Es geht nicht ums Geld

Noch steht er im Hintergrund, aber gleich wird der Regisseur Axel Ranisch eine Rede halten. Mit dem „Fair Film Award“ zeichnen die Berufsverbände der Branche alljährlich vorbildliche Produktionsbedingungen aus. | Foto © Stefan Maria Rother


Meinen ersten Kinofilm „Dicke Mädchen“ habe ich vor fünf Jahren gedreht. Mit einem aberwitzigen Budget von 517,32 Euro. Ich habe von vielen Filmschaffenden dafür Ärger bekommen. Ich versaue die Preise auf dem Markt, ich schüre den Glauben, dass man ohne Geld Filme drehen kann. Das mag vielleicht sogar sein. Aber, liebe Kollegen, was hätte ich denn machen sollen? Ich hab es doch versucht. Aber mich kannte doch keiner. Niemand hätte mir Geld gegeben, um mein Team und meine Schauspieler anständig zu bezahlen, ohne, dass ich mich und den Film, den ich drehen wollte, hätte dafür verbiegen müssen.
Ich kenne überhaupt keinen einzigen Filmemacher, der nicht unter Ausbeutung seines Teams und der eigenen Ressourcen angefangen hat Filme zu drehen. Das lässt doch nur eine Schlussfolgerung zu: Wir bekommen dieses beschissene unfaire Verhalten anerzogen. Es gibt, so weit ich weiß, an keiner deutschen Filmhochschule einen Workshop über faires Produzieren. Mir hat man noch vor meinem Studium beigebracht: Wenn du zum Film willst, dann arbeitest du die ersten zehn Jahre umsonst; und wenn du dieses Opfer nicht aufbringen willst, dann bist du falsch in der Branche. Also warum wundern wir uns dann über die beschissenen Arbeitsbedingungen, wenn so eine Moral herrscht?

Ich kann auch 14 Jahre nach meinem ersten Kurzfilm und fünf Jahre nach meinem ersten Kinofilm noch niemandem, der mit mir zusammenarbeiten will, einen tarifgemäßen Vertrag anbieten. Dabei sind meine Schauspieler und meine Filmfamilie das Wertvollste was ich habe. Das macht mich fertig.
Aber die Gage ist, meiner Ansicht nach, auch nur das Eine. Man kann auch mit weniger Gage sehr glücklich sein, wenn die Arbeitsbedingungen stimmen. Es gibt aber ein paar Dinge, auf die kann und will ich komplett überhaupt nicht verzichten, und das sind: Gegenseitige Wertschätzung, Lob, Herzlichkeit, Offenheit, Transparenz und Gerechtigkeit.
Aber genau diese Dinge haben wir in unserer Branche offensichtlich verlernt. Diesen Eindruck gewinne ich jedenfalls oft, je tiefer ich Einblick erhalte. Ich finde es so unerträglich, wenn Gagen ungerecht verteilt werden und sich wenige auf den Rücken vieler bereichern. Ich finde es weder geschickt noch bewundernswert, wenn Verträge oder Absprachen intransparent getroffen werden, wenn stattdessen geschachert und taktiert wird, verschwiegen und geschummelt. Ich finde es so was von zum Kotzen, das es in unserer Branche immer nur um das Selbe geht: um Einschaltquoten, Einspielergebnisse, Erfolg und Geld.
Ganz ehrlich. Dafür bin ich nicht Filmemacher geworden. Ich will einfach nur mit meinem ganzen Herzblut Geschichten erzählen über Menschen und mit Menschen, die ich liebe und bewundere. Schade, dass das nicht reicht.
Aber deswegen ist dieser Preis heute Abend von so unschätzbarer Bedeutung. Er fragt nämlich all die Menschen, die mit ihrer Lebenszeit und Kraft den Film aus dem Boden gestampft haben, ob sie sich dabei wohl gefühlt haben und ob sie fair behandelt wurden.
31.000 Kollegen aus allen Gewerken konnten über Crew United abstimmen. Sechs Produktionen wurden nominiert. Alle sechs haben eine glänzende Eins auf dem Zeugnis. Herzlichen Glückwunsch dafür. Eine dieser sechs Produktionen wurde nach nochmaliger Befragung der Mitarbeiter zum Sieger gekürt. Und den darf ich jetzt verraten.

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