Glanz und Elend des Deutschen Films III: Genre

Vorher – nachher: Als „Schutzengel“ blieb Til Schweiger unter seinen Erwartungen, im „Tatort“ begeisterte er mit Action. Selbst das beliebteste Genre der Deutschen blüht nur im Biotop der Mattscheibe. Für die übrigen sieht es noch trostloser aus. | Fotos © Warner Brothers, NDR

In der vorigen Folge hatte ich das Star-Tum am Beispiel unseres publikumsmagnetischsten Schauspielers erklärt und besungen und werde dafür vermutlich ebenso viel Freude verbreiten und Häme ernten wie der. Dass Til Schweiger es nicht so leicht hat auf den Filmseiten, die höchste Ansprüche an die Filmkunst erheben, ist bekannt. Ebenso, dass das Publikum das völlig anders sieht.

Freilich nur, solange Til Schweiger sich selbst nicht so ernst nimmt. Mit „Barfuss” hatte er, trotz der Rechtschreibschwäche im Titel, ordentlich Kasse gemacht – mit rund 1,5 Millionen Zuschauern drittbesucherstärkster deutscher Film im Jahr 2005, trotz eher unwohlmeinender Beurteilungen. Mit „Keinohrhasen”, „Kokowääh” und Co. hatte er in den folgenden Jahren noch größere Besucherrekorde aufgestellt. Wenig Erfolg hatten hingegen der Thriller „One Way” und das Action-Stück „Schutzengel”. Was mich, doch immer wieder mal traditionellen Denkmustern verhaftet, vermuten läßt, daß es vor allem Frauen sind, die Schweiger sehen mögen. Denn die stehen eher auf lustige Romanzen, während die Kerle im Zweifelsfall doch die Action vorziehen. Bevorzugt aber die aus Hollywood, obwohl „Schutzengel” mit dem meisten, was von da an Geballer kommt, gut mithalten kann.

Offenbar vermag nicht einmal ein Star etwas daran ändern: Das Genre hat’s schwer im Deutschen Film. Krimis bannen sonntagabendlich Millionen mit „Polizeiruf” und „Tatort” vor die Fernseher – im Kino finden sie kaum statt. Warum gerade Mord und Totschlag, der Deutschen liebstes Genre, in der Glotze boomt, aber auf der Leinwand floppt, habe ich mich hier schon vor drei Jahren gefragt. Die Antwort habe ich immer noch nicht gefunden. Inzwischen hat Schweiger selbst dem Thema eine weitere Facette hinzugefügt, indem er ebenfalls beim „Tatort“ einstieg. Und siehe da: Als knallharter Neo-Schmimanski Nick Tschiller katapultierte er sich aus dem Stand auf den ersten Platz der ARD-Kommissare, während ich noch über den Namen des Neuen rätselte: Schiller als Chiller? Vielleicht soll Kommissar Tschiller ja deutsche Tugenden modern rüberbringen. Sturm und Drang und so. Die Rechnung scheint jedenfalls aufzugehen. Beim zweiten Fall, weniger dem klassischen Kulturerbe, sondern ziemlich auf Ein-Mann-Rachefeldzug nach US-Muster gestrickt, ging die Quote zwar gewaltig zurück, lag aber immer noch weit über dem, was die meisten seiner Kollegen zusammenbekommen und lockte vor allem jüngere Zuschauer vor den Bildschirm.

Was mich nun dreierlei vermuten lässt. Nämlich erstens, dass das Krimi-Genre beliebt ist, aber zwei Sorten von Anhängern hat: Die einen misstrauen deutschen Produktionen an der Kinokasse und ziehen original-amerikanische Filme vor (denn die hervorragenden Krimis aus Großbritannien und Frankreich tun sich da auch nicht leichter), die anderen gehen erst gar nicht ins Kino. Zweitens, dass zwar ein großer Name zieht, aber nicht genug, um den deutschen Krimi vom Wohnzimmer in den Kinosaal zu befördern. Dass es drittens also auch irgendwie am Publikum hängt …

Da bieten übrigens auch die beiden Schimanski-Filme nur eine eingeschränkte Ausnahme – „Zahn um Zahn“ hatte 1985/86 mehr als 2,7 Millionen Zuschauer und lag damit gleich hinter „Männer“ und „Der Name der Rose“; „Zabou“ kam 1987 schon nicht mehr ganz auf 1,5 Millionen – immerhin noch drittbestes deutsches Einspielergebnis nach „Otto – der Film II“ und „Zärtliche Chaoten“, was gleich wieder zum Grübeln über die Sehgewohnheiten deutscher Kinobesucher Anlass gibt.

Und dies ist nur das ohnehin beliebteste Genre. Noch düsterer sieht es in den anderen Abteilungen der Filmgeschichte aus. Etwa in jener, die hier erst erfunden wurde: Inwischen geben sich Fernsehserien und Kinomehrteiler lustvoll der Vampir-Romantik hin – im Kino floppt „Wir sind die Nacht“. Das gleiche Elend herrscht nebenan: Ob Politthriller („Die vierte Macht“), Kriegsspektakel („Der rote Baron“), Geschichtsdrama („Poll“), Agentenaction („Wo ist Hanna“) – was sonst beliebt und besucht ist, bleibt, wenn es aus deutscher Produktion stammt, hinter den Erwartungen zurück; obwohl es keinen Frame schlechter ist – im Gegenteil. Allerdings: Dem Fernsehen fällt zu dem meisten davon noch weniger ein.

Was aber immer geht: von den deutschen Besuchermillionären der vergangenen zehn Jahre sind 40 Prozent Komödien, 32 Kinderfilme. Zu den zehn erfolgreichsten Filmen des ganzen Jahrzehnts zählen sechs Komödien, ein Kinderfilm und ein Dokumentarfilm – über Fußball.

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2 Antworten auf Glanz und Elend des Deutschen Films III: Genre

  1. was sonst beliebt und besucht ist, bleibt, wenn es aus deutscher Produktion stammt, hinter den Erwartungen zurück; obwohl es keinen Frame schlechter ist – im Gegenteil.

    Das ist witzig. Deutsche Filme haben zurecht einen schlechten Ruf.

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  2. Kühne These:

    Eine vitale und innovative Genrekultur und staatliche Subventionen (= küstlerrische Bevormundung steuergeldgepimpter Bedenkenträger und notorischer Neinsager) schließen sich kategorisch aus.

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