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„Für eine gesunde, florierende Genre-Kultur braucht es nicht nur einzelne Bienchen, sondern einen ganzen Schwarm. Einen lebendigen ­Bienenstock, der summt und brummt.“ Paul Andexel (links) und Mark Wachholz machen sich für einen deutschen Genrefilm stark. Und drehen auch selber welche.

„Für eine gesunde, florierende Genre-Kultur braucht es nicht nur einzelne Bienchen, sondern einen ganzen Schwarm. Einen lebendigen ­Bienenstock, der summt und brummt.“ Paul Andexel (links) und Mark Wachholz machen sich für einen deutschen Genrefilm stark. Und drehen auch selber welche. | Foto © Genrenale

Herr Andexel, nächste Woche startet die Berlinale, und in der Stadt prangen knallgelbe Plakate mit einem abgerissenen Bärenkopf. Die Genrenale versteht sich als eine Art Gegenveranstaltung zum großen Festival. Was haben Sie gegen das anspruchsvolle Kino?
Paul Andexel: Die Frage allein eröffnet bereits eines der grundlegenden Probleme, denen wir uns seit der ersten Genrenale stellen: Genrefilmen wohnt immer der Ansatz von Banalität, Abartigkeit und etwas Minderwertigem bei. Ihre Frage impliziert ja, dass Genrefilme nicht anspruchsvoll wären. Aber würden Sie Filmen wie „2001 – Odyssee im Weltall“, „E.T. – Der Außerirdische“ oder „Metropolis“ unterstellen, nicht anspruchsvoll zu sein?
Wir widersprechen mit der Genrenale und unserer Leidenschaft für Genrefilme der eingeübten Trennung von Anspruch und Unterhaltung, E gegen U, der alten Mär von der Hoch- und der Trivialkultur.
Sie sehen da keinen Unterschied?
Paul Andexel: Ich glaube, dass der Unterschied zwischen „anspruchsvollem” und „Unterhaltungskino” komplett ausgedacht ist. Arthouse-Filme, Dramen, Vergangeheitsbewältiungs-Filme, Biopics oder Melodramen folgen genauso etablierten Genremustern. Der deutsche Film besticht leider immer noch sehr stark durch seine realistische Art, fernab jeglicher Fantasie und filmischer Überhöhung. Mir scheint, dass der Begriff „Realismus” immer noch mit dem Begriff „anspruchsvoll” verwechselt wird.

Auf der Berlinale laufen aber nicht mehr anspruchsvolle Filme als bei uns auf der Genrenale. Es laufen dort lediglich andere Filme, die die Welt mehr über Realismus konstruieren, während auf der Genrenale vorrangig die Filmemacher mit ihren Filmen laufen, die die Welt stärker mit Mitteln der Fantasie, Überhöhung und Allegorisierung beschreiben. Beides kann anspruchsvoll, unterhaltsam oder trivial sein. Und wir sehen die Genrenale auch überhaupt nicht als Gegenveranstaltung. Ganz im Gegenteil. Es ist ein, in unseren Augen, notwendiges Aufzeigen von filmischer Vielfalt und dient der Erweiterung des filmischen Horizonts.
Sie vermissen filmische Experimente und klagen, „unsere filmische Fantasie ist seit vielen Jahrzehnten verloren, wir leben in einem Land ohne eigene Filmkultur.” Da werden Ihnen zumindest die Funktionäre der Branche widersprechen. Und Toni Erdmann gibt denen recht. Wieviel Experiment soll denn noch sein?
Mark Wachholz: Ein Film kann nicht für eine ganze Filmkultur stehen, im Gegenteil: Wenn einzelne Filme herausstechen, zeigen sie umso mehr den eigentlichen Stand der Filmkultur. Auch Toni Erdmann bleibt dem Realismus verhaftet, den die Branche seit Jahrzehnten pflegt und aus dem kaum ausgebrochen wird.
Allein schon, dass in einer kreativen Branche von „Funktionären” gesprochen wird, beschreibt den Stand der Dinge gut: Der Deutsche Film wird verwaltet und nach engen, eingefahrenen Regeln produziert. Filmkultur ist eigentlich ein heterogener, von unzähligen individuellen künstlerischen Leistungen bestimmter Prozess, in dem nicht per Verordnung, Satzung, Paragrafen und politischen und religiösen Konsensen Filme entstehen, sondern über den Wunsch nach Ausdruckskraft, dem Sprengen von Grenzen, künstlerischer Reflektion und Vision. Die Vision, das zu denken, was bislang noch nicht gedacht wurde, ist Teil des fantastischen Kinos. Und das fehlt dem Deutschen Film so wie dem Kochtopf das Feuer.
Sie erklären die Genrenale zum „Zentrum einer neuen filmischen Bewegung des Deutschen Films”. Wo findet diese neue Bewegung denn statt – die deutschen Filmemacher haben auf der Berlinale ja sogar eine eigene Reihe?
Paul Andexel: Nur weil ein Festival wie die Berlinale deutschen Filmemachern eine eigene Reihe widmet, bilden diese nicht automatisch eine „Neue Bewegung” ab. Klar bilden sich hin und wieder gewisse Bewegungen heraus, so wie „German Mublecore“ oder „Fogma”. Es gibt aber auch ein Filmemachen außerhalb dieser normierten Festivalreihen. Die Genrenale beteiligt sich aktiv an einer Filmbewegung, die Filme marktorientierter, publikumsorientierter und mit möglichst großer kreativer und filmemacherischer Freiheit machen will. Die die Wahrnehmung beim Publikum für solche Filme aus Deutschland steigern will. Der Deutsche Film hat den Kampf um das Publikum seit Jahrzehnten aufgegeben und hängt am Tropf. Deutsche Festivals, die in Deutschland dem Deutschen Film ein Forum bieten, ändern daran nichts – denn auch sie sind nicht für ein größeres Publikum gedacht. Auf Festivals stehen sich Zuschauer Füße in den Bauch für Filme, die unter normalen marktüblichen Umständen keine 500 Besucher gemacht hätten.
Was machen Sie da anders?
Paul Andexel: Genrenale, Neuer Deutscher Genrefilm und die unabhängigen Genrefilmemacher, die wir gern unterstützen und denen wir mit der Genrenale eine Plattform geben, wollen anspruchsvolle und unterhaltsame Filme wieder für ein großes Publikum machen. Filme, für die man ins Kino gehen will, die man auf großer Leinwand erlebt haben sollte und für die man auch eine Tüte Popcorn dabei hat. Kein Film ist kulturell wertvoll, wenn er nicht auch von einem Publikum gesehen wird. Wir wollen Filme nicht für zukünftige Filmhistoriker machen, sondern mit dem heutigen Publikum in Austausch treten. Deshalb ist uns mit der Genrenale auch der Fokus auf den Zuschauer wichtig. Wir können nicht erwarten, dass nur, weil wir alle Jubeljahre mal einzelne Filme mit Genre-Anleihen machen, der Zuschauer auf einmal ankommt und uns das Geld hinterherwirft, geschweige denn sofort wieder Vertrauen in diese Filme hat. Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten schlicht keine Ansätze verfolgt, dem Zuschauer ansatzweise Genrekino aus Deutschland zu servieren und ihn komplett auf andere Märkte verwiesen.
Wir treten mit der Genrenale nun in kleinen Schritten immer wieder den Beweis an, dass Genrekino aus Deutschland Qualität und Wertigkeit haben kann. Uns ist aber auch bewusst, dass wir uns mit amerikanischen Produktionen nicht messen brauchen. Was aber die Spanier, Skandinavier und Asiaten auch nicht können und trotzdem Genrekino vorantreiben, neu denken und weiterentwickeln. Nur wir Deutschen sind wieder der Meinung, dass wir es nicht versuchen müssen, weil wir eh nicht mit den Budgets der Hollywood-Maschine mithalten können. Und das hindert uns daran, selbst den kreativen Köpfen eine Plattform zu geben, die gewillt wären, eben solche Grenzen und Themen neu zu denken.
Als Referenz führen Sie ausgerechnet die Klassiker der Stummfilmzeit an. Filme wie „Metropolis“ oder „Das Cabinet des Dr. Caligari“ hätten das Genre erst erfunden. Der erste war ein Kassenflop, der zweite ist heute ein Kritikerliebling, aber das damalige Publikum zog doch ganz andere Titel vor?
Paul Andexel: Teils, teils. „Metropolis“ war damals ein riesiger Flop und seiner Zeit sicherlich weit voraus. Trotzdem arbeiten sich heute Filmstudenten und Historiker an dem Film ab, der Film ist ein Meilenstein der Filmgeschichte und Wegbereiter des Science-Fiction-Kinos, wie wir es heute kennen. Zuschauer stellen sich in Eiseskälte im Februar vor das Brandenburger Tor, um den Film in restaurierter Fassung zu sehen.
„Das Cabinet des Dr. Caligari“ war dagegen ein Publikumserfolg, gerade auch im Ausland wie in den USA und Frankreich. Er gab dem Wahnsinn nach dem Ersten Weltkrieg ein Gesicht, einen sichtbaren Ausdruck. „German Expressionism” wurde zu einer Genrebezeichung für einfach alle Filme jener Zeit, die aus Deutschland kamen. Er inspirierte unzählige Filme und Filmemacher, steht am Beginn eines ganzen Genres. Wie eben auch „Metropolis“. Der Unterschied ist, dass diese Filme nicht nur in Kritikerkreisen Bedeutung haben, sondern Grundsteine jener heutigen Filme sind, die Filmemacher und Publikum begeistern.
Das Gleiche gilt für Dutzende weitere Filme der Weimarer Phantastik – egal, ob sie floppten oder nicht. Murnaus „Nosferatu“ (Horror) wollte damals niemand sehen. Fritz Langs „Dr. Mabuse“ (Psychothriller), „Die Nibelungen“ (Fantasy) und „Spione“ (Agentenhriller) waren dagegen riesige Publikumserfolge. Die ikonische Stilisierung und cinematische Kraft, die in diesen Filmen steckt, schafft heute kein deutscher Film mehr. Wann hat das letzte Mal ein deutscher Film spürbaren Einfluss auf die Filmgeschichte gehabt? Wann stand das letzte Mal ein deutscher Film am Beginn einer neuer Ära von Filmemachen?
Was ist danach schiefgelaufen?
Mark Wachholz: Kurz gefasst kann man sagen, dass der Deutsche Film in der Zeit des Nationalsozialismus seine Stärken, sofern er sie nicht durch die Emigration unzähliger jüdischer Filmemacher und Gleichgesinnter verlor, für ein durch und durch auf Propaganda getrimmtes staatliches Filmsystem missbrauchte. Gleichzeitig wurden fantastische Genres wie Horror, Fantasy und Science-Fiction gestrichen, weil sie Goebbels und Co. als zu subversiv galten. So sehr das nationalsozialistische Kino die filmische Manipulation perfektionierte, so sehr wussten sie auch, dass gerade nicht-realistische, stark allegorische Genres die Kraft haben, unterschwellig kritische Botschaften zu transportieren.
Nach dem Ende des Kriegs kann man von einer totalen Entleerung cinematischer Kraft im deutschen Film sprechen. Es lag ein Stigma auf der verführerischen, ikonisierenden, unterhaltenden Kraft filmischen Erzählens. Gleichzeitig war Erfahrung und Interesse an fantastischen Stoffen verloren gegangen – gegen die Schrecken des Kriegs mussten allegorische und erst recht unterhaltsame Stoffe versagen. Den einzigen Ausweg fand man in totalem Eskapismuskino in Form des Heimatfilms, in der die heile, patriarchalisch geordnete Welt auf dem Land Millionen Zuschauer in die Kinos zog. Es war in gewisser Weise die Fortführung der eskapistischen Nazifilme in neuem Gewand. Die Erzähltradition des Heimatfilms hat sich bis heute wie ein Virus im gesamten deutschen Film und Fernsehen festgesetzt.
Als sich das zumindest nicht auf der Oberfläche um Ver- und Aufarbeitung bemühende Unterhaltungskino der 50er und 60er Jahre auch im Genrebereich wieder weiter vorwagte und an international erfolgreiche Erzählformen versuchte anzuknüpfen, machten ihm die Kritik des Jungen Deutschen Films, die Kinokrise der späten 60er und 70er sowie die Flucht nach vorn in die Filmförderung den Garaus. Letzte dystopische, progressive Zuckungen in den 80ern versandeten dann in einem filmgeförderten Konsenskino, in dem der ewige Spalt zwischen Hochkultur und Popkultur durch Komödien auf der einen und „anspruchsvollem” Arthouse-Kino auf der anderen Seite mit jeweils kleinstmöglichem gemeinsamen Nenner überbrückt wurde.
Aber es gab in Papas Kino doch auch gelungene Beispiele fürs Genre? Und die US-Produktionen waren nach heutigen Sehstandards auch nicht durchweg gelungen?
Mark Wachholz: Gelungene Einzelbeispiele wird man immer finden – und die Masse von Filmen ist immer schlechter und gewöhnlicher als ihre Epigonen. Aber die Frage nach Qualität hat auch viel damit zu tun, wie ikonisch und stilbildend ein Film oder eine ganze Strömung von Filmen ist. Insgesamt haben amerikanische, französische, italienische oder japanische Filme der 50er und 60er Jahre viel, viel mehr Filmemacher inspiriert und sich damit wegweisend und stilbildend in die Filmgeschichte eingeschrieben.
Auf der anderen Seite ist aber auch die deutsche Filmgeschichte in dieser Hinsicht noch ziemlich unerschlossen. Die meisten Genrefilme der letzten 60 Jahre sind entweder obskur oder gelten als zu trivial. Da ließe sich noch sehr viel entdecken. Auch das ist Zeichen einer fehlenden Filmkultur – dass es keine kulturwissenschaftliche Erschließung popkultureller Unterhaltungsfilme gibt. Dass „Winnetou“ den Italo-Western und die Edgar-Wallace-Filme den italienischen Giallo mit hervorgebracht haben, ist dabei nur die Spitze des Eisbergs.
Auch der Junge Deutsche Film hat sich immer wieder am Genre versucht. Werner Herzog mit „Nosferatu“, Rainer Erler mit „Fleisch“… wieso lief das nicht? Amerikanische oder französische Werke dieser Zeit hatten es besser – auch in Deutschland.
Mark Wachholz: Der junge Deutsche Film war zum Teil extrem von klassischen amerikanischen und französischen Genres beeinflusst – aber hat eben gegen den Unterhaltungswert von Film an sich agiert. Gerade am Anfang haben Professionalität und Geld auch nicht ausgereicht, um ernstzunehmende Filme zu drehen, von notwendigen Stilisierungen und Affekt-Produktionen ganz zu schweigen. Fassbinders „Liebe ist kälter als der Tod“ (1969) beispielsweise entleert als Versuch der Nachahmung von Godards Gangster-Entleerung „Außer Atem“ (1960) komplett sämtlichen Reiz an Genre und ist nur noch Anti-Kino, das aber dennoch fast manisch Genrefilme und -filmemacher wahllos zitiert, ohne aber deren Erzähl- und Unterhaltungswert übernehmen oder auch nur abbilden zu wollen. Das Meiste muss man aus heutiger Sicht als rebellisches Amateurkino bezeichnen, dem es gelang, gesellschaftliche Verwerfungen und politische Blindheit aufzudecken, aber kaum, ein größeres Publikum zu gewinnen – zumal die Nutznießer der vom Jungen Deutschen Film erkämpften Filmförderung eben weniger diese Filmemacher wurden, sondern die großen, damals kriselnden Produktionsfirmen.
Paul Andexel: „Fleisch“ (1979) und andere Produktionen sind ja nochmal eine ganz andere Zeit – nämlich die große Zeit der Genre-Produktionen im Fernsehen der 70er-Jahre. Ob Tom Toelles „Millionenspiel“ (1970), Wolfgang Petersens „Smog“ (1973), Rainer Werner Fassbinders „Welt am Draht“ (1973) oder eben Rainer Erlers Filme wie Fleisch (1979) – das waren meist hochkontroverse, extrem progressive Filme mit hohem Zuschauer-Impact, den man sich für heutige deutsche Genre-Filme nur wünschen könnte.
Was den Filmen fehlte, war eine ihren Themen entsprechende Ausstattung und Ausgestaltung ihrer Welt, die sich das Fernsehen damals nicht leistete. Aber große Publikumserfolge waren das trotzdem. Gleichzeitig stehen sie aber auch schon für den größten Umbruch im deutschen Film, der zu dieser Zeit begann, komplett vom deutschen Fernsehen kannibalisiert zu werden.
An den Filmemachern kann’s wohl nicht liegen: Carl Schenkel, Wolfgang Petersen, Roland Emmerich und andere gingen nach Hollywood, nachdem sie sich in Deutschland am Genre versucht hatten, beim Jüngeren Deutschen Film Robert Schwentke und andere haben es Ihnen in diesem Jahrtausend nachgemacht. Und alle sind oder waren dort erfolgreicher als hier.
Paul Andexel: Ja. Sie sind nach Hollywood gegangen, weil der Deutsche Film spätestens ab den späten 80er Jahren keinerlei Möglichkeit bot, aufwendige, fantastische Filme zu drehen. Fragen Sie doch einmal Roland Emmerich oder Wolfgang Petersen, warum sie Deutschland den Rücken gekehrt haben. Weil ihren übergroßen Ideen und ihrer Fantasie wenig Platz und Ak­zeptanz entgegengebracht wurde, auch aus dem Bereich der Filmkritik. Da schwang immer die grundsätzliche Frage von Unterhaltung gegen Anspruch mit. Nur wenige, wie Bernd Eichinger oder auch Stefan Arndt mit Cloud Atlas, versuchten immer wieder, auch aus Deutschland heraus Filme in diesem Ausmaß zu realisieren. Teilweise scheiterten sie kläglich und wurden dafür meist auch aus der Branche immer wieder nur mit einem müden Lächeln bedacht.
Amerika hat es wieder mal besser?
Paul Andexel: Natürlich hat Hollywood weltweit eine Sonderstellung und kann mit den dort vorhandenen Budgets aus allen Ländern die besten oder gerade angesagtesten Regisseure anlocken. Das ist aber nicht das Problem. Das Problem ist, dass Deutschland im Gegensatz zu vielen anderen Filmnationen keine eigene vitale Filmkultur hat, die es erlaubt, dass sowohl gute Regisseure nach Hollywood gehen als auch zur selben Zeit genug Aufsehen erregende, erfolgreiche Filme hier entstehen.
In Deutschland ist es doch das höchste Maß, wenn ein Regisseur einen Tatort drehen kann. Das Erste, was Baran Bo Odar nach seinem Erfolg „Who Am I“ machte, war der Sprung über den großen Teich. Christian Alvart, als ein weiteres Beispiel, berichtete uns einmal davon, dass sich in Deutschland jahrelang niemand aus den Sendeanstalten um die neuen, jungen Talente kümmerte. Während in Hollywood die Filme am Startwochenende geschaut werden, um Montagmorgen mitreden und langfristig junge Talente anlocken zu können, wurden jahrelang in Deutschland diese Talente erst entdeckt, als der Film dann endlich mal im Fernsehen zu sehen war.
Deutschland hat eine rege Krimiszene, auch das Fernsehprogramm zeigt reichlich Mord und Totschlag. Gerade lief der 1000. „Tatort“ – die Krimireihe ist immer noch sowas wie ein Straßenfeger. Nur ins Kino will der Deutschen liebstes Genre nicht finden.
Mark Wachholz: Krimi ist ein reines Konsensformat mit hohem Betäubungsfaktor. „Mord und Totschlag” sind ja keine Werte an sich, sondern was ein Film, wenn dann, dazu zu erzählen hat. Zehn Euro oder mehr für eine Kinokarte zu lösen, um einen Film zu sehen, in dem am Anfang ein Mord geschieht und es lediglich darum geht, zwischen drei oder vier Verdächtigen den Schuldigen durch Verhöre und wahllos plazierte Spuren zu finden, ist nichts, was einen Kinozuschauer heutzutage noch reizt.
In einer Zeit, in der jeder extrem aufwendige amerikanische Film schon Schwierigkeiten hat, eine ausreichend große Zahl von Zuschauern zu finden, sind deutsche Film- und Fernsehproduktionen halt so weit von einem Zuschauer-Appeal entfernt wie Tatooine vom Zentrum der Galaxie.
Selbst ein Publikumsmagnet wie Til Schweiger wirkt nur, wenn er sich zum Kasper macht. Als Actionheld wollen ihn seine Fans nicht sehen – obwohl „Schutzengel“ etwa nicht schlechter war als viele US-Genrekost auch.
Paul Andexel: Darüber ließe sich trefflich diskutieren, warum Til Schweiger im Kino nur bedingt funktioniert und wo die Fehler seiner Filme liegen mögen. Aber nur weil jemand ein Maschinengewehr in die Hand nimmt, zwei blutige Kratzer im Gesicht hat und gute Punchlines bringt, sind wir nicht automatisch in „Stirb langsam“. Wir sollten von der Haltung wegkommen, Genrefilme seien lediglich pure Unterhaltung oder Action. Ein Action-Klassiker wie „Stirb langsam“ besticht durch eine darunterliegende thematische Komplexität, die die Figuren glaubwürdig und nahbar erscheinen lässt. Es zählt immer noch in allen Fällen die Geschichte und die Glaubwürdigkeit der Figuren und nicht nur der reine Umfang des Pistolenmagazins.
Modernes Actionkino ist eben nicht mehr einfach wahllose Schießereien und flotte Sprüche mit Familienbildern der 50er-Jahre. Gerade die Risiko-Absicherung durch die Filmförderung könnte deutschen Filmemachern dabei helfen, Genres zu sprengen und weiterzuentwickeln. In der Theorie. In der Praxis haben wir aber im Gegenteil ein Gemütlichskeitskino, das damit zufrieden ist, oberflächlich Standards nachzuahmen, die schon vor 20 Jahren nicht mehr „state of the art“ waren.
Aber ist nicht vielleicht die ganze Sorge schon wieder unnötig? Deutsche Produzenten wagen sich doch schon seit einiger Zeit ins Genre, zum Teil mit ziemlichen Schauwerten: „Krabat“, „Wir sind die Nacht“, „Der Medicus“ oder zuletzt „Who Am I“?
Paul Andexel: Das ist wohl wahr. Die großen Vorreiter sind hier immer wieder Christian Becker mit der Rat Pack, Thomas Wöbke mit der Berghaus Wöbke oder auch Wiedemann & Berg. Aber für eine gesunde, florierende Genre-Kultur braucht es nicht nur einzelne Bienchen, sondern einen ganzen Schwarm. Einen lebendigen Bienenstock, der summt und brummt. Mit Entdeckern und Kundschaftern genauso wie mit fleißigen Arbeitsbienen und reichlich Honigproduktion. Die genannten Filme sind absolute Ausnahmen, und die allermeisten davon haben nicht nur nicht ihr Geld eingespielt, sondern sind zum Teil auch extrem gefloppt.
Warum?
Paul Andexel: Das Problem ist doch, dass es zwar diese vereinzelten Beispiele gibt, die dann alle paar Jahre mal auftauchen, dann aber bescheiden bis miserabel laufen und das dann als Beweis genommen wird, dass Genre aus Deutschland nicht funktioniert. Aber wie sollen wir denn eine Filmkultur etablieren und neu denken, wenn es nicht die Möglichkeit gibt, auch mal zu versagen und zu erkennen, dass der eingeschlagene Weg vielleicht nicht der richtige war? Zu Scheitern ist ja leider eine Angelegenheit, die man in Deutschland nicht erleben darf.
Aber dass man aus dem Scheitern die besten Erkenntnisse ziehen kann, scheint irgendwie noch nicht angekommen zu sein. Man sitzt mit Produzenten in Besprechungen und hört auf den Vorschlag eines Sportfilms nur: „Das hat noch nie funktioniert, brauchen wir gar nicht zu versuchen.” Anstatt zu hinterfragen, warum etwas nicht funktionierte, um daraus die Lehren zu ziehen, wird von vornherein auf stur geschaltet und abgeblockt. Mit dieser Haltung kann weder eine Genrekultur neu entfacht noch Antworten gefunden werden, was deutsches Genrekino kann und darf und was es eher sein lassen sollte.
Auf der anderen Seite beschwert sich aber keiner, wenn ein Betroffenheitsdrama mit der krebskranken Mutter und einem depressiven Ende zwar Fördergeld mitnimmt beziehungsweise zum größtmöglichen Umfang damit ausgestattet ist, an der Kinokasse dann aber bescheiden abschneidet. Da zählt dann wieder die gesellschaftliche Relevanz und das wird bei Auszeichnungen und entsprechenden Festivals in Deutschland rauf und runter gespielt und mit Preisen überhäuft, dass keiner mehr darunter atmen kann. Sie verzeihen meine etwas überspitzte Formulierung.
Es geht uns eben nicht nur um die reine Anwesenheit von einigen Beispielen. Damit kann man sich nicht zufrieden geben. Es geht um künstlerisch und kommerziell erfolgreiche Filme, über deren Action man staunt, deren emotionaler Tiefe einen mitreißt und deren Neuartigkeit und visionärer Kraft beeindruckt. Wenn Sie also fragen, was den deutschen Genrefilm und damit das deutsche Kino nach vorne bringen kann, dann ist die Antwort: Machen. Machen. Machen. Scheitern. Daraus lernen. Neu Denken. Machen. Und Qualitätsstandards in möglichst allen Aspekten, die weit über den Konsens hinausgehen, mit dem sich der deutsche Film seit Jahrzehnten zufrieden gibt.
Ich sprach einmal, es war ziemlich am Anfang der Genrenale, mit Christian Petzold. Er warf uns vor, dass wir ja immer nur irgendwelchen amerikanischen Vorbildern nacheifern würden, statt uns damit zu beschäftigen, was für deutsche Genrethemen denn glaubhaft sein können. Da gebe ich ihm ja grundsätzlich auch irgendwie recht, vor allem, was das Denken von deutschen Themen angeht. Ich meinte dann aber auch zu ihm, dass wir in der Zeit, in der ich aufwuchs und filmisch geprägt wurde, auch nichts anderes als das amerikanische Hollywood-Kino hatten, von dem wir hätten lernen und uns hätten begeistern können. Außerdem ist das Sich-Inspirieren-Lassen und Aufgreifen von bestehenden Dingen nichts Verwerfliches und hat in der Filmgeschichte durchaus häufiger stattgefunden.
Wie wollen Sie das Leiden des Genres ändern?
Paul Andexel: Wir tun bereits einiges dafür. Seit nunmehr fünf Jahren. Mit purer Leidenschaft für das Thema, ohne große finanzielle Ausstattung und viel eigenem Engagement in abendlichen Stunden, wenn die Familie schon tief und fest schläft. Ein wichtiger Aspekt ist zum ­Beispiel der, dass wir diese Filme, ihre Macharten und deren Gesichter dahinter, sichtbar machen.
Es gab bisher nirgendwo die Möglichkeit, ausschließlich deutsche Genrefilme zu sehen. Und dann auch noch Genrefilme, die eine so hohe Qualität aufweisen. Von Filmemachern, die so wie wir auf Genrefilme jeglicher Art stehen und bei uns auf der Genrenale ein authentisches Zuhause finden, gehört, gesehen und respektiert werden. Auf anderen Festivals sind sie so gut wie nie vertreten und werden dann mitunter sogar noch von Anwesenden derart fertig- und kleingemacht, dass man sich als Filmemacher selber als Enfant terrible fühlt.
Ich erlebte in Hof 2012 bei der Premiere meines Stephen-King-Psychothrillers „You Missed Sonja“ die Frage eines älteren Herren, wie „krank man denn sein müsse, solche Filme zu machen und ob als nächstes Kinderpornografie von uns käme”. Das haut einem die Beine weg und man fragt sich im nachhinein schon, wo das Problem liegt. Vor allem weil direkt nach unserem Film ein Vier-Frauen-Drama mit stark erotischer Komponente lief und mir klar war, warum dieser ältere Herr in diesem Filmblock saß. Mir geht es ja gar nicht darum, dass wir nur noch Splatter und Horror haben. Uns geht es mit der Genrenale um die filmische Vielfalt. Ich bin selber kein großer Horrorfan, meide dieses Genre sogar weitestgehend. Man kann uns also nicht den Vorwurf machen, dass wir „nur noch Horrorfilme aus Deutschland sehen wollen”. Wobei gut gemachtes Horror durchaus reizvoll und wirtschaftlich durchaus interessant ist. Schauen Sie sich alleine mal an, was Blumhouse in den USA in den vergangenen Jahren getrieben und groß gemacht hat.
Außerdem muss es uns darum gehen, neue Wege zu etablieren. Schauen Sie sich an, was in den vergangenen Jahren alles für Genre-Filme in Independent-Produktionen fernab der üblichen Wege entstanden ist. „Der Nachtmahr“ kostete 80.000 Euro und wurde in 15-jähriger Arbeit vom Regisseur Akiz erdacht und vorangetrieben. Überall auf der Welt wird dieser Film auf entsprechenden Festivals rauf und runter gespielt, gefeiert und ausgezeichnet, wird im Filmmuseum in Frankfurt ausgestellt und ist damit auch irgendwie existentieller Bestandteil unseres filmischen Erbes. Ich finde das toll!
Ein Film wie Till Kleinerts „Der Samurai“ lief zwar auf der Berlinale in der Perspektive, entstand aber auch nur durch die reine Leidenschaft der Filmemacher und deren Hartnäckigkeit, am Ende ohne einen Sender den Film durchzuziehen. Unser diesjähriger Eröffnungsfilm „Immigration Game“ von unserem Genrenale-Programmleiter Krystof Zlatnik entstand auch aus eben jener Trotzigkeit heraus, einfach einen Film zu machen, ohne dass irgendwie Gremien und Entscheider reinreden, die tendenziell nur auf irgendwelche Sendeplätze oder Kennzahlen schielen.
Was kann das Genre besser als konventionelle Arthouse-Dramen?
Paul Andexel: Filme wie diese genannten stellen sich dann auch Themen, die man sich teilweise nicht wagt anzufassen. „Immigration Game“ beschäftigt sich zum Beispiel sehr extrem mit der aktuellen Flüchtlingsdebatte, verortet sie in einer nahen deutschen Zukunft und kombiniert sie mit einer Menschenjagd, ähnlich wie im „Millionenspiel“.
Kein anderes Festival in Deutschland, auch wenn es noch so die vermeintliche Fahne für das deutsche Genrekino hochhält, hat sich bisher getraut, diesen Film zu zeigen, warum auch immer. Klar merkt man all diesen Filmen auch ihre künstlerischen Grenzen an und kann sicherlich über einige filmische Entscheidungen diskutieren. Diese Filme wurden aber alle für unter 100.000 Euro gemacht. Da stößt man zwangsläufig an Grenzen.
Und mit diesen Filmen hat keiner irgendwelches Geld verdient. Das sind von Leidenschaft durchzogene Filmemacher, die eine Geschichte zu erzählen haben. Aber geben sie diesen Wilden doch mal das fünffache an Budget. Sie werden sich umgucken, was für Potential dort schlummert, von dem die meisten da draußen absolut keine Ahnung haben. Wir machen diese zumindest ansatzweise sichtbar.
Gibt es dafür noch mehr Ansätze als die Vorführung auf dem Festival?
Paul Andexel: Wir haben in unserer Neuer-Deutscher-Genrefilm-Gruppe einen Logline-Wettbewerb gestartet und von einzelnen Hollywood-Autoren bewerten lassen. Es ist unfassbar, was für kreative Stoffe in den Köpfen der Filmemacher steckt – davon ist vom nahezu unermesslichen Filmausstoß in Deutschland absolut nichts zu spüren. Wir sind froh, mit Arri einen Partner gefunden zu haben, der sich mit dem „Arri Genre Pitch” für das Thema Genre stark macht und offen nach konkreten Genrestoffen sucht und dieses Thema weiter pusht und zu uns steht.
Es werden mehr als 200 Filme pro Jahr gemacht – was wäre, wenn davon auch nur 50 neuartige, spannende, kontroverse, ungewöhnliche, innovative, grenzensprengende Filme wären? Weniger Zuschauer als in einem Nicht-Til-Schweiger-Jahr können deutsche Filme eh nicht haben – also könnten doch auch ganz andere Filme gemacht werden mit mehr Potential, filmischen Erzählen, Kino-Unterhaltung und entsprechendem Zeitgeist.

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