Cinema Moralia – Folge 164: Verteidigung der Uneindeutigkeit

Ganz so einfach ist es nicht...

Ganz so einfach ist es nicht…

Moral, Schuld und Kunst­kritik: »Lost in Politics«, wir Parti­sanen der Ambi­va­lenz und die Debatte zum »Fall Weinstein« – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 164. Folge

»Warum gibt es diese Obsession, nach dem Ange­mes­senen und nach dem Korrekten zu fragen?«
Cristina Nord bei »Lost in Politics« in Leipzig, 1.11.17

Heute bei der Dok Leipzig: Der Verband der Film­kritik debat­tierte über »Lost in Politics«, also Formen und Varianten des Poli­ti­schen im Kino und darüber, was es eigent­lich heißt, wenn man von »poli­ti­schen« Filmen redet. Klarer­weise ging es diesmal vor allem um das Poli­ti­sche im und am Doku­men­tar­film: Sind (Doku­mentar-) Filme auto­ma­tisch dringlich oder wichtig, weil sie mit wichtigen oder dring­li­chen Themen befasst sind? Geht das, was (Doku­mentar-) Filme politisch meinen, in dem auf, was sie ästhe­tisch tun? Drei Autoren stellten, moderiert von Heike Melba Fendel, jeweils gegen­wär­tige Film­bei­spiele vor: Cristina Nord  Auster­litz (von Sergei Loznitsa), Patrick Holzapfel I Am Not Your Negro (Raoul Peck), und Jide Tom Akin­le­minu den argen­ti­ni­schen Film Project 55 aus dem aktuellen Wett­be­werb.
Die Veran­stal­tung war sehr anregend und stel­len­weise kontro­vers. Es ging dabei vor allem um das Verhältnis von Main­stream­kino zu Kunstkino, darum ob Filme, die den Regeln folgen, stand ihnen Wider­stand entge­gen­zu­setzen, trotzdem gut sein können und ob es immer gut ist, Regeln anzu­greifen. Die Film­aus­schnitte hätten kürzer sein dürfen, die gesamte Veran­stal­tung dafür länger. So blieb einiges auf der Strecke.
Was ich mitnehme, ist der diffuse Verdruss darüber, dass Film­kritik immer etwas gegen Main­stream an-sich haben muss, statt guten Main­stream von schlechtem zu unter­scheiden, warum Attrak­tion, Emotion, und Exzeß bei vielen Kollegen scheinbar syste­misch unter Verdacht stehen… Weiterlesen

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»Frage: Fehler über Fehler und nix gelernt. Warum ist »konkret« heute dennoch ein klügeres Blatt als je zuvor?
Hermann L. Gremliza: Darum, dass »konkret« dieser Gesell­schaft immer mehr als Fremd­körper begegnet, dass es zersetzt und nieder­macht, kein bisschen konstruktiv ist, die Politik nicht mehr »berät«, was früher allzuoft vorkam. keine Taktik kennt, zu Recht nicht unter das Plura­l­etantum »die Medien« fällt, und auch von denen nicht gezählt wird. Ein Dank an die werbende Wirt­schaft, dass sie uns nie in Versu­chung geführt hat an ihrem Geld zu verblöden.«
(aus: Konkret, 11/2017)

»Konkret« ist nicht in jeder Hinsicht ein Vorbild, aber in mancher. Jeden­falls eine unent­behr­liche Lektüre. Diesen November 100 Jahre nach der Großen Okto­ber­re­vo­lu­tion, feiert das Magazin seinen 60. Geburtstag. Wir gratu­lieren!

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Aus 50 Jahren Berufs­er­fah­rung plaudert Rosa von Praunheim. »Wie wird man reich und berühmt? heißt sein neues Buch im Martin Schmitz Verlag, das unter anderem auch Inter­views mit Tom Tykwer und Nico Hofmann enthält, und sehr launig, lustig zu lesen ist.

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Das BKM hat eine Studie über »Frauen in Kultur und Medien: Ein Europäi­scher Vergleich« gefördert, die »Hertie School of Gover­nance« ist dafür vermut­lich gut bezahlt worden. Um die Ergeb­nisse zu erfahren, muss man nicht mal die Studie lesen. Es genügt der Blick auf die Macher. Lauter junge Frauen haben die Arbeit erledigt. Über ihnen
ein alter Mann, der Chef.

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Wir freuen uns daher schon jetzt auf die Entschei­dung über die Nachfolge von Dieter Kosslick als Berlinale-Chef. Der will bekannt­lich sein eigener Nach­folger werden, muss dafür aber wohl schleu­nigst eine Geschlechts­um­wand­lung bean­tragen. Denn einziges »hartes« Kriterium für die darüber entschei­dende Kultur­staats­mi­nis­terin Monika Grütters ist: Es muss eine Frau werden. Tolles Kriterium – und so wahn­sinnig kulturell! Grütters braucht dafür nach eigener Aussage auch keine Findungs­kom­mis­sion. Gefunden hat sie aber, wie zu hören ist, auch noch niemanden, auch keine Frau. Könnte also gut sein, dass Kosslick sein eigener Nach­folger wird.
Die schlimmste aller möglichen Varianten wäre aber die, dass Kosslick eine Art Präsident wird, unter dem dann eine Frau als künst­le­ri­sche Leiterin amtiert. Hoffent­lich ist keine so dumm oder so eitel, sich darauf einzu­lassen. Wenn doch, wäre dies der symbo­li­sche Beweis, dass »eine Frau es alleine nicht schafft, sondern einen starken Mann braucht, der ihr über die Schulter schaut.«
Das wäre dann auch ein neues Kapitel zum Thema »Frauen in Kultur und Medien«.

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Zum »Fall Weinstein« gab es in den letzten Wochen viele Gespräche, vor allem mit Frauen. Männer sagen dazu wenig. Die Frauen aber zumindest mir nicht, was anderen Frauen gefällt: »Ihr werdet alle noch in der Ecke sitzen und weinen, weil keiner mehr guckt.« »Irgend­wann gucken ja nicht mal mehr die Alten.« Ich war dann der, der gesagt hat, es gehe ja hier nicht ums gucken.
Eine Schau­spie­lerin schrieb im femi­nis­ti­schen Leitorgan BILD: »Er hat mich nicht angefasst, aber ich empfand es als Miss­brauch.« Der Text macht klar, wer gemeint ist. Sind wir so weit gekommen, dass Empfinden genügt für den öffent­li­chen Pranger?
Eine zweite Schau­spie­lerin über den Regisseur: »Wie der mich ange­schaut hat.« – Ja was soll er denn sonst tun der Regisseur? Das sind – es wird jetzt wieder manche aufregen – es sind über­trie­bene Sensi­bi­litäten. Das Zauber­wort »Sexismus« erlaubt ein undif­fe­ren­ziertes Zusam­men­fassen von solchen Bana­litäten und Verbre­chen.

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Noch etwas dazu: Der Grundsatz der Unschulds­ver­mu­tung, der Grundsatz des »Keine Verur­tei­lung ohne Beweise« und der Grundsatz »Im Zweifel für den Ange­klagten« können im konkreten Fall dazu führen, dass Täter nicht verur­teilt werden. Das ist schmerz­haft, sehr schmerz­haft. Gerade hat eine Regis­seurin, Kathryn Bigelow in ihrem neuen Film »Detroit« gezeigt, wie schmerz­haft für die Betei­ligten, die es besser wissen, es aber nicht beweisen können.
Aber sie macht auch klar, dass die Alter­na­tive noch schlechter ist,

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Provo­ka­tion ist für diesen Blog wichtiger, als Political Correct­ness. Aber keines­wegs Provo­ka­tion um der Provo­ka­tion willen. Sondern es geht darum, das Ungesagte zum Sprechen zu bringen, Minder­heits­mei­nungen und dissi­dente Posi­tionen zu Gehör zu bringen, nach­zu­fragen, wo alle sich einig sind. Ich schätze Parti­sanen, Menschen, die Front­li­nien nach beiden Seiten über­schreiten. Wie bei der oben erwähnten »Lost in Politics«-Veran­stal­tung. Da wurde aus meiner Sicht Raoul Pecks »I am not your Negro« viel zu hart ange­griffen: »Main­stream«, »Inhal­tismus«, »Propa­ganda«. Stimmt alles, ist aber längst nicht alles, was zu dem Film zu sagen ist. Also hab ich ihn aus dem Publikum heraus vertei­digt. Hätten ihn alle als größten Doku­men­tar­film des Jahres gelobt, hätte ich das Gegenteil getan.
Viel wichtiger noch ist aber Ambi­va­lenz. Die Verei­di­gung der Unein­deu­tig­keit. Wider­sprüche gehören zum Leben. Wer das nicht spürt, ist unsen­sibel. Wenn alle der gleichen Meinung sind, ist das immer gefähr­lich.
Ich ziehe die Position vor, nirgendwo einen absoluten Halt zu haben, nirgends. Aber eine Haltung. Altmo­disch heißt das: Charakter. Ich ziehe das Unein­deu­tige vor, weil Eindeu­tig­keit falsch ist. Fast immer. Jeder dogma­ti­sche Stand­punkt, jede Form des Funda­men­ta­lismus und jeder Diktatur der Meinungen, des Glaubens, ist falsch.

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Das musste einmal gesagt werden, weil doch immer wieder Leser meine Texte einfach miss­ver­stehen. So etwa Sophie Charlotte Rieger, die als »Filmlöwin« den gleich­na­migen Blog betreibt. Ich schätze Sophie Charlotte Rieger, ich finde ihren Blog sehr lesens­wert, auch wenn mir die Idee ihres Block­buster-Checks recht unsym­pa­thisch ist. Check, das klingt nach ZDF-Waren­tests und der Blog hat in der prak­ti­schen Ausfüh­rung Elemente einer Gedan­ken­po­lizei. Punkte werden da für Geschlech­ter­rollen, für Sexua­lität/Asexua­lität, für Dresscode und Derglei­chen mehr vergeben.
Meinem letzten Text zum »Thema Weinstein« wollte ich sowieso noch einiges hinzu­fügen. Jetzt hat die Filmlöwin ihn mit einer ausführ­li­chen Funda­men­tal­kritik gewürdigt, die ich nicht igno­rieren will. Denn abgesehen von meinem Respekt für die Autorin, an der ich allein auszu­setzen habe, dass sie mir nicht eben soviel Respekt entge­gen­bringt, gibt er Anlass, die Debatte weiter­zu­führen. Dass das notwendig ist, da sind wir uns immerhin vermut­lich
einig.
Der persön­lich pole­mi­sche Stil von Rieger, ihr Ton, macht ihren Text freilich schwächer, als er sein müsste, denn sie hat es ja gar nicht nötig, Worte zu schreiben, wie ich würde »krakelen.«
Man weiß ja eigent­lich: Den Gegner stark machen, sonst wird der eigene Text schwach.

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Auf fast jeden Satz ihrer Replik, die hier nach­zu­lesen ist, müsste und könnte man antworten.
Mein Text, schreibt sie, sei »eine Anein­an­der­rei­hung von Rape Culture Mythen, What­a­bou­tism und misogynen Rheto­riken« und ein vernich­tendes Zeugnis für den deutschen Film­jour­na­lismus. Schon da, aber das hat jetzt gar nichts mit dem Thema zu tun, wünschte ich mir Genau­ig­keit. Ich sehe mich nicht als »Film­jour­na­list« sondern als »Film­kri­tiker«. Das ist ein wichtiger Unter­schied, den aber Rieger vermut­lich als apoli­ti­sches Kunst­ge­schwafel abtun dürfte, als unnötige Fein­heiten von so Männern im Kunstraum, die die gesell­schaft­li­chen Kämpfe nicht kämpfen wollen. Bei den Fein­heiten aber fängt Film­kritik an, auch wenn das nervt.
Revo­lu­tion und gesell­schaft­liche Kämpfe sind nicht fein­sinnig, das stimmt. Da muss man sich die Hände schmutzig machen und Bündnisse schmieden mit Leuten, mit denen man in vielem nicht einer Meinung ist. Ich würde mir aber wünschen, und vermuten, dass wir auf der selbem Seite der Barrikade stehen, trotz allem.
Rieger behauptet dann weiter, die »rheto­ri­sche Frage, ob man Mr. Weinstein verbrennen solle« sei eine Anspie­lung auf das Bild der Hexenjagd, »übrigens ein Kapitel aus der Geschichte der Misogynie«. Falsch, Frau Kollegin. Der Unter­titel ist eine Anspie­lung auf einen berühmtem Essay von Simone de Beauvoir, übrigens eine der Mütter des Femi­nismus. Ihr Text heißt im Titel »Soll man De Sade verbrennen?« Soll man nicht, sagt Beauvoir, die hier einen Mann vertei­digt, einen gesell­schaft­lich
Geäch­teten, der Perver­sion, des Amora­lismus, der Abartigen Neigungen Beschul­digten. Einen Außen­seiter. Nur zur Erin­ne­rung. Kein Vergleich mit Weinstein impli­ziert.
Aber das sind Kinker­litz­chen. Mit meinen Antworten will ich nur illus­trieren: Ganz so einfach, wie Rieger es sich macht, ist mein Text nicht zu zerlegen.

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Zur Substanz: Der erste Vorwurf ist: Der Titel ist schlecht gewählt. Nein, Harvey Weinstein ist nicht mein Freund. Weiß sie auch. Behauptet trotzdem, ich hätte Harvey Weinstein »als einen Freund« bezeichnet.
Zweiter Vorwurf: Ich zöge mich (und irgendwie alle Männer) »in einen abstrakten Kunstraum zurück«. Tatsäch­lich darf Kunst alles, darf Film­kritik (die ja Kunst ist) alles.
Wo ist das Gegen­ar­gu­ment, Frau Rieger? Was hat die Autorin »gegen diese Argu­men­ta­tion einzu­wenden«?
Dritter Vorwurf: Ich habe Asia Argentos Aussagen als »dummes Zeug« bezeichnet. Stimmt. War nicht gut begründet. Was ich schwer nach­voll­ziehbar finde, ist, dass Argento von Verge­wal­ti­gung spricht, aber den Vorgang erstens so schildert, sie habe Weinstein massiert, zweitens, er habe mit ihr Oral­ver­kehr gehabt – ist das eine Verge­wal­ti­gung? Viel­leicht Zwang, aber schon da fehlt mir die Phantasie. Viel­leicht hat sie sich gezwungen gefühlt.
Und dann? Dann war sie mit dem Typ sechs Jahre on/off zusammen. Sorry, auch da fehlt mir die Phantasie. Asia Argento ist auch meiner Ansicht nach ein Opfer. Aber Weinstein ist in Bezug auf sie nicht unbedingt ein Täter.
Ich will nichts klein­reden. Aber wenn man schon diese Details so analy­siert, wozu, wenn das Ergebnis feststeht, wenn die Analyse nur eine Lesart erlaubt: Nämlich die süffige Illus­tra­tion von der Schuld des Mannes.
Alles nur »Rape Culture Mythen«? Es folgt umgekehrt eine ehren­rüh­rige Unter­stel­lung der Autorin: »Wenn Rüdiger Suchsland schreibt, dass Wein­steins Verhalten nicht zu entschul­digen sei, dann schreibt er das, weil er das muss, nicht aber, weil er das meint.« Auf viele Aspekte von Wein­steins Verhalten bezogen stimmt das nicht. Aber abgesehen davon nimmt die Autorin meine sonstigen Aussagen doch auch gern wörtlich. Dann doch die jetzt bitte auch.

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Vierter Vorwurf: »What­a­bou­tism, die große Kunst, ein Problem mit einem anderen klein zu reden, was freilich nur ein rheto­ri­scher Kniff ist«.
Das bezieht sich auf den von mir vermu­teten »verkappten Anti­se­mi­tismus der Öffent­lich­keit«. Rieger hat recht: »Anti­se­mi­tismus ist scheiße. Verge­wal­ti­gung ist auch Scheiße. Das lässt sich aber gegen­ein­ander nicht aufwiegen.«
Sie hat auch recht: »Harvey Weinstein als Verge­wal­tiger zu bezeichnen ist nicht anti­se­mi­tisch. Anti­se­mi­tisch wäre es zu behaupten, Harvey Weinstein würde verge­wal­tigen, weil er Jude sei. Das hat aber niemand getan und ich fühle mich auf ziemlich sicherem Boden, wenn ich behaupte, dass das nicht einmal jemand gedacht hat.«
Stimmt alles. Woran man aber viel­leicht erinnern darf, und da hätte ich mir mehr Mühe geben müssen, es en detail explizit zu sagen, ist, dass es auffäl­li­ger­weise in den Medi­en­hin­rich­tungen von Männern, die wegen Miss­brauch oder Verge­wal­ti­gung angeklagt werden, sehr oft (und über­pro­por­tional) um Juden geht. Und dass es Diskurse gibt, in denen Juden (und/oder Schwarze) als sexuell besonders potent und demzu­folge besonders potente Bedro­hungen der (weißen und/oder
nicht­jü­di­schen) Frauen und der Macht der (weißen und/oder nicht­jü­di­schen) Männer gezeichnet werden. So wie im Fall des »Kölner Sylves­ters« der »nord­afri­ka­ni­sche Mann«.
Ich schließe daraus gar nichts, ich stelle es in den Raum als Erin­ne­rung und als Auffor­de­rung zum genauen Hinsehen und Hören, wie wir über den »Fall Weinstein« reden.

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Rieger verzerrt meine Argu­men­ta­tion weiter, ohne dass daraus ein Argument würde: Rheto­risch bin ich immer »geschickt«. Was ich aber schreibe, ist keines­wegs wie behauptet »Viel­leicht stimmt das alles einfach nicht«. Sondern ich frage, wie Verena Lueken »Warum jetzt?« und »Qui bono?« Das finde ich inter­es­santer, als noch ein weiteres Opfer­in­ter­view zu führen.
Rieger unter­stellt weiter, ich schriebe die Unwahr­heit: »Angeblich wurde Herr Suchsland nach seiner Reaktion zur Enthül­lung der sexuellen Über­griffe durch Harvey Weinstein gefragt.« Aha, angeblich. Rieger kann sich noch zwei Jahre lang das SWR-Forum zum Thema im Netz anhören, wo ich mit den Kolle­ginnen Verena Lueken und Heike-Melba Fendel 45 Minuten lang disku­tiere – die erste Frage dort lautet: »Wie haben Sie auf die Enthül­lung der sexuellen Über­griffe durch Harvey Weinstein
regiert?«

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Mitunter wird es dann leider blöd: Zur Kritik an der Löschung des Artikels des Missy Magazines fällt Rieger nur ein: »Wir lernen: Sexuelle Beläs­ti­gung anzu­zeigen ist nur dann in Ordnung, wenn ein Mann* angeklagt wird, den andere Männer* nicht mögen. Film­kri­tiker lästern nämlich in der Tat außer­or­dent­lich gerne über Dieter Kosslick.« Jesses!

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Schließ­lich folgt die Forderung nach mora­li­scher Keule, oder film­po­li­zei­li­chen Maßnahmen: Mein Text sollte als »eine Form misogyner Respekt­lo­sig­keit … aller­min­des­tens öffent­lich gerügt werden«. Und weiter: »Es ist unsere Aufgabe, diskri­mi­nie­rende Struk­turen auf sprach­li­cher und inhalt­li­cher Ebene aufzu­bre­chen, sie zu benennen, offen zu legen und zu ihrer Über­win­dung beizu­tragen. Rassismus, Sexismus, Klas­sismus, Ableismus, Ageism und derglei­chen gehen auch uns etwas an! Film­kritik und Film­jour­na­lismus müssen mehr sein als Bauch­pin­selei für Geeks, der verlän­gerte Arm der PR und das elitäre Baden in der mit Löffeln gefres­senen Film­his­to­ri­en­weis­heit hoch oben auf dem Elfen­bein­turm der elitären Conais­seurs. Es geht nicht immer nur um das heilige Abstraktum Filmkunst. Es geht auch um die Welt, in der wir leben und aus der diese Filmkunst entspringt. Es muss nicht jede_r femi­nis­ti­sche Film­kri­tiken schreiben, nicht jeder Text alle „-ismen*g behandeln. Aber sich diesen Themen zu widmen, sollte nicht die Ausnahme, sondern die Regel sein. Vor allem aber sollten sich alle Journalist_innen aller Themen­be­reiche um diskri­mi­nie­rungs­freie Inhalte und eine entspre­chende Wortwohl und Sprache bemühen.«
Das sehe ich tatsäch­lich ganz anders. Zur Verant­wor­tung der Film­kritik schreibe ich bald gern mehr. Denn das ist ein Thema, über das man für sich debat­tieren muss.

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Womit Rieger recht hat: Ein paar Dinge führe ich aller­dings nicht aus. In den nächsten Wochen gern. Und jederzeit in einem öffent­li­chen Streit­ge­spräch mit Sophie Charlotte Rieger. Falls ihr das nicht zu sehr an ein Duell erinnert und damit zu männlich-archaisch-mythisch ist.

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»…und sammer a die Bledern, die Mehrern sammer doch.«
Isi Tenenbom

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Casting Director Iris Baumüller: Fälle wie Harvey Weinstein gibt es auch in Deutschland

41123788_303Die Casting Director Iris Baumüller hat 30 Jahre Erfahrung in der Filmbranche. Mit der DW spricht sie über sexuelle Belästigung in der deutschen Film- und Theaterszene – und wie man sie in Zukunft bekämpfen kann.

Der Bundesverband Casting (BVC) hat in einem öffentlichen Statement mit dem Titel “Sexuelle Übergriffe und (Macht-)Missbrauch sind ein trauriger Bestandteil unseres täglichen Lebens!” alle Betroffenen der Film- und Theaterbranche aufgefordert, in einen Dialog über das Thema zu treten. Iris Baumüller (Artikelbild) ist Mitglied im BVC und im International Casting Directors Network. Sie hat vor 18 Jahren ihr eigenes Castingbüro gegründet und arbeitet als freie Dozentin an der Internationalen Filmschule und der Filmacting School Cologne. Deutsche Welle: Im Statement des BVC ist häufig von ‘Wir’ die Rede. Ist das eine Soldaritätsbekundung, oder sind Castingdirektoren auch von sexueller Belästigung betroffen? Iris Baumüller: Beides. Wir sind ja alle einen langen Weg gegangen, um Castingdirektoren zu werden. Wir alle haben vorher am Set oder am Theater gearbeitet und sind mit dem Thema in Berührung gekommen oder waren selbst betroffen. Aber auch in unserer jetzigen Position sind wir vor Belästigungen nicht gefeit, denn wir sind zu 80% Frauen. Deshalb sitzen wir alle im selben Boot. Der Skandal um Harvey Weinstein und jetzt auch James Toback nimmt immer größere Ausmaße an. Ist es in Deutschland auch so schlimm? Weiterlesen

Es ist so schlimm. Auch wenn hier in Deutschland nicht die Machtstrukturen vorhanden sind wie in den USA, wo es die großen Studiobosse gibt, ändert es nichts an der Tatsache, dass Machtmissbrauch, sexuelle Übergriffe und körperlicher Missbrauch auch in Deutschland an der Tagesordnung sind. Sowohl im Film als auch im Theater, leider auch an den Schauspielschulen.

Sind Sie als Castingdirektorin da manchmal auch als Kummerkasten gefragt?

Ja, ganz sicher. Weil wir mit den Schauspielern so eng zusammenarbeiten, mit ihnen Rollen besprechen und Castings oft sehr intensiv sind. Da bekommt man einfach sehr viel mit, auch von den Problemen, die Schauspielerinnen im Leben haben.

Was zum Beispiel?

Es gibt zum Beispiel Inszenierungen, in denen zwei Schauspieler im Casting eine intensive Liebesszene spielen sollen, wo man vorher genau bespricht, wie weit wollt ihr gehen, möchtet ihr euch küssen, möchtet ihr euch anfassen. Und das, was da im Casting gilt, muss natürlich hinterher auch am Set gelten. Und da gibt es häufig Probleme. In den USA werden Liebes- und Sexszenen durchchoreografiert wie Stunts, das ist in Deutschland anders. Da heißt es oft: “Lasst mal laufen!” Und das geht gar nicht. Denn die Schauspieler haben den Ehrenkodex, vor laufender Kamera nicht zu unterbrechen, egal, wie sie sich dabei fühlen. Wir müssen solche Szenen auch in Deutschland genau durchchoreografieren.

Aber generell gibt es am Set und auch im Theater sehr viele Grenzüberschreitungen, weil das ein sehr intimes Zusammenarbeiten ist. Und da sind nicht nur die Schauspieler Opfer: Ich habe zum Beispiel selbst am Set erlebt, wie ein Schauspieler einer Kostümassistentin zwischen die Beine gefasst hat. Es ist sehr wichtig, dass jeder vor seiner eigenen Tür kehrt und sein eigenes Verhalten hinterfragt.

Harvey Weinstein (Imago/Future Image/D. Van Tine)

Der Skandal um Harvey Weinstein setzt auch die deutsche Filmbranche in Bewegung

Der BVC spricht in seinem Aufruf, miteinander zu reden, auch explizit Männer an. Bisher haben sich kaum männliche Opfer in der Öffentlichkeit geäußert. Sind sie so stark in der Unterzahl, oder was ist der Grund dafür?

Bei den Männern ist die Dunkelziffer vielleicht noch größer. Ich habe mehrfach mit jungen Schauspielern gesprochen, die mir erzählt haben, dass sie sexuell belästigt oder gar missbrauchtworden sind. Aber die haben es vielleicht noch schwerer, sich zu outen, weil sie Angst haben, dass ihnen sofort unterstellt wird, sie seien homosexuell. Dadurch könnten für sie schnell heterosexuelle oder sehr männliche Rollen wegfallen.

Ähnliches gilt für Schauspielerinnen, die sich unter dem Hashtag “MeToo” bekennen: Natürlich hat das nicht nur Folgen auf privater Ebene, sondern auch auf der Besetzungsebene. Und wenn es nur heißt: “Sie hat sexuelle Übergriffe erlebt, können wir sie überhaupt für eine Rolle besetzen, bei der es vielleicht genau um so ein Thema geht, oder ist sie dafür zu nah dran?” Das muss dann gar nicht böse gemeint sein, aber so ein Bekenntnis kann einfach sehr weitreichende Konsequenzen nach sich ziehen.

Dann können Sie es nachvollziehen, dass derzeit viele Schauspielagenturen ihren Klientinnen und Klienten davon abraten, mit ihren Erlebnissen an die Öffentlichkeit zu gehen?

Ja. Viele Schauspielagentinnen und -agenten haben eine fast elterliche Beziehung zu ihren Schützlingen, sie sind sehr eng mit ihnen verbunden. Und sie raten ihnen, damit nicht an die Öffentlichkeit zu gehen, weil es eben eine riesige Welle auslöst, der- oder diejenige vermutlich auf Jahre hinaus damit konfrontiert werden wird und sich gar nicht mehr um seine oder ihre eigentliche Arbeit kümmern kann. Eine Therapie ist da sicherlich sinnvoller.

Im Fall James Toback haben sich mittlerweile knapp 250 Frauen gemeldet, bei Harvey Weinstein sind es etwa 50. Das Verhalten dieser Männer galt in Branchenkreisen als offenes Geheimnis. Gibt es solche Fälle auch in Deutschland?

Ja, die gibt es.

Was können Sie tun, damit sich etwas ändert?

Wir schließen uns mit anderen Verbänden wie dem BFFS (Bundesverband Schauspiel Bühne Fernsehen Sprache, Anmerkung der Redaktion), dem Produzentenverband und dem Regieverband zusammen, um Aufklärungsarbeit an den Schauspielschulen zu betreiben und den jungen Leuten klar zu machen: Glaubt bitte nicht, dass Besetzungen daraus entstehen, wenn ihr euch sexuell ausbeuten lasst. Glaubt niemandem, der euch sowas verspricht. Und selbst, wenn daraus eine Besetzung entsteht, dann ist das doch nicht automatisch ein Sprungbrett für die Zukunft.

Warum kommt der Aufruf des BVC erst jetzt und nicht schon viel früher?

Viele von uns haben sich schon vor Weinstein und abseits der Öffentlichkeit engagiert. Aber jetzt, wo sich so viele gemeldet haben, wo der Stein ins Rollen gebracht wurde, ist es der richtige Zeitpunkt, deutlich zu sagen: “Stopp! Wir sind da, wir gucken nicht mehr weg.” Und alleine das bringt ja schon so viel. Dass die, die Missbrauch betreiben, wissen: Wir haben euch im Blick.

Das Interview führte Katharina Abel und wurde zuerst bei der Deutschen Welle unter http://www.dw.com/de/iris-baum%C3%BCller-f%C3%A4lle-wie-harvey-weinstein-gibt-es-auch-in-deutschland/a-41120682 veröffentlicht.

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Aufzeichnung der Podiumsdiskussion der Deuschen Akademie für Fernsehen 2017


Am 28. Oktober 2017 fand zum fünften Mal die Preisverleihung der DEUTSCHEN AKADEMIE FÜR FERNSEHEN im Filmforum NRW im Museum Ludwig, Köln, statt. Die Auszeichnungen wurden für herausragende Leistungen an Fernsehschaffende aller Gewerke in 21 Kategorien vergeben.

Dieses Jahr fand, im direkten Vorfeld der Verleihung, eine Podiumsdiskussion statt. Das Thema lautete:

„Vor uns die Streamflut“

„ Wie sieht Fernsehen in 10 Jahren aus?“

Hier geht es zu den Nominierungen 2017: https://www.deutscheakademiefuerfernsehen.de/rl/pressemitteilung-koeln-den-21-09-2017/

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Cinema Moralia – Folge 163: Mein Freund Harvey

Soll man Mr. Weinstein verbrennen? Und ein verschwun­dener Artikel über Sexismus und Rassismus auf der Berlinale – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 163. Folge

»Sometimes we stop and watch the birds when there ain’t no birds. And look at the sunsets when its raining. We have a swell time. And I always get a big tip. But after­wards, oh oh…
»What do you mean, ‘after­wards, oh oh’?«
»They crab, crab, crab. They yell at me. Watch the lights. Watch the brakes, Watch the inter­sec­tions. They scream at me to hurry. They got no faith in me, or my buggy. Yet, it’s the same cab, the same driver. and we’re going back over the very same road. It’s no fun. And no tips… After this he’ll be a perfectly normal human being. And you know what stinkers they are!«

»Harvey »von Henry Koster, 1950
»Der, der ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.«
Evan­ge­lium des Johannes
»Mein Motto: Immer auf der falschen Seite stehen.«
Shizu

Die soge­nannte Weinstein-Affaire wirft mehr Fragen auf, als bisher beant­wortet werden.
Wenn man liest, was veröf­fent­licht wird, ist es unglaub­lich viel Hören­sagen, Verdacht, anonyme Anschul­di­gung, vages, »unan­ge­mes­senes Benehmen«. Wenn man die Erleb­nisse von Ashley Judd und Asia Argento liest, möchte man sie lieber nicht gelesen haben. Nicht wegen der Ekeleien Wein­steins, sondern weil diese Frauen da viel dummes Zeug reden, und seiner­zeit manches dumme Zeug gemacht haben – was natürlich Weinstein nicht im Geringsten entschul­digt, das muss man ja heute besser dazu sagen.
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Ich frage mich manches, zum Beispiel: Warum sind es eigent­lich immer Juden, die derart öffent­lich vorge­führt, an den Pranger gestellt und exeku­tiert werden? Roman Polanski, Woody Allen, Dominique Strauss-Kahn, Harvey Weinstein? Wird da neben der Lust an detail­lierter Beschrei­bung auch ein verkappter Anti­se­mi­tismus der Öffent­lich­keit bedient?
Ich frage mich: Warum sind es immer Linke oder Liberale und Unter­s­tützer der Demo­kraten, um die es geht? Mein Eindruck: Es geht auch darum, mit einer Epoche abzu­rechnen: den Sixties und ihrer Libe­ra­lität. Nicht Personen, sondern die libertäre Kultur der Sechziger Jahre soll gebrand­markt und öffent­lich vernichtet werden.
Es geht um ein Zurück zum Puri­ta­nismus.
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Verena Lueken stellte in ihrem FAZ-Kommentar eine wichtige Frage: Wie ist die Rolle der Medien? »Sie sind Teil der Branche. Recher­chen, die schon vor mehr als zehn Jahren unter­nommen wurden, hat er, so scheint es, zu unter­drü­cken gewusst. Weinstein hat in den vergan­genen Jahren, in denen keiner seiner Filme mehr Oscars gewann, mit seiner Firma Macht eingebüßt. Gibt es einen Zusam­men­hang mit dem Zeitpunkt der Veröf­fent­li­chung? Brachte die »New York Times« den Stein nur ins Rollen, weil Weinstein schon ange­schossen war?«
Man fragt sich übrigens, warum der Sender NBC wegen »Quel­len­pro­blemen« jene Story ablehnte, die der »New Yorker« gedruckt hat. Sie stammt nicht zufällig von Ronan Farrow, dem Sohn von Mia Farrow und Woody Allen.
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Ich frage mich schließ­lich, warum in dieser Hexenjagd jedes Maß verloren wird? Gerede jene, die sonst bei allen möglichen über­führten und verur­teilten Krimi­nellen auf Reso­zia­li­sie­rung pochen, die – oft mit guten Gründen – in vielen Verfahren mildernde Umstände ins Feld führen, kennen in diesem Fall keinen Rechts­staat mehr.
Recht­staat­liche Basis­prin­zi­pien, wie die Unschulds­ver­mu­tung exis­tieren de facto nicht mehr im Fall von Sexu­al­ver­bre­chen. Weiterlesen

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Wie ich reagiert habe, als ich von der Causa Weinstein erfuhr, werde ich gefragt. Sehr allgemein gesagt: Mich erstaunt vor allem das Erstaunen. Mich irritiert die Stärke der Reaktion, und zum Teil die Reaktion selbst, die mir vor allem heuch­le­risch vorkommt.
Mich empört die Lust an der Enthül­lung, das Breit­treten der vielen Details, das natürlich ein genüss­li­ches ist, voyeu­ris­tisch.

Mich stört das Miss­ver­hältnis zwischen der jetzigen Aufmerk­sam­keit für Weinstein und der sonstigen Aufmerk­sam­keit fürs Kino. Ich würde mir wünschen, dass wir das Kino auch nur halb so wichtig nähmen, dass wir die sonstige Arbeit von Studio­bossen auch nur ein Viertel so genau kommen­tieren und beob­achten, wie wir jetzt das Treiben eines Filmmogul.

Zur Sache selbst ist zu sagen: Verge­wal­ti­gung ist ein Verbre­chen. Miss­brauch auch, »sexuelle Beläs­ti­gung« dagegen schon weitaus vager, ebenso wie die tatsäch­li­chen Abhän­gig­keiten von Schau­spie­le­rinnen, die auf eine Rolle hoffen, und Produ­zenten, die sie derart ausnutzen, natürlich sehr relativ und sehr im Auge der jewei­ligen Betrachter liegt.
Andere Dinge mögen geschmacklos sein, wir mögen sie unmo­ra­lisch finden, aber sie sind letztlich Privat­sache.

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Der Fall Weinstein ist nicht nützlich, sondern schädlich für den Femi­nismus. Denn was uns hier öffent­lich vorge­führt wird, ist Entmäch­ti­gung und Ohnmacht von Frauen anstatt Ermäch­ti­gung und Macht. Wir lernen: Frauen sind also Opfer. Und zumindest die mitunter erkenn­bare klamm­heim­liche Sehnsucht, ein Opfer zu sein, und sich öffent­lich als Opfer zu erklären, hat für mich etwas zutiefst Irri­tie­rendes.
Fällt jemanden auf, dass bei Sexu­al­de­likten noch Rollen­bilder der 50er-Jahre verbreitet sind. »Der Mann ist der aktive Teil, der den Sex immer will. Die Frau bleibt passiv.« So ein Rollen­ver­s­tändnis wäre in jedem anderen Lebens­be­reich heute undenkbar.

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»Sexismus« ist ein schönes, weil passend vages Schlag­wort. Was Sexismus wirklich heißt, darüber müssen wir ein andermal schreiben. Aber man sollte »den Film« nicht für einen Einzel­fall halten. Wie sieht es eigent­lich in anderen Branchen aus?
Und in anderen Ländern?

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»Ich will jetzt gar nicht davon reden, welche Frauen mir davon erzählt haben, dass Dieter Kosslick ihnen ungefragt die Schultern massiert hat – könnte ich aber, wenn ich muss.« Diesen Satz hatte ich mir bereits vorges­tern für den heutigen Blog notiert – verspro­chen!
Dann erschien ein inter­es­santer Text bei »Missy Magazine«. Die Autorin schreibt unter dem Pseudonym Bernadine Harris einen offenen Brief an Berlinale-Chef Dieter Kosslick. Unter der Über­schrift »Unter der Bettdecke der Film­branche. Über Harvey Weinstein hatte auch Berlinale-Direktor Dieter Kosslick etwas zu sagen – selbst Teil des Problems« erschien dort der Text einer Frau die, wie sie beschreibt, »vor wenigen Jahren … in einer recht niedrigen Position« für die Berlinale gear­beitet hat. Sie berich­tete von Verhal­tens­weisen des Berlinale-Chefs, die das »Missy Magazine« selbst als »sexis­tisch und rassis­tisch« charak­te­ri­siert hat. Man muss diese Ansicht nicht teilen, um in dem Brief einen wichtigen Beitrag zu sehen. Wichtig für das Thema Sexismus, aber auch wichtig für die ange­mes­sene Einschät­zung des Binnen­klimas der Berlinale, das von Angst, Respekt­lo­sig­keit und Willkür geprägt ist. Bernadine Harris fasst die »unglück­liche Ansamm­lung von sehr schlechtem Verhalten« Kosslicks ganz klug und souverän in der Formu­lie­rung zusammen, »dass Männer wie du [= Kosslick] sehr gut darin sind, eine Atmo­s­phäre zu schaffen, in der ständige und will­kür­liche Ernied­ri­gungen gang und gäbe sind. Eine Atmo­s­phäre, die ermög­licht wird, weil in den Räumen, die ihr beherrscht, Ehrgeiz, Macht und Ruhmsucht jene fragile Stimmung erzeugen, die allzu leicht an unsere niedersten Instinkte appel­liert.«
Und vor allem wichtig, weil er die Doppel­moral und Schein­hei­lig­keit jener Personen bloß­stellt, die jetzt wie Kosslick Spitzen und »lustige« Anekdoten über Weinstein zu bieten haben, den sie vor Kurzem noch hofierten

Was nicht abzusehen war, war, dass dieser Brief auch noch ein Beitrag zu den Medi­en­ver­hält­nissen in Deutsch­land werden könnte.

Denn am Mitt­woch­morgen war er plötzlich nicht mehr online und einige Minuten später war auch bei präziser Titel­suche kein Link mehr auf Google zu finden. Da hat wohl jemand einen Lösch­an­trag gestellt.

Auf meine Anfrage nach den Hinter­gründen bekam ich zunächst von der Redaktion die Nachricht, der Text sei auf Wunsch der Autorin zurück­ge­zogen worden, dann von »Missy«-Chef­re­dak­teurin Stefanie Lohaus die etwas ausführ­li­chere Auskunft: »Dieter Kosslick hat kurz nach der Veröf­fent­li­chung bei unserer Autorin angerufen, ein längeres Gespräch mit ihr geführt und sich bei ihr entschul­digt, sie hat die Entschul­di­gung ange­kommen, darüber geschlafen und daraufhin gebeten, dass wir den Text zurück­ziehen. Dem sind wir nach­ge­kommen.«

Das muss man akzep­tieren. Wobei natürlich die Frage naheliegt, wofür sich der Berli­nale­chef denn genau entschul­digt hat?
Ein schöner Kommentar dazu kam auch von einer lang­jäh­rigen Bekannten des Berli­nale­chefs: »Wow, Modell Weinstein? Kosslicks Anrufe, Bitten und Entschul­di­gungen kenne ich zu gut.«

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Schade ist aller­dings schon, dass »Das femi­nis­ti­sche Magazin für Pop und Politik« da so schnell einge­knickt ist. Meiner Ansicht nach hätte die Redaktion die Autorin eher darin bestärken sollen, den Artikel online zu lassen, und darauf hinweisen müssen, dass einmal öffent­lich gemachte Texte nun einmal öffent­lich geworden sind, und sich nicht wieder aus dem Verkehr ziehen lassen.
Tatsäch­lich ist der Text mit etwas Neugier weiterhin im Netz aufzu­finden, und wurde auch auf Facebook verbreitet.

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Einige weitere Stunden später fand sich unter der ursprüng­li­chen Adresse eine Erklärung, die mich etwas ratlos lässt: »Diesen Brief haben wir auf dann Wunsch der Autorin von der Webseite genommen. Weil dieses Vorgehen wiederum für Irri­ta­tionen gesorgt hat, hat uns Bernadine Harris folgendes Statement zukommen lassen:«

»Nachdem der Brief, in dem ich über einen unan­ge­nehmen Vorfall mit Herrn Kosslick schrieb, veröf­fent­licht wurde, meldete sich dieser bei mir und wir trafen uns auf ein Gespräch, bei dem auch seine Assis­tentin anwesend war. In dem Gespräch bespra­chen wir noch mal den Vorfall und ich erläu­terte ihm meine Position und warum es mir wichtig war anhand des Vorfalls mit ihm vor einigen Jahren, die komplexen Dynamiken aufzu­zeigen, die u.a. in der Film­branche sexuelle und andere Formen der
Beläs­ti­gung und die anschließende Vertu­schung ermög­li­chen. Wir sind den spezi­fi­schen Fall nochmal durch­ge­gangen und Herr Kosslick hat sich bei mir entschul­digt. Da ich beob­achtet habe wie Online-Debatten oftmals ablaufen und wie dabei komplexe Zusam­men­hänge auf emotio­nale Weise verzerrt werden, hatte ich mich selbst­ständig dazu entschieden, den Artikel herun­ter­nehmen zu lassen.
Aller­dings möchte ich alle ermutigen, diese wichtige und über­fäl­lige Debatte auch außerhalb ihrer Bild­schirme zu führen und Kollegen, Freunde und Familie zu sensi­bi­li­sieren.
Ein Like oder Share unter einem Artikel nützt nichts wenn wir nicht täglich in der Arbeits­welt den Mut finden solches Verhalten zu rügen und klar zu verur­teilen.
Bernadine Harris«

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Stimmt: Ein Like oder Share unter einem Artikel allein nutzt nichts. Aller­dings muss es auch dafür den Artikel erst einmal geben. Und offenbar nutzte der Artikel doch immerhin genug, um Bernadine Harris binnen Stunden jene Entschul­di­gung zu geben, auf die sie jahrelang vergeb­lich gewartet hatte.
Und die Erklärung der Autorin ist unbe­frie­di­gend. Denn auch vorher wusste sie schon, »wie Online-Debatten oftmals ablaufen.« Das Ganze hat ein Geschmäckle und ich kann nicht anders, als zu vermuten, dass hier doch noch anderer Druck und andere Droh­ku­lissen mit im Spiel waren.
Allemal ist es immer schlechter Stil, Texte nach­träg­lich wieder unge­schehen machen zu wollen. Etwas, das weiß ich aus eigener Erfahrung, das den Autor selbst am meisten schmerzt.

Insofern können wir jetzt hoffen, auch wenn ich da nicht sehr opti­mis­tisch bin, dass andere, stärkere Batail­lone der öffent­li­chen Meinung einmal recher­chieren, wie die Arbeits­be­din­gungen bei der Berlinale wirklich aussehen, wie es mit Sexismus und Rassismus der Berlinale aussieht.
Wo seid ihr Pro-Quote-Frauen? Wo seid ihr Förder­in­ten­dan­tinnen und -Refe­ren­tinnen, wo ist die Kultur­sta­at­mi­nis­terin? Wo sind alle, die gern unter dem Banner »wir müssen mehr für Frauen tun« segeln? His Rhodos, hic salta!
Und wo sind die Redak­teu­rinnen und Redak­teure der Qualitäts­me­dien und der soge­nannten Haupt­stadt­presse? Wirklich »eine Kampagne gegen Kosslick« wie eine leitende Redak­teurin den Vorfall heute kommen­tierte?

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Der Fall Weinstein: Gedanken zur deutschen Filmbranche

Die Filmwelt entsetzt sich über Harvey Weinstein. Doch die deutsche Branche schweigt. Dabei sieht’s hierzulande auch nicht besser aus. | Foto © Columbia Tristar

Die Filmwelt entsetzt sich über Harvey Weinstein. Doch die deutsche Branche schweigt. Dabei sieht’s hierzulande auch nicht besser aus. | Foto © Columbia Tristar

Nicht wundern: Der folgende Beitrag erschien bereits am Donnerstag, weil hatten ihn aber gleich wieder aus dem Netz genommen, weil die Ereignisse uns überholt hatten. Ungeachtet der neuen Stellungnahmen und Artikel war der Text „Der Fall Weinstein: Gedanken zur deutschen Filmbranche“ von Belinde Ruth Stieve der erste, der im Kontext des Harvey-Weinstein-Skandals die Situation in der deutschen Filmbranche thematisierte. Er erschien am 16. Oktober auf ihrem Blog, wir drucken ihn heute gekürzt noch einmal ab.

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Es ist zwei Wochen her, seit einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, dass der US-amerikanische Filmproduzent Harvey Weinstein seit Jahrzehnten junge Schauspielerinnen und Models aber auch Firmenangestellte und Journalistinnen eingeschüchtert, sexuell belästigt und angegriffen hat. Es ist klar, dass Angeklagte bis zur rechtskräftigen Verurteilung als unschuldig zu gelten haben. Allerdings scheinen in diesem Fall die Vorwürfe  erdrückend – im Gegensatz zu den leider nur allzu häufigen Situationen, in denen Aussage gegen Aussage steht und eine Straftat oder ein Verbrechen nicht bewiesen werden kann. Weiterlesen

Viel wurde zunächst darüber geschrieben, wie es möglich sein konnte, dass Harvey Weinstein über Jahrzehnte unerkannt und ungestört handeln konnte, doch schnell wurde klar, dass seine Übergriffe, sein Umgang mit insbesondere jungen Schauspielerinnen zu Beginn ihrer Karriere, ein offenes Geheimnis waren. Im Zuge der Reportagen wurde auch auf andere Fälle von sexuellen Übergriffen hingewiesen, von US-Schauspieler Bill Cosby über Fox News-Moderator Bill O’Reilly und Chef der Amazon-Videoabteilung Roy Price bis hin zu US-Präsident Donald Trump. Alles in den USA, weit weg.

Auch in Deutschland werden Schauspielerinnen und andere weibliche Filmschaffende sexuell belästigt und bedrängt. Auch hier gab und gibt es Männer, die ihre Machtposition (zum Beispiel als Regisseur) ausnutzen, die Schauspielerinnen zu sexuellen Handlungen im Tausch für eine Rolle – ja was denn: Zwingen? Auffordern? Nötigen? Männer, die diese Hierarchie, in der Schauspielerinnen ganz weit unten stehen (zu wenige Rollenangebote und gleichzeitig zu viele von uns) ausnutzen. Die mal eben mit der Darstellerin im Nebenzimmer verschwinden, um Sex zu haben. Wohlgemerkt, das sind keine sich anbahnenden Romanzen, wo sich Regisseur und Darstellerin ineinander verliebt haben oder auch bloß scharf aufeinander waren. Sondern „das gehört dazu, ich Boss, Du …“

Es kursieren Namen, die ich in diesem Zusammenhang öfter gehört habe, von unterschiedlichen Quellen. Ich weiß von einer sehr jungen Schauspielerin, die ein Vergewaltigungsopfer spielen sollte, halbnackt; die Dreharbeiten dauerten endlos, und Kollegen und Mitglieder des Teams machten „anzügliche“ Witze über sie, über ihren Körper, über ihre Lage.

Ich weiß von einer Kollegin, die immer wieder von männlichen Kollegen „inszeniert“ wird, die einfach besser wissen als sie und die Regie, wie sie ihre Rolle spielen sollte, und die sich ungefragt einbringen. Wenn sie etwas sagt, gilt sie als „schwierig“ und „unkollegial“.

Betroffen sind nicht nur Schauspielerinnen. Ich habe auch von Maskenbildnerinnen und von Regisseurinnen gehört, um nur zwei Berufsgruppen zu nennen. Eine befreundete Karriere-Coach/Trainerin, die regelmäßig mit Frauen und Männern aus der Filmbranche arbeitet, berichtet: Jedes Mal, wenn sie das Thema Netzwerken thematisiere, folge unweigerlich die Frage: „Wie gehe ich mit Übergrifflichkeiten um?“ Und wenn eine Frau erst einmal diese Frage gestellt hat, kommen weitere: „Und was ist, wenn er im Gespräch immer wieder seinen Arm um mich legt?“ „Und was ist, wenn ich Nein sage, den Arm abschüttele – kann ich das Projekt dann gleich ganz vergessen?“ Jedes Mal. Die meisten Frauen berichten von solchen Situationen. Die Männer im Coaching sind dann meist sprachlos bis genervt. Genervt, dass so ein Thema so viel Raum einnimmt, denn es betrifft sie nicht, und sie sind überrascht, dass es überhaupt aufkommt: „Nie davon gehört.“

Im Januar 2017 wurde die Studie „Die Situation der Filmschaffenden 2015“ veröffentlicht, für die rund 2.400 vollständig ausgefüllte Fragebögen mit einem Frauenanteil von 39 Prozent ausgewertet wurden. Jörg Langer, der Verfasser der Studie, erzählte mir von  mehr als 300 berichteten Diskrimierungsvorfällen, darunter zahlreichen Schilderungen von sexuellen sowie verbalen Übergriffen.

Die Studie ergab außerdem, dass deutlich weniger Frauen als Männer mit ihren Arbeits- und Lebensbedingungen zufrieden waren, dass Frauen deutlich seltener Tarifgagen erhalten als Männer, und dass Frauen dreimal so häufig wie Männer von „Diskriminierungen aufgrund Alter, Herkunft, Geschlecht, Religion“ und anderem mehr berichteten.

Regisseurinnen haben an anderer Stelle mehrfach von ihrem Dilemma berichtet: Wenn sie resolut am Set agieren, werden sie als hysterisch abqualifiziert oder „die hat ihre Tage“. Wohingegen das gleiche Verhalten ihrer männlichen Kollegen als entschlossen galt. Liegt das auch an den Verhältnissen, nämlich dass ein Großteil des Teams vielleicht noch nie mit einer Regisseurin gearbeitet hat, eine Kamerafrau oder Tonmeisterin zum ersten Mal sieht? Und die in der Arbeit auch vor der Kamera immer weniger Frauen sehen, quasi als untergeordnet (auch darüber habe ich wiederholt gebloggt)?

Im übrigen geht es weiter – beziehungsweise fängt schon vorher an: Auf dem langen Weg, bevor die Regisseurin überhaupt ihrem Team Anweisungen geben kann, und sie um ein Projekt kämpft oder bettelt, sich bewirbt. In Gesprächen mit Produzenten und anderen.

Ich weiß nicht, wie oft das passiert, aber es sind keine Einzelfälle. Es ist strukturell, so wie der Sexismus in der Filmbranche strukturell ist, so wie die Benachteiligung von Frauen, auch beim Gehalt, in der deutschen Arbeitswelt strukturell ist und wie sexuelle Belästigungen von Frauen am Arbeitsplatz in unserer Gesellschaft ein strukturelles Phänomen sind.

Ich erinnere ein Kaffeetrinken mit einem Regisseur, in dem er nebenbei vorschlug, ich solle „seine Geliebte“ werden. Das ist sehr lange her, ich stand am Beginn meiner beruflichen Laufbahn, es ging um eines von mehreren Projekten. Ich war baff, und ich wiegelte es freundlich ab, die Stimmung war einigermaßen gerettet. Aber aus keinem der Projekte ist etwas geworden.

Da war dieser Workshop, in dem wir Schauspielerinnen Tipps bekamen, wie wir uns und unser Material (Fotos und Demoband) besser präsentieren könnten und wie der Umgang mit Regie und Casting idealerweise ablaufen sollte, aus Sicht des Regisseurs, der an dem Tag dran war. Ich erinnere, wie das Thema Nacktszenen angesprochen wurde und er recht abfällig über Schauspielerinnen sprach, die in ihren Verträgen auf eine „Keine-Nacktszenen“-Klausel bestünden. Denn das würde seine Arbeit als Regisseur enorm beeinträchtigen. Die Schauspielerinnen sollten lernen, über den eigenen Schatten zu springen, Nacktszenen wären für sie ja sogar eine Bereicherung, das hätte ihm einmal eine Schauspielerin gesagt, die erst sehr unwillig gewesen sei. Denn natürlich betraf das Thema Nacktszenen nur uns Schauspielerinnen, nicht die wenigen Schauspieler im Workshop. Und natürlich fügte der Regisseur noch hinzu, dass eine Weigerung, Nacktszenen zu drehen, bedeuten würde, dass dann eben die Rolle mit einer Kollegin besetzt würde, die nicht diese Probleme hätte.

Ob es überhaupt so oft Nacktszenen geben muss, ob der Mord an einer Frau in einem deutschen Krimi nur gezeigt werden kann, wenn sie nackt zu sehen ist (wenn nicht bei der Tat selbst, wo sie meist zumindest halbnackt abgelichtet wird, dann spätestens hinterher auf dem Seziertisch der Gerichtsmedizin) – wird diese Frage jemals gestellt? Oder die Frage der Kameraperspektive, also dass sexualisierte Gewalt gerne auch – Schuss, Gegenschuss – aus Sicht des Täters gefilmt wird (siehe auch Die Dramaturgie der Dusche)?

Ich stelle mir erfahrene Filmteams vor, die regelmäßig halbnackte Schauspielerinnen am Set erleben. Ist das der Grund, warum sich manche so unsensibel verhalten? Zum Beispiel manche Tonleute beim Verkabeln von Schauspielerinnen? Bloß weiß wir Schauspielerinnen sind und uns vor der Kamera zeigen und mitunter unser Innerstes entblößen, heißt das nicht, dass wir keine Privatsphäre mögen, Verlegenheit oder Scham nicht kennen, Fremden gegenüber nie nervös sind.

Nach 30 Jahren vermeintlichem Schweigen wird in der US-Filmbranche nun laut über die Vorwürfe gegen Harvey Weinstein gesprochen und den Frauen, die mit Vorwürfen an die Öffentlichkeit treten, grundsätzlich Glauben geschenkt. Der US-amerikanische und der britische Castingverband haben sich zu Wort gemeldet, der britische Schauspielverband Equity UK veröffentliche eine „Erklärung zu Mobbing und Belästigung“. Interessensgruppen wie Women in Film and Television UK, ERA 50:50 Equal Representation for Actresses, Raising Films und einzelne Schauspielerinnen sind an die Öffentlichkeit getreten.

Bemerkenswert auch die Stellungnahme von Schauspielkollegin, Drehbuchautorin und Regisseurin Kate Hardie, die im „Guardian“ kommentierte: „Zeit, endlich die Verbindung zwischen Missbrauch und Filminhalten herzustellen“.

Betroffenen Frauen, die öffentlich über Weinsteins Übergriffe gesprochen haben, berichteten, wie traumatisiert sie waren, viele suchten die Schuld bei sich, einige waren jahrelang beeinträchtigt, manche haben sogar ihren Beruf gewechselt. Manche hatten Glück mit einem verständnisvollen näheren Umfeld, andere weniger. Das alles macht klar, dass es um mehr als um Rechtsberatung und Wir-glauben-Dir geht.

Deshalb an dieser Stelle der Hinweis auf den Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe in Deutschland, in dem 170 Beratungsstellen und Notrufe zusammengeschlossen sind. Über die BFF-Website können Beratungsstelle in Eurer Nähe gefunden werden. Die Beratung kann auch anonym stattfinden. Die Mitarbeiterinnen sind erfahren, und beraten wird auch anonym.

Und bei uns? Warum schweigen die Verbände? Es gibt bislang keine Stellungnahmen vom Verband der Filmschaffenden, vom Regie- oder Castingverband, von der Produzentenallianz, von der Verdi Film-Union, um nur einige zu nennen. Und vor allem: Kein Wort vom Schauspielverband BFFS, im Gegenteil. Sie wollen kein Statement abgeben und haben auf Mediennachfrage gesagt, ihnen seien keine derartigen Fälle bekannt.

Aktualisierung am 23. Oktober 2017: Erfreulicherweise hat der Schauspielverband BFFS auf das Drängen der Mitglieder reagiert und am 20. Oktober doch eine Stellungnahme abgegeben unter dem Titel „Was ändert sich nach Harvey Weinstein?“. Das ist wichtig! Einige meiner Anregungen wurden aufgenommen, unter anderem auch das anonyme Meldesystem (leider bislang mit dem etwas unglücklichen Titel „Unter der Gürtellinie“). Heute hat auch der Regieverband Stellung genommen und will eine „verbandsunabhängigen Ombudsstelle“ schaffen, an die sich Betroffene wenden können.

Ich möchte anregen, dass sich unsere Filmbranche damit beschäftigt, wie ein angst- und übergriffsfreies Arbeitsumfeld auch für Frauen geschaffen werden kann. Damit Übergriffe derjenigen in Machtpositionen geächtet und noch besser: verhindert werden können.

Vielleicht kann eine Art anonymes Meldesystem installiert werden, um übergriffiges Verhalten festzuhalten. Nicht als Pranger oder Denuzierungsplattform – es gibt Möglichkeiten, solchen Missbrauch zu verhindern. Zu klären ist, wo und wie so etwas eingerichtet werden kann und wer es betreut. Die Branche könnte konkret befragt werden, vielleicht aufbauend auf der genannten Studie des Filmschaffenden-Verbands.

Nachbemerkung: Seit der Veröffentlichung meines Originaltextes bin ich von vielen Filmfrauen angesprochen und angeschrieben worden, die von eigenen negativen Erlebnissen berichten. Diese ziehen sich durch alle Gewerke. Und das macht klar, dass es kein Schauspielerinnen-Problem ist und wir ein Meldesystem für die gesamte Branche brauchen.

Ich wünsche mir, dass wir als eine Ursache von sexueller Belästigung und Gewalt, von Nötigung und Einschüchterung, die prekäre Situation vieler Filmschaffender, insbesondere von Frauen, und Machtmissbrauch sehen. Dass die Verbände sich für eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen an der Filmarbeit einsetzen. Ich wünsche mir, dass unsere Filme mehr emanzipatorische Geschichten erzählen und Frauen und Männer nicht mehr in überholten Stereotypen darstellen. Filme prägen unser Denken und beeinflussen unsere Emotionen. Auch deshalb ist es so wichtig, in der Filmbranche den Hebel anzusetzen.

Noch neugierig? Eine laufend aktualisierte Auswahl lesenswerter Artikel auch zur deutschen Filmbranche finden Sie hier.

 

 

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Vielfalt oder Nische?

Festivals boomen. Kaum eine Stadt, die nicht ihr eigenes Filmfest hat, kaum ein Thema oder eine Gegen dieser Welt, die nicht als Motto für eine eigene Filmschau dient. In den jüngsten zehn Jahren hat sich die Zahl der Filmfestivals auf der Welt vervierfacht! „Schäzungsweise 8.000“ Filmfestivals haben sich inzwischen weltweit miteinander vernetzt, sagt die Medienwissenschaftlerin Tanja Krainhöfer. „Vier oder fünf” wären genug, meinte schon 2010 der Regisseur Werner Herzog. Da ging der Boom erst los. In diesem Jahr war das Phänomen schon für einige Zeitungsartikel gut. Da wurde gestaunt und auch ein bisschen gelästert, doch eingehender hatte sich bisher keiner damit beschäftigt: Was soll das Alles?

Das holten nun Crew United und das Filmfest Hamburg nach und ließen im Festivalzelt auf dem Podium diskutieren. Einen Überblick lieferte Krainhöfer mit einem kurzen Vortrag. Die Medienwissenschaftlerin sieht die „Festivalflut” offenbar entspannter als Herzog, der Regisseur. Gleich zum Einstieg wies sie darauf hin, dass gerade eben auf Rügen ein weiteres Festival seine Premiere hatte. Rügen und Film, da vermute mancher eher Tourismuswerbung, sagte Krainhöfer. Aber: „Warum auch nicht?“ Schließlich hatte der ganze Zauber einst in Venedig begonnen, als Werbeveranstaltung eines Hotels. „Nicht immer“ sei die Gründung eines Festivals der Liebe zur 7. Kunst geschuldet gewesen. Der Großteil aber werde von Menschen getragen, die das Kino lieben. „Und jedes einzelne Teilchen spielt in der Summe eine Rolle.“

Krainhöfer hat Festivals in Deutschland nach ihrer Motivation befragt. Drei Erklärungen führte sie an: Die Alternative zur kommerziellen Filmerfahrung. Die Stärkung der Filmkultur auf dem Lande fernab der Metropolen. Interkulturelles Verständnis zwischen Nationen – dafür sei Film das beste Medium.

Längst ginge es nicht mehr nur ums Filmeschauen: Festivals hätten sich zu einem eigenen Vertriebskreislauf entwickelt, seien Faktoren mit „herausragender Wirkung“ für Wirtschafts-, Kultur-, Bildungs-, Medien- und sogar Außenpolitik. Und sie ziehen jedes Jahr mehr Zuschauer an: Während im Kino die Zahlen zurückgehen. 178 Millionen Kinobesucher waren es 2001, voriges Jahr nur noch 117 Millionen – ein Drittel weniger.

Die Entwicklungen in Gesellschaft und Technik (Stichwort Digitalisierung) allein reichen nicht aus, um das rapide Wachstum in der Festivallandschaft zu erklären. Vier weitere, „filmwirtschaftliche“ Gründe findet Krainhöfer:

  1. Die Programmkinos sind seit dem Aufstieg der Multiplexe immer weniger geworden.
  2. Weltweit werden immer mehr Filme gedreht.
  3. Was gedreht wird, will auch gezeigt werden.
  4. Festivals sind „Impulsgeber“ für die Filmwirtschaft – längst kreisen um die großen Filmfeste Stoffbörsen, Filmmärkte, Koproduktionsforen und mehr.

Tatsächlich ist seit der Jahrtausendwende die Zahl der Kinostandorte in Deutschland von 1071 auf 892 gesunken. Während die hiesige Kinolandschaft noch von Hollywoodproduktionen beherrscht wird, sieht die Welt schon ganz anders aus – inzwischen wird nicht nur in Indien, sondern auch in China jährlich mehr gedreht, Südkorea hat Deutschland überholt. Wie sollten die Kinos das bewältigen können? Im normalen Programm ist von den neuen Verhältnissen kaum etwas zu sehen, auch die Arthouse-Kinos zeigen sie nicht wirklich, Festivals lassen es zumindest ahnen.

Dabei sind sie mehr als Sneak Previews für Filmliebhaber oder Werbeveranstaltungen für Filmhändler. Viele Werke tingeln über die Festivals dieser Welt und begeistern volle Säle, während sie im Kino keinen Platz oder Publikum finden. Noch sei sich die Branche dieser Rolle nicht richtig bewusst. Die Statistiken der Filmförderungsanstalt (FFA) etwa zählen nur die Besucher in den Kinos, nicht die der Festivalvorführungen. Krainhöfer appellierte daher an die Verleiher, auch diese Zahlen an die FFA zu melden. Ihre These: Die Filmwirtschaft jenseits des Mainstreams können gar nicht ohne Festivals auskommen. Also auch das Europäische Kino.

Torsten Frehse war diese These zu steil. Der Geschäftsführer des Verleihs Neue Visionen kommentierte auf dem Podium die Zahlen aus seinem Blickwinkel: Anderthalb bis zwei Millionen Zuschauer brächten die deutschen Festivals zusammen auf, „inklusive Berlinale“ – dagegen stünden eben die 117 Millionen Kinobesucher im vorigen Jahr. Konkreter: 1,4 Millionen Zuschauer erreiche Neue Visionen mit ihren Filmen – nur 20.000 davon auf Festivals.

Es dauert wohl noch, bis Festivals tatsächlich ein eigener Weg zum Publikum sind, gar eine Art analoges Netflix mit richtigem Filmerleben. Endgültige Antworten wurden an dem Abend nicht gefunden. Das hatte auch keiner erwartet. Vielmehr ging es ja darum, das Thema überhaupt mal auf die Bühne zu bringen, meinte Moderator Rüdiger Suchsland.

Anstöße für weitere Runden wurden während der regen Diskussion jedenfalls reihenweise gefunden. Da vermisst etwa Frehse oft die Zeit und Orte für tatsächliche Gespräche, „dass alle zusammenstehen und über Filme reden.“

Oliver Baumgarten, Mitgründer von Filmplus und Programmleiter beim „Max-Ophüls-Preis“ sieht Festivals als Ergänzung zum Arthouse-Kino, wo mancher Film seinen Verleih findet.

Frédéric Jaeger lobt die Vielfalt, die in der Festivallandschaft gepflegt werde – während doch die Filmförderungsanstalt (mit Zustimmung der Kinobetreiber) mit ihren neuen Leitlinien so ziemlich das Gegenteil ansteuere.

Skadi Loist, Festivalforscherin an der Universität Rostock mahnte ans Geld: Festivals müssten so ausgestattet werden, dass sie ohne freiwillige Selbstausbeutung unzähliger Filmliebhaber auskommen könnten. Denn auch Kuratoren lebten nocht selten unter prekären Umständen. Einen ersten Fortschritt konnte sie bei der Gelegenheit auch melden: Seit September gibt es bei der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) eine Gruppe der Festivalmitarbeiter. Loist nutzt die Gelegenheit zum Appell, sich zu organisieren – „Verdi kostet nicht viel.“

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Intendantenwechsel bei Filmplus

Die neue alte Leitung bei Filmplus: Kyra Scheurer (von links) ist fast von Anfang an dabei, Jenny Krüger (rechts) verantwortet schon seit drei Jahrne die Organisation. Auch Dietmar Kraus (Mitte) ist kein wirklicher Neuling; der Editor war lange begeisterter Besucher und ist im Vorstand seines Berufsverbands.

Die neue alte Leitung bei Filmplus: Kyra Scheurer (von links) ist fast von Anfang an dabei, Jenny Krüger (rechts) verantwortet schon seit drei Jahrne die Organisation. Auch Dietmar Kraus (Mitte) ist kein wirklicher Neuling; der Editor war lange begeisterter Besucher und ist im Vorstand seines Berufsverbands. | Foto © Filmplus

Das Konzept ist einzigartig: Bei Filmplus stehen drei Tage lang die Editoren im Mittelpunkt. Seit diesem Jahr steht das Festival für Filmschnitt und Montagekunst unter neuer Leitung.

Frau Scheurer, Herr Kraus, dieses Jahr tritt Filmplus mit einem neuen Team an. Wird nun alles anders beim Festival für die Kunst der Filmmontage?

Kyra Scheurer: Ganz so dramatisch ist der Wechsel nicht. Nikolaj Nikitin und Oliver Baumgarten hatten Filmplus 2001 gegründet. Sie haben sich Ende 2016 zurückgezogen, um sich anderen Projekten zu widmen. Somit gibt es ein neues Gesellschafter-Trio, doch Jenny Krüger ist bereits seit drei Jahren für die Organisation verantwortlich; ich selbst bin seit 2003 bei Filmplus dabei, seit 2009 als künstlerische Leiterin. Ganz neu ist lediglich Dietmar Kraus als dritter Gesellschafter und Nachfolger von Oliver Baumgarten als künstlerischer Leiter des Spielfilmwettbewerbs. Als Filmeditor kennt er sich bestens mit den Themen des Berufsstandes aus. Auch unsere weiteren Mitarbeiter Werner Busch und Pascal Maslon sind schon seit einigen Jahren dabei. Und schließlich haben wir ja seit den frühen Stunden von Filmplus vier Partner, die uns nicht nur als Preisstifter weiterhin unterstützen: die Film- und Medienstiftung NRW, das Kulturwerk der VG Bild Kunst, das Land Nordrhein-Westfalen und die Stadt Köln. Man kann hier also ruhig von Kontinuität sprechen.

Dietmar Kraus: Ich habe Filmplus seit 2007 als begeisterter Besucher miterlebt. Es war für mich immer so eine kostbare Insel in Köln, wo dreieinhalb Tage lang wir Editoren im Mittelpunkt stehen. Europaweit ist es die einzige Veranstaltung, die sich so intensiv der Filmmontage widmet und zudem hochkarätige Preise für den Schnitt verleiht.

Sie haben Anfang des Jahres eine Umfrage gestartet, was gut ist an Filmplus und was besser werden könnte. Was kam dabei herausgekommen? Weiterlesen

Dietmar Kraus: Die Zufriedenheit ist groß. Wir hatten für eine Veranstaltung unserer Größe und Spezialisierung viele Antworten erhalten, und die vielen positiven Reaktionen haben uns darin bestätigt, dass wir keine radikale Neuausrichtung des Festivals anstreben. Wir wollen uns mit jedem Jahr weiterentwickeln, aber Filmplus wird in seiner Grundkonzeption kein anderes Festival werden. Es geht uns darum, auf den bereits bestehenden Stärken aufzubauen.

Kyra Scheurer: Dieses Jahr wird meine 15. Veranstaltung; seit Jahren präge ich das Programm maßgeblich mit. Ich freue mich, gemeinsam neue Impulse zu geben. Es hätte uns aber schlicht überfordert, alle neuen Ideen gleich im ersten Jahr umsetzen zu wollen. Erst mal war es wichtig, die gute Vertrauensebene zu unseren Partnern und Sponsoren zu erhalten und ihnen zu zeigen, dass alles verlässlich weiterläuft.

Es gibt also keine dramatischen Änderungen?

Kyra Scheurer: Es wird sicherlich kleine Änderungen geben, aber das ist eher wie im Theater bei einem Indendantenwechsel: Die eigentlichen Veränderungen werden erst gut ein Jahr nach Bekanntgabe eines Führungswechsels sichtbar, man braucht einfach Vorbereitungszeit für die eigenen Akzente – und in den Ideen, die wir drei haben, hat uns schöner Weise auch indirekt die Evaluation bestätigt.

Wollen Sie von diesen Zukunftsideen schon etwas verraten?

Kyra Scheurer: Zum einen wollen wir den Bereich Weiterbildung ausbauen. Wir bieten bereits seit drei Jahren mit Doxs! die Schulvorführungen „Schüler auf Montage“ an. Und mit der Internationalen Filmschule Köln (IFS) laden wir quartalsweise zu IFS-Begegnungen mit Editoren ein, die über ihre neuen Arbeiten sprechen. Filmplus selbst würden wir gerne ab 2018 mit Workshops im Umfeld des Festivals ergänzen.

Dietmar Kraus: Zum anderen wollen wir unseren internationalen Programmteil noch ausbauen. Wir haben ja schon seit einiger Zeit jedes Jahr ein Gastland; im vorigen Jahr war das Frankreich. Seit vorigem Jahr gibt es ergänzend dazu auch ein internationales Panel. Wir können uns da für die kommenden Jahre noch mehr vorstellen. Es darf allerdings den Rahmen der bestehenden Filmplus-Strukturen nicht sprengen.

Wird es dazu einen weiteren Preis geben?

Kyra Scheurer: Nein, erst mal ist das nicht geplant. Natürlich träumen wir von einer Veranstaltung über die Grenzen hinweg, gar für ganz Europa. Es gibt bereits jetzt einen internationalen Runden Tisch, mit Delegierten von Verbänden verschiedenster europäischer Länder, die sich jährlich unter unserer Moderation während Filmplus treffen und beraten. Aber für einen europäischen Schnittpreis fehlen noch die personellen und finanziellen Voraussetzungen. Das kann höchstens eine langfristige Perspektive sein.

Wie haben Sie die Arbeit aufgeteilt?

Kyra Scheurer: Jenny verantwortet weiterhin die Organisation, ist unsere Vertreterin in filmpolitischen Kölner Initiativen wie Kino Aktiv oder den Kölner Kinonächten und ist vor allem seit diesem Jahr die neue Geschäftsführerin. Dietmar kuratiert den Spielfilmwettbewerb und das internationale Panel und koordiniert die Zusammenarbeit mit der Berufsvereinigung Filmton, die Filmplus mit einem Panel zur Tongestaltung bereichert. Werner Busch ist Kurator der Hommage-Reihe und betreut den internationalen Gastland-Abend. Ich verantworte den Dokumentar- und den Kurzfilmwettbewerb und kuratiere den jährlichen Themenschwerpunkt. Außerdem koordiniere ich die Zusammenarbeit mit Docx! und das Branchenspeeddating. Gemeinsam übernimmt das Führungsteam aus Dietmar, Jenny und mir noch allgemeine Aufgaben der künstlerischen bzw. organisatorischen Leitung, also die Kontaktpflege zu unseren Partnern und Förderern, die Schnittstellen und Supervision von Aspekten wie Grafik und Pressearbeit, die Akquise möglicher neuer Verbündeter, die Zusammenarbeit mit Filmhochschulen und natürlich die Entwicklung von inhaltlichen Perspektiven und Programmneuerungen.

Wie wählen Sie die Wettbewerbsfilme aus?

Dietmar Kraus: Das Nominierungsverfahren ist dreistufig: Als erstes reichen Editoren, Verleiher, Produzenten oder Regisseure ihre Filme ein. Das waren in diesem Jahr etwa 50 pro Langfilmsektion. Bei den Kurzfilmen hatten wir dieses Jahr etwa 120 gültige Einreichungen. Das sind ähnlich viele auswahlfähige Filme wie in den letzten Jahren; es gab aber deutlich weniger Einreichungen, die nicht unseren Regularien entsprechen. Das haben wir einer kleinen Neuerung zu verdanken: Wir haben eine eher symbolische Anmeldegebühr von acht Euro eingeführt. Offenbar werden nun die Regularien aufmerksamer gelesen!
Die zweite Auswahlstufe erfolgt dann im Filmplus-Leitungsteam, das heißt, wir wählen jeweils 15 Filme pro Sektion für die Vorjury aus. Die besteht aus versierten Kinoeditoren und nominiert für jede Sektion jeweils fünf Filme. Alle werden bei Filmplus gezeigt, einschließlich Filmgespräch mit den Nominierten. Dann entscheidet die gewerkübergreifend zusammengesetzte Hauptjury die Preisträger.

Wie ist die Sichtung, wenn man selbst das Metier betreibt?

Dietmar Kraus: Das war tatsächlich für mich eine brenzlige neue Erfahrung, denn ich musste bei der Vorauswahl ja ein Urteil fällen über Filme von teils sehr renommierten Kollegen, die ich seit langem schätze. Und dazu gab es dann gerade in diesem Jahr auch viele tolle Arbeiten von jüngeren Editoren zu entdecken.

Kyra Scheurer: Die Sichtungen sind natürlich auch anstrengend, und es ist oft schwierig, aus der Fülle der eingereichten Langfilme wirklich nur 15 auszuwählen. Dafür ist in diesem Jahr eine wunderbare Bandbreite verschiedenster Filme, aber auch Montagestile in unseren Wettbewerben zu finden.

Dietmar Kraus: Wir haben unter den Nominierungen tolle Filme von Frauen …

Das ist bei der Filmmontage aber keine große Überraschung.

Dietmar Kraus: Bei der Montage vielleicht, aber ich meinte die Regie, und da ist es leider immer noch ungewöhnlich. Das war kein Auswahlkriterium, wir haben das erst nach dem Nominierungsprozess festgestellt: Es gibt unter den Wettbewerbsfilmen in diesem Jahr viele Beiträge, wo nicht nur die Montage, sondern auch die Regie weiblich besetzt ist – bei jeweils drei der fünf Dokumentar- und Spielfilme … Dass dieses ein besonders starker Jahrgang für Regisseurinnen ist, hat ja schon der „Deutsche Filmpreis“ gezeigt. Da freut sich die Initiative Pro Quote Regie. Mal sehen, ob das wirklich eine Trendwende ist oder ein Ausnahmejahr bleibt.

Filmplus vergibt auch Ehrenpreis fürs Lebenswerk; da könnte man auch über die Quote diskutieren: Unter den bisherigen 15 Preisträgern sind nur drei Männer.

Dietmar Kraus: Der Filmschnitt war in Deutschland tatsächlich lange Zeit ein „Frauenberuf“. Erst die Digitalisierung hat das verändert: Inzwischen ist das Verhältnis der Mitglieder im Bundesverband Filmschnitt etwa 45 Prozent Männer und 55 Prozent Frauen. In den USA gab es schon viel früher ein anderes Geschlechterverhältnis, vielleicht auch, weil der Beruf dort ein höheres Ansehen genießt. Der „Oscar“ für den besten Schnitt ging seit seinem Bestehen vornehmlich an Männer …

… 97 Männer wurden in der Kategorie bislang ausgezeichnet, nur 13 „Oscars“ gingen an Frauen, drei davon allein an Thelma Schoonmaker, die Stammeditorin von Martin Scorsese.

Dietmar Kraus: Das ist ziemlich bedrückend. Beim „Deutschen Filmpreis“ für den besten Schnitt sieht es besser aus; da ist das Verhältnis etwa 50:50. Was aber auch nicht das historische Ungleichgewicht in Deutschland widerspiegelt: Wer hat hierzulande den Filmschnitt geprägt? Das waren nun mal vor allem Frauen. Über die Jahre wird sich aber das Verhältnis unserer Ehrenpreisträger ganz von selbst ändern.

Wird’s in diesem Jahr demnach wieder eine Frau?

Kyra Scheurer: Ja, Inge Schneider, eine für den deutschen Kinodokumentarfilm ganz prägende, besonders in der Montage von Charakterporträts sehr sensible Editorin. Sie ist in der DDR aufgewachsen und hat in Babelsberg Filmschnitt studiert, arbeitete dann seit Anfang der 1980er-Jahre als Editorin an der DFFB in Westberlin, kennt also beide Systeme und deren Montageausbildungen. 2004 hat sie für Die Spielwütigen unseren ersten Schnitt-Preis Dokumentarfilm gewonnen und verkörpert ideal, worum es uns mit unserer Hommage geht: den Kontakt zwischen den Generationen. Filmplus läuft vom 13. bis 16. Oktober in Köln.

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cn-klappe: Das Ende des medialen Lagerfeuers

Wie wird sich das Fernsehen in den kommenden Jahren entwickeln? Wie wird es uns als Kreative, Künstler und Macher des Programms entwickeln? Und wohin?

Eine Podiumsdiskussion der Deutschen Akademie für Fernsehen (DAFF) im Rahmen des Filmfestes München. Auf dem Podium waren vertreten:

Kai Wiesinger (Autor, Produzent, Regisseur & Schauspieler der Web-Serie „Der Lack ist ab“)

Susanne Rath (Geschäftsfeldleiterin AV- und Produktionssysteme beim Institut für Rundfunktechnik)

Katharina Uppenbrink (Geschäftsführerin Initiative Urheberrecht)

Thomas Sessner (Redakteur beim BR)

Phillip Klausing (Head of Production von Pantaleon Films, verantwortlich für die Amazon-Serie „You Are Wanted“)

Es moderierte Jochen Greve, Drehbuchautor und Vorstand der DAFF.

 

Der Videobeitrag gliedert sich in folgende Kapitel (in der Ecke links oben anklickbar):

Intro

Kapitel 1: Status Quo: Das Fernsehen im digitalen Zeitalter

Kapitel 2: Quo Vadis: Faire Spielregeln auf dem digitalen Markt

Kapitel 3: Prognose: Das Wissen um den User

Kapitel 4: Publikumsdiskurs

Abspann & Dankeschön

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Daniele and the talented Mr. Rizzo

Von Emma Stone über Johnny Depp – „Daniele and the talented Mr. Rizzo“ bringt sie alle zum Staunen und Lachen. In ausgefallenen Kostümen kreiert er witzige Interviews. Selbst die Stars können sich seinem Charme nicht entziehen. | Foto © Marie Schmidt

Von Emma Stone über Johnny Depp – „Daniele and the talented Mr. Rizzo“ bringt sie alle zum Staunen und Lachen. In ausgefallenen Kostümen kreiert er witzige Interviews. Selbst die Stars können sich seinem Charme nicht entziehen. | Foto © Marie Schmidt

Von Emma Stone über Johnny Depp – „Daniele and the talented Mr. Rizzo“ bringt sie alle zum Staunen und Lachen. In ausgefallenen Kostümen kreiert er witzige Interviews. Selbst die Stars können sich seinem Charme nicht entziehen. Auf seiner Couch tummeln sich regelmäßig Hollywoods schönste Frauen und Superhelden. Damit erreicht ein Video schon mal eine Reichweite von über einer Million Klicks („Conjuring 2“ etwa). Auf der Berlinale moderierte er in diesem Jahr erstmals den „Internationalen Wettbewerb“. Auch beim Web-Comedy Format „Comedy Rocket“ darf man den Ruhrpottler seit 2015 regelmäßig in Aktion sehen. Sein Talent wurde 2017 mit Nominierungen beim Webvideopreis und beim Goldene Kamera Digital Award belohnt. Neben Comedy ist Danieles Leidenschaft die Schauspielerei. So war er bereits für „Alarm für Cobra 11“ oder den Horrorfilm „Stung“ vor der Kamera. Aktuell arbeitet er außerdem für Super RTL bei der Sendung „Einfach tierisch“ sowie als Außenreporter bei „Woozle Goozle und die Weltentdecker“. Für uns plaudert das Multitalent aus dem Nähkästchen. Daniele erzählt, wie er gleichzeitig als Schauspieler und Kreativer im Internet unterwegs ist, und wie es so ist, regelmäßig Hollywoods Sternchen zu belustigen.

Daniele, wie kamst Du zur Schauspielerei?
Ich kam damals mit der großartigen Ausrede, Jura zu studieren, nach Köln, zu der Zeit als RTL und Viva boomten. Und ich erinnere mich noch an meine erste Erfahrung vor Ort: Ich war bei einem offenen Casting, was überhaupt nicht funktioniert hatte. Da stand ich nun neben Oli Pocher. Die haben die Kamera ein Mal herumgeschwenkt. Von den 200 Kids, die da standen, wurden 10 genommen. Ich war natürlich nicht dabei. Wenn ich heutzutage in die Studios gehe, muss ich immer noch darüber lachen. Neben meinem Studienplatz hatte ich einen Praktikumsplatz bei Radio Köln in der Tasche und konnte beim Theaterstück „Die Zauberflöte“ vom Jugendclub mitmachen. Immer, wenn ich mal einen Tag freihatte, habe ich herumtelefoniert und nachgefragt, ob ich Komparserie machen könnte. So habe ich die Branche kennengelernt und festgestellt: Sie ist genauso bekloppt und funktioniert wie jede andere Branche: Jemand hat einen Fußball und entscheidet, wer mitspielen darf oder nicht. Weiterlesen

Wie kamst Du von der Komparserie in den Webvideobereich?
Eine Zeit lang kam ich von der Komparserie zu kleinen Castings und auch zu kleinen Rollen. Und ich habe schnell gemerkt, dass Folgendes passiert: „Ach, ein Italiener? Wir haben im Moment leider keine Espresso- oder Pizzaverkäuferrolle.“ Das ist auch 2017 immer noch so. Deshalb wusste ich: Ich muss mein eigenes Ding machen. Ich will nicht die nächsten zehn Jahre auf eine Espressoverkäuferrolle warten, also habe ich diese Interviews in Hollywood gemacht. Sony Pictures hatte mich das erste Mal zu einem Interview zum Kinofilm „Superbad“ eingeladen – die Highschool Komödie mit Michael Cera und Jona Hill. Nachdem ich da gut performt hatte, bekam ich Adam Sandler.

War Adam Sandler der erste große Interviewpartner?
Das war so der erste große Star. Man hatte mir die Möglichkeit gegeben, auf dem roten Teppich Interviews mit Hollywood-Sternchen zu machen. Durch eine Rolle im Reich-Ranicki-Film hatte ich damals eine Boyband-Frisur, die mich aussehen ließ wie Adam Sandler in „Leg dich nicht mit Zohan an“. So entstand zum ersten Mal das Konzept, dass ich einen Schauspieler in seiner eigenen Rolle antreffe, und zusammen mit etwas Improvisation hat das gut funktioniert. Nachdem ich Adam Sandler hatte, bekam ich irgendwie auch weitere Interviewpartner und konnte bei dem Konzept bleiben. Und so öffnete sich plötzlich eine neue Welt. Die Amerikaner denken, ich sei Thomas Gottschalk, Stefan Raab und der deutsche Jimmy Kimmel. Und für die Deutschen bin ich weiterhin nur der Daniele Rizzo (lacht).

Also war es Deine eigene Idee, die Interviews so witzig zu gestalten?
Genau, ich hab ein bisschen „funny bones“, und man muss sich ja mal klarmachen: Die werden dafür bezahlt, dass sie ertragen, dass man ihnen 500 Mal dieselbe Frage stellt. Ich geh da sozusagen schon wie ein Clown rein. Und beide gehen am Ende mit einem lachenden und einem blauen Auge raus, denn manchmal bin ich auch ein bisschen frecher, als ich eigentlich sein darf. Aber da reichen wir uns die Hand, denn auch sie bewegen sich in ihrer Rolle. Ihr Privatleben interessiert mich nicht, das ist für mich tabu, weil es in der Rolle nicht vorkommt. Deswegen kann man sich auf der einen Seite zurücklehnen und auf der anderen Seite ist es eine spannende Abwechslung.

Es ist ja so schwer, in den USA an Agenten und Manager ranzukommen. Wie umgehst Du das? Sprichst Du sie selbst an?
Mittlerweile ist es tollerweise sogar so, dass man für mich spricht. Die Kinoverleiher fragen mich an und es ist mir sogar schon passiert – und da war ich wirklich baff – dass ein Schauspieler meinte: „Ich kenn dich.“ Er hatte von Emma Stone das Video bekommen und sagte: „If you go to Germany, you have to meet this guy.“ So etwas spricht sich rum. Es sind ja oft die gleichen Agenten. Das ist so ähnlich wie in Deutschland: Wenn man einmal Matthias hatte, dann spricht es sich rum. Und dann hat man Jürgen und Til, und die wissen: Jetzt kommt gleich Daniele, jetzt können wir Spaß machen.

Die Stars kommen also inzwischen zu Dir. Hat denn noch jemand Einfluss auf Deinen Content oder kannst Du da immer noch Dein eigenes Ding durchziehen?
Bei der Kreativität gibt es keine Einschränkungen. Seit Kurzem gibt es aber einen Produktdesigner namens Max Neumeyer. Und der bastelt mir so tolle Kostüme. Also wenn das Kostüm fantastisch aussieht und eine Funktion hat wie wackelnde Ohren oder Greifarme, dann hat es Max gemacht. Bei mir sind sie ja meistens nur zusammengeschustert aus Kram aus dem Bauhaus oder Karnevalsladen.

Neben den Kostümen – was würdest Du sagen, ist die Geheimzutat, wie man Stars zum Lachen bringt? Bist Du selbst nicht nervös?
Ich glaube, man muss erstmal locker sein. Das ist die Hauptsache. Ich habe von klein auf schon von meinen Eltern gelernt, dass alle Menschen gleich sind und ich alle mit dem gleichen Respekt behandeln soll. Und mit eben diesem gleichen Respekt vor allen stelle ich mich der Situation. Daher bin ich nicht nervös und mache mir nicht ins Hemd, egal wer da vor mir sitzt. Dann kann man auch lockerer sein und aus einem drögen Interview ein dynamisches Gespräch entwickeln und dabei lustig sein.

Passieren hinter den Kulissen spannende, unerwartete Dinge oder haben sich für Dich durch Dein Interviewformat irgendwelche neuen Türen geöffnet?
Als ich mit den Interviews anfing, war ja so ein bisschen die Hoffnung zu sagen: „Hey, ich bin hier, ich bin lustig, ich bin cool, nehmt mich doch im nächsten Film mit!“ Bei meinem letzten Interview zu „Valerian“ hat beispielsweise Luc Besson gesagt: „Beim nächsten Film bist du dabei – bleib genau so, das ist super.“ Tatsächlich ist es so, dass man immer noch ein bisschen quatscht, wenn die Kamera aus ist, und da entstehen lustige Gespräche. Auch immer witzig ist, wenn ich auf Toilette bin, um mich umzuziehen oder zu schminken, und es kommt ein Interviewpartner, der auch auf Toilette muss und wird dann vorzeitig von mir im Kostüm überrascht – dann wird schon viel gelacht.

Gibt es noch jemanden, den Du besonders gerne mal interviewen möchtest?
Klar, also ganz oben auf meiner Liste sind die ganzen Italo-Amerikaner: Robert De Niro und Al Pacino. Pacino selbst hat ja als Comedian angefangen. Das zeigt, dass Comedy und Timing einem als Schauspieler sehr viel bringen können. Denn in jede Geschichte gehören Liebe, Witz und Humor. Die Menschheitsgeschichte ist voll mit Humor, auch in Momenten, in denen man vielleicht nicht lachen sollte.

Du hast ja auch zwei Gesichter: Der ernste Schauspieler und der lustige Interviewer. Wie lassen sich diese beiden Welten vereinen?
Für mich persönlich total einfach, faktisch bei der Arbeit manchmal schwierig. Denn es gibt manchmal Vorurteile und gegen die muss man einfach versuchen anzukämpfen. Teilweise sage ich schon: „Schickt bitte nur bestimmtes Material und Fotos und verschweigt, was ich sonst noch so mache.“ Einige googeln es trotzdem und finden es fantastisch – andere haben dann eine Comedybrille auf und kriegen mich da auch nicht mehr raus. Dafür gibt es kein Geheimrezept. Ich nehme Comedy auch sehr ernst, denn ich finde es unrealistisch, wenn man einen Film macht, in dem nicht gelacht wird. Humor liegt in unserer Natur. Ich finde manchmal schade am deutschen Film, dass versucht wird, alles möglichst ernst darzustellen, das wirkt dann eher unrealistisch.

Du bist bei zwei Agenturen – Barbarella und hb management. Wie funktioniert das?
Es ist tatsächlich manchmal nicht ganz einfach. Vor allem das mit den Interviews ist eine sehr personenbezogene Geschichte. Nur manchmal ist es mit viel Kommunikation verbunden, wenn viele Termine aufeinanderprallen. Das Team von Barbarella ist eher für den ernsten Teil zuständig, Heidrun Buchmaier von hb management betreut die „Kasper“, wie sie selbst als Hessin immer so schön sagt. Manchmal kriege ich sehr spontane und vage Anfragen, beispielsweise, ob ich mal eben nach New York fliegen kann für einen Interviewpartner, der erst mal geheim bleibt. Aber dieses Jahr habe ich es hingekriegt, immer direkt beiden Agenturen Bescheid zu sagen. Manchmal kommt auch mal eine Comedygeschichte bei Barbarella an, dann rufen sie bei hb management an und umgekehrt. Im Zweifel darf ich als Künstler entscheiden, und dafür danke ich beiden Agenturen.

Peilst Du in nächster Zeit irgendwelche Projekte an und hast Du spezielle schauspielerische Ziele?
Ich komme jetzt gerade vom Schnitt einer Serie, die ich vor Jahren mal geschrieben habe. Peter Thorwarth hatte mir mal eine Idee erzählt, und da haben wir vor fast acht Jahren immer mal wieder ein bisschen dran gearbeitet. Jetzt habe ich endlich zusammen mit der @d art medienproduktion einen ersten Teaser-Trailer mit Schauspielern dazu gedreht. Der liegt jetzt gerade im Schnitt und den wollen wir selbst anbieten, damit ich nicht an den kleinen Italo-Rollen hängen bleibe.

Bietet Ihr denTrailer Netflix und Co. oder Sendern an?
Wir bieten ihn allen an. Die Idee ist, dass es jeder so zehn Tage auf dem Schreibtisch liegen hat. Zunächst einmal geht er an die Sender. Und wenn da niemand die Hand hebt, geht’s weiter, denn ich habe keine Lust, dass das Projekt einschläft. Das ist wie bei ’nem Date – man weiß danach einfach, ob es was ist oder nicht.

Das Gespräch führten Mariam Misakian und Tina Thiele. Adam Sandler meets Daniele und Rizzos Blick auf „Valerian“ finden Sie auf Youtube. Und mehr über ihn selbst hier.


  

 

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Besetzung – Spiegel der Gesellschaft

Podiumsdiskussion des Bundesverbandes Casting (BVC) im Rahmen des Filmfestes München 2017 | © Holger Borggrefe

Die vorliegende cn-klappe zeigt einen Zusammenschnitt des BVC-Panels im Rahmen des Filmfestes München.

Deutschlands Gesellschaft ist multikulturell und multisexuell! Das sehen wir alle jeden Tag und jede Nacht in unserem Leben – nur nicht in Film und Fernsehen. Der BVC lud zu einem Diskurs der Hoffnung, um eine noch größere Sensibilität für dieses Thema schaffen zu können. Ein Diskurs, um neue Lösungsansätze zu finden und auch in fiktionalen Geschichten ein realistischeres Abbild unserer Gesellschaft zu erzählen.

Auf dem Podium diskutieren Vertreter folgender Berufsgruppen:
Claudia Kratochvil (Drehbuchautor, Producer)
Dominik Kempf (Redakteur ZDF-HR Fernsehfilm/Serie II)
Murali Perumal (Schauspieler)
Jakob M. Erwa (Regisseur)
Adnan Maral (Schauspieler, Produzent)

Die Casting Directors des BVCs waren vertreten durch:
Deborah Congia (BVC | Hamburg)
Marc Schötteldreier (BVC | Köln)
Daniela Tolkien (BVC | München)

Moderation: Stephen Sikder (BVC | München)

Der Beitrag gliedert sich in folgende Kapitel (Achtung in der Ecke links oben anklickbar!):

Intro
Kapitel 1: Diversität – Wieviel Realität wird abgebildet?
Kapitel 2: Rollenvorbilder – Migranten brauchen keine Samba-Musik!
Kapitel 3: Fiktion – Impulsgeber für die Realität!
Kapitel 4: Publikumsdiskurs – Erfahrungsberichte aus der Branche!
Abspann & Dankeschön

Offizielle Website des Bundesverband Casting (BVC):
www.castingverband.de

Gendertalk – Offener Brief des BVC an Autoren, Produzenten, Regisseure und Sendermitarbeiter in Deutschland:
https://castingverband.de/?p=2369

Viel Spaß beim Anschauen: Zur cn-klappe bei casting-network

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Klappe halten!

Nanu? Die Welt wandelt sich, doch mit unterschiedlichem Tempo. Frauen haben in der Filmbranche gewaltig mit überkommenen ­Denkmustern zu kämpfen. Vorsichtig ausgedrückt. | Foto © Studiocanal

Nanu? Die Welt wandelt sich, doch mit unterschiedlichem Tempo. Frauen haben in der Filmbranche gewaltig mit überkommenen ­Denkmustern zu kämpfen. Vorsichtig ausgedrückt. | Foto © Studiocanal

Am Set bekommt die Schauspielerin Jo die Filmwelt von Bollywood erklärt: Es gebe nur einen Grund warum sie hier sei, sagt der Regisseur und deutet auf ihre Brüste. Und damit der Held etwas zum Retten habe … Eine Szene aus „Zornige indische Göttinnen“, Indien/Deutschland 2015, neulich im Kino.

Zurzeit im Kino: Im Emanzipationsmärchen „Ihre beste Stunde“ wird Catrin wird im Zweiten Weltkrieg als Drehbuchautorin engagiert, weil Frauen besser „den ganzen Schmalz“ schreiben können, meint ihr Chef und Kollege. Wir haben uns amüsiert. Schließlich ist Indien weit weg und der Weltkrieg lange her. Skurril, solche Gedanken. Und unvorstellbar in Deutschland 2017, nach einem halben Jahrhundert gelebter Emanzipationsbewegung. Und schon gar nicht in der Filmbranche, mit all ihren aufgeschlossenen Kreativen, die gerade solche Mißstände gerne anprangern – für alle Genres, Alter und Ton­lagen.

Ein Irrtum, muss Jörg Langer korrigieren. Im Auftrag des Bundesverbands Die Filmschaffenden hatte er die „Studie zur sozialen Lage, Berufszufriedenheit und den Perspektiven der Beschäftigten der Film- und Fernsehproduktionswirtschaft Deutschlands 2015“ erstellt, die seither eifrig diskutiert wird. Mit einem Katalog von 100 Fragen und 3.827 Teilnehmern ist sie die größte Untersuchung ihrer Art und gibt den bekannten Klagen eine stabile Basis an Daten. Weiterlesen

Doch die Daten nach Katalog reichten Langer nicht. Er bearbeitet das Thema außerdem in seiner Doktorarbeit. Bei einer Frage wollte er es genauer wissen: „Haben Sie Diskriminierung aufgrund Alter, Herkunft, Geschlecht, Sexualität oder Religion beobachtet?“ Nach den Kästchen zum Ankreuzen bot Langer die Möglichkeit, solche Erlebnisse in Stichworten zu schildern. Das wurde rege genutzt: 20 Schreibmaschinenseiten füllen die Darstellungen, die oft nur Einzeiler sind. Doch gleich, ob Stichwortsammlung oder Prosatext – fast alle zeichnen das selbe Bild: Der Job beim Film ist nicht sonderlich familienfreundlich, ab 40 wird’s eng mit den Aufträgen, Frauen verdienen generell weniger als Männer in derselben Position – sofern ihnen die überhaupt zugetraut wird.

 

Das ist wenig überraschend. Diese Probleme werden auch in anderen Branchen und darüber hinaus diskutiert. Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis Quoten und andere Regelungen endlich Schluss machen mit der ungleichen Behandlung nach Geschlecht. Glauben manche. Schließlich steht’s doch so im Grundgesetz – Artikel 3, Absatz 1: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ Wer stellt sich schon gegen das Grundgesetz?

Offenbar doch sehr viele, wie die öffentlichen Diskussionen zeigen: Die „Gender Pay Gap“, die ungleiche Bezahlung, ist keine Ausnahme, sondern die Regel. Bundesweit, unabhängig von der Branche, fast 70 Jahre, nachdem das Grundgesetz in Kraft trat. Artikel 3, Absatz 2: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“

Als „Auftrag an den Gesetzgeber“ hatte die Parlamentarierin Elisabeth Selbert diese Formulierung gegen viele Widerstände und durch mehrere Abstimmungen in die Verfassung gebracht. Sie und ihrer Kollegen wussten, dass es mit dem Auftrag allein nicht getan war und gaben dem Absatz einen eigenen Paragrafen bei: Vorschriften und Gesetze, die dem entgegenstehen sollten nach vier Jahren ungültig werden. Die erste Regierung der Bundesrepublik ließ diese Frist verstreichen. Erst ab Ende der 50er-Jahre wurden nach und nach die schlimmsten Bestimmungen im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) aufgehoben. 1961 wurde sogar die erste Frau Bundesministerin – für Gesundheit.

Der Alltag sah anders aus: Bis 1977, da war das Grundgesetz fast 30 Jahre alt, brauchten verheiratete Frauen eine Einverständniserklärung ihres Ehemanns, wenn sie arbeiten wollten, ein Bankkonto eröffneten oder eine Waschmaschine kauften. Drei Jahre später wurde im BGB festgeschrieben, dass Frauen und Männer den Anspruch auf gleiches Entgelt haben. Das ist nun sogar schon 37 Jahre her.

 

Wie es auf dem Lohnmarkt aussieht, ist bekannt. Die Filmbranche bildet da keine Ausnahme, eine Bestandsaufnahme lässt sich aus Zitaten der Befragung zusammensetzen: Frauen in Führungspositionen sind nach wie vor seltener in der Produktion. Frauen wird noch immer keine technische Kompetenz zugetraut. Als Mutter hat man plötzlich kaum noch Chancen. Frauen werden für gleiche Arbeit schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen. Altersdiskriminierung ist die Regel. Die Hautfarbe eines Schauspielers hat großen Einfluss, ob er besetzt wird.

Denn Diskriminierung beschränkt sich nicht nur aufs Geschlecht. Der dritte und letzte Absatz im Artikel 3 des Grundgesetzes: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“

Jammern hier nur die ewig Unzufriedenen? Langer hält die Schilderungen allesamt für glaubwürdig. Natürlich geben sie wieder, was die Filmschaffenden auch in der Online-Befragung angekreuzt hatten. Aber sie sind einander zu ähnlich und häufig, als das man sie als übersteigerte Hirngespinste von Einzelnen abtun könnte. Zudem fordere es „Zeit und Überwindung, so etwas zu schreiben“, sagt Langer.

 

Das Mosaik, das sich da zusammensetzt, ist kein schönes Bild. Die Diskriminierung zeigt sich nicht nur in der schlechteren Bezahlung. Vier Beispiele:

„Einer Frau in einer verantwortungsvollen Position in meinem Bereich wird oft nicht so viel zugetraut wie einem Mann. Insbesondere, was die Verwaltung höherer Budgets etc. angeht. Die Aufstiegschancen, ein Projekt mit größeren Budgets zu machen, gestalten, sich schwierig. Davon mal abgesehen, dass die meisten Verhandlungspartner, also Produktionsleiter etc., männlich sind, und vieles gerne unter Männern ausgemacht wird.“

„Es gibt die Tendenz, Frauen bestimmte Genres (wie Romantische Komödien oder betuliche Dramen) zu geben, die man im Klischee als „weiblich“ erachtet, oft sind es auch die schlechteres Aufträge, das heißt, die Angebote, die ich bekomme, sind trotz der Filme, die ich geschrieben und für die ich Preise und Anerkennung erhalte, oft unter dem Niveau, das meine männlichen Kollegen bekommen. Ich verdiene bei gleicher respektive besserer Ausbildung und Qualifikation nachweislich weniger.“

„Frauen werden viel schlechter bezahlt. Weibliche Rollen werden von vornherein niedriger kalkuliert etc. In den Drehbüchern gibt es immer noch viele Rollen die immer männlich geschrieben sind, wie Ärzte, Anwälte Polizisten … In den Drehbüchern stehen selten Rollen mit ethnischem Hintergrund, und wenn man versucht, jemanden aus der Richtung zu besetzen, fällt oft der Satz: Nein, das geht nicht – man müsste ja extra erklären, warum zum Beispiel die Krankenschwester farbig ist …“

„Als Autorin erwähnt man besser nicht, dass man kleine Kinder hat.   Sonst gilt man als unzuverlässig, nicht so verfügbar, nicht so professionell, nicht so flexibel, nicht so kreativ, nicht so cool oder witzig oder tough oder was auch immer. Als männlicher Autor sollte man seine Kinder ständig erwähnen, das adelt. Als Mutter besser die Klappe halten.“

Wer nun auf den Geschmack gekommen ist, findet dazu zahllose, immer unglaublichere Anekdoten auf der englischsprachigen Website Shit People Say to Women Directors. Denn diskriminiert wird nicht nur in Indien oder 1940.

Nicht immer ist das böse Absicht, sondern blöde Gedankenlosigkeit. Der alltägliche Sexismus reicht dafür aus. Das schlimme Wort beschreibt nichts anderes als die Diskriminierung eines Geschlechts. Und die fängt mit einem harmlos putzigen Glaubenssatz an: Mädchen spielen mit Puppen, Jungs mit Autos. Zugegeben, damit liegt man oft richtig, aber eben nicht immer. Besser wär’s, beides für möglich zu halten. Noch besser freilich, beides für richtig zu halten. Doch soweit sind wir noch nicht. Mädchen, die mit Autos spielen, gelten zwar als cool, aber Jungs, die mit Puppen spielen, haben’s schwerer … Spätestens da ist der Sexismus nicht mehr so putzig.

Doch selbst den coolen Mädchen wird es nicht leicht gemacht. Noch vier Beispiele:

„Bei Frauen in der Kameraabteilung kommen manchmal schon so Sprüche auf wie: ,Die Kamera ist doch viel zu schwer für dich!‘ Es ist nett wenn männliche Kollegen einem ab und zu schwere Dinge abnehmen. Aber die ,schwere‘ Kamera gehört einfach zum Job, und wenn man den als Frau wählt, dann weiß man das und will sich so Kommentare nicht am Set anhören müssen. Lasst die Frauen doch einfach auch ihren gewählten Job machen.“

„An Sets an welchen ich für die gesamte Produktion und Regie zuständig war wurde ich oftmals geduzt oder mit ,Herzchen‘ oder ,Liebchen‘ angesprochen, was ich als äußerst respektlos empfinde. Ansonsten liebe ich meinen Beruf.“

„Als weiblicher DoP trauen einem Produzenten, Sender, und manchmal auch Regisseure nicht das Gleiche zu wie den männlichen Kollegen. Meine Vergütung war für den identischen Job deutlich geringer.“

„Es gibt nach wie vor Oberbeleuchter, die glauben, Frauen seien nicht für den Beruf der Beleuchterin geeignet. Meine Erfahrung zeigt aber, dass Frauen körperlich sehr wohl dazu in der Lage sind. Schwere Technik zu bewegen ist eben auch eine Frage der Technik nicht der Kraft. Außerdem beeinflusst ein weibliches Mitglied im Beleuchter-Team die Umgangsformen positiv.“

Offenbar gibt es beim Film noch immer „Männerberufe“ und „Frauenberufe“, allem voran in den Köpfen, wo sie sich mit allerlei anderem vermischen. Da ist der Produktionsleiter, der nur Männer einstellen will, weil Frauen zu anstrengend seien. Die Produktionsassistentin, die wegen ihres Gewichts abgelehnt wurde: Die Schauspieler könnten sich mit ihr vielleicht nicht wohl fühlen. Die Garderobiere, die entlassen wurde, weil die Hauptdarstellerin sie „zu gutaussehend“ fand.

Es sind ja nicht nur Männer, die diskriminieren. Auch Frauen können austeilen. Da sagt die Kamerafrau über die schwarze Schauspielerin: „Die ist so dunkel, was soll ich da mit dem Licht machen? Nächstes Mal nehmt einen Mischling.“

Diskriminierend sind nämlich offenbar alle, die nicht männlich, weiß, heterosexuell und zwischen 30 und 40 sind: Junge sind zu unerfahren, Alte zu langsam, Ossis zu schwierig und Ausländer haben im Deutschen Film eh nichts zu suchen: „Dunkelhäutige Komparsen wurden aus dem Bild genommen oder weit im Hintergrund platziert …“

Oder sie sollen Klischees entsprechen, mit denen sie gar nichts mehr zu tun haben:

„Ich habe keine deutschen Namen und werde fast ausschließlich für Rollen mit Migrationshintergrund besetzt, obwohl ich akzentfrei Hochdeutsch spreche (was man von Kollegen aus der Schweiz, Bayern oder Österreich nicht immer sagen kann). Mich für eine Rollen mit deutschem Namen vorzuschlagen, für die ich optisch und altersmäßig durchaus eine Option wäre, reicht die Fantasie der Caster, Regisseure, Produzenten oder Redakteure anscheinend nicht aus. Inter­essent ist dabei, dass deutsche Kollegen durchaus für Figuren, die nicht im deutschen Sprachraum verankert sind, problemlos besetzt werden.“

Kurz: „Kreative Akzeptanz ist bei Ausländern nicht immer gegeben.“ Da wird der Absperrer mit Migrationshintergrund auch schon mal mit „Hey, Türke, mach mal“ angewiesen, soll der Catering-Assistent „doch wieder Bananen pflücken“ gehen, die Darstellerin ist einfach das „Schokomädchen“.

Offenbar hinkt die Branche der Zeit hinterher. Kein Wunder, wenn es doch in den Werken, die sie fabriziert, meist zugeht „wie zu Adenauers Zeiten“, meint eine Filmschaffende: „Im modernen Gewand stöckelt ,Frau‘ auf der Suche nach Mr. Right durchs Wohlfülhlambiente-Eigenheim Programm.“ Und: „Wenn die Bevölkerung auf der Straße so gemischt wäre wie in den Storys, die uns das TV erzählt, dann wäre das Verhältnis zwischen den Geschlechtern: 70 Prozent Männer zu 30 Prozent Frauen. Von diesen 30 Prozent trügen die meisten Kleidergröße 36 oder kleiner, wäre die Hälfte jünger als 40.“

Diese Traumwelt bestimmt wohl auch den Set. „Ost/West ist leider immer noch ein Thema“, Witze über Ausländer normal, es herrscht eine „latente Homophobie“, ein „unachtsamer Gebrauch von Antisemitismus und pseudoironische Glorifizierung Nazi-Deutschlands“. „Bei Überhang an Testosteron kann es dazu kommen, dass weib­liche Kolleginnen nicht ganz so für voll genommen werden“, Maskenbildnerinnen werden „Girlies“ und „Hühner“ genannt, die Tonmeisterin hört „Komm zu Daddy, Baby …“ übers Walkie-Talkie.

Der Umgangston am Set ist nun mal ein und ruppig – wer damit nicht umgehen kann, ist im falschen Job, lautet die typische Entgegnung, falls sich mal eine „mädchenhaft anstellt“ und beschwert. Außerdem sei doch eh alles nur ironisch gemeint …

Mitunter ist das auch so und wird auch so verstanden. „Nur verschwindet die Ironie nach der zehnten Wiederholung.“ Doch „Sexismus gilt teilweise noch immer als ein Kavaliersdelikt in der Branche.“

„Wenn ich nicht hier arbeiten würde, würde ich solche Männer gar nicht kennen“, tröstet sich eine Filmschaffende, die ihre Kollegen aus ­Versehen beim heimlichen Pornogucken erwischt hat. Pragmatisch nimmt das eine auch eine Kollegin: „Film ist chauvinistisch und sexistisch … Aber mit den jungen Kollegen wächst langsam eine bessere Generation heran, die die Dinge anders sieht. Auch der Umgangston ist besser.“

Schön, wenn hier schon Schluss wäre. Aber die Antworten, gleich welcher Art, durchzieht ein Thema. Mehr noch als mangelnder Respekt, schlechtere Bezahlung oder lange Arbeitszeiten taucht ein Begriff auf: Sexuelle Belästigung.

Nicht mal hier oder da, sondern regelmäßig. Und so, „wie sie bei normalen Jobs niemals vorkommen würden.“

Die Rede ist nicht von den „Kraftausdrücken“, den „Anmachsprüchen unter der Gürtellinie“, den halblauten Bemerkungen über körperliche Attribute, den „üblichen Scherzen auf ­Kosten von Frauen“ und „oberflächlichen Anzüglichkeiten“: „Manche Männer in Führungspositionen neigen zu dauerhaft sexistischen Sprüchen“ und „mündliche sexuelle Belästigung ist als Frau am Set fast bei jeder Produktion an der Tagesordnung.“ Doch aus Worten werden zu oft Taten:

„Hübsche junge Frauen in der Kostüm- und Maskenabteilung sind häufig verbalen und handgreiflichen Übergriffen älterer männlicher Kollegen aus den Bereichen Schauspiel ausgeliefert. Um im Beruf zu bleiben, verzichten sie oft, diese Diskriminierung anzuzeigen.“

„Praktikantinnen und Schauspielerinnen erhalten teils anzügliche SMS von Produktionsmitgliedern.“

„Schauspielerinnen werden regelmäßig von Regisseuren in sexuell konnotierte Situationen und Gespräche verwickelt.“

„Bei einem Dreh mit einem sehr bekannten deutschen Regisseur wurden weibliche Teammitglieder als ,Fotzen‘ beschrieben, begrapscht und insgesamt respektlos behandelt. Vor anderen, männlichen Kollegen wurde die Vagina einer anwesenden Kollegin als nette Gegend, in der Er (der Regisseur) schon mal war, beschrieben.“

Von solchen Bemerkungen bis zum handfesten Griff an den Po reichen die Schilderungen. „Ich war schockiert, und ich habe mich geschämt“, beschreibt Langer seine erste, ganz unwissenschaftliche Reaktion. „Ich dachte, ich kenne die Branche. Als Dokumentarfilmer war ich in kleinen Teams unterwegs, da kommt es auf die Chemie an. Was ich jetzt lese, klingt wie Deutschland vor 30 Jahren. Die Grauzone ist vermutlich noch viel größer.“

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La belle équipe

Oliver Zenglein, Olivier Kluyskens et Vincent Lutz. | Foto: Crew United

­Oliver Zenglein, Olivier Kluyskens et Vincent Lutz. | Foto: Crew United

« Souhaitez la bienvenue à Olivier Kluyskens! » – c’est ainsi que Crew United a présenté son nouvel employé sur sa page Facebook. C’est le premier membre de l’équipe chargée de lancer la version France de Crew United en 2018/2019. Olivier Kluyskens et les dirigeants de Crew United Vincent Lutz et Oliver Zenglein nous en disent en peu plus.

Une publication succincte sur Facebook qui suggère beaucoup de choses. Qu’en est-il au juste de Crew United France ?
Oliver Zenglein : C’est en soi une étape logique. La France a la plus importante industrie cinématographique du continent, et en Allemagne, nous sommes déjà liés en de nombreux points. Depuis longtemps, les coproductions franco-allemandes ne sont plus une exception, il y a un programme commun de subvention et de coopération entre des grandes écoles de cinéma. Personnellement, j’ai une prédilection et un grand respect avant tout pour le cinéma français, je pourrais développer à l’infini sur ce thème-là.
Vincent Lutz : Crew United compte déjà des utilisateurs du Luxembourg et de la Suisse – ce serait également pour eux une extension bienvenue d’avoir une version en français et active sur le marché français. Ces 20 dernières années, on a construit avec Crew United un réseau axé sur les professionnels du film des pays germanophones. Mais on a toujours eu une vision : l’Europe ! C’est un beau projet, il est à notre portée maintenant. Weiterlesen

Il n’y a pas de plate-forme équivalente pour les professionnels du film dans la grande nation du cinéma qu’est la France ?
Olivier Kluyskens : Non. Il n’y a aucune structure qui centralise ce que propose Crew United en France. Quand on recherche une équipe, on prend son téléphone et on appelle tous ses contacts…

Olivier, tu es Français …
Olivier Kluyskens : Je suis né en France, j’ai étudié à l’école ENS Louis-Lumière (ex-Vaugirard) aux environs de Paris et y ai débuté ma carrière dans le milieu cinématographique – comme assistant réalisateur et régisseur. J’avais déjà le sentiment qu’un tel outil manquait cruellement, d’autant que j’aimais beaucoup m’occuper de bases de données cinématographiques sur mon temps libre. Lorsqu’à 30 ans, je me suis installé en Allemagne, j’ai découvert Crew United, m’y suis inscrit et ai tout de suite été très convaincu par le site, bien avant que j’y sois amené à y travailler. Pour moi c’était clair qu’un site web comme celui-ci serait très utile en France. C’est le pays qui produit le plus de films en Europe, il y a un vrai besoin.

Sur Facebook, l’espagnol est évoqué…
Oliver Zenglein : L’espagnol est répandu dans le monde comme aucune autre langue. On reçoit souvent des mails d’Amérique du sud qui expriment leur souhait de s’y voir développer quelque chose comme Crew United là-bas.

Parallèlement, on évoque beaucoup l’arrivée de la nouvelle version du site, le « relaunch ». Est-elle reportée ?
Oliver Zenglein : Non, la nouvelle version arrive en premier. On y travaille déjà depuis longtemps et très en détail. C’est pour nous la condition préalable à tous nos prochains développements, la base pour nos activités internationales.

Qu’est-ce qui va changer ?
Oliver Zenglein : Disons-le comme ça : tout sera nouveau ! La technique, le design, l’interface utilisateur, tout sera adapté aux dernières technologies. Et grâce à sa conception en site web adaptatif, en responsive design, Crew United pourra être utilisé avec la même facilité sur les smartphones, les tablettes numériques ou les ordinateurs. Il y aura de nouvelles fonctions, celles existantes seront améliorées, un nouvel outil de recherche et bien plus encore. Lorsque que la nouvelle version sera en ligne, il y aura des mises à jour fréquentes, environ tous les deux mois, de manière à améliorer en permanence le site.

Pas d’application mobile Crew United alors ?
Vincent Lutz : Non, pas d’app. Nous voulons une solution qui soit indépendante des systèmes d’exploitation, qui soit fonctionnelle et avec un affichage agréable sur tous supports. Cela dit, il y aura une app spécifique pour les membres premium pour gérer leur fil d’actualité. Ce flux sera une nouveauté capitale ; mais il n’arrivera dans un deuxième temps, après la nouvelle version. Cela semble un gros investissement, en temps et en argent. La version en anglais de Crew United n’est pas suffisante pour l’Europe ?
Oliver Zenglein : Il n’y a pas vraiment de version en anglais, on a à l’époque juste traduit certaines parties. Dès l’inscription, l’utilisateur est bloqué s’il ne parle pas allemand.

« Log-in », ce n’est pas très compliqué à comprendre. Et ça se traduit vite.
Oliver Zenglein : La nouvelle version sera traduite intégralement en anglais. Chaque bouton, chaque texte. Crew United UK ? Oliver Zenglein : Non, on n’a pas de pays particulier dans notre viseur. Cela doit faciliter l’accès au site et le présenter à ceux qui ne parlent pas allemand.

L’Internet Movie Database (IMDb) se débrouille pas mal avec juste l’anglais comme langue unique.
Vincent Lutz : L’IMDb s’adresse au monde anglo-saxon et constitue un très bon outil pour cet espace. Pour les autres pays, c’est plus difficile en l’absence de véritable vérification rédactionnelle, en soi c’est juste du recopiage de génériques de films. On ne peut pas vraiment comparer les offres, car nous ne sommes pas concurrents : l’IMDb s’enrichit comme Wikipédia : elle s’est crée à l’initiative des fans, donc des spectateurs. Crew United a été pensé dès le début comme un outil et une plate-forme pour les professionnels de la branche audiovisuelle, qui ne tire pas ses informations uniquement de ce que les maisons de productions ont communiqué.
Oliver Zenglein : Sur tous ce que nous entreprenons, nous échangeons avec les associations professionnelles, les commissions du film, les organismes de subvention, les dirigeants de compagnies et tous les autres encore. Cela signifie que nous sommes en contact et dialogue permanent avec la branche professionnelle.

… il y a depuis longtemps une version pro de IMDb…
Vincent Lutz : Encore une fois, qui est bien adaptée au marché nord-américain – du moins pour les projets de type classique long-métrages cinéma, téléfilms, documentaires et courts-métrages. Les vidéo-clips y sont moins favorablement traités, les publicités seulement pour quelques exceptions. Alors que les travailleurs de notre milieu professionnel vivent beaucoup de ce type de projet.

Une raison de plus pour une « vraie » version en anglais.
Oliver Zenglein : C’est sûr, Crew United UK ou Crew United US, ça sonne bien. Mais nous nous concentrons d’abord sur les pays européens.
Vincent Lutz : Il ne suffit pas de traduire une fois – sinon on l’aurait fait depuis longtemps…
Olivier Kluyskens : l’IMDb a essayé par le passé de travailler avec une version en français, mais elle a abandonné. Déjà, il y avait beaucoup à dire sur la qualité de la traduction des termes spécialisés…
Vincent Lutz : Pour nous il s’agit de créer un site web auxquels les collègues français pourront s’identifier. Cela n’est possible qu’avec des personnes de langue maternelles qui connaissent la branche professionnelle. Comme cela été le cas pour nous.

Olivier ne restera alors pas le seul employé dédié à la France ?
Oliver Zenglein : On agit sur le long terme. Tout d’abord, Olivier doit avoir un temps d’adaptation pour maîtriser l’outil. On compte sur une année environ pour qu’il ait une véritable routine dans le traitement rédactionnel – il devra alors recruter et former une équipe française qu’il dirigera. Donc dans un deuxième temps on s’attellera à l’assemblage de cette équipe.

… pas encore de date limite de candidature connue ?
Oliver Zenglein : … non, s’il vous plaît, n’envoyez pas déjà des candidatures ! Il ne nous est pas possible de prévoir aussi loin. Et puis troisièmement, il nous faut financer cela.
Vincent Lutz : On a besoin d’une équipe de trois personnes au moins. Cela dépend du financement. On doit tout d’abord observer l’influence du lancement de la nouvelle version sur le nombres d’abonnés, si les techniciens, artistes et entreprises concernés des pays francophones seront aussi prompts à souscrire à notre offre qu’ici en Allemagne.

Un réseau professionnel qui traverse les frontières – cela doit plaire à Bruxelles et Strasbourg ?
Vincent Lutz : Nous allons effectivement demander pour notre développement européen un soutien de la part du programme Media, au printemps prochain. Nous aurons normalement une réponse en juillet 2018, et d’ici-là, nous pourrons également observer les premiers résultats de notre « relaunch » et les premières réactions sur le marché français. Nous évaluerons les potentialités de nos ambitions européennes. Il est très probable que nous nous considérerons d’autres pays européens. Cela n’arrivera peut-être qu’à l’automne, ou au printemps 2019. On ne se met pas de pression.
Oliver Zenglein : J’aime beaucoup l’idée qu’un jour, on travaillera ici avec beaucoup d’employés de pays très variés. Un réseau européen.

Traduction: Olivier Kluyskens

 

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La belle équipe

Es lebe Frankreich (von links nach rechts): ­Oliver Zenglein, Olivier Kluyskens und Vincent Lutz. | Foto: Crew United

­Es lebe Frankreich (von links nach rechts): ­Oliver Zenglein, Olivier Kluyskens und Vincent Lutz. | Foto: Crew United

„Begrüßt bitte ganz herzlich Olivier ­Kluyskens!“ wurde neulich auf Facebook der Neue bei Crew United vorgestellt. Er ist der erste ­eines Teams, das 2018/2019 Crew United Frankreich launchen wird. Was es damit auf sich hat, verraten Kluyskens und die Crew-United-Geschäftsführer Vincent Lutz und ­Oliver Zenglein.

Ein kurzer Post, der vieles andeutet. Was hat es mit Crew United Frankreich auf sich?
Oliver Zenglein: Es ist im Grunde ein logischer Schritt. Frankreich hat die größte Filmwirtschaft des Kontinents, und wir haben jetzt schon viele Überschneidungen. Deutsch-französische Koproduktionen sind längst keine Ausnahme mehr und werden immer wichtiger, es gibt ein gemeinsames Förderabkommen und Zusammenarbeit zwischen Filmhochschulen. Da habe ich von persönlichen Vorlieben und überhaupt einem Respekt vor dem Französischen Film noch gar nicht angefangen.
Vincent Lutz: Schon jetzt nutzen Filmemacher aus Luxemburg und der Schweiz Crew United – auch für die wäre eine auf Frankreich zugeschnittene Version eine gute Erweiterung. Über 20 Jahre lang haben wir mit Crew United ein Netzwerk aufgebaut, das den größten Teil der deutschsprachigen Filmbranche verbindet. Wir hatten dabei immer eine Vision: Europa! Das ist ein schönes Ziel, jetzt ist es greifbar.

In der großen Filmnation Frankreich gibt es keine vergleichbare Plattform für Filmschaffende?
Olivier Kluyskens: Es gibt keine zentrale Stelle, die das anbietet, was Crew United macht. Freelancer zu für ein Projekt zu suchen, basiert auf dem persönlichen Netzwerk. Du musst deine Kontakte durchtelefonieren … Weiterlesen

Olivier, Du bist Franzose …
Olivier Kluyskens: Ich bin Frankreich geboren, habe in Paris an der ENS Louis Lumière studiert und meine ersten Schritte in die Filmwelt gemacht – als Motivaufnahmeleiter, Aufnahmeleiter und Regieassistent. Schon in Frankreich hatte ich an deutschen und deutsch-französischen Produktionen mitgearbeitet.
Als Freelancer hatte ich schon gemerkt, dass mir etwas fehlt. In meiner Freizeit hatte ich mich mit Filmdatenbanken beschäftigt. Als ich vor vier Jahren mit 30 nach Deutschland kam, habe ich Crew United entdeckt und bin ein begeisterter Member geworden, ehe ich Mitarbeiter wurde. Ich habe sofort gefunden, dass eine solche Webseite in Frankreich gebraucht wird. Die französische Filmbranche ist die produktivste in Europa und hätte ein großes Bedürfnis danach.

Auf Facebook war da außerdem von Spanisch die Rede …
Oliver Zenglein: Spanisch hat eben eine unvergleichliche Reichweite. Wir erhalten oft E-Mails aus Südamerika, die auch gerne so etwas wie Crew United hätten.

Zugleich ist die Rede vom Relaunch der Website. Ist das aufgeschoben?
Oliver Zenglein: Nein, der Relaunch kommt zuerst. Daran arbeiten wir schon lange und gründlich. Die neue Version ist die Voraussetzung für alles, was noch kommen soll. Sie ist die Grundlage für alle internationalen Aktivitäten.

Was wird anders?
Oliver Zenglein: Sagen wir mal so: Alles wird neu! Technik, Design, Benutzerführung, einfach alles wird auf den neuesten Stand der Technik gebracht. Und durch ein durchgängiges Responsive Webdesign wird die Nutzung auf Crew United mit dem Smartphone genauso viel Spaß machen wie mit dem Tablet oder einem Desktop-Computer.
Darüber hinaus wird es viele neue und verbesserte Funktionen geben, eine komplett neue Suchtechnik und vieles mehr. Und ab dem Relaunch wollen wir dann dauerhaft ungefähr alle zwei Monate Updates veröffentlichen und uns so ständig verbessern.

Also keine Crew-United-App?
Vincent Lutz: Nein, keine App. Wir wollen eine Lösung, die betriebssystemunabhängig ist und überall gut aussieht und gut funktioniert. Für Premium Member wird es aber eine tatsächlich eine App geben, um den personalisierten Premium-Newsfeed zu verwalten und informiert zu werden. Dieser Newsfeed wird eine große und einschneidende Neuerung sein; er wird aber erst in einem zweiten Schritt einige Monate nach dem Relaunch kommen.

Das klingt nach viel Aufwand, Zeit und Geld. Reicht für Europa nicht die englische Version von Crew United, die es schon gibt?
Oliver Zenglein: Das ist keine echte Version, wir haben damals nur Teile übersetzt. Das fängt schon beim Einloggen an: Dazu muss man Deutsch können.

„Log-in“ ist eigentlich nicht schwer zu verstehen. Und ließe sich auch rasch übersetzen.
Oliver Zenglein: Die neue Version wird tatsächlich vollständig auf Englisch übersetzt sein. Jeder Button, jeder Text.

Crew United UK?
Oliver Zenglein: Nein, wir haben da kein Land im Fokus. Das soll erstmal auch allen den Zugang erleichtern und Crew United vorstellen, die kein Deutsch können.
Die Internet Movie Database (IMDb) scheint mit Englisch als Hauptsprache gut klarzukommen.
Vincent Lutz: Die IMDb bildet den angelsächsischen Sprachraum sehr gut ab. In den anderen Ländern wird es schon schwieriger, denn für die gibt es keine richtige Redaktion, im Grunde werden die Abspänne der Filme abgetippt. Das ist jetzt kein Konkurrenzvergleich, denn das sind wir nicht: Die IMDb wächst nach dem Wikipedia-Prinzip – ihr Ursprung waren Filmfans, also Zuschauer. Crew United hingegen war von vornherein als Werkzeug und Plattform für die Branche konzipiert worden, in der auch nicht bloß die Angaben der Produktionsfirma allein als Quelle dienen sollte …
Oliver Zenglein: Bei allem, was wir planen, tauschen wir uns ja mit Verbänden, Film Commissions, Förderern, Herstellern und anderen aus. Das heißt, wir sind in ständigem Kontakt und Dialog mit der Branche.

… längst gibt es aber auch eine Pro-Variante der IMDb …
Vincent Lutz: Die wieder sehr gut Nordamerika abdeckt – sofern es um die klassischen Sparten Spiel-, Kurz- und Dokumentarfilm geht. Musikclips hingegen finden schon viel weniger berücksichtigt und Werbespots nur als Ausnahme. Obwohl viele Filmemacher damit ihren Lebensunterhalt verdienen.

Ein Grund mehr für eine „richtige“ englische Version.
Oliver Zenglein: Klar klingt Crew United UK oder Crew United US reizvoll. Aber erstmal konzentrieren wir uns auf die EU-Länder.
Vincent Lutz: Es reicht ja nicht, einfach nur zu übersetzen – sonst hätten wir das schon längst getan …
Olivier Kluyskens: …die IMDb hatte sich auch mal an einer französischen Version versucht, hat das aber wieder aufgegeben. Schon die Übersetzungen waren schlecht.
Vincent Lutz: Es geht darum, eine Seite zu schaffen, mit der sich die französischen Kollegen identifizieren. Das geht nur mit Muttersprachlern, die die Branche kennen. So wie das auch bei uns war.

Olivier bleibt demnach nicht der einzige Mitarbeiter für Frankreich?
Oliver Zenglein: Wir planen dafür längerfristig. Erstens muss sich Olivier ja erstmal einarbeiten. Dafür rechnen wir etwa ein Jahr, in dem er hier in der Redaktion die Routine durchlebt – er soll ja dann ein französisches Team aufbauen und anleiten. Dieses Team müssen wir zweitens erst noch zusammenstellen …

… die Bewerbungsfrist steht noch nicht fest?
Oliver Zenglein: … nein, bitte noch keine Anfragen schicken! So langfristig können wir auch nicht planen. Denn drittens muss sich das auch finanzieren lassen.
Vincent Lutz: Wir brauchen ein Team von mindestens drei Leuten. Das hängt vom Geld ab. Wir werden erst sehen, welche Auswirkungen der Relaunch auf unsere Mitgliederzahlen hatte, und dann ob die französischsprachigen Filmschaffenden das Angebot genauso rasch und gerne annehmen wie hier in Deutschland.

Ein Branchennetzwerk über Ländergrenzen hinweg – so etwas sollte man in Brüssel und Straßburg doch toll finden?
Vincent Lutz: Wir werden für den europäischen Ausbau tatsächlich im kommenden Frühjahr eine Media-Förderung beantragen. Eine Antwort soll im Juli 2018 kommen, und bis dahin wissen wir auch, wie das neue Crew United einschlägt und wie der ersten Reaktionen aus Frankreich sind. Wir werden sehen, wie auf europäischer Ebene gewichtet wird. Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir gleich auch andere europäische Länder berücksichten müssen.. Es kann also sein, dass es erst Herbst wird oder gar Frühjahr 2019. Wir setzen uns da unter keinen Druck.
Oliver Zenglein: Mir gefällt die Vorstellung, dass eines Tages sehr viele Menschen aus allen möglichen Ländern hier zusammenarbeiten. Ein europäisches Netzwerk eben.

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Kann mal jemand an die Zukunft denken?

In welche Zukunft Blickt der Deutsche Film? Klein-Hollywood scheint die Zuschauer jedenfalls nicht zu interessieren. Tom Tykwers Roman­verfilmung Ein Hologramm für den König lockte trotz Starbesetzung gerade mal 212.964 Kinogänger im Lande (ein Fehler übrigens). | Foto © X-Verleih

In welche Zukunft Blickt der Deutsche Film? Klein-Hollywood scheint die Zuschauer jedenfalls nicht zu interessieren. Tom Tykwers Roman­verfilmung Ein Hologramm für den König lockte trotz Starbesetzung gerade mal 212.964 Kinogänger im Lande (ein Fehler übrigens). | Foto © X-Verleih

Wird es bald Obergrenzen für Filme geben? Ein deutsches Protektorat? Einige der einflussreichsten Förderbürokraten Deutschlands haben sich was Neues ausgedacht, und es klingt seltsam bekannt. Die Verantwortlichen der Filmförderungsanstalt, kurz FFA, wollen die „Flut“ an Filmen eindämmen, die über die Kinos hereinbricht. Und sie glauben, dass man angesichts zu vieler günstiger Filme mit Grenzwerten in absoluten Zahlen weiter kommt.

Was denn bitte noch? Auffanglager für „kleine, schwierige Filme“? FFA-Vorstand Peter Dinges hat sich schon mal bereit erklärt, künftig Filme auszusortieren: „Einer muss vorangehen, auch wenn die Selektion eine harte Aufgabe ist“, sagte er vielleicht etwas unbedacht beim Filmtheaterkongress im Mai. Unbedacht nicht nur wegen des CSU-Flüchtlingsabwehr-Klangs, sondern auch, weil die Förderentscheidungen gar nicht seine sind.

Oder macht sich der Vorstand ehrlich, und gesteht ein, dass er nicht nur Verwalter, sondern längst Politiker mit Agenda ist? Das wäre eine folgenschwere Kursänderung. Die FFA ist schließlich eine Institution, die, weil sie das Geld (fast) aller verwaltet, die mit Kinofilmen Umsatz machen, sich immer einen Anstrich von Demokratie und Interessenausgleich gegeben hat. Ganz zu schweigen davon, dass die Gremien, die über die Förderungen entscheiden, noch immer frei in ihren Entscheidungen sind und mit Vernunft, Kinokenntnis und Neugierde fördern sollten. Aber Neugierde für Filme, das klingt in manchen Ohren wohl viel zu gefährlich. Weiterlesen

Die von Dinges zusammen mit FFA-Präsident Bernd Neumann vorbereiteten und Mitte Juni gegen viel Widerstand verabschiedeten Leitlinien schränken die Auswahl nun deutlich ein: Danach sollen nur noch Spielfilme gefördert werden, die mindestens 2,5 Millionen Euro kosten und ein „Potenzial“ von 250.000 Besuchern im Kino haben. Zum Vergleich: 2016 erreichten genau 21 von rund 250 deutschen Filmen solche Zuschauerzahlen [PDF]. Mehr als die Hälfte waren Sequels, Bestseller-Adaptionen oder Remakes. Man muss nicht lange raten, wem für die Zukunft Zuschauer-Potenzial zugestanden werden wird: Wendy 2, Bibi & Tina 5 und irgendwas mit Hape Kerkeling.

Es ist schon bezeichnend, dass die FFA sich ausgerechnet jetzt solch umstrittene Leitlinien gegeben hat: Seit Anfang des Jahres nämlich ist das Gesetz in Kraft, das mit kleineren rotierenden, noch dazu paritätisch besetzten Gremien dafür sorgen soll, dass es bei der Mittelvergabe gerechter und offener zugeht. Entscheidungen also nicht nur nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner getroffen werden. Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat es vorbereitet, der Bundestag hat es beschlossen – das konnte die FFA wohl nicht auf sich sitzen lassen. Nun lässt sie just die Regel einführen, die Experimente weitgehend ausschließt und noch dazu erwiesenermaßen die größte Hürde für Regisseurinnen ist: Nirgends ist der Anteil von Frauen im Regiefach so gering wie bei hochbudgetierten Filmen.

Die FFA kennt die Zahlen, sie hat ja nichts anderes im Kopf. Sie weiß, dass Maria Schraders Vor der Morgenröte“, der 2016 knapp unter den 250.000 Zuschauern blieb, um ein Vielfaches erfolgreicher war als Til Schweigers Tschiller: Off Duty, der knapp darüber gelandet ist. Raten Sie mal, welcher Film mehr Geld aus der Gemeinschaftskasse erhalten hat?

Wenn die FFA jetzt sagt „Klasse statt Masse“, meint sie leider „klotzen, nicht kleckern“. Dabei ist es doch kein Geheimnis, dass ein 8 Millionen Euro teurer Action-Krimi anders bewertet werden muss als das Historien-Tableau für 5,5 Millionen. Und dass Tom Tykwers Bestseller-Verfilmung Ein Hologramm für den König bei 14 Millionen Euro Kosten mit gut 200.000 Zuschauern sich in seinem „Potenzial“ wohl ordentlich verrechnet hat.

Den Ansatz mit absoluten Zahlen moniert auch die Arbeitsgemeinschaft Kino (AG Kino), der Verbund, der in Deutschland die meisten Arthouse- und Programmkinos vertritt. Ein widersprüchlicher Verein: Im internen Newsletter rühmen sie sich einerseits, selbst am Ursprung der Leitlinien beteiligt zu sein. Andererseits kritisieren sie, dass ihr Vorschlag nicht angenommen wurde, Fortsetzungen von der Förderung auszuschließen.

Dabei wäre das nicht nur eine Kleinigkeit, es wäre vermutlich der einzige Weg gewesen, bei den begrenzten Mitteln Slots für Unerwartetes zu garantieren. So aber heißt es auch 2017 wieder: Die Höchstförderung geht an Fack Ju Göhte3“. Unbenommen der Tatsache, dass Sequels beste Chancen bei Länderförderern haben und sie bei der FFA ohnehin über Referenzmittel der früheren Kassenerfolge verfügen.

Warum aber setzt sich dann die AG Kino noch für diese Leitlinien ein? Man könnte etwa hoffen, dass sie dabei helfen, auch künstlerisch ambitionierte Produktionen mit ordentlichen Budgets auszustatten. Doch wahrscheinlicher ist, dass die kleine Kinobetreiberlobby etwas anderes im Auge hat, sie nennt das Stichwort selbst: „Crossover“. Arthouse-Kinos spielen längst regelmäßig kommerzielle Filme mit mehr oder weniger kulturellem Anstrich, Originalversionen aus dem Mainstream, deutsche Komödien oder Wohlfühlkino aus Frankreich.

Da können Filme, die nicht von vornherein den großen Erfolg versprechen, lästig werden. Also ab mit den anspruchsvolleren (und deshalb schwieriger zu finanzierenden) Filmen an den Katzentisch: Ihnen soll es reichen, bei der Kulturstaatsministerin Monika Grütters (kurz BKM) eine Chance auf Förderung zu haben, schreibt die AG Kino. Und Dinges sieht die FFA endlich davon befreit, „BKM-Aufgaben [zu] übernehmen“.

Die Kultur hier, die Wirtschaft dort? Das unterstellt, dass kleinere Filme nicht genauso mehrere Finanzierer brauchen – und propagiert, dass nur Filmklotze wirtschaftlich sind. Anstatt sich zu freuen, dass der Bund kompensiert, wo die Länderförderer für Künstlerisches ausfallen, will sich die FFA noch weiter aus ihrer Verantwortung eines Marktausgleichs stehlen. Die Kleinen wird es ohnehin immer geben, deshalb lieber eine Umverteilung von unten nach oben. Ja, danke auch. Mit den Worten von Peter Dinges: „Die Vielfalt hat dort ihre Grenzen, wo es zu einer Übersättigung kommt!“ Wer aber ist hier bitteschön satt? Da hilft auch die Alibi-Leitlinie nichts mehr, nach der ein Portfolio-Gedanke bei der FFA beibehalten werden soll.

Wenn sich alte Industrien nach dem Motto „Das Boot ist voll“ abschotten, dann kann man darauf wetten, wie lange es dauern wird, bis sie von der Konkurrenz überholt werden. Bei der überwiegend auf öffentliche Mittel angewiesenen Filmproduktion mag das länger dauern als anderswo. Die Zeichen stehen dennoch auf Wandel, denn natürlich liegt etwas im Argen im deutschen Kino. Wenn sich aber Zuschauer von hiesigen Filmen abwenden, dann doch nicht, weil sie zu wenig Klein-Hollywood sind. Sondern, weil sie ihre Eigenheiten zu selten pflegen. Weil sie verwechselbar, wenn nicht sogar austauschbar sind. Die Hoffnung von Kinobetreibern und Förderern, dass es wieder weniger Filme geben könnte, wie früher, denkt den Medienwandel mit Rückspultaste. Und ignoriert, wie toll es ist, als Zuschauer ein größeres Filmangebot zu haben.

Exklusivität scheint momentan überhaupt en vogue zu sein. So ist in den letzten Monaten die gesamte Kinobranche in Aufruhr geraten – wegen einer doch erst einmal sehr verlockenden Vorstellung: dass die ARD-Mediathek auch aus Neapel, Marseille und Rotterdam frei zugänglich sein könnte. Was bisher nur in einem einzigen Land kostenlos gestreamt werden kann und für alle anderen wegen Geoblocking hinter Ländersperren verschwindet, soll, so die Vorstellung nicht weniger Parlamentarier, allen EU-Bürgern zur Verfügung stehen. Es ist die Rede von einem digitalen Binnenmarkt für die EU. Klingt doch plausibel: Wenn wir es mit der Abschaffung der Grenzen ernst meinen, dann ja wohl auch derer im Netz.

Mit alarmierenden Pressemitteilungen und einer regelrechten Presse-Kampagne haben die verschiedensten Leute davor gewarnt: „Verschenken Sie nichts, was Ihnen nicht gehört!“, rief die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok) den EU-Parlamentariern zu, und die Frankfurter Allgemeine Zeitung titelte „Die EU zerstört Europas Filmwirtschaft“. Die Angst: Europäische Koproduktionen wie Das weiße Band oder Toni Erdmann könnten gar nicht erst finanziert werden, wenn sie keine Lizenzen mehr für einzelne Länder verkaufen könnten. Und nationalen Produktionen breche eine ganz entscheidende Einnahmemöglichkeit weg.

Das stimmt zweifelsohne und liegt vor allem daran, dass Filme in der EU oft erst viele Monate, wenn nicht gar Jahre später im Nachbarland erscheinen, zu einem Zeitpunkt, an dem die Verfügbarkeit in der Mediathek (in aller Regel 24 Monate nach Kinostart, immer öfter aber auch früher) schon in greifbare Nähe rückt.

Wie es so ist, wenn Besitzstand gewahrt werden soll, ist nur leider wenig die Rede von der Zukunft. Viel zu selten geht es um neue Finanzierungsmodelle und, brennender, die Zuschauergewinnung. Man kann sich zurückwünschen in Zeiten, in denen dritte Sender ganz regelmäßig verlässliche Partner von Filmemachern waren. Oder man sucht und schafft Alternativen zu dieser Abhängigkeit.

Am kürzeren Hebel zu sitzen, rächt sich schließlich ein ums andere Mal: Bei den Verträgen mit den Sendern über die Mediatheken-Auswertung müssten Filmhersteller doch ein gewichtiges Wort mitzureden haben. Das wird aber zumindest für die finanzschwächeren Firmen nie der Fall sein, wenn sich nicht insgesamt etwas an der Gemengelage ändert. Und das heißt nicht mehr Geld und Einfluss vom Fernsehen, sondern weniger. Wie wär’s zum Beispiel mit einem direkt von der Haushaltsabgabe gespeisten Kinofilmfonds? Dann macht auch die Freizügigkeit in der EU weniger Angst.

Wäre es nicht ohnehin viel spannender, über die Chancen zu sprechen, die darin schlummern, wenn europaweit Filme zugänglich werden, die bisher viel zu wenig reisen? Es kommt darauf an, Potenziale zu denken – nicht von der Vergangenheit her, sondern von der Zukunft. Das gilt für die FFA, genauso wie für Mediatheken. Den Zuschauern muss dabei nichts geschenkt werden, aber etwas geboten bekommen sollten sie schon.

 

Frédéric Jaeger hält in seiner Kolumne auf Spiegel online  vier Mal im Jahr Rückschau auf das vergangene Quartal in der Filmbranche. Diese Folge erschien am 11. Juli 2016. Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Spiegel online.

 

 

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Cinema Moralia – Folge 158: Lasst viele kleine Filme blühen!

Stünde der FFA auch weiterhin gut zu Gesicht: Valeska Grisebachs „Western“

Wo bleibt der Kino-Maoismus? Die Verant­wor­tung zur Förderung des kulturell anspruchs­vollen Films gilt für alle Förderer, die Jan-Weiler-Methode und endlich eine Talkshow ohne Bosbach – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 158. Folge

Es war eine lustige, über­ra­schende Pres­se­mit­tei­lung, die uns Mittwoch von Kultur­staats­mi­nis­terin Monika Grütters zuge­schickt wurde, direkt vor der Sommer­party des »großen« der beiden Produ­zen­ten­ver­bände, der Allianz.
»Verant­wor­tung zur Förderung des kulturell anspruchs­vollen Films gilt für alle Förderer« war sie über­schrieben, und in der Unter­zeile sehr fein, fast schon poetisch: »Aus Anlass der anhal­tenden Diskus­sion um eine vor kurzem verän­derte Förder­praxis der Film­för­de­rungs­an­stalt (FFA) und des heutigen Treffens der Produ­zen­ten­al­lianz in Berlin erklärte die Staats­mi­nis­terin für Kultur und Medien Monika Grütters«.
Das Wort »eine« gefällt mir darin am besten.
Aber was hat Grütters erklärt? In gerade von ihr bislang unge­wohnter Deut­lich­keit schreibt die Staats­mi­nis­terin: »Die ange­strebte zukünftig sehr viel stärkere Ausrich­tung der FFA an rein wirt­schaft­li­chen Kriterien bei der Entschei­dung über die Förderung eines Film­pro­jekts halte ich für falsch. Ein solcher Förder­an­satz wird dem deutschen Kinofilm als Kultur- und Wirt­schaftsgut in seiner Vielfalt nicht gerecht und ist kultur­po­li­tisch auch nicht geboten.«
Ein Affront und eine offene Attacke auf FFA-Chef Peter Dinges und nicht zuletzt auch auf ihren Vorgänger, Ex-Kultur­staats­mi­nister Bernd Neumann, der jetzt Chef des FFA-Verwal­tungs­rats ist. Recht hat sie!
Wir würden jetzt gerne »Gut so, Frau Grütters!« jubeln, wären da nicht… ein paar Fragen und Gedanken.
+ + +
Denn wie weit hat eigent­lich die Minis­terin selbst mit ihrer Politik dazu beige­tragen, dass sich nicht mehr alle sicher sind, ob es eigent­lich noch irgendwem noch um kultu­relle Film­för­de­rung geht? Dass, salopp gesagt, die Anwälte der Industrie, des Films als Wirt­schaftsgut Morgen­luft schnup­pern.
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Es fließt mehr Geld in den deutschen Film, das stimmt. Das war auch höchste Zeit. Es ist zwar immer noch viel zu wenig Geld, vergli­chen mit anderen Bereichen der Kultur­po­litik, aber immerhin.
Nur fließt dieses Geld einseitig in die Wirt­schafts­för­de­rung. Grütters verweist auf die »massive Aufsto­ckung der kultu­rellen Film­för­de­rung in meinem Etat um zusätz­liche 15 Mio. Euro jährlich«. Sie verschweigt aber die zusätz­li­chen Millio­nen­stei­ge­rungen im DFF, die den Vorrang der Wirt­schafts­för­de­rung fest­schreiben; ; sie verschweigt, dass auch die so genannte kultu­relle Film­för­de­rung des BKM mit erwar­teten »Zuschau­er­zahlen« und den Gummi­wör­tern
»Erfolgs­aus­sichten« und »Relevanz argu­men­tiert; sie verschweigt, dass sie nichts getan hat, um den Einfluss der Fern­seh­sender zu redu­zieren, oder gleich ganz zu streichen – obwohl sie genau weiß, dass sich die aus Haus­halts­zwangs­ab­gaben (für die ich bin) finan­zierten Sender de facto nahezu komplett aus der Film­fi­nan­zie­rung zurück­ziehen.

+ + +

Man muss das ja nicht gut so finden. Aber jahrelang war die Politik des BKM darauf ausge­richtet, die zwei Säulen Kultur und Wirt­schaft mitein­ander zu verschränken. De facto bedeutete das ziemliche Willkür der Förderer, deren Entschei­dungen objektiv kaum über­prüfbar waren. Das wurde viel kriti­siert, bot den Betei­ligten aber immerhin Spiel­räume. Seit Grütters Amts­an­tritt ist die Tendenz klar: Sie versucht, beide Felder zu trennen, und tenden­ziell gegen­ein­ander in Stellung zu bringen. Die Kriterien sollen verob­jek­ti­viert werden. Mit Controller-Menta­lität kommt man aber in Kultur­fragen überhaupt nicht weiter.

+ + +

So erscheint dieser Kampf der Förder­häupt­linge vor allem als Ener­gie­ver­schwen­dung, als eine jener typischen Schein­de­batten des deutschen Films: Man redet über Vertei­lung und das Verhältnis von Kultur und Wirt­schaft. Man redet nicht darüber, was für ein Kino man will, man redet nicht über recht­liche Frag­wür­dig­keiten des ganzen Modells (Wirt­schafts-Subven­tionen sind nach EU-Recht verboten, es klagt nur keiner). Vor allem redet man nicht darüber, dass es die viel­be­schwo­rene Wirt­schaft gar nicht gibt. Den Begriff »Deutsche Film­in­dus­trie« muss man immer in Anfüh­rungs­zei­chen schreiben. Denn die wenigsten dieser Indus­tri­ellen bekommen für ihre Projekte einen Bank­kredit, wie ihn jeder anstän­dige Metz­ger­meister bekommt, wenn er eine neue Wurst­ma­schine kaufen will. Die Film­würste sind den Banken in der Regel zu unsicher. Darum gibt es Film­för­de­rung. Mindes­tens 93%, nach verläss­li­chen Angaben sogar 97% der Film­för­de­rung werden nicht zurück­ge­zahlt, sind also Subven­tionen. Dagegen ist gar nichts zu sagen, würde das Geld tatsäch­lich zur Förderung von Kultur einge­setzt. Als Förderung der Film-Groß«industrie« ist es ein Schlag ins Gesicht aller unab­hän­gigen mittleren und kleinen Produ­zenten.

+ + +

Es ist gut und richtig, dass die FFA etwas Neues probieren will. Nur: Warum bedeutet Neuerung, dass man den Großen noch mehr Geld gibt, den Kleinen gar nichts? Warum tut man so, als stünden hinter der üblichen Antrags­poesie, in der jeder Film »mit Sicher­heit« »auf ein breites Publikum trifft« und »wir mit mindes­tens 200.000 bis 250.000 Zuschauern und der Premiere auf einem A-Festival rechnen« irgend­etwas anderes steht als fromme Wünsche oder offene Lügen? Im Jahr 2016 hatten von 25 deutschen Filmen nur 21 Produk­tionen mehr als 250.000 Zuschauer.
Warum also setzt die FFA auf noch mehr Einfalt, statt endlich auf Vielfalt?
Wenn man wirklich etwa Neues will, dann würde ich es mal mit dem Motto von Chairman Mao Tse-tung probieren: »Lasst viele bunte Blumen blühen!« Anstatt zum Beispiel 100 Millionen auf 10 Filme zu verteilen, könnte man 100 Filmen je 1 Million geben. Die Erfolgs­chancen würde das steigern, pro einge­setztem Euro würde mehr Filmkunst entstehen. Denn auch wirt­schaft­lich rechnet sich die »Spit­zen­för­de­rung« nicht wirklich: Ein richtiger Flop und zehn Millionen sind verbrannt, man hat aber nur einen Film.
Wie Grütters schreibt: »Auch ein deutscher Film, dem weniger als poten­tiell 250.000 Zuschauer zugetraut werden, kann ein kultu­reller aber auch ein wirt­schaft­lich erfolg­rei­cher Film sein. Beides zu erfüllen, mit Mut zum kreativen Risiko, sollte weiterhin unser Ziel sein. Die sehr erfreu­li­chen deutschen Beiträge und Erfolge in den letzten Jahren in Cannes zeigen dies deutlich. Die Förderung von Filmen wie Maren Ades Toni Erdmann oder auch Fatih Akins Aus dem Nichts oder Valeska Grise­bachs Western stünden auch der FFA weiterhin gut zu Gesicht.«

+ + +

Aber das sind erstmal schöne Worte. Eigent­lich, so scheint es, möchte die Minis­terin eine Flur­be­rei­ni­gung in der deutschen Kino­land­schaft. Sie möchte offenbar mit dem kompli­zierten Argument der angeb­li­chen »Film­schwemme« die unab­hän­gigen mittleren und kleinen Produ­zenten an die Wand fahren lassen, und in die Insolvenz treiben.
Die Sender machen da gerne mit.
Wie ihre Politik in der Praxis dem behaup­teten Ziel dienen soll, »ein Mehr an kreativer Unab­hän­gig­keit zu gewähr­leisten und kulturell anspruchs­volle, inno­va­tive und auch expe­ri­men­telle Filme noch besser zu fördern«, hat Grütters noch nicht schlüssig erklärt.

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A propos Cannes: Während Grütters mit Artur Brauner auf dem Sofa saß, und dadurch auch vor lästigen Lobby­isten etwas geschützt war, und während der liebe Gott wie jedes Jahr das »Sommer­fest« der Allianz mit Dauer­regen kommen­tierte – zumindest er ist offenbar kein Fan des deutschen Films – liefen auf einer großen Videowand in Dauer­schleife Bilder aus Cannes. Es ist doch inter­es­sant, dass selbst der Kern der Branche sich offenbar nur an Cannes ausrichtet, wo deren Filme nur selten laufen. Und dass mit Bildern von der Berlinale offenbar kein Staat zu machen ist.

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Jan Weiler, einst Co-Chef im SZ-Magazin, und dann wegen der nie geführten Inter­views von Tom Kummer zurück­ge­treten, verdient seither bekannt­lich nicht schlecht damit, seine Familie in Form auto­bio­gra­phisch inspi­rierter »Romane« zu vermarkten: Die auch verfilmten Maria, ihm schmeckt’s nicht und Antonio, ihm schmeckt’s nicht!, In meinem kleinen Land, die Stern/WamS/BR 2-Kolumne Mein Leben als Mensch, und schließ­lich Das Pubertier, seit letzter Woche auch von Leander Hausmann verfilmt im Kino. Offenbar gefällt die Jan-Weiler-Methode nicht allen.
Wie uns auf dem Filmfest München erzählt wurde, hat Jan Weilers in Buch und Film portrai­tierte Tochter vor Dreh­be­ginn höchst­selbst bei Leander Hausmann angerufen: Sie möchte, dass ihr Vater nicht zu gut wegkommt. »Mach Dir mal keine Sorgen.« Angeblich hatte die Tochter gegen das Ausschlachten ihrer Pubertät daheim protes­tiert und daraufhin zu hören bekommen: »Dafür hast Du ‘nen Pool.« Erziehung 2017.

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Das sollte er öfters tun: Wolfgang Bosbach hat eine Talkshow verlassen. Welch’ eine Erholung. Was Sandra Maisch­berger, Maybrit Illner und selbst Anne Will nie gelang, schaffte Jutta Ditfurth. Im Gespräch über die G20-Proteste blieben dem sola­ri­um­braunen CDU-Popu­listen die Argumente weg, darum hatte er fertig und floh vor den ARD-Kameras.
Bemer­kens­wert an der Sendung war, dass wenigs­tens Maisch­berger an einer offenen Debatte inter­es­siert war, und auch den radikalen Protestler eine Stimme gab, sich für deren Argumente inter­es­sierte.
Nicht so die meisten Bericht­erstatter: Nichts nervt an der G20 Bericht­erstat­tung mehr, als die einsei­tige Partei­nahme vieler für Polizei, Stadt­re­gie­rung und gegen die Demons­tranten. Ein Beispiel für das Main­strea­ming der Medien: Man berichtet am Frei­tag­morgen, in der Nacht habe es »sechs verletzte Poli­zisten« gegeben, und am Sams­tag­morgen, am Vortag habe es »mindes­tens 213 verletzte Poli­zisten« gegeben. In beiden Fällen wird aber nicht berichtet, wieviel verletzte Demons­tranten oder auch nur »normale Bürger« es gab. Warum? Die Nacht auf Samstag ist in den gleichen Medien eine »Schre­ckens­nacht«. Sie ist keine »Krawall­nacht«, schon gar keine »Protest­nacht«.
Pegida-Demons­tranten, AfD-Wähler und Flücht­lings­heim-Randa­lierer sind »besorgte Bürger«, nicht so die G20-Protestler.
Nicht einmal Ansatz­weise erlebt man Vers­tändnis für das Unfried­liche. Wer sich auf dem Maidan mit Poli­zisten prügelt, wird gelobt, paläs­ti­nen­si­sche Stei­ne­werfer werden mindes­tens verstanden, gewalt­samer Wider­stand gegen Dikta­turen sowieso, aber plötzlich ist Gewalt immer schlecht, und es heißt »Demo­kratie und Gewalt schließen sich aus.« So ein Unsinn. Die Autoren haben wohl tatsäch­lich noch nie etwas gehört von den Tradi­tionen des Ille­ga­lismus, des Situa­tio­nismus, des Insur­rek­tio­na­lismus, oder vom »poeti­schen Terro­rismus« eines Hakim Bey.

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Bemer­kens­werte Ausnahme: Der bürger­liche, aber eben auch frei­heit­liche »Tages­spiegel«: Der absurde Hamburger Einsatz­leiter Hartmut Dudde, der vom rechts­ra­di­kalen Senator Schill geför­derte Schöpfer der über­harten »Hamburger Linie«, die auch in Poli­zei­kreisen umstritten ist, wird vom »Tages­spiegel« als »Mann fürs Grobe« portrai­tiert, der »bereits vor Beginn des Woche­n­endes eine fatale Wirkung erzeugte«, indem er fried­liche Zeltlager räumen ließ, Gerichts­be­schlüsse höchst einseitig und will­kür­lich inter­pre­tierte, bezie­hungs­weise deren Geist unterlief. So verlor der Staat den Kampf um die öffent­liche Meinung. »Was ist das für ein Staat, der wegen ein paar Lagen Polyester und Zelt­stangen so austickt?« (Tages­spiegel) So wurde die Eska­la­tion herauf­be­schworen, der Rechts­staat auch im Empfinden vieler Bürger außer Kraft gesetzt.
Das kam bei Maisch­berger zu Recht zur Sprache und war für Bosbach uner­träg­lich.

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Tschüss Rechts­staat: Es ist mir zwar nicht egal, aber auch keines­wegs die Haupt­sorge, wenn in Hamburg Mülleimer oder Autos abge­fa­ckelt werden, wenn zugleich der Staat so reagiert, wie er reagiert hat. Mit Poli­zei­willkür und Aussper­rung der Pres­se­ver­treter. Geklärt werden muss die Frage, wie es sein kann, dass das Bundes­pres­seamt während der Protest­woche bereits erteilte Akkre­di­tie­rungen zurück­zieht und den betrof­fenen Kolle­ginnen und Kollegen die Bericht­erstat­tung über den Gipfel untersagt. Gibt es Gründe, dann müssen sie veröf­fent­licht werdem ansonsten darf so etwas nicht wieder vorkommen. Dass dann schwarze Listen über die Bericht­erstatter vom türki­schen Auto­kraten Erdogan stammen, ist mehr eine Fußnote am rechten Rand.
Der Schutz der Meinungs- und Pres­se­frei­heit ist genauso wichtig wie der Schutz des Eigentums. Nur reden wir leider zu viel übers Eigentum, und zu wenig über Meinungs- und Pres­se­frei­heit.
Der Münchner Autor und Büchner-Preis­träger Rainald Goetz war da in Bezig auf Staat und Presse bereits 1978 weiter als Wolfgang Bosbach und Heiko Maas: in dem Text »Privi­le­gien, Anpassung, Wider­stand«, den er 1978, im Kursbuch 54, kurz nach dem »Deutschen Herbst« schrieb, heißt es:
»Als ob es nicht gerade diese Alter­na­tiv­lo­sig­keit wäre, die uns an system­im­ma­nenten Lösungen radikal zweifeln lässt. Welche, wenn nicht solche Erfah­rungen, solche unzu­rei­chenden Antworten, solch exem­pla­ri­sches Unver­s­tändnis treiben die jungen Leute, einige wenigs­tens, stück­weise in die poli­ti­sche Krimi­na­lität, oder zumindest in ein hand­festes Sympa­thi­san­tentum? Denn der poli­ti­sche Wahnsinn des Terrors verliert ange­sichts des staat­li­chen Wahnsinns der Reaktion viel von seinem scheuß­li­chen Gesicht.«

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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