Deutscher Film: Neue Wege in die Zukunft IV

Die Deutschen gehen zu selten ins Kino. Und wenn sei es doch tun, sehen sie die falschen Filme. Am besten sollten sie richtig erzogen werden. | Foto © cinearte

Die Deutschen gehen zu selten ins Kino. Und wenn sei es doch tun, sehen sie die falschen Filme. Am besten sollten sie richtig erzogen werden. | Foto © cinearte

Beim Kongress „Zukunft Deutscher Film“ haben Filmemacher und Fachleute Vorschläge erarbeitet, was besser gemacht werden könnte. Wir stellen die Handlungsempfehlungen vorab vor. Zum Abschluss sprach Claudia Dillmann über „Distribution und Kinokultur“: Weiterlesen

Unser Tisch hat sich beschäftigt mit dem weiten Bereich der Filmkultur, der Rolle des Kinos und möglichen neuen Formen der Distribution. Wir haben festgestellt, dass Kultur-Vermittlung nicht allein uns betrifft, sondern ein zunehmendes Phänomen ist in den Theatern, in den Opernhäusern, in den Museen, in der bildenden Kunst überall, aber dort besser funktioniert, als im Bereich der Filmkultur. Wir sind der Auffassung, dass Filmbildung alle Altersklassen und alle Gruppen umfassen muss und das kann nur gelingen, wenn Filmbildung bereits sozusagen im vorschulischen Alter beginnt. Das deutsche Filminstitut hat Erfahrungen gemacht, in Modellprojekten, dass gerade die Vier- bis Sechsjährigen ungeheuer offen sind für filmische Formen, die genießen und schätzen klassische Avantgarde-Filme und Experimentalfilme.

Die 12- bis 14-Jährigen haben diese Offenheit nicht mehr, ihre Sehgewohnheiten sind, wenn ich das mal so ausdrücken darf, versaut. Deshalb ist es wichtig, möglichst früh, möglichst umfassend mit möglichst anspruchsvollem Programm mit der filmkulturellen Bildung zu beginnen.

Wir haben auch festgestellt, dass geeignete Filme für Vorschulkinder im Moment fehlen, also eben Filme, die unter 60 Minuten lang sind, und Filme, die die kindliche Phantasie anregen und über die man anschließend auch mit den Kindern reden kann.

Um aber die Filmkultur in Deutschland wirklich zu fördern und zu verankern, ist es unabdingbar, dass „Film“ endlich als eigenes Fach in der Schule verankert wird, und zwar auch dort ab der 1. Klasse. Wir haben Film im Unterricht schon seit vielen Jahren in den Niederlanden, in Dänemark, natürlich in Frankreich, wo wir immer bewundernd hinschauen. Es gibt jetzt seit einigen Jahren in Bremen, Sachsen, Baden-Württemberg und in Berlin-Brandenburg Film im Unterricht. Uns kommt es darauf an, dass Filmbildung nicht im Dienst anderer Fächer steht, sondern sich aus eigenem Recht legitimiert. Das heißt, da soll der Film im Mittelpunkt stehen, die Ästhetik, das filmische Erzählen, die Vermittlung von Filmgeschichte und natürlich der Vielfalt kinematografischer Formen. Und eben nicht als audiovisuelle Bebilderung eines Themas, das da heißt „NS-Film“ oder was auch immer.

Außerdem sollten im Internet neue Formen des Lernens und der Learning Tools, oder der Lehrmittel zur Verfügung stehen, um dort genau dann mit Hilfe von Ausschnitten zum Beispiel Filmanalyse, filmsprachliche Ausdrucksmittel kennenzulernen und anzuwenden. Generell ein fundiertes Filmwissen zu ermöglichen, was im Unterricht sonst nicht so einfach ist.

Und natürlich gehört zu dieser schulischen Bildung das Kino als außerschulischer Lernort. Hier ist es wichtig, dass die Schulen mit den Kinos zusammenarbeiten, das tun sie ja vielfach schon, zum Beispiel im Rahmen der Schulkinowochen.

Immerhin sind dadurch im letzten Jahr an die 900.000 Schüler im ganzen Bundesgebiet zum Teil erstmals ins Kino gekommen. Das muss verstetigt werden.

Das hat uns zur Rolle des Kinos gebracht. Natürlich wollen Kinos ein tolles Programm machen und damit auch ein junges Publikum gewinnen. Dazu bedarf es finanzieller Unterstützung. Das ist unter den Umständen, unter denen viele Kino-Betreiber hier zu arbeiten haben, nicht möglich. Da bleibt keine Zeit für eine aufwendige Publikumsgewinnung, -adressierung und ein wirklich auch anspruchsvolles und forderndes Programm.

Wir plädieren dafür, dass Kinos zusätzliches Geld dafür erhalten, dass sie sich um attraktive Programme kümmern, dass sie in der Lage sind, Gäste einzuladen, mit den Partnern vor Ort zusammenzuarbeiten, die sich anbieten, mit den Organisationen zusammen ein Kino zu machen, das eben auch schon vormittags beginnen kann und bis nachts geht, und ihre Matinee zu machen. Es gibt, denke ich, das Bedürfnis dafür.

Vor allen Dingen erscheint uns die soziokulturelle Rolle des Kinos insbesondere auf dem Lande von überragender Wichtigkeit. Kinos sind zum Teil die einzigen, die auf dem Lande noch solche kulturellen Zentren bilden. All dies erscheint uns als wesentlicher Grund, eine zusätzliche Förderung der Kinos (insbesondere auf dem Lande) zu fordern.

Es gibt viele Initiativen, die im Augenblick Kinos gründen wollen, die Zeit ist gut dafür, die Digitalisierung erlaubt es. Es geht darum, auch Investitionen für Neugründungen von Kinos zu ermöglichen, es muss Ansprechpartner geben, die einem Verein sagen, wie er ein Kino aufbauen kann, es muss auch Möglichkeiten der Fort- und Weiterbildung von Kino-Betreibern geben.

Es war nicht unsere Aufgabe, über Förderung nachzudenken. Das hat die erste Gruppe gemacht, wir sind aber über die Frage „Wie können neue Distributionsformen aussehen?“ in das Minenfeld geraten: Kinoauswertung und VoD. Wir haben es mal so auf den Punkt zu bringenversucht : Wir sind dafür, dass die starren Regelungen beendet werden, weil es eine Flexibilisierung braucht, wie immer sie aussehen mag. Wir verstehen die Ängste von Kinobetreibern, die sagen, VoD-Auswertung zeitnah am Starttermin ist der Tod des Kinos. Wir glauben das nicht.

Wir glauben, es gibt vielfältige Formen, wie sich Kinostart und VoD kombinieren lassen. Wir sind der Meinung, dass Verleiher und Kinobetreiber mehr miteinander Lösungen entwickeln sollen. Es kann ja nicht sein, dass es keine Kompensation für die Kinobetreiber gibt, die einen Film ins Gespräch gebracht haben, mithilfe des Verleihs, aber eben auch vor Ort.

Für das Publikum ist es vollkommen naheliegend, kein Mensch versteht, warum das alles sich so lange hinzieht, der Film längst aus der allgemeinen Diskussion verschwunden ist, wenn er dann irgendwann auf VoD läuft. Also gibt es Möglichkeiten der Kompensation, wenn ein Kino einen Film gespielt hat, der hat nach seiner Auswertung unmittelbar danach auf VoD läuft. Es gibt die Möglichkeiten, dass Kinos selbst entscheiden, ob sie diesen Film auf ihre Plattform bringen. Man sollte den Mut haben, das einfach mal durchzuspielen. Denn das Publikum, das neue Publikum, findet sich halt vielfach im Netz und nicht zunächst mal vor Ort im Kino.

Von Verleihförderung war schon die Rede. Auch da sollte man entkoppeln. So wie womöglich Filmförderung vom TV entkoppelt wird, sollte man das hier auch machen: Filmförderung von der Verleihförderung entkoppeln. Insbesondere, wenn die DFFF-Förderung verlangt, von vornherein einen Verleih-Vertrag vorzulegen. Das ist ziemlich unzumutbar für beide Parteien, also den Produzenten wie für den Verleiher. Und es sollte eine grundsätzliche Möglichkeit geben, Verleihförderung auch einem Film angedeihen zu lassen, der keine Produktionsförderung bekommen hat.

flattr this!

Senden Empfehlen

Deutscher Film: Neue Wege in die Zukunft III

Zum Abschluss des Kongresses „Zukunft Deutscher Film” in Frankfurt wurden die Verbesserungsvorschläge vor vollem Saal präsentiert. | Foto © Klaus Rebmann

Zum Abschluss des Kongresses „Zukunft Deutscher Film“ in Frankfurt wurden die Verbesserungsvorschläge vor vollem Saal präsentiert. | Foto © Klaus Rebmann

Beim Kongress „Zukunft Deutscher Film” haben Filmemacher und Fachleute Vorschläge erarbeitet, was besser gemacht werden könnte. Wir stellen die Handlungsempfehlungen vorab vor. Alfred Holighaus präsentierte die Ergebnisse der Arbeitsgruppe „Ausbildung und Nachwuchs“: Weiterlesen

Viele junge Menschen zieht es in die Berufe unserer Branche, viel mehr, als im Arbeitsmarkt langfristig ein Auskommen finden können. Ihre Talente, Biografien, Erzählanliegen sind höchst heterogen und kaum lässt sich der Wert des späteren Beitrags des einzelnen Nachwuchsfilmschaffens für die Zukunft des deutschen Films erkennen. Dementsprechend erscheint es uns wichtig, möglichst vielen potentiellen Talenten erst einmal eine Chance zu geben. Entsprechend begrüßenswert ist die heterogene Ausbildungslandschaft mit allein in Deutschland sieben Hochschulen von Weltrang, angewandten Medienstudiengängen an Hochschulen und Filmklassen an Kunsthochschulen.

Die Vielfalt dieser Ausbildungswege ist begrüßenswert und entspricht der Vielfalt der Biografien. Sie bedeutet für die Angenommenen oft eine Finanzierungszusage für eine Reihe für Projekten und den Zugang zu einem Netzwerk von Kommilitonen und Alumni, das in einer beziehungsgetriebenen Branche wie unserer kaum von zu überschätzendem Wert ist. Im Fokus der Filmausbildung sollte das praktische Filmschaffen und die Konfrontation mit dem Publikum stehen.

Ein virulentes Problem der Filmhochschulen ist die Fixierung der Studierenden auf einen 90-minütigen Abschlussfilm in Zusammenarbeit mit einem TV-Sender als Visitenkarte für das Entrée in die Branche. Künftig sollte der Abschlussfilm nicht an ein Format gebunden sein, damit steht auch die Möglichkeit, diese Arbeit unabhängig vom Sender stehenzulassen, und in der Branche soll trotzdem diese Arbeit in jedem Format als Visitenkarte gelten.

Dennoch werden, nach unseren Ideen, die öffentlich-rechtlichen Sender nicht aus der Pflicht entlassen, sich eindeutig und kontinuierlich um die Förderung des filmischen Nachwuchses zu kümmern. Wir finden, diese Verpflichtung sollte Gegenstand des Rundfunkstaatsvertrags werden. Neben den geordneten Ausbildungsgängen gibt es in unserer Branche schon traditionell auch Autodidakten und Quereinsteiger, ein vielleicht steinigerer, aber sicher gleichwertiger Weg.

Der Pluralismus aus Länderförderern, FFA, BKM, Kuratorium mit zehn anderen Finanzierungsquellen gibt auch besonderen Ansätzen eine Chance, einen Finanzierungspartner zu finden, der sich genau hierfür begeistern lässt. Daher schient nicht die Konzentration, sondern eher noch eine Verbreiterung der Möglichkeiten angesagt, und zwar durch einen bundesweiten Nachwuchs-Topf, wir nennen ihn den „Talent-Topf“, der für Projekte mit sportlichen Budgets als Allein-Finanzierungsquelle dienen kann. Bei diesem Topf, wie allen anderen vorher genannten Finanzierungsoptionen, sollen die Projekte von Autodidakten und Quereinsteigern die gleiche, faire Chance bekommen, wie die von Hochschulabsolventen.

Uns schwebt da eine möglichst automatische Förderung in zwei Stufen vor: Entwicklung und Produktion, wobei auch hier die Entwicklung dazu führen kann, dass es vielleicht nicht zur Produktion kommt.

Insgesamt erscheint es uns klug, eher mehr Projekte zu fördern, statt einzelne Nachwuchsprojekte mit Budgets in Millionen-Höhe auszustatten. Für den Erfolg gelten eindeutig Kriterien auch jenseits der klassischen Kino-Auswertung, weil diese Förderung nicht an eine Kino-Auswertung gebunden sein soll.

flattr this!

Senden Empfehlen

Deutscher Film: Neue Wege in die Zukunft II

An der großen Wand von Crew United konnten sich die Kongressgäste ihre eigenen Gedanken machen. Am Ende war sie voll. | Foto © Tom Nestler

An der großen Wand von Crew United konnten sich auch die Kongressgäste ihre eigenen Gedanken machen. Am Ende war sie voll. | Foto © Tom Nestler

Beim Kongress „Zukunft Deutscher Film” haben Filmemacher und Fachleute Vorschläge erarbeitet, was besser gemacht werden könnte. Wir stellen die Handlungsempfehlungen vorab vor. Im zweiten Teil der Arbeitsgruppe „Förderung und Finanzen“ präsentierte die Regisseurin Julia von Heinz die Vorschläge zum Fernsehen: Weiterlesen

Am zweiten Tag haben wir uns mit der Rolle des Fernsehens beschäftigt, mit der Rolle des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. In keinem anderen Land ist der Einfluss auf das, was wir auf den Leinwänden sehen, so stark vom Fernsehen beeinflusst wie bei uns in Deutschland. Wir haben unsere Wertschätzung ausgedrückt für das, was das Fernsehen über Jahre für das deutsche Kino getan hat. Wir alle wissen, dass es bestimmte Stilrichtungen, bestimmte Filme nie gegeben hätte, ohne die Hilfe von Fernsehredakteuren, die nicht auf Kommerzialität angewiesen waren. Wir alle konnten viele Filme nennen, an denen das öffentlich-rechtlichen Fernsehen maßgeblich beteiligt war, die wir sehr lieben und schätzen, und hatten jetzt das Gefühl, dass wir uns in einer Umbruchsphase befinden und an einem Punkt, wo diese Kopplung zu einem Ende gekommen ist.

Die Freiräume des Fernsehens, die es bis in die 90er- und 00er-Jahre noch gab, werden kleiner. Filme, wie sie bis vor 10, 20 Jahren noch vielfach möglich waren, sind inzwischen kaum noch möglich. Und deshalb haben wir das Gefühl, dass das Fernsehen sich nicht mehr eignet als Nadelöhr, was es im Moment ist, um Zugang zu den Fördergeldern zu bekommen, und fordern eine Entkopplung von Fernsehen und Förderungen.

Wir schlagen vor, dass es eine Summe, die ungefähr so hoch ist wie das, was jetzt von den Sendern in Kino-Koproduktionen gesteckt wird (zirka 120 Millionen Euro) weiterhin gibt, das könnte ein staatlicher Fonds sein. Filme, die zu 70 Prozent finanziert sind durch Förderung, durch Verleih, Minimum-Garantien durch Weltvertrieb, durch privates Geld, kriegen automatisch die letzten 30 Prozent aus diesem Topf. Der wird später aufgefüllt, indem Sender diese Filme fertig ankaufen können für die Fernsehausstrahlung.

Sie sind nicht dazu verpflichtet, sondern haben die freie Auswahl. Wir haben den Eindruck, dass wir das Fernsehen dadurch auch entlasten. Teilweise fühlt man sich wie jemand, der die Redakteure belästigt, wenn man ihnen das nächste Drehbuch schickt, weil sie so viele bekommen, weil es auch eben Filme sind, für die sie keine Sendeplätze mehr haben.

flattr this!

Senden Empfehlen

Deutscher Film: Neue Wege in die Zukunft I

Auf dem Podium (von links): Martin Hagemann, Julia von Heinz, Alfred Holighaus, Claudia Dillman. | Foto © Klaus Redmann

Auf dem Podium (von links): Martin Hagemann, Julia von Heinz, Alfred Holighaus, Claudia Dillman. | Foto © Klaus Redmann

Schön, wenn man miteinander geredet hat. Aber was dann? Ohne einen Ausblick wollten die Organisatoren des Kongresses „Zukunft Deutscher Film“ ihre Besucher nicht gehen lassen. Deshalb ließen sie, angeregt durch die Thesen von Edgar Reitz, 26 Filmemacher und Fachleute an beiden Tagen in drei Arbeitsgruppen die drängenden Themen diskutieren. Das Ergebnis sollten Handlungsempfehlungen sein, die Zum Abschluss im Großen Saal des Zoo-Gesellschaftshauses vorgestellt wurden.

Vorgetragen wurden sie von den jeweiligen Moderatoren der Arbeitsgruppen: Martin Hagemann, Produzent und Professor an der Filmuniversität „Konrad Wolf“ Babelsberg, teilte sich die Präsentation zu „Förderung und Finanzen“ mit der Regisseurin Julia von Heinz; Alfred Holighaus, Präsident der Spitzenorganisation der deutschen Filmwirtschaft (Spio), schilderte die Vorstellungen zu „Ausbildung und Nachwuchs“; und Claudia Dillmann, ehemalige Direktorin des Deutschen Filmmuseums und des Deutschen Filminstituts sprach über „Distribution & Kinokultur“.

Wir veröffentlichen in den nächsten vier Tagen gekürzte Mitschriften der Vorträge. An der endgültigen Formulierung wird noch gearbeitet, sie soll voraussichtlich diese Woche auf der Kongress-Website veröffentlicht werden. Den Anfang machte Martin Hagemann mit Förderung und Finanzen – Kino: Weiterlesen

Wir haben über den Sauerstoff nachgedacht, den das deutsche Kino unserer Meinung nach braucht. Wir müssen eine Kunstfreiheit wieder etablieren, die an die Extreme geht, die auch die Diversität von Themen, Rollen, Figuren wieder stärker hervorhebt, Filme, die ins Bodenlose ­gehen können, Filme, die auch scheitern können. Filme, die freier gemacht werden können, als das bisher möglich ist. Es gibt viel Geld, es gibt viele Möglichkeiten, aber wir empfinden, das deutsche Kino ist auf dem Weg zu einer Mono-Kultur.

Es hat aus unserer Sicht sehr viel mit dem Gremien-System zu tun. Die meisten Entscheidungen, warum Filme gemacht werden, beruhen auf Gremien, und wir halten diese nicht mehr für zeitgemäß sind. Es gibt deutlich mehr Anträge als noch vor 20 Jahren. Es sind Spezialisten nötig, um bestimmte Aspekte beurteilen zu können. Diese Professionalisierung gelingt nicht recht im Gremiensystem. Es gibt ein anderes großes Problem mit diesen Gremien: sie sind nicht transparent, ich weiß also als Filmemacher, warum ich abgelehnt worden bin, wenn der Entscheid dann kommt. Und wenn ich gefördert worden bin, erfahre ich es auch nicht, aber dann ist es mir auch egal, weil ich ja meinen Film machen kann.

Der Deutsche Film hat sich in diesem Jahr in Form der Filmförderungsanstalt (FFA) ein Kriterium gegeben, das es bisher noch nicht gab: es sollen nur noch Filme gefördert werden, die wenigstens 250.000 Zuschauer erwarten lassen. Das „Fördersystem“ hat sich zum ersten Mal eine Nenngröße gegeben, was gefördert werden soll und was nicht .

Über 20 Jahre, komplett unverändert, sind es 20 bis 25 Filme, die über 250.000 Zuschauer im Jahr kommen. Und diese 20 bis 25 Filme, machen 88 Prozent der deutschen Zuschauer aus. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, es gibt 100 bis 120 Filme, 20 davon nehmen an die 90 Prozent des Marktes, die anderen 80 bis 100 Filme rund um 10 bis 12 Prozent Marktanteil der deutschen Zuschauer, die in deutsche Filme gehen. Diese Filme durchlaufen aber alle das gleiche Fördersystem, stellen sich alle den gleichen Gremien, unterliegen alle mehr oder weniger den gleichen Kriterien. Und diese Kriterien sind halt unklar, sie sind intransparent, diese Kriterien werden getrieben von ökonomischen Ansprüchen an das Kino und sie werden bemessen nach dem Box Office. Und diesem Kriterium unterliegen alle Filme, aber drei Viertel der Filme erfüllen diese Kriterien im Nachhinein gar nicht.

Wenn man sich dann anguckt, wie das Geld in Deutschland verteilt wird, stellt man fest: Die Hälfte des Geldes geht ungefähr an die Filme, die dann dem kommerziellen Erfolg auch gerecht werden. Die andere Hälfte geht in diese 60, 80, bis 100 Filme, die ihm nicht gerecht werden. Schluss mit dem Etiketten-Schwindel! Filme, die den kommerziellen Gesichtspunkten der deutschen Filmindustrie nicht genügen, müssen auch nicht im Vorhinein beurteilt werden, ob sie ihnen in Zukunft eventuell genügen, sie müssen nach anderen Kriterien gefördert werden, über sie muss ganz anders entschieden werden. Wir schlagen vor, dass die Hälfte des Geldes, das zur Verfügung steht, nicht mehr über die üblichen Gremien vergeben wird.

Wir schlagen vor, dass jede Förderung von zwei Kuratoren (einer Kuratorin und einem Kurator) entschieden werden, und das diese rotieren müssen. Dass sie maximal drei bis vier Jahre über die Filme entscheiden. Sie müssen diese Entscheidung transparent treffen, sie müssen den Filmemachern diese Entscheidung begründen. Sie übernehmen damit das, was nicht mehr übernommen wird im Gremiensystem: Verantwortung, und sie müssen sich für diese Verantwortung eben auch rechtfertigen.

Da aber auch Kuratoren sich täuschen können, ist unser weiterer Vorschlag, dass 20 Prozent des Geldes, was dieser freien Seite zur Verfügung steht, nicht von den Kuratoren vergeben wird, sondern zwischen den Anträgen, die diese Kuratoren abgelehnt haben, verlost wird.

Wir schlagen ferner vor, dass die erste Stoffentwicklungsförderung in Zukunft anonymisiert eingereicht und anonymisiert entschieden wird. Das wird nicht auf viele Freunde in unseren Förderkreisen stoßen, es wird ein längerer Weg dorthin werden. Wir haben uns deshalb entschieden, Sofort-Maßnahmen zu fordern, die inhaltlich mit diesem Modell zusammenhängen. In Deutschland werden nur 4 Prozent der Fördermittel für die gesamte Entwicklung ausgegeben. Das sind in Frankreich 12 Prozent, in Dänemark 25 Prozent. Wir fordern eine drastische Erhöhung des Developments, denn besser ein Film scheitert im Development als in der Produktion.

Die Verleihförderung ist in den letzten zehn Jahren über 10 Prozent gesunken. Wir brauchen eine massive Erhöhung der Förderung, die unsere Filme dann promotet. Wir brauchen ab sofort, auch wenn sich das System nicht so schnell ändert, Transparenz. Wir möchten die Regionaleffekte abschaffen, oder zumindestens die Regionalförderer zwingen, sie in einer Börse auszutauschen, so dass Produzenten, die in Nordrhein-Westfalen Geld kriegen, in Berlin drehen können, wenn ein Produzent aus Berlin statt dessen in Nordrhein-Westfalen dreht.

Wir erwarten, dass die Förderung, die sich für ein Projekt zuerst entscheidet, auch wirklich einen Erstaufschlag macht und 30 Prozent des Budgets fördert. Und wir fordern einen Kalkulations-Realismus, vor allem im Bereich der Gagen, fordern sozialverträgliche Gagen.

flattr this!

Senden Empfehlen

4 Thesen von Edgar Reitz zur Zukunft des Deuschen Films #zukunftfilm

Edgar Reitz, Schirmherr und Mitinitiator des Kongresses zu Perspektiven der deutschen Film- und Kinokultur ZUKUNFT DEUTSCHER FILM, im Kurzinterview mit Christian Dosch von Crew United.

Seine 4 Thesen:

1. Der deutsche Gremienfilm hat ausgedient.

2. Das Fernsehen muss sich vom Kinofilm komplett zurückziehen.

3. Wir brauchen das Kino als Ort der Filmkultur.

4. Wir fordern Filmbildung in allen Schulen.

flattr this!

Senden Empfehlen

Cinema Moralia – Folge 174: Achternbusch in der Staatskanzlei

Ganz so einfach ist es nicht...

Filmförderung ist, was die Politik will. Achternbuschs Gespenst wurde einst in Bayern verboten, Gansels betulicher Jim Knopf ist durchgefördert. Gut, dass Achternbusch damals schon so schön die Zunge rausgestreckt hat.

Das Gespenst: Die Zukunft des deutschen Films. Und seine Gegenwart – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 174. Folge

»In all my early films, from Jaws to Raiders to E.T., I was telling the story from a seat in the theater ― from the audience, for the audience ― and I haven’t done that in a long time, I haven’t really done that since
Jurassic Park, and that was in the ’90s.«
Steven Spielberg, im Gespräch mit der »New York Times«

»FilmFern­sehFonds Bayern – Verleih­för­de­rung: 250.000 € (3/2018)
DFFF Deutscher Film­för­der­fonds: 4.000.000 €
German Motion Picture Fund – Produk­ti­ons­för­de­rung: 2.500.000 €
Medien- und Film­ge­sell­schaft Baden-Würt­tem­berg – Produk­ti­ons­för­de­rung: 450.000 € (10/2016)
Film­för­de­rungs­an­stalt – Produk­ti­ons­för­de­rung: 800.000 € (11/2016)
FilmFern­sehFonds Bayern – Produk­ti­ons­för­de­rung: 1.024.087
€ (10/2016)
Medien­board Berlin-Bran­den­burg – Produk­ti­ons­för­de­rung: 800.000 € (8/2016)«
Förder­gelder für Jim Knopf und Lukas der Loko­mo­tiv­führer, »Ratpack« Film­pro­duk­tion, München

Der deutsche Film ist ein Schein­riese. Es gibt unglaub­lich viel Geld, daran liegt es nicht. Deutsch­land ist das europäi­sche Land mit dem zweit­höchsten Förde­retat aller Länder. Und gerade daran gemessen kommt unglaub­lich wenig heraus. Bei Film­fes­ti­vals, vor allem den guten, ist es kaum vertreten, viel weniger als nominell »kleine« Film­länder wie zum Beispiel Dänemark, Öster­reich oder Rumänien. Ins Ausland verkaufen sich deutsche Filme schlecht. Es gibt kaum inter­na­tio­nale deutsche Stars – zwar ergötzen sich deutsche Film­funk­ti­onäre und ihr Publikum an einer Romy Schneider für Arme in einem Biopic, das außer einem maßgeb­li­chen ARTE-Redakteur keiner gebraucht hat – die Zeiten einer Romy Schneider oder eines Gerd Fröbe, einer Karin Dor und eines Curt Jürgens, eines Horst Buchholz oder einer Senta Berger (Im Kino, nicht im Fernsehen! In Hollywood, nicht »unter Verdacht«!!) sind lange vorbei. Aber das war ja auch »Opas Kino«, und das war ja angeblich ganz, ganz schlecht – sagen die, die es meistens gar nicht kennen. Weiterlesen

Reden wir jetzt mal noch nicht von Kunst, sondern vom Geschäft: Unge­achtet der immensen Etat­er­höhungen der Förder­töpfe ist der Zuschau­er­an­teil deutscher Kinofilme in Deutsch­land seit zwanzig Jahren in etwa gleich­ge­blieben. Er liegt bei knapp über zwanzig Prozent. Das heißt: Die immer höheren Förder­summen zahlen sich im Kino nicht aus, sie dienen nur dazu, dass die ganzen netten Menschen der Branche nicht arbeitslos werden, und dass die viel zu vielen Gremien irgend­etwas zu tun haben, das den Aufwand recht­fer­tigt.
Jede Kinokarte für einen deutschen Film wird mit mehreren Euro subven­tio­niert. Auch hier ist es nur die Frage, was man dazu rechnet: Nur die Produk­tion der Filme oder auch die Verleih­för­de­rung, die Förderung für Kinos, für Film­aus­bil­dung und nicht zuletzt die Gebüh­ren­gelder der Fern­seh­sender, die in kleinen Anteilen in die Produk­tion fließen. 93 bis 97 Prozent der deutschen Förder­gelder sind reine Subven­tion, das heißt, sie werden nicht zurück­ge­zahlt.

+ + +

Diese Art der Film­för­de­rung ist übrigens illegal. Nach europäi­schem Recht ist Wirt­schafts­sub­ven­tion nur in Ausnah­me­fällen und nur auf Zeit erlaubt. Um legal zu sein, müsste Film­för­de­rung glasklare Kultur­för­de­rung sein. Das ist sie aber nicht, wie deutsche, auf »Wirt­schafts­ef­fekte« pochende Funk­ti­onäre und europäi­sche Prüfer einver­nehm­lich fest­stellen.
Das habe ich auf Cinema Moralia bereits vor Jahren geschrieben – jetzt haben es weitaus kennt­nis­rei­cher und klein­tei­liger als ich damals Jascha Alleyne und Lars Henrik Gass in einem Vortrag in Frankfurt ausge­führt. Dazu nächste Woche beim Kongress­be­richt.
Warum geht es in Deutsch­land trotzdem so weiter? Es gibt keinen Kläger. Nicht, weil man sich nicht mit der Mafia anlegt, sondern weil solche Klagen teuer sind, und es keine echten Inter­es­senten gibt.
Viel­leicht liest das ja jemand, der gerade eine halbe Million übrig hat, um die Klage vorzu­be­reiten. Im Erfolgs­fall kostet das
dann nichts.

+ + +

Es geht mir nicht um Kritik dieser Förderung, sondern um Kritik der Ergeb­nisse. Natürlich könnte man einmal darüber nach­denken, warum es Film­för­de­rung überhaupt geben muss, wo doch gerade die Lautesten unter den Film­pro­du­zenten und Verbands­funk­ti­onären und Förderern immer gerne betonen, es ginge ums Geschäft, um das Publikum (also um viele Karten­ver­käufe), und könne nicht immer um Kunst gehen.
Gerade die, die das sagen, sind an ihren Maßstäben gemessen, meistens Versager.
Alles das wäre trotzdem in Ordnung, wenn dabei gute Filme heraus­kämen. Das ist viel zu wenig der Fall.
Höchste Zeit daher, mal über die Zukunft des deutschen Films zu debat­tieren. Genau das hat jetzt ein zweitägiger Kongress in Frankfurt getan, der im Rahmen des »Lichter«-Filmfest stattfand. Eine fulmi­nante, sehr lohnens­werte Veran­stal­tung, eigent­lich zu dicht und voll für nur zwei Tage.
Bevor wir über die Zukunft des deutschen Films reden können, muss es aber um seine
Gegenwart gehen.

+ + +

Quizfrage bei »Wer wird Millionär?«: Was ist der teuerste deutsche Film? Antwort: »Jim Knopf und Lukas der Loko­mo­tiv­führer« – nicht von der Augs­burger Puppen­kiste, sondern vom Münchner Ratten­nest »Ratpack«.
Das Gesamt­budget beträgt ca. 27 Millionen Euro, hinein gingen über 9,8 Millionen Förder­geld.

+ + +

Es klingt wie der Ausschnitt aus einer absurden Komödie, Achtern­busch in der Staats­kanzlei: Am 1. Februar wurde Carolin Kersch­baumer die Geschäfts­füh­rerin des FFF-Bayern, und damit Nach­fol­gerin von Klaus Schaefer. Jetzt, knapp zehn Wochen nach Amts­an­tritt und einen FFF-Berlinale-Empfang später geht sie schon wieder.
An diesem Mittwoch ließ der ebenfalls neue FFF-Aufsichts­rats­vor­sit­zende und »Medi­en­mi­nister« Georg Eisen­reich mitteilen, dass Kersch­baumer bereits zum 15. April 2018 in der Baye­ri­schen Staats­kanzlei die Leitung der neuen Abteilung Digitales und Medien über­nehmen soll.
Eisen­reich ließ sich wie folgt zitieren: »Ich danke Frau Dr. Kersch­baumer für die beim FFF Bayern geleis­tete hervor­ra­gende Arbeit und ihre Bereit­schaft, sehr kurz­fristig eine wichtige Aufgabe in der Staats­kanzlei zu über­nehmen. Sie wird auch in ihrer neuen Position einen wichtigen Beitrag dafür leisten, Film und Medien in Bayern voran­zu­bringen. Den neu in der Staats­kanzlei ange­sie­delten Bereich Digitales wird sie in verant­wort­li­cher Funktion mit aufbauen.«
Wir wüssten wirklich gern ein paar Details über die beim FFF in zehn Wochen geleis­tete »hervor­ra­gende Arbeit« – die Formu­lie­rung klingt ja eher nach zehn Jahren.
Immerhin sind wir mit dem Minister einer Meinung, dass Film und Medien in Bayern voran­ge­bracht werden müssen.

+ + +

Wir lernen nun nichts Neues: Der Posten der FFF-Geschäfts­füh­rung ist überaus CSU-nahe. Wir lernen weiterhin: Einer der einfluss­reichsten deutschen Film­för­der­posten ist Verfü­gungs- und Verschie­be­masse der Politik.
Aber es gibt auch offene Fragen: War die FFF-Position nun von Anfang an nur ein Parkplatz für Frau K.? Oder hatte man keinen Ersatz für Klaus Schaefer? Ist ein Abtei­lungs­lei­tungs­posten mächtiger, oder attrak­tiver als die FFF-Geschäfts­füh­rung? War die Berlinale so
schlimm?
Und was passiert mit Frau K. wenn die CSU die Wahl verliert?

+ + +

Jetzt kurz mal frische Luft und ein Blick nach draußen.
Seit den 70er Jahren pendelt Steven Spielberg immer konse­quent zwischen Romantik und Spektakel, Unter­hal­tungs­block­bus­tern und pres­ti­ge­träch­tigen Filmen mit hohem Anspruch. Auf den ersten Indiana Jones folgte direkt Die Farbe Lila, 1993 drehte er im gleichen Jahr Jurassic Park und Schind­lers Liste – Erfolg hatte er auf beiden Feldern, und Spiel­bergs aller­besten Filmen gelang es mal mehr, mal weniger erfolg­reich, Spektakel
mit Anspruch zu verbinden: Der weiße Hai (1975), E.T. (1982), Der Soldat James Ryan (1998) und Catch Me If You Can
(2002). Seit Krieg der Welten 2005 war Spiel­bergs Name aber in den letzten Jahren kein Garant mehr für Box-Office-Erfolge. Und nachdem er mit dem Histo­ri­en­drama Lincoln 2012 noch diverse Oscar-Nomi­nie­rungen einheimste, gelang ihm das zuletzt auch nicht mehr: Die Verle­gerin war nur zweimal nominiert, und ging leer aus.
Also hat es seine guten Gründe, dass die »New York Times« in einem überhaupt sehr inter­es­santen Artikel schon im Titel fragt: »Can Steven Spielberg remember, how to have fun?«.
Darin findet sich dann ein inter­es­santes Zitat: »In all my early films, from Jaws to Raiders to E.T., I was telling the story from a seat in the theater ― from the audience, for the audience ― and I haven’t done that in a long time,
I haven’t really done that since Jurassic Park, and that was in the ’90s.«
Warum auch nicht? Der Zuschau­er­sitz ist ja nur eine unter vielen möglichen Perspek­tiven.

+ + +

Der Schein­riese namens deutscher Film sitzt nicht mal in diesem Sessel. Die Zukunft des deutschen Films müssen wir daher vertagen. Wieder­vor­lage frühes­tens nächste Woche.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

flattr this!

Senden Empfehlen

Cinemascopeverbot und fast keine Experimente

Szenenfoto aus dem Tatort – Stau von Dietrich Brüggemann Bild: SWR/Andreas Schäfauer

Der von Dietrich Brüggemann und Daniel Bickermann geschriebene und von Dietrich Brüggemann inszenierte Tatort: Stau hat den Deutschen Fernsehkrimi-Preis 2018 beim Deutsche Fernsehkrimi-Festival 2018 in Wiesbaden gewonnen.

Für seinen Blog hat Dietrich Brüggemann die Dankesrede vom Freitag “stark erweitert und ausformuliert” und uns erlaubt, den Text hier ebenfalls zu veröffentlichen. Der Link zum Originalbeitrag lautet: https://d-trick.de/blog/cinemascopeverbot-und-keine-experimente/

Dietrich Brüggemann am 11. März 2018: “Als ich am vergangenen Freitag in Wiesbaden war, weil „Stau“ den deutschen Fernsehkrimipreis gewann, hatte ich keine Dankesrede vorbereitet, denn irgendwas fällt einem ja immer spontan ein. Während nun die Preisverleihung so vor sich hinlief, kam mir aber ein Gedanke, und der verwandelte sich im Lauf der folgenden 20 Minuten in eine flammende Rede, die ich dann aus dem Stegreif hielt. Was hier folgt, ist die stark erweiterte und ausformulierte Version. Es hat ja seine Gründe, daß man Reden schreibt, bevor man sie hält, aber in Ausnahmefällen kann man es auch hinterher tun. Los ging es natürlich mit einem ausführlichen Dankeschön in alle Himmelsrichtungen, denn Filme macht man bekanntlich nicht allein, au contraire, und nun zur Sache, sehr geehrte Damen und Herren.

Wenn Sie nach der Preisverleihung in diesem Saal sitzenbleiben und unseren Film nochmal anschauen, werden Sie feststellen, daß er im Breitwandformat 1:2,35 gedreht ist (umgangssprachlich „Cinemascope“ oder kurz „Scope“). Wenn das Bild also auf dieser Leinwand gleich breiter wird, dann ist das Absicht. Wenn es stattdessen oben und unten schwarze Balken bekäme, wäre das auch Absicht, in diesem Kinosaal aber trotzdem verkehrt, denn der Platz links und rechts wäre ja vorhanden.

Mir fiel vorhin beim Zusammenschnitt der nominierten Filme auf, daß da einige in Cinemascope waren. Und gerade in diesen Tagen lief im Ersten ein umwerfender Zweiteiler, der rein gar nichts von der Betulichkeit hatte, die im deutschen TV oft so nervt. „Gladbeck“ war ein rasantes Stück Kino im Fernsehen, und natürlich auch in Cinemascope, denn dieses Bildformat ist wundervoll – nicht nur für Western-Panoramen, sondern genausogut für intime Kammerspiele. In Cinemascope kriegt man nämlich viel eleganter zwei oder mehr Menschen gleichberechtigt in ein Bild. Meine Filme sind immer Ensemblefilme, und deswegen drehe ich immer in Cinemascope. Das fernsehübliche 16:9-Format mag ich eigentlich überhaupt nicht. Darin kann man meinetwegen Tagesschau drehen, aber keine Spielfilme.

Nun geht der deutsche Fernsehkrimipreis also an einen Cinemascope-Tatort, aber es wird leider der letzte gewesen sein, denn kurz nach unseren Dreharbeiten wurde das in der ARD verboten. Ab sofort darf es in der ARD keine Filme in Cinemascope mehr geben. Grund? Unklar. Vermutlich haben sich von den schätzungsweise dreißig Zuschauern, die noch auf 30cm-Röhrenfernsehern gucken, zwei oder drei über die Balken im Bild beschwert. Diese Neuregelung kam von ganz oben, von irgendwelchen Leuten auf der Programmdirektionsebene, mit denen ich als kleiner Filmemacher ohnehin nie zu tun habe, also kann ich sie auch ungeniert beleidigen, indem ich hier ungefiltert wiedergebe, was ich als erstes dachte, als mir das zu Ohren kam, nämlich: Was für Vollidioten.

Als dann unser „Tatort“ vor einem halben Jahr ausgestrahlt wurde, schrieb irgendjemand: Ein gelungenes Experiment.
Schön, dachte ich, aber andererseits: Experiment? Ich habe einfach versucht, das Genre ein wenig weiterzudenken, das Rad etwas weiterzudrehen, und allerhand Sachen weggelassen, die ich beim „Tatort“ schon immer doof fand. Ist das schon ein Experiment? Wenn ja, dann wäre das sehr traurig, denn Experimente wird es beim Tatort ab sofort nur noch zweimal im Jahr geben. Auch das ist nämlich eine neue Regelung, die die ARD-Programmdirektion sich in ihrer Weisheit ausgedacht hat: Ab sofort nur noch zwei experimentelle „Tatorte“ pro Jahr. Alle anderen haben bitteschön unexperimentell zu sein.

Das wirft natürlich Fragen auf, die kaum zu beantworten sind: Ab wann ist ein Film experimentell? Kriege ich dann beim nächsten Tatort bitte eine möglichst detaillierte Checkliste, was alles gewährleistet sein muß, damit er als unexperimenteller Tatort durchgeht?

Man kann aber noch weiter ausholen und den Begriff des Experiments hinterfragen. Der ist zwar seit Jahrzehnten modern, hat aber meiner Meinung nach in der Kunst nichts zu suchen. Wer Kunst macht, sollte nicht herumprobieren, sondern gefälligst wissen, was er will. Wer Kunst macht, hat aber umgekehrt auch die verdammte Pflicht, das Rad jeweils neu zu erfinden. Also irgendetwas zu machen, das vorher noch niemand so gemacht hat. Und wenn das schon experimentell ist, dann interessiert mich überhaupt nur das Experimentelle, und dann hätte ich von der ARD gern nicht zwei, sondern vierzig experimentelle Tatorte pro Jahr. Stattdessen bekomme ich Durchschnittsware, bei der ich nach fünf Minuten abschalte, wenn ich überhaupt mal einschalte. Diejenigen Tatorte, die unter „experimentell“ laufen, finde ich beileibe nicht immer so toll, aber immer noch deutlich erfrischender als das, was man sonst so sieht.

Also, zusammengefasst: Wir stehen in der Blüte eines goldenen TV-Zeitalters, überall auf der Welt entstehen aufsehenerregende Seriengesamtkunstwerke, und der Boom ist endlich auch in Deutschland angekommen, nach Jahrzehnten der öffentlich-rechtlichen Monokultur kommt endlich Leben in die Bude, auf einmal entstehen hier wirklich tolle Sachen, alle freuen sich, nur die ARD-Programmdirektion hält es für eine gute Idee, den experimentellen Tatort, was immer das sein soll, auf zwei Stück pro Jahr zu beschränken und Cinemascope zu verbieten.

Haben die eigentlich den Schuß nicht gehört?
Haben die aus dem Untergang der DDR nichts gelernt?

Es geht hier nicht darum, mal wieder die alte Front zwischen den Kreativen und den doofen Sendern aufzumachen. Die ist falsch. Die gibt es so nicht. Die Front verläuft vielmehr zwischen den guten Leuten, die gute Sachen machen wollen, und den Apparatschiks, die alles verhindern wollen, was auch nur irgendwen irgendwo stören könnte. Und die guten Leute, die sitzen natürlich auch in großer Zahl in den Sendern. Das sind diejenigen Redakteure und Fernsehspielchefs, denen noch nicht alles egal ist, die vom eigenen sicheren Job noch nicht korrumpiert wurden oder sich in selbstgefällige Bonzen verwandelt haben. Die gute Filme machen wollen und die ich stets als äußerst faire und engagierte Partner erlebt habe. Gerade diese guten Leute haben im eigenen Haus ständig zu kämpfen mit Sparzwängen und der Konkurrenz von Nachrichten und Unterhaltung und Sport. Diese Leute brauchen wir, und diese Leute brauchen jede erdenkliche Unterstützung von uns. Die sind nämlich ständig unter Beschuß und führen einen zermürbenden Dauerkampf in alle Richtungen gleichzeitig. Aber ohne die könnten wir alle einpacken und nach Amerika auswandern.

All denen sei dieser Preis gewidmet. Wenn ich jemals wieder einen Tatort machen sollte, dann in Cinemascope. Und experimentell wird er vermutlich am Ende auch.”

flattr this!

Senden Empfehlen

Verleihung des FairFilmAwards Non Fiction 2018 – Aufruf zur Teilnahme

ffa non fiction logo s_18

Nach dem FairFilmAward Fiction ist vor dem FairFilmAward Non Fiction! Wir verleihen am 3. Mai 2018 in Kooperation mit dem DOK.fest München und mit Unterstützung der Pensionskasse Rundfunk erstmals den FairFilmAward Non-Fiction. Er zeichnet die Produktionsfirma aus, welche die fairsten Produktions- und Arbeitsbedingungen bei der Herstellung von Dokumentarfilmen in den Jahren 2016/17 ermöglichte. Der Preis wird verliehen im Namen zahlreicher Branchenverbände.

Auch in der Rubrik Non-Fiction gilt: Es ist ein Preis, der sich selbst abschaffen soll. Im Bereich des Dokumentarfilms ein sicher schwieriger und langwieriger Weg – aber von hoher Dringlichkeit. Die unterste (Selbst)Ausbeutungsgrenze ist erreicht. Zu viele non-fiktionale Filme entstehen unter Voraussetzungen, die qualitäts- und existenzgefährdend zugleich sind.

Gemeinsam mit unseren Partnern haben wir die Fairness-Kriterien für den Non-Fiction Bereich angepasst und definiert, welche Projektsparten teilnehmen können. Anmerkungen, Kritik und Feedback sind ausdrücklich erwünscht!

In einem ersten Schritt möchten wir alle Filmschaffenden, Filmproduktionen und Dienstleistungsunternehmen im Bereich Non-Fiction bitten, bis Freitag, 23. März 2018 zu prüfen, ob ihre Non-Fiction Projekte vom 1.1.2016 bis 22.4.2018 bei Crew United gelistet sind und sich ggf. bei Projekten hinzuzufügen, Projekte/Unternehmen zu ergänzen oder auch andere Branchenteilnehmer.innen über die Möglichkeit zu informieren. Voraussetzung dafür ist aus Gründen der Qualitätssicherung und Transparenz ein kostenloser Basis-Member-Eintrag bei Crew United.

Am Montag, den 26.3. startet dann die Bewertungsphase. Eine Bewertung setzt sich aus jeweils sechs Teilnoten zu folgenden Bereichen zusammen: Arbeitszeiten und Arbeitsschutz – Vertrag, Gagen und Entgelte – Kommunikation und Arbeitsklima – Professionalität und Qualifizierung – Chancengerechtigkeit, Gleichbehandlung und Diversität – Nachhaltigkeit, Solidarität und Perspektiven.

snip_20180306123925

flattr this!

Senden Empfehlen

Über dem Tellerrand

Lisa Jopt, Schauspielerin und Vorsitzende des ensemble-netzwerks e.V. – (c) Foto: Julia Nimke Photography

Engagiert Euch! Das sagt sich so leicht … und ist es eigentlich auch. Lisa Jopt ist Vorsitzende des Ensemble-Netzwerks, das sich vor drei Jahren gründete. In ihrer Impulsrede zur Diskussion Film but Fair erzählte sie, wie die Schauspieler an deutschen Theatern das gemacht haben.

Text Lisa Jopt.

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, ich sage jetzt einfach mal Kolleginnen und Kollegen, denn so fühle ich es. Obschon ich vom Theater komme, tun wir, die wir alle hier heute aus den unterschiedlichsten Abteilungen beim »Fair Film Award« sind, das Gleiche: Wir arbeiten für die Darstellenden Künste. Ob Theater, Film oder Fernsehen – wir sind mit unseren vielen unterschiedlichen Berufen und Departements eine absolut wichtige und tragende Säule unserer freien, demokratischen Gesellschaft und Bedeutungsträger unserer kulturellen Vielschichtigkeit.
Aber warum stehe ausgerechnet ich heute hier? Sie kennen mich nicht aus dem Fernsehen. Ich bin keine prominente Persönlichkeit, die sich medienwirksam für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen einsetzten könnte. Ich bin auch keine Politikerin, die Entscheidungsgewalt hätte.
Nein, ich bin bloß eine Schauspielerin, die hauptsächlich am Theater beschäftigt ist und die seit sieben Jahren meist peinlichst unterbezahlt an öffentlich geförderten Theatern spielt. Am Schauspiel Essen, am Oldenburgischen Staatstheater oder eben jetzt am Schauspielhaus Bochum.
Und als ich ans Theater kam und mein großer Traum, Schauspielerin zu werden, sich endlich erfüllte, habe ich früh erkennen müssen, dass mein Traumberuf und die Arbeitsrealität unverschämt weit auseinanderliegen. Wie wohl die meisten hier, denn sonst würde es den »Fair Film Award« wohl nicht geben. Vielleicht kommt Ihnen folgende Aussage bekannt vor, selbst, wenn die meisten hier freischaffend sind: Es wird zu viel produziert. In zu kurzer Zeit. Mit zu wenig Leuten. Und zu wenig Geld. Das ist ein massives Problem an vielen Theatern, aber der Frust darüber kanalisiert sich eher in der Kantine oder der Kneipe. Viel Gemekker und Beschwerde von tollen, gestanden Künstler/innen über »die da oben«.
Und je länger man diesem Negativ-Narrativ ausgesetzt ist, dieser sich selbst wiederholenden Hilflosigkeitsbekundung, desto mehr hat man den Eindruck, man könne tatsächlich nichts verändern. Denn wenn die Kolleg/innen, die schon so viel mehr Erfahrung haben als ich, die tolle Schauspieler/innen sind, das nicht können, dann geht es wohl auch wirklich nicht. »So ist das halt am Theater.«

Eine Resignation hatte sich breit gemacht, die sich mit einem Rückzug ins Private, Einzelgängertum oder in zu vielen Feierabendbieren zeigte. Eine traditionelle Erzählung, die angeblich zur Künstler/innen-DNA gehört, sollte nun angeblich auch meine Berufsrealität sein. Meine Lebensperspektive bestimmen. Wir nennen das heute übrigens Theaterfolklore. Weiterlesen

Jetzt fragt man sich, warum man es unter solchen Umständen so lange am Theater aushält? Weil wir alle durch unser kurzzeitiges, intensives projektbasiertes Arbeiten ein ebenso kurzzeitiges und intensives Familiengefühl bekommen. Und wir wollen in dieser Familie nicht nur vorkommen, sondern auch einen sicheren Platz haben und etwas, was wir einmal errungenen haben, behalten.
Denn es ist ja leider immer wieder so schnell vorbei. Und so hat sich eine allgemeingültige Währung zwischen allen dagewesenen und zukünftigen Projekt-Familien entwickelt, die in ein Netzwerk mit einem alternativen Entlohungssystem münden. Diese Währung entschädigt für fast alles, ist ziemlich belastbar, und man kriegt uns damit nahezu immer entschädigt. In dem Buch Wir Kreative. von unserer Moderatorin Lisa Basten (cinearte 390) kann man mehr dazu lesen. Unsere Währung besteht aus der Hoffnung und Vernetzung. Entdeckt zu werden, sich Prestige zu erarbeiten, dass gut über einen geredet wird, oder dass es einfach weitergehen möge irgendwie, der normalen Hoffnung auf Erfolg, auf Verknüpfung mit erfolgreichen Menschen, weiterempfohlen zu werden, oder einfach keinen künstlerischen Liebesentzug zu bekommen und in der Gunst von jemandem zu stehen oder zu bestehen. Oder einfach eine Daseinsberechtigung zu haben und keine Angst zu haben, diese verlieren zu müssen.
Machen haben besondere Aktien in dieser Währung, wir haben sie natürlich alle, aber es gibt eben auch welche, die das richtig beherrschen, vielleicht kennen Sie das? Die lassen gerne wichtige Namen fallen, Namedropping, und, das ist das Beste: wenn in Abwesenheit prominenter Menschen nur noch deren Vorname benutzt wird. Bei uns in der Branche wäre das der Frank (Castorf). Oder der Armin (Petras) oder der Johann (Simons).

Wir geben uns unseren Arbeitsbedingungen aber nicht nur wegen der Furcht vor künstlerischem Liebesentzug hin, sondern auch, weil wir wirklich große Freude an Herausforderungen haben – wir lieben unsre Berufe über alles. Wir stehen mit unserer Liebe und Leidenschaft dem Gefühl der entfremdeten Lohnarbeit gegenüber. Wir haben es uns selber ausgesucht, sind dankbar, dass wir überhaupt als das arbeiten dürfen und wussten »angeblich« vorher, worauf wir uns einlassen. Sprich: Wir sind selber schuld.
Ich bin vor dreieinhalb Jahren mit einem neuen künstlerischen Team ans Oldenburgische Staatstheater gekommen. Und weil alle entweder von der Schauspielschule oder von anderen Theatern zusammenkamen, habe ich dem Ensemble ein Frage gestellt, die zuvor noch nie! nie! (das muss man sich mal vorstellen), einem Ensemble gestellt wurde: Was brauchen wir eigentlich, um künstlerisch arbeiten zu können?
Darauf wusste erstmals keiner eine Antwort. Ich schlug daraufhin vor, eine in unserem Bereich heilige Kuh schlachten zu lassen, nämlich die Samstagsproben abzuschaffen.
Sie müssen dazu wissen: Wir proben montags bis freitags von 10 bis 14 und von 18 bis 22 Uhr, samstags von 10 bis 14 Uhr, und an den Wochenenden hat man oft Vorstellungen. Wir erfahren meist erst einen Tag vorher, ob man wirklich dran ist oder frei hat. Das macht die Planung des Privatlebens sehr schwierig, man kann sich unseren Vertrag wie eine Theater-Flatrate vorstellen – all inclusive und nahezu immer disponierbar.
Es passierte damals locker, dass man länger als zehn Tage keinen freien Tag hat. Das ist übrigens illegal, aber, und jetzt kommen wir zum springenden Punkt: das wussten zu dem Zeitpunkt nur die wenigsten. Mit ihrem guten Recht kannte sich kaum einer aus. Gewerkschaft hielten viele für einen zahnlosen Tiger, wenn sie denn überhaupt wussten, dass es eine Gewerkschaft gibt. Auch mit Personalräten wusste man nicht viel anzufangen. Die Initiative Artbutfair kannte man höchstens vom Hörensagen. Und überhaupt herrschte die Meinung vor, man muss dankbar sein, dass man ein Engagement hat.

Den Instrumenten der Interessenvertretung haftet leider, leider bis heute der Impetus der entfremdeten Lohnarbeit an. Das Gewand, in dem manche Gewerkschaften oder manche Verbände herkommen, ist immer wieder staubig und oll, es zieht Kreative nicht an, es stößt sie ab. Und es wirft auch schon mal ein negatives Licht auf die, die sich engagieren, weil sie ihren Beruf lieben und nicht, weil sie erfolglos sind.
Aber zurück nach Oldenburg. Eh wir uns versahen, hatten wir durch konstruktive Gespräche mit der Leitung die sagenumwobenen Samstagsproben auf ein Minimum reduziert. Und weil in Oldenburg plötzlich so viele Kleinigkeiten, die in unserem Alltag echte Großigkeiten sind, verbessern konnten, haben meine Kollegin Johanna Lücke und ich das Ensemble-Netzwerk gegründet. Denn wir wollten wissen, wie es an anderen Häusern so zugeht. Wir haben uns also aus einer positiven Erfahrung heraus gegründet, nicht aus Frust! Eine Flut von Mails überschwemmte uns: »Endlich macht mal einer was!« – »Ich hatte Trä- nen in den Augen …« – »Auf so was warte ich schon seit 20 Jahren.«

Mittlerweile sind wir ein eingetragener, gemeinnütziger Verein mit mehreren hundert Mitgliedern durch alle Abteilungen. Aus »So ist das halt am Theater« wurde »Lass mal fragen, ob wir das anders machen können.« Denn man spürt deutlich: Wir sind eine neue Generation. Die meisten von uns sind mehr oder weniger behütet in liebevollen Familien oder Patchwork-Familien groß geworden. Unsere Eltern haben keinen Krieg erlebt. Wir sind nicht die Generation, deren Erziehungsbild von Gehorsam geprägt wurde. Wir wissen, dass wir durchs Internet alle Informationen bekommen können, die wir brauchen, wir interessieren uns für Partizipation, flache Hierarchien, Gerechtigkeit und Transparenz.
Uns wurde immer gesagt: Wenn ihr per Tarifvertrag eine höhere Gage haben wollt, dann müssen die Theater im Osten schließen, und das wollt ihr ja wohl nicht. Durch unsere Arbeit haben wir es aber geschafft, dass an drei Theatern die Anfängergage von 1.850 auf 2.300 Euro brutto erhöht wurde – also um 450 Euro! In ein paar Tagen kommt die nächste Pressemitteilung raus, denn wir wissen, dass ein Haus auf 2.400 erhöhen wird. Wir als Ensemble-Netzwerk haben dafür das Fundament gelegt, aber die Theaterleitungen haben es durchgesetzt! An sehr vielen Häusern wird mittlerweile so vorausschauend geplant, dass an den Samstagen nicht mehr geprobt werden muss. Da freuen sich die Familien und die etlichen Fernbeziehungen drüber. Und entgegen der Prophezeiungen der Kenner unserer Branche sind die Häuser nicht zusammengebrochen.

Wie haben wir das geschafft? Und jetzt kommen wir zu der Antwort, warum ich hier heute stehen darf: Wir bitten um Hilfe. Wir klagen niemanden an, sondern wir informieren mit den Mitteln, die wir haben. Und das macht Spaß! Wir stellen niemanden in die Ecke, nicht unsere Intendanten, nicht unsere kaufmännischen Direktoren … naja, am Anfang schon unsere Gewerkschaft, das möchte ich mal zugeben. Wir haben uns in das komplexe Geflecht aus zusammenhängenden Strukturen eingearbeitet und herausgefunden, wo wir ansetzen müssen. Die Gewerkschaften unterstützen und ihnen richtig einheizen, die Arbeitgeberseite informieren, charmant beschämen und mit den Leuten zusammenhalten, die dort Reformer sind.
Daher hat sich auch niemand verraten gefühlt, wenn ich der Presse erzählt habe, dass mein Theater mir damals, einer diplomierten Schauspielerin an einem öffentlich geförderten Theater, 2.210 Euro brutto, 1.380 netto bei einer erlaubten Wochenarbeitszeit von 48 Stunden zahlt. Textlernen in den vier Stunden Freizeit. Im sechsten Berufsjahr! Mit der Qualifikation, die wir haben, nämlich einem Hochschulabschluss, müssten wir eigentlich laut Tariftabelle des öffentlichen Dienstes bei zirka 2.500 brutto liegen.
Vielleicht kennen Sie die großartige Rede von dem ehemaligen Kameramann Stefan Nowak über seine Arbeitsrealität als Freischaffender? Neben seiner charmanten und bildlichen Darstellung beschreibt er, dass die Honorare in der Branche seit 20 Jahren nicht gestiegen sind und sich deswegen die Honorarforderungen der Auftragnehmer immer weiter senken. Tendenz: es geht weiter nach unten.
Wir haben sodann bei unserer ersten bundesweiten Ensemble-Versammlung die Fotoaktionen »Nassen Bühnenkünstler*innen glaubt man« gemacht. Wir haben mit der Dramaturgischen Gesellschaft und dem Bund der Szenorafen gemeinsam die Aktion »40.000 Theatermitarbeiter*innen treffen ihre Abgeordneten« ins Leben gerufen. Denn die sind für das Geld verantwortlich, und die sollten wissen, wie wir arbeiten und zu welchen Konditionen. Und was ist bei diesen Gesprä- chen passiert? Die Abgeordneten waren dankbar bis beschämt, dass wir ihnen über unsere Bühnenrealität berichtet haben, denn das wussten sie nicht. Wir haben ihnen Nachhilfe gegeben.
Wir legen viel Wert darauf, dass wir mit unserer Lobbyarbeit Menschen unterhalten und irgendwie eine Art von Kunst passiert. Dabei benutzen wir die uns zur Verfügung stehenden Mittel. Also Wasser, Schlamm, Bademäntel, Tüll, Blut, Glitzer. Denn das ist es, was wir gelernt haben: den Finger in die Wunde zu legen in einer ästhetischen Form. Und wir sind noch lange nicht am Ende mit unseren Ideen.

Kreativ werden wir auch sein müssen, denn wir haben alle noch viel vor. Sei es die angemessene Vergütung für alle, die Beseitigung des Gender Pay Gaps, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, der Zusammenhalt untereinander bei strukturellem Machtmissbrauch oder auch sexuellen Übergriffen, das Wiederspiegeln einer multikulturellen und multisexuellen Gesellschaft in der Besetzungspolitik oder den Erhalt der Rundfunkgebühren.
Am 4. März wird in der Schweiz per Volksentscheid über die Abschaffung der Billag, der öffentlichen Rundfunkgebühr, abgestimmt. Es wird die AfD hier in Deutschland ein müdes Lächeln kosten, diese Sau auch bei uns durchs Dorf zu jagen. Denn sie fordern in ihrem Wahlprogramm die Abschaffung der Rundfunkgebühr. Was das für die inhaltliche Ausrichtung bedeutet, wenn Investoren das Maß der Dinge werden, können sie sich vorstellen.
Wir müssen uns jetzt der Öffentlichkeit zeigen. Jetzt, wo #metoo sowohl Fragen nach sexuellen Übergriffen, aber auch dem Umgang von Macht und Willkür stellt. Jetzt, wo der »Deutsche Fernsehpreis« barbusige Tänzerinnen im Bananenrock auftreten lässt. Wo eine hauptsächlich männliche Jury, hauptsächlich Männern Preise verleiht. Jetzt, wo aus Pro Quote Regie Pro Quote Film wurde – herzlichen Glückwunsch! Jetzt, wo der Verband der Drehbuchautoren dabei ist, sich Anerkennung zu verschaffen. Jetzt, jetzt, jetzt – es gibt tausend Gründe!
Daher lade ich Sie hiermit alle ein, am 6. Mai an der bundesweit ersten Parade der Darstellenden Künste rund um das Schauspielhaus Bochum teilzunehmen. Gehen Sie auf die Straße und zeigen Sie, dass wir eine unverzichtbare Säule unserer freien, demokratischen Gesellschaft sind, aber auch, dass wir dafür Anerkennung, Respekt und Fairness brauchen. Und zwar jetzt!
Und Fairness, das möchte ich abschließend betonen, zeugt nicht von weichgespültem Kunstinteresse, es zeugt von großem Bewusstsein und Intelligenz. Daher sind für mich alle Nominierten bereits schon jetzt die absoluten Gewinner.

flattr this!

Senden Empfehlen

Katja Benrath – Oscar-Nominierung für „Watu Wote“

Katja Benrath bei der Studenten-Oscar Verleihung

„Watu Wote – All of us“ (Casting: Lorella Jowi) wurde 2017 bereits mit einem Studenten-Oscar ausgezeichnet und ist nun auch die deutsche Hoffnung im Kurzfilmsegment bei den diesjährigen Academy Awards am 4. März. Der 15-minütige Kurzfilm beruht auf wahren Begebenheiten. Ein Reisebus wird nahe der somalischen Grenze in Kenia von Mitgliedern der Terrormiliz Al-Shabaab attackiert. Als die Terroristen die Passagiere auffordern, sich nach religiöser Zugehörigkeit aufzuteilen, weigern sich diese und beweisen somit Mut zur Solidarität und Menschlichkeit im Angesicht des Terrors. Die Regisseurin Katja Benrath verriet uns im Telefoninterview die berührende Entstehungsgeschichte hinter dem Film und erzählte uns außerdem, wie das Leben einer Oscar-Nominierten aussieht.

benrath1Ihr Kurzfilm „Watu Wote“ ist für die Oscars im März nominiert. Wie war Ihre erste Reaktion, als Sie davon erfahren haben?
Wir haben uns die Verkündung der Nominierten gemeinsam mit dem gesamten 120-köpfigen Team in Nairobi angeschaut und es war schon eine große Spannung in der Luft. Für die Menschen ist der Film auch mit ihrer eigenen ganz persönlichen Geschichte verknüpft. Wir waren die Letzten, die aufgerufen wurden, weil das alphabetisch abläuft. Das war schon sehr aufregend und die Erleichterung und Freude war dementsprechend riesengroß. Weiterlesen

Was für ein Gefühl ist das?
Das alles ist ein total surreales Gefühl. Ich freu mich besonders fürs Team, die haben das alles verdient! Momentan wird so viel Wirbel um meine Person gemacht, das finde ich persönlich schwierig, weil ein Film von den vielen Menschen lebt, die ihn mitgestalten. Ich versuche, es so gut es geht zu genießen. Gleichzeitig sind dieser Presserummel und die vielen Interviews noch etwas ungewohnt für mich.

Inwiefern ist der Film die Geschichte des Teams?
In Kenia leben viele verschiedene Stämme. Einer davon sind die Somalis. Die Grenze zwischen Kenia und Somalia ist eine künstliche. Einst haben Kolonialmächte das Gebiet der Somalis durchtrennt. Die Somalis, die in Kenia leben, sind also nicht zwangsläufig Flüchtlinge, sondern leben in ihrem eigenen Gebiet. Diese Menschen, die an der Grenze leben, erleben diese Attacken ja tatsächlich. Die Somalis haben in Kenia inzwischen einen sehr schlechten Ruf, weil viele der Terroristen Somalis sind. Natürlich ist es ein niedriger Prozentsatz und es hat, wie überall auf der Welt, nichts mit der tatsächlichen Religion zu tun, aber es färbt auf die Bevölkerung ab. Dementsprechend müssen die Somalis unter vielen Vorurteilen leiden. Die Geschichte ist insofern eine Geschichte des Teams, als dass viele von den Mitwirkenden Somalis mit viel Leidenschaft ein Projekt unterstützen wollten, das ihre Religion und ihren Stamm in ein anderes Licht setzt und zeigt, dass Islam nicht mit Terrorismus gleichzusetzen ist. Es ist ihre Geschichte und sie wollten Teil davon sein.

Wie entstand der Stoff zum Film?
Unser Producer, Tobias Rosen, ist in Südafrika aufgewachsen und hatte schon vor der Hamburg Media School den Wunsch, seinen Abschlussfilm auf dem afrikanischen Kontinent zu drehen. Die Geschichte von „Watu Wote“ ist dann tatsächlich passiert. Und unabhängig davon, ob wir da hinwollten oder nicht, beschlossen wir: Wenn wir eine Geschichte über Afrika machen, dann diese. Sie hat so eine starke Botschaft. Und das war so ein Gänsehaut-Moment, dass es keine Sekunde einen Zweifel gab, dass wir diese Geschichte unbedingt erzählen möchten. Daraufhin haben wir zuerst recherchiert, um zu schauen, ob die kenianische Szene nicht vielleicht selber etwas darüber machen will, denn wir wollten ihnen nicht „die Geschichte klauen“. Lieber wollten wir ganz nah mit ihnen zusammenarbeiten. Und das ist uns tatsächlich gelungen.

Inwiefern hat die Geschichte dieses Kurzfilms, der im fernen Kenia spielt, Ihrer Ansicht nach auch mit unserer Lebenswirklichkeit zu tun?
Ich glaube, diese Geschichte ist sehr universell. Sie hat ganz viel mit jeder Lebenswirklichkeit zu tun. Im Prinzip geht es um Solidarität und ums füreinander Geradestehen. Und ich denke, das ist gerade in Zeiten von „#MeToo“ oder „BlacklifesMatter“ in den USA oder auch in unserer politischen Lage mit der Flüchtlingssituation relevant, dass man jetzt überlegt: Für wen könnte ich mal geradestehen oder aufstehen? Ich glaube, diese Message kommt wirklich überall an.

Haben Sie erlebt, dass Menschen diese Message nicht verstehen, vielleicht sogar Anfeindungen dafür bekommen, dass Ihr Film bei einem so heiklen Thema wie Terror eine so hoffnungsvolle Position einnimmt?
Tatsächlich habe ich bisher keine Anfeindungen bekommen. Als wir den Film in Kenia gezeigt haben, gab es aber jemanden, der aufstand und fragte, wann denn die Geschichte von den Menschen erzählt wird, die so eine Terrorsituation nicht überlebt haben, da er selbst Familienmitglieder bei einem Anschlag verloren hatte. Ich hatte auch erst mal keine wirkliche Antwort auf diese heftige Frage. Unser Film oder seine wahre Geschichte trägt aber vielleicht dazu bei, dass wir einen neuen Blickwinkel darauf kriegen, wie sich diese Situation auf Dauer anders lösen lässt als nur mit Krieg.

Wie verlief generell der Dreh in Kenia?
Der Dreh in Kenia verlief im Prinzip gut, unsere kenianischen Filmemacher- Freunde waren super motivierte Menschen, die mit wahnsinnig viel Elan, Spaß und Leidenschaft bei der Sache waren. Das war auch wichtig, weil wir das sonst niemals auf die Füße hätten stellen können. Es ist alles schiefgelaufen, was schieflaufen konnte. Das ist aber glaub ich bei jedem Filmdreh so, das bezieht sich jetzt nicht nur auf Kenia.

Was denn zum Beispiel?
Uns wurde beispielsweise zwei Tage vor Drehbeginn die Kamera gestohlen. Daraufhin mussten wir meinen Bruder mit bestimmtem Equipment aus Deutschland einfliegen lassen, damit wir auch wirklich losdrehen konnten. Oder die Geschichte, dass ein Hauptdarsteller im Gefängnis gelandet ist. Wir hatten zwei Schauspieler an Bord, die Stars in Kenia sind. Die sind dann hingegangen, um ihn dort wieder herauszubekommen. Das wäre andernfalls ein Riesen- aufwand und eine teure Angelegenheit für uns geworden.

Das Casting für den Film hat Lorella Jowi gemacht. Wie viel haben Sie davon mitbekommen?
Ganz viel, denn wir haben das zusammen gemacht. Lorella hat ein großes Netzwerk und ist mit der gesamten Theater- und Filmszene in Kenia verknüpft. Wir haben ein völlig offenes Casting gemacht, wie es sich jeder Regisseur wünscht, in dem es nur darum ging, den perfekten Menschen für die Rolle zu bekommen, und nicht irgendeinen Star besetzen zu müssen, damit man den Film finanziert bekommt. Alle Somalis in dem Film, bis auf die zwei bereits erwähnten Hollywood-Schauspieler, waren keine professionellen Schau- spieler. Ich komme ja auch aus dem Schauspiel und habe mit unter- schiedlichen Schauspieltechniken mit ihnen gearbeitet. Was wir nicht wollten war, dass eventuelle Wunden wieder aufgerissen werden oder dass Retraumatisierung stattfindet. Denn jeder Somali kennt jemanden oder hat jemanden in der Familie, der schon einmal bei solchen Anschlägen zu Schaden gekommen ist.

Sie haben ursprünglich mit der Schauspielerei angefangen. Wie kamen Sie zur Regie?
Ich hab mein Leben lang Theater gespielt, und ich habe tatsächlich dann noch eine Schneiderlehre beim Theater gemacht, wollte aber schon immer zum Schauspiel. Auf Regie kam ich dann, weil ich mal gebeten wurde, bei einem Kurzfilm mitzumachen. Ich dachte früher immer, die wahre Kunst sei das Theater und das Fernsehen sei der Kommerz. Da habe ich aber festgestellt, wie sehr es mich berührt, vor der Kamera zu spielen. Für mein Demo-Material habe ich dann meinen ersten Kurzfilm gedreht und dabei festgestellt, dass mich Regie fasziniert, weil es mehr ums Gesamtwerk geht als um eine einzelne Rolle. Dennoch würde ich jederzeit auch wieder spielen. Ich liebe beides – das Spielen und das Regieführen.

Sie sind bereits Preisträgerin eines Student Acadamy Awards.
Wie hat sich Ihr Alltag seit diesem Erfolg verändert? Machen Preise reich?
Vor allem nicht reich. Es hat sich aber schon einiges verändert. Es sind inzwischen mehr Regie-Angebote gekommen. Als Hochschulabsolventin ist das nicht selbstverständlich. Es ist tatsächlich ganz angenehm, dass es jetzt nach und nach Interesse daran gibt, mit mir zu arbeiten oder meine Meinung zu hören. Außerdem habe ich inzwischen in L.A. jemanden, der mit mir zusammenarbeiten möchte, aber ich stecke in der Hinsicht noch im Entscheidungsprozess. Ich werde immer dorthin gehen, wo die gute Geschichte ist, aber mein beruflicher Schwerpunkt wird momentan erst mal in Deutschland bleiben.

Dann bleiben Sie uns ja erst mal hierzulande erhalten. Wissen Sie bereits, was Sie auf dem Roten Teppich tragen werden?
In Zeiten von „#MeToo“ habe ich mich dazu entschieden, dass ich ebenfalls in Schwarz gehe, mit einer Robe von Kaviar Gauche aus Berlin.

Also unterstützen Sie „#MeToo“?
Ich finde, es ist ein schwieriges Thema. Ich unterstütze nicht, wenn das Ganze ausgenutzt wird, um auf sich selber aufmerksam zu machen. Und ich unterstütze auch nicht, wenn es Existenzen zerstört, die definitiv nichts damit zu tun haben. Ich finde es aber unglaublich wichtig, dass jetzt endlich der Mund aufgemacht wird, dass sich Menschen zusammentun und füreinander solidarisieren. Und das unterstütze ich auch. Es müssen jetzt aber auch weitere Schritte folgen, es reicht nicht mehr nur zu sagen „#Me too“. Es ist wichtig, aus seiner Opferrolle rauszukommen und aktiv zu werden. Es soll darum gehen, dass Menschen den Mund aufmachen und miteinander in den Dialog gehen, klare Grenzen setzen. Auch ich habe bereits grenzüberschreitende Situationen erlebt und habe mir definitv vorgenommen, dass ich sowohl im Privat- als auch im Berufsleben sehr viel schneller und klarer den Dialog suche, bevor ich in den Rückzug gehe. Das ist etwas, das wir alle tun können. Ich weiß, wie schwierig es sich anfühlt, wenn man sich in einer Situation gefangen sieht. Die Solidarität, die gerade öffentlich stattfindet, hilft bei der Bewusstwerdung und dann hoffentlich auch dabei, etwas zu verändern.

Wem drücken Sie bei den Oscars diesmal ganz besonders die Daumen?
Ich habe leider noch gar nicht alles sehen können. Ich persönlich kenne die Filme aus meiner Kategorie aber alle. Ich würde jetzt lügen, wenn ich sagen würde, ich will das Ding nicht mit nach Hause nehmen, aber ich würde es auch all den anderen von ganzem Herzen gönnen. Man sieht einfach all diesen Projekten die Leidenschaft an, die hineininvestiert wurde. Filmemachen ist eine echte Herausforderung auf ganz vielen Ebenen, sowohl auf der psychischen als auch auf der physischen. Jedem Filmemacher, der diese Herausforderung besteht und seine Seele in so ein Projekt reinschmeißt, hätte es verdient. Ich glaube daher, dass es kein Fake ist, wenn man bei den Oscar-Verleihungen sieht, wie sich die Menschen wirklich füreinander freuen und beieinander bedanken.

Wissen Sie schon, wie es nach den Oscars für Sie weitergehen soll? Sind bereits neue Projekte in Planung?
Ich arbeite gerade an einem Kinofilm, über den ich noch nicht sprechen darf. Er wird in diesem Jahr gedreht. Im gleichen Team werden wir ein Jugendbuch verfilmen, das „Pferd Pferd, Tiger Tiger“ heißt. Die Drehbuchförderung ist bereits genehmigt und unsere Autorin adaptiert es gerade.

Das Interview führte Mariam Misakian.

Website Katja Benrath: www.katjabenrath.com
Filmtrailer: www.youtube.com/watu-wote

flattr this!

Senden Empfehlen

Änderung ist möglich!

Oliver Zenglein von Crew United – Foto: (c) Julia Nimke

Vor der Berlinale-Eröffnung ging es in der Berliner Kulturbrauerei wieder zur Sache: Wie können die Filmschaffenden am besten für ihre Interessen einstehen? Crew-United-Geschäftsführer Oliver Zenglein appellierte in seiner Begrüßung, sich stärker zu organisieren.

Text: Oliver Zenglein

Herzlich willkommen bei Film but Fair!

Ich möchte mit einem Dankeschön beginnen, bei den Menschen, die diese Veranstaltung heute möglich gemacht haben: Zuallererst bei unseren Gästen, die diese Veranstaltung als Impulsgeber, Diskussionspartner oder Laudator mitgestalten. Wir freuen uns, dass Ihr alle gekommen seid. Herzlichen Dank! Bei der großartigen Band Die höchste Eisenbahn, bei Lisa Basten und Rüdiger Suchsland, unseren wunderbaren Moderatoren, bei Christian Dosch, zuständig für Nachhaltigkeit und Fairness bei Crew United, der diese Veranstaltung so toll organisiert hat. Und natürlich bei meinem Crew United Partner Vincent Lutz und dem gesamten Team von Crew United.

Gleich geht es los mir einer hoffentlich spannenden und inspirierenden Diskussion und danach werden wir die fairsten Produktionen 2017 auszeichnen. Das macht üblicherweise die Bundesvereinigung der Filmschaffenden-Verbände DIE FILMSCHAFFENDEN, mit der wir seit vielen Jahren eine Partnerschaft pflegen und für die wir die Umfrage zu den Arbeitsbedingungen seit der zweiten Preisverleihung 2012 durchführen. In diesem Jahr ist es ihr aber aus organisatorischen Gründen nicht möglich. Doch der Preis und das, wofür er steht, ist in der Branche in den letzten Jahren ins Bewusstsein vorgedrungen. Wir alle finden, dass wir nicht nachlassen sollten und der Preis gerade jetzt (und unbedingt) Kontinuität braucht. Deshalb hat Crew United auch die heutige Preisverleihung organisiert.

Das wirklich Großartige dabei: Wir können den Preis in diesem Jahr nicht nur im Namen von Die Filmschaffenden und ihren derzeit 4 Mitgliedsverbänden vergeben, sondern im Namen von über 30 Verbänden, Organisationen. Und im Namen von Verdi. Wir können uns nicht erinnern, dass diese vielen unterschiedlichen Interessenvertretungen sich jemals so einmütig und ohne Streit gemeinsam zu einer Sache bekannt haben: Heute ist die Premiere – der Einsatz für Fairness vereint uns alle! Vielleicht kann dies ein Anfang einer dauerhaften Annäherung sein!

snip_20180205153450

Weiterhin gilt aber, dass dieser Preis keine glamouröse Angelegenheit sein soll und kann. Mehr noch: Ziel dieses Preises bleibt ja ganz klar eines – sich selbst abzuschaffen! Sobald es in der Branche durch die Bank fair zu geht, braucht kein Mensch mehr diesen Preis. Weiterlesen

Damit so eine Veranstaltung möglich ist, brauchen wir Unterstützung. Wir freuen uns daher sehr, dass wir mit der Pensionskasse Rundfunk einen treuen Partner gefunden haben. Herzlichen Dank! Kurze Frage: Wer hier ist noch nicht Mitglied in der Pensionskasse?

Wenn Ihre Eure Altersarmut ein wenig abfedern möchtet, solltet Ihr Euch gleich später beim Umtrunk bei Iris Gebing oder Walter Schuhmacher melden. Oder auch gleich beim Chef der Pensionskasse, Martin Schrader, der ist natürlich auch da.

Auch möchten wir dem Medienboard Berlin/Brandenburg danken, das diese Veranstaltung fördert. Im Vorfeld wurde ich – vielleicht auch nicht ganz ernsthaft – vom Medienboard gefragt: “Hoffentlich mit einem Panel ohne Förderer-Bashing?” Das konnten wir nicht mit einem einfachen Nein beantworten, sondern hielten uns an die Wahrheit: “Förderer-Bashing gab es bei uns nie. Aber wir bemühen uns um Mechanismen, die sicherstellen, dass geförderte Produktionen unter sozialverträglichen Bedingungen entstehen. Und sanktionieren, wenn das nicht so ist. Den ersten Ansatzpunkt für solche Mechanismen sehen wir direkt bei den Förderern selbst. Unsere Bemühungen werden sicherlich erst enden, wenn es in der Filmbranche sozialverträglich zugeht, zumindest bei den Projekten, in die öffentliches Geld fließt. Und da ohne Ausnahme.” Das fanden sie wohl okay.

Aber ein bisschen Bashing muss vielleicht doch sein! Einer der Nominierten für die fairste Produktion in der Rubrik Spielfilm wurde vom Medienboard gefördert: “Das schönste Mädchen der Welt”. Aber die offensichtlich mit Abstand unfairste Produktion des Jahres 2017 – ”Berlin I love You“ von der Walk on Water GmbH – eben auch. Diese Produktion hat geschafft, was bisher noch keine geschafft hat: Mit einem wirklich katastrophalen Bewertungsdurchschnitt von 5,25 den letzten Platz zu erreichen!

Tatsächlich ist es sogar so, dass die Produktion auch nach Monaten immer noch nicht alle Mitarbeiter und Dienstleister bezahlt hatte, obwohl sie auch vom DFFF mit fast einer Million Euro öffentlicher Gelder gefördert worden ist.

Was nichts anderes zeigt, als dass es nicht reicht, nur das Geld zu geben, wenn man das neue Filmförderungsgesetz ernstnehmen möchte. Die Filmförderungsanstalt verwaltet den DFFF. Und ihre Aufgabe laut Filmförderungsgesetz ist es seit mehr als einem Jahr – ich zitiere aus dem aktuellen FFG “darauf hinzuwirken, dass in der Filmwirtschaft eingesetztes Personal zu sozialverträglichen Bedingungen beschäftigt wird.”

Nur hat es die FFA in diesen letzten 14 Monaten anscheinend nicht für notwendig gehalten, dafür Ressourcen zu schaffen und diese Vorgabe in irgendeiner Weise umzusetzen . Jedenfalls ist uns bis heute davon nichts bekannt. Und wir haben uns wirklich bemüht, waren dort, haben monatelang nachtelefoniert, haben konkrete Vorschläge gemacht usw. Ist der FFA Fairness und Sozialverträglichkeit vielleicht einfach nicht wichtig genug?

Ihr merkt schon, das wird hier keine Wohlfühlveranstaltung und soll es auch nicht werden. Noch eine Veranstaltung, in der nur geredet, die Schuld auf andere abgewälzt oder einfach nur gejammert wird, braucht kein Mensch und schon gar nicht diese Branche. Es würde ganz anders aussehen, wenn jedes einzelne Mitglied dieser Branche statt Jammern, Streiten, Schuld-von-sich-weisen, Nur-auf-den-eigenen-Vorteil-bedacht-sein usw., sich für die Branche engagieren würde. Und wenn jeder in einem Verband wäre. Und wenn jeder bei Verdi wäre. Und zwar ohne zuallererst zu fragen: Was nützt das mir?

Jeder Filmschaffende, jede Filmschaffende, ob Produzentin, Schauspieler, Beleuchter, Editorin, Drehbuchautor, ganz egal, der oder die nicht zufrieden ist mit den Bedingungen der Branche oder Zeuge ist, wie Kollegen unter Bedingungen der Branche leiden und nichts dagegen unternimmt, ist mitverantwortlich dafür. Dafür, dass sich die Bedingungen nicht verbessern; dass man selbst oder andere in einer Situation sind, die im besten Fall Unzufriedenheit und in vielen Fällen zu prekären Lebenssituationen führt.

Es geht um Fairness heute! Darum, was Fairness alles heißen kann! Darum, wie man Fairness erreichen kann! In seiner Bedeutung ist Fairness noch gar nicht ausgelotet! Wir können und müssen darüber sprechen, was Fairness alles heißen kann oder muss: Es ist ja nicht nur die faire Bezahlung und die gerechte Beteiligung! Fairness könnte auch Sichtbarkeit und Anerkennung bedeuten! Eine grundsätzliche Art des Umgangs. Fairness in der Filmbranche heißt auch: Abbau von Hierarchien, mehr Transparenz, weniger Geklüngel, weniger “übliche Verdächtige”, weniger “eigenes Süppchen kochen”, mehr Gemeinsinn, mehr Mitziehen der Schwachen durch die Starken, weniger Angst, mehr Mut!

Wo bei alledem das bleibt, für das wir alle leben, arbeiten und uns begeistern – die Geschichten, die wir in Bildern und Tönen erzählen – ist nochmal eine ganz andere Frage. Film, erst recht das Kino, ist immer etwas Besonderes, auch eine besondere Arbeit: Persönlicher, also verletzlicher, aber auch erfüllender.

Erwartet nicht, dass jemand die Zustände für Euch verändert! Das müsst Ihr schon selbst machen. Oder zumindest darauf aufmerksam machen, wenn Zustände untragbar sind! Den Mund aufmachen. Wenn also nach dieser Veranstaltung zumindest einer seinen Arsch hoch bekommt und nicht so weiter macht wie vorher, war sie nicht umsonst. Wenn es viele tun, war sie erfolgreich. Und wenn sich die Vielen dann noch zusammenschließen, dann könnte tatsächlich etwas passieren. Denn so kann es ja nicht weitergehen. Darf es nicht weitergehen.

Änderung ist möglich. Zuallererst muss sie gedacht werden, denkbar sein. Lasst uns eine Filmbranche denken, die alle Menschen und Fairness ernst nimmt.

flattr this!

Senden Empfehlen

AUFZEICHNUNG – Film but Fair! Impulse, Diskussion & Verleihung des FairFilmAwards Fiction 2018

Die Veranstaltung zum Thema Fairness in der Film- und Fernsehbranche findet mit Unterstützung der Pensionskasse Rundfunk und des Medienboards Berlin- Brandenburg sowie in Kooperation mit über 30 Branchenverbänden und ver.di statt. Diskussionen und Impulse mit Gästen aus der gesamten Kreativbranche sollen Lösungsansätze ausloten und der Frage nachgehen, wie die Film- und Fernsehschaffenden ihre Zukunft fair gestalten können. Mit der Verleihung des FairFilmAwards 2018 werden Beispiele dafür ausgezeichnet, dass Film und Fairness sich nicht widersprechen müssen.

Wie können diese Leuchtturmbeispiele zur Branchennormalität werden? Filme machen ist Teamarbeit auf höchstem Niveau und unter größtem Druck – hochqualifizierte Menschen aus unterschiedlichsten Gewerken arbeiten mit Kreativität, Leidenschaft und Engagement zusammen, aber selten unter fairen und angemessenen Bedingungen. Die zunehmende Prekarisierung von Film- und Fernsehschaffenden in Deutschland wurde unlängst durch Studien und Umfragen belegt.

Stärke entsteht durch gemeinsames Auftreten – was kann Solidarität in der Filmbranche heißen, und wo sind ihre Grenzen? Wer ist legitimiert, im Namen der Filmschaffenden zu sprechen? Und welche Teile der Branche bleiben bislang ohne Vertretung? Kann man Kräfte und Kompetenzen in neuer, besserer Weise bündeln, ohne dass es von Anderen als Bedrohung aufgefasst wird? Welche Beispiele der Selbstorganisation, Kollektivität und Solidarität gibt es bereits in anderen Branchen der Kultur- und Kreativwirtschaft, aber auch in anderen Ländern? Und wie lassen sie sich auf die Filmbranche übertragen?

Bestätigte Gäste:

Prof. Carl Bergengruen, Geschäftsführer MFG Baden-Württemberg

Jutta Brückner, Regisseurin und Autorin

Fabian Eder, Vorstandsvorsitzender des Dachverbands der österreichischen Filmschaffenden und der Verwertungsgesellschaft der Filmschaffenden VdFS GenmbH

Lisa Jopt, Schauspielerin und Vorsitzende des ensemble-netzwerks e.V.

Alexander Thies, Vorsitzender des Gesamtvorstands der Allianz Deutscher Produzenten – Film & Fernsehen e.V.

Frank Werneke, Stellvertretender Bundesvorsitzender der ver.di

Magdalena Ziomek-Frackowiak, Geschäftsführung und Vorstand SMartDe eG

Moderation:

Lisa Basten (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Autorin von „Wir Kreative!“) gemeinsam mit Rüdiger Suchsland (Filmkritiker, Regisseur und Cultural Activist)

Crew United wird im Jahr 2018 übergangsweise für die Bundesvereinigung der Filmschaffenden-Verbände DIE FILMSCHAFFENDEN den FairFilmAward 2018 vergeben. Bei der Preisverleihung, direkt im Anschluss an die Diskussionsveranstaltung, werden die Preise für die fairsten Filmprojekte aus dem Jahr 2017 in den Kategorien Spielfilm und Serie vergeben. Grundlage für die Auszeichnung ist eine umfassende Umfrage unter den projektbeteiligten Filmschaffenden.

Das Diskussionsforum findet am Donnerstag, den 15. Februar 2018 von 16:30 – 19:00 Uhr im Kesselhaus der Kulturbrauerei (Schönhauser Allee 36, 10435 Berlin) statt.

Die Veranstaltung wird per Livestream auf Out Takes und Facebook übertragen.

Crew United bietet als das größte und relevanteste Netzwerk der deutschsprachigen Branche seit fast 22 Jahren die Plattform für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor und hinter der Kamera, Produktionsfirmen, Dienstleister, Agenturen und mehr.

Nominierungen für den FairFilmAward 2018: https://www.crew-united.com/downloads/2017_Fairness_Ergebnisse.pdf

Fairness-Kriterien FairFilmAward 2018: https://www.crew-united.com/downloads/Fairness_Kriterien.pdf

Branchenverbände als Partner: www.out-takes.de/index.php/2017/wir-suchen-die-fairste-filmproduktion-2017/

Die Veranstaltung auf Facebook: facebook.com/events/1876760305671672/

flattr this!

Senden Empfehlen

Vereinte Kakophonie

Ignoriert und ungeachtet: Die Filmschaffenden stehen alleine da. Und statt vereint für ihre Interessen zu kämpfen, beharken sie sich gegenseitig. | Archivfoto

Ignoriert und ungeachtet: Die Filmschaffenden stehen alleine da. Und statt vereint für ihre Interessen zu kämpfen, beharken sie sich gegenseitig. | Archivfoto

Deutschlands Filmbranche ringt wieder um einen Tarifvertrag. Alle paar Jahre wiederholt sich die Prozedur, am Ergebnis scheiden sich meist die Geister. Ein Hauptstreitpunkt sind die Arbeitszeiten. Zwar konnte die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) vor zwei Jahren leicht höhere Gagen aushandeln, scheiterte aber beim Versuch, die Tagearbeitszeiten einzugrenzen. Die „pendeln sich allgemein bei 12 bis 14 Stunden pro Drehtag ein“, stellte schon vor zehn Jahren der damalige Vorstand der Bundesvereinigung der Filmberufsverbände, Hans Schlosser, fest.

Für die Produzenten ist das Thema „existentiell“, um bei Dreharbeiten „die notwendige Flexibilität zu erhalten und Beschäftigung zu sichern“, hatte nach der letzten Tarifrunde die Produzentenallianz erklärt, die auf der anderen Seite des Verhandlungstischs sitzt. Das ist ziemlich dicht an der Darstellung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, die „flexible Beschäftigungsformen“ generell als Vorteil für beide Seiten sieht, die nötige Flexibilität aber ausschließlich von den Arbeitnehmern erwartet. Weiterlesen

Die Gewerkschaft tut sich schwer, die Interessen ihrer Mitglieder durchzusetzen. Das ist nicht allein ihre Schuld: Nicht mal jeder fünfte Arbeitnehmer in Deutschland ist gewerkschaftlich organisiert, rechnete die Frankfurter Allgemeine Zeitung vor einem Jahr vor – als Durchschnitt aller Branchen und Tarifbereiche. Noch niedriger ist der Organisationsgrad bei jüngeren und Teilzeitbeschäftigten. In der Filmbranche kann man das nur schätzen, denn Mitgliederzahlen nennt Verdi für diesen Bereich nicht, und nennt auch andere Zahlen: Mit 25.000 beziffert die Gewerkschaft die Beschäftigten in Kino- und Fernsehfilmproduktionen. Tatsächlich ist die Zahl doppelt so hoch. Demnach dürfte nicht mal jeder achte Filmschaffende in Verdi oder einem der vielen Berufsverbände der Branche organisiert sein.

Gewerkschaften sind nicht sexy. Das gilt auch für andere Branche, beim Film aber umso mehr. Die Gründe sind vielfältig und meist nicht rational: Die Gewerkschaftsbewegung ist eng verknüpft mit den festen und langfristigen Arbeitsstrukturen der Industrialisierung gegen Ende des vorletzten Jahrhunderts. Den Wechsel von der Arbeit in Fabriken in die Großraumbüros hatte dieses System noch geschafft, doch mit der  Wirklichkeit beim Film hat es wenig zu tun. Die meisten Filmschaffenden sind im Grunde Tagelöhner, die von einem Projekt zum anderen weiterziehen. Zudem sehen sich viele in erster Linie als „Kreative“, die der Kunst wegen auch auf manches zu verzichten bereit sind. Und letztlich ist Gewerkschaftsarbeit langwierig, mühsam und die Fortschritte oft unauffällig.

Das Bedürfnis ist dennoch da. Gerade in den jüngsten Jahren steigt der Drang, sich zu organisieren. Nur eben nicht in den traditionellen Strukturen. Gewerkschaften gelten vielen als Auslaufmodell, bräsig und altbacken wie ein Schrebergartenverein oder Kaninchenzüchter. Wer nun die Stirn runzelt, kann ja mal versuchen, auf der nächsten Party beim Küchentalk mit seiner Mitgliedskarte zu punkten. Auch die Berufsverbände bleiben von solchen Vorurteilen nicht verschont.

Netzwerke und Kollektive sind die neuen Zauberwörter und viel zeitgemäßer und den freien Geistern entsprechend. Dabei kommt es doch gar nicht auf die Form, sondern auf den Inhalt an.

Zugegeben, einige der neuen Gründungen sind effektiv, zumindest öffentlichkeitswirksamer als die alten Berufsverbände. Die #metoo-Bewegung in Schweden etwa oder hierzulande die Initiative Pro Quote Regie, inzwischen auf Pro Quote Film erweitert und umbenannt. Doch die haben ein klares eng gestecktes Anliegen, mit dem sie zudem auf einen Nerv treffen: Die einen kämpfen gegen sexuelle Übergriffe, die anderen für Gleichberechtigung. Berufsverbände müssen sich noch anderen Themen stellen, langwierig, mühsam und oft unauffällig.

Im vorigen Sommer hatte sich in Berlin die Allianz der Freien Künste vorgestellt – „ein offenes Bündnis“ von inzwischen 15 Bundesverbänden und Interessenvertretungen unterschiedlichster Gewerke von  Szenografie und Puppentheater über Jazzmusik und  Hörspielregie bis Komposition und Textdichtung. Das Medienecho war groß, das Ziel ebenfalls: Eine „Stimme und Plattform für die Freien Künste auf Bundesebene“ wolle man sein.

So weit war die Filmbranche auch schon mal. Seit den 1970er-Jahren rollte eine Gründungswelle durch die Filmlandschaft, inzwischen hat fast jedes Gewerk einen Berufsverband, zuletzt hatten sich 2007 die Stuntleute organisiert.

Unter den ersten waren die Regisseure und Kameraleute. Schon früh hatten Eberhard Hauff und Jost Vacano, die Vorstände der Bundesverbände Regie (BVR) und Kinematografie (BVK), zu einem Zusammenschluss der Berufsorganisationen aufgerufen. 1984 stellte man mit anderen gemeinsame Forderungen auf, doch es dauerte noch weitere elf Jahre, bis sich zwölf der lose kooperierenden Verbände zur Arbeitsgemeinschaft Die Filmschaffenden zusammenschlossen. Und weitere zwölf Jahre, bis sich sie sich während der Berlinale als Dachverband vorstellten. Vereinfacht ausgedrückt wurde aus der Europäischen Gemeinschaft die Europäische Union. Aber noch nicht Europa – jeder Berufsverband vertrat weiterhin auch seine eigenen Interessen. Wo nötig, auch gegen die anderen.

Die ersten Haarrisse in der fragilen Struktur zeigten sich schon auf der Pressekonferenz zur Gründung des Dachverbands 2007. Als dessen erster Präsident sprach Eberhard Hauff, während zur gleichen Zeit an anderem Ort sein BVR zu einer eigenen Veranstaltung rief.

Die Erwartungen waren dennoch hoch. Die Tariffähigkeit stand als Ziel in der Satzung. Die Filmschaffenden wollten ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen, von der Gewerkschaft fühlten sie sich in den Verhandlungen offenbar nicht gut vertreten. Allein nach Zahlen lässt sich das nachvollziehen: Um die zwei Millionen Mitglieder hat Verdi, nur rund 4.200 davon sollen Filmschaffende sein, will der Deutschlandfunk herausgefunden haben. Bestätigt wird diese Zahl nicht, im Gegenteil wird sie heftig angezweifelt; doch selbst bei einer solchen Mitgliederstärke würden die Filmschaffenden in der Gewerkschaft nur knapp über zwei Prozent ausmachen.

Allerdings teilten nicht alle Verbände dieses Misstrauen. In der neuen Satzung von 2011 [PDF] ist das Streben nach Tariffähigkeit nur als Möglichkeit formuliert, für die ein „gesonderter Beschluss der Mitgliederversammlung“ nötig ist.

Nun ist es nicht einfach, so viele unterschiedliche Interessen unter ein gemeinsames Dach zu bringen – siehe Europa. Als eine ihrer „Kernthesen“ führt die Bundesvereinigung in ihrem Wikipedia-Artikel noch immer an: „Filme entstehen grundsätzlich in Teamarbeit. Die Herausforderungen der Branche, ob national, europäisch oder global, lassen sich nur gemeinsam bewältigen.“ Das war ein bis dahin seltenes Konstrukt, und zwar weltweit. Der Dachverband nahm das mit dem Teamgeist sogar so ernst, dass jeder Mitgliedsverband eine Stimme hatte, egal, ob seine Mitgliederzahl im niedrigen zweistelligen Bereich oder um die 700 lag.

Schon bald zeichnete sich ab, dass nicht alle Verbände das Gleiche wollten. Für einige wenige stand das Urheberrecht an oberer Stelle, um das sie sich auch gegenseitig beharkten, andere waren davon überhaupt nicht betroffen und fanden sich im Dachverband nicht gut aufgehoben. Es dauerte etwa zwei Jahre bis zum „Regxit“, dann trat der BVR, Initiator des Dachverbands, aus seinem Projekt wieder aus. Genau lässt es sich nicht sagen, denn Die Filmschaffenden behandelten den Austritt stillschweigend.

Auch im Vorgehen herrschte Uneinigkeit im Team der Filmsschaffenden. Die einen gaben sich kämpferisch, die anderen vertrauten auf behutsame Kontakte in die Politik und freuten sich, wenn Parlamentarier ein Grußwort sprachen.

Mit einem lauteren Knall verabschiedete sich der nächstgrößere Mitgliedsverband BVK 2013. In einer Pressemitteilung äußerten die Kameraleute ihre „Enttäuschung über die […] Tatenlosigkeit der Bundesvereinigung.“ Der BVK wollte einen „selbstbewußten Auftritt des Dachverbands“ und „klare politische Forderungen“, hätte dafür aber keine Mehrheit gefunden.

Andere Verbände folgten, darunter die mitgliederstärksten. Heute ist vom Dachverband nur noch ein Rumpf aus sechs Verbänden übrig. Und das auch nur, weil im vorigen Jahr zwei neue Mitglieder hinzugekommen sind: der Interessenverband Synchronschauspieler und der Bundesverband Schauspiel (BFFS).

Letzterer ist einer der jüngsten Verbände – und der größte. Erst 2006 gegründet, vertritt er nach eigenen Angaben mehr als 2.800 Mitglieder. Zum Vergleich: Der Regieverband steht mit „über 700 Mitgliedern“ an zweiter Stelle in der Größenordnung. Zudem hat der BFFS, was die anderen Verbände nicht haben: prominente Gesichter, mit denen sich die Anliegen des Berufsverbands auch in die Öffentlichkeit tragen lassen. Dementsprechend selbstbewusst traten die Schauspieler auch auf. Der BFFS stand der Bundesvereinigung Die Filmschaffenden zwar immer wohlwollend gegenüber, trat über die Jahre aber nicht bei. Bis jetzt.

Ganz vergessen sind die alten Einigungsideen aber auch bei den anderen Verbänden nicht. Die Kameraleute haben sich seit drei Jahren mit Szenenbildnern und Editoren in der Arbeitsgemeinschaft Verbände Pro Tarif zusammengetan, „um filmspezifische arbeitnehmerrechtliche Fragen zu erörtern und Antworten darauf voran zu bringen“. Auch Verdi wolle man voll unterstützen, „sofern sie konsequent zugunsten und im Sinne der Film- und Fernsehschaffenden agiert und hart verhandelt.“

Allein die Filmkomponisten-Union (Defkom) und der Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD) hatten sich über all die Jahre von sämtlichen Vereinigungsgedanken ferngehalten. Was aber nicht heißen soll, dass der VDD nicht doch von Fall zu Fall Allianzen eingeht. Im Januar hatte der BVK mit RTL, wie zuvor schon mit anderen Sendern und großen Produktionsfirmen, Vergütungsregeln ausgehandelt [PDF]. Prompt reagierten VDD, BVR und BFFS mit einer eigenen Pressemitteilung: Die Vereinbarung sei ein „Muster ohne Wert“, die Kameraleute „wurden von RTL über den Tisch gezogen“. Die drei Verbände seien jedenfalls nicht bereit, mit RTL Vereinbarungen zu denselben Bedingungen abzuschließen.

Nun ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Berufsverband eigene Vergütungsregelungen aushandelt. Es ist auch nicht ungewöhnlich, dass sich Berufsverbände zu aktuellen Fragen und Ereignissen der Branche zu Wort melden, die quer durch die Gewerke die Branche insgesamt betreffen – Verdi kann nach jedem Tarifabschluss gleich mehrere Lieder davon singen. Neu ist allerdings, dass (in diesem Fall sogar gleich drei) Verbände eine Vereinbarung kommentieren, die ein anderer Verband ausschließlich für sich und seine Mitglieder ausgehandelt hat. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Allerdings hatte der Regieverband vor zwei Jahren gemeldet, dass eigene Verhandlungen mit RTL „auf gutem Weg“ seien, wie es weiterging, war nicht zu erfahren. Unsere Nachfrage bei den Verfassern nach ihren Beweggründen blieb unbeantwortet. Offenbar sind die Haarrisse inzwischen zur Kluft angewachsen.

Dass es auch anders geht, wird seit 30 Jahren im Nachbarland vorgelebt. Dort arbeiten im Dachverband der Österreichischen Filmschaffenden 13 Verbände der größten Gewerke für ihre Interessen zusammen – und zwar „konfliktfrei“, sagt die Medienwissenschaftlerin Lisa Basten, die die kreativen Arbeitswelten erforscht (cinearte 390).

Doch wen interessiert’s? Die Fernsehzuschauer jedenfalls nicht, und ebensowenig die Journalisten, die zwar gerne über Filmkunst schreiben, aber kaum, wie sie entsteht. Arbeitszeiten und Gagendumping quält die Branche seit vielen Jahren, doch Berichte darüber, wie es in den deutschen Traumwerkstätten zugeht, sind die Ausnahme. Geflügelzüchter und Aufbackbrötchenfabriken werden aufmerksamer beäugt als diejenigen, die allabendlich die Fernsehkanäle füllen, die jeder Deutsche im Durchschnitt fast vier Stunden am Tag konsumiert.

Da müssen schon ein paar bekannte Schauspieler beim Münchner Filmfest am Stachus aus Protest im Brunnen baden, damit die populärste Illustrierte im Lande darüber berichtet – und hatte nicht mal bemerkt, dass das Ereignis schon ein Jahr vorher stattgefunden hatte.

Auch die Quotenfrage hatte niemand gekümmert. Bis Maria Furtwängler mit einer eigenen Studie vor die Kameras trat, um Fakten zu verkünden: Regisseurinnen werden massiv benachteiligt, Schauspielerinnen spätestens ab Mitte 30 weniger besetzt und ohnehin nach fragwürdigen Klischees. Das hatten zwar schon einige andere vergeblich bemängelt, aber nun sprach eine beliebte „Tatort“-Kommissarin, die außerdem „immer attraktiver und erotischer“ wirkt, wie eine Autorin der „Bild am Sonntag“ fand.

Noch aufregender waren die Berichte über sexuelle Übergriffe bis hin zu Vergewaltigungen, denen sich vor allem Schauspielerinnen ausgesetzt sehen. Ans Licht kamen die ersten Vorfälle in den USA, als „New York Times“ und „New Yorker“ über die Eskapaden von Harvey Weinstein berichteten. Dass der Erfolgsproduzent ein fragwürdiges Gebahren hatte, seine Geschäftspartner drangsalierte und sogar regelrecht erpresste, war schon seit Jahren zu lesen, hatte aber keine Folgen. Aber dies war doch ein ganz anderes Kaliber. Dennoch steht zu befürchten, dass der „Weinstein-Skandal“ zumindest in Deutschland eine schlüpfrige Randnotiz geblieben wäre, hätte es nicht gleich darauf auch Vorwürfe gegen beliebte Schauspieler wie Kevin Spacey oder Dustin Hoffman gegeben. Dieser Artikel jedenfalls hatte noch drei Monate zuvor niemanden aufgeregt. Ohne Weinstein und #metoo würde sich Dieter Wedel heute wahrscheinlich nicht in den Nachrichten wiederfinden. Doch auch hier wird zwar sein allgemein selbstherrliches und unangenehmes Auftreten erwähnt, aber nicht weiter gefragt, wie wohl die ganz alltäglichen Arbeitsbedingungen unter einem solchen Regisseur gewesen sein mögen.

So zynisch es klingt: Sex sells –  für weniger aufregende Probleme dürfen die Filmschaffenden nicht auf die Öffentlichkeitsarbeiter hoffen, selbst wenn sie drangsaliert oder erpresst würden.

Auf die Branche selbst können sie schon gar nicht hoffen. Ausgerechnet die beiden öffentlich-rechtlichen Sender, größte Auftraggeber in der deutschen Produktionslandschaft, tragen ja kräftig zum Elend bei. Immer knapper kalkulieren sie die Budgets und Drehtage und setzen ihre Auftragsproduzenten unter einen Druck, den die an ihre Beschäftigten weitergeben.

Wenig Respekt vor den Filmarbeitern zeigten erst neulich wieder die vier größten Sender im Lande. Seit 1998 vergeben ARD, ZDF, RTL und Sat.1 gemeinsam den „Deutschen Fernsehpreis“ – fast ausschließlich an die eigenen Produktionen, und damit es nicht gleich jeder merkt, ist regelmäßig noch ein Gastsender unter den Preisträgern. Vor zehn Jahren schon gab es Proteste, dass die Auszeichnungen für die Einzelgewerke aus der Übertragung herausgeschnitten wurden (cinearte 173), zwei Jahre später wurden die meisten Einzelkategorien ganz abgeschafft. Die Filmschaffenden gründeten daraufhin die Deutsche Akademie für Fernsehen, die seit 2013 eigene Preise verleiht, weil man „das Fernsehen nicht allein den Sendern überlassen“ dürfe, erklärte der Vizevorsitzenden Jochen Greve der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Der „Süddeutschen Zeitung“ sagte er: „Wir wollen eine Stimme der Kreativen sein. Wir wollen den Leuten Würde geben.“

Auch der „Deutsche Fernsehpreis“ hat inzwischen wieder seine Einzelkategorien, trotzdem gab es Anlass zu meckern: „In den Kategorien ›Beste Mehrteiler‹, ›Bester Film‹ und ›Beste Drama-Serie‹ finden sich Beispiele hervorragender filmischer Erzählkunst“, doch kein Autor dieser Nominierungen sei zur Preisgala eingeladen, müsse vielmehr auf der Warteliste hoffen, kritisierte im Januar der Verband Deutscher Drehbuchautoren in einem Offenen Brief an die Ausrichter. Das sei „ein Sinnbild für eine immer noch grassierende Ignoranz in Teilen der Branche.“

Die Adressaten verstanden die Aufregung nicht: Nominiert würden in diesen Kategorien die Produzenten, Regisseure und Redakteure. Für die Autoren gebe es doch die Kategorie „Bestes Buch“.

Das gelte ja wohl auch für „Beste Regie“, gab der VDD zurück. „Dennoch sind die Regisseure aller nominierten Formate eingeladen, ebenso wie die Redakteure. Das mag Machtverhältnisse abbilden – nicht aber den künstlerischen Prozess, der hinter der Entstehung von Filmen und Serien steht. […] Jedem Fernsehverantwortlichen muss angesichts der Erfolge der amerikanischen, britischen, skandinavischen Anbieter klar sein: Die Zukunft des Erzählens sind die Erzähler! […] Wir sind nicht bloß Gäste. Wir denken uns das aus, was an diesem Abend gewürdigt wird. Autoren als Schöpfer Ihrer Programme gehören als Nominierte in jede Kategorie.“

Das verstanden schließlich auch die Sender und nominierten auch die Autoren – vielleicht lag’s aber auch daran, dass der Streit durch Presse und Soziale Medien wirbelte. Zwar ging es bei diesem Streit nicht um Sex oder Glamour, aber die Drehbuchautoren hatten in ihre Kritik geschickt ein anderes Trigger-Wort für Branche und Medien eingebaut: Fernsehserien! Der neue Maßstab für die Bewegtbildkunst.

Im Deutschlandfunk zog der Journalist Matthias Dell gleichwohl den Schluss aus dem Streit: „Daran zeigt sich, wie fundamental eine Branche nicht versteht, wovon sie lebt. Denn die Drehbuchautoren sind entscheidend für den Erfolg eines Films: Das Drehbuch, die Geschichte ist der Ausgangspunkt aller weiteren Arbeit. In diese Arbeit Zeit und Geld zu investieren und für diese Arbeit Freiheiten zu gestatten – das würde den deutschen Fernsehfilm besser machen. Aber davon hat die Branche keinen Begriff, wie die Einladungspolitik vorführt.“

Zum Glück gibt es ja Gesetze. Da dürfte der eine oder die andere Filmschaffende kurz die Stirn runzeln. Seit Jahren erklären Berufsverbände und Gewerkschaft, dass die an den Gegebenheiten der Branche vorbeigehen und drängen vergeblich auf Abhilfe – Stichwort Anwartschaftszeit: Zwar zahlen Filmarbeiter bei jedem Projekt den vollen Beitrag in die Arbeitslosenversicherung, Anspruch darauf haben aber nur wenige. Die Rechnung basiert nämlich auf ständigen Beschäftigungsverhältnissen, mit den vorübergehenden Produktionsdauern lassen sich die erforderlichen Arbeitstage nur selten erreichen. Zur Erinnerung: Rund um die vorige Berlinale hatten gleich mehrere Studien festgestellt, dass nur zwei von fünf Filmschaffenden von ihrem Beruf leben können.

Wenigstens hat die Filmförderungsansstalt (FFA) seit einem Jahr einen klaren Auftrag: Sie habe „darauf hinzuwirken, dass in der Filmwirtschaft eingesetztes Personal zu sozialverträglichen Bedingungen beschäftigt wird“, steht im neuen Filmförderungsgesetz (FFG). Wofür übrigens Verdi und SPD gesorgt haben.

Das gute Beispiel machte gleich Schule: Schon kurz bevor das neue FFG in Kraft trat, hatte die frischgewählte rot-rot-grüne Berliner Landesregierung in ihrem Koalitionsvertrag [PDF] festgeschrieben: „Fördermittel sollen in Zukunft durch das Medienboard nur noch vergeben werden, wenn das Projekt sozialverträglichen und ökologischen Standards gerecht wird.“ Gelten soll das ab diesem Jahr. Das wäre schön.

Und was macht die Filmförderungsanstalt? Die kümmert sich zwar seit einem Jahr darum, ihre Gremien gleichberechtigt zu besetzen (was ihr nun eindeutiger vorgeschrieben ist) und listet als kleine Fleißarbeit in den Fördermeldungen auf, wie viele der geförderten Projekte von Frauen inszeniert werden. Nur bei der Sozialverträglichkeit bleibt die sonst mitteilsame Institution zurückhaltend. Ähnlich weit wie das Medienboard solle die FFA ohnehin nicht gehen, hatte Kulturstaatsministerin Monika Grütters in den Debatten zum neuen Gesetz erklärt. Mit dem Hinwirken auf sozialverträgliche Bedingungen seien eher Informationsveranstaltungen und Broschüren gemeint – als müsse man ausgerechnet den Filmschaffenden die Problematik erst noch erklären. Dafür aber gibt es nach unseren Informationen kein Budget, und die Mitarbeiterin, der das Thema anvertraut wurde, geht demnächst in Mutterschutz. Wir fragten nach, was die Filmförderungsanstalt seit einem Jahr für die Filmschaffenden getan hat. Die FFA antwortete nicht. Nehmen wir’s als Antwort: Nichts.

Wer es bis jetzt noch nicht ahnte: Die Filmschaffenden stehen alleine da, Hilfe ist nicht zu erwarten (was übrigens zu erwarten war). Eine gemeinsame schlagkräftige Organisation wäre gut. Bloß wie? Darüber sprechen am Donnerstag, 15. Februar, in der Berliner Kulturbrauerei ab 16:30 Uhr Vertreter von Verbänden unterschiedlichster Branchen beim Diskussionsforum „Film but Fair“.

Die Veranstaltung wird außerdem per Livestream übertragen:

www.out-takes.de | www.facebook.com/crewunited

flattr this!

Senden Empfehlen

Digital ist Mist! — Fluch und Segen der Digitalisierung für den Arthouse Film

Die vorliegende cn-klappe zeigt einen Zusammenschnitt der Podiumsdikussion im Rahmen des Festivals Around the World in 14 Films.

Es diskutierten:
Martin Schwarz („Zitty“-Filmredakteur)
Peter Fleischmann (Regisseur, Produzent und Kinovisionär)
Christian Suhren („FSK – Kino am Oranienplatz“)
Rüdiger Suchsland (Filmjournalist und -kritiker)

Moderation: Felix Neunzerling (Zoom Medienfabrik)

Der Beitrag gliedert sich in folgende Kapitel (Achtung: in der Ecke links oben anklickbar!):
Intro
Kapitel 1: Arthouse Kino – aktuelle Zahlen & Fakten
Kapitel 2: Die Kunst der wirtschaftlichen Programmgestaltung
Kapitel 3: Das Kino muss hoch fliegen, um weit zu fliegen!
Abspann & Dankeschön

Viel Spaß beim Anschauen hier.

flattr this!

Senden Empfehlen

Und hier sind sie! Die Nominierungen für den FairFilmAward 2018

pablo (17)

Mit dem alten Jahr ist auch die Umfrage bei Crew United zur fairsten Spielfilm- und Serienproduktion 2017 zu Ende gegangen! Herzlichen Dank für die großartige Beteiligung! Aber noch großartiger ist, dass dieser Preis der Die Filmschaffenden in diesem Jahr im Namen von mittlerweile 33 Verbänden, Organisationen und der Gewerkschaft vergeben werden! Ein starkes und wichtiges Zeichen!

snip_20180205153450

Als fairste Produktion 2017 sind nominiert:

KATEGORIE SPIELFILM

Der Vorname
https://www.crew-united.com/?mov=231010
Kinospielfilm, Regie: Sönke Wortmann, Produktionsleiter: Sebastian Fröhlich Produktion: Constantin Film

Die Füchsin – Spur in die Vergangenheit
https://www.crew-united.com/?mov=233123
TV-Film (Reihe), Regie: Sabine Derflinger, Herstellungsleiter: Thomas Höbbel, Produktionsleiterin: Claudia Schurian, Produktion: ODEON TV

Das schönste Mädchen der Welt
https://www.crew-united.com/?mov=231675
Kinospielfilm, Regie: Aron Lehmann, Herstellungsleiter: Martin Cichy, Produktionsleiter: Joachim von Bülow, Produktion: Tobis Film GmbH & Co. KG

KATEGORIE SERIE

Die Kirche bleibt im Dorf – Die Serie (Folge 25-30)
https://www.crew-united.com/?mov=225737
TV-Serie, Regie: Ulrike Grote, Herstellungsleiterin: Ilona Schultz, Produktionsleiter: Wolfgang Krenz, Produktion: Fortune Cookie Film GmbH

Club der roten Bänder (Folge 21-30)
https://www.crew-united.com/?mov=228322
TV-Serie, Regie: Sabine Bernardi, Jan Martin Scharf, Felix Binder, Herstellungsleiter: Georg Bonhoeffer, Produktion: Bantry Bay Productions GmbH

Rentnercops (2017 | Folgen 25 – 32)
https://www.crew-united.com/?mov=229759
TV-Serie, Regie: Thomas Durchschlag, Michael Schneider, Produktionsleiter: Andreas Thürnagel, Produktion: Bavaria Fiction GmbH

Die komplette Ergebnisliste 2017 finden Sie unter
https://www.crew-united.com/downloads/2017_Fairness_Ergebnisse.pdf

Crew United in den nächsten Tagen alle nominierten Produktionen kontaktieren und eine finale Bewertungsrunde durchführen, damit wirklich alle an den Projekten Beteiligten Ihre Stimme abgeben. Weiterlesen

Die Sieger werden am 15. Februar bei der Veranstaltung Film but Fair! Impulse, Diskussion und Preisverleihung bekannt gegeben. Wer dabei sein möchte, kann sich ab Mitte Januar dafür anmelden. Die Einladung dazu wird zusammen mit der Einladung zum Crew Call Berlin 2018 an alle Member von Crew United verschickt. Für alle, die nicht vor Ort sein können oder kein Ticket mehr bekommen gibt es wieder einen Livestream und zusätzlich werden wir die Aufzeichnung hier auf Out Takes und unserem YouTube Kanal veröffentlichen!

Abschließend noch ein herzliches Dankeschön an die Pensionskasse Rundfunk, die uns auch in diesem Jahr wieder eine große Unterstützung ist!

dsafdas

flattr this!

Senden Empfehlen