Publizierungen von: Andreas Kloo

Öffentliche Ignoranz

Die ARD-Reihe „Die Diplomatin“ will seine Geschichten nah am Zeitgeschehen erzählen, schert sich aber nicht um Fakten. In der jüngsten Folge werden den Zuschauern die Philippinen präsentiert, doch Elefanten, Tuk-tuks und Linksverkehr gibt es erst zwei Länder weiter in Thailand. | Foto © ARD Degeto/Hans-Joachim Pfeiffer

Die ARD hat mit „Die Diplomatin“ eine neue Samstagabend-Reihe gestartet: Natalia Wörner ist Karla Lorenz, eine Troubleshooterin des Auswärtigen Amtes, die immer dann in ein Krisengebiet dieser Welt geschickt wird, wenn es dort für Deutsche brenzlig wird. Das Erste wagt sich auf internationales Parkett – und das geht gründlich schief. Hier soll es nicht um schauspielerische Leistungen oder künstlerische Qualitäten bei der Umsetzung eines TV-Movies gehen sondern um die Frage: Wie weit darf Fernsehen sich die Realität zurechtbiegen, wie authentisch muss Fiktion sein? Weiterlesen

„Entführung in Manila“ sollte vergangenen November der Auftakt sein für die neue Reihe, nach den Terroranschlägen von Paris entschied ARD-Programmdirektor Volker Herres, „Die Diplomatin“ kurzfristig aus dem Programm zu nehmen. Jetzt also ein neuer Anlauf, Ende April absolvierte die Sonderbeauftragten Lorenz in Tunis ihren ersten Einsatz, in der Folge vom 7. Mai werden vor der Küste der Philippinen zwei deutsche Urlauber von islamistischen Terroristen entführt. Ein Szenario von erschreckender Aktualität, vor gut einer Woche köpfte die Terrorgruppe Abu Sayyaf im Süden des Inselstaates die kanadische Geisel John Risdel, zwei weitere gekidnappte Touristen drohen die Extremisten zu töten. Die Fakten stimmen also, der Bürgerkrieg zwischen dem christlich geprägten Norden des Landes und dem muslimischen Süden schwelt weiter, ungeachtet einer im Jahr 2012 unterzeichneten Friedensvereinbarung der Konfliktparteien.

Der Film beginnt mit der Entführung von zwei Deutschen auf der Insel Basilan im Süden des Landes. Bewaffnete bringen die gefesselten Touristen aus der Stadt Isabela City in ein Versteck. Es braucht keine zwei Minuten, und es wird deutlich: Hier ist etwas faul. Im Inneren des Kleintransporters kleben verschnörkelte Schriftzeichen an Armaturen und Windschutzscheibe, der Van braust auf einer Küstenstraße aus der Stadt – auf der linken Fahrspur. Die Produktionsfirma Ufa Fiction hat „Entführung in Manila“ in Thailand gedreht – und das sieht man der Produktion von der ersten bis zur letzten Minute an, der Fernsehfilm hat so viel mit den Philippinen zu tun wie ein „Beer Festival“ in den USA mit dem Münchner Oktoberfest.

Es ist Routine im Filmgeschäft, nicht an Originalschauplätzen zu drehen. Die Karl-May-Filme entstanden im damaligen Jugoslawien, Marokko ist beliebter Schauplatz für alles was arabisch oder nach Wüste aussehen soll, und ein Toskana-Dörfchen lässt sich auch in den türkischen Bergen finden, wie ich bei einem Setbesuch lernte. Fördergeld, Infrastruktur, Genehmigungen und andere Faktoren entscheiden darüber, wo gedreht wird. Doch wenn schon geschummelt wird, sollte das Ergebnis zumindest annähernd deckungsgleich sein mit der Wirklichkeit, schließlich wird dem Zuschauer ein Versprechen gegeben: ihn mitzunehmen auf eine Reise zu anderen Orten, Kulturen und Menschen – auch wenn die Handlung Fiktion ist. Den Philippinen thailändische Schriftzeichen und Linksverkehr unterzujubeln sind eben keine Petitessen, sondern Ausdruck von Ignoranz. Bei „Entführung in Manila“ ziehen sich Missverständnis und Unverständnis gegenüber dem asiatischen Land wie ein roter Faden durch den Film.

Es reicht eben nicht aus, eine Landesfahne dekorativ in den Bildhintergrund zu rücken, um die Protagonisten in dem jeweiligen Land zu verorten. Wenn die Diplomatin Lorenz auf den Philippinen landet und am Flughafen in Manila von Botschaftsmitarbeiter Nikolaus Tanz (Jannik Schümann) empfangen wird, hätte sie genauso in Hongkong, Hanoi oder Hannover ankommen können. Nichts von der aufgeregten Atmosphäre, die am Ninoy Aquino Airport herrscht, wenn Filipinos nach Monaten, manchmal auch nach Jahren der Arbeit in Übersee in ihre Heimat zurückkehren, vollgepackt mit Geschenken und Erwartungen. Keine umständlichen Einreiseformalitäten mit Zetteln, die von grimmigen Beamten mit hohen Schirmmützen erst begutachtet und dann mit Nachdruck abgestempelt werden. Keine Taxiwerber vor dem Flughafengebäude, die jeden Weißen umschwirren wie ein Schwarm Moskitos. Hier hätte der Film eintauchen können in eine fremde, exotische Welt, wäre Gelegenheit gewesen zu zeigen, dass es in Manila keine Garküchen gibt und man nicht mit einem Tuk-Tuk (sondern mit einem Jeepney) fährt, dass die Bewohner der Philippinen selbst auf den entlegensten Inseln Englisch sprechen und man keine esoterische asiatische Flötenmusik hört sondern die Billboard Charts – und das möglichst laut.

Ein TV-Movie ist keine Dokumentation. Es geht auch nicht darum, das Haar in der Suppe zu finden und dieses triumphierend dem Kellner zu präsentieren. Es geht darum, was Zuschauer von einem öffentlich-rechtlichen Sender erwarten dürfen. Wer an der Wursttheke Salami bestellt, wird über Mett nicht erfreut sein. Der Franken-„Tatort“ sieht nach Franken aus, bei „Mordkommission Istanbul“ sieht der Zuschauer, dass die Handlung in der türkischen Metropole spielt, und in den „Donna Leon”-Krimis schippert Commissario Brunetti offenbar durch Venedig. Aber bei einem Film mit Schauplatz in einem asiatischen Land reichen eine quirlige Metropole mit Motorrädern, Palmen, Meer und schlitzäugige Menschen, und fertig ist das Setdesign?

Das unverhohlene Desinteresse von „Entführung in Manila“ am Original zeigt sich besonders deutlich, wenn Diplomatin Lorenz sagt: „Wissen Sie, wer den Tsunami als erstes gespürt hat? Nein? Die Elefanten.“ Weder gibt es auf den Philippinen Elefanten, noch erreichten 2004 die verheerenden Flutwellen den Inselstaat. Und den philippinischen Verteidigungsminister mit dem französischen Schauspieler David Asavanond zu besetzen, der mit einem anmutigen, nur leider völlig deplatzierten Akzent die Verhandlungen über die Freilassung der Geiseln führt, ist mehr als grotesk. In dem Film ist kein einziger Filipino zu sehen, auf die physiognomischen Unterschiede von Asiaten einzugehen, wäre von einer Produktion, die sich so wenig um Authentizität schert, wohl zu viel verlangt. In „Entführung in Manila“ bleibt ein Land mit seinen Menschen und seiner Kultur ein leeres Versprechen. Stattdessen werden einige Fakten mit gängigen Klischees angereichert – von dieser Mogelpackung dürfen sich die Zuschauer zurecht verschaukelt fühlen. Dann lieber noch eine weitere Krimi-Reihe aus der deutschen Provinz. Und wer das Manila sehen möchte, wie es wirklich ist, kann sich immer noch einen Film von Brillante Mendoza ansehen, der philippinische Regisseur ist mit „Ma’ Rosa“ wieder im Wettbewerb von Cannes dabei.

 

Der Autor ist Redakteur bei der Fachzeitschrift Blickpunkt:Film und reist seit über zehn Jahren regelmäßig auf die Philippinen. Während seines Sabbaticals lebte er 2014 mehrere Monate in deren Hauptstadt Manila.

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Serien-Trends: Jetzt geht’s den Tabus an die Wäsche

Jonathan Webdale (Journalist), Marcus Ammon (Sky Deutschland), Antony Root (HBO Europe) und Diego Suarez (Sony Pictures Television) beim Drama Series Days der Berlinale (Bild: Oliver Möst/Berlinale)

Bei den Drama Series Days der Berlinale drehte sich alles um die langen Erzählformate. Einig waren sich die Experten in einem Punkt: Der Boom geht weiter – und es wird radikaler erzählt werden.
Der Serien-Boom geht weiter, legt vielleicht sogar noch eine Schippe drauf. An Nachschub mangelt es heute schon nicht, in den USA wurden vergangenes Jahr 409 fiktionale Serien ausgestrahlt. Dass der Trend weiter nach oben zeigt, wurde bei den “Drama Series Days”, die am 15. und 16. Februar im Rahmen der Berlinale stattfanden, deutlich. Beispiel HBO: Der Pay-TV-Serienpionier ist in Europa in gut einem Dutzend Länder als eigenständige Marke und Plattform aktiv. Für seine Ableger in Mittel- und Osteuropa hat HBO eigene Serien in Auftrag gegeben. “Burning Bush – Die Helden von Prag” in Tschechien, “Umbre” in Rumänien, weitere in Polen und Ungarn. Demnächst steigt HBO für seine Plattform in Skandinavien in Eigenproduktionen ein, bestätigte Antony Root, bei HBO Europe für das Programm verantwortlich, in Berlin. Jetzt sind Schweden oder Dänemark keine weißen Flecken in der internationalen Serienlandschaft, im Gegenteil, keiner beherrscht die Kunst des seriellen Erzählens in Europa besser als die Skandinavier. HBO muss sich also etwas einfallen lassen, will man in Nordeuropa erfolgreich Abos verkaufen. Die Lösung: eigenproduzierte Serien mit einer üppigen Portion Lokalkolorit, um Dänen, Schweden oder Norweger zu ködern. “Aktuell prüfen wir Drehbücher”, so HBO-Manager Root. Weiterlesen

Noch jemand, der in Europa mit eigenproduzierten Serien Gas geben will, ist Sky Deutschland. “Pay-TV in Deutschland ist reif für die nächste Stufe”, sagte Sky-Programmchef Marcus Ammon in Berlin. Wird auch Zeit. Die Sky-Kollegen in Italien haben mit “Gomorrah” längst vorgelegt, auf der Insel lässt die Pay-TV-Plattform ohnehin längst fleißig seriell produzieren. Jetzt sind die Deutschen dran. Kurz vor Berlinale-Start gab Sky mit viel Tamtam den Drehstart von “Babylon Berlin” bekannt, nach zweieinhalb Jahren Vorbereitungszeit darf Tom Tykwer ab April mit knapp 40 Mio. Euro 16 Folgen realisieren. Noch eine Serie. Der Druck auf dem Projekt ist enorm. Es ist die erste deutsche Sky-Serie. Um das Mammutvorhaben zu realisieren, bandelt der Pay-TV-Anbieter sogar mit ARD Degeto an, der ungleichen Koalition gehören noch X Filme und Beta Film an. “Sky alleine hätte das Projekt nicht finanzieren können”, gab Ammon zu Bedenken.

“Der Markt verändert sich gerade komplett. Es entsteht eine neue Welt”, urteile Bruce Tuchman bei den Drama Serial Days. Er ist bei den US-Sendermarken AMC und Sundance für die internationalen Plattformen verantwortlich. AMC ist mit Serien wie “Mad Men” Clip und “Breaking Bad” selbst einer der Väter des Serienbooms, Sundance strahlte “Deutschland 83″ Clip in den USA in Originalsprache aus. Angefeuert wird der Wandel im Fernsehgeschäft durch neue Player wie Netflix und Amazon. Das Streamingportal Amazon Prime Video nutzte Berlin geschickt als PR-Plattform, um im Vorfeld des Filmfestivals mit “Wanted” seine erste deutsche Original Serie bekanntzugeben. Diego Suarez, SVP International Television Production, hält Netflix “für eine große Bedrohung für das Pay-TV in Europa”. Weil die Formel lautet: mehr Abspielkanäle ist gleich mehr Serien schwillt der Strom an Seriellem weiter an. Und wie schaffen es die einzelnen Produktionen, aus der Produktflut herauszuragen? Sie müssen anders sein. Dass “Babylon Berlin” kein nostalgischer Spaziergang durch Berlin der 1920er wird, daran ließ Ammon von Sky keine Zweifel: “Wir müssen mit ‘Babylon Berlin’ radikaler und expliziter sein”. Mehr Gewalt, mehr Sex, mehr Authentizität.

Der Wettbewerb um die originellste Geschichte wird nicht zwangsläufig mit Geld entschieden. Darauf wies Caroline Benjo von der französischen Produktionsfirma Haut et Court hin. Die Europäer sollten nicht den Fehler machen und US-Serien kopieren, sondern aus ihrer eigenen reichhaltigen Kultur schöpften, die genügend Stoff hergebe für gute Serien. Das wird von den Dänen konsequent umgesetzt. Piv Bernth vom öffentlich-rechtlichen Sender des Landes erstaunte mit dem Bekenntnis, DR setze keine Literaturvorlagen, Formate aus anderen Ländern oder Spielfilme als Serien um sondern nur Originalstoffe. “Wir ermutigen unsere Autoren, ihre Geschichten gründlich zu recherchieren”, so Bernth. Die Strategie zahle sich aus, die Autoren schreiben über ein Sujet, das ihnen vertraut ist. Der Sender wird für seine mutigen Fiction-Stoffe regelmäßig mit Einschaltquoten von über 50 Prozent am Sonntagabend belohnt.

Serieneigenproduktionen als Marketinginstrument: Um Abos zu verkaufen, Marktanteile zu steigern, oder das Image aufzupolieren. Letzeres war offenbar mit ausschlaggebend, dass RTL die Miniserie “Deutschland 83″ beauftragte. “Die Serie sollte das Image des Senders ändern; auch mit dem Ziel, Kreative zu ermutigen, für uns zu arbeiten”, sagte RTL-Fiction-Chef Philipp Steffens. Diese Vorgabe dürfte “Deutschland 83″ erfüllt haben, Qualität und künstlerisches Ergebnis sind durchweg positiv aufgenommen worden. Steffens betonte daher in Berlin einmal mehr, weiter eine Fortsetzung der Serie zu prüfen. Der Produktionsboom bei Serien hat einen Wettbewerb um die besten Talente losgetreten – vor und hinter der Kamera. Streamingriese Netflix betont gerne, seinen Kreativen möglichst große künstlerische Freiheiten zu lassen. In ein ähnliches Horn stoßen die “Babylon Berlin”-Akteure, wenn sie kurzerhand zwei Staffeln in einem Rutsch bestellen, wo in der Branche doch sonst erst gerne mit einem Piloten die Zuschauerresonanz ausgelotet wird.

Und in den USA lassen sich Zuschauer sogar darauf ein, Serien in Originalsprache und mit Untertitel zu schauen – vorausgesetzt, die Qualität stimmt, wie Tuchman von AMC/Sundance betont. Er rechnet damit, dass vor allem Streamingplattformen mehr Programm im Original zeigen werden. Nachschub jedenfalls gibt es reichlich – auch aus Deutschland.

Dieser Artikel wurde zuerst veröffentlicht in Blickpunkt:Film.

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