums! Kino.to ist zurück im Netz

Ladendieb

Stimmt: Filme sind keine Tütensuppen. Filme kann man „im Internet herunterladen“. Die Suppe muss man schon selber klauen. | Illustration © cinearte

Ach ja: Kino.to ist wieder da. Das ist keine Überraschung. Nachdem das halb-, viertel- oder illegale oder sonstwie in der Grauzone rechtlicher und moralischer Vorstellungen blühende Filmportal und einige andere abgeschaltet wurden, dauerte es nur gefühlte zwei Mausklicks, bis die Nachfolger ausgemacht waren. Wie hilflos der Schlag der Justiz war, lässt sich in einer schönen Überschrift zusammenfassen.

Das Netz ist halt rasend schnell, die Nachfrage offenbar groß, und man kann fleißig diskutieren, ob das nun daran liegt, dass die Filmbranche in Europa kein legales Portal zustande bekommt und da den USA weit hinterherhinkt, wie das sogar die EU-Kommission bemängelt, oder weil Filmverleiher und Kinobetreiber allesamt Ausbeuter sind, die fürs Anschauen ihrer Filme auch noch Geld verlangen, oder die Leute einfach nur gerne nehmen, was sie umsonst bekommen, egal woher es kommt, was es taugt oder wem es gehört.

Die Betreiber von Kino.to selbst hatten sich gleich nach dem Abschalten mit einiger Rechtschreibschwäche als eine Art Guerilla der guten Sache selbstdargestellt, wahlweise auch als Freiheitskämpfer im Internet oder wurden gleich von trauernden Fans selig gesprochen. Tatsache ist: Das System dahinter ist gut organisiert  und brachte gutes Geld. Auch denen, die unerlaubt die Filme von anderen hochgeladen hatten.

Logisch also, wenn man das erfolgreiche Geschäftsmodell nicht so einfach aufgeben will. Jetzt ist auch die alte Oberfläche, angeblich mit kompletter Datenbank, wieder online, in der Webadresse lediglich um einen Buchstaben erweitert. Eigentlich sollten wir für sowas nicht auch noch Werbung machen. Weil es aber eh überall steht, können wir uns die Bedenken schenken. Auf der neuen Website machen die alten Betreiber nämlich wieder heftig Stimmung gegen „überteuerte Kinovorstellungen und verspätete Serien-DVD-Releases“, gegen „fanatische Geldgeier-Organisationen“ und den „Wahn“ von „Filmindustrie und Staat“ mit „haufenweise Geld“ (selbst wenn sich da Politik und Industrie selbst nicht ganz einig sind), die „harmlose Webseitenbetreiber auf eine Stufe mit Mördern und Vergewaltigern gestellt“ hätten.

So ganz stimmt das nicht, weil Mörder es doch ein bisschen schwerer haben, aus der Untersuchungshaft entlassen zu werden als harmlose Webseitenbetreiber, erst recht, wenn letztere geständig sind. Wer harmlos ist, dürfte zwar nicht allzu viel zu gestehen haben, „verarscht“ fühlen sich die Webseitenbetreiber trotzdem: „Für was finanzieren wir euch jeden Monat? Damit ihr uns verarscht?!“ Genau! Für was finanziert Kino.to… oder, Moment mal, sollte man nicht besser zurückfragen: Womit? Womit genau will Kino.to eigentlich jeden Monat die undankbaren Geldgeier von Staat und Filmindustrie finanziert haben?

Zugegeben, ich bin ein wenig anderer Meinung: 12,99 Euro für einen ofenfrischen Film auf DVD, den ich mir dann in Endlosschleife angucken kann, halte ich für akzeptabel, und wenn er ein halbes Jahr später weniger als die Hälfte kostet, sogar für günstig – wie offenbar viele andere, was auch meinen Drogeriemarkt seit einigen Jahren immer mehr freut. Wenn ich das nicht mag, kann ich ja immer noch leihen. Wenn auch nicht mehr lange, weil den Videothekaren die Kunden im Internet verloren gehen, wo sie die Filme umsonst gucken können wollen. Oder bevor sie auf DVD starten – besonders die Fernsehserien, die ja eh dauernd verspätet herauskommen, also erst, nachdem sie im Fernsehen liefen, obwohl das ja eigentlich ihre namensgebende Daseinsberechtigung ist. Oder weil sie den Film lieber in Originalversion sehen wollen als in der uncoolen deutschen Synchronisation, aber vielleicht an der Fernbedienung des DVD-Spielers der Knopf kaputt ist, mit dem man das Sprachmenü anwählen kann… Wie jetzt, Sprachmenü?

Einverstanden, die überdurchschnittlichen Preise im Multiplex ärgern mich genauso wie die ganze buntlackierte Supermarktarchitektur, die wenig Lust zum Bleiben weckt. Das lässt sich aber einfach vermeiden, indem man in ein richtiges Kino geht, wo die Cola zum Film nicht in ballermann-großen Eimern ausgeschenkt wird. Was auch den Vorteil hat, dass man nicht so oft aufs Klo muss (das in normalen Kinos außerdem recht gut zu Fuß zu erreichen ist) und mehr vom Film mitbekommt, sich also möglicherweise eine zweite Vorstellung sparen kann, um die Handlung zu verstehen. Manchmal sind sogar die Kommentare besser und die Händis bleiben aus. Gut, das letzte war ein Scherz – wie sollte ich denn sonst gleich nach dem Vorspann auf mein Facebook-Profil posten, dass ich irgendwie in einen französischen Krimi geraten bin, der aber voll @&%¡#* ist, weil da Russell Crowe nicht mitspielt und ich keinen von den anderen Typen kenne außer dem Tranigen, der da irgendwo in „Godzilla“ oder so zu sehen war und doch auch schon mal so einen ziemlich coolen Killer gespielt hat, hier aber auch nicht dabei ist. Außerdem ist das US-Remake eh besser, das konnte ich mir neulich schon im Internet ansehen. Ist vielleicht doch eine feine Sache, auf Kino.to…

Um es auch den Tausenden von Filmliebhabern klarzumachen, die sich über die Auferstehung des „legendären Online-Stream-Portals“ (Eigenwerbung Kino.to) freuen, brechen wir das virtuelle Phänomen mal auf eine fiktive Wirklichkeit herunter, in der Art Haus als echter Filmliebhaber ein kleines Programmkino betreibt. Davon allein kann er freilich nicht richtig leben, weil die meisten seiner potenziellen Besucher lieber ins Multiplex gehen, um sich über die Preise zu ärgern und größere Cola-Becher zu kaufen. Weil Art aber nicht nur Filmliebhaber, sondern auch Geschäftsmann ist, denkt er sich noch etwas Neues aus und richtet nebenan ein Filmcafé und eine Videothek ein. Jetzt muss er sich aber auch noch darum kümmern und ist bisweilen abgelenkt. Das bringt Ingo To., der nebenan eine Imbissbude betreibt und seinen Nachbarn eh für einen Geier mit haufenweise Geld hält, der wild in die Gegend expandiert, auf eine pfiffige Geschäftsidee: Wenn Art im Café bedient oder Videos verleiht, sperrt Ingo die alte Brandschutztür in seinem Keller auf. Durch den Spalt können seine Gäste dann die neuesten Filme umsonst gucken, und der Würstchenumsatz steigt deutlich. Und wenn Art abends nach Hause geht zum Champagnerbaden mit Luxusprostituierten oder die Nachmittage auf dem Golfplatz verspielt oder was expandierende Kinobetreiber sonst so treiben, wird’s noch toller: Dann schleicht sich Ingo nach nebenan, legt einfach die Rolle noch mal ein und lädt seine Kumpels und deren Kumpels zur Gratis-Sondervorstellung – nur Würstchen und Cola müssen sie bei ihm kaufen. Vielleicht sponsort auch noch der Gebrauchtwagenhändler um die Ecke. Nur Art wundert sich, warum vermeintlich immer weniger Leute ins Kino gehen.

Richtig Erfolg hat Ingo mit seiner tollen Idee trotzdem nicht, weil erstens die Kumpels ihn für einen Geldgeier halten, der immer noch zu viel an seinen Würstchen verdient und viel zu kleine Becher hat, und zweitens Art irgendwann pleite ist und aus dem Kino ein Discountladen für Schuhe wird, die für Halbe-Cent-Beträge von Grundschülern auf Sri Lanka zusammengeklebt werden, die dann deutsche Schuhfabrikarbeiter kaufen, weil ihnen die eigenen Produkte zu teuer sind und Schuhfabrikanten eh alle Geldgeier. Natürlich sind die singhalesischen Grundschüler gar keine mehr, weil sie ja Schuhe zusammenkleben müssen, statt zu lernen, und deshalb nie eine eigene Fabrik haben werden, sondern immer für wenig Geld Schuhe zusammenkleben, bis sie, nach drei, vier Jahren, durch andere Grundschülern ersetzt werden. Natürlich haben auch die deutschen Arbeiter bald keine Fabrik mehr und stehen an für Hartz IV. Zum Glück sind wenigstens die Schuhe billig…

Die DVD in der Videothek könnten Ingos Kumpel eigentlich auch gleich so einstecken – sind ja eh viel zu teuer, die Dinger. Aber sowas macht keiner. Das wäre ja Diebstahl.

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2 Antworten auf Für die freie Verfügbarkeit fremden Eigentums! Kino.to ist zurück im Netz

  1. guter artikel!

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  2. Machen wir uns nichts vor. Solange es kein legales Angebot gibt, diese Filme zu Hause zu schauen oder US-Serien direkt nach der Ausstrahlung (IM ORIGINAL) zu sehen, werden Portale wie dieses florieren.
    Wir leben im 21. Jahrhundert. Das die Filmindustrie den Trend voll verschlafen hat, ist nicht Problem der Nutzer. Die alten Strukturen funktionieren nicht mehr.
    Die Musikindustrie sollte das mittlerweile mitbekommen haben.
    Aber statt die Chance zu ergreifen werden die alten Leiern abgespielt.
    Gut, das die ersten Filmemacher begreifen, das es auch anders geht. Crowdfounding und legale kostenlose Downloads nehmen immer mehr zu.
    Filme wie “Ink”, Serien wie “Pioneer One” oder als neuestes Beispiel das australische Projekt “The Tunnel” sind erste Anzeichen einer Wende.
    Lasst die Leute zahlen, was sie meinen, das ihnen der Film wert ist. Dann bekommt jeder den Film, den er haben will. Und das Geld landet bei den Filmemachern. Und den Schauspielern. Ich bin dafür.

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