FFG 2022 – Stellungnahmen 7: Deutsche Filmakademie 

Schlecht gemacht und am Publikum vorbei! So harsch urteilt die Deutsche Filmakademie über den deutsche Filme. Schuld habe das ­gegenwärtige Fördersystem. | Foto © Foto: Deutsche Filmakademie, Franziska Krug

Schlecht gemacht und am Publikum vorbei! So harsch urteilt die Deutsche Filmakademie über den deutsche Filme. Schuld habe das ­gegenwärtige Fördersystem. | Foto © Deutsche Filmakademie, Franziska Krug

„Alle vier Jahre gibt es eine Fußballweltmeisterschaft, jedes Jahr einen Sommer, jede Woche zwei neue Netflix-Serien – und die Filmbranche trifft sich alle vier bis fünf Jahre zur FFG-Novelle.“ So richtig glaubt man bei der Deutschen Filmakademie wohl nicht an Besserung. Zumindest nicht durch das FFG. Nun wird es also im „52. Jahr zum 13. Mal“ überarbeitet, derweil „nicht davon auszugehen“ sei, „dass sich die Situation des deutschen Kinos und des deutschen Kinofilms fundamental verbessern wird.“

Derart fatalistisch beginnt die Deutsche Filmakademie ihre Stellungnahme zur Novellierung des Filmförderungsgesetzes (FFG), das 2022 in Kraft treten soll. Vier Punkte macht sie als Problem aus und beginnt gleich mit einem Paukenschlag: 

1. Viele deutsche Kinofilme hätten „eine häufig zu niedrige Qualität“ und „fehlende Publikumsaffinität“ (übersetzt: sie sind schlecht gemacht und uninteressant). 

Nanu! Streut sich da gerade jemand Asche aufs Haupt? Schließlich stellen doch die Sektionen Drehbuch, Regie und besonders Produktion den größten Teil der Akademie-Mitglieder. Doch von Ideenlosigkeit oder fehlendem Wagemut ist hier nicht die Rede. Das Problem hat für die Filmakademie allein einen betriebswirtschaftlichen Grund: „Viele interessante deutsche Kinofilmprojekte sind zum Zeitpunkt der Finanzierung unterentwickelt und gehen unterfinanziert in die Produktion.“

Also sind nur die Produzent*innen schuld? „Von einem Filmproduzenten spricht man, wenn er die wirtschaftliche und technische Verantwortung für die Produktion trägt, ihre Durchführung organisiert und sie inhaltlich beeinflusst“, erklärt die Wikipedia. 

Aber nein, auch sie können in der Erklärkette der Filmakademie auch nichts dafür, denn …

2. … viele „mittelständische und kleine Produktionsfirmen“ nehmen durch die Kinoauswertung eines Films nicht genug ein und versuchen deshalb, die Zahl ihrer Produktionen zu steigern.

3. Doch nicht nur die Produktionsbudgets sind zu niedrig, sondern auch die für die Herausbringung. Folge: Die Filme wecken nicht genügend Aufmerksamkeit, Zuschauer bleiben aus (siehe Punkt 2) …

4. Im Kino müssen sich diese „unterbudgetierten und zu gering beworbenen Filme“ gleich am ersten Wochenende bewähren (an dem natürlich auch Blockbuster laufen).

Das ist korrekt und werde „von allen Branchenteilnehmern erkannt“, schreibt die Filmaka­demie, und schiebt der Problemdarstellung nach: „Das FFG, welches in erster Linie die Einnahmen und Ausgaben der FFA behandelt, kann nur im Rahmen der bestehenden finanziellen Möglichkeiten der FFA auf diese Probleme reagieren.“ Angesichts von Kino- und Videokrise seien die Gestaltungsmöglichkeiten eingeschränkt, „können auch im Rahmen der Novelle des FFG nur sehr beschränkte Vorschläge gemacht werden.“

Andererseits ist die Deutsche Filmakademie mit fast 2.000 Mitgliedern der „größte Zusammenschluss von Filmschaffenden in Deutschland“ und „Think Tank“ der Branche (schrieb sie selbst 2015 in der Stellungnahme zum aktuellen FFG). Wer also, wenn nicht sie, sollte versuchen, über die Beschränkungen hinauszublicken – wie es vielleicht weitergehen könnte, wenn es so nicht mehr weitergehen kann. 

Auf einem Markt, „in dem fast ausschließlich kommerzielle Kriterien darüber entscheiden, ob einem Film Erfolg zugetraut wird oder nicht, wird er auch gemäß dieser Kriterien mit dementsprechenden Herausbringungsbudgets und Kinoslots bedacht. Davon profitieren die von Anfang an ›kommerziell‹ gedachten und geförderten Filme.“ Währenddessen gehe der Zuschaueranteil der Hollywood-Produktionen stärker zurück als bei europäischen, „der deutsche und der europäische Film wird deshalb für die Auslastung der deutschen Kinos immer wichtiger.“  

Doch das Kino selbst ist in Gefahr, die Deutschen, schon lange Kinomuffel, nutzen lieber andere Medien. Das neue Soforthilfeprogramm für Kinos im ländlichen Raum der Bundesregierung sei ein „richtiger Schritt“, es müsse aber „massiv“ ausgeweitet werden. Zudem sei ein weiteres Programm für Verleiher nötig, die geförderte Filme herausbringen. Beide Programme, am besten nach dem Automatismus des DFFF gestaltet, könnten „an bestimmte Interessen“ geknüpft werden – eine Quote für deutsche und europäische Filme etwa oder für bestimmte Genres. 

Dem Kino als solchem gilt die große Sorge der Filmakademie – da ist sie eins mit vielen anderen, die Stellung genommen haben: Über eine halbe Seite (von viereinhalb) beschwört die Filmakademie das Bild vom sozialen und kulturellen Begegnungsort der Filmbildung, von einer analogen Insel „inmitten des digitalen Tsunamis an Bewegtbildangeboten.“

Darum sei ein „deutliches Engagement“ der Förderer in Bund und Ländern gefragt: Mehr Geld für Kino und Verleih (wie es auch die AG Kino fordert), mehr Referenzförderung bei der Produktion und mehr. Allerdings, schiebt die Filmakademie nach, lasse sich das „nicht umsetzen, wenn nicht genügend Mittel in der FFA vorhanden sind.“ Schon bei der vorigen Novelle seien solche Verbesserungen in der FFA-Expertenkommission angedacht worden. Sollte die Politik aber mitziehen, könne „die FFA wieder eine Schlagkraft entwickeln“ und „die Dienstleistungsangebote für die gesamte Kino- und Kinofilmbranche weiterentwickeln.“ 

Ach ja: Die Fernsehsender, öffentlich-rechtliche wie private, müssten auch mehr in die FFA einzahlen, heißt es anderer Stelle. Ihr Beitrag läge weit unter dem der Sender in „vergleichbaren Filmnationen“. Das „trägt mit zur Schwäche des deutschen Films bei.“

Sollte jedoch alles beim Alten bleiben, dass die FFA „trotz sinkender Einnahmen den gesamten bisherigen Förderkatalog zu erfüllen hat“, befürchtet die Filmakademie, dass die Förderungspraxis kaum noch einen Einfluss auf die Gesamtproduktion in Deutschland nehmen kann. „Damit wäre der Sinn und Zweck von FFG und FFA stark in Frage gestellt.“

Zwei Szenarien und einige sinnvolle Vorschläge. Doch von einem „Think Tank“ dürfte man mehr erwarten. Die Diskussion um Inhalte, den Einfluss des Fernsehens auf Produktion und Gestaltung, überhaupt das ganze kreative Gedöns wird nicht mal angedeutet von der Filmakademie, die sich doch als größte Filmschaffenden-Vereinigung versteht, ja eben diese Aspekte verkörpert. Stattdessen geht’s in der Stellungnahme vornehmlich um Markt und Zahlen. Was es mit der „fehlenden Publikumsaffinität“ auf sich hat, wäre doch vielleicht auch eine Frage, ehe man an die Vermarktung geht. Vermarkter wissen sowas.

Die Filmakademie erklärt ihre Stellungnahme nur als ersten Teil, konkrete Vorschläge für die FFG Novelle sollen in einer zweiten nachgereicht werden. Doch es ist dieser erste Teil, die „allgemeineren Betrachtungen“, in denen die Verbände und Institutionen ihre Perspektive, Probleme und Visionen darstellen. Umso wichtiger ist somit das, was die Filmakademie nicht schreibt: 

Die Genderfrage ist offenbar durch. Bei der vorigen Novelle setzte sich die Filmakademie noch für die gleichmäßige Besetzung der FFA-Gremien nach Geschlechtern ein. Das Thema ist abgehakt, mehr fällt ihr zu dem, was in der Branche diskutiert wird, nicht ein.

Da ist auch nicht zu erwarten, dass ihr die sonstige Situation der Filmschaffenden wichtig sei. Das war sie schon bei der vorigen Novelle nicht. Dennoch steht seit 2017 im FFG, dass die FFA auf sozialverträgliche Produktionsbedingungen hinwirken solle. Das hat sie zwar nicht getan, doch da könnte man ja vielleicht mal nachhaken, wenn man eh schon der „größte Zusammenschluss von Filmschaffenden in Deutschland“ ist. 

Die ganze Branche klagt seit einem Jahr öffentlich über einen Mangel an Fachkräften! Thema für den „Think Tank“ Deutsche Filmakademie? Zum Beispiel über Aus- und Weiterbildung nachzudenken, gar ein Gesamtkonzept anzuregen? Nö. Da fiel zum Beispiel der Münchner Filmwerkstatt mehr ein.  

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