Ein anderer Stellenwert

Ein 1. AD hat alle Hände voll zu tun, eine Regieassistentin auch. Wie sich die beiden Berufsbilder unterscheiden und weshalb sie in Deutschland doch gerne vermischt werden, erörterten Julia Eplinius und Sebastian Fahr-Brix auf den Regietagen. | Foto © BVR, Christof Arnold

Amerika, du hast es besser. Nirgendwo scheint der alte Spruch noch mehr zu gelten als in der Filmbranche. Sehnsüchtig schauen manche Filmschaffende Richtung Hollywood, wo größere Budgets und bessere Strukturen vermeintlich die Filmarbeit erleichtern. Einen Einblick in der Realität versuchten auf den Regietagen am ­Wochenende in München Julia Eplinius und Sebastian Fahr-Brix für ihr Tätigkeitsfeld zu vermitteln: die Regieassistenz – im angelsächsischen Sprachraum First Assistant Director, kurz 1. AD.

Doch sind beide Systeme oder weiteres zu vergleichen? Sebastian Fahr-Brix hat als 1. AD fast alle Filme von Tom Tykwer begleitet – bis hin zur neuen Serie „Babylon Berlin“, die mit einem Rekordbudget von 40 Millionen Euro mit den Produktionen von Streamingdiensten und Abosendern konkurrieren soll. Julia Eplinius vertritt als Vorstand die Regieassistenten im Bundesverband Regie (BVR). Einem Laien ist schon der Beruf des Regieassistenten schwer begreiflich. Die meisten stellen sich darunter tatsächlich nur eine „rechte Hand“ vor, die dem Regisseur alles vom Leibe hält, was ihn von seiner kreativen Arbeit ablenkt – bis hin zum Kaffeeholen. Und irgendwann darf dieses Helferlein dann auch mal endlich selber einen Film inszenieren …

Ganz falsch ist diese naive Vorstellung nicht, beschreibt aber nicht die eigentlichen Aufgaben. Die Regieassistenz ist einer der Berufen in der Branche, die gerne immer mal wieder unterschätzt werden, jedenfalls in Deutschland. Zwar hat sich das Berufsbild in den jüngsten 20 Jahren stark verändert, doch vom angelsächsischen System ist diese Mischform noch weit entfernt.

Der Regieassistent unterstützt bei Theater-, Film-, Hörfunk- und Fernsehproduktionen die Arbeit der Regie und ist einer der wichtigsten Mitarbeiter des Regisseurs“, erklärt die Wiki­pedia. Er arbeite eng mit dem Regisseur bei der Vorbereitung einer Produktion zusammen und hat Einfluss auf die künstlerische und technische Umsetzung eines Projekts.“ Der englischsprachige Eintrag zum Schlagwort führt zwar zum 1. AD, klärt aber gleich auf, dass dies etwas völlig anderes sei: Im US-System obliegen die beschriebenen Aufgaben der Regiassistenz dem Assistant to the Director, die Verantwortung des Assistant Director seien aber völlig andere“. Tatsächlich würden beide Begriffe oft verwechselt“ – wen wundert’s?

Nochmal Wikipedia: 1. AD und Unit Production Manager sind die beiden höchsten Positionen below the line“ beim Dreh – und »in diesem strengen Sinne« nicht-kreativ. Der 1. AD ist der wichtigste Kommunikationspartner mit der Produktion und allen Abteilungen,“ erklärt Fahr-Brix. Ich werde sehr früh hinzugezogen und habe mehr Vorbereitungszeit.“ Seine Vorbereitung starte mindestens acht Wochen vor Drehbeginn. Ich empfinde mich als organisatorisches Rückgrat des Regisseurs“, sagt er. Im US-Modell erstellt der AD nämlich nicht nur den Drehplan, sondern ist auch tatsächlich dafür verantwortlich, dass er eingehalten wird. Das AD-Department ist in diesem System eine völlig eigenständige Abteilung mit dem 1. AD als Head of Department mit vielen Mitarbeitern:

2. AD, 3. AD, Crowd AD (beziehungsweise Second Second AD) und jeder mit weiteren Assistenten (sogenannten PA, den Production Assistants), die hier den Einstieg in den Beruf suchen und hoffen, in die höheren Positionen aufzusteigen.

2. AD und Crowd AD seien in Deutschland eine seltene Spezies“, sagt Fahr-Brix, denn die Positionen sind seltener vorgesehen. Als 2. AD hole er sich darum gerne erfahrene Regie­assistenten, als Crowd AD Praktikanten, die sich als PA bewährt haben, und versuche, sie so lange wie möglich zu halten, ehe es sie in höhere Positionen zieht. ­Der 3. AD aber sei kein Praktikant, betont er, sondern ein gestandener Mann mit vielen Jahren Erfahrung. Gewissermaßen ein Set-Aufnahmeleiter mit Komparsenerfahrung.“

Die ist auch nötig. Vereinfacht soll man sich das US-Modell so vorstellen: In der Mitte ist das Set mit den AD, drumherum Location und Unit mit eigener Leitung. Der Location Manager erfüllt in etwa die Aufgaben der Motivaufnahmeleitung, der Unit Manager und seine Assistenten sind für Base Camp, Catering, Aufenthalt, Toiletten und ähnliche Infrastruktur zuständig. ­Außerdem gibt es den Transport Captain, der alle Fahrer koordiniert. Das Set aber wird im Grunde komplett vom AD-Department betreut, bis hin zur Absperrung. Einen Großteil dieser Aufgaben übernimmt hierzulande die Aufnahmeleitung, in den USA obliegt sie dem 3. AD und seinen Assistenten, das dortige System sieht auch keinen 1. Aufnahmeleiter vor.

Im Büro sitzt der 2. AD, erstellt die Dispo und koordiniert die Abteilungen und die Schauspieler. Am Set steht der Crowd AD und kümmert sich um die Komparsen – vom Casting über die Organisation bis zur Inszenierung: Bei ,Babylon Berlin‘ waren durchgehend drei Leute nur für die Komparsen zuständig“, sagt Fahr-Brix.

Das ist im deutschen System selten drin. Was etwa das Casting der Komparsen betrifft, müsse sie sich oft eben auf die Arbeit der Agenturen verlassen, sagt Eplinius: Produktionen fragen einen 1. AD an, wundern sich aber, wenn dann auch der 2. und 3. AD angesprochen werden.“ Es gebe doch schon einen Aufnahmeleiter …

Das Ergebnis sind Mischformen. Doch die seien gar nicht mal schlecht, meint Eplinius. Weil sie den Gegebenheiten und vor allem den deutschen Budgets angepasst seien. Es fehle nur ein Begriff dafür.

Beide Systeme haben ihre Berechtigung, sagt auch Fahr-Brix. Bei größeren Produktionen aber, so seine Erfahrung, stoße das deutsche System an seine Grenzen. Eben darum gebe es in Deutschland Mischformen – weil wir das amerikanische Modell in seiner Reinform a) nicht brauchen und b) nicht bezahlen können.“ Aber die Mischung muss stimmen. Er erlebe immer wieder Produktionen, die dem fremden System nicht vertrauen und trotzdem noch einen Set-Aufnahmeleiter dazu stellen. Und der hat dann schlicht nichts zu tun.“

Die Frage steht im Raum, Steffen Schmidt-Hug, der Filmschaffende als Anwalt vertritt und berät, stellt sie: Wo sieht sich ein 1. AD im Organigramm eines Drehteams? Das meiste klingt doch nach Produktions- statt nach Regieabteilung. In die Künstlersozialkasse würde er damit jedenfalls nicht aufgenommen werden. Der Regieassistent des deutschen Systems hingegen schon. Besser sollte man ohnehin des klassischen europäischen Systems“ sagen, wie es immer noch in den romanischen Ländern praktiziert wird. Da gilt der Regieassistent als erster dramaturgischer Berater des Regisseurs, und wird als künstlerischer Abteilungsleiter im Vorspann genannt.
Tatsächlich befinde sie sich zwischen den Welten, bestätigt Eplinius: Die Regieassistenz sei auch im deutschen System über die Jahre tiefer in die Produktion gerutscht, auf der anderen Seite habe sie aber gar nicht die Verantwortung übers Budget.

Nochmal Schmidt-Hug: Früher wollten Regieassistenten irgendwann mal selbst Regisseur sein – die Assistant Directors im US-System offenbar nicht. Fahr-Brix nickt: Da führt die Karriere zum Line Producer. Man kann aber auch als AD glücklich alt werden. Einige, die ich kenne, sind über 60 und machen einen tollen Job.“

Hierzulande ist es offenbar nicht so rosig. Das Problem sei, wirft ein anderer Zuhörer ein, dass auch heute noch alle weiter aufsteigen“ wollen oder man das zumindest erwarte. Regieassistenz als Zwischenstation zum richtigen Beruf sozusagen …

Dann muss man das Berufsfeld attraktiver positionieren – und besser bezahlen“, entgegnet Schmidt-Hug mit einem kühnen Vergleich: Ein Regieassistent sei so etwas wie der Kanzleramtminister, nicht dessen Sekretär. Und wenn er so wichtig ist und so viel kann – wieso werde er dann von den Produktionen nicht auch so geschätzt? In Großbritannien werde ich ganz anders behandelt“, meldet sich etwa Benedict Hoermann aus dem Publikum. Da kenne man eben den Wert der AD. Wer sich aber in Deutschland eine AD-Abteilung zusammenstellen wolle, habe es nicht leicht: Als Crowd AD gehe immer ein guter Setaufnahmeleiter, der gut mit Komparsen kann, aber schon beim 2. AD werde es schwierig – ­die hole ich immer aus dem Ausland“, sagt Hoermann. Sofern die Produktion mitzieht, oft soll schon für die 2. Regieassistenz ein Praktikant reichen. Es gebe ja nicht einmal eine richtige Ausbildung – bestenfalls einjährige Weiterbildungen an einigen Filmhäusern mit IHK-Abschluss, aber nichts, womit ich nach England gehen könnte.“

Ja, eine strukturierte Ausbild wäre auch dufte gewesen, nickt Fahr-Brix. Ich bin so schnell die Treppe hochgefallen, dass es ein Wunder ist, dass ich mir das Kinn nicht blutig geschlagen habe.“

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