Zeit zum Träumen

Mit einem Lied präsentierte sich Nadine Wrietz 2011 und gewann den ersten SMS-Wettbewerb – an Weihnachten kommt sie als Hauptrolle ins Kino. Florian Hacke suchte 2013 ­vergeblich nach seinem Dialekt, ­gewann damit aber den Wettbewerb. Florentine Schara verzweifelte 2015 am Telefon an der Liebe, seither steht die Theaterschauspielerin mehr und mehr vor der Kamera (links). | Fotos © Mirjam Knickriem | Nick Arthur Daniel | Joachim Gern

Mit einem Lied präsentierte sich Nadine Wrietz 2011 und gewann den ersten SMS-Wettbewerb – an Weihnachten kommt sie als Hauptrolle ins Kino. Florian Hacke suchte 2013 ­vergeblich nach seinem Dialekt, ­gewann damit aber den Wettbewerb. Florentine Schara verzweifelte 2015 am Telefon an der Liebe, seither steht die Theaterschauspielerin mehr und mehr vor der Kamera (links). | Fotos © Mirjam Knickriem | Nick Arthur Daniel | Joachim Gern

Frau Wrietz, hat sich durch den SMS-Gewinn etwas verändert?

Es hat sich wahnsinnig viel für mich geändert. Nach dem Shorty-Gewinn waren viele Caster sehr neugierig auf mich, haben mich viel vorgeschlagen und mir ihr Vertrauen geschenkt, das ich versucht habe, Rolle für Rolle nicht zu enttäuschen. Ich durfte gleich im ersten Jahr wahnsinnig viel drehen. Fast immer Tagesrollen, in denen ich aber oft für den betreffenden Film prägnante Szenen spielen durfte. So hab ich viel Material sammeln können für ein neues, ganz aktuelles und facettenreiches Showreel, das mir wiederum sehr geholfen hat, besetzt zu werden.
Seit dem Gewinn damals durfte ich mittlerweile in über 50 sehr unterschiedlichen Produktionen mitspielen. Davon viel Kino und in den letzten zwei, drei Jahren immer größer werdende Rollen. Ich bin mittlerweile fest im Hauptcast einer RTL-Serie, war auf dem Traumschiff und werde von der Agentur Schlag vertreten. Im letzten Winter habe ich neben Elyas M’Barek und Philipp Schwarz meine erste Kinohauptrolle unter der Regie von Marc Rothemund drehen dürfen. Der Film heißt Dieses bescheuerte Herz und kommt Weihnachten 2017 in die Kinos.
Das ist zwar nur eine Momentaufnahme, und mir ist bewusst, dass das jederzeit wieder vorbei sein kann, wie schon mal in den Jahren vor dem SMS-Festival, aber umso glücklicher bin ich über die jetzige Situation. Bis heute werde ich regelmäßig auf das Shorty von 2011 angesprochen. Von Kollegen und Castern, auch Regisseuren und Produzenten und bin immer wieder baff, wie viel es gesehen wurde und offenbar einen Nerv getroffen hat. Darauf bin ich sehr stolz. Weiterlesen

Das Konzept ist ja eher ungewohnt. Was gab Ihnen den Anstoß, mitzumachen?

Bevor ich damals den 1. Preis gewonnen habe, hatte ich fast drei Jahre keinen einzigen Drehtag. Ich musste mehrere Jobs anzunehmen, um zu überleben und habe mich mehr und mehr dabei verzettelt. Es heißt immer, Schauspieler brauchen ein zweites Standbein, um nicht so abhängig zu sein. Für mich funktioniert das nicht so gut. Ich war abends nach der Arbeit immer so fertig, dass ich keine Kraft mehr hatte, kreativ zu sein oder Caster um ein Treffen zu bitten. Wenn ich dann abends völlig erledigt Fernsehen geguckt habe, dachte ich immer, boah, die drehen alle, wie machen die das nur, was kann ich nur machen …
Im März 2011 beschloss ich dann, meinen damaligen Job zu kündigen, um mich für ein paar Monate nur der Schauspielerei zu widmen beziehungsweise dem Business dahinter, ich wollte alles dafür tun, das in meiner Macht stand. Gekündigt hab ich mit den Worten: »Wenn ich das jetzt nicht nochmal probiere, wird das nix mehr.« Ein paar Tage später hatte ich den Aufruf zum 1. Self-Made-Shorty-Wettbewerb in meinem Postfach und wusste sofort, das mach ich!
Mein Showreel damals war veraltet, und ich hatte ja drei Jahre kein neues Material sammeln können. Ein Teufelskreis, aus dem ich ohne mein Shorty wohl nie rausgekommen wäre.

Für einen Shorty braucht’s ein kleines Drehbuch, eine Kamera, vielleicht auch etwas Make-up … wie war der Einblick in die anderen Gewerke?

Ich hatte in den Jahren vor meiner »Durststrecke« einigermaßen viel gedreht und hab’ mich schon immer viel für andere Gewerke interessiert, wie Schnitt, aber auch Ausstattung, aber ich hab’ schnell festgestellt, dass wenn man alles alleine macht, ständig Abstriche machen muss … Niemand da, der dir einen Aufheller für die Augen hinhält; zwischendurch abpudern – musste ich selber dran denken; jemand, der die Schärfen zieht – gibt es nicht; also musste ich Einstellungen finden, in denen ich den Abstand zur Kamera immer gleich halte. Der Ton, das war fast die größte Herausforderung. Ich wusste, dass ich selber alleine kaum einen guten Ton hinkriegen würde, deswegen kam ich überhaupt nur auf die Idee mit dem Lied, so musste ich mich darum nicht mehr kümmern, ich hatte ja ein Vollplayback.
Aus diesen Erfahrungen hab’ ich noch mehr Wertschätzung mitgenommen für alle Departments. Heute stehe ich manchmal am Set und denke mir, krass, damit wir jetzt 40 Sekunden Material drehen können, sind mindestens 20 Leute total auf diese 40 Sekunden konzentriert, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Drehen ist Teamwork total.

Was war die größte Hürde beim Mitmachen?

Es war davon die Rede, dass eine tolle Jury von Castern und Produzenten alle Einreichungen sichten würde. Die drei Minuten, die man also hatte, um sich zu präsentieren, wollte ich bestmöglich nutzen. Das hat mir ziemlich Druck gemacht, weil ich unsicher war, wie das wohl ankommen würde, ein Lied mit Video über mich. Ständig muss man sich entscheiden … Für diese Textzeile, gegen jene Einstellung. Das ist schwer, ganz allein. Später kam noch etwas hinzu. Die Technik beim schneiden und umwandeln. Da hab’ ich, glaub’ ich, zwei Tage lang nur darauf verwendet, rauszufinden, mit welchem Codec-Frame-Bitrate-Blabla ich das beste Ergebnis erzielen würde. Gleichzeitig hat mich das für alle E-Castings, die noch folgen sollten, sehr gut aufgestellt.

Sehen Sie einen Unterschied zu anderen Wettbewerben?

Besonders im ersten Jahr hatte man die größtmögliche Freiheit, sich in diesem Rahmen zu zeigen, in den Jahren danach wurde ein Thema gestellt, an dem man sich abarbeiten konnte. Für mich war super, dass ich ganz frei war.
Ich kenne sonst gar keine anderen Wettbewerbe. Höchstens vom BFFS »Ungeschminkt«. Diese Beiträge finde ich oft sehr gelungen und witzig.

***

Herr Hacke, hat sich durch den SMS-Gewinn etwas verändert?

Ich habe viele Leute kennengelernt und bin ziemlich gut vernetzt, aber da ich durchgängig fest an verschiedenen Theatern engagiert war, war ich nicht sehr flexibel. Jetzt war ich in Elternzeit, habe drei Kilo zugenommen, und eine Casterin sagte mir, so könne sie mich nur als Hausmeister oder besten Freund besetzen. Unter anderem darüber habe ich einen Soloabend geschrieben, der jetzt im Mai Premiere hat.

Das Konzept ist ja eher ungewohnt. Was gab Ihnen den Anstoß, mitzumachen?

Ich hatte Lungenentzündung, lag sehr lange im Bett und dachte: Toll, kein Dialekt, kein Heimat-SMS. Meine Frau sagte dann: Schreib halt darüber!

Für einen Shorty braucht’s ein kleines Drehbuch, eine Kamera, vielleicht auch etwas Make-up … wie war der Einblick in die anderen Gewerke? Das war das Beste. Wir haben viele Freunde und Kollegen mobilisiert, und ich habe gelernt, wie man im Schnitt alles retten kann.

Was war die größte Hürde beim Mitmachen?

Die Szene mit meiner Mutter mussten wir fast vierhundertmal drehen, weil wir immer schreien mussten vor Lachen.

Sehen Sie einen Unterschied zu anderen Wettbewerben?

Dass Schauspieler mal nicht zuletzt zu einem Projekt dazukommen, sondern von der ersten Idee an verantwortlich sind – das finde ich gut.

***

Frau Schara, hat sich durch den SMS-Gewinn etwas verändert?

Für mich hat sich durch den SMS Gewinn viel verändert. Ich habe vorher vornehmlich Theater gespielt, seit dem Shorty stehe ich nun auch vor der Kamera, bin in einer Agentur und habe meinen ersten Tatort gedreht. Außerdem kam es in den letzten beiden Jahren öfter vor, dass mich wildfremde Kollegen mit »Du bist doch die mit der Katze, oder?« angesprochen haben – das freut mich dann schon auch, dass der Shorty so eine unmittelbare Resonanz hat.

Das Konzept ist ja eher ungewohnt. Was gab Ihnen den Anstoß, mitzumachen?

Ich hatte mir zum Zeitpunkt der Ausschreibung ohnehin vorgenommen, etwas Eigenes fürs Demoband zu drehen. Als mir ein Freund von den Self Made Shorties erzählte, empfand ich das als prima Motivation, Gedanken in Taten umzusetzen – denn dabei hilft es ja enorm, eine klare Deadline zu haben und ein vorgegebenes Thema. Und das Konzept, als Schauspielerin eine total eigene Vision umsetzen zu können, fand ich extrem reizvoll.

Für einen Shorty braucht’s ein kleines Drehbuch, eine Kamera, vielleicht auch etwas Make-up … wie war der Einblick in die anderen Gewerke?

Die Frage ist nicht so leicht zu beantworten, weil ich, glaube ich, nicht wirklich im klassischen Sinn rangegangen bin, sondern mir die anderen Gewerke mit den Mitteln einer Schauspielerin erschlossen habe. Bei mir gab es nur eine Kameraeinstellung, der Einblick in das Gewerk fiel also eher bescheiden aus. Ich habe mich auch nicht an den Schreibtisch gesetzt und an einem Drehbuch geschrieben, sondern einer Freundin im Vorfeld improvisierte Interviews aus der Rolle heraus gegeben, die dann schließlich in verdichteter Form zum Drei-Minuten-Shorty wurden. Es hat mir großen Spaß gemacht, zu überlegen, wie meine Figur wohl wohnt, was sie anzieht und wie sie sich schminkt, aber das sind Dinge, mit denen ich mich bei jeder Rolle, die ich vorbereite, beschäftige. Mit dem Unterschied, dass ich bei dem Shorty die alleinige Entscheidungsgewalt hatte, mich dafür aber auch um alles selbst kümmern musste.

Was war die größte Hürde beim Mitmachen?

Da gab es zwei gedankliche Hürden: einmal den Respekt vor den technischen Anforderungen wie Kamera, Licht, Schnitt etc. und damit verbundenen Kosten. Diese Hürde habe ich umschifft, indem ich mir zum Dogma gemacht habe, ohne technischen Aufwand auszukommen und die drei Minuten ohne Schnitt zu erzählen, was gleichzeitig spielerisch ein großer Ansporn war. Und dann natürlich die Hürde, die wir, glaube ich, alle gut kennen: Wenn mir soviel Freiheit in der Gestaltung gegeben wird, für welche der vielen Möglichkeiten entscheide ich mich? Welche Idee ist die beste, um zu erzählen, was ich erzählen will? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es gut ist, sich bald konsequent für eine Idee zu entscheiden und daraus die beste Idee zu machen. Funktionieren kann jede Idee.

Sehen Sie einen Unterschied zu anderen Wettbewerben?

Ich glaube, der größte Unterschied ist tatsächlich, dass man aufgerufen ist, komplett sein eigenes Ding zu machen. Als Schauspieler sind wir extrem kreative Menschen, aber meistens äußeren Faktoren untergeben: dem Drehbuch, dem Regisseur, den Wünschen der Produktion, dem Markt etc. Toll an den Self Made Shorties ist, dass all diese äußeren Faktoren für einen Moment keine Rolle spielen und jeder einzelne Schauspieler die Möglichkeit hat, sich in seiner Einzigartigkeit zu zeigen und vielleicht auch Seiten zu offenbaren, für die sonst kein Raum ist. Dafür bin ich sehr dankbar.

 

Alle Beiträge der ­früheren Wettbewerbe sehen Sie hier:

www.schauspielervideos.de/ecasting/ergebnis/sms-festival-2011
www.schauspielervideos.de/ecasting/ergebnis/sms-festival-2013
www.schauspielervideos.de/ecasting/ergebnis/sms-festival-2015

 

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SMS: Mein Traum – Neues aus der Traumfabrik
23. Juni CinemaxX München

SMS: Mein Traum – Neues aus der Traumfabrik Was hast Du geträumt, wovon träumst Du, was sind die Lebensträume die Dich leiten – oder die Alpträume, die Dich, womöglich, plagen? – Du träumst von Deinem eigenen Film? Dann mach ihn! Werde Filmfabrikant / Filmfabrikantin in Deiner eigenen Traumfabrik.

Auf ausgefeilte Filmtechnik kommt es nicht an, sondern auf Deine Kreativität, Fantasie zum Thema Traum und Deine Eigeninitiative. Deine Persönlichkeit soll im Zentrum stehen! Und das wollen wir dann auch feiern: mit einer Auswahl von 15 Shorties, die wir am 23. Juni 2017 um 14.00 Uhr im CinemaxX München zeigen. Anschließend ziehen wir weiter zum Get Together ins Vits – Die Kaffeerösterei gleich um die Ecke. Abends geht es für die, die noch weiter feiern möchten, zum Crew Call München. (Einladung und Anmeldung sind erforderlich!). Das wird ein besonderer Dreiklang während des Int. Münchner Filmfests 2017, auf den wir uns jetzt schon freuen.

Nur zwei Regeln – Mehr nicht!
*Einsendeschluss einhalten: Freitag 2. Juni 2017, 15.00 Uhr
*Länge des Traum-Shorties nicht über drei Minuten. – Es darf aber auch ausdrücklich kürzer sein!

Sehen und gesehen werden:
15 Shorties werden von der Fachjury ausgewählt und am Freitag, 23. Juni 2017, um 14.00 Uhr im CinemaxX München (Isartorplatz 8) groß präsentiert – und gefeiert. Das Publikum wählt noch vor Ort seine drei Lieblings-Shorties. Danach Get Together im Vits, Rumfordstraße 49.

Preise für die drei Lieblings-Shorties gibt’s auch:
1. Preis: 5 Jahre Premium Member video+ und 1 Jahr Premium-Bereich von casting network mit cast-box.
2. Preis: 3 Jahre Premium Member video+ und 1 Jahr Premium-Bereich von casting network mit cast-box.
3. Preis: 2 Jahre Premium Member video+ und 1 Jahr Premium-Bereich von casting network mit cast-box.
Anmerkung: Bei Teamarbeiten bis zu drei Beteiligten gelten die Preise für alle drei. Sind mehr Schauspieler beteiligt, werden die Preise für drei auf alle aufgeteilt.

Für die übrigen 12 ausgewählten Shorties: 1 Jahr Premium Member video+ für jeden am Traum-Shorty beteiligten Schauspieler.
Alle nominierten Shorties bleiben auf schauspielervideos abrufbar.

So kommen Eure Shorties zu uns: Bitte ladet Euren fertigen Film hier hoch: http://www.schauspielervideos.de/ecasting/bewerbung/sms-mein-traum-neues-aus-der-traumfabrik-mein-traum-self-made-shortie
(Hinweis für Schauspieler, die gemeinsam ein Shorty machen: Bitte nur einmal anmelden und den Weg zur Einreichung ohne Profil wählen. Bei allen Pflichtangaben (wie z.B. Geschlecht) bitte eine Option frei wählen. Die Namen (Vor- und Nachnamen zusammen) der beteiligten Schauspieler/-innen mit Kommas getrennt in die Felder für „Vorname“ und „Nachname“ so verteilt eintragen, dass beide Namensfelder gefüllt sind. Und bitte eine E-Mail-Adresse angeben, unter der die Einreichung für das gesamte Team abgewickelt wird. Als Foto am besten ein Gruppenbild hochladen. In der Nachricht an das Casting-Team sollten die Namen den Rollen zugeordnet werden bzw. kurz beschrieben werden, wer was macht.)

Die Auswahl. Alle Einsendungen werden auf einen Server hochgeladen und sind nur für die Jury einsehbar. Aus den Einsendungen wird eine Vorauswahl getroffen und diese zusätzlich in einer gemeinsamen Jurysitzung gesichtet, um die 15 Finalisten zu ermitteln.

Die Jury: GEBEN WIR BALD HIER BEKANNT!

Was ist ein Selfmade-Shorty Ein selbstgemachter, kurzer Film, in dem man sich selbst in Szene setzt und als Schauspieler/in präsentiert

Für wen sind SMS – Self Made Shorties? Für alle, denen Showreel-Material fehlt – dann heißt unsere Devise: lieber selber machen – lieber selber etwas drehen und damit die Datenbanken bevölkern, als auf die große Gelegenheit, die tolle Rolle warten! Für diejenigen, die schon zig Rollen auf ihrem Showreel haben, kann ein Selfmade Shorty eine sinnvolle Ergänzung sein: „Super, jetzt zeig‘ ich mal eine Seite oder Fähigkeit von mir, die noch keiner kennt.“ Oder einfach: weil ich schon immer mal meinen eigenen Film machen wollte. Nützen sollen SMS – Self Made Shorties – allen , die Rollen besetzen: Casting Directors, Regisseuren, Redakteuren, Produzenten – weil man hier Persönlichkeiten entdecken kann und natürlich den Schauspieler und die Schauspielerin für die richtige Rolle.

Wie sollen die SMS aussehen – gibt es technische Vorgaben? Wir wollen keine Vorschriften machen, außer: weitgehend selbst konzipiert und gemacht. Es kommt auf Euch an – nicht auf das Knowhow von Regie-, Kamera- oder Schnittprofis. Und nicht länger als drei Minuten! Man kann mit Videokamera oder Webcam oder mit dem Handy drehen.

Wer darf mitmachen? Professionelle Schauspieler und Schauspielstudenten einer staatlich anerkannten Schauspielschule ab dem zweiten Jahrgang, keine Altersbeschränkung.

Wann erfahre ich, ob ich in der Auswahl bin? Beim Festival am 23. Juni 2017 um 14:00 Uhr im CinemaxX, München.

Wo gibt es Kinotickets für die Veranstaltung?
Kostenlose Tickets kann man ab Anfang Juni online bestellen. Die Adresse wird hier bekannt gegeben.

Noch eine Bitte: Verwendet Euer Traum Shorty öffentlich erst nach dem Festival am 23. Juni 2017, um die Spannung zu erhalten. Dann aber wo immer es geht!

Hier kann man einen Einblick gewinnen in das Festival 2015 – damals ging es um das große Thema Liebe: SMS Loveshorties – Das Festival des Liebesfilms.

Und hier noch einmal die nominierten Shorties von 2011 und 2013:
SMS Self Made Shorties 2011 – Die Nominierten
SMS Self Made Shorties 2013 – Die Nominierten

Casting Network wird wieder die Berichterstattung machen. Hier der Film über die Veranstaltung 2015:

Die Veranstaltung ist auch auf Facebook zu finden:
SMS Self Made Shorties 2017 auf Facebook

Kontakt für alle Anfragen rund ums Festival:
Bitte wendet Euch an Schauspielervideos.
E-Mail: (Aktiviere Javascript, um die Email-Adresse zu sehen), Fon: +49.30 – 99 19 49 70

Und nun viel Spaß und Erfolg mit Eurem Traum-Shorty

Daniel, David, Urs, Oliver und Vincent

Das 4. Self Made Shorties – Festival ist eine Veranstaltung von crew united & schauspielervideos in Kooperation mit casting-network und out takes, unterstützt von cinearte .

Grafische Gestaltung: Cernodesign

Konzeption und Beratung: ZAV Künstlervermittlung.

 

 

ZAV Künstlervermittlung Film / TV
Kapuzinerstr. 26,
80377 München
Tel +49 (0)89 381 707-19
mobil +49 (0)176 430 648 52
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Faire Einkommensperspektiven im Bereich Schauspiel

v.l. Jaqueline Macaulay, Hans-Werner Meyer, Manuela Schwesig, Julia Beerhold, Ann-Kathrin Kramer, Harald Krassnitzer und Andrea Gerhard © Phil Dera

Am 14.2.2017 lud der Bundesverband Schauspiel (BFFS) in Kooperation mit dem Bundesfamilienministerium zu einem Stehempfang zum Thema „Gender Pay Gap im Bereich Schauspiel“ ein.

Vor rund 200 geladenen Gästen aus Politik und Kultur sprachen Bundesministerin Manuela Schwesig, Schauspielerin und BFFS-Vorstandsmitglied Julia Beerhold und die Podiumsgäste Ann-Kathrin Kramer, Harald Krassnitzer, Hans-Werner Meyer und Jacqueline Macauley über die Auswirkungen geschlechtsabhängiger Bezahlung und Präsenz auf dem Bildschirm und der Bühne.

Hintergrund-Fakten:

Die Lohnlücke zwischen Schauspielerinnen und Schauspielern betrug in den Jahren 2000 bis 2009 im Bereich Fernsehen im Schnitt 22,7 Prozent.
Quelle: Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten (GVL).

Nicht nur niedrigere Gagen für Frauen, sondern auch die geringere Präsenz weiblicher Figuren auf dem Bildschirm sind die Ursache für die Lohnlücke im Bereich Schauspiel.

Der Bundesverband Schauspiel fordert daher die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender und die Filmförderanstalten auf, regelmäßig ein Monitoring durchzuführen und zu veröffentlichen. Ein Mal im Jahr sollen Sender und Förderanstalten darlegen, wie viele Frauen und Männer sie vor der Kamera beschäftigen, und wie viel die Gesamtheit der Männer und die Gesamtheit der Frauen jeweils verdienen

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Variables Tempo: Bildgestaltung mit unterschiedlichen Framerates

Eine höhere Bildwiederholrate macht das Bild klarer – doch es verliert auch den Kino-Look und wirkt befremdlich plastisch. Die ­Saar­brücker Forscher nutzen die Werkzeuge der Postproduktion: Mittels Masken und Tracking werden Bildbereiche ausgewählt und ­verfolgt, die unterschiedliche Wiederholraten bekommen. Bildausschnitte eines Videos können ­beliebig in Richtung höherer Brillianz und ­Detailreichtum oder gewünschter Ästhetik ­verändert werden. Die Algorithmen verhindern Artefakte zwischen den Teilbereichen. So läßt sich auch dies für die Bildgestaltung nutzen. | Foto © Max-Planck-Institut, Blender Foundation (CC)

Eine höhere Bildwiederholrate macht das Bild klarer – doch es verliert auch den Kino-Look und wirkt befremdlich plastisch. Die ­Saar­brücker Forscher nutzen die Werkzeuge der Postproduktion: Mittels Masken und Tracking werden Bildbereiche ausgewählt und ­verfolgt, die unterschiedliche Wiederholraten bekommen. Bildausschnitte eines Videos können ­beliebig in Richtung höherer Brillianz und ­Detailreichtum oder gewünschter Ästhetik ­verändert werden. Die Algorithmen verhindern Artefakte zwischen den Teilbereichen. So läßt sich auch dies für die Bildgestaltung nutzen. | Foto © Max-Planck-Institut, Blender Foundation (CC)

Visuelle Artefakte im Film oder im Video sind häufig der begrenzten Bildwiederholrate geschuldet, gerne auch Framerate genannt. Die legt fest, wie weit ein Objekt bestimmter Geschwindigkeit zwischen aufeinanderfolgenden Einzelbildern verschoben wird. Schnelle Bewegungen führen bei niedrigen Bildwiederholraten mitunter zu störenden Effekten – das Bild verschwimmt, flackert oder ruckelt. Teilweise treten auch optische Illusionen auf, wie etwa der ­„Wagenradeffekt“, bei dem ein Speichenrad rückwärts zu laufen scheint, wenn die Bildwiederholrate zu niedrig und der Szene nicht angepasst ist.

Höhere Bildwiederholraten können diese Artefakte reduzieren oder vermeiden, feinere Details darstellen und die Brillianz erhöhen. Die bessere Bildqualität ist in der Lage, bewegte ­Objekte präziser darzustellen, kann jedoch zugleich einen plastischen Look wie in einer Seifenoper erzeugen. Manche Zuschauer mögen das nicht. Weiterlesen

Es gibt schon einige Beispiele, Filme mit unüblichen Bildwiederholraten zu produzieren. „Der Hobbit“ etwa wurde mit 48 Einzelbildern je Sekunde gedreht, und die Disneystudios haben mit geänderten Frequenzen bis hinab zu 6 Bildern innerhalb eines 48-Bilder-pro-Sekunde-Films experimentiert. Durch Einsatz variabler anstatt der derzeit verfügbaren begrenzten Anzahl von festen Bildwiederholraten lassen sich je nach Intension Teile der Darstellung hervorheben oder abdämmen, natürlich ­erscheinen oder künstlerisch verändern. Dem Filmproduktionsteam eröffnet sich hierdurch ein zusätzliches Gestaltungsmittel.

In den Arbeitsgruppen von Dr. Piotr Didyk von der Universität des Saarlandes und Professor Karol Myszkowski vom Max-Planck-Institut für Informatik in Saarbrücken entstand die Idee, mittels Computeralgorithmen unterschiedliche Bildwiederholraten zu emulieren. Piotr Didyk, Nachwuchsgruppenleiter am Exzellenzcluster Multimodal Computing and Communication erläutert: „Wir wollten beliebig wählbare Ausschnitte des Bildes mit frei wählbarer Bildwiederholrate darstellen. Eine der vielen Herausforderung bestand darin, keine Brüche in der Darstellung beim Übergang zu erzeugen, sondern die Bereiche verschiedener Bildfrequenz gleitend ineinander übergehen zu lassen.“

Durch diese Technik ist es möglich, verschiedene Bildbereiche mit jeweils individueller und die Zwischenbereiche mit gleitend angepasster Bildwiederholrate darzustellen – dabei werden keine störenden visuellen Effekte erzeugt. Die technisch wiedergegebene Framerate bleibt gleich (zum Beispiel bei 48 Bildern pro Sekunde), während die durch den Zuschauer wahrgenommene Framerate variiert werden kann.

Dr. Krzysztof Templin, der Hauptbeteiligte an dieser Forschung, ehemaliger Doktorand bei Myszkowski und Prof. Hans-Peter Seidel und Erstautor der zugehörigen Veröffentlichung führt aus: „Die Bildfolge wird insgesamt so synchronisiert, dass als Ende ein Video-Stream mit der Bildwiederholrate des Anzeigegerätes entsteht. Dank unserer Technik zeigt die Darstellung aber die Effekte lokal angepasster Bildwiederholraten.“ Potenzielle Anwender sind Filmstudios und Videokünstler, auch Filmhochschulen zeigten sich besonders interessiert.

Zur Zeit untersuchen die Wissenschaftler Möglichkeiten zur Nutzung der Technik in Filmproduktionen und Fernsehern, ein internationales Patent wurde beantragt. Der Öffentlichkeit wurde die Technik der variablen Bildwiederholrate im vorigen Sommer in den USA mit einem Vortrag auf der Siggraph vorgestellt, der weltgrößten und bedeutendste Konferenz zu Computergrafik.

Die Technik soll jetzt aus dem Stadium des Labormusters zu einem kommerziellen Produkt weiterentwickelt werden. Mit einer Ausschreibung suchen die Universität des Saarlandes und die Max-Planck-Gesellschaft potentielle Unternehmensgründer, um die „Revolutionäre Bildsoftware für Hollywood“ zum Erfolg zu führen. Einschlägige Erfahrungen als Unternehmer und in der Filmbranche seien erwünscht, Informatikwissen „nicht unbedingt notwendig, jedoch auch nicht nachteilig“, heißt es weiter in der Ausschreibung.

 

Weitere Informationen erteilt (Aktiviere Javascript, um die Email-Adresse zu sehen)” target=”_blank”>Michael Weidner [E-Mail] vom IP->Company ­Initiator Projekt der KWT – Universität des Saarlandes­. 

Ein Videobeispiel  für kontinuierlich veränderte Bildwiederholraten sehen Sie hier. Den wissenschaftlichen Aufsatz [Englisch] mit Beispielen lesen Sie hier

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Crew United Berlinale Panel: Wie wollen wir Filme machen, wie wollen wir leben? – Ein Extrakt in Zitaten

Von links nach recht: Burkhard Blienert, Sol Bondy, Prof. Dr. Ursula von Keitz, Prof. Dr. Andreas Schreitmüller, Lisa Basten, Dr. Klaus Lederer, Christine Berg, Rüdiger Suchsland – FOTO: Christian Dosch

Im Folgenden haben wir versucht, die wesentlichen Aussagen unserer Panelgäste zusammenzustellen:

lederer

Dr. Klaus Lederer, Bürgermeister von Berlin, Senator für Kultur und Europa
Unterm Strich gibt es eine Gemeinsamkeit zwischen einem Metzger und einem Filmschaffenden, auch wenn diese gerne verwischt wird und Kunstschaffende dies selbst gerne lieber verdrängen würden: Es handelt sich um die Verausgabung menschlicher Arbeit. Insofern ist es ein Arbeitsprozess, der einen Wert hat und entsprechend entgolten werden muss […]. Dies sollte nicht nur über die Einflussnahme von Koalitionsverhandlungen und die damit einhergehende Kontrolle von Untergrenzen bei den Vergabekriterien erfolgen, sondern auch in der Branche selbst thematisiert werden, wie dies beispielsweise von Crew United und Ensemble Netzwerken im Theaterbereich bereits getan wird. Es braucht einen gesellschaftlichen Aufbruch, der deutlich macht, dass Kunst und Kultur nicht aus- schließlich anhand von Kriterien des Marktes und des Niederkonkurrierens erzeugt werden können.

Es geht hierbei nicht um den guten oder bösen Willen der Produzenten, sondern um bestimmte Marktstrukturen und Kräfteverhältnisse in einem bestimmten gesellschaftlichen Milieu und das ist hier die Kunst- und Kreativklasse. Es ist ein Missverständnis zu glauben, dass persönliche Freiheit einerseits verbunden sein muss mit der permanenten Gefahr des sozialen Falls ins Nichts. Es ist kein Zufall, dass die Kampfstärke der Gewerkschaften gerade in diesen prekären Bereichen so gering ist. Dies ist mit dem Wegdrängen der klassischen Gewerkschaftsorganisationen aus diesen Bereichen verbunden. Es gab Zeiten, in denen Filmschaffende in den Streik getreten sind. Heute kann dies durch die bestehenden Marktstrukturen umgangen werden.

basten
Lisa Marie Basten, Autorin und Wissenschaftlerin
Jörg Langers Umfrage aus dem letzten Jahr zeigte, dass nur einer von zehn Filmschaffenden ausreichend fürs Alter vorgesorgt hat. Nicht etwa weil Künstler kein Interesse daran haben, sondern zwei Drittel gaben an, dass ihnen schlichtweg das Geld hierfür fehlt. Es gibt ein strukturelles Problem: Wir haben nichts Vergleichbares zu den Gewerkschaften in anderen Bereichen, die eine Durchsetzungskraft haben und auf Augenhöhe verhandeln können. […] Die Film- und Fernsehbranche als Teil der Kultur- und Kreativwirtschaft ist auch eine Modellbranche. Wir sind vor strukturelle Probleme gestellt, in denen auch der Gesetzgeber gefordert ist.

Die Diskussion geht an der Realität vorbei, wenn wir uns nicht immer wieder vor Augen halten, dass eine projekt- basierte Beschäftigung, die demnach keine unbefristete Vollzeitstelle ist, fundamental infrage stellt, was soziale Absicherung ist. Daher ist dies kein Luxusproblem, sondern eine Debatte, die essentiell für die Zukunft dieses Landes ist. Ein beispielhafter Ansatz wäre die Pensionskasse Rundfunk verpflichtend zu machen. Außerdem braucht es in irgendeiner Form Kontrollmechanismen. Die Festlegung des Sozialverträglichkeitsgesetzes alleine reicht an diesem Punkt nicht.

blienertBurkhard Blienert, Mitglied des Deutschen Bundestags, Filmpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion
Der Mindestlohn von 8,84 Euro wird verändern und verändert jetzt schon, da die Lohnuntergrenze Menschen hilft, die andernfalls abgespeist würden. […] Die Debatte sollte man jedoch losgelöst von der Mindestlohndebatte führen und schauen, wie die tatsächliche soziale Lage von Kreativen ist. Es ist schwierig im aktuellen System, das unter anderem nach 40-Stundenwochen ausgelegt ist, Antworten auf diese Fragen für die Filmschaffenden zu finden, wo viele weitere Aspekte wie beispielsweise Fehlzeiten zwischen den Produktionen hinzukommen.

bondySol Bondy, Filmproduzent, One Two Films GmbH

Ich kann nicht für alle Produzenten sprechen, aber bei einer kleinen Produktionsfirma wie unserer kam es bereits durchaus vor, dass wir den Mindestlohn nicht zahlen konnten. Das ist eine traurige Wahrheit und nichts, worauf wir stolz sind. Das betrifft nicht nur die Angestellten, sondern auch uns Geschäftsführer. Wir, als Produzenten von Filmen, die auf großen Festivals ausgezeichnet werden, erhalten in sechs Jahren Firma erst seit Januar diesen Jahres ein Gehalt auf Mindestlohnniveau.

keitzProf. Dr. Ursula von Keitz, Institutsleitung Filmmuseum Potsdam, Professorin Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf

Im Alter von 22 Jahren denken die meisten Studenten natürlich noch nicht unbedingt an ihre Altersvorsorge. Es gibt jedoch inzwischen einen starken Gründungsservice an der Uni. Das Bewusstsein dahingehend, ob man sich die Prekarisierung von allen möglichen Jobs auch im künstlerischen Bereich antut, ist in vollem Gange.

schreitmüller

Prof. Dr. Andreas Schreitmüller, Leiter der Hauptredaktion Spielfilm und Fernsehfilm ARTE
Es ist erschreckend, wie viel man über das Konsumentenverhalten weiß und in radikalem Kontrast dazu, wie gering das Bewusstsein für die sozialen Verhältnisse der Film- und Fernsehschaffenden ist – dies gilt auch für die Entscheidungsträger. Vergleicht man Frankreich und Deutschland, so fällt auf, dass in Frankreich vieles überreguliert ist. Das halte ich im kreativen Bereich jedoch für ambivalent, da dies Folgeschwierigkeiten mit sich ziehen kann. Was Sender-Budgets angeht, wurde in letzter Zeit häufig über zu kurze Drehzeiten geklagt, was immerhin auch eine Frage von fairen Arbeitsbedingungen ist. Daher ist es womöglich sinnvoll, sich auf die Produktion weniger Programme zu reduzieren und dafür im Einzelnen ein höheres Budget zur Verfügung zu stellen.

bergChristine Berg, Stellvertretender Vorstand / Leiterin Förderung, Filmförderungsanstalt

Das Ganze ist ein Zusammenspiel, in dem niemand alleine etwas bewirken kann. Die Politik hat bereits einen Anstoß gegeben, dass etwas passieren muss. Die FFA hat bereits vor drei Jahren eine Mindestförderquote eingerichtet. Wir fördern demnach weniger Projekte, diese jedoch mit mehr Geld, da wir der Ansicht sind, dass gute Budgets wichtig sind, damit die Beteiligten gut bezahlt werden können. Wie wir das, was der Gesetzgeber vorgegeben hat, umsetzen, d.h. ob wir die Löhne kontrollieren, müssen wir noch schauen. Es ist jedoch wichtig, dass neben den Sendern und den Länderförderungen vor allem von Seiten der Gewerkschaft ver.di für faire Arbeitsbedingungen gekämpft wird.

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Wer erklärt die Welt?

Das Programm der ­Berlinale wächst und wächst. Aber nicht die Zahl deutscher Filme, wie der Vergleich ­nationaler und ­internationaler Festivalbeiträge aller Längen zeigt (oben). Dabei wollte ­Festivalleiter Dieter Kosslick die doch ­besonders fördern. | Grafik © Krainhöfer/Wiedemann/Schreiber

Das Programm der ­Berlinale wächst und wächst. Aber nicht die Zahl deutscher Filme, wie der Vergleich ­nationaler und ­internationaler ­Festivalbeiträge aller Längen zeigt (oben). Dabei wollte ­Festivalleiter Dieter Kosslick die doch ­besonders fördern. | Grafik © Krainhöfer/Wiedemann/Schreiber

Die Berlinale war schon immer politisch. 1951 begründet, im Kalten Krieg im zerstörten und geteilten Berlin, nach der Idee eines amerikanischen Offiziers: Ein „Schaufenster der freien Welt“ sollte an der Nahtstelle zum Ostblock eröffnet werden, Filmstars und Hollywood-Kino von der Überlegenheit des Westens überzeugen.

Die Filmfestspiele blieben dem Grundgedanken treu, wenn auch anders als ursprünglich gedacht. 1974 nahm erstmals ein sowjetischer Film teil. „Den kulturellen Dialog zwischen den Systemen zu fördern“ erklärte Moritz de Hadeln, Festivalleiter ab 1979, später als seine „ausdrücklich“ vorgesehene Aufgabe. Und darüber hinaus: De Hadeln holte das asiatische Kino nach Berlin, sein Nachfolger Dieter Kosslick setzte den Kurs fort: Der World Cinema Fund fördert Produktionen in filmtechnisch weniger erschlossenen Ecken der Welt. Der Programmumfang hat sich seit 1980 mehr als verdoppelt, 340 Produktionen eröffneten in diesem Jahr in den fünf Hauptsektionen Wettbewerb, Panorama, Forum, Perspektive Deutsches Kino und Generation einen breiten Blickwinkel aus 66 Ländern der Welt.

Gut, man kann annehmen, daß in diesen Ländern meist eher andere Filme gesehen werden. Die Berlinale hat sich nun mal der Filmkunst verschieben, und die meidet alles, was nach Mainstream oder Mittelstand klingen könnte und sucht nach den großen Themen und existenziellen Situationen, die sie eher an den Rändern der Gesellschaft, oben wie unten, rechts wie links, vermutet. Kurz: Gibt ein preisgekrönter Regisseur wie Brillante Mendoza tatsächlich einen Einblick in die Welt seiner mehr als 100 Millionen Landsleute auf den Philippinen – oder treiben die ganz andere Fragen um? Doch das ist ein anderes Thema. Weiterlesen

Oder doch nicht. Wer das Wort hat, bestimmt. Filme formen die Wahrnehmung der Welt oder geben die gewünschten Bilder ein. Die meisten Menschen dürften ihre Vorstellung der USA eher durch Krimiserien und Teeniekomödien geformt haben als durch Sachbücher und Reiseführer.

Der Sieger schreibt die Geschichte, und oft genug stammt manche Vorstellung von der Welt noch aus Kaisers Zeiten. Geäußert von nicht mehr ganz so jungen Männern aus den führenden Kolonialnationen. Andere Stimmen sind kaum zu vernehmen. Heute machen sich Filmemacher natürlich über diese Paarung von Überheblichkeit und Verständnislosigkeit lustig …

Doch welchen Blick auf die Welt zeigt denn eigentlich Deutschlands größtes Festival? Das fragten sich auch Wissenschaftler der Hochschule für Fernsehen und Film und der Ludwig-Maximilians-Universität in München [die Studie zum Herunterladen].

Von ungefähr kam die Neugier nicht. Die Medienwissenschaftlerin Tanja C. Krainhöfer und der Bioinformatiker Konrad Schreiber hatten im vorigen Jahr bereits untersucht, wie Frauen auf den 19 wichtigsten deutschen Festival vertreten sind. „Weil die Berlinale aber nun mal das ­größte und stilbildendste Festival ist, wollten wir uns das genauer ansehen“, berichtet Krainhöfer. Und dabei sollte es nicht allein um die Geschlechterfrage gehen. Mit dem Medienwissenschaftler Thomas Wiedemann untersuchten sie fast vier Jahrzehnte Festivalprogramm von 1980 bis 2017 mit mehr als 10.000 Filmen nach Alter, Herkunftsländern und Geschlecht der Filmemacher, und wie der heimische Film auf dem bedeutendsten Festival des Landes vertreten ist.

Die Lä̈nderschwerpunkte im Festivalprogramm zeigen im Zehn-Jahres-Vergleich (von 1980, 1990, 2000, 2010 und 2016) „eine konstante flankierende Darstellung des aktuellen politischen Weltgeschehens“, stellen die Forscher fest: „Entwicklungen wie die Annäherung der USA und der UdSSR, die EU-Erweiterung und die Globalisierung finden mit starkem Aktualitätsbezug Ausdruck im Programm.“

Auch beim gesellschaftlichen Diskurs zeigen sich die Festspiele noch aufgeschlossener, als man es von einer derartigen Veranstaltung ohnehin erwarten sollte: Mit dem „Teddy Award“ hat die Berlinale seit 30 Jahren schon einen offiziellen „queeren“ Filmpreis – als einziges A-Festival der Welt. Dass der gegenwärtige Festivalleiter Dieter Kosslick einst in Hamburg Pressesprecher der Leitstelle für die „Gleichstellung der Frau“ war, lässt auch für dieses Thema ein besonderes Gespür annehmen.

Tatsächlich ist das Image der Festspiele hervorragend. Als Kosslick 2001 de Hadeln ablöste, schien ein Ruck durchs Filmland zu gehen. Die Berlinale schien plötzlich wieder sexy und zehrt bis heute von einem Image, das sie auch selbst gerne weiterverbreitet: Vielfalt im Programm, mehr Raum für Frauen, ein Forum für den Deutschen Film …Doch da bringt die Studie erstaunlich anderes zu Tage. Seit 1980 hat sich der Anteil weiblicher Regisseure im Programm zwar fast verdoppelt, beeindruckt aber nicht: auf 28,69 Prozent ­kommen sie nach 37 Jahren Wachstum – etwas mehr als ein Viertel. Noch flacher verläuft diese Kurve bei den deutschen Produktionen.

Überhaupt der Deutsche Film: Eine besondere Plattform wollte ihm Kosslick auf der Berlinale bieten und führte die Sektion Perspektive Deutsches Kino ein. Doch weil es nun dieses Biotop gab, bauten die anderen Sektionen die Anteile an nationalen Produktionen zurück – besonders im Kinderfilmfest (Generation) und im Panorama. In absoluten Zahlen liegt der Anteil deutscher Produktionen am Gesamtprogramm sogar unter dem Stand Mitte der 1980er-Jahre. Obwohl die Zahl der deutschen Produktionen insgesamt gestiegen ist. „Die Berlinale wird in keinem Punkt den eigenen selbst gesetzten oder selbst behaupteten Ansprüchen gerecht“, sagte dazu der Filmjournalist Rüdiger Suchsland im WDR.

Zudem werden die Filmemacher immer älter: Die Programmreihen German Cinema und Panorama lassen das Durchschnittsalter von 38,72 Jahre (1980) auf 46,54 Jahre (2016) anwachsen, bezogen auf das Langfilmprogramm. Übrigens steigt dieser Altersdurchschnitt jeweils mit der Amtszeit von de Hadeln und Kosslick. Es scheint, als blieben Festivalleiter gerne bei den ersten Talenten, die sie entdeckt haben, und suchen dann nicht weiter.
Eine Trennung zwischen Ost und West gibt es offenbar gar nicht mehr. Filmemacher aus der ehemaligen DDR verschwanden nach Mauerfall und Wiedervereinigung bald aus dem Programm. Das war zwar ursprünglich anders gedacht, ist aber nicht unbedingt Schuld des Festivals, erklärt die Studie: „Das zunehmend schwindende Angebot an neuen Produktionen von Regisseuren mit einem ostdeutschen Hintergrund wird zunächst noch mit Filmen aus der Vor-Wende-Zeit ausgeglichen, bis schließlich nur noch vereinzelte Filme zur Verfügung stehen.“ Tatsächlich sei Andreas Dresen der einzige Regisseur mit Ost-Sozialisation, der nach 1990 überhaupt im Wettbewerb lief und seither insgesamt 15 Mal von unterschiedlichen Sektionen zur Berlinale geladen wurde – darunter dreimal in den Wettbewerb. 2004 erreicht der Anteil an Regisseuren mit ostdeutscher Herkunft mit einer Produktion den absoluten Tiefpunkt.

Nicht nur hier zeigt sich ein verengter Blick auf die Welt. Die Berlinale rühmt sich, schlichtweg das Publikumsfestival weltweit zu sein. „Große Versäumnisse sind hingegen zu erkennen, wenn es darum geht, die Vielfalt der deutschen Gesellschaft im Programm widerzuspiegeln“, stellt die Studie fest. Zwar war dies kein Bestandteil der Untersuchung, sagt Krainhöfer, es sei aber aufgefallen, wie selten deutsche Wirklichkeit aus der Sicht von Einwanderern und Aussiedlern dargestellt werde. Dabei hat jeder fünfte Deutsche einen „Migrationshintergrund“.

Mehr noch: Auch die Herkunftsländer dieser Menschen werden im Programm nicht entsprechend berücksichtigt, sondern sind sogar eher unterrepräsentiert. Nur ein türkischer Film lief dieses Jahr im Programm.

Selbst mit der Vielfalt im Weltkino ist es nicht weit her. Klar finden immer mehr Länder ihren Platz. Doch der ist unterschiedlich groß. Nach den deutschen Filmen sind Produktionen aus den USA, Frankreich, Japan und Großbritannien weit über Durchschnitt vertreten.

Zusammengefasst: Das Schaufenster der Welt dekorieren weiterhin vor allem nicht mehr ganz so junge Männer aus den führenden Industrienationen. Alle anderen sind kaum zu sehen.

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cn-klappe: Wie wollen wir Filme machen, wie wollen wir leben?

Berlinale-Panel von Crew United mit Unterstützung der Pensionskasse Rundfunk.

Von links nach rechts: Burkhard Blienert, Sol Bondy, Prof. Dr. Ursula von Keitz, Prof. Dr. Andreas Schreitmüller, Lisa Basten, Dr. Klaus Lederer, Christine Berg, Rüdiger Suchsland

Der Film zeigt einen Zusammenschnitt des Berlinale-Panels von Crew United vom 9. Februar 2017 im Kesselhaus der Kulturbrauerei in Berlin. Die Redaktion des Schnitts hatte Tina Thiele von Casting Network.

Wenn vom Deutschen Film die Rede ist, geht es um seinen wirtschaftlichen Erfolg oder seinen künstlerischen Wert. Es geht nicht um die Menschen, die diese Werke herstellen, nicht um die Bedingungen, unter denen sie entstehen. Die Budgets sind so gestrickt, dass kaum Luft zum Atmen bleibt. Die Menschen, aber auch die Qualität der Filme bleiben auf der Strecke – und damit die künstlerische sowie wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit unserer Branche.

Die Situation der deutschen Filmbranche und dem Großteil der Menschen, die darin arbeiten ist desolat: Am Tropf von Sendern und Filmförderung, allein gelassen von der Politik, vertreten von zahnlosen Verbänden, unterbezahlt und überarbeitet oder Hartz 4, die Altersarmut fest im Blick. Als Filmland ist Deutschland ein Schwellenland. Nur zwei von fünf Filmschaffenden können allein von ihrem Beruf leben – das belegt eine aktuelle Umfrage des Bundesverbands „Die Filmschaffenden e.V.”, an der 3.827 Filmschaffende teilnahmen.

Doch erstmals zeichnen sich positive Veränderungen ab. Im neuen Filmförderungsgesetz werden erstmals Sozialverträglichkeit und Nachhaltigkeit als Ziele genannt, der Koalitionsvertrag der neuen Berliner Regierung weist in dieselbe Richtung, die Berücksichtigung der Pensionskassen-Beiträge auch bei geförderten Projekten ist dank der Limburger Lösung nur noch eine Frage der Zeit. Sind das nur Luftnummern, oder ist dies tatsächlich der zaghafte Anfang einer grundlegenden Verbesserung? Werden nur neue Regeln aufgestellt, oder auch die Menschen hinter diesen Zielen gesehen und gehört?

Was sind gangbare Alternativen und notwendige Veränderungen? Wer fühlt sich dafür verantwortlich? Wer ist bereit, neue Wege zu gehen? Das diskutierte der Filmkritiker und Cultural Activist Rüdiger Suchsland vor Eröffnung der Berlinale mit Gästen aus Film und Politik.

Auf dem Podium waren vertreten:

basten
Lisa Marie Basten, Autorin und Wissenschaftlerin Lisa Basten ist Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung und promoviert am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) zum Thema „Projektarbeit“ im Rahmen des Kollegs „Gute Arbeit. Ansätze zur Gestaltung der Arbeitswelt von Morgen“. Ihr Fokus liegt dabei auf den kreativen Branchen, in ihrer aktuellen Publikation „Wir Kreative! Das Selbstverständnis einer Branche“ stellt sie insbesondere die Film- und Fernsehwirtschaft in den Mittelpunkt. Nach einem Komparatistik- und Soziologiestudium war sie in links-alternativen Projekten in Europa unterwegs und landete schließlich in der Medienbranche. Mit einem Masterabschluss an der Hochschule für Film und Fernsehen (Filmuniversität „Konrad Wolf“ in Babelsberg) wandte sie sich den Arbeitsbedingungen in der Medienbranche zu. Seitdem liegt ihr Forschungsfokus auf dem Wandel der Arbeitswelt, Möglichkeiten kollektiver Organisation und Mitbestimmungsprozessen der Zukunft. Die gebürtige Münchnerin lebt seit 10 Jahren in Berlin und hat zwei Kinder. Fotocredit: © Helge Renner

bergChristine Berg, Stellvertretender Vorstand / Leiterin Förderung, Filmförderungsanstalt
Christine Berg ist seit dem 1. Februar 2012 stellvertretender Vorstand der Filmförderungsanstalt (FFA). In dieser Funktion verantwortet sie den gesamten Förderbereich der FFA. Zuvor war sie Projektleiterin des Deutschen Filmförderfonds (DFFF), der zum 1. Januar 2007 vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) eingeführt wurde und durch die FFA koordiniert wird. Davor war die gebürtige Hamburgerin u. a. Geschäftsführerin der Gesellschaft zur Förderung audiovisueller Werke in Schleswig-Holstein mbH (MSH) und Intendantin der Nordischen Filmtage Lübeck, Leiterin des Location-Büros der Filmförderung Hamburg sowie Aufnahmeleiterin bei verschiedenen Spielfilmproduktionen. Fotocredit: © FFA

blienertBurkhard Blienert, Mitglied des Deutschen Bundestags, Filmpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion
Burkhard Blienert ist Mitglied des Deutschen Bundestags und filmpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. Er wurde am 30. März 1966 in Braubach geboren. Nach Abitur und Zivildienst studierte er an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und schloss mit einem Magister Artium (M.A.) ab. Von 1994 bis 2010 war er unter anderem Mitarbeiter bei Bundestagsabgeordneten, Geschäftsführer eines SPD-Unterbezirks und wissenschaftlicher Referent bei der SPD-Landtagsfraktion Nordrhein-Westfalen. Aktuell ist er Mitglied im Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestags, Mitglied des Verwaltungsrates der FFA und Mitglied des Hörfunkrates von Deutschlandradio.

bondySol Bondy, Filmproduzent, One Two Films GmbH
Sol Bondy wurde 1979 geboren und ist in London, Spanien und Berlin aufgewachsen. Er studierte Filmproduktion an der dffb Berlin. Im Laufe seines Studiums produzierte er eine Vielzahl von mehrfach ausgezeichneten Kurzfilmen, z.B. mit dem Deutschen Kurzfilmpreis in Gold. Sein abendfüllender Abschlussfilm DIE VERMISSTEN wurde auf der Berlinale 2012 uraufgeführt und für den Europäischen Filmpreis nominiert. 2010 gründete er mit der Produzentin Jamila Wenske und dem Investor Christoph Lange die One Two Films GmbH in Berlin, die in sechs Jahren sechs Filme produzierte. 2013 absolvierte er das Trans Atlantic Partners Programm und wurde von der Fachzeitschrift Screen International als einer von weltweit 30 „Future Leader: Producers“ ausgezeichnet. 2015 konnte die indische Koproduktion ANGRY INDIAN GODDESSES einen der begehrten Publikumspreise in Toronto gewinnen. In 2016 gewann die finnische Koproduktion THE HAPPIEST DAY IN THE LIFE OF OLLI MÄKI den Hauptpreis der Reihe „Un Certain Regard“ in Cannes und den Europäischen Filmpreis. Sol Bondy ist Mitglied der Europäischen Filmakademie und doziert an diversen Filmschulen, z.B. der dffb Berlin, der Filmuniversität Babelsberg oder der FAMU (Prag). Fotocredit: © One Two Films

lederer

Dr. Klaus Lederer, Bürgermeister von Berlin, Senator für Kultur und Europa, Klaus Lederer ist seit Dezember 2016 Bürgermeister und Senator für Kultur und Europa des Landes Berlin. 1974 in Mecklenburg geboren, zog er mit seinen Eltern Ende der 80er nach Berlin – hinein in die „Zeit der Wende“. Die spannende Zeit mit ihrem kreativen Chaos prägte ihn: sich engagieren, mitreden, mitmachen – anpacken ab 1992 in der PDS. Demokratischer Sozialismus – das Beste aus zwei Welten. Klaus Lederer studierte Rechtswissenschaften und ist Anwalt. Von 2003 bis 2016 saß er im Abgeordnetenhaus, war von 2005 bis 2016 Landesvorsitzender der LINKEN in Berlin. Als Landesvorsitzender führte er seine Partei als Spitzenkandidat in den Wahlkampf, in die Koalitionsgespräche und in die rot-rot-grüne Landesregierung, der er nun als Senator angehört. Fotocredit: © DiG/Trialon

schreitmüller

Prof. Dr. Andreas Schreitmüller, Leiter der Hauptredaktion Spielfilm und Fernsehfilm ARTE
Prof. Dr. Andreas Schreitmüller ist 1956 in Konstanz geboren. Nach seinem Studium der Linguistik an den Universitäten Konstanz und Manchester (UK) promovierte er zum Thema “Filmtitel”. Er war Lehrbeauftragter an der Jiao Tong-Universität Shanghai, stellvertretender Leiter der Kurzfilmtage Oberhausen und Redakteur beim ZDF in der Redaktion “Das kleine Fernsehspiel”. Seit 1991 ist er Leiter der Redaktion Fernsehfilm bei ARTE in Straßburg, seit 2000 zusätzlich Redaktionsleiter Spielfilm. Zudem arbeitet er als Honorarprofessor für Medienwissenschaft an der Universität Konstanz, ist Mitglied der französischen Filmakademie, der Europäischen Filmakademie sowie der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste. Andreas Schreitmüller wurde mit dem französischen Orden “Chevalier dans l’Ordre des Arts et Lettres” ausgezeichnet. Er veröffentlichte u.a. folgende Schriften: “Filme aus Filmen – Möglichkeiten des Episodenfilms” (1983), “Filmtitel” (1994) und “Alle Bilder lügen” (2005). Andreas Schreitmüller war Redakteur bei zahlreichen Filmen, u.a. “Drachenfutter”, “Jenseits der Stille”, “Lola rennt”, “Good Bye, Lenin!”, “Das Leben der Anderen“, “Sophie Scholl”, “Alles auf Zucker”, “Der freie Wille”, “Im Angesicht des Verbrechens”, “Wolke 9″ und “Victoria”. Fotocredit: © Stephanie Gagel

keitzProf. Dr. Ursula von Keitz, Institutsleitung Filmmuseum Potsdam, Professorin Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf
Prof. Dr. Ursula von Keitz lebt in Berlin, lehrt nach Professuren in Bonn und Konstanz seit 2014 an der Filmuniversität Babelsberg „Konrad Wolf“ und ist Direktorin des Filmmuseums Potsdam. Sie ist Mitglied des Netzwerks “FilmBildRaum” der Humboldt-Universität zu Berlin, Vorstandsmitglied von Cinegraph Babelsberg e.V. und Mitglied des Runden Tisches der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) zum sog. Vorbehaltsfilm. Seit 2012 ist sie Co-Leiterin des Langzeitprojekts zur Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland von 1945 bis zur Gegenwart der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). In den 1990er Jahren war sie u.a. als Sammlungsleiterin des Deutschen Filminstituts in Frankfurt am Main, als Ausstellungskuratorin, Drehbuchlektorin und Synchronregisseurin tätig. Sie hat zahlreiche Schriften zur Ästhetik, Geschichte und Theorie des Films veröffentlicht. Mitte 2017 erscheint beim Verlag Schüren der Band zur gleichnamigen Ausstellung “Alles dreht sich und bewegt sich. Der Tanz und das Kino”, die Ursula von Keitz am Filmmuseum Potsdam kuratiert. Fotocredit: © Universität Konstanz

Der Beitrag gliedert sich in folgende Kapitel:

Intro
Kapitel 1 − Bestandsaufnahme: Was ist faul im Staate Deutschland?
Kapitel 2 − Lösungsansätze: Quo Vadis?
Kapitel 3 − Publikumsstimmen

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»Die Frauen sind jetzt am Forderungsherd«

Heike-Melba Fendel (Foto: privat)

Heike-Melba Fendel, Autorin, Film­kri­ti­kerin und Agentin, über »Pro Quote Regie« und den soge­nannten weib­li­chen Blick

Eigent­lich wollten wir nur gemeinsam zu Mittag essen, und über Heike-Melba Fendels neuen Roman reden, »Zehn Tage im Februar«, der auch ein Buch über die Berlinale ist, und über das Kino. Doch dann wurde es ein Gespräch zur Lage der Frau und über die selbst­er­nannten Anwäl­tinnen der Frau­en­rechte im deutschen Film, »Pro Quote Regie«.
Ein offenes Gespräch mit einer unab­hän­gigen Autorin – die darauf besteht, keine Quote nötig zu haben.

Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland.

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Heike-Melba Fendel schreibt Essays, Storys und Kritiken für diverse Publi­ka­tionen und ist Kolum­nistin bei Zeit Online. Sie leitet die Künstler- und Veran­stal­tungs­agentur Barba­rella Enter­tain­ment. Außerdem ist sie Verfech­terin von selbst­ver­fassten Inter­views und versteht sich darin vor allem als Autorin, wie sie im Tages­spiegel offenbart. Das hier veröf­fent­lichte Interview wurde demgemäß von ihr »mitver­fasst«. Fendel mag es eben gerne, wenn sie die Kontrolle über die Dinge behält. [Anmerkung der Redaktion]

artechock: Mir scheint, dass öffent­liche Debatten in Deutsch­land gegen­wärtig sehr häufig von einer mehr­fa­chen Beflis­sen­heit regiert werden. Man traut sich Dinge nicht zu sagen: Aus Rücksicht und Scho­nungs­trieb gegenüber jenen, die es betrifft; aus Angst als Nest­be­schmutzer zu gelten, oder als Neid­hammel; aus Unlust, Spiel­ver­derber zu sein; aus Furcht vor Konse­quenzen. Darum traut sich kaum noch einer, etwas gegen »Pro Quote Regie« zu sagen, weil man dann – und frau erst recht – geradezu stali­nis­tisch abge­watscht und gebashed wird. Darum kriti­siert niemand die Förderer, ihre Entschei­dungen, ihre Richt­li­nien, die Besetzung der Kommis­sionen, weil man fürchtet, dass sich das beim nächsten Antrag rächt. Darum sagt kaum einer es öffent­lich, wenn er Toni Erdmann viel­leicht nicht für den besten deutschen Film des Jahres hält, weil man dann »ja nur neidisch« ist, und sich doch bitte auch mal freuen soll. So wie man immer für die deutsche Fußball­na­tio­nal­mann­schaft sein muss.
Kurzum: Es gibt keine Streit­kultur, keine Offenheit und Neugier auf kontro­verse Posi­tionen, keine Lust an der Debatte – nur die alles ersti­ckende Käseg­locke der political correct­ness.
Oder sind das alles Klischees? Soll man zum Beispiel öffent­lich auf die Lügen und Halb­wahr­heiten in den Pres­se­mit­tei­lungen der Film­för­derer reagieren und das zurech­trü­cken?

Heike-Melba Fendel: Natürlich…

artechock: Ellen Wietstock von der Black Box sagt das auch. Sie sagt, das Problem sei, dass sich keiner traut, offen über seine Erfah­rungen zu reden – es nutze aber niemandem, wenn er sich anpasst.

Fendel: Du weißt ja, mit wem du hier redest. Ich habe mir natürlich vor gut zwei Jahren überlegt, ob ich nochmal meine Kritik an »Pro Quote Regie« äußern soll. Ich mache in meinem Text im Tages­spiegel in gewisser Weise wieder, indem ich dieses Teppich­ge­döns bei der Berlinale »im Duktus einer sauer­töp­fi­schen Femi­nistin« geißele, wie man das dann gerne nennt, und ande­rer­seits zu kriti­sieren, dass »Pro Quote Regie« nur die »Pro Quote Regie«-Karte spielt – und so immer im Erwar­tungs­rahmen bleibt.
Muss ich also jetzt »schon wieder« so was machen? Ja, muss ich. Weil ich sonst schon Teil dessen werde, was man kriti­sieren muss:
Dass also überhaupt nicht mehr hinter­fragt wird, wieso eine Schau­spie­lerin auch für Arthouse-Filme unbe­setzbar ist, jeden­falls unbe­setzbar im Sinne der Förder­gre­mien, wenn sie dieses Spiel nicht mitspielt. Weiterlesen

Niemand würde einen teuren Film mit dem Theater- und Petzold-Star Nina Hoss besetzen, wenn Nina Hoss nicht ständig mit blondem Wallehaar und tief­de­kol­tierten Roben auf dem Roten Teppich auch die Glamour-Schiene bedienen würde? Das ist natürlich bescheuert: Denn sie macht das ja nicht für ihren Film, sondern für die Berlinale und die Berlinale-Sponsoren, damit die soge­nannte »Marken­bot­schaf­te­rinnen« für sich rekla­mieren können.

Wenn man denn einen femi­nis­ti­schen Stand­punkt hat, was ja die Pro-Quote-Frauen für sich in Anspruch nehmen, dann müssten sie meines Erachtens auch zu den Ritualen am Roten und das unter Gender-Aspekten.
Die FFA macht ja während der Berlinale eine Veran­stal­tung namens Unter der Gender-Lupe – die deutsche Film­branche. Da denke ich mir: Am Roten Teppich braucht ihr keine Lupe, da seht ihr lebens­groß, wie Künst­le­rinnen sich dem Primat der Spon­so­ren­in­ter­essen beugen und zu Produkten werden.
Es gibt eine insti­tu­tio­na­li­sierte Denk­ver­wei­ge­rung im Film­ge­schäft, ein Igno­rieren von Wider­sprüchen. Und ich denke, gerade Frauen, die sich besonders kämp­fe­risch in eigener Sache geben, müssen sich gefallen lassen, dass man ange­sichts dieser Ignoranz sagt: Mädels – nee!

artechock: Was wäre überhaupt das Ziel der Kampagne? Geht es um Gerech­tig­keit? Um die Förderung der Benach­tei­ligten? Oder geht es darum, dass man gar nicht mehr so genau hinschaut und gar nicht mehr den Unter­schied sieht zwischen den Geschlech­tern sieht?

Fendel: Ich inter­es­siere mich in erster Linie fürs Kino. Wenn mir mangelnde Soli­da­rität mit der Sache der Regis­seu­rinnen vorge­worfen wird, kann ich nur sagen, dass meine Soli­da­rität dem Kino gehört, denn das kommt in der Debatte zu kurz. Ich schreibe den ganzen Protest­kram nur, damit ich endlich in Ruhe Filme sehen kann, die mich wirklich inter­es­sieren.
Ich schreibe, um ein paar Struk­turen offen­zu­legen, die dazu führen, dass die deutschen Filme vielfach so schlecht sind. Wenn man auf der einen Seite ein unhin­ter­fragtes ausbeu­te­ri­sches Glamour-Ideal bedient und auf der anderen Seite ein rein ökono­mis­tisch geprägtes Gleich­stel­lungs-Gefordere ausstellt, dann ignoriert man beide Male den Kern dessen, was man als Filme­ma­cherin eigent­lich tun müsste: Nämlich Geschichten finden und eine Form, die ihnen standhält.

Es gibtaus meiner Sicht zu wenig Selbst­re­fle­xion in der deutschen Film­branche und eben auch bei den Filme­ma­che­rinnen und Schau­spie­le­rinnen. Wie kann man, wenn man so affir­mativ am Teppich ist – Teppich nehme ich jetzt mal stell­ver­tre­tend für das Prinzip Selbst­ver­mark­tung –, und zeit­gleich in der Pro-Quote-Blase so sozi­al­de­mo­kra­tisch-dogma­tisch – wie will man dann noch in der Lage sein, Geschichten zu erzählen, die heraus­for­dernd, eigen und divers sind.
Ich glaube, dass dieser Dogma­tismus der Frauen dann auch einen Dogma­tismus der Männer nach sich zieht. Egal, ob sie sich soli­da­risch oder feind­selig verhalten. Ich glaube, dass sich Geschlech­ter­kli­schees in eben dem Maße verfes­tigen, wie sie bekämpft werden. Der Kampf stellt sie nicht bloß, sondern aus.

artechock: Dein Roman handelt von der Welt, in der wir beide leben: Filme, Medien, Festivals und die Menschen, die sich darin aufhalten – aber er handelt auch von einer spezi­ellen Perspek­tive: der einer Frau auf der Berlinale.

Fendel: Eindeutig ist das Haupt­thema die Weltsicht einer Frau, die sehr, sehr, sehr intensiv glaubt, dass das richtig ist, was sie denkt und empfindet, die aber ständig was anderes denkt und empfindet – diese wetter­leuch­tende Sicht auf Welt hat mich total inter­es­siert.

Eigent­lich ist das auch die Chronik eines psychi­schen Ausnah­me­zu­stands, und wie eine Frau diesen Ausnah­me­zu­stand mithilfe des Kinos mal verstärkt und mal dämmt, weil Kino ja auch ein perma­nenter Ausnah­me­zu­stand ist. Insofern ist das eine Geschichte übers Kino, aber auch die Geschichte einer spezi­ellen Form von Irrsinn.
Diesen Irrsinn kann man auch als Liebes­kummer beschreiben. Aber genau nicht im Sinne des retar­die­renden Moments der Romcoms, bevor der »girl gets boy back«-Teil beginnt. Es gibt ja diesen Moment in Liebes­be­zie­hungen, wo eigent­lich klar ist: »das ist vorbei«, wo aber keiner von beiden diese Klarheit für sich zulässt.
Diese Verdrän­gung erzeugt seelische Ausnah­me­zu­stände, die meine Heldin sich ganz hart weigert zu erkennen.

artechock: Trotzdem hat das Buch ja etwas Univer­sales, das über den Liebes­kummer hinaus geht…

Fendel: Ja, ich glaube, dass man die Welt »in a nutshell« oder »in a nutperson«, das passt hier doppelt, erzählen kann. Mir geht es natürlich ganz klar um ein Frau­en­bild, das gras­sie­rende Frau­en­bilder konter­ka­riert.
Ich wollte eine Frau­en­figur entwerfen, die mit gängigen Bildern weder in ihrer Stärke noch in ihrer Schwäche zu greifen ist. Ich wollte bestimmte Bilder zertrüm­mern, anhand derer Frauen Identität konstru­ieren. Allen voran das der »Powerfrau«.

Denn es stimmt ja theo­re­tisch: toller Mann, toller Job, tolles Haus, glamourös, ange­kommen – das ist sie, also, an diesem Punkt, wo sowohl roman­ti­sche Komödien enden als auch die Träume von soge­nannten Karrie­re­frauen. Eigent­lich ist sie ja wie aus einem »Starke Frau«-Portrait in »Brigitte Woman« oder so, aber all das ist in ihrer Selbst­wahr­neh­mung total irrele­vant.

Deswegen sucht sie auch ständig Freun­dinnen. Das ist ja eine Frau auf der Suche nach Frauen, die ihr ein anderes Iden­ti­täts­mo­dell bieten können, als sie selbst in der Lage ist, für sich herzu­stellen. Deswegen hat sie diesen Wahn mit Jane Campion. Dass diese flusige Person sich so eine femi­nis­tisch konno­tierte Regis­seurin sich als Lebens­heldin und Takt­ge­berin ihres Daseins aussucht, finde ich lustig – deswegen muss sie aber auch enttäuscht werden. Weil an der Stelle der Femi­nismus versagt. Der Femi­nismus erkennt und erlöst nämlich sein eigenes Gegenüber nicht: die verwirrte Frau.

artechock: Woran liegt es eigent­lich, dass Jane Campion für sehr viele Frauen so ein beson­deres Role-Model ist?

Fendel: Naja zum einen die Eckdaten: eine Frau, die ihre Filme selber insze­niert, selber schreibt, und ein, zwei Welt­erfolge hatte und Jahr­zehnte im inter­na­tio­nalen Film­ge­schäft durch­ge­halten hat. So viele gibt es da ja nicht.
Zum zweiten, weil nahezu alle ihre Filme ja Frauen in den Mittel­punkt stellen und deren Erwe­ckungs­ge­schichten erzählen.
Das sind natürlich auch weibliche Entlas­tungs­phan­ta­sien, in denen, femi­nis­tisch umrahmt, sexuelle oder sonstige Erwe­ckungs­ge­schichten im geschützten Raum abge­ar­beitet werden können.

artechock: Findest du Das Piano auch Campions besten Film?

Fendel: Nee, ich finde In the Cut ihren besten Film. Sweetie war auch schon super. In the Cut ist natürlich ein verun­glückter Film, klar, aber ich finde ihn super. Der ist super in seiner Vers­tört­heit. Er passt auch gut zu meiner Haupt­figur – genauso balla­balla und von Flieh­kräften zerrissen. Das hat mich total inter­es­siert. Wenn man In the Cut gesehen hat, geht man mit einem Ener­gie­schub raus – das ist jetzt keine besonders film­kri­ti­sche Kategorie. Aber er ist halt nicht nicht weiner­lich.
Unin­ter­es­sant fand ich Bright Star. Ich fand ihn viel zu schön, viel zu alles. Sie viel zu kess, ihn zu elegisch, das Lila zu lila, die Geigen zu schluch­zend.
Das war ihrer nicht würdig. Das Piano muss man ein bisschen in seiner Zeit sehen. Wenn ich den jetzt sehe, denke ich auch: okay… Aber beim ersten Mal war er toll. Beim zweiten auch. Man sollte sich nicht rück­wir­kend um seine eigenen Seher­leb­nisse bringen.

artechock: Hast du eigent­lich mal Simone de Beauvoir gelesen?

Fendel: Ein bisschen.

artechock: Ich frage, weil Simone de Beauvoir auch als Iden­ti­fi­ka­ti­ons­figur taugt. Und weil sie die Themen berührt, die du berührst: Selbst­ver­ant­wor­tung von Frauen. Frauen könnten auch anders, wenn sie wollten und wenn sie nicht immer die Ausreden suchen würden…

Fendel: Die suchen Ausreden und sie vertrauen auf die Regel – das ist ja durchaus auch auto­ritäts­gläubig: Sie, also die Akti­vis­tinnen, wollen fünfzig Prozent von der Welt, die die Männer gebaut haben. »Fünfzig Prozent vom Himmel!« Was ist das denn, dieser Himmel? Und sie wollen diesen Himmel an Zahlen fest­ma­chen – wie die Männer alles an Zahlen fest­ma­chen.
Keine sagt, ja, ich will die Geschichten, die ich erzählen will, erzählen können zu dem Budget, das es für diese Geschichte braucht. Keine sagt: Ich will die optimale Bedingung für meinen Film haben, weil der wichtig ist.

artechock: Viele soge­nannte Femi­nis­tinnen argu­men­tieren gern so: »Es muss doch auch ohne Macht gehen. Es gibt doch weib­li­ches Filme­ma­chen. Wir wollen keine Stärke und Selbst­be­haup­tung, das ist doch blödes Gockel­ge­habe…«

Fendel: Ich schlaf jetzt schon ein, Rüdiger…

artechock: Ja, ok, aber für unsere Leser: Was ist denn an dieser Heran­ge­hens­weise falsch? Ist Macht etwa männlich?

Fendel: Mein Problem ist, dass ich es sowas von sinnlos und unin­ter­es­sant finde, »die Gender-Lupe« raus­zu­holen. Weil das so ein Neben­schau­platz ist. Wir leben in einer Welt – hier, jetzt, in Deutsch­land – wo jede Frau, die es auf die Kette kriegen will, es auch auf die Kette kriegen kann. Das mag zu flapsig klingen, aber ich finde es inter­es­santer zu schauen, was die Frauen, die sich durch­zu­setzen in der Lage wren, verbindet, als mich den Zahle­spielen zu widmen. Denn das ist weder politisch noch cine­as­tisch relevant und eins von beidem sollte es schon sein.
Ja: es gibt noch ein paar Probleme. Ja, es werden noch bestimmte Frauen für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt. Das ist falsch und das muss man ändern.
Aber das sind Auslauf­mo­delle struk­tu­reller Unge­rech­tig­keit. Da kann man jetzt dabei zugucken, wie sowas fällt. Das wird schon rein partei­po­li­tisch von niemandem mehr vertei­digt als viel­leicht von der AFD.
Und mich ärgert geradezu, dass das Gerech­tig­keits­thema, um das es im Kern ja hier geht, nicht mit weiteren Themen verknüpft wird. Das ist kein What-aboutism, sondern die plausible und notwen­dige Auswei­tung der Kampfzone.

Ich will von einer sich quoten­po­li­tisch äußernden Frau auch wissen, wie sie etwa zu der Frage der offenen Gesell­schaft und der offenen Grenzen steht, was sie vom Flücht­lings­deal mit der Türkei hält und von einer Deckelung von Manager-Gehältern und so weiter. Ich will wissen, wie sie sich mit einem »Wir« befasst, das uns alle meint. Das inter­es­siert mich viel mehr als die Frage, wie man jetzt den Pay-Gap schließen kann, denn der wird geschlossen.

Was mich daran ärgert: Frauen wurden lange Zeit struk­tu­rell klein­ge­halten und halten sich jetzt selbst struk­tu­rell klein, indem sie sich so schwung­voll die ganze Zeit mit ihrer Unter­drü­ckung und Benach­tei­li­gung und deren Über­win­dung befassen, ohne zu merken, dass damit eine neue Variante der Haus­frau­en­e­xis­tenz entsteht.

Im Haus der Gleich­be­rech­ti­gung stehen sie jetzt am Forde­rungs­herd. Sie köcheln sich ihre Forde­rungen, und sind damit schon wieder »von der Straße« weg, also dem Ort, wo ein weiter gefasstes und poli­ti­sches Weltbild geformt wird.

Vor allem aber erwarte ich von Filme­ma­che­rinnen, dass sie cine­as­ti­sche und ästhe­ti­sche Posi­tionen beziehen. Es müsste doch möglich sein, darüber zu reden, welche Filme sie auf welche Weise machen wollen, nicht darum, allein darüber zu reden, warum sie die Filme, die sie machen wollen (von denen wir leider gar nichts erfahren) jetzt nicht machen können oder erst werden machen können, wenn sie ihre fünfzig Prozent Förder­quote erzielt haben – das sind Neben­schau­plätze.

Versuch doch mal – ich pauscha­li­siere natürlich jetzt, aber denk das bitte einfach mit – versuch doch mal, mit Frauen ernsthaft, breit und fundiert über Kino, Film­ge­schichte oder Genre zu reden. Geh doch mal ins Film­mu­seum oder ins Arsenal in Film­reihen und Werk­schauen, wenn da jetzt nicht gerade eine Romantic Comedy läuft, und guck mal, wieviel Frauen da sitzen im Verhältnis zu den Männern? Geh doch mal in eine Festi­val­re­tro­spek­tive und guck dir alle zwanzig oder dreißig Filme an. Da gibt es immer etwa zwei Dutzend Männer, die da jeden Abend sitzen und sich alles ansehen – aber so gut wie keine Frau als Dauergast. Haben die auch alle, wie Dieter Kosslick, ein Heimkino?

Ich glaube, es gibt ein struk­tu­relles Dilemma, was Frauen und Kino betrifft, einen abwe­senden Diskurs. Es gibt ja auch relativ wenig Ton angebende Film­kri­ti­ke­rinnen, und es gibt auch wenig Regis­seu­rinnen, die sich öffent­lich auf fundierte Weise mit Kino ausein­an­der­setzen oder das als wichtig propa­gieren.

Von den Filme­ma­che­rinnen, die Pro-Quote-Forde­rungen in die Welt senden, möchte ich mal etwas über ästhe­ti­sche Maßstäbe und Film­ge­schichte hören. Natürlich nicht zur Legi­ti­ma­tion oder als Prüfung, aber um sie im Kontext ihrer Arbeit sprechen zu hören, nicht nur im Kontext der Arbeits­be­schaf­fungs­maß­nahme.

Es gab da für mich letztes Jahr eine exem­pla­ri­sche Podi­ums­dis­kus­sion in Köln an der KHM, also der Kunst­hoch­schule für Medien, die Anke Domscheit-Berg moderiert hat. Die ganze Zeit ging es um Geschlech­ter­gleich­heit bei IBM, bei BMW, also auf jeden Fall um Wirt­schafts­un­ter­nehmen. Und als dann die Regis­seurin Isabelle Suba und ich zwei Minuten lang über die Filme europäi­scher Regis­seu­rinnen geredet haben, hat die Mode­ra­torin das abge­blockt mit der Bemerkung: »Wir wollen das jetzt nicht vertiefen.«

Das war für mich beispiel­haft: Wenn zwei Frauen im Rahmen eines Gespräches über Regie­quote anfangen, inhalt­lich über Filme zu reden, über Kunst, dann werden sie von einer Frau abgewürgt. Weil wir ja über Prozente und Zugänge und Sicht­bar­keit reden sollen.

Natürlich sind reichlich inter­es­sante Filme­ma­che­rinnen unter den Akti­vis­tinnen, aber das, was sie inter­es­sant macht, nämlich ihre Arbeit, von der sprechen sie nicht.

Generell ist die Art und Weise, mit der deutsche Regis­seu­rinnen im dritten Jahr auf der Berlinale sichtbar werden – als Sticker vertei­lende, Prozent­punkte einkla­gende Akti­vis­tinnen im Frucht­bla­sen­zelt der »Pro Quote Akti­visten« identisch mit der Form, in der poli­ti­sche Partien für sich werben. Dass das die Form ist, mit der Frauen in Deutsch­land auf den Plan treten, wenn sie Fort­schritt meinen, erschreckt mich.

Wenn Dieter Kosslick wirklich cool wäre, würde er sagen: Lassen wir das mal mit den ganzen Pro-Quote-Zelten und Sonn­tags­reden – ich mache statt­dessen mal ein rein weib­li­ches Wett­be­werbs­pro­gramm. Schauen wir doch mal: Ein Jahr lang suchen und finden, und dann 20 Wett­be­werbs­filme nur von Frauen.

Das fände ich super. Würde mich total inter­es­sieren. Probieren wir es doch mal aus. Würde ich als Kampagne sofort unter­s­tützen. Steht aber auf keinem Aufkleber.

artechock: Vor allem würde man dann nicht jeden Film von einer Frau unter dem Gesichts­punkt betrachten, dass er von einer Frau ist…

Fendel: Genau, dann könnte man die mal auch wieder als Filme angucken. Das fände ich inter­es­sant. So, Dieter: 2019 ist dein letztes Jahr, mach doch mal.

artechock: Ist dieser ganze Diskurs über Frau­en­gleich­be­rech­ti­gung ein Ablen­kungs­dis­kurs?

Fendel: Nein es ist eher ein rein ökono­mi­scher Diskurs und als solcher in Ordnung. Es ist ja total okay, zu sagen, ich will mehr Geld verdienen. Es hat nur mit Kunst und Cine­philie nichts zu tun. Das wird aber unter­ge­hoben.

Wenn im Rahmen des Quoten­dis­kurses die Rede auf den soge­nannten »weib­li­chen Blick« kommt, dann wird es unsauber, anti-cine­as­tisch, ungenau. Wenn du da mal nach­bohrst, und fragst: Was meint ihr denn mit dem »weib­li­chen Blick« wird von größerer Diver­sität und dem Bestehen des langsam zu Tode zitierten »Bechdel-Tests« gespro­chen. Also von Frauen, die im Film über etwas anderes als Männer reden. Nun denke ich, dass man auch femi­nis­tisch-korrekt über Männer reden kann. (Ganz nebenbei glaube ich, dass auch Frau­en­gespräche im so genannten echten Leben eher selten den Bechdel-Test bestünden…)

Der erste Teil von Fifty Shades of Grey – von einer Frau geschrieben, von einer Frau insze­niert – war das kein weib­li­cher Blick? Oder der falsche?

Ist es denn wirklich so, dass Frauen andere Filme machen? Würde man bei einer Sichtung ohne Credits wirklich einen von einer Frau insze­nierten »Tatort« von dem eines Mannes unter­scheiden können?

Wir wollen mehr »Tatort«- oder »Groß­stadt­re­vier«-Regie­auf­träge bekommen, weil wir auch Geld verdienen wollen und müssen – das ist total okay. Aber wenn gesagt wird: Wir wollen mehr »Tatort« machen, damit der weibliche Blick zum tragen kommt, dann sage ich: Nee, lass stecken.

artechock: Ein ökono­mi­scher Diskurs, das wäre ja Politik. Da ginge es um Betei­li­gung an Pfründen, letztlich an Macht. Aber was ist demge­genüber der einge­klagte ästhe­ti­sche und cinephile Diskurs?

Da wir in diesen Tagen beide an einem Symposium des Filmbüro NRW zum Verhältnis von Film und Politik teil­nehmen, möchte ich mal fragen: Wo wird das Ästhe­ti­sche als Ästhe­ti­sches politisch? Beim Ökono­mi­schen ist das offen­sicht­lich, beim Ästhe­ti­schen nicht…

Fendel: Ich meine einen Diskurs, der zum einen das gewählte Medium aufgreift, also ganz einfach eine Ausein­an­der­set­zung mit dem, was Kino und Fernsehen für die Regis­seu­rinnen sind, was sie mögen, ablehnen, wie sie histo­ri­sche und aktuelle Arbeiten einordnen und bewerten. Wie sie die Arbeit der einzelnen Gewerke sehen, lesen und hören.

Zum anderen würde mich eine persön­liche Verortung inter­es­sieren, also welche Vorbilder und Prägungen die eigene Arbeit bestimmen. Ich denke, das sind ganz banale und nahe­lie­gende Dinge für jeden, der oder die Filme macht. Das wäre ja auch eine Macht, nicht umsonst spricht man ja von Deutungs­ho­heit, also das Führen von Diskursen und Besetzen film­kri­ti­scher Terrains. Ich habe aber tatsäch­lich in den vergan­genen zwei­ein­halb Jahren »Pro Quote Regie« keinen Satz zu cine­as­ti­schen Themen gehört oder gelesen.

Zum zweiten Teil deiner Frage: Wenn du nicht bloß abbildest oder Gelerntes repro­du­zierst – und wahr­schein­lich selbst dann – erzeugst du Welt. Diese Welter­zeu­gung bewusst zu voll­ziehen, ist für mich poli­ti­sches Handeln. Wann immer wir die Position des Konsu­menten verlassen und etwas hervor­bringen, das – auch – die Multi­pli­ka­tion zum Gegen­stand hat, indem es sich an Leser, Zuschauer usw. richtet, üben wir poten­tiell Macht aus.

Wenn wir Bilder entwerfen, Geschichten erzählen, Form wählen, produ­zieren wir Gegenwart. Ästhetik ist Einfluss­nahme.

artechock:Wie würdest du Godards berühmten Satz »Nicht poli­ti­sche Filme machen, sondern Filme politisch« ins gegen­wärtig Konkrete über­setzen?

Fendel: Im Kontext dessen, was ich grad gesagt habe, also sich der Wirkungs­macht jedes filmi­schen Gewerkes wie deren Summe jederzeit bewusst zu sein. So genannte kreative Entschei­dungen in Ursache und Wirkung zu reflek­tieren und idea­ler­weise auch diese Reflexion in der Arbeit spürbar werden zu lassen.

Inzwi­schen verstehen wir ja unter einem »poli­ti­schen« Film einen, der ein offiziell als politisch geltendes Thema hat. In dieser Logik posi­tio­niert sich ja die Berlinale als poli­ti­sches Filmfest, weil es Filme gibt, die inhalt­lich zu der Themen­aus­wahl der Tages­schau passen. Was Wirkungs­macht und Gegen­warts­ver­or­tung angeht, ist Fifty Shades of Grey aller­dings sicher poli­ti­scher als Fuoco­ammare.

artechock: Gibt es überhaupt Filme, die nicht-politisch sind? Wenn ja: Was ist dann dieses Nicht-Poli­ti­sche?

Fendel: Das Nicht-Poli­ti­sche wäre schlicht das Nicht-Wahr­nehmen des Poli­ti­schen. Das Unter­lau­fene.

artechock: Was heißt für dich poli­ti­sches Enga­ge­ment?

Fendel: Ganz einfach das Über­setzen meiner Über­zeu­gungen in Handeln. Konkret werden.

artechock: Und wie wäre eine (Film-)Kunst beschaffen, die sich engagiert, die aber das Poli­ti­sche nicht verrät?

Fendel: Hm, schwierig. Inter­es­sant, dass du engagiert und politisch sein in einen Wider­spruch stellst.
Viel­leicht indem sie den exakt anderen Weg geht als das persön­liche Enga­ge­ment. Indem sie sich der Konkre­tion verschließt. Georg Seeßlen hat in einer Kritik zu, ich glaube einem Western, mal sinngemäß gesagt, ein Filme­ma­cher müsse das Genre, das er gewählt hat, entweder bedienen oder tran­szen­dieren. Das Poli­ti­sche kann man wahr­schein­lich nur bedienen, indem man es tran­szen­diert, also von den Reflexen befreit bzw. Reflexe in Narration überführt.

artechock: Ich möchte noch mal meine Anfangs­frage sinngemäß wieder­holen: die fehlende Lust an der Debatte und der fehlende Mut zu streiten, die Unfähig­keit zur Streit­kultur. Man traut sich nicht, Dinge offen zu sagen… Auch aus falsch verstan­dener Gnade.
Was tun dagegen – gegen das gegen­sei­tige Belei­digt­sein und Persön­lich­nehmen und gegen die Feigheit der Massen vor der Macht?

Fendel: Das, Rüdiger, treibt mich um, wie wenig zweites. Und zwar als Autorin wie als Unter­neh­merin. Wo kämpfen, mit welcher Ausdauer und in welcher Härte. Jeder Tag ist eine Flos­kel­schwemme, sprach­lich sowieso, aber auch Verhal­tens­flos­keln – die Unter­wür­fig­keits-Exzesse sind da ganz weit vorn – nahezu alles, was wir sehen, erleben und konsu­mieren unter­wirft sich einer Normie­rung, die als »gelernt« firmiert. Also die Gebor­gen­heit im Ritual soge­nannter Erfolgs­ge­schichten. »Muss man das erstmal hinkriegen«, sagt man gerne, wenn irgendwas, das man selber nicht gut ist, großen Erfolg hat. Ob Til-Schweiger-Filme, Eckart-von-Hirsch­hausen-Bücher oder Helene-Fischer-Alben… Muss man alles erst mal hinkriegen.

Ah ja. Und dann findet man das alles doof und ist gleich Spaß­bremse. Oder unso­li­da­risch, wenn man etwa »als Frau« nicht auto­ma­tisch für Regie-Quoten ist. Oder, das aller­schlimmste: intel­lek­tuell. Ein intel­lek­tu­eller Politiker etwa ist längst ein Wider­spruch in sich. Wenigs­tens, solange er gewählt werden muss. Ein Norbert Lammert darf mit Geist prahlen, weil das politisch folgenlos ist, alle anderen befassen sich mit »den Menschen da draußen«. Draußen meint: vor der Tür des Geis­tes­ge­bäudes.

Tja und ich frage mich tatsäch­li­chen jeden Tag aufs Neue, in welche Arena steige ich rein: Wie oft sage ich meinen Mitar­bei­tern, dass ich das Wort »dürfen« nicht in Anschreiben lesen möchte, wie ehrlich sage ich »meinen« Künstlern, wie ich ihre Arbeit sehe und wie sehr wider­setze ich mich Kunden­vor­gaben.

Ich will nicht ständig zornig sein oder gar unglück­lich über diese »gelernten« Gewiss­heiten. Ich bin es aber. Ich fühle mich auch hilflos, wenn ich diesem Gelernten nur Unge­fähres entge­gen­halten kann: Such­be­we­gungen, Sehnsucht, Möglich­keiten, Aufbruch, Zwischen­töne, Schicksal, Verheißung.

Was also tun? Für mich kann es nur heißen, aus dieser Hilf­lo­sig­keit Wider­stand zu schmieden. Harten, schlag­kräf­tigen Wider­stand. Und vorher tief genug in die Trick­kiste der Macht­spiele zu greifen, damit die Menschen da draußen glauben, dass die Hand, die diese Schläge führt, einer mächtigen Frau gehört.

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Heike-Melba Fendel: »Zehn Tage im Februar«, Blumenbar Verlag, 18 Euro

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Cinema Moralia – Folge 150: Pro Quote Ästhetik!

Toni Erdmann: Ist nach der männlichen (!) Hauptfigur benannt. Ob er wohl ästhetischen Maßstäben gerecht wird?

Frauen vor Film­land­schaft – was der deutsche Film wirklich braucht; Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 150. Folge

Für mich ist jeder Tag Welt­frau­entag. Ich bin ein Feminist. Gleiche Rechte, gleiche Chancen, gleiche Bezahlung, das ist alles überhaupt nicht die Frage.
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Sehr wohl eine Frage ist aber die Perspek­tive. Worum geht es eigent­lich bei der ganzen Frauen-Quoten-Gleich­be­rech­ti­gungs-Political-Correct­ness-Debatte? Provo­kativ formu­liert: Nutzt es mir, wenn Frauke Petry genauso gut bezahlt wird, wie Björn Höcke?
Oder nutzt es mir mehr, wenn es einfach mehr gute Filme gibt? Egal, ob sie von Männern oder von Frauen kommen? Klar: Das war jetzt eine rheto­ri­sche Frage. Und eine pole­mi­sche.
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Frauen sollen auch das Recht haben, schlechte Filme zu machen – dies ist einer der dümmeren, dieser an klugen Sätze nicht sehr reichen Debatte.
Ich finde viele Argumente, die da aufge­bracht werden, irrele­vant, oft into­le­rant, gele­gent­lich stali­nis­tisch. Neulich hab ich zum Beispiel den Newspeak-Begriff »Cultural Appro­pria­tion« gelernt, »kultu­relle Aneignung«. Gemeint ist damit unter anderem, im Fasching als Indianer rumzu­laufen. Ist böse, weil man die Indianer nicht gefragt hat. Der Ausdruck wiederum ist bestimmt nicht gerechte Sprache. Nun inter­es­siert mich, ehrlich gesagt, gerechte Sprache nicht die Bohne. Schon deshalb, weil gerechte Sprache das Gegenteil von Gerech­tig­keit ist. Gerechte Sprache verfälscht die realen Verhält­nisse. Tarnt und maskiert und gibt den Spre­chenden noch ein gutes Gewissen. Gibt es weniger Rassismus, weil wir nicht mehr »Neger« sagen?
Es ist noch nichts auf der Welt besser geworden, weil wir unsere Sprache verändert haben. Was die Verhält­nisse besser macht, sind Verän­de­rungen der Macht­ver­hält­nisse.
Weil das die Linken nicht begreifen, gewinnen sie bei Wahlen nicht die Macht. Weiterlesen

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Keiner sollte das Recht haben, schlechte Filme zu drehen – weder Frauen noch Männer. »Recht« kann ja hier nichts Juris­ti­sches oder Mora­li­sches heißen, sondern »das ästhe­ti­sche Recht«. Natürlich gibt es keine Zensur, gut so: Jeder darf jeden möglichen Müll produ­zieren. Aber wem nutzt es?
Was wir brauchen ist nicht political correct­ness, sondern ästhe­ti­sche Maßstäbe. Es ist bezeich­nend für den Status Quo, dass noch nie die Frage nach dem Ästhe­ti­schen ernsthaft zum Thema wurde.

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Der deutsche Film, nein: Das Kino überhaupt braucht mehr Toleranz für Expe­ri­mente und mehr ästhe­ti­sche Strenge glei­cher­maßen.

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Worum geht es in diesen ganzen Debatten, diesen verqueren Debatten? In jedem Fall müssen Frauen Geld einfor­dern: ökono­mi­sche Gleich­be­rech­ti­gung.
Ansonsten sollte man darüber offen reden, dass Frauen in der Regel keine Frauen fördern. Wenn also viel weniger Frauen als Regis­seure Filme machen, dann liegt das auch daran, dass viele Frauen in den Förder­gre­mien und den Redak­ti­ons­stuben sitzen,
Wenn man Frauen nach ihren persön­li­chen, ganz konkreten Erfah­rungen fragt, kommt eigent­lich selten ein konkreter Beleg. Benach­tei­li­gung scheint diffus – was keines­wegs beweist, dass es sie nicht gibt.

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Viel zu wenig unter­schieden wird auch zwischen zwei anderen Möglich­keiten: Wollen die Frauen nun an die Fleisch­töpfe, also Betei­li­gung am System, oder wollen sie das System als solches verändern, also die Fleisch­töpfe auskippen und »weib­li­ches Filme­ma­chen« einführen?
Hier könnte man sich klarere Posi­tionen wünschen, derzeit wabert die Debatte zwischen beiden Polen hin und her. Das System im Prinzip ist überaus schrottig – aber zu revol­tieren traut sich dann doch keiner. Was sich ändern muss, so scheint es, ist doch nicht primär ein weib­li­ches oder männ­li­ches Verhalten, sondern vielmehr die Wahr­neh­mung und die Bewertung des Systems.

+ + +

Ein Gespräch mit einer hoch­ran­gigen ARD-Mitar­bei­terin über das Sparen in den Sendern. Gespart wird selbst­ver­s­tänd­lich an den falschen Stellen, nicht an Betriebs­renten, sondern am Archiv. Inzwi­schen sei es so weit, dass BR und NDR nicht einmal mehr das zurück­lie­gende Jahr anständig in die Archive einpflegen würden. »Ein Politikum«, sagte die Redak­teurin. Weil an der Doku­men­ta­tion gespart wird und am »Verschlag­worten« des Programms, ist seriöse Archi­v­re­cherche in manchen Sendern schon derzeit nicht mehr möglich.

+ + +

Gespräch mit einem Kino­be­treiber über die merk­wür­dige Politik der Verleiher: »Ich sympa­thi­siere mit Torsten Frehse« hatte ich gesagt. Der Satz provo­ziert offenbar: »Du sympa­thi­sierst mit Torsten Frehse?« Er kann es nicht fassen. »Der ist halt ein Zocker«. Und wir sprechen über die Vor- und Nachteile, die es hat, wenn Bruno Dumonts Die feine Gesell­schaft als Komödie vermarktet wird, in der Tradition jener fran­zö­si­schen Dödel­komö­dien, die in den letzten Jahren über dem deutschen Publikum ausge­gossen wurden. Und wenn zugleich fast alle Kopien in der deutschen Synchro­ni­sa­tion ins Kino kommen. Natürlich sei der Film lustig, aber doch ganz anders als etwa Monsieur Claude und seine Töchter. »Aber auf Deutsch ist es nicht komisch, wenn Juliette Binoche hyste­risch trällert… die, die den gesehen haben, finden ihn dann halt schlecht,.«
Allein in den letzten Wochen hat er sich oft geärgert: Farhadis The Salesman kam kaum mit Origi­nal­fas­sung ins Kino. Scorseses Silence außerhalb der Großs­tädte nur in OV oder synchro­ni­siert, »nie als OmU«. Schon Taran­tinos Django Unchained habe durch derartig dogma­ti­schen, unein­sich­tigen Umgang seiner­zeit viele Zuschauer verloren. »Aber wer versteht schon den Südstaa­ten­ak­zent von Leonardo Di Carpio?«
Da sieht man dann, wie dick der Sand im Getriebe des deutschen Kinos ist. Oben wird viel Geld hinein­ge­worfen, unten zerbrö­selt dann alles.

+ + +

Wie irre!! Jetzt muss der Mitar­beiter von »Price­wa­ter­house Coopers« (PwC) unter Poli­zei­schutz gestellt werden, weil er die Umschläge bei der Oscar-Verlei­hung falsch zuge­ordnet hat.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Charlotte Siebenrock (BVC) im Interview

Charlotte Siebenrock | FOTO: Bernd Jaworek/UFA Serial Drama GmbH

Wir sprachen mit der ehemaligen Besetzungschefin der UFA Serial Drama in Berlin/Potsdam, wie es nun nach der Schließung Ihrer Abteilung weiter geht.

Zur Situation
Ende Januar 2017 wurde die zentrale Casting-Abteilung der UFA Serial Drama am Standort Potsdam-Babelsberg aufgelöst. Ihre Leiterin Charlotte Siebenrock hat über 17 Jahre hinweg unter großem Engagement diese Abteilung aufgebaut und mit viel Knowhow für neue Gesichter in Serien gesorgt. Zu ihrem Team gehörten zuletzt ihre Assistentin Christina Göring, die Archivarin Stephanie Misgaiski und Heike Liebermann, die für das Casting der Kleindarsteller, Kinder und Jugendlichen zuständig war. Tina Thiele traf Frau Siebenrock abseits der Berlinale in einer ruhigen Altberliner Kneipe.

Wie geht es für Sie nach der Entlassung weiter?
Ab dem 1. März 2017 werde ich mich selbstständig machen. Casting | Buch | Regie heißt es dann auf meiner Website. Meine früheren Tätigkeits- und Interessenfelder, wie das Schreiben und das Inszenieren, möchte ich unbedingt wieder aufnehmen, bleibe dem Casting aber natürlich engstens verbunden. Ich bin und bleibe weiterhin Mitglied des Bundesverband Casting (BVC). Vor kurzem habe ich mich dem Verein Pro-QuoteRegie e.V. angeschlossen, weil ich dessen Zweck unterstützenswert finde. Die Fortführung meines Studiums der „Mittelalterlichen Geschichte“ ist eher privaten Interessen geschuldet.

Welche Projekte haben Sie in all den Jahren gecastet?
In meinem Vertrag stand, dass ich zuständig für „Hinter Gittern“ und sämtliche sonstige Formate der seiner- zeitigen Grundy UFA sei. Sehr schnell kamen weitere Projekte dazu wie „Bianca – Wege zum Glück“, woraus dann noch vier weitere Staffeln entstanden. Zudem gab es diverse Fernsehfilme wie z.B. „Held der Gladiatoren“. Außerdem habe ich von Beginn bis zuletzt für „Alles was zählt“ gecastet. Hinzu kamen noch „Verbotene Liebe“, ein Versuch einer Neuauflage von „Wege zum Glück“, „Block B – Unter Arrest“, ab 2016 „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ und schließlich „Suspects“. Serien wie „Verliebt in Berlin“ oder „Braut wider Willen“ hat meine damalige Mitarbeiterin Sarah Lee gecastet, für „Tessa“ war Kristina Richter zuständig. Daneben gab es eine Vielzahl von Entwicklungsprojekten, die nur teilweise realisiert worden sind, für die aber auch besetzt werden musste. Insgesamt schätze ich, habe ich weit über 10.000 Live-Castings gemacht. Im Laufe der Zeit sind viele Produktionen eingestellt worden, und es gab deshalb auch schon früher Entlassungen in der Casting-Abteilung. Weiterlesen

Wo liegt ihr Speicher mit diesen 10.000 Videos?
Bei der von uns aufgebauten Datenbank castforward. Hier gibt es zwei Ansichten: eine externe und eine interne, die nur UFA-assoziierten Castern zugänglich ist. Dort sind u.a. circa 3.000 Schauspielerevaluationen von mir vermerkt.

Stichwort Nachwuchspflege & Aufbau. Hier wurde viel getan.
Seit 2008 wurden die Absolventen aller staatlichen Schauspielschulen, die auch in der ständigen Konferenz vertreten sind, eingeladen. Nina Haun und ich übernahmen je ein Wochenende mit jeweils circa 80 Schauspielstudenten, die alle ein Interview und eine Spielszene zu absolvieren hatten. UFA Nachwuchscasting war das Label, welches Nina Haun 2008 ins Leben gerufen hatte. In den letzten zwei Jahren haben wir auch noch einen Casting-Workshop gemacht. Dort wurden berufsvorbereitende Maßnahmen getroffen und unterschiedliche Fragen geklärt, für meinen Bereich etwa: Wie läuft der Besetzungsprozeß bei einer Serie ab, wie ist eine serielle Produktion aufgebaut, was ist die Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten (GVL) usw. Darüber hinaus bin ich so oft wie möglich zum Theatertreffen deutschsprachiger Schauspielstudierender und jedes Jahr zu den Vorsprechen an die staatlichen Hochschulen gefahren.

Was sind für Sie die signifikanten Unterschiede zwischen einem Casting für einen Film und für eine Serie?
Das muss man ganz klar in zwei Bereiche aufteilen: Wie ist es, bei einer Serie zu arbeiten und wie wird das nach außen hin wahrgenommen? Wenn jemand frisch von der Schauspielschule kommt, ist es nicht einfach, in einen hochfrequenten Arbeitsrhythmus einzusteigen. Es ist keine schlechte Schule, wenn man für ein paar Monate eine Serie dreht. Man muss sich allerdings fragen, was das mit meiner Außenwirkung macht, weil es in der Branche teilweise das Vorurteil gibt, dass ein Serien-Ensemble hauptsächlich aus Laien bestehe. Ich habe mich stets bemüht, die Besten zu akquirieren und zu verpflichten. Das hatte eine Sogwirkung auf andere Kollegen. Ich erinnere an „Wege zum Glück“, wo täglich 45 Minuten gedreht wurden. Diese Ensembles bestanden immer zu 85% aus staatlich ausgebildeten Theaterschauspielern.

Im Gegensatz zu früher treten heute auch Theaterschauspieler im Privatfernsehen auf…
Auf jeden Fall. Insofern immer weniger gedreht wird, ist ein Serien-Engagement finanziell gesehen schon sehr attraktiv, wie ein 6er im Lotto. Da muss man eventuell eben in künstlerischer Hinsicht Abstriche machen. Wenn ich mir allerdings das Gros der Fernsehfilme ansehe, ist das Niveau, bezogen auf die Qualität der Besetzung und die Dramaturgie häufig fragwürdig, da waren unsere Formate zum Teil auch nicht schlechter. Insofern finde ich es anmaßend, einem Schauspieler, der in einer Serie dreht oder Boulevardtheater spielt, einen Vorwurf zu machen.

Das war ja auch noch zu einer Zeit, als das Wort Casting in Deutschland ziemlich neu war!

Vor allem für meinen Bereich. Ich wurde z.B. 2000 bei Absolventenvorsprechen von ZAV-Mitgliedern gefragt, was ich denn dort mache. Als ich dann sagte, dass ich mir Berufsanfänger ansehe, waren viele überrascht, sahen sie doch in der Grundy UFA eine „Laiendarstellerverwertungsgesellschaft“. Darauf antwortete ich: „Das werde ich ändern.“ Das habe ich dann ja auch im Team mit der gesamten Besetzungsabteilung gemacht.

Welche Vorteile bringt es, als Casting Director eine Schauspielausbildung zu haben?
Ich selbst habe aus diversen Gründen eine private Ausbildung gemacht. Hilde Volk hat mir vier Jahre lang intensives Rollenstudium geschenkt. Parallel habe ich Sprecherziehung und ähnliches absolviert. Schlussendlich hat man aber am Ende handwerkliche Defizite. Der brennende Wunsch zu spielen war auch nicht durchgehend vorhanden. Ich arbeite sehr gerne mit Schauspielern, aber ich will nicht selbst spielen. So habe ich Ende der 1990er Jahre auch als freie Autorin, Regisseurin und Produzentin für das Fernsehen gearbeitet, was sich dann aber thematisch erschöpfte bis ich keine Lust mehr hatte. 2000 habe ich von der Ausschreibung der Grundy UFA gehört, mich vorgestellt und den Job bekommen. Ich weiß wie es ist, wenn man zum Casting eingeladen wird und keine Zusage bekommt oder auf der Volksbühne vor 700 Leuten spielt. Die Schauspieler waren mir immer viel näher. Ich bin ihnen sehr respektvoll begegnet und habe die Castings so druckfrei wie möglich gestaltet. Sie hatten Zeit, sich ungestört mit einem guten Einspielpartner im Castingraum „einzukitschen“. Es gab nie Castings ohne gute Einspielpartner. Wenn jemand behebbare Defizite hatte, habe ich ihm oder ihr das im Sinne einer konstruktiven Kritik auch gesagt.

Inwieweit spielen Social Media Kanäle wie Facebook, Instagram, Twitter und Co eine Rolle?
Bei mir nicht, aber bei Produzenten aus meiner Erfahrung schon. Ab und zu wurde von den Redaktionen oder Produzenten geäußert, doch bitte mal den „Youtuber“ oder die „Facebookerin“ anzusehen. Wenn jemand erfolgreich in einer Show war, entstand schnell eine Besetzungsidee für eine Serie. Ich kann mich daran erinnern, dass wir für „Hinter Gittern“ gebeten worden sind, „Tic, Tac, Toe“ zu besetzen. Das konnte ich dem damaligen Redaktionschef glücklicherweise ausreden, und es wurden letztendlich drei Absolventinnen für die Rollen besetzt. Solche Zumutungen gab es immer wieder und wird es auch immer geben. Was früher der Printbereich war, ist wohl heute das Netz.

Und Klickzahlen?
Mir ist das fremd, aber ich glaube, dass viele sich daran orientieren. Deswegen weiß ich gar nicht, was ich den Schauspielern raten soll. Es gibt bestimmt viele, die darauf gar keine Lust haben, aber inwieweit das ein Muss ist, ist mir unklar. Ich kann natürlich nur für mich sprechen, aber bezweifle, dass meine Kollegen da anders ticken. Für Sender und Produzenten spielt das alles sehr wohl eine Rolle.

Was ist Ihnen bei der Recherche nach einer guten Besetzung am wichtigsten?
Mir ist ganz klar die direkte Variante – selbstgecastet – am wichtigsten oder selbst gesehen im Theater, notfalls auch im Fernsehen oder Kino – wobei ich da genauer hinschauen muss, da hier naturgemäß viel manipuliert werden kann. Vorschläge durch Dritte hängen davon ab, wie objektiv diese Dritten sind. Datenbanken sind eine verlässliche Quelle, die ich nutze, wenn alles gut gepflegt ist. Die Social-Media Kanäle sind für mich irrelevant, weil ich da nicht aktiv und vertreten bin.

Was war die schönste Erinnerung, die Sie aus der UFA-Zeit mitnehmen?

Es war mir immer eine große Freude, die Absolventen zu sehen und deren Entwicklung zu verfolgen. Außerdem hatte ich wunderbare Mitarbeiterinnen und diverse unvergessliche Kollegen innerhalb der Firma und bei einigen Sendern.

Vielen Dank für das Gespräch!
Das Gespräch führte: Tina Thiele | Mitarbeit: Mariam Misakian
Charlotte Siebenrock (BVC)
Postfach 39 01 72
14091 Berlin
(Aktiviere Javascript, um die Email-Adresse zu sehen)
www.charlottesiebenrock.de

Hier eine Auswahl aus der Casting-Filmografie von Charlotte Siebenrock:

2016 Suspects
Regie: diverse | Produktion: RTL (UFA Serial Drama) | TV-Serie | Haupt- und Nebencast (1. Staffel)

2006-2016 Alles was zählt
Regie: diverse | Produktion: RTL (UFA Serial Drama) | TV-Serie |
Hauptcasting (seit 1. Staffel bis 11. Staffel)

2014-2015 Block B (AT: Wentworth)
Regie: Kai Meyer Ricks, Tina Kriwitz | Produktion: RTL (UFA Serial Drama) | TV-Serie |
Haupt- und Episodencast (seit 1. Staffel)

2014 Härte
Regie: Rosa von Praunheim | Produktion: Rosa von Praunheim Film | Kinospielfilm | Casting i.Z.m. Marcus Lachmann

2014 Alibi Agentur
Regie: Erik Schmitt | Produktion: ZDFneo (UFA Serial Drama) | Serienpilot | Casting

2012 Wege zum Glück
Regie: diverse | Produktion: ZDF (UFA Serial Drama) | TV-Serie | Haupt- und Episodencast (6. Staffel)

2010 Callgirl Undercover

Regie: Ulli Baumann | Produktion: Sat.1 (UFA Serial Drama) | Casting

2007 Meine wunderbare Familie
Regie: Bernhard Stephan | ZDF (UFA Serial Drama) | TV-Mehrteiler | Casting

2005-2007 Julia – Wege zum Glück
Regie: Gerald Distl, Christa Mühl, u.a. | ZDF (UFA Serial Drama) | TV-Serie | Casting (1. bis 3. Staffel)

2000-2006 Hinter Gittern – Der Frauenknast
Regie: diverse | Produktion: RTL (UFA Serial Drama) | TV-Serie | Casting (1. bis 10. Staffel)

2004-2005 Bianca – Wege zum Glück
Regie: Jurij Neumann | ZDF (UFA Serial Drama) | TV-Serie | Casting i.Z.m. Kristina Richter (1. bis 2. Staffel)

2003 Held der Gladiatoren

Regie: Jorgo Papavassiliou | Produktion: RTL (UFA Serial Drama) | Casting

Um Missverständnissen vorzubeugen:
Die Tätigkeit der Casting Directors Ingrid Cuenca (BVC), Nina Haun und Heidi Krell in Berlin/Potsdam sowie Tina Rinderspacher (BVC) in Köln sind von der Schließung nicht betroffen.

Das von Nina Haun 2008 aufgebaute UFA Nachwuchscasting wird natürlich weitergeführt.

Offizielle Stellungnahme der UFA:
„Castings für die bereits etablierten UFA Serial Drama-Serien werden nach wie vor von den zuständigen Castern der jeweiligen Produktionen betreut. Diese werden jetzt zusätzlich von freien Casting-Direktoren je nach Bedarf unterstützt. Castings für Light Fiction und Development-Projekte werden in erster Linie von der UFA Talentbase verantwortet.”

Zusatzinfo:
Heidi Krell erhielt jüngst bei „Gute Zeiten, schlechte Zeiten” Unterstützung von Tröber Casting, die aktuell zwei Hauptrollen für die Serie casteten.

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Arm, aber hip!

Christiane Hörbiger im ARD-Film ‘Auf der Straße’ – Foto: Svenja von Schultzend/ARD Degeto

Frau Basten, Sie beschäftigen sich mit der Kreativbranche insgesamt, kennen aber die Welt der Filmschaffenden aus der Nähe. Was genau ist hier das Problem?

Das Problem ist erstens branchenintern: Obwohl viel Geld in die Filmbranche fließt, sehen wir große Defizite in Entlohnung und Absicherung derjenigen, die dort arbeiten. Etwa in punkto Altervorsorge: Nur jeder zehnte Filmschaffende gibt an, ausreichend für das Alter vorgesorgt zu haben, der Rest ist sich unsicher oder verneint. Der Grund dafür, zeigen uns aktuelle Umfragen, ist schlicht, weil sie dafür kein Geld haben. Obwohl es etwa mit dem Tarifvertrag für auf Produktionsdauer beschäftigte Film- und Fernsehschaffende (TVFFS) für viele Gewerke einen klaren Rahmen für angemessene Bezahlung gibt, erreicht nur weniger als ein Drittel der auf Produktionsdauer Beschäftigten im Regelfall die Tarifgage. Die ist ja noch dazu eigentlich als Einstiegsgage konzipiert. Unter den Selbstständigen können sich sogar nur 13 Prozent auf ein Honorar in dieser Höhe verlassen.
Das brancheninterne Problem ist also, daß trotz Regulierungsversuchen für viele Erwerbstätige die Entscheidung für die Branche ein hohes Risiko der Prekarisierung birgt.
Zweitens sind da die politischen Rahmenbedingungen für Projektarbeit allgemein, wie sie bei Film und Fernsehen vorherrscht. Aber eben auch in anderen Branchen, etwa im Games-Bereich, in der Plattformökonomie, im Bühnenund Musikbereich oder auch in weiten Teilen der IT-Branche und der Wissenschaft. Die staatlichen Systeme sozialer Absicherung gegen Alter, Krankheit und Arbeitslosigkeit sind auf Normalarbeitsverhältnisse ausgelegt, nicht auf die unsteten, projektbezogenen Verträgen.

Wieso kann man die Sozialversicherungen nicht an diese Gegebenheiten anpassen?

Die Anpassung solcher gewachsenen Systeme ist langsam und langwierig. Es gibt ja auch keine Lobby der Projektarbeiter oder auch nur der Kreativen, die einen Anpassungsprozeß im Großen vorantreiben würde. Eher im Gegenteil, wenn wir die Uneinigkeit der Interessenvertretungen allein in der Filmbranche betrachten. »Mit einer Stimme sprechen« gibt es nicht, entsprechend wenig wird die Vielzahl der sich zum Teil widersprechenden Stimmen gehört. Weiterlesen

Die Gewerkschaft Verdi hat da in einzelnen Aspekten, etwa mit dem Arbeitszeitkonto in den Tarifverträgen, schon einen guten Job gemacht. Doch das wird eben nicht in der Praxis umgesetzt, die Stunden werden nicht wahrheitsgemäß dokumentiert. Das Arbeitszeitkonto ist ja ein gewerkschaftlicher Versuch, die Projektarbeit der Arbeitslosenversicherung anzupassen, die eine gewisse Anzahl von erwerbstätigen Tagen in einer bestimmten Anzahl von Monaten voraussetzt. Daß das in der Realität der Filmschaffenden nicht funktioniert, hat komplexe Gründe. Die lege ich in meinem Buch ausführlich dar.
Grundsätzlich denke ich schon, daß sich die Regulierungsstrukturen ändern müssen und nicht die Arbeit an sich. Daß also, wenn Arbeit nicht mehr im Betrieb und in der unbefristeten Vollzeitstelle geleistet wird, die auf Solidarität gegründeten Systeme sozialer Sicherung angepaßt werden müssen, damit sie greifen. Die Relevanz solcher Überlegungen ist bei den meisten Parteien auch sehr präsent, das zeigt sich in Gesprächen und Veranstaltungen. Das ist übrigens eines von vielen möglichen Beispielen dafür, wie sehr die Bedingungen der Film- und Fernsehbranche Blaupause sind für allgemeine Veränderungen der Arbeitswelt

Müßten wir öfter ins Kino gehen, damit mehr Geld für die Filmemacher da ist?

Es gibt keinen Hinweis, daß besser budgetierte Filme bessere Arbeitsbedingungen haben. Auch in den Interviews mit den Filmschaffenden habe ich nichts dergleichen gehört und auch aus den Umfragen, die Crew United für den »Fair Film Award« gemacht hat, zeigt sich kein solcher Zusammenhang. Mehr Geld für Produzenten bedeutet nicht automatisch, daß auch mehr Geld beim Filmschaffenden ankommt. Adäquate finanzielle Ausstattung und faire Arbeitsbedingungen widersprechen sich natürlich nicht – allerdings sollte Letzteres unabhängig davon eingefordert werden, was die FFA zahlt. Mehr Kinobesuche sind trotzdem gut.

Sind also die Produzenten schuld? Ist es eine Frage der Einstellung?

Ich verstehe nicht, daß ein Budget von zwei Millionen Euro nicht reichen soll, um nach Tarif zu zahlen. Das bin aber ich persönlich. In Diskussionen wird oft der Eindruck erweckt, als gäbe es da einen Zwang, immer zuerst bei den tariflichen Mindestgagen zu kürzen und nicht etwa bei Drehorten, Technik oder auch Marketing, geschweige denn bei Starhonoraren. Belegbar ist dieser Zwang nicht, zumindest nicht hinsichtlich künstlerischen Werts oder wirtschaftlichen Erfolgs. Es gibt Produzenten, die sagen, das sei eine Frage der Prioritäten. Und der »Fair Film Award« scheint das zu bestätigen – da zeigt sich eine gewisse Kontinuität bei den Nominierten und Preisträgern.
Wieder liegt das eigentliche Problem aber tiefer: Daß der Produzent als Arbeitgeber gesehen wird, ist grundsätzlich fragwürdig. Die Produzentenallianz ist ja kein Arbeitgeberverband wie etwa die Gesamtmetall. Das ist strukturell überhaupt nicht zu vergleichen. Denn die Produzenten verwalten ja bloß das Geld der Sender, sie sind selbst völlig unterkapitalisiert. Was gedreht wird und für wieviel, entscheiden nicht sie. Aber sie sind es, die die Tarifverhandlungen führen, dort fehlen Sender und Förderanstalten als der andere, finanzstarke Teil der Arbeitgeberseite. Der Produzent Martin Hagemann sprach in einem Interview für mein Buch Wir Kreative! von den Sendern als »Monopolhaltern«, die die Gewerke gegen die Produzenten in die Arena schikken, ohne daß sie aufgrund des Ergebnisses signifikant mehr oder weniger Budget freigäben.

Andere Branchen rechnen auch mit konkreten Werten. Ein Auto kostet soundsoviel, eine Brücke so viel. Nur in der Filmbranche glaubt man, nachverhandeln zu können – ob das Auto auch mit drei Rädern fährt oder die Brücke auch aus Sperrholz hält. Keiner sagt, der Film kostet x Euro, noch billiger geht es einfach nicht.

Nun ja, so unreguliert ist es gar nicht. Die Sender geben doch recht klare Vorgaben, welche Sendezeit, Minute und so weiter wie viel kosten darf. Zahlreiche Tarifverträge und Vereinbarungen etwa mit den Gewerken Regie und Drehbuch sagen sehr genau, was wer wo kosten sollte. Technikbudgets sind ebenfalls relativ klar. Es gibt natürlich Ausnahmen, insbesondere personenbezogenen Ausnahmebudgets, aber im Grunde wurden doch recht klare Zahlen vorgelegt.
Aber: dann kommt die Kunst in die Diskussion! Kreativität hebelt diese Form der Kosten-Nutzen-Argumentation oft aus. Bei den Filmschaffenden selber genauso wie bei den Geldgebern und definitiv auch in der öffentlichen Wahrnehmung: Schauspieler werde man doch nicht wegen des Geldes, sondern weil man »nicht anders kann«. In meinem Buch spreche ich von der »Labour of Lust«. Die Zugehörigkeit zu den Kreativen scheint für ungerechte Lohn- und Machtstrukturen zu entschädigen. Zahlen belegen, daß trotz drohender Altersarmut, trotz unterdurchschnittlicher Gagen und trotz der Schwierigkeit, eine Familie mit einer professionellen Berufsausübung zu vereinen, 80 Prozent der Film- und Fernsehschaffenden gerne zur Arbeit gehen.
Andererseits ist insbesondere die Film- und Fernsehwirtschaft auch ein Markt, also unternehmerisch geprägt. Die Vermischung der beiden Aspekte zeigt sich auch in der politischen Zugehörigkeit, also dem Zuständigkeitsbereich der Beauftragten für Kultur und Medien (BKM) und dem Wirtschaftsministerium (BMWi). Das zeigt sich auch in der Förderung. Aber welche Regeln gelten dann? Kunstfreiheit bis hin zum Recht, sich auszubeuten? Oder Abwägen zwischen Sozialverträglichkeit und Umsatzmaximierung? Diese Vermischung ist problematisch aus Sicht derjenigen, die an der Verbesserung der Arbeitsbedingungen interessiert sind. Trennbar sind diese Stränge nicht.

Das klingt nach einer Sackgasse.

Die Strukturen wären selbstverständlich im Sinne derer gestaltbar, die die Arbeit machen. Die Kreativen brauchen mehr Selbstbewußtsein. Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist insgesamt einer der am schnellsten wachsenden Bereiche Deutschlands. Es gibt zehnmal so viele Erwerbstätige wie in der Stahlindustrie, ihr Gesamtumsatz beträgt 145 Milliarden Euro pro Jahr. Ihr Beitrag zur Wirtschaftskraft dieses Landes spielt in einer Liga mit dem Automobilbau, dem Maschinenbau und etwa der chemisch-pharmazeutischen Industrie. All die Bedrohungsszenarien rund um »Industrie 4.0«, die für die Arbeitswelt gezeichnet werden, betreffen die Kreativen nicht. Sie sind nicht durch Roboter ersetzbar. Digitalisierung braucht Kreative, die wachsenden Städte brauchen Kreative. Die Aushandlung fairer Bedingungen für projektbasierte Arbeit ist hochrelevant für die gesamte Arbeitswelt. Da könnten sie ruhig stärker und lauter auftreten…

Dazu gehören sicherlich auch mächtige Interessenvertretungen. Doch die Verbände sind zerstritten. »Eine unheilvolle Allianz von Neoliberalismus und kreativem Freiheitsdrang« macht der neue Berliner Kultursenator aus. Warum?

Das ist eine gute Frage, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Die Allianz, von der Klaus Lederer spricht, bezieht sich auf den Zusammenhang zwischen der Überzeugung, es alleine schaffen zu müssen und der Attraktivität kreativen Arbeitens. Weil ich kreativ bin, kämpfe ich nicht für Rente oder faire Bezahlung. Weil ich kreativ bin, soll das anerkannt werden, ich kämpfe nicht für die Leistung kreativer Arbeit an sich. Dieser Zusammenhang ist tatsächlich unheilvoll, weil gewachsene, ja, erkämpfte Strukturen des Arbeitnehmerschutzes damit achselzuckend über Bord geworfen werden. Ob dieser Zusammenhang aber zwingend ist, halte ich für fraglich. Wenn, wie ja vorhin schon gesagt, die gesamte Struktur von Aushandlung der Interessenvertretungen sowie der gesamte rechtliche und sozialpolitische Rahmen auf feste Arbeitsverhältnisse ausgerichtet ist, ist sie vielleicht einfach unpassend. Wie und ob Mitbestimmung in projektbasierten Arbeitensverhältnissen möglich ist, ist das Thema meiner aktuellen Forschung am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin.
Die Skepsis in der Film- und Fernsehbranche ist inzwischen groß, und das Thema Arbeitsbedingungen kommt immer mehr auf die Agenda. Vielleicht wollen die Filmschaffenden nicht fahnenschwenkend und mit gelben Westen demonstrieren gehen. Aber es müßte doch (Vorsicht, Kalauer!) »kreativere« Wege geben, um als Masse gewisse Standards einzufordern.

basten Zur Person »Das Thema Arbeitsbedingungen kommt immer mehr auf die Agenda«, beobachtet Basten. Nach ihrem Masterstudium an der heutigen Filmuniversität Babelsberg »Konrad Wolf« forscht sie als Doktorandin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) zum Wandel der Arbeitswelt, Möglichkeiten kollektiver Organisation und Mitbestimmungs prozessen der Zukunft. Website: http://gutearbeit.org Fotocredit: © Helge Renner

 

Cover_Basten_Wir-Kreative-723x1024Das Buch Projektarbeit wird als Zukunftsmodell der Arbeitswelt gehandelt: flexibel, innovativ, teambasiert, erfüllend. Allerdings geht sie oft mit Verarmung und zunehmender Ungerechtigkeit einher. Dafür gibt es eigentlich keinen Grund: Die Kreativbranche hat längst die gleiche Kraft entwickelt wie die klassischen Motoren der deutschen Wirtschaft – und ist nicht ersetzbar. Nur ins Selbstverständnis der »Kreativen« selbst ist das noch nicht durchgedrungen. In ihrem Buch stimmt Lisa Basten darum andere Töne an. Eingebettet in die Diskussion um Kreativität als gesellschaftlichen Wert und als wirtschaftlichen Faktor legt sie den Fokus auf die Beschäftigten, insbesondere auf die Film- und Fernsehschaffenden. 

Lisa Basten: Wir Kreative! Das Selbstverständnis einer Branche Frank & Timme 2016 168 Seiten ISBN-13: 978-3732902637 16,80 Euro

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Annäherungen

Von links nach recht: Burkhard Blienert, Sol Bondy, Prof. Dr. Ursula von Keitz, Prof. Dr. Andreas Schreitmüller, Lisa Basten, Dr. Klaus Lederer, Christine Berg, Rüdiger Suchsland – FOTO: Christian Dosch

Die Branche lebt. Immer mehr Veranstaltungen um die Berlinale rücken die Filmpraxis in den Fokus. Am Tag der Eröffnung der Berlinale 2017 in der Kulturbrauerei.

Einen kleinen Fortschritt gibt es doch: Die Berliner Filmfestspiele sind längst nicht mehr nur Glamour fürs Frühstücksfernsehen – der Alltag der Filmproduktion rückt allmählich ins Bewußtsein. Immer mehr Podiumsdiskussionen drehen sich um die Lage der Filmschaffenden, angefeuert durch mehrere Untersuchungen und Umfragen. So stellte die Filmförderungsanstalt (FFA) ihre Studien zur Gendergerechtigkeit in Film und Fernsehen vor, der Berufsdachverband »Die Filmschaffenden« hatte die Situation der Beschäftigten in der Branche erforschen lassen (Seite 5 Cinearte 390).

Deren Ergebnisse überraschen nicht, auch Branchenferne hatten schon vor 15 Jahren von einem Arbeitsmarkt erfahren können, der zum Teil an die Frühindustrialisierung erinnert (cine arte 020). Doch mit 3.827 Teilnehmern und 100 Fragen ist dies nun die bislang ausführlichste Dokumentation des Themas und »garantiert so erstmals eine hohe Aussagekraft und valide Daten«, schreibt Jörg Langer, selbst viele Jahre lang Dokumentarfilmer und heute Berater für Film- und Fernsehproduktionsfirmen und Dozent für an der Beuth-Hochschule für Technik in Berlin.

Den Auftakt machte Crew United. Am Nachmittag vor der Berlinale-Eröffnung und dem traditionellen Crew Call lud man zur Podiums – diskussion in die Berliner Kulturfabrik: »Wie wollen wir arbeiten? Wie wollen wir leben?« waren die Frage und das Thema, das vor mehr als 300 Gästen unter der Moderation des Filmjournalisten Rüdiger Suchsland besprochen wurde.
Mit seiner ersten eigenen großen Veranstaltung dieser Art wollte das Branchennetzwerk auf die Probleme aufmerksam machen, eine Bestandsaufnahme versuchen und mögliche Partner für eine Lösung zusammenbringen. Weiterlesen

Das ist ziemlich viel auf einmal und umso schwieriger, als die acht Teilnehmer auf der Bühne zwangsläufig aus den unterschiedlichsten Ecken zusammenkamen. Doch die Lösung aller Probleme hatte an einem Nachmittag eh niemand erwartet, und die ersten Schritte waren getan: Fernsehen und Presse berichteten über die Veranstaltung und das Thema, das freilich beim einen oder anderen noch vertieft werden sollte. So zitierte Alan Posener in der Welt, aus der Studie der »Filmschaffenden«, daß man beim Film 38.448 Euro im Durchschnitt im Jahr verdiene – was die Kreativen »natürlich« als Zumutung empfänden, obwohl das doch »weit über dem Schnitt in der Gebäudereinigungsbranche und sogar über dem bundesdeutschen Durchschnittslohn von 34.999 Euro liegt.« Was er nicht schreibt: In Mitteldeutschland verdient der durchschnittliche Filmschaffende sogar noch ein Viertel weniger. Auch das mag vielleicht noch mehr sein, als ein Fensterputzer verdient, aber sicherlich nicht zu vergleichen. Wie auch nicht mit dem Tariflohn eines erfahrenen Tageszeitungsredakteurs, der fast doppelt so hoch ist.

Von links nach recht: Lisa Basten, Dr. Klaus Lederer, Christine Berg – FOTO: Christian Dosch

Woher die Häme? Offenbar störte Posener sich an der »Klassenkampfrhetorik« des neuen Berliner Kultursenators Klaus Lederer. Der Politiker der Linken auf dem Podium hatte in der Kreativbranche eine »unheilvolle Allianz von Neoliberalismus und kreativem Freiheitsdrang« ausgemacht und möchte Mindestlöhne und Regelarbeitszeiten durchsetzen.

Einen Anfang hat die neue Berliner Landesregierung schon gemacht. Laut der Koalitionsver- 390 | 16. Februar 2017 Faire Filmproduktion | 13 einbarung von SPD, Linke und Grünen soll das Medienboard Berlin-Brandenburg in Zukunft Fördermittel nur noch vergeben, »wenn das Projekt sozialverträglichen und ökologischen Standards gerecht wird.«

Das trifft offenbar einen wunden Punkt. Sowohl Burkhard Blienert, der filmpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, als auch Christine Berg, die stellvertretende Leiterin der FFA, hielten Lederer vor, das aus dem neuen Filmförderungsgesetz (FFG) abgeschrieben zu haben.

Dabei gibt es da einen grundlegenden Unterschied: Die Koalitionsvereinbarung ist eine deutliche Selbstverpflichtung – im neuen Fördergesetz hingegen steht lediglich, die FFA habe »darauf hinzuwirken, daß in der Filmwirtschaft eingesetztes Personal zu sozialverträglichen Bedingungen beschäftigt wird.« Und die Beauftragte für Kultur und Medien Monika Grütters hatte vor dem Bundestag bereits erklärt, daß dies bitte nicht zu ernst zu nehmen sein soll (cinearte 384).

Merksatz 1: Hin und wieder geht es nicht um die Sache an sich.

Liegt’s am Geld? Jedenfalls ist es oft zu wenig. Mit einem Budget von zwei Millionen Euro könne man keinen Kinofilm drehen und zugleich die Leute angemessen bezahlen, sagte der Filmproduzent Sol Bondy (The Happiest Day in the Life of Olli Mäki). »Wir haben auch schon Filme gemacht, für die wir keinen Mindestlohn zahlen konnten. Das ist nichts, worauf wir stolz sind.« Sonst hätte seine Produktionsgesellschaft aber keinen einzigen Film machen können Lisa Marie Basten, Autorin und Wissenschaftlerin. Klaus Lederer, Bürgermeister von Berlin, Senator für Kultur und Europa. Christine Berg, Stellvertretender Vorstand der Filmförderungsanstalt und Leiterin der Förderung. Rüdiger Suchsland, Moderator. 14 | Faire Filmproduktion 390 | 16. Februar 2017 Fotos: Crew United c Wenn ein Projekt nicht finanziert ist, lassen andere Branchen die Finger davon. Beim Film wird oft trotzdem gedreht – schließlich geht es bei alldem auch um das Projekt, das doch allen Widrigkeiten zum Trotz verwirklicht werden soll: »Wir machen halt auch Kunst…« Auch Bondy entwischte dieser Halbsatz; er war nicht der letzte. Auf den Veranstaltungen war der Satz immer wieder zu hören.

Merksatz 2: Filmemacher haben ein schlechtes Gewissen, daß Filme machen Geld kostet.

Dennoch führte der Artikel in der Welt ausgerechnet den Produzenten als Zeugen an: In Israel etwa würden Filme für 600.000 Euro gedreht, die auch nicht schlechter seien als doppelt so teure deutsche Produktionen. Man müsse sich fragen, warum das so sei.

Man könnte freilich auch fragen, warum in anderen Ländern auch für 1,2 Millionen Euro mancher Film nicht gedreht würde. Warum Filmemacher aus Übersee Deutschland schon als Billiglohnland umschrieben haben (der tatsächliche Vergleich war weniger umständlich, dafür politisch nicht so ganz korrekt). Oder warum, wenn das Geld knapp wird, ausgerechnet an den Löhnen gespart werden soll.

Merksatz 3. Kunst zu machen, ist Lohn genug, glaubt mancher außerhalb der Branche. Vielleicht nicht nur da.

Ein Umdenken ist im Gange – jedenfalls bei den Einzelnen, meinte Ursula von Keitz, Leiterin der Filmmuseums Potsdam und Professorin an der Filmuniversität Babelsberg »Konrad Wolf«: »Eine Verbürgerlichung direkt kreativen Berufe ist im Gange, auch wenn ich an das Thema Altersvorsorge denke.« Soviel zum neoliberalen Freiheitsdrang.

Von links nach recht: Burkhard Blienert, Sol Bondy, Prof. Dr. Ursula von Keitz, Prof. Dr. Andreas Schreitmüller, Lisa Basten, Dr. Klaus Lederer, Christine Berg, Rüdiger Suchsland – FOTO: Christian Dosch

Doch nicht allzu viele können sich das leisten, erklärte die Medienwissenschaftlerin Lisa Basten, die gerade ein Buch über das Selbstverständnis der Branche veröffentlicht hat (siehe Seite 16): Nur jeder zehnte Filmschaffende zahle für seine Altersvorsorge ein – »Nicht weil das cool ist, sondern das Geld nicht da ist. Die Gagen reichen nicht!« Andreas Schreitmüller, langjähriger Spielund Fernsehfilmleiter bei Arte, zeigte sich von den Zahlen überrascht. Überraschend. Er stellte aber auch fest: Man wisse viel über Sehverhalten und Zuschauer, aber fast nichts über die Situation der Branche. Das sei ein großer Kontrast.

Merksatz 4: Es gibt verschiedene Wahrnehmungswelten in der Branche.

Damit wäre auch das zweite Ziel erreicht: Schön, daß alle miteinander geredet hatten. Das sollten sie bald wieder einmal tun. Jedenfalls bekundete Christine Berg eine solche Absicht, als sie einen Runden Tisch zum Thema anregte. Das tut man manchmal so, um eine Sache abzuhaken. Manchmal ist es auch ernst gemeint und es wächst etwas daraus.

Das Panel können Sie komplett hier auf Youtube anschauen:

Und im Folgenden der aktuelle Pressespiegel zu unserem Panel:

Berliner Morgenpost

Die Welt

Ver.di

RBB Fernsehbericht

auch in der ARD Mediathek

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Artechock Berlinale-Tagebuch Folge 6: Die Berlinale zeigt heute weniger deutsche Filme als in den 90er Jahren

Die Perspektive »Neues deutsches Kino« auf der Berlinale: Ghetto fürs deutsche Kino? (Foto: Szene aus Mascha Schilinskis in der Perspektive laufenden Film Die Tochter)

Die Regis­seure werden immer älter, die Frauen nicht mehr und die Deutschen laufen im Ghetto – was tut Dieter Kosslicks Berlinale wirklich für den deutschen Film? Eine Münchner Studie liefert über­ra­schende Ergeb­nisse – Berlinale-Tagebuch, Folge 06

Die Berlinale ist das mit Abstand größte deutsche Film­fes­tival und auch eines der inter­na­tional bedeu­tendsten Film­fes­ti­vals der Welt. Dort laufen in über einem Dutzend Sektionen und Unter­sek­tionen Filme aus aller Welt, nicht zuletzt auch immer mehr Filme von Regis­seu­rinnen und immer mehr Filme aus Deutsch­land. Denn die Berlinale behauptet von sich, dass sie Frauen fördert und viel für das hiesige Kino tut, ein Schau­fenster für den deutschen Film ist.
»Wir haben 74 deutsche Filme in allen Programmen der Berlinale, das ist ja auch wichtig und drei im Wett­be­werb und mehrere deutsche Filme noch im ‘Berlinale-Spezial’.« Also sprach Berlinale Direktor Dieter Kosslick erst vor einer Woche, als er das dies­jäh­rige Programm vorstellte. Stimmt doch auch. Oder etwa nicht?
Es stimmt zumindest nicht ganz, muss man zugeben. Drei Wissen­schaftler der LMU, der Münchner Univer­sität und der HFF München, der Münchner Film­hoch­schule, Tanja C. Krainhöfer, Konrad Schreiber und Dr. Thomas Wiedemann,haben jetzt etwas genauer hinge­schaut, was wirklich an den voll­mun­digen Behaup­tungen und dem Selbstlob der Berlinale dran ist.
Das Ergebnis ist ernüch­ternd.
Die Wissen­schaftler haben 37 Jahre Berlinale-Programm gründlich unter die Lupe genommen und nach Herkunft, Alter und Geschlecht der Filme­ma­cher aufge­schlüs­selt. Weil im Gegensatz zu Cannes oder Venedig in Berlin die Leiter leicht die Amts­zeiten sowje­ti­scher Partei­funk­ti­onäre über­schreiten, werden damit genau­ge­nommen nur zwei Inten­danten mitein­ander vergli­chen: Der Schweizer Moritz de Hadeln, der 1980 die Leitung der Berlinale übernahm, und sein Nach­folger nach 21 Jahren,
Dieter Kosslick, der, wenn er im Jahr 2019 aufhört, auch 19 Jahre im Amt sein wird.
Was etwas trocken als »Unter­su­chung der Programm­di­ver­sität« – also der Programm­viel­falt – »der Inter­na­tio­nalen Film­fest­spiele Berlin« bezeichnet wird, ist
viel mehr nur eine enorme Fleiß­ar­beit – hinter allerlei Zahlen­ta­bellen und Diagrammen enthält der Text auch einigen kultur­po­li­ti­schen Spreng­stoff.
Das wich­tigste Ergebnis: Der Anstieg des deutschen Produk­ti­ons­auf­kom­mens spiegelt sich nicht in einer Erhöhung der program­mierten deutschen Produk­tionen wider. Gemessen am Gesamt­pro­gramm, das in den letzten Jahr­zehnten mehr als verdrei­facht wurde, hat der Anteil der deutschen Filme sogar abge­nommen. Weiterlesen

Die immer gern wieder­holte Selbst-Preisung des Direktors, er Dieter Kosslick habe auf seiner Berlinale so viel für die Präsenz des deutschen Films getan, ist auch in anderer Hinsicht einfach unwahr.

Denn abgesehen vom Wett­be­werb nimmt der Anteil der deutschen Filme in den wichtigen Sektionen »Panorama« und »Forum« sogar deutlich ab. Die relativ neue Sektion »Perspek­tive deutsches Kino« erweist sich als ein Ghetto für das deutsche Kino – in der Studie ist von einer »frag­wür­digen« »Abspal­tung« vom jungen inter­na­tio­nalen Programm die Rede.

Und noch mit einem weiteren Ergebnis übt die Studie deutliche Kritik: »Große Versäum­nisse sind … erkennbar, wenn es darum geht, die Vielfalt der deutschen Gesell­schaft im Programm wider­zu­spie­geln. Dies gilt einer­seits hinsicht­lich der Reprä­sen­tanz von Filme­ma­chern mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, ande­rer­seits aber auch im Hinblick auf den Anspruch auf Teilhabe von einzelnen Gruppen der deutschen Zuwan­de­rungs­ge­sell­schaft.«

Der multi­kul­tu­relle Alltag in Deutsch­land wird auf der Berlinale nicht sichtbar.

Auch in anderer Hinsicht genügt die Berlinale nicht ihren eigenen Ansprüchen bei genauerem Hinsehen nicht, jeden­falls nicht in Bezug auf das deutsche Kino: Die Gleich­stel­lung von Frauen.

O-Ton Dieter Kosslick auf der Pres­se­kon­fe­renz: »Das is’ ja heute wichtig: 124 Frauen sind im Programm der Berlinale vertreten, ja muss man sagen, die sind entweder mit Kamera, Produk­tion oder Regie vertreten. Wir sind auf gutem Wege«

Die Neben­be­mer­kung in Dieter Kosslicks Statement ist schon ein guter Hinweis. »Kamera und Produk­tion« – bei Männern würde der Berli­na­le­di­rektor das gar nicht erwähnen. Immerhin hat er Schau­spie­le­rinnen nicht auch noch mitge­zählt.

Was aber hinter den gut klin­genden 124 Frauen bei 370 Filmen nicht dazu gesagt wird: Die wenigsten sind Regis­seu­rinnen. Und wenn doch, dann kommen sie nicht aus Deutsch­land.

Aus der Münchner Studie wird Wider­sprüch­li­ches deutlich. Einer­seits steigt der Anteil der Regis­seu­rinnen konti­nu­ier­lich. Aber nur inter­na­tional. Deutsche Regis­seu­rinnen gibt es heute auf der Berlinale kaum häufiger, als vor 37 Jahren.

Und auch der allge­meine Anstieg ist vor allem ein statis­ti­scher Mittel­wert. Denn über die Jahre gibt es erheb­liche Schwan­kungen. Nur ein einziges Mal lag der Anteil von Regis­seu­rinnen im Programm höher als im aller­ersten Jahr 1980: 1999. Unter Dieter Kosslick lag er niemals so hoch wie unter seinem Vorgänger.

Mit solchen Fakten schütten die Münchner Wissen­schaftler etwas Wasser in den Wein des Festival-Marke­tings. Den Kater nach dem Berlinale-Rausch in ein paar Tagen wird das hoffent­lich mildern.

Das gesamte Berlinale-Tagebuch 2017 von Rüdige Suchsland finden Sie hier auf Artechock: http://www.artechock.de/film/text/special/2017/berlinale/index.htm

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Crew United: „Die Situation ist desolat“

Oliver Zenglein, einer der beiden Gründer und Geschäftsführer von Crew United (Foto: Steffi Henn)

Dieses Interview wurde von Jens Thomas geführt und am 9.2.3017 auf Creative City Berlin veröffentlicht.

Alle sind im Berlinale-Fieber. Das läuft. Wie gut ist es aber um die deutsche Filmbranche bestellt? Crew United hat gerade einen Aufruf zu „Faires Filmproduzieren“ veröffentlicht. Was meint faires Filmproduzieren? Was muss in der Branche passieren? Was kann jeder einzelne tun? Welche Rolle spielen die Gewerkschaften? Wir sprachen mit Oliver Zenglein, Co-Founder und Managing Partner von Crew United.

CCB Magazin: Hallo Oliver, ihr wollt die Arbeitsbedingungen für Filmschaffende in Deutschland verbessern. In Eurem Aufruf schreibt ihr: „Die Situation der deutschen Filmbranche und dem Großteil der Menschen, die darin arbeiten, ist desolat“. Was genau ist desolat?

Oliver ZengleinWirklich eine ganze Menge: Zunächst einmal fallen die meisten Beteiligten der Film- und Fernsehbranche durch das Raster des Sozialstaates, der keine fairen und angemessenen Lösungen für Arbeitnehmer jenseits des „klassischen Normalarbeitsverhältnisses“ bereithält. Ein Beispiel: Filmschaffende sind in der Regel mit Ausnahmen von beispielsweise Regisseuren oder Kameraleuten weisungsgebunden. Damit sind sie verpflichtet, ein befristetes sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis einzugehen. Folglich müssen sie Beiträge zur Arbeitslosenversicherung abführen. Seit 2005 müssen Antragsteller aber auf ALG 360 Sozialversicherungstage innerhalb einer Rahmenfrist von zwei Jahren nachweisen, um Arbeitslosengeld I (ALG I) zu erhalten. Vor 2005 betrug die Rahmenfrist drei Jahre. Immer mehr Film- und Fernsehschaffende werden darum unverschuldet zu Arbeitslosengeld II-Empfängern – trotz ihrer hohen Beitragszahlungen zur Arbeitslosenversicherung. Das ist im Grunde ein Euphemismus aus der Schröder-Zeit, denn es ist die Sozialhilfe und eben nicht die Arbeitslosenversicherung, in die sie eingezahlt haben. Ein weiteres Problem ist, dass nur knapp 12 Prozent aller Filmschaffenden über eine ausreichende Altersvorsorge verfügen. Drohende Altersarmut ist für einen großen Teil der Filmschaffenden vorprogrammiert. 

CCB Magazin:Ein Problem, das ihr ebenfalls benennt, ist der Faktor Zeit: „Es wäre viel einfacher, fair und nachhaltig Filme zu produzieren, wenn wir alle mehr Zeit hätten“. Wie bekommt man dieses Problem in den Griff?

Oliver ZengleinDas Problem ist, dass Budgets und Drehpläne meist so gestrickt sind, dass kaum Luft zum Atmen bleibt. Die Menschen, die Qualität der Filme und die künstlerische sowie wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit unserer Branche bleiben auf der Strecke. In der Filmbranche gibt es eben schon immer gute Gründe für lange Arbeitstage: Ein Motiv oder ein Schauspieler muss abgedreht werden, das Wetter und damit das Licht wechselt komplett usw. Sollte ja kein Problem sein. Ist es aber oft in vielfacher Weise.

CCB Magazin:Was ist denn das Problem im Kern? Weiterlesen

Oliver ZengleinZum einen werden Verträge pauschalisiert und die 11., 12., 13., 14. Stunde werden faktisch nicht gezahlt. Zum anderen wird die Ausnahme zur Regel und die Drehpläne werden schon inklusive Mehrarbeit kalkuliert. In die Tarifverträge wurde zwar ab 2010 der Begriff „Arbeitsbereitschaft“ im Zusammenhang mit Mehrarbeit integriert. Ein Begriff, der mit der Arbeitsrealität von Filmschaffenden aber nichts zu tun hat. Für einen „Tatort“ fallen plötzlich nur 19 statt noch vor Jahren 25 Drehtage an. Gearbeitet hat der Filmschaffende vielleicht sogar mehr, aber er hat weniger Geld, weniger Anwartschaftszeit für das Arbeitslosengeld, weniger Urlaubstage und auch weniger Rentenbeiträge.

CCB Magazin:Seit 2005 gibt es aber bereits eine Regelung im Tarifvertrag, die zur Führung eines Arbeitszeitkontos für jeden angestellten Filmschaffenden vorschreibt. So etwas bringt nichts?

Oliver ZengleinDas würde schon etwas bringen, aber viele halten sich nicht daran und an Selbstständigen geht diese Regelung völlig vorbei. Die Strukturen der deutschen Filmbranche, die maßgeblich durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und die Filmförderer geprägt werden, sind direkt und indirekt für die Situation mitverantwortlich. 

CCB Magazin:Inwiefern?

Oliver ZengleinDie Vergabe von, zum großen Teil, öffentlichen Geldern ist nicht an die Einhaltung sozialer Mindeststandards gebunden. Diese Standards werden ständig und massiv unterlaufen, die im Tarifvertrag benannte „Mindestgage“ für Anfänger wird als Normalgage behandelt oder unterboten usw. Bis vor kurzem hat das ZDF sogar noch zahlreiche Filmberufe in seinem jahrzehntealten Kalkulationsrahmen einfach nicht vorgesehen und damit nicht gezahlt, zudem wird bei TV-Auftragsproduktionen der Produzent eigentlich zum bloßen Budgetverwalter degradiert. Sein wirtschaftlicher Erfolg hängt nicht von der Qualität des Produkts ab, sondern entspricht genau dem Betrag des Budgets, das er nicht ausgibt.

CCB Magazin:Du sprichst von TV-Auftragsproduktionen. Betrifft das auch Kinoproduktionen?

Oliver ZengleinDa ist die Situation ähnlich. An der Verwertung ist der Produzent in der Regel erst ab einem Punkt beteiligt, der in den seltensten Fällen erreicht wird. Das Budget muss irgendwie reichen, um den Film und die in der Regel lange Entwicklungszeit zu finanzieren und die Firma am Leben zu erhalten. Filme werden einfach nicht besser, wenn sie billiger sind. Dadurch nimmt vielmehr die Selbstausbeutung in der Branche zu. Die immer noch verbreitete romantische Vorstellung, es würde zu einem Ausbruch an Kreativität kommen, wenn man einfach mal macht, egal wie viel Geld zur Verfügung steht, ist falsch und zynisch. 

CCB Magazin:Nur zwei von fünf Filmschaffenden können allein von ihrem Beruf leben – das belegt eine Umfrage des Bundesverbands „Die Filmschaffenden e.V.”, an der 3.827 Filmschaffende teilnahmen. Viele Filmschaffende sind freiberuflich. Muss man dann nicht einfach etwas anders machen, wenn man von seinem eigentlichen Job nicht leben kann?

Oliver ZengleinVielleicht wollen tatsächlich mehr Menschen beim Film arbeiten, als die Branche aufnehmen kann. Ganz sicher ist das im Bereich Schauspiel so, wo zirka 20.000 bis 25.000 Schauspieler auf Arbeit für ein paar Tausend treffen. Deshalb würde ich auch jedem Schauspieler von Anfang an raten, sich ein zweites Standbein aufzubauen. Das Problem würde sich aber nur zum Teil reduzieren, wenn einige die Branche verlassen. Hauptgrund für die prekäre Lage bleibt, dass die Arbeit zu schlecht bezahlt wird. Die Maxime maximaler Flexibilität nach dem Motto „Du wir müssen jetzt doch zwei Monate verschieben“ setzt eben voraus, dass allein der Filmschaffende das Risiko dafür trägt. …….

DAS RESTLICHE INTERVIEW KÖNNEN SIE HIER BEI CREATIVE CITY BERLIN LESEN:
http://www.creative-city-berlin.de/de/ccb-magazin/2017/2/9/interview-oliver-zenglein-crew-united

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„Für eine gesunde, florierende Genre-Kultur braucht es nicht nur einzelne Bienchen, sondern einen ganzen Schwarm. Einen lebendigen ­Bienenstock, der summt und brummt.“ Paul Andexel (links) und Mark Wachholz machen sich für einen deutschen Genrefilm stark. Und drehen auch selber welche.

„Für eine gesunde, florierende Genre-Kultur braucht es nicht nur einzelne Bienchen, sondern einen ganzen Schwarm. Einen lebendigen ­Bienenstock, der summt und brummt.“ Paul Andexel (links) und Mark Wachholz machen sich für einen deutschen Genrefilm stark. Und drehen auch selber welche. | Foto © Genrenale

Herr Andexel, nächste Woche startet die Berlinale, und in der Stadt prangen knallgelbe Plakate mit einem abgerissenen Bärenkopf. Die Genrenale versteht sich als eine Art Gegenveranstaltung zum großen Festival. Was haben Sie gegen das anspruchsvolle Kino?
Paul Andexel: Die Frage allein eröffnet bereits eines der grundlegenden Probleme, denen wir uns seit der ersten Genrenale stellen: Genrefilmen wohnt immer der Ansatz von Banalität, Abartigkeit und etwas Minderwertigem bei. Ihre Frage impliziert ja, dass Genrefilme nicht anspruchsvoll wären. Aber würden Sie Filmen wie „2001 – Odyssee im Weltall“, „E.T. – Der Außerirdische“ oder „Metropolis“ unterstellen, nicht anspruchsvoll zu sein?
Wir widersprechen mit der Genrenale und unserer Leidenschaft für Genrefilme der eingeübten Trennung von Anspruch und Unterhaltung, E gegen U, der alten Mär von der Hoch- und der Trivialkultur.
Sie sehen da keinen Unterschied?
Paul Andexel: Ich glaube, dass der Unterschied zwischen „anspruchsvollem” und „Unterhaltungskino” komplett ausgedacht ist. Arthouse-Filme, Dramen, Vergangeheitsbewältiungs-Filme, Biopics oder Melodramen folgen genauso etablierten Genremustern. Der deutsche Film besticht leider immer noch sehr stark durch seine realistische Art, fernab jeglicher Fantasie und filmischer Überhöhung. Mir scheint, dass der Begriff „Realismus” immer noch mit dem Begriff „anspruchsvoll” verwechselt wird. Weiterlesen

Auf der Berlinale laufen aber nicht mehr anspruchsvolle Filme als bei uns auf der Genrenale. Es laufen dort lediglich andere Filme, die die Welt mehr über Realismus konstruieren, während auf der Genrenale vorrangig die Filmemacher mit ihren Filmen laufen, die die Welt stärker mit Mitteln der Fantasie, Überhöhung und Allegorisierung beschreiben. Beides kann anspruchsvoll, unterhaltsam oder trivial sein. Und wir sehen die Genrenale auch überhaupt nicht als Gegenveranstaltung. Ganz im Gegenteil. Es ist ein, in unseren Augen, notwendiges Aufzeigen von filmischer Vielfalt und dient der Erweiterung des filmischen Horizonts.
Sie vermissen filmische Experimente und klagen, „unsere filmische Fantasie ist seit vielen Jahrzehnten verloren, wir leben in einem Land ohne eigene Filmkultur.” Da werden Ihnen zumindest die Funktionäre der Branche widersprechen. Und Toni Erdmann gibt denen recht. Wieviel Experiment soll denn noch sein?
Mark Wachholz: Ein Film kann nicht für eine ganze Filmkultur stehen, im Gegenteil: Wenn einzelne Filme herausstechen, zeigen sie umso mehr den eigentlichen Stand der Filmkultur. Auch Toni Erdmann bleibt dem Realismus verhaftet, den die Branche seit Jahrzehnten pflegt und aus dem kaum ausgebrochen wird.
Allein schon, dass in einer kreativen Branche von „Funktionären” gesprochen wird, beschreibt den Stand der Dinge gut: Der Deutsche Film wird verwaltet und nach engen, eingefahrenen Regeln produziert. Filmkultur ist eigentlich ein heterogener, von unzähligen individuellen künstlerischen Leistungen bestimmter Prozess, in dem nicht per Verordnung, Satzung, Paragrafen und politischen und religiösen Konsensen Filme entstehen, sondern über den Wunsch nach Ausdruckskraft, dem Sprengen von Grenzen, künstlerischer Reflektion und Vision. Die Vision, das zu denken, was bislang noch nicht gedacht wurde, ist Teil des fantastischen Kinos. Und das fehlt dem Deutschen Film so wie dem Kochtopf das Feuer.
Sie erklären die Genrenale zum „Zentrum einer neuen filmischen Bewegung des Deutschen Films”. Wo findet diese neue Bewegung denn statt – die deutschen Filmemacher haben auf der Berlinale ja sogar eine eigene Reihe?
Paul Andexel: Nur weil ein Festival wie die Berlinale deutschen Filmemachern eine eigene Reihe widmet, bilden diese nicht automatisch eine „Neue Bewegung” ab. Klar bilden sich hin und wieder gewisse Bewegungen heraus, so wie „German Mublecore“ oder „Fogma”. Es gibt aber auch ein Filmemachen außerhalb dieser normierten Festivalreihen. Die Genrenale beteiligt sich aktiv an einer Filmbewegung, die Filme marktorientierter, publikumsorientierter und mit möglichst großer kreativer und filmemacherischer Freiheit machen will. Die die Wahrnehmung beim Publikum für solche Filme aus Deutschland steigern will. Der Deutsche Film hat den Kampf um das Publikum seit Jahrzehnten aufgegeben und hängt am Tropf. Deutsche Festivals, die in Deutschland dem Deutschen Film ein Forum bieten, ändern daran nichts – denn auch sie sind nicht für ein größeres Publikum gedacht. Auf Festivals stehen sich Zuschauer Füße in den Bauch für Filme, die unter normalen marktüblichen Umständen keine 500 Besucher gemacht hätten.
Was machen Sie da anders?
Paul Andexel: Genrenale, Neuer Deutscher Genrefilm und die unabhängigen Genrefilmemacher, die wir gern unterstützen und denen wir mit der Genrenale eine Plattform geben, wollen anspruchsvolle und unterhaltsame Filme wieder für ein großes Publikum machen. Filme, für die man ins Kino gehen will, die man auf großer Leinwand erlebt haben sollte und für die man auch eine Tüte Popcorn dabei hat. Kein Film ist kulturell wertvoll, wenn er nicht auch von einem Publikum gesehen wird. Wir wollen Filme nicht für zukünftige Filmhistoriker machen, sondern mit dem heutigen Publikum in Austausch treten. Deshalb ist uns mit der Genrenale auch der Fokus auf den Zuschauer wichtig. Wir können nicht erwarten, dass nur, weil wir alle Jubeljahre mal einzelne Filme mit Genre-Anleihen machen, der Zuschauer auf einmal ankommt und uns das Geld hinterherwirft, geschweige denn sofort wieder Vertrauen in diese Filme hat. Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten schlicht keine Ansätze verfolgt, dem Zuschauer ansatzweise Genrekino aus Deutschland zu servieren und ihn komplett auf andere Märkte verwiesen.
Wir treten mit der Genrenale nun in kleinen Schritten immer wieder den Beweis an, dass Genrekino aus Deutschland Qualität und Wertigkeit haben kann. Uns ist aber auch bewusst, dass wir uns mit amerikanischen Produktionen nicht messen brauchen. Was aber die Spanier, Skandinavier und Asiaten auch nicht können und trotzdem Genrekino vorantreiben, neu denken und weiterentwickeln. Nur wir Deutschen sind wieder der Meinung, dass wir es nicht versuchen müssen, weil wir eh nicht mit den Budgets der Hollywood-Maschine mithalten können. Und das hindert uns daran, selbst den kreativen Köpfen eine Plattform zu geben, die gewillt wären, eben solche Grenzen und Themen neu zu denken.
Als Referenz führen Sie ausgerechnet die Klassiker der Stummfilmzeit an. Filme wie „Metropolis“ oder „Das Cabinet des Dr. Caligari“ hätten das Genre erst erfunden. Der erste war ein Kassenflop, der zweite ist heute ein Kritikerliebling, aber das damalige Publikum zog doch ganz andere Titel vor?
Paul Andexel: Teils, teils. „Metropolis“ war damals ein riesiger Flop und seiner Zeit sicherlich weit voraus. Trotzdem arbeiten sich heute Filmstudenten und Historiker an dem Film ab, der Film ist ein Meilenstein der Filmgeschichte und Wegbereiter des Science-Fiction-Kinos, wie wir es heute kennen. Zuschauer stellen sich in Eiseskälte im Februar vor das Brandenburger Tor, um den Film in restaurierter Fassung zu sehen.
„Das Cabinet des Dr. Caligari“ war dagegen ein Publikumserfolg, gerade auch im Ausland wie in den USA und Frankreich. Er gab dem Wahnsinn nach dem Ersten Weltkrieg ein Gesicht, einen sichtbaren Ausdruck. „German Expressionism” wurde zu einer Genrebezeichung für einfach alle Filme jener Zeit, die aus Deutschland kamen. Er inspirierte unzählige Filme und Filmemacher, steht am Beginn eines ganzen Genres. Wie eben auch „Metropolis“. Der Unterschied ist, dass diese Filme nicht nur in Kritikerkreisen Bedeutung haben, sondern Grundsteine jener heutigen Filme sind, die Filmemacher und Publikum begeistern.
Das Gleiche gilt für Dutzende weitere Filme der Weimarer Phantastik – egal, ob sie floppten oder nicht. Murnaus „Nosferatu“ (Horror) wollte damals niemand sehen. Fritz Langs „Dr. Mabuse“ (Psychothriller), „Die Nibelungen“ (Fantasy) und „Spione“ (Agentenhriller) waren dagegen riesige Publikumserfolge. Die ikonische Stilisierung und cinematische Kraft, die in diesen Filmen steckt, schafft heute kein deutscher Film mehr. Wann hat das letzte Mal ein deutscher Film spürbaren Einfluss auf die Filmgeschichte gehabt? Wann stand das letzte Mal ein deutscher Film am Beginn einer neuer Ära von Filmemachen?
Was ist danach schiefgelaufen?
Mark Wachholz: Kurz gefasst kann man sagen, dass der Deutsche Film in der Zeit des Nationalsozialismus seine Stärken, sofern er sie nicht durch die Emigration unzähliger jüdischer Filmemacher und Gleichgesinnter verlor, für ein durch und durch auf Propaganda getrimmtes staatliches Filmsystem missbrauchte. Gleichzeitig wurden fantastische Genres wie Horror, Fantasy und Science-Fiction gestrichen, weil sie Goebbels und Co. als zu subversiv galten. So sehr das nationalsozialistische Kino die filmische Manipulation perfektionierte, so sehr wussten sie auch, dass gerade nicht-realistische, stark allegorische Genres die Kraft haben, unterschwellig kritische Botschaften zu transportieren.
Nach dem Ende des Kriegs kann man von einer totalen Entleerung cinematischer Kraft im deutschen Film sprechen. Es lag ein Stigma auf der verführerischen, ikonisierenden, unterhaltenden Kraft filmischen Erzählens. Gleichzeitig war Erfahrung und Interesse an fantastischen Stoffen verloren gegangen – gegen die Schrecken des Kriegs mussten allegorische und erst recht unterhaltsame Stoffe versagen. Den einzigen Ausweg fand man in totalem Eskapismuskino in Form des Heimatfilms, in der die heile, patriarchalisch geordnete Welt auf dem Land Millionen Zuschauer in die Kinos zog. Es war in gewisser Weise die Fortführung der eskapistischen Nazifilme in neuem Gewand. Die Erzähltradition des Heimatfilms hat sich bis heute wie ein Virus im gesamten deutschen Film und Fernsehen festgesetzt.
Als sich das zumindest nicht auf der Oberfläche um Ver- und Aufarbeitung bemühende Unterhaltungskino der 50er und 60er Jahre auch im Genrebereich wieder weiter vorwagte und an international erfolgreiche Erzählformen versuchte anzuknüpfen, machten ihm die Kritik des Jungen Deutschen Films, die Kinokrise der späten 60er und 70er sowie die Flucht nach vorn in die Filmförderung den Garaus. Letzte dystopische, progressive Zuckungen in den 80ern versandeten dann in einem filmgeförderten Konsenskino, in dem der ewige Spalt zwischen Hochkultur und Popkultur durch Komödien auf der einen und „anspruchsvollem” Arthouse-Kino auf der anderen Seite mit jeweils kleinstmöglichem gemeinsamen Nenner überbrückt wurde.
Aber es gab in Papas Kino doch auch gelungene Beispiele fürs Genre? Und die US-Produktionen waren nach heutigen Sehstandards auch nicht durchweg gelungen?
Mark Wachholz: Gelungene Einzelbeispiele wird man immer finden – und die Masse von Filmen ist immer schlechter und gewöhnlicher als ihre Epigonen. Aber die Frage nach Qualität hat auch viel damit zu tun, wie ikonisch und stilbildend ein Film oder eine ganze Strömung von Filmen ist. Insgesamt haben amerikanische, französische, italienische oder japanische Filme der 50er und 60er Jahre viel, viel mehr Filmemacher inspiriert und sich damit wegweisend und stilbildend in die Filmgeschichte eingeschrieben.
Auf der anderen Seite ist aber auch die deutsche Filmgeschichte in dieser Hinsicht noch ziemlich unerschlossen. Die meisten Genrefilme der letzten 60 Jahre sind entweder obskur oder gelten als zu trivial. Da ließe sich noch sehr viel entdecken. Auch das ist Zeichen einer fehlenden Filmkultur – dass es keine kulturwissenschaftliche Erschließung popkultureller Unterhaltungsfilme gibt. Dass „Winnetou“ den Italo-Western und die Edgar-Wallace-Filme den italienischen Giallo mit hervorgebracht haben, ist dabei nur die Spitze des Eisbergs.
Auch der Junge Deutsche Film hat sich immer wieder am Genre versucht. Werner Herzog mit „Nosferatu“, Rainer Erler mit „Fleisch“… wieso lief das nicht? Amerikanische oder französische Werke dieser Zeit hatten es besser – auch in Deutschland.
Mark Wachholz: Der junge Deutsche Film war zum Teil extrem von klassischen amerikanischen und französischen Genres beeinflusst – aber hat eben gegen den Unterhaltungswert von Film an sich agiert. Gerade am Anfang haben Professionalität und Geld auch nicht ausgereicht, um ernstzunehmende Filme zu drehen, von notwendigen Stilisierungen und Affekt-Produktionen ganz zu schweigen. Fassbinders „Liebe ist kälter als der Tod“ (1969) beispielsweise entleert als Versuch der Nachahmung von Godards Gangster-Entleerung „Außer Atem“ (1960) komplett sämtlichen Reiz an Genre und ist nur noch Anti-Kino, das aber dennoch fast manisch Genrefilme und -filmemacher wahllos zitiert, ohne aber deren Erzähl- und Unterhaltungswert übernehmen oder auch nur abbilden zu wollen. Das Meiste muss man aus heutiger Sicht als rebellisches Amateurkino bezeichnen, dem es gelang, gesellschaftliche Verwerfungen und politische Blindheit aufzudecken, aber kaum, ein größeres Publikum zu gewinnen – zumal die Nutznießer der vom Jungen Deutschen Film erkämpften Filmförderung eben weniger diese Filmemacher wurden, sondern die großen, damals kriselnden Produktionsfirmen.
Paul Andexel: „Fleisch“ (1979) und andere Produktionen sind ja nochmal eine ganz andere Zeit – nämlich die große Zeit der Genre-Produktionen im Fernsehen der 70er-Jahre. Ob Tom Toelles „Millionenspiel“ (1970), Wolfgang Petersens „Smog“ (1973), Rainer Werner Fassbinders „Welt am Draht“ (1973) oder eben Rainer Erlers Filme wie Fleisch (1979) – das waren meist hochkontroverse, extrem progressive Filme mit hohem Zuschauer-Impact, den man sich für heutige deutsche Genre-Filme nur wünschen könnte.
Was den Filmen fehlte, war eine ihren Themen entsprechende Ausstattung und Ausgestaltung ihrer Welt, die sich das Fernsehen damals nicht leistete. Aber große Publikumserfolge waren das trotzdem. Gleichzeitig stehen sie aber auch schon für den größten Umbruch im deutschen Film, der zu dieser Zeit begann, komplett vom deutschen Fernsehen kannibalisiert zu werden.
An den Filmemachern kann’s wohl nicht liegen: Carl Schenkel, Wolfgang Petersen, Roland Emmerich und andere gingen nach Hollywood, nachdem sie sich in Deutschland am Genre versucht hatten, beim Jüngeren Deutschen Film Robert Schwentke und andere haben es Ihnen in diesem Jahrtausend nachgemacht. Und alle sind oder waren dort erfolgreicher als hier.
Paul Andexel: Ja. Sie sind nach Hollywood gegangen, weil der Deutsche Film spätestens ab den späten 80er Jahren keinerlei Möglichkeit bot, aufwendige, fantastische Filme zu drehen. Fragen Sie doch einmal Roland Emmerich oder Wolfgang Petersen, warum sie Deutschland den Rücken gekehrt haben. Weil ihren übergroßen Ideen und ihrer Fantasie wenig Platz und Ak­zeptanz entgegengebracht wurde, auch aus dem Bereich der Filmkritik. Da schwang immer die grundsätzliche Frage von Unterhaltung gegen Anspruch mit. Nur wenige, wie Bernd Eichinger oder auch Stefan Arndt mit Cloud Atlas, versuchten immer wieder, auch aus Deutschland heraus Filme in diesem Ausmaß zu realisieren. Teilweise scheiterten sie kläglich und wurden dafür meist auch aus der Branche immer wieder nur mit einem müden Lächeln bedacht.
Amerika hat es wieder mal besser?
Paul Andexel: Natürlich hat Hollywood weltweit eine Sonderstellung und kann mit den dort vorhandenen Budgets aus allen Ländern die besten oder gerade angesagtesten Regisseure anlocken. Das ist aber nicht das Problem. Das Problem ist, dass Deutschland im Gegensatz zu vielen anderen Filmnationen keine eigene vitale Filmkultur hat, die es erlaubt, dass sowohl gute Regisseure nach Hollywood gehen als auch zur selben Zeit genug Aufsehen erregende, erfolgreiche Filme hier entstehen.
In Deutschland ist es doch das höchste Maß, wenn ein Regisseur einen Tatort drehen kann. Das Erste, was Baran Bo Odar nach seinem Erfolg „Who Am I“ machte, war der Sprung über den großen Teich. Christian Alvart, als ein weiteres Beispiel, berichtete uns einmal davon, dass sich in Deutschland jahrelang niemand aus den Sendeanstalten um die neuen, jungen Talente kümmerte. Während in Hollywood die Filme am Startwochenende geschaut werden, um Montagmorgen mitreden und langfristig junge Talente anlocken zu können, wurden jahrelang in Deutschland diese Talente erst entdeckt, als der Film dann endlich mal im Fernsehen zu sehen war.
Deutschland hat eine rege Krimiszene, auch das Fernsehprogramm zeigt reichlich Mord und Totschlag. Gerade lief der 1000. „Tatort“ – die Krimireihe ist immer noch sowas wie ein Straßenfeger. Nur ins Kino will der Deutschen liebstes Genre nicht finden.
Mark Wachholz: Krimi ist ein reines Konsensformat mit hohem Betäubungsfaktor. „Mord und Totschlag” sind ja keine Werte an sich, sondern was ein Film, wenn dann, dazu zu erzählen hat. Zehn Euro oder mehr für eine Kinokarte zu lösen, um einen Film zu sehen, in dem am Anfang ein Mord geschieht und es lediglich darum geht, zwischen drei oder vier Verdächtigen den Schuldigen durch Verhöre und wahllos plazierte Spuren zu finden, ist nichts, was einen Kinozuschauer heutzutage noch reizt.
In einer Zeit, in der jeder extrem aufwendige amerikanische Film schon Schwierigkeiten hat, eine ausreichend große Zahl von Zuschauern zu finden, sind deutsche Film- und Fernsehproduktionen halt so weit von einem Zuschauer-Appeal entfernt wie Tatooine vom Zentrum der Galaxie.
Selbst ein Publikumsmagnet wie Til Schweiger wirkt nur, wenn er sich zum Kasper macht. Als Actionheld wollen ihn seine Fans nicht sehen – obwohl „Schutzengel“ etwa nicht schlechter war als viele US-Genrekost auch.
Paul Andexel: Darüber ließe sich trefflich diskutieren, warum Til Schweiger im Kino nur bedingt funktioniert und wo die Fehler seiner Filme liegen mögen. Aber nur weil jemand ein Maschinengewehr in die Hand nimmt, zwei blutige Kratzer im Gesicht hat und gute Punchlines bringt, sind wir nicht automatisch in „Stirb langsam“. Wir sollten von der Haltung wegkommen, Genrefilme seien lediglich pure Unterhaltung oder Action. Ein Action-Klassiker wie „Stirb langsam“ besticht durch eine darunterliegende thematische Komplexität, die die Figuren glaubwürdig und nahbar erscheinen lässt. Es zählt immer noch in allen Fällen die Geschichte und die Glaubwürdigkeit der Figuren und nicht nur der reine Umfang des Pistolenmagazins.
Modernes Actionkino ist eben nicht mehr einfach wahllose Schießereien und flotte Sprüche mit Familienbildern der 50er-Jahre. Gerade die Risiko-Absicherung durch die Filmförderung könnte deutschen Filmemachern dabei helfen, Genres zu sprengen und weiterzuentwickeln. In der Theorie. In der Praxis haben wir aber im Gegenteil ein Gemütlichskeitskino, das damit zufrieden ist, oberflächlich Standards nachzuahmen, die schon vor 20 Jahren nicht mehr „state of the art“ waren.
Aber ist nicht vielleicht die ganze Sorge schon wieder unnötig? Deutsche Produzenten wagen sich doch schon seit einiger Zeit ins Genre, zum Teil mit ziemlichen Schauwerten: „Krabat“, „Wir sind die Nacht“, „Der Medicus“ oder zuletzt „Who Am I“?
Paul Andexel: Das ist wohl wahr. Die großen Vorreiter sind hier immer wieder Christian Becker mit der Rat Pack, Thomas Wöbke mit der Berghaus Wöbke oder auch Wiedemann & Berg. Aber für eine gesunde, florierende Genre-Kultur braucht es nicht nur einzelne Bienchen, sondern einen ganzen Schwarm. Einen lebendigen Bienenstock, der summt und brummt. Mit Entdeckern und Kundschaftern genauso wie mit fleißigen Arbeitsbienen und reichlich Honigproduktion. Die genannten Filme sind absolute Ausnahmen, und die allermeisten davon haben nicht nur nicht ihr Geld eingespielt, sondern sind zum Teil auch extrem gefloppt.
Warum?
Paul Andexel: Das Problem ist doch, dass es zwar diese vereinzelten Beispiele gibt, die dann alle paar Jahre mal auftauchen, dann aber bescheiden bis miserabel laufen und das dann als Beweis genommen wird, dass Genre aus Deutschland nicht funktioniert. Aber wie sollen wir denn eine Filmkultur etablieren und neu denken, wenn es nicht die Möglichkeit gibt, auch mal zu versagen und zu erkennen, dass der eingeschlagene Weg vielleicht nicht der richtige war? Zu Scheitern ist ja leider eine Angelegenheit, die man in Deutschland nicht erleben darf.
Aber dass man aus dem Scheitern die besten Erkenntnisse ziehen kann, scheint irgendwie noch nicht angekommen zu sein. Man sitzt mit Produzenten in Besprechungen und hört auf den Vorschlag eines Sportfilms nur: „Das hat noch nie funktioniert, brauchen wir gar nicht zu versuchen.” Anstatt zu hinterfragen, warum etwas nicht funktionierte, um daraus die Lehren zu ziehen, wird von vornherein auf stur geschaltet und abgeblockt. Mit dieser Haltung kann weder eine Genrekultur neu entfacht noch Antworten gefunden werden, was deutsches Genrekino kann und darf und was es eher sein lassen sollte.
Auf der anderen Seite beschwert sich aber keiner, wenn ein Betroffenheitsdrama mit der krebskranken Mutter und einem depressiven Ende zwar Fördergeld mitnimmt beziehungsweise zum größtmöglichen Umfang damit ausgestattet ist, an der Kinokasse dann aber bescheiden abschneidet. Da zählt dann wieder die gesellschaftliche Relevanz und das wird bei Auszeichnungen und entsprechenden Festivals in Deutschland rauf und runter gespielt und mit Preisen überhäuft, dass keiner mehr darunter atmen kann. Sie verzeihen meine etwas überspitzte Formulierung.
Es geht uns eben nicht nur um die reine Anwesenheit von einigen Beispielen. Damit kann man sich nicht zufrieden geben. Es geht um künstlerisch und kommerziell erfolgreiche Filme, über deren Action man staunt, deren emotionaler Tiefe einen mitreißt und deren Neuartigkeit und visionärer Kraft beeindruckt. Wenn Sie also fragen, was den deutschen Genrefilm und damit das deutsche Kino nach vorne bringen kann, dann ist die Antwort: Machen. Machen. Machen. Scheitern. Daraus lernen. Neu Denken. Machen. Und Qualitätsstandards in möglichst allen Aspekten, die weit über den Konsens hinausgehen, mit dem sich der deutsche Film seit Jahrzehnten zufrieden gibt.
Ich sprach einmal, es war ziemlich am Anfang der Genrenale, mit Christian Petzold. Er warf uns vor, dass wir ja immer nur irgendwelchen amerikanischen Vorbildern nacheifern würden, statt uns damit zu beschäftigen, was für deutsche Genrethemen denn glaubhaft sein können. Da gebe ich ihm ja grundsätzlich auch irgendwie recht, vor allem, was das Denken von deutschen Themen angeht. Ich meinte dann aber auch zu ihm, dass wir in der Zeit, in der ich aufwuchs und filmisch geprägt wurde, auch nichts anderes als das amerikanische Hollywood-Kino hatten, von dem wir hätten lernen und uns hätten begeistern können. Außerdem ist das Sich-Inspirieren-Lassen und Aufgreifen von bestehenden Dingen nichts Verwerfliches und hat in der Filmgeschichte durchaus häufiger stattgefunden.
Wie wollen Sie das Leiden des Genres ändern?
Paul Andexel: Wir tun bereits einiges dafür. Seit nunmehr fünf Jahren. Mit purer Leidenschaft für das Thema, ohne große finanzielle Ausstattung und viel eigenem Engagement in abendlichen Stunden, wenn die Familie schon tief und fest schläft. Ein wichtiger Aspekt ist zum ­Beispiel der, dass wir diese Filme, ihre Macharten und deren Gesichter dahinter, sichtbar machen.
Es gab bisher nirgendwo die Möglichkeit, ausschließlich deutsche Genrefilme zu sehen. Und dann auch noch Genrefilme, die eine so hohe Qualität aufweisen. Von Filmemachern, die so wie wir auf Genrefilme jeglicher Art stehen und bei uns auf der Genrenale ein authentisches Zuhause finden, gehört, gesehen und respektiert werden. Auf anderen Festivals sind sie so gut wie nie vertreten und werden dann mitunter sogar noch von Anwesenden derart fertig- und kleingemacht, dass man sich als Filmemacher selber als Enfant terrible fühlt.
Ich erlebte in Hof 2012 bei der Premiere meines Stephen-King-Psychothrillers „You Missed Sonja“ die Frage eines älteren Herren, wie „krank man denn sein müsse, solche Filme zu machen und ob als nächstes Kinderpornografie von uns käme”. Das haut einem die Beine weg und man fragt sich im nachhinein schon, wo das Problem liegt. Vor allem weil direkt nach unserem Film ein Vier-Frauen-Drama mit stark erotischer Komponente lief und mir klar war, warum dieser ältere Herr in diesem Filmblock saß. Mir geht es ja gar nicht darum, dass wir nur noch Splatter und Horror haben. Uns geht es mit der Genrenale um die filmische Vielfalt. Ich bin selber kein großer Horrorfan, meide dieses Genre sogar weitestgehend. Man kann uns also nicht den Vorwurf machen, dass wir „nur noch Horrorfilme aus Deutschland sehen wollen”. Wobei gut gemachtes Horror durchaus reizvoll und wirtschaftlich durchaus interessant ist. Schauen Sie sich alleine mal an, was Blumhouse in den USA in den vergangenen Jahren getrieben und groß gemacht hat.
Außerdem muss es uns darum gehen, neue Wege zu etablieren. Schauen Sie sich an, was in den vergangenen Jahren alles für Genre-Filme in Independent-Produktionen fernab der üblichen Wege entstanden ist. „Der Nachtmahr“ kostete 80.000 Euro und wurde in 15-jähriger Arbeit vom Regisseur Akiz erdacht und vorangetrieben. Überall auf der Welt wird dieser Film auf entsprechenden Festivals rauf und runter gespielt, gefeiert und ausgezeichnet, wird im Filmmuseum in Frankfurt ausgestellt und ist damit auch irgendwie existentieller Bestandteil unseres filmischen Erbes. Ich finde das toll!
Ein Film wie Till Kleinerts „Der Samurai“ lief zwar auf der Berlinale in der Perspektive, entstand aber auch nur durch die reine Leidenschaft der Filmemacher und deren Hartnäckigkeit, am Ende ohne einen Sender den Film durchzuziehen. Unser diesjähriger Eröffnungsfilm „Immigration Game“ von unserem Genrenale-Programmleiter Krystof Zlatnik entstand auch aus eben jener Trotzigkeit heraus, einfach einen Film zu machen, ohne dass irgendwie Gremien und Entscheider reinreden, die tendenziell nur auf irgendwelche Sendeplätze oder Kennzahlen schielen.
Was kann das Genre besser als konventionelle Arthouse-Dramen?
Paul Andexel: Filme wie diese genannten stellen sich dann auch Themen, die man sich teilweise nicht wagt anzufassen. „Immigration Game“ beschäftigt sich zum Beispiel sehr extrem mit der aktuellen Flüchtlingsdebatte, verortet sie in einer nahen deutschen Zukunft und kombiniert sie mit einer Menschenjagd, ähnlich wie im „Millionenspiel“.
Kein anderes Festival in Deutschland, auch wenn es noch so die vermeintliche Fahne für das deutsche Genrekino hochhält, hat sich bisher getraut, diesen Film zu zeigen, warum auch immer. Klar merkt man all diesen Filmen auch ihre künstlerischen Grenzen an und kann sicherlich über einige filmische Entscheidungen diskutieren. Diese Filme wurden aber alle für unter 100.000 Euro gemacht. Da stößt man zwangsläufig an Grenzen.
Und mit diesen Filmen hat keiner irgendwelches Geld verdient. Das sind von Leidenschaft durchzogene Filmemacher, die eine Geschichte zu erzählen haben. Aber geben sie diesen Wilden doch mal das fünffache an Budget. Sie werden sich umgucken, was für Potential dort schlummert, von dem die meisten da draußen absolut keine Ahnung haben. Wir machen diese zumindest ansatzweise sichtbar.
Gibt es dafür noch mehr Ansätze als die Vorführung auf dem Festival?
Paul Andexel: Wir haben in unserer Neuer-Deutscher-Genrefilm-Gruppe einen Logline-Wettbewerb gestartet und von einzelnen Hollywood-Autoren bewerten lassen. Es ist unfassbar, was für kreative Stoffe in den Köpfen der Filmemacher steckt – davon ist vom nahezu unermesslichen Filmausstoß in Deutschland absolut nichts zu spüren. Wir sind froh, mit Arri einen Partner gefunden zu haben, der sich mit dem „Arri Genre Pitch” für das Thema Genre stark macht und offen nach konkreten Genrestoffen sucht und dieses Thema weiter pusht und zu uns steht.
Es werden mehr als 200 Filme pro Jahr gemacht – was wäre, wenn davon auch nur 50 neuartige, spannende, kontroverse, ungewöhnliche, innovative, grenzensprengende Filme wären? Weniger Zuschauer als in einem Nicht-Til-Schweiger-Jahr können deutsche Filme eh nicht haben – also könnten doch auch ganz andere Filme gemacht werden mit mehr Potential, filmischen Erzählen, Kino-Unterhaltung und entsprechendem Zeitgeist.

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