Klimawandel

Auf dem Podium (von links): Birgit Heidsiek, Herausgeberin „Green Film Shooting“; Christian Dosch, Koordination Fairness und Nachhaltigkeit bei Crew United; Ulrike Gote, Moderatorin und Medienssprecherin der bayerischen Grünen; Josef Wollinger, Oberbeleuchter und geschäftsführender Gesellschafter des Rental-Unternehmens 4rent; Sanne Kurz, Kamerafrau und Lehrbeauftragte an der BAF und der HFF München. | Foto © Grüne Fraktion Bayern

Auf dem Podium (von links): Birgit Heidsiek, Herausgeberin „Green Film Shooting“; Christian Dosch, Koordination Fairness und Nachhaltigkeit bei Crew United; Ulrike Gote, Moderatorin und Medienssprecherin der bayerischen Grünen; Josef Wollinger, Oberbeleuchter und geschäftsführender Gesellschafter des Rental-Unternehmens 4rent; Sanne Kurz, Kamerafrau und Lehrbeauftragte an der BAF und der HFF München. | Foto © Grüne Fraktion Bayern

Film und Fernsehen sind die größten Umweltsünder, fand eine Studie der University of California heraus. Die Film- und Fernsehindustrie trage stärker zur Luftverschmutzung in der Region Los Angeles bei als die anderen fünf untersuchten Branchen. Nur die Erdölindustrie war schlimmer. „Man spricht von einer ,Industrie‘, Aber wir Sehen sie nicht als Industrie”, erklärte Mary Nichols, die das Umweltinstitut der Universität leitet. „Wir denken an die kreative Seite, den Film, die Leute, die Schauspieler – wir denken nicht daran, was es braucht, dieses Produkt herzustellen.“

Damals war Arnold Schwarzenegger noch Gouverneur in Kalifornien, die Studie ist zehn Jahre alt, und es hat sich viel getan. Inzwischen haben die Majors in den USA alle ein grünes Pflichtenheft, NBC hat für sein grünes Gewissen sogar eine eigene Website: Green is Universal!

Und hier? Das wollten auch die bayerischen Grünen wissen und stellten mögliche Bedenken gleich in den Titel: „Perfekter Film und ökologisch-soziale Filmproduktion – eine unbezahlbare Utopie?“ Es war die zweite Podiumsdiskussion zur „Nachhaltigkeit in der Filmwirtschaft“ – die erste zwei Wochen zuvor hatte sich um Arbeitsbedingungen und soziale Lage der filmschaffenden gedreht und war teilweise heftig verlaufen. Am Montag voriger Woche ging es um Technik und Umwelt.

Den Filmschaffenden brennt das Thema offenbar weniger auf der Seele. Die Veranstaltung war nicht ganz so stark besucht wie die erste, aber immer noch merklich besser, als zu befürchten war. Hollywood ist weit, den Deutschen Film plagen andere Sorgen … es ist ja auch nicht einfach zu vermitteln, wieso die Polkappen besser noch eine Weile vereist bleiben sollten und andere Probleme dagegen plötzlich nichtig und klein werden.

Zur Einführung hielt Philip Gassmann den Zustand der Filmwelt fest. Der Experte für Grüne Filmproduktion ist seit Februar Nachhaltigkeitsmanager bei der Bavaria. Im Vergleich besetzt Deutschland in seiner Liga keinen guten Platz, doch es gibt auch Hoffnung. Die Bavaria etwa baut den Unternehmenssitz in Geiselgasteig seit vier Jahren zum klimaneutralen Produktionsstandort mit Geothermie und Strom aus Wasserkraft um. Der ökologische Fußabdruck sei inzwischen um 97,5 Prozent gesunken. Das ist zwar eine relative Größenordnung, klingt aber gut. Auch bei den Sendern werde umgedacht, „Grünes Drehen“ soll allmählich zum Kriterium bei der Vergabe von Aufträgen werden. Und im neuen Filmförderungsgesetz wird erstmals die „Berücksichtigung ökologischer Belange“ erwähnt.

Anderswo in Europa sei beim Thema Nachhaltigkeit schon viel mehr im Gange. Die flämische Filmförderung in Belgien etwa setze an Kinofilme „grüne“ Anforderungen, berichtete Birgit Heidsiek, Herausgeberin von „Green Film Shooting“. Sie sieht Deutschland erst am Anfang. „Andererseits: Vor fünf Jahren hätten wir gar nicht hier gesessen.“

Das Thema ist wirklich erst am Anfang. Nicht nur in Deutschland. Heidsiek erzählt den „Green Awards“ in Deauville in der Normandie. Ein Festival für Filme zu Umwelt und Nachhaltigkeit, mit drei Wettbewerben, 14 Kategorien und zahllosen Preisen (bis zu 16 in diesem Jahr). „Alle dort haben ein sehr grünes Mindset.“ Aber begutachtet werden die Filme wie überall nach ihrem Inhalt. Nicht, unter welchen Bedingungen sie entstanden sind. Manchmal sieht man auch durch die grüne Brille den Wald nicht mehr, weil man nur auf die Bäume starrt.

Am Geld soll es jedenfalls nicht liegen. Wer nachhaltig mit seinen Ressourcen umgeht, kann durchaus Kosten sparen. Gassmann zeigte die Alternativen für Transport, Licht und Energieversorgung. Das Problem: Die Technik ist zwar da, aber nicht zu haben. Denn das erforderte von den Geräteverleihern Investitionen, die sie wieder einspielen müssen – aber nicht können. „Verleiher sind das Plankton in der Nahrungskette – ganz unten“, sagte Gassmann in seiner Einführung: Das Geld ist schon weg, bis sie an der Reihe sind. Tatsächlich sind die Preise im Keller, rechnet der Geräteverleiher Josef Wollinger vor: 100 Drehtage galten einst als Faustregel, bis eine Neuanschaffung sich amortisiert hat. Heute seien es 400.

Seltsam. Dabei produziert doch die Mehrheit der deutschen Produzenten „bereits teilweise oder überwiegend auf der Grundlage ökologischer Kriterien.“ Das meldete jedenfalls die Produzentenallianz im Januar als Ergebnis ihrer alljährlichen Mitgliederbefragung, und SPIO-Präsident Alfred Holighaus nannte eine ähnliche Größenordnung im Februar vor dem parlamentarischen Beirat für nachhaltige Entwicklung des Deutschen Bundestags – das Thema ist bereits in der Politik, und die ist in der Pressemitteilung zur Anhörung deutlich: „Filmbranche: In Sachen Nachhaltigkeit muss was passieren.“

Umso wichtiger, dass die Branche sich hier selbst an die Gestaltung macht, meinte Christian Dosch, bei Crew United für die Themen Fairness und Nachhaltigkeit zuständig: An runden Tischen solle die Branche in zwei Jahren die Fragen und Vorschläge sammeln. Denn es geht wohl auch nur gemeinsam: Das Investitionsproblem hat der Verleiher, die Ersparnis hat der Produzent, brachte es Dosch zusammen. „Wie schaffen wir also einen Anreiz?“

Für einen Moment murmelte das Wort „Abwrackprämie“ durch den Raum, doch Ulrike Gote, medienpolitische Sprecherin der Bayerischen Grünen und Moderation der Diskussion, dachte weiter: „Genau hier müssen Förderprogramme ansetzen, um die Branche in die Zukunft zu führen!“

Doch es geht gar nicht so sehr um die Technik, sagte ausgerechnet der Geräteverleiher, sondern um die Einstellung. Wie sieht es denn dann an den Filmschulen aus – ist Nachhaltigkeit ein Thema? Definitiv, meinte Wollinger. An der HFF München offenbar nicht, berichtete dagegen Sanne Kurz, Kamerafrau, Absolventin und und Lehrbeauftragte der Filmschule: Im Curriculum sei es nicht vorgesehen, es gebe kaum Kurse dazu. Sie würde sich ein Pflichtseminar zur ökologisch nachhaltigen Filmproduktion wünschen. Denn wenn bei der neuen Generation der Filmemacher und kein Bewusstsein für das Thema geweckt wird, werde sich weiterhin nichts ändern.

Die Kamerafrau hatte sich schon zum Einstieg mit einer überraschend selbstlosen Ansicht vorgestellt: in US-Produktionen werde sehr vieles mit CGI gemacht, das hier noch gedreht wird. „Ich bin DoP, aber vieles erst gar nicht mehr zu drehen, spart den meisten Strom.“

Die gesamte Diskussion sehen Sie hier.

 

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