Wie geht’s weiter?

Auf dem Podium (von links): der Produzent Thomas Kufus, der Regisseur Volker Schlöndorff, Moderator Philipp Weinges, die Präsidentin der HFF München, Bettina Reitz, der Regisseur Christoph Hochhäusler und Christiane Peitz („Tagesspiegel“). | Foto © Bundesregierung/Koall

Auf dem Podium (von links): der Produzent Thomas Kufus, der Regisseur Volker Schlöndorff, Moderator Philipp Weinges, die Präsidentin der HFF München, Bettina Reitz, der Regisseur Christoph Hochhäusler und Christiane Peitz („Tagesspiegel“). | Foto © Bundesregierung/Koall

Deutschlands größtes Filmfestival braucht eine neue Leitung. Noch zweimal wird Dieter Kosslick zur Berlinale laden, dann läuft sein Vertrag aus, und über 70 wird er dann ja auch schon sein. Und so ist in den jüngsten Wochen eine Diskussion in Gang gekommen, wer ihm denn wohl nachfolgen könnte oder sollte oder müsste …

Debattiert wird freilich nur in den Filmspalten im Kulturteil, denn so sehr interessieren sich dann doch nur die Wenigsten fürs Hauptstadt-Festival mit Weltrang oder die öffentliche Personalpolitik. Dafür sind die Positionen umso klarer und fest: Die Berlinale habe kein Profil, der Wettbewerb keine Inspiration, das Renommee hätten andere Festivals, lassen sich die kritischen Stimmen grob zusammenfassen.

Mitunter erinnern die Vorwürfe an die späten 1990er-Jahre, als Kosslicks Vorgänger Moritz de Hadeln vom Hof gejagt wurde. Eine neue Ära brach an, die Berlinale wurde plötzlich wieder sexy. „Ohne Dieter Kosslick wäre die Berlinale nicht das heutige herausragende Filmkunstereignis mit internationaler Strahlkraft, auf das wir in Berlin so stolz sind“, sagt Monika Grütters, die Staatsministerin für Kultur und Medien (BKM). Und die ganze Diskussion habe zudem „kampagnenhafte Züge“, kritisiert zugleich der Aufsichtsrat der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin (KBB), der für die Berlinale zuständig ist. Dreihundertdreißigtausend verkaufte Karten, eine halbe Million Besucher – was soll es da zu meckern geben? Weiterlesen

Doch das Problem der Berlinale ist ein anderes als die Rekordzahlen, die Funktionäre und Politiker so lieben, und „seit langem offensichtlich. Dieses Festival ist nicht zu groß, es ist zu breit. Unter Kosslick hat sich die Anzahl der einzelnen Sektionen mehr als verdoppelt“, rechnete der Filmjournalist Andreas Kilb in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vor. „Eine neue Festivalchefin müsste das Gewicht des Wettbewerbs stärken und das der Sektionen reduzieren.“

Kann man also über die Berlinale reden, ohne gleich in eine Personaldiskussion zu verfallen? Das muss man sogar sogar, denn in zwei Jahren wird Kosslick nicht mehr da sein, die Berlinale aber schon – und ihre Probleme. Denn auch wenn gerne ein anderer Eindruck erweckt wird: Ein Mensch allein macht kein Festival, da dürfte allein schon die Sichtung der Filme fürs Programm (365 wurden in diesem Jahr ausgewählt) den persönlichen Zeitplan sprengen.

50 Filmemacher hatten es versucht, also über Sinn und Inhalt und Sebstverständnis des Festivals zu reden – und waren prompt zwischen die filmpolitischen Fronten geraten. Im Mai, die Berlinale war vorbei und allmählich sickerte ins Bewusstsein, dass demnächst ein Wechsel anstünde, hatten sie der Kulturstaatsministerin einen ersten „Gesprächsanstoß“ geschickt, aber unveröffentlicht. Ende November, inzwischen war es 79 Unterschriften, veröffentlichte Spiegel Online die Erklärung „exklusiv“ unter dem Titel „Streit um Kosslick-Nachfolge: Filmemacher wollen Berlinale revolutionieren“.

Streit und Revolution oder gar Kosslick selbst lassen sich nur mit viel Willen und Absicht in die fünf Sätze hineinlesen. Es reichte dennoch, dass einige der Unterzeichner sich eilig wieder von ihrer Unterschrift distanzierten – Dominik Graf etwa und Andreas Dresen: „Es ging uns weder um Abrechnung noch um Kritik noch um die Kampagne, die daraus gemacht wurde. Die ganze Debatte ist in höchstem Maße unfair.“

Was sie unterschrieben hatten, war folgendes: „Die Berlinale ist eines der drei führenden Filmfestivals weltweit. Die Neubesetzung der Leitung bietet die Chance, das Festival programmatisch zu erneuern und zu entschlacken. Wir schlagen vor, eine internationale, zu gleichen Teilen mit Frauen und Männern besetzte Findungskommission einzusetzen, die auch über die grundlegende Ausrichtung des Festivals nachdenkt. Ziel muss es sein, eine herausragende kuratorische Persönlichkeit zu finden, die für das Kino brennt, weltweit bestens vernetzt und in der Lage ist, das Festival auf Augenhöhe mit Cannes und Venedig in die Zukunft zu führen. Wir wünschen uns ein transparentes Verfahren und einen Neuanfang.“

Wer wollte da nicht unterschreiben?

Am Montag dieser Woche stand die Diskussion im Berliner Haus der Kulturen der Welt zur Diskussion: „Filmfestivals heute“ war die Veranstaltung benannt, doch darum ging es nicht, sondern allein um die Berlinale. Auf dem Podium, moderiert vom Drehbuchautor Philipp Weinges: Der Regisseur Christoph Hochhäusler als einer der Initiatoren des Aufrufs, der Produzent ­Thomas Kufus, der Regisseur Volker Schlöndorff, die Kulturchefin des Tagesspiegels Christiane Peitz. Kirsten Niehuus, die Geschäftsführerin des Medienboards Berlin-Brandenburg, war ebenfalls angekündigt, statt ihr erschien aber Bettina Reitz, die Präsidentin der Hochschule für Film und Fernsehen München. Geballte Fachkompetenz also, und das sogar ohne einen einzigen Festivalmacher. Ginge es ums deutsche Raumfahrtprogramm, sollte man sich dennoch wünschen, dass wenigstens ein Astrophysiker oder eine Raketeningenieurin hinzugezogen wird.

Vielleicht war es ja auch das, was die Filmemacher mit Transparenz meinten. Oder dass die BKM ihre Veranstaltung erst als nicht-öffentlich konzipiert hatte und erst angesichts der geschilderten Diskussionen öffentlich machte. In ihrer Begrüßungsrede bügelte die Kulturstaatsministerin sie denn auch wenig dezent ab, und mit der Transparenz sei das auch nicht so einfach, Diskretion „notwendig“. Das Auswahlverfahren solle ja niemanden beschädigen.

Statt über Inhalte zu reden, „beeilte sich die Podiumsrunde, Hochhäuslers Vorwürfe abzumoderieren“ („FAZ“). Schlöndorff, der selbst mitunterzeichnet hatte, schlug seinem Kollegen gar vor, einfach noch eine Sektion einzuführen, für die Filme, die sich die Filmemacher so vorstellen. Also etwa das, was einst unter De Hadeln das Forum gewesen sein soll oder unter Kosslick die Perspektive Deutsches Kino sein zu wollen hoffte.

Ein „stumpf geführtes Gespräch“, beschrieb Matthias Dell im Freitag“ und den Unwillen, auf die Kritik einzugehen. Zur Einführung hatten Christoph Hochhäusler und Thomas Heise ihre Zweifel vorgetragen. Doch damit „konnte eine Podiumsroutine, die ihr eigenes Reden eh als wirkungslos begreift, weil es danach noch Häppchen gibt, überhaupt nichts anfangen.“

Was die Ministerin in ihrer Rede aber auch ankündigte: Für die Nachfolge Kosslicks werde die KBB „wie in vergleichbaren Fällen“ eine Findungskommission „mit Mitgliedern aus seinem Kreis“ einrichten. Sieh an: Solch eine Findungskommission, die Grütters hier als üblich darstellt, hatten schon die Filmemacher gefordert. Doch bei einem Treffen zwei Wochen vor der Bundestagswahl habe die Ministerin diesen Wunsch noch „dem Vernehmen nach“ abgelehnt, berichtet „Die Welt“.

Am Dienstag nun vermeldeten BKM und KBB, dass tatsächlich eine Kommission mit Suchen und Finden einer neuen Festivalleitung betraut werde, die Entscheidung solle noch im kommenden Jahr fallen. Laut Pressemitteilung scheint die Kommission nur aus drei Mitgliedern zu bestehen, die die Interessen von Bund, Land und KBB vertreten: Neben Grütters sind das Björn Böhning, Chef der Berliner Senatskanzlei, und Mariette Rissenbeek von German Films. Fachlich lasse sich die Kommission von Sachverständige aus der Branche beraten … doch halt – in der Mitteilung ist das etwas anders fomuliert: man werde die Branche „beratend hinzuziehen.“ Da lässt sich erahnen, unter welchem Geist die Findung verlaufen wird.

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Wir suchen die fairste Filmproduktion 2017

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Nach wie vor ist es notwendig, auf die fairen Produktionen hinzuweisen, weil sie alles andere als die Regel sind. Es hat auch nichts genutzt, dass in der seit 01.01.2017 gültigen Neuauflage des Filmfördergesetzes (§2 9. FFG) erstmals “sozialverträgliche Bedingungen” als Fördergrundlage verankert wurden. Deshalb rufen wir auch dieses Jahr alle Member von Crew United zur Bewertung auf!

Die Kriterien für Faire Filmproduktion wurden erneut weiter entwickelt und überarbeitet. Die Umfrage ist bis einschließlich 31.12.2017 online und nur für die Nominierung ausschlaggebend. Für die Preisvergabe werden alle Teammitglieder nochmals extra befragt – also auch die, die kein Profil bei Crew United haben.

Zwei, vielleicht auch drei wichtige Änderungen wird es dieses Jahr geben:

Am Donnerstag, den 15.2.2018, werden wir um 16.30 Uhr in der Kulturbrauerei ein Panel veranstalten, das dann in eine kurze, feierliche Preisverleihung übergeht. Im Anschluss beginnt der Crew Call Berlin. Der Bundesverband Die Filmschaffenden wird im Jahr 2018 keine Preisverleihung veranstalten. Den Preis werden wir daher im Namen zahlreicher Verbände und Vereinigungen überreichen, die sich für faire Arbeitsbedingungen einsetzen und den Preis unterstützen. Noch haben nicht alle auf die laufende Anfrage antworten können, aber schon jetzt liegen Zusagen von 17 Verbänden vor:

Allianz Unabhängiger Filmdienstleister
Bundesverband Beleuchtung und Bühne
Berufsverband Kinematografie e.V.
Bundesverband Casting e.V.
Bundesverband der Fernsehkameraleute e.V.
Bundesverband deutscher Stuntleute e.V.
Bundesverband Filmschnitt Editor
Bundesverband Locationscouts e.V.
Bundesverband Regie
DEFKOM Deutsche Filmkomponistenunion
Deutsche Akademie für Fernsehen e.V.
Pro Quote Regie
Verband der Agenturen für Film, TV und Theater
Verband der Berufsgruppen Szenenbild und Kostümbild
Verband der Requisiteure & Setdecorator
Verband Deutscher Schauspieler Agenturen
Verband Deutscher Sprecher e.V.

* Wir werden dieses Jahr den Preis in zwei Kategorien vergeben: Spielfilm und Serie. Eine Preis für die fairste Dokumentarfilmproduktion wird es wohl in Zusammenarbeit mit dem DOK.fest München im Mai 2018 geben. Dafür wird eine gesonderte Umfrage stattfinden.

* Anfangs hieß die Auszeichnung Hoffnungsschimmer, die letzten beiden Jahre hieß sie Fair Film Award, der zukünftige Name ist durch eine laufende markenrechtliche Prüfung noch offen. Bis zur Preisverleihung werden wir aber wissen, wie der Preis heißen wird.

Egal wie viel Hoffnung auf Veränderung Sie mit dem Fairness Award verbinden:
Er wird von der Politik und der Branche wahrgenommen und Mitmachen kostet nichts! Einfach ins Crew United Profil einloggen und die Projekte bewerten! Jede Stimme zählt! Und wer noch nicht registriert ist, kann das gerne kostenfrei für die Abstimmung machen.

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Der Kampf um die Zukunft der Berlinale – Teil 1: Kampf um die Meinungsmacht

pablo (1)

Trouble in Paradise: Die Regis­seure, der Festi­val­leiter und die Minis­terin – der Kampf um die Zukunft der Berlinale – Teil 1

Manche, auch wohl­ge­son­nene Menschen, behaupten dieser Tage, wir hätten ja etwas gegen die Berlinale. Wir würden sie nicht mögen, oder würden die Berlinale schlecht machen.
Das ist falsch. Wer so redet, hat das Entschei­dende nicht verstanden. Wer die Berlinale kriti­siert, der tut das, weil sie ihm am Herzen liegt. Weil man sie mag und gern dorthin geht. Weil es der Mühe wert ist, seine Zeit damit zuzu­bringen, sie zu kriti­sieren. Kritik muss man sich verdienen. Die Berlinale hat sich Kritik verdient, denn sie könnte besser sein, als sie ist, und wenn man das weiß, dann versucht man seinen Beitrag dazu zu tun, sie besser zu machen.
Wenn manche jetzt den amtie­renden Festi­val­leiter kriti­sieren, oder sogar die Nicht­ver­län­ge­rung seines Vertrages wünschen, dann sollte man dies nicht mit Kritik an der Berlinale verwech­seln. Die Vermi­schung von Insti­tu­tion und Person, von Amt und Amts­in­haber ist derzeit die Strategie des amtie­renden Festi­val­lei­ters, um sich an sein Amt zu klammern. Man sollte auf diese Taktik nicht herein­fallen.
Die Berlinale ist wichtiger als jede Person. Wer das leugnet, beschä­digt die Berlinale.

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Die derzei­tige Debatte um die Zukunft der Berlinale ist überaus spannend und ein Para­de­bei­spiel für kultur­po­li­ti­sche Kämpfe, poli­ti­sche Stra­te­gien und mediale Taktiken.
Es ist in aller­erster Linie ein Kampf um die Meinungs­macht.
Wer die Vorgänge genau und kühl beob­achtet, kann hier viel lernen, weit über den Gegen­stand hinaus. Weiterlesen

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Dieser Kampf hat drei Haupt­ak­teure, die sich teilweise wieder in Unter­gruppen und Einzel­player aufspalten. Es sind: Die Regis­seure und andere Filme­ma­cher. Das Film­fes­tival und die Mitar­beiter der Berlinale, allen voran ihr Direktor. Die BKM, die Staats­mi­nis­terin für Kultur und andere Kultur­funk­ti­onäre.
Dazu kommen die Medien, die zwar in erster Linie den Schau­platz des Gesche­hens bilden, aber doch auch selbst frei­willig wie unfrei­willig immer wieder zu Mitspie­lern werden.

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I. Die Film­kri­tiker (erster Teil)

Beginnen wir mit ihnen. Denn auch Film­kri­tiker, also Menschen, die Filme lieben und dem Kino einen Großteil ihres Lebens widmen, weit über 9to5 hinaus, machen sich gele­gent­lich Sorgen um das wich­tigste deutsche Film­fes­tival.
Dafür sollte man die sehr lesens­werten Beiträge von Lukas Foerster und Matthias Dell zur Zukunft der Berlinale nachlesen, auf die ich her leider nicht eingehen kann. Das Timing ihrer Veröf­fent­li­chung am gleichen Tag, keine 24 Stunden vor Veröf­fent­li­chung des Briefs, spricht für sich: Hier wollten zwei Autoren, die offenbar wussten, was anstand signa­li­sieren »Ich weiß was«, ohne etwas zu verraten. Wenn’s der Sache dient…
Der Text von Matthias Dell benennt auch Schwächen der Film­kritik: Unsere Lange­weile mit bestimmten Fragen, der Unwille der Anstren­gung etwa, die innere Situation der Berlinale, das Betriebs­klima, die Hier­ar­chien und die Macht­ausübungs­tech­niken der Direktion zu recher­chieren. Von diesen Schwächen profi­tieren die Falschen.

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Bereits am 6. April, also vier Wochen vor der Versen­dung jenes Briefs der Regis­seure, der am 24.11. öffent­lich wurde, gab der Verband der deutschen Film­kritik (VdFk) einen offenen Brief »Zur Neube­set­zung der Berlinale-Direktion« bekannt, der hier in Gänze nach­zu­lesen ist.

Darin wünscht der VdFk (dessen erwei­tertem Vorstand ich angehöre), dass der anste­henden Neube­set­zung der Direktion eine »Diskus­sion über die Zukunft der Berlinale« »ohne Zeitdruck und nach einem für die Öffent­lich­keit trans­pa­renten Verfahren« heraus­gehen möge. Wir stellen fest, das es nötig sei, das »künst­le­ri­sche Profil der Berlinale zu schärfen und ihre Veran­ke­rung in der inter­na­tio­nalen wie natio­nalen Filmszene zu verbes­sern«.
Wir bitten um Über­prü­fung der Kriterien, nach denen die Berlinale-Direktion besetzt wird, wir bringen »eine Auftei­lung der Direktion in eine künst­le­ri­sche Leitung … und eine Geschäfts­füh­rung« ins Spiel.
Schließ­lich schlagen wir »ein offenes, inter­na­tio­nales Ausschrei­be­ver­fahren … und eine mit Exper­tinnen und Experten besetzte Findungs­kom­mis­sion« vor.
Ich stelle fest, dass der Brief der Regis­seure über unsere Kritik und unsere Vorschläge nicht hinaus­geht, sondern sie nur umfor­mu­liert, gele­gent­lich verwäs­sert hat.

II. Die Regis­seure
Trotzdem ist der Brief der Regis­seure vom vergan­genen Freitag eine Wucht. Die Erklärung sei »ein bisschen dünn, nach­rich­ten­tech­nisch eigent­lich Null« erklärte ein leitender Redakteur am Freitag im Gespräch. Das mag so sein, aber darauf kommt es nicht an. Worauf es ankommt, ist, dass sich Simon Verhoeven und Heinz Emigholz, Doris Dörrie und Christian Petzold, Dominik Graf und Thomas Heise, Valeska Grisebach und Christian Schwochow, Marga­rethe von Trotta und Jakob Lass auf eine gemein­same Erklärung geeinigt haben.
Genauso wichtig ist, dass viele der Unter­zeichner Preise auf der Berlinale gewonnen haben. Im Fall von Fatih Akin sogar einen Goldenen Bär. Die Unter­zeichner wissen also, wovon sie reden. Sie haben als Filme­ma­cher persön­liche Erfah­rungen mit der Berlinale gemacht, und kennen aus eigener Anschauung, was die Berlinale-Teilnahme einem Film bringt oder nicht. Als Zuschauer und Kino­gänger sind die meisten von ihnen übrigens auch Teil des Publikums.
Zumindest zwei Namen gibt es, die eigens erwähnt werden müssen: Hans Helmut Prinzler steht auf der Unter­schrifts­liste. Das ist sehr relevant, war doch Prinzler mehrere Jahre für die Retro­spek­tiven der Berlinale verant­wort­lich.
Der andere Name ist der von Tom Tykwer. Er steht nicht auf der Liste, die am Freitag veröf­fent­licht wurde.

+ + +

In einem Text von Hannah Pilarcyk im »Spiegel« bemerkt die Autorin: »Ein Name fehlt merklich: Während seine Babylon Berlin-Co-Regis­seure Achim von Borries und Henk Hand­lo­egten unter­zeichnet haben, ist Tom Tykwer in der Liste nicht dabei. Er wird Präsident der inter­na­tio­nalen Jury bei der Berlinale 2018.«
Das ist richtig, und auch wieder nicht.
Denn der Brief der Regis­seure wurde, wie gesagt bereits im April geschrieben und am 1. Mai der Kultur­staats­mi­nis­terin zuge­schickt. Sein­er­zeit hatte der Brief immerhin auch schon 54 Unter­schriften, aber nicht wie heute 79 plus derje­nigen, die nach­träg­lich noch dazu kamen.
In der Fassung vom Mai, die sowohl der Kultur­staats­mi­nis­terin als auch dem Berlinale-Direktor seitdem bekannt sind, steht auch Tom Tykwers Name unter dem Brief. Dass ist auch keine Über­ra­schung, wenn man weiß, dass Tykwer zwar öffent­lich für die Berlinale immer freund­liche Worte findet, sie intern gegenüber Freunden und Bekannten, aber auch in einem persön­li­chen Brief an Kosslick über den Umgang mit Filmen anderer Regis­seure sehr wohl schon länger immer wieder auch scharf kriti­siert. Noch dieser Tage hat er bei einem öffent­li­chen Auftritt die Erklärung der Filme­ma­cher unter­s­tützt und für vernünftig erklärt.
Dann aber drosch Tykwer auf den Spiegel-Bericht ein: »Die folgenden Inter­pre­ta­tionen des Textes in der Presse waren absolut empörend und ziemlich ärgerlich. Es gab einen extrem uner­freu­li­chen Text bei ‘Spiegel Online’, der einfach nur so runter­ge­schrieben war und absolut nichts mit der eigent­li­chen Pres­se­mit­tei­lung zu tun hatte«, so Tykwer.

Woher diese Wut? Kürzlich hatte Tykwer zugesagt, trotz überaus engen Zeitplans (der nächste Babylon Berlin steht an) als Jury-Präsident der Berlinale zur Verfügung zu stehen. Viel­leicht hätte er das einfach nicht tun sollen. Denn ich persön­lich glaube, dass die Einladung Tykwers ein für Dieter Kosslick typischer Schachzug ist. Er suchte eine Weg, die Regis­seurs-Gruppe zu spalten, einen promi­nenten Namen aus der Liste heraus­zu­bre­chen, und hat ihn gefunden.»Teile und herrsche« hieß das bei den Römern.

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Dass der Berlinale-Direktor die Liste seit Sommer kannte, berich­teten Festi­val­mit­ar­beiter bereits vor längerer Zeit. Offen­sicht­lich wurde sie ihm aus dem BKM zuge­spielt.
So oder so ist die ganze Vorge­schichte der Brief­ver­öf­fent­li­chung, so wirksam der Brief ist, ein Fall fehl­ge­schla­genen Kalküls, eine Mischung aus Selbstüber­schät­zung und poli­ti­scher Naivität. Daran hat gewiss die Unei­nig­keit der Regie-Gruppe unter der Einig­keits­decke großen Anteil: Da gibt es wie in allen größeren Gruppen Anführer und Mitläufer, Laute und Stille, Arbeiter und Faule, welche, die gern große Politik machen wollen, und welche die sich Künstler sehen, Mutige und Feiglinge, Oppor­tu­nisten und Idea­listen, Spaßfrak­tion und Politbüro. Dieter Kosslick wird das alles aus seinen ’68er-Zeiten bekannt vorkommen.

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Politisch naiv war es, den Brief nicht gleich im Mai öffent­lich zu machen. Da gab es bereits eine Debatte um die Neube­set­zung der Leitung, da wäre der Zeitpunkt richtig gewesen.
Statt­dessen der Irrglaube, mit Hinter­zim­mer­di­plo­matie bei der Kultur­staats­mi­nis­terin mehr erreichen zu können. Die Selbstüber­schät­zung von ein paar Westen­ta­schen­ma­chia­vellis, die glauben, mit Grütters kungeln zu können. Statt­dessen wurden sie von der Minis­terin hinge­halten. Im Juni stellte sie der Regie-Gruppe ein Treffen »in Aussicht«, nachdem sie bereits in Cannes, von Hans-Georg Rodek auf die Forde­rungen des VDFK ange­spro­chen, erklärt hatte, eine Findungs­kom­mis­sion werde es nicht geben – nachdem sie die Filme­ma­cher also bereits vor den Kopf gestoßen hatte.
Das in Aussicht gestellte Treffen kam dann erst Anfang September tatsäch­lich zustande. Klarer­weise ohne greif­bares Ergebnis. Im Gegenteil: Kosslick sei keines­wegs vom Tisch, hieß es da seitens der Minis­terin, und: Man möge doch Kandi­daten vorschlagen. Da sich Grütters bislang auf die Kriterien »Frau« und »deutsch« fest­ge­legt hat, blieben nicht viele realis­ti­sche Kandi­da­tinnen übrig.
Naiv war es auch zu glauben, dass sich so ein Brief nicht herum­spre­chen würde. Ich selbst kannte den Text bereits Ende April, sowohl Unter­zeichner wie solche, die nicht unter­schrieben hatten (oder welche, denen der Text nur gezeigt wurde) sprachen mich an und infor­mierten. Danke dafür! Seitdem habe ich mich öfters gefragt, ob ich ihn nicht besser gleich veröf­fent­licht hätte. Im Nach­hinein wäre das richtig gewesen.
Ich wollte das Vorgehen der Regis­seure nicht torpe­dieren, und hatte auf ihre Vernunft gehofft. So haben sie der Sache aber eher geschadet.

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Und jetzt zeigt der Laden schon seine ersten Risse, bricht womöglich bald ausein­ander. Oh, oh melden sich die ersten Regis­seure zu Wort: Sie wollen Dieter Kosslick ja nicht kriti­sieren. Jetzt Dominik Graf und Andreas Dresen. So wie Tom Tykwer zuvor dem »Spiegel« Fehl­in­ter­pre­ta­tion vorwarf.
Dabei hat Hannah Pilarczyk völlig recht: Man kann diesen Brief nur als Kritik am Festi­val­di­rektor verstehen. Warum jetzt die Rück­zieher? Angst vor der eigenen Courage?
Es geht jetzt und hier um die Zukunft, nicht darum, einen vorge­zo­genen Abschieds­ar­tikel zu schreiben.

III. Vergesst Kosslick – wie der Berlinale-Direktor gegen die Erklärung der Filme­ma­cher kämpft
»Was bildet der sich denn eigent­lich ein, über seine eigene Nachfolge zu bestimmen?« fragte die Redak­teurin eines öffent­lich-recht­li­chen Senders. Außen­ste­henden ist das Verhalten von Dieter Kosslick am wenigsten zu vermit­teln. Man hat sich daran gewöhnt, was er sich heraus­nimmt, und dass niemand es wagt, ihm Grenzen zu setzen. Und das weiß er natürlich auch
Eigent­lich ist es nur peinlich, wie sich Dieter Kosslick an seinen Sessel klammert. Aber er ist ein guter Kämpfer, man muss allen Respekt haben vor seinen Steher­qua­litäten. Und tatsäch­lich sieht es heute, Mittwoch, so aus, als hätte er Erfolg.
Nicht nur, weil er jetzt den großen Reformer gibt, eine Trennung der Zustän­dig­keiten fordert, als ob die Auftei­lung seine Idee wäre – das haben die Film­kri­tiker aber schon vor seiner letzten Vertrags­ver­län­ge­rung gefordert.

Sondern weil es ihm gelingt, den Brief, in dem sein Name an keiner Stelle auftaucht, und der von Zukunft und Gegenwart handelt, nicht von Fehlern der Vergan­gen­heit, zu perso­na­li­sieren.
Sie tappen jetzt alle in die Falle von Kosslick. Er argu­men­tiert: Ich oder das Chaos. »Wenn ich gehen muss, werdet ihr alle arbeitslos«, so bei einem Treffen von mehreren Dutzend Berlinale-Mitar­bei­tern, die zum Teil fest ange­stellt sind.

Aber es geht um Inhalt­li­ches, nicht um Personen. Schon gar nicht um Dieter Kosslick. Das müsste man verstehen, und endlich aufhören, das Spiel eines Direktors zu spielen, der intern mit Angst und Droh­ku­lissen regiert.

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Anmerkung 1:
Am 4. Dezember richtet Grütters dazu eine Veran­stal­tung im Berliner Haus der Kulturen der Welt aus (das wie die Berlinale zur Kultur­ver­an­stal­tungen des Bundes in Berlin GmbH, kurz KBB, gehört).

Anmerkung 2:
Für alle, die sie noch nicht gelesen haben, hier die Erklärung der Regis­seure im Wortlaut:

»Die Berlinale ist eines der drei führenden Film­fes­ti­vals weltweit. Die Neube­set­zung der Leitung bietet die Chance, das Festival program­ma­tisch zu erneuern und zu entschla­cken. Wir schlagen vor, eine inter­na­tio­nale, zu gleichen Teilen mit Frauen und Männern besetzte Findungs­kom­mis­sion einzu­setzen, die auch über die grund­le­gende Ausrich­tung des Festivals nachdenkt. Ziel muss es sein, eine heraus­ra­gende kura­to­ri­sche Persön­lich­keit zu finden, die für das Kino brennt, weltweit bestens vernetzt und in der Lage ist, das Festival auf Augenhöhe mit Cannes und Venedig in die Zukunft zu führen. Wir wünschen uns ein trans­pa­rentes Verfahren und einen Neuanfang.«

Hier die Liste der mir bekannten Unter­zeichner:
Maren Ade, Fatih Akin, Irene von Alberti, Thomas Arslan, Anne Zohra Berrached, Bettina Böhler, Hermann Bohlen, Jan Bonny, Jutta Brückner, Dietrich Brüg­ge­mann, Florian Cossen, Ebbo Demant, Doris Dörrie, Andreas Dresen, Heinz Emigholz, Maxi­mi­lian Erlenwein, Katrin Gebbe, Stephan Geene, Hans W. Geißen­dörfer, Almut Getto, Ulrich Gerhardt, Hans-Dieter Grabe, Dominik Graf, Valeska Grisebach, Henk Hand­lo­egten, Thomas Heise, Sonja Heiss, Benjamin Heisen­berg, Christoph Hoch­häusler, Barbara Junge, Winfried Junge, RP Kahl, Romuald Karmakar, Fred Kelemen, Barbara Klemm, Michael Klier, Ulrich Köhler, Nicolette Krebitz, Lars Kraume, Michael Krum­menacher, Jakob Lass, Tom Lass, Aron Lehmann, Caroline Link, Max Linz, Pia Marais, Jeanine Meerapfel, Elfi Mikesch, Franz Müller, Peter Nestler, Asli Özge, Christian Petzold, Hans Helmut Prinzler, Lola Randl, Axel Ranisch, Edgar Reitz, Michael Ruetz, Helke Sander, Thomas Schadt, Sebastian Schipper, Volker Schlön­dorff, Hans-Christian Schmid, Jan Schomburg, Maria Schrader, Robert Schwentke, Christian Schwochow, Jan Soldat, Hans Stein­bichler, Oliver Sturm, Isabel ŠSuba, Sven Taddicken, Tamara Trampe, Georg Stefan Troller, Simon Verhoeven, Achim von Borries, Julia von Heinz, Rosa von Praunheim, Marga­rethe von Trotta, Nicolas Wacker­b­arth, Christian Wagner, Henner Winckler, David Wnendt

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Ein anderer Stellenwert

Ein 1. AD hat alle Hände voll zu tun, eine Regieassistentin auch. Wie sich die beiden Berufsbilder unterscheiden und weshalb sie in Deutschland doch gerne vermischt werden, erörterten Julia Eplinius und Sebastian Fahr-Brix auf den Regietagen. | Foto © BVR, Christof Arnold

Amerika, du hast es besser. Nirgendwo scheint der alte Spruch noch mehr zu gelten als in der Filmbranche. Sehnsüchtig schauen manche Filmschaffende Richtung Hollywood, wo größere Budgets und bessere Strukturen vermeintlich die Filmarbeit erleichtern. Einen Einblick in der Realität versuchten auf den Regietagen am ­Wochenende in München Julia Eplinius und Sebastian Fahr-Brix für ihr Tätigkeitsfeld zu vermitteln: die Regieassistenz – im angelsächsischen Sprachraum First Assistant Director, kurz 1. AD.

Doch sind beide Systeme oder weiteres zu vergleichen? Sebastian Fahr-Brix hat als 1. AD fast alle Filme von Tom Tykwer begleitet – bis hin zur neuen Serie „Babylon Berlin“, die mit einem Rekordbudget von 40 Millionen Euro mit den Produktionen von Streamingdiensten und Abosendern konkurrieren soll. Julia Eplinius vertritt als Vorstand die Regieassistenten im Bundesverband Regie (BVR). Einem Laien ist schon der Beruf des Regieassistenten schwer begreiflich. Die meisten stellen sich darunter tatsächlich nur eine „rechte Hand“ vor, die dem Regisseur alles vom Leibe hält, was ihn von seiner kreativen Arbeit ablenkt – bis hin zum Kaffeeholen. Und irgendwann darf dieses Helferlein dann auch mal endlich selber einen Film inszenieren … Weiterlesen

Ganz falsch ist diese naive Vorstellung nicht, beschreibt aber nicht die eigentlichen Aufgaben. Die Regieassistenz ist einer der Berufen in der Branche, die gerne immer mal wieder unterschätzt werden, jedenfalls in Deutschland. Zwar hat sich das Berufsbild in den jüngsten 20 Jahren stark verändert, doch vom angelsächsischen System ist diese Mischform noch weit entfernt.

Der Regieassistent unterstützt bei Theater-, Film-, Hörfunk- und Fernsehproduktionen die Arbeit der Regie und ist einer der wichtigsten Mitarbeiter des Regisseurs“, erklärt die Wiki­pedia. Er arbeite eng mit dem Regisseur bei der Vorbereitung einer Produktion zusammen und hat Einfluss auf die künstlerische und technische Umsetzung eines Projekts.“ Der englischsprachige Eintrag zum Schlagwort führt zwar zum 1. AD, klärt aber gleich auf, dass dies etwas völlig anderes sei: Im US-System obliegen die beschriebenen Aufgaben der Regiassistenz dem Assistant to the Director, die Verantwortung des Assistant Director seien aber völlig andere“. Tatsächlich würden beide Begriffe oft verwechselt“ – wen wundert’s?

Nochmal Wikipedia: 1. AD und Unit Production Manager sind die beiden höchsten Positionen below the line“ beim Dreh – und »in diesem strengen Sinne« nicht-kreativ. Der 1. AD ist der wichtigste Kommunikationspartner mit der Produktion und allen Abteilungen,“ erklärt Fahr-Brix. Ich werde sehr früh hinzugezogen und habe mehr Vorbereitungszeit.“ Seine Vorbereitung starte mindestens acht Wochen vor Drehbeginn. Ich empfinde mich als organisatorisches Rückgrat des Regisseurs“, sagt er. Im US-Modell erstellt der AD nämlich nicht nur den Drehplan, sondern ist auch tatsächlich dafür verantwortlich, dass er eingehalten wird. Das AD-Department ist in diesem System eine völlig eigenständige Abteilung mit dem 1. AD als Head of Department mit vielen Mitarbeitern:

2. AD, 3. AD, Crowd AD (beziehungsweise Second Second AD) und jeder mit weiteren Assistenten (sogenannten PA, den Production Assistants), die hier den Einstieg in den Beruf suchen und hoffen, in die höheren Positionen aufzusteigen.

2. AD und Crowd AD seien in Deutschland eine seltene Spezies“, sagt Fahr-Brix, denn die Positionen sind seltener vorgesehen. Als 2. AD hole er sich darum gerne erfahrene Regie­assistenten, als Crowd AD Praktikanten, die sich als PA bewährt haben, und versuche, sie so lange wie möglich zu halten, ehe es sie in höhere Positionen zieht. ­Der 3. AD aber sei kein Praktikant, betont er, sondern ein gestandener Mann mit vielen Jahren Erfahrung. Gewissermaßen ein Set-Aufnahmeleiter mit Komparsenerfahrung.“

Die ist auch nötig. Vereinfacht soll man sich das US-Modell so vorstellen: In der Mitte ist das Set mit den AD, drumherum Location und Unit mit eigener Leitung. Der Location Manager erfüllt in etwa die Aufgaben der Motivaufnahmeleitung, der Unit Manager und seine Assistenten sind für Base Camp, Catering, Aufenthalt, Toiletten und ähnliche Infrastruktur zuständig. ­Außerdem gibt es den Transport Captain, der alle Fahrer koordiniert. Das Set aber wird im Grunde komplett vom AD-Department betreut, bis hin zur Absperrung. Einen Großteil dieser Aufgaben übernimmt hierzulande die Aufnahmeleitung, in den USA obliegt sie dem 3. AD und seinen Assistenten, das dortige System sieht auch keinen 1. Aufnahmeleiter vor.

Im Büro sitzt der 2. AD, erstellt die Dispo und koordiniert die Abteilungen und die Schauspieler. Am Set steht der Crowd AD und kümmert sich um die Komparsen – vom Casting über die Organisation bis zur Inszenierung: Bei ,Babylon Berlin‘ waren durchgehend drei Leute nur für die Komparsen zuständig“, sagt Fahr-Brix.

Das ist im deutschen System selten drin. Was etwa das Casting der Komparsen betrifft, müsse sie sich oft eben auf die Arbeit der Agenturen verlassen, sagt Eplinius: Produktionen fragen einen 1. AD an, wundern sich aber, wenn dann auch der 2. und 3. AD angesprochen werden.“ Es gebe doch schon einen Aufnahmeleiter …

Das Ergebnis sind Mischformen. Doch die seien gar nicht mal schlecht, meint Eplinius. Weil sie den Gegebenheiten und vor allem den deutschen Budgets angepasst seien. Es fehle nur ein Begriff dafür.

Beide Systeme haben ihre Berechtigung, sagt auch Fahr-Brix. Bei größeren Produktionen aber, so seine Erfahrung, stoße das deutsche System an seine Grenzen. Eben darum gebe es in Deutschland Mischformen – weil wir das amerikanische Modell in seiner Reinform a) nicht brauchen und b) nicht bezahlen können.“ Aber die Mischung muss stimmen. Er erlebe immer wieder Produktionen, die dem fremden System nicht vertrauen und trotzdem noch einen Set-Aufnahmeleiter dazu stellen. Und der hat dann schlicht nichts zu tun.“

Die Frage steht im Raum, Steffen Schmidt-Hug, der Filmschaffende als Anwalt vertritt und berät, stellt sie: Wo sieht sich ein 1. AD im Organigramm eines Drehteams? Das meiste klingt doch nach Produktions- statt nach Regieabteilung. In die Künstlersozialkasse würde er damit jedenfalls nicht aufgenommen werden. Der Regieassistent des deutschen Systems hingegen schon. Besser sollte man ohnehin des klassischen europäischen Systems“ sagen, wie es immer noch in den romanischen Ländern praktiziert wird. Da gilt der Regieassistent als erster dramaturgischer Berater des Regisseurs, und wird als künstlerischer Abteilungsleiter im Vorspann genannt.
Tatsächlich befinde sie sich zwischen den Welten, bestätigt Eplinius: Die Regieassistenz sei auch im deutschen System über die Jahre tiefer in die Produktion gerutscht, auf der anderen Seite habe sie aber gar nicht die Verantwortung übers Budget.

Nochmal Schmidt-Hug: Früher wollten Regieassistenten irgendwann mal selbst Regisseur sein – die Assistant Directors im US-System offenbar nicht. Fahr-Brix nickt: Da führt die Karriere zum Line Producer. Man kann aber auch als AD glücklich alt werden. Einige, die ich kenne, sind über 60 und machen einen tollen Job.“

Hierzulande ist es offenbar nicht so rosig. Das Problem sei, wirft ein anderer Zuhörer ein, dass auch heute noch alle weiter aufsteigen“ wollen oder man das zumindest erwarte. Regieassistenz als Zwischenstation zum richtigen Beruf sozusagen …

Dann muss man das Berufsfeld attraktiver positionieren – und besser bezahlen“, entgegnet Schmidt-Hug mit einem kühnen Vergleich: Ein Regieassistent sei so etwas wie der Kanzleramtminister, nicht dessen Sekretär. Und wenn er so wichtig ist und so viel kann – wieso werde er dann von den Produktionen nicht auch so geschätzt? In Großbritannien werde ich ganz anders behandelt“, meldet sich etwa Benedict Hoermann aus dem Publikum. Da kenne man eben den Wert der AD. Wer sich aber in Deutschland eine AD-Abteilung zusammenstellen wolle, habe es nicht leicht: Als Crowd AD gehe immer ein guter Setaufnahmeleiter, der gut mit Komparsen kann, aber schon beim 2. AD werde es schwierig – ­die hole ich immer aus dem Ausland“, sagt Hoermann. Sofern die Produktion mitzieht, oft soll schon für die 2. Regieassistenz ein Praktikant reichen. Es gebe ja nicht einmal eine richtige Ausbildung – bestenfalls einjährige Weiterbildungen an einigen Filmhäusern mit IHK-Abschluss, aber nichts, womit ich nach England gehen könnte.“

Ja, eine strukturierte Ausbild wäre auch dufte gewesen, nickt Fahr-Brix. Ich bin so schnell die Treppe hochgefallen, dass es ein Wunder ist, dass ich mir das Kinn nicht blutig geschlagen habe.“

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Formatfragen


Kodak ist wieder da. Auf den Regietagen stellte sich der einstige Traditionsriese Anfang November in München mit einer Podiumsdiskussion wieder vor. Auf der Bühne diskutierte der Regisseur Christian Wagner mit Kollegen aus Bildgestaltung, Regie, Produktion und Postproduktion über Für und Wider von analoger und digitaler Aufnahmetechnik.

Wenn man’s so beschreibt, klingt es kalt und trocken. Tatsächlich rührt die Frage aber mehr an als nur den Verstand. Zwar werde nicht mal mehr ein Prozent der weltweiten Filmproduktion noch auf Film gedreht, sagte Michael Boxrucker. Kodak-„Botschafter“ und selbst DoP. Das heißt aber nicht, dass die Filmemacher den Film nicht vermissen würden.
Das ist keine bloße Nostalgie: Konzentration, Entschleunigung, Gewissenhaftigkeit und Expertise lauteten die Argumente für das Traditionsformat. Die Digitalisierung fördere die Nachlässigkeit. Lediglich Tom Fährmann, DoP und Professor für Bildgestaltung an der HFF, nahm den Fortschritt uneingeschränkt in Schutz.

Eine Zusammenfassung der zweistündigen Podiumsdiskussion können Sie im Video sehen. Für die schlechte Bild- und Tonqualität bitten wir um Entschuldigung. Die geplante professionelle Aufzeichnung ist leider kurzfristig an technischen Problemen gescheitert. Zum Glück gibt es aber kleine Digitalkameras. Die Meinungen auf dem Podium bieten wir hier im Überblick.

Peter Zeitlinger, DoP („Königin der Wüste“)

„Analoger Film ist Massage für die Retina.“

„Digital ist Fast Food mit Geschmacksverstärker (das sind die Codecs). Ich will lieber Bio.“

„Die Videoausspiegelung war der Anfang vom Untergang.“

„Wenn wir auf Film drehen, herrscht eine ganz andere Atmosphäre am Set. Jeder konzentriert sich.“

„Beim Film wird bei den Mitarbeitern die Spreu vom Weizen getrennt. Bei Digital kommen die noch mit. Aber das sind „Garbage“-Produktionen.“

Kyrill Ahlvers (Silbersalz-Film)

„Ich habe in Köln studiert. Da hatten wir zwei Übungen auf 35 Millimeter. Das muss in den Filmschulen wieder­erweckt werden.“

 

Leena Koppe, DoP („Die Vaterlosen“)

„Willst Du mit Tiefe erzählen, ist Film das Material. Die digitale Kamera ist fast überscharf.“

„Im Moment ist das Digitale dabei, den Film umzubringen. In Österreich wurde gerade das letzte Labor geschlossen.“

„Mich stört, dass die Industrie drüberbrettert, und verspricht, dass alles besser und billiger wird. Das ist aber nicht so.“

„Die Formatfrage sollte eine freie Entscheidung sein.“

 

Tom Fährmann, DoP („Das Wunder von Bern“)

„Es ergibt keinen Sinn, von analog auf digital zu wechseln, wenn das Digitale nicht besser ist. Das aber ist mit der Alexa tatsächlich passiert. Bis dahin wirkten Hauttöne eher wie Porzellan. Nun sehen sie nahezu organisch aus. Alles, was ich über Digital dachte, hat sich geändert. “

„Ab dem Digital Intermediate sind alle Schritte in der Postproduktion exakt die gleichen.“

„Die Probleme sind in der Anzahl gleich. Sie haben nur einen anderen Namen.“

„Ich höre da immer wieder, dass der Film durch die geringe Menge disziplinierend wirke. Aber wir sind doch keine Kinder.“

 

Michel Morales, Produzent („Lola auf der Erbse“)

„Für kleine Produktionen ist Digital sinnvoll. Bei großen Budgets gibt sich beides nichts mehr.“

„Die digitale Kamera läuft die ganze Zeit über. Die Postproduktion und das Sichten des Materials kosten dann wieder mehr …“

„Das Set ist wie ein Sack voller Flöhe. Die Kamera am Set schafft eine Magie – alle sind konzentrierter.“

„Ich freue mich, wenn ein Regisseur oder eine Kamerafrau sagt, sie will auf Film drehen.

„Die Industrie treibt dauernd eine andere Sau durchs Dorf und sagt, dass es billiger werde.“

 

Marc Rothemund, Regisseur („Sophie Scholl – Die letzten Tage“)

„Nachträglich Korn einzusetzen, ist extrem schwierig – ­Szenen haben eine Eigendynamik.“

„Das Material lebt beim Film.“

„Digitalkameras sind nicht handhabbarer. Der Lüfter da ist lauter als das Surren der Filmstreifen, die Kabellage anfällig. Und die Konzentration ist bei Film schon eine andere.“

„Seit ich digital drehe, habe ich viel mehr Unschärfen. “

„Die Maske dauert länger.“

„Die meisten Produzenten sagen, Film sei zu teuer, ohne profundes Fachwissen. Das ist so plakativ.“

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Alles beim Alten

Auf dem Podium bei den Regietagen (von links): Skadi Loist, von der Universität Rostock, Moderatorin Margrét Rún, HFF-Präsidentin Uschi Reich, die Regisseurin Julia von Heinz, Claudia Tronnier, Leiterin des „Kleinen Fernsehspiels“, und Studio-Hamburg-Chef ­Michael Lehmann. | Foto © BVR, Stella Boda

Auf dem Podium bei den Regietagen (von links): Skadi Loist, von der Universität Rostock, Moderatorin Margrét Rún, die Produzentin Uschi Reich, die Regisseurin Julia von Heinz, Claudia Tronnier, Leiterin des „Kleinen Fernsehspiels“, und Studio-Hamburg-Chef ­Michael Lehmann. | Foto © BVR, Stella Boda

2016 war das Jahr der Regisseurinnen, war 2016 zu lesen. Maren Ade hatte mit „Toni Erdmann“ in Cannes die Herzen erobert, Maria Schrader mit „Vor der Morgenröte“ begeistert, Nicolette Krebitz mit „Wild“ überrascht. „Toni Erdmann“ gewann sechs „Europäische Filmpreise“ und in diesem Jahr noch mal fünf „Lolas“, jeweils auch in den Kategorien für den besten Film und die beste Regie. Wo übrigens beim „Deutschen Filmpreis“ drei der sechs nomierten Filme von Frauen inszeniert waren, drei der vier nominierten Regisseure Frauen waren. Na bitte, geht doch! Und alles ohne offizielle Quote.

Hinter den Blitzlichtern ist die Freude nicht mehr so groß. Auf den Regietagen Anfang November hatte der Bundesverband Regie (BVR) seinen „Diversitätsbericht für das Jahr 2016“ [PDF] vorgestellt. Es ist bereits der vierte. Untersucht wird nicht weniger als die „Regievergabepraxis in Deutschen fiktionalen Primetime-Programmen von ARD, ZDF, RTL Sat1 und Vox sowie in deutschen Kinospielfilmen.“ Wer dreht oder darf drehen, was am meisten und liebsten gesehen wird? Weiterlesen

Vornehmlich Männer, hatte der BVR in seinem ersten Diversitätsbericht vom November 2014 herausgefunden. Für die Jahre 2010 bis 2013 war der prozentuale Anteil von Regisseurinnen bei fiktionalen Primetime-Sendeplätzen im deutschen Fernsehen lediglich 11 Prozent. Bei Kinospielfilmen lag er zwar doppelt so hoch, doch bei den hohen Budgets sah es auch nicht besser aus als im Hauptabendprogramm des Fernsehens. An fehlendem Interesse könne das nicht liegen, es seien doch 42 Prozent der Regieabsolventen deutscher Filmhochschulen Frauen.

Wahrscheinlicher ist, dass man sie nicht lässt. Eine weitere Studie der Universität Rostock zeigte, dass Regisseurinnen meist finanziell schlechter ausgestattet seien und nur zwei Drittel der Fördersumme erhielten, die Männer bekamen.

Ohne Quote geht’s wohl doch nicht. Nach diesen ersten Zahlen hatten sich mehr als 370 Regisseurinnen im Lande zu „Pro Quote Regie“ zusammengeschlossen, wie es bereits Journalistinnen und Ärzte für ihre Berufe getan hatten, und verwiesen auf Schweden, wo sich dank Quotenregelung der Anteil der Frauen in Schlüsselpositionen bei Filmproduktionen ungefähr dem Bevölkerungsanteil angeglichen habe. Inzwischen haben sich auch die öffentlich-rechtlichen Sender und mehrere Fördereinrichtungen dem Thema verschrieben, die Gleichberechtigung ist als Ziel ins neue Filmförderungsgesetz (cinearte 385) geschrieben worden und wird auch über die Branche hinaus diskutiert.

Gut ist damit noch lange nichts. 44 Prozent Regieabsolventinnen, also sogar zwei Prozentpunkte mehr als vor drei Jahren, zählt die jüngste Studie für das Jahr 2016. Zwar ist deren Anteil im Fernsehen nun fast doppelt so hoch wie vor drei Jahren, im Kino ist aber alles beim Alten, einschließlich der geringeren Budgets und Fördermittel. 29 Kinofilme mit einem (geschätzten) Budget über fünf Millionen Euro starteten im vorigen Jahr im Kino. Nur vier davon hatte eine Frau inszeniert, ein weiterer entstand mit einer gemischten Regiespitze. Es ist auch nicht zu erwarten, dass im nächsten Jahr andere Zahlen kommen: Auch das, was zur Zeit produziert wird, folgt der selben Quote, offenbart ein Blick in die Datenbank von Crew United, der freilich noch nicht wissenschaftlich bearbeitet ist.

Woran liegt’s? Das diskutierte die Regisseurin Margrét Rún auf dem Podium mit Skadi Loist vom Institut für Medienforschung, Universität Rostock, die Regisseurin Julia von Heinz, die Produzentin Uschi Reich, Claudia Tronnier, Leiterin des Kleinen Fernsehspiels beim ZDF und Michael Lehmann, Chef der Studio Hamburg Productions Group. Zumindest für ihre Redaktion wollte Tronnier die Zahlen der Studie nicht bestätigen. Die nämlich berücksichtigten ja nur die fiktionalen Programme. „Das kleine Fernsehspiel“ aber beauftrage etwa zur Hälfte Regisseurinnen, wenn man Dokus und Mischformen mitzähle. Und sendet sie, muss man hinzufügen, möglichst weit weg von jeder Primetime, montags gegen Mitternacht, wenn keiner mehr guckt.

Zudem muss diese Quote relativ neu sein. Ein (ebenfalls grober) Rückblick in die Datenbank auf die jüngsten zehn Jahre zeigt: Bei den aufgeführten 185 Projekten des „Kleinen Fernsehspiels“, vom Spielfilm bis zur Doku-Reihe, war das Regieverhältnis etwa 2:1 – zu Gunsten männlicher Regisseure.

Auch Lehmann kennt die Probleme, gibt sich aber optimistisch. Der Bericht sage nicht aus, wie sich die Branche, jenseits der Zahlen, gerade verändere – seine Kolleginnen schritten seit zwei Jahren „forsch voran“. Ein Stück Wegs haben sie dabei wohl noch vor sich: 30 Firmen listet der Diversitätsbericht auf, die im Untersuchungszeitraum mindestens sechs Sendungen produziert hatten – gewissermaßen der Dax der Filmbranche. Nur 18 davon hatte überhaupt mit Regisseurinnen gearbeitet, Studio Hamburg ist auf Platz 15. Seltsam, denn angeführt wird die Liste mit 42,9 Prozent Regisseurinnen-Anteil von der eigenen Tochterfirma Cinecentrum ­Berlin.
Dennoch scheinen die Zahlen Lehmann zu bestätigen: Insgesamt, wieder nur grob aus der Datenbank gefischt, hat Studio Hamburg mit seinen Töchtern im Zehn-Jahres-Durchschnitt jedes vierte Projekt von einer Frau inszenieren lassen; Tendenz steigend: 14,29 Prozent betrug die Regisseurinnen-Quote 2006, im vorigen Jahr hatte sie sich beinahe verdoppelt: 26,58 Prozent.

Es gibt, wurde auf dem Podium festgestellt, eine Kluft nach dem Debütfilm, in die so viele der 44 Prozent Regieabsolventinnen hineinstürzen. Und Frauen bekommen viel früher als Männer gar keine Jobs mehr. Ein Erklärungsversuch: Da draußen herrschen andere Bedingungen und Produzenten als an der Filmhochschule. Und vielleicht wird Frauen dort tatsächlich weniger zugetraut. 930 „Tatorte“ sind zur Zeit bei Crew United gelistet, fast alle erst seit den 1990er Jahren. Nicht mal ein Zehntel davon hatte eine Frau inszeniert. Wie eine gesamte Werkschau der Krimireihe seit den frühen 70er-Jahren aussehen würde, mag ein jedes sich selbst vorstellen. Dem Diversitätsbericht zufolge gelten Frauen wohl vor allem für die Primetime, Krimis und 90-Minüter als Risiko.

Das ist kein deutsches Phänomen. Auf der englischsprachigen Website shitpeoplesaytowomendirectors.tumblr.com erzählen Regisseurinnen, eben dies: was sie sich im Alltag so an Blödsinn anhören müssen. Und wäre ihnen nicht allmählich der Humor vergangen, könnten sie aus den Anekdoten eine böse Komödie zusammenstricken. Diese hier bringt es auf einen Punkt: „Ich hatte ein Meeting mit einer Produzentin, die zuvor verkündet hatte, sie wolle mehr weibliche Regisseure für ihre Serie. Auf meine Nachfrage, eine Folge zu inszenieren, sagt sie: ,Wir haben für diese Staffel schon zwei Frauen beauftragt. Je nachdem, wie sie sich anstellen, könnte es möglich sein, eine Frau für eine Episode in der nächsten Staffel zu engagieren.‘ Sie nahm also an, dass die Arbeit einer Frau die Fähigkeiten von allen Frauen widerspiegele. Ich wusste nicht mal, wie ich das Gespräch fortsetzen sollte.“

Für Reich, lange Jahre Chefin der heutigen Bavaria Filmproduktion, liegen die Gründe aber nicht nur in etwaigen Strukturen und Vorurteilen: Der Regieberuf erfordere eine „aktive Selbstpräsentation“. Männer, habe sie beobachtet, schlössen sich schon früh während des Studiums zusammen, gründeten Firmen und hätten gleich Projekte nach dem Abschluss. Frauen werkelten unterdessen meist alleine vor sich hin. Ihr Fazit: Man müsse bei der „Bewusstseinsbildung“ ansetzen.

Zum Beispiel auch für die eigene Sache: Das Publikum im Saal war, nun ja, sehr überschaubar, trotz einer Frauenquote von fast 75 Prozent. „Ich vermisse meine Studentinnen“, sagte Julia von Heinz, die auch Professorin an der HFF ist. „Die sind so blauäugig, zu glauben, das betrifft sie nicht.“

Argumente für die Quote hat dieser Tage eine weitere Studie gefunden: „Frauen in Kultur und Medien“, von der Kulturstaatsministerin finanziert, vergleicht die Lage in sechs Ländern. Deutschland steht in diesem europäischen Vergleich gar nicht mal so schlecht da, hängt aber in der Entwicklung hinterher. „Wertvolle Orientierungshilfe“ böten da Frankreich, die Niederlande und Schweden, die mit Quoten und weiteren Maßnahmen auf eine geschlechtergerechte Gesellschaft hinarbeiteten. In Frankreich etwa müssen seit diesem Jahr, alle Positionen, die vom Kulturministerium finanziert werden, zu 40 Prozent mit Frauen besetzt werden. Denn, so kommentiert es die „Berliner Zeitung“, ohne staatliche Regelungen passiert nicht viel!

Ein weiteres Argument dafür lieferten die öffentlich-rechtlichen Sender selbst: Die ARD hat sich eine Regisseurinnen-Quote von 20 Prozent zum Ziel gesetzt und dies mit 19,3 Prozent nur knapp verfehlt. Das ZDF hingegen vertraut auf eine „freiwillige Selbstverpflichtung“ und erreichte lediglich 14,4 Prozent.

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Cinema Moralia – Folge 164: Verteidigung der Uneindeutigkeit

Ganz so einfach ist es nicht...

Ganz so einfach ist es nicht…

Moral, Schuld und Kunst­kritik: »Lost in Politics«, wir Parti­sanen der Ambi­va­lenz und die Debatte zum »Fall Weinstein« – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 164. Folge

»Warum gibt es diese Obsession, nach dem Ange­mes­senen und nach dem Korrekten zu fragen?«
Cristina Nord bei »Lost in Politics« in Leipzig, 1.11.17

Heute bei der Dok Leipzig: Der Verband der Film­kritik debat­tierte über »Lost in Politics«, also Formen und Varianten des Poli­ti­schen im Kino und darüber, was es eigent­lich heißt, wenn man von »poli­ti­schen« Filmen redet. Klarer­weise ging es diesmal vor allem um das Poli­ti­sche im und am Doku­men­tar­film: Sind (Doku­mentar-) Filme auto­ma­tisch dringlich oder wichtig, weil sie mit wichtigen oder dring­li­chen Themen befasst sind? Geht das, was (Doku­mentar-) Filme politisch meinen, in dem auf, was sie ästhe­tisch tun? Drei Autoren stellten, moderiert von Heike Melba Fendel, jeweils gegen­wär­tige Film­bei­spiele vor: Cristina Nord  Auster­litz (von Sergei Loznitsa), Patrick Holzapfel I Am Not Your Negro (Raoul Peck), und Jide Tom Akin­le­minu den argen­ti­ni­schen Film Project 55 aus dem aktuellen Wett­be­werb.
Die Veran­stal­tung war sehr anregend und stel­len­weise kontro­vers. Es ging dabei vor allem um das Verhältnis von Main­stream­kino zu Kunstkino, darum ob Filme, die den Regeln folgen, stand ihnen Wider­stand entge­gen­zu­setzen, trotzdem gut sein können und ob es immer gut ist, Regeln anzu­greifen. Die Film­aus­schnitte hätten kürzer sein dürfen, die gesamte Veran­stal­tung dafür länger. So blieb einiges auf der Strecke.
Was ich mitnehme, ist der diffuse Verdruss darüber, dass Film­kritik immer etwas gegen Main­stream an-sich haben muss, statt guten Main­stream von schlechtem zu unter­scheiden, warum Attrak­tion, Emotion, und Exzeß bei vielen Kollegen scheinbar syste­misch unter Verdacht stehen… Weiterlesen

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»Frage: Fehler über Fehler und nix gelernt. Warum ist »konkret« heute dennoch ein klügeres Blatt als je zuvor?
Hermann L. Gremliza: Darum, dass »konkret« dieser Gesell­schaft immer mehr als Fremd­körper begegnet, dass es zersetzt und nieder­macht, kein bisschen konstruktiv ist, die Politik nicht mehr »berät«, was früher allzuoft vorkam. keine Taktik kennt, zu Recht nicht unter das Plura­l­etantum »die Medien« fällt, und auch von denen nicht gezählt wird. Ein Dank an die werbende Wirt­schaft, dass sie uns nie in Versu­chung geführt hat an ihrem Geld zu verblöden.«
(aus: Konkret, 11/2017)

»Konkret« ist nicht in jeder Hinsicht ein Vorbild, aber in mancher. Jeden­falls eine unent­behr­liche Lektüre. Diesen November 100 Jahre nach der Großen Okto­ber­re­vo­lu­tion, feiert das Magazin seinen 60. Geburtstag. Wir gratu­lieren!

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Aus 50 Jahren Berufs­er­fah­rung plaudert Rosa von Praunheim. »Wie wird man reich und berühmt? heißt sein neues Buch im Martin Schmitz Verlag, das unter anderem auch Inter­views mit Tom Tykwer und Nico Hofmann enthält, und sehr launig, lustig zu lesen ist.

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Das BKM hat eine Studie über »Frauen in Kultur und Medien: Ein Europäi­scher Vergleich« gefördert, die »Hertie School of Gover­nance« ist dafür vermut­lich gut bezahlt worden. Um die Ergeb­nisse zu erfahren, muss man nicht mal die Studie lesen. Es genügt der Blick auf die Macher. Lauter junge Frauen haben die Arbeit erledigt. Über ihnen
ein alter Mann, der Chef.

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Wir freuen uns daher schon jetzt auf die Entschei­dung über die Nachfolge von Dieter Kosslick als Berlinale-Chef. Der will bekannt­lich sein eigener Nach­folger werden, muss dafür aber wohl schleu­nigst eine Geschlechts­um­wand­lung bean­tragen. Denn einziges »hartes« Kriterium für die darüber entschei­dende Kultur­staats­mi­nis­terin Monika Grütters ist: Es muss eine Frau werden. Tolles Kriterium – und so wahn­sinnig kulturell! Grütters braucht dafür nach eigener Aussage auch keine Findungs­kom­mis­sion. Gefunden hat sie aber, wie zu hören ist, auch noch niemanden, auch keine Frau. Könnte also gut sein, dass Kosslick sein eigener Nach­folger wird.
Die schlimmste aller möglichen Varianten wäre aber die, dass Kosslick eine Art Präsident wird, unter dem dann eine Frau als künst­le­ri­sche Leiterin amtiert. Hoffent­lich ist keine so dumm oder so eitel, sich darauf einzu­lassen. Wenn doch, wäre dies der symbo­li­sche Beweis, dass »eine Frau es alleine nicht schafft, sondern einen starken Mann braucht, der ihr über die Schulter schaut.«
Das wäre dann auch ein neues Kapitel zum Thema »Frauen in Kultur und Medien«.

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Zum »Fall Weinstein« gab es in den letzten Wochen viele Gespräche, vor allem mit Frauen. Männer sagen dazu wenig. Die Frauen aber zumindest mir nicht, was anderen Frauen gefällt: »Ihr werdet alle noch in der Ecke sitzen und weinen, weil keiner mehr guckt.« »Irgend­wann gucken ja nicht mal mehr die Alten.« Ich war dann der, der gesagt hat, es gehe ja hier nicht ums gucken.
Eine Schau­spie­lerin schrieb im femi­nis­ti­schen Leitorgan BILD: »Er hat mich nicht angefasst, aber ich empfand es als Miss­brauch.« Der Text macht klar, wer gemeint ist. Sind wir so weit gekommen, dass Empfinden genügt für den öffent­li­chen Pranger?
Eine zweite Schau­spie­lerin über den Regisseur: »Wie der mich ange­schaut hat.« – Ja was soll er denn sonst tun der Regisseur? Das sind – es wird jetzt wieder manche aufregen – es sind über­trie­bene Sensi­bi­litäten. Das Zauber­wort »Sexismus« erlaubt ein undif­fe­ren­ziertes Zusam­men­fassen von solchen Bana­litäten und Verbre­chen.

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Noch etwas dazu: Der Grundsatz der Unschulds­ver­mu­tung, der Grundsatz des »Keine Verur­tei­lung ohne Beweise« und der Grundsatz »Im Zweifel für den Ange­klagten« können im konkreten Fall dazu führen, dass Täter nicht verur­teilt werden. Das ist schmerz­haft, sehr schmerz­haft. Gerade hat eine Regis­seurin, Kathryn Bigelow in ihrem neuen Film »Detroit« gezeigt, wie schmerz­haft für die Betei­ligten, die es besser wissen, es aber nicht beweisen können.
Aber sie macht auch klar, dass die Alter­na­tive noch schlechter ist,

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Provo­ka­tion ist für diesen Blog wichtiger, als Political Correct­ness. Aber keines­wegs Provo­ka­tion um der Provo­ka­tion willen. Sondern es geht darum, das Ungesagte zum Sprechen zu bringen, Minder­heits­mei­nungen und dissi­dente Posi­tionen zu Gehör zu bringen, nach­zu­fragen, wo alle sich einig sind. Ich schätze Parti­sanen, Menschen, die Front­li­nien nach beiden Seiten über­schreiten. Wie bei der oben erwähnten »Lost in Politics«-Veran­stal­tung. Da wurde aus meiner Sicht Raoul Pecks »I am not your Negro« viel zu hart ange­griffen: »Main­stream«, »Inhal­tismus«, »Propa­ganda«. Stimmt alles, ist aber längst nicht alles, was zu dem Film zu sagen ist. Also hab ich ihn aus dem Publikum heraus vertei­digt. Hätten ihn alle als größten Doku­men­tar­film des Jahres gelobt, hätte ich das Gegenteil getan.
Viel wichtiger noch ist aber Ambi­va­lenz. Die Verei­di­gung der Unein­deu­tig­keit. Wider­sprüche gehören zum Leben. Wer das nicht spürt, ist unsen­sibel. Wenn alle der gleichen Meinung sind, ist das immer gefähr­lich.
Ich ziehe die Position vor, nirgendwo einen absoluten Halt zu haben, nirgends. Aber eine Haltung. Altmo­disch heißt das: Charakter. Ich ziehe das Unein­deu­tige vor, weil Eindeu­tig­keit falsch ist. Fast immer. Jeder dogma­ti­sche Stand­punkt, jede Form des Funda­men­ta­lismus und jeder Diktatur der Meinungen, des Glaubens, ist falsch.

+ + +

Das musste einmal gesagt werden, weil doch immer wieder Leser meine Texte einfach miss­ver­stehen. So etwa Sophie Charlotte Rieger, die als »Filmlöwin« den gleich­na­migen Blog betreibt. Ich schätze Sophie Charlotte Rieger, ich finde ihren Blog sehr lesens­wert, auch wenn mir die Idee ihres Block­buster-Checks recht unsym­pa­thisch ist. Check, das klingt nach ZDF-Waren­tests und der Blog hat in der prak­ti­schen Ausfüh­rung Elemente einer Gedan­ken­po­lizei. Punkte werden da für Geschlech­ter­rollen, für Sexua­lität/Asexua­lität, für Dresscode und Derglei­chen mehr vergeben.
Meinem letzten Text zum »Thema Weinstein« wollte ich sowieso noch einiges hinzu­fügen. Jetzt hat die Filmlöwin ihn mit einer ausführ­li­chen Funda­men­tal­kritik gewürdigt, die ich nicht igno­rieren will. Denn abgesehen von meinem Respekt für die Autorin, an der ich allein auszu­setzen habe, dass sie mir nicht eben soviel Respekt entge­gen­bringt, gibt er Anlass, die Debatte weiter­zu­führen. Dass das notwendig ist, da sind wir uns immerhin vermut­lich
einig.
Der persön­lich pole­mi­sche Stil von Rieger, ihr Ton, macht ihren Text freilich schwächer, als er sein müsste, denn sie hat es ja gar nicht nötig, Worte zu schreiben, wie ich würde »krakelen.«
Man weiß ja eigent­lich: Den Gegner stark machen, sonst wird der eigene Text schwach.

+ + +

Auf fast jeden Satz ihrer Replik, die hier nach­zu­lesen ist, müsste und könnte man antworten.
Mein Text, schreibt sie, sei »eine Anein­an­der­rei­hung von Rape Culture Mythen, What­a­bou­tism und misogynen Rheto­riken« und ein vernich­tendes Zeugnis für den deutschen Film­jour­na­lismus. Schon da, aber das hat jetzt gar nichts mit dem Thema zu tun, wünschte ich mir Genau­ig­keit. Ich sehe mich nicht als »Film­jour­na­list« sondern als »Film­kri­tiker«. Das ist ein wichtiger Unter­schied, den aber Rieger vermut­lich als apoli­ti­sches Kunst­ge­schwafel abtun dürfte, als unnötige Fein­heiten von so Männern im Kunstraum, die die gesell­schaft­li­chen Kämpfe nicht kämpfen wollen. Bei den Fein­heiten aber fängt Film­kritik an, auch wenn das nervt.
Revo­lu­tion und gesell­schaft­liche Kämpfe sind nicht fein­sinnig, das stimmt. Da muss man sich die Hände schmutzig machen und Bündnisse schmieden mit Leuten, mit denen man in vielem nicht einer Meinung ist. Ich würde mir aber wünschen, und vermuten, dass wir auf der selbem Seite der Barrikade stehen, trotz allem.
Rieger behauptet dann weiter, die »rheto­ri­sche Frage, ob man Mr. Weinstein verbrennen solle« sei eine Anspie­lung auf das Bild der Hexenjagd, »übrigens ein Kapitel aus der Geschichte der Misogynie«. Falsch, Frau Kollegin. Der Unter­titel ist eine Anspie­lung auf einen berühmtem Essay von Simone de Beauvoir, übrigens eine der Mütter des Femi­nismus. Ihr Text heißt im Titel »Soll man De Sade verbrennen?« Soll man nicht, sagt Beauvoir, die hier einen Mann vertei­digt, einen gesell­schaft­lich
Geäch­teten, der Perver­sion, des Amora­lismus, der Abartigen Neigungen Beschul­digten. Einen Außen­seiter. Nur zur Erin­ne­rung. Kein Vergleich mit Weinstein impli­ziert.
Aber das sind Kinker­litz­chen. Mit meinen Antworten will ich nur illus­trieren: Ganz so einfach, wie Rieger es sich macht, ist mein Text nicht zu zerlegen.

+ + +

Zur Substanz: Der erste Vorwurf ist: Der Titel ist schlecht gewählt. Nein, Harvey Weinstein ist nicht mein Freund. Weiß sie auch. Behauptet trotzdem, ich hätte Harvey Weinstein »als einen Freund« bezeichnet.
Zweiter Vorwurf: Ich zöge mich (und irgendwie alle Männer) »in einen abstrakten Kunstraum zurück«. Tatsäch­lich darf Kunst alles, darf Film­kritik (die ja Kunst ist) alles.
Wo ist das Gegen­ar­gu­ment, Frau Rieger? Was hat die Autorin »gegen diese Argu­men­ta­tion einzu­wenden«?
Dritter Vorwurf: Ich habe Asia Argentos Aussagen als »dummes Zeug« bezeichnet. Stimmt. War nicht gut begründet. Was ich schwer nach­voll­ziehbar finde, ist, dass Argento von Verge­wal­ti­gung spricht, aber den Vorgang erstens so schildert, sie habe Weinstein massiert, zweitens, er habe mit ihr Oral­ver­kehr gehabt – ist das eine Verge­wal­ti­gung? Viel­leicht Zwang, aber schon da fehlt mir die Phantasie. Viel­leicht hat sie sich gezwungen gefühlt.
Und dann? Dann war sie mit dem Typ sechs Jahre on/off zusammen. Sorry, auch da fehlt mir die Phantasie. Asia Argento ist auch meiner Ansicht nach ein Opfer. Aber Weinstein ist in Bezug auf sie nicht unbedingt ein Täter.
Ich will nichts klein­reden. Aber wenn man schon diese Details so analy­siert, wozu, wenn das Ergebnis feststeht, wenn die Analyse nur eine Lesart erlaubt: Nämlich die süffige Illus­tra­tion von der Schuld des Mannes.
Alles nur »Rape Culture Mythen«? Es folgt umgekehrt eine ehren­rüh­rige Unter­stel­lung der Autorin: »Wenn Rüdiger Suchsland schreibt, dass Wein­steins Verhalten nicht zu entschul­digen sei, dann schreibt er das, weil er das muss, nicht aber, weil er das meint.« Auf viele Aspekte von Wein­steins Verhalten bezogen stimmt das nicht. Aber abgesehen davon nimmt die Autorin meine sonstigen Aussagen doch auch gern wörtlich. Dann doch die jetzt bitte auch.

+ + +

Vierter Vorwurf: »What­a­bou­tism, die große Kunst, ein Problem mit einem anderen klein zu reden, was freilich nur ein rheto­ri­scher Kniff ist«.
Das bezieht sich auf den von mir vermu­teten »verkappten Anti­se­mi­tismus der Öffent­lich­keit«. Rieger hat recht: »Anti­se­mi­tismus ist scheiße. Verge­wal­ti­gung ist auch Scheiße. Das lässt sich aber gegen­ein­ander nicht aufwiegen.«
Sie hat auch recht: »Harvey Weinstein als Verge­wal­tiger zu bezeichnen ist nicht anti­se­mi­tisch. Anti­se­mi­tisch wäre es zu behaupten, Harvey Weinstein würde verge­wal­tigen, weil er Jude sei. Das hat aber niemand getan und ich fühle mich auf ziemlich sicherem Boden, wenn ich behaupte, dass das nicht einmal jemand gedacht hat.«
Stimmt alles. Woran man aber viel­leicht erinnern darf, und da hätte ich mir mehr Mühe geben müssen, es en detail explizit zu sagen, ist, dass es auffäl­li­ger­weise in den Medi­en­hin­rich­tungen von Männern, die wegen Miss­brauch oder Verge­wal­ti­gung angeklagt werden, sehr oft (und über­pro­por­tional) um Juden geht. Und dass es Diskurse gibt, in denen Juden (und/oder Schwarze) als sexuell besonders potent und demzu­folge besonders potente Bedro­hungen der (weißen und/oder
nicht­jü­di­schen) Frauen und der Macht der (weißen und/oder nicht­jü­di­schen) Männer gezeichnet werden. So wie im Fall des »Kölner Sylves­ters« der »nord­afri­ka­ni­sche Mann«.
Ich schließe daraus gar nichts, ich stelle es in den Raum als Erin­ne­rung und als Auffor­de­rung zum genauen Hinsehen und Hören, wie wir über den »Fall Weinstein« reden.

+ + +

Rieger verzerrt meine Argu­men­ta­tion weiter, ohne dass daraus ein Argument würde: Rheto­risch bin ich immer »geschickt«. Was ich aber schreibe, ist keines­wegs wie behauptet »Viel­leicht stimmt das alles einfach nicht«. Sondern ich frage, wie Verena Lueken »Warum jetzt?« und »Qui bono?« Das finde ich inter­es­santer, als noch ein weiteres Opfer­in­ter­view zu führen.
Rieger unter­stellt weiter, ich schriebe die Unwahr­heit: »Angeblich wurde Herr Suchsland nach seiner Reaktion zur Enthül­lung der sexuellen Über­griffe durch Harvey Weinstein gefragt.« Aha, angeblich. Rieger kann sich noch zwei Jahre lang das SWR-Forum zum Thema im Netz anhören, wo ich mit den Kolle­ginnen Verena Lueken und Heike-Melba Fendel 45 Minuten lang disku­tiere – die erste Frage dort lautet: »Wie haben Sie auf die Enthül­lung der sexuellen Über­griffe durch Harvey Weinstein
regiert?«

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Mitunter wird es dann leider blöd: Zur Kritik an der Löschung des Artikels des Missy Magazines fällt Rieger nur ein: »Wir lernen: Sexuelle Beläs­ti­gung anzu­zeigen ist nur dann in Ordnung, wenn ein Mann* angeklagt wird, den andere Männer* nicht mögen. Film­kri­tiker lästern nämlich in der Tat außer­or­dent­lich gerne über Dieter Kosslick.« Jesses!

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Schließ­lich folgt die Forderung nach mora­li­scher Keule, oder film­po­li­zei­li­chen Maßnahmen: Mein Text sollte als »eine Form misogyner Respekt­lo­sig­keit … aller­min­des­tens öffent­lich gerügt werden«. Und weiter: »Es ist unsere Aufgabe, diskri­mi­nie­rende Struk­turen auf sprach­li­cher und inhalt­li­cher Ebene aufzu­bre­chen, sie zu benennen, offen zu legen und zu ihrer Über­win­dung beizu­tragen. Rassismus, Sexismus, Klas­sismus, Ableismus, Ageism und derglei­chen gehen auch uns etwas an! Film­kritik und Film­jour­na­lismus müssen mehr sein als Bauch­pin­selei für Geeks, der verlän­gerte Arm der PR und das elitäre Baden in der mit Löffeln gefres­senen Film­his­to­ri­en­weis­heit hoch oben auf dem Elfen­bein­turm der elitären Conais­seurs. Es geht nicht immer nur um das heilige Abstraktum Filmkunst. Es geht auch um die Welt, in der wir leben und aus der diese Filmkunst entspringt. Es muss nicht jede_r femi­nis­ti­sche Film­kri­tiken schreiben, nicht jeder Text alle „-ismen*g behandeln. Aber sich diesen Themen zu widmen, sollte nicht die Ausnahme, sondern die Regel sein. Vor allem aber sollten sich alle Journalist_innen aller Themen­be­reiche um diskri­mi­nie­rungs­freie Inhalte und eine entspre­chende Wortwohl und Sprache bemühen.«
Das sehe ich tatsäch­lich ganz anders. Zur Verant­wor­tung der Film­kritik schreibe ich bald gern mehr. Denn das ist ein Thema, über das man für sich debat­tieren muss.

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Womit Rieger recht hat: Ein paar Dinge führe ich aller­dings nicht aus. In den nächsten Wochen gern. Und jederzeit in einem öffent­li­chen Streit­ge­spräch mit Sophie Charlotte Rieger. Falls ihr das nicht zu sehr an ein Duell erinnert und damit zu männlich-archaisch-mythisch ist.

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»…und sammer a die Bledern, die Mehrern sammer doch.«
Isi Tenenbom

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Casting Director Iris Baumüller: Fälle wie Harvey Weinstein gibt es auch in Deutschland

41123788_303Die Casting Director Iris Baumüller hat 30 Jahre Erfahrung in der Filmbranche. Mit der DW spricht sie über sexuelle Belästigung in der deutschen Film- und Theaterszene – und wie man sie in Zukunft bekämpfen kann.

Der Bundesverband Casting (BVC) hat in einem öffentlichen Statement mit dem Titel “Sexuelle Übergriffe und (Macht-)Missbrauch sind ein trauriger Bestandteil unseres täglichen Lebens!” alle Betroffenen der Film- und Theaterbranche aufgefordert, in einen Dialog über das Thema zu treten. Iris Baumüller (Artikelbild) ist Mitglied im BVC und im International Casting Directors Network. Sie hat vor 18 Jahren ihr eigenes Castingbüro gegründet und arbeitet als freie Dozentin an der Internationalen Filmschule und der Filmacting School Cologne. Deutsche Welle: Im Statement des BVC ist häufig von ‘Wir’ die Rede. Ist das eine Soldaritätsbekundung, oder sind Castingdirektoren auch von sexueller Belästigung betroffen? Iris Baumüller: Beides. Wir sind ja alle einen langen Weg gegangen, um Castingdirektoren zu werden. Wir alle haben vorher am Set oder am Theater gearbeitet und sind mit dem Thema in Berührung gekommen oder waren selbst betroffen. Aber auch in unserer jetzigen Position sind wir vor Belästigungen nicht gefeit, denn wir sind zu 80% Frauen. Deshalb sitzen wir alle im selben Boot. Der Skandal um Harvey Weinstein und jetzt auch James Toback nimmt immer größere Ausmaße an. Ist es in Deutschland auch so schlimm? Weiterlesen

Es ist so schlimm. Auch wenn hier in Deutschland nicht die Machtstrukturen vorhanden sind wie in den USA, wo es die großen Studiobosse gibt, ändert es nichts an der Tatsache, dass Machtmissbrauch, sexuelle Übergriffe und körperlicher Missbrauch auch in Deutschland an der Tagesordnung sind. Sowohl im Film als auch im Theater, leider auch an den Schauspielschulen.

Sind Sie als Castingdirektorin da manchmal auch als Kummerkasten gefragt?

Ja, ganz sicher. Weil wir mit den Schauspielern so eng zusammenarbeiten, mit ihnen Rollen besprechen und Castings oft sehr intensiv sind. Da bekommt man einfach sehr viel mit, auch von den Problemen, die Schauspielerinnen im Leben haben.

Was zum Beispiel?

Es gibt zum Beispiel Inszenierungen, in denen zwei Schauspieler im Casting eine intensive Liebesszene spielen sollen, wo man vorher genau bespricht, wie weit wollt ihr gehen, möchtet ihr euch küssen, möchtet ihr euch anfassen. Und das, was da im Casting gilt, muss natürlich hinterher auch am Set gelten. Und da gibt es häufig Probleme. In den USA werden Liebes- und Sexszenen durchchoreografiert wie Stunts, das ist in Deutschland anders. Da heißt es oft: “Lasst mal laufen!” Und das geht gar nicht. Denn die Schauspieler haben den Ehrenkodex, vor laufender Kamera nicht zu unterbrechen, egal, wie sie sich dabei fühlen. Wir müssen solche Szenen auch in Deutschland genau durchchoreografieren.

Aber generell gibt es am Set und auch im Theater sehr viele Grenzüberschreitungen, weil das ein sehr intimes Zusammenarbeiten ist. Und da sind nicht nur die Schauspieler Opfer: Ich habe zum Beispiel selbst am Set erlebt, wie ein Schauspieler einer Kostümassistentin zwischen die Beine gefasst hat. Es ist sehr wichtig, dass jeder vor seiner eigenen Tür kehrt und sein eigenes Verhalten hinterfragt.

Harvey Weinstein (Imago/Future Image/D. Van Tine)

Der Skandal um Harvey Weinstein setzt auch die deutsche Filmbranche in Bewegung

Der BVC spricht in seinem Aufruf, miteinander zu reden, auch explizit Männer an. Bisher haben sich kaum männliche Opfer in der Öffentlichkeit geäußert. Sind sie so stark in der Unterzahl, oder was ist der Grund dafür?

Bei den Männern ist die Dunkelziffer vielleicht noch größer. Ich habe mehrfach mit jungen Schauspielern gesprochen, die mir erzählt haben, dass sie sexuell belästigt oder gar missbrauchtworden sind. Aber die haben es vielleicht noch schwerer, sich zu outen, weil sie Angst haben, dass ihnen sofort unterstellt wird, sie seien homosexuell. Dadurch könnten für sie schnell heterosexuelle oder sehr männliche Rollen wegfallen.

Ähnliches gilt für Schauspielerinnen, die sich unter dem Hashtag “MeToo” bekennen: Natürlich hat das nicht nur Folgen auf privater Ebene, sondern auch auf der Besetzungsebene. Und wenn es nur heißt: “Sie hat sexuelle Übergriffe erlebt, können wir sie überhaupt für eine Rolle besetzen, bei der es vielleicht genau um so ein Thema geht, oder ist sie dafür zu nah dran?” Das muss dann gar nicht böse gemeint sein, aber so ein Bekenntnis kann einfach sehr weitreichende Konsequenzen nach sich ziehen.

Dann können Sie es nachvollziehen, dass derzeit viele Schauspielagenturen ihren Klientinnen und Klienten davon abraten, mit ihren Erlebnissen an die Öffentlichkeit zu gehen?

Ja. Viele Schauspielagentinnen und -agenten haben eine fast elterliche Beziehung zu ihren Schützlingen, sie sind sehr eng mit ihnen verbunden. Und sie raten ihnen, damit nicht an die Öffentlichkeit zu gehen, weil es eben eine riesige Welle auslöst, der- oder diejenige vermutlich auf Jahre hinaus damit konfrontiert werden wird und sich gar nicht mehr um seine oder ihre eigentliche Arbeit kümmern kann. Eine Therapie ist da sicherlich sinnvoller.

Im Fall James Toback haben sich mittlerweile knapp 250 Frauen gemeldet, bei Harvey Weinstein sind es etwa 50. Das Verhalten dieser Männer galt in Branchenkreisen als offenes Geheimnis. Gibt es solche Fälle auch in Deutschland?

Ja, die gibt es.

Was können Sie tun, damit sich etwas ändert?

Wir schließen uns mit anderen Verbänden wie dem BFFS (Bundesverband Schauspiel Bühne Fernsehen Sprache, Anmerkung der Redaktion), dem Produzentenverband und dem Regieverband zusammen, um Aufklärungsarbeit an den Schauspielschulen zu betreiben und den jungen Leuten klar zu machen: Glaubt bitte nicht, dass Besetzungen daraus entstehen, wenn ihr euch sexuell ausbeuten lasst. Glaubt niemandem, der euch sowas verspricht. Und selbst, wenn daraus eine Besetzung entsteht, dann ist das doch nicht automatisch ein Sprungbrett für die Zukunft.

Warum kommt der Aufruf des BVC erst jetzt und nicht schon viel früher?

Viele von uns haben sich schon vor Weinstein und abseits der Öffentlichkeit engagiert. Aber jetzt, wo sich so viele gemeldet haben, wo der Stein ins Rollen gebracht wurde, ist es der richtige Zeitpunkt, deutlich zu sagen: “Stopp! Wir sind da, wir gucken nicht mehr weg.” Und alleine das bringt ja schon so viel. Dass die, die Missbrauch betreiben, wissen: Wir haben euch im Blick.

Das Interview führte Katharina Abel und wurde zuerst bei der Deutschen Welle unter http://www.dw.com/de/iris-baum%C3%BCller-f%C3%A4lle-wie-harvey-weinstein-gibt-es-auch-in-deutschland/a-41120682 veröffentlicht.

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Aufzeichnung der Podiumsdiskussion der Deuschen Akademie für Fernsehen 2017


Am 28. Oktober 2017 fand zum fünften Mal die Preisverleihung der DEUTSCHEN AKADEMIE FÜR FERNSEHEN im Filmforum NRW im Museum Ludwig, Köln, statt. Die Auszeichnungen wurden für herausragende Leistungen an Fernsehschaffende aller Gewerke in 21 Kategorien vergeben.

Dieses Jahr fand, im direkten Vorfeld der Verleihung, eine Podiumsdiskussion statt. Das Thema lautete:

„Vor uns die Streamflut“

„ Wie sieht Fernsehen in 10 Jahren aus?“

Hier geht es zu den Nominierungen 2017: https://www.deutscheakademiefuerfernsehen.de/rl/pressemitteilung-koeln-den-21-09-2017/

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Cinema Moralia – Folge 163: Mein Freund Harvey

Soll man Mr. Weinstein verbrennen? Und ein verschwun­dener Artikel über Sexismus und Rassismus auf der Berlinale – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 163. Folge

»Sometimes we stop and watch the birds when there ain’t no birds. And look at the sunsets when its raining. We have a swell time. And I always get a big tip. But after­wards, oh oh…
»What do you mean, ‘after­wards, oh oh’?«
»They crab, crab, crab. They yell at me. Watch the lights. Watch the brakes, Watch the inter­sec­tions. They scream at me to hurry. They got no faith in me, or my buggy. Yet, it’s the same cab, the same driver. and we’re going back over the very same road. It’s no fun. And no tips… After this he’ll be a perfectly normal human being. And you know what stinkers they are!«

»Harvey »von Henry Koster, 1950
»Der, der ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.«
Evan­ge­lium des Johannes
»Mein Motto: Immer auf der falschen Seite stehen.«
Shizu

Die soge­nannte Weinstein-Affaire wirft mehr Fragen auf, als bisher beant­wortet werden.
Wenn man liest, was veröf­fent­licht wird, ist es unglaub­lich viel Hören­sagen, Verdacht, anonyme Anschul­di­gung, vages, »unan­ge­mes­senes Benehmen«. Wenn man die Erleb­nisse von Ashley Judd und Asia Argento liest, möchte man sie lieber nicht gelesen haben. Nicht wegen der Ekeleien Wein­steins, sondern weil diese Frauen da viel dummes Zeug reden, und seiner­zeit manches dumme Zeug gemacht haben – was natürlich Weinstein nicht im Geringsten entschul­digt, das muss man ja heute besser dazu sagen.
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Ich frage mich manches, zum Beispiel: Warum sind es eigent­lich immer Juden, die derart öffent­lich vorge­führt, an den Pranger gestellt und exeku­tiert werden? Roman Polanski, Woody Allen, Dominique Strauss-Kahn, Harvey Weinstein? Wird da neben der Lust an detail­lierter Beschrei­bung auch ein verkappter Anti­se­mi­tismus der Öffent­lich­keit bedient?
Ich frage mich: Warum sind es immer Linke oder Liberale und Unter­s­tützer der Demo­kraten, um die es geht? Mein Eindruck: Es geht auch darum, mit einer Epoche abzu­rechnen: den Sixties und ihrer Libe­ra­lität. Nicht Personen, sondern die libertäre Kultur der Sechziger Jahre soll gebrand­markt und öffent­lich vernichtet werden.
Es geht um ein Zurück zum Puri­ta­nismus.
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Verena Lueken stellte in ihrem FAZ-Kommentar eine wichtige Frage: Wie ist die Rolle der Medien? »Sie sind Teil der Branche. Recher­chen, die schon vor mehr als zehn Jahren unter­nommen wurden, hat er, so scheint es, zu unter­drü­cken gewusst. Weinstein hat in den vergan­genen Jahren, in denen keiner seiner Filme mehr Oscars gewann, mit seiner Firma Macht eingebüßt. Gibt es einen Zusam­men­hang mit dem Zeitpunkt der Veröf­fent­li­chung? Brachte die »New York Times« den Stein nur ins Rollen, weil Weinstein schon ange­schossen war?«
Man fragt sich übrigens, warum der Sender NBC wegen »Quel­len­pro­blemen« jene Story ablehnte, die der »New Yorker« gedruckt hat. Sie stammt nicht zufällig von Ronan Farrow, dem Sohn von Mia Farrow und Woody Allen.
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Ich frage mich schließ­lich, warum in dieser Hexenjagd jedes Maß verloren wird? Gerede jene, die sonst bei allen möglichen über­führten und verur­teilten Krimi­nellen auf Reso­zia­li­sie­rung pochen, die – oft mit guten Gründen – in vielen Verfahren mildernde Umstände ins Feld führen, kennen in diesem Fall keinen Rechts­staat mehr.
Recht­staat­liche Basis­prin­zi­pien, wie die Unschulds­ver­mu­tung exis­tieren de facto nicht mehr im Fall von Sexu­al­ver­bre­chen. Weiterlesen

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Wie ich reagiert habe, als ich von der Causa Weinstein erfuhr, werde ich gefragt. Sehr allgemein gesagt: Mich erstaunt vor allem das Erstaunen. Mich irritiert die Stärke der Reaktion, und zum Teil die Reaktion selbst, die mir vor allem heuch­le­risch vorkommt.
Mich empört die Lust an der Enthül­lung, das Breit­treten der vielen Details, das natürlich ein genüss­li­ches ist, voyeu­ris­tisch.

Mich stört das Miss­ver­hältnis zwischen der jetzigen Aufmerk­sam­keit für Weinstein und der sonstigen Aufmerk­sam­keit fürs Kino. Ich würde mir wünschen, dass wir das Kino auch nur halb so wichtig nähmen, dass wir die sonstige Arbeit von Studio­bossen auch nur ein Viertel so genau kommen­tieren und beob­achten, wie wir jetzt das Treiben eines Filmmogul.

Zur Sache selbst ist zu sagen: Verge­wal­ti­gung ist ein Verbre­chen. Miss­brauch auch, »sexuelle Beläs­ti­gung« dagegen schon weitaus vager, ebenso wie die tatsäch­li­chen Abhän­gig­keiten von Schau­spie­le­rinnen, die auf eine Rolle hoffen, und Produ­zenten, die sie derart ausnutzen, natürlich sehr relativ und sehr im Auge der jewei­ligen Betrachter liegt.
Andere Dinge mögen geschmacklos sein, wir mögen sie unmo­ra­lisch finden, aber sie sind letztlich Privat­sache.

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Der Fall Weinstein ist nicht nützlich, sondern schädlich für den Femi­nismus. Denn was uns hier öffent­lich vorge­führt wird, ist Entmäch­ti­gung und Ohnmacht von Frauen anstatt Ermäch­ti­gung und Macht. Wir lernen: Frauen sind also Opfer. Und zumindest die mitunter erkenn­bare klamm­heim­liche Sehnsucht, ein Opfer zu sein, und sich öffent­lich als Opfer zu erklären, hat für mich etwas zutiefst Irri­tie­rendes.
Fällt jemanden auf, dass bei Sexu­al­de­likten noch Rollen­bilder der 50er-Jahre verbreitet sind. »Der Mann ist der aktive Teil, der den Sex immer will. Die Frau bleibt passiv.« So ein Rollen­ver­s­tändnis wäre in jedem anderen Lebens­be­reich heute undenkbar.

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»Sexismus« ist ein schönes, weil passend vages Schlag­wort. Was Sexismus wirklich heißt, darüber müssen wir ein andermal schreiben. Aber man sollte »den Film« nicht für einen Einzel­fall halten. Wie sieht es eigent­lich in anderen Branchen aus?
Und in anderen Ländern?

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»Ich will jetzt gar nicht davon reden, welche Frauen mir davon erzählt haben, dass Dieter Kosslick ihnen ungefragt die Schultern massiert hat – könnte ich aber, wenn ich muss.« Diesen Satz hatte ich mir bereits vorges­tern für den heutigen Blog notiert – verspro­chen!
Dann erschien ein inter­es­santer Text bei »Missy Magazine«. Die Autorin schreibt unter dem Pseudonym Bernadine Harris einen offenen Brief an Berlinale-Chef Dieter Kosslick. Unter der Über­schrift »Unter der Bettdecke der Film­branche. Über Harvey Weinstein hatte auch Berlinale-Direktor Dieter Kosslick etwas zu sagen – selbst Teil des Problems« erschien dort der Text einer Frau die, wie sie beschreibt, »vor wenigen Jahren … in einer recht niedrigen Position« für die Berlinale gear­beitet hat. Sie berich­tete von Verhal­tens­weisen des Berlinale-Chefs, die das »Missy Magazine« selbst als »sexis­tisch und rassis­tisch« charak­te­ri­siert hat. Man muss diese Ansicht nicht teilen, um in dem Brief einen wichtigen Beitrag zu sehen. Wichtig für das Thema Sexismus, aber auch wichtig für die ange­mes­sene Einschät­zung des Binnen­klimas der Berlinale, das von Angst, Respekt­lo­sig­keit und Willkür geprägt ist. Bernadine Harris fasst die »unglück­liche Ansamm­lung von sehr schlechtem Verhalten« Kosslicks ganz klug und souverän in der Formu­lie­rung zusammen, »dass Männer wie du [= Kosslick] sehr gut darin sind, eine Atmo­s­phäre zu schaffen, in der ständige und will­kür­liche Ernied­ri­gungen gang und gäbe sind. Eine Atmo­s­phäre, die ermög­licht wird, weil in den Räumen, die ihr beherrscht, Ehrgeiz, Macht und Ruhmsucht jene fragile Stimmung erzeugen, die allzu leicht an unsere niedersten Instinkte appel­liert.«
Und vor allem wichtig, weil er die Doppel­moral und Schein­hei­lig­keit jener Personen bloß­stellt, die jetzt wie Kosslick Spitzen und »lustige« Anekdoten über Weinstein zu bieten haben, den sie vor Kurzem noch hofierten

Was nicht abzusehen war, war, dass dieser Brief auch noch ein Beitrag zu den Medi­en­ver­hält­nissen in Deutsch­land werden könnte.

Denn am Mitt­woch­morgen war er plötzlich nicht mehr online und einige Minuten später war auch bei präziser Titel­suche kein Link mehr auf Google zu finden. Da hat wohl jemand einen Lösch­an­trag gestellt.

Auf meine Anfrage nach den Hinter­gründen bekam ich zunächst von der Redaktion die Nachricht, der Text sei auf Wunsch der Autorin zurück­ge­zogen worden, dann von »Missy«-Chef­re­dak­teurin Stefanie Lohaus die etwas ausführ­li­chere Auskunft: »Dieter Kosslick hat kurz nach der Veröf­fent­li­chung bei unserer Autorin angerufen, ein längeres Gespräch mit ihr geführt und sich bei ihr entschul­digt, sie hat die Entschul­di­gung ange­kommen, darüber geschlafen und daraufhin gebeten, dass wir den Text zurück­ziehen. Dem sind wir nach­ge­kommen.«

Das muss man akzep­tieren. Wobei natürlich die Frage naheliegt, wofür sich der Berli­nale­chef denn genau entschul­digt hat?
Ein schöner Kommentar dazu kam auch von einer lang­jäh­rigen Bekannten des Berli­nale­chefs: »Wow, Modell Weinstein? Kosslicks Anrufe, Bitten und Entschul­di­gungen kenne ich zu gut.«

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Schade ist aller­dings schon, dass »Das femi­nis­ti­sche Magazin für Pop und Politik« da so schnell einge­knickt ist. Meiner Ansicht nach hätte die Redaktion die Autorin eher darin bestärken sollen, den Artikel online zu lassen, und darauf hinweisen müssen, dass einmal öffent­lich gemachte Texte nun einmal öffent­lich geworden sind, und sich nicht wieder aus dem Verkehr ziehen lassen.
Tatsäch­lich ist der Text mit etwas Neugier weiterhin im Netz aufzu­finden, und wurde auch auf Facebook verbreitet.

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Einige weitere Stunden später fand sich unter der ursprüng­li­chen Adresse eine Erklärung, die mich etwas ratlos lässt: »Diesen Brief haben wir auf dann Wunsch der Autorin von der Webseite genommen. Weil dieses Vorgehen wiederum für Irri­ta­tionen gesorgt hat, hat uns Bernadine Harris folgendes Statement zukommen lassen:«

»Nachdem der Brief, in dem ich über einen unan­ge­nehmen Vorfall mit Herrn Kosslick schrieb, veröf­fent­licht wurde, meldete sich dieser bei mir und wir trafen uns auf ein Gespräch, bei dem auch seine Assis­tentin anwesend war. In dem Gespräch bespra­chen wir noch mal den Vorfall und ich erläu­terte ihm meine Position und warum es mir wichtig war anhand des Vorfalls mit ihm vor einigen Jahren, die komplexen Dynamiken aufzu­zeigen, die u.a. in der Film­branche sexuelle und andere Formen der
Beläs­ti­gung und die anschließende Vertu­schung ermög­li­chen. Wir sind den spezi­fi­schen Fall nochmal durch­ge­gangen und Herr Kosslick hat sich bei mir entschul­digt. Da ich beob­achtet habe wie Online-Debatten oftmals ablaufen und wie dabei komplexe Zusam­men­hänge auf emotio­nale Weise verzerrt werden, hatte ich mich selbst­ständig dazu entschieden, den Artikel herun­ter­nehmen zu lassen.
Aller­dings möchte ich alle ermutigen, diese wichtige und über­fäl­lige Debatte auch außerhalb ihrer Bild­schirme zu führen und Kollegen, Freunde und Familie zu sensi­bi­li­sieren.
Ein Like oder Share unter einem Artikel nützt nichts wenn wir nicht täglich in der Arbeits­welt den Mut finden solches Verhalten zu rügen und klar zu verur­teilen.
Bernadine Harris«

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Stimmt: Ein Like oder Share unter einem Artikel allein nutzt nichts. Aller­dings muss es auch dafür den Artikel erst einmal geben. Und offenbar nutzte der Artikel doch immerhin genug, um Bernadine Harris binnen Stunden jene Entschul­di­gung zu geben, auf die sie jahrelang vergeb­lich gewartet hatte.
Und die Erklärung der Autorin ist unbe­frie­di­gend. Denn auch vorher wusste sie schon, »wie Online-Debatten oftmals ablaufen.« Das Ganze hat ein Geschmäckle und ich kann nicht anders, als zu vermuten, dass hier doch noch anderer Druck und andere Droh­ku­lissen mit im Spiel waren.
Allemal ist es immer schlechter Stil, Texte nach­träg­lich wieder unge­schehen machen zu wollen. Etwas, das weiß ich aus eigener Erfahrung, das den Autor selbst am meisten schmerzt.

Insofern können wir jetzt hoffen, auch wenn ich da nicht sehr opti­mis­tisch bin, dass andere, stärkere Batail­lone der öffent­li­chen Meinung einmal recher­chieren, wie die Arbeits­be­din­gungen bei der Berlinale wirklich aussehen, wie es mit Sexismus und Rassismus der Berlinale aussieht.
Wo seid ihr Pro-Quote-Frauen? Wo seid ihr Förder­in­ten­dan­tinnen und -Refe­ren­tinnen, wo ist die Kultur­sta­at­mi­nis­terin? Wo sind alle, die gern unter dem Banner »wir müssen mehr für Frauen tun« segeln? His Rhodos, hic salta!
Und wo sind die Redak­teu­rinnen und Redak­teure der Qualitäts­me­dien und der soge­nannten Haupt­stadt­presse? Wirklich »eine Kampagne gegen Kosslick« wie eine leitende Redak­teurin den Vorfall heute kommen­tierte?

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Der Fall Weinstein: Gedanken zur deutschen Filmbranche

Die Filmwelt entsetzt sich über Harvey Weinstein. Doch die deutsche Branche schweigt. Dabei sieht’s hierzulande auch nicht besser aus. | Foto © Columbia Tristar

Die Filmwelt entsetzt sich über Harvey Weinstein. Doch die deutsche Branche schweigt. Dabei sieht’s hierzulande auch nicht besser aus. | Foto © Columbia Tristar

Nicht wundern: Der folgende Beitrag erschien bereits am Donnerstag, weil hatten ihn aber gleich wieder aus dem Netz genommen, weil die Ereignisse uns überholt hatten. Ungeachtet der neuen Stellungnahmen und Artikel war der Text „Der Fall Weinstein: Gedanken zur deutschen Filmbranche“ von Belinde Ruth Stieve der erste, der im Kontext des Harvey-Weinstein-Skandals die Situation in der deutschen Filmbranche thematisierte. Er erschien am 16. Oktober auf ihrem Blog, wir drucken ihn heute gekürzt noch einmal ab.

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Es ist zwei Wochen her, seit einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, dass der US-amerikanische Filmproduzent Harvey Weinstein seit Jahrzehnten junge Schauspielerinnen und Models aber auch Firmenangestellte und Journalistinnen eingeschüchtert, sexuell belästigt und angegriffen hat. Es ist klar, dass Angeklagte bis zur rechtskräftigen Verurteilung als unschuldig zu gelten haben. Allerdings scheinen in diesem Fall die Vorwürfe  erdrückend – im Gegensatz zu den leider nur allzu häufigen Situationen, in denen Aussage gegen Aussage steht und eine Straftat oder ein Verbrechen nicht bewiesen werden kann. Weiterlesen

Viel wurde zunächst darüber geschrieben, wie es möglich sein konnte, dass Harvey Weinstein über Jahrzehnte unerkannt und ungestört handeln konnte, doch schnell wurde klar, dass seine Übergriffe, sein Umgang mit insbesondere jungen Schauspielerinnen zu Beginn ihrer Karriere, ein offenes Geheimnis waren. Im Zuge der Reportagen wurde auch auf andere Fälle von sexuellen Übergriffen hingewiesen, von US-Schauspieler Bill Cosby über Fox News-Moderator Bill O’Reilly und Chef der Amazon-Videoabteilung Roy Price bis hin zu US-Präsident Donald Trump. Alles in den USA, weit weg.

Auch in Deutschland werden Schauspielerinnen und andere weibliche Filmschaffende sexuell belästigt und bedrängt. Auch hier gab und gibt es Männer, die ihre Machtposition (zum Beispiel als Regisseur) ausnutzen, die Schauspielerinnen zu sexuellen Handlungen im Tausch für eine Rolle – ja was denn: Zwingen? Auffordern? Nötigen? Männer, die diese Hierarchie, in der Schauspielerinnen ganz weit unten stehen (zu wenige Rollenangebote und gleichzeitig zu viele von uns) ausnutzen. Die mal eben mit der Darstellerin im Nebenzimmer verschwinden, um Sex zu haben. Wohlgemerkt, das sind keine sich anbahnenden Romanzen, wo sich Regisseur und Darstellerin ineinander verliebt haben oder auch bloß scharf aufeinander waren. Sondern „das gehört dazu, ich Boss, Du …“

Es kursieren Namen, die ich in diesem Zusammenhang öfter gehört habe, von unterschiedlichen Quellen. Ich weiß von einer sehr jungen Schauspielerin, die ein Vergewaltigungsopfer spielen sollte, halbnackt; die Dreharbeiten dauerten endlos, und Kollegen und Mitglieder des Teams machten „anzügliche“ Witze über sie, über ihren Körper, über ihre Lage.

Ich weiß von einer Kollegin, die immer wieder von männlichen Kollegen „inszeniert“ wird, die einfach besser wissen als sie und die Regie, wie sie ihre Rolle spielen sollte, und die sich ungefragt einbringen. Wenn sie etwas sagt, gilt sie als „schwierig“ und „unkollegial“.

Betroffen sind nicht nur Schauspielerinnen. Ich habe auch von Maskenbildnerinnen und von Regisseurinnen gehört, um nur zwei Berufsgruppen zu nennen. Eine befreundete Karriere-Coach/Trainerin, die regelmäßig mit Frauen und Männern aus der Filmbranche arbeitet, berichtet: Jedes Mal, wenn sie das Thema Netzwerken thematisiere, folge unweigerlich die Frage: „Wie gehe ich mit Übergrifflichkeiten um?“ Und wenn eine Frau erst einmal diese Frage gestellt hat, kommen weitere: „Und was ist, wenn er im Gespräch immer wieder seinen Arm um mich legt?“ „Und was ist, wenn ich Nein sage, den Arm abschüttele – kann ich das Projekt dann gleich ganz vergessen?“ Jedes Mal. Die meisten Frauen berichten von solchen Situationen. Die Männer im Coaching sind dann meist sprachlos bis genervt. Genervt, dass so ein Thema so viel Raum einnimmt, denn es betrifft sie nicht, und sie sind überrascht, dass es überhaupt aufkommt: „Nie davon gehört.“

Im Januar 2017 wurde die Studie „Die Situation der Filmschaffenden 2015“ veröffentlicht, für die rund 2.400 vollständig ausgefüllte Fragebögen mit einem Frauenanteil von 39 Prozent ausgewertet wurden. Jörg Langer, der Verfasser der Studie, erzählte mir von  mehr als 300 berichteten Diskrimierungsvorfällen, darunter zahlreichen Schilderungen von sexuellen sowie verbalen Übergriffen.

Die Studie ergab außerdem, dass deutlich weniger Frauen als Männer mit ihren Arbeits- und Lebensbedingungen zufrieden waren, dass Frauen deutlich seltener Tarifgagen erhalten als Männer, und dass Frauen dreimal so häufig wie Männer von „Diskriminierungen aufgrund Alter, Herkunft, Geschlecht, Religion“ und anderem mehr berichteten.

Regisseurinnen haben an anderer Stelle mehrfach von ihrem Dilemma berichtet: Wenn sie resolut am Set agieren, werden sie als hysterisch abqualifiziert oder „die hat ihre Tage“. Wohingegen das gleiche Verhalten ihrer männlichen Kollegen als entschlossen galt. Liegt das auch an den Verhältnissen, nämlich dass ein Großteil des Teams vielleicht noch nie mit einer Regisseurin gearbeitet hat, eine Kamerafrau oder Tonmeisterin zum ersten Mal sieht? Und die in der Arbeit auch vor der Kamera immer weniger Frauen sehen, quasi als untergeordnet (auch darüber habe ich wiederholt gebloggt)?

Im übrigen geht es weiter – beziehungsweise fängt schon vorher an: Auf dem langen Weg, bevor die Regisseurin überhaupt ihrem Team Anweisungen geben kann, und sie um ein Projekt kämpft oder bettelt, sich bewirbt. In Gesprächen mit Produzenten und anderen.

Ich weiß nicht, wie oft das passiert, aber es sind keine Einzelfälle. Es ist strukturell, so wie der Sexismus in der Filmbranche strukturell ist, so wie die Benachteiligung von Frauen, auch beim Gehalt, in der deutschen Arbeitswelt strukturell ist und wie sexuelle Belästigungen von Frauen am Arbeitsplatz in unserer Gesellschaft ein strukturelles Phänomen sind.

Ich erinnere ein Kaffeetrinken mit einem Regisseur, in dem er nebenbei vorschlug, ich solle „seine Geliebte“ werden. Das ist sehr lange her, ich stand am Beginn meiner beruflichen Laufbahn, es ging um eines von mehreren Projekten. Ich war baff, und ich wiegelte es freundlich ab, die Stimmung war einigermaßen gerettet. Aber aus keinem der Projekte ist etwas geworden.

Da war dieser Workshop, in dem wir Schauspielerinnen Tipps bekamen, wie wir uns und unser Material (Fotos und Demoband) besser präsentieren könnten und wie der Umgang mit Regie und Casting idealerweise ablaufen sollte, aus Sicht des Regisseurs, der an dem Tag dran war. Ich erinnere, wie das Thema Nacktszenen angesprochen wurde und er recht abfällig über Schauspielerinnen sprach, die in ihren Verträgen auf eine „Keine-Nacktszenen“-Klausel bestünden. Denn das würde seine Arbeit als Regisseur enorm beeinträchtigen. Die Schauspielerinnen sollten lernen, über den eigenen Schatten zu springen, Nacktszenen wären für sie ja sogar eine Bereicherung, das hätte ihm einmal eine Schauspielerin gesagt, die erst sehr unwillig gewesen sei. Denn natürlich betraf das Thema Nacktszenen nur uns Schauspielerinnen, nicht die wenigen Schauspieler im Workshop. Und natürlich fügte der Regisseur noch hinzu, dass eine Weigerung, Nacktszenen zu drehen, bedeuten würde, dass dann eben die Rolle mit einer Kollegin besetzt würde, die nicht diese Probleme hätte.

Ob es überhaupt so oft Nacktszenen geben muss, ob der Mord an einer Frau in einem deutschen Krimi nur gezeigt werden kann, wenn sie nackt zu sehen ist (wenn nicht bei der Tat selbst, wo sie meist zumindest halbnackt abgelichtet wird, dann spätestens hinterher auf dem Seziertisch der Gerichtsmedizin) – wird diese Frage jemals gestellt? Oder die Frage der Kameraperspektive, also dass sexualisierte Gewalt gerne auch – Schuss, Gegenschuss – aus Sicht des Täters gefilmt wird (siehe auch Die Dramaturgie der Dusche)?

Ich stelle mir erfahrene Filmteams vor, die regelmäßig halbnackte Schauspielerinnen am Set erleben. Ist das der Grund, warum sich manche so unsensibel verhalten? Zum Beispiel manche Tonleute beim Verkabeln von Schauspielerinnen? Bloß weiß wir Schauspielerinnen sind und uns vor der Kamera zeigen und mitunter unser Innerstes entblößen, heißt das nicht, dass wir keine Privatsphäre mögen, Verlegenheit oder Scham nicht kennen, Fremden gegenüber nie nervös sind.

Nach 30 Jahren vermeintlichem Schweigen wird in der US-Filmbranche nun laut über die Vorwürfe gegen Harvey Weinstein gesprochen und den Frauen, die mit Vorwürfen an die Öffentlichkeit treten, grundsätzlich Glauben geschenkt. Der US-amerikanische und der britische Castingverband haben sich zu Wort gemeldet, der britische Schauspielverband Equity UK veröffentliche eine „Erklärung zu Mobbing und Belästigung“. Interessensgruppen wie Women in Film and Television UK, ERA 50:50 Equal Representation for Actresses, Raising Films und einzelne Schauspielerinnen sind an die Öffentlichkeit getreten.

Bemerkenswert auch die Stellungnahme von Schauspielkollegin, Drehbuchautorin und Regisseurin Kate Hardie, die im „Guardian“ kommentierte: „Zeit, endlich die Verbindung zwischen Missbrauch und Filminhalten herzustellen“.

Betroffenen Frauen, die öffentlich über Weinsteins Übergriffe gesprochen haben, berichteten, wie traumatisiert sie waren, viele suchten die Schuld bei sich, einige waren jahrelang beeinträchtigt, manche haben sogar ihren Beruf gewechselt. Manche hatten Glück mit einem verständnisvollen näheren Umfeld, andere weniger. Das alles macht klar, dass es um mehr als um Rechtsberatung und Wir-glauben-Dir geht.

Deshalb an dieser Stelle der Hinweis auf den Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe in Deutschland, in dem 170 Beratungsstellen und Notrufe zusammengeschlossen sind. Über die BFF-Website können Beratungsstelle in Eurer Nähe gefunden werden. Die Beratung kann auch anonym stattfinden. Die Mitarbeiterinnen sind erfahren, und beraten wird auch anonym.

Und bei uns? Warum schweigen die Verbände? Es gibt bislang keine Stellungnahmen vom Verband der Filmschaffenden, vom Regie- oder Castingverband, von der Produzentenallianz, von der Verdi Film-Union, um nur einige zu nennen. Und vor allem: Kein Wort vom Schauspielverband BFFS, im Gegenteil. Sie wollen kein Statement abgeben und haben auf Mediennachfrage gesagt, ihnen seien keine derartigen Fälle bekannt.

Aktualisierung am 23. Oktober 2017: Erfreulicherweise hat der Schauspielverband BFFS auf das Drängen der Mitglieder reagiert und am 20. Oktober doch eine Stellungnahme abgegeben unter dem Titel „Was ändert sich nach Harvey Weinstein?“. Das ist wichtig! Einige meiner Anregungen wurden aufgenommen, unter anderem auch das anonyme Meldesystem (leider bislang mit dem etwas unglücklichen Titel „Unter der Gürtellinie“). Heute hat auch der Regieverband Stellung genommen und will eine „verbandsunabhängigen Ombudsstelle“ schaffen, an die sich Betroffene wenden können.

Ich möchte anregen, dass sich unsere Filmbranche damit beschäftigt, wie ein angst- und übergriffsfreies Arbeitsumfeld auch für Frauen geschaffen werden kann. Damit Übergriffe derjenigen in Machtpositionen geächtet und noch besser: verhindert werden können.

Vielleicht kann eine Art anonymes Meldesystem installiert werden, um übergriffiges Verhalten festzuhalten. Nicht als Pranger oder Denuzierungsplattform – es gibt Möglichkeiten, solchen Missbrauch zu verhindern. Zu klären ist, wo und wie so etwas eingerichtet werden kann und wer es betreut. Die Branche könnte konkret befragt werden, vielleicht aufbauend auf der genannten Studie des Filmschaffenden-Verbands.

Nachbemerkung: Seit der Veröffentlichung meines Originaltextes bin ich von vielen Filmfrauen angesprochen und angeschrieben worden, die von eigenen negativen Erlebnissen berichten. Diese ziehen sich durch alle Gewerke. Und das macht klar, dass es kein Schauspielerinnen-Problem ist und wir ein Meldesystem für die gesamte Branche brauchen.

Ich wünsche mir, dass wir als eine Ursache von sexueller Belästigung und Gewalt, von Nötigung und Einschüchterung, die prekäre Situation vieler Filmschaffender, insbesondere von Frauen, und Machtmissbrauch sehen. Dass die Verbände sich für eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen an der Filmarbeit einsetzen. Ich wünsche mir, dass unsere Filme mehr emanzipatorische Geschichten erzählen und Frauen und Männer nicht mehr in überholten Stereotypen darstellen. Filme prägen unser Denken und beeinflussen unsere Emotionen. Auch deshalb ist es so wichtig, in der Filmbranche den Hebel anzusetzen.

Noch neugierig? Eine laufend aktualisierte Auswahl lesenswerter Artikel auch zur deutschen Filmbranche finden Sie hier.

 

 

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Vielfalt oder Nische? Wozu Filmfestivals gut sind

Festivals boomen. Kaum eine Stadt, die nicht ihr eigenes Filmfest hat, kaum ein Thema oder eine Gegen dieser Welt, die nicht als Motto für eine eigene Filmschau dient. In den jüngsten zehn Jahren hat sich die Zahl der Filmfestivals auf der Welt vervierfacht! „Schäzungsweise 8.000“ Filmfestivals haben sich inzwischen weltweit miteinander vernetzt, sagt die Medienwissenschaftlerin Tanja Krainhöfer. „Vier oder fünf” wären genug, meinte schon 2010 der Regisseur Werner Herzog. Da ging der Boom erst los. In diesem Jahr war das Phänomen schon für einige Zeitungsartikel gut. Da wurde gestaunt und auch ein bisschen gelästert, doch eingehender hatte sich bisher keiner damit beschäftigt: Was soll das Alles?

Das holten nun Crew United und das Filmfest Hamburg nach und ließen im Festivalzelt auf dem Podium diskutieren. Einen Überblick lieferte Krainhöfer mit einem kurzen Vortrag. Die Medienwissenschaftlerin sieht die „Festivalflut” offenbar entspannter als Herzog, der Regisseur. Gleich zum Einstieg wies sie darauf hin, dass gerade eben auf Rügen ein weiteres Festival seine Premiere hatte. Rügen und Film, da vermute mancher eher Tourismuswerbung, sagte Krainhöfer. Aber: „Warum auch nicht?“ Schließlich hatte der ganze Zauber einst in Venedig begonnen, als Werbeveranstaltung eines Hotels. „Nicht immer“ sei die Gründung eines Festivals der Liebe zur 7. Kunst geschuldet gewesen. Der Großteil aber werde von Menschen getragen, die das Kino lieben. „Und jedes einzelne Teilchen spielt in der Summe eine Rolle.“

Krainhöfer hat Festivals in Deutschland nach ihrer Motivation befragt. Drei Erklärungen führte sie an: Die Alternative zur kommerziellen Filmerfahrung. Die Stärkung der Filmkultur auf dem Lande fernab der Metropolen. Interkulturelles Verständnis zwischen Nationen – dafür sei Film das beste Medium.

Längst ginge es nicht mehr nur ums Filmeschauen: Festivals hätten sich zu einem eigenen Vertriebskreislauf entwickelt, seien Faktoren mit „herausragender Wirkung“ für Wirtschafts-, Kultur-, Bildungs-, Medien- und sogar Außenpolitik. Und sie ziehen jedes Jahr mehr Zuschauer an: Während im Kino die Zahlen zurückgehen. 178 Millionen Kinobesucher waren es 2001, voriges Jahr nur noch 117 Millionen – ein Drittel weniger.

Die Entwicklungen in Gesellschaft und Technik (Stichwort Digitalisierung) allein reichen nicht aus, um das rapide Wachstum in der Festivallandschaft zu erklären. Vier weitere, „filmwirtschaftliche“ Gründe findet Krainhöfer:

  1. Die Programmkinos sind seit dem Aufstieg der Multiplexe immer weniger geworden.
  2. Weltweit werden immer mehr Filme gedreht.
  3. Was gedreht wird, will auch gezeigt werden.
  4. Festivals sind „Impulsgeber“ für die Filmwirtschaft – längst kreisen um die großen Filmfeste Stoffbörsen, Filmmärkte, Koproduktionsforen und mehr.

Tatsächlich ist seit der Jahrtausendwende die Zahl der Kinostandorte in Deutschland von 1071 auf 892 gesunken. Während die hiesige Kinolandschaft noch von Hollywoodproduktionen beherrscht wird, sieht die Welt schon ganz anders aus – inzwischen wird nicht nur in Indien, sondern auch in China jährlich mehr gedreht, Südkorea hat Deutschland überholt. Wie sollten die Kinos das bewältigen können? Im normalen Programm ist von den neuen Verhältnissen kaum etwas zu sehen, auch die Arthouse-Kinos zeigen sie nicht wirklich, Festivals lassen es zumindest ahnen.

Dabei sind sie mehr als Sneak Previews für Filmliebhaber oder Werbeveranstaltungen für Filmhändler. Viele Werke tingeln über die Festivals dieser Welt und begeistern volle Säle, während sie im Kino keinen Platz oder Publikum finden. Noch sei sich die Branche dieser Rolle nicht richtig bewusst. Die Statistiken der Filmförderungsanstalt (FFA) etwa zählen nur die Besucher in den Kinos, nicht die der Festivalvorführungen. Krainhöfer appellierte daher an die Verleiher, auch diese Zahlen an die FFA zu melden. Ihre These: Die Filmwirtschaft jenseits des Mainstreams können gar nicht ohne Festivals auskommen. Also auch das Europäische Kino.

Torsten Frehse war diese These zu steil. Der Geschäftsführer des Verleihs Neue Visionen kommentierte auf dem Podium die Zahlen aus seinem Blickwinkel: Anderthalb bis zwei Millionen Zuschauer brächten die deutschen Festivals zusammen auf, „inklusive Berlinale“ – dagegen stünden eben die 117 Millionen Kinobesucher im vorigen Jahr. Konkreter: 1,4 Millionen Zuschauer erreiche Neue Visionen mit ihren Filmen – nur 20.000 davon auf Festivals.

Es dauert wohl noch, bis Festivals tatsächlich ein eigener Weg zum Publikum sind, gar eine Art analoges Netflix mit richtigem Filmerleben. Endgültige Antworten wurden an dem Abend nicht gefunden. Das hatte auch keiner erwartet. Vielmehr ging es ja darum, das Thema überhaupt mal auf die Bühne zu bringen, meinte Moderator Rüdiger Suchsland.

Anstöße für weitere Runden wurden während der regen Diskussion jedenfalls reihenweise gefunden. Da vermisst etwa Frehse oft die Zeit und Orte für tatsächliche Gespräche, „dass alle zusammenstehen und über Filme reden.“

Oliver Baumgarten, Mitgründer von Filmplus und Programmleiter beim „Max-Ophüls-Preis“ sieht Festivals als Ergänzung zum Arthouse-Kino, wo mancher Film seinen Verleih findet.

Frédéric Jaeger lobt die Vielfalt, die in der Festivallandschaft gepflegt werde – während doch die Filmförderungsanstalt (mit Zustimmung der Kinobetreiber) mit ihren neuen Leitlinien so ziemlich das Gegenteil ansteuere.

Skadi Loist, Festivalforscherin an der Universität Rostock mahnte ans Geld: Festivals müssten so ausgestattet werden, dass sie ohne freiwillige Selbstausbeutung unzähliger Filmliebhaber auskommen könnten. Denn auch Kuratoren lebten nocht selten unter prekären Umständen. Einen ersten Fortschritt konnte sie bei der Gelegenheit auch melden: Seit September gibt es bei der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) eine Gruppe der Festivalmitarbeiter. Loist nutzt die Gelegenheit zum Appell, sich zu organisieren – „Verdi kostet nicht viel.“

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Intendantenwechsel bei Filmplus

Die neue alte Leitung bei Filmplus: Kyra Scheurer (von links) ist fast von Anfang an dabei, Jenny Krüger (rechts) verantwortet schon seit drei Jahrne die Organisation. Auch Dietmar Kraus (Mitte) ist kein wirklicher Neuling; der Editor war lange begeisterter Besucher und ist im Vorstand seines Berufsverbands.

Die neue alte Leitung bei Filmplus: Kyra Scheurer (von links) ist fast von Anfang an dabei, Jenny Krüger (rechts) verantwortet schon seit drei Jahrne die Organisation. Auch Dietmar Kraus (Mitte) ist kein wirklicher Neuling; der Editor war lange begeisterter Besucher und ist im Vorstand seines Berufsverbands. | Foto © Filmplus

Das Konzept ist einzigartig: Bei Filmplus stehen drei Tage lang die Editoren im Mittelpunkt. Seit diesem Jahr steht das Festival für Filmschnitt und Montagekunst unter neuer Leitung.

Frau Scheurer, Herr Kraus, dieses Jahr tritt Filmplus mit einem neuen Team an. Wird nun alles anders beim Festival für die Kunst der Filmmontage?

Kyra Scheurer: Ganz so dramatisch ist der Wechsel nicht. Nikolaj Nikitin und Oliver Baumgarten hatten Filmplus 2001 gegründet. Sie haben sich Ende 2016 zurückgezogen, um sich anderen Projekten zu widmen. Somit gibt es ein neues Gesellschafter-Trio, doch Jenny Krüger ist bereits seit drei Jahren für die Organisation verantwortlich; ich selbst bin seit 2003 bei Filmplus dabei, seit 2009 als künstlerische Leiterin. Ganz neu ist lediglich Dietmar Kraus als dritter Gesellschafter und Nachfolger von Oliver Baumgarten als künstlerischer Leiter des Spielfilmwettbewerbs. Als Filmeditor kennt er sich bestens mit den Themen des Berufsstandes aus. Auch unsere weiteren Mitarbeiter Werner Busch und Pascal Maslon sind schon seit einigen Jahren dabei. Und schließlich haben wir ja seit den frühen Stunden von Filmplus vier Partner, die uns nicht nur als Preisstifter weiterhin unterstützen: die Film- und Medienstiftung NRW, das Kulturwerk der VG Bild Kunst, das Land Nordrhein-Westfalen und die Stadt Köln. Man kann hier also ruhig von Kontinuität sprechen.

Dietmar Kraus: Ich habe Filmplus seit 2007 als begeisterter Besucher miterlebt. Es war für mich immer so eine kostbare Insel in Köln, wo dreieinhalb Tage lang wir Editoren im Mittelpunkt stehen. Europaweit ist es die einzige Veranstaltung, die sich so intensiv der Filmmontage widmet und zudem hochkarätige Preise für den Schnitt verleiht.

Sie haben Anfang des Jahres eine Umfrage gestartet, was gut ist an Filmplus und was besser werden könnte. Was kam dabei herausgekommen? Weiterlesen

Dietmar Kraus: Die Zufriedenheit ist groß. Wir hatten für eine Veranstaltung unserer Größe und Spezialisierung viele Antworten erhalten, und die vielen positiven Reaktionen haben uns darin bestätigt, dass wir keine radikale Neuausrichtung des Festivals anstreben. Wir wollen uns mit jedem Jahr weiterentwickeln, aber Filmplus wird in seiner Grundkonzeption kein anderes Festival werden. Es geht uns darum, auf den bereits bestehenden Stärken aufzubauen.

Kyra Scheurer: Dieses Jahr wird meine 15. Veranstaltung; seit Jahren präge ich das Programm maßgeblich mit. Ich freue mich, gemeinsam neue Impulse zu geben. Es hätte uns aber schlicht überfordert, alle neuen Ideen gleich im ersten Jahr umsetzen zu wollen. Erst mal war es wichtig, die gute Vertrauensebene zu unseren Partnern und Sponsoren zu erhalten und ihnen zu zeigen, dass alles verlässlich weiterläuft.

Es gibt also keine dramatischen Änderungen?

Kyra Scheurer: Es wird sicherlich kleine Änderungen geben, aber das ist eher wie im Theater bei einem Indendantenwechsel: Die eigentlichen Veränderungen werden erst gut ein Jahr nach Bekanntgabe eines Führungswechsels sichtbar, man braucht einfach Vorbereitungszeit für die eigenen Akzente – und in den Ideen, die wir drei haben, hat uns schöner Weise auch indirekt die Evaluation bestätigt.

Wollen Sie von diesen Zukunftsideen schon etwas verraten?

Kyra Scheurer: Zum einen wollen wir den Bereich Weiterbildung ausbauen. Wir bieten bereits seit drei Jahren mit Doxs! die Schulvorführungen „Schüler auf Montage“ an. Und mit der Internationalen Filmschule Köln (IFS) laden wir quartalsweise zu IFS-Begegnungen mit Editoren ein, die über ihre neuen Arbeiten sprechen. Filmplus selbst würden wir gerne ab 2018 mit Workshops im Umfeld des Festivals ergänzen.

Dietmar Kraus: Zum anderen wollen wir unseren internationalen Programmteil noch ausbauen. Wir haben ja schon seit einiger Zeit jedes Jahr ein Gastland; im vorigen Jahr war das Frankreich. Seit vorigem Jahr gibt es ergänzend dazu auch ein internationales Panel. Wir können uns da für die kommenden Jahre noch mehr vorstellen. Es darf allerdings den Rahmen der bestehenden Filmplus-Strukturen nicht sprengen.

Wird es dazu einen weiteren Preis geben?

Kyra Scheurer: Nein, erst mal ist das nicht geplant. Natürlich träumen wir von einer Veranstaltung über die Grenzen hinweg, gar für ganz Europa. Es gibt bereits jetzt einen internationalen Runden Tisch, mit Delegierten von Verbänden verschiedenster europäischer Länder, die sich jährlich unter unserer Moderation während Filmplus treffen und beraten. Aber für einen europäischen Schnittpreis fehlen noch die personellen und finanziellen Voraussetzungen. Das kann höchstens eine langfristige Perspektive sein.

Wie haben Sie die Arbeit aufgeteilt?

Kyra Scheurer: Jenny verantwortet weiterhin die Organisation, ist unsere Vertreterin in filmpolitischen Kölner Initiativen wie Kino Aktiv oder den Kölner Kinonächten und ist vor allem seit diesem Jahr die neue Geschäftsführerin. Dietmar kuratiert den Spielfilmwettbewerb und das internationale Panel und koordiniert die Zusammenarbeit mit der Berufsvereinigung Filmton, die Filmplus mit einem Panel zur Tongestaltung bereichert. Werner Busch ist Kurator der Hommage-Reihe und betreut den internationalen Gastland-Abend. Ich verantworte den Dokumentar- und den Kurzfilmwettbewerb und kuratiere den jährlichen Themenschwerpunkt. Außerdem koordiniere ich die Zusammenarbeit mit Docx! und das Branchenspeeddating. Gemeinsam übernimmt das Führungsteam aus Dietmar, Jenny und mir noch allgemeine Aufgaben der künstlerischen bzw. organisatorischen Leitung, also die Kontaktpflege zu unseren Partnern und Förderern, die Schnittstellen und Supervision von Aspekten wie Grafik und Pressearbeit, die Akquise möglicher neuer Verbündeter, die Zusammenarbeit mit Filmhochschulen und natürlich die Entwicklung von inhaltlichen Perspektiven und Programmneuerungen.

Wie wählen Sie die Wettbewerbsfilme aus?

Dietmar Kraus: Das Nominierungsverfahren ist dreistufig: Als erstes reichen Editoren, Verleiher, Produzenten oder Regisseure ihre Filme ein. Das waren in diesem Jahr etwa 50 pro Langfilmsektion. Bei den Kurzfilmen hatten wir dieses Jahr etwa 120 gültige Einreichungen. Das sind ähnlich viele auswahlfähige Filme wie in den letzten Jahren; es gab aber deutlich weniger Einreichungen, die nicht unseren Regularien entsprechen. Das haben wir einer kleinen Neuerung zu verdanken: Wir haben eine eher symbolische Anmeldegebühr von acht Euro eingeführt. Offenbar werden nun die Regularien aufmerksamer gelesen!
Die zweite Auswahlstufe erfolgt dann im Filmplus-Leitungsteam, das heißt, wir wählen jeweils 15 Filme pro Sektion für die Vorjury aus. Die besteht aus versierten Kinoeditoren und nominiert für jede Sektion jeweils fünf Filme. Alle werden bei Filmplus gezeigt, einschließlich Filmgespräch mit den Nominierten. Dann entscheidet die gewerkübergreifend zusammengesetzte Hauptjury die Preisträger.

Wie ist die Sichtung, wenn man selbst das Metier betreibt?

Dietmar Kraus: Das war tatsächlich für mich eine brenzlige neue Erfahrung, denn ich musste bei der Vorauswahl ja ein Urteil fällen über Filme von teils sehr renommierten Kollegen, die ich seit langem schätze. Und dazu gab es dann gerade in diesem Jahr auch viele tolle Arbeiten von jüngeren Editoren zu entdecken.

Kyra Scheurer: Die Sichtungen sind natürlich auch anstrengend, und es ist oft schwierig, aus der Fülle der eingereichten Langfilme wirklich nur 15 auszuwählen. Dafür ist in diesem Jahr eine wunderbare Bandbreite verschiedenster Filme, aber auch Montagestile in unseren Wettbewerben zu finden.

Dietmar Kraus: Wir haben unter den Nominierungen tolle Filme von Frauen …

Das ist bei der Filmmontage aber keine große Überraschung.

Dietmar Kraus: Bei der Montage vielleicht, aber ich meinte die Regie, und da ist es leider immer noch ungewöhnlich. Das war kein Auswahlkriterium, wir haben das erst nach dem Nominierungsprozess festgestellt: Es gibt unter den Wettbewerbsfilmen in diesem Jahr viele Beiträge, wo nicht nur die Montage, sondern auch die Regie weiblich besetzt ist – bei jeweils drei der fünf Dokumentar- und Spielfilme … Dass dieses ein besonders starker Jahrgang für Regisseurinnen ist, hat ja schon der „Deutsche Filmpreis“ gezeigt. Da freut sich die Initiative Pro Quote Regie. Mal sehen, ob das wirklich eine Trendwende ist oder ein Ausnahmejahr bleibt.

Filmplus vergibt auch Ehrenpreis fürs Lebenswerk; da könnte man auch über die Quote diskutieren: Unter den bisherigen 15 Preisträgern sind nur drei Männer.

Dietmar Kraus: Der Filmschnitt war in Deutschland tatsächlich lange Zeit ein „Frauenberuf“. Erst die Digitalisierung hat das verändert: Inzwischen ist das Verhältnis der Mitglieder im Bundesverband Filmschnitt etwa 45 Prozent Männer und 55 Prozent Frauen. In den USA gab es schon viel früher ein anderes Geschlechterverhältnis, vielleicht auch, weil der Beruf dort ein höheres Ansehen genießt. Der „Oscar“ für den besten Schnitt ging seit seinem Bestehen vornehmlich an Männer …

… 97 Männer wurden in der Kategorie bislang ausgezeichnet, nur 13 „Oscars“ gingen an Frauen, drei davon allein an Thelma Schoonmaker, die Stammeditorin von Martin Scorsese.

Dietmar Kraus: Das ist ziemlich bedrückend. Beim „Deutschen Filmpreis“ für den besten Schnitt sieht es besser aus; da ist das Verhältnis etwa 50:50. Was aber auch nicht das historische Ungleichgewicht in Deutschland widerspiegelt: Wer hat hierzulande den Filmschnitt geprägt? Das waren nun mal vor allem Frauen. Über die Jahre wird sich aber das Verhältnis unserer Ehrenpreisträger ganz von selbst ändern.

Wird’s in diesem Jahr demnach wieder eine Frau?

Kyra Scheurer: Ja, Inge Schneider, eine für den deutschen Kinodokumentarfilm ganz prägende, besonders in der Montage von Charakterporträts sehr sensible Editorin. Sie ist in der DDR aufgewachsen und hat in Babelsberg Filmschnitt studiert, arbeitete dann seit Anfang der 1980er-Jahre als Editorin an der DFFB in Westberlin, kennt also beide Systeme und deren Montageausbildungen. 2004 hat sie für Die Spielwütigen unseren ersten Schnitt-Preis Dokumentarfilm gewonnen und verkörpert ideal, worum es uns mit unserer Hommage geht: den Kontakt zwischen den Generationen. Filmplus läuft vom 13. bis 16. Oktober in Köln.

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cn-klappe: Das Ende des medialen Lagerfeuers

Wie wird sich das Fernsehen in den kommenden Jahren entwickeln? Wie wird es uns als Kreative, Künstler und Macher des Programms entwickeln? Und wohin?

Eine Podiumsdiskussion der Deutschen Akademie für Fernsehen (DAFF) im Rahmen des Filmfestes München. Auf dem Podium waren vertreten:

Kai Wiesinger (Autor, Produzent, Regisseur & Schauspieler der Web-Serie „Der Lack ist ab“)

Susanne Rath (Geschäftsfeldleiterin AV- und Produktionssysteme beim Institut für Rundfunktechnik)

Katharina Uppenbrink (Geschäftsführerin Initiative Urheberrecht)

Thomas Sessner (Redakteur beim BR)

Phillip Klausing (Head of Production von Pantaleon Films, verantwortlich für die Amazon-Serie „You Are Wanted“)

Es moderierte Jochen Greve, Drehbuchautor und Vorstand der DAFF.

 

Der Videobeitrag gliedert sich in folgende Kapitel (in der Ecke links oben anklickbar):

Intro

Kapitel 1: Status Quo: Das Fernsehen im digitalen Zeitalter

Kapitel 2: Quo Vadis: Faire Spielregeln auf dem digitalen Markt

Kapitel 3: Prognose: Das Wissen um den User

Kapitel 4: Publikumsdiskurs

Abspann & Dankeschön

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Daniele and the talented Mr. Rizzo

Von Emma Stone über Johnny Depp – „Daniele and the talented Mr. Rizzo“ bringt sie alle zum Staunen und Lachen. In ausgefallenen Kostümen kreiert er witzige Interviews. Selbst die Stars können sich seinem Charme nicht entziehen. | Foto © Marie Schmidt

Von Emma Stone über Johnny Depp – „Daniele and the talented Mr. Rizzo“ bringt sie alle zum Staunen und Lachen. In ausgefallenen Kostümen kreiert er witzige Interviews. Selbst die Stars können sich seinem Charme nicht entziehen. | Foto © Marie Schmidt

Von Emma Stone über Johnny Depp – „Daniele and the talented Mr. Rizzo“ bringt sie alle zum Staunen und Lachen. In ausgefallenen Kostümen kreiert er witzige Interviews. Selbst die Stars können sich seinem Charme nicht entziehen. Auf seiner Couch tummeln sich regelmäßig Hollywoods schönste Frauen und Superhelden. Damit erreicht ein Video schon mal eine Reichweite von über einer Million Klicks („Conjuring 2“ etwa). Auf der Berlinale moderierte er in diesem Jahr erstmals den „Internationalen Wettbewerb“. Auch beim Web-Comedy Format „Comedy Rocket“ darf man den Ruhrpottler seit 2015 regelmäßig in Aktion sehen. Sein Talent wurde 2017 mit Nominierungen beim Webvideopreis und beim Goldene Kamera Digital Award belohnt. Neben Comedy ist Danieles Leidenschaft die Schauspielerei. So war er bereits für „Alarm für Cobra 11“ oder den Horrorfilm „Stung“ vor der Kamera. Aktuell arbeitet er außerdem für Super RTL bei der Sendung „Einfach tierisch“ sowie als Außenreporter bei „Woozle Goozle und die Weltentdecker“. Für uns plaudert das Multitalent aus dem Nähkästchen. Daniele erzählt, wie er gleichzeitig als Schauspieler und Kreativer im Internet unterwegs ist, und wie es so ist, regelmäßig Hollywoods Sternchen zu belustigen.

Daniele, wie kamst Du zur Schauspielerei?
Ich kam damals mit der großartigen Ausrede, Jura zu studieren, nach Köln, zu der Zeit als RTL und Viva boomten. Und ich erinnere mich noch an meine erste Erfahrung vor Ort: Ich war bei einem offenen Casting, was überhaupt nicht funktioniert hatte. Da stand ich nun neben Oli Pocher. Die haben die Kamera ein Mal herumgeschwenkt. Von den 200 Kids, die da standen, wurden 10 genommen. Ich war natürlich nicht dabei. Wenn ich heutzutage in die Studios gehe, muss ich immer noch darüber lachen. Neben meinem Studienplatz hatte ich einen Praktikumsplatz bei Radio Köln in der Tasche und konnte beim Theaterstück „Die Zauberflöte“ vom Jugendclub mitmachen. Immer, wenn ich mal einen Tag freihatte, habe ich herumtelefoniert und nachgefragt, ob ich Komparserie machen könnte. So habe ich die Branche kennengelernt und festgestellt: Sie ist genauso bekloppt und funktioniert wie jede andere Branche: Jemand hat einen Fußball und entscheidet, wer mitspielen darf oder nicht. Weiterlesen

Wie kamst Du von der Komparserie in den Webvideobereich?
Eine Zeit lang kam ich von der Komparserie zu kleinen Castings und auch zu kleinen Rollen. Und ich habe schnell gemerkt, dass Folgendes passiert: „Ach, ein Italiener? Wir haben im Moment leider keine Espresso- oder Pizzaverkäuferrolle.“ Das ist auch 2017 immer noch so. Deshalb wusste ich: Ich muss mein eigenes Ding machen. Ich will nicht die nächsten zehn Jahre auf eine Espressoverkäuferrolle warten, also habe ich diese Interviews in Hollywood gemacht. Sony Pictures hatte mich das erste Mal zu einem Interview zum Kinofilm „Superbad“ eingeladen – die Highschool Komödie mit Michael Cera und Jona Hill. Nachdem ich da gut performt hatte, bekam ich Adam Sandler.

War Adam Sandler der erste große Interviewpartner?
Das war so der erste große Star. Man hatte mir die Möglichkeit gegeben, auf dem roten Teppich Interviews mit Hollywood-Sternchen zu machen. Durch eine Rolle im Reich-Ranicki-Film hatte ich damals eine Boyband-Frisur, die mich aussehen ließ wie Adam Sandler in „Leg dich nicht mit Zohan an“. So entstand zum ersten Mal das Konzept, dass ich einen Schauspieler in seiner eigenen Rolle antreffe, und zusammen mit etwas Improvisation hat das gut funktioniert. Nachdem ich Adam Sandler hatte, bekam ich irgendwie auch weitere Interviewpartner und konnte bei dem Konzept bleiben. Und so öffnete sich plötzlich eine neue Welt. Die Amerikaner denken, ich sei Thomas Gottschalk, Stefan Raab und der deutsche Jimmy Kimmel. Und für die Deutschen bin ich weiterhin nur der Daniele Rizzo (lacht).

Also war es Deine eigene Idee, die Interviews so witzig zu gestalten?
Genau, ich hab ein bisschen „funny bones“, und man muss sich ja mal klarmachen: Die werden dafür bezahlt, dass sie ertragen, dass man ihnen 500 Mal dieselbe Frage stellt. Ich geh da sozusagen schon wie ein Clown rein. Und beide gehen am Ende mit einem lachenden und einem blauen Auge raus, denn manchmal bin ich auch ein bisschen frecher, als ich eigentlich sein darf. Aber da reichen wir uns die Hand, denn auch sie bewegen sich in ihrer Rolle. Ihr Privatleben interessiert mich nicht, das ist für mich tabu, weil es in der Rolle nicht vorkommt. Deswegen kann man sich auf der einen Seite zurücklehnen und auf der anderen Seite ist es eine spannende Abwechslung.

Es ist ja so schwer, in den USA an Agenten und Manager ranzukommen. Wie umgehst Du das? Sprichst Du sie selbst an?
Mittlerweile ist es tollerweise sogar so, dass man für mich spricht. Die Kinoverleiher fragen mich an und es ist mir sogar schon passiert – und da war ich wirklich baff – dass ein Schauspieler meinte: „Ich kenn dich.“ Er hatte von Emma Stone das Video bekommen und sagte: „If you go to Germany, you have to meet this guy.“ So etwas spricht sich rum. Es sind ja oft die gleichen Agenten. Das ist so ähnlich wie in Deutschland: Wenn man einmal Matthias hatte, dann spricht es sich rum. Und dann hat man Jürgen und Til, und die wissen: Jetzt kommt gleich Daniele, jetzt können wir Spaß machen.

Die Stars kommen also inzwischen zu Dir. Hat denn noch jemand Einfluss auf Deinen Content oder kannst Du da immer noch Dein eigenes Ding durchziehen?
Bei der Kreativität gibt es keine Einschränkungen. Seit Kurzem gibt es aber einen Produktdesigner namens Max Neumeyer. Und der bastelt mir so tolle Kostüme. Also wenn das Kostüm fantastisch aussieht und eine Funktion hat wie wackelnde Ohren oder Greifarme, dann hat es Max gemacht. Bei mir sind sie ja meistens nur zusammengeschustert aus Kram aus dem Bauhaus oder Karnevalsladen.

Neben den Kostümen – was würdest Du sagen, ist die Geheimzutat, wie man Stars zum Lachen bringt? Bist Du selbst nicht nervös?
Ich glaube, man muss erstmal locker sein. Das ist die Hauptsache. Ich habe von klein auf schon von meinen Eltern gelernt, dass alle Menschen gleich sind und ich alle mit dem gleichen Respekt behandeln soll. Und mit eben diesem gleichen Respekt vor allen stelle ich mich der Situation. Daher bin ich nicht nervös und mache mir nicht ins Hemd, egal wer da vor mir sitzt. Dann kann man auch lockerer sein und aus einem drögen Interview ein dynamisches Gespräch entwickeln und dabei lustig sein.

Passieren hinter den Kulissen spannende, unerwartete Dinge oder haben sich für Dich durch Dein Interviewformat irgendwelche neuen Türen geöffnet?
Als ich mit den Interviews anfing, war ja so ein bisschen die Hoffnung zu sagen: „Hey, ich bin hier, ich bin lustig, ich bin cool, nehmt mich doch im nächsten Film mit!“ Bei meinem letzten Interview zu „Valerian“ hat beispielsweise Luc Besson gesagt: „Beim nächsten Film bist du dabei – bleib genau so, das ist super.“ Tatsächlich ist es so, dass man immer noch ein bisschen quatscht, wenn die Kamera aus ist, und da entstehen lustige Gespräche. Auch immer witzig ist, wenn ich auf Toilette bin, um mich umzuziehen oder zu schminken, und es kommt ein Interviewpartner, der auch auf Toilette muss und wird dann vorzeitig von mir im Kostüm überrascht – dann wird schon viel gelacht.

Gibt es noch jemanden, den Du besonders gerne mal interviewen möchtest?
Klar, also ganz oben auf meiner Liste sind die ganzen Italo-Amerikaner: Robert De Niro und Al Pacino. Pacino selbst hat ja als Comedian angefangen. Das zeigt, dass Comedy und Timing einem als Schauspieler sehr viel bringen können. Denn in jede Geschichte gehören Liebe, Witz und Humor. Die Menschheitsgeschichte ist voll mit Humor, auch in Momenten, in denen man vielleicht nicht lachen sollte.

Du hast ja auch zwei Gesichter: Der ernste Schauspieler und der lustige Interviewer. Wie lassen sich diese beiden Welten vereinen?
Für mich persönlich total einfach, faktisch bei der Arbeit manchmal schwierig. Denn es gibt manchmal Vorurteile und gegen die muss man einfach versuchen anzukämpfen. Teilweise sage ich schon: „Schickt bitte nur bestimmtes Material und Fotos und verschweigt, was ich sonst noch so mache.“ Einige googeln es trotzdem und finden es fantastisch – andere haben dann eine Comedybrille auf und kriegen mich da auch nicht mehr raus. Dafür gibt es kein Geheimrezept. Ich nehme Comedy auch sehr ernst, denn ich finde es unrealistisch, wenn man einen Film macht, in dem nicht gelacht wird. Humor liegt in unserer Natur. Ich finde manchmal schade am deutschen Film, dass versucht wird, alles möglichst ernst darzustellen, das wirkt dann eher unrealistisch.

Du bist bei zwei Agenturen – Barbarella und hb management. Wie funktioniert das?
Es ist tatsächlich manchmal nicht ganz einfach. Vor allem das mit den Interviews ist eine sehr personenbezogene Geschichte. Nur manchmal ist es mit viel Kommunikation verbunden, wenn viele Termine aufeinanderprallen. Das Team von Barbarella ist eher für den ernsten Teil zuständig, Heidrun Buchmaier von hb management betreut die „Kasper“, wie sie selbst als Hessin immer so schön sagt. Manchmal kriege ich sehr spontane und vage Anfragen, beispielsweise, ob ich mal eben nach New York fliegen kann für einen Interviewpartner, der erst mal geheim bleibt. Aber dieses Jahr habe ich es hingekriegt, immer direkt beiden Agenturen Bescheid zu sagen. Manchmal kommt auch mal eine Comedygeschichte bei Barbarella an, dann rufen sie bei hb management an und umgekehrt. Im Zweifel darf ich als Künstler entscheiden, und dafür danke ich beiden Agenturen.

Peilst Du in nächster Zeit irgendwelche Projekte an und hast Du spezielle schauspielerische Ziele?
Ich komme jetzt gerade vom Schnitt einer Serie, die ich vor Jahren mal geschrieben habe. Peter Thorwarth hatte mir mal eine Idee erzählt, und da haben wir vor fast acht Jahren immer mal wieder ein bisschen dran gearbeitet. Jetzt habe ich endlich zusammen mit der @d art medienproduktion einen ersten Teaser-Trailer mit Schauspielern dazu gedreht. Der liegt jetzt gerade im Schnitt und den wollen wir selbst anbieten, damit ich nicht an den kleinen Italo-Rollen hängen bleibe.

Bietet Ihr denTrailer Netflix und Co. oder Sendern an?
Wir bieten ihn allen an. Die Idee ist, dass es jeder so zehn Tage auf dem Schreibtisch liegen hat. Zunächst einmal geht er an die Sender. Und wenn da niemand die Hand hebt, geht’s weiter, denn ich habe keine Lust, dass das Projekt einschläft. Das ist wie bei ’nem Date – man weiß danach einfach, ob es was ist oder nicht.

Das Gespräch führten Mariam Misakian und Tina Thiele. Adam Sandler meets Daniele und Rizzos Blick auf „Valerian“ finden Sie auf Youtube. Und mehr über ihn selbst hier.


  

 

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